Kitabı oku: «Fähre VII»

Yazı tipi:

Hans Leip
Fähre VII

Roman

Saga

Gottes sind

Wogen und Wind,

aber Segel und Steuer

sind euer.

Hansischer Kernspruch

1

Es war so Mitte Sommer und eben morgens neun durch. Die elektrische Bumsorgel in der Weinkneipe Ecke Sibersackstraße und Reeperbahn begann zu zingeln, so früh es noch war. Der saftige Schlager behauptete sich mit schrillen Windflöten und dürren Schellentrommeln wacker gegen den Lärm der Straßenbahnen, Autos und das gewöhnliche brummelnde und wispernde Hafengetön, das über der ganzen Gegend lag. Aber auf einmal war der ganze Rummel zugedeckt. Ein ungeheurer Sirenenbaß drang durch die Balduinstraße herauf.

»Das ist sie!« sagte der Wirtsmacker, der in Hemdsärmeln und Barschürze vor die Tür getreten war.

»Ja, die Manhattan«, jappte Hauhau, der Zeitungsverkäufer, und blinzelte einen Strich hoffnungsvoller aus seinem Halswehtuch empor. Er hob seine bellende Stimme, als nun die gewaltige Dampfersirene schwieg, und sang zimpelhoch den Ruhm der Hamburger Morgenblätter in den englischen Walzer hinein, der da mitsamt dem säuerlichen Lokaldunst auf die Straße rieselte.

»Ja, wenn ein Schiff kömmt, gibt’s Leben, und wenn’s auch bloß die Yankees sind«, knurrte Käptn Bauz gegen die dünnen Röhrenhosen des Friseurlehrlings, der mit schwankenden Trittstuhl den Bürgersteig versperrte und das neusilberne Beckenschild wienerte.

Damit soll nicht gesagt sein, daß Käptn Bauz die Amerikaner nicht liebte, ihm waren die Seeleute aller Nationen gleich gute Kameraden. Aber er konnte nicht leiden, daß die Fahrwasser der Erde durch Friseurlehrlinge und Trittstühle versperrt werden. Immerhin war es harmlos, verglichen mit dem Tag, als die Manhattan zum ersten Male statt Bremen die elbische Schwesterstadt anlief. Da war die ganze Heerschar der Hafenschwalben von der Weserkante herübergeeilt, drei Eisenbahnwaggons voll, ihre schon gewohnte United States-Kundschaft wahrzunehmen. Solch auswärtige Konkurrenz aber ließen sich die Hamburger Strichliebchen nicht bieten. Sie hatten in geschlossener Phalanx den Zugang zur Fähre VII blokkiert, — und dann war ein wildes Amazonengetümmel entbrannt, wo mit Schirmen und Handtaschen aufeinander losgedroschen wurde, daß die Fetzen flogen. Käptn Bauz hatte das Schauspiel mitleidlos genossen, diese »Hunnenschlacht mit r«, wie er es taktvoll nannte, bis er schließlich, als einige Louis brutal eingriffen, die Polizei der Davidswache alarmiert, die dann mit einem Wasserwerfer das Feld leerfegte und der hansischen Ordnung Genüge tat.

Nun war die Gegend so friedlich geschäftig, wie es allen Häfen der Welt ansteht. Ecke Silbersackstraße kniff Bauz die Augen auf Schärfe und peilte steif voraus in die lichte Breite der Reeperbahn, geradeswegs auf Mine Thormanns helles Haar, welch selbiges mangels anderer Sonne in diesem allgemeinen täglichen Hamburger Morgenwetter seine Runzeln mit eitel Licht zu füllen begann, zumal die Deern mit geradem Kurs auf ihn lossteuerte. Und er lüftete, nicht ohne Schwung, den dunkelgrünen weichen Landfeinhut.

»Da komm ich hier längs und bauz seh’ ich dich«, lachte er behaglich. (Käptn Bauz hieß eigentlich höchst gewöhnlich Brandt, hatte seinen Namen jedoch bei allen guten Bekannten umgetauft erhalten in jenen von ihm häufig angewandten Ausdruck der Plötzlichkeit, der ihm zur kräftigen Unterstreichung seiner Berichte diente.)

Mine stoppte mit einem munteren Aufschrei vor der deftigen Front Mensch, die Käptn Bauz ins Leben stellte.

»Huch, was erschreck ich mich!« lachte sie. Ihr Gesicht war rundlich und taufrisch, ja, es war durchaus nett zu nennen, Mund und Zähne und die krallen Vergißmeinnicht-Augen und die ganze kleine gute Person, kräftig und biegsam zugleich, mollig und von gutem Schick an den gehörigen Stellen und dennoch alles in allem gesehen von ranker Linie wie »ein klein guten schnittigen Elbjollenkreuzer und Tourensegler im Vergleich zu den Kuffs und Fregatten gemeinlicher dickerer Sorte«, wie Käptn Bauz zu sagen pflegte.

»Und allens gut bekommen?« fragte er sodann, indem er mit gewisser Zartheit seine ältliche, längst pensionierte und säuberlich gepflegte Pranke auf die von den Achselbändern einer schneeweißen Ladenschürze überschnittene hübsche Schulter zu bewegte.

»Mein Geburtstag? Würd’ ich gern jeden Tag feiern«, antwortete Mines lustiger runder Mund. Ihre Stimme war so auf und ab wie ein singiger Wind, das hörten die alten Kapitänsohren gar zu gern.

»Dann wärst du in einem Jahr älter als Methusalem.« Bauz lachte laut und kämmte seinen verwetterten Baß durch die grauen Knasterbartstoppeln, und indem er über die fragwürdige Betonung des biblischen Herrn rasch hinwegzugleiten gedachte, tippte er mit exotisch beringtem Finger in die Gegend von Mines Schürzentasche, woselbst sie ihre kleine feste lebenstüchtige Hand auffällig behutsam hingepreßt hielt.

»Ich habe es gleich hingebracht, Onkel Käptn«, lächtelte Mine.

»Oho, soso, du hast ihn bauz hingebracht, den schnöden Mammon? Schön, mein Mineküken! Sparsamkeit und Fleiß lohnt des Menschen Schweiß. Ich habe dir die zwanzig Märker geschunken, damit sie sich vermehren tun, womit du ja noch Zeit hast.«

Käptn Bauz, im Grunde ein umfassend gebildeter Mann, hatte eine genießerische Art, das Hamburger Missingsch wie so ein richtiger Hafenlöwe daherzuquosen. Doch nun sah er plötzlich nachdenklich an Mines schmalen rosigen Hals vorbei auf ein paar allzu späte Nachtwandler, die, vom Tag überrascht, ungläubigen Blicks einer dem Gedächtnis langsam zurückdämmernden Heimat zuschwankten.

»Und mündig bist du auch auf einmal seit gestern und gleichsam verlobt auch mit deinem Jonny«, senkte sich die alte Kapitänsstimme in eine unverhohlene Besorgnis hinab. Er griff über sich in die Luft, als wolle er in unübersichtlichem Gewässer ein Signal mit der Dampfpfeife geben.

»Na, und?« lachte Mine hellauf und rieb die Füße aneinander, denn die niedlichen Schuhe, fast zu schade für den Alltag, waren auch ein Geburtstags- und Verlobungsgeschenk, gestiftet von Papa Thormann selber. Jedoch, jählings huschte eine Wolke über Mines Munterkeit. Ihre blanken Lippen erstarrten für eine Sekunde.

Käptn Bauz entging diese Veränderung. Seine Aufmerksamkeit war genau wie die Mines auf einen Mann abgelenkt worden oder vielmehr auf dessen graue Melone, die in dieser Gegend ungewöhnlich war, obwohl hier die Kopfbedeckungen aller Nationen durchkamen, Abendland wie Morgenland und Übersee. Der Mann trug den Hut zudem weit in den Nacken gerückt. Er war klein, mit übermäßig breiten Schultern und hielt sich in den Hüften wie ein Seiltänzer. Er hatte im Vorübergehen einen unendlich traurigen und saugenden Blick auf Mines morgendliches Antlitz gelegt, nur kurz zwar, aber es war ihr auffälliger zu Bewußtsein gelangt als die vielen längst gewohnten wohlgefälligen Augen der Ladenkunden und Passanten sonst. Sie war nicht blind gegen ihre eigenen Annahmlichkeiten, sie fand sich selber ersprießlich, ohne viel darüber nachzudenken. Aber dieses Gesicht, das ihr in letzter Zeit verschiedentlich begegnet war, so bleich und schmal, die Wangen eingesogen, grau, hohl wie Aschenbecher, die Augen groß und messingfarben dunkel gleich zwei verbrauchten Groschenstücken, und dazu so überaus traurig und anheftend, dieses Gesicht war ihr unheimlich. Einmal hatte sie es zwischen andern Kunden flüchtig im Laden gesehen. Der Mann hatte grünen Salat gekauft. Ihr Vater hatte ihn bedient.

»Nee, so’n Fatzke«, knurrte Käptn Bauz: »Ist der auch wieder da? Kann mir schon denken, der hat sein Geschäft auch mit der Manhattan wie die ganze Gegend hier, aber ich freß’n Möbelwagen mitsamt Stengel!«

»Kennst du den?« pfiff Mine den Atem aus, der ihr stehengeblieben war, und sie tat es bemüht verächtlich.

»Den?« Ach nee, der ist ’n Artist, Paduzek heißt der, daß heißt, er war es richtig früher mal. Ich sah ihn schon vorgestern bei Onkel Mar in der Wirtschaft, da hörte ich das, und er wohnt bei Klesot, und da tritt er auch abends auf. Viel kann das ja nicht sein. Kuck, wie ihm der Arm linker Hand herunterbummelt, da hat er mal einen Unfall gehabt. Aber Klesot will bauz ja woll rein der ganzen Reeperbahn Konkurrenz machen!«

Käptn Bauz unterbrach seinen Redestrom. Seit er an Land war, so viele Jahre schon, hatte er das Schweigen der See verlernt. Mines kleine Nase hatte schon ungeduldig gezuckt. Doch so schnell gedachte der Alte die Sonne nicht untergehen zu lassen.

»Ja, was geht dich der Knappen an?« kaute er und spie vorsichtig in den Rinnstein, indem er mit gewichtiger Hand andeutete, daß er noch etwas anderes sagen wolle.

Mine war in Hochachtung vor den Erwachsenen erzogen worden. Sie wußte auch, daß Käptn Bauz mehr bedeute, als er sich den Anschein gab, und sie blieb stehen, obwohl es sie nach Hause und auch nach Fähre VII zog.

»Die Manhattan ist da«, sagte sie.

»Das weiß meine Nachtmütze, der olle Sottpüster«, knurrte Käptn Bauz: »Da freut sich sogar euer Spinatladen! Aber das wollt ich dir sagen, wirklich nett ist es von dir, daß du gleich so bauz heut morgen auf Sparkasse gepeest bist. Kuck mal, da drüben, da ist das kleine Haus, darin ist die Sparkasse, und da auf der Ecke daneben, da ist ein Wettbüro, und das ist schon viel größer, und daneben ist das große Schwoflokal. Mein Kind, du bist ja meine sogenannte Großnichte und ich könnte dein Vater sein, wenn dein Vater nicht deine Mutter, was mein Schwesterkind ist, bauz geheiratet hätte, sondern ich, sühst du, was sie nicht wollte. Die drei Gebäude, kuck mal, das ist das Leben: Du kannst sparen, wetten, verjuren, diese drei. Aber das Sparen ist das Größte unter ihnen.«

Käptn Bauz hob die breite helle Flosse wie ein Parkprediger, und seine verklammerten Seeaugen leuchteten spitz. Es war ihm fast Ernst, aber Mine mußte lachen. »Sparen? Man muß doch auch was riskieren und was ausgeben, sonst ist doch kein Leben!«

Ach, sie lachte so gern, und mit einem eilends gezwitscherten »Tjüs, Onkel Bauz!« entwischte sie zur Balduinstraße hin.

»Bauz schwimmt sie ab!« knurrte er lächelnd hinterdrein: »Wie der Wind. Laß dir man deine süßen Hobelpläne nicht wegwehen, mein Stint!«

Doch halb verlangsamte sie den Schritt. Ein Hauch Bleilot schien ihr in den Knien zu liegen. Die Schuhe waren sicher zu eng, und auf einmal fühlte sie die Blicke der Vorübergehenden deutlicher als sonst. Sie sah zurück. Käptn Bauz war schon um die Ecke.

Von Bäcker Unbescheiden der lange Geselle, mehlbestaubt, trug beide Arme voll kastenförmiger Brote zum Lieferwagen. Es war eine bedeutende Last, aber er machte es wiegend, als sei es ein Daunenspiel, und rollte die Augen genießerisch gen Mines appetitliche Erscheinung, die aber allzu rasch und gänzlich ohne ein Zeichen der Anteilnahme vorüberwandelte.

Und dennoch hatte sie es gemerkt. Der freche Kringelknutscher! dachte sie. Aber es war nicht mehr die halbgeschmeichelte Ungerührtheit wie sonst, es kitzelte sacht an ihr Herz und machte sie erschauern. Nicht daß sie es klar erspürte, aber sie dachte plötzlich wieder an den Artisten und war erbost. Sie stampfte im raschen Gehen mit dem Fuß auf. Es tat weh, aber es schien ihr recht. »Ich bin jetzt mündig«, flüsterte sie dabei, als ob damit eine Erklärung gegeben sei. Und mit jähem Erstaunen fügte sie hinzu: »Und verlobt.«

Sie warf einen halben Spiegelblick in das Schaufenster von Schlachter Schwarz. Ihr bloßes naturgekraustes Haar (von Käptn Bauz Hobelspäne genannte) wehte birkenhell in dem wässerigen Hafenzug, der durch die Straße schwalkte.

Ich bin vielleicht doch hübsch, dachte sie, und zum ersten Mal in ihrem Leben dachte sie es ganz zu Ende, und das in einem einzigen Wimperschlag, so frei und so gefesselt sie seit gestern war, und erschrak darüber zutiefst. Es war, als höbe sich vom Straßenende her aus dem dumpfigen Gespinst der Werfthellinge jenseits vom Strom ein silberner Nebel und sei da im Nu und böge sich um sie und söge sie auf und blase sie hoch über die Dächer als eine silberne Kugel und sie schwebe da ohne Halt eine kleine Ewigkeit lang und stürze doch zur selben Zeit wie aus einem Flugzeug herab zwischen singende, zischende Wirbel hindurch, und dies Schweben und Fallen war zugleich und in eins.

Es schwindelte sie, sie warf den Kopf in den Nacken und blies aus leicht vorgeschobener Unterlippe stirnauf, so daß ein paar lockere gelbe Strähnen gehorsam scheitellängs und hinter die Ohren tanzten.

Bei Eggers an der Ecke — fast an jeder Ecke war hier ein Lokal —, da war schon die kleine Kapelle angetreten, zwei Mann hoch, einer am Klavier, einer mit der Fiedel. Die Manhattan war angekommen, bald würde die Urlaubsmannschaft an Land jumpen, und das waren keine Leute, die allhier beheimatet und bei Muttern oder bei der lieben Braut zu Hause waren, fremd kamen sie daher, aus der fremden Weite und See, ja, es war die Sorte, die ihre Zeit und ihr Geld in der Fremde zu vertreiben gedachte. Denn wo das Zuhause weit ist, muß das Vergnügen herhalten.

Fremde Weite und See! Auf einmal spürte Mine das Hafengefühl, das von ewiger Ausreise unruhig ist. Das große Fernweh.

Oft hatte Mine an der Überseebrücke gestanden, wenn die Passagiere an Bord der Hamburg-Süd gingen, was dort so einfach geschieht, so ohne weiteres vom Ufer und Herzen der Stadt aus, als wenn man etwa vom Jungfernstieg in den Alsterdampfer steigt, der zum Uhlenhorster Fährhaus geht. Nur daß die Schiffsgebilde hier so groß sind wie die größten Hotels des festen Landes. Sie ahnte Ade und Kehrwieder des Hafens von Kind auf, und das, was die Fahrgäste aus Bayern, Schwaben, Schlesien und Sachsen schon beim Baumwall zu bestaunen fanden, war ihr bekannt und verwandt. Doch nie war sie über Helgoland hinausgewesen. Und es war so einfach, es gehörten der Bewegung nach nur ein paar Schritte dazu, und man war in einer anderen Welt, in der man ißt und ruht und plaudert und tanzt und schläft so schön wie nur irgend an Land, und die mit einem gestirnhaft von dannen zieht durch das Tor der Horizonte weit, weit weg, und nur Himmel und See ist dann ringsum. Und taucht Land auf, so ist es Flandern oder England oder Norwegen oder Spanien oder Teneriffa oder Buenos Aires oder Rio de Janeiro.

Und silberner noch glitzerte die Ferne hinter Fähre VII. Die grünen Schaukeldampfer und auch Jonnys Jollenbarkasse waren die Zwischenträger zu den Kuhwärder Häfen, wo die mächtigen Schiffe der Hamburg-Amerika Linie parken, deren Fracht- und Fahrgastdienst um die Erde reicht. Und was in den vielen Hafenschläuchen sonst noch an in- und ausländischen Reedereien verkehrt und den größten Seehandelsplatz des europäischen Festlandes als Füllhorn oder Saugbagger nützt, die Dampfer, Turbinen- und Motorschiffe, ein-, zwei- und dreischlotig, und selbst die paar stillen, märchenhaften Nahsegler, die es noch gab, sie schienen alle nur auf Mine Thormann zu warten, ungeduldig lärmend im Lösch- und Ladebetrieb, umwittert vom würzigen Dunst der fremden Küsten, daher sie kamen und dahin sie wieder auslaufen würden, fort aus dem Gerassel der Kräne und Docks, fort aus dem beizenden Schwalch der gehetzten Hafenwerktage, fort in die Weite, elbab ins Grenzenlose, in die wiegenden Horizonte, in die angebliche Reinheit und gnadenlose Heftigkeit der Meere.

Ach, unermüdlich sang die silberne Ferne in den großen und kleinen Sirenen und lauerte saugend im Westen, wo die Qualmwolken gen See versinken. Und der singende Westwind tupfte an Mines wenig erfahrenes Herz, wie er früher oder später an alle Herzen tupft, die an der Fluttür der Wasserkante wohnen.

Und alle Kneipen waren erwartungsvoll auf Glimmer und Gloria eingestellt, voran der Ausschank bei »Onkel Max«, dem schon sagenhaften Wirt, dessen handfest joviale Gestalt von seiner Witwe »Tante Dolly« im Gedächtnis der Kunden auf Hochglanz gehalten wurde. Schon er war wählerisch gewesen betreffs der Stundenliebchen, die sich in seinem Lokal sozusagen auf Abschußrampe bereithielten, aber außerhalb wohnten. Nur die Polizei kannte deren wirkliche Namen, hier hießen sie die Wuschelmeta, die Hosi-Anna, Helene, die Hyäne, Hansa, Grammophon. Auch die viel beneidete und wegen ihrer Figur bewunderte »Holztitten-Emmy« hatte dazugehört und war, von einem reichen USA-Fabrikanten geehelicht, drüben zur »Seifenkönigin« aufgestiegen; sie geisterte als Idol noch immer in allen Hafen-, Bums- und Kämmerleindünsten.

Das alles war niemandem in der Gegend unbekannt, auch Mine nicht, und man nahm es als gegeben hin wie etwa die Auslagen eines Delikatessengeschäfts. Die trennende Grenze zu überschreiten, erschien so ungebührlich, wie das Zertrümmern der Ladenscheibe. Sogar jener, hinter der sich der zartfarben aufreizende Flor modernster Wäschekonfektion stapelte. Mine weidete sich lange daran. Aber ihre Mama liebte dergleichen nicht; die Aussteuer würde sehr »solide« sein. Und nun Pfandleiher Pünjer. Da funkelten die herkunftdunkeln teuren Stücke, die Uhrarmbänder, die brillantstrotzenden Etuis, die blitzenden Ringe. Sie fühlte an den Ringfinger ihrer linken Hand. Der kindliche Reifen mit dem roten Glasstein, den sie bisher getragen hatte, war seit gestern verschwunden, nämlich seit Maß genommen war für den bedeutungsvollen schlichten Reif der Verlobung.

So ganz schlicht allerdings hatte Mine ihn nich haben wollen. Als sie siebzehn war, hatte sie mit einem englischen Handelsvertreter geflirtet, einem Mann von der australischen Obstausfuhr, der manchmal mit der Gunarlinie herübergekommen war. Der war ganz verrückt gewesen nach ihr. Alle ihre Freundinnen hatten sie beneidet. Käptn Bauz hatte zugeraten, und der Mann hatte ihr einen Verlobungsring schenken wollen, einen auf englische Art, mit kleinen Brillanten besetzt. Aber England? Und gar Australien? Ihre Eltern, zumal Vater Thormann, hatten sich nicht erweichen lassen. Nun war sie mündig. Nun hätte sie ihren eigenen Willen durchsehen können.

Doch der Engländer war nach jener Absage nie wieder auf die Hamburger Route gereist. Und nun war da ja auch Jonny Wack, und das war vielleicht besser, besonders für den häuslichen Frieden.

Der Ring aber, der kleine Ring auf englische Art, der stak ihr noch im Sinn. Verliebt gewesen? Damals? Ach, kaum. Nur beseligt, da es Aufsehen erregt hatte. Und jetzt? Sie mochte Jonny, den wakkeren Maaten, den Jollenführer, den prächtigen Turner und Schwimmer und guten Tänzer sehr gern. Es war ein so immer gleichmäßig fest und richtig liegender Landeponton für das unruhige Herz. Die Verlobungsringe nun sollten wenigstens mit »Ornament« sein, und sie hatten bei dem kleinen Juwelier auf dem Spielbudenplatz das »Nibelungenmuster« dafür ausgesucht. Die richtige Größe aber mußte erst angefertigt werden.

Kriemhilde! hatte der Goldschmied sie genannt.

2

Wie süß es herüberklang, was die Schrumm-Schrummbrüder da bei Eggers losließen. Oder war es schon in dem kleinen Lokal Zur Stadt Husum? O, sie spielten so flüssig, so tanztaktig, einen schmelzenden Glowfor, der das Lot Blei und den Knien aufzuheben geeignet schien, so zog er ins Gemüt. Ja, das war der Text, den hatte sie schon gehört:

»Der Tag war vorbei

Und der Abend schon da,

Und die Lampen brannten am Pier...«

Ein kleiner Text, eine kleine Tanzmusik nur, aber es rührte sie an, sie mußte es mitsingen:

»Und das Schiff lag am Kai,

Und da kamst du von Bord,

Und da kamst du herüber zu mir.

Den Hafen entlang

Matrosengesang,

Doch ich sah mich nicht danach um,

Denn ich sah nur dich,

Und du sahst nur mich,

Und vor Freude waren wir stumm.«

Und nun kam der Kehrreim. Mines Stimme erschrak und wurde wieder leise, sie hatte fast vergessen, auf der Straße zu sein.

»Denn du weißt, es gibt diesen und jenen,

Den man kennt, ja, den man so kennt.

Und den einen hat man ganz gern

Und den andern lieber von fern.

Doch nach dem Dritten muß man sich sehnen

mit Tränen,

wenn man seinen Namen nennt.«

Warum denn sengelte es plötzlich unter ihren Wimpern? Tränen? Ach, es war so süß und so traurig! Das Abscheidsweh und die Wiederkehr des Hafens lagen darin, das tägliche Brot der Wasserkante, die Wolken, die vom Meer mit dem Westwind heraufzogen, auch das Gelächter in den späten Bars und die sonderbaren Augen des Artisten der lächerlichen Melone.

Aber nun, da es sich so greifbar in Musik darzustellen schien, beruhigte sich das Ungewiß und Neugefühl, das über sie gestürzt war. Mine Thormann, so hieß sie, und sie fühlte das Sparkassenbuch in der Schürzentasche.

In Morgendiesigkeit über dem Abschluß der Erichstraße ragte der Turm der Michaeliskirche, der Große Michel. Schlank, dunkel, gerade, über schlichten Säulen ein Barockhelm, ein anerkannter Hafen- und Hoheitswächter der guten Hansestadt, stand er vor der Osthelle. Das Zifferblatt glusterte mattgolden, und die Zeiger waren wie ein strenger, gerader, nur an einer Seite ein wenig zum Lächeln neigender Mund.

Dröhnend schlug es ein Viertel nach neun.

Dort bin ich konfirmiert worden, und dort werde ich getraut, dachte Mine.

Und wenn es doch wirklich so war mit dem, was da Liebe genannt wird und was in den vielen Sprachen, die durch diese Straße an ihrem Ohre vorbeigeweht waren, anders hießt und doch dasselbe meint, so wußte sie für ihr Teil jetzt klar und deutlich, wohin damit.

Sie blieb vor den haushaltlichen Angeboten bei Krämer Baumgarten stehen. Sie lächelte ihrem säuberlichen Angesicht in der blanken Scheibe zu. Sie konnte es Jonny nicht verübeln, daß er sie gern habe. Obschon sie selber heimlich manches an sich auszusetzen fand. Gern hätte sie etwas längere Beine, weit kleinere Füße und Hände, die Finger weniger vom Grüngeschäft gezeichnet und auch weniger rosenfarben gehabt, welch Färbung ihr ebenfalls an den ein bißchen dicken Ohrläppchen nicht gefiel. Sie ließ darum die gelben Locken niemals zu kurz schneiden, sie kämpfte jedesmal einen erbitterten Kampf mit dem einen oder anderen Friseur der Gegend, denn ein wenig kürzer zu den Schläfen hin hätte ihr entschieden besser gestanden. Auch trug sie nicht gern Abendkleid wegen des tiefen Rükkenausschnitts. Ein kleiner Leberfleck zierte ihr linkes Schulterblatt. Sie fand es gräßlich und hatte schon Chlorkalk und Höllenstein zur Beseitigung versucht, konnte aber so schlecht dahingelangen. Ihrer Mutter aber mochte sie nichts davon erzählen. Ihre gute Mama? Die hatte einen an derselben Stelle und schätzte ihn als Erkennungsmal bei »Eisenbahnunglücken aber Gott soll uns bewahren bei sonstigen grausamen Anlässen, wo sozusagen nichts als das Rückenstück übrig bleibt von der ganzen menschlichen Erscheinung«. Außerdem trug Mutter Thormann nie Abendkleid so, wie Mine sich heimlich eins zugelegt hatte von ihrem Sparkassenbuch. Gestern hatte sie es zum ersten Mal angezogen. Es hatte einen kleinen Krach gegeben, obschon sie nun mündig war. Auch schien ihr, in Pünjers Scheibe gesehen, der Mund zu groß, die Augen zu schmal, die Stirn zu hoch, auch hätte sie auf einmal lieber schwarzes Haar gehabt, wie etwa Klesots neues Barmädchen Lulla, das manchmal auch bei ihnen kaufte. Es war schrecklich, das zu wünschen, was unmöglich war, und es sich dann vorzustellen, um auf einmal kleinlauten Herzens wieder zu sich selber zurückzukehren und eigentlich aufatmend zufrieden zu sein.

Und ebenso ging es mit den Eroberungen, mit den freundlichen Knaben und Männern, deren Aufmerksamkeit ihr zugewandt gewesen. Sie tat es ohne Bedauern, nur mit einem kleinen dankbaren und nur allgemein abschiedswehmütigen Niedersenken der Wimpern ab und legte gleich alle Bilder filmheldischer Gestalten dazu. Das Leben war sachlicher. Sollte Jonny Wack nun immer an ihrer Seite stehen? Gut! Sie wollte nicht klagen und nicht lobjauchzen. Es war ein in sich geborgenes Gefühl Blicke ins Dunkle und ins Helle würden es nur stören. Überschwang war Backfischtatü, und das gab es sogar auf St. Pauli, aber Mine Thormann fühle sich längst erhaben darüber.

Jonny Wack? Der war richtig, einer der besten Jollenführer des Hamburger Hafens. Jonny Wack, der sollte ihr Mann sein eines Tages. Das war besiegelt mit Kuß und Elternsegen. O ja, das war es.

Mines Herz schüttelte sich gleichsam vor Glück und Bangigkeit und löste sich unversehens leicht aus den Wolken, Nebeln und Anwandlungen.

Unbeschwert nahm sie die letzten Fliesensteine unter die neuen Sohlen und schwenkte ein in den väterlichen Laden, in das von guten Düften und allseitigen Ansehen umgebene Geschäft, darüber ein nüchtern aber frisch gestrichenes Schild anregte, hier den Bedarf an Obst, Gemüse und Konserven zu decken.

Heute würde es sicher merklich zu tun geben. Die Jantjes strichen hier vorüber auf dem Weg zur Reeperbahn, und mancher nahm ein paar frische Äpfel, Birnen, Bananen oder gar Tomaten mit zu raschem Frühstück, zumal, wenn die Ladentochter selber hinter der Tonbank stand, das wußte sie gut.

Balduinstraße, daß ist einer der wichtigen Zugänge zwischen Hafen und Stadt. Von Fähre VII kamen nachmittags auch die Werft-, Dock- und Kaiarbeiter, ein schweiß- und rußgedunkelter Strom, und ergoß sich in ungestümer, trampender Welle zur Reeperbahn und heimwärts. Und morgens, noch bevor Vater Thormann den Marktwagen aus dem Schuppen deichselte und das gutmütige Pferd Amanda davorschierte, hörte Mine den eilend klappernden Tritt des Arbeitsheeres, das hinunterzog nach Fähre VII.

Papa Thormann, schnauzbärtig, hager und etwas gebückt, in den wägenden Fäusten je ein Prachtexemplar von elfenbeinfarbenen Blumenkohl, blickte schon wartend zur Tür. Sein gutmütiges glattes Kinn drückte sich vor Freude breit über das saubere blauweiß gestreifte Hemdquäder. Seine Tochter, sein Augapfel, sein bestes Stück, ach, sein kleine Minepussel hüpfte in den Laden!

»Kannst ruhig noch ein büschen auf Fähre, die Suppenkraut- und Kartoffel- und zu Mittag-Kundschaft aus Straße, die machen Mutter und ich schon allein. Aber wenn die von der Manhattan kommen, das siehst du ja, denn spring man gau wieder her!« sagte er in zärtlichem Ton.

Und auch Mutter Thormann lächelte hinter den Einholekörben und Umschlagetüchern der nachbarlichen Hausfrauen und zwei roten levantinischen Heizerfezen hervor, nickte und fügte mit so selbstverständlicher Stimme hinzu, daß jeder merken mußte, was da Besonderes im Schwange war: »Grüß auch Jonny schön, und er soll man ruhig wieder zum Essen zu uns kommen!«

Ja, jedweder mußte darauf merken, daß Jollenführer Jonny Wack, staatlich angestellt bei der Hafendampfschiffahrts-Gesellschaft, nun, seit Mines einundzwanzigstem Geburtstag, sozusagen Schwiegersohn bei Thormanns geworden ist.

3

Indessen drüben im Roßhafen schob sich, von vier Schleppern bugsiert, die Manhattan an den Kai. Ihre 25000 Tons wirkten wie ein Gebirge. Über dem schwarzen Rumpf des Kolosses erhob sich die Gletscherweiße der Aufbauten, überragt von den beiden glatten roten Zinnen der Schlote, deren weiß und blauer Rand eine symbolische Andeutung von Wolke und Himmel zu sein schien.

Die Wurfleinen pfiffen durch die Luft, wurden am Pier aufgefangen und eingezogen. Es war ein flinkes Unterfangen, das leicht begann und rasch schwer wurde, denn an die Leinen waren die Manilatrossen geschoren, die armdicken, gewichtigen Haltetaue des Seeriesen, deren Schlaufen um die mörserdicken Rampenpoller gelegt werden. Langsam holten die Dampfwinden sie steif. Die Bordkapelle spielt »Stars und Stripes«. Es knallte wider von den Schuppenmauern.

In kleinen bunten Inseln standen Angehörige auf dem halben Kilometer der Laderampe verteilt. Schon lange flatterten hier und auf den Decks die Taschentücher, Rufe schollen hin und her. Die Gangways rollten heran, die Geländer segeltuchverkleidet. Die Verbindung zum Lande war hergestellt, Kontinent legte sich sozusagen an Kontinent, New York und Hamburg waren eins. Die Bordkapelle war jetzt bei »Deutschland, Deutschland —«.

Die Passagiere begaben sich an den grüßenden Offizieren vorbei von Bord und zu den wartenden Autobussen der Reederei, welche die Verbindung zum Hamburger Hauptbahnhof besorgen. Weißbejackte Stewards brachten das Handgepäck.

»Stop!« sagte ein langer, elegant gekleideter Gentleman: »Meinen kleinen Koffer bitte zum Fährponton!«

»All right, Mister Ploß!« antwortete der Steward und folgte dem Fahrgast unter den gewaltigen Toren der elektrischen Kräne, die schon lastgierig zu rumoren begannen, hin zum Kopf der langen Mole.

»Danke«, sagte da Mister Ploß und gab ein Trinkgeld. »Von hier werde ich abgeholt.«

4

Die Balduinstraße scheint glatt in den Himmel zu münden, dessen Pforte ungeheuerlich aus den Werftgerüsten der andern Stromseite gegittert ist. Aber ist man die Straße zu Ende, senkt sich eine steinerne Treppe hinab, dreigängig und breit, da, wo oben Onkel Max das Frühstückslokal hat mit dicken Bogenlampen auf Backbord und wo das große Schild Exchange anzeigt, daß ein Bedürfnis, fremdes Geld umzuwechseln, bei manchen Passanten der Treppe vorauszusetzen sei, und wo auf der andern Seite auf kahler Wand zu lesen steht, daß man geeigneten Orts Butter, Käse und Eier kaufen und Torten bestellen und Wäsche waschen und plätten lassen und sich des Abends zu zeitgemäßen Preisen amüsieren kann, was teils auf Englisch wiederholt ist. Ja, von dort sieht man über die unterwärts liegende Hafenstraße weit und breit auf die ganze verzweigte Steganlage der Fähre VII. Und die Straßenbahn Linie 7 hat eine Haltestelle davor. Von da schwingt die feste Landbrücke unter eisernen Spannbögen hinab auf die beweglichen Planken, die überleiten zu den Schwebepontons, darauf spielzeugklein der lustige Krempel der Hafenpolizei-, Zoll- und Fahrkartenbauten sich erhebt.

Die Stromebene dahinter, von Möwen überflattert, war an diesem lichtgrauen Morgen im unruhigen Südwestwind aufgebrochen wie ein silberbrauner Acker. Ein paar kleinere Dampfer und einige Schlepper pflügten schäumig hin und her. Ihre tabak- und quallenfarbenen Rauchwimpel setzten über die riesigen Aufbauten des Gegenufers, die mächtigen Hellinge der Werft von Blohm & Voss, die von hier aus dem Gerippe einer urgewaltigen, entbalgten Handharmonika gleichen und fauchend und rasselnd über das wirre Jazzorchester des Hafens gesetzt sind, höher selbst als die Schlote des grauen Afrikadampfers, der da aus der Flut emporgepumpt, trocken wie ein Modell unter Glas, im Dock lag.

Mine hatte ihr Sparkassenbuch verwahrt und ihre Schürze abgelegt. Seit mehreren Jahren bewohnte sie eine kleine Sonderkammer unterm Dachboden, die zur Ladenwohnung dazu gemietet worden war, weil das große Mädchen nicht ewig mit dem kleinen Bruder zusammenschlafen konnte. Sie mochte da oben nicht gern so allein sein, sie fürchtete sich. Aber es war ja auch nur nachts, und im übrigen, zum Beispiel wegen des geheimen Abendkleides, war sie froh, ihr kleines Reich für sich zu haben.

Ritsch, ratsch war sie die Treppe hinauf und hinabgeflattert. Ihr blumiges Sommerkleid und das durch ein schmales Seidenband nur halb gebändigte Haar wehten in der dümpiligen Brise.

Der Verkäufer in der Zigarrenbude gleich an der Ecke vor der Fährbrücke steckte den Kopf hervor und griente erfreut. Mine nickte freundlich zurück.

»Richtig!« sagte sie, nahm Geld aus ihrer neuen Handtasche und kaufte ein Päckchen von Jonnys Lieblingsmarke.

Dann stand sie auf der Brücke. Tief sog sie den frischen Dunst des Wassers ein und den Geruch des Hafens, dieses großartige Gemisch aus Öl, Qualm, glühendem Eisen, Kohlen, geteerten Planken, Sackleinen, Salzfisch, Kaneel, verschwitzten Stauerhemden und unbekannter Ferne, diesen unvergleichlichen Luftsalat, der ihrer Lungen Speise war von Jugend auf und ihr heute ganz besonders aufreizend deuchte, besonders reich geladen mit dem Abhauch tropischer Gewürze und dem salzigbitteren, kühlen glashellen Duft der See.

Sie beschattete die Augen; denn eben wickelte sich die Sonne wie ein blasser Pippingapfel aus rosagrauem Wolkenpapier. Die Manhattan drüben war schon hinter dem Kuhwärderdock verschwunden, dorthin, wo die breiten Hafenschläuche und massigen Piers zwischen Tollerort und der Ellerholzschleuse sich erstrecken. Andere Dampfer brummten, aber nicht noch einmal ertönte der dunkle, schütternde Meergigantenruf, den sie so gern hörte.

Klein ging sie weiter zwischen den schwarzen Tragbögen hin über die hohl tönenden Brückenplanken, die vom Ufer in die Stromschlucht stoßen. Sie sah durch das Geländer auf hochbeladene Heu-Ewer, Kohlenschuten und wartende Schleppdampfer.

Bei der steilen langen Treppe, die steuerbords hinunterführt auf den tiefliegenden Ponton der Taxibarkassen, wo an den Dückdalben das weithin lesbare Plakat die Wasserdroschken anpreist, die zu jeder Tag- und Nachtzeit fahrbereit sind und jedem gewünschten Ort des Hafens, dort blieb sie einen Augenblick stehen. Dort unten saßen ein paar Männ der vor einer bescheidenen Holzbude, und sie hoben den Kopf, als sei ein Fahrgast zu erwittern.

Mine lächelte. Oho, sie lächelte ein wenig spöttisch, und die Männer tippten an die Mütze und lächelten ein »Ach so« zurück und senkten die Köpfe und sogen weiter an ihren Bröseln oder Zigarren.

»Hallo, wohl nichts zu tun?« flötete Mine hinunter. Sie konnte zu Zeiten ein wenig boshaft sein.

»Laß du dir man nichts tun!« echote einer der Männer zurück. Er wußte, daß Mine Thormann die Braut von Jollenführer Wack sei. Es deuchte ihm kein Grund, auf Jonny neidisch zu sein; außerdem trug Jonny Wack eine kräftige Handschuhnummer.

Mine lächelte versöhnlich. Das da unten waren selbstständige Männer, und die Boote waren deren Eigentum. Und doch, dachte sie, es ist gut, daß mein Jonny nicht so ein eigenmächtiger Wasserdroschkenkutscher ist, der auf das Gelgenheitsgeschäft lauern muß, und manchmal glückt es, und manchmal bleibt es aus. Mein Jonny aber hat sein Gehalt, und wenn er seinen Kahn auch leer fährt wie einen alten Gummischuh.

Nun war sie auf den schrägen Eisenplanken, wo es auf die saalgroßen Schwimmstege geht, die im Wechsel von Flut und Ebbe auf und ab schwingen und immer gleich hoch sind den Bordkanten der Fährboote gemäß, so daß der Verkehr sich ungehindert abwickeln kann.

Der Zollbeamte, der vor dem Eingang des Zollschuppens aufpaßt auf alles, was von und an Land geht, grüßte lächelnd und sagte: »Tag, Fräulein Thormann!« Und der rundliche nette Hafenpolizeiwachtmeister sagte: »Ei, ei, das blonde Obst!«

Wie gut tat es, so überall von Lächeln umfangen zu sein. Mines Schuhe drückten nun nicht mehr.

»Hätte auch noch einen andern kriegen können als so’n mageren Jollenhupfer«, meinte der Zöllner und trommelte mit der linken sachte in der Luft umher, als spiele er Klavier.

»Na«, entgegnete der Polizeimann: »So mager ist Wack ja nicht.«

»Aber mächtig pünktlich«, lächelte der Zollbeamte:

»Dem ist die Liebe nicht im Wege.«

Jawohl, gerade fuhr die Jolle ab.

»Jonny!« rief Mine der tuckernden, grünen Barkasse nach.

Jonny Wack drehte sich ein wenig um. Behäbig und stramm ragte er auf seinem erhöhten Führerstand. Aber kein ablenkender Ruck ging durch seine Hände, die das Steuerrad hielten. Nur sein Gesicht geriet in Bewegung. Sein breiter Mund klappte zurück von den starken gelben Zähnen, seine grauen Augen schlossen sich fast vor Freude. Nein, die Abfahrtsminute mußte innegehalten werden, und wenn es Engel regnete. Und schon wandte er seine ganze Aufmerksamkeit wieder dem Fahrwasser zu.

»Komm bald wieder!« rief Mine durch die hohlen Hände. Sie wußte, der ganze Steg hörte zu. Sie wollte es Jonny gönnen. Jedermann sollte ahnen, wie gut es der habe, der nun mal das Rennen gewonnen.

»Zur Manhattan!« ertönte es über seine breite Schulter zurück. Seine Stimme war scharf und klar. Ja, ihr Jonny, der verstand seinen Beruf! Wie sicher und flitzig legte er die Barkasse über den Hafenschwell. Er hatte ein paar eilige Gäste an Bord, denen der Fährdampfer zu lange dauerte mit seinen verschiedenen Anlegestationen, und die sich das höhere Fahrgeld nicht reuen ließen.

Jetzt erst, da Jonnys Rückenfläche und seine blaue Mütze keine Neigung mehr zeigten zu beidrehender Veränderung, sah Mine auf seine Passagiere. Es waren ein paar Damen, ein paar Herren, ein Hafenoffizier. Sie tat es mit dem gleichen schätzenden Blick, wie etwa über den Marktwagen voll Gemüse, den sie dreimal die Woche in die Balduinstraße vor den elterlichen Laden lenkte.

»Dem einen sein Kohlkopp ist dem andern sein Fahrgast!« hatte Käptn Bauz im Vergleich der beiden Beschäftigungen gestern auf der Geburtstags-Verlobungsfeier gesagt.

Mine wollte sich gerade der Betrachtung des übrigen Fährsteges zuwenden, da bückte sich drüben in der Jollenführerbarkasse ein dicker Weißfuchskragen. Vielleicht war eine Handtasche entglitten oder ein Strumpf drohte eine Masche zu verlieren. Jedenfalls war da plötzlich eine Lücke und darin erschien die graue Melone von vordem. Ohne Zweifel war es der Artist, zu dem sie gehörte. Jetzt sah sie ihn deutlich. Er saß auf der Gegenbank, still in sich zusammengeduckt, und überdeutlich plötzlich fühlte sie wieder den dunklen saugenden Blick.

Sie blies es von sich ab, drehte sich auf den Hacken um. Das glaub ich, sagte sie sich wohlgefällig, da sind noch andere, die bedauern wohl auch, daß es nun zu spät ist.

Sie blickte vor den engen Drehkreuztüren der Landungszugänge nach den Gästen des Fährdampfers. Die Männer an den Schaltern bogen sich ein wenig heraus, um Mine Thormann anzusehen. Ja, wer kannte sie nicht, das blonde Hafenküken, das nun mündig und Braut geworden war? Ihr Geburtstagstisch war unter Blumen zu einer bunten Brandung emporgewachsen, die auf Kommode, Schrank und Fensterbänke bis in den Laden überschäumte. Und sie lächelte alle der Reihe nach an und sagte: »Herzlichen Dank!« Und in ihrer singigen silbrigen Stimme lag eingeschlossen der Dank an die ganze Schöpfung.

Auf dem langen Fährsteg längseits des hohen Zollgitters waren schon allerlei Leute versammelt, zumeist junge und ältere Mädchen, Hafenbräute der zu erwartenden Manhattan-Mannschaft, hoch aufgeputzt, reichfarbig, der neuesten Sommermode übermäßig gewiß, nicht ohne im Badarfsfalle die besten Stücke der Wintergarderobe hinzugezogen zu haben, aber auch Händler, Hotelburschen und Lokalbesitzer, Waschfrauen, Tallymänner, Geldwechsler und Kontorangestellte. Es war ein freudig-dumpfes, von beruflicher Eifersucht nicht ungetrübtes Gemengsel der Erwartung. Nicht gar so abseits hatten sich auch zwei Beamte des Fahnungsdienstes in Zivil aufgebaut.

Mine hielt sich vom Schwarm abseits. Die Jollenführer legten nicht so weit nach Altona hin an wie die eigentlichen Fährboote, sondern diesseits der Schalterbuden. Sie spähte über den Strom, wo sie noch die blauweiß karierte kleine steife Flagge am Bug von Jonnys Barkasse erkennen konnte, die Flagge N des Signalbuches, die Jollenführerflagge, die auch auf den im Strom liegenden Schiffen gesetzt wird, wenn von dort jemand an Land geholt zu werden wünscht.

»Hallo, Hein und Fietje,

wat stoht ji und teuwt?

Wi wüllt mol’n beeten reuwer

no Kohwarderheuft.«

sang Mine vor sich hin in der breiten Sprache dieser Gegend.

Nun kam der nächste Fährdampfer, gebaut wie ein chinesischer Pavillon und grün wie eine Gartenbank. Ehe sich die Schlucht zwischen seiner Wallschiene und dem Ponton schloß, sprangen schon mit waghalsigem Satze die eiligsten Fahrgäste an Land; ein paar landfeine Stewards, auch ein paar junge amerikanische Steuerleute in Uniform waren schon dabei, weiß der Teufel, wie sie es so schnell ermöglicht hatten. Einige Hafenbräute gurrten auf, der frohe Schrei des Wiedersehens flatterte hier und da in die dampfige Luft, der Knäuel löste sich und spulte sich durch die Ausgänge und an den Zöllnern vorbei, die ihres Amtes walteten, die Handtaschen öffnen ließen, in Koffer und Aktenmappen Einsicht nahmen und hin und wieder Verdächtiges in die langen Schuppen verwiesen, wo im bedrückungsstillen Innern hinter dem breiten, blechbeschlagenen Tresen dies und jenes zumeist geringfügige Stück »Andenken« mit sorgfältiger Wägung, Messung und Bescheinigung abgefertigt wurde.

Auch der Handlungsgehilfe Emil Weber war unter den Fahrgästen. Sein kontorfarbenes Gesicht war ernst und in sich gekehrt, und die Würde des Kaufmannsstandes fand ihren Ausdruck darin. Er grüße Mine, indem er den mausfarbenen geknifften Hut gemessen mit Daumen und Zeigefinger von oben herab anfaßte und ihn einen Atemzug lang handhoch über dem einwandfreien Scheitel lüftete, ganz ähnlich wie man es von seinem Chef gewohnt war. Emil Webers Haar war unbesonders, sein Kragen etwas zu hoch, seine Haltung tadellos. Oft kam er bei Thormanns vorbei und kaufte dann regelmäßig ein Pfund australischer Äpfel. Er war Clark bei Mollmöller & Co., Im- und Export, und hatte derzeit Außendienst. Er mußte frisch angekommene Fracht beaugenscheinigen.

Ein netter junger Mann, dachte Mine, indem sie sich einer gelegentlichen Äußerung ihrer Mutter anschloß.

Mine tänzelte wortend hin und her, klönte ein wenig mit den Schalterleuten und ließ sich eine Weile nicht lang werden. Es konnte im ganzen höchstens eine halbe Stunde dauern. Das Jollenführerboot muß die Hafenschläuche, die ihm zugeteilt sind, sorgfältig durchrutschen, so wie etwas ein Mop alle Zimmerecken, und spähen, ob jemand an Land will. Damit kann die Zeit hingehen.

Doch unerwartet früh schon hüpfte Jonny Wacks Barkasse wieder heran. Das konnte man wahrhaftig eine rasche Fahrt nennen. Wie fröhlich strahlte sein wetterverbranntes Gesicht!

Er brachte nur zwei Fahrgäste mit. Der eine war der Artist mit der grauen Melone, der andere ein großer, schlanker, älterer Herr, der sehr hell angezogen war und steif und zurückhaltend aussah.

Mine wollte nur ihren Jonny, sie hatte keine Lust, den ungeputzt saugenden Messingaugen des Melonenmenschen zu begegnen. Sie sprang, kaum, daß die Barkasse den Stegrand anglitt — so sachte verstand Jonny anzulegen — gewandt auf die Heckfläche und hinunter auf die Bank und ins Boot und lief am Motor vorbei auf den Führerstand zu, den Jonny verlassen hatte, um das Boot festzumachen.

Aus den Augenwinkeln nur sah sie, wie die beiden Herren an Land stiegen. Herr Paduzek schien in diesem Augenblick keine Neigung zu haben, sich um sie zu bekümmern, sondern nur darauf bedacht zu sein, einen weitgereist aussehenden schweinsledernen Handkoffer gut von dannen zu bringen.

Der große, sozusagen vornehme Herr am Ponton aber hielt ihn zurück, blieb stehen und strich sich mit spitzem Zeigefinger unter einem rostbraunen englisch-kurzen Schnurrbart entlang. Er wartete, bis der Jollenführer die Leine um den Poller gelegt hatte, was ungemein rasch ging. Schon stand Jonny Wack neben seiner Mine, und während er mit seiner langsamen Zunge nach »gut geschlafen« und dergleichen fragte, hörte sie deutlich, wie der feine Herr auf die Melone neben sich hinab knarrte: »Schmissiger Fisch!«

5

»Komm rasch in die Kajüte, ich muß dir einen Süßen geben!« flüsterte Mine ihrem Bräutigam gegen das derbe Ohr.

Jonny blickte so verlegen als beglückt auf das schöne Mädchen, das neben seiner Vierschrötigkeit klein und zierlich wirkte. Er blinzelte mit ruckartiger Kopfbewegung nach allen Seiten, ob nicht irgendwas Miesäugiges auf Unrat lauerte.

Husch, da war Mine schon unter Deck in der kleinen Schlechtwetterkammer, deren Wände zur Hauptsache aus Fensterglas bestanden und durch keine auch so bescheidene Andeutungen von Gardinen verhüllt wurden. Trotzdem aber herrschte in dem winzigen Raum, gegen das helle Hafenlicht gemessen, eine natürliche Dunkelheit, und der Einblick von außen, das wußte Mine gut, war schon durch die spiegelnden Scheiben so gut wie unmöglich. Die nächste Fähre kam gerade und die Schaltermänner hatten heute genug mit der Kundschaft zu tun. Die beiden Gentlemänner waren auch schon weg. Kein Mensch kümmerte sich im Augenblick um die Jollenführerbarkasse, somit schlurfte Jonny eilends hinter Mine her. Sie zog ihn ungeniert auf die braungestrichene Bank, sah ihn forschend an, gab ihm einen zärtlichen Klaps auf die lederharte Wange, wobei sie die kleinen Zähne fletschte und sich zusammenzog vor unbestimmter Wonne.

»Sag erst was, Jonny!« zischelte sie, das Kinn vorgereckt, den Nacken zusammengedrückt, bebend, die Augen halb geschlossen.

»Mine!« sagte Jonny. Und was er zudem noch äußerte, war nur ein verlegenes knappes Lachen, das wie das leuchtende Knurren eines großen, gutmütigen Köters klang, dem man ein Stück Zucker vor die Nase hält und es ihm noch nicht geben will. Mehr brachte er nicht hervor, denn er war wortkarg von Natur.

»Ist das alles, du Geizhals?« zischte Mine. Und sie faßte ihn bei den dicken Ohren: »Daß du auch gleich wieder Dienst haben mußtest, hast ja wohl kaum geschlafen.«

Aber Jonny vermochte nichts weiter, als wieder so verlegen glücklich zu grunzen.

»Na, schön, du Sottje!« ließ Mine ihre Stimme nun natürlich erklingen. Ihre Augen öffneten sich voll Überschwang: »Du bist mein guten Jonny!« sagte sie.

Plötzlich hingen Tränen an ihren Wimpern. Sie wußte nicht, warum. Sie fiel über Jonnys erstauntes Gesicht her und bedeckte es mit Küssen, und es war, als wolle sie es auslöschen mit ihrem durstigen Mund.

Jonnys Arme umschlossen sie fest. Das waren vielleicht Arme! Das tat ihr gut.

Aber jählings lösten sich diese stählernen Trossen und steiften sich starr wie Kranbalken und schoben sie von sich, als wäre sie eine ganz und gar herzlose, eiserne, mechanisch unter Kranbalken gleitende Laufkatze.

»Der Kontrolleur!« sagte Jonny.

Mine wollte aufspringen, aber Jonnys Pranken hielten sie nieder. Er lächelte sein verlegenes Lächeln weiter. Augen, Mund und Nasenlöcher waren ihr vor Schreck geweitet, er konnte gar nicht hinsehen. Ihm war so, als sähe er direkt in die Sonne.

»Ich meine ja man bloß, wenn einer kommen sollte!« sagte er langsam.

»Du Kaffer! Mich so zu verfieren!« lachte Mine und versuchte vergebens, ihm wieder um den Hals zu kommen: »Und überhaupt, kann ich vielleicht nicht etwa auch Fahrgast sein? Die fumfzig Pfennige kann ich wohl noch blechen, mein Schnudel. Ich hab’ genau Mark zweihundertdreiundvierzig Komma zweiundsiebzig auf Sparkasse. Tadelidö, was? Der soll nur kommen, der Herr Kontrolleur, dann sag’ ich: Herr Kontrolleur, oder je nachdem Herr Hilfs- oder Hauptkontrolleur, was mein Jonny ist, der ist der beste Jollenführer von Hamburg-Altona und von der ganzen Welt, und auch bei mir. Und dann lächle ich so, weißt du, so — und dann schmilzt sein hartes Kontrollherz dahin wie Bohnerwachs und Baumöl. Und dann sagt er: Jonny Wack? So’n nettes Mädchen? Und Sie geben ihr nicht mal’n Süßen? O mein Gott, wie viele, viele würden das sofort tun!«

Jonnys Arme wurden schlaff. Nein, gegen diese flinke Zunge reichte keine Muskulatur. Er zog Mine an sich, sie atmete heftig, sie wehrte seinen Mund plötzlich ab. Er legte bedrückt und schwer seinen harten Kopf an ihre kleine Schulter. Sie preßte ihre Lippen auf seinen ledrigen Nacken und schloß die Lider.

Schmissiger Fisch! Wie hatte das geklungen! So aus der weiten großen Welt. Ohne Zweifel war sie gemeint gewesen. Aber dieser schnieglige Gentleman sollte sich bloß nichts einbilden! Sie biß in Jonnys lederne Nackenhaut, er rührte sich nicht. Sie dachte an den kleinen Engländer von damals. Aber dieser große Mann war sicher ein Amerikaner. Jonny war auch in der weiten Welt gewesen, war aus dem Hafendienst ausgeratzt und als Junge und Matrose gefahren, bald nach Afrika, bald in die Südsee, und weit an die Westküste. Jetzt war er zu Hause und hatte sein geregeltes Auskommen, dort, wo er schon als Konfirmand auf den Fährdampfern angemustert, und wenn man sich sparsam hielt, konnte es für zwei reichen. Ja, sie war seine Jollenführerbraut.

»Moigen!« sagte der Kontrolleur der Hafendampfschiffahrtsgesellschaft und blickte in die Tür.

Man soll eben den Teufel nicht an die Wand malen. Jonny war im Nu auf den Füßen, er konnte mächtig hurtig sein, wenn es seinen Posten betraf.

Der Beamte machte eine beschwichtigende Handbewegung und sah ein wenig schmunzelnd über das Mädchen hinweg, das vor Überraschtheit das vorgenommene Betörungslächeln ganz vergaß.

»Ich komm’ hier gerade längs«, sagte der Kontrolleur und trat wieder ins Freie.

Jonny folgte ihm mit angespannter Aufmerksamkeit. Ihm war, als hätte er betreffs der Bänke und der Motorhaube vielleicht doch noch etwas Wischtuch anwenden sollen, aber nun war es zu spät. Sonst war ja wohl alles okee bis auf die Deern, das half nun nichts. Den Aal, der deswegen in der Luft lag, würde man in Anbetracht des Objektes mit Vergnügen schlucken. Aber ärgerlich war es doch! Immerhin war dieser Kontrolleur von der sanfteren Sorte.

»Ich wollte Sie mal fragen«, fuhr Jonnys Vorgesetzter fort, ohne sich weiter um Bänke oder Motor oder Mädchen zu kümmern: »Da waren doch eben, ich sah es noch gerade, zwei Fahrgäste in Ihrem Boot!«

»Ay, ay«, antwortete Jonny dienstlich.

»So ein kleiner und ein großer. Und der Kleine, der sah so ein bißchen sonderbar aus, nicht wahr?«

Jonny zuckte die Achseln. Er wußte es nicht. Seine Aufgabe erschöpfte sich darin, die Jollenbarkasse in Ordnung zu halten und sie durch den Hafen zu steuern und zu wissen, wo die Schiffe liegen, dahin die Fahrgäste verlangten, und keine Flagge zu übersehen. Nicht einmal das Fahrgeld sammelte er selber ein, das machte ein Schaltermann. Um das Aussehen seiner Passagiere hatte er sich selten bekümmert.

»Ich dachte«, sagte der Kontrolleur: »Sie kennten den einen vielleicht, den kleineren? Den mit dem steifen hellen Hut? Wissen Sie, der war nämlich gestern auf dem Kontor bei uns und hat sich um einen Posten beworben, ganz gleich als was, am liebsten auf einem unserer Boote. Er zeigte Papiere und Zeugnisse von Baltimore und New York und ich weiß nicht, woher noch. Natürlich und trotzdem ist er abgewiesen worden, er hat nämlich einen steifen Arm. Er könne es mit einem, hat er gesagt, aber solange wir noch eigene Leute mit zweien haben, genügen uns die vollauf.«

Jonny entsann sich nun der hellen Melone. »Doch, der fährt hier öfter«, sagte er langsam.

»Na also, Wack«, der Beamte schielte nun doch in die Kajüte. Es war ja schließlich auch verführerisch: »Dann passen Sie mal ein bißchen mit auf, was der Mann treibt. Vielleicht interessiert es, und wenn nicht unsere Direktion, so doch vielleicht den Zoll oder die Polizei. Denn auf uns, da darf ja natürlich nichts fallen!«

Jonny nickte beflissen.

Der Kontrolleur fuhr fort: »Übrigens, ein bißchen rasch sind Sie letzte Tour ja zurückgekommen. Sie haben doch keine Flagge übersehen? Janmaat will ja auch gern schnell an Land, wartet ja vielleicht gleichfalls auch auf ihn solch nettes Mädchen. Und die Wasserdroschken schnappen uns ja gern das weg, was unsere Tour nicht mitnimmt.«

Jonny tupfte gelassen an die Mütze: »War nur die Manhattan, Kontrolleur.«

Ein paar Fahrgäste saßen schon achtern. Der Beamte prüfte die Fahrscheine. Der Schaltermann, dem eine kleine Nickelorgel zum Geldwechseln auf der Brust hing, gab sie sorgfältig aus, da war nichts zu melden.

Dem Fährboot weiterhin ertönte ein Abschiedsruf: »Na, denn Heil, damit nichts kapuut geht!«

»Da soll doch gleich!« schnob der Kontrolleur, grüßte und begab sich stromauf nach Fähre VII.

Als er außer Sicht war, stieg auch Mine wieder an Land. Der Abschied von Jonny geriet den Umständen nach etwas hastig. Schon näherte sich wieder eine Fähre voller Manhattanleute. Sie lief dem Schwarm voraus, unbehindert von Schalter und Zollmann. Über Steg, Brücke, Hafenstraße und Treppe hinauf in die Balduinstraße.

6

Als Mine den elterlichen Laden erreicht hatte, zögerte sie. Durch die große gutgeputzte Scheibe erblickte sie den langen Gentleman, der Jonnys Boot entstiegen war. Gemessen trat er heraus. Die graue Melone des Artisten aber war nicht mehr zu entdecken. Der feine Herr sah Mine mit höflichem Erstaunen an und grüßte elegant. Er trug eine goldgeränderte Brille und sein Haar schien an den Schläfen leicht ergraut. Eine nicht unfesselnde Erscheinung, schien es Mine. Seine Hände hatte er halbwegs in die Jackettasche gesteckt. Eine Tüte war nirgends zu erkennen.

Mine schlüpfte hinter die Tonbank, von ihrem Vater grobschlächtig begrüßt. Von der Mutter alsbald leise vermahnt, sich ein ander Mal etwas zu sputen. Es sei schon allerlei vorbei. Auch dieser Herr hätte gegebenenfalls noch mehr gekauft, wenn sie da gewesen wäre. Jawohl, Mutter Thormann wußte genau, welch Juwel sie an ihrer Tochter besaß.

Mine bediente eine Nachbarin mit Türkschen Erbsen, Kochbirnen und Petersilie. Sie scheute keine Arbeit. Aber ihre Mutter sagte streng. »Bleib du beim Obst. Machst dir ja die Finger so grün!«

Als danach der Augenblick günstig war, fragte Mine: »Was hat er denn gekauft, der große Kavalier? Eine Banane? Und sie ins Jackett gesteckt?«

»Er heißt Herr Ploß, mein Kind«, antwortete die Mutter wie eine sanfte Zurechtweisung.

»Herr von Ploß!« hob der Vater den gutmütigen Schnauzbart: »Hier ist seine Karte — Reginald von Ploß, und dabei geschrieben: »z.Zt. Klefots Hotel, und ein Wappen ist auch darauf!«

»Ja, richtig«, meinte Mutter Thormann: »Aber dennoch wird er eine Art Großkaufmann sein, ich hab so eine Ahnung. Er hat drei Pfund Pfirsiche bestellt. Sie sind für Klefots Bar; wenigstens sollen sie dort abgeliefert werden bis zum Abend. Er wird sie zum Sekt gebrauchen, Abschiedsfeier, er sagte so etwas, ein freimütiger Herr. Ottel kann sie heute nachmittag hinbringen!«

Ottel war Mines kleiner Bruder. Er war zehn und jetzt in der Schule.

»Puh, zum Sekt? Schmeckt denn das?« flüsterte Mine, indem sie, dicht neben ihrer Mutter stehend, eine Tüte abriß und mit der kleinen Faust hineinfuhr, um ihr die nötige Höhlung zur Aufnahme für ein halb Pfund Tomaten zu geben.

»Mag sein«, entgegnete Frau Thormann und öffnete ihre Stimme gebührend der Kundschaft zu, wog Stachelbeeren ab und sagte: »Ich habe gehört, man tut die Pfirsiche ins Glas!«

»Djawoll, direkt in den Schumm!« bestätigte Frau Musback, die sehr hellhörig war und einst bessere Tage gesehen hatte. Sie rückte ihren alten Kapotthut zurecht und sah sich in Gedanken jung.

»Aber ein Großkaufmann ist so was nicht, ein Bierverleger höchstens. Oder ein Zirkusdirektor!« knarrte Netzmacher Södel.

Frau Musback rieb ihr ewiges dickes Gerstenkorn und blieb beim Sekt ihrer Jugend: »Djawoll, und vorher pieken sie ihm mit ne Gabel und denn ziehen die Perlen darin, und denn fängte er an, sich zu drehen, ümmer so rum wie ein Karussell!«

»Die verrückte Welt!« fand sich wiederum Vater Thormann gutmütige Stimme dazu: »Aus den Austern holt man die Perlen raus und in die Pfirsiche läßt man sie rein.«

»Ist allens dasselbe!« nickte Frau Musback.

»Aber in diesem Falle nur Kohlensäure!« erklärte, von der Wichtigkeit seiner wissenschaftlichen Bildung überzeugt, der junge Mann von der Drogerie, der sich einen Rettich zum Frühstück zu kaufen gedachte.

»Allens Luxus und Verderb, der Herr wird ihnen strafen bis ins zehnte Glied, die da prassen und vertun, was den Armen aus den Hälsen gemergelt wird, und sie werden glatten Durchfall davon kriegen«, knurrte der alte Netzmacher aus dem Hinterhof von der andern Seite. Er war mürrisch, hatte ein Holzbein, war auf die Abseite der Zeitläufte geraten und suchte sein Geländer an ein bißchen Frömmigkeit, was ihn nicht hinderte, sich den Mittag zu Speck, Kartoffeln und Zippelstibbels ein paar Salzgurken zu leisten.

Mutter Thormann lächelte über die ganze bunte Kundschaft hin und einigen munter gekleideten amerikanischen Jan Maaten zu, die gerade den Eingang enterten, und sagte schlicht, als sage sie etwas: »Ein Kilo Schneidebohnen« — »Auf Mines Hochzeit, da werden wir auch Pfirsiche in Sekt Karussel fahren lassen!«

Erst als sie beim Mittagessen saßen, fiel es Mine ein, sie habe ganz vergessen, Jonny die Einladung ihrer Mutter zu bestellen.

»Das ist ja nun purer Undank, Deern!« meinte die Mutter: »Wo er dir die schönen Pralinees geschenkt hat und auch partout die Ringe selber bezahlen will. Er hat doch nur Dienst bis halb eins heute, und wir hatten doch noch so reichlich Fleisch von gestern, wenngleich, umkommen tut es nu ja auch grade nicht, denn wenn dein Vater darf, lutscht er alles ratzekahl weg vom Tisch und wenn auch für zehn Scheunendrescher gedeckt ist.«

Vater Thormann schmunzelte ungekränkt und hielt ein Ohr nach dem Laden, wo Klein Ottel seinen Mittagsposten bezogen hatte und heimlich von den neuen blauen Weintrauben naschte. Ottel hatte es heute nicht eilig, es schien ihm fraglich, ob es Mittagessen für ihn geben werde. »Ottel«, rief er kauend: »Lauf rasch hin, ist noch fünf vor halb. Onkel Jonny soll hier was essen!«

Aber Mine war schon aufgesprungen. »Das mach’ ich selber«, lächelte sie und war wie der Wind davon. Wie süß der Mosambik-Zeisig bei Denkers schmetterte, wie herrlich sich die Hafentreppe mit einer Stufe überschlagen nehmen ließ; sie schwebte wie auf Flügeln.

Aber Jonny war nicht mehr da. Seine Ablösung schmunzelte mitfühlend. Jonny sei mit dem Boot zum Hafentor Baumwall beordert, da sei einer krank oder Motorschaden. Vor acht gäb es da nicht frei. Essen? Ach, da habe man so Würstchen an der Bude, ganz gut. Das wäre nun mal so der schwere Hafendienst, immer einspringen, aber dafür würde Jonny morgen den ganzen Tag frei haben, wahrscheinlich wenigstens.

»Dieser Beamtendienst!« seufzte Mine, als sei sie schon verheiratet.

»Djä, Mine-Stern«, kaute Vater Thormann unter dem beigußtropfenden Schnurrbart hervor: »Denn mußt du ihn ja rein heut abend ein büschen trösten!«

Theodor, wie meinst du etwa?« warf Frau Thormann ein und legte die Gabel hin, als wolle sie zu schärferen Waffen greifen.

»Natürlich in Ehren — ehren ist menschlich!« lachte Mine, und ihr Vater stimmte mit ein, so gut es sein voller Mund erlaubte.

»Ja, unser Mineküken weiß, was sich gehört, Mammi!« sagte er dann gutmütig.

»Jonny ist auch viel zu holzpantoffelig für jeden Unfug, will ich euch nur flüstern«, sagte Mine, indem sich ihre Stimme verdüsterte.

»Warum bist du denn auf einmal so sonderbar fuchtig?« Ihre Mutter sah sie groß an. Sie war das Ebenbild ihrer Tochter, gesehen in einem Konkavspiegel: »Als Braut darf man nur immer so ebenweg jubilieren, verstanden?«

Mine drehte den Kopf gegen die Schulter, den Löffel weit von sich gestreckt und schwieg in sich hinein. Auf einmal lauschte sie und sagte erstaunt: »Das Radio ist ja an.«

»Das ist immer an«, versetzte Mutter Thormann mißtrauisch. »Oder was wolltst du sagen?«

»Is ja allens bloß Spaß«, kaute Vater Thormann, erhob sich und verschwand schnurrbartwischend in den Laden. »Is gut!« rief er kauend zurück, was bedeutete, daß dort nur ein weiblicher Kunde sei oder ein ältlicher Nachbar, wobei die Anwesenheit Mines zur Vergrößerung des Umsatzes nicht in Betracht kam.

Die Mutter, da sie nun allein waren, lehnte ihre behäbige Fülle über die Tischkante, strich mit den gemüsegrünen Fingern über das helle Haar der Tochter, das ein Erbteil des ihren, nur um weniges nachgedunkelten war, und sagte fast weinerlich vor mütterlicher Liebe: »Du darfst ja alles, mein Döchting, mein Süßling, aber deshalb braucht Papa ja nicht immer gleich zu denken, daß hier im Hause keine gute Erziehung herrscht. Er hat ja ein Herz, mit dem man umspringen kann, wie mit sonst was; den reinen Waschlappen hat er als Herz, wenn man es so nennen will, aber nur, wenn es sich um dich handelt, das braucht man nicht noch zu bestärken! Geh du nur mit Jonny heut abend hin, wo es dir vergnüglich ist, fünf Mark darfst du dir aus der kleinen Kasse nehmen, nicht mehr, und wenn das nicht reichen sollte, etwas wird er ja auch selber haben!«

»Nu halt aber auf!« Mine drehte den Kopf wieder zur Suppe. Sie lächelte nicht mehr: »Erstens wollte ich eigentlich heute abend lieber früh zu Bett oder in den Turnverein und zweitens, wohin soll das führen, wenn du mir so einfach sagst, ich darf alles?«

Die mütterliche Nachgiebigkeit und Liebe bekam einen kleinen Schreck: »Turnverein! Das ist doch nichts mehr für eine Braut! Da hast du Jonny kennen gelernt und damit doch gut. Und wenn ich dir sage: Tu was Du willst, so weiß ich doch genau, daß meine Mine genau weiß, wie weit ein anständiges Mädchen gehn kann. Geht denn Jonny noch immer hin!«

»Ach wo, der spart doch jetzt, wo er kann. Wir wollen Stahlmöbel haben.«

»Stahlmöbel? Wie modern! Aber glaub mir, das Moderne ist nicht immer das Genehme. Die sind doch so kalt allerwegens. Bei Großvaters Grab hatten wir welche aus Gußeisen. Ich empfehle sie nicht.«

»Dann wirst du eben auf der Kautsch sitzen, wenn du uns besuchst, Mutter!«

Frau Thormann spürte, daß die Zeit weitergegangen war, ohne ihren Geschmack mitzunehmen.

»Tut, was ihr mögt!« seufzte sie: »Aber sagt es Papa nicht nach. Er meckert ja zwar leider nicht, aber nachts grämt er sich doch. Nur eins, Kind, mit dem Rumknutschen, da würde ich geizig sein, was man da vorweg nimmt, hat man späterhin Mangel. So, nu iß und nimm dir tüchtig. Brautstand zehrt. Und nachher kannst du ja die Monogramme in deine Geschirrtücher weitersticken!«

Mine lächelte wieder: »Die Manhattan ist doch gekommen«, sagte sie.

»Schön, dann kannst du dich ja damit in den Laden setzen, das macht einen so häuslichen Eindruck, und die Ausländer, die sagen dann: In Deutschland, da gibt es noch weibliche Tugenden, da ist man fleißig. Denn die ihre Damen malen sich ja meistenteils bloß’n büschen an, und das nennen sie dann weibliche Handarbeit!«

In diesem Augenblick fiel ihr ein, daß sie auch noch einen Sohn habe.

»Otto!« rief sie streng und kurz.

Ottel schlich aus dem Laden hervor. Er sah rötlichblond und ungegoren aus, ein wenig zu klein für sein Alter, mit einer Regennase und großen Ohren, sommersprossig, und immer ein wenig schnaufend in Erwartung großer Abenteuer.

»Nanu, Ottel, die Suppe ist schon eiskalt! Was hast du ausgefressen?«

Die Mutter kannte ihren Sohn. Selten kam er nach Hause ohne böses Gewissen.

Ottel schluckte ein paar Mal, dann legte er los wie ein Motor. Nach einigen Fehlzündungen pflegten seine Sätze eilends mit ihm davonzurattern, um plötzlich stehen zu bleiben.

»Onkel — Onkel Jonny — der — der kann — mit dem Fußball kann er glatt übers Dach weg, hat er gesagt, hat er mir gesagt, von der Turnhalle und —«

»Warum sagst du denn das so traurig?« lachte die große Schwester.

»Und ich — das hab’ ich — ich hab’ das auch versucht, und —«

»Na, na«, sagte Mutter Thormann ahnungsbang: »Wohin?«

»Ich konnte — er ging nicht — er ist nicht ganz so hoch gekommen...«

»Ach, mein Gott, da hast du wohl ein Fenster eingeworfen«, schnob die Mama, und ehe Ottel zu Ende genickt hatte, hatte er seinen Flicken weg.

Klein Ottel hatte die gute Eigenschaft, nicht zu plinsen. Er setzte sich hin, die Mutter füllte ihm jammernd auf. Er aß, den Mund fast auf dem Tellerrand, aber mit gesegnetem Appetit.

»Ein öffentliches Gebäude«, jammerte Mutter Thormann. »Und die Fenster da sind so groß wie Spiegelscheiben!«

Ottel hob die blassen Augen vorwurfsvoll: »Ist ja — ist ja bloß — ein — ein ganz kleines ist es ja bloß und kostet genau fünf Mark, hat Herr Lohse gesagt, und —«

»Nu denk mal bloß an, fünf Mark!«

»Ach was!« lachte Mine. »Die schenk ich ihm. Du kannst sie aus der kleinen Kasse nehmen, Ottel. Denn wenn ich schon ausgeh, kann Jonny selber bezahlen, das wäre ja noch schöner!«

Ottel strahlte.

Frau Thormann fühlte sich erschöpft. Sie ordnete an, Otto solle nachher gleich die Pfirsiche zu Klefots bringen. Dann tat sie einige herzhafte Äußerungen über die Anstrengungen des verflossenen Tages, der soviel auf einmal gebracht, gähnte herzhaft und zog sich zurück.

»Warum heulst du eigentlich nie, Ottel?« fragte Mine und schnitt ihm ein gutes Stück Fleisch in kleine Stücke.

Ottel atmete tief und schnaufend. Er sah seine Schwester erstaunt an und fragte: »In — Indi —«

»Vorsicht, Ottel!« unterbrach sie ihn: »Ich glaube, es heißt wieder mal in der.« Denn sie fühlte sich wie alle großen Schwestern zur Miterziehung verpflichtet.

Ottel schüttelte beleidigt den Struppkopf und vollendete mit Grabesernst seinen Satz: »Indianer kennen keine Schmerzen.«

7

Klefots kleines Hotel lag zwischen Hafenstraße und Bernhardstraße. Es hatte zwei Eingänge, was bei nötiger Aufsicht allemal praktisch ist in Flut und Ebbe des internationalen Verkehrs einer Welthafenrampe. Die besten Zimmer gingen nach Süden und hatten eine fabelhafte Aussicht auf den Hafen. Hier wohnten vorübergehend Angehörige von Schiffsoffizieren, auch solche selber, wenn der Wechsel des Dienstes eine kurze Landpause ergab und das Zuhause nicht ohne Umstand erreichbar war. Manchmal, wie jetzt zum Beispiel, auch Auswanderer. Geschäftsreisende, die mit dem Hafenbetrieb zu tun hatten, begnügten sich mit den Nordzimmern, in deren Fenster nichts als die unbesondere Gegenseite der Bernhardstraße blickte.

Der kleine Artist Paduzek wohnte ganz oben unter einen schrägen Dachfenster. Er sah durch dieses in den dunstigen Hamburger Himmel; doch wenn er mittels Klimmzug oder vom Stuhl oder Tisch aus den Kopf über den geöffneten Simsrand erhob, konnte er die Pontons der Fähre VII, den Strom und das ganze Kuhwärder Werft- und Industriegelände übersehen.

Die kleine Kammer war von einem eisernen Bett, einem Waschständer, einem Tisch und Stuhl und einem riesigen Artistenkoffer ausgefüllt, so daß man wie auf dem Seil mit den Füßen hintereinander gehen mußte und zudem sich in acht zu nehmen hatte, nicht auf die beiden gelben Schildkröten zu treten, die Paduzek mit Liebe pflegte.

Eben stand Paduzek vor dem halbblinden Spiegel, den Rasierapparat in der Hand, und betrachtete sein mit Schaumsalbe bestrichenes Gesicht. Die Schwermut der Jahre und das Verächtliche an dem, was sein teilweiser Broterwerb sein mußte, war über ihn gekommen, und seine Neigung richtete sich auf eine angesehenere Lebensstellung.

Bislang war er den Federungen des Schicksals ohne viel Widerstand ausgeliefert gewesen. Er hatte sich angepaßt. Sein Vater hatte eine Steindruckerei besessen, und auch der Sohn hatte zeichnen und drucken gelernt. Der Vater hatte die Sehnsucht nach dem Künstlerischen in sich mit ehrbarer Handwerksarbeit zur Ruhe gebracht. In dem Sohn glaubte er, sie aufleuchten zu sehen, und hatte die Flamme geschürt, das Erbgut überschätzend, hatte sich für seinen Sohn auf Kunstgewerbeschulen und Akademien es reichlich Geld kosten lassen und hatte das Zeitliche verschuldet gesegnet. In seiner Sterbestunde schon war es klar, daß der Name Paduzek nicht geeignet sei, in der hoffnungsfrohen Zusammenstellung mit dem Vornamen Michel, jener klassischen Ergänzung Angelo einen modernen Gegentrumpf zu bieten. Der kleine Michel Paduzek verbummelte.

Sein akademisches Steckenpferd war weniger die Malerei als der Atelierfeez gewesen, wobei er als Jongleur- und Saltoschlager sich mit mehr Erfolg behauptet hatte als in höheren Gefilden. Sowie nun das väterliche Monatsgeld ausblieb, geriet Michel Paduzek mit Mühe an einen Wanderzirkus. Er lernte dort als harte Arbeit erkennen, was bis dahin Ulk gewesen war, gelangte zu gewisser Tüchtigkeit und errang mit einer Sondernummer im Fahrrad-Salto, die er auch auf kleinem Podium auszuführen verstand, beachtliche Anerkennung. Als »the Looper« hatte man seinen Namen manches Jahr hier und da im Programm der mittleren Varietes beider Kontinente gesehen. Auch in Hamburg war er damals mit Erfolg aufgetreten, brach aber bald darauf im Colosseum zu London das linke Ellenbogengelenk.

Später in London-Soho hatte er den Herrn von Ploß kennengelernt. Es war sieben Jahr her.

Und diese sieben gehetzten, geduckten, wechseldurchstürzten Jahre zogen rasch an Paduzeks halbrasiertem Spiegelgesicht vorüber und füllten die schon freie Wange mit noch tieferem Schatten. Der stumpfe Metallglanz seiner runden Augen erlosch gänzlich.

Von unten aus dem Vorraum des Hotels stach eine schrille Lache auf. Paduzeks breite, dünne Ohren bogen sich lauschend zur Tür.

»Die zum Sekt? Meent dein Mudder valleicht, den schnasseln wir hier aus Weißbiermollen?«

Das war Lullas, der Barkellnerin, hohe Stimme, die zumeist zu laut war und erst hinter dem Schenktisch sich aufs Schnurren zu verlegen pflegte. Danach war eine stockende, empörte Knabenstimme vernehmbar:

»Mein — mein Mudder? — Mein Schwester hat mir die eingepackt und —«

Die Außentür schlug zu. Lullas Gelächter gellte hoch hinterher.

Paduzek verzog das Gesicht in ein unbehagliches Grinsen. Er sah aus wie der Teufel, aber sein Herz war vom richtig Teuflischen zeitlebens weit entfernt gewesen. »Satan!« fauchte er und bedauerte, nicht zum ersten Mal, kein Satan zu sein.

Ihm war der Vorgang, der sich da an der Hoteltür außer Sicht abgespielt hatte, vollkommen klar. Ploß wollte den Abend mit zwei eiligen Kunden zusammentreffen, die schon im Hotel wohnten; es handelte sich um ein bedeutendes Geschäft, und er hatte, da eine Dame dabei sein würde, Pfirsiche zum Sekt bestellt, und zwar bei Thormann.

Bei Thormann. Obst, Gemüse und Konserven.

Paduzeks Gebärde erstarrte ins Gewöhnliche zurück. Doch die Augen lebten nun wieder, und ihr trauriger, saugender Ausdruck heftete sich an das leere Dachfenster. Er sah das hübsche frische Mädchen vor sich, das in dieser verwölkten, unruhigen und im Grunde so bürgerlichen Gegend blühte wie eine Rose unter Disteln, Kartoffeln und Orchideen.

Er rasierte sich trübe fertig. Sein steifer Arm, der ihn fast zur Einhändigkeit verurteilte, was durch Gewandtheit sonst längst zum Unbewußten gelegt war, belästigte ihn heute ungemein. Er schonte in jäher Wut auch nicht die Oberlippe, auf der er sonst einen schmalen schwarzen, romanisch anmutenden Streifen gepflegt hatte. Den Morgen hatte er sich Jollenführer Wack genau angesehen, nachdem er erfahren, daß dieser der Bevorzugte der blonden Obsttochter sei. Jonny Wack ging glatt rasiert. Es deuchte Paduzek eine unverständliche Wahl. Ein Paradiesapfel in diesen unbeweglichen Pranken?

Aber immerhin, Wack war kein Wrack wie er, und hatte einen bürgerlich gefestigten Beruf.

»Aussichtsloser Nachschleicher, Augenschmeißer, Jobsucher, Laffe, Krokodil, Krüppel, lahmer Grimassenschneider, Betrugsschmierer, armer Teufel, ruchloser Hund«, beschimpfte der Mann vorm Spiegel sich selber.

Auf einmal, noch bevor er die Klinge gereinigt hatte, warf er sich über sein Gebäude von Koffer, wühlte darin umher, öffnete sonderbare Fächer mit unsichtbaren Mechanismen, Doppelböden, verborgenen Seitenklappen. Er riß ein flaches, verwickeltes Bündel hervor, schnürte es mit Hand und Zähnen auf. Es enthielt Hunderte kleiner Paßfotos, lauter Mädchenköpfe. Er streute sie aufs Bett, stöberte mit bebenden, schnippenden Fingern darin umher, warf sich darüber, lag seufzend zwischen dem schwarzweißen Blätterfall auf der waffelgemusterten, fadenscheinigen Spreitdecke; drei-, viermal hielt er eins der zarten Bilder ans Licht. Er schüttelte knurrend den schwarzhaarigen, glatt ölglänzenden Kopf. Er fand nichts, was einigermaßen auf die süße Pfirsichschnauze paßte. Zögernd blieb er schließlich an einem hängen. Mochte es gehen; er wollte es bei sich tragen.

Er entsann sich der kleinen Person, von der das schmale Abbild stammte. Es war ein Mädchen aus Galway in Irland, das mit Herrn von Ploß — derzeit hatte Ploß sich vorübergehend Caryman genannt — nebst einigen anderen als »Kabarettstar« nach Rio ausgewandert und verschollen war. Er, Paduzek hatte die Pässe gemacht.

Paduzek steckte das bescheidene Lichtbild sorgfältig in seine verwetzte Brieftasche. Schritte tappten treppauf. Hastig raffte er den verstreuten Schwung der Fotos zusammen. Sein Ohr hörte genauer, er kannte diese gemessen steigenden Schuhe, diesen Gentlemansschritt mit dem tastenden Unterton, und öffnete die Hand. Die hundert lächelnden, gleichgültigen und leidvollen Mädchenköpfe purzelten auf das Bett zurück.

Es klopfte. Ein lang, drei kurz.

Herr von Ploß trat ein und klemmte seine Füße zwischen Koffer und Waschtisch.

»Na, Looper?« fragte er.

Paduzek stieg auf den Stuhl, öffnete das Dachfenster, griff über die Pfannen hinunter und zog eine flache Metallschachtel heraus, in der Art der fünfziger Camelpackung, öffnete sie und entnahm ihr zwei norwegische Pässe.

Ploß prüfte die Stempel und Eintragungen. »Gut gearbeitet!« sagte er. Er hatte eine weiche melodische Stimme, die man hinter dem rostigen Bart und den brutalen Lippen nicht vermutet: »Aber ich würde so was hier nicht herumliegen lassen!«

Damit hob er einen beschmutzten Zettel von dem dürftigen Streifen Fußboden, auf dem der Probedruck eines Stockholmer Ausreise-Visums zu erkennen war. Er riß ein Streichholz an und verbrannte das Stück Papier auf der Erde des Waschständers zu Asche, die er alsbald zerrieb, in die hohle Hand fegte und durchs Dachfenster hinausbeförderte. Mit spitzen Fingern, so als wenn er sich leise ekele, säuberte er sich in dem rasurbeschmutzten Waschwasser. Während er sich an Paduzeks Handtuch abtrocknete, legte er den Blick finster auf die übers Bett verstreuten Paßbilder, und er sagte in sanftem Moll: »Leg dir lieber ein lebendiges Mädchen ins Kissen. So viel Abgehalfterte belasten nur. Oder sind sie andersrum?«

»Nein!« entgegnete Paduzek: »Aber ich habs satt.«

»Die Liebe?«

»Die Paßschweinerei.«

»Schade!« lächelte der Gentleman.

Der Artist heftete den Blick auf den haselnußgroßen Opal, den der Besucher in breiter Goldfassung an der Linken trug: »Hoffe, Sie sind im Oktober geboren.«

»Warum das?«

»Allen andern bringt diese Art Edelstein kein Glück.«

Herr von Ploß erwiderte milde:

»Glück ist Mangelware. Am besten spart man es auf, bis man es endgültig braucht.« Er schob mit seinem teuren, von einer weißen Gamasche halb bedeckten Schuh eine der gelben Schildkröten unters Bett: »Well, Looper, hier im Hotel hat sich so etwas wie ein kleines Monte Carlo aufgemacht. Als Sparklub getarnt. — Hab mirs angesehn. Ganz nette Beträge. Da ist eine Tür zum Künstlerzimmer. Besorgen Sie sich doch mal den Schlüssel. Heut abend, nicht wahr?«

Paduzeks Augen glommen auf: »Ich krieg noch Geld«, sagte er leise.

Ploß nickte höflich: »Eben. Wir rechnen später ab. Die nötige Marie verdienen Sie ja bei Klefot. Oder haben Sie Appetit auf den Opal? Sozusagen für letzte Not? Ist es schon soweit?«

Damit warf er das Handtuch über den Bilderschwung aufs Bett und ging, ohne lange zu versuchen, die Füße zu wenden, mit lässiger Geste rückwärts hinaus.

Paduzek sah wortlos hinter ihm her, bis die Tür die unzweifelhaft elegante Erscheinung zugedeckt hatte. Dann schnappte er hilflos, als wolle er eine Fliege verschlingen, zuckte den Kopf seitwärts, spie, sich schüttelnd, ins Waschbecken und murmelte: »Aas, schluck dein Gift allein!«

Dann raffte er die Bilder zusammen, ohne Blick, und packte sie weg. Aus einem andern Fach des Koffers entnahm er einen kleinen Tuschkasten, eine Uhrmacherlupe und ein winzige Lackflasche. Er holte das Bild, dem Mine Thormann entfernt zu gleichen schien, mit gequälter Andacht wieder aus der Brieftasche hervor, klemmte die Lupe ins Auge, neßte den Pinsel in der Wasserflasche und zeichnete einige fast unsichtbare Schattenveränderungen hinein. Sein Gesicht nahm unbewußt den Abglanz sehnsüchtiger Lieblichkeit an, indem er sich mit äußerster Gewalt in den Eindruck versenkte, den er von den paar flüchtigen Straßenbegegnungen mit Fräulein Thormann hatte. Es gelang ihm nicht gleich, er winselte unglücklich, atmete schwer, seine Stirn feuchtete sich. Er keuchte in ungeheurer Anstrengung.

Nun schien es gelungen, er ließ es trocknen, fügte hauchdünn einen wasserhellen Lack darüber, befächelte es behutsam mit der Handkante und prüfte tief von der Seite die Gleichmäßigkeit des Glanzes, überzeugte sich nochmals mit dem freien und mit dem lupenbewaffneten Auge, nahm die Lupe heraus, vertiefte sich innig in die Süße der Ähnlichkeit, die ihm ungemein erreicht schien, faßte die bescheidene Fläche Glück, dieses sonderbare Stück toter Ebene, darin ein atmendes Geschöpf, um das plastische Ausmaß verringert, dennoch atmend zu wirken vermochte, trug es in Zärtlichkeit flaumsacht zwischen zwei Fingerspitzen gespannt und legte es in feierlichem Schwunge, sorgsam ausgerichtet, unter sein dürftiges Kopfkissen.

8

Jonny hatte in der Wirtschaft zum »Halben Kilo« (vormals Antwerpen) sein Abendessen eingenommen, das zugleich seine Hauptmahlzeit war; denn mit der Ablösung hatte es ja heute nicht geklappt. Nun schritt er gemächlich wiegenden Ganges zum Thormann’schen Laden zurück. Auf dem Heimweg hatte er ihn nur flüchtig mit dem Blick gestreift, ohne Mine zu entdecken. Denn es war schon längst nach Geschäftsschluß. Jetzt aber stand sie im Eingang. Sie war hübsch angezogen. Sie hatte wieder das lange abendliche Kleid von gestern an, apfelsinenfarben mit roten Punkten. Es deuchte Jonny das schönste Kleid, das er je auf Erden gesehen hatte. Es so halb wieder zu erleben, versetzt in in Beklemmung.

»Wir gehen heute abend aus, Jonny!« sagte Mine, da er nichts sagte.

»Mit den Eltern?« fragte Jonny in höflicher Gefaßtheit. Er wäre nämlich lieber allein mit seiner frischen Braut noch etwas spazieren gegangen.

Mine lachte übermäßig laut. Sie genoß ihr Lachen, das von der Gegenseite der Straße in kleinem silbernem Echo widerhallte. Sie tippte ihm mit dem rundlichen Zeigefinger auf die Nase. »Kleiner Dösbaddel«, sagte sie: »Du und ich!«

Jonny war sehr überrascht. »Heute?« antwortete er gedehnt: »Deern, ich bin müde.«

»Zu müde, Jonny?«

Sie ließ ihm keine Zeit, von seinem dreckigen Jumper und sonstigen Einwendungen zu reden. »Zieh dich flugs um«, entschied sie, nahm ihn beim Arm und bugsierte ihn, ihrer großen Aufmachung ungeachtet, wieder am »Halben Kilo« vorbei und um die Ecke in die Erichstraße.

Das Kreuzfeuer herumlungernder Blicke ermunterte sie, zum ersten Mal in ihrem Leben den Eingang zu betreten, der in das Treppenhaus und zu Jonnys Behausung führte. Jonny wohnte ungefähr gegenüber den derzeit Papa Haases Museum für Kolonie und Heimat, drei Treppen hoch, bei Mudder Schütt.

Jonny verbarg sein Erstaunen. Er hatte nach jenem Turnerball, da Mine ihn bei der Damenwahl aufgefordert und so den Grund gelegt hatte zu näherer Bekanntschaft, sie nach Haus bringen dürfen, gänzlich ohne ihre Eltern, die schon vordem gegangen waren. Sie waren damals eine Zeitlang zwischen der Thormannschen Ladentür und dem Eingang zu seinem Logis hin und her gependelt. Die Zunge war ihm in der Nacht etwas gelöster gewesen. Und obschon die handgreiflichen Matrosenerinnerungen ihm solchem Mädchen wie Mine gegenüber nicht am Platze schienen, hatte er schließlich doch gemeint, daß man sich gegebenenfalls noch ein bißchen in den windgeschützten Treppenflur stellen könne. Damit allerdings war er angeeckt.

Nun ging sie ohne Einladung sogar die Treppen mit hinauf.

Sie raffte das lange Kleid und wies Jonny an, vor ihr zu gehen, als er sie höflich veranlassen wollte. O, sie wußte, was sich gehört!

Auf dem ersten Flur blieb sie stehen, atmete halb und flüsterte: »Hier riecht es nach Hering.«

Auf dem zweiten Flur roch es nach Kinderwäsche und auf dem dritten, wo Jonny wohnte, nach Transtiefeln.

Jonny kratzte sich die Nackenhaare. Was würde Mudder Schütt wohl sagen?

»Wie?« sagte Mudder Schütt, das ewige rosa Flanelltuch um den Hals und die kleine schwarze Haube auf den ehrbar ergrauten Haarsträhnen.

Dieses »Wie?« war schmetternd wie die Posaune des Jüngsten Gerichts.

Jonny stotterte: »Bloß —«

»Bloß nicht, sonder höchst anständig angezogen«, zwitscherte Mine der alten, überaus knochigen Witwe unter die langen Nasenfalten.

»Nu wird’s Tag, was für ’ne Pisohn!« krähte Mudder Schütt entrüstet.

»Meine Braut, Mudder Schütt!« ermannte sich Jonny zu einem grollenden Donnerschlag und, als täte ihm das Gewitter leid, wandte er sich kleinlaut an Mine: »Kannst ja auch man draußen warten!«

»Nein!« erwiderte Mine mit mühsamer Bestimmtheit: »Ich habe das Recht zu sehen, ob mein Verlobter es ordentlich hat.«

»Ordentlich?« Mudder Schütts Kehle erklapperte wie ein lecker Feudeleimer: »Glauben Sie etwa, Frollein, ich bin unordentlich?«

Mine lachte ungekränkt.

»Das ist doch Mine Thormann!« sagte da Jonny und schlug sich ganz verzweifelt auf die Schenkel.

»Schnaddelawuds, und wenn’s die Kaiserin von China ist! Mir kommen keine Menkenkes auf die reinliche Etage!«

»Warum kaufen Sie eigentlich nicht mehr bei uns, Frau Schütt, dann wüßten Sie es«, sagte Mine.

»Wüßte? Käptn Bauz hat mir das schon geweissagt, als Jonny im St. Pauli-Turnverein noch gar nicht gemerkt hat, was ihm bei seiner abendlichen Volksertüchtigung für eine Schlange mang die Handstände und Geräte lauerte. Käptn Bauz, Herr Kapitän Brandt, sagte ich, wenn Sie sich bei mir erkundigen wollen, so kann ich nur aussagen, wer Jonny mal zum festen Herrn kriegt, der ist nicht beschummelt. Jonny, das ist ein Ausbund von Rentabelkeit, pünktlich wie die Sonne und reinlich wie ’ne Seemöve, der wäscht sich jeden Morgen bis auf die Fußsohlen wie beim Militär und spritzt mir doch dabei kaum einen Tropfen auf den guten Fußboden, so ist der. Ich nicht wissen! Aber wo man mir meinen Zimmerherrn wegschnappen tut, da soll ich noch kaufen? Das wäre ja mehr als geniest!«

Mine war nicht aus der Fassung zu bringen. Sie stupste Jonny an und sagte: »Du hättest dich doch lieber mit Mudder Schütt verloben sollen!«

»Nu wird die Pisohn auch noch übermütig!« krähte die knochige Schlummermutter, aber in ihrer Stimme war schon ein Unterton von Kaffee und Zwieback zu spüren, welche Genüsse der Inbegriff von Sonntag in ihr waren. Ihre schwachen Augen hatten jetzt im Zwielicht des Treppenflurs erkannt, wie großartig Mine sich aufgemacht habe. Und nun dämpfte sie die Tonart.

»Ein Abendkleid? Das ist ja geliebt. O, mein Zucker! Ihr wollt doch wohl nicht zu Tanz? Oder in die neue Magaskar-Bar bei Klefot? Der ist ja woll auch überkandidel, eine neue Bar aufzuknipsen heutzutage! Wo haben Sie das erstanden, Fräulein Thormann?«

»Wir gehen zu Bekannten«, sagte Mine vornehm.

Jonny, der die Lage geklärt sah, verschwand in seinem Zimmer.

»Herrjeses, nu treten Sie doch endlich büschen ein. Lassen Sie sich mals bei Licht begriesmulen, wird ja schon so früh dunkel. Ich, und Mine Thormann nicht kennen! So klein schon, hinterm Puppenwagen, mit die runtergerutschten Socken und nasse Büx! Welche Bekannte sind denn das?«

Witwe Schütts Neugier pflegte, wenn die gehörigen Äußerungen allgemeiner Menschenverachtung von Fall zu Fall abgeklungen waren, jede Abneigung zu überwinden. Ihre Stimme war jetzt weich wie ein Putztuch.

»Und das ist wohl’n Muttermal, und ganz ohne was unter?« Sie tupfte mit hakigem Finger auf Mines bloßen Rücken.

Mine hatte nun genug von Logisbesuch. »Ich hab was vergessen«, sagte sie ablehnend. Schwupp, knisterte sie die Treppen wieder hinunter.

Unten wartete sie vor Papa Haases kleiner Eingangstreppe, über die sich eine vom Hamburger Sott geschwärzte Walfischrippe bog. Wie oft hatte sie als Kind mit erschauernden Augen in Fenster und Tür dieser Kuriositätenkneipe hineingeluchst. Kaptän Haases zweizipfliger weißer Tirpitzbart und seine majestätisch in die Sphäre der Bildung aufsteigende Stimme hatten ihr Ehrfurcht eingeflößt. Der große Hall des Hafens und dieses winzige verschrobene Museum und sein Besitzer waren ihr der Inbegriff für die weite Welt gewesen, bis die Eindrücke der Schule und, nach der Konfimation, der sachte Ansturm des Lebens das bewegte Hafenbild in die Selbstverständlichkeit eines ewigen Hintergrundes gedrängt hatten, dahinter die eigentliche weite Welt sehnsüchtig und nebelhaft aufglomm, indes Papa Haase zu den Käuzen gelegt ward, für die man zwischen fünfzehn und zwanzig keinen Nerv hat.

Nun war Kaptän Haase tot. Ein fremder bartloser Mann saß hemdsärmlig wartend bei der stillen Tonbank.

Jonny schob sich aus dem Hausflur und pfiff. Er hatte seinen besten blauen Anzug an, einen reinen Kragen und einen schwarzen Schlips, dazu einen schwarzen Hut.

»Jonny!« Mine zog ihn am Ellenbogen mitten auf die Straße. »Kuck dir mal den Michelturm an, sieht er nicht aus wie Papa Haase?«

Die schutzmannshelmige Turmkuppel des Michels, nunmehr von der Westsonne beschienen, lugte hell über einem tempelhaft anmutenden Gebäude, das in der Einmündung zur Davidstraße die Friedrichstraße abschließt und zur St.-Pauli-Brauerei gehört.

»Mal sehen, wie spät es schon ist«, sagte Jonny, hakte Mine unter und schritt mit ihr, hier und da grüßend oder widergrüßend, bedächtig die Straße nach der entgegengesetzten Seite hinab soweit, bis der Michelturm, in weißgrünes Kupfer gekleidet, hoch in den dunkelnden Osthimmel gewachsen war.

Es war fast dieselbe Zeit wie den Morgen, da Mine hier vorübergehuscht war, nur daß jetzt Zifferblatt und Zeiger wie Leuchtröhren glühten.

»Er lächelt wieder!« sagte sie.

»Papa Haase mit Helm!« entschied Jonny.

»Donnerwetter!« sagte Mine: »Wenn du in Schale bist, hast du sogar Idee. Hier sind ein bißchen viel Leute auf der Straße, die nach Feierabend nichts mehr zu tun wissen, und allzuviel Kinder spielen Hahn, ick seh di! Sonst würde ich dir glatt einen Kuß auf deine lederne Visage geben, und denn würde Papa Haase sagen: Mariechen, mir auch einen!«

»Und zu mir würde er sagen«, sagte Jonny: »Heinrich, laß mir noch ein büschen nach von ihr!«

Sie lachten beide. Es war ein herzliches Gedenken und ein Salut für den entschlummerten Raritäten-Kaptän, nicht weniger würdig als etwas ein ganzes Geschwader Kanonenschuß für einen toten Admiral.

»Und nun, wohin?« frage Mine: »Ein Herr muß es immer wissen! Wenn wir hier jetzt weitergehen, rennen wir gegen die Mauern von unserer St. Paulikirche, und die ist mir zu klein. Uns soll Papa Haase trauen!«

»Der wird zu weit weg sein! Wollen wir erstmal an der Ecke ein Glas Bier bei —?«

»An der Ecke! Immer an der Ecke! Bier! Immer bloß Bier! Weißt du was, Jonny, wieviel Geld hast du bei dich bei?«

»Genügend!« antwortete Jonny.

»Großartig! Dann also in die neue Bar von Klefot!«

An der Ecke stand Hauhau, der Zeitungsverkäufer, das knittrige fahle Gesicht halb im Halstuch vergraben. Die Tasche hing schwer an seiner mageren Schulter und zog ihm den Rücken krumm. Er hielt den rechten Unterarm waagerecht hüftab, darüber die Lage frischer Abendblätter sich wölbte wie ein Gipsverband. Hauhau sang preisend aus, was an Neuigkeiten zu melden war, sang von China und Mexiko, Spanien und Arabien, von Schiffskatastrophen, Flugzeugabstürzen, Bergwerksunglück, Mord, Feuersbrunst, Streik, Bankraub und Fürstenbesuch; aber was er auch sang, es klang wie ein heiseres Gebell. Hauhau war sein Name, den ihm die Straßenbengel gegeben. Oft umringte ihn ein begleitend bellender Chor und machte ihm das Dasein sauer. Aber heute waren die Buttjes, soweit sie nicht schon im Bett lagen, allesamt zu Fähre VII hinuntergestömert. Die Manhattan war da. Und es ging die Sage unter ihnen, einmal habe einer, der einem Steward und Yankee ein bißchen beim Koffertragen geholfen, einen glatten echten Dollarschein geerntet.

Da die beiden schnittigen jungen Leute an ihm vorüberkamen, schwieg Hauhau einen Augenblick, schälte hastig eine Schicht von dem Gipsverband und reichte Jonny das gewohnte Blatt. Jonny hatte eine deftige Hand, und oft hatte er Hauhaus Quälgeister mit ein paar angedrohten Ohrfeigen vertrieben.

»Wird woll nich viel Lesens werden vonabend!« sagte Hauhau heiser, lächelte Mine fröstelnd an, wandte sich trübe und nahm sein armes Gebell wieder auf.

9

Im Frühling hatte Klefot einiges in der Lotterie gewonnen und daraufhin seine Schankstube zu einer Bar und einem Tanzraum ausbauen lassen. Er hatte Glück gehabt mit dem jungen Architekten.

Die Tanzfläche war rund und mit silbrigen Metallplatten belegt. Der Himmel darüber war dunkel bronzen und trug in der Mitte eine helle bronzefarbene Sonne, deren Licht die Gesichter und Hände der Tanzenden in den Hauch einer erfolgreichen Sommerfrische tauchte. Die hölzernen Säulen waren schlicht und gleichsam wäschepfahlartig, jedoch aus edlerem Holz. Abwechselnd am Fuß-und Kopfteil waren sie aus weißem Milchglas, dessen innere Erleuchtung man verschiedenfarbig und der Stimmung gemäß einschalten konnte.

Der Platz ringsherum war mit kleinen geschmackvollen Tischen und bequemen, niedrigen Sesseln gut bestellt. Die Wände waren in erhöhte freundliche Kojen aufgeteilt. Überall reichte der Blick bis zur Tanzfläche, die auch zu Vorführungen diente.

Die Bar befand sich dem Musikpodium gegenüber am anderen Ende des fast quadratischen Raumes, dem Eingang nahe, so daß von dort eine Überwachung der kommenden und gehenden Gäste möglich war. Dieser Eingang führte nach außen hin auf einen langen Flur, auf dem die Kleiderablage, die Waschräume, das Hotelbüro und die Auftreppe zu den Hotelzimmern sich befanden und von wo aus sowohl die Verbindung zur Hafen- als zur Bernhardstraße bestand.

An das Hotelbüro schlossen sich die Privaträume des Wirtes an, die hinwieder über die Küche und Anrichte in eine Tür hinter der Bar, in ihrem entgegengesetzten Verlaufe aber in ein Klubzimmer mit Billard und von dort in den Ablegeraum der Musiker und aufs Musikpodium des Tanzraumes mündeten.

Klefot, ein dicker, schwerer Mann, war in St. Pauli als Gastwirtssohn aufgewachsen, sein Benehmen war einfach, aber nicht ohne den Schliff der Welt, war er doch, von der Pike an in seinem Gewerbe dienend, Küferlehrling zu München, Küchenjunge und Steward auf verschiedenen Schiffen der Hapag, Kellner in London, New York und Heyst sur mer gewesen. Er hätte sicher auch anderswo, an vielleicht einträglicheren und vornehmeren Orten der Welt einen vernünftigen Wirt abgeben können, aber es hatte ihn nach seines Vaters Tode wieder in die Bernhardstraße nach Hamburg-St. Pauli heingezogen.

Gewöhnlich wartet man mit Neueröffnungen innerhalb der Stadt bis zum Beginn des Winters. Aber die Madagaskar-Bar, getauft in Klefots Erinnerungen an ein paar hübsche Stewardtage in Tamatave, wurde schon im Laufe des Sommers bei Gelegenheit mit Erfolg aufgemacht. Der gute Ruf des Wirtes und seine Verbindung zu allen Hafenbewegungen sicherten ihm immer einigen Betrieb, sobald nur ein tüchtiges Schiff, ganz gleich welcher Flagge, an einem der Hamburger Kais festmachte, die im Bereich von Fähre VII lagen.

Mit der Manhattan war auch ein neuer Zimmergast eingetroffen, der Herr von Ploß, der befreundet schien mit dem Ehepaar und einem Herrn aus der Provinz, die schon ein paar Tage im Hotel wohnten. Kürzlich hatte sich auch ein neuer Verein für das Klubzimmer angemeldet, ein kleiner Sparklub zwar nur, der den humorvollen Namen »Nimmersatt« führte, willkommen aber besonders deswegen, weil in der Schwierigkeit der Zeit verschiedene ähnliche Vereine der Gegend sich hatten auflösen müssen.

Klefot ging mit strenger, aber innerst zufriedener Miene durch sein Lokal. Es war alles in Ordnung; Vorräte, Kellner, Mädchen und Musik waren zur Stelle. Sogar Sekt stand schon für den Abend auf Eis, vorbestellt, obschon sich die Madagaskar-Bar nicht auf dieses einträglichste aller Wirtsgeschäfte in dieser Gegend spitzen durfte. Klefot vermochte sein Geld auch mit kleineren Sachen, mit Cognac und Whisky-Soda, mit Gin und Wermuth, mit einigen billig eingekauften Weinsorten und einem guten Bier und »Kaltem Büfett« zu verdienen.

Als Jonny und Mine eintraten, war es noch ziemlich still. Ein paar Steuerleute und, getrennt davon, der Zahlmeister-Assistent der Manhattan saßen schon da und das mit den gehörigen Damen, aber es tanzte noch niemand, so schmelzend die vierköpfige Musikkapelle auch Saxophon, Banjo, Tangoharmonika und Schlagzeug behandelte.

Jonny wollte sich in den Hintergrund in eine der Kojen drücken. Seit der Zeit seines festen, landverbundenen Postens hatte er kaum ein Lokal dieser Sorte betreten. Die gelegentlichen Tanzvergnügungen des Winters hatten sich im Rahmen solider Vereine in Gaststätten bürgerlichen und schmucklosen Ruhmes abgespielt, in Sälen, deren Vorzug Größe und Lustigkeit und ein althergebrachtes, gebohnertes Parkett war.

»Warum?« flüsterte Mine.

Der Kellner in tadelloser Stewardjacke ging leise empfehlend neben ihnen her. Und das das Fräulein große Lust zeigte, die Tanzfläche ganz nahe zu sehen, rückte er zwei der dunkelroten Sessel zuvorkommend hin.

»Hier ist Weinzwang«, flüsterte er freundlich.

»Wissen wir!« antwortete Mine mit einem zurechtweisenden Blick auf Jonny. Diese Art Blicke hatte sie von ihrer Mutter übernommen.

Jonny sank gehorsam in die Tiefe und griff, als sei es sein tägliches Frühstückbrot, zur Weinkarte. Er schlug sie mit ungewissen Fingern auf. Mine ließ ihn eine Weile gewähren und blickte dann, sich schräg erhebend, mit hinein und legte ein Lächeln um ihren Mund, als blickte sie in ein allzu bekanntes Märchenbuch, obschon es das erste Mal war. Die Preise waren nicht hoch, aber gegen Bier gehalten ungewöhnlich. Da standen so putzige Namen: Schwarze Katz, Würzgarten, Goldtröpfchen, Himmelreich, Sommerseite, Juffa, Hafenläuser und Fuchsmantel.

»Mosel- oder Rheinwein oder vielleicht etwas Süßes? Oder ein Bordeaux? Lieber weißen Bordeaux? Oder doch etwas Deutsches? Der Sekt steht ganz hinten. Nein? Vielleicht lieber einen kleinen Bocksbeutel?«

Mine sog verlegen an den Lippen. »Nehmen wir das schon!« sagte sie.

»Denn man los«, nickte Jonny.

»Vielleicht den kleinen Pfaffenberg Nummer 27, sehen Sie hier, oder den Sommeracker?«

Da Jonny zögerte, ohne Ahnung dessen, was er da zu bestellen sich unternahm, entschied Mine energisch: »Nummer 27 natürlich. Das ist meine Glückszahl!«

Der Kellner verschwand.

»Kostet nur MK. 4.40 mit Steuer«, flüsterte sie Jonny zu. »Garderobe war nur zwanzig, hast du noch soviel?«

»Okee!« antwortete Jonny. Er machte eine Gebärde mit der Hand, als höbe er die nicht hohe Zimmerdecke des Raumes sternenhoch empor. Er atmete auf, ihm war auf einmal weltmännlich zumute, so wie manchmal in der raschen Eingewöhnung an fremde Orte damals in der Matrosenzeit.

»Ach«, fragte er lässig, »in Cocktown, in Singapore oder in Adelaide, da haben wir noch ganz andere Dollars ausgegeben und auf die Theke geschmettert!«

»Hier wird alles sachte gemacht«, lächelte Mine, »wollen wir nicht gleich mal tanzen?«

Das war nun wieder etwas anderes. Jonny schrob sich aus der Tiefe des Sesselsitzes empor.

»Gerade weil noch so schön viel Platz ist«, sagte Mine wie zur Entschuldigung, als sie die Hand auf seine Schultern legte.

Wie alle Seebefahrenen, tanzte Jonny gut. Da war kein Schritt zu früh oder zu spät, zu groß oder zu klein, und niemals rutschte er aus. Geruhsam führte er sein kostbares Mädchen über den glatten, mattsilbernen Boden, darin das Bronzelicht sich rostig spiegelte.

Lulla, das Mädchen hinter der Bar, weit ausgeschnitten in schwarzer Seide, äußerte abschätzend zu dem Mixer: »Die sind ja nicht bange! Ein biederer Kavalier. Ein junges Ding, harmlos aber entwicklungsfähig, und wenn das Haar echt ist, womöglich eine Perle!«

Lulla war selber noch jung, aber ihr schmales, weißes Gesicht unter den schwarzen Locken, ihre schwazren Augen atmeten Erfahrung.

In diesem Augenblick trat Herr von Ploß mit drei weiteren Gästen herein. Er ließ einem unauffällig angezogenen älteren Paar den Vortritt und wandte sich mit ein wenig herablassender Gebärde zu einem untersetzten Herrn, der ihnen folgte. Dieser, bäuchig, mit Vollbart und schwarz geränderter Brille, sah zögernd und augenscheinlich mißtrauisch in die matterhellte, bunte und lockere Angelegenheit. Herr von Ploß schob sanft, doch unwiderstehlich die schlanke Hand unter den Arm des Fremden, plauderte wohllautend auf ihn herab und schritt mit ihm dem ältlichen Paare nach, das vom Kellner in eine vorbestellte Koje geleitet wurde. Nun streifte sein Blick zu Lulla hin. Sie lächelte. Er sah ablehnend fort. Deutlich hörte sie mit ihren gewitzten Barohren, wie der feine Gast sagte, als sei es die Zeile eines Schlagers: »Da ist ja auch der blonde Fisch von Fähre VII.«

Die Vier setzten sich unweit des Platzes, gerade als Mine und Jonny wieder ihre Sessel aufsuchten.

Mine drückte sich geflissentlich so in die Lehne, daß man ihren kleinen Leberfleck auf dem zarten Schulterblatt nicht sehen konnte. Sie hatte den Gentleman vom Vormittag schon während der letzten Tanztakte entdeckt. Er war jetzt im Abendanzug und trug eine graue Perle in der Hemdbrust. Und sie hatte zu Jonny gesagt: »Halt die Hand ein bißchen höher, daß ist moderner!«

»Smoking würde dir auch gut stehen, Jonny«, stieß sie nun ihren Bräutigam an, der sich still über die sonderbare Form der Steinweinflasche wunderte.

»Unsinn!« entgegnete Jonny, indem er an seine, in der Dürre der Wirtschaftslage dünner statt dicker gewordene Lohntüte dachte.

»Oder lieber ein Frack, das ist noch feiner zur Hochzeit!« Mine sah gleichsam fragend zu dem Kellner auf, dessen Ausdruck gleichmäßig freundlich und undurchsichtig blieb. »Danke schön!« sagte sie, da ihr eingeschenkt wurde. Sie hielt auch die Hand von fern übers Glas, als fürchte sie, es werde zuviel.

Als der Kellner fort war, sagte sie: »Ein netter Mensch, der Kellner. Aber hast du gemerkt, aus Versehen wollte er dir erst einschenken, es fiel ihm aber noch rechtzeitig ein, daß hier eine Dame am Tisch sitzt. Warum heißt es eigentlich »Bocksbeutel«, Jonny?«

Mine versuchte, die Unterhaltung flott in Gang zu bringen, um jedermann zu zeigen, wie angeregt es an ihrem Tisch hergehe und welch nobler Kavalier Jonny sei. Aber über den Bocksbeutel wußte Jonny nichts zu melden. »Ich dachte schon, da wäre Haarwasser drin«, meinte er.

Nun lachten sie beide. Es war eine ungewöhnliche Sache und das erste Mal, daß sie so in einem Weinlokal saßen neben einer silbernen Tanzfläche und in so halbdunkler Beleuchtung.

Herr von Ploß sah einen Atemzug lang von seinen Begleitern weg verstohlen auf das helle Haar, das in der bronzenen Beleuchtung aussah wie der angerauchte Meerschaum seiner Zigarettenspitze. Ein Sektkübel wurde neben seine Koje gestellt. Gläser erschienen dort, lang und spitz.

»Ach,« flüsterte Mine. »Die haben Tulpen. Ich dachte, die trinken hier Sekt aus Schalen.«

Und sie wurde rot, weil die großen schönen Pfirsiche, die sie extra herausgesucht hatte, von ihrem Bruder wieder zurückgebracht worden waren. Nun kam da drüben die zweite Thormannsche Lieferung der kleineren Sorte in einer Kristallschale auf den Tisch.

»Die ganzen drei Pfund sind das aber nicht«, flüsterte Mine. »Da haben sie sicher in der Küche welche von gegamst!«

»Wollen Sie die nächsten beiden auch gleich kaltstellen?« hörte man das melodische Organ des Gentleman.

Die Musik setzte neu ein. Nun tanzte auch der Zahlmeister-Assistent von der Manhattan. Sein Mädchen war rund und klein und sah treuherzig und lauernd an ihm empor.

Mine nahm einen langen Schluck. Sie hätte sich gern ein wenig geschüttelt, ihr schmeckte der Saft der Weintrauben unbehandelt besser. Jonny, der schon schärfere Sachen getrunken hatte, fand den Wein zu milde, und er freute sich, die Unerfahrenheit seiner Braut übertrumpfen zu können. Er wollte auch gleich wieder tanzen. Aber Mine fürchtete, daß sie den Augenblick versäume, wo drüben die Pfirsiche in die Gläser getan würden. Sie wollte auch von ihrem Beobachtungsposten aus erstmal sehen, mit wem der feine Herr vielleicht tanze, ob etwa mit der dicklichen Matrone an seinem Tisch. Ploß tanzte aber nicht, er nahm mit erwählter Gebärde einen Pfirsich in die Hand und stach wirklich mit einer Gabel hinein, ganz so, wie es die Nachbarin beschrieben hatte. Dann legte er ihn, als lege er ein Schmuckstück in die Hand einer schönen Dame, behutsam in das halbvolle Glas. Es dauerte eine Weile.

»Kuck, Jonny!« Mine fuhr ordentlich ein bißchen hoch vor Vergnügen. »Sie drehen sich wirklich!«

Jonny sah auf die Tanzfläche und sah fragend zu Mine zurück, die aber gerade ihre Anteilnahme bereute. Sie zog ein Gesicht, als habe sie wirklich die Tanzenden gemeint und zugleich so, als habe sie Sekt mit Purzelpfirsich schon in der Wiege getrunken. Sie sah ihren Jonny unter halbgeschlossenen Lidern starr an. Er wurde ganz unruhig.

»Hier darfst du keine Pfeife rauchen, Jonny!« sagte sie mit dem Blick ihrer Mutter: »Ich hab dir doch Zigaretten geschenkt!«

»Bist du komisch!« wunderte sich Jonny, steckte aber die Pfeife wieder weg: »Meinst du, daß die zwanzig bis zu meiner Pensionierung reichen? Aber wozu ist heut die Manhattan gekommen?« Er zog ein Päckchen amerikanischer Marke hervor. Mine schnupperte in den Virginiadunst. Nein, sie rauchte nicht. Aber es erinnerte sie an ihren Engländer, und sie begann, leise und in gewählter Sprechweise davon zu reden. Ja, Adelaide, dahin wäre sie selber auch fast gekommen.

Jonny hatte bis dahin noch nichts von seinem Vorgänger gehört. Er witterte nichts Besonderes, und es war ja auch wirklich harmlos damals, Sein Mädchen wurde ihm begehrenswerter, da auch andere dahinterher gewesen waren und das Feld hatten räumen müssen. Er war seines einfachen Wertes sicher. Viele Turnvereinsmädchen, Töchter ordentlicher Leute, hatten freundliche Blicke an ihn verschwendet. Aber Mine war nun einmal die Schönste nach seiner Meinung.

Und der Untergrund des gutgehenden elterlichen Geschäftes war kein schlechter Beton.

Das Licht der Pfeiler änderte sich in blau; ein Tango wurde gespielt.

»Wollen wir?« fragte Jonny.

»Du kannst doch besser Walzer!« Mine nippte an ihrem Weinglas und verzog die Lippen vornehm säuerlich.

Da Jonny nun einmal stand, ging er hinaus, indem er zweideutig sagte: »Ich muß mal nach den Sternen kucken!« Man merkte ihm nicht an, daß er gekränkt sei.

Das wäre auch noch schöner, dachte Mine.

Auch Herr von Ploß erhob sich. Mine sah auf die Tanzfläche. Das Unterlicht schien durch die dünnen Kleider der Mädchen. Nun tanzten viele. Das Lokal hatte sich unmerklich gefüllt. Jonny sah sich um: Sollte der feine Herr? Nein, er verschwand hinter der Musik. Beruhigt ging Jonny hinaus.

»Darf ich vielleicht um diesen Tanz bitten?« hörte Mine jemand fragen, der sich über ihren Sessel beugte.

Mine drehte das Gesicht betroffen herum und nach oben. Es war nicht Herr von Ploß, sie hatte es gleich an der Stimme gehört. Es war der junge Mann vom Kontor, der von Mollmöller & Co. Er stellte sich sogar vor, Emil Weber.

Warum war Jonny auch hinausgegangen? Er war doch kein feuchter Säugling mehr. Mine nickte und tat die zwei Schritte, die sie von der silbernen Scheibe trennten.

»Wie Sie heißen, weiß ich längst«, lächelte Emil Weber. Sein Gesicht war nahebei glatt und kindlich, nette, anständige, gebildete Wasserkante.

Er tanzte ein wenig hölzern, er wagte nicht, seine Tänzerin dicht an sich zu ziehen, wie es besser ist für den gemeinsamen Rhythmus. »Pardon!« sagte er ab und zu, wenn seine Schuhspitzen die ihren berührten.

»O, macht nichts«, lächelte Mine zurück.

Herr Weber roch nach guter Seife. Er habe auf einem Brasilianer so spät zu tun gehabt, der wolle die Nacht noch auslaufen. Und den Morgen bei der Manhattan, da habe er sie ja auch schon bei Fähre VII gesehen.

»Sie sind wohl jeden Abend hier!« meinte Mine.

»Nein, das erste Mal, Fräulein Thormann. Und da muß ich Glücklicher Sie gleich wieder treffen. Wissen, wie einige Sie nennen?«

»Mein Vorname ist leider nur Hermine!«

»Einige hier an der Hafenkante nennen Sie das blonde Hafenmärchen.«

»Sie spinnen, das ist ja kitschig!«

»Oder mögen Sie vielleicht lieber die Blondlaterne von Fähre VII heißen? Oder die platingoldene Wasserschlange? Oder die Apfelgöttin aus der Balduinstraße!«

»Nun hören Sie auf! Gerade heute morgen hat mich jemand »schmissiger Fisch« genannt.«

»Das ist viel zu roh«, erboste sich Emil Weber: »Ist ja geradezu kaltblütig unpoetisch! Und das zu Obst!«

»Ach Sie, Sie machen wohl Gedichte?« Mine sagte es ein wenig verächtlich.

»Sie durchschauen wohl jeden Mann?« Emil Weber atmete tief, und von da an schwieg er.

*

Auf dem Flur traf Jonny Willy Möller, den Bootsvermieter junior von Oevelgönne. Es gab ein karges »Hallo, wie gehts?« Dann aber konnte Willy Möller nicht umhin, sich nach der blonden Begleiterin Jonnys zu erkundigen. Er habe ihn kommen sehen, aber bei der gegenseitigen Vertiefung habe er nicht stören wollen.

»Meine Braut«, sagte Jonny mit gelassenem Stolz: »Und du?«

»Dazu hab’ ich keinen Zaster, Mann. Ich bin in einen Sparklub eingetreten. Hier nebenan haben wir grad die erste Sitzung. Nette Leute. Alle vom Bau. Hafen und Werft und so!«

»Wieso? Gesoffen wird da und Geld verplempert, das nennt man dann sparen. Viel Vergnügen! Ich bin lieber da drin, da ist wenigstens Musik!«

»Ja, mach man rasch, sonst geht sie dir noch fremd!«

Als Jonny wieder eintrat, da sah er Mine mit dem jungen Kontorherrn tanzen. Jonny blieb bei der Bar stehen. Er wußte nicht, wie er sich da recht verhalten solle. Früher, in den Kneipen an mancher guten Küste, hätte er dem Stehkragen sicher kurzerhand eine gelatscht, und eine hübsche Hauerei wäre im Gange gewesen. Nunmehr, sozusagen als verlobter Beamter, konnte er sich das kaum mehr leisten, und dann war es hier auch zu fein. Und was war auch dabei? Wie angenehm es aussah, wenn Mine tanzte!

»Prost Jollenführer!« hob neben ihm der Artist Paduzek einen Gin.

Jonny drehte sich langsam um, wie in Syrup, aber nach kurzer Überlegung trang er einen mit. Paduzek hatte unter seinem Jackett einen schwarzen Trikot an.

»Gleich trete ich auf!« sagte er.

Das Barmädchen Lulla lächelte über Jonny hin. Ihr Mund war zinnoberrot nachgemalt, ihre Augenbrauen dünn rasiert, so etwa wie zwei japanische Pinselstriche, die den Neumond nachzeichnen. Sie sah unwirklich aus wie eine Puppe.

»Ihre Dame tanzt«, äußerte sie leicht und schrieb die Schecks aus.

Jonny hob die rechte Schulter und nahme eine neue Zigarette.

»Ist es wirklich Ihre Braut?« fragte Paduzek. Er suchte mit seinen saugenden Augen der Tanzenden zu folgen.

Lulla sprach rasch dazwischen: »Seien Sie nicht taktlos, Herr Paduzek. Ein Jollenführer kennt seinen Kurs und spricht nicht lange darüber. Ah, Herr Artist, Sie werden gewünscht.«

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺277,24
Yaş sınırı:
0+
Hacim:
260 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711467350
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar