Kitabı oku: «Herz im Wind»

Yazı tipi:

Hans Leip
Herz im Wind

Geschichten von der Wasserkante

Saga

Ein Leuchtturm wird frisch gestrichen

Als der Holunder zu blühen begann, roch der ganze Deich nach Schnaps und Brot. Es war Juni, und die Mädchen, die gegen die untergehende Sonne lustwandelten, waren trunken von der blühenden Luft. Sie alberten mit den weidenden Lämmern und winkten übermütig den großen Dampfern nach, die in der Breite des Stromes nach Westen in die Welt verschwinden, und auch den weißen Jachtseglern, die sonntags fernab kreuzen und selten auf den Gedanken kommen, bei dem einsamen Deichdorfe anzulegen.

Da geschah es eines Abends, daß ein sonderbares Boot quer über das Fahrwasser genau auf den Ort zuhielt, von einem winzigen Schlepper gezogen. Als es dem Ufer näher kam, wo es flacher wird, warf der Schlepper los und überließ das merkwürdige Fahrzeug seinem Schicksal. Es sah aus wie die Arche Noah, mit der die Kinder spielen. Die Strömung schob es sachte an die Steinböschung heran, doch keine Tiere traten heraus, sondern fünf schweigsame Männer, die mit Stangen nachhalfen. Der Deich ist hier mächtig hoch und beschreibt viele Buchten, und in die größte, wo oben die Mühle steht, bugsierten sie es hinein.

Die Dorfmädchen standen mit wehenden Rökken auf der Deichkrone. Die Männer schielten hinauf, aber vorerst ertönte noch kein Hallo; denn die nördlichen Herzen sind schweigsam und mißtrauisch von Natur. Erst als der Wirt zum »Schönen Blick« ihnen den besten Liegeplatz hinunterrief, da erfuhr man, daß diese Männer den Leuchtturm frisch zu streichen hatten und vom Staate kamen.

Der Leuchtturm steht nicht weit von der Mühle hinterm Deich. Er ist hoch wie der Großmast eines Vollschiffes, weit höher als der Kirchturm. Seine einst weiße Farbe war in Wind und Wetter ergraut. Manche Leute erinnerten sich daran, wie vor vielen Jahren ein ähnliches Boot und ähnliche Männer gelandet waren, um den Leuchtturm zu streichen, und daß es den Sommer unruhig gewesen war im Orte, nämlich zum Schluß hatte ein Mädchen namens Berta ein Kind gekriegt, man wußte nicht von wem, auch war eine Fraunicht weitab in der Marsch geschieden worden, und eine andere war nach Hamburg gezogen, Ottel Reem hatte ein Auge verloren, und Pümpel, der mit dem Brotwagen, hatte einen ausgerenkten Daumen seitdem.

Die Männer verankerten das ungefüge Boot nach allen Seiten. Man sah, sie gedachten ihre Zeit zu bleiben. Eine schmale lange Planke wurde vom Bordrand auf die unteren Deichsteine gelegt, und das war die Verbindung bei Flut und bei Ebbe. Wie ein ordentliches Haus, so groß war das Boot. Das obere Stockwerk erwies sich, als das Persenning weggezogen wurde, aus aufgepackten Leitern bestehend. Die Männer gingen daran, packten ab und trugen ohne Hast eine nach der andern über die Planke, die sich jedesmal wie eine Hängematte bog unter der Last, schleppten Leitern, Tauwerk, Latten und Eimer den Deich hinauf, auf der andern Seite wieder hinab über den Wiesenweg an die Chaussee bis zum Leuchtturm. Der Leuchtturm ist um die Zeit des Jugendstils errichtet, eben nach dem Eiffelturm, doch nicht vier, sondern sechs Eisenstreben ragen in den Himmel und haben den Schwung eines Kleides unserer Mütter, als sie jung waren, und die mittlere Säule, darin eine Treppe emporführt, ist schlank wie eine Tänzerin vom Montmartre. Hoch oben ist die Laterne wie ein Kopf mit einem chinesischen Hut, und die Galerie darunter gleicht der Halskrause einer Pirouette. Eine etwas fremde, aber lustige Angelegenheit, solch ein Leuchtturm in dieser platten Landschaft, sollte man meinen. Aber die Männer rankten einen unlustig verkniffenen Blick daran hoch und senkten ihn wieder, spien saftig ins grüne Gras und fluchten über die große Arbeit, die ihnen bevorstand, obwohl sie hinterrücks im Gemüt froh waren, daß sie noch Arbeit hatten, wo andere damals nichts als trockenen Karo schoben.

Somit stiegen zwei im Innern hinauf und nahmen die längste und stärkste Leine mit, ließen sie von der Galerie herab und hievten eine Leiter empor, und der eine kletterte dort oben in schwindelnder Höhe unangeseilt übers Geländer und hielt sich mit einer Hand und befestigte die Leiter mit der andern unterm Boden der Galerie, wo extra Haken dafür sind, und schwang sich auf die Sprossen, sprang sozusagen in die freie Luft, stieg bis zum unteren Ende der Leiter und pendelte damit hin und her, bis es richtig lag, und band es fest. Dann kletterte er wieder hoch und tat mit der nächsten Leiter das gleiche und so fort an allen sechs Streben rundherum an der Galerie. Vielleicht hätte man auch vom Turmfuß aus beginnen können, aber der Meister hielt es für richtig, seinen Leuten von Anfang an ein Vorbild zu sein und die Nerven abzuhärten wegen des Schwindelgefühls, jetzt, da sie noch nüchtern von zu Haus und aus dem Winter kamen; denn es war der erste Leuchtturm, den sie dieses Jahr zu streichen hatten. Und er tat es auch, um den Dorfbewohnern, die unten mit Herzklopfen zusahen, wahren Mannesmut zu zeigen.

Als der Leuchtturm nun ganz eingekleidet war in Leitern und Mannshöhe über Mannshöhe dünne Sondergalerien aus Latten und Bohlen in die Sprossen gehängt waren, da zogen vier der Männer schneeweiße Kittel an, setzten grüne Schutzbrillen auf, rührten ungeheuer viel Bleiweiß an und begannen zu streichen. Früh um sechs stiegen sie, den Pinsel zwischen den Zähnen, den schmalen schwankenden Leiterweg gen Himmel, an fünfzig Meter hoch, links und rechts weiter nichts als Luft, und in der Entfernung von unten schrumpften die Sprossen zusammen, als sei es nur ein Strick. Der fünfte Mann blieb an Bord. Er war der Schiffer und sorgte auch fürs Essen.

Nachdem nun die oberen zehn Meter in purem Weiß prangten, wurde ein Kübel kräftiges Rot angesetzt. Denn diesmal sollte der Leuchtturm der besseren Kennung bei diesigem Wetter wegen nicht in eins weiß heruntergestrichen werden, sondern von der Galerie abwechselnd je vier Meter rot und weiß. Das tat zugleich der Würde Hamburgs Genüge; denn es führt diese Farben im Wappen und hat die Aufsicht über die Befeuerung des Fahrwassers bis in die See hinaus. Die Maler nun, wenn sie von den Gerüsten stiegen, sahen bald aus wie Metzger am Schlachttag oder wie Chirurgen nach gefährlichen Amputationen; läßt sich doch ein gelegentlicher Spritzer schlecht vermeiden, wenn die Sache flutschen soll. Und die Mädchen gruselten sich.

Solange die Arbeit noch hoch war am Leuchtturm, ging alles friedlich zu im Dorfe. Punkt zwölf und Punkt achtzehn schritten die vier weißen Männer, die grünen Brillen in die Stirn geschoben, im Gänsemarsch zu ihrem Hausboot zurück. Dort rauchte der Schornstein, und der Koch brachte kräftige Sachen auf den Tisch, doch mit dem Gewürz war er sparsam, um den Durst und die Laune nicht zu reizen. Am Sonnabend kam der kleine Schleppdampfer und brachte die, welche verheiratet waren, in die Stadt, und der Meister, der unverheiratet war, besuchte seine Mutter auf der anderen Seite des Stromes. Nur einer blieb immer als Wache an Bord zurück und saß auf der beschränkten Plattform bei dem kleinen Anbau, obschon es dort nicht am lieblichsten roch, und las alte Zeitungen und die Bücher, die der Pastor des Ortes zur Ablenkung aufs Boot geliehen hatte, gähnte und stopfte seine Socken, und die Blicke, die sich von und zu den Mädchen spannen, die in rosa und blaßlila Sonntagskleidern auf dem Deich hin und her gingen, wurden allgemach geneigter.

»Das sind andere Leute als damals!« sagte der Wirt zum »Schönen Blick« und sah seine Frau aus tiefen Augenwinkeln an, weil sie Berta hieß und das Kind jetzt seine Tochter war und abends auf dem Deich spazierenging und neugierig war auf die Männer, die den Leuchtturm strichen, genau wie ihre Mutter es gewesen vor achtzehn Jahren.

»Warten wir ab!« antwortete die Wirtin, und ihr Doppelkinn lächelte böse aus der Erinnerung hervor. »Die sind noch nicht fertig, die Kerls! Aber an Meta kommen sie mir nicht ’ran!«

Meta, das war die Tochter. Der Alte muschelte, da wäre denn ja auch wohl nicht so viel Mitgift bei den dreckigen Zeiten wie dunnemals, um jemand Unschuldigen damit zu angeln und ihm ein Lokal zu kaufen. Vielleicht würde es für einen Brotladen reichen, meinte Meta da spöttisch; denn sie war ein schon selbständiges Kind, wie die heutige Jugend ist, und riskierte ein offenes Wort. Damit war der Punkt vorerst erledigt, und die Eltern sprachen davon, daß man das Lamm, das den Deich abgraste, bald schneiden müsse, damit es ruhiger werde und fetter im Fleisch.

Die Witterung hielt sich einigermaßen den Sommer. Wenn es regnete, blieben die Maler anfangs an Bord und hauten sich in die blaugewürfelten Betten. Das sah wirklich nicht nach Störenfrieden aus. Die Wirtin zum »Schönen Blick« atmete einesteils auf, andernteils jedoch hatte sie schon mit einigem Verdienst an diesen Brüdern kalkuliert, wo alles zurückging im Geschäftsleben. »Wart man ab«, sagte ihr Mann, »sie kommen noch.«

Und richtig. Als die Männer über die Mitte herunter waren und nicht mehr so lerchenhoch saßen, wurden sie kühner. Der Holunder hatte ausgeblüht, die Beeren waren grün, und auf den Bänken, die schief vom Wind auf der Deichkuppe in die Büsche gedrückt stehen, saßen abends bei Mondschein die Mädchen und sangen zweistimmig. Die vier, fünf Leute aus dem dikken Malerboot wandelten auf dem Deich einher, und sie hatten einen leichten Schritt, fast wie die vornehmen Segler der Jachten, die nur notgedrungen bei schlechtem Sturm den Ort anlaufen. Sie blieben bei dem angepflockten Bockslamm stehen, das war ganz in der Nähe der Mädchen, und die Mädchen schwiegen plötzlich. Aber nach einer Weile, da die Männer sich mit dem Tierlein herumbalgten und sich komisch machten, kicherten sie allesamt, und eine ließ eine Bemerkung entschlüpfen über große und kleine Böcke; das war Meta, die Tochter zum »Schönen Blick«. Nunmehr war bald Unterhaltung genug im Gange. Jedoch als es dunkel wurde und der Leuchtturm sein Licht anzündete, gingen die Männer die Deichtreppe hinunter in die Wirtschaft. Sie hatten in den soliden Wochen viel Geld gespart, es wurde allmählich langweilig, und die Arbeit war jetzt leicht und es war kein Grund mehr, nicht tüchtig einen zu heben.

Und je mehr der Leuchtturm seiner Vollendung entgegengedieh, desto mehr kitzelte ihnen das Geld in der Tasche. Im »Schönen Blick« spielte jeden Abend das Grammophon und im Gasthaus »Zur Fähre« das Radio, und im letzteren war nun sonnabends und sonntags Tanzkränzchen, den Leuchtturmmalern zu Ehren, und diese ließen den wöchentlichen Schlepper zumeist leer wieder wegfahren. Von weit her kamen die Mädchen und jungen Leute, und um Mitternacht, wenn Polizeistunde war, johlte es noch lange auf der sonst so stillen Landstraße, und hinter jedem Distelbusch am Deich lagen die flüsternden Paare. Auf den Bänken aber beim Holunder saßen die Alten noch spät, wenn es die Luft erlaubte, und sprachen von den früheren Zeiten und was da alles passiert sei, als der Leuchtturm gestrichen wurde. Weiß und rot blitzte das Leuchtfeuer über den Strom und die weite Marsch. Und der Brotmann Pümpel reckte den steifen Daumen in den Mund und verschwor sich, sein Sohn solle sich nicht dazwischenmischen.

Sein Sohn steckte morgens die Rundstücke in die Beutel, welche zu dem Zweck an den Hausklinken des Dorfes hingen. Abends saß er im »Schönen Blick«. Er hatte es auf Meta, die Wirtstochter, abgesehen. Aber die Maler schienen das Grammophon auch mehr zu lieben als das Radio und die Tanzkränzchen; denn Meta hatte eine bestechende Art, ihnen die schäumenden Kugeln Helles hinzuschwenken, sie hatte stramme Beine und eine schlagfertige Zunge, und das Licht schien durch ihr dünnes Kleid. Dazu waren da seit kurzem drei Damen in »Penschon«, Damen aus der Stadt, wo sie in der Fabrik, die eine bei Puddingpulver, die andere bei Wollsplint, die dritte bei Kautschuk, tätig waren, sie hatten alle zugleich Ferien und waren befreundet und aus Gründen der Billigkeit in das gottverlassene Deichdorf geraten, wo es nicht einmal einen Badestrand gab. Dennoch liefen sie den ganzen Tag im Badeanzug umher, und die Maler kamen ihnen gerade recht und sie den Malern, so daß die weiteren Schönen des Ortes und das Gasthaus »Zur Fähre« ins Hintertreffen gerieten. Bezüglich der Tochter Meta jedoch war es der Meister selber, der gewogen blieb. Die Wirtin sah es wohl, jedoch sie beschwichtigte ihre Bedenken, denn es war ja der Meister, der auch ein Motorrad besaß und fast aussah wie ein Kunstmaler und staatlich angestellt war. Damals war es der Meister ja nicht gerade gewesen. Sie betrachtete ihn abschätzend auf Schwiegersohn hin und setzte ihm in der Küche manch kaltes Huhn ohne Abrechnung vor, er war sanftmütig und spielte mit dem Wirte und mit Brotmann Pümpels Sohn Schafskopf bis spät in manche Nacht. Meta saß dabei und tat, als ahne sie nichts, und holte Bier aus dem Keller und goß Steinhäger ein und war freundlich zu jedem, der da kam. Oh, es war ein Leben und Treiben im Dorfe, und der Koch brachte dem Pastor die ablenkenden Schriften mit Dank zurück.

Die Fliederbeeren, wie man die vom Holunder nennt, wurden schwarz und reif. »Die geben gute Hitze!« sagte die Wirtin und lud den Meister zur Suppe ein. Aber auch die übrigen kamen mit; denn es war August geworden. Und Pümpels Sohn kam auch und auch Heinrich von der Mühle und etliche andere. Die »Penschonärinnen« jedoch waren schon wieder abgereist, ihre Ferien waren nicht wie etwa bei Lehrerinnen so groß.

Diesen letzten Abend war es anfangs recht still im »Schönen Blick«, doch später machte der gläserne Stiefel die Runde und wurde oft geleert nach Handwerksbrauch, und Pümpels Sohn holte seine Harmonika, und man sang das Lied vom Pfannenflicker und tanzte mit Meta und untereinander, und Heinrich von der Mühle sagte, die Damen aus der Stadt hätten es auch wohl gut gekonnt, nun sei er an der Tour, und der Koch sagte, er habe auf »Friedrich dem Großen« gedient im Skagerrak und brauche sich das nicht bieten zu lassen, und Pümpels Sohn sagte, Meta würde sich mit keinem Kletteraffen einlassen, und die Wirtin sagte, ihr Haus sei ein reines Haus, und der eine Maler, der von den Maurern herkam und das Händeklatschen vorführen wollte, wie es zünftig ist, hieb jemanden versehentlich in die Fresse, und ein wenig später alarmierte der Wirt den Gendarm, und manches war danach trotzdem blau, zerbrochen, eingeknickt und ausgerenkt. Und dann wurde weiter Abschied gefeiert.

Der Meister und Meta waren dem Krakeel entronnen und saßen auf der Holunderbank, und sie weinte, sie habe sich schon drei Morgende übergeben. Da standen sie auf. Der Schafbock, der so munter gewesen war vor zwei Monaten, kaute träge im abnehmenden Mond und war den Tag ein Hammel geworden. »Dja«, sagte der Meister trübe, und weiter sagte er nichts und verzog sich auf sein Boot, das schon wieder bepackt war mit den Haufen der Leitern, und seine Leute kamen um die Frühdämmerung ebenfalls, mitgenommen, sternhagelvoll, doch vergnügt. Hinter ihnen, verbunden und geschient, humpelten einige vom Dorfe und hofften giftig, daß die verfluchten Maler allesamt in den Bach kippen würden. Aber sicher wie die Engel glitten sie über den dünnen Plankensteg an Bord, obwohl er sich wie eine Sense krümmte. Um sieben Uhr kam der Schlepper und holte die Arche Noah wieder ab, um sie nach Bützfleth zu bringen oder zum Hungrigen Wolf oder wo sonst ein Leuchtturm zu streichen ist.

Gespenst im Nebel

Es waren schon ein paar warme Tage gewesen, und dann war es wieder kühl. Die munteren Dünste, von der Sonne schräg aus den nassen Wiesen, dem Watt und der See gesogen, krochen zusammen und rollten graugelb wie unordentliche Wülste Schafwolle über die Priele. Ein paar Fischer lagen draußen hinterm »Hundeloch« und hofften, ein bißchen Südost solle auffrischen und es sichtiger blasen. Einer aber konnte es nicht abwarten, ging ankerauf und seilte gegen Mittag los, als das Wasser hoch war, kam aber mit vollem Motor bald zurück und preite die anderen an, sein Junge sei über Bord gefallen. Da nahmen sie alle die Beiboote und suchten den ganzen Tag im dicken, stinkigen Nebel an den Schlicksänden entlang. Aber sie fanden die Leiche nicht. Die Ebbe hatte sie wohl mit in die See genommen.

Den Abend klarte es auf, und der Kutter, der das Unglück gehabt hatte, setzte Segel und rutschte mit der Flut heim nach Friedrichskoog, und schon am andern Morgen stand es im Marner Blatt, das von dem Ertrunkenen, und darunter stand das Inserat des Fischers, daß er einen neuen Jungen suche. Der kam denn auch gegen Klock zehn an Bord mit seiner weinenden Mutter, und um elf bei günstiger Tide und prächtig hellem Wetter warf man die Leinen vom Hafendamm los und fuhr wieder davon, um das Geschäft nicht allzulange zu unterbrechen und um die Kosten wieder einzuholen.

Zu Mittag mußte der Junge Graupen kochen, die allgemein »Scheeben Wind« heißen. Er kochte sie dem Schiffer zu pampsig, und der prophezeite dem armen Bengel handgreiflich nichts Gutes für seine Seefahrt und Laufbahn. Pech klebt an Pech, und so hatten sie eben eine Kumme Kaffee zum Nachspülen genossen, da wurde es wieder diesig und bald so dick, daß sie ihre Pantoffeln an den Füßen nicht mehr sehen konnten und Anker werfen mußten. Der Schiffer fluchte, klopfte die Pfeife aus und haute sich in die Koje. Er hatte noch Schlaf zugute. Der Junge mußte oben bleiben. Weitere Mannschaft war ja nicht an Bord. Er hatte strenge Weisung, der Junge, seinen Schiffer nicht vor anständiger Sicht zu wecken, und hatte zweierlei zu tun: Erstens mußte er alle Minute mit einem alten Belegnagel an eine rostige Eisenplatte klopfen, die da frei am Backstag hing und einen durchdringenden Ton abgab. Das war das Warnungssignal für andere Boote, um bei dem Nebel einen Zusammenstoß zu vermeiden. Zweitens sollte er ab und an die Ankerkette einen Faden weiter ausstecken, um bei dem ablaufenden Wasser den Kutter im Strom zu halten. Er tat beides mit zitterndem Eifer. Er war nur ein schmächtiger Knabe, frisch von der Konfirmation, und hatte nicht Schuster werden wollen wie sein Vater, sondern Seemann. Er hatte immer von der hübschen blauen See geträumt mit Wogenkämmen weiß wie Milchschaum, weiß wie ungebärdige Schimmelhengste, darauf Rasmus reitete, der Nordseewind. Nie hatte er wie andere Knaben mit ihren Fischervätern auf See mitgedurft. Er hatte sich am Ausguck vom Vorland genügen lassen sollen, aber es hatte ihm nicht genügt. Nun war er denn ja auf See. Und nun war dieser alte hustige Drecknebel. Dahinter lag wahrscheinlich die Insel Trischen und ein bißchen weiter längs England und noch ein bißchen weiter Amerika. Dahin wollte er bei nächster Gelegenheit auskneifen und was werden, Hotelboy, Goldsucher, Ölfeldermillionär. Das Leben des Seemannes mit Graupenkochen, Ohrfeigen, Nebelsignalen und Ketteausstecken schien ihm nicht das, was er sich noch vor wenigen Stunden davon versprochen hatte. Anderen Leuten jedoch das Leder versohlen wie sein Vater, das allerdings war ihm auch von einem neugewonnenen und leicht bitteren Standpunkt aus nicht verlockender als vorher. Dann steckte er doch noch lieber fleißig von der ekligen, naß rostigen und fingerzerreibenden Kette aus. Gewiß, der Schiffer hatte ihn wegen der Graupen vermöbelt.

Das nächste Mal würde er die Mischung ’raushaben. Morgen nun sollte es Erbsen geben, grün, ungeschält mit Speck. Ihm wurde schwer ums Herz. Nun war wieder das Nebelgebimmel fällig. Und nun wieder die Kette. Es ging schon ganz gut.

Auf einmal war die Ankerkette fast zu Ende. Der Krampen, der ihr letztes Glied am Spill festhielt, war mächtig dünn geschliffen. Oho, der Junge sah es wohl. Er ließ den Stopper ins Zahnrad fallen, aber das Spill war zu flott in Gang, der eiserne Stopperzapfen prallte ab, flutsch, rauschte die Kette aus, der Krampen barst weg, als hätte der Teufel seinen Finger dran gewetzt, und die Kette schoß wie ein Katerschwanz durchs Gatt in den Nebel und ins Wasser und war weg. Es war geradezu, als habe jemand mit Gewalt sie hinabgerissen. Der Junge mußte plötzlich an den Ertrunkenen denken. Hatte der sich etwa wieder an Bord ziehen wollen, um ihn vom Platz zu stoßen? Ihm wurde gräsig. Er nahm sich zusammen. Längst mußte wieder eine Minute um sein. Dengelenge – beng – beng – beng! knallte er den Belegnagel gegen die Glockenplatte.

Der Kutter lag so schön still, deuchte ihm, was brauchte man einen Anker. Den würde man schon wiederkriegen, tief war es hier sicher nicht. Er pekte mit dem langen Haken ins Wasser, das man nicht sah, das man nur fühlen und hören konnte. Es war doch zu tief. Der Haken, im Nebel sich gleichsam auflösend wie eine Zuckerstange, erreichte keinen Grund. Was nun? Man hätte ins Boot müssen, aber dazu war jetzt keine Zeit wegen des Nebelsignals. Auch fürchtete er, bei weiteren Angelversuchen womöglich einen Leichnam herauszufischen. Den Schiffer zu wekken, wagte er nicht. Sein Gesicht brannte noch von den Maulschellen, und die Luft war ja ringsum noch immer dick wie ein Sack. Dengeleng – beng – beng!

Der Kutter aber dachte gar nicht daran stillzuliegen. Sachte, sachte schob er sich mit der starken Ebbströmung von dannen, an Trischen vorbei und durch das Falsche Tief, wie es dort heißt. Der Junge merkte nichts von der Fahrt. Wie eine grauverstaubte Käseglocke war die Welt über ihn gestülpt. Nach dem Kompaß zu sehen, dazu war er nicht beauftragt; er verstand auch noch nichts davon. Manchmal brachen Vögel durch den Dampf, erschreckten ihn, riefen schrill und verschwanden wie weiße Fäden in grauem Tuch. Auch sah er einen Augenzwink lang Masten und Rümpfe der ankernden Flotte; sie glitten vorbei, riesenhaft unter der Lupe des Nebels, glatter Spuk mit scheinbarem Kurs auf Friedrichskoog, wo er zu Hause war und es schön warm und gemütlich hätte haben können auf einem runden Schusterschemel. Danach vernahm er die Heulboje, die vor Buschsand liegt. Es klang grausig, wie jammernde Hilferufe. Er sagte sich tapfer, das könne der Ertrunkene unmöglich sein, vielleicht waren es Seehunde, vielleicht eine Heulboje. Daß es dergleichen gab, hatte er gehört. Und wenn es ein Mensch sei, helfen würde ihm doch keiner können in diesem verfluchten Nebel. Und wie ekelhaft dieser Nebel dunstete, richtig nach Verwesung.

Er hatte den Jungen, der tags vorher ertrunken war, gut gekannt. Sie waren aus derselben Schulklasse. Und der andere hatte gleich Seemann werden dürfen, er aber erst auf das Inserat hin. Der andere war ziemlich dickfellig in der Schule gewesen, oft hatte er über seine dummen Antworten gelacht. Vielleicht war es unrecht gewesen zu lachen. Aber nun war es zu spät zum Abbitten. Und warum auch? Wer etwas weiß, soll sich freuen, und wer dumm ist, muß sich Spott gefallen lassen. Das hatte der Lehrer gesagt. Und daß sich etwa einer noch im Tode rächen könne, das durfte sich ein vernünftiger Mensch nicht einbilden.

Solcherlei hübsche nüchterne Überlegungen, eines seebefahrenen Mannes würdig, wollten auf die Dauer jedoch nicht viel nützen. Er war ja noch so klein, der Junge auf dem umnebelten, heimtückisch treibenden Fischkutter, er war eben vierzehn. Die Heulboje jammerte nun achteraus. Es war wirklich grausig. Er stand nunmehr in Schweiß frierend da, klammerte sich ans Stag, halb tot vor Angst. Und der Minutenabstand wurde immer kürzer, und während er mit dem großen schwarzen runden Eisennagel auf die Signalplatte hämmerte, schluchzte er: Ich bitte dir ab! Ich bitte dir ab!

Inzwischen lief der Kutter mit einsetzender Flutwelle die Norderpiepen hinauf gen Büsum, geriet bei Tertius-Sand sachte auf Grund und blieb da sitzen. Der Junge im Nebel ahnte nichts davon. Die Heulboje lag nun weit weg, ihr Seufzen war verweht. Der Junge atmete auf. Er hat mir vergeben! sagte er und faltete die mageren Hände auf eine Minute Signalpause. Und da, wie ein himmlisches Zeichen sah er auf einmal die Sonne; sie stand schon tief und hing wie eine Blase Schmalz im Nordseequalm geradewegs an der glasig verschwimmenden Klüverspitze. Nun mochte kommen, was wollte; mochte der Schiffer ihm das Fell verbleuen, er wollte es freudig als Buße hinnehmen. Die Luft wurde immer dünner, das Wasser rispelte lebhafter, ein Hauch Brise tat sich auf, in Süd erblitzte ein Strich silberner See. Nur gen Norden lag der Dunst noch dick wie Milchglas.

Jetzt wecke ich ihn! schluckte der Junge gefaßt. Doch kaum hatte er Kurs auf die Logisluke zu genommen, da fuhr er wieder zusammen. Wieder hatte er das entsetzliche Jammern gehört. Es ist bestimmt eine Heulboje! sagte er tapfer zu sich. Er war vor Erschöpfung ein wenig abgestumpft, zum Umfallen müde, auch hungrig und durstig und ganz durchfeuchtet von Nebel und Schweiß. Aber klang es denn nun nicht wirklich ganz deutlich wie ein weinerliches menschliches »Hölfe! Hölfe!«? Es kam aus Nord, wo es noch unsichtig war. Er schleppte sich ans Signal zurück, trommelte wie besessen darauf los, um den Schabernack zu übertönen. Und siehe da, als sein Arm erlahmte, war alles wieder still. Da lächelte er. Ein Gefühl von Triumph schlich ihn an, genau wie in der Schule, wenn der andere einen richtigen Blödsinn verzapft und er dann mit seiner Antwort ihn gänzlich zugedeckt hatte. Aber plötzlich wurden seine Augen stier wie Fischaugen, seine Füße versagten den Dienst. Auf Backbord, woher das Gejammer gekommen war, bewegte sich eine ungeheure Gestalt im Nebel und kam auf das Schiff zu und wandelte über das Wasser und sah dem Ertrunkenen ähnlich und kam näher, taumelnd, schlenkernd, gräßlich wie der Tod, den er einmal in einer Kasperbude auf dem Marner Markt gesehen. Da wußte er, was seine Mutter gemeint hatte, als sie weinte und sagte: »Op See, dor is de Dood!« Er wich zurück; kein Schrei brach aus seiner Kehle, seine Hacken stießen rücklings an die Bordschanze, er schlug hintüber, und obwohl das Wasser hier nur flach war, regte er kein Glied vor Entsetzen und ertrank, und die See deckte ihn zu.

Von der anderen Seite kam das Gespenst und schrumpfte zusammen und schlotterte über den platten Tertius-Sand, ein armer klappernder Knabe, derselbe, der den Tag vorher auf den glitschigen Planken ausgerutscht und über Bord gefallen war. Er hatte sich an einem treibenden Fischkorb gehalten. Die Strömung hatte ihn denselben Weg geführt wie den Kutter und bis Tertius-Sand, wo er Grund gefühlt hatte und aufs Trockene gelangt und hingesunken war. Dann hatte er sich gesammelt, war bis zur Bake gekrochen und hatte Kraft gefunden, die steilen Sprossen hinaufzuklettern und vom Wasser und Zwieback zu genießen dort in der Hütte für Schiffbrüchige, die der Sturmfluten und Brandung wegen so hoch im Gebälk hängt. Er war erhalten geblieben, hatte anderntags die Nebelsignale gehört, war dem Klange nachgetorkelt und wie ein Wunder wieder an seinen alten Kutter gekommen.

Als der Schiffer endlich ausgeschlafen hatte und an Deck klüste, saß da jener Junge, den er in vergangener Nacht als geblieben gemeldet hatte, und anfangs glaubte auch er an ein Gespenst. Dann aber machte er seinem Ingrimm Luft, er könne keine zwei Jungen an Bord gebrauchen, und das Geld für das Inserat sei gänzlich weggeschmissen. Als jedoch der zweite Junge nicht aufzufinden war, ernüchterte er sich einigermaßen, was aber nur von kurzer Dauer war, konnte ihm doch der Standort des Schiffes und der Verlust des Ankers nebst Kette nicht lange verbogen bleiben.

Er begann wieder zu toben, brach aber unvermittelt ab, da ein frostiger Schauer sein küstengehärtetes Herz überschlich. Der Hergang schien ihm jählings nebelhaft. Ihm war unheimlich. Er ging ins Logis und nahm einen Schluck. Und mit Unbehagen dachte er an das Gewimmer, das die Mutter des Schustersohnes nicht unterlassen würde, während die des Wiedergekehrten aus alter, leidgewohnter Seemannsfamilie stammte und ihren Schmerz stumm mit in die Kammer genommen hatte.

Gewiß, der Schusterjunge war nicht ungefällig gewesen. Auf See fängt jeder als Tollpatsch an. Aber der Graupenpamps lag dem Schiffer noch im Gedärm, und das verlorene Ankergeschirr war ein Schaden, daran lange zu knacken sein würde. Das dämpfte jede Rührseligkeit. Der Schiffer nahm die Kömflasche nochmals unter die Nase, und danach polterte er wieder auf Deck, und das Jackvoll, das dem andern zugedacht war, bezog nun der Wiederkehrer, und der ließ es geduldig über sich ergehen, weil es immerhin zu seiner Erwärmung beitrug, und weil das Leben besser ist als der Tod.

Mussel auf dem Schlick

An der Dithmarscher Küste lebten zwei Vettern, die von Jugend auf einander ähnlich sahen und auch an Wildheit der Gebärde und der Lebensauffassung keiner dem anderen nachstanden. Beider Familienname war Leweko. Harm, der eine, als Erbe eines großen Hofes, wurde Landwirt, der andere, ohne Aussicht auf Grundbesitz, machte zur Not das Abitur und begann, in Kiel dies und das zu studieren. Als der Krieg ausbrach, meldete er sich zur Marine. Doch in den langen Jahren zwischen U-Boot- und Hafendienst gelangte er, trotz allen Wagemuts durch mancherlei Zügellosigkeiten den Vorgesetzen unbequem, nicht weiter als bis zum Obermaaten, spielte alsbald bei den Umsturzgeschichten eine Rolle, wurde fast, ob zu Gebühr oder nicht, von den eigenen Kameraden standrechtlich erschossen und kam, abgekühlt und nach Ruhe verlangend, in seinem Heimatorte wieder an.

Dort hatte er mit einiger Aussicht ein Mädchen sehr gern gehabt, die Tochter des Schulmeisters, sich auch öfter während des Feldzuges um sie gekümmert. Sein Vetter hingegen, sein Rivale auch in dieser Sache wie in manchen sonstigen Wettbewerben der einstigen Jugend, war schon länger wieder daheim; sein Draufgängertum hatte ihm bei der Linie bis zum Offizierspatent verholfen, so daß er mit Glück die einst Umstrittene für sich gewann; zumal man über den anderen, der unzweifelhaft vor Jahren die besseren Chancen gehabt hatte, allerhand der dunkeln Kieler Gerüchte selbst bis an diesen weltverlorenen Strand dringen hörte. Was Wunder, daß keiner von dem »roten Mariner« recht etwas wissen wollte. Selbst seine Eltern und Geschwister empfingen ihn voller Sorge, daß nun bald das Dorf von nichts als seinen angeblichen Untaten rede. Nur der alte Strandvogt war bereit, den guten Kern unter der zerlumpten Paradejacke zu erkennen. Seit je war ihm dieser unruhigere und empfindsamere Sproß der Lewekos lieber gewesen als dessen hochnäsig zielstrebiger Vetter, der sich schon als Deichgraf zu fühlen begann.

Der Heimgekehrte, dessen Neckname vordem Mussel gewesen war, weil er als ein vorzüglicher Muschelfischer gegolten hatte, besann sich auf die See hinterm Deich, lieh sich ein Boot und eine Möwenflinte bei dem gütigen Vogt und fuhr auf eine als unrentabel von der Domäne längst aufgegebene Schlickinsel weit draußen im Watt, wo die Tiden seit Urzeit Land wegschlürfen und Land ausspeien wie am zweiten Schöpfungstage. Dort hauste er in der während des Krieges verlassenen Schäferhütte, die auch kurz als Beobachtungsstation gedient hatte. Er schoß Seehunde und Wattvögel und begann mit den Fellen und Bälgen einen Tauschhandel nach Helgoland, das er fast alle vierzehn Tage, Sommer und Winter, in seinem unmöglichen und vielgeflickten Boote aufsuchte. Niemand störte ihn dabei. Eine Anzahl Legenden bildeten sich über den anwachsenden Luxus seiner Haushaltung, jedoch auch über die lebensgefährlichen Maßnahmen, die er zur Verteidigung seiner Schlickfestung ersonnen hatte, indem er angetriebene oder aufgefischte Minen in die Prielzugänge rund um die Insel verankert haben sollte.

Inzwischen fand die Hochzeit des Vetters statt, der das Hoferbe angetreten hatte. Die junge Frau sah am Hochzeitsmorgen ein ausgesucht schönes Seehundsfell auf der Hausschwelle liegen. Ihr Mann, der darüber zukam, wie sie es in einer Truhe verbergen wollte, meinte, Lunte wittern zu müssen, und ließ nicht nach, in der Folgezeit auf Schritt und Tritt zu sticheln und zu argwöhnen, zumal die junge Frau angab, erst am Trautage selbst durch den Vogt erfahren zu haben, daß Mussel Leweko noch in der Gegend sei, sie habe es aber weder damals noch jetzt glauben können. Die mißtrauischen Redensarten ihres Gatten, die schließlich, obwohl gänzlich grundlos und wohl gerade deswegen, in Grobheiten und sogar Handgreiflichkeiten ausarteten, weckten notgedrungen immer stärker die Erinnerung an jenen durch die Kieler Ereignisse Verrufenen, Erinnerung früher, längst vergessener Zärtlichkeiten, die auf dem trüben Grunde dieser Ehe mählich übergroß und verlockend aufzublühen begannen.

Inzwischen war der Behörde verschiedentlich Unliebsames zu Ohren gekommen über einen Schmuggel mit unverzolltem Rum zwischen Helgoland und der Dithmarscher Küste. Der alte Strandvogt, der die Aufmerksamkeit der Amtsstellen nach der dänischen Grenze zu abzulenken gewußt hatte, starb um diese Zeit. Seinen Posten übernahm Harm Leweko, und eine seiner ersten Vogtshandlungen war, sich mit einer Anzahl Gendarmen, die ihm aus Schleswig zur Verfügung gestellt wurden – mit den ortszuständigen hatte er sich längst überworfen und bezichtigte sie allesamt der Unfähigkeit –, nach jener Schlickinsel einzuschiffen, die er als Schmuggelnest lange und laut schon in Verdacht gehabt hatte. Sie kamen auch unter Beobachtung aller Vorsicht durch den Ostpriel. Von einer Minensperre zeigte sich nicht eine Spur, und der neue Strandvogt lachte verächtlich über das Gefasel der albernen Koogbauern, die über Nacht einen Seeteufel und Störtebeker aus dem albernen, weggelaufenen Mariner und Muschelschlucker gemacht hätten. Er prahlte, er werde den Käskerl sanft wie ein Milchlamm und ganz allein aus seiner Schlammbude holen. Somit ließ er die Landjäger, die sich in der grauen, naßkalten Nordsee-Einsamkeit sowieso nicht zu Hause fühlten, an der Vorlandsgrenze im Boot zurück und stieg unbegleitet, allerdings die Flinte hinterm Knast, in seinen Schaftstiefeln den über zwei Kilometer breiten, öden Quellgürtel hinan, der ungestaltet, seltsam und häßlich wie etwas eben Geborenes die flache Kuppe Sandes umgab, die hinter einem kniehohen Dünensaum den Unterschlupf für den Gesuchten bot. Es war schon spät im Jahr, Vogelschwärme zogen wie schmale, enggestrickte Reusennetze durch die Diesigkeit des Tages.

Er soll mir nicht entgehen! sagte sich der Neuvogt. Denn er sah Rauch über der Bude aufsteigen. Aber er erstaunte, als er statt der morschen Schäferhütte, oder vielmehr hinter den Resten dieser, beim Näherkommen ein, wenn auch niedriges, so doch kräftig anmutendes Haus aus frischem Holz erspähte.

Einer der Gendarmen, der durch das Glas vom Boote aus des Vogtes Weg zu verfolgen vermochte, bemerkte, wie er die Flinte nach vorn schob und hinter dem Dünenkamm dort verschwand. Nach einer Weile hörte man aus jener Richtung einen Knall, der nichts anderes als ein Gewehrschuß sein konnte, und dem bald ein zweiter folgte. In Eile machten sie sich nun auf, um über das Vorland an die Hütte zu gelangen; ihre Füße sanken ein, und es dauerte fast eine halbe Stunde, ehe sie den niedrigen Dünensaum erreichten. Dort trat ihnen der Strandvogt entgegen und führte sie in das Haus, wo er im Vorraum auf ein Dutzend Rumfässer wies. In der Stube, die mit aller Behaglichkeit eingerichtet war, lag ein Mann erschossen auf dem Boden. Er war in Seehundsfell gekleidet. Neben seiner gekrampften Rechten lag ein noch neues Jagdgewehr. Ja, ja, das also war Mussei, der große Schmuggler, der rote Kieler. Da lag er nun wie ein toter Eskimo. Er sah ganz so aus, wie ihn die Bauern und Fischer zu beschreiben pflegten.

»Es ging nicht anders, er oder ich!« sagte der Vogt, »hier ging sein Schuß und Gott sei Dank vorbei in die Wand.«

Die Beamten gaben zu, daß die Sache hätte unglimpflicher ablaufen können. Der Vogt erklärte, ein Protokoll schon aufgenommen zu haben, zeigte auch dergleichen und ließ die Gendarmen den Tatbestand durch Unterschrift bekräftigen. Im übrigen müsse man sich sputen, sagte er sodann, da die Witterung unbeständig sei. Man vermied, an der Lage des Toten Wesentliches zu ändern, nahm ein Faß Rum als erstmaliges Zeugnis mit, und nachdem ein Wachtmeister flüchtig und hinterderhand zu einem seiner Kameraden bemerkt hatte, der Erschossene und der Strandvogt sähen einander merkwürdig ähnlich, und der Angeredete ihn taktvoll daraufhin anstieß, es seien ja auch Vettern gewesen die beiden, fuhr man wieder von dannen.

Der Strandvogt zeigte von da ab ein sonderbar verändertes Wesen, obschon die gerichtliche Untersuchung seinem energischen Vorgehen durchaus Billigung angedeihen ließ. Er war sanfter, namentlich gegen seine Frau, und beide machten oft einen seltsam heiteren Eindruck. Manche wollten allerdings seit der unseligen Tat eigentümliche Gedächtnisstörungen und eine veränderte Redeweise bei dem Strandvogt bemerkt haben. Vielleicht war ihm die Sache nähergegangen, als man hätte vorher vermuten mögen. Immerhin schien ihm, und wohl namentlich auch der Frau, die ein Kind zu erwarten begann, die Gegend nicht mehr zu gefallen. Er legte sein Amt nieder, verkaufte den Hof und wanderte nach Kanada aus.

Mieke Teersticken, als sie davon hörte, meinte einmal, die Vettern hätten im Tode ihre Personen ausgetauscht, oder vielmehr nur ihre Kleidung, und den man dort auf der Insel begraben habe, das sei der Vogt Harm Leweko, und der »rote Kieler« habe Amt und Frau des Toten kraft der Ähnlichkeit einfach übernommen.

Sie sagt auch, das allerdings sei keine Lüge, daß des Vogtes Gewehr erst an zweiter Stelle geschossen habe. Aber der es gegen die Wand abdrückte, das müsse Mussei selber gewesen sein. Vor der Tür säuselte der Wind, der weiß, wie es war. Und vor dem Deich liegt die See, sie ist nicht unendlich, und niemand ist aus der Welt, solange er lebt. Möge der, der die Herzen lenkt zu gut und böse, es milde mit uns meinen, damit wir bleiben können dort, wo unser Herz zu Hause ist.

Gelächter hinterm Horizont

Es gibt da an der Rampe eine kleine Bar Huddl di Nuddl, welch Name aus Hotel de Nelson entstanden ist und an frühere schönere Zeiten gemahnt. Man sieht auf den Hafen, den Qualm, die Schlote der Überseer, die Werften und die Docks und hört den markigen Lärm bis in die Funkmusik. Freitags abends ist da was los, dann wird viel Abschied gefeiert, und die guten Jungen aus der weiten Welt, Amerikaner, Engländer, Norweger und Deutsche durcheinander, betrinken sich an Grogs und an den Abenteuern, von denen sie nicht reden, aber von denen sie wissen und daran sie mit wenigen Worten rühren, worauf der andere im Bilde ist.

Saß da ein kleiner Kapitän vom Bugsierdienst, ein Mann, der sein Lebtag nichts als seinen Hafenschlepper gefahren und die Nase über Brunsbüttelkoog nicht hinausgekriegt hatte. Der saß da oft und hörte die fremden Namen der weiten Welt aussprechen, als sei es für fünf Pfennig in die Suppe. Er hatte ein ordentliches Zuhause, eine biedere Frau, Kinder, Anverwandte bis zum vierten Grad, sein geregeltes Auskommen und einen würdigen Bart, hell wie Sauerkraut. Aber wenn er aufstand und mit ziemlicher Schlagseite das Lokal verließ, blieb er auf der Treppe stehen. Drinnen sang man, und die Kellnerinnen und Landfeinladies waren denen, die so gut englisch sangen, mehr zugeneigt als jemandem, der die richtigen Seeleute mit ihren dicken Kästen nur ein wenig hin und her zieht von und zu den Liegeplätzen. Und er hörte das kitzlige Gelächter, und das klang wie weit her von Indien, Hawai und Tamatave, von allerlei lustigen Küsten her, die nie über seinen Horizont emporgetaucht waren. Er strich seinen Bart wie eine Harfe, und die Stimmen der Ferne klangen ihm daraus hervor.

Er hätte es ja längst haben können. Als er jung war, gab es noch Heuerbüros, und der paritätische Arbeitsnachweis und das Überangebot waren im Seemannsgewerbe unbekannte Begriffe gewesen. Aber damals hatte es ihn gar nicht gelockt, zwei seiner Brüder waren nicht wieder von See nach Hause gekommen, seinen Vater hatte er gar nicht erst kennengelernt. Er hatte es schlauer angefangen, war im Lande geblieben, dem Wasser dennoch verbunden, hatte die Prüfung für Schiffer auf kleiner Fahrt bestanden, seinen Schleppdampfer wie eine Wespe hin und her summen lassen zwischen den Kolossen der Meere, die draußen zwar prächtig und mächtig sein mochten, im Hafen aber schwerfällig sich nicht allein zu helfen wußten, und hatte den bescheidenen Honig in eine bescheidene Wohnung am Stubbenhuk getragen, und galt bei Nachbarinnen, Krämer, Grünhöker und Schlachter als wackerer Familienvater, bis auf die gelegentlichen Freitagabende.

Nie trank er auch dann scharfe Sachen. Er trank nur Flaschenbier, Lagerbier, das er für »ratschoneller wegen die Verdunstung« hielt, indem man es nach Belieben einschenken und zustöpseln kann. Daher hatte er seinen Namen »Buddel«. Einen anderen Namen kannte nur die Lohnliste seiner Bugsierreederei.

Eines schönen Freitags, wenn die Abende schon länger werden und nach Verträglichkeit riechen und der Qualm niederschlägt und die Sterne spärlich werden und man gewisse Zuneigung zu der Sonne bekommt, seinen Ofen vorahnend ansieht und die Flanellgarnitur ab Sonntag einen Strich dicker von hausfraulicher Hand auf den Stuhl vors Bett gelegt wird, dann klingt es verderblich, wenn sie in den großen und kleinen Bars Johannis-Bollwerk hinab, Hafenstraße und Pinnasberg und da von der Mondbai zu Jamaika singen und von den Palmen und Mädchen auf der warmen Strecke hinter Surabaja.

Und das Gelächter der Hafenschwalben im Huddl di Nuddl wurde süß wie das Weißnichtwo, das hinter dem kleinen lackierten Blumenfächer lauerte zu Hause am Spiegel, der von einem seiner verschollenen Brüder stammte, und der verdammte Zigarettendunst roch nach diesem Fächer und war blau und silbern wie die Nebel sein sollen morgens vor Jaluit nach der Regenzeit. Es wurde Frühling auf der anderen Seite der Erde. Käptn Buddel war ein gesunder und einfacher Mann, pflichtbewußt, kam niemals zu spät an Bord seiner Hafenbeschäftigung und las weder aufreizende Bücher, noch sammelte er Postkarten, die seine Frau nicht sehen durfte. Aber diesen Abend durchbrach er seine Gewohnheit und Einsicht durch Grog. Und darum wurde alles noch verderblicher. Und wo eins gebrochen, kommt das nächste schon gekrochen.

Er besann sich, daß er ab vier morgens Dienst habe, denn dann war Hochwasser, und sie hatten einen mäßigen Frachtdampfer ’rauszuschleppen, der frisch aus dem Dock kam. Käptn Buddel ging in jener bemerkenswerten Nacht auch richtig zum Steinshöft, enterte seinen Kahn und hatte keine schlechte Haltung. Der Rum hatte die Steuerbordschlagseite des Lagerbiers mit einer nach Backbord aufgehoben. Er war wie eine Kerze. Maschinist und Junge waren schon da, der Kessel stand schon unterm ersten Druck, die Trosse lag klar. Es war drei Uhr.

»Ich will euch was sagen, Leute!« äußerte Buddel und strich seinen prachtvollen Bart. »Wir haben noch ’n Berg Zeit. Geht man noch ’ne Stunde an Land. In Huddl di Nuddl ist es heute fein. Ich hab nämlich Geburtstag, verdimmichen Donnerstag noch mal zu, haut euch einen durch die Kiemen und kommt in ’ne Stunde wieder, aberst stickennüchtern! Und daß du kein Weibsbild an Kludas ’ranläßt!«

Damit schenkte er einem jeden fünf Mark, und obwohl sie furchtbar erstaunt waren über die lange Rede und den Urlaub und das Geld, verdunsteten sie doch ohne Widerrede.

Die fürsorgliche Mahnung wegen des Schiffsjungen war das letzte gute Werk, das Käptn Buddel zu Hamburg tat. Denn nun beginnen seine bösen Werke. Er hatte auch zum letztenmal über seinen Bart gestrichen. Denn mit einem rasierklingenscharfen Taschenmesser schnitt er unbarmherzig die ganze majestätische Sauerkrautharfe ab. Er bettete das Ungetüm an die Stelle einer der Reederei gehörenden Matratze nebst Wolldecke, was beides er aufrollte, wie Matrosen es tun, die ein neues Schiffslogis beziehen wollen. Hinein wickelte er eine Arbeitshose des Maschinisten. Das in Zeitungspapier vertäute Frückstücksbrot des Jungen steckte er in die Tasche, sodann machte er den Schlepper eigenhändig flott, was auch verboten ist, stellte die Maschine auf halbe Kraft, warf los und ging ans Ruder. Er hatte bedeutende Angst, daß jemand es spitzkriegen und ihn anpreien würde. Aber wie es oft ist, wenn Verbrechen geschehen, niemand achtete darauf. Buddel querte den Strom und rutschte sachte zum Reiherstieg hinüber, wo der Dampfer in dem großen U des Docks wie eine Gurke im Einmachglas saß. Er legte hübsch an den Ponton, sachte, sachte gegen die Flut, gab dem Ruder noch eine sanfte Drehung zum Strom, nahm sein Bündel und stieg aus. – Nun ist es im allgemeinen nicht sehr leicht, auf einen im Dock liegenden Dampfer zu gelangen, wegen des unbequemen Zugangs und weil da gewöhnlich allerhand Leute herumstehen. Aber sicher wie ein Schlafwandler überwand Käptn Buddel alle Fährnisse, er ging nach vorn in die Roof, rollte seine Matratze in eines der eisernen Gestelle, das noch leer war, und sich darüber in die Decke und schlief mit jener unstörbaren Befriedigung, die da spricht: Ich habe so lange gezogen, nun könnt ihr mich auch mal ziehen!

Das Dock flutete, das Schiff wurde herausgelassen, ein Schlepper war davor, ein zweiter wurde herzugewinkt, aber beide waren nicht Käptn Buddels Schlepper. Käptn Buddels Schlepper gondelte eine Zeitlang im Fahrwasser, wich nicht aus, als ein Engelsmann noch eben mit der Tide aufkam, wurde erschnappt und unter den Bug gedrückt. Ein Taucher kam noch im Laufe des Tages, legte Hebetrossen unter den gesunkenen Schlepper. Käpt Buddels Leiche wurde nicht gefunden.

Käptn Buddels Leiche fuhr als Matrose. Mochte einer der Mannschaft nicht rechtzeitig dem Lager seiner Holden entronnen sein, bei einer Schlägerei das Zeitliche gesegnet haben oder im Hafenkrankenhaus in der Gummiabteilung seinen Rausch ausschlafen, die Musterrolle erwies sich als vollzählig; Käptn Buddel hatte in gelegener Lücke »hier« gerufen und hieß nun ganz anders. Er hatte allerdings kein Seefahrtsbuch. Aber verlorene Seefahrtsbücher kommen immer mal vor.

Somit also war Käptn Buddel spät noch auf große Fahrt geraten. Es war weder ein Vergnügen, noch war das, was hinterm Horizont lag, so unverschämt munter, wie sich manche denken. Dennoch, es wurde Weihnachten. Er kam nicht wieder. Von Rio ging das Schiff in fremde Rechnung. Er blieb an Bord und kam nach Durban und dann nach Bombay und dann nach Sydney und dann nach Dairen und blieb hängen auf dem Australien-Asien-Tramp und brachte es zum Bootsmann, ein später Abenteurer. Und da er zufällig hörte, daß seine Frau sich getröstet und wieder verheiratet habe, und da er hin und wieder von einem höchstwahrscheinlichen Gelächter träumt, weit, weit hinterm Horizont, dort zu Hamburg, die kleinen Bars zwischen Vorsetzen und Pinnasberg auf und ab, so wird er wohl dabeibleiben, bis ihn eines Tages der Teufel holt wie seine Brüder.

Das kleine Bonnet

Wir saßen bei von Appen in Blankenese, hinten in der gemütlichen Ecke. Da fragte einer, ob jemand ein Schifferklavier zu bändigen verstehe.

»Julus von Dalben.«

»Der? Seit wann?«

»Ich hab es selber gehört«, sagte ich.

Julus stand auf, weiß im Gesicht. Er war aus Blankenese, begütert und nicht alt. »Schweig von dem kleinen Bonnet, verflucht, du und sie!« lachte er unsicher und ging davon.

Ich erzählte nichts, und wir tanzten nach den unpersönlichen Platten. Aber nun, da er sich anderweitig verheiratet hat, ist es besser, alles klarzustellen. Julus hatte sich nämlich damals verknallt in eine der Gondefros. Die Gondefroschen Töchter sind, nehmen wir an, alle blond wie Manilahanf und schlank wie Schilf. Und wie Schilf ist auch, daß man sich manchmal füchterlich dabei schneidet. Sie sind große Familie, uralte Segelreederei, Salpeter, Zement, vormals Tee- und Sklavenhandel, die Gondefros.

Julus war nur Mitbesitzer einer netten Fischräucherei. Aber er pochte auf sein »von«. Alle Blankeneser heißen mehr oder weniger »von«. Es ist ein gewöhnliches Bauern- oder Fischer-Von. Doch Herr von Dalben hielt seines für ungewöhnlicher. Er ließ ein Wappen in seine Briefbogen pressen (nicht auf die Umschläge, um sich nicht bei der Post zu blamieren). Und danach lud er »sie« schriftlich zum Segeln ein.

Man muß es ihm lassen, er ist ein ausgeluvter Segler, der gute Julus, und seine Sloop ist eine der gelecktesten zwischen Hamburg und Helgoland. Aber eines hätte er wissen müssen, man tauft sein Boot nicht von einem Tag zum andern um; es bringt kein Glück. »Nasser Kater« ist ein annehmbarer Name für ein Boot. Aber als die schneeigen Schuhe der Gondefros übers Schanddeck ins Cockpit schritten, da stand am Spiegel mit frischer Farbe »Alwel«. Und so hieß sie. Sie haben sonderbare Namen, die Gondefros. Ihr Bruder beispielsweise hieß Pipp. Sie hatte ihn kurzerhand mitgebracht. Er war zwölf Jahre alt. Mir war es gleich.

Was ich dabei sollte? Ich sollte die Fock bedienen und so, damit er sich ausgiebiger ihrem Anblick widmen könne; denn von Unterhaltung kann bei Julus nicht viel die Rede sein, was er wohl wußte; darum gedachte er, mich als Spaßmacher zu verbrauchen. Auch sollte ich, er sagte es mir hinterderhand, und hinterderhand sag ich es wieder, ich sollte bei Gelegenheit eine kleine Empfehlung seiner Person mit einfließen lassen.

Es war ein hübscher, heißer Tag, es briste sanft achterlich, und wir rutschten mit der letzten Ebbe elbabwärts und kamen nach Glückstadt, als der Wind schralte und von Nord uns anhustete. Da zeigten wir, was wir konnten, hüpften über den Schwell und kratzten mit drei Schlägen in den Hafen. Aber als Julus auf den Streckbug über Stag ging, da klang mir sein »Ree!« weiß der Teufel zu schnauzig, und ich sah, wie sich Fräulein Alwels angenehmer Mund leicht spöttisch gegen mich hob. Somit fierte ich die Fockschot ein wenig spät, und wir schrapten um Fingerbreite an der Mole längs und nahmen ein dickes Stück Wasser über. Nun, an Julus schwappte es leider vorbei, der Knabe Pipp hatte sowieso nichts an, da er für ein zu erwartendes Indianerfest »röten« wollte, aber Alwel Gondefros herrliche Beine, die traf es.

Julus war sehr in Kragen, Schlips und Jacke. Sie zog die Strümpfe lachend aus und die Schuhe über die bloßen Füße. Auf halbem Wege zum Essen meinte er, ob ich nicht lieber den ganzen Lunch ins Boot besorgen könne. Und man sah ihm an, daß er aus seiner puren Auffassung von Vornehmheit ihre mangelnden Strümpfe bedachte. Ich sagte ruhig und plump genug, wir sollten uns freuen, daß alle Leute uns mit einer Gondefro in bloßen Beinen zu sehen kriegten, die hübscher seien als der teuerste Strumpf.

Er wollte mich übertrumpfen und verglich sie mit der Fortuna, die oben auf der goldenen Kirchturmskugel statt des Gockels steht, und ich beneidete ihn schon, da aber entgegnete sie kühl, er verwechsle es hoffentlich nicht mit seinem Wappen. (Auf demselben war nämlich eine Duckdalbe, ein Anlegepfahl, und eine Möwe darauf sitzend.) Und die Dame dort oben habe eine zu unmoderne Figur, obwohl sie Tennis mit dem Morgenstern zu spielen scheine, und überdies hießen nach Morgenstern alle Möwen höchstens Emma.

Nach soviel Geist und Schnippigkeit verstummten wir ein bißchen. Und nur der gute Junge Pipp half uns beim Essen darüber hinweg, indem wir uns in ein nachhaltiges Gespräch verwickelten über die in Indianerreservaten bevorzugten Automobilmarken.

Julus war in sich gekehrt. Ich sagte, um Luft zu schaffen, wir würden, wenngleich schmerzlich, so doch es begreifen, wenn Fräulein Gondefro mit der Bahn anstatt mit unserer Kuff nach Hause führe.

Julus sprang wie ein harpunierter Schweinsfisch in die Höhe. Aber die unendlich kühle und schöne Alwel winkte lässig ab. Sie denke gar nicht daran, wir und das nette Boot, das mache ihr wirklich Spaß.

Somit seilten wir elbauf zurück, und Julus überließ mir gnädig die Pinne, um dem ungerührten Segelweiß der Angebeteten die Grundlagen seiner Existenz zu unterbreiten. Ihre Haut schattete bronzen wie die Tönung kantonesischer Glokken, ihre Augen weiteten sich silbergrau wie die Nordseekimm bei Westernwind. Die Sonne durchleuchtete ihre Gobbymütze und ihre dikken Schläfenhaare. Es war ein milder Tag voll Ausflugdampfermusik und voll der großmächtigen Bässe abgesalzener Überseer aus aller Welt. Aber unser Wind wurde flauer, und knups, schlief er ein. Pipp, der unverblümte Knabe, ritt auf der Großbaumnock seiner Vollendung als Rothaut entgegen, klimperte an der Dirk und flötete nach Taifun und Hurrikan.

Noch schob uns die Flut. Ich sah abwechselnd auf das verschämt killende Achterliek und auf Alwel, die verträumt dasaß, während Julus still und vergeblich nach Worten rang. Auf einmal schrie er: »Wir wollen Wein trinken, Wein, ich weiß ein molliges Lokal. Höher an den Wind, mein Gott, wir kriechen ja im Sirup!« Damit war sein erkünstelter Überschwang auch schon verpufft, und er kratzte belämmert am Mast, mein Segeltalent in Zweifel ziehend.

»Hissen Sie ein kleines Bonnet!« lächelte Alwel.

»Die Gondefroschen Kapitäne auf den Teeklippern haben gute Erfahrungen mit kleinen Bonnets gemacht.«

»Hiß ein kleines Bonnet!« grunzte Julus mich an, seine Verständnislosigkeit mit dem Brustton eines Hapagkommodores verdeckend.

»Ay, ay!« erwiderte ich, ergriff, um etwas zu ergreifen – denn ich hatte auch keine Ahnung – die seidenen Strümpfe, die noch immer auf dem Kajütsdach lagen, obwohl längst trocken, und schor sie an die Flaggleine.

Die Wirkung war, daß wir uns allesamt mit Julus verkrachten; denn er versteht betreffs korrekter Haltung keinen Scherz, indessen machten wir wieder Fahrt, obgleich achteraus, da der Strom gekentert hatte. Und im Nu saßen wir fest auf Meiers Sand, das nette Hochgebirge Blankeneses vor der Nase.

Wir hatten rund zehn Stunden Zeit. Es wurde Nacht. Alwel Gondefro wollte nicht im Boot bleiben. Sie ruderte mit ihrem Bruder auf die schilfgrüne Sandbank. (Nein, nach Hause fuhr sie nicht.) Sie nahm alle unsere Decken und Kissen mit und wollte baden.

»Fahr hinüber und sprich mit ihr!« sagte Julus.

»Dir ist wohl flau!« entgegnete ich. »Und du willst mich wohl als kleiner Bonnet für dein Lebensschiff mißbrauchen!« Aber dann pfiff ich Pipp, und das Beiboot blieb danach drüben.

Wir lagen still auf dem Rücken, nicht weit voneinander, sie und ich, und blickten in die Sterne und die Stromlichter. Pipp schlief. Aber Julus schlief nicht. Was er nie im Beisein anderer fertiggebracht hätte, er zog eine Ziehharmonika hervor und spielte herzzerreißend die ganze Nacht. Daher eben weiß ich es.

Eine Handharmonika in einer lauen Nacht überm Wasser bei Schiffslichtern, die vorüber in die unbekannte Ferne gleiten, das ist nicht ungefährlich für ein junges Mädchen. Ich hörte es wohl, wie Alwel schwerer zu atmen begann. Oho, Julus war doch ein Hund.

Ob ich sie fragte? Natürlich! Jedoch der Mensch ist ein böses Tier von Jugend auf. Ich fragte sie, wie es sei mit ihr und – mir. Und daß ich, an der Flaggleine meines Daseins ihre kleinen seidenen Sachen in Ewigkeit als Nationale zu führen, als mein Ziel ansehe und verrückt sei wie ein entseelter Hering.

Sie weinte ein wenig an meinem Halse, das schöne Kind. Es sei dies der Abschied von uns allen, sagte sie. Denn die andere Woche, da fahre sie nach Makassar. Und ich solle es auch Herrn von Dalben mitteilen, daß nämlich die Gondefros nicht gern in Hamburg und Blankenese heiraten, sondern lieber in der weiten Welt.

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