Kitabı oku: «Die Blondjäger»

Yazı tipi:

Hans Leip
Die Blondjäger

Ein Roman von Negern, weißen Mädchen, Gentlemen und Halunken

Saga

Erster teil

Huck auf, huck auf,

ja, was schad’t denn das?

Der Morgenwind, er bügelt uns die Segelschuh.

Die Sterngespickte,

ja, was schad’t denn das?

Die Sternenflagge deckt uns wie der Himmel zu.

Weit hinter Donnerstag

blüht ein kleiner Marmelbusch.

Da kommt mein Baby jeden Tag.

Da singt der Vogel Husch.

I

Es war noch auf freier See, das Wetter gut und lustig. Da erschnappte die „Merryland“ einen Funkspruch, die Vereinigten Staaten hätten den Krieg erklärt. Das war alles und genug. Die Sache mit Europa — mehr nicht.

Die Mannschaft schrie Joho. Die Offiziere streckten teils die Brust heraus, teils kratzten sie sich hinter den Ohren. Manches würde sich ändern. Der Kapitän betrank sich.

Immerhin, auf dem Kalender stand Karfreitag.

Den frühen Morgen darauf machte die „Merryland“ am Hobokenpier fest. Sie war ein Frachtdampfer, fünftausend Tonnen groß und hatte die Reise zum alten Erdteil oft genug erledigt, ohne mehr als die gewöhnliche Abnutzung zu erfahren, trotz der doppelten Unsicherheit der Meere. Dennoch begann sie höchst abgeschabt und räubermäßig auszusehen, hatte man ihr doch seit Jahren kaum ein Etmal Zeit zum ordentlichen Überholen gegönnt, und ihre Gestalt war schon von Natur etwas phantastisch, der lächerlich hohe blaue Schornstein mehr vorgeneigt als senkrecht, das Brunnendeck unnötig tief und der Bug einem fliehenden Kinne ähnlich. Sie war im Grunde verbraucht wie ein Maultier, dem die Zähne wackeln, rostig und reif für den Schindanger des Abwrackers, als jene große, weltbewegende Schicksalsstunde ihr kleines Schicksal anhielt und sie aufsparte für ein etwas ehrenvolleres Los.

Um den Hudson herum spürte man die Ungewöhnlichkeit des Tages. Lärm, Unerhörtheit, die Donner der Ereignisse zuckten in der Luft. Die Mannschaft lungerte aufgeregt an der Schanze. Abgegriffene Zeitungsblätter, mit dem Lotsen an Bord gekommen, wanderten wie Signalflaggen hin und her.

Manhattan, auf der anderen Seite des Flusses, glich an diesem Aprilmorgen einer riesenhaften, im Bau befindlichen mittelalterlichen Seefestung. Aus dem regellosen Getürm der Himmelslinie erhob sich zunehmend Stimmengewirr von Hunderttausenden; Glockengeläute, Gehupe, Sirenen, verwegene Böllerschüsse brachen dort empor, und der begeisterte Radau spritzte auf die Hafenfähren und bis nach New Jersey hinüber und auf jede der zahllosen Molen, die wie die Zähne ungeheurer Rechen zu beiden Seiten in den Hudson griffen.

Den Vormittag kam der Marinevertreter an Bord, ragend und schön in der Mitte zwischen dem nicht kleinen Reeder, einem dürren Yankee mit steifem Hut und schlechter Haltung, und dem Makler Dulbost, der aus einem ähnlichen, wenngleich fetteren Holze gehauen war. Sie wurden vom Kapitän an der Treppe empfangen, der schmunzelnd und anklagend zugleich, rot und untersetzt wie ein Gummischwamm und durchaus nicht mehr nüchtern, aller Hände schüttelte. Das Quartett begab sich auf die Brücke, gleichsam um das Ganze noch einmal zu überblicken; denn es schien ein kleiner Handel fällig zu sein.

Percy Tamp, der erste Offizier, hielt sich in der Nähe, falls man ihn rufen solle. Zu tun war nichts mehr, der Ballast war ausgeladen, das Deck, so gut es ging, geschniegelt und das Schiff klar zum Docken. Er trug daher schon seinen besten blauen Anzug und eine seidig glänzende Mütze, die ihm, und selbst heute, der Inbegriff des Landurlaubs und vieler angenehmer, einem unumgänglichen Kater bedingungslos zueilender Stunden war. Der zweite Steuermann war schon in aller Frühe mit der Proviantabrechnung aufs Reedereikontor gegangen und gleich an Land geblieben. Sicher war er alsbald in die Kriegsmarine eingetreten.

Ein englischer Dampfer mit der Flagge der Kapkolonie bugsierte stromauf. Auch eine hübsche Linie! dachte Tamp, die Zukunft bewegend. Dann sah er nach unten.

Auf der Rampe, neben der „Merryland“, wimmelte es von allerlei Händlern, Arbeitern, Hafenlöwen, wartenden Angehörigen und Mädchen. Viele schwenkten kleine Fahnen des Vaterlandes und der Verbündeten. Der Steuermann klopfte seine kurze Tabakspfeife an der Reling aus. Seine grauen Augen übernahmen den bedächtig saugenden Ausdruck seiner Lippen und hefteten sich auf eines der netten Gesichter dort unten. Das war ja eine verdammt niedliche Ratte, die ihm da mit ihrem Puppenbanner höchst ungeziert zuwedelte. Zeitungsverkäufer bellten mit neuen Meldungen heran. Die Back brüllte hinabgeworfenen Centstücken nach. Tamp schüttelte die Ohren. Der Rummel hinderte ihn, das nicht unwichtige Gespräch auf der Brücke zu verfolgen.

Das Schicksal dieser Dampfruine, die manche Kiste säuberlicher Konterbande nach drüben geschaukelt hatte, wurde da oben irgendwie besiegelt. Über zwei Jahre war er nun darauf gefahren; diese Matrone „Merryland“ war sozusagen seine zweite Heimat. Acht Jahre fuhr er zur See, und genau so lange war er von Nord-Dakota weg, von der guten alten Weizenfarm an der Strecke jenseits des Flusses, wo es „bei den Igelbergen“ heißt. Seit dem Morgen war er weg, einem Morgen wie diesem dem Wetter nach, als sie pflügten und sein Alter einen Acker weiter gegen die dampfende Sonne hin das vergnügte Lied von der blauen Bark Ambrosia gepfiffen hatte. Denn sein Alter war auch einst Seemann gewesen, und daher steckte es ihm im Blut, und so machte er über Minneapolis, wo seine Mutter her war und Verwandte hatte und er eine kleine Anleihe erreichte, seine erste große Reise und kam nach Neuyork, ein grüner, benommener Knabe. Und es mochte ungefähr die gleiche Stelle sein, wo er seine erste Planke betrat, in seine erste erbärmliche Koje kroch, und nun stand er da, erwachsen, erfahren, breitspurig, windgebräunt und ein Mann von Rang.

„Mac!“ rief er den Meßjungen an, der, die Jacke eng wie ein krosser Kuli um die Taille gezogen, die Mehlbeutelmütze in die Stirn gerückt, die gelben Haare steil auf Hinterkopf gebürstet, atemlos vorüberlief. Weiß Gott, er schien ihm ein Abbild seines einstigen Selbst.

„Bring meine Sachen zu Banders ins Goldkorn rüber. In einer halben Stunde, denk ich, kannst du damit abhauen!“

Der kleine alberne Mac riß die dünnen Knochen halsbrecherisch zusammen, brüllte laut und abgehackt: „Wohl, wohl!“ und rannte weiter. In der Frühe hatten zwei Kreuzer auf dem Hudson Reklame exerziert, das war ihm ins Gemüt geschossen.

Tamp warf einen Blick nach oben. Gerade tat der Reeder, er hieß Smithson, einen langsamen Flügelschlag mit den Ellenbogen. Seine Hosentaschen wölbten sich höher. Das Geschäft schien abgeschlossen. „Unser Land, Gottes Land!“ sagte er vernehmlich zu den anderen. Sein Kaugummi sprang ihm wie ein alter Zahn aus der Lippenspalte. Danach verschwanden die vier nach unten.

Tamp setzte seinen Brösel wieder in Gang. Er schielte dabei über den geschnitzten schwarzen Kopf und durch die blasse Zündholzflamme nach dem Pier hinab. Die Kleine, die mit der graukarierten Tuchkappe, sprach mit einem Zollbeamten. Sie tat sehr ungezwungen, sehr herausfordernd offenbar. Es mochte eine richtige kleine Hafenschwalbe sein. Das Streichholz wehte voreilig aus. Statt des süßen Tabaks schnüffelte der Steuermann den üblen Dunst der Lagerhäuser ein. Es gab schönere Düfte. Abgesehen von der See so etwas wie Gras, Weizen, Erde, Staub, Vieh und Stall. Es würde sich lohnen, einmal hinüberzurutschen, ehe alles drunter und drüber ging, und den alten Leuten zu zeigen, daß man noch lebe und ein anständiger Kerl geblieben sei und es zu diesem und jenem gebracht habe. Trotz aller salzigen Witterung hatte er noch immer die Sommersprossen um die Nase. Seine Mutter würde das mit Genuß erkennen. Und die kleinen deftigen Farmermädchen in der Runde waren sicherlich herangewachsen, und ihre Augen würden den Weitgereisten mit Achtung und vielleicht mit etwas mehr betrachten.

„Bring den Kram gleich zum Bahnhof, Mac!“ sagte er endlich, eine kleine Wolke hervorpaffend, die im Morgenlicht zartrosa davonquirlte.

Aber Mac war nicht in der Nähe. Die goldbetreßte Mütze des Kapitäns schob sich durch die Salonluke auf Deck. Und der Alte trug eine Flasche in der Hand und schwang sie mit einer einladenden Bewegung gegen seinen Offizier, stutzte auf halbem Wege, da sie leer war, und warf sie über Bord, was einen Springbrunnen von Geschrei und Flüchen von der Rampe herauf zur Folge hatte.

Tamp blickte ärgerlich bestürzt hinunter. Das süße Gesicht stand im empörten Beet der anderen zu ihm emporgewandt. Es lächelte, es war ihm nichts geschehen.

„Kapitän?“ sagte Tamp langsam und sich zurückwendend. „Das hätte eine nicht billige Flasche werden können!“

„Alter Querulant!“ entgegnete der Kapitän aufstoßend. „Es wird Zeit, daß Sie von Bord kommen! Sie haben Ansichten wie ein Kinderfräulein oder wie ein wurstfressender Deutschmann! Runter, Herr! Es wird ausgezahlt!“

Er wiederholte das letzte grölend und prustend in die Runde, sein von Schnaps verklebter roter Schnurrbart fegte gleichsam die Mannschaft in einen Haufen und in den Niedergang zum Salon hinein. „Runter, Jungs, überall, ins beste Zimmer, ihr mustert ab wie tote Heringe, eingewickelt in Bankschecks!“

Er stoppte seine Redekaskade, sog den Bart ein und versank in Nachdenken, hin- und herwippend auf den klotzkurzen Beinen, ein in die Breite gedrückter, rotflaumiger amerikanisierter Irländer mit kleinen, dicken, rechtwinklig abstehenden Ohren, an deren Farbwechsel man seine Stimmung ablesen konnte. Jetzt waren sie dunkelrot mit grauem Einschlag. „Wir wären das nächste Mal sowieso verbuddelt!“ sagte er an Tamp vorbei, der noch sozusagen an seinen Brösel geklammert dastand. „Und seit gestern zahlen die Versicherungen nicht mehr für unsereins! Der Krieg, mein Lieber, das ist der Krieg! Solange man ihn privat mitmacht, bringt er was ein. Jetzt heißt es als Kuli kuschen, Herr Tamp, das ist der Vorteil Ihrer Jahre. Wenn man Sie nicht einsperrt, heißt das! Wegen Ihrer Abstammung! Steuermann, wir haben uns immer gut vertragen, wenngleich Sie ein unausstehlicher Moralist sind. Kommen Sie runter, wir heben zum Abschied einen!“

Seine Stimme wurde schwermütig. „Tamp!“ winselte er, seinen Bauch dem Kinne zuwölbend, „ich schwöre Ihnen, mich kriegt keiner nüchtern von diesem alten Seepferd namens „Merryland“ herunter.“

„Was wird denn jetzt mit dem Kasten?“ fragte Tamp.

„Geheimnis, mein neugieriges Osterküken! Was glauben Sie, daß Smithson etwa Lust hätte, unsere liebe blonde Fracht von dunnemals wieder aufzunehmen? Oh, es war eine wärmere Strecke dort hinunter, eine schwülere sozusagen, eine tropische geradezu! Höhö, das könnte Ihnen passen, hier als Haremswächter anzuheuern! Oder etwa?“

Tamp schlug einen Bogen um den redebeflammten Zeigefinger seines Vorgesetzten. Dort unten winkte ihm das verflixte Mäuschen mit schnippischem Munde zu. Er warf einen tiefsinnigen Blick zurück und ging hinab in den Salon.

*

Das tut des Meeres Nicht-Unendlichkeit dir kund:

Dringst du nur tief genug, verbirgt sich dir kein Grund.

II

Der Yankee schrieb eigenhändig die Schecks aus, die Mannschaftsliste vor sich. Die Heizer und Matrosen, von dem ungewöhnlichen Reiz der Stunde aufgekratzt, drängelten, zum Teil schon landfein, geräuschvoll um den Tisch. Der Marinekommissar, stehend und rauchend in der Ecke lehnend, beäugte mit steifem Auge die kräftigen Gestalten. Der großrunde Makler flüsterte ihm an Hand einer Aufstellung einiges zu, was er nicht zu beachten schien. Neben den beiden, auf einer Art Anrichte mit bunten Glasscheiben in Jugendstil, befanden sich benutzte Bechergläser und leere und halb geleerte Rotwein-, Whisky- und Ginflaschen sowie ein Kübel mit Eis, das aber in der dampfigen Wärme rasch dahinschmolz.

Eine Stimme erhob sich lauter. Der Koch, behäbig und seit Urzeiten auf diesem Dampfer, stemmte beide Fäuste auf die Platte.

„Und was nun?“ fragte er höflich, doch nicht ohne Beben in der hohen, brüchigen Stimme. „Man mustert uns ab, man weist uns ohne weitere Entschädigung von Bord? Bin ich eine Pestratte, Herr? Habe ich mich schlecht betragen?“

„Halt das Geschäft nicht auf, Hoggard!“ grunzte der Mann hinter ihm. „Wir haben doch Krieg, du Büffel!“

„Da hast du es!“ grinste der Reeder und reichte ihm das schmale Papier.

„Ich bin hier in Ehren grau geworden!“ wandte sich der Koch an die Mannschaft, indem er mit dem Scheck wie mit einem Kamm über seine Glatze strich.

Ein wieherndes Gelächter antwortete ihm. Seine Stimme wühlte sich hoch und vorwurfsvoll hindurch. „Ihr seid unhöflich, Leute, und kurzsichtig. Gott wird es wissen, wenn Ihr erst durchlöchert wie Siebe und stumm wie ein Handtuch auf den Grund der Hölle fahrt!“

Der Marineoffizier, mit einem Zuck des scharfen Mützenrandes, schnitt ihm das Wort ab. Und der Makler fügte in die Stille nach dem militärischen Ton milde stotternd hinzu: „Die Feldpredigerstellen sind, wie ich höre, alle schon besetzt.“

Das wiederum aufprasselnde Gelächter legte sich erstickend über den Vorgang. Man rangelte den Koch zur Tür. Er sollte lieber einen gehörigen Galgentoddy in die Erscheinung zaubern. Draußen traf er auf den herabtorkelnden Kapitän. Der beiden Auseinandersetzung verwob sich mit dem Geschrei der Zeitungsverkäufer, die auf das leere Deck gedrungen waren. Die Abmusterung nahm ihren eiligen Fortgang.

Tamp wartete bis zuletzt, das heißt, der Reeder machte keine Anstalten, ihm Vortritt zu lassen, und er schmeichelte sich, obgleich nicht ganz behaglich, daß ihm so etwas wie eine Aufsicht bis zu guter Letzt anvertraut sei. Manche von den Leuten nickten ihm zu, ehe sie die Treppe hinaufliefen.

Der Kapitän stand schon wieder bei der Anrichte, mixte und füllte mit abzirkelndem Ruck, der eingefleischte Gewohnheit verriet, die Gläser. Er meckerte hinter den Davontürmenden her, mit einem Seitenblick auf den Mariner: „Daß ihr euch alle freiwillig meldet, ihr Schweinsfische! Prost!“ — „Kommen Sie, Herr Tamp“, fuhr er fort. „Auf ein fröhliches Wiedersehen!“

Alle tranken, und auch Tamp nahm und trank. Dann sah er ungeduldig auf den Reeder, der die Liste zusammenfaltete und die Hände mit einem Röcheln der Erleichterung wie zwei stallreife Pferde in die Hose zurückkehren ließ. Der Mariner, der Makler und auch der Kapitän ließen sich auf die verschabten Plüschsitze fallen, die Gläser füllten sich neu, nicht ohne daß Patternell vergeblich nach dem schon abgelohnten Steward grölte. Man trank auf den Sieg Amerikas.

„Ich habe draußen einiges zu besorgen!“ sagte Tamp und dachte an das Mädchen auf der Rampe und daß er nach Hause fahren wolle, nach acht Jahren zum ersten Mal.

„Gut, wir wollen Sie nicht halten!“ drehte der Reeder den geierhaften, blassen Schädel, auf dem der Melonenhut langsam in den Nacken strebte.

„Und meine Heuer?“ sagte Tamp erstaunt.

„Ihre Heuer?“ gab der Yankee ebenso erstaunt zurück. Er blinzte den Marinevertreter an. „Ja, mein Lieber, da muß ich Ihnen leider gestehen, oder wissen Sie es noch nicht, daß alles feindliche Eigentum —? Sehen Sie, Ihr Vater ist Deutscher, das ist bei Gott ein Jammer. Meinetwegen, war Deutscher, aber ich muß Ihre Summe erst mal bei der Regierung hinterlegen.“

„Ja, erst mal!“ fügte der Makler rasch und augenklappernd hinzu, als sei die Sache ihm peinlich.

Tamp räusperte sich. Er fand kein Wort und lief rot an.

„Sehen Sie, Herr Tamp, Sie könnten ja mit dem Gelde allerlei Dummheiten machen. Es schwirrt jetzt so manches herum. Spione und dergleichen.“

„Nehmen Sie die Sache einfach, Kamerad!“ warf nun der Mariner dazwischen. „Verlassen Sie sich auf mich, es wäre schade um Sie! Das Geld ist Ihnen sicher. Ich rate, Sie melden sich freiwillig. Hier ist meine Karte. Gehen Sie den Nachmittag noch in das Büro der Battery. Ich werde Sie dort empfehlen. Jungens wie Sie dürfen wir nicht hinter Stacheldraht setzen. Ich weiß, Sie sind Amerikaner. Prost! Aber das Gesetz ist eben für den Durchschnitt notwendig und für den Besseren bitter!“

Patternell stand mühselig auf, um eine neue Flasche von der Anrichte zu holen. Der Marinevertreter nahm die Gelegenheit wahr, zuckte hoch, tippte an seine Mütze, ließ ein eisernes Lächeln kreisen und ging davon.

„Tamp?“ wieherte der Kapitän hinter ihm her, den Schnaps auf der Gurgel, „der ist ein Querulant, aber treu wie ein Kinderfräulein, so wahr ich diesen Sotteimer nicht nüchtern verlassen werde. Herr Tamp, die arme friedliche Dame „Merryland“, sie machen jetzt einen Mann aus ihr, sie kleben ihr eine Kanone an!“

Tamp stand steif und stumm.

Der Makler und der Reeder wandten sich privaten Dingen zu.

„Wir feiern also bei Ostlers!“ gähnte Smithson und scheuerte eins seiner langfleischigen Ohrläppchen an dem blankgetragenen Stoff seiner Schulter. „Ich habe da ein Täubchen hinbestellt, eine markige Nummer, die es selbst mit uns dreien aufnehmen kann, und dann gehen wir zu Mammi Silk und versetzen sie, tauschen sie ein gegen Lucky, hihi, stellen sie unter, bis wir ein paar zusammenhaben, wie abgemacht, Obsthandel nach —“, er unterbrach sich und sah mißbilligend auf die noch immer vorhandene Anwesenheit Tamps, der mit verstopftem Gesicht auf den einsam und eifrig an der Anrichte schluckenden Adamsapfel seines Kapitäns starrte.

Makler Dulbort erhob sich nun auch. „Ich muß jetzt los,“ sagte er, „sie wartet und brät mir die Hölle.“

„Wer, wer?“ meckerte Smithson unvergnügt. „Du kennst doch nicht etwa —? Ach so!“ entblößte er grinsend die gelbe Harke seiner Oberzähne, sich besinnend. „Dein Töchterchen, hilf sakra, ich vergaß zu fragen, wie kommt es, daß der heilige Engel dich plötzlich wieder mal zu deinen unheiligen Geschäften begleitet?“

„Sie will ihren Direktor abholen!“ antwortete Dulbort kleinlaut.

„Burn? Den Nigger? Pfui Satan! Ist der drüben nicht verreckt? Weiß Gott, das Mädchen sollte ins Feld oder schleunigst heiraten!“

Dulbort sah den Reeder dankbar an, und sein gutmütig fettes Gesicht nahm danach gleichsam einen zögernden Abdruck von diesem vertrockneten Yankee, der sein nicht schlechtester Kunde und sein guter Freund war, und er goß die wenig ansprechende Form rasch aus mit hübschem, glattem Golde und stellte sich die gewichtige Figur probeweise ins Herz neben das zarte Bild seines Kindes, das er da bewahrte. „Wir haben treffliche Geschäfte gemacht diese Tage,“ sagte er und verbarg sein beklemmtes Gemüt hinter einer pfiffigen Miene. „Ihre Aussteuer würde sich nicht zu schämen haben. Wenn ich das Balg nur aus der verflixten Mission herauskriegen könnte!“

„Müssen wir besprechen! Ist ja eine Schande!“ zog ihn Smithson wieder zu sich aufs Sofa.

„Eine Schande, Sie hören es!“ faßte Kapitän Patternell die letzten Worte auf und begann widerlich zu schluchzen.

Tamp ging ohne Wort hinaus. Als er im Freien stand und der Gewohnheit nach den Tabaksbeutel zog, bemerkte er, daß sich der geschnitzte Pfeifenkopf, der eine Negerfratze darstellte, tief in seinen Daumen gedrückt hatte und ihm seltsam deutlich und lebendig entgegengrinste.

*

Wie Brüder sprecht

zu Herrn und Knecht:

Recht ist nicht Menschenrecht!

III

Der Mariner war schon von Bord. Tamp kletterte, ohne klaren Gedanken, in sein Logis. Der Meßjunge zuckte von dem kleinen Spiegel zurück, der da noch hing, und stürzte mit der blaugestrichenen Seekiste hinaus, die seit früh fertig gepackt war.

Tamp hakte den halbblinden Spiegel herunter. Sein Gesicht blickte ihn grau und böse an. Er sah darüber hinweg und auf den Rahmen. Es war ein für Logisgebrauch höchst sonderbarer Spiegel, mit einem einst goldenen, barockartigen Rahmen, eine wahre Schlafzimmersache, und war schon am Ort gewesen, als er diese Kabine bezog. Seine Hand zitterte. Der Spiegel fiel zu Boden und überzog sich klirrend mit einem Spinngewebe. Tamp brüllte auf. Dann stoppte er seinen gotteslästerlichen Fluch.

„Unglück! Das ist es!“ würgte er. „Glatte Gemeinheit, Betrug! Bin ich etwa mein Vater? Was kotzt mich der ganze europäische Dreck!“

Er keuchte, zerschlug die Glühbirne, zertrampelte die Spiegelsplitter zu Atomen, zerhackte den Rahmen. Unter seinen Fäusten zerkrachten die Kojenbretter. Er wurde ruhiger, riß die aus in- und ausländischen Monatsblättern geschnittenen hübschen Bilder von Schiffen und Mädchen von den Kajütswänden, zerknüllte sie und schleuderte sie durchs Bullauge. Dabei knurrte er immer wieder, halb unbewußt, ein deutsches Wort, das er von seinem Alten bei verdrießlichen Anlässen die Kindheit über oft genug gehört hatte.

„Verdammten Schiet!“ Das war es, das war ein gutes Wort, das machte ihm Luft.

Auf einmal fiel ihm etwas ein. Er stürzte nach oben und erwischte Mac, der mit zwei armen Kailöwen und Nickelschluckern unter einem Hagel von niederträchtigen Donnerwettern das beauftragte Gepäck, darunter sich auch die blaue Kiste befand, von Bord beförderte.

„Du verfluchter Korporal!“ pfefferte Tamp ihn an. „Meinen Koffer, den bringst du mir direkt ins Goldkorn, du gottverlassener Hampelmann!“

Von unterhalb der Treppe stach ein glitzerndes Gelächter auf. Tamp ermannte sich. Er schüttelte den Kopf oder vielmehr die Ohren auf die gewohnte Weise, wenn er seinen Grips freihaben wollte. Der karierte Hut befand sich noch immer da unten, und was dazugehörte, hatte noch immer die Fahne und außerdem ein zerknülltes Blatt Zeitschrift in der Hand.

Aus der offenen Luke zum Salon hörte Tamp ebenfalls Gelächter, aber es war eine andere Art, grob, unflätig und knatternd. Er wandte sich nicht um. Zwei Jahre war dieser verdorbene Kasten seine Heimat gewesen, und er dachte noch einmal an den zertrampelten Spiegel und daran, daß er beim Einzug in seine Koje eine Haarnadel an der Wandkante gefunden habe, eine aus Messing, also wohl für eine, die blond war. Und wie Kapitän Patternell ihm grinsend erklärt habe, es sei nun vorbei mit der Südamerikafahrt-Fracht: Dreschmaschinen und Tanzmädchen, denn der niedliche Krieg drüben begann ein besseres Geschäft zu werden; somit war Tamp mit der „Merryland“ auf die Europafahrt gekommen, von Anfang an, und hatte somit beigetragen, den Scheiterhaufen dort, wie die Zeitungen so hübsch sagten, mit Brennstoff zu versorgen. Oh, er erinnerte sich sehr gut, daß man damals einige Kabinen zusammenschlug, die zahlreich und neuer als das alte Schiff an Bord vorhanden waren und die noch nach Puder und Parfüm rochen. Aber einige hatte man stehen lassen und immerhin so reichlich, daß die Offiziere und Maschinisten jeder eine eigene beziehen konnten. Nun würden sich vielleicht die kleinen Generäle in Feldgrau darin teilen. Aber in seiner Kammer würde in dem Bett keiner und keine mehr schlafen. Er lachte ingrimmig. Hinter ihm in der Salonluke wurde es salbungsvoll. Der Yankee redete von Heimat und Ehre.

Alter öliger Mädchenhändler! dachte Tamp (denn diese Bezeichnung hing dem Reeder Smithson in der Hafenschenke an, keiner wußte allerdings, ob zu Recht). Er reckte sich und betrat die schräge Laufplanke. Die hübsche Kappe war nicht zu entdecken. Der Lärm um den Hudson herum schien ins Unerträgliche zu wachsen. Zwischen den schrägen Rauchwimpeln, die sich aus den violett schattenden Wolkenkratzern und tief darunter aus den Schloten der Fahrzeuge wurmten, tänzelten wahre Vogelschwärme der gesternten und gestreiften Flaggen. Auf dem Pier standen noch einige der abgemusterten Matrosen, bebuckelt mit ihren Seesäcken, umringt von Zöllnern, Händlern, Gesindel und Juchhei, und die Mädchen ließen ihre kleinen Fahnen flattern, als sei es ein angenehmes Fest.

Der Schwall hängte sich auch an Tamp und schloß ihn ein. Unfreundlich schob er den Knäuel auseinander. Er wurde grob, seine Fäuste hoben sich. Auf einmal stand vor ihm das Mädchen in der grauen Kappe.

Sie lächelte und biß gerade in eine Waffel, die sie die Sekunde vorher einem dieser zudringlichen Bauchladenkrämer abgekauft haben mochte. Sie berührte ihn mit der freien, in graues Leder gekleideten Hand leicht am Arm und sagte, indem sie ihn freimütig anblickte: „Ist denn Pa endlich bald fertig auf eurer alten Barke da oben?“

„Wieso?“ antwortete er, etwas überrumpelt. „Wer ist denn Ihr Papa?“

„Der Große, Dicke natürlich.“

„Der Makler?“

„Klar! Und ich sollte mit hinauf wegen der Militärgeheimnisse, weil sie einen Panzerkreuzer aus diesem Ewer machen wollen. Gehen Sie jetzt in die Stadt? Dann gehe ich mit, Sie sehen groß und ordentlich aus. Ich will Ihnen gleich sagen, Sie erinnern mich an meinen Bruder. Ich habe nämlich keine Lust mehr, zu warten, und Burns Dampfer wird wohl wieder mal nicht kommen. Oder ist er das etwa?“

Sie hielt sich an seiner Seite. Die Menge hatte es nunmehr auf einen Dampfer abgesehen, der im Begriff war, auf der anderen Kante der Mole anzulegen.

Es war unmöglich, stehenzubleiben. Das Fräulein fragte hastig, ob es der Afrikadampfer sei.

„Nein!“ entgegnete er. „Weiter oben. Vor einer halben Stunde kam ein Afrikaner auf.“

Sie schrie, unwillig, indianerhaft. Ihr Vater habe dann also entweder geflunkert oder keine Ahnung gehabt. Und die Beamten hier auch, die nichts könnten, als mit ihr wie mit einem lächerlichen Küken zu schäkern! Ob sie denn nicht ernsthaft genug aussehe. Sie werde sich eine Brille zulegen müssen. Sie sei zweiundzwanzig und ein Mammut an Erfahrung. Und deswegen nur habe sie hier herumgestanden, um den berühmten Ehrwürden Burn von Bord kommen zu sehen. Der sei nämlich auf Besuch bei den schwarzen Brüdern gewesen. Ja, mit dem ersten Transport der Schwarzen Sonne.

Tamp fand, daß sie dichtbei lange nicht so niedlich aussehe wie aus der Entfernung. Sie hatte ein etwas spitzes Gesicht, wie ein tatsächliches Mäuschen, und eine bräunlichgelbe Haut, aber der Ausdruck war es, der machte es ganz und gar kindlich und einnehmend. Und jedenfalls war sie eine Dame. Sie trug einen kostbaren Schwarzfuchskragen. Ihr Vater hatte übrigens nicht farbig ausgesehen.

Sie gingen durch den Zoll und auf die Straße.

„Rasch! rasch!“ zwitscherte sie laut.

Einen zufälligen Augenblick lang verstärkte sich draußen das Tuten großer Dampfer. Sie riß vor Aufregung an seinem Arm.

Im gleichen Zuck fuhr ein geschlossenes Auto an ihnen vorbei, das in dem gewöhnlichen, heute allerdings besonders lebhaften Verkehr durch seine Schnittigkeit und vor allem durch zwei weiße, um das Kutschendach herumlaufende Streifen auffallen mußte.

Die kleine Maklerstochter warf beide Arme zu Tamps Schulter hoch und klammerte sich fest.

„Das war er!“ brachte sie mit einem Aufschrei hervor.

„Hoho!“ sagte Tamp, von der Erregung des seltsamen Mädchens ohne viel Behagen angesteckt. In dem Wagen, hinter dem in Khakigelb gekleideten schwarzen Fahrer hatte ein Schwarzer in Pelzmantel und Seidenhut gesessen. Ein Weißer mit schwarzem Vollbart daneben.

„Ja, das war er!“ sagte sie noch einmal, und das voller Andacht und fast verzückt. „Josua Burn war das! Der größte Prediger des Jahrhunderts! Und der neben ihm, das war Pjoff, unser Hausmeister.“ Ein Mann mit Vollbart! dachte Tamp. Er begriff ihre Begeisterung nicht. „Ob wir ihn auf der Fähre noch erreichen?“ erflammte sie plötzlich wieder und zog den Steuermann, der sich nie so schwerfällig vorgekommen war, kurzerhand mit sich fort. Aber es ging durchaus nicht sehr rasch, mitten in der von allen Seiten anstauenden Menge auf das Fährboot zu gelangen. Und dort wieder war es so gestopft voll, daß es ihnen nicht möglich war, trotz Tamps rücksichtsloser Schulter, vor dem andern Ufer in den Wagengang hinunter zu kommen. Der schwarze Wagen entwischte ihnen lautlos.

Dafür jedoch — und Tamp empfand eine Erleichterung — trafen sie den Koch, der trübsinnig dastand und der verlassenen „Merryland“ nachpeilte, die da ziemlich unansehnlich hinter den Schuppen und größeren Dampfern versank.

Tamp machte sich bemerkbar.

„Dies ist die Tochter unseres Hafenmaklers“, sagte er, ein wenig unsicher betreffs des Tonfalls.

„O weh!“ antwortete der Koch, und sein Gesicht wurde einen Strich heller. „Ihr habt unsere alte Dampfnudel gefrühstückt, und wir stehen da mit ausgepumptem Magen.“

Sie lachte zuvorkommend, aber ihre Züge blieben auf einer anderen Gedankenstrecke stecken. Sie erwiderte: „Ich heiße Hishwa, Schwester Hishwa, und bin unschuldig daran.“ Nein, fügte sie, zu dem zurückkehrend, was ihre Seele bewegte, hinzu, sie habe keine Lust, hinter Burns Wagen herzutigern; er hätte sie taktvollerweise erkennen und mitnehmen sollen, sie, eine der besten Strahlen der Schwarzen Sonne.

Sie sah flüchtig über die beiden Männer empor, die ohne rechte Ahnung ihr zuhörten.

„Strahl? Das ist ein Titel bei uns. Zuerst ist man nur Funke“, erklärte sie sanft in das auflebende Drängeln, welches das nahende Ufer anzeigte.

„Und Burn, das ist so eine Art Missionar, so einer mit Vollbart“, setzte Tamp die Erläuterung dem Koch gegenüber fort.

„Burn?“ wiederholte sie erstaunt. „Dr. Burn ist ein Neger. Und der berühmteste Missionar und nicht nur so eine Art, und er ist bartlos. Und die Schwarze Sonne ist die wichtigste und schönste Afrikamission der ganzen Welt! Wir sind dort alle blond, wir Strahlen und Funken.“

Sie blickte den Koch strafend an, als habe er den Fehler gemacht.

„Und ich hab den Nigger für den Portier gehalten!“ murmelte Tamp betreten.

Aber sie tat, als vernähme sie es nicht, lächelte ihn an und nickte: Es sei wirklich ein blendender Gedanke, ein bißchen zu frühstücken.

Beide Männer schlugen aufatmend, wie mit einer Zunge, das Goldkorn vor, und sie mußten gestehen, ein anderes Lokal hatten sie ihr lebelang weder recht kennen noch schätzen gelernt.

Hishwa schob in Hinsicht auf diese berüchtigte Hafenschenke begeistert ihre schmalen Arme links unter den harten Arm Tamps und rechts unter den feisten des Kochs, ungeachtet der Handtasche und der kleinen Flagge und trotz des Gedränges. Beiden Männern war die ungewöhnliche Verknüpfung ihrer Rangstufen nicht ganz behaglich. Aber die Dame ließ nicht locker. Und so betraten sie die Weststraße Manhattans, die große, von Gemüsekörben, Plakaten, Fahnentuch, Lastautos, feiernden Arbeitern, abgemusterten Matrosen und betrunkenen Rekruten brandende Hudsonkante Neuyorks.

*

Die Spiegel dieser Welt beweisen jedermann,

daß links mit rechts vertauscht, an ihm nichts ändern kann.

IV

Hishwa Dulborts Eltern bewohnten eine nette Villa beim Botanischen Garten in Bronx, von Neuyorks innerer Stadt günstig in einer halben Stunde erreichbar. Es war eigentlich ein Landhaus, etwas unmodern, aber in dem alten vornehmen Kolonialstil gebaut, mit einer Säulenveranda, weißgrün gestrichener Holzverschalung und dunkelgrünen Fensterläden. Der Garten dabei war geringfügig. Aber Tennis- und Golfplätze lagen ganz in der Nähe. Und Hishwa hatte, solange ihr Bruder lebte, die halben Tage im Sattel verbracht und war durch Veranlagung und Tollkühnheit zu einer hübschen Fertigkeit im Umgange mit Pferden gediehen. Berry, ihr Bruder, drei Jahre älter als sie, ein blonder und großer Mensch, hatte es mit soldatischen Neigungen zu einem gutbezahlten Verwaltungsposten im Polizeidienst gebracht, ohne damit der Achtung seiner Freunde oder seinem eigenen Ehrgeiz zu genügen. Die begehrte Kadettenausbildung zu Westpoint und damit eine einwandfreie und aussichtsvolle militärische Laufbahn war ihm aus Gründen, die ihn zum Sieden bringen konnten, weil sein Blut sich keiner mütterlichen Vererbung teilhaftig fühlte, verschlossen geblieben. Er hatte früh einen versonnen zusammengebissenen Zug um den Mund und nahm jede Gelegenheit wahr, um sich in gefährliche Abenteuer einzulassen, beteiligte sich, ohne daß es sein Amt erforderte, an Verbrecherjagden, aber auch an Schlägereien und Gelagen, und übertraf seine Schwester in seiner Leidenschaft als Reiter, wenngleich nicht an Geschicklichkeit.

So kam es unglücklicherweise, daß eines schönen Herbstmorgens, als beide in feurigem Wetteifer zugleich über das nicht einmal hohe, aber reichlich enge Gatter einer Viehweide setzen wollten, das Tier des Bruders durch einen im gleichen Augenblick vorbeistürmenden Ochsen erschreckte, mit den Hinterhufen anschlug und stürzte, den Reiter unter sich begrabend, der, durch einen Wirbelbruch wahrscheinlich fürs Leben am vernünftigen Gebrauch der Beine gehindert, seinem ihm nun gänzlich verpfuscht dünkenden Dasein schon wenige Wochen später ein freiwilliges Ende bereitete.

Hishwa hatte sich danach auf der Columbia-Universität eintragen lassen und mit ziemlichem Eifer, aber ohne Ausdauer nacheinander medizinischen, geschichtlichen und philosophischen Fächern obgelegen. Da sie keine weiteren Geschwister besaß, begann sie ihre Alleinherrschaft daheim mit großer Selbstverständlichkeit und der jungen Generation gemäß ohne Hemmungen auszukosten, zumal sie zur Rechtfertigung des tragischen Geschickes ihres so sehr geliebten Bruders dem Elternhause eine dunkle Schuld beimaß.

Eines Tages unterbreitete sie etwas Neues. Sie erklärte, sie wolle Missionarin werden Sie machte dabei einen rührend sanften, aber auch unerschütterlichen Eindruck, und es stellte sich heraus, daß sie eine Red des berühmten Ehrwürden Burn gehört habe. Sie sei bekehrt und überzeugt, für die Seligmachung der Heiden und für Afrika geboren und nötig zu sein. Jawohl, Josua Burn sei der berühmte Negerprediger.

Es gab nun eine ungewöhnliche häusliche Aussprache bei Dulborts. Hishwa überhörte die milden Verwünschungen ihres Vaters. Die Beschwörungen der Mutter, die Schmach eines so nahen farbigen Verkehrs nicht auf die unglückliche Familie zu laden, unterband sie mit der lange zurückgedrängten Vermutung, daß ihre Mama selber sicherlich nicht ohne Beimischung sei. Sie wolle gestehen, ihr heimlicher Neckname in den Vorlesungen sei Klein China gewesen, was durchaus nicht nur Porzellan zu bedeuten brauche. Man hätte ebensogut und offener Gelbnigger sagen dürfen, und nur Gewandtheit und Verschlagenheit (letztere ebenfalls angeboren) hätten sie vor noch größeren Schmähungen bewahrt.

Der Vater begann gepeinigt einzulenken, der aufbrausenden Gattin begütigend zu verstehen gebend, seine Schwiegermutter, Friede ihrer Asche, habe ihm in einer schwachen Stunde selbst gebeichtet, daß sie eine Quinterone sei und sowohl schwarzes als rotes Blut, wenngleich nur verschwindend tropfenweise, geerbt habe. Nein, sie habe es sogar voller Stolz behauptet, und es sei etwas ganz Besonderes dabei, es sei von beiden Seiten garantiert echtes Häuptlingsblut, sowohl indianisch als auch afrikanisch, und der letztere sei oder vielmehr die letztere sei nicht etwa eine Sklavin gewesen, sondern eine Fulla-Prinzessin, und sei in einem Zirkus aufgetreten.

In den überreizten Schrei seines Weibes, der den Himmel aufforderte, den Mund eines gewissen Maklers und Schuftes mit einem Blitzstrahl zu schließen, murmelte er nur ergeben hinein, er pfeife auf derlei unzeitgemäße Begriffe über angebliche Reinheit. Er sei überhaupt ein geschlagener Mann.

Hishwa nahm alles dies mit sachlicher Anteilnahme auf, wohnte auch nicht ohne Widerwillen der durch Frau Dulbort restlos erfolgenden Zusammenstauchung ihres Papas bei, die durch schonungslos vernichtende Untersuchungen über seine Herkunft, sein Vorleben (in London, Berlin und Paris), seinen Beruf, sein Einkommen, sein Aussehen und seine Herzensbildung eine so traurige Figur aus dem guten Makler machte, daß ein soeben vom elektrischen Stuhl Geschnallter neben ihm wie ein frischgebügelter Salonlöwe ausgesehen hätte. Hishwa, von diesem Vergleich überfallen, konnte nicht anders als in ein lautes und befreiendes Gelächter ausbrechen. Sie stellte den elektrisch betriebenen Flügel an, und in einen verrückten Zuckschlager hinein rief ihre Mutter sämtliche Heiligen zu Zeugen herab, daß sie ebenso weiß und schlank sei wie nur eine der kalkigen Puten der oberen Vierhundert zu Boston, Washington oder in diesem gräßlichen Neuyork und daß, wenn sie schon bezüglich der Abstammung etwas voraus habe, höchstens nur uraltes, hocharistokratisches Indianerblut in Betracht komme, echtes Mohikanerblut, und das sei vornehmer als jede May-flower, wie man wisse.

Hishwa umfaßte ihr Elternpaar, das wie zwei erledigte Zebus einander auf geblümten, für ihre Ausmaße zu kleinen Sesseln gegenübersaß, mit einem Blick, der zum ersten Male Rührung zeigte. Mit Erschrecken ahnte sie das grausige Wirrsal dieser Welt, diesen Schlingenboden aus Einbildung, Dünkel, Verständnislosigkeit, ungeklärten Neigungen, Wünschen und Gehässigkeiten.

Sie wehrte sich gegen derlei abgründige und unerquickliche Einsicht, faßte sich in dem Worte: „Affentheater!“, gab dem Mädchen Auftrag, ihre Sachen zu packen und sie ihr mitsamt der geliebten weißen Katze, die auf den Namen Gräfin Fisch hörte, zu schicken und verließ das Haus.

So schloß sie ihre Studien ohne Prüfung ab und nahm ein Zimmer in der Schwarzen Sonne, was kraft des Bankkontos ihres Vaters und ihrer unabweisbaren und aus einer entflammten Seele, so schien es, sich anklammernden Bitte gelang, zumal ein Teil der geeigneten Schwestern den großen Verkünder nach drüben begleiten sollte und es darum Platz gab. Hishwa wurde nach einem kurzen Examen durch Dr. Burn, den sie danach vorerst nicht wiedersah, eingereiht in die Schar der Neuzöglinge oder sogenannten „Funken“ der Schwarzen Sonne und widmete sich ihrer Ausbildung in allen Zweigen der als Ziel ersehnten, nach Afrika weisenden Missionstätigkeit, die in manchem abwich von dem, was seither üblich gewesen. Es wurde vor allem die äußere und innere Ausbildung einer gewissen Engelhaftigkeit erstrebt, was sich äußerlich in öfterem Anlegen langer weißer Gewänder, seltsam schwebenden Bewegungen, schöner Singstimme und fließenden, blonden Haaren kundzutun hatte. Die Tanz- und Musikschulung bestritt einen großen Teil des Unterrichts. In bezug auf die Blondheit scheute man sich nicht, der Natur, soweit die Auslese nicht ganz darauf Rücksicht hatte nehmen können, des hohen Zweckes halber zu Hilfe zu kommen.

Der Lehrgang sah weiter vor: Kenntnisnahme der Küche Afrikas, Sprachkurse, von eingeborenen Lehrern betrieben, Naturgeschichte und Rassenkunde des dunklen Erdteils, Tropenarznei. Über allem natürlich stand das Lesen, Durchsprechen und Aneignen der Burnschen Erweckungsreden, unterstützt durch das Aufsuchen passender Texte, Gebete und Glaubensformeln, sowie Zwiesprachübungen mit eingebildetem heidnischen Gegenüber, wobei allerdings als geistlicher Widerpart nicht viel mehr als ein finsterer Fetischismus, verknüpft mit Höllenfurcht, angenommen wurde, ja selbst das mohammedanische Paradies wurde kurzweg als hohle Fata Morgana des wahrhaften christlichen Himmels bezeichnet, hinter der nichts als der grinsende Satan höchsteigen stecke.

Hishwa war ehrgeizig, aber auch sprunghaft und vorlaut. Sie überragte jedoch keineswegs die anerzogene Überlieferung, wollte demokratischerweise auch durchaus nichts anderes als alle anderen. Sie verachtete die Neger, beugte sich aber vor jeder Berühmtheit. Burn war berühmt. Und auch der schwarze Missionsarzt Connel war es. Und die äußerliche Leitung der Mission lag in weißen Händen, in denen des Haus- und Musikmeisters Pjoff und denen der Oberin Maria. Somit waren innere Kämpfe kaum angebracht. Aber die Zucht des Hauses war streng in ihrer Regelmäßigkeit. Das war einesteils herrlich, es war militärisch, und man brauchte nie selber nachzudenken. Andernteils konnte es unbequem werden und zu Durchbrüchen reizen, wie Hishwa hier und da an sich erfuhr. Nur unter dem Seufzen der Oberin war sie zu den „Strahlen“ aufgerückt. Sie hatte gelobt, von nun an ganz abgeklärt zu werden, zumal Ehrwürden Burn bald heimkehren mußte. Da warf der Tag des Kriegseintritts neue und allgemeine Unruhe über das Haus der Schwarzen Sonne.

Burn hatte sich gerade durch Funkmeldung angesagt. Große Plakate, wie er sie beschrieben hatte, lagen längst gedruckt vor bis auf den Zeitpunkt seiner ersten Rede und Versammlung, die sofort am Abend seiner Ankunft stattfinden sollte. Aber eine ganze Reihe der Zöglinge ließ sich trotzdem im ersten und allgemeinen Rausch beurlauben, was ebenso kopflos gewährt wurde, und traten zum Jubel und zur Erleichterung mancher Familie als Hilfsschwestern in den Felddienst. Auch Hishwa war drauf und dran, wenn nicht die bitteren Militärerfahrungen ihres toten Bruders und die aufrichtige Neigung, den Missionar Burn wiederzusehen und unter dessen Leitung die wahre Reife für den schweren Dienst am Wort zu erlangen, sie nicht hätten zögern lassen. Sie wurde innerlich verwirrt und voller Zweifel, was zu tun das Rechte sei. Nach einer mit Pralinen, Büchern, Tränen, schemenhaften Vorsätzen und zwei der süßesten Engelsschülerinnen ihrer Gruppe, die beide am Morgen in den Dienst des Vaterlandes treten wollten, und der kleinen Zofe Moali verbrachten Nacht fuhr sie hinauf nach Bronx in ihr elterliches Haus.

Ohne Vorwürfe, ja voller Zärtlichkeit empfing man sie dort, sie, die in tiefstem Herzen zerknirscht wie der verlorene Sohn und doch nicht wie dieser, sondern mit wertvolleren Erfahrungen, deuchte ihr, sich aufgemacht hatte. Als aber die Mama unter einem Scherze ihr jene kleine schwarze Sonne, das Abzeichen der Mission, vom Aufschlag der Bluse entfernen wollte, widersetzte sie sich und war froh, als ihr Vater, die Schwüle der Stimmung bemerkend, sie einlud, ihn an den Hafen zu begleiten. Er erklärte auch auf ihr vorsichtiges Befragen, den Ankunftssteg des nächsten Afrikadampfers zu wissen. Es sei der nämliche, an dem er zu tun habe. Der Reeder Smithson verkaufe seine ganze Flotte an die Marine, ein blendendes Geschäft, gestern zwei, heute das dritte, beste und letzte.

So also kam Hishwa, noch immer ohne bestimmten Entschluß über ihre nächste Zukunft, an den Liegeplatz der „Merryland“, wo sie auf ihren Vater warten wollte, oder vielmehr auf den Dampfer Burns, und wo sie den Steuermann Tamp zum ersten Male sah.

*

Die Farbe tut

Nicht schlecht noch gut:

Blut ist in jedem rot.

V

Sie fädelten sich durch das Getöse der Massen. Aus alter lieber Gewohnheit hielten sie, so gut es ging, geradeswegs auf den Salon zum Goldkorn zu, Tamp und der Koch. Und das Fräulein schlenkerte vergnügt zwischen ihnen und hieß Hishwa.

Bei Banders im Goldkorn nun war gewaltiger Betrieb. Alles, was um die Christopher-Fähre herum von Bord gegangen war, und das war nicht wenig, ließ den Anker erstmal für einige Glasen in diesem an den Hafenkanten der ganzen Welt berühmten Schnapsloch fallen. Hier traf man seine Freunde, tauschte sein Garn aus, entwarf seine Pläne und äußerte laut und nachdrücklich seine Meinung über die tolle Lage der durchgedrehten Weltkugel. Man war sich einig, daß einzig und allein Amerika sie wieder ins Lot bringen könne. Die Werbeplakate, auffordernd zum freiwilligen Eintritt in die Marine und in die Armee, marschierten zur Tür herein und verknallten stumm ein unwahrscheinliches Feuerwerk über den wogenden Schwall windverschabter Pfannkuchenmützen. Keiner wollte da zurückstehen, man drängte hinaus, neue Gäste fluteten herein, das nächste Meldeamt war keine Kabellänge stadtaufwärts. Ein Koloß von Trimmer brüllte empor, in Annapolis sei schon alles besetzt, man komme nur noch in die Liste für Sandkarnickel und Grabenwürmer.

Unermüdlich, Tag und Nacht, hackte das Orchester in den Krakehl. Es waren abgedroschene Reißer, manchem, der lange draußen war, dennoch neu. Zuweilen gab es sich wie eine Kirchenorgel. Niemand achtete darauf. Nur der Koch äußerte sich dahin zu Tamp, aber Tamp hatte mehr Aufmerksamkeit für das Mädchen, das plötzlich ganz sanft war und wohl vor Erstaunen nichts zu sagen wußte. Tamp empfand eine große und schöne Rührung. Dieses Fräulein saß da wie eine verlorene Blume und blühte in dieser dampfenden Männerhöhle. Selbstverständlich waren auch noch andere Mädchen da, manch helles Oval, manch geschingelte Locke schwebte dort durch den muffigen Qualm, lachend anvertraut und angelehnt den ehrlichen, aufrechten Seemannshäuten. Die Kellner flutschten wie besudelte Tanzmäuse durch die Labyrinthe, zielsicher glitten ihre Tellerbretter durch das Dschungel der Arme und Köpfe an den beorderten Platz. Die Berge der kostenlosen Butterbrote wurden zu Ebenen abgetragen, die Wirkung der scharfen Feuerwässer ein wenig hinauszögernd.

Der Wirt, ein See-Elefant in Hemdsärmeln, übersah ohne Wimperzucken das brodelnde Geschäft. Seine feuchten Flossen bedienten eine mit vielerlei Glühlämpchen und Klingelzeichen arbeitende Kontrollkasse, die magnetisch die Cent- und Dollarstücke aus den Taschen der Kundschaft zu saugen schien. Banders machte allerdings auch Bankangelegenheiten ohne viel Wesens in Ordnung. Hoggard beispielsweise schickte sogleich seinen Scheck von der „Merryland“ hinüber, nicht ohne Besorgnis. Aber der Kellner schwenkte ihm anstandslos und vollzählig das Eingelöste hin.

Tamp verzog keine Miene. Hoggard konnte ja nicht ahnen, was da im Salon der „Merryland“, als alle schon hinaufgegangen waren, für ein Unrecht ausgeübt worden war. Er stimmte in das Loblied auf den Wirt ein, und dann ging er unter einem Vorwand hin und lieh sich in der Kasse eine Summe. Banders gab sie ihm, ohne überhaupt auf die gemurmelte Erklärung zu achten, Tamp war ihm bekannt und für jede Summe gut, und die Anleihe ging so selbstredend und geschickt vor sich, daß keiner sie zu bemerken brauchte.

Doch plötzlich patschte sich der Wirt auf die rasiert bläuliche Backe.

„Heiliger Zickzack!“ grunzte er. „Wir haben ja Krieg. Was haben Sie als Sicherheit, Herr Leutnant?“

Aber als wäre es ihm selber peinlich, verdeckte er es leichthin damit, daß er aus einem in viele kleine Felder eingeteilten Gestell einen Brief zog und ihn Tamp reichte. Banders verwaltete nämlich nebenbei eine Art seemännischer Postlagerung.

Tamp blickte auf den Brief, sah, daß er von seiner Mutter sei, und riß ihn zögernd auf, im Gewühl hin und her geschoben. Es stand nur kurz darin, daß die Zeiten schlecht seien und daß sie die Farm wohl aufgeben müßten. In Südafrika gebe es jetzt gute Bedingungen, und der Vater träume von Diamantenfunden, er könne die Jugendtorheit von Alaska noch immer nicht vergessen.

Tamp faltete den Brief mit einem Ruck zusammen, er merkte, daß er im Wege stand. Der Gegensatz zwischen einer einsamen Farm und diesem tollen Lokal setzte ihn in dumpfes Erstaunen —, als sähe er es zum ersten Male, sah er voll Neugier, wie hinter Banders auf einer glühenden offenen Herdplatte, einem Halbnigger in Weiß unterstellt, die kleinen Maiskuchen zischten und in Unmengen, begleitet von Fleischspeisen, Salaten und endlosen Getränken, über die Theke den umgekehrten Weg wie die Dollars ihrer Verdauung entgegenwanderten. Geeiste, bittere wie süße Batterien gemischter Gläschen entsandten feurige Ströme in die aneinandergeballten Knäuel abenteuerlicher Gestalten. Tamp fädelte sich zurück, frei sah er um sich. Da ruhten die massigen Schultern einiger Männer von der Cap-Cod-Bay wie Felsblöcke im Gischt. Aus den funkelnden Rüben derer von den Chandeleur-Inseln brachen melodische Flüche. Ungestört ging ein bärtiges Bootsmannspoker seinen Gang. Auch Dänen und Holländer waren da. Mißtrauische Heizer gluckten eingeklemmt auf ihren Seesäcken, der Dunst ihrer öligen Blusen mischte sich mit dem der Transtiefel schwitzend rechnender Fischdampferkapitäne. Das spitze Gekreisch einer gekitzelten Braut ertrank augenblicks in der Hochflut dieser Menschenschleuse. Niemand war da, der sich nicht wohlfühlte. Das Dasein ging hier ohne viel Umstände und Formen vor sich, der Gegensatz zu Back und Logis trat nicht so scheußlich übergangslos in die Erscheinung, hier erst war die eigentliche und gangbare Planke, von der aus das feste Land ohne Hemmung zu betreten war, und zumal in diesen tollen Tagen.

„Oho!“ sagte Tamp, als er wieder saß, zu seiner Nachbarin. „Hishwa heißt du?“

Sie nickte und warf ihren Blick angeregt umher, während ihm eine Erinnerung dämmerte an das Gespräch zwischen Makler und Reeder im Salon der „Merryland“, das an seiner Empörung, und da es mit seiner Sache nichts zu tun hatte, fast ganz vorbeigeglitten war. Nun verknüpfte er den Rest mit dem, was dieses Mädchen anging.

„Ihr Papa ist gegen die Mission!“ sagte er vorwurfsvoll, und er fühlte in sich, obwohl es gegen den Makler sein sollte, eine gewisse Finsternis betreffs jener Anstalt und ihres Negerdirektors.

„Der ist gegen alles, er hat einen Herzfehler!“ lachte sie sanft zurück.

Da konnte keine Dunkelheit standhalten. Tamp rückte ihr näher. Das war ein Spaß, dieses kleine vornehme Honigfleisch ließ die lieblose Abmusterung fast vergessen. Geradezu hübsch war dieses Kind ja eigentlich nicht, im Gegenteil, noch etwas unentwickelt war es, blaß und überspannt, mit ein wenig schrägen, grünbraunen, schwarzbewimperten Augen, einer spitzlichen Nase und einem Mund, der wohl schmal, aber nicht klein war. Ihre Haut jedoch, obwohl gelblich, sah frisch und gesund aus. Tamp betrachtete sich unverhohlen das sonderbare Geschöpf, das nunmehr, einen Flip mit Bedacht saugend, nachdenklich die tosend laute und dunstende Runde beobachtete. Es war klar, ihr ganzer Ausdruck überstrahlte die Einzelheiten ihres Gesichtes mit Lieblichkeit, ja Lustigkeit, obwohl sie gerade mit gekrausten Brauen und ernsthaft einem jener Seemannstäubchen zusah, die, wie in jedem Hafen der Welt, auch hier in Glanz und Glimmer anzutreffen waren.

„Das ist die Billige Dorschangel, wie sie hier genannt wird, eine Verlorene!“ erklärte der Koch zuvorkommend.

„Gut!“ nickte die kleine Hishwa. „Der Name ist nicht schlecht. Nur sollte sie ihn anders anwenden!“

Sie streifte ihren Babyhut ab. Ihr Haarknoten wölbte sich gelblich und blank wie ein Messingpoller.

„Nein,“ sagte Tamp, „du bist nicht indianisch oder farbig.“

Sie lachte ihn an, nicht ohne Spott: „Wissen Sie das so genau, was Ihre oder meine lieben Ahnen trieben? Oder fühlen Sie sich behindert, ohne aufgeschlagenen Stammbaum einem vernünftigen Mädchen Freundlichkeit entgegenzubringen? Sind Sie etwa ebenso beschränkt wie manche in diesem schönen Lande, welche die Menschen nach der Hautfarbe anstatt nach dem Herzen, der Gesinnung und der Tüchtigkeit beurteilen? Meine Urahne hieß Hishwa, eine Mohikanerfürstin, lange vor der May-flower, sagt meine Mutter. Und die „Maienblüte“? Das war ein Schiff, mit dem die Blaßgesichter kamen, die ersten Yankee doodles, ein Segelboot voll Taugenichtse und Freudenmädchen, die los zu sein, Europa heilfroh war, sagt mein Vater, und das sei eine wissenschaftliche Grundlage, sagt er.“

Tamp war verlegen ob dieser so gelehrt und flüssig geformten Sätze. Er beeilte sich, den Kopf zu schütteln. Seine Ohren waren voll dicken Lärms, und nun drangen diese Bemerkungen wie silberne Nadeln in sein Gehirn.

„Außerdem habe ich wenig geschlafen!“ fügte sie hinzu, nicht ohne sich zu ärgern über ihre eigene eitle Verkleinerung einer soeben gut vertretenen Überzeugung.

Der Koch legte seine breiige Pranke auf ihre blassen Knöchel, noch immer die whiskygurgelnde Dorschangel im Auge. Er mußte schreien, um sich verständlich zu machen, denn soeben spülte ein gröhlender Trupp schon Eingekleideter herein.

„Diese wissen ja nicht, was sie tun!“ hörte Hishwa den dicken Mann sagen. „Sie gehen schlechten Tagen entgegen, vielleicht dem Tode. Dies sollte die Gelegenheit sein der Wiedergeburt. Aber sie ertränken ihre Seligkeit in Schnaps und Gelächter.“

„Diese Dorschangel werde ich mir fischen!“ sagte Hishwa energisch, von Tamps Schulter beengt.

Er legte den Arm um sie. Ihr kleiner Nacken bebte plötzlich unter dem schwarzweißen Kragen. Sein Knie fühlte ihren Schenkel. Sie verbarg die Berührung nicht, wie jede andere es getan haben würde. Sie ergriff vielmehr seine Hand und sagte freimütig: „Fühlen Sie, meine Beine sind hart. Ich nehme es mit jedem Kuhjungen auf. Pferde und Schiffe, das liebe ich und das, was damit zu tun hat. Und Afrika. Und den Himmel.“

In Tamp begann der Ingwersprit zu kreisen. Unversehens küßte er seine Nachbarin auf die Wange. Sie drehte sich ein wenig, sie bog sich zurück, purpurn überschattet, ihr Mund wölbte sich flüchtig und verlangend zu ihm auf. Aber ebenso flüchtig verschwand die holde Anbietung. Tamp war verblüfft über sich selbst und über sie. Es war wirklich nicht gerade üblich, was hier geschehen war, selbst bei Banders nicht. Aber war die Welt nicht anders geworden? Eine heißere, üppigere Luft wehte ringsum. Die Dorschangel hing am Halse eines betrunkenen Kulis, und dort saß der Heizer Swutt und küßte des Teufels leibhaftige Großmutter. Überall ging man in den Krieg und feierte Abschied. Das war es.

Tamp zog wie gewöhnlich, wenn seine Empfindungen arbeiteten, die Tabakspfeife aus der Tasche. Hishwa tippte mit dem Finger auf den geschnitzten Kopf. Ihre Stimme glitzerte. Sie sagte, sie sei beschwipst. Aber der Pfeifenkopf sehe aus wie Josua Burn, und Tamp müsse mit, ihn reden hören. Diesen Abend noch. Der „Ohio“ aus ihrem Munde duftete wie ein junges Frühlingsbeet durch den Kneipenschwalch. Sie hatte schöne Zähne, und sie war prächtig angezogen.

Sie neigte sich zu Hoggard hinüber.

„Sie sind gut und fromm!“ sagte sie milde. Der Koch riß verlegen den speckigen Filz von seinem kahlen Haupte. Aber das Fräulein wandte sich schon wieder an Tamp, unerwartet rasch, wie in manchen ihrer Bewegungen. „Gehen Sie auch an die Front?“ fragte sie. Ihr Blick flog leuchtend über die blutrünstigen Werbeblätter.

„Ich?“ entgegnete der Koch, obwohl er nicht gemeint war. „Ich töte keine Menschen. Mein Amt war ja vielmehr, sie am Leben zu erhalten.“

Er wiegte verzweifelt den massigen Schädel. Vor der aufgesperrten Tür erschollen Posaunenklänge in greller Tonspaltung zur Bumsorgel. Tamp wollte antworten, aber Hoggard hob beschwörend drei Finger. „Seht!“ schmetterte seine Kopfstimme. „Die Heilsarmee! Gott ist noch nicht gestorben!“

„Sie nehmen vielleicht keinen mehr bei der Marine!“ entgegnete nun Tamp, ein wenig verspätet. Sein Satz fiel unter den Tisch. Er zog die Karte des Kommissars aus der Brusttasche und legte sie neben die ungefüllt gebliebene Pfeife. Hishwa schüttelte den Kopf. Sie kenne den Mann nicht. Sie fragte auch nach Tamps Kreuzer und ob er Leutnant sei und versprach, als Hilfsschwester einzutreten, falls er verwundet werde. Aber diesen Abend predige Burn, und Josua Burn müßten sie noch hören, ehe sie in den Tod zögen.

„Ich bin zu alt zum Morden!“ antwortete der Koch.

Tamp ärgerte sich. Es wehte trotz aller schönen Worte eine unbequeme und kühle Zone um dieses Mädchen, das er soeben geküßt und das ihn fast wiedergeküßt hatte.

„Kennen Sie auch den Reeder Smithson?“ fragte er.

Sie nickte und meinte, weswegen—?

„Oh, nichts weiter“, antwortete er, ob es wohl wahr sei, was man so höre, und ob Smithson sich mit Mädchenhandel befasse.

Hishwa sah ihn neugierig an.

„Was ist das?“ fragte sie.

Aber Tamp war es nicht gegeben, sich auf nähere Erklärungen über solch kitzliges Thema einer Dame gegenüber einzulassen. Er brachte es nur zu einer Handbewegung in die Runde, indem er mit leichtem Ton hinwarf: „So mit diesen hier!“

Er erhob sich. Er müsse endlich zur Werbestelle. Wenn sie Lust habe, solle sie hier auf ihn warten, Hoggard werde sie beschützen.

„Gut!“ sagte Hishwa und hielt ihn am Ärmel fest. „Sie gehen drüben am Tisch vorbei. Sagen Sie dieser Dorschangel, ich wolle sie sprechen, und machen Sie ihr hübsche Augen, daß sie auch wirklich herüberkommt. Ich bin doch Schwester bei der Mission, ich muß über alles Aufklärung haben. Aber das sagen Sie ihr bitte nicht!“

Tamp, so sehr es ihm widerstrebte, führte den Auftrag rasch und nicht sehr freundlich aus. Die Billige Dorschangel, eine unverwüstlich zähe und noch junge Kalifornierin, erhob sich betroffen. Dann sagte sie, indem sie die Arme ihres Kavaliers unwiderruflich von sich streifte: „Ich sah es längst, daß ihr dort eine zu wenig habt und daß es eine Dame ist, die man nicht teilen kann.“

Als Tamp nun durch den Ausgang kam, sah er von weitem Kapitän Patternell mit dem Yankeereeder und dem Makler zur Stadt schwanken. Die Aasgeier! dachte er. Er hätte sich gerne auf sie gestürzt, aber die Hallelujamädchen standen davor und sangen, von Posaunen begleitet:

O Dornenblut, Kommandowort,

O palmenreicher Seelenport.

Ich neig mein Haupt dir, geb es hin,

Der Liebe süßestem Beginn.

Tamp ging durch den geräuschvollen Mittag hinab zur Battery, vorbei an dem Häuserblock zwei Straßen weiter, wo Patternell, wie ein halbtoter Luftballon hinter seinen Freunden, dem Reeder und dem Makler herschleifend, soeben in ein Lokal einlief, das besser war als das Goldkorn, aber auch langweiliger und teurer. Tamp bedauerte dennoch, daß er nicht gerade dort saß mit einer feinen Dame, die einem dieser Brüder höchst sonderbar und amtlich nahestand, und sich Innigkeiten erlaubte, die ihm gewährt und sozusagen erwidert wurden.

*

Dreifach ist der Engel Angesicht:

Satan, Mensch und ewiges Licht.

VI

Die Dorschangel überragte Hishwa um einen halben Kopf. Sie war auffällig in Seegrün und Zitronengelb gekleidet und trug einen voreiligen blauen, mit einem Hühnerflügel besetzten Frühlingshut aus Maisstroh und roch nach Mohnpuder. Sie tippte sofort unneidisch auf den schwarzen Fuchskragen Hishwas, setzte sich auf Tamps Platz, begrüßte von da aus den Koch mit der Miene einer Dame, die schon vergeben ist, und bestellte nach kurzem Kennerblick den gleichen Flip wie ihre neue Nachbarin. Diese offene Höflichkeit erwiderte Hishwa damit, ihr Aussehen und ihre Wirkung zu loben. Sie kamen bald auf ein gemeinsames Gebiet, das der Pferde. Die Dorschangel stammte aus einem kleinen Fuhrwerksgeschäft in Sacramento in Kalifornien, das durch die Entwicklung des Motorbetriebes eingegangen war. Ihre Familie geriet in Armut, entzweite sich und fiel auseinander. Sie persönlich sei einem blutjungen früheren Kutscher und nachmaligen Trambahnschaffner nach Frisco gefolgt, habe dann, als es ihr nicht mehr paßte, auf einem Schiff als Stewardeß angemustert und sei auf Umwegen nach Neuyork gelangt, wo sie durch eine Ablehnung, die sie einem Maschinisten zuteil werden ließ, ihre Stellung bei der Linie verlor und nun seit einem Vierteljahr hier bei Banders bald diesen, bald jenen kennenlerne und sich über Wasser halte. Heute nachmittag vier Uhr beispielsweise habe sie ein Stelldichein gleich zu mehreren nebenan in dem feinen Lokal von Ostlers.

Der Koch, der sich abseits fühlte, warf hier mit großartiger Geste ein, sie hätten auch einmal eine Stewardeß an Bord gehabt, ein vertracktes Weibsbild, aber keiner habe es gewagt. Außer dem Bootsmann, aber der sei denn auch ertrunken.

Hishwa lächelte. Sie erfaßte urplötzlich in sich eine neue, weitreichende Aufgabe. Die kleine Laune, ein Mädchen zu sich an den Tisch zu bitten, eigentlich hauptsächlich, um die Wirkung des von ihr gesandten Boten zu prüfen, erweiterte sich wie ein heranbrausendes Licht in ihr. Dieses prächtige Stück war weiß Gott eine Beute, ja sozusagen ein herrlicher Dorsch an der Seelenangel. Der Begriff Mädchenhandel, an dieser Ware gemessen, war klar, ohne daß sie zu fragen brauchte. Hier galt es nunmehr nicht nur, dem frommen Snobtum verwöhnter Töchter zu frönen — und sie schloß sich selbst in diesem raschen Gedankengange gerechterweise nicht aus — hier galt es, von Grund auf ein Geschöpf zu retten und dem wahren Heile, und zum Segen dieses Heiles, zuzuführen. Außendienst? Sollte es da nicht noch eine andere Art geben als die leicht romantische Sache mit Afrika?

Hishwa ergriff die Handtasche, entnahm ihr die offenbar zerknüllt gewesene, aber wieder geglättete und zusammengelegte Seite einer Zeitschrift und entfaltete sie mit bedeutungsvoller Miene. Das Bild zeigte eine puppenhafte Ballettänzerin zwischen zwei auf Edelplantage bekleideten Negern. Es war aus einem französischen Magazin, eine Abbildung aus einer Pariser Revue.

Tamp hatte das Heft in Cherbourg gekauft und die Seite, die ihm wegen des süßen, halbnackten Mädchens gefiel, in seinem Logis zwischen seine sonstige Sammlung an die Wand gepinnt. Durch das Bullauge hatte es den unbeabsichtigten Weg zu Hishwa gefunden. Das Schaumäuschen darauf schien der Dorschangel sonderbare Ähnlichkeit mit Hishwa zu haben. Und Hishwa entgegnete, obgleich es Zufall sei, sei es doch hübsch und wie ein Gleichnis für das, was geleistet werden solle. Dann löste sie die kleine schwarze Sonne mit den beiden weißen Querstreifen und den beiden silbernen Buchstaben und heftete sie der erstaunten und ein wenig betretenen Kalifornierin wie eine geheimnisvolle und hochwertige Verleihung an die zitronengelbe Kante ihres Mantels. Aber nur zur Probe, dann steckte sie die geliebte Nadel an den alten Platz zurück und nahm auch die Magazinseite wieder an sich.

„Eines Tages fahren wir nach Afrika, die Heiden zu bekehren!“ sagte sie mit heißen Augen.

Hoggard, der Koch, hatte inzwischen, da er so ganz außer Kurs zu geraten drohte, ebenfalls verschiedene Gläser auftischen lassen. Als er aber mit seinen unzureichenden Fahrtkenntnissen in den Fluten des Feuerwassers nur lächelnde Ablehnung bei den Damen fand, trank er sie betrübt allein. Er winkte auch einen Händler heran, der seinen Kasten mit allerlei soldatischem Bedarf durch die Menge zwängte ... Ob er den Damen dann wenigstens ein Messerchen oder eine hübsche Taschenlampe widmen dürfe, fragte er, voll Drang nach ritterlichen Taten.

Hishwa tätschelte kurz und unverbindlich über den geröteten Kürbis seines Hauptes. Im Gegenteil, meinte sie, er solle dem Steuermann Tamp gerade von ihr etwas als Erinnerung und als Talisman geben.

Damit erstand sie einen kleinen Herzpanzer, der, an einer Lederschnur getragen, dem Schutze der in den Kugelregen ziehenden Helden dienen sollte.

„War er hübsch?“ fragte Hishwa ihre Nachbarin und hauchte einen Kuß auf das gewichtige Eisenblech, das heißt, sie tat im nächsten Augenblick wirklich, als habe sie nur daraufgehaucht, und wischte mit dem Handschuh darüber hin, als wolle sie den Glanz erhöhen.

Die Dorschangel sah überlegend auf eine winzige Uhr, die sie aus der Öffnung ihres Perlbeutels herausdrückte. „Ich mache mir nichts aus alledem,“ erwiderte sie, „ich gehe jetzt sogar und sage den dreien ab bei Ostlers.“

Wie ein schüchterner Backfisch reichte sie dem Koch die Hand. Sie nickte dem Matrosen zu, den sie vorher verlassen, als bemitleide sie tief, daß er je ihr Opfer gewesen sei.

„Um neun also in der Schwarzen Sonne!“ schärfte Hishwa noch einmal dem begossen zurücksinkenden Hoggard ein. Sie fühlte den Rausch einer Sendung. Sie sammelte ihre Schäfchen, sie hielt Fischzug, sie hatte ihr Netz auf der Höhe ausgeworfen, und die Weisung dazu war geheim und unbewußt ergangen. Nun galt es, der Billigen Dorschangel, der schönen, leichtsinnigen Ketty behilflich zu sein, den Fallstricken des Bösen auszuweichen und nicht von neuem zu straucheln.

Ihre eigene Sache aber lag so: Sie hatte nach Hause gewollt. Erstens gingen viele. Zweitens war sie der Mission etwas überdrüssig. Drittens hatte sie eine ungeklärte Angst vor Dr. Burn, der sie sicher auf ihre Fähigkeiten prüfen würde. Zudem ließ sich nicht leugnen: ihr Missionsdirektor war ein Nigger. Aber erstens war es zu Hause auch nicht erfreulich. Zweitens war und blieb Burn der unerhörteste Prediger seines Jahrhunderts. (Wie denn hätte sie sonst überhaupt in diese Schwarze Sonne geraten können!) Drittens würde sie mit einer Beute kommen. Zudem schien eine neue, erfrischende Aufgabe möglich: Seelenfischerei in Neuyork selber, und das an höchst lustigen Orten.

*

Das Lokal von Ostlers strebte, wenigstens in den hinteren Teilen, eine gewisse anheimelnde und mit Lorbeerbäumen verzierte Lauschigkeit an. Es war wegen dieser Seltenheit und trotz der hohen Preise ein begehrter, aber auch verrufener Treffpunkt und war heute gefüllt von abschiednehmenden Paaren. Die beiden gingen hindurch, beide ziemlich beklommen, Hishwa wegen der Ungewohnheit, Ketty wegen der vorgenommenen Absage. Neben der Statue einer bronzenen Flötenbläserin erkannte Hishwa plötzlich ihren Vater.

Sie wollte sich ungesehen ein wenig verziehen. Denn betreffs der Rückkehr in den Schoß der Familie hatte sie es sich schon wieder überlegt. Ketty hingegen steuerte gerade auf den und keinen anderen Tisch zu, an dem noch mehrere Herren in höchster Ausgelassenheit tafelten.

Hishwa hielt ihre Begleiterin zurück. Blaß fragte sie, wer von denen es denn sei.

„Der mit der Melone, der Graue, der Yankee, der mit dem langen Hals“, sagte die Dorschangel achselzuckend, als verberge sie, sich zu schämen.

„Komm mit hinaus!“ flüsterte Hishwa. „Die drei also sind es, mehr sind nicht am Tisch. Laß sie einfach sitzen, sie sind es nicht besser wert!“

Sie hatte auch den Reeder und den Kapitän von der „Merryland“ erkannt. Ihr war gegenwärtig, was Tamp von Smithson gesagt hatte. Und ihr ehrenwerter Papa war der dritte im Bunde? Und die drei, und er mit, standen im Begriff, dieses unglückliche, gefallene Geschöpf namens Ketty noch tiefer in den Sumpf zu stoßen!

„Der Herr hat mich gestern verpflichtet, ein großer Schiffsverkauf oder so etwas soll mit mir auf eine nette Weise gefeiert werden. Es ist nicht anständig, zu kneifen, andere werden es zu büßen haben“, antwortete Ketty und sandte bedenklich lange Blicke in Richtung der munteren Runde.

„Anständig? Ich will dir etwas sagen!“ sagte Hishwa ruhig, aber bleich wie die Kelche der Mattglaslampen. „Mein Vater ist dabei.“

Die Dorschangel war nicht wenig erstaunt. Dann lachte sie breit und meinte, nicht ohne dunkle Überlegenheit: „Das macht nichts. Deinen eigenen Vater brauchst du ja nicht gerade zu übernehmen. Bleib da und tu mir einen Gefallen, du übernimmst etwa den mit dem roten Schnurrbart.“

Hishwa drehte sich um. Ihre Kraft versagte. Das Böse war eine grausig schwierige Sache, und sie war im Begriff, sich geschlagen zu fühlen und zu flüchten. Ketty hielt sie fest, mit angstvoll grob zupackenden Fingern: „Halt! Ich habe es nur aus Jux gesagt. Es sind drei schreckliche alte Bambusen. Das heißt, über deinen Papi will ich nichts gemeckert haben!“

Somit wollten sie sich beide gerade zurückpirschen, als der Makler zufällig ein spähendes Auge durchs Lokal schickte und seine Tochter sah. Und diese merkte es. — Er zuckte deutlich zusammen. Aber die beabsichtigte Verdeckung auf beiden Seiten führte zu einem unecht freudigen Aufleuchten beider Gesichter. Der Vater sprang unsicher empor.

Inzwischen hatte auch der Yankeereeder seine bestellte Freundin erkannt und rückte steif, gebläht und kullernd heran wie ein alter Puthahn. Hishwa schanzte sich, ein feuriger Cherub, vor die verlegene Dorschangel. Es gab eine so lächerliche als mißbehagliche Szene, da sowohl der Makler wie der Reeder in ihrem hochprozentigen Glimmer weder schnell noch klar die Zusammenhänge zu erfassen vermochten.

Hishwa wandelte sich in ein sprühendes Tier der Offenbarung.

Ihr Papa, der ahnungsweise einen dummen Verrat oder fromme Schnüffelei zu wittern glaubte, zudem von ihrer nun ihm sichtbar werdenden Bekanntschaft mit einer als anstößig verschrienen Person befremdet, drohte herantretend mit dem Finger, lud sie ärgerlich ein, doch höflicherweise wenigstens eine Tasse Tee mitzutrinken. Der Reeder fügte unter Schluckauf hinzu, es dürfe auch Hock oder französischer Champagner sein, und der übervolle Kapitän sang, an seinen Platz gelötet, lauthals einen Schlagerkehrreim, der die höchst eindeutige Aufforderung zu einer süßen Stunde „Traum der Liebe“ enthielt.

„Wir haben edlere Aufgaben vor uns und müssen es verschmähen, den verabscheuungswürdigen Absichten dieser Herren zu willfahren! Wir haben hier nichts zu suchen, wir wollten nur absagen! Und das ist alles!“ eiferte Hishwa, und die kleinen Flips, die sie getrunken, stiegen ihr glühend in die Wangen.

Der lange Reeder verstand es einigermaßen. Er ruckte den Geierhals vor und zurück, trillernd: „Huch, ihr kleinen Mäuse, nun seid doch nicht so spröde!“ Er hatte diesen Satz vor Zeiten in einem verfänglichen Roman gelesen und lange, von früher verwöhnt, auf eine Anwendung gelauert. Denn die Polizei hatte in seine einstigen Tanzmädchenfrachten nach Rio eine höchst taktlose Einsicht genommen, was ihn damals geraten sein hieß, Fracht und Kurs zu ändern. Und Gott schickte ihm zur rechten Zeit den europäischen Großkrieg, mit dem ein gleich gutes Geld zu verdienen, es sich gnädig ergeben hatte, ohne daß seine einstige Neigung für hübschere Verladungen unter den Schießkisten erstickt worden wäre.

Hishwas Vater nun verstand die tochterliche Absage anders, wenngleich auch nicht falsch, als er aufrichtig bestürzt antwortete: „Kind, du kommst also wirklich nicht zurück zu deinen flehenden Eltern? Kindchen, Hishwa, was ist wieder in dich gefahren, ich flehe dich an um alles in der Welt, es ist Krieg, und du verläßt uns wieder, kaum daß wir dich neu an unserem Herzen gespürt und zurückgewonnen? Gehst du etwa wieder in deine schwarze Höhle, ist dein Niggerpastor, verflucht sei sein Kadaver, etwa wirklich gekommen? Kind, ich warne dich, ich entziehe dir mein Konto, höre auf deinen armen Vater, es ist etwas im Geschehen! Lieber melde dich zum Dienst an unserm Vaterlande, an unserm weißen Lande! Amerika ist weiß, alles andere ist Dreck und Stiefelwichse!“

„Hick!“ krächzte der Reeder. „Habt ihr es mit Schokolade getrieben? So kehrt zurück, ihr kleinen süßen Leckerzähne! Hier fließt die wahre Sahne, Gottes schneeweiße Milch, das sind wir!“

Der Makler, auch über den albernen Smithson wenig erbaut, fuhr, dem Schlagfluß nahe, fort: „Hishwa, ich sage dir, geh fort aus dem Schandloch, aus dem Niggerstall! Oder du sollst erfahren, es ist hundsgefährlich da, Todesgefahr für euch alle! Wir werden beschließen — der Klub wird — wir werden den Stall ausmisten, wir werden dich befreien müssen, verlorenes Kind!“

„Der große Türke! Hihi!“ kullerte Reeder Smithson, mit einem kameradschaftlich drohenden Seitenblick auf den Makler: „Er soll sie wohl mal ein bißchen umrühren, eure Schokolade! Laßt uns nicht allein, ihr zuckersüßen Tautropfen, oder wir müssen uns entschädigen mit Teer und Federn an euren Haremswächtern! Hupp!“

Die Gäste des Betriebes waren aufmerksam geworden. Jemand, der etwas von Niggern fallen hörte, rief zum allgemeinen Genuß: „Kuklux!“, wie eine Kuckucksuhr.

Hishwa und die papageienhaft gekleidete Ketty eilten beide unglücklich genug hinaus, nahmen, so rasch es ging, ein Mietsauto und fuhren davon, Harlem zu, zur Schwarzen Sonne.

*

Nachschrei und schleich

Der Dirne gleich,

Reich dich dem Geiste hin!

VII

Nach zwei Stunden kam der Steuermann Tamp vom Anwerbebüro zurück. Der Betrieb im Goldkorn war unvermindert. Aus der Tür wand sich ein Handelsmann mit einem Bauchladen voll feldgrau gestrichener Taschenlampen, Leibriemen, Extrakoppel, Dolche, Klappmesser und sonstiger Ausrüstung für den europäischen Kriegspfad. Er hielt Tamp ein handgroßes, herzförmiges und sohlendickes Stück Eisenblech an einer Schnur entgegen. Es sei dies der wahre Panzerschutz und Lebensretter, der patentierte Bedecker des edelsten menschlichen Teiles und undurchdringlich für die stärksten Dum-Dum-Geschosse.

Tamp lachte finster und spuckte aus. Er wühlte sich schnaubend durch den Strom, der die Tische umschwoll. Er rief Banders an, ob sein Gepäck da sei. Es war noch nicht da. Im Hintergrunde brannte schon Licht. Er fluchte, wischte sich die Schläfen, ließ sich wortlos neben Hoggard niederfallen. Er fragte nichts, obgleich er Hishwa vermißte. Er bestellte sein Glas. Ihm kam die Besorgnis, daß es hier nicht gerade erste Kajüte sei in bezug auf allgemein natürliche und namentlich beim Likörtrinken folgerichtige Anlässe, besonders für Damen. Er zog seine Pfeife hervor und stopfte sie umständlich, während der Koch unruhig einen flachen Gegenstand unter der Pranke hin und her schob und ihm erwartungsvoll zusah. Tamp erkannte ein Ende Schnur. Es war von derselben Sorte, wie sie ihm eben vor der Tür entgegengebaumelt hatte. Er lachte mitleidig: „Armseliger Hund, du solltest lieber auf Gott vertrauen!“

Hoggard verzog voller Unmut die stoppligfetten Schluchten seines Gesichtes. Aber er hielt mit Nachdruck an sich. „Sagen Sie mal erst, Steuermann, wie es geworden ist!“ entgegnete er, den dicken Finger hebend, als gelte es, ein Kind zu überraschen.

„Geworden ist?“ löste sich ein Pfropfen in Tamps Kehle. „Angemustert, Herr! Morgen raus, heißt das! Und heute an Bord. Auf U.S.S. Artagan. Das Biest liegt draußen, ich sah es schon, voll über Topp gewimmelt, vor der Battery, wie ein Inserat, den blauen Peter und die Lotsenflagge steif und hoch.“

„O mein Gott!“ sagte Hoggard dumpf. „Morgen schon.“

„Morgen mittag ab und ade! Ostereier fürs Publikum. Und um fünf Uhr heute bin ich auf Governors Eiland zum Sachenempfang!“

„Mein Gott, heute schon!“ sagte der Koch schmerzlich. „Jaja, da geht es dahin, und wir bleiben hier und seufzen in den Mond und machen Männchen vor den blanken Knöpfen und sprechen: ‚Zu Befehl, Herr Decksoffizier!‘“

Tamp erwiderte nichts. Finster saß er da. Der Koch fuhr fort, mit munterem Neid, die Hand auf seiner Schulter: „Ja, Sie als erster Steuermann, als junger Kerl! Was Wunder, und die Weiber am Band. Diese Tochter des dicken Maklers, sie trägt ein Andenken an Ihre Kammer in der Handtasche.“

Tamp tat, als überhöre er die freche Anspielung auf etwas, das nicht geschehen war. Es kitzelte ihn, den Irrtum, der da vorlag, sei es wie es wolle, als nicht unrühmliche Tatsache in der Luft hängen zu lassen. Somit schüttelte er nur den Kopf wie einer, dem es nicht darum zu tun ist, an ein Geheimnis erinnert zu werden.

„Man könnte mich ebensogut einsperren!“ lachte er heiser. „Hat sich was mit sonstwas. Ich bin Bunkerschwein, Heizer. Das ist gut genug für einen Hundsfott wie ich, der sich für diese Aasgeier abgeschunden hat. Mein Vater kam aus diesem süßen Deutschland. Als wenn ich ihn gerufen hätte! Das ist es!“

Der Koch stimmte in seine klägliche Miene ein. Er murmelte, daß sie enttäuscht sein werde, so feine Damen gingen nur mit Offizieren, aber der, der die Sünde der Väter heimsuche, kenne keine Ausnahme. Zugleich entblößte er die Metallplatte und schob sie Tamp hin. Er solle sie ihm von Fräulein Dulbort überreichen. Sie habe sie extra für ihn gekauft. Für das tapfere Herz. Und zum Angedenken. Das seien ihre eigenen Worte gewesen.

Tamp antwortete nichts. Er sah auch das alberne Ding nicht an. Er zog an seinem Brösel, als verschlucke er einen Kohlstrunk. Der Koch ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, dringlicher fortzufahren. Es sei gewiß, so lächerlich es anmute, man dürfe dergleichen nicht zurückweisen, was aus so reiner Hand komme. Es werde ihn mit himmlischer Hilfe beschützen.

Plötzlich schrie Tamp ihn an: „Laß mich in Ruh mit deiner Suppe! Wo ist sie denn zum Donnerwetter! Sie wollte doch warten!“

Der Koch sank in vorwurfsvoller Demut einen Stock tiefer. „Glauben Sie, Steuermann, diese Damen hätten nichts Besseres zu tun, als neben einem alten abgemusterten Seefahrer in einer Spelunke umherzulungern? Der ich nicht einmal etwas von Likör verstehe? Sie saßen hier auf meinem Pelz, eine Schnepfe und eine Dame. Und die Dame ging mit der Schnepfe davon, um ihr das wahre Heil zu zeigen, wie ich hörte, und nachdem sie Ihrer rührend gedacht, wie Sie sehen!“

Damit schnippte er so mit einem Finger von neuem an den kleinen Herzpanzer, bis daß er Tamps Faust berührte. Tamp zuckte zusammen, schleuderte das Ding zurück, aber die Schnur blieb an seinen Ärmelknöpfen hängen. In diesem ärgerlichen Augenblick tauchte der Kajütsjunge Mac hinter den Köpfen der Nachbarn auf, was eine jähe Drehung in die Faust des Steuermannes brachte, so daß das Blechstück mit einem Ruck und Fluch in seiner Hosentasche verschwand.

Mac legte die Hand an die Mütze und meldete, das Gepäck sei hier bei Banders abgeliefert. Tamp fuhr ihn an, die Beschämung mit der Panzerplatte umschaltend, warum er so spät mit dem Hanf überkomme. Mac machte sich noch knapper. Heute gehe das Vaterland vor, er habe sich als Erster gemeldet, aus Pflicht und wegen des Andranges. Und er sei sofort als Rekrut angenommen, für U. S. S. Artagan.

„Da kann ich dir ja einheizen!“ gröhlte Tamp auf. Er lachte, aber es klang nicht erbaulich, und der kleine Mac hauchte: „Jawohl, Herr Leutnant!“ Und verschwand trotz des Gedränges mit militärischer Wendung.

„Es ist dasselbe Schiff!“ stöhnte Tamp ingrimmig; er fügte hinzu, daß es sicher noch ein Unglück gebe mit ihm.

Der Koch ging mit hinaus, schneuzte weinerlich in ein blau geblümtes Taschentuch. Man roch, daß er reichlich Alkohol getrunken hatte. Es sei so furchtbar schade, heute abend gerade sollten sie da hinkommen, sagte er, wo sie auch sei, in die Mission zur Schwarzen Sonne, oben in der Stadt, in der St.-Nicholas-Straße, wo ein Schild auf dem Hause steht.

Tamp schlug ihm auf die Achsel. Er solle nur hingehen. Es sei ja sehr fraglich, wer das bessere Teil erwählt habe.

Sie kamen den schäumenden Broadway hinab und an die Fähre nach Governors Eiland.

„Ich wette, wir sehen uns noch!“ sagte da der Koch plötzlich aufleuchtend. Die graudurchsonnte Nachmittagsbrise und der Aprilduft von Wasser und jungem Gras belebten ihn.

Aber Tamp war schon vom Gedränge des Militärs, das den Steg anfüllte, verschlungen.

*

Mit ellendickem Erz dich lückenlos umgib:

Gott bläst durch dich hindurch wie durch ein leeres Sieb.

VIII

Das Missionsgebäude zur Schwarzen Sonne war sechsstöckig, gut erhalten und trug an seinem Dachsims ein Gestell aus Glühlampen, welche bei Dunkelwerden abwechselnd himmelblau und schwefelgelb zu prangen begannen. Weit über die um ein weniges niedrigeren Dächer der Nachbarschaft und bis hinüber zu den Terrassen des Morningside-Parks strahlten sie die Worte des Apostels: So sind wir ein Schauspiel geworden für Welt, Engel und Menschen! 1. Kor. IV. 9.

Zu beiden Seiten des Einganges, der mit Granitstufen, Schmiedeeisen und geschliffenem Glas üppig ausgestattet war, hingen zwei beleuchtete Plakate, auf denen ein schwarzer Prediger in einem tadellos sitzenden Gehrock, nicht ohne reiche Andeutung frischer weißer Wäsche, zu einer Gemeinde kniender, halbnackter Neger spricht, welche durch eine blonde Engelsgestalt von unzweifelhaft angelsächsischem Typ mit einer Art Nachthemden versehen werden. Der Text besagte, schlicht und recht, daß Dr. Josua Burn, Missionsdirektor der Schwarzen Sonne, über das Werk des Heils in Afrika aus persönlicher Anschauung zu sprechen gedenke.

Dieses Plakat hatte man auch andernorts gesehen, obschon nicht in Harlem, sondern in den eleganteren Stadtteilen, und zwar in Kaffeehäusern und Teestuben, die sich des Zuspruchs vornehmer Damen erfreuten. Im übrigen aber waren vorzüglich aufgemachte Einladungen an verschiedene, der Äußeren Mission nahestehende Frauenzirkel ergangen, namentlich methodistischer Einstellung. In diesen galt die Gründung der Schwarzen Sonne, dieser von einem ungewöhnlichen Neger geleiteten Missionarinnen-Schule, oder, wie man zu sagen neigte: Engelsschule, allgemein als durch die angesehene Gesellschaft von Lyon zu St. Louis gefördert, welche nirgends öffentlich bestätigte Legende — als solche erwies es sich später — den Wetteifer anderer Vereinigungen und selbst Richtungen anzustacheln geeignet war. Und die schützenden, zum Gebet geformten Hände gebildeter frommer Damenklubs umgaben durchsichtig wie die gläserne Birne den Glühfaden, obgleich selber unleuchtend, so doch nicht unwichtig die auffällige Strahlung dieser wahrhaft einzigartigen Schwarzen Sonne.

Ehrwürden Burn, ein freier Neger, Inhaber des Doktortitels für Theologie und Philosophie, stammte aus dem Staate Texas. Sein Vater hatte dort eine einträgliche Geflügelfarm betrieben, doch nun seit einigen Jahren das Zeitliche gesegnet, weshalb die Mutter, eine ungewöhnlich korpulente schwarze Matrone, ihrem Sohne vor kurzem nach Neuyork gefolgt war, etwas gegen seinen Willen allerdings, und nun ein in ihren Kreisen bekanntes üppiges Haus in Harlem bewohnte. Sein Großvater war noch Sklave auf einer Baumwollfarm des Südens gewesen und hatte noch afrikanisch Bulu, dem Taufnamen nach jedoch Habakuk geheißen, sich aber nach der Freilassung, die in seinem Dienstverhältnis an dem abgelegenen Platze wenig änderte, auf Anraten des Bezirksschreibers einen neuen Namen zugelegt, der richtig wie ein weißer aus Vor- und Nachnamen bestand, und sein dunkler Finger war in dem ihm bezeichneten kurzen Stück Liste, welches aus den glorreichen Namen der amerikanischen Präsidenten und Feldherren sowie der großen Dichter englischer Zunge die enthielt, die dem Worte Bulu ähnlich waren, auf Robert Burns hängengeblieben, was aber aus Unachtsamkeit des Beamten auf seinen Papieren als Burn eingetragen wurde. Zwei Tage später, als er sich stolz verbat, mit Bulu oder mit Habakuk angeredet zu werden, und als freier Mann darauf hinwies, sein Name sei Mister Habakuk Burn, prügelte ihn der Aufseher zu Tode.

Der kleine Josua, dessen Vater dann in Texas eingewandert war, hatte sich schon früh durch Begabung ausgezeichnet. Das äußerte sich sowohl in heimlichem und kostenlosem Anschaffen von besten Zuchthennen aus der weiteren Umgegend als auch im Fußballspiel und Boxen. In der Landschule geriet er unter den Einfluß einer wohl gebildeten, aber fanatisch religiösen halbfarbigen Lehrerin, die den gerissenen, doch tief im Grunde von dumpfer Phantastik erfüllten Knaben hinter verschlossener Tür in beschwörender Verzückung die Fackel Afrikas nannte. Sie auch setzte es durch, daß der junge Josua auf der Hochschule zu Texas Theologie studierte. Er selber neigte noch während seiner ganzen Universitätsjahre zur Laufbahn des Baseball- oder Boxchampions, auch aus wirtschaftlichen Gründen, obwohl ihm seine Farbe manche Kränkung einbrachte.

Sobald er jedoch promoviert hatte, es geschah durch mancherlei Hindernisse erst mit seinem 28. Lebensjahre, änderte sich sein Sinn. Der Ruf seiner Begabung war schon hier und da hindurchgedrungen. Die N.A.A.C.P., die große nationale Vereinigung zur Förderung des farbigen Gedankens, bot ihm ihre restlose Mithilfe an, jedoch er behielt sich seinen eigenen Weg vor, widerstand den verlockenden Weihen gutbezahlter Predigerstellen, schlug die Posten bedeutender Missionsgesellschaften aus und begab sich, ehrgeizig auf sich selbst gestellt, auf eine Wanderung, die ihn als Evangelisten und Erweckungsredner durch alle Städte des Nordens, Ostens und Westens der Staaten führte. Seine Art zu reden erwies sich als außerordentlich wirkungsvoll, man sah in ihm den Prediger der alten Zeit auferstehen. Doch sehr schnell begann er, sich auf ein Sondergebiet zu beschränken und für die afrikanische Mission zu werben. Er lehnte sich an keine der bestehenden Einrichtungen an und warf vor allem die Gefahr der Verislamung des schwarzen Erdteils in die christliche Wagschale.

Man genoß ihn wie eine Mode, feierte ihn wie einen letzten kostbaren Schrei. Im zweiten Jahre wurde er von einem weißen Geschäftsführer begleitet, angeblich einem geflohenen russischen Popen. (In Europa war damals das große Gemetzel auf seinem Höhepunkt.) Er wagte sich sogar in den Süden. Sein Ruhm war so bedeutend, daß er die Kühnheit besaß, bis in die Bäder Floridas sich mit einer so weißen als blonden Sekretärin zu zeigen, was ihm nicht gut bekommen sein soll. Zumindest brach ein Blättergelächter los, als ihm ein begüterter Industriesprößling das außergewöhnlich hübsche Mädchen von der Schreibmaschine wegheiratete.

Trotzdem hatte sein Ruf im Norden nicht gelitten. Man pries nach wie vor seine unerhörte Rednergabe, dazu seine amerikanisch fromme und demokratische Gesinnung, seine sportliche Vergangenheit, sein achtunggebietendes Äußeres und seinen wachsenden Reichtum. Und immer wieder fand man die Geschichte von seinem totgepeitschten Großvater aufs rührendste ausgesponnen in jenen Zeitungen, die freiheitliche Duldung, Nationalismus, praktische Vernunft, Sportinteresse und kirchliches Gemüt zu verbinden, ihren Lesern täglich neu zusicherten.

Die Öffentlichkeit hatte allerdings keine Ahnung von Burns Mama, die inzwischen nach Chikago verzogen war und sich mit Geschick und durch Zufall Leitung und Besitz eines berüchtigten Hauses angeeignet hatte, indem der Besitzer, ein Schwarzer, sie aus der Küche in den Salon erhob, sie heiratete und ihr somit den Namen Madame Silk vermittelte. Nicht lange währte diese Ehe, die sich durch Zärtlichkeit ausgezeichnet haben soll, da erlag der ebenso reiche als skrupellose Herr Silk einem Handgemenge am Spieltisch.

Der große Verkünder nun hatte auf Grund umfänglicher Stiftungen schon nach kurzer Zeit ein eigenes Haus in Neuyork kaufen und nach seinen Plänen aufziehen können. Er taufte es: Die Schwarze Sonne. Es sollte der Ausbildung von Missionsschwestern dienen. Die äußere Leitung aber legte er klugerweise in weiße Hände. In der Rechtspresse begann nun allerdings ein warnendes Gemunkel. Es waren Töchter ziemlich begüterter und nicht schlechter Namen dem beredten Einfluß dieses Negers gefolgt, und das ging entschieden zu weit.

Damals tauchte im Herald zuerst das zynische Wort „Blondjäger“ auf, da Burn, in Übereinstimmung mit jenem römischen Papst, der beim ersten Anblick gefangener Angelsachsen von Engeln sprach, das helle Haar einer besonders engelhaften Wirkung für gewiß hielt, namentlich bezüglich Afrikas.

Kurz und gut, besonders unangenehm war dabei, daß die Stiftungen plötzlich magerer flossen und auch der Andrang heilsdurstiger Mädchen spärlicher wurde. Wohl ließ sich das Neuyorker Haus nach wie vor gut füllen, aber an Nebengründungen zu denken, hatte wenig mehr Sinn. Es galt nun wenigstens das Heim zu Neuyork unter gewissem Pomp zu halten. Nur daher kam es, daß sich der große Missionar den heftigen Einspruch verbiß, als seine Mama nach Neuyork übersiedelte. Es fesselte sie nichts an den Ort jener Bluttat, die zum zweitenmal eine Witwe aus ihr gemacht hatte. Zudem empfand sie Sehnsucht, in der Nähe ihres berühmtgewordenen Kindes zu verweilen, und da ihr Vermögen kaum den Zielen ihres Sohnes gewachsen schien, setzte sie kurzerhand ihr einträgliches Gewerbe fort, ihre Salonmischung aus Spielklub und zarten Möglichkeiten. Der „Nachtfalter“, in einer stillen Seitenstraße Harlems gelegen, und Madame Silk selber waren in jenen Kreisen, deren ungeschriebenes Einvernehmen nicht nur von Chikago nach Neuyork, sondern um den ganzen Erdball reicht, bald in hohem Grade angesehen und besucht.

Der Schwarzen Sonne flossen nun wieder reichliche Mittel zu, ohne daß jemand von der Beziehung der beiden so gegensätzlichen Einrichtungen etwas ahnte. Nur dem Missionsarzte Dr. Connel hatte Burn für den Fall, daß ihm etwas zustoße, mitgeteilt, wo seine Mutter in Neuyork wohne. Und Connel war später der erste von der Schwarzen Sonne, der das elegante Haus Madame Silks betrat, um Auskunft über den Verbleib ihres Sohnes zu geben (und aus innerster Freundschaft zu Burn nicht ohne Wissensdrang). Aber selbst der Reeder Smithson, einer der besten Kunden des „Nachtfalters“, der sich schmeichelte, auf Grund alter Erfahrungen ein bißchen in das innere Getriebe des Hauses eingeweiht zu sein, kam erst nach seinem schmerzlichen Abenteuer und seiner Genesung in der Mission hinter das nahe verwandtschaftliche Verhältnis. (Worüber noch berichtet wird.)

Das hübsche Geld füllte die Stiftungsspalten auf der Bank. Burn hegte unruhige Gewißheit, heuchelte sich dennoch vor, er wisse nichts, und ließ für den ungenannten Spender beten. Heimlich fürchtete er Entlarvung seines eigenen Gewissens, fürchtete seine innere Auflehnung, dann erst äußere Schmach und Störung, Zerstörung des Werkes, dem er sein Leben in wahrhafter Inbrunst gewidmet hatte. Er war kindlich genug, an Flucht zu denken, um dem Geraune seiner Einbildung und seiner Selbsttäuschung zu entrinnen. Auch sagte er sich einfachen Gemütes, daß man das dunkle Freudengeld heiligen könne und müsse, indem man Ungewöhnlicheres damit zu Gottes Wohlgefallen begleiche: eine Kreuz- und Wallfahrt etwa, mit der die endlich notwendige Inaugenscheinnahme des eigentlichen Zielfeldes seiner Mission zu verbinden sei. Zugleich würde man der heimischen Presse längere Zeit entzogen sein, und vielleicht konnte man einer gänzlichen Übersiedlung der Schwarzen Sonne nach drüben vorarbeiten. Somit faßte er seine Absichten zusammen und machte sich auf eine Reise nach Mittel- und Südafrika.

Einige Schwestern begleiteten ihn und sollten den ersten, versuchsweisen Missionstransport bilden. Er wählte, weise genug, solche Mädchen, die keinerlei nennenswerten Familienanhang in den Staaten besaßen.

Die Kriegsereignisse raubten dem Unternehmen fast jede öffentliche Beachtung, und auch die Rückkehr des großen Verkünders hatte vorerst kein Aufsehen erregt.

*

Schlüpf wie ein Stein

Der Schleuder ein,

Sein sind die großen Würfe.

IX

Josua Burn war allein zurückgekommen, nur begleitet von seinem treuen Diener Sabsai. Er hatte die Huldigungen seiner Mitarbeiter und ihre Berichte entgegengenommen, hatte dem Chore der „Funken“ und der Ehrenmusik bei seinem Einzuge gelauscht, das kleine Festmahl geleitet, alle Räume durchschritten und hatte sodann im Ostflügel des dritten Stockes in seinem alten Zimmer Wohnung bezogen. Er ließ die Abrechnungen aus der Verwaltung heraufkommen, verwies aber Besuche auf den Nachmittag, da er die abendliche Begrüßungs- und Werberede noch vorzubereiten gedachte.

Schon vor der verabredeten Nachmittagsstunde meldete sich der Hausmeister, der zugleich Leiter des gemischten Chores und jener erwähnte Russe war, in dringlicher Sache.

Herr Pjoff füllte Burns stilles Arbeitszimmer alsbald mit eilfertiger Unruhe. Es sei von seiten einer der Schwestern, der Tochter des Maklers Dulbort, die Befürchtung ausgesprochen worden, der Ku Klux Klan, durch die Tagesereignisse aufs höchste völkisch entflammt, werde die Versammlung der Schwarzen Sonne stören wollen. Das Wiedererscheinen des großen Verkünders sei also doch nicht so spurlos im Strudel des Kriegsgeschreis untergegangen. Und schon fürchtete man in einigen Familien aufs neue für die Töchter, von denen ja ein beträchtlicher Teil gestern sofort aus dem Dienste der Schwarzen Sonne ausgetreten sei, oder milder gesagt, sich für die freiwillige Samariterschaft in diesem unsinnigsten aller Feldzüge beurlaubt habe. Herr Dr. Burn sei bedauerlicherweise einen Tag zu spät eingetroffen, man habe ihm, dem Hausmeister und Musikleiter Pjoff, die endliche Heimkehr des Missionsdirektors und ungekrönten Bischofs von Afrika einfach nicht mehr geglaubt.

Burn wandte bei der pompös vorgebrachten Nennung des ungewöhnlichen Titels sein noch vom Manuskriptlesen bebrilltes breites Gesicht dem weißhäutigen, nach Coldcream duftenden Sprecher mit dem byzantinischen Christusbarte zu. Er nahm die dicke schwarze Zigarre aus dem Munde und lächelte. Die gut geschliffenen, fast amerikanisch geformten Züge verloren die freundliche Gefaßtheit des allen Erschütterungen mit bewußter Demut gewachsenen Welt- und Gottesmannes. Er berührte mit streichelndem Finger die bernsteinfarbenen, seltenen Orchideen, die ihm eine der reichsten unter den Zöglingen auf seinen Schreibtisch hatte stellen lassen. Eine kindliche Pfiffigkeit zuckte über die erdnußdunkle Beize seiner Haut, und in dieser Minute sah man, daß er die Mitte Dreißig kaum erreicht habe. Das Gebiß, vorgewölbt zwischen den mächtigen Kiefern hängend, entblößte sich wie eine vor dem Zuschnappen blitzende Marderfalle.

„Pjoff!“ sagte Burn leise, und es klang schillernd, als platze eine Seifenblase. Er betrachtete den Mann, der wie ein weißes Gespenst vor ihm stand. Er war erschreckend ätherisch geworden, dieser Russe. Aber Burn verschob das Persönliche. Sachlich fuhr er fort, die Brille zusammenlegend. Seine Verspätung und der Austritt der Mädchen bedeute nichts. Andere würden kommen. Und wenn der K.K.K. es wagen solle, gut. Es werde Aufsehen erregen, das zu nutzen, die Schwarze Sonne sich nicht entgehen lassen könne. Immerhin solle Pjoff die Polizei auf die richtige Weise, nicht zu früh und nicht zu spät, bestellen. Anderweitig solle die abendliche Versammlung von früheren in nichts abweichen.

„Wir stehen in Gottes Hand!“ endete Burn das Gespräch.

„Und in der Lebensversicherung!“ fügte Pjoff hinzu, sich mit seinen dünnen Händen bekreuzigend. „Aber Ihre schwarze zu Chikago ist besser als unsere weiße allhier, Väterchen!“ Damit verneigte er sich seufzend und zog sich leise aus der Tür.

Burn nahm eine Mappe aus dem Schreibtisch, welche die Listen der Neuyorker Femeklubs enthielt. Er fand den Makler Dulbort als „Fackelträger des Großen Türken“ verzeichnet, als Großen Türken selber aber einen Reeder namens Smithson.

Nach kurzer, etwas müder Überlegung klingelte Burn seinem Diener Sabsai, einem geschmeidigen nordafrikanischen Burschen, der auch seinen Wagen lenkte, und ließ die Oberin Maria bitten.

Diese erschien mit dem Rascheln angestärkten Leinens, mit einem steifen Klappkragen über dem schwarzen Kleide, einem gefalteten Häubchen, einem goldenen Kneifer und dem Symbol der Schwarzen Sonne als kostbare Brosche. Sie war eine ältliche, säuerlich strenge Dame, ärmlichen Verhältnissen entsprossen, mit ehrgeizigem Fleiße nacheinander Lehrerin, Heilsarmeeoffizier, Schriftleiterin eines Sonntagsblattes und Evangelistin einer kleineren, nicht unbegüterten Sekte gewesen, nach dem erblosen Tode von deren Hauptgönner eine der ersten und begeisterten Anhängerinnen Josua Burns. Zutiefst überzeugt von der Notwendigkeit und Herrlichkeit des afrikanischen Zieles, waren ihr aber seit Burns Abwesenheit Bedenken gekommen bezüglich dieser angeblich gottgefälligen Davidstänze, des Pomps der Kleidung, der sündhaften Körperpflege und dieser übermodernen Musik, zu was allem Burn nicht nur seine Zustimmung gegeben hatte, sondern eine innerste Zuneigung zu hegen schien. Von den Zöglingen wurde sie insgeheim und sinngemäß „Korona“ genannt.

Burn hatte die Veränderung seiner hochgeschätzten und auch tatsächlich strebsamen, umsichtigen und energischen Mitarbeiterin gleich bei seiner Ankunft bemerkt. Nun begrüßte er sie noch einmal persönlich und ehrfurchtsvoll und bot ihr einen bequemen Sessel an. Dann beeilte er sich, den Rest seiner Zigarre zu töten, da sie den Rauch so schwerer Sorten nicht liebte. Sie begann sofort, ehe er nach Schwester Hishwa fragen konnte, mit leise klagender Stimme zu sprechen, streifte die plötzliche Verlassenheit des Hauses kurz und wie eine nicht ungerechtfertigte Folgeerscheinung und sang dann ein unlustiges Lied auf allerlei geringere Vorkommnisse während Burns Abwesenheit, auf Übergriffe des Hausmeisters, auf den Arzt, der häßliche Bilder und heidnische Götzen sammle, auf mancherlei leichtsinniges Benehmen der Zöglinge, im Labor beispielsweise sei einmal etwas Unaussprechliches unter einem Mikroskop gefunden worden. Man habe einen Verdacht leider nicht näher begründen können.

Auf wen sich der Verdacht gerichtet habe, fragte Burn höflich in ihre bedeutsame Pause und bot ihr Mandeln und Rosinen an, eine Näscherei, die sie und er bevorzugten.

„Es ist die Schwester Hishwa Dulbort, kürzlich erst zu den Strahlen aufgerückt“, antwortete die Oberin, das schmale Gesicht neigend, so daß ihr Kinn, welches romanisch-kanadischen Anklang verriet, verschwand und die Nase lang und spitz wurde. „Schwester Hishwa hat übrigens heute, wie sie sagte, einen Ersatz für unsere ins Feld Gezogenen gebracht und ist stolz darauf, auf diesen heiligen Fischzug, wie sie sagt, obwohl es augenscheinlich eine ganz ordinäre Person ist namens Ketty Gesh, ohne Familie, geschieden, aus Kalifornien, eine Person, deren Gewerbe: Unzucht und Verworfenheit, ihr aus Kleidung und Angesicht springt. Schwester Dulbort hat sich entschlossen, entgegen einer gestern gehegten Absicht, statt nach Haus wieder in die Schwarze Sonne zurückzukehren. Sie riecht, das ist kaum glaublich, nach Alkohol und hat, wie gesagt, Begleitung mitgebracht.“

„Die Tochter des Maklers Dulbort?“ sagte Burn nachdenklich. „Gerade wollte ich nach ihr fragen, ihr Vater wird uns diesen Abend vielleicht Ungelegenheiten bereiten. Wir sprechen noch über Verhaltungsmaßregeln. Haben Sie nun die große Güte, Oberin Maria, lassen Sie die beiden Damen mal kommen!“

Er wandte sich anscheinend seinem Manuskript wieder zu, indem er die schwarzgerandete Brille ergriff, doch besann er sich, sprang auf, bot entlassend seiner Mitarbeiterin, die noch manches auf dem Herzen zu haben schien, die wohlgepflegte, mit einem daumennagelgroßen Saphir geschmückte Rechte und begleitete sie an die Tür.

Die Tür schloß sich hinter ihrem raschelnden Gewande, aber Burn blieb noch einen Augenblick stehen und horchte durch das Holz ins Treppenhaus. Durch die Decke herab erschollen Gesang und Musik. Pjoff übte noch einmal für den Abend. Burn bemühte sich, so lächerlich es war, die Mädchenstimmen, die sich da vom Orchester abhoben, zu zählen. Es mochten keine fünfzig sein. Bevor er abreiste waren es über hundert gewesen.

Nach einer Weile hörte er zwei Paar leichte Schuhe sich seinem Raume nähern. Er begab sich mit einem tierhaften, lautlosen Sprung an seinen Schreibtisch zurück, ergriff ein faustgroßes, graues Stück Ambra, das da lag, und fuhr sich rasch damit durch den Rock unter die Achselhöhlen und, nach einem lauschenden Ruck zur Tür, auch unter die Hosenbeine um die Fußknöchel herum. Dann warf er sich in den Stuhl und nahm eine gelassene Haltung an.

*

Auferstehen willst du armer Tor,

Um dich hinzulegen wie zuvor?

X

Hishwa trat ein, die Dorschangel an der Hand. Beide waren befangen, und die Schwingungen der Flips, durch eine Dusche in Hishwas Schlafzimmer schon herabgedrückt, verebbten gänzlich in diesem dämmernd bedrückenden, heizungsschwülen Raume, der überstark nach teuren Riechstoffen duftete, ohne damit den süßlich-pfefferigen Geruch einer fremdartigen Ausdünstung gänzlich aufzusaugen.

Sie nahmen auf Burns milde Einladung Platz. Ketty geziert und lauernd, ohne das Auge von Burns Gesicht zu wenden, das, wie Hiswha mit Genugtuung bemerkte, durch die Brille gehoben, und wenn man von der Farbe absah, geistvoll und dazu sportmäßig männlich zu nennen war, allerdings mit deutlichen Spuren überwundener Entbehrungen. Die Lippen waren weniger dick, die Nase weniger platt, als sie Kettys wegen, der sie im Eifer einen Ausbund an Verkündergestalt versprochen hatte, sich zu erinnern gefürchtet hatte, die Ohren wohlgebildet, das Haar lag in einem tadellosen Scheitel und obgleich glanzlos schwarz, so doch ohne Andeutung üppiger Krausheit über einer hohen, durcharbeiteten Stirn. Ehrwürden trug weiche seidene Wäsche zu einer schwarzen, eng und flott geschnittenen Hausjoppe, ein gut gestreiftes Beinkleid, hellgraue Seidensocken und Lackpumps. Und was man nicht sehen konnte, er war ein Redner, ein unerhört seliger Redner. Hishwa erschauerte bei dem Gedanken an die Wirkung seiner Rede auf ihr zerfranstes, schnippisches Studentinnengemüt von damals.

Sie setzte sich hübsch zurecht, mit gefalteten Händen, und die brave Ketty tat es ihr erwartungsvoll nach, indem sie ihre prächtigen Beine mit den dünnen Florstrümpfen so eng wie möglich an sich zog; sie ließ den besten Willen herüberleuchten, alles zu tun, um kein unliebsames Aufsehen zu erregen.

Hishwa hatte sich schon in das gewöhnliche Schwesternblau des Hauses umgezogen, der Stoff war kostbar, und die Spitzenkrause, auf der ihr kleiner, schön beleuchteter Kopf ruhte, war echtes Brüssel. Sie wußte wohl, daß die arme Ketty trotz ihrer körperlichen Herrlichkeiten in ihrem billigen Seegrün abfiel, aber dennoch mußte und sollte es dem Dr. Burn wohl aufgehen, welch treffliche Beute und mit welch prachtvollem, dickem, sandgelbem Haar sie der Schwarzen Sonne zu bieten habe.

Das Licht in diesem dunkelgetäfelten Raume kam hell bronzefarben durch den Pergamentschirm der Schreibtischlampe. Hishwa sah an ihrer Nachbarin, wie gut es der Haut zu statten kam. Burn, nach einem wägend verbindlichen Blick für beide, vertiefte sich mit einer leichten, maßvollen Geste noch für einige Sekunden in die Blätter, die vor ihm lagen. In Wahrheit aber sammelte er sich.

Sein Verhältnis zu Frauen, freiwillige Enthaltsamkeit, war vormals durch Sport, später geistiger begründet gewesen. Er war ohne körperliche Erfahrung geblieben bis auf die Zeit in Afrika. Klima und Umgebung, Fieber, Einsamkeit und aufbrechende Urpulse, Heimatadern seines Blutes, hatten ihn in fürchterliche Zweifel gestürzt an seiner Sendung, seinem Glauben und seinen Lebensformen. In den Bergen am Njakisisee hatte er die jungfräulichen Gastgeschenke der Stammeshäuptlinge nicht mehr abgelehnt. Himmel und Erde waren ihm erschüttert, er stürzte zurück in den Urgrund verschollener Vorfahren. Nach drei Wochen unerhörter, ausmergelnder Raserei packte das Fieber den Erschöpften und führte ihn, der sich tobend wehrte, an die Schwelle des Auslöschens. Zwei seiner Missionarinnen, von Boten aus entlegenen Bezirken herübergeholt, pflegten ihn gesund, aber, als hätten sie die Kraft der Seuche von ihm ab und opferfreudig in sich selber eingesogen, so raffte es sie, blühende und liebreizende Geschöpfe, beide fast zu gleicher Stunde dahin. Dieses Erlebnis hatte dem Abtrünnigen neue Macht über sich selber und den Teufel in sich gegeben. Seine Erziehung, seine weiße Erziehung, hatte noch einmal über ihn gesiegt. Seine Heimkunft war verzögert worden, aber er kam zurück. In seinen Hirtenbriefen an die Schwarze Sonne waren allerdings Schwierigkeiten äußerlicher Art als Gründe angegeben. Die inneren Kämpfe und den Tod der beiden Schwestern hatte er vorläufig zu verschweigen als ratsam befunden.

Nun angesichts der beiden Mädchen in seinem Zimmer brach die Erinnerung an jene Tage, die er überwunden geglaubt, wie ein spitzer Quell in seinem Innern auf, und er fühlte mit Unruhe, wie er nicht wehtat, sondern kühl und letzend seine Gedanken befiel.

Er wandte sich mit einem verhaltenen Aufatmen seinen Besucherinnen zu.

Ob Schwester Hishwa sich entschlossen habe zu bleiben, fragte er, und ob sie wahrhaft einer neuen Aufgabe aus sich selber bewußt geworden, worüber noch gelegentlich zu sprechen sei.

Er wartete nicht auf den Ablauf ihrer stotternd angesetzten Antworten. Er las ihr und Ketty bequem von der Miene ab, was sie sagen wollten. Er dozierte somit fast, als fürchte er eine Unterbrechung. Es sei die Schwarze Sonne keine unbedingt klösterliche Einrichtung. Nur die Erfahrung der Welt, die unabgeschnittene Verbindung mit dem wirklichen Leben mache geeignet, dieses Leben zu meistern, es zu durchschauen und es zu verbessern. Gewiß gäbe es von den uralten Regeln des Gehorsams und der Keuschheit keine ungesühnte Ausnahme in diesem Hause und unter seinem Schatten. Und in bezug auf persönlichen wie unpersönlichen Reichtum sei hier im allgemeinen alles das Gemeingut aller, ohne daß natürlich, falls sich irgendwelche Fragen darüber ergäben, die Rechtstitel des Besitzes verdreht oder angetastet werden sollten.

In einem Schranke standen mehrere vergoldete und versilberte Musikinstrumente. Es waren alles Saxophone. Hishwa blickte an Burns Kopf vorbei darauf hin. Die Empfindung von heiterer Musik mit dem Beiklang des Orchestrions im Goldkorn machte ihr kleines banges Herz beschwingter. Nein, Dr. Burn ist kein Menschenfresser, dachte sie ermunternd zu ihrer Nachbarin. Siehst du nicht, daß er wie David ein Spielmann des Herrn ist? Schlägt er die Harfe nicht, so bläst er doch himmlisch Saxophon.

Ketty rutschte auf ihrem Sitze verlegen hin und her. Sie hatte sicher nicht recht verstanden, um was alles es sich da handle.

„Frau Ketty Gesh“, sagte Burn, „Ihre Bedenkzeit beträgt vierundzwanzig Stunden, so schreibt es die Missionsregel vor!“ Er erforschte ihr Gesicht mit einem so durchdringenden Blicke, daß sie erst blaß wurde und dann purpurn aufglühte. Sie drängte ihre ganze in bitteren Zeiten erworbene Frechheit zusammen, sie vermochte wohl ihren üppigen Mund zu öffnen, brachte aber noch immer kein Wort hervor. Hishwa fühlte sich gepeinigt durch diese Stummheit und hauchte statt ihrer ein begeistertes „Ja“.

„Ich kenne Sie nun“, sagte Burn mit bodenloser Einfachheit. Er reichte ihr aufstehend die Hand und fügte hinzu, daß er hoffe, sie in diesem Hause wiederzusehen. Sich zu Hishwa neigend, die bebend vor dieser Stimme und dieser Art und Weise ebenfalls aufgestanden war, lenkte er jedoch seine Aufmerksamkeit plötzlich ab und zur Tür, wo sein Diener Sabsai hereinsah und salbungsvoll meldete: „Die Mutter des Herrn Missionsdirektors ist herbeigeeilt, ihren lieben Sohn zu begrüßen.“

Burn machte nun eine halb verlegene, halb segnende Bewegung und bat Hishwa um Verzeihung, daß sie ihr Gespräch erst später fortsetzen könnten. Nach dem Vortrage. „Wenn“, so fügte er mit einem prüfenden Lächeln hinzu, „der Makler, Herr Dulbort, nicht einen zu dicken Strich durch die Schwarze Sonne macht.“

Beschämt, aufgeregt und den Mund zum Übelwerden angefüllt von ungesagten Worten, ging Hishwa mit Ketty hinaus, während eine unwahrscheinlich dicke Negerin in einem schwarzen Flitterumhang und einem mit Straß und rotem Mohn überhäuften Florentiner wie eine tollgewordene Dampfwalze ins Zimmer brauste. Sie hörten, wie die Alte in zwitschernder Ekstase mit den stumpfen Lauten vorgewölbter Lippen und am Gaumen klebender Zunge hervorheulte: „Duddy, Duddily, mein Herzblatt, mein rosa Bambuchen, mein Zucker, mein Gottessöhnchen, kennst du dein klein süßes Mammi nicht mehr? Oh, wo bi— du denn, bi— du denn wieder da?“

Ketty starrte entgeistert auf den zuschwingenden Türflügel. Hishwa konnte dies nicht passen, sie fühlte sich bemüßigt, den Eindruck der dunstenden alten Negermutter nicht zu lange nachhallen zu lassen. Sie nahm ihre Beute mit hinauf und hatte hunderterlei Sächelchen in ihrem behaglichen Zimmer zu zeigen. Alles war mit Rosenmustern geziert. Aber Ketty schien etwas auf dem Herzen zu haben, sie war von der Negerin nicht abzubringen und rief schließlich aus: „Die Alte? Diese dicke Madame? Ich sah sie vor gar nicht langer Zeit, eben nachdem ich hier in Neuyork angelangt war, in einer Stellenvermittlung, in der sie Bedienerinnen, Aufwartemädchen und auch gewerbsmäßige Tanzmädchen für ihren Klub suchte, ja auch Barmädchen, wie man sie in Europa haben soll. Sie war auch scharf auf mich, sehr scharf sogar, aber eine Deutsche oder so, die das alles von drüben kannte, auch das mit dem Barbetrieb, blies mir zu, das sei nichts, das sei ein regelrechter Nachtklub mit allen Folgerungen und in Harlem. Man könne glatt sagen: Harem.“

Hishwa ließ sich näher erklären, was da gemeint sei. Sie versank in abgründige Strudel, schwang sich wieder hoch und sagte mit Bestimmtheit, es geschehe hier entweder ein Irrtum oder es sei alles Verleumdung. Ein Teil des großen verleumderischen Netzes, das überhaupt gegen alles Farbige und insbesondere gegen die Tüchtigsten, eben gegen Dr. Burn, gesponnen und ausgeworfen werde. Sie ereiferte sich nicht lange, streckte sich auf das spartanisch einfache Bett.

„Nachtfalter“ sei der Name des Klubs, dem Madame Burn vorstehe, fiel es Ketty bei. Aber nein, Burn? Burn habe sie nicht geheißen.

„Schäm dich also, aber Lehrer Ward hat vielleicht daher seine Mütze!“ antwortete Hishwa und schlief mit diesem dunklen und anklagenden Satze ein. Eine weiße Katze sprang zu ihr hinauf und kuschelte sich schnurrend zu Füßen der Schlummernden, die Besucherin hin und wieder verächtlich anblinzelnd. Ketty saß stumm und beschwerten Herzens da, sie wagte nicht recht, sich zu bewegen oder gar fortzugehen. Sie trank den Tee, den das zarte Mulattenkind Moali lautlos und immer wieder aufmerksam in die Tasse füllte, und richtete nachdenklich den Blick auf die netten Gegenstände ringsum und auf ihren mageren Frühlingsmantel, der neben Hishwas teurem hing, auf den Gummivorhang der Badewanne und auf das Magazinblatt, das nun hier in einem um so vieles traulicheren Raume als Tamps Logis an einer grün und rosa gemusterten Tapete festgemacht war, mit vier Stecknadeln, die aber nicht wie gewöhnliche waren, sondern Köpfe aus opalisierendem Glas trugen. Sie hörte auch die leise Weise eines Saxophons, lieblich und einschläfernd, bis schließlich Moali Bescheid sagte, es sei Zeit, zum Vortrag hinunterzugehen

*

Merk’, Seele, auf

Der Stunde Lauf,

Kauf Gnade, eh’ Gott schließt!

XI

Zu der angezeigten Stunde strömte eine erkleckliche Menge in die festlich erleuchtete Vorhalle der Schwarzen Sonne. Ein schwarzer Türhüter in einer Art verschollener und korsarenhaft prächtiger Admiralsuniform öffnete die Wagenschläge. Oberhalb der Außenstufen standen zwei appetitliche Stubenmädchen in Tändelschürze und Raupenhäubchen und wiesen die Herrschaften einen Stock höher, woselbst eine Kleiderablage, die jedoch nicht Zwang war, zur Verfügung stand, während einige dunkelhäutige, goldbetreßte Platzanweiser, mehr im Range vormärzlich historischer Kapitänleutnants, mit Geschick eine unauffällige Einteilung der Gäste besorgten und durch verschiedene Türen und Vorhänge den Hauptsaal füllten. Unterdes hörte man aus den oberen Geschossen einen geistlichen Gesang herniedertönen.

Vor dem Portal draußen hielt mancher blanke Wagen, und es waren wie gewöhnlich vorwiegend ältere Damen, noch im winterlichen Abendpelz, die da ausstiegen. Leichte kostbare Düfte wehten, wo sie schritten, und mischten sich mit dem Geruch von Immergrün und Nelken, mit denen das Haus ausgeschmückt war; oberhalb der teppichbelegten Stufen streiften sie die verbrämten Überstiefel ab, um die zarten seidigen Schuhe freizulegen.

Inzwischen drückte sich auch Hoggard herein, der Schiffskoch von der „Merryland“ selig. Er zog den verschabten Filzhut. Die Vornehmheit beklemmte ihn, sein inneres Signal stellte sich auf „Rückwärts!“, aber eines der Empfangsmädchen nahm ihn liebenswürdig beim Arm und leitete ihn der Treppe zu, die, von einer Ampel in Form eines schwebenden Engels aus Milchglas überglänzt, hinaufführte in die Wolke aus Wohlgeruch, verhaltenem Gespräch und lieblichem Gesange.

Es dauerte nicht lange, da glitt Fräulein Hishwa den Saal entlang. Sie war ohne Mantel, in ihrem blauen einfachen Tuchkleide. Sie erkannte den Koch an seiner umfangreichen Glatze, das Licht spielte grünlich darüber. Sie huschte bis an seinen Platz, wo noch einige Sitze frei waren, legte ihre Hand auf seine und ließ sich nieder. Sie fühlte sich frisch, sie hatte geschlafen.

Sie flüsterte ihm, dem die Sprache hier nicht locker saß, allerlei zu von der Pracht und Einrichtung dieses Hauses, von den Musik- und Leseräumen, den Bädern, den Zimmern der Funken und Strahlen, den Sälen des Unterrichts, der sportlichen Abhärtung, dem Laboratorium, der Klinik und von den Tanzspiegeln, in denen jede sich selber sehe, zwölffach wie die Perlen am Tore Salems, und die Schwebetänze der Cherubim übend.

Mitten hinein fügte sie in ihrer sprunghaften Art: „Mein Vater verbot mir, heute hierherzugehen. Ich bin trotzdem gegangen. Wegen Kettys. Was auch geschieht, Hoggard, bleiben Sie bei mir!“

Sie gewann es nicht über sich, nach Tamp zu fragen.

Der große Saal füllte sich indessen und wurde auf einmal ganz hell. Eine Kanzel wurde sichtbar, mit lachsfarbenen Nelken verkleidet, die aber nicht den doppelten Streifen in schwarz und weiß verdeckten, der um die Brüstung lief. Ein weißer Samtvorhang schloß das Saalende ab.

„Ich singe heut nicht mit,“ sagte Hishwa dann, „ich hab mich mit Heiserkeit entschuldigt. Denn ich wollte so gern im Saal sitzen bei euch und Burn sprechen sehen.“

Der Koch, dem es im Dämmern schon recht anheimelnd zu Sinn geworden war und der einer verschämten Neigung, die er als väterlich ansprach, zu diesem liebenswerten Fräulein keinerlei inneren Einhalt gebot, zog in der Helle seine Gliedmaßen an sich wie ein stutzendes Gürteltier. Er war nicht großartig gekleidet, und er roch nach schlechtem Speck und Abwaschwasser. Aber Hishwa sah darüber hinweg.

„Tamp kann nicht mehr kommen!“ fistelte Hoggard, bemüht, sachte zu sein. In seinem alternden Herzen blähte sich etwas wie Genugtuung, daß er nun so allein da war und ganz furchtlos es gewagt habe und daß dieses bewundernswerte Mädchen nun so bei ihm saß. Und ihre Hand hatte auf seiner geruht, nur kurz und wie eine Daune leicht. Aber man konnte wohl sagen, daß es unter Brüdern zentnerschwer gewogen habe. Weihrauch und Friedfertigkeit umgaben hier die Schwankungen der Seele, nichts Böses konnte hier gedacht werden, und nichts hatte Anteil an dem zügellosen Gebaren der Welt auf den Straßen.

Hoggard stieß die Luft von sich wie ein letztes Fuder abgetaner Erdenschlacke. Ja, Tamp sei schon eingetreten! Gerade zum Fest. Ja, dieser Krieg sei ein nettes Osterei! sagte er, das kahle Bisonhaupt wie vor einem Grabe schüttelnd.

Hishwa drückte beide Hände flach an die kleine Brust. Ihr Mund blieb ein wenig geöffnet, und der Koch merkte es wohl, daß es sie betroffen habe, und auch, daß ihre Hände übereinander hinglitten, ohne sich zu berühren, aneinander vorbei wie zwei Schiffe, deren Begegnung einen Augenblick währt und die von dannen schweben, fort von einander und im Blau versinken.

Ehe sie nun den zarten Seufzer, den ihre Lippen abfingen, zu einem Wort formen konnte, erbarst ein grell scheppernder Beckenschlag. Das Licht verdämpfte sich zu Lila. Der Vorhang rauschte hoch. Eine kleine Bühne wurde sichtbar, auf der, in schneeiges Weiß gehüllt, nur durch die rötlichen Schatten in Haut, Augen und Mündern und die Tönungen ihrer ohne Ausnahme blonden, fließenden Haare von einem ebenfalls weißen, leicht goldgestirnten Hintergrunde abgehoben, ein Mädchenchor stand. Es waren das Funken und Strahlen der Schwarzen Sonne, die da nun engelgleich eine feierliche Hymne sangen, als sei es die endliche Fleischwerdung des verklärten Gesäusels, von welchem das Treppenhaus so lieblich angefüllt gewesen war. Es war ein unschuldvoller frommer Gesang, kurz und anmutig, von einer unsichtbaren, aber sauber geschulten Musik begleitet, sehr modern im Satz, was manchem die Ohren von der reinen Andacht in eine technische Mitfühlung hinziehen mochte und die Aufmerksamkeit sichtlich spannte.

Bei einer zweiten, alsbald folgenden Kantate verflüchtigte sich der Hintergrund einer himmlischen Wolke gleich und öffnete eine weitere, noch erhöhtere Bühne, auf welcher die Musiker nunmehr sich den Blicken darboten. Es waren lauter Farbige, in tadellosen Fräcken und guter Haltung angeordnet, ohne Notenpulte übrigens, wie auch die Engelsmädchen ihre Sache aus dem Kopfe wußten. Nun begab sich ihr Chorleiter, Herr Pjoff, mit seinem doppelzipflig in Form eines lateinischen W geschnittenen schwarzen Barte und ebenfalls in einem langen weißen Gewande, herab auf die erste Bühne und veranlaßte unter maßvollen Bewegungen seiner bleichen Hände den so seltsamen gemischten Chor zum Ertönen, das Antlitz jedoch dem Saale zugewandt. Dazu sang er selber mit wunderbar schallendem Basse, der anfangs eine Doppelachte unter der einstimmig beginnenden Weise erdröhnte. Dann spalteten sich Hochstimme und Alt in Vierten und Sechsten ab, teilten sich wieder untereinander, vereinigten sich, standen jauchzend, doch unsinnlich herb in einer Fünfte zu dem tiefen Orgelunterton, um über ein paar Dritten und verminderten Siebenklängen auf dem Hintergrundmuster der Klangkörper allgesamt wieder in die gewaltige Doppelachte zu münden. Es war ein uraltes russisches Wallfahrts- und Osterlied von der Freude der Engel und Menschen. Pjoff hatte es trefflich für die Ankunf Burns einstudiert, und es übte in seiner Fremdheit, seiner Kraft und Verständlichkeit eine unverkennbar ergreifende Wirkung aut die Anwesenden aus, die Stimmung vorbereitend für des Heimgekehrten Rede.

Kaum war der letzte Hall verklungen, so sanken die beiden Vorhänge nacheinander, der hintere zuerst, wie ein sanftes Schneewetter hernieder. Das Saallicht änderte sich zu Dunkelgrün, ein Scheinwerfer traf die Kanzel. Aus einer unmerklichen Tür dahinter trat ein hochgewachsener Mensch, dessen Gesicht über der blendenden Brust des Abendanzuges wie mit einem dunkeln Tuche verhüllt schien.

Aber nicht lange, dann brachen wie drei Blitze Augen und Zähne aus diesem Gesicht, und eine wuchtige Baritonstimme begann zu erschallen, klug anschwellend und in einem ungewöhnlich fehlerfreien Englisch, ohne viel auffällige Stoppungen in th und v, ja fast ohne den amerikanisch nasigen Singsang. Nichts von Salbung war dabei, es klang hart, überlegen und dennoch mit einer in schmerzlich lächelndem Selbstspott verhaltenen Verzückung. Es säuselte, wehte, rauschte auf, riß mit, es erdröhnte gewaltig, erhob und schmetterte nieder. Es war Josua Burn, der da sprach.

„Brüder und Schwestern“, sagte er, „ich grüße euch, die wir eines sind, wenn nicht in unserem, so doch im Blute des Herrn, wenn nicht in der Farbe der Haut, so doch in der des Herzens, und eines sind in dem einen, das not ist! Ein Narr ist in die Wüste gelaufen. Er tanzte vor Furcht in der Einsamkeit, um seinen Schatten zu belustigen. Dann fiel er nieder und lauschte. Da hörte er, daß es schrie zwischen Himmel und Erde.

Nun hört, ich sage euch: Dreifach ist der Schrei zwischen Himmel und Erde! Der erste Schrei ist der von Geburt, Brunst, Menschenliebe und Tod. Das ist der Herr Teufel, der da schreit. Herr Teufel sei still! Der zweite Schrei ist der von der bitteren Armut des menschlichen Geistes. Und das ist der Schrei des armen nackten Christenmenschen, der da schreit. Sei still, du kleiner armseliger Christ! Aber der dritte Schrei ist Gottes Schrei, der nach der Seele Durst leidet, nach deiner Seele, nach meiner Seele, nach unser aller Seelen schreit er vor Durst und schreit wie Wind, Brandung, wie Nicken kleiner Blumen, wie Bienensummen, wie Schrei des Meeres, wie Schrei in der Schlacht, Schrei auf elektrischem Stuhl, Schrei aller Tode, aller Geburten, aller Donner der Welt, Schrei aller Schönheit, Schrei aller Häßlichkeit, Schrei allen Schreies, und schreit: Du! Seele! Und schreit wie ein himmlischer Verkäufer um Ostern, um diese Ostern, da der Herr Tod von ferne durch die Zähne pfeift, horch du Seele, es ist himmlischer Ausverkauf! Billig, billig ist die Seligkeit! Ein Cent Reuetränen, ein Cent Insichgehen, und schon hast du es erstanden, frei Haus und spesenfrei, das frisch gestärkte weiße Unschuldshemd der Osterauferstehung. Herr Tod, du schreckst uns nicht!

Aus der Mitte der Erde, aus ihrem dunkelsten Fleck, da schreit der Osterschrei: Du liebeste Seele! Aufersteh! Zieh ein, zieh ein in das frische, weiße Hemd!

Aus der schwärzesten Wüste, aus der höllischen Schmorpfanne der Sonne, da lachte der Herr Teufel, meckernd wie ein Stall schlecht duftender Ziegenböcke. Und der Herr Tod lachte, daß ihm die Zähne platzten, und sie platzten wie Granaten. Aber mitten hindurch drang honigmild die Stimme unseres süßen Herrn Christus und schrie: Kauf ein, kauf ein, mein guter Christ, geh nicht zu des Herrn Teufels Konkurrenz, seine Werbemaßnahmen sind unredlich, nichts steckt dahinter als Pech, glühende Folterzangen und Schwefelgestank! Aber im Himmel, da ist Weiße Woche, da gibt es Seide wie Sahne, Batist wie Schnee. Ein Cent Zerknirschung, ein Cent Demut, das ist der Preis, der lächerlich geringfügige, konkurrenzlose Preis! Zieh an die kühle, süße Reinheit des Herrn, steh auf und zieh ein, liebe Seele, zieh ein!“

Als er eine kleine Pause machte, indem er das Gesicht zur Decke wandte und tief Atem aus der Höhe zu schöpfen schien für die nächsten Sätze, hörte man ein hauchartig seufzendes Rascheln durch die Gemeinde ziehn.

Hishwa blickte strahlend auf den Koch. Sie war so begeistert wie je, und ihr Stolz sah herausfordernd in die Runde, wandte sich aber im nächsten Augenblick ängstlich nach den Saaltüren um, wo nicht ohne störendes Geräusch von Schuhwerk ein Haufen gewöhnlicher Mariner, die weißen Mützen in den Fäusten, so neugierig wie verwundert eintrat und der Weisung des schwarzen Dieners gemäß teils einige noch freie Stühle einnahm, teils von einem Bein aufs andere schwankend stehenblieb.

Burn wartete in verbindlicher Haltung. Hoggard bemerkte erstaunt unter den Neuankömmlingen auch den Steuermann Tamp, als gemeinen Kuli angetan. Hishwa sah starr hinüber, sie richtete sich etwas auf dabei, dann fiel sie auf den Sitz zurück. Hoggard empfand einen kummervollen Stich in seiner Brust. Er staute eine fade Ansammlung von Speichel hinunter. Der arme Junge! dachte er und lenkte seine Enttäuschung in eine brave Richtung.

Der halbe Saal hatte sich nach diesen verspäteten Gästen umgewandt. Und diese Bewegung hatte nichts mit gewöhnlicher Neugier zu tun. Die Aufregung des Tages schien alle empfindlicher gemacht zu haben, es war, als könne nicht allzuviel Zeit verstreichen, ohne daß eine neue Erschütterung die geplagten Sinne berühre. Möglicherweise mochte dieser und jener der Anwesenden ähnlich gewarnt worden sein wie Hishwa. Pjoff jedenfalls, in voller Nervenspannung hinter dem Bühnenvorhang lauschend, wollte schon eingedenk Burns Anordnung die Polizei rufen. Er hatte den Fernsprecher an langer Schnur aus dem Künstlerzimmer gezogen und neben sich auf die Bühne gestellt. Aber weder der Pförtner rief an, noch ergab sich eine ungewöhnliche Steigerung der Unruhe im Saale. Im Gegenteil, nach einigem Räuspern und Stuhlrücken schien die Sammlung atemloser denn je wiederhergestellt zu sein.

Josua Burn, der berühmte schwarze Verkünder, ließ seine Stimme von neuem durch den Raum rollen. Er begann ein funkelndes Programm der Schwarzen Sonne zu entwickeln über die Liebestätigkeit und das Werk des Heils im schwärzesten Afrika.

*

Entbreite dich dem Geiste still, empfange ihn und lausche,

Bis er in süßem Liebesspiel mit deinem Geist sich tausche!

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