Kitabı oku: «Die Sonnenflöte»

Yazı tipi:

Hans Leip
Die Sonnenflöte

Roman

Saga

1

Als Tidemunt den Abend nach Hause kam, ließ er den Wagen nicht warten. Er gedachte, es sich endlich einmal gemütlicher zu machen und nicht, wie zumeist in den letzten Monaten, auch noch die halbe Nacht im Büro zuzubringen. Was zu schaffen war, schien ihm weitgehend gediehen. Seine sämtlichen Pläne für das neue Hafengelände waren bis auf wenige Kleinigkeiten in allen Instanzen genehmigt.

Behaglich schnaufend polterte er ins Treppenhaus. Die Stufen ächzten unter der Wucht seiner Statur. Doch dann verhielt er. Geigentöne zirpten durch den Schlund der Stockwerke. Oho, sie übt noch! dachte er zärtlich und stieg die letzten Stufen zum Dachgeschoß sehr behutsam hinan. Hier klangen die Geigentöne heftiger durch die dünnen Bauwände; unermüdlich wiederholte sich immer das gleiche Thema, es klang wie hastige Schreie. Nun, nun! dachte er: Nimms gelinde, Perchta! Der alte Brahms tats auch.

Leise drehte er den Schnepper im Schloß. Auf Zehenspitzen ging er ins Wohnzimmer, ganz und gar eingeduscht — so war ihm — von den raschen Triolen und Doppelgriffen. Der Geigerin — sie übte wie gewöhnlich nebenan im Schlafzimmer — wollte es anscheinend nicht nach Bedarf und sauber genug gelingen, ihre Anläufe erfolgten ohne Pause, immer wieder in jäher Disharmonie zerbrechend.

Tidemunt knipste kein Licht an. Er ließ sich, den Atem dämpfend, in einem Sessel nieder und wartete geduldig. Die Türritzen faßten das kleine fiebernde Motiv, das ungestört sich weiter mühte, in eine schmale Goldleiste. Er starrte darauf hin. Er meinte, sie vor sich zu sehen wie damals in ihrem ersten Konzert, so jung, so leidenschaftlich, so schmal und todesbleich, von Beifall umrauscht. Seine Zuneigung zu ihr hatte danach lange Zeit gehabt, sich zu prüfen. Erst nach dem Kriege, als er völlig allein dagestanden, allein wie sie, hatte er sie geheiratet, immer noch voll Bewunderung.

Tidemunt zündete sich, so sachte es ging, eine Zigarre an. Er war neugierig, wie lange ihre Kraft reichen werde, so verbissen sich mit der Hörbarmachung eines Komponisteneinfalls zu plagen. Welche Zähigkeit! Aber auch welch steigende Verzweiflung! Man sollte dazwischenfahren! dachte er, aber er wußte zu gut, welch saure Wege zurückzulegen sind, bis etwas Vollendetes entsteht. Er strich ergeben mit der Handkante über den Tisch, der heute ungedeckt geblieben war, so, als werde niemand erwartet. Die Geige hats verspielt! knurrte er.

Abschein von Schiffslampen wanderte über die niedrige Stubendecke, durchflackert vom Gegrell der Werftbrenner. Lärm von Verkehr und Betrieb drang gegen die Fenster, aber die Akkorde der Geige warfen sich dagegen, sie beherrschten den Raum, sprangen gegen die Wände, scheiterten und setzten von neuem an. Es sind ein paar großartig gebaute Takte, sagte sich Tidemunt duldend, aber die gehäufte Wiederholung selbst der Schönheit zerstört den Genuß. Sie quält sich, man sollte sie erlösen. So dachte er gemartert. Aber eine im Dunkeln aufquellende Müdigkeit lähmte ihn. Ihm war, als sitze er in einer Badewanne voll Quecksilber, und quecksilbern regnete ihm die Geigenstrophe aufs Gehirn. Die Überarbeitung der letzten Zeit, ja, der letzten Jahre machte sich bemerkbar. Er lachte kurz auf, seiner Leistung, seiner Erfolge jäh und ermunternd bewußt, und schlug sich die Hand vor die Lippen, bestürzt, zu laut gewesen zu sein. Sitze ich hier nicht glücklich und bequem? knurrte er sich an, und wohne dem Werden eines großen Konzertes bei? Wie sehr doch liebe ich sie, die sich so inbrünstig der Erweckung der sonderlichen Gebeine opfert, die da Noten heißen.

So saß er da, gewillt, anzuerkennen und gutzuheißen, so wie er selber sich anerkannte und Anerkennung beanspruchte. Aus dem Übermüdeten hervor, das in ihm lauerte, aber erhob sich ein dürres nüchternes Auge und stellte sich neben ihn und betrachtete ihn. Du siehst grau und schlaff aus, stellte dieses Auge fest, du hast nicht nur zuviel gearbeitet, sondern auch im Übermaß in dich hineingeschlungen an Üppigkeiten und Freuden aller Art, gierig und wahllos, aufs törichteste vermischt mit Aufregung und Ehrgeiz, Hast und Ärger. Gestehe nur, du ahntest sehr wohl, wie dein Können nachgelassen hat, wie du drei Stunden brauchtest für Überlegungen, die du vormals in wenigen Minuten bewältigt. Du wolltest dich anfeuern und aufmöbeln und tatest überall so rauschend sicher und gewaltig, und jeder hat es geglaubt, sogar deine Frau. Sogar deine Frau?

Tidemunt knurrte ungemütlich. Sollten hier etwa Zweifel gehegt werden an seiner, des geachteten Oberbaurates und Hafenbaumeisters Arnold Tidemunt unverbrüchlichen und anständigen Ehe und allerinnigsten Herzensbindung? Das Herz pochte ihm gegen die Gurgel. Die Saiten nebenan wurden immer schärfer hergenommen. Das holde Klingen schien sich zu wandeln in das Kreischen einer Kreissäge. Perchta! keuchte er verhalten: Wohin entfernst du dich! Ach, bleib doch!

Und auf einmal hob er die Faust, oder vielmehr etwas in ihm, etwas Uraltes und Böses hob ihm die Faust, um sie entgegen aller liebenden Höflichkeit auf den leeren Tisch zu donnern. Doch drüben, im gleichen Wimperschlag und mitten im wildesten Tempo, platzte schrill eine Saite und milderte den niederschmetternden Hall der Männerfaust, und wie ein Echo polterte die Geige in den Kasten. Es war plötzlich still bis in den Hafen hinein.

2

Tidemunt war drauf und dran, sich in diesem Augenblick davonzustehlen. Er fühlte, sein Gesicht hatte die Fähigkeit verloren, freundlich auszusehen. Da jedoch öffnete sich die Tür, Licht ergoß sich, und seine Frau stand da, groß und füllig, dunkel auf goldenem Grund. Ihre Figur hatte sich mit den Jahren der seinen aufs dekorativste angeglichen. Das hatte er oft gepriesen. Nun schien sie erschreckend aufzuragen, und ein halb unterdrückter Aufschrei war vernehmbar. Tidemunt spürte, es klang nicht echt. Er hörte heraus, daß sie ihn längst bemerkt, und sei es durch den Duft der schwarzen Corona, der sich zu ihr durchs Schlüsselloch gefädelt hatte. Nun schaltete sie auch die Lampen des Wohnzimmers ein. Hier war nichts zu verbergen. Sie war in einem grauen soliden Jackenkleid. Als erwache sie aus einer Hypnose, blickte sie auf ihre Armbanduhr und verglich sie mit der Standuhr auf der Kredenz. Dann blickte sie fassungslos auf den ungedeckten Tisch. Es war, als erröte sie vom Kinn herauf, wo der Druck der Geige eine Spur hinterlassen. Sie schüttelte den Kopf, ihr Haar tanzte verwirrt, noch immer strohfarben wie einst. Tidemunt empfand einen trockenen Schmerz unterm Zwerchfell. Sie war im Reisekleid, sie wollte sichtlich von dannen. Er sah es, und sie wußte, daß er es sah. Es war nichts darüber zu reden. „Perchta“, sagte er darum so leichthin und so rasch es ihm von der Zunge wollte: „Am einfachsten gehen wir jetzt irgendwo essen.“

Ihre Züge belebten sich. Ihre runden blassen Augen irrten an ihm vorbei an die vom Dunkel entblößten vier Wände, entlang an dem mancherlei Kleinkram, der aufgescheucht umherstand und umherhing, allerlei exotisches Schnitzwerk, Bastgeflecht, Negerfetische, Amulette, wunderliche Gefäße, Waffen, Löffel und Bootsriemen, was alles um so fremdartiger wirkte, als die Möbel des Raumes äußerst schlicht und einige Ölbilder höchst impressionistisch anmuteten. Tidemunt griff mit einem Ruck ins Jackett und zog einen vergilbten zierlichen Elefanten aus Elfenbein hervor. Er lobte die frühe indische Arbeit und äußerte angestrengt, es handle sich um ein glückbringendes Symbol übermenschlicher Kraft.

Dann schob er das Mitgebrachte zart und bedeutsam über die blanke Ahornplatte des Tisches zu ihr hin, so, als ziehe er eine Verbindungslinie auf dem Reißbrett nach.

Die Geigerin achtete nur flüchtig auf seine Bewegung und sagte, wie sie es so oft gesagt hatte: „Das ist lieb von dir, Arnus.“ Und fuhr dann ohne Übergang klagend fort: „Du mußt verzeihen, wenn du dich heut vernachlässigt findest. Ich war so versessen, das D-dur-Konzert endlich sauber hinzukriegen, aber dieser dritte Satz ...“

Sie stockte, an Tränen schluckend, und er warf begütigend ein: „Allegro giocoso, Perchta, nimms scherzhaft, wie es sein soll! Was schuftest du dich damit ab? Willst du auf Tournee oder wohin geht sonst die Reise?“

Sie fiel ihm ins Wort: „Mir ist nicht scherzhaft. Immer sitz ich hier und warte, und dann kommst du, schlingst dein Essen hinunter und gehst wieder.“

„Und gerade heute wollte ich ...“ Er brach ab, sie nicht zu kränken, brummelte verlegen, er müsse tatsächlich bald wieder ins Büro.

„Mag sein, Arnus“, entgegnete sie: „Heute zufällig wolltest du vielleicht einmal daheim sein, das hast du oft gewollt; aber dann, selbst wenn es möglich war, dich mit ins Theater oder ein Konzert zu lotsen und ein bißchen Nachfeier oder Besinnung fällig gewesen wäre, dann fiel dir plötzlich spät noch etwas ein, irgendeine Kurve, die geändert werden mußte, ein Sandhaufen, der anders zu berechnen war, und du sahst und hörtest nichts mehr und murmeltest kaum eine Entschuldigung und hetztest zurück in dein Amt mitten in der Nacht, und wenn du nach Stunden wiederkamst, warst du mürrisch und zu Tode erschöpft und schliefst hier im Sessel ein, indes ich schon lange schlief oder nicht schlafen konnte und aufwachte oder noch wach lag und dich mit Mühe zu überreden hatte, dich vernünftig niederzulegen. Und früh ging dann die gleiche Hetze von neuem los, Tag für Tag, Woche für Woche, kaum daß ein Sonntag dir notgedrungen etwas Interesse für deine Wohnung oder gar für mich abnötigte ...“

„Ich weiß, Perchta“, murrte er zerknirscht, hob dann aber die Stimme, kam ihr einen Schritt näher, hob auch die Hände ein wenig, diese Hände, die sie zu lieben immer vorgegeben hatte, denn sie waren feiner, als sie eigentlich zu seiner massigen Erscheinung paßten. „Aber jetzt ist es geschafft, mein Deern, nur noch ein paar Nichtigkeiten sind durchzupauken, und auch das ist für die Katz. Die Bagger sind schon beordert, ich werde mich an Ort und Stelle noch einmal von den abgesteckten Vermessungen zu überzeugen haben; es ist alles auf dem Sprung zu beginnen, damit ich endlich einmal Ferien machen kann.“

„Das hast du schon vor einem Jahre gesagt, Arnold“, erwiderte sie, und da sie seinen Namen nicht wie gewöhnlich abwandelte, ermaß er ihre Entschlossenheit, sich nicht zurückhalten zu lassen. Seine Hände, noch eben bereit, sie so zärtlich als besitzanzeigend an den Schultern zu packen, sanken bleiern nieder, indes sie hastig fortfuhr: „Und so wird es immer weitergehen. Du wirst verstehn, daß ich endlich einmal einen anderen Inhalt brauche, als nur von fern und immer ferner von deiner Arbeit zu hören.“

„Ich wollte dich damit verschonen“, antwortete er dumpf.

Sie lachte trübe auf. „Ich weiß, du meinst, ich habe keine Ahnung, und wirklich ist es mir auch gleichgültig, ob der neue Hafen drei oder zehn Kilometer lang wird und die Kaimauern aus Basalt oder Beton oder grünem Käse bestehen. Ich habe keinen Hafen, sondern dich geheiratet.“

„Das ist dasselbe“, knurrte er hilflos.

„Das hast du mir anfangs zu verschleiern gewußt“, sagte sie bitter: „Was bleibt mir denn übrig? Ich hab mich notgedrungen auf meinen Hafen besonnen, und das ist die Musik, und mein Schiff die Violine. Aber hier, in diesem verärgert mithorchenden Haus und in diesem Leerlauf des vergeblichen Bereitseins für dich und zwischen diesen von allen Börtern und Wänden grinsenden Abgeltungen deiner Verbundenheit und dem kalten Andenken deines Zigarrenqualms, hier kann ich nicht spielen, kann nicht üben, kann nicht, kann nicht ...“

Sie begann verhalten zu schluchzen, und dann, im Takt der erstorbenen Geigenschreie, versetzte sie hastig: „Das ist es, dein Mißtrauen, das bedrückt mich all die Jahre schon. Immer hast du von meinem ersten Konzert geschwärmt, bis ich fürchtete, nie wieder so gut spielen zu können und mir selber nichts mehr zutraute und es schließlich ganz aufgab. Aber nun, wo ich in meiner Verlassenheit mein Instrument wieder hervorgeholt habe, da will und muß ich es noch einmal zwingen. Hörst du? Ich muß es noch einmal zwingen, so wie damals, vor zwanzig, vor dreiundzwanzig Jahren.“

Tidemunt, mit niedergeschlagenen Augen, knurrte etwas Trostwilliges. Sie aber blickte ihn an, als wolle er sie hindern, und als spreche sie mit sich selber, sagte sie: „Und darum fahre ich jetzt zu meinem alten Lehrer nach Salzburg. Da wird sich hier jemand freuen, endlich ohne Uhrzeit und Heimweg und Trost-Souvenirs und hilflose Entschuldigungen irgendwo nach Belieben zu essen und meinswegen im Büro zu übernachten.“ In Tidemunt schoß ein Unwetter hoch. Er zwang es nieder und lachte gutmütig: „Aber Perchta, bloß wegen der albernen Doppelgriffe und Dissonanzen ...“

Nun senkte sie die Lider und erwiderte schluckend: „Danach wird es vielleicht wieder weniger langweilig sein zwischen uns.“

Er versuchte, sie zu packen, aber sie wandte sich ab, ging an den kleinen Tisch, wo das Telefon stand, wählte nervös und bestellte eine Taxe. Ihre Stimme war gefestigt. Danach sagte sie über die Schulter hin: „Du wirst verstehen, daß ich deinen Amtswagen nicht privat benutzen möchte.“

„Er ist auch schon weg“, sagte er abgekühlt. Er starrte auf die Asche seiner Zigarre, machte eine Handbewegung, als suche er eine Notbremse, setzte sich dann ächzend wieder in den Sessel. Sie schien auf einen Zornausbruch oder eine Tirade zu warten. Jetzt ein gutes, hartes, klares, erlösendes Wort, dachte er, und sie bleibt. Aber er vermochte das rechte nicht zu finden. Und dann sagte sie, und ihre Stimme zitterte ein wenig: „Vielleicht hast du auch schon längst Ersatz.“

Er schnaufte betroffen. Sie ließ ihm keine Zeit zur Entgegnung. Ein letztes Ventil war gelockert, eine letzte Scheu verflog. Sie warf ihm vor, sein Herz hafte zumindest an irgendeiner Vergangenheit, an ihrer früh verstorbenen Vorgängerin, an der Tochter, die in Kanada geheiratet hatte, an dem Sohn, der aus dem Kriege nicht heimgekehrt war. Und sie beklagte sich — was sie nie zuvor getan — selber keine Kinder zu haben, und warf ihm vor, daß er es nicht entbehre und womöglich bewußt schuld habe.

Tidemunt ließ alles über sich ergehen. Er saß geduckt und regungslos in der Zange der Sessellehnen. Sie schien noch lange nicht zu Ende, indes Tränen über ihre Wangen liefen, aber da schrillte das Telefon, und sie nahm, jäh abbrechend, den Hörer. Tidemunt vermeinte, in der näselnden Muschel ein männliches Organ zu vernehmen. Er hörte seine Frau mit veränderter, mit freundlicher Stimme antworten: „Ja, ja, gut! Zum nächsten Zug bin ich bestimmt rechtzeitig da.“

Danach, ohne das klagende Gespräch fortzusetzen, beeilte sie sich, vorm Spiegel nebenan die Tränenspuren zu tilgen. Zwängte dann die Geigenschachtel in eine graue Regenhülle, setzte einen Hut auf, einen schlichten, aber neuen braunen Filz. Ihr Mann hatte sich wiederum erhoben. Er wollte ihr in den Mantel helfen, kam aber schon zu spät. Man vernahm von der Straße herauf das gellende Taxisignal. „Du trägst mir den Koffer wohl eben hinunter?“ bat sie geschäftig.

Es war kein großes Gepäck. Sie kommt bald zurück, dachte er, und ihm war, als sei er belauert von der fremden Stimme im Telefon. „Hast du denn deine Fahrkarte?“ fragte er: „Und wie ist es mit Geld?“

„Du denkst plötzlich an alles“, lächelte sie, nahm die Geige und ging hinaus. Schon auf der Treppe sagte sie: „Sogar Schlafwagen. Der kleine Lorns hat alles besorgt. Er hat ein paar Bilder an die Amerikaner verkauft und legt es erst aus. Er fährt sowieso nach München, zur Ausstellung.“

Der kleine Lorns war einer ihrer Schüler gewesen, hatte aber umgesattelt. Tidemunt hatte Gemälde von ihm im Kunstverein bewundern müssen, hatte auch eine Landschaft zu Bertas Geburtstag gekauft, und sie hing im Schlafzimmer. Die wilden Meeresstrandstudien im Wohnzimmer waren seine eigenen frühen Erzeugnisse.

Im Hausflur, dort, wo die Töne der Geige dem nach Hause Kommenden so zirpend begegnet waren, drehte die Künstlerin sich leichthin um. „Ich wollte es dir erst im letzten Augenblick sagen, Arnus; wollte dich nicht in deiner Arbeit stören, hätte dir auch lieber einen Zettel hingelegt, als so mit dir zu streiten, und fast hätte ichs überhaupt verschwitzt, wenn du nicht so unversehens gekommen wärst.“

Tidemunt gab den Koffer an den Taximann. Dann sagte er höflich: „Gestritten haben wir nicht, wir waren einseitig deutlich, Berta. Aber ich bring dich trotzdem zum Bahnhof und kann dann gleich weiter ins Büro. Geld schicke ich dir nach Salzburg auf die Post.“

Sie versetzte rasch: „Nein, heute bleibst du zu Haus, gehst in die Küche, dort steht alles, was du für ein vernünftiges Abendbrot brauchst, und Tee steht noch warm auf der Heizung und eine Flasche Bier in der Speisekammer. Nun ... leb wohl und grüß deinen Hafen!“

Sie kam dicht an ihn heran, schob den Schleier hoch, legte die behandschuhte Rechte auf seinen Arm, schnupperte, als wolle sie seinen Tabakduft mit auf die Reise nehmen, und hauchte einen Kuß an sein Ohr hin, stand dann eine Sekunde wie versteint, so, als verpresse sie ein lautes Aufweinen. Schon war er im Begriff, sie ungeachtet des Taxikutschers an sich zu reißen, da löste sie sich, sagte leise und bitter: „Daß es so weit kommen mußte ...“ und verzog sich, den Geigenkasten wie einen Schild vor sich haltend, rücklings in den Wagen.

3

Tidemunt ging wieder hinauf. Er meinte keinen Schmerz zu spüren. Der Zigarrendunst im Wohnzimmer war gemischt mit dem süßlichen Juchtenduft, den sie als Parfüm liebte. Tidemunt stieß das Fenster auf, blickte über die Dächer auf den nächtigen Hafen. Der Reigen der festen und wandernden Lichter dort und deren Spiegelungen, die Konturen der Kaianlagen, Schuppen, Höfte, Molen, Stege, Silos, Kräne und Speicher, das war seine Welt. Er spähte in das ziehende, vom Hafenabschein entzündete Nachtgewölk gen Westen, wo hinter dem Rumor der Werften der Strom ins Breite graute. Dort hinten lag das neue Gelände seiner Planung. Er vermeinte, das Gestöhn der Bagger schon zu vernehmen, die dort in wenigen Tagen anfangen sollten, die neuen Hafenbecken in die Sände und Uferwiesen zu fressen.

Lange stand er da. Schlotqualm beizte herein. Aber hindurch wehte ein Hauch der erwachenden Heidewälder von jenseits des Stromes. Der Wind kam über Süd, noch kühl, als komme er weither von verschneiten Gipfeln. Und diesem Wind entgegen nun knatterte ein Fernzug über die Elbbrücke. Tidemunt dachte es und sah seine Frau im Gespräch mit dem Schlafwagenschaffner. Sie bestellte sich einen Sauerbrunnen und sagte dann dem kleinen Lorns gute Nacht. Ja, gute Nacht! Gute Nacht! ... Tidemunt meinte, das Geräusch der Räder und Geleise trotz des Hafenlärms zu erkennen. Es klang wie eine Salve, die gegen ihn gerichtet war, gegen das in ihm, was er so lange Jahre als unabänderliche Gemeinschaft, als Glück und als Liebe, als ein Beständiges empfunden hatte, als ein geheiligt Gewohntes, das einer Bestätigung nicht bedurft.

4

Sein Arbeitseifer hatte nicht gelitten. Einen Tag lang weilte er mit seinen Beamten und mit den Beauftragten der Bau- und Lieferfirmen bis in die Nacht draußen im Gelände, um die endgültigen Anordnungen für die Errichtung der Werkschuppen, Zufahrtswege und Lagerplätze zu treffen und die schon überall abgesteckten Trassen noch einmal zu überprüfen. Er scheute keinen Dreckspritzer und zog die Herren unermüdlich durch die frühlingsweichen Wiesen, um keinen Meter unbegutachtet und unklar zu lassen.

Er verstand, die immer fröstelnder sich hinter ihm dreinschleppende Schar mit saftigen und grimmigen Redensarten bei Laune zu halten und ließ, als es endlich dunkel wurde, im nächsten Dorfwirtshaus eine gewaltige Mahlzeit auftischen, nicht ohne im gleichen Krug, der zugleich ländliche Gemischtwaren führte, die nötige Anzahl frischer dicker Bauemsocken für die nassen Füße seiner Mitarbeiter und Gäste zu besorgen, soweit sie nicht, wie er selber, in geeigneten hohen Stiefeln gekommen waren.

Den Tag darauf stand er wieder am Reißbrett und saß wieder über seinen Berechnungen, knurrend, pfeifend, qualmend und lebhaft wie je, der abschließenden gewissenhaftesten Revision hingegeben und in die umfänglichen, aber übersichtlichen Tabellen, die den gesamten Arbeitsgang des Vorhabens bis ins kleinste auf volle zwei Jahre enthielten, die allerletzten Feinheiten einfügend.

Und so ging es die nächsten Tage. Nur eben zur Mittagszeit verließ er das Büro und erledigte, was er sonst nie getan, während des Essens noch ausstehende Verhandlungen mit verschiedenen Behörden- und Firmenvertretern. Diese zogen vor, statt im Büro stundenlang zu warten, seinem Tafelbehagen beizuwohnen. Fräulein Macke, seine Sekretärin, hatte unterdessen, halb ehrfürchtig, halb familiär an der Seite des Chefs sitzend, unauffällig die denkwürdigsten Wendungen der Gespräche in Kurzschrift festzuhalten. Und da sie Vegetarierin war und sich mit geringen Mengen begnügte, behielt sie die nötige Muße für ihre Aufgabe. Sie schien dazu da zu sein, die strotzende Naturhaftigkeit des Hafenbaumeisters, die — so sah es aus — jeden Augenblick über die Schranken brechen konnte, durch eine gehaltene Gegenwart sanft davor zu bewahren. Die Kellner begegneten beiden mit einem gemischten Ausdruck von Respekt und Besorgnis.

Nie hatte Tidemunt seine Sekretärin anders als geschäftlich gewürdigt, nie einen Blick oder gar ein Wort an ihre Aufmachung verschwendet. Sie war seit Jahren bei ihm tätig, saß in seinem Vorzimmer, siebte die Besucher, öffnete alle Posteingänge und erledigte das Unwesentlichere selbständig. Unter vier Augen pflegte sie knappe beratende Äußerungen zu wagen, niemals aber in Gegenwart anderer.

Ihre Verläßlichkeit, Pünktlichkeit und Verschwiegenheit hatte Tidemunt als selbstverständlich und nicht der Rede wert hingenommen und auch, sie zum Essen mitzunehmen, keineswegs als besondere Ehre, sondern nur zu seiner Bequemlichkeit gedacht. Nun merkte er, wie ihr Blick unsachlich aufzublühen begann, als melde sich da ein längst fälliger, aber zurückgestellter Anspruch auf offene Anerkennung der Unersetzlichkeit und als sei mit diesen Mahlzeiten privater als gedacht damit begonnen.

Es kam noch etwas anderes hinzu, Fräulein Mackes längst zur Ruhe gelegtes Herz zu bedrängen. Tidemunt hatte sie beauftragt, da er nicht mehr nach Hause wollte, bei einer Wäschefirma das Geeignete zu bestellen und in seinem kleinen Schreibzimmer und Privatbüro, das zwischen seinem Zeichensaal und ihrem Zimmer, dem Vorzimmer lag, das Ledersofa für notdürftige Übernachtung herzurichten.

Und so hauste er auch des Nachts wie ein Feldmarschall neben seinen Schlachtplänen; der Vergleich stieg ihm selber auf, und er überlegte, was denn so ungeheuer friedlich an dem sei, was er da baute anstatt zu zerstören. Es wird die Zerstörer locken, sagte er sich, es wird die Friedlichen veranlassen, es in hitzigem Wettbewerb solange zu mißbrauchen, sich zu bereichern und andern den Wind aus den Segeln zu nehmen, bis es denen zuviel wird und sie zu Gegenmaßnahmen hinreißt und der Krach da ist und alles wieder vor die Hunde geht und — wenn noch einer nachbleibt — der Turnus von neuem anläuft. Er fand es witzig, daß er dennoch so zäh dabei blieb. Er hatte so sonderbare Zweifel wie jetzt über seine Arbeit nie gefühlt. Und gedachte deswegen doch nicht, sie zu vernachlässigen.

5

Es ging heiß her in dieser bemerkenswerten Woche. Nirgends vernahm man außerhalb der Pausen das Knittern von Butterbrotpapier oder sah jemanden sich auf die Korridore zu raschem Verbrauch einer Zigarette verdrücken. Während der Bürozeit zu rauchen, war Vorrecht des Chefs. Wohl kam er kaum öfter als sonst durch die Säle gebraust. Aber es strahlte etwas Unheimliches von ihm aus und war überall.

Ihm etwas vorzumachen, hatte seit je für unmöglich gegolten. Seinem unter gesträubten Brauen seitlich hervorschießenden Blicke entging kein verzeichneter Strich, und er vermochte aus Kolonnen von Zahlen das kleinste Vergehen zu erschnuppern. Solche Entdeckungen pflegte er mit einem dröhnenden Auflachen zu begleiten und ohne Rücksicht und Takt somit weithin die Umgebung ins Bild zu setzen. Und je länger in dieser überhitzten Woche dieses gefürchtete Lachen ausblieb, desto drohender wirkte es aus früheren Gelegenheiten nach, wie denn auch sein, die knapp und treffend erfolgende Belehrung abschließendes, fast liebenswürdiges: „Also? Sodann!“ in dieser Zeit, obwohl von ihm kaum ausgesprochen und höchstens von einigen ganz Kühnen halblaut und insgeheim hier und da wiederholt, über aller Häupter schwebte.

Und dann kam jener Freitagabend. Tidemunt hatte den Mittag zwischen Rehkeule und Rotspon die Zustimmung für das letzte an Außenstehendem erreicht, die Billigung seiner „anderen Seite der Arbeit“. Es handelte sich um Räume und Einrichtungen der Erholung und Erfrischung, wie sie bislang in den ungeschminkt kommerziellen Belangen staatlicher Hafenanlagen selten anzutreffen waren. Tidemunt nun hatte ungewöhnlich viel Platz für Speisehallen, Umkleide-, Dusch- und Aufenthaltsräume abgezweigt und eine luftige und geschmackvolle Ausgestaltung verlangt. Sogar einige gewählt angelegte Gartenstreifen hatte er vorgesehen, und nicht nur zur Erbauung des anlandenden Seemannes.

Sonderlich mit sich zufrieden an diesem Abend, sozusagen eingelullt in Zufriedenheit, als die Säle und Zimmer des Amtsgebäudes schon leer waren und auch die Sekretärin nicht mehr da, ließ Tidemunt den Blick über die ausgebreiteten, nun völlig fertigen rötlich getönten Lichtpausen der Pläne schweifen. Aus dem Linienspiel hob sich unschwer die Umwandlung ins Vollendete; er sah die gestaltete Wirklichkeit, und sie war schöner und praktischer als das meiste, was im Laufe der Jahrhunderte an Gebäu und Anlagen hier dem Überseeverkehr und Umschlagbetrieb gedient. Und indem er, der Hafenbaumeister, sich auf der Höhe seines Könnens sah und adlergleich oder vielmehr wie in einem Hubschrauber über dem niederelbischen Gelände kreiste, trunken vom Erfolg seines Daseins, und in den neuen Hafenbecken das Hin und Her der Weltschiffahrt sich ausmalte, den Betrieb des Ladens und Löschens, den tausendfältigen Ablauf des Aller-Zonen-Handels hier im Fadenkreuz der Kontinente, in seinem Werk gefestigt und aufleuchtend, da meinte er, nunmehr auch Herr geworden zu sein über den Kummer seiner Verlassenheit, der ihm unter der Gurgel bohrte. Ruhm läßt sich selten ohne Verlust an Zärtlichkeit erkaufen.

Wann entstanden jemals bedeutende Werke anders als in elender Eremitage? So sagte er sich und wollte sich sogar in ein Gefühl der Dankbarkeit steigern gegen die Entflogene, darüber, daß sie ihm diesen Endlauf der Arbeit so ungestört gegönnt.

Ihm war, als solle er — was er seit der Kindheit nicht getan — die Hände falten in Ansehung des gütigen Schicksals, das ihn hatte gesund bleiben lassen und alle Anwandlungen von Schwäche überwinden helfen.

Da auf einmal, in der absinkenden Spannung begann sein Blick nüchterner zu werden und so unvoreingenommen und unverbraucht klar fast wie zu Beginn seines Aufstiegs. Und da sah er mit Erstaunen, wie das verzwickte Netz der Planzeichnungen sich um wenige Grade verschob. Es war kein Irrtum, er sah es sich bewegen. Wie ein Blitz zündete in ihm die Erkenntnis, daß die ganze Anlage einer leichten Drehung nach Westen bedürfe, um den Verhältnissen des Stromes völlig gerecht zu werden. Wie ausgebrannt starrte er auf die Veränderung. Keine Linie blieb, wie sie war. Er hatte sich allzu bereit mit den zur Verfügung gestellten Bodenflächen und Uferstrecken begnügt. Er hatte nicht gründlich genug bedacht. Er war leichtfertig gewesen wie nie zuvor, nur gierig bestrebt, sein Hervorragen zu unterbauen und den Behörden und Kollegen und aller Welt zu beweisen, wie rasch, wie anpassungsfähig, wie geschickt er die gewaltigste aller ihm bis dahin anvertrauten Aufgaben zu lösen imstande sei. Drei Jahre waren an die Vorbereitungen gewandt, er sah ein, es war verwaltungstechnisch fast nicht auszudenken, das einmal Genehmigte für ungültig zu erklären, die erteilten Aufträge und Termine zu verschieben, die bisherigen Kosten abzuschreiben, Entschädigungen zu zahlen und neue Mittel, neue Millionen aufzubringen. Aber was half es? Es mußte sein!

Tidemunt zerteilte das Gewölk seiner Corona mit beiden Händen, als habe es ihn wie eine schräge Lupe genarrt. Er überlegte nochmals. Nichts von allen Grundrissen würde bleiben. Schleusen und Höfe bedurften gänzlich neuer Konstruktionen. Frische Uferstrecken waren zu erwerben, Anlieger mußten enteignet, Bauerngewese abgetragen und andere Viehweiden als bisher in Wasser oder Beton verwandelt werden. Hatte er denn geschlafen? Und mit ihm der ganze vielstufige Chor der behördlichen Kontrollen und Mitverantwortlichkeiten? Es war ein schlechter Trost zu wissen, daß von allen beteiligten Kommissionen, Gremien, Deputationen, Vorgesetzten, Kollegen und Berichterstattern bisher niemand das Geringste von einem Fehler gemerkt habe.

Ohne sich länger zu besinnen, rief Tidemunt den Oberbaudirektor der Stadt an, der sein einziger fachlicher Vorgesetzter war und sich stets als Freund erwiesen hatte. Er zwang sich, so merkwürdig schwindlig ihm war, ruhig zu sprechen: „Doktor, wir müssen stoppen. Die ganze neue Hafenanlage ist um fünf Grad nach Westen zu drehen.“

6

Eine Viertelstunde später erschien der Stadtbaumeister im Büro. Er lehnte, sichtlich bedrängt und Erregung und Eile dämpfend, den angebotenen Stuhl und die Zigarre ab und tastete schweigend von weitem die Linien nach, die Tidemunt aufs gröblichste mit Blaustift in die säuberlichen Pläne hineingezeichnet hatte. Tidemunt ließ sich nicht stören, das Werk der Änderung fortzusetzen. Der Besucher sah eine Weile zu, ahnend, welch empfindliche Verantwortung, welch berserkerhafte Ehrlichkeit hier bis zur Selbstzerfleischung vordrang. Und, nach Gewohnheit, den grauen Spitzbart wie einen Halt umklammernd, äußerte er schließlich: „Tidemunt, ich bewundere Ihre Fähigkeit, zu zweifeln und ... es einzugestehen.“

Tidemunt wandte sich um. „Also? Sodann!“

Der Oberbaudirektor stand klein und schmächtig, grau in grau zwischen den ziehenden Tabaksschwaden, die von dem weißbekittelten Koloß ausgingen. Er sah aus, als habe er jeden Versuch, Widerstand zu leisten, aufgegeben. „Tidemunt, der Böwerderhafen, so, wie er genehmigt ist, wird als der modernste und großartigste aller Kontinente gepriesen werden.“

„Von denen, die es nicht besser wissen, Doktor.“

„Tidemunt, ich schließe mich dem an.“

Tidemunt fauchte auf und schüttelte den Kopf. Der Stadtbaumeister seufzte bekümmert: „Welch ungeheure Leistung in so kurzer Zeit, Tidemunt! Diese Spannung des Wachseins im Dreidimensionalen, ich weiß es von mir, endet immer in der vierten Dimension, im Ungreifbaren, auf der Rückseite des Gewissens.“

„Wo es am kitzligsten ist und endlich erkennt, Doktor.“

„Und nach Zerstörung dürstet, Tidemunt.“

Tidemunt legte den Blaustift hin. „Das ist weder gutherzig noch aufrichtig, Doktor. Sie bescheiden sich, wie man es sich durchschnittlich angewöhnt hat, aus Gründen der Bequemlichkeit.“

„Nein, aus Gründen einfachster Dienlichkeit. Sehen Sie, auch ein Priester oder ein Arzt behält seine Zweifel für sich, und somit wird eine gute Wirkung erreicht. Tidemunt, Ihr Ruf ist weit über unsere Grenzen hinaus verankert. Man glaubt Ihnen. Man glaubt dem nun schon weitgehend bekanntgewordenen Entwurf. Sie gefährden nicht nur, was weniger wichtig ist, meine, sondern auch Ihre Stellung und überdies alle Ihre Mitarbeiter und Freunde, die Ihnen so zuversichtlich gefolgt sind. Wichtiger aber ist: Sie gefährden das Projekt. Es sind Stimmen der Tiefe laut, die den neuen Hafenbau schon sowieso als unverantwortliche Vergeudung, als unrentabel und hohle Kulisse bezeichnen. Tidemunt, Sie gefährden einen Teil Zukunft und Wohlfahrt Ihrer Vaterstadt. Es wird ein Schock in die gesamte Behörde fahren und das bewährte System schlimmer verwirren als irgendein gewalttätiger Umsturz.“

Tidemunt atmete verhalten, zerbiß die Zigarre und spie sie zu Boden. Seine Faust klammerte sich um den Knopf einer Schublade, und da sie aufging und der Knopf zerbrach, krallten sich seine Finger um die Kante, so, als halte er sich an einem Gitter, von dem aus er in eine qualmverhangene Unwegsamkeit hinüber zu sprechen habe. Fern verging die angestiegene Schärfe der Vorgesetzten- und Freundesstimme. Sonderbar leise entgegnete er ihr: „Doktor, so muß ich denn wünschen, daß baldigst irgendeine Katastrophe — der Himmel verzeihe mir die Ungeheuerlichkeit — die Anlage noch im Entstehen vom Erdboden wischt, damit mein Nachfolger Gelegenheit findet, sie richtig zu machen.“

Der Stadtbaumeister stand blaß und bewegungslos. Tidemunt, von Rechtlichkeit lodernd, löste die Finger von der Schublade und streckte dem Freund die Hand entgegen, als wolle er ihm helfen, seinen Beistand nicht zu versagen. Erst nach geraumer Weile sank die Rechte des andern nieder.

Der Stadtbaumeister nickte, griff wie zerstreut nach einer Zeitung, die unentfaltet am Rand des Tisches lag, und sagte freundlich: „Ihre Gattin, hörte ich, soll in München geäußert haben, sie beabsichtige, mit einem Violinkonzert aufs Podium zurückzukehren?“

Tidemunt hatte die Nachricht nicht gelesen. Er wußte nur aus einem kurzen Brief seiner Frau, daß der Maler Lorns ihr ritterlich behilflich sei, sich aufs neue in der Welt zurechtzufinden und auch die Presse alarmiert habe. Was aber sollte das hier? Er sagte finster: „Sie sehen, Doktor, meine Frau opfert sich, um mir freie Bahn für die Umzeichnung der Pläne zu lassen.“ Und da der Angeredete in sich hineinschwieg, setzte er hinzu: „Oder möchten Sie hier so etwas wie ein gefährdetes Eheglück in die Waage meiner beruflichen Verantwortung schieben, Doktor?“

Die Antwort kam nüchtern: „Tidemunt! Es muß alles so bleiben!“

Tidemunt unterdrückte ein Aufbrüllen und sagte durch die Zähne: „Nein!“

An diesem Nein straffte sich merklich die schmächtige Gestalt des Stadtbaumeisters. Dem Nein zu begegnen, hatte er in den hansischen Belangen seines Sektors genugsam Gelegenheit gehabt. Er sammelte sich, indem er von Tidemunts ungesund umschatteten, metallisch funkelnden Augen weg auf die Schublade blickte, darin allerlei Krimskrams auflugte und eine Kehrseite offenbarte der strengen technischen Klarheit alles dessen, was der Behörde je von den Arbeiten des Hafenbaumeisters zu Gesicht gekommen war. Da gab es eine grellgekleidete chinesische Puppe zu erspähen in Gesellschaft von Meeresschnecken, Kolibribälgen und Dämonenhunden aus Speckstein.

Tidemunt folgte dem Blick und versuchte, die Schublade zuzudrücken. Was war noch zu sagen? Nichts! Das Nein füllte den Raum bis in die Ecken.

Der Oberbaudirektor nahm den Hut. Und dabei sagte er sanft, ja beklommen, als betreffe es ein lange gehütetes Geheimnis: „Ein paar winzige Grade, im Scheitelpunkt ohne Belang, in der Unendlichkeit Unendlichkeiten, darin alles mündet und einbeschlossen vergeht, das Richtige und das Falsche.“

Tidemunt fühlte, wie er entwaffnet wurde. Aber ehe der ohnmächtige Zorn der Gegenwehr, der in seinen Schläfenadern schwoll, Ausbruch fand, war der Vorgesetzte von dannen, unversehens und sachte wie ein Nebelstreif.

7

Tidemunt riß die Schublade vollends heraus, darin er den „munteren Trödel der unweißen Unschuld“ zu sammeln pflegte. Er hegte es dort als Speicher für die kleinen häuslichen Geschenke, wie er sie hafenlängs bei den Althändlern als vertanes Seemannsangedenken aufstöberte, zumeist keine wertvollen Stücke, sondern für den Fremdenverkehr ferner Küsten zurechtgedrehtes billiges Zeugs und dennoch nicht ganz der Ursprünglichkeit entkleidet, Abbild des Dämonischen zu sein und der Beschwörung zu dienen. Es ärgerte Tidemunt, sich dieser allzu privaten Sammlung eben geschämt zu haben, und er schüttete den ganzen Krempel in den Papierkorb.

Dabei fauchte er des öfteren: „Ich gebe nicht nach!“ Doch indes er dieses gegen die Wände hervorstieß und die hastige zerklirrende Melodie der Geige sich darunterschob, krampfte sein Eingeweide sich übel zusammen. Und als er nun gar in den Modellsaal stürmen wollte, wo auf riesiger Platte in reizvoller Akribie die plastische Darstellung der neuen Hafenanlagen aufgebaut war, und er sich mit seinen Fäusten darauf zu stürzen gedachte, schlug er an der Tür jäh rücklings zu Boden.

Im Nu aber war er wieder auf den Beinen. Verdutzt taumelte er an seinen Arbeitstisch zurück, sank auf einen Hocker. Ich bin plötzlich ohnmächtig geworden, dachte er. Das ist mir noch nie passiert. Er horchte, ob etwa der Hausmeister den peinlichen Aufschlag bemerkt habe. Es blieb aber alles still. Nur der Lärm der nächtigen Stadt drang von fern durch die Vorhänge der Fenster, verging und schien entsetzlich anzuschwellen, zugleich mit einem schraubenden Schmerz unterm Zwerchfell. Tidemunt krümmte sich vornüber, lag hingepreßt über die verwirrten Pläne. Die Höhlungen und Gefäße seines Körpers, bis dahin wenig bedacht, kündigten an, daß sie nicht lange mehr geneigt sein würden, bei weiterem Mißbrauch den überlasteten Kräften zu dienen.

8

Eben nach Mitternacht fand Tidemunt sich in der Wachbude der Sektion Außendienst des Strom- und Hafenbauamtes und veranlaßte ohne viel Worte, daß die Barkasse ihn nach dem neuen Hafengelände befördere. Da der Beamte ihm zu schläfrig fuhr, ging er selber in den Führerstand, nahm das Rad und ließ, keinem Einwand erreichbar, den Motor das äußerste hergeben. Er mußte gegen die Flut an und kümmerte sich nicht um den Sprühschwall, der übern Bug hereinstob. Der Hut wehte ihm davon. Er blickte ihm nicht nach. Er hob auch kein Auge auf zu den vorbeirauschenden Ozeanern und spürte nicht wie sonst bei deren Anblick das alte knabenhafte Erschauern vor der gnadenlosen Ferne. Er hatte nur das eine hämmernde Verlangen, den Baggern zu Böwerder und deren fressenden, saugenden und speienden Rachen zuvorzukommen und sie seiner rücksichtslosen Einsicht gemäß in die neue Richtung umzulenken. Dabei summte er vor sich hin: Fünf Grad West, fünf Grad West ... Immer nur diese drei Worte, diese drei Töne vielmehr, und es war ihm, als seien sie aus den hastigen Geigenschreien des letzten Abends, den er seine Frau gesehen, in ihm hängengeblieben. Doch war die Betonung sonderbar auf das Wort Grad verschoben, und die Worte verwandelten sich, indes die Töne verharrten, und hämmernd im Takte des Motors summte es in ihm: Ach, bleib doch! Ach, bleib doch! Er vermochte aber den Zusammenhang mit seiner Fahrt nicht zu fassen; es klang auch nicht verzweifelnd, es klang nicht nach Schrei, es war ganz sanft und wehmütig, und er wollte es grimmig abstoßen, er wollte in den spritzenden Gischt hineinbrüllen, aber es war hinwider angenehm, so unbeschwert dahinzusummen.

Das Gelände der Sände und der Uferstrecke Böwerder lag unter dem grell violetten Schein der Tiefstrahler und übertobt von dem Gejaule einer Herde riesiger Saugbagger, die dabei waren, die neue Abfangrinne für den Schwemmsand des Stromes und die Einfahrt der neuen Hafenbecken zu schlürfen und den aufgenommenen Grund durch lange, mannsdicke Rohrleitungen hinter die Ostkante zu blasen, dorthin, wo die großen Zufahrtsstraßen und Parkplätze für den Fernlastverkehr entstehen sollten. Tidemunt kletterte auf die schmierigen Decks von Bagger zu Bagger und stoppte den Betrieb. Die Pumpen kamen stöhnend zur Ruhe. Er zeichnete den Baggermeistern die neue Peilstrecke ein und ordnete die Verholung auf zweihundert Meter stromabwärts und die entsprechende Verlegung der Rohre für den Beginn der Tagschicht an. Dann ließ er sich an Land setzen und schickte die Barkasse nach Hause.

Auf den Vorländern bis zum Deich hin weideten rasselnd die Krangreifer, Sauriern der Urzeit gleichend, und schlangen das Erdreich und spien es in die Feldbahnen, die es landein beförderten. Tidemunt, aus Morast aufwatend, schwang sich hoch und faßte Fuß auf dem Kipprahmen einer Lore, der letzten eines eiligen Zuges. Vor ihm wölbte sich der aufgepackte Marschboden grabhügelgroß. Er atmete den Geruch der aus dem Frühling gerissenen schwärzlichen Krume, diesen gesegneten geheimnisvollen Urgeruch des Werdens. Die Humusschicht sollte nicht unterm Beton verfaulen, sondern soweit sie nicht den Gartenanlagen im eigentlichen Hafengelände zugute kam, im Austausch gegen Sand und Kies zu fruchtbarer Auflagerung in die Lüneburger Heide hinter Buxtehude gelangen, wo eine vorbildliche Siedlung für dreitausend Hafenarbeiterfamilien entstand.

Tidemunt summte noch immer vor sich hin in der zehrenden Lust, so rechtzeitig einzugreifen. Er sah zur Seite Reihen ungetümer Rammstampfer aufgefahren, modern, wie er sie selber noch nie gesehen, und sie hatten begonnen, ofendicke, turmlange Föhrenstämme senkrecht in den entblößten Grund zu stoßen als Unterlage für die bislang in dieser Linie geplanten Kaimauern. Tidemunt lachte polternd und sprang ab; denn der Deich war erreicht, und dahinter erstreckten sich, groß wie ein Dorf, die Arbeiterbaracken und Werk- und Lagerschuppen rings um den breiten Turm des Umformer-Kraftwerkes. Ganz vorn stand bescheiden die Bauhütte. Von ihr strahlten die Kabel und Leitungen zu jeder einzelnen Maschine ins Gelände, und alles und jedes wurde von hier sichtbar an der Leine gehalten. Doch war Vorsorge getroffen, die einzelnen Baugruppen auch funktelefonisch zu erreichen, und davon ließ Tidemunt sofort Gebrauch machen. Und mit einem Schlage war der wilde nächtliche Lärm zum Schweigen gebracht. Der Bauführer hatte sich gerade für ein paar Stunden aufs Ohr werfen wollen in der Gewißheit, alles laufe nach Vorschrift am Schnürchen. Jetzt mußte er erleben, wie die sauberen Plantafeln mit den Trassen der Ausschachtungen und Aufschüttungen rasch und erstaunlich umgezeichnet wurden, indes eine Kanne Kaffee aus der Kantine hereinschwang und die niedrige Bude sich mit dem blauen Qualm der Corona füllte und mit dem schnaufigen Gesumme des Oberbaurats, daraus der Bauführer nur immer die gleichen drei Töne heraushörte in so unablässiger Wiederholung, daß er, völlig eingelullt, ohne Gegenrede alles hinnahm. Tidemunt sah ihm an, wie einige Bedenken wegen der kurzfristigen Kontrakte der beauftragten Firmen ihn bedrängten. Er beruhigte ihn vollends mit einem großartigen „Na, watt denn? Denn man to, Herr Inschenör!“ Und das war die Geländeformel für das büroliche „Also? Sodann!“

Ja, dieser Tidemunt! Summend wogte er von dannen, unangreifbar, selbst unter perfidesten Fachkollegen unwiderlegbar. Wie selbstherrlich stand er da! Ein Turm auf dem Deich in der Wandlung der Zeit, von keiner Brandung erreicht, die Brandung und die Wandlung überschauend und regelnd.

Hochbefriedigt knurrte er vor sich hin, als er nun sah, wie das unheimliche Heer der Greifer und Rammer sich keuchend auf Raupenketten in Marsch setzte, seiner Anordnung gemäß, und schwerfällig, aber genau in die neue Staffelung einschwenkte.

Schon graute der Tag. Das Licht der Tiefstrahler zog sich zusammen und war nur noch Lampe. Darunter hin erkannte man das Blankeneser Ufer aufhügelnd, zart von Aufstehfenstern durchlöchert. Im Osten aber fern ragten die Türme der Stadt; sie griffen wie bläuliche Finger ins Gewölk, das grau und bärtig den Morgen hintanzuhalten suchte. Tidemunts Lachen dröhnte über die Wiesen und vermischte sich dem wieder auflebenden Arbeitslärm.

Schon schwangen die am weitesten nach Westen vorgezogenen Greifer ihre Krallenrüssel in Gras und Kraut und schonten nicht Busch noch Zaun. Kiebitze flogen klagend auf und Enten, die im Grabenschilf genächtigt, und Kaninchen stoben davon, die unter einer Korbweide gewohnt. Kühe, die nachts auf der Koppel geblieben, drängten furchtsam brüllend dem Heckgatter zu.

Tidemunt sah, daß es Zeit sei, die Sachlage kraft seiner Eigenmächtigkeit vollends zu klären. Er stiefelte gewaltig zu den betroffenen Bauernhöfen hinüber und setzte sich mit dem ersten Morgenstrahl neben die Frühstücksnäpfe, legte die Unumgänglichkeit dar, deutete Unliebsamkeiten an, erfand Vorschriften, Zwangsgesetze, bezeichnete sie als ungerecht, aber unumstößlich, bot die vorbeugende großzügige Hand und nannte Summen, die jene, welche zu den bisherigen Landkäufen bewilligt waren, wesentlich übertrafen.

Sein Blut war diesem Boden entsprossen. Hier war seine Sprache daheim. Hier verstand man ihn, hier bedurfte es keiner behördlichen Formulare und Verhandlungen, die nur geschaffen scheinen, den Menschen zu verdrießen. Das übliche Mißtrauen wandelte sich langsam in ein schmunzelndes Entgegenkommen. Zuletzt waren die fünf, die es anging, beisammen. Er lud die Fuhre ins Gemeindebüro.

Indes nun der Anwalt den Wortlaut der Urkunden in die Maschine diktierte — seine Schreibhilfe sah aus wie Fräulein Macke — und jedermann froh war, daß hier ohne die gewöhnlichen Schwierigkeiten etwas geschah, und eine zufriedene Heiterkeit die verwetterten Bauerngesichter beseelte, saß Tidemunt, behaglich vor sich hinsummend, am Fenster.

9

Wie zufällig ließ er den Blick durch die gestärkten Spitzengardinen ins Freie gleiten. Da sah er ein seltsames Paar die Dorfstraße heraufkommen, einen Mann und ein Mädchen. Der Mann war lang und dürr und in seemännischer Kleidung, rotbärtig und einarmig und blies im langsamen Daherwandern auf einer kurzen dikken Tonflöte.

Zu vernehmen war nichts; das Geklapper der Schreibmaschine übertönte alles. Das Mädchen wirkte neben dem Langen überaus zierlich; Tidemunt dachte, es sei ein Kind. Er sah aber bald, es war wie eine Nonne gekleidet, in Schwarz und Weiß, aber Rock und Haube und Schleier waren fast gleichmäßig von grauem Staube überzogen. Das Gesicht unterschied er nicht deutlich, er sah nur, daß es sehr schmal und ein wenig bräunlich sei.

Auf einmal hörte er auch die Flöte, weiche, schwermütige Okarinatöne. Es waren nur drei Töne, die sich immer wiederholten, und waren die gleichen, die er die ganze Zeit vor sich hingesummt, seit er die Barkasse gen Böwerder gesteuert. Und nun wußte er auch, woher er sich dieses kleinen Themas entsann. Es hallte nicht nach aus den hastigen Geigenschreien von jenem Abend des Abschieds. Das Hauskonzert, darin sie erklungen, stieg in seiner Erinnerung auf, das letzte vor manchem Jahr, da seine Frau noch den Mut aufgebracht hatte, sich aus ihrer wachsenden Scheu herauszuwagen und die enge Dachwohnung mit erlesener Gesellschaft und schöner Musik zu weiten. Das Brahmssche Streichquartett in a-moll war es, und sie hatte einleitend auf das Hauptmotiv hingewiesen, auf die elegisch sich wechselvoll verzweigenden drei Töne F, A, E, die der dreizackige Leitstern des Komponisten gewesen, übernommen von seinem Freunde, dem Geiger Joachim. Die Bedeutung dieser drei Töne liege in der persönlichen Auslegung ihrer Bezeichnung als Anfangsbuchstaben für drei schwerwiegende Worte — so hatte sie gesagt —, für die drei Worte „Frei, aber einsam“. Ein Motto, fordernd und verzichtend zugleich, stolz und gnadenlos, ein rechtes Künstlerwort, das künstlerische Schicksal kennzeichnend.

Tidemunt sah sich behaglich im Hintergrund in einen Sessel gestreckt. Er hatte, als sie so wohllautend und geschickt ihren kleinen Vortrag hielt, ein angenehmes Gefühl von Besitz und Zugehörigkeit gehabt, überschattet nun von einem anderen Erlebnis in jenem gleichen Sessel, das in damals noch nicht vorgeahntem Zusammenhange damit stand. Frei aber einsam ...

Es war eine Ankündigung gewesen, er hatte es nicht erfaßt gehabt, er war so sehr ihrer sicher gewesen, so sicher wie seiner selbst. Wohl hatte er das fern Bedrohende nicht überhört, das Ausgeliefertsein, aber er hatte es einzig auf sich selber bezogen, auf frühe Versuchungen, aus denen er sich in die klare Zucht und Geborgenheit technischer Belange und des Staatsdienstes rechtzeitig abgesetzt. Frei? Nein, nicht frei, sondern aufs vernünftigste gebunden, beruflich wie menschlich. Und er war dessen froh gewesen. Einsam? Das schon eher, beruflich bestimmt, auch ohne rechte Freunde — bis auf die sonderlich schwebende Freundschaft des Stadtbaumeisters —, aber menschlich nicht einsam, sondern der lieben Sprecherin und Musikantin aufs innigste verbündet. Wie denn auch sie es nicht nötig hatte, frei und einsam zu sein.

„Frei und einsam?“ Es hieß „frei, aber einsam“. Hatte sie es nicht ausgesprochen? Ach, es kehrte sich um, es hieß „einsam, aber frei“. War es so? War es wirklich so mit ihr? Und wie nun war es mit ihm?

Das alles floß in Bildern, Gedanken, Worten und Tönen rasch und luftig durch Tidemunts Halbbewußtsein, als er nun, ohne den Blick auf die Versammlung zurückzulenken, aufstand und ohne Gruß hinausging, wie einer, der ein vergängliches Geschäft zu erledigen hat und nicht weiß, daß er draußen bleiben wird.

Hastig trat er ins Freie und sah das merkwürdige Paar davonziehen, landeinwärts, auf die dünnen bläulichen Hügellinien der Heide zu, angestrahlt von der schrägen Vormittagssonne. Der rote Kranzbart bebte beiderseits des dürren Matrosennackens wie eine Flamme hervor, und unter dem graustaubigen Gewandsaum des Mädchens leuchteten in schreitendem Aufwellen schmale bloße Fersen wie rosige Blinkzeichen. Und immer noch erscholl die karge Tonfolge, nicht so sehr klagend, als vielmehr ergeben, und nun hörte er auch die Stimme des Mädchens. Sie sang sehr leise und ein wenig glitzernd.

Er beeilte sich, den beiden unauffällig näherzukommen. Lauteten die Worte, die das Mädchen sang: „Ach, bleib doch!“ oder „Komm wieder!“ oder „Für dich nur!“? Hieß es nicht alles andere als „Frei, aber einsam“, was da so süß und bedrängend erklang?

Er ging und ging, gesenkten Hauptes lauschend, hinter den beiden her, doch wurde die Entfernung zwischen ihm und ihnen nicht geringer, und er wunderte sich, daß er keine Ungeduld empfand, sondern nur ein ziehendes, beglückendes Verlangen, immer so weiterzugehen, einer ungeklärten Verheißung nach.

10

Noch bevor der Hausmeister den Kaffee brachte und bevor die Putzfrau kam, war Fräulein Macke schon im Büro. Die übrigen Beamten und Angestellten hatten als kleine Anerkennung dieses Wochenende frei bekommen. Tidemunt hörte seinen Namen rufen, leise und ehrerbietig, dann etwas lauter. Fräulein Macke wagte, ihre Hand auf seine Schulter zu legen, ihn sogar ein wenig zu rütteln. Sie flehte ihn an, doch aufzuwachen und sich bequemer zu betten. Er vermochte sich nicht zu rühren; er atmete schnarchend vor sich hin auf die zerknitterten Planzeichnungen. Was war mit ihm? War er betrunken? War er krank? Fräulein Macke ging zur Tür, den Hausmeister zu rufen; da stolperte sie über eine leere Schublade, die da herumlag.

Tidemunt hob den Kopf, als lausche er. Dann starrte er sie lange an, die so betroffen und erleichtert dastand. „Wo sind denn die beiden?“ fragte er mit belegter Stimme. Es klang ungewöhnlich milde. Und da sie abwartend schwieg, gewohnt, die meisten Fragen von Vorgesetzten viel besser von denen selber beantwortet zu finden, richtete er sich ächzend auf. Er sann nach, wie er ins Amt zurückgelangt sei. „Es war gegen neun Uhr, als der Notar ... als wir ins Gemeindebüro ... die Kirchturmuhr schlug gleich danach ...“ murmelte er.

„Jetzt ist es fünf Minuten nach sieben“, sagte Fräulein Macke.

Tidemunt strich sich über das rauhe Kinn. Mag sein, dachte er. Entweder habe ich hier zwanzig runde Stunden geschlafen oder auch nur acht oder auch gar nicht und Zeit ist sowieso nur ein vager Begriff, genau wie die übrige Wirklichkeit und gewisse fünf Grade Unterschied ...

Er stand mühsam auf, ging in sein Schreibzimmer und saß dort eine Weile vor sich hinträumend auf der Sofakante. Fräulein Macke wies ihm einen Strauß Rosen als Glückwunsch zu der endlichen und so erfolgreichen Erledigung des Arbeitspensums. Er lächelte abwesend. Sie redete ihm zu, sich noch ein wenig hinzulegen. Sie dachte sichtlich, er habe die Nacht ausgiebig gefeiert, und das im Arbeitskittel. Ihr Mut wuchs, da er so hilflos dasaß, und sie begann, mit zaghaften Händen ihn zu entkleiden. Da schrillte das Telefon in ihrem Zimmer. Sie eilte hinüber.

Als sie zurückkam, stand Tidemunt halbnackt an dem kleinen Waschbecken und wusch sich schnaufend. Sie zog sich hinter die Tür zurück. „Nur ein Telegramm, Herr Oberbaurat.“

„Erledigen Sie es“, erwiderte er matt.

Er blickte vom Spiegel weg, darin sein Gesicht wie ein zerfallender Mond ihm zu entschwimmen drohte. Wir haben alles beisammen, dachte er müde, die Bagger, die Greifer, die Betonmischer, die Bauern ... aber ich selber falle auseinander. Mein Werk ist getan, ich bin frei ... frei, aber einsam ...

Diese drei Töne, das ist alles, was von der ganzen Hafensymphonie an mir hängenbleibt, und auch die gingen vor mir her und waren nicht zu erreichen und hatten andere Worte, und ich konnte es nicht genau hören und weiß schon nicht mehr, warum ich vom Fenster aufgestanden und wem ich nachgelaufen bin ...

Er hörte Fräulein Macke am Türspalt mit einem Zettel rascheln. „Was ist denn, Maxi?“ sagte er mit lahmer Zunge. Nie zuvor hatte er sie genannt, wie die Kollegen sie nannten. Der Türspalt vergrößerte sich. Ihre nußfarbenen Augen standen eine Weile entgeistert. Dann lächelte sie schmerzlich, als habe sie ein verspätetes Glück erfahren, nahm sich zusammen, senkte den Blick und las, indes sie errötete, das Telegramm mit energischer Stimme vor: „Hätte gern mit dir gesprochen bin in Salzburg Mozarteum ... Unterschrift: Berta.“

Tidemunt rieb sich die mächtigen bläßlichen Schultern.

„Was soll ich antworten?“ fragte Fräulein Macke.

Der Baumeister sann ins Handtuch. Wie war es doch gewesen, dieser flötende, rotbärtige Mensch und die nonnenhafte Zierlichkeit ... Salzburg? Ah, welche Musik! Ja, es würde dies und das zu bereden sein oder auch nicht, es war alles erledigt, er war ja auf dem Wege, die Richtung war gen Süd, er ging und ging ... Antworten? Welche Frage! Was war groß zu antworten? Ah so! Wie war es mit den Dokumenten? Hatte der Notar ... Waren die Unterschriften getätigt? ... Hatte Fräulein Macke gestern ... oder wann? ... Es verschwamm und zerfloß. Ich werde mich zu rasieren haben, dachte er.

Überall war das Wartende und ging vor ihm her und stand in Salzburg und hier in der Türöffnung, und alles war ungewiß und fragend und ohne Antwort. Und war doch alles so selbstverständlich und zweifellos. Nur er selber war die Frage. Er zuckte die Achseln. Er hörte, wie die hohen Absätze Fräulein Mackes sich an den Schreibtisch zurückzogen. Er hörte, wie im Zeichensaal die Putzfrau aufräumte, er hörte, wie nebenan der Hausmeister die Post brachte und übers Wetter sprach. Es ging alles unendlich langsam. Alle Bewegungen mündeten in eine endlose, ziehende Weite und einen dünnen, verwehenden, schwermütigen Flötenklang.

Es gelang ihm, sich anzuziehen. Und er kam in Hut und Mantel aus seinem Zimmer, fragte nach dem Wagen. Der stehe unten bereit wie immer. Eine Weile ging er vor dem Schreibtisch auf und ab, den schwarzen Zimmermannshut in den Nacken geschoben. Die Sekretärin wartete mit Bleistift und Stenogrammblock. Sie horchte auf das Gemurmel. Was sagte er? „Sonderbar, der Hut war mir weggeweht ...“

„Soll ich das schreiben?“ fragte sie betreten. Die Nacht mußte an Abenteuern reich gewesen sein. Tidemunt besann sich, schlug mit den frischen weißen Wollhandschuhen gegen die Tischkante. „Bitte, bestellen Sie dem Oberbaudirektor, sobald er in seinem Büro ist, und das persönlichst: Alles, was in dieser Nacht erreicht worden ist, hat als unabänderlich zu gelten.“

Er trat dicht neben ihren Stuhl. Seine Stimme war schwerfällig und kaum an sie gerichtet. „Es geht vor mir her und ist nicht zu erreichen ... Wie soll ich erklären ... Wir denken Falsches, auch voneinander, und richten uns danach ein ... Ich hätte das viel früher erkennen sollen ...“

Er stockte, als habe er sich auf Geschwätz ertappt. Er sah, wie befremdend es wirkte. Fräulein Macke zog die Schultern zusammen und blickte unter gesenkten Lidern, als erwarte sie, begierig und furchtsam zugleich, nähere Aufschlüsse.

Tidemunt nahm eine Zigarre. „Es ist noch nicht Bürozeit!“ knurrte er: „Warum sind Sie eigentlich so früh gekommen?“

„Um Ihnen zu helfen“, erwiderte sie leise: „Am Montag, also übermorgen, beginnen die Bagger im Strom; man wird vom Hafenbauamt aus eine kleine Feierlichkeit zu bedenken haben. Wie wärs in der Neuenfelder Kirche? Oder an Bord eines der Bagger selbst?“

Tidemunt starrte ins Unwegsame.

Er murmelte: „Wieso beginnen? ... Es ist doch alles ...“

Sie schwieg betreten. Er sog den beizenden grauen Qualm in sich hinein. Auf unendlichem Gefilde wanderte er hinter einer dünnen Stimme her, lauschend, lauschend. Was sang sie nur? ... Aus der Tiefe hörte er Fräulein Macke heraufflüstern: „Wir müssen uns entscheiden, Herr Oberbaurat.“

Er faßte sich, besann sich unwillig, empfahl mürrisch, einen der Bauräte mit dem Zauber zu behelligen und im übrigen dafür zu sorgen, daß die Einzelpläne den neuen Weisungen gemäß umgezeichnet würden. Er habe ein paar Tage zu verreisen und wünsche, bei seiner Rückkehr viel geleistet zu finden.

Sie stand auf von ihrem Schreibtischstuhl, geschult in den Prüfungen ihres Postens. Sie reichte dem Chef die Hand. Sie vermochte zu sagen: „Ich werde für das Nötige sorgen und auch, daß Sie von hier unerreichbar bleiben.“

„Danke Ihnen ... Fräulein Macke ... für alles!“ Er wandte sich schnaufend zur Tür. Der Schmerz von irgendwann, der Krampf unterm Zwerchfell wurde wieder wach. Wurde ihm viel Freude gewünscht? „O danke, danke! ... Also? Sodann!“

Im Davoneilen meinte er zu hören, wie sie lautlos ihm nachschrie: Gottseidank, daß ich so amtlich gebunden bin, Ihnen Freude zu wünschen, an der ich nicht teilhabe. Ach, sie wird grammweise auf einer Hausstandswaage nachzuwiegen sein. Sie sind allzu hoch bei sich, Sie brauchen ein bißchen Leid, Herr Hafenbaumeister, aber vielleicht ist es Ihnen längst näher, als ich Ihnen gönne, indes ich meinen Anteil zwischen Aktendeckeln einsarge.

Doch dann umfing ihn der Lärm der Straße, und dann schnurrte der Motor, und er sagte: „Hauptbahnhof!“ und sagte: „Nach Salzburg!“ Und dann war lange nicht viel anderes als der kleine glitzernde Lamettafaden im Wind ...

Hinter Rosenheim wurden die krampfartigen Schmerzen, die seit dem Gespräch mit dem Oberbaudirektor in ihm gelauert, sehr heftig. Er verbiß das Stöhnen, aber den Mitreisenden blieb sein Zustand nicht verborgen. Sie rückten von ihm ab, sie riefen nach dem Schaffner. Er wollte sich erheben und sich in den Gang schleppen, doch ehe es ihm gelang, erbrach er sich und dachte noch, es sei die Flasche Burgunder, die er vor München im Speisewagen genossen. Er sank zwischen die Sitze zu Boden. Es fand sich ein Arzt im Zug, und auf der nächsten Station wurde der Erkrankte ausgeladen und ins Hospital gebracht.

11

Tidemunt blieb lange bewußtlos. Die Magenblutung wurde mit Gelatinespritzen, Eisauflagen und Opiaten bald gestillt. Der Leidende hatte fast die Hälfte seines Blutes verloren, und da das Herz sich als überempfindlich und die Kranzgefäße als gefährdet erwiesen, ein Durchbruch der Magenwand aber nicht anzunehmen war, sah man von einer Operation ab. Der leitende Arzt, ein geachteter Chirurg, hätte wohl lieber das Messer gerührt, als sich auf ein Diätexperiment einzulassen, wie es von fortschrittlichen Kollegen hier und da mit kaum glaublichen Erfolgen angewandt wurde.

Nach vier Tagen strikter Rückenlage und völligen Fastens erhielt der immer noch halb Bewußtlose als erstes einen Teelöffel lauwarmen Kamillentees. Es schmeckte ihm wie ein nirgends einordbares Wunder. Der Kranke blickte die Schwester, die sich über ihn neigte, grübelnd an, als suche er nach einer Erinnerung, schien es aber bald aufzugeben. Zwischen den Krampfanfällen, die sein Inneres mit ungeheuren Greiferzähnen packten und es in zwei Spiralen umeinanderdrehten, lag er in brütenden Schwebeträumen. Doch stach der Zustand der Schmerzen so höllisch davon ab — kein zuträgliches Linderungsmittel schlug an —, daß er wie ein Ungeheuer brüllte und dem Hause ein Schrecken und eine Last war.

Allmählich aber verebbten die Krämpfe, wurden seltener und erträglicher. Statt der üblichen Schonkost aus in Milch gekochten Weißmehlpräparaten, versuchte man es mit frischgepreßten rohen, doch leicht erwärmten Obst-, Gemüse-, Kräuter- und Kartoffelsäften, und es ergab sich, daß die natürlichen Kräfte zu Abstoß und Aufbau ermunternd davon angeregt wurden, jene Kräfte, die unter den üppigen Speisekarten mitteleuropäischer Verkochkunst verschüttet und betäubt lagen. Die robuste Anlage des Patienten hatte den fröhlichen Giften jener verbreiteten Getränke, die sich zwielichternd geistig nennen, und dem teerfarbenen Sud, der sich aus den duftreichen Schwaden der Tabakbolzen ins Innere schlägt, nur scheinbar so lange standgehalten. Die Krisis hatte sich seit Monaten und Jahren angebahnt. Ein Übermaß von Anstrengung hatte sie verzögert, aber auch verschärft, heftige Anreizmittel sie vernebelt, und durch ein wenig Kummer und die jähe Einsicht, nicht mehr auf der Höhe zu sein, sondern gänzlich versagt zu haben, war sie ausgelöst worden.

Der Arzt hatte eine eigene Ansicht über derartige Fälle. Er hielt den Zusammenbruch, abgesehen von seiner Heftigkeit, für normal, als ein Klimakterium des Mannes und mehr des Geistes als des Körpers. Die Krisis mochte im allgemeinen in den gleichen Jahren liegen wie bei Frauen, aber — weniger beachtet — zumeist unauffälliger verlaufen; jenes plötzliche Absinken der Leistung gegen Fünfzig.

Es ist das Stadium der Schattenschwelle, wo oft auf weite Strecken das innere Licht zu flackern beginnt und in Gefahr gerät, gänzlich zu verlöschen, bis es sich, so es die Gnade will und die körperliche Verfassung in gleichem Ablauf ein Stirb und Werde durchmacht, zu neuer Leuchtkraft erhebt. Es ist die naturnotwendige Zwischenzeit, eine zwangsläufige Pause und Erholung, die, nicht genügend erkannt und berücksichtigt, der menschlichen Schwachheit nachgibt und in die Ewigkeit mündet.

Es ist die Zeit, da die Sonne über den Mittagspunkt hinabgerückt ist. Nach den Mühen des Aufstiegs scheint der Weg endlich bequem und eben dahinzulaufen, von Erfolg umblüht, von freundlichen Aussichten begleitet. Da fällt jäh ein Schatten darüber hin. Der Auslöscher steht vor der Sonne und blickt den Wanderer abschätzend an, wie rüstig er sei, wie gefeit und gewappnet, den Schritt durch den Schatten zu tun, den Schritt über die Abgrundschwelle, den Gang durch eine aussichtslose Öde und Verlassenheit. Wird die Sonnenpforte sich noch einmal öffnen? Wird die Kraft unverbraucht genug sein, den Schattengang durchzuhalten und noch einmal auferstehen in die besonnte Luft des irdischen Daseins, gesammelt zu Reife und herbstlicher Frucht?

Tidemunt genas äußerlich rasch. Doch dauerte es Wochen, ehe er ein Wort sprach. Zumeist starrte er auf die höchste Fensterecke, wie gebannt von dem wechselnden Aussehen des Himmels. Er lag, allmählich vollbärtig, in die Weiße des Lagers vergraben wie einer, den eine Lawine verschüttet hat und der, mühsam gefaßt und nichts als Lauschen, auf das Herannahen von Hilfe wartet. Vom Hospital hatte man nicht unternommen, irgendwelche Anschriften, wie sie aus der Brieftasche des Eingelieferten sich wohl ergeben hätten, zu benachrichtigen. Man hatte das Erwachen des Ohnmächtigen abgewartet und ihn dann in einer schmerzfreien Minute gefragt, ob und wohin man in seinem Namen schreiben solle. Eine Weile hatte er nachgedacht und dann den Kopf geschüttelt.

12

Das Gewesene schien ihm entfremdet. Er vermochte dem Arzte, als endlich ein karges Gespräch zustande kam, wenig Klarheit über vergangene Ereignisse zu vermitteln. Sein Gedächtnis sträubte sich; er gab auf, es zu behelligen, fand auch wenig Neigung, es mit neuen Eindrücken zu belasten. Langsam entledigte sich sein Gesicht aller Aufmerksamkeit und allen Grübelns. Er sah mit seinem wilden, bräunlich grauen Barte aus wie ein unerlöst vor sich hindämmernder Waldbruder.

Er magerte ab, aber die Haut wurde nicht faltig, sondern straffte sich; das Gewebe wurde fest, alles Schlaffe und Brüchige wandelte sich zu einem Neubeginn. Der Arzt hütete sich, den heilsam dumpfen Zustand voreilig mit Gesprächen, Nachrichten, Lektüre oder gar Radio zu verscheuchen. Der Appetit des Kranken regte sich. Er genoß ohne Erstaunen, was ihm vorgesetzt wurde, und es waren Gerichte, über die er früher gelächelt haben würde. Da gab es zum Beispiel den Seim aus frischgequetschter Leinsaat und eben gepflückten Erdbeeren mit honiggesüßter Mandelmilch, vor seinem Bette gemischt und mit einem Glaslöffel verabreicht. Oder einen schmackhaften warmen Brei aus roh geriebenen Kartoffeln, gewürzt mit Schalotten- und Rettichsaft und feingehackter Petersilie. Oder auch Yoghurt mit rohem Himbeermus. Später gab es in Olivenöl gebackene, mit Schnittlauch, Selleriekraut, Majoran, Zwiebeln und einem Eigelb bereitete halbrohe Kartoffelpuffer, dazu Salatbeigaben aus geriebenen Möhren, Roten Beeten und Sauerkraut in anregend winzigen Portionen reizvoll serviert. Gesalzen wurde mit Meereswasser, das von der Nordsee aus gehöriger Tiefe gefiltert in Flaschen bezogen wurde. An Getränken verabreichte man Tidemunt den unvergorenen Saft schwarzer Johannisbeeren und abwechselnd Melissen-, Lindenblüten- und Hagebuttentees, mit Zitronen- und Honigbeigabe schmackhaft gemacht, aber auch bald ein morgendliches Glas kalt angesetzten, gewärmt gereichten Auszugs aus getrockneten vorjährigen Wermutrispen, das er ohne Wimperzucken nahm, als sei es ein bitteres Bier.

Nach sechs Wochen konnte Tidemunt ohne Gefahr geröntgt werden. Sichtbare Veränderungen der Magen- und Darmwände waren nicht mehr auffindbar. Die Ausheilung vorhanden gewesener Geschwüre oder Zerfallstellen schien vollkommen. Er nahm diese Botschaft ohne Bewegung auf. Merklicher traf ihn die Weisung des Arztes, nunmehr den halben Tag außerhalb des Bettes zuzubringen. Doch ganz unbehaglich berührte ihn, für ein Jahr, besser jedoch für immer das Rauchen aufgeben zu sollen.

„Sie werden mir auch meinen Rotspon noch verbieten wollen, Professor“, knurrte er.

Der Arzt lächelte: „Ich ahne nicht, wie lange Sie noch leben wollen. Die nächste Flasche Rotspon könnte Sie unversehens an der Schattenschwelle, die Sie jetzt überschreiten, für immer zurückhalten. Sie sind fast so entgiftet wie ein Bergbauer im Hindukusch. Ein Glas Schnaps würde wie ein Uppercut hinhauen, eine Kanne Mokka Sie lähmen, ein Päckchen Lucky Strike Sie töten.“

„Haben Sie sonst noch Rezepte?“ fragte Tidemunt argwöhnisch.

„O ja!“ lachte der Arzt und begann, eine höchst delikate neuartige, doch nicht gänzlich fleischlose Speisenfolge zu entwickeln.

Tidemunt blickte aus dem Fenster. Die Sonne schien, von irgendwoher klang Musik; es klang wie eine Flöte. „Sie geraten ins Fanatische, Professor“, knurrte Tidemunt und lehnte sich horchend aus dem Fenster.

„Ganz recht“, nickte der Arzt, „ich bin dabei, den Ast abzusägen, auf dem mein Einkommen blüht.“

Tidemunt drehte sich um:

„Und was würde genügen, bis ich mir eine Köchin oder einen Gastwirt soweit dressiert habe, Professor?“

„Wenig genug, mein Lieber. Morgens Obst, Nüsse, Brot und Butter. Mittags Blattsalat, gedämpfte Gemüse, Kartoffeln mit der Schale. Abends Obst und saure Milch. Nie zuviel, und gut kauen!

Und ein gelegentlicher Fastentag. Über allem aber eine unerschütterliche Gelassenheit und ein regelmäßiger ‚Kabinettsgang‘. Damit können Sie neunzig Jahre alt werden, selbst wenn Sie dann und wann ein mageres Stück Fleisch hinzufügen oder gar, nicht so bald, einmal kräftiger sündigen. Trinken? Wie Sie es hier gewohnt waren oder auch nur einwandfreies Wasser und stets nur zwischen den Mahlzeiten. Und da Goethe schon die Suppen verachtete wie ebenso den Kaffee ...“

„Aber nicht den Wein, Professor.“

„Zu Zeiten doch ahnte ihm auch das. Ohne Karlsbad wäre ihm aber selbst der gute Rheinwein, den er im Alter bevorzugte, noch schlechter bekommen.“

„Und wie, Herr Professor, ist es mit ...?“

„Mit der Liebe? ... Oh, die Liebe geht zwar durch den Magen, aber sie wirkt nicht auf ihn zurück.“

Tidemunt blickte lächelnd in die Weite. „Was ist das für ein Gebirge?“ fragte er. Die Landschaft war ihm bislang kaum ins Bewußtsein gedrungen.

„Nichts über achtzehnhundert, Hochgern, Kampen, Wendelstein, aber dahinter Watzmann, Salzburgisches und Tirolisches, und steigen Sie hinauf, sehen Sie den Großglockner und Großvenediger.“

Tidemunt schien zu erwachen. „Es weht über Süd“, murmelte er. Er lauschte. Schrie ein Dampfer? Hohl, fern und unbedeutend? aber wirklich. „Ein Dampfer ...?“

Der Arzt nickte.

„Der See liegt keine halbe Stunde von hier. Es wird noch viel für Sie zu entdecken geben, Herr Oberbaurat.“

In Tidemunt brodelte Bild und Lärm des verlassenen nördlichen Hafens. Viel zu entdecken?

Er fand sich unversehens an einen Zeichentisch voll wirrer, mit Blaustift überkreuzter Pläne gerückt, und der Arzt schien gewandelt in einen gewissen, aus ferner Verblaßtheit deutlich werdenden, den grauen Spitzbart wie ein Zepter umklammernden schmächtigen und allmächtigen Stadtbaumeister, und dessen Stimme klang sanft, ironisch und überzeugend und füllte das Zimmer und schwang durchs Fenster in den Himmel: „Das Gewicht des Vergangenen wird leicht, wenn ein neuer Tag die Flügel regt.“

Tidemunt fröstelte es, als trete er in Morgenfrühe aus einem dunkeln Haus. Der Hafenlärm verscholl. Die Berghäupter sahen ernst zu ihm herüber. Ein Buchfink zwitscherte sanft. Oder wars ein verwehter dünner Flötenton?

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺333,19
Yaş sınırı:
0+
Hacim:
230 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711467305
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar