Kitabı oku: «Die Lady und der Admiral»
Hans Leip
Die Lady und der Admiral
Roman
Saga
Antlitz des Alltags, zwischen Hast und Feier
halb wach, kleinkramgeschäftig, bald verweht:
Es ist nicht wahr, dass Gott vorübergeht
und das vermisst, was uns Ihm köstlich deucht.
Er liest in dir der Menschheit Wesen freier
als dort, wo hohe Glut uns überzeugt,
die doch, Sein Abglanz, Ihm im Wege steht.
Vorbemerkung.
Von keinem geliebt sein, o Schmerz;
von zweien geliebt sein, geht über mein Herz!
In memoriam Lady Hamilton.
Diesen kleinen einfältigen und verzweifelten Spruch schrieb eine junge Freundin des Berichterstatters in ihr Gebetbuch und nahm den Schleier der Ursulinerinnen, da nämlich zwei ernsthafte junge Leute sie liebten und sie nicht wusste, wem von beiden sie angehören sollte.
Lady Hamiltons Herz aber war aufnehmefähiger. Das Dreigestirn auf der Neige ihrer Laufbahn und Jahre: Sie, ihr Mann, ihr Freund, ist ein seltenes Beispiel dreieiniger Freundschaft und wird nicht untergehen am Himmel der Liebe, solange es jene Zwiespälte gibt, die das Gemüt bewegen bis ins hohe Alter.
Am sonderbarsten und am meisten auf sich selbst gestellt aber erwies sich diese dreigeteilte Liebesfreundschaft auf jener Reise vom Süden gen Norden heim nach England, jener Reise durch Deutschland, die jedem Engländer als „Journey home“ ein Begriff mit Anfang und Ende, aber ohne rechtes Mittelstück ist, die ein Vierteljahr dauerte und eine Probe sein musste auf die Tiefe und Haltbarkeit eines Verhältnisses, das aller drei Stellung und Ruf in Gefahr gebracht hatte.
Die wissenschaftlichen und die schöngeistigen Biographen Nelsons, der Hamilton und ihres Mannes haben bislang diese Heimreise ziemlich mit Stillschweigen übergangen, sei es, weil ihnen der Name des verehrtesten englischen Admirals mit Deutschland keine Zusammenstellung zu sein schien, sei es, weil die Nachrichten darüber sehr spärlich, sehr zerstreut, nur mühsam auffindbar und teils unbekannt waren, sei es, weil man bislang gern solche Ereignisse für die bedeutendsten im Leben der Helden hält, die mit grossen Schlachten, Abenteuern, Lebensgefahr und amtlichen Auszeichnungen verbunden sind.
Abgesehen davon, dass sich nirgends unverblümter die innere Eigenart von Menschen offenbart als auf längeren Reisen, reizte es den Berichterstatter auch betreffs des Hintergrundes an Zeit, Persönlichkeiten, Städten und Landschaft, die Lücke in der Kenntnis jener drei berühmten Engländer auszufüllen. Über die langwierigen Vorarbeiten, über die technischen Schwierigkeiten, über die Mischung aus einwandfreier Quelle, Anekdote, Verknüpfung, Anspielung, Möglichkeit, Glosse und Ergänzung erlaube man ihm zu schweigen.
Die Angelegenheit spielt im Jahre 1800, zu einer reizvollen Jahrhundertwende, unserer Zeit ähnlich, da der Abstand von der französischen Revolution dem Abstande von der deutschen in den Jahren, da dies geschrieben wurde, entspricht und manches andere bemerkenswerte Parallelen aufweist.
Triest–Laibach * Die grosse Passstrasse
Geschichtliche Plattform. Nelson und Napoleon.
Es war schön gewesen zu Neapel, Geld, Paläste, Feste, Kunst und Künstler, klassische Ausgrabungen, Ausschweifungen, Landschaft und Leben die Hülle und Fülle, erheitert vom üppigsten aller Höfe, der gemischt war aus Bourbonensaft und Maria Theresia.
Indessen begann die französische Revolution. Sie erschütterte die Welt, aber noch nicht Neapel. England ersah kühl die günstige Stunde, rundete seine Besitzungen auf der Erdkugel ab und schämte sich nicht, die Alleinherrschaft über die Meere anzutreten. Es verbündete sich mit allen militärfähigen Völkern, bei denen in Übersee nichts zu holen war, Russland, Deutschland, Portugal, Neapel und der Türkei, damit sie die Franzosen in Schach halten sollten und verhindern, dass die grossbritannischen Geschäfte gestört würden.
Aber aus der Revolution stand der kleine Leutnant Bonaparte auf, der durchschaute mehr, als gut war und war gefährlicher als Ideen und Guillotinen. Das Schicksal hatte ihn ausersehen, der Timur des Westens zu sein. Und er griff nach dem uralt ewigen Schlüssel Asiens, Europas und Afrikas, nach der Landenge von Suez, was den Engländern nicht recht sein konnte.
Doch das Schicksal meinte es gut mit den Engländern und liess aus dem zarten Knaben und Pastorensohn Horatio Nelson einen rauhen Seemann werden und machte einen grossen Admiral aus ihm und liess ihn die Ägyptenflotte Bonapartes zu Abukir am Nildelta erschnappen und vernichten.
Aber Bonaparte selber schwebte wie in Engelswolken unsichtbar hin und her übers Mittelmeer; denn das Schicksal dachte, es sei erstmal genug, und liess den kleinen guten Horatio an den seligen Küsten Neapels landen und in Liebe fallen zu der immer noch schönen Lady Hamilton, obwohl sie mit Sir William, dem englischen Gesandten, verheiratet war. Und Admiral Nelson sah seine leibhaftige Göttin in ihr. Zwar hatte er eine Frau daheim, ging aber nicht nach Hause, zwei Jahre und mehr.
Die drei zu Neapel vertrugen sich gut.
Schliesslich wurde aber auch das schöne Neapel von den Jakobinern erreicht. Man musste nach Palermo fliehen. Ach, wie manches wurde zerstört. Jedoch nicht die Dreieinigkeit. Da erhielt Lord Nelson vom neapolitanischen König den Auftrag, die Revolution niederzuschlagen. Viel Unliebsames geschah. Viel Blut wurde vergossen. Es wurde unerfreulich am Tyrrhenischen Meer.
Lady Hamilton will über Land reisen.
Wie nun die verschiedenen Umstände es fügten, verliessen sie, Sir William Hamilton, Lady Emma Hamilton und Lord Horatio Nelson gemeinsam das schöne Land Italien, beziehungsweise Sizilien.
Da nun aber die angebetete Emely seit einiger Zeit an Erbrechen und Zahnschmerzen litt, verlockte sie ihren Mann und auch ihren Geliebten Nelson, noch ein wenig nach Neapel, Livorno oder Genua zu fahren, ehe man die lange schreckliche Seereise nach England antrete.
Heimlich aber gedachte sie, den Landweg zu nehmen, da sie fürchtete, auf der See vor Übelkeit zu sterben. Und weil es sich so machte, dass ihre Busenfreundin Maria Karoline, Königin von Neapel, Geschmack daran fand mitzufahren und einen diplomatischen Abstecher nach Wien zu ihrer kaiserlichen Tochter ins Auge fasste, und die Seeschiffe Shakespeares seit einiger Zeit nicht mehr in Böhmen anlegten, so war alles so gut wie sicher.
Dafür war dem kleinen Admiral und Lord vom Nil, frischgebackenen Herzog von Bronte, Horatio Nelson, old good sailor, weniger gut. Und die öffentliche Meinung dachte ähnlich. Denn:
Ein Seemann darf lieben in Luv und Lee,
Aber auf See gibt es nur Seemann und See.
Die Hamilton aber wusste Nelson zum Troste zu sagen, dass die Karte von Deutschland aussähe wie eine Harlekinshose und daher viele Empfänge an vielen Fürstenhöfen bevorständen, die sehr geeignet seien, das abgekühlte englische Volksgemüt bezüglich des Siegers vom Nil wieder anzuheizen.
Liste der Reisenden.
Es war Juni, als man mit dem Doppeldecker Foudroyant von Palermo abreiste. Neapel und seine unbequemen Erinnerungen liess man über Steuerbord liegen. Und gelangte nach Livorno.
Und an Bord befanden sich: Die Königin von Neapel, Marie Karoline, mit einem Prinzen und drei Prinzessinnen, eine einst schöne Blondine mit verquollen stechenden Augen, verbissenem Mund, lüsternen Mundwinkeln und dem Kinn eines Viehknechtes. Sie war hoch in jenen Jahren, die der Seemann entsprechend den unbehaglichsten Breitengraden der Meere die „roaring forties“ nennt. Bei unpolitischen Gelegenheiten unterzeichnete sie mit: Charlotte.
Ausserdem war Kardinal Ruffo dabei, Organisator der Gegenrevolution, aber kein Mussolini. Dazu einige Minister, Hofdamen, Ärzte, Köche, Lakaien und Zofen, im ganzen siebzig Personen Gefolge.
Sodann Sir William Hamilton, Ex-Gesandter, lang, hager, sehnig, alter Gentleman mit schwerlidrigen, müden Geniesseraugen, langlappigen Ohren und dünnem, gewitztem Munde, im Dezember siebzig Jahre alt.
Sodann Lady Emma, durch ihre Schönheit nach bewegtem Leben aus der Tiefe aufgestiegen und seit neun Jahren seine berühmte Gattin. Immer noch etwas ungeschliffen, oft zu laut, vermochte erregt in ein saftiges Waliser Bauernslang zu geraten, doch bezaubernd im Wechsel ihres Ausdrucks der Augen, der Hände, des Ganges. Nicht mehr schlank trotz aller kosmetischen Mittel, zudem in andern Umständen, ohne dass es bekannt werden durfte. Sie hatte zu Livorno in einem verstaubten unmodernen Laden ein Korsett aufgetrieben, ein Kleidungsstück, das seit zehn Jahren in der ganzen Welt verpönt und ausgestorben war. Ihre ganze Erscheinung war die der Yvette Guilbert um 1930, antik entlehntes Kostüm, antike Haartracht, Grösse, Format, Gesang, Mimik; nur ein wenig jünger.
Sodann Lord Nelson, knabenhaft klein, mager wie ein Schaukelpferd, Held vieler Schlachten, grosser Segler, Stratege und Taktiker der Meere, zur Zeit niedergedrückt, voll Sorgen für die Zukunft, abgebauter Höchstkommandierender im Mittelmeer, durch Verwundung einarmig, einäugig, nervös; blassblond, mit dünnem widerspenstigem Haar, auf dem kein Puder sich hielt und das hinten in einen mageren sogenannten Schweineschwanz gedreht war.
Sodann Frau Cadogan, betagte Mutter der Lady Hamilton, bösen Zungen nach frühere Waschfrau, von Nelson genannt: Signora Madre; am Dienstbotentisch: Mutter Cat; ging gebeugt, demütig und immer wie auf Zehenspitzen. Wagte niemals zu klagen, konnte Karten legen und hütete ein Dutzend Medizinflaschen und Teetüten für allerlei Übel.
Sodann Fräulein Ellis Cornelia Knight, Admiralswaise in Schwarz mit von einem Schornsteinfeger ererbten Vermögen, Schriftstellerin, vortreffliche Zeichnerin, lieb Kind im Hause Hamilton, Poeta laureata Nelsons, ebenso alt wie er, drei Jahre älter als die Lady und fünf jünger als Karoline, nämlich zweiundvierzig.
Ausserdem John Tyson, tüchtiger Sekretär Nelsons, der seine Kasse verwaltete, glatzköpfig, bäuchig, starker Raucher, ein Mann, mit dem man einen vertrauten Umgangston pflegte und der mit am Herrschaftstisch ass. War früher Zahlmeister, trug Tag und Nacht einen kostbaren Brillantring, Geschenk der Königin von Neapel.
Sodann Gaetano, ein lockiger Lazzarone, den Sir William zu einem brauchbaren Menschen und Diener erzogen hatte.
Sodann die kleine sogenannte Mary-Ann, sizilianisches Hausmädchen, deren Eltern froh warm, sie los zu sein. Wegen ihrer stolzen Haltung mit ihrem eigenen Namen Ré Giovanna genannt. Sie wäre gern Königin oder Admiral geworden.
Und auch: Loinette, eine französische Zofe, nicht mehr jung, ein bisschen verknittert und spitznäsig, aber sehr anmutig mit sehr zwitschernder Stimme und verführerischen Beinen, die sie gern zeigte.
Und dann: (obwohl von Kapitän Chamier entlehnt) Bootsmann Brace, der Steward Nelsons, ein vierschrötiger braver Kerl, rothaarig, was er unter einem schwarzen Haarbeutel, als dessen Band ein Stück französischer Admiralslitze aus der Schlacht bei Abukir diente, zu verbergen suchte.
Und schliesslich: Fatima oder Fatme, eine Mohrensklavin, der Hamilton von Nelson geschenkt (was später näher erzählt wird), mit dem von Fräulein Knight erfundenen gelegentlichen Namen Della Mare.
König Ferdinand blieb daheim; denn er war ungeeignet für die feinere Auslandspolitik und vertrieb sich besser die Zeit mit Jagd auf Fasanen und Revoluzzer.
Das Gepäck und ein Sarg.
Unter dem Gepäck Nelsons und der Hamilton befanden sich ein Äffchen, ein Papagei, ein Bologneser Hündchen, eine Harfe Lady Hamiltons, eine englische Kutsche für vier Personen, mehrere Kisten mit griechischen Vasen, Terrakotten, römischen Gläsern, Bronzen, Elfenbeinschnitzereien, Goldschmuck, Gemmen und Münzen, einige Marmorstatuen, das Gemälde mit dem lachenden Knaben von Leonardo da Vinci und allerlei Trophäen aus nelsonischen Schlachten, zum Beispiel das Schiffswappen vom Guillaume Tell, die Flaggenstange vom L’Orient, dem französischen Admiralsschiff, das bei Abukir in die Luft flog, und aus dem Grossmast desselben auch ein Sarg, den Nelsons Offiziere sinnigerweise hatten anfertigen lassen, ihrem Führer zum Geschenk, der stolz darauf war und darin einst begraben sein wollte, weshalb er ihn immer bei sich führte.
Es hilft nichts, man muss über Land.
Zu Livorno erfuhr man leider bald die unglückliche Mär von der Schlacht bei Marengo. Der Gottseibeiuns Bonaparte, inzwischen erster Konsul und Alleinherrscher Frankreichs, war wie weiland Hannibal und Barbarossa über die Alpen gekommen, hatte in einem kleinen Monat Oberitalien genommen und die Österreicher, die beste Hoffnung der europäischen Christenheit, mörderisch geschlagen.
Wie bitter war es für Nelson, dass die Entscheidung herbeigeführt hatte ein gewisser General Desaix, der mit Urlaubertruppen frisch aus Ägypten angelangt und also den englischen Kreuzern wieder einmal entgangen war. Nun musste die Admiralsflagge runter vom Top des Foudroyant, und die hübschen Matratzen flogen über Bord. England konnte sich keinen Passagierdienst leisten. Sizilien war angeblich in Gefahr.
Ärgerlich schrieb der kleine verdiente, ordenüberregnete Admiral an den ihm unliebsamen neuen Chef im Mittelmeer (Keith):
„Livorno, 24. Juni 1800:
Den Foudroyant zurückzuziehen, hat eine Palastrevolte ergeben. Wenn Sir William und Lady Hamilton über Land heimreisen, ist es meine Absicht, mit ihnen zu gehen ...“
Eine Woche später schrieb Fräulein Knight an das Idol ihrer jungfräulichen Träume, einen Kapitän Berry: „Lady Hamilton erträgt den Gedanken nicht, über See nach Hause zu fahren, und nichts kann unsere Reise nach Wien mehr verhindern.“
Nelsons letzte Hoffnung, der Vormarsch der Franzosen, wurde durch einen Waffenstillstand zunichte. Über Mailand oder Venedig nach Triest zu gelangen, war unmöglich. Jedoch die Strasse über Florenz nach Ancona war noch frei.
Quer durch Italien.
Die Königin aber, da sie sah, wie man Nelson und die Hamiltons betreffs des schönen Schiffes schnöde behandelt hatte, wandte sich von ihnen und fuhr ab ohne sie. Man rollte mit dem Gesinde hinterher. Vierzehn Kutschen voll Menschen, drei Lastwagen mit den Bergen Gepäck, schreckliche Strassen, unerträgliche Hitze, Staub, Achsenbrüche, verrenkte Schultern, gequetschte Rippen, verstauchte Knie. Über Florenz, Arezzo, Perugia, durch armseliges Land. Und immer die Angst, von den Franzosen geschnappt zu werden. Nelson so billig zu Lande auszuheben: das wäre vielleicht ein republikanisches Fressen gewesen! Denn mit England war Krieg wie bisher.
Man kam wieder ans Wasser nach Ancona. Ancona hatte man vor Jahresfrist für Österreich miterobert. Da lag für die Königin, Mutter der k. k. österreichischen Landesherrin, eine Fregatte bereit, wurde ausgeräumt, statt der Kanonen mit Teppichen bestückt, mit hübschen Betten, Kissen, Bildern, Spiegeln und Musikinstrumenten versehen, mit Geflügel, Gemüse und Leckereien.
Klein Nelson sagte: Nein! Drei Fischkutter entern das süsse Karussel wie nichts.
Russische Schiffe; ein Revolutionär an Bord.
Es lag auch ein russisches Geschwader im Hafen. Vier Fregatten, davon drei zu 50 Kanonen, eine zu 40 und eine Brigantine zu 10. Insgesamt etwa 2000 Mann Besatzung. Das deuchte dem Helden sicherer. Er war Privatmann und hatte das Recht, vorsichtig zu sein. Das Heldentum der Privatmänner heisst Vorsicht.
Freilich sahen die Kästen finster aus und waren es auch. Und die Königin stellte Nelson zur Rede, warum der Foudroyant nicht nach Ancona gekommen (als ob er ein Luftballon sei), und sie war ungnädig über die Engländer, verliess jedoch angstvoll die heiteren Kabinen des österreichischen Lustkreuzers und verkroch sich mit ihrem engeren Hofstaat unter die schmutzigen Decks des Flaggschiffs Nawarschia, wo denn auch Nelson und die Hamiltons abblieben. Mindere Charaktere, wie beispielsweise Mutter Cadogan und Fräulein Knight, wurden auf die übrigen Schiffe verteilt und hatten es besser.
Auf dem Flaggschiff Nawarschia war ein Offizier, der das Kommando führte, weil Graf Voinowitsch, der Geschwaderchef, teils betrunken, teils seekrank zu sein pflegte. Er hiess Capaci und war aus Neapel, wo er unter Caracciolo am Umsturz teilgenommen hatte, aber entkommen und in die russische Marine eingetreten war.
Und er freute sich, dass ein Wind aufkam, der geeignet war, die Gedärme zu beunruhigen. Und als alles drüber und drunter lag zwischen den düsteren, fauligen, mit zerrissenen Segelbahnen notdürftig abgeteilten, von Ratten und Kakerlaken reichlich bevölkerten Schiffsräumen, da sagte er offen und laut, dass dies alles ein Paradies sei gegen die Kerker zu Neapel oder Messina. Und dass es einen gerechten Ausgleich gebe.
Der sterbenskranken Königin in der elenden Kajüte des Kommandanten Voinowitsch blieben diese Reden nicht verborgen, aber hier war ihre Macht zu Ende, und Lord Nelson war zu erfahren in den internationalen Möglichkeiten auf See, als dass er unnötige Worte verschwendete. Es hiess ausharren. Und der Wind blies aus allen Trompeten. Die Adria schäumte wie ein tollgewordener Waschbottich. Als sollte die ganze schmutzige Wäsche der Jahrhundertwende in eins gewaschen werden.
Die Hamilton wimmerte, Capaci würde das Schiff absacken lassen. Der kleine Lord, noch munter, sah sich daraufhin an Deck die Boote an. Sie waren allesamt wie Teesiebe. Capaci dennoch sah nicht aus, als würde er mit ihnen als Opfer seiner Überzeugung und seiner Rache sterben. Und der Privatmann Nelson prüfte strengen Auges die Segelstellung und hätte gern das Kommando übernommen.
Aber der Hund von Capaci verfolgte den mastaufgewandten Blick des kleinen Admirals, kam freundlich die Schanze entlang und sagte höflich: „Hier gibt’s nicht zu henken, Herr Engländer!“
Erinnerung an einen gehenkten alten Mann.
Das machte unserm Helden kummervoll zu schaffen und warf ihn in die Hängematte, und er bekam seinen halbjährlichen Krampfanfall, und sein Magen erinnerte sich an jenen Manzanillazweig, der einst zu Westindien heimtückisch in der Pfütze hing, aus der er seinen Fieberdurst löschen wollte. Und Caracciolo erschien ihm und baumelte wie ein Hampelmann herab und streckte ihm die Zunge aus.
Caracciolo war ein alter Herr gewesen, einst Chef der neapolitanischen Admiralität, des Umsturzes verdächtig, den hatte Lord Nelson an die Rah knüpfen lassen und danach, mit drei 32pfündigen Doppelkopf-Kanonenkugeln beschwert, dem Meer übergeben. Der Mann war ein Fürst gewesen und so alt wie Sir William, vornehm und weisshaarig und war wieder an die Oberfläche gekommen und verfolgte ihn oft im Traum.
Ein Diamant und ein Herzogtum.
König Ferdinand von Neapel aber verlieh dafür den Titel Herzog von Bronte an Nelson und einen Ehrendegen mit vielen kleinen und grossen Diamanten. Der grosse Diamant war gelblich, und der Degen stammte von des Königs Vater aus Spanien und hatte sozusagen Neapel erobert und gebühre nunmehr dem Wiedereroberer. Das Herzogtum Bronte, nahe dem Berg Ena in Sizilien, nach einem der Zyklopen benannt, was schmeichelhaft gedacht war für den einäugigen Helden, brachte angeblich zwei- bis dreitausend Pfund Sterling jährlich ein. Nelson hatte einen Verwalter bestellt, welcher ersah, dass es dort etwa soviel koste wie es einbringen sollte.
Bronte bedeutet Donner, und dasselbe bedeutet der Name von Nelsons liebstem und ihm nicht mehr gegönntem Schlachtschiffe Foudroyant. Es waren grosse Namen, jedoch die Gelegenheit, ihnen nachzueifern, war spärlicher geworden, die See war ruhig, und der Lorbeer wuchs nur auf den Bäumen, und auch Sir William und Lady Emely hatten gefunden, dass die Zeit des Ruhmes dahin sei.
Verflucht! Die Russen sind schuld! Nelson brüllte es seiner armen Seele zu. Die Russen hatten ihn im Stich gelassen. Er hatte selber zu wenig Schiffe, der Zaun zwischen Alexandrien und Toulon war zu dünn, der Satan Bonaparte wischte hindurch. Die verfluchten Russen! Auch vor Malta. Die Russen. Auch bei Neapel, was sie ja statt seiner hätten zurückerobern können. Auch jetzt. Diesen elenden sogenannten Fregatten Russlands waren sie ausgeliefert, nichts anderes hatte man ihnen gegönnt, der Königin, einer Königin! Und den Hamiltons. Und ihm.
Sturm in der Adria.
Das Schiff tanzte wie ein weggewehter Strohhut. Keiner ausser den Matrosen, der sein Inneres bei sich behielt. Selbst die Ärzte lagen Gott weiss wo und konnten sich und andern nicht helfen. Da gedachte die Königin an die Flucht nach Palermo, Weihnacht vor zwei Jahren; da war ihr kleiner Sohn Prinz Albert gestorben. Es hatte sie wenig gerührt und er erschien ihr jetzt, sie zu ängstigen. Sie verlangte nach frischen Feigen, womit die Sizilianer alle Krankheiten heilen. Aber es gab keine, und sie glaubte, sie müsse nun ebenfalls sterben.
Aber auch Capaci erschien und war lebendig und sprach mit Kardinal Ruffo und wärmte alte Geschichten auf aus der Revolution, beispielsweise die Taten eines Priesters namens Rinaldi, gegen den Rinaldini wirklich nur ein kleinerer war, der mit eigener Hand sechs „Jakobiner“-kinder in Stücke gehauen, zwei Revolutionären die Bäuche aufgeschlitzt und den Arm eines am langsamen Feuer geschmorten Republikaners verzehrt habe und noch dazu eine königliche Auszeichnung empfangen; und auch die Sache mit dem Gelehrten und Malteserritter Dolomieu, der zu Messina sass und mit angebrannten Hölzchen seine Naturgeschichte der Mineralien auf die Blattränder einer Bibel schrieb. Die Dolomiten heissen nach ihm. Ein Franzose, ein Forscher und Revolutionär, den man auf der Fahrt von Malta nach Marseille als Schiffbrüchigen aufgefischt und aufs Grausamste eingekerkert hatte. Denn man schob ihm zu, Malta an Bonaparte verraten zu haben. Und auch, dass gewisse Geheimverträge zwischen Neapel und Russland betreffs Malta durch ihn gescheitert seien.
Was war mit Malta?
Malta. Es war ein wunder Punkt für den armen Nelson. Als Bonaparte nach Ägypten fuhr, hatte er es im Vorbeigehen den Ordensrittern abgekniffen. Nun belagerte England es gemeinsam mit Russen, Türken und Portugiesen seit Jahr und Tag. Und Nelson hatte in treuer Einigkeit mit den Hamiltons die nette Insel unter der Hand an Neapel versprochen. Denn Königin Karoline hatte gesagt, dass Karl V. Malta den Johannitern zum Ersatz für das verlorene Rhodos gegeben habe. Seine Nachkommen aber seien die Könige von Neapel. Das wollte man in London nicht recht einsehen.
Grossherr des Malteserordens aber war plötzlich Zar Paul I., der seinerseits das liebliche Eiland als Sommerfrische und russischen Flottenstützpunkt begehrte und sich herbeiliess, Lady Hamilton zur „Petite Dame de Croix“ zu machen, indem er ihrer durch Nelson unterstützten Legende von einer nie angekommenen Getreidelieferung für die armen hungernden Ritter Glauben schenkte, wohl wissend, was Weiber vermögen, obgleich er wirren Geistes war. Dolomieu aber und Capaci hatten Wind von diesen Schiebungen.
Man muss Dolomieu freilassen! riet der neapolitanische Revolutionär dringlich. Ruffo entgegnete übelriechend und achselzuckend: Wir werden dem Verlangen Russlands nachgeben und ihn dem Zaren ausliefern, mit einem kleinen Hinweis auf den Anreger.
Das brachte den Kapitänleutnant in russischen Diensten Capaci in Zwiespalt. Mit Petersburg war nicht zu spassen. Er schwieg und ging. Setzte aber den Kurs ein wenig querer gegen die See, so dass alle es spürten und des Jammerns und Stöhnens kein Ende war. Und auch dem Äffchen, dem Papagei und dem Hündchen ging es nicht gut; denn niemand dachte daran, sie zu füttern.
Freunde.
Mit Nelson im selben Verschlag lag Sir William; den überkam ein altes Gallenfieber, und die Ärzte, die Bootsmann Brace im wahrsten Sinne an den Haaren herbeizog, gaben alle Hoffnung auf. Und wieder erschien Capaci wie ein böser Geist und gemahnte Sir William an die Brüderlichkeit aller Wissenschaft, und wenn ein gewisser Hamilton über die Vesuvausbrüche und über die Entdeckungen zu Pompeji geschrieben habe, so habe ein ebenso gewisser Dolomieu über die kalabrischen Erdbeben und über die Arten der Gesteine geschrieben, und Sir William wie auch Lord Nelson sollten ihm versprechen, darauf hinzuwirken, dass der Mann freikomme und nicht wie Caracciolo unschuldig verrecken müsse.
Sir William lag, da eine hinreichende Hängematte nicht aufzutreiben ging, mit hochgezogenen Knien in einer Art Bett, das genau so wenig für seine Länge berechnet war. Gaetano hatte es kurzerhand aus Nelsons Sarg zurechtgemacht. Und Nelson erspähte es in seinem Leiden und sagte auf englisch durch das Gewinsel des Schiffes: „Alter Junge, am Ende dieser Fahrt werden wir mager genug sein, gemeinsam Platz zu haben in meiner Totenkiste. Versprechen wir diesem räudigen Zuchthäusler was er will. Wir sterben für Gott, König und Vaterland.“
„Und für unsre Lady!“ fügte der alte Kavalier hinzu: „Gut, wenn wir leben bleiben, soll das unser Dank sein!“ wandte er auf italienisch die schweren Lider an den verflucht jungen und munteren Capaci, der darauf wie ein Gespenst verschwand und die Vision einer gewissen Ausgrabung hinterliess, und jene Worte, die Sir William aufgeschrieben hatte, hingen deutlich in der dicken Luft: Auf der Strasse, gleich vor dem Tore der Villa kam ich eben dazu, als man ein Gerippe ausgrub. Auf mein Ersuchen, dass die Arbeiter den Hirnschädel und die Gebeine ganz sachte wegnehmen möchten, ward ich in der unten liegenden Masse recht deutlich der vollkommenen Abbildung aller Gesichtszüge dieser Person gewahr und sah, dass die Augen geschlossen gewesen waren.
Und er bedauerte, nicht unter einem Aschenregen zu sterben. Aber weniger schön war, dass der Abdruck der Gesichtszüge dem Kopfe Caracciolos zu gleichen begann, wie er über dem Wasser aufgerichtet seegrasbärtig daherschwamm und den Stumpf einer von Fischen angefressenen Zunge gegen ihn ausstreckte. Womit gesagt werden soll, wie das Empfinden zweier Freunde zusammenhängen kann.
Nelson seufzte hohl auf. Da lächelte Sir William mühsam in seinem Fieber und sagte in Abständen: Alter Seiler. Wir haben manches gemeinsam. Die Liebe, die Sünden, die Visionen und den Sarg. Aber für den König zu sterben, das überleg dir. Georg III., der unsre Abberufung zuliess, ist ein leeres Schwein und sein Sohn auch.
Bootsmann Brace, aufrecht und treu, wischte ihm mit einer Hand den kalten Schweiss von der greisen Stirn, mit der andern aber stoppte er den schaurigen Schwung, in den die Hängematte seines Admirals geraten war.
Und die Hamilton?
Lady Hamilton vernahm einiges von den teuern Gesprächen, sie lag nebenan und sagte manches dazwischen, was keiner im Lärm auffasste, hörte auch den Arzt, schrie, flehte, aber sie war nicht fähig aufzustehen. Sie wimmerte den Namen der beiden Männer, die sie liebte; sie weinte, da sie fürchtete, beide zu verlieren, redete sich gut zu, hörte durch das Deck, wie die Königin nach ihr rief; und schwieg. Alles lag hier dicht an dicht, nichts blieb verborgen. Es war entsetzlich, schamlos, gemein, und ging doch unter im Getöse. Sie fluchte mit männlichem Organ auf die Russen, ein verzweifeltes höllisches Echo stimmte ein. Sie versank in sich, fühlte an sich umher, dachte an Romney, der sie so oft gemalt, als sie noch jung und dumm und schlank gewesen war, auch an Reynolds, Tischbein, Rehberg, Angelika Kauffmann. Ihre Schönheit würde der Nachwelt nicht verloren gehen.
Zu ihren Füssen hockte Fatima, die kleine Mohrin, in sich gekrümmt, verhüllten Hauptes, zuckend unter den Schwingungen des Schiffes, doch ohne Laut. Sie stiess mit den Zehen nach ihr: „Fatme! Wasser! Zitronen!“ Fatme kroch davon, kam wieder. Nichts. Es gab nichts auf diesem Schiff.
Die Hamilton biss die Zähne zusammen, presste den Nacken steif gegen eine gerollte Wagendecke, die das Kopfkissen ersetzen musste. Sie dämpfte ihre Übelkeit. Erbrechen würde ihr schaden. Sie war leer bis zur Galle. Ruhe! Schlaf, Kindchen schlaf! Die Nacht ihres Geburtstages im vergangenen April flog hin und her über ihre Seele. Damals schwebten sie zwischen Malta und Palermo, nicht weniger stürmisch, aber in einem schöneren Boot, in Nelsons Flaggschiff. Und Nelson war gekommen, sie zu trösten. Der tolle Knabe Horatio.
O toller Held, o Ruhm, o weite Welt! Sie war erfahren genug. Zweimal hatte sie ein Kindchen gehabt. Verdorben, gestorben. War es denn wahr? Niemand wusste es. Niemand? Ihre Mutter kaum. Und ihre Mutter schwieg. Wo war sie? Jetzt wäre es Zeit; ein bisschen mütterliche Redensarten, das wäre vielleicht angenehm. Nichts! Nichts auf diesem Schiffe. Nur sie. Auf sie kam es an. In ihr wuchs der neue Knabe Horatio, mit zwei Armen, zwei Augen, o toller Heldenheld! O über alle Welt, sternenhoch gestellt.
Es schien ihr fast so gut wie Cornelia Knights Gedichte. Die treue, sture, keusche, angejahrte Musenbonne Ellis Cornelia Knight. Doch das Geburtstagsgedicht war wunderschön. Cheer up, Delia! Hiess es nicht: Delila? Oder Emma? Ah, Nacken steif! Emma Hart! Alias Lion! Alias Lady Hamilton! Alias Herzogin von Bronte? Elias, Prophet, sage mir ... So Allah will, kleine Fatuma! —
So und ähnlich sprach Lady Hamilton sich Mut zu auf dieser ungemütlichen Fahrt.
Triest in Sicht.
Doch eines sinkenden Tages erscholl der Ruf: „Triest in Sicht!“
Das brachte die meisten wieder auf die Beine. Und die österreichische Fregatte La Bellona begleitete die Russen in den Hafen, teils zur Ehre, teils aus Argwohn. Es war schon gegen acht Uhr abend, auf einem Freitag, die Offiziere der Hafenbatterien waren fast alle zum Flanieren, so dass kein Salut gefeuert werden konnte.
Auf Nebengärten und Kirchenkuppeln tupfte ein letztes Abendrot, helle flache Häuser waren in Hügelrücken gespickt, es machte Appetit, es räucherte auch Duft von Olivenöl, Rosen und staubiger Erde.
Hoch auf einem Schlossturme bergoben flatterte steif eine grosse Fahne. Durchs Glas erkannte man deutlich den doppelköpfigen Adler, das Wappentier des altehrwürdigen, jetzo ein bisschen ins Wackeln geratenen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.
Man geht an Land.
Lady Emma entzog sich der judashaften Umarmung der Königin, die als erste ausbootete, und sah nach ihren Koffern. Auf dem Kajütgang schrie sie Fatme an, die wie ein dunkler Schatten auf sie gewartet hatte: „Lavendel, rasch, mir wird wieder übel!“ Sie übergoss ihr zerknülltes Taschentuch. Ein reines war nicht mehr vorhanden, diese schreckliche Reise hatte keine Zeit zum Waschen gelassen.
Fatmes grinsende Zähne tickten aufeinander. Die Hamilton fragte: „Fürchtest du dich vor England?“ Die Schwarze antwortete zitternd: „Ich haben gehört, dort immer kalt sein und Nacht“ ... Ihre Herrin nickte tragisch: „Das kann verdammt stimmen.“
Sie liess sich das Diamanthalsband umlegen, das ihr die Königin noch in Livorno geschenkt und schlang den kostbarsten indischen Schal um, so schön und geschickt wie keine in Europa. Wenn denn Karolina allein und zuerst fahren musste, um den behördlichen Büffeln in die devoten Mäuler zu lächeln, gut, mochte die ihr Vortrab sein, Vortrab für die eigentliche Königin neben dem eigentlichen König.
Sir William war so schwach, dass Brace und Gaetano ihn unter die Achsel fassen und so tragen mussten.
Nelson war wieder aufrecht. Das Volk rief lauter Vivat als bei der Königin. Er trug in seiner Hand den neapolitanischen Ehrendegen. Wohl hatte der russische Offizier Capaci beim Abschied spöttisch gesagt, gelbe Diamanten bringen kein Glück. Aber die Hamilton hatte schlagfertig geantwortet: „Den Neidern nicht!“
Der Jahrestag von Abukir.
Die Engländer wohnten im deutschen Gasthaus zum Kaiseradler, der sich auf das frühere alte Zollhaus gesetzt hatte, indem Österreich einen Freihafen aus Triest machte. Die Königin hingegen stieg in der Osteria Grande ab.
Zufällig war gerade der erste August, Jahrestag der Schlacht, die vor zwei Jahren die Ägypten-Indien-Sehnsucht Bonapartes zerstört hatte.
Das Bologneser Hündchen, das der Schlacht zu Ehren auch Abukir getauft war und Aby gerufen wurde, trug eine weiss und rote Schleife und bekam eine Salami. Man trank Wein.
Und Fräulein Knight musste noch einmal die Verse hersagen, darin sie die weltbewegende Tat besungen hatte: „Britannias leader gives the dread command ...“
Britanniens Führer winkt, und gnadenlos
Gehorsam dem Befehl, schiesst Glut herauf;
Die wilde Berstung reist den Himmel auf,
Hoch saust die schwere Masse wolkenwärts.
Das Land erzittert vor dem grausen Stoss,
In eins erdröhnen Lüfte, Meer und Herz.
Den starren Pyramiden wird es kund,
Ihr Urgefüge schauert bis zum Grund.
Man wollte Nelson zu Ehren auch das italienische Lied singen auf die Melodie von den englischen Eichenherzen ... applaudi del gran Nelson la vittoria. Aber der Held winkte ab, da sein bester Freund, Sir William, nicht wohlauf war und schlafen musste.
Als Brace nun seinem Admiral beim Auskleiden behilflich war und leuchtenden Auges noch einmal des ungeheuerlichen nächtlichen Kampfes gedachte, schüttelte Nelson übermüdet den Kopf, und die tiefe Stirnnarbe von damals brannte rot. Ob es wahr sei, fragte er, dass der zehnjährige Sohn des französischen Oberbefehlshabers am Gefecht teilgenommen habe und umgekommen sei. Der treue Brace antwortete: „Jawohl, Euer Gnaden. Er hielt sich ja noch am Mast im Wasser und rief nach seinem Vater, und dann ist er uns ja aus den Augen gekommen.“
Der Sarg im Hafen.
Den andern Morgen trieb im Hafen von Triest ein schwarzer Sarg, mit Blut besudelt, und ein Segel war darauf errichtet, auf dem stand: Caracciolo. Als die Behörden seiner endlich habhaft wurden und ihn öffneten, lag darin ein erwürgtes Lamm.
Es war aber nicht der Sarg Nelsons gewesen, der vielmehr mit dem Gepäck ins Hotel geschafft worden war.
Und die behördliche Entrüstung verfügte alsbald, dass der am Abend unterbliebene Kriegssalut nunmehr nachzuholen sei von allen auf der Reede liegenden Schiffen und von den Batterien des Kastells, der Mole und beim Lazarett, was um elf Uhr denn auch ausgeführt wurde.
Inzwischen hatte sich der englische Konsul zu Triest, Herr Andersson, eingefunden und bot seine Dienste an. Auch Kapitän Messer, ein Engländer, der eins der russischen Schiffe geführt hatte, kam und erkundigte sich nach dem Wohlergehen seiner Passagiere Frau Cadogan und Fräulein Knight und sagte, Graf Voinowitsch wolle sich nicht sehen lassen, denn er sei gebürtiger Dalmatier und hatte geschworen, die Küste nicht eher zu betreten, als bis Triest entweder wieder dalmatinisch oder russisch sei.
Und ehe nicht die unschuldigen Revolutionsopfer zu Neapel gerächt sind! habe der Leutnant Capaci hinzugefügt. Und der Sarg im Hafen wäre nur ein Zeichen.
Ich glaube, dieser Herr, erwiderte die Hamilton rasch, ist ein gewaltiger Idealist und wird sein Leben Wohl auf den Schiffsplanken beschliessen.
Quarantäne, Pass und deutsche Ordnung.
Auch der Quarantänearzt erschien und erklärte, dass eigentlich alle ein paar Tage laut Vorschrift hinter den Eisengittern im neuen Lazarett zur Beobachtung zu weilen hätten.
Herr Tyson durfte dann mit den Pässen weggeschickt werden, und Fräulein Knight wurde ihm als Dolmetscherin mitgegeben. Denn sie war von einem Schweizer Pastoren erzogen und hatte Deutsch gelernt.
Der Passbeamte war ein munterer Wiener, der die Sache scherzhaft nahm, was versöhnlich wirkte, obwohl es ein Glück war, dass Fräulein Knight nicht ganz hinter den Dialekt kam. Und er machte es etwa folgendermassen:
Nelson, a zierlich’s Mander’l, klaa aba dinna wia Bunapate. Des macht des Salzwassa. Des zehrt! Lord vom Nil, Herzog von Bronte. Bronte? Liegt des irgndwo da drunen? Des bronte ihn wohl zu g’fährlich? Des macht die Liabe. Die zehrt aach.
Vornauman Horatio. Ah: Hurräsche? Des hängt mit Hurra z’saum. Guat. —
Da englische G’saundte? Ah so, mit’m Dichter Milton verwandt. H. Milton oder des verlorene Paradies. Muass mehr Bachhenderln und Eiernudeln essen, asunst wird er’s bald g’funden ham. — Sei hochverehrte Gnädige? A bissel gspreizt. Muass fier zwo reich’n. Die Muse des Helden von Abukir. Gaunz Aabukirre. Na is net bees gemaant.
Misses Ca-dogan. Ah, wia se sag’n: Kätteken? A oide Katz. Wird ka Mauserl mehr in Östreich jag’n. — Miss Kniet? Vua wem? Vuam gross’n Nelson natierli. Entschuldigns scho, biettscheen!— Miss Neid! Auf wem denn scho? Auf die dicke Lady? Aba i biettscheen! Se hat a Gsichterl wia de Dame, de da auf’m Thron zwisch’n de zwa Hofmuseen sitzt und es Steiruada in da Haund halt.
Anno 1764. Na, was siech i, Lady Emma is scho sechsadreiss’g Joahr alt? I hab glaubt neinadreiss’g. Is kei Kunst aus de Oins a Vier ze machen. Genehmigt. Kavalierikät muass sei. Und des Fräuln Neid um drei Joahr öta? Nau, des soi nix sag’n, ka Grund zum Neid, Fräuln. Berühmtheit is net so wichtig wia unberiehrt sei. — A, Mister Tyson. Nicht Dieson? A recht: Es haasst Der Sohn oder Nelson. Nässen? Ah biettscheen. Nelson von nass. Des Meer, i vasteh, des is net wenicha. — Dei Sohn? Ah, biettscheen, Teisn. Ei der Teisn! Oeuf, oeuf le mil! — Ah, nau, Mister Brace. Bratsche? Spüht woi de Begleitung. Englisch g’sprochn Blees? R wie L, Blees mir’s Liacht aus, Blees! Jetzt wird’s Nacht. — Fatme. A Negerweiwerl? A Nigger? A Nickerchen. Natierli, derf ni in Kopf schittln. Gebuan? Ah, so net gebuan. Ka Geburane. Schwuaz gebuan. — Und a Dienaschoft, Neapolitano? Dama stempen. Viecha stempen ma stad. Alsdann, her mit der Stempülje! Biettscheen, Fräuln Neid, Herr Teisn, Ihr Diener. Da saan de Bähsse.
Die anatomische Landkarte.
Man nahm die Karte vor, eine bemalte europäische Karte, in der die roten Töne vorherrschten, da sie französischen Ursprungs war und die Verfertiger den Traum der Revolution schon bis Russland hinein über die bunte Flickenkiste gehaucht hatten. Der zerrissene Kontinent lag da recht eingeweidehaft in der spritblauen Seeschüssel. Lady Hamilton umrandete England mit einem schwarzen Stift und behauptete kühn, dass es trotz seiner giftgrünen Farbe das Herz Europas sei der Form nach.
Sir William stimmte zu, lächelte aber mit spöttischer Sportsmannsfalte: Herz Albion stehe leider auf dem Kopfe, und er möge nicht sagen, was Italien ihm dünke, und ob Skandinavien etwa das Gehirn, Russland die Lunge, Spanien die Milz, die Schweiz der Magen, die Niederlande die Nieren, der Balkan das Gedärm, Frankreich die Galle und Deutschland die Leber sein solle?
„Warum denn nicht?“ lachte sie, nicht wenig erbaut über ihre anatomische Anregung.
„Und wir sollen wie eine Laus über diese Leber kriechen?“ seufzte Nelson schwermütig. Und nahm den Stift aus Lady Emmas Hand und zeichnete den Reisekurs mit dicken Strichen hinein: Palermo — Livorno — Florenz — Ancona — Triest — Wien — Prag — Dresden — Magdeburg — Hamburg —Cuxhaven — Yarmouth. Die ganze Linie sah aus wie ein melancholisches Profil, dem Nelsons nicht unähnlich, Palermo als Halstuchperle, Livorno als Gurgel, der Mund in Triest, die Nase in Wien, das Auge in Dresden, bei Hamburg lag die Sorgenfalte der Stirn und in Yarmouth der kitzlige Scheitelpunkt.
Sir William darf nicht sterben.
Und immer blies noch der Wind, zäh brausend, nach Langusten und Lemonen duftend, Wind der Adria. Grund genug, die festliche Illumination der Stadt hinauszuschieben. Man glaubte schon, dass man die Kosten sparen wolle oder könne. Die Königin war jedoch noch nicht fort. Sie lag zu Bett — Nachwirkungen der Reise — und war so krank fast wie Sir William. Doch eher als er erhob sie sich und ging zu der San-Pietro-Kirche, um Gott für mancherlei zu danken und zu bitten. Und wie das Volk so ist, wenn Höhere noch Höheren sich neigen, es jubelte begeistert.
Doch der Hamilton schlug das Gewissen. Wie sollte es sein, wenn ihr Gemahl schon auf der Reise starb? Mit Trauerkleidern macht man schlecht Empfänge, der Rausch des Ruhmes verhält sich vor den Witwen, Festen hat man fernzubleiben, essen darf man wenig, trinken nichts, Attitüden, Gesang sind unmöglich, die freimütige Begleitung, die Vertrautheit, das enge Seite an Seite mit Nelson müsste sofort gegen jeden Ton sein und vorbei: „Mein Gott, du darfst nicht sterben!“ weinte sie an Sir Williams Lager.
„Du meinst, noch nicht!“ meinte er müde, aber das alte gepfefferte Lächeln ringelte schon wieder in wenigstens einem seiner Mundwinkel. Und da er Nelson zur andern Seite seines Bettes erkannte, griff es auch auf die andere Gesichtshälfte über, und er sagte mit Anstrengung, da die beim Sprechen sich notwendigerweise stoppende Luft auf seine geschwollene Galle drückte: „Ich werde mich bemühen, Kindlein! Haben wir den guten Jungen Horatio nun schon aufs Land geführt, so wäre es gemein, ihm die Freude zu versalzen, wo er doch kein Salz liebt ausser in der See.“
„Nein!“ lächelte sie unter Tränen: „Eine Verführung in Trauerkleidern können wir ihm nicht zumuten!“
Aber Nelson mochte nicht auf den leichtfertigen Schwung eingehen, obwohl er ihre Gefasstheit bewunderte. Ihm war höllenschwer. Er hatte immerhin eine Frau in London. Und sein Entschluss, Lady Emma gleich nach dem Tode ihres Mannes als sein Eigentum zu erklären, stand fest bei ihm wie ein Bugsprit bei Windstärke eins, mochte die Welt knistern wie sie wollte.
Aber es war ihm auch honigklar, dass dies Unterfangen, verbunden mit der bevorstehenden Landreise, etwa so verzwickt sein würde, wie mit einem Krokodil über den Vesuv zu reiten.
In den Zeitungen stand, Freunde Dolomieus, voran der amerikanische Konsul in Messina, hätten durchgesetzt, dass der arme Gelehrte zukünftig als Kriegsgefangener behandelt, aber nicht nach Russland ausgeliefert werden solle. Das Schicksal kam ihnen entgegen. Man hatte schon ganz vergessen, was man einem gewissen Capaci auf dem Schiffe versprochen hatte.
Ob Lord Nelson wisse, fragte Messer: dass man in Hamburg-Altona heimlich französische Kaper ausgerüstet habe, um die Postschiffe Yarmouth–Cuxhaven abzufangen und den ganzen, seit vier Jahren so hübsch laufenden England-Hamburg-Dienst zu unterbinden?
Das wäre der Satan! Er hoffe allerdings, von Hamburg mit einer anständigen Fregatte abgeholt zu werden.
Immer noch riefen am Hafen halbnackte Jollenführer: „Due grossi per vedere le Fregatte moscovite!“ Riefen sie nicht auch seinen Namen? Nein, dem Himmel sei Dank, nicht in Verbindung mit dieser russischen Sechs-Kreuzer-Fregatten-Besichtigung. Und dennoch schade! Keinen Kreuzer für Nelson! Für den Abtrünnigen des Meeres, der an der Mole umherstand wie ein Hosenmatz mit blausilbernen Schiffsjungenträumen.
Weiss Sir William?
Und wieder bei Sir William am Krankenlager, wieder, wieder in ihrer Nähe, die alles in ihm besänftigte und neu anfeuerte.
„Lieber alter Haifisch!“ lächelte Nelson dem armen Gesandten a. D. zu: „Du musst es verstehen, ich habe meine Mutter früh verloren, kam aufs Schiff, zwölfjährig, ein ungelenkes Kind. Emely hat die mütterliche Hand für mich. Und dann, du hast doch wenigstens mal ne Tochter gehabt, das ist sie mir auch. Das musst du nun mal anerkennen, mein Junge!“
Sir William erkannte es an. Da war nichts anderes zu wollen: „Du könntest mein Sohn sein, und das tröstet mich, du nicht unberühmter Meertiger und Schwerenöter!“ sagte er und sass schon im Bett, und sein Lächeln war bald das alte: Jawohl, er habe eine Tochter gehabt in erster Ehe, sie sei tot, er würde einen freundlichen Ersatz gern begrüssen.
Und da glaubten die beiden schon zutiefst erschreckten Herzens, dass er ahne, wie es bestellt sei und ein Ersatz ob so oder so nicht gar so ewig fern. Doch als sie ihm vorsichtig auf seine alten Zähne fühlte, stellte sich heraus, dass er entweder ein dreimal durchgegorener Fuchs sei oder aber wirklich nur Lady Emma gemeint habe, die ja seit langem nicht anders wie eine Tochter mit ihm lebte. Und da sie hinter der Tür erwogen, es ihm nun zu sagen, da wuchsen riesengross die englischen Gebäude ritterlicher Ehrbegriffe und die Begriffe der Freundschaft, wie sie ungeschrieben stehen in den europäischen Büchern der Anständigkeit, und sie wussten, dass die Pforten seiner Seele fest in diesen Angeln hingen und dass es grausam sein würde, sie anzusägen, und dass er auch noch zu krank dafür sei.
Und sie atmeten noch ein wenig auf.
Mutter Cadogan jedoch sah ihrer Tochter bekümmert und ergeben nach und hatte längst gemerkt, wie Tag um Tag das lange Kleid ein wenig mehr die Fussspitze freiliess. Nie aber würde sie wagen, in Klarheit das zu denken, geschweige denn auszusprechen, was ihr kundiger Waschfrauenblick von einst durchschaute.
Die berühmte Billington.
Eines Tages tauchte die Billington in Triest auf, aber nicht als die gefeierte Sängerin, sondern um Sir William, den alten wackeren Mäzen, anzupumpen. Als sie hörte, er sei krank, weinte sie der Lady Emma ellenlange Tränen vor. Sie war teuer aufgedonnert, doch nicht ohne Spuren eines ungeordneten Haushaltes. Ihre Laufbahn war kaum weniger sonderbar als die der Hamilton gewesen. Ihr Vater war Sachse, Theaterhornist, ihre Mutter kleine Soubrette, ihr erster Mann Kontrabassgeiger. Sie war geboren in London-Soho, begann in Dublin mit 16 Jahren, verdiente mit achtzehn am Convent Garden zu London 1000 Pfund, musste neidischem Skandal weichen, kam über Deutschland nach Neapel, jung, schön, war bei den Hamiltons gut aufgehoben, hatte in San Carlo unerhörten Erfolg. Als sie den zweiten Abend gerade ins Theater fahren will, trifft ihren Mann, der zuvor zu fett mit dem Bischof von Winchester gespeist hatte, der Schlag. Die Trauerpause verbringt sie im munteren Neapel, tritt dann unerhört erfolgreich auf in Florenz, Venedig, Triest, Mailand. Hier verheiratet sie sich mit einem Franzosen. Es war kein Jahr her.
Sie war immer noch hübsch, aber auch schon reichlich rund, ein tröstlicher Anblick für die Hamilton, die sogleich ungeziert fragte: „Kriegen Sie ein Kind, Beste?“
Elisabeth Billington schluchzte verzweifelt auf: „Natürlich, aber ich will keins von diesem Idioten! Und ich will weg, und es verdirbt mir die Laufbahn, und ich habe doch noch einen Haufen vor, man reisst sich um mich in London“.
Sie nannte unmässige Honorare, und dass sie in Triest ihre Fäden habe und in Venedig und Tujatee trinke und sich nicht mehr prügeln lassen wolle. Die Hamilton schlug ihr vor, doch gleich mitzukommen, nach England. Sie schrie zurück: In diesem Zustand? Der müsse erst erledigt sein. Und dann müsse sie ihr Landgut unter der Hand verscheuern. Aber dann, dann werde sie kommen, und dann solle die Welt staunen. Ihre Zunge entglitt in den rauhen Ton ihrer Kinderzeit zu Soho, und die Hamilton stand ihr mit Geflissenheit darin nach und sprach gewählter als für gewöhnlich.
Ihr war rivalig ums Gemüt, aber auch sehr mitleidig: „Das ist eben der Unterschied zwischen Liebe und Nichtliebe!“ sagte sie sanft in bester Betonung mit leichter dramatischer Geste, die der gefeierten Billington wohl zeigen durfte, dass Bühnenbegabung nicht von einer einzelnen gepachtet werden könne, und wenn man zehnmal zehn Jahre jünger war als andere.
Die Billington hörte nur heraus, dass hier eine Verkleinerung zwischen Ruhm und Ruhm getrieben und ihrer Person zu geringe Beachtung gewidmet werde: „Mensch, Lady!“ trocknete sie derb die Zähren, „Sie haben es leicht mit den beiden kringelwedelnden Katern an der Schürze. Könnte ich dutzendfach haben, aber Scheibe, ich habe darin Pech; die Kerle, die ich heirate, entpuppen nur Dreck, ich muss sehen, sie wieder loszuwerden. Und ich werde auch diesen los, Sie werden es erleben! Und auch das Balg! Mich hindert nichts! Aber kommen Sie durch Sachsen? Grüssen Sie mein Vaterland! Der grosse Bach war Sachse. Sein Sohn unterrichtete meine Mutter, diese mich. Sie sehen, ich habe grosse Tradition!“
Damit entschwebte die berühmteste Sängerin, die England je hervorgebracht hat. Denn sie hatte inzwischen gemerkt, dass es mit dem Pump nichts sei. Die Hamilton sah ihr, deren Tränen einer strahlenden Siegeszuversicht gewichen waren, mit zwiespältigem Herzen nach und musste die Eifersucht auf das, was nun würde vorbei sein für sie, Ruhm, Beifall und Menge, Rausch der Bühne, ein wenig dämpfen, den Durst, den diese Billington hatte reicher stillen können am Born der Öffentlichkeit und den sie, da war kein Zweifel, in London weiter stillen würde, wenn ihr Mann sie nicht vorher totprügelte oder sie am Genusse des Tujatees verendete. Während dann die arme Emely Hamilton in Piccadilly oder irgendwo in einem langweiligen Zimmer an der Wiege sitzen und Privatarien für Säuglinge zwitschern könne.
Tujatee? Oder anderweitige Geheimmittel ihrer Mama? Nein, nein, kleine Emmel-Emely! Ihre Laufbahn war dahin und begann neu unter ihrem Herzen. Sie reckte sich auf, sah aus dem Fenster, stolz, verächtlich, sah, wie der mässige Wagen der Sängerin im Strassengewühl unterging.
Die Königin reist ab.
Gerüchte gingen um von Unruhen.
Der Königin von Neapel war deshalb nicht wohl. Der Sarg Caracciolos ging ihr nicht aus dem Sinn. Trotz ihres Fiebers liess sie packen. Ihre Aufgabe lag in Wien, beim Kaiser Franz, der zugleich ihr Neffe, ihr Schwiegersohn und der Schwiegervater ihres Sohnes war. Sie fürchtete Dolchblitzen und den jähen Anblick eines kleinen schwarzen Pistolenloches aus jeder Ecke. Mit grosser Wachmannschaft begab sie sich den Sonntag bussfertig hinauf zur Kapelle der Jesuiten Santa Marie Maggiore. Sie war nicht schuld, dass den Patres Übles widerfahren war in Österreich, und auch ihrem vertrottelten Gatten und Hundezüchter Ferdinand hatte sie nicht alles unterbinden können.
Sie betete vor der Jungfrau, die da die böse Schlange zertritt. Und die Hamilton war mit ihr oben und betete, obwohl sie gut reformiert war, bedrängten Herzens mit, und weil es sicher nicht schaden könne. Und die Schlange, schien ihr, habe das Gesicht von Fanny Nelson, geschiedener Nesbit, angetrauter Gattin des guten kleinen Admirals, ihres Liebsten.
Der Wind hatte sich nun gelegt. Diesen Sonntagabend endlich prangte die Stadt im Zauberflor tausender kleiner Öllampen. Aber nur die Hoflieferanten und solche, die es zu werden hofften, hatten auf transparente Schilder geschrieben: Viva S. M. la Regina Maria Karolinà! Die meisten hatten, schon weil es kürzer war, ein: Viva Nelson! vorgezogen.
Noch vor Mitternacht, als der tollste Festtrubel durch die Strassen auf zu den stillen Bergen und hin über die geglättete Adria brandete, verliess die Königin mit Extrapost Triest.
An Winkelmanns Grab.
Sir William wollte wenigstens das Grab Winkelmanns sehen. Das war ein Mann, den er und mit ihm die ganze Jahrhundertwende zutiefst verehrte, jenen aus Deutschland aufgestandenen Schusterssohn, welcher der Welt unauslöschlich die Schönheit des Hellenentums in allen Kunstmassstab gegossen hat, und dem zur Bewunderung etwa in dem Jahre, von dem in diesem Buche die Rede ist, ein junger Franzose, Abenteurer und Schriftsteller, im Nachtrab der italienischen Armee Bonapartes seinen christlich-französischen Vatersnamen aufgab und sich nach des geliebten Genius armen Geburtsorte unter Hinzufügung eines nicht minder berühmten preussischen Königsnamens unter gleichzeitiger Selbsttadelung Friedrich von Stendhal nannte, welches der gebildete Deutsche vergebens französisch auszusprechen sucht.
Der einstige englische Gesandte zu Neapel hatte Winkelmann selber noch gekannt, selber mit ihm gesprochen, grosse Anregungen von ihm empfangen, bevor der brennende Gelehrte nach Deutschland zurückreiste und dann in Triest einem habgierigen Diener zum Opfer fiel.
Sir William liess sich in einer Sänfte zum Friedhof Corpe de Christo tragen. Die Stätte, deren Pflege seiner Ansicht nach Sorge des ganzen Abendlandes hätte sein sollen, war gänzlich verwahrlost. Und er weinte eine Träne dem Entschlafenen zu, der da fast so lange schon ruhte wie er nun in Italien geweilt und sein bescheiden Teil in des Toten Sinn und Bahn gewirkt. Und es war ihm, als werde sein Lebensfaden nun zu Triest auch durchschnitten, ob er hier gleich stürbe oder nicht, und dass es vielleicht besser sei, hier alsbald begraben zu sein. So ungern verliess er den Süden.
Doch kein Räuber und Mörder kam, wie er sich fast wohl wünschen mochte, der arme alte Gentleman und Ritter Hamilton. Da stiftete er der Bruderschaft, die den Friedhof zu verwalten hatte, so viele Geldstücke, wie die Anzahl der antiken goldenen Schaumünzen, um deretwillen das gierige Messer den Professor niedergestochen hatte. Und man solle den Hügel wieder wölben und Rosen darauf pflanzen und eine Zypresse und eine halbe korinthische Säule.
Kutschen und Gepäck.
Die Hitze war gross in Triest, und der Gedanke an die erträgliche Sommerkühle Englands wurde verlockender. Und als am 12. August die Schatten der Westhügel lang genug waren, um den Zickzackweg zur Höhe erträglich zu machen, verliess man die Stadt.
Ausser dem englischen Wagen brauchte man noch zwei Postkutschen, alle wegen der Steigung zu sechs Pferden. Die Platzverteilung geschah folgendermassen: Im englischen Wagen sassen das Ehepaar Hamilton und Nelson. Sir William hatte eine Wagenseite für sich, die vordere, damit er es bequem habe und es ihm nicht zog. Da der Postillon ritt, thronte Konsul Andersson, der ihr Führer durch die Gegenden bis Wien sein wollte, auf dem Kutscherbock. Und auch die Kiste mit den Orden und Ehrenzeichen und die mit den Juwelen der Hamilton waren in diesem Wagen untergebracht.
Im zweiten Wagen nahmen Frau Cadogan, Fräulein Knight, Herr Tyson mit der Reisekasse und die Zofe Loinette Platz, und letztere deswegen, weil man sie nicht mit dem Lazzaronen Gaetano in einen Schlag stecken konnte, ihrer Verliebtheit wegen. Wie es bei Regen werden würde, wusste man noch nicht, da dann ihr Platz eigentlich für Herrn Andersson vorgesehen war. Auch hatte Mutter Cadogan das Bologneser Hündchen bei sich, das sich nicht mit dem Papagei vertrug.
John Tyson durfte wegen der Damen im Wagen nicht rauchen; er versuchte es auf dem Kutschersitz, wo es ihm aber wegen seiner mangelnden Haare zu sehr zog, trotz der wollenen Matrosenmütze, die er ausserhalb gesellschaftlicher Anlässe statt der Perücke trug.
Papagei und Äffchen in ihren Käfigen waren sinngemäss der Negerin Fatme anvertraut, und sie hatte sie erstmal beiderseits ihrer Beine auf dem Bock des dritten Wagens verstaut. Im Innern sassen Bootsmann Brace, Gaetano und Klein-Mary-Ann, eingezwängt von den wertvollsten der Kisten und Koffer, Mappen mit Handzeichnungen und Hutschachteln.
Das übrige Gepäck war auf und hinter den Kutschen vertäut. Auf Deck des ersten Postwagens ragte zuoberst ein grosses hölzernes Schnitzwerk in Form von drei gröblichen Wappenfedern in den Farben der Trikolore, die einst die Kappe der Galionsfigur des letzten französischen Linienschiffes „Guilleaume Tell“ geziert hatten, ehe es als entflohener Überrest der Abukir-Flotte im Mai Nelson zur Beute gefallen war. Er hatte übrigens damit für England nicht nur eine beträchtliche Menge der von den Franzosen geraubten italienischen Kunstwerke, sondern auch über sechs Millionen gemünztes Geld ergattert. Kein Wunder, dass er diese unhandliche Trophäe liebte und mitschleppte.
Um nicht oben auf der Strasse an der Grenze des Triester Freihafengebietes aufgehalten zu werden, war das Gepäck schon in der Stadt visitiert und versiegelt worden, was in wenigen Minuten erledigt war, hatte man es doch mit Privatreisenden, Engländern und sozusagen diplomatischen Personen zu tun und nicht mit Kaufleuten. Somit wurden am Grenzzollhause nur die Siegel wieder abgerissen. Ein Freizettel aber gewährte Schutz vor allen weiteren Belästigungen bis Wien.
Addio, bella Italia!
So wand sich der Tross die guten Serpentinen hinauf zur Höhe des Karstes. In den Gärten, deren Erde einst mühevoll hatte erst herbeigeschafft werden müssen, reiften Pfirsiche, Pomeranzen, Orangen und Melonen, mächtige Feigenbäume erhoben sich da und kleine Haine von Edelkastanien, die hohen graugrünen Spindeln der Tuja, die düstern Lanzen der Pinien und allerorts dazwischen die heiteren Rebenlauben. Der Sommer war vorgeschritten, der Staub des Südens zog seinen Schleier über die Gefilde.
Bei den letzten Häusern des Abhanges verschnauften die Pferde. Man stieg ein wenig aus, streckte die Beine und kaufte grosse blaue Trauben, die blau waren wie die abendliche Bucht, die sich überraschend unter ihnen breitete. Die Reisenden waren verwöhnt durch den Blick von Hamiltons Palaste Sessa zu Neapel und von den Höhen bei Palermo. Aber hier kam anderes hinzu. Sie fühlten, es sei das allerletzte Mal, dass ihre Augen die Schönheit des Südens anschauen durften. Das schlachtete sich üppig hinab, die Kuppen mit den Landhäusern endeten in Gassen, die schon gefüllt waren von Abendschatten und vom Rauch der Vesperfeuer überwölkt. Flach schwang der reinliche Plan der Stadt, die Plätze lagen halb lila, halb orange in der tiefstehenden Sonne. Vergoldet schienen die Säulen und Türmchen der Börse und das Kaiserdenkmal auf dem Markte, vergoldet die kleine Werft mit den Spanten eines langen Schiffes, das die Seemacht Österreichs zu befestigen gedachte. Und das Gewimmel des Freihafens mit goldenen Masten, Segeln und Takelungen weiter und weiter in goldenen Flocken zerstreut bis zum Horizont. Und drüben fern im milchigen Dunste ahnte man die Küste Italiens.
„Addio, addio, ma bella Italia!“ schluchzte die Hamilton. Sie breitete überströmend die Arme. So nahm Nausikaa Abschied vom Lande der Phäaken. Ihr Gatte und Nelson sahen es bewundernd und gerührt.
Wohl setzte Sir William die Mundwinkel zu einer ironischen Bemerkung an, aber er war noch zu schwach, um sich so zu meistern, er konnte seine sauren Tränen nicht verschlucken. Was sollte er, ein Greis, der mit der zweiten Hälfte seines Lebens restlos dem Süden verwachsen war, in den Nebeln und der frostigen Feuchte Londons? Es würde sein baldiger Tod sein. Und der Wunsch vorm Grabe Winkelmanns, vorher hier zu sterben, verstärkte sich in ihm, ja er sehnte sich, auf der Stelle den Geist aufzugeben im letzten Anblick des geliebten Landes.
Das merkte sein treuer Freund Lord Nelson mit Wehmut; sein Herz war ihm selber schwer, da er dem Meere den Rücken zukehren sollte, doch indem er die lange, kummergebückte Gestalt des Freundes stützte, sagte er mit verstopfter Stimme: „Ihr Lieben, England braucht uns noch. Wie könnte es sonst so grausam sein, euch von hier wegzunehmen?“ Auch Fräulein Knight weinte. Ihre Mutter lag weit dort hinten in sizilianischer Erde. Ihr Vater war schon längst, ein Admiral, für Englands Ruhm gestorben. Sie war ja kein Kind mehr, war schon über vierzig, eine alte Jungfer ohne Anhang. Im Süden war alles leichter, man lebte in der Landschaft, da hatte sie gezeichnet, radiert, Bücher geschrieben. Wie würde es in den kalten englischen Zimmern sein?
„Teure, liebe Cornelia“, wandte sich da Lord Nelson ihr zu: „Tochter meines toten Kameraden Knight, nun sind wir bald ganz auf Sie angewiesen. Niemand von uns kann Deutsch ausser Ihnen. Gutes Herz, wie sind wir froh, dass wir Sie haben! — Und nun komm, Emely“, ging er zu seiner grossen Freundin, „iss Weintrauben und guck steif Südwest. Wir fahren nach Wien. Man wird dich bestaunen und auf dem Bauche vor dir kriechen.“
Lady Hamilton lachte unvermittelt auf, drehte sich in schönem Schwunge um, liess die Hände wie zwei sanfte Tauben auf seinen Schultern landen, neigte sich zu seinem Ohr und flüsterte eine ein klein wenig anzügliche Bemerkung über diese Art biblischer Schlangenmenschen. Da sie aber im gleichen Augenblicke an das Gesicht der Schlange in der kleinen Jesuitenkapelle denken musste, hob sie ihre Arme wieder, um sie wie zwei vom Sturm zerschmetterte Äste ihrer alten Mutter um den Hals zu werfen, und sie weinte laut und bitterlich, den Himmel und England anklagend.
Herr Tyson rauchte abseits eine Pfeife. — Nelsons Augen vertrugen den Rauch nicht. — Herr Andersson widmete sich der wissenschaftlichen Sache und war in das Posthaus getreten, Brace zurrte am Gepäck, indem er auf die verrückte neue Kleidermode der Weiber fluchte, die nichts wiege und doch Platz genug beanspruche und immer in Gefahr sei, mitsamt den Koffern davonzufliegen.
Währenddes war der lazzaronische Diener Gaetano, der seine Zofe Loinette rasch auf die Seite gezogen hatte und sie mit den Blicken verschlang, froh, dass sie nicht viel mehr als ein dünnes Hemd, kirschfarbenen Cretonne mit schmalen Stahlzwirntressen und zimmetfarbenen Bändern anhatte.
Natürlich weinte auch die kleine Mary-Ann, schon aus Mitgefühl für ihre Herrschaft. Im Grunde aber war sie mächtig neugierig auf die weite Welt und freute sich auf den Schnee, von dem man ihr so viel erzählt hatte und auf die angenehme Kühle und die langen Nächte. Denn sie hasste eins, das war Schwitzen, und eins hatte sie furchtbar gern, das war Schlafen.
Fatme nun konnte sich gar nicht um den Abschied kümmern. Sie musste ihre Strümpfe wechseln und ihre zerkratzten Beine bedauern und schimpfte auf arabisch mit der Meerkatze Mirza und dem Papagei.
Nachdem nun das Hündchen Abukir sein Bein genugsam gegen die einzelnen Wagenräder gehoben und jedes Pferd einzeln bekläfft, sprang es auf den Kutschbock Nummer drei und begann einen Streit mit dem Äffchen, ohne sich von der Mohrin, die er nicht für voll nahm, begütigen zu lassen. Der Papagei schrie: Avanti! Avanti! Das war alles, was er konnte. Und Lord Nelson sah sich um, alles war bereit, die Postknechte runksten schon in den Sätteln.
Da rief er mit mannhafter Fröhlichkeit: „Nun, aho, Freunde! Alle Lappen klar und backbord gebrasst und Anker auf, ade, Italien und See, ich geh!“ — Denn nun wollte er es schnell hinter sich bringen.
Fatme.
Da nahmen alle ihre Sitze wieder ein. Und die Postschwäger stiessen ins Horn und waren froh, dass sie loskamen; denn soeben nahte eine lange Reihe Frachtwagen vom Tal herauf, mit Baumwoll- und Seidenballen, Wein- und Ölfässern beladen. Fatme überliess ihren Kutschbock dem unartigen Viehzeug allein und hockte sich aufs Wagendach zwischen das Gepäck.
Sie lehnte sich an den flachen, harteckigen englischen Sarg und hielt sich an der Harfe fest, die da unter ihrer verschabten Saffianhülle allerlei merkwürdige Töne von sich gab und mit den Grillen um die Wette zirpte. Sie meinte, alte Kinderweisen daraus zu hören, Gesumme von der Muhme hinter Schilfblattwänden und dann das Musikgeplärr hinter den immer verschlossenen Haremsfenstern. Da war es geborgen gewesen. Sie mochte gar nichts zu tun haben mit der weiten Welt. Aber Soldaten waren gekommen, Krieger des Sultans und Sklavenjäger, was wusste sie, und hatten sie durch die Wüste geschleppt als sie noch halb ein Kind war, und hatten sie verkauft auf dem Markte zu Stambul, und sie war an Murad Bei geraten, als er noch ein kleiner Unteroffizier war bei den Janitscharen, und hatte es ganz gut gehabt.
Aber schnell war er emporgestiegen in der Sonne Allahs und war ein Schrecken der weissnäsigen Männer aus dem Westen. Die aber eines teuflischen Tages schlugen ihn, und er fiel in der Schlacht und ward von den Huris hingeführt zum siebenten Paradies, wo die Helden sitzen, gefallen im Kampfe mit den Ungläubigen. Und die ungläubigen Hunde raubten alles, bis in die geheimsten Frauenzelte drangen sie und nahmen, was sie fanden, und zogen zurück durch die Wüste, und einige desertierten und schleppten sie, kleine arme Fatme, Fatuma, mit, dass sie die Sprache spreche des Landes um Wasser und Brot.
Wie kam es denn, dass sie nun wieder durch die Wüste sollte? War es das Ende nicht, dass sie an eine weisse Herrin geraten war, die gut zu ihr war oder böse, sie streichelte oder sie schlug, wie es Allah und ihrem weissen Gott gefallen mochte? Und dass kein Mann mehr Begehren trug nach ihrer schwarzen Schöne?
Rings das Land tot, öde, Gestein, weiss wie Salz in der Wüste. Es war der Karst. Weiss und kahl wie aus bleichen Gebeinen aufgeschüttet.
Herr Andersson kroch fröstelnd neben Herrn Tyson in den Wagen, und die hübsche Zofe nahmen sie als Pastete zwischen sich. Sir William schlief; alle andern druselten vor sich hin in der dumpfen Wagenwärme. Ab und an schrie der Papagei: Avanti! Und die Meerkatze streckte gekkernd den Arm durch die Trallen, um ihm eins zu rupfen, und zog ihn mit einem Schmerzensschrei wieder zurück.
Und über allen hockte vergessen die Mohrin und blickte in eine wenig einladende Ferne schroff zerborstener Bergzacken, von denen soeben der letzte Sonnenwiderschein in eine endlos kalte Himmelswölbung entglitt. Und ihr Gesicht war uralt.
Man kam über Sessana, über Prewald, nahm einen Imbiss im Wirtshaus zu den drei Schwestern, über die und deren geistlichen Tröster Seume so erquickend berichtet, als er ein Jahr später auf der Wanderung nach Syrakus einkehrte.
Schief und dunstig stieg der Mond herauf, letztes Viertel. Man würde etwa mit Neumond in Wien einrücken. Das schien nicht ungünstig, und die Betrachtung darüber munterte Sir William sonderbar auf, so dass er, als man spät in der Nacht Adelsberg erreichte, sich sogar noch fähig erwies, eine Gesteinsprobe zu betrachten, die Gaetano pflichtbewusst unterwegs aufgesammelt hatte.
„Tonschiefer mit proletarischem Marmordreck. Unmögliches Zeug!“ erklärte er. Dieser kernige Ausspruch deutete auf Gesundung. Und alle freuten sich.
Schnee auf den Gipfeln.
Am andern Morgen zählte man ärgerlich die Floh- und Wanzenstiche.
Die Gegend blieb unerquicklich, die Strasse miserabel, und sie ging durchs sogenannte Birnbaumerland, wo nur wilde Heide, aber kein Birnbaum zu sehen war.
Als man höher kam, sah man Gebirgsspitzen, und der Konsul bezeichnete sie mit Karawanken. Auch wies er bald auf andere, die schneebedeckt waren und zu den Steirischen Alpen gehören. Das ist ein ungewohnter Anblick für die meisten, die aus den Mittelmeerländern kommen, und ein feierlicher Augenblick, der erschauernd ins Herz weht. Die Negerin Fatme sagte fromm etwas von den weissen Zähnen Allahs. Übrigens hatte niemand bisher sich um ihre Bekehrung besorgt. Es ist im allgemeinen erhebend, jemand neben sich zu wissen, der bestimmt nicht in den Himmel kommt.
Nelson aber gedachte der graurauhen Winterabende in England, da er einen weiten Weg zur Schule hatte und oft bis über die dünnen Knie im Schnee versunken war.
Gaetano beispielsweise aber dachte nichts als an die schneeigen Schultern Loinettes, Loinette aber an ein Kupfer mit der weissen, strammen Hose des ersten Konsuls Frankreichs, Bonaparte; während die Hamilton schreckliches Verlangen empfand, eine Sahne-Gefrorenes zu verspeisen, was natürlich im Birnbaumerland nicht aufzutreiben war, und das zu Neapel am Geburtstag der Königin, der heute war, in Massen vorhanden gewesen.
Sir William dachte wehmütig an seine weissen Haare, und Miss Knight fiel ein, dass in der feingestrickten Geldkatze, die sie für Lord Nelsons Geburtstag in Arbeit hatte, ganz gut wie hier gegen das Firmament ein wenig Weiss zu der dunkelblauen Seide stehen könne. Mutter Cadogan überzählte in Gedanken die Nachthauben ihrer Tochter und dann die übrige Wäsche, und wie lange man damit reichen würde. Denn sie war dafür verantwortlich und musste auch für Ersatz sorgen, hatte aber schreckliche Angst vor dem deutschen Gelde.
Von Herrn Tyson nehmen wir an, dass er stillschweigend abseits ging und seine Pfeife anzündete, die weisse Asche seines Tabakes lobte und die Strahlenweisse seines Ringdiamanten genoss. Brace dachte pietätvoll an Polargegenden, die er als Matrose befahren, da Lord Nelson im selben Boote Coxswain war. Und die kleine Mary-Ann dachte, dass sie mal verschwinden müsse, und fand zugleich beschämt, dass ihre Nagelränder nicht mit der Weisse der Firne dort oben und mit dem Hermelin einer Königin in Wettstreit treten könnten.
Die Westminsterhöhle.
Sie kamen an einer Grotte vorbei, und da Bauern mit Stangen davor standen, erregte es ihre Aufmerksamkeit. Man stieg aus. Die Bauern entzündeten die gespaltenen und gefetteten Haselstauden, die an die Stangen gebunden waren, und leuchteten mit diesen Fackeln ins Innere der Höhle. Sir William hatte Bedeutenderes in seinem Leben erforscht, aber seine Frau und Nelson waren neugierig, und man schickte Brace zu ihrer Begleitung hinterher.
Der Grund senkte sich und verlor sich in Nacht und stieg wieder an zu einer Art Kanzel. Von der Decke hingen sonderbare Tropfsteingebilde und gestalteten sich im Fackelschein zu Bögen, Pfeilern, gotischen Gewölbezieraten. Die Hamilton flüsterte: „Westminster Abbey.“ Ein Wort, bei dem jedes englische Herz erbebt. Nelson ergriff die Hand seiner Freundin. Es deuchte ihm eine Minute aus Ewigkeit. Brace machte ein würdiges Gesicht, eines Erzbischofs würdig.
Trauung in der Westminster-Abbey mit Emma, geschiedener oder verwitweter Hamilton? Ganz England würde Kopf stehen. Sie lachte: „Horrä, alter Seelöwe. Es geht auch ohne Brimborium. Liebe, das ist alles, und wenn man’s richtig nimmt, gerade genug!“
Wasser glitzerte aus den Bodenritzen, netzte Nelsons Schuh. Aha, dachte er, das Wasser leckt mir die Füsse wie ein Hund, dass ich es nicht vergessen soll. Gut, gut!
„Emely“, entgegenete er: „Sir William ist ja noch da, und mich frisst der Teufel auf See eines Tages, das ist klar wie ein Ankertau, und dann sitzt du da.“
„Und dann gehe ich hin und weine auf deinem Monument in der Westminster-Abbey!“ sagte sie kühn, „und will neben dir begraben sein.“
Er aber entgegenete: „Nicht dort, mein Herz! Denn du siehst hier deutlich, die Abtei ist auf Feuchtigkeit gebaut, und eines Tages ist die ganze Pracht versackt und ihre Heldendenkmäler und Sarkophage glatt mit ihr. Denk dran, Emely, mich nicht in die Westminster! Mich in Saint Pauls! Da steh ich ewiger, wenn es denn schon sein muss.“
Es hallte dies alles, was sie sagten, knöchern wider in dem verzwickten Raume und zerspellte lächerlich. Doch der Wunsch des Helden blieb unvergessen und ging später in Erfüllung.
Die Krainer schreien nicht Vivat.
In Loitsch ass man zu Mittag, und da es mager ausfiel, konnte man es mit Lunch bezeichnen, um sich allmählich wieder an die englischen Sitten zu gewöhnen. Der Gasthof hiess: „Zur Fortuna“. Dafür waren die Bestecke schmutzig und die Preise unmässig, und selbst der Postknecht wollte Herrn Tyson übers Ohr hauen. Denn es gibt dort einen Schlag Leute, gemischt aus deutschem und italienischem Blute, so wie etwa einige im Buchensteiner Tal zu Tirol, die hatten alle Laster und wenig Tugenden von ihren beiden Stammvätern geerbt.
Hatten auch kein Vivat für Admiral Nelson übrig, hatten nie von ihm gehört, taten rülpssatt wegen all der fürstlichen Karossen in letzter Zeit, die man nicht einmal bemogeln durfte wie man wollte, und nur der Affenkäfig, die Mohrin und der Papagei schabten etwas Glanz in ihre scheelen Augen. Die Trikolore der hölzernen Wappenbeute aber war ihnen ein willkommener Grund, lautes Missfallen zu äussern, worauf Brace einige Hafersäcke besorgte, aufschnitt und darüberzog.
Die Landschaft wird schöner.
Dann sah man gefangene Franzosen vorbeiziehen, auffallend keck, laut singend. Auch ohne Waffen und teils ohne Schuhe und Strümpfe fühlten sie sich als Sieger. Und weiterhin geriet man in eine Herde prächtigen Schlachtviehes, das gen Wien sollte, weisse Ochsen, wie sie in der Lombardei grasen, wo man sagt, sie kommen aus Steiermark. Sie kommen aber aus Ungarn.
Die Landschaft wurde nun nach dem Geschmack der Reisenden angenehmer. Die Dörfer reinlicher, die Bewohner netter, festlich gekleidet, aber ihre Sprache wurde unverständlicher, und selbst, wenn sie deutsch sprachen, war es eine Mundart, die Fräulein Knight nicht beherrschte. Man sah Kornfelder in breitem Tal, die Garben lagen schon auf den Trockenharpfen. Der Sommer ging zu Ende.
Nelson und die Kindlein.
Hier wie anderorts bei den Poststationen geschah es, dass eine Mutter aus dem einfachen Volke mit dem Kindlein zu Nelson trat, und er es auf den Arm nahm und killekieks machte und sich das Patschhändchen geben liess und Lady Emely zuzwinkerte, wie nett es ihm anstehe, so ein Bübchen zu herzen. Mädchen tätschelte er nur übers Haar. Aber die Mütter waren immer tief gerührt, und manche weinten vor Freude und sagten, nun werde das Wurm fürs Leben glücklich sein. Einige der kleinen Krainer, Kärtner und Steirer Sprösslinge brüllten natürlich. „Das sind die, die den Blutgeruch an mir wittern und später lieber Bonbons verkaufen“, lachte er da. Die andern aber würden allesamt wackere Seeleute und Seemannsbräute werden.
Laibach.
Man passierte Oberlaibach und kam zwei Meilen weiter an einen beträchtlichen Fluss, auf dem zur grossen Freude des Admirals ein paar Kähne segelten. Brücken und Türme tauchten auf, festere Häuser, hübsche Landsitze. Und als man durch Wiesen, auf denen das Heu noch in Haufen lag, über die mit Kaufbuden besetzte Schusterbrücken einzog in die festen Mauern Laibachs, da sahen selbst die Insassen des Gefängnisses durch die schwedischen Gardinen und riefen Vivat; denn zwei Tage vorher, da sie es bei Durchfahrt der neapolitanischen Königin Karoline getan hatten, war ihre Vespermahlzeit verdoppelt worden. Diesmal aber kam nichts danach; denn die Engländer hatten keinen so grossen Einfluss auf die Verwaltung wie ihre Hoheit, die Kaiserinmutter.
Viel Volk war auf den Beinen, schön gekleidet, und man nahm es für sich in Anspruch, da man als Protestant nicht wissen brauchte, dass gerade Mariä-Himmelfahrt sei.
Man wurde begrüsst von allerlei adligen Herren, Grafen Wurmbrand, Auersberg und Hohenwarth, und selbst ein Prinz Rohan hatte sich, den vom Feldzug verstauchten Arm in der Binde, mit aufgestellt im Vestibül zum „Wilden Mann“, wo man, wie empfohlen war, abstieg. Und es war alles erfrischend sauber, als speise man in London in Nerots Hotel. Aber die Herren österreichisch-deutschen Adligen sprachen keineswegs deutsch, sondern parlierten schnarrend französisch, woran Nelson nicht viel teilhaben konnte, da er nur kurze Zeit in Calais gewesen und sich, statt französisch zu lernen, dem stummen Liebesspiel mit einer Pastorentochter ergeben und sich dem entzogen hatte, ehe er das Wort mariage französisch auszusprechen verstand.
Es war nicht allezu lange Frist für Erfrischung und Unterhaltung gegeben. Schon erschien eine Abordnung der angesehensten Bürger dieser schönen Stadt mit einem Grusse des Fürstbischofs Brigido, dem Bruder des Statthalters von Triest, und lud die englischen Reisenden ein zu einer musikalischen Akademie in die Philharmonische Gesellschaft.
Ein Konzert.
Das war ganz nach dem Herzen Lady Hamilton, und auch die andern waren solch edlem Genusse nicht abgeneigt und hatten sich, bis auf die Bediensteten, zur festgesetzten Minute umgezogen. Alles, was in Laibach, oder wie andere es nannten, Ljubeljana, an Vornehmheit, schönen Frauen, reichem Schmuck, hohen Offizieren, namhaften Beamten und Fremden vorhanden war, wohnte dem trefflichen Konzert bei.
Und es war ausserdem zugegen die verwitwete Kurfürstin von Bayern, Tochter des Erzherzogs Ferdinand, strahlend jung, schon aus dem Trauerjahr heraus. Sie hatte ihr erzbischöfliches Sonderehrenkonzert zu Michaelslust schon hinter sich. Die Menge Brillanten ihrer Eltern, die sie trug, waren unmodern gefasst, wie Lady Hamilton erspähte, und nicht ganz so wertvoll wie das, was sie um ihre mit den Jahren so aufnahmefähig gewordenen Ansatzflächen des Halses zu legen besass. Da waren vor allem das grosse Diamanthalsband aus Livorno und das Malteserkreuz, das sich gut ausnahm gegen Nelsons milchstrassengleich flimmernde Brust. Und Sir William trug einige Verdienstabzeichen englischer und neapolitanischer Güte. Das Volk staunte. Man durfte zufrieden sein.
Doch vernahm man, bevor der Dirigent das Pult bestieg, dass die Königin natürlich im Palais des Fürstbischofs gewohnt habe. Sie aber mussten im „Wilden Mann“ wohnen, was Fräulein Knight entweder mit Irrsinniger oder mit Menschenfresser übersetzen zu müssen glaubte, und es wollte ihnen nun erst recht nicht einleuchten. Aber immerhin hatte das Laibacher Regiment eine Ehrenwache vor den „Wilden Mann“ kommandiert.
Und zu Ehren der Engländer wurde die grosse Kriegssymphonie von Josef Haydn gespielt, die zwölfte der Londoner Reihe, die vor sechs Jahren drüben entstanden war und als Lieblingsstück Grossbritanniens galt. Ihr folgte die grosse italienische Arie La virtu britanna. Beides war geeignet, grosse Erinnerungen und gute Vorsätze in dem kleinen Admiral zu wecken. Kaplan Kleeblatt, der Chronist der Gesellschaft, konnte denn auch den nächsten Tag eintragen, Lord Nelson habe sich befriedigt über den Erfolg der Dilettanten geäussert.
Pan-Europa?
Es traten auch ein paar so nachdenkliche als feurige Herren an Nelson heran, die sprachen leise von den Ketten, die da hiessen Österreich. Und man solle in England eine Feile schmieden für die Freiheit der Slowenen. Oder müsse Bonaparte ihre Hoffnung sein? Vor drei Jahren habe er im fürstbischöflichen Palast gewohnt und sich verlauten lassen, dass die kleinen Völker alle ihr Recht bekommen sollten.
„Das wollte Napper Tandy auch mit Irland“, entgegnete der Admiral und nahm einen kleinen Bekassinenflügel zu sich: „Man hat ihn zu Hamburg geschnappt und ihn ausgeliefert und wird seine Träume bestrafen. Irland allein? Nichts. Mit Grossbritannien ist es gross. Ich habe auf der Karte gesehen, wie fürchterlich viele Schlagbäume wir in Deutschland überhüpfen müssen. Warum noch vermehren? Möge das europäische Festland ein einziges Reich sein, meinetwegen unter dem deutschen Kaiser. Aber das Meer, das Meer sei Englands.“
Da mischte sich der einstige Jesuitenpater Gruber ins Gespräch, und er wagte es, weil er nach der Ausweisung k. k. Navigations-Inspektor geworden sei und die Moore Laibachs trockenlege. Illyrien, Illusion, Elysium, das läge nah beieinander. Eine einzige allgemeine europäische Regierung, keine Zollschranken, gleiches Geld und das Bekenntnis der allein seligmachenden Kirche. Das Meer könnte ja protestantisch bleiben. Nelson empfahl Herrn Gruber, auch den Sumpf unter der Westminster-Abbey trockenzulegen. Die Slowenen aber seufzten und sprachen untereinander: Unsere gute Stammesmutter Jugoslavia wird sich aus eigenen Händen und Lenden befreien müssen.
Die bayrische Witwe.
Junge Bauernmädchen in bunter Tracht und goldenen Hauben tanzten slowenische Tänze zur Ziehharmonika. Dorfburschen führten auf mondheller Wiese Reiterkunststücke vor.
Die Nacht duftete nach fremden Balsambäumen und nach Küchenbeeten, und die verwitwete Kurfürstin nahm die Huldigungen junger Leute im Kerzenschimmer eines türkischen Pavillons entgegen. Da trat die Hamilton ein, einen Kranz aus Tausendgüldenkraut im Haar, alle eilten zu ihr, umringten sie und auch Nelson. Sir William war schon mit John Tyson und seinem Lazzarone nach Hause. Sie aber ging auf die junge, kühl blickende österreichische Bayerin zu, richtete die feuchten, grossen blaugrauen, sieggewohnten Augen auf das süssgepuderte Gesicht und sagte tröstend mit der Stimme, die aus den Tiefen vielen Schicksals dunkel angetönt war: „Lass nur, Mädchen! Diese jungen Möpse wedeln Ihnen alle Tage noch. Aber mir, mir nur noch allzu kurze Zeit.“
Sie hatte auf dieser Reise oft schwermütige Anwandlungen, wenn es dunkel wurde oder wenn sie jüngere Frauen sah. Und dachte manchmal, sie werde die Geburt nicht überleben.
Über den Loiblpass.
Schon im Morgengrauen fuhr man weiter. Drei marmorne Wassermänner auf einem Brunnen sahen den drei Kutschen nach und sprachen untereinander: Habt ihr gemerkt, wie sie uns gegrüsst haben, zwei dürre Herren, einer lang und krank, einer rank und frank und eine dicke, süsse Lady? Sie haben es gespitzt, dass wir ihre guten Schutzgeister sind und sie von den Kamniker-Alpen wieder freundlichst an die See der Admiräle und nach England führen wollen.
Die Wagen tummelten von bannen aus der fruchtbaren Talweite und kamen über St. Veit, Medro, die Brücke bei Zwischenwasser und über die Sau in knapp vier Stunden nach Krainburg und wieder ins Gebirge. Abgeerntete Felder, volle Harpfen Klee und Buchweizen, der muntere Moschenizebach zur Linken, ansteigendes Gestein, dahinter fern der Obstgarten bei Tristava, angeleinte Ochsen an Berghalden. Wie eine Weihnachtskrippe lag Neumärktl unter der Strassenbiegung in der dunkelgrünen Talschlucht.
Die Pferde wurden gefüttert und auf acht für jeden Wagen vermehrt. Dann begann die Steigung auf bewundernswert angelegter Strasse im Zickzack hinauf zum Loiblpass, der Grenzscheide zwischen Krain und Kärnten.
Dort verschnauften die Tiere zwischen zwei kleinen Pyramiden, die nach Meinung der Hamilton zu Ehren des Siegers von Abukir errichtet seien. Nelson nickte ungläubig. Der Wind blies kräftig aus den Schlüften Österreichs und hob einen mächtigen Staub aus der Tiefe und machte die Ahorne und Lärchen und die schönen Blumen im dichten Almgras grau. Es duftete nach Baldrian und Arnika, nach Schlaf und Medizin. Man war müde, und Sir William begann wieder zu fiebern.
Von dieser windigen Höhe sah man weit zurück, aber von Italien war nichts mehr zu entdecken.
Die grossartige Passstrasse,
das freundliche Kärnten.
Da knallten die Postknechte mit der Peitsche, die Bremsblöcke waren angedreht, das Hündchen bellte, der Papagei schrie: „Avanti!“ Die Meerkatze knickerte. Und hü, holdrio und rumpumpel ging es abwärts zum Gasthof „Deutscher Peter“, wo man nachmittags gegen vier Uhr hielt. Die Postillone und die Pferde stillten ihren Durst und erleichterten sich, welch gutem Beispiel man folgte und auch etwas ass.
Und weiter ging es, und die Gegend wurde schöner, gewaltig schwangen die Brücken über die Schlünde, Giessbäche erschäumten, liebliche Blicke in Seitentäler eröffneten sich uns zu fernen Berghäuptern. Felsen und Matten wechselten, Hammerwerke, Heide. Rosa blühte der Buchweizen um ein kleines Dorf. Man trank Ziegenmilch. Eine kleine Kapelle, ein munter aufgeputztes Hochzeitspaar mit Hirtenbuben, die auf groben Flöten bliesen ... Flog vorüber, vorüber. Avanti!
Ein Kunstwerk, diese hohe Passstrasse! Und selbst Sir William, der sie schon kannte, allerdings bei schlechtem Wetter, fand sie grossartiger als die Bochetta von Novi nach Genua, höher als die Apennindurchfahrt bei Tolentino und Moncerata, romantischer als Nordwales und besser als alles in der Schweiz.
Und die drei Wagen, die tiefrote englische Kutsche und die gelb und schwarzen Thurn- und Taxisschen-Postkaleschen leuchteten schön unter den grauen Bergzacken vor den Almen und durch düster hohe Tannenwälder und vorbei an hübschen Landsitzen, Schlössern, Kapellen und Ruinen, an gelbem und an schwarzem Klee über die lange Brücke der Drau nach Kirschtheuer, wo man auf Fräulein Knights Rat zur Probe Kirschen kaufte, doch sie gar nicht teuer fand.
Die Dörfer wurden immer freundlicher und mit ihnen die Menschen. Die Stimmung beflügelte sich. Schon sah man in der Ferne Klagenfurt. Ein See wurde uferlängs passiert. Der Konsul erklärte, es sei der Werthersee, nach dem Haupthelden eines vor ein paar Jahren modernen Buches so geheissen. Bonaparte habe es sogar mit nach Ägypten gehabt. In jenem Schloss dort hinten habe die tragische Geschichte gespielt.
„Weiss ich“, sagte die Hamilton, obwohl sie wenig Ahnung hatte, „der Dichter war mal bei uns in Neapel. Er schenkte es uns. Fräulein Knight hat es wahrscheinlich gelesen. Wir wollen es gleich wieder kaufen.“ Und sie rechnete nach, dass es dreizehn Jahre her sei und erinnerte sich, dass der junge Mann für einen Dichter sehr wohlgepflegt gewesen sei. Aber sie mochte ihn nicht, ihre Wirkung auf ihn hatte sie nicht gross in Erinnerung. Er hatte einen ärgerlich kühlen Blick. Ein Advokatenjunge aus Frankfurt, hatte man ihr gesagt. Klug. Zu klug, um für sehr schöne Frauen in Betracht zu kommen.
Der Buchhändler in Klagenfurt.
Der Buchhändler zu Klagenfurt hatte den Werther nicht. Er sei nicht mehr gängig. Und der See heisse richtig Wörther See und habe nichts damit zu tun. Und auch die Bücher Fräulein Knights hatte er nicht, nach denen sie fragte, als sei sie jemand Fremdes.
Sie hatte eine Geschichte der Römer mit dem Titel Flaminius geschrieben und eine afrikanische Erzählung Dinarbas, und beides war vor ein paar Jahren in deutscher Übersetzung erschienen.
Der Buchhändler zu Klagenfurt klagte sehr über die schlechte Zeit, da niemand mehr Bücher kaufe. Die vielen Zeitungen und Zeitschriften machten das. Und die Zensur. Selbst seine Leihbibliothek habe man verboten. Und selbst das so gängige, von allen Frauenzimmern geliebte Gebetbuch des Schweizer Hofrats von Eckartshausen. Sie sei Ausländerin. Ihr wolle er ein gerettetes Exemplar verkaufen, wenn sie wolle. Oder eine schöne Geistergeschichte? Das Gespenst in der blutigen Truhe oder das Leichentuch des gehenkten, versenkten und wiedergekehrten Fürsten zu Neapel, Caracciolo?
Sie wurde blass und nahm das Gebetbuch für teures Geld und dachte daran, dass sie von einem Schweizer Pastoren erzogen sei und ein sanfteres Leben verdient habe als das, was sie hinter sich hatte.
Die dreigestaltige Fama.
Auf dem Marktplatz stand die Kaiserin Maria Theresia, ungeheuer gross, und reich und steif gekleidet. Über ihr die Göttin Fama, die, um zu schweben, nicht nackt und schamlos sein konnte wie die wirkliche Fama, sondern ein fliessendes Gewand trug, mit dem sie sich auf den Nacken der Herrscherin stützte oder vielmehr darauf lastete, denn das ganze war aus Blei. Bei einem andern Monumente schwang ein schnurrbärtiger Ritter seine Keule gegen einen sieben Meter langen Lindwurm, der sicher nur eine andre Gestalt der Fama war. Der Ausgang des Kampfes musste ewig ungewiss bleiben. Bei einem dritten Brunnen — man war hier betreffs Denkmäler aufgeklärt genug, indem man sie nützlich zu machen verstand und die Wasserleitung hindurchschickte — da rann ein träges Seberlein zwei hundartigen Löwen aus den gelangweilten Mäulern. Das schien die verkörperte Fama der Unberühmten zu sein, und Fräulein Knight drückte das hofrätliche Gebetbuch ans Herz und bat den Himmel, sie dann noch lieber unberührt sterben zu lassen.
Friesach.
Man erreichte Friesach. Blank überm Geissberg stach die Sonne durch eine gewittrige Wolke. Vorm „Deutschen Haus“ waren die Stiftsarmen versammelt und lagen nach den behördlichen Vorschriften für Demutserzeigung bei Erscheinen von Obrigkeiten auf den Knien. Vor der grossen Treppe stand eine Ehren-Eskadron Husaren angetreten und davor salutierend der hübsche, junge Kommandeur Major Graf Starhemberg im weissen Mantel. Militärmusik. Der Bürgermeister sprach, Ehrenjungfrauen überreichten dem Sieger von Abukir einen Aufbau aus Bergblumen in Form eines antiken Schlachtschiffes.
Man frühstückte. Es gab vortreffliche Forellen und einen saftigen Rehrücken, der das alte Waidmannsherz Sir Williams höher schlagen liess, obwohl ihm nicht allzuviel davon bekömmlich war. Und es gab Zigarren zu Herrn Tysons Freude. Ein Domherr Fuchs, an dieser unerwarteten Festtafel, verriet den englischen Gästen, warum man so fröhlich aufgelegt sei allhier. Es sei nämlich gerade Revision gewesen zu Friesach, und der Landmarschall Graf Zinsendorf sei ohne besonderen Zwischenfall wieder abgezogen. Auch war ein Herr Hofer dabei, Kaufmann aus Triest, der das Ausfuhrmonopol für Eisenerze der ganzen Gegend hatte. Der sagte, die Königin von Neapel sei durchgefahren, ohne anzuhalten. Und jedermann sei froh, da sie immer etwas zu klatschen habe bei ihrer hohen Tochter.
Ade, ade! Die Kutschen rasselten am Marktbrunnen vorbei, und die Hamilton sah, wie sich zu dritt weisse Genien aufreckten und eine volle Schale hoben, und auf der vollen Schale tanzten selige Amoretten, die wiederum eine volle Schale dem Himmel zuboten. Und darüber, war da noch eins? So schien es ihr: Ein bloss und blond auftänzelndes Knäblein, das dort in der Himmelswanne badete, die sie zu dritt ihm hielten. Dreigestirn. Darüber die Sonne. Es fieberte sie. Wie gross schien die Zukunft!
Eisen, Cretins, englisches Kapital.
Die Strasse stieg. Immer noch war es südlich heiss, der Pflanzenwuchs üppig. Man überschritt die Grenze zwischen Kärnten und Steiermark, stieg weiter aufwärts, kam nach Neumark; der Weg wurde steiler, man erreichte die höchste Stelle des Passes in Obersteiermark.
Von da an wurde die Natur mit einem Male nördlich. In den engen Tälern auf mageren Flecken stand das Korn noch ungeschnitten. Es begann das Land des Eisens, der Eisenhammer, der Hochöfen und Fabriken.
An der Strasse jodelten Cretins mit Schellfischaugen und Kröpfen. Sie waren in Scharen herbeigeeilt, um zu betteln, von ihren Verwandten weit hergeschickt, wegen der Königin von Neapel vorgestern, des englischen Admirals wegen heute. Man schien in der Gegend bis in die höchsten Täler ein geheimes, aber gut entwickeltes Signalnetz zu haben, das jeden bedeutenden Fremdling, der die Landstrasse passierte, rechtzeitig anzeigte. An einer Stelle führte ein Trupp verwachsener, schaurig grinsender Geschöpfe ein ernstgemeintes Heiligenspiel auf, das wie eine Gotteslästerung wirkte oder vielmehr wie eine Anklage gegen Gott.
Kleine ärmliche Häuser; in den Gärten grosse Bohnen und türkische Erbsen. An den Zäunen blühte noch der Holunder. Das duftete nach Brot und Schnaps, nach der Dorfschenke an Samstagabenden. Wenn man die Augen schloss, konnte man sich nach Hause träumen, nach Burnham Thorpe. Da hatte der Admiral einmal die ganzen Bauern bewirtet.
Es geht abwärts, abwärts. Es riecht streng nun nach Stahlgiesserei. Nach englischem Kapital. Ein Verwalter aus Edinburgh kommt an den Wagenschlag, bittet zum Diner im Landhause eines Fabrikbesitzers. Die Hamilton lehnt ab. Sie will noch heute am liebsten nach Wien. Sie liebt nicht die Industrie. Die Luft ist ihr zu schlecht. Man fährt abwärts, abwärts. Ein Flüsschen plätschert nebenher. Die Mur. Wird breiter, stiller. Man lässt Unzmarkt hinter sich. Speist zu Abend in Judenburg im „Blauen Adler“. Man ist acht Stunden von Friesach unterwegs. Der Pöbel gafft, das Essen ist schlecht.
Die Dreieinigkeit.
Die Hamilton aber gedachte des Brunnens zu Friesach. „Meine Lieben!“ sagte sie. „Lasst uns hochhalten den Kelch Tria junkto in uno!“ und sie hob ihr volles, grobes Schoppenglas den mageren Fingern der beiden Männer zu: „Seht ihr, wie es aufsteigt im Duft, rosig, lachend? Hört ihr? Es lacht, dass die Bude wackelt und die ganze Planke Alt-England. Hoch, Horatio, kleiner Horatio! Kleiner Goldmorgen, Goldmund! Über alle Berge wirst du wachsen und die Schale schwingen über aller Köpfe und sie mit Seewasser taufen oder mit Wein! Aber nicht mit Weinen! Lach, mein Horatio! Lach, Sir William! Ist es nicht unser Horatio? Unser aller dreier kleiner, tüchtiger Held und Liebling? Hoch, Horatio!“
Und was sollte der dürre, witzwitternde, leidschnuppernde und so zutiefst beklommene Sir William tun? Er stiess voll an und stimmte in das doppelzüngige Hoch ein, legte den Arm um den betretenen Helden neben sich und grinste edel: „Horatio, mein Kleiner, grosser Admiral und Admirabler. Es gibt nur einen Horatio, und nie wird es einen zweiten geben, sondern der würde es höchstens bis zum Korporal bringen.“
Draussen klangen Hörner. Truppen marschierten. Es ist Krieg. Oder es wird bald wieder Krieg sein, murmelte die schöne Lady. Die noch immer schöne Emma, Emely, Amily, Amy Harte-Lion-Hamilton. Und strich sich behutsam und lauernd unters Herz. Es wurde spät. Man musste bleiben. Man warf die zerschlagenen Knochen in die Betten, deren Unterdaunen noch warm waren von den österreichischen Offizieren, die den englischen Gästen Platz machten und auf der Schütte im Stall weiterschliefen.
Leoben.
Man lässt sich in der Frühe aus bleiernem Schlummer reissen. Drei Eimer Bergwasser über Nelsons wirren Kopf. Notdürftige Frisur. Notdürftiges Frühstück. Weiter!
Die Strasse ist gestopft voll von Güterwagen mit Baumwollballen, daraus Militärzeug entstehen wird. Später wimmelt das Tal von Invaliden, die abwechselnd eine Stunde Marsch, eine auf Bauernkarren nach Süden ziehen, um auf den italienischen Festungen, die den Franzosen noch nicht in die Hände gefallen sind, die guten Truppen für den Felddienst freizumachen. Österreich ist dabei, ein geschlossenes Heer neu zu gestalten. Wer macht es? Ist es der Erzherzog Karl, der Abgesägte? Er ist ihnen sympathisch. Sein Schicksal ist wie das ihre. Sie werden ihn besuchen, wo er auch sei in diesem sonderbaren Deutschland.
Auf den Felsen glüht Schloss Kaisersberg, das alte und das neue. Knittelfeld, Kraubath blieben in vier Stunden zurück. Und man gelangte in sieben nach Leoben, wo man im „Schwarzen Adler“ so gründlich wie vorzüglich ein Frühstück einnahm. Das war ein Gasthof, wie man ihn in Italien nicht kannte, und wie er selbst in England selten war. Alles glänzte von Behaglichkeit, die Stühle waren edel, der Boden gebohnert, die Tapeten geschmackvoll, die Vorhänge unaufdringlich kostbar, die Teller gewärmt und die Forellen so zart wie die geeiste Buttersahne. Herr Leuthner, der Wirt, ein kluger und freundlicher Mann, der Postmeister ungewöhnlich zuvorkommend. Selbst der Zöllner am Schlagbaum ein gebildeter Mensch! Ja, in der Gaststube hing sogar eine englische Karikatur, ein gutes illuminiertes Kupfer aus der Weimarer Zeitschrift „London und Paris“. Man sieht darauf John Bull frühstücken. Nelson und eine Reihe andrer Admirale tragen Schüsseln mit Frikassee und Pasteten, aus Schlachtschiffen zubereitet, herein; am Fenster vorbei gehen die Querulanten des Parlamentes, Fox und Sheridan und rufen frech: Verdammt, der protzige Vielfrass! Der schluckt uns demnächst noch alle wie ein Hammelschnitzelchen hinunter.
Der Mann, bei dem Napoleon war.
Ein gut gekleideter Diener meldete einen Herrn von Eggenwald. Fräulein Knight erblasste, sie verstand schon Eckartshausen und schämte sich wegen ihrer unheiligen Gedanken, die ihr aus den frommen Zeilen gefiltert waren.
Da erschien auch schon ein würdiger Mann, ernst gekleidet wie ein Abbé, aber in eleganten Reitstiefeln. Und er wusste artige Worte an alle zu richten und kannte die Annalen der drei Hauptpersonen wohl und die Bücher des Ritters Hamilton und den Dinarbas von Ellis Cornelia Knight sogar auf englisch. Ob man den Friedensgarten sehen wolle, fragte er sodann höflich.
„Das Paradies?“ lächelte Sir William. „Gern!“ Er habe sich ihm in letzter Zeit so nahe gefühlt, dass er fast neugierig darauf sei.
„O wohl“, erwiderte Herr von Eggenwald, das Paradies, das er zu zeigen habe, sei leider irdisch unvollkommen, aber doch vielleicht ein Abschein des wahren, dessen Glanz nur deshalb so vollendet dünke, weil wir zu ewigem Abstand davon verurteilt seien.
„Das nenn’ ich hohe Sophisterei!“ lächelte Sir William: „Das müssen wir auf möglichst geringem Abstande nachprüfen!“ Und sie folgten ihm zu viert, da Herr Tyson schon die Rechnung beglich und nebenbei die Aufsicht über das Personal als seinen Vorzug ansah. Der Konsul aber beredete mit dem Postmeister die Schönheiten bis Wien.
Sie kamen bald an ein überaus zierlich gebautes Gartenhaus, das in wahrhaft paradiesischer Gegend lag. Nun vernahmen sie von ihrem Führer, dass allhier der Vorfriede von Campo Formio Anno siebenundneunzig zwischen Frankreich und Österreich geschlossen sei. Der Ort der Verhandlungen sei aber der oberste Stock dieses Hauses, der nur ein einziges Zimmer enthalte, also vor unliebsamen Lauschern gesichert. Da hätten sie freundschaftlich beieinander gesessen: Bonaparte, General Meerveld und der Neapolitaner Marchese di Gallo. Damals kam Istrien mit Triest, kamen Dalmatien und Venedig an Österreich. Aber die Niederlande und die Lombardei verlor es dafür an Frankreich.
Sie sahen das einfache Gemach. Die Uhr stand auf zwei. Es war Nacht gewesen.
Der Friedensgarten.
Zum Andenken an dieses geschichtliche Schach- und Schacherspiel hatte Herr von Eggenwald ein marmornes Denkmal in seinem Garten aufführen lassen. Der Sockel enthielt das Ereignis in lateinischen Inschriften und wurde durch einen kleinen Genius gekrönt. Es seien die Taten von Rivoli und Lodi, die hier ihre Ausbeute fanden, erklärte der Besitzer. Ägypten, Abukir, Acre waren damals noch nicht und auch nicht Marengo. Und der Ölzweig in der Hand des Knaben sei nicht neu vergoldet worden.
Aber die Trompete in seiner Linken habe sich besser gehalten! bemerkte Nelson grimmig, und er wisse auch warum: Der Krieg sei nicht zu Ende. —
Bruck.
Bis Bruck kannte Sir William die Gegend und war mehrmals diese Strecke gekommen, um dann über die Schweiz, den Rhein hinab durch Holland die Überfahrt nach England zu gewinnen. Jetzt aber war die Schweiz besetzt, der Rhein unsicher, Holland batavische Republik und französisch. Die Postschiffsverbindung war von Harwich—Helvetsluys nach Yarmouth—Cuxhaven verlegt worden.
Man fand sich zu Bruck im „Strausse“ bei guter Pflege verloren in einem heftigen Samstagsverkehr von Reisenden vieler Strassen, die hier sich kreuzen, was die Reisenden seit alters her mit den hübschen Dienstmädchen zu tun pflegen. Letzteres kam bei unserer Gesellschaft nur für Herrn Tyson und den Bootsmann Brace in Frage. Aber es ist in den einschlägigen Akten der lieben Stadt nirgends ihr Name betreffs zahlungspflichtiger Vaterschaft erwähnt oder sonst etwas Böses nachzuweisen, so dass alles gut gegangen sein mag und damit behördlich unerwähnenswert.
Fast wäre auch der Mohrin Fatima ein Abenteuer geglückt, als sie nämlich zum Begiessen der Agave, welche Lady Hamilton zur Erinnerung an Palermo mit nach England nehmen wollte, noch einmal in die Wagenremise schlüpfte. Der Hausknecht, der da schlief und sich nach Hausknechtsart bei Ankunft der Herrschaften um die Bediensteten nicht bekümmert und kein Auge an ihnen vergeudet hatte, ausser dem bekannten nichtssehend verächtlichen, wachte davon auf und sah durch seine dösenden Lider etwas Schlankes, lang und weiblich Gewandetes im Dustern huscheln. Halt, dachte er, ein Dieb oder etwas Besseres, und kam sachte auf und schnurrte ihr barbeinig entgegen, als sie vom Kutschbock hüpfte, und fing sie warm auf in seinen leckernden Armen. Aber hu, wie erschrak er, dachte nichts anderes, als es sei des Teufels Grossmutter, die ihn seines schwachen Fleisches wegen zur Pönitenz heranziehen wollte, liess sie eilends fahren und vergrub sich in seinen Woilach, aus dem er diese Nacht nicht wieder hervorzulocken war.
Der Steirabua. Ausblick vom Semmering.
Nun kam man empor auf die Wasserscheide zwischen Steiermark und Niederösterreich. Der gamslederbehoste Postillon blies schmelzend in den Wind zum Abschied und machte den englischen Damen verliebte Augen, und während die Reisenden über die neuerliche Pyramide und k. k. Aufmerksamkeit betreffs der Schlacht am Nil ihre hohe Befriedigung äusserten, auch die Batteriegräben der Franzosen und die Geschosseinschläge von Anno siebenundneunzig betrachteten, sang er das schöne Lied vom Steirabu, der a Kernnatua ist und jodelte den Kehrreim, dass es sechsfach von den Latschen widerhallte und das Viehzeug in den Käfigen wild wurde und Cornelia Knight fürchtete, dem kräftigen Burschen sei schlecht geworden.
Beim zweiten Verse versuchten allerdings auch die Engländer zu jodeln, voran Lady Hamilton, die den geeigneten Resonanzboden dafür aufzuweisen hatte. Aber eine bedeutendere Wirkung erzielte die ganze Anstrengung nicht, nicht einmal bezüglich des Trinkgeldes. Daher gelten seit jenem denkwürdigen Übergang Lord Nelsons über den Semmering die Engländer und Engländerinnen dortselbst als zugeknöpft und unmusikalisch.
Ein schmaler Regen endete das Konzert. Wohl dämpfte er auch den Staub, der die Fernsicht verwölkte, aber Wien war noch immer nicht zu erblicken, selbst durch das gute Schiffsglas des Admirals nicht. Es wurde kühl und zugig, Fatima klapperte vor Frost, und auch die andern fühlten nun, wie sehr sie vom Süden kamen und griffen nach Decken und Mänteln. Die klagende Meerkatze, der zeternde Papagei und der winselnde Bologneser wurden nicht vergessen. Man hatte die dritte und letzte Barre überschritten, und aller Empfindung offen lag das nördliche, erstarrte Spiegelbild der Triester Bucht vor ihnen. Was hiess da Mitteleuropa, was sollten da lange tröstliche Umschreibungen! Es war der Norden, der sie anwehte und Herrn Tysons Pfeifendampf zersträhnte.
Doch da erwachte Nelsons in der starren Brandung der Gebirge eingeschrumpfter Sinn. Er schrie ganz laut Kommandos, die in ihm sich angesammelt hatten und noch glatt den Foudroyant betrafen. Ah, er meinte Nordseeluft zu wittern. Er nieste dreimal. Welche Erleichterung! Seine Nüstern hatten den Staub des Südens nun satt. Sein von der Südsonne halberblindetes gesundes Auge tat sich weit auf und wurde grau und hartfeucht wie Westwindwellen im Kanal.
Sir William wollte ihm noch all die Befestigungen zeigen, die ringsum die steilen Hänge zierten. Aber es war ihm schnurz. Mochte Bonaparte hier hindurchkartätschen oder nicht. Er würde ihn nicht hindern. Hier war er gewesen. Es mochte sehr schön sein. Aber er gehörte nun mal nicht auf die Chausseen des festen Landes.
Die Zofe Loinette aber wünschte heimlich und mit schlechtem Gewissen, dass man doch einmal dem grossen Konsul ihres Vaterlandes begegnen möge. Währenddes der kleine Konsul Andersson eine Diligence zu zwei raschen Pferden bestieg, um noch diese Nacht Wien zu erreichen und die Unterkunft seiner Landsleute vorzubereiten.
Abwärts in die Wiener Ebene.
Abwärts! Durch die grossartige Schönheit des Adlitzgrabens, eine damals selbst für Feiertage unentdeckte Schönheit. Die Landschaft rächte sich wegen des ihr mangelhaft zuteil werdenden Lobes und warf den zweiten Wagen um, wobei Tysons Pfeifenkopf zerbrach und Fräulein Knights Knie auf eine Bitterwasserflasche schlug, was beiden nicht bekam, und das schämige Fräulein musste erdulden, dass ihr gar nicht unschönes Bein das Licht des Verbindens erblickte.
Nach zwei Stunden erreichte man Schottwien. Das Posthaus war mit Tannengrün und Rosen bekränzt. Wie aufmerksam! Doch die Rosen waren verwelkt. Und es galt nicht dem grossbritannischem Helden, es war dem Kaiser und der Kaiserin zu Ehren, die bis hierher ihrer in einer Person vereinigten Tante, Mutter und Schwiegermutter entgegengefahren waren. Der Kaiser hatte Lust gehabt, ein paar Tage in dem kühl gelegenen Orte zu verweilen. Die Königin von Neapel habe nur spöttisch gelächelt; man habe zu Mittag gespeist und sei auf und davon, ohne sich umzusehen.
Auch die Engländer hielten sich nicht lange auf, nahmen einen heissen Kaffee im Wagen, während die Pferde gewechselt wurden und der Steirabua zum endgültigsten Male jodelte.
Aber im nächsten Posthause liessen sie sich von der piksauberen Postmeisterin mit Forellen, Eierschmarren und Glühwein bewirten. Der grossmächtige Ofen war geheizt und schien nicht wenig Anteil daran zu haben, dass der Semmering auf dieser Seite so kahl geholzt war.
Dann öffnete sich im Abendschein, dem sie entgegenfuhren, hinter Gloggnitz die breite Wiener Ebene, vom Schneeberg überleuchtet. Der Regen war in nichts verdunstet, die Hitze lagerte hier unten zäh im allzuleichten West. Der tolle Staubwurm, der sich hinter den Wagen erhob, rollte träg steigend einem grauverschleierten, fieberrot sich entzündenden Himmel zu und drohte sich unheimlich in Sir Williams seit Palermo empfindlichen Körper hinabzusenken. Die Unterschiede der Temperaturen und der Bodenhöhen, die Anstrengungen der vielen Tage Fahrt, die ungenügenden Nachtschlafe wollten sich rächen. Sir William wehrte sich männlich, klagte keineswegs. Doch sein Fieber schien ansteckend. Niemand fühlte sich wohl.
Wiener Neustadt.
Endlich Wiener Neustadt. Es war tiefe Nacht. Die Luft drückend. Die Bürger, die nicht schlafen konnten, drängten sich vorm Gasthof „Zum Hirschen“. Es war stumme Neugierde. Da sass die Runde der Engländer, ass schweigend, erschöpft, das nahe Wien lag ihnen auf der Kehle. Und dass es Sir William so schlecht ging. Er wollte keinen Arzt, noch nicht hier, keinen so lächerlichen Vorreiter für Wien. In Wien, da werde er endlich ein wenig Ruhe haben. Signora Madre und Gaetano wachten an seinem Bette.
Von der Königin Karoline fand man nirgends einen Gruss, keinen Fingerzeig, nichts. Die ganze hohe k. k. Familie war eilends nach Schönbrunn gejagt. Lady Hamilton war empört und fluchte auf walisisch: „Charlotte muss eine verdammte Unruhe im Bauch haben. Mir scheint, sie flüchtet vor ihren Erinnerungen, und wir sind ein höchst gegenständlicher Teil davon.“
Sie hatte das bittere Gefühl der Vernachlässigung und zudem Zahnschmerzen. Auch Nelson war gekränkt. War das der Dank für seine Begleitung? Aber es war ja keine. Man tippelte ja nur hinterdrein, als Hofhund, als Dreck an königlicher Hofschleppe. Verdammt! Das wagte man den Besten Englands zu bieten? Gut! Man würde sehen. Man war auf sich selber angewiesen. Das sollte doch mit dem Satan zugehen, wenn man nicht ebenso hübsch allein durchkam.
Tyson will ausgehen.
Herr Tyson betrachtete liebevoll den Glanz seines Ringes und ging, als die andern sich zurückzogen, noch ein wenig bummeln. Er hatte ein Kaffeehaus im Auge, wo man noch eine Partie Billard, Cribbage oder L’hombre spielen konnte. Aber er kam nicht weit. Zuviel Neugierige drängelten um ihn herum. Die einen hielten ihn für Nelson, die andern für den Ritter Hamilton. John Tyson war eine unbekannte Null. Somit ging er in den „Hirsch“ zurück und rechnete zum Ersatz die Reisekasse nach. Man hatte seit Livorno rund 515 Pfund ausgegeben.
Die Kanalarbeiter.
Nach unruhiger Nacht fand man sich am andern Morgen schon kurz nach vier auf der Endstrecke gen Wien. Dort, wo etwa Sollenau liegt, passierte man die erste Landhaussiedlung, die in Europa versucht worden ist, Theresienfeld, von Maria Theresia befohlen, aber schon zu jener Zeit verfallen. Dann kam man an den Wien-Neustädter Kanal. Das war das grosse Unterfangen, Wien mit Triest auf dem Wasserwege zu verbinden. Es wurde gerade eine neue Brücke gebaut. Die grosse Landstrasse, von Gerüst, Fuhrwerk, Steinkarren, Kränen und Bauzeugs verstopft, war für den Durchgangsverkehr gesperrt. Als aber die Zimmerleute, Maurer, Soldaten und Erdarbeiter hörten, dass es Nelson sei, der da hindurch wolle, da riefen sie: „Hoch!“ und: „Fasst an alle Mann!“ und polterten im Nu den Krimskrams an die Seite. Denn die einfachen Gemüter sind die unverbrüchlichsten Gefässe für den wahren Ruhm, und das Gedächtnis gewisser Heldentaten hält sich in ihnen frischer und dauernder als in den zerstreuten Herzen der Gebildeten.
Einzug in Wien.
Ein dunkler Wall aus Bastionen und Häusermassen erwuchs am Horizont, überspiesst von den Türmen Wiens, die festlich sich bewimpelten mit den leichten Rauchfahnen des Morgenkaffees. Nelson hätte lieber die Masten dreideckiger Linienschiffe ragen sehen. Dieses hohe Gezacke dünkte ihm weniger kronenhaft als die Hamilton ihm flüstern wollte, ihm sah es aus wie Wolfsgrubenpfähle und spanische Reiter.
Doch was denn? War man nicht drei gestrichene Kutschen voll gewichtigen Inhalts? Und was bei Günzeldorf noch drohend an Getürme stand, bei Neudorf zog es sich sänftlich ein und am Kärntner Tor war es hinterhältig verschwunden. Doch nur, um auf den fröhlichen Hornstoss des Postknechtes hin alsbald mit Vehemenz als die zehn Finger des Halt gebietenden Mautbeamten wieder hervorzubrechen. Zu aller Erleichterung war Konsul Andersson schon zugegen und sagte: „Alles Kuriergepäck!“
Aber der Zöllner schien seinen Posten schon unter Leopold dem Ökonomischen angetreten zu haben, als man sich, um das schöne Holz zu sparen, mit blossen Leichentüchern in die Ewigkeit begab, was damals wie auch jetzt betreffs der beanstandeten Einfuhr von Nelsons geliebtem Sarg heftige Unruhe ergab.
Daneben erregten die Wappenfedern des Guilaume Tell, die auf dem Dach des zweiten Wagens aus der Hülle stachen, obrigkeitliche Beanstandung, weil es, der Himmel möge es verhüten, durchaus noch nicht so weit sei, dass da unter der Trikolore in Wien eingezogen werde. Beschwichtigungen waren nötig und die Versicherung, dass die beigehenden „wilden Bestien“ nebst Mohrin in den Tierpark nach Schönbrunn geliefert werden sollten. Und nachdem die Pässe dick bestempelt waren, durften die drei Kutschen der ungewöhnlichen Gesellschaft weiterrumpeln und kamen die lange Kärntner Strasse hinauf, kleiner und kleiner angesichts des Stephansdoms und bogen in den Graben ein, wo im Gasthaus „Aller Biedermänner“ Quartier belegt war. Es war Montag und grässlich heiss.
Wien.
Dreigestirn im Graben.
Es wirbelte ihnen der Kopf. Sie kamen aus der Wüste, die Stadt war erschreckend, der Lärm verwirrend, der Haufen Einladungen erdrückend, ihr englischer Wagen durch die Strapazen abgeschabt, unmöglich in diesem Gewimmel eleganter Kutschen. Man musste mieten, einen Kutscher haben, Seife, Parfüm, Wäsche, Kleider, Schreibpapier, Besuchskarten und was alles. Der englische Gesandte Lord Minto musste helfen, aber Minto war der alte vergessliche Sonderling, um nicht zu sagen Trottel. So ging es nicht. Die Nerven versagten. Man war nahe daran, Sir William zuzustimmen und sofort weiterzureisen.
Der Retter Oliver.
Da meldete sich glücklicherweise ein gewisser Mister Oliver im Gasthof „Aller Biedermänner“, und Sir William erkannte vom Bett aus in ihm einen Menschen wieder, den er vor langen Jahren dem König von Neapel empfohlen hatte und der dann gelegentlich alle möglichen Dinge von London zu besorgen gewusst, seltsame indische Tiere, Riesenschildkröten, Kakadus, mechanische Spielwerke, Badewannen, Wasserklosets, Reitpferde, Windhunde, Bulldoggen und Dogcarts; auch der ausgezeichnete, jetzt so auffrischungsbedürftige englische Wagen Sir Williams war durch Herrn Oliver besorgt worden. Man hatte diesen gebrauchsfähigen Mann längst aus den Augen verloren, was bei der Launenhaftigkeit der königlich sizilianischen Familie kein Wunder war.
Nun aber kam er höchst gelegen. Er lebte seit Jahren als Sprachlehrer in Wien, kannte jeden Winkel, jede Familie, und sei es nur durch Klatsch seiner Schüler und Schülerinnen, die den besten Kreisen angehörten. Und vor allem, er konnte tadellos deutsch, auch schreiben, und übertraf darin Fräulein Knight, die es sehr gut lesen, gut verstehen, mässig sprechen und nur unvollkommen zu schreiben verstand.
Dieser Mann wirkte tatsächlich wie der Schlüssel zu einer bisher verschlossenen Speisekammer, wie die Auflösung eines Rösselsprungs, wie eine plötzliche Brücke über einen entsetzlich die Strasse abschneidenden Fluss und so erfreulich wie die Arbeiter auf der Chaussee zu Theresienfeld. Nelson stellte ihn begeistert gleich an. Es muss hier gesagt werden, dass Lord Nelson überhaupt die gesamten Ausgaben der Reise bestritt, beziehungsweise auslegte. Es war ihm eine Ehre, für seine Freunde zu bezahlen, Geld floss leicht durch seine Finger; soviel er an Ehrengaben und Beutegeldern auch erhielt, es ging ziemlich alles dahin.
Herr Oliver wurde allgemeiner Manager der kleinen Reisegesellschaft, beantwortete Einladungen und Bittschriften, besorgte Theaterkarten, Zeitungen, Obst, Kaffee, Sekt und vermittelte den Angestellten des Gasthauses jeden Wunsch der hohen Gäste mit solchem Nachdruck, dass sie es bald bezüglich ihres Frühstücks, ihrer Betten, des Aufbügelns ihrer Kleidung, der Behandlung der Schuhe, der Tiere und der Agave und auch des täglichen Zitronenwassers, das der Admiral so gern trank, und auch in der Pflege des vorläufig an sein Zimmer gefesselten Sir Hamilton so befriedigend fanden, als seien sie schon in London, so dass sie bis auf gelegentliche Unterbrechungen durch Einladungen nicht daran dachten, die Unterkunft zu wechseln.
Herr Oliver bewährte sich vortrefflich. Nelson verpflichtete ihn bald für den ganzen Rest der Reise. Er war schon ein gesetzter Mann, ein Vierziger wie Tyson und Nelson selber, sehr zuverlässig und, wie er bis zu seinem Tode gezeigt hat, in der einen Sache, bei der es ganz besonders auf Verschwiegenheit ankam, nämlich das Kindchen der Hamilton betreffend, stumm wie das Grab, trotzdem er der einzige ausser ihr, ihrer Mutter und Nelson war, der später zu London, da er weiter bei ihnen blieb, von der Geburt unterrichtet sein konnte.
Draussen bei Mintos.
Nun wurde es lustig in Wien. Leider musste alles anfangs ohne Sir William vor sich gehen. Da war man den zweiten Tag schon draussen bei Lord Minto. Seine Familienkutsche, die acht Personen fasste und von den Kindern wegen der länglichen Form mit dem deutschen Ausdruck Wurst bezeichnet wurde, holte sie ab und brachte sie in einer knappen halben Stunde zum Landhaus. Es lag an der Wien und etwa so weit ab von der Stadt wie Rochampton von London, war ein früheres Kloster, hübsch auf einem Hügel in grossartiger Landschaft wie fast alle geistlichen Güter, und gehörte dem alten Kardinal Migazzi, dem Bischof von Wien, der aber anderweitigen Besitz vorzog und die frühere Stätte des alleinseligmachenden Kultes an den englischen Ketzer und Gesandten vermietet hatte. Ist doch in der Heiligen Schrift das Pfund, mit dem man wuchern soll, nicht näher bezeichnet.
Jedenfalls war hier Raum genug, dass die Nelsonianer alle dort hätten absteigen können. Wenn nicht Lady Minto, alt, verrunzelt, übermager und milzsüchtig, kein Ärgernis genommen hätte an der holden Dreieinigkeit, die da aus dem verwerflichen Schranzennest und Sündenpfuhl beider Sizilien abgemeldet war. Sie hatte rundweg erklärt, sie sei keine Quarantänestation für moralisch Seuchenverdächtige und kein Schmutzfilter, um die heimkehrenden Ehebrecher für die Londoner verdaulich zu machen.
Nun, als die beiden allein kamen, sich unverblümt benahmen und dennoch so viele Einladungen in beste Familien erhielten, ging sie in sich und wurde wenigstens gegen Nelson sehr freundlich. Weder dieser noch die Hamilton bekümmerten sich allerdings viel um sie, was Lord Minto auszubaden hatte. Sie streiften im Park umher, der ein kleines Versailles war, Rokokohecken aufwies und muntere Lauben, Grotten, Tempel, Teichbecken, künstliche Wasserfälle, aber auch schon teils dem neuen, dem englischen Geschmack huldigte und einige weite Wiesenplane und schattige Buschgruppen dem Flüsschen zulagerte.
Höher hinauf war das Gelände mit Wein bepflanzt, und dieses stiess an den Park der Kaiserin. Sie machten sich gleich die Mühe, als sie es erfahren hatten, und kletterten die sauberen Wege hinauf. Doch oben war ein spitziges Gitter und eine Tafel mit: Zutritt verboten! nebst Androhung empfindlicher Strafen. Solcherlei Schilder fanden sie späterhin mehr, und wenngleich heutzutage andere Länder kaum darin nachstehen, damals waren sie in Gemeinsamkeit mit den vielen Pass- und Zollbesichtigungen der wahre Fremdenschreck Deutschlands.
Sie widmeten sich auch den lustigen Kindern Mintos, die, abgesehen von der ältesten Tochter, die ihrer Mutter schon zu gleichen begann, zutraulich ihre Sorgen und Freuden auspackten, ihre Deutsch- und Französischlehrer karikierten, ihre Zeichenkünste vorwiesen, ihre Pferdchen aus dem Stall zogen und Nelson vergebens zu einem Ritt zu bewegen suchten, was sie der schweren Lady wegen Schonung ihrer Lieblinge gar nicht erst zumuteten, holten ihr Angelgerät und schleppten den Admiral an ihren See, eine abgefangene Bachbucht, turnten in ein Triester Kanu, das sie Noyemonde oder Seelenertränker nannten, und liessen sich von ihm die Schlacht bei Abukir daran erklären.
Die kleine und die grosse Emma.
Dann war da das in Pflege genommene Baby Emma, von der verblichenen englischen Mutter sicherlich der Emma Hamilton zu Ehren so gekauft; denn noch war deren Ruhm, den selbst Goethe in sein Tagebuch notiert, nicht ganz in der Welt verblasst, und der in Liebe an sie gekettete Held von Abukir hatte ihn noch einmal, als eigentlich die grosse Zeit ihrer mimischen Darstellungen und die Schönheit ihres Wuchses schon für immer dahin war, aufflammen lassen in den Herzen aller romantischen Jünglinge und abenteuerdurstigen Mädchen. Im Hause Minto fand man den Namen allerdings übel und nannte das Kindchen Catharine in einer billigen Verbeugung gegen die russischen Bekannten. Säuglingspflege und Botschafterdienst sei ja ungefähr dasselbe, erklärte Minto dem Admiral.
Der Pflegevater taute aus seiner mylordischen Steifheit auf, wenn er mit dem Würmchen schäkerte, lobte weitschweifig, wie rasch und ohne Geschrei es den ersten Zahn habe, und war überzeugt, dass es seine einfältigen Scherze unbändig geniesse. Die Hamilton verhielt sich im Hintergrunde. Gern hätte sie das zartpummelige Wesen geherzt und umhergewartet, aber es war ein Mädchen. Sie fürchtete, es könne noch Einfluss haben auf das Geschlecht ihrer eigenen Knospe. Sie lenkte ab, fragte nach seinen Söhnen. Er strahlte, stand elastischer auf, als man von der langen träg vornehmen Gestalt des fast Fünfzigjährigen erwartet hätte, ergriff Nelsons Hand, schüttelte sie gerührt. Er habe gehört, der Bengel George solle zu seinem 16. Geburtstage, gerade am Jahrestag der Schlacht von Abukir, die er so strahlend mitgemacht, zum Leutnant befördert worden sein.
„Ja“, lächelte Nelson: „Ich habe Kapitän Messer vom russischen Geschwader in Triest am Tage unserer Abreise die Bestätigung des Patentes mitgegeben. Denn erst von Triest ab habe ich endgültig meine Flagge gestrichen.“
Vater Minto geriet ganz aus dem Häuschen, soweit das einem Diplomaten möglich ist. Erzählte, wie der Knabe mit zehn Jahren milchgesichtig an Bord der St. George gekommen sei. Begabter Junge, obwohl sein Zweitältester, leider lerne er nichts als Admiral. Und Gilbert, sein Ältester, an den er als Stammhalter alles zu wenden habe, der studiere unbegabt zu Edinburgh und erbe den Sitz im Parlament, dazu werde es ja reichen.
Nelson, der seine Freundin beobachtete, suchte sie zu ermuntern, zählte dem Gesandten hoch und kräftig ihre Heldentaten auf, und wie er berechtigterweise das Malteserkreuz für sie ergattert, und dass Sir William die betreffenden Briefe des russischen Kaisers nach London geschickt habe.
Und Minto sah wohl, dass da keine Hilfe sei für die Vernarrtheit wegen dieser Frau, und musste selber bei sich fühlen, wie der alte stramme, ein wenig verlederte Herzbeutel in seiner Brust noch einmal etwas beschwingter aufzuckte, wenn er die grosse, unruhige, in sich nicht immer anmutsvoll, aber trotz aller Fülle sonderbar aufreizend bewegte Gestalt, die wahrhaft schönen Hände, das betonte Schreiten, den Abdruck des edlen Knies im Kleide, den königlichen Hals, den üppigen, ungeschminkt blühenden, überaus kleinen Mund, die guten Zähne, die pfirsichweiche, obschon derzeit nicht tadelfreie Haut, die helle Stirn, die hohen Bogen der Brauen, die langwimperigen Lider und die Augen selber, gross, graublau, doch ohne alle englische Härte, meerfeucht, aber mit dem Glanz des Mittelmeeres an windstillen Vorfrühlingstagen (er kannte es von Nizza) und in der Iris den sonderbaren braunen Fleck, der bald golden wie ein abgespiegelter Sonnenstrahl blitzte, bald wie ein Stück verglimmender Schlacke und manchmal wie schwarze Asche war. Ihr Haar lag weniger taudick und schwer um ihren Nacken geknotet als damals zu Neapel. Sie hatte es sich um die Hälfte kürzen lassen. Und sprach dauernd davon, es gänzlich abzuschneiden, hatte aber Sir William noch in Florenz versprochen, es vor seinem Tode nicht zu tun. Es war dunkler geworden, doch immer noch glänzend wie frisch aus der Hülse gesprungene Rosskastanien. Ah, damals im September zu Neapel zwischen den teuren Statuen, da sie mit dem indischen Schleier, schlank, wundervoll rasch, kühn, die ganze Mythologie belebte, die in der Schule so peinigend ist, das war reich, erschütternd gewesen, gross wie das, was man sein und werden wollte, war mehr, war göttlich in einem Sinne, der über dem stand, was man in den Predigten gehört. Es war unglaublich gewesen, Minto spürte die Nachwirkung bis heute, es hatte ihm die Augen für manches geöffnet, was nichts damit zu tun hatte, hatte ihn aufmerksamer, aufgeschlossener und, da das über seine ererbte biedere, nüchterne Nützlichkeitsseele hinausging, zerstreuter gemacht. Im Vergleich zu seiner Frau musste Lady Hamilton auch heute noch als eine wahre Göttin erscheinen.
Er begriff den kleinen Horatio ganz gut. Und schrieb nach London: „Es ist hart, einen Helden zu verdammen, wie er es in seinem eigenen Element doch ist, der über eine Frau närrisch wurde, die Künste genug hat, sogar Leute, die weiser sind als ein Admiral, zu Narren zu machen.
Gewiss, man musste vielleicht Engländer sein, von Jugend auf gewöhnt an Frauen normal englischer Art, um die Hamilton als solche Offenbarung zu empfinden und auch noch zu empfinden, als ihre Grazie schon ins Kraut geschossen war.
Fieberndes Österreich.
Die Sonne dörrte auf den Feldern Niederösterreichs und machte die Saaten notreif, Ungeziefer frass das Gemüse und frass das Obst, die Reblaus vernichtete vielerorts die Weinernte. Es sah trübe aus für den Winter. Die Preise zogen an; der Zoll auf ungarisches Mehl musste herabgesetzt werden, um das Brot für die Armen erschwinglich zu halten.
Zwei Monate erst war Marengo her, wo so mancher brave Kerl zum letztenmal den Odem Gottes durch die Zähne gepfiffen hatte. In vielen Familien waren die Kleider schwarz, manche gingen täglich in ein Lazarett und andere harrten in Verzweiflung auf Nachricht des Verschollenen. Aber die, die es noch verschont hatte, und auch schon manche gute Witwe sahen, dass die Zeit vielleicht nur kurz sei und das grosse Ende elend nahe. Sie genossen ihre Tage und Nächte, füllten die Theater, Kaffeehäuser, Tanzgelegenheiten und andere Möglichkeiten, den Nebenmenschen und den lebendigen Puls zu fühlen und satt, satt zu sein, ehe der ewige Niemehrhunger kam. Und jede auffällige Sonderheit, jeder platte Hopphei, jede Scharlatanerie, Gespensterei, Okkulterei, das grob Auffällige, Verdrehte, Komische, das Pantinenderbe und das Sirupsüsse wurde hoch begrüsst. Die neue Zeit schien denen, deren Köpfe verschont geblieben, mit wenigen Ausnahmen die Nervenspitzen guillotiniert zu haben. Ein gebildetes Jahrhundert war zu Grabe gegangen, ein neues nahte mit harten Aufgaben, die Wegfackeln waren entzündet: Kant, Goethe, Pestalozzi. Aber wie unbequem war das! Die Possenreisser waren besser daran; ein Mann, der flüssiges Blei trank und über glühende Eisenroste lief kraft eines zauberischen Hautwassers, beschäftigte die Welt; man sammelte Kuriositäten und man schlug sich in den Salons um die Frage, wie weit es möglich sei, das Gewicht der weiblichen Kleidung zu verringern und war nicht weit entfernt, ein spinnwebdünn zum Kostüm ausgewalztes Feigenblatt als hochgesellschaftsfähig zu erklären, während bei der Erstaufführung von Goethes „Iphigenie“ am Burgtheater Hof und Adel nach dem ersten Akte gähnend verschwanden und am zweiten und letzten Abend dort vor leerem Hause gespielt wurde.
Die Nelson-Sensation.
Auf dieser schwanken, erhitzten und oberflächlichen Grundlage konnte es besonders leicht geschehen, dass der Admiral Nelson und die Hamilton, deren Ruhm man längst verspöttelt und verkramt hatte, und deren Verhalten zu Neapel und vor allem deren Herkunft nicht dem Anspruch Wiens an Gesellschaftsfähigkeit entfernt genügten, so begeistert überall herumgereicht wurden, auch ohne den Gatten. Es war Sensation. Ein knabenhafter Krüppel neben einer Heroine, beide mit ungewöhnlicher Vergangenheit.
Sie aber bemerkten nur die dünne, den Abendkleidern gleich glitzernde Oberfläche dieser Schätzung, nicht das Gähnen und die bange Nacht darunter und waren glücklich, mehr und mehr aneinander sich bindend in der Zweiheit dieser vielen Diners, Festabende, Lustfahrten, Gartenpartien und Kunstbesichtigungen.
Immer sassen sie beieinander. Nie führte er eine andere Dame zu Tisch, nie sie ein andrer Herr, man wusste es bald, sah es mit mokantem Vergnügen, wie sie ihm das Fleisch schnitt, ihm auflegte, nicht ohne vorher zu kosten, ob die Sosse zu stark gewürzt, der Fasan zu zähe oder das Brot zu frisch sei für ihn. Und man sah mit Erstaunen, wie seine Würde darunter nicht litt und auch die ihre nicht, wie alles von wahrer Zärtlichkeit getragen und dennoch verhalten war und beiden allzu selbstverständlich, als dass nur ein Augenblick Betretenheit andern die Möglichkeit gegeben hätte, Geziertes oder Lächerliches dabei zu denken. Der gute Nelson hatte beispielsweise die Gewohnheit, das Schnupftuch der Hamilton mitzubenutzen. Und das soll nach diesem Vorbild in Wien eine Zeitlang unter Liebespaaren als höchster Grad der Zuneigung gegolten haben.
Im Burgtheater.
Am Mittwoch, dem 20. August, waren sie mit den Mintos im Burgtheater, Lady Hamilton zog dazu das beste Musselin-Kleid an, das sie besass und das vor einem Jahre, als ihrem Freunde und Helden der Herzogstitel verliehen worden war, Aufsehen erregt hatte am sizilianischen Hofe. Es trug eine gold- und grüngestickte Borde in Form rankenden Efeus, Zeichen der Unsterblichkeit, die sich zur Verdeutlichung um einen Reigen ovaler Felder legte, darin abwechselnd die Namen Nelson und Bronte zu lesen waren. Es sass ihr enger als damals, aber das kam der Mode günstig entgegen.
Beim Betreten der Loge im ersten Rang geschah das Unerhörte, dass die Menge in die Hände klatschte, was sonst nur beim Eintritt der k. k. Majestäten und Familie, wenn auch kaum mehr üblich, so doch gestattet war. Und nicht nur im Nobelparterre, sondern auch im zweiten und in den gesamten vier Stockwerken entblössten die Herren ihre Häupter, was sonst auch nur Vorschrift war bei Begrüssung der allerhöchsten Herrschaften.
Man war freimütig zu Wien. Seit Leopold II. hatte man gelernt, duldsam zu sein. Johannes Müller, ein Reformierter, sass im Staatsrat. Der Jude Henrikstein ebenso. Baron Arnstein bekleidete ein öffentliches Amt. Meissner, ein Protestant, war Professor in Prag. Baron von Thugut selber, erster Minister des Reiches, war ganz kleinbürgerlicher Herkunft.
Diese ungewöhnliche Theaterehrung trug dazu bei, die Neugierde für den Helden zu steigern und machte ihn der Eitelkeit derer, die ihn einluden, wertvoller, füllte sogar das kalte Gemüt der Lady Minto und der englischen Gesandtschaft mit grossbritannischem Stolze. Die Hamilton hatte es richtig erschnuppert. Fanfaren waren wesentlich für einen abgekühlten Ruhm.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.