Kitabı oku: «Max und Anny»

Yazı tipi:

Hans Leip

Max und Anny

Romantischer Bericht

vom Aufstieg zweier Sterne

Saga

Max und Anny

© 1935 Hans Leip

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711467503

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Lütt Mackie

An einem hübschen klaren Frosttage stand ein Knirps von drei Jahren zu Hamburg auf der Lombardsbrücke. Seine schwarzen Strupphaare wehten im Wind, er war ohne Mütze, er war ohne Mantel, es machte ihm nichts. Bald hielt er sich mit seinen kleinen rotgefrorenen Fäusten bäuchlings oben auf der dicken Steinbrüstung, bald versuchte er, seinen Kopf zwischen die vasenförmigen Balustradenpfeiler zu zwängen. Seine schwarzen Augen starrten gebannt auf einen Schlittschuhläufer, der auf freigefegter Fläche von einem dunklen Ring Zuschauer umgeben, seine Kunststücke zeigte.

Beifall klatschte und verwehte dünn in der grauen Dämmerung. Unermüdlich zog der Kunstläufer seine Schleifen, vorwärts, rückwärts, tanzte einen Walzer, sprang, legte sich tief ins Knie, wirbelte wie ein Kreisel. Es dunkelte schon. Noch immer hing der schwarzhaarige Knirps über dem Brückengeländer. Es fror ihn nicht, er war entzückt.

„Mehr, mehr!“ schrie er mit heller Stimme.

Aber der Mann schien ihn nicht zu hören und ging daran, die Schlittschuhe abzuschnallen. Schon verzogen sich die Zuschauer.

Dem Knirps auf der Brücke passte es nicht. Er versuchte über die Brüstung zu klettern. Ein bärtiger gütiger Herr kam vorbei und hielt ihn zurück vom Sturz in die Tiefe.

„Wie heisst du, mein Kind?“ fragte er besorgt.

„Mackie Schmeling!“ antwortete ungnädig der Knirps.

„Und wo wohnst du?“

„Weiss ich nicht!“

Da war guter Rat teuer. Menschen versammelten sich um das Kleinformat des verlorenen Sohnes. Er zeigte sich gefasst. Es machte ihm augenscheinlich Spass, Mittelpunkt zu sein, wie etwa ein Eiskünstler. Er hielt den Fragern stand wie später den Reportern, und seine später oft bewundernswerte Geschicklichkeit, zwischen Sportneigung und Zuhause den rechten Weg zu finden, erwies sich früh, als er mit einem lässigen Aufleuchten in seinem kleinen prallen Jungensgesicht schliesslich erwähnte:

„Meine Bomboms krieg ich immer inne Brennerstrasse.“

Durch den Krämer und Bonbonlieferanten dort, wohin man mit ihm gelangte, ergab sich die nähere Anschrift.

Es war übrigens derselbe Krämer, bei dem ein paar Jahre früher auch Hans Albers, der nicht weit entfernt in der Langenreihe gross wurde, ab und an genascht hatte, und auch der Verfasser dieser Zeilen, der den grössten Teil seiner Jugend im Stadtteil St. Georg wohnte (z. B. auch in der Langenreihe), kannte ihn gut.

Mackies Vater, weiland Bootsmann bei der Hamburg-Amerika Linie, hatte den Nachmittag schon verzweifelt mehrere Polizeiwachen abgesucht. Er schloss das wiedergewonnene Kind dankbar in die Arme.

„Wo bist du gewesen?“ fragte er streng.

„Ich hab zugekuckt!“ antwortete Mackie. „Da war irgend so’n Mann ...“

Der Vater sollte noch erleben, dass auch sein kleiner Max einmal „irgend so’n Mann ...“ sein würde, bei dem es sich lohnte, zuzugucken.

Am gleichen Abend, auf der anderen Seite der Erde, in Australien, gewann der Neger Jack Johnson die Boxweltmeisterschaft, in dem er den weissen Titelhalter, Tommy Burns, in der 14. Runde k. o. schlug.

Um diese Zeit gab es in Hamburg auf dem Steindamm ein „Kinematographen-Theater“, das, wie damals üblich, durch das Hineinstellen von Stuhlreihen und eines mit Pappornamenten verzierten leinwandbespannten Teppichklopfrahmens aus einem Gastwirtschaftslokal hervorgegangen war. Die Musik zu den „Lebenden Bildern“ wurde von einem Orchestrion bestritten, und es lief derzeit unter rasselnder und klingelnder Begleitung Verdischer Melodien einer der ersten Starfilme, dessen Held auch Max hiess, jener kleine schmachtäugige behende Franzose Linder, der sich in den kurzen Szenen, die angestrengte Attacken auf das Zwerchfell des Publikums machten, „Max mit’m Schwung“ nannte.

Bootsmann Schmeling sah es sich an und lachte in seinen breiten Schnauzbart über die Witze, die uns heute keine mehr dünken, und er hielt die Leinwand, mit der gesegelt wird, für wichtiger.

Aber die Leinwand, mit der gesegelt wird, war damals schon zum Aussterben verurteilt. Was an Jachtsegeln übrig blieb, hielt sich besser an Baumwolle. Die Leinwände jedoch, die vor die dunklen Säle gespannt waren und nach Gutdünken mit den Zuschauerhirnen davonsegelten, die wuchsen heran und vermehrten sich ins Ungeahnte.

Klein Ānny

Es war ein munterer Sommertag zu Pola an der Adria. Der österreichische Kriegshafen prangte in Flaggengala. Englische Kreuzer lagen zu Besuch auf der Reede. Es war ein paar Jahre vor dem Kriege. Klein Annys Vater, Verpflegungsoffizier der k. u. k. Armee, trug Paradeuniform und hatte zu tun, die Bankette der Verbrüderung mit dem Nötigen zu versorgen. Das glutäugige kroatische Kindermädchen Minka fuhr Klein Anny mit dem zarten federnden Kinderwägelchen spazieren. Es war nicht lange vor jener Zeit, da Mackie zu Hamburg seine eifersüchtig geliebte kleine Schwester im Kinderwagen spazierenfuhr. Doch zu Pola auf der Hafenpromenade gab es mehr Augenweide als im Eilbecker Park.

Eine Menge netter Jungen der britischen Marine flanierte dort, und Tag für Tag gab es Platzkonzerte. Klein Anny staunte unter dem Spitzenmützchen hervor, und Vatis Bursche, ein vorbildlicher Steiermärker, begleitete den Spaziergang, teils weil er Zeit hatte und teils weil er zwischen den vielen fremden Blicken und dem feurigen Temperament seiner Minka abwegige Anknüpfungsmöglichkeiten ahnte. Sein kühles Gebirgsblut begann unter der heissen Sonne Istriens zu sieden in der Vorstellung, dass die österreichische Gastfreundschaft sich nicht allein in offiziellen Liebesbeteuerungen und Empfängen erschöpfen würde. Ein lustiger irischer Bootsmannsmaat kam des Weges, und strich mit seegrauen Augen bewundernd über Minkas niedliches Galionsantlitz.

Da ergrimmte das steirische Herz, das den zarten Spaziergang zu schützen gedachte, und der irische Maat fühlte plötzlich eine heftige Pranke in seinem Gesichtsfeld landen, was er natürlich nicht unverzollt hingehen liess. Und da er ein regelrechter Boxer war, welche Kunst in Britannien seit mehr als hundert Jahren volkstümlich ist (auf dem Festlande damals aber noch gänzlich in den Windeln lag), so wäre der Kampf wohl zuungunsten Österreichs entschieden worden, wenn nicht Klein Annys hellzwitscherndes, mörderisches Geschrei den Eingeborenen der grünen Insel ein wenig aus der Fassung und im nächsten Augenblick, dank der Aufmerksamkeit des Steirabuas, aufs Pflaster gebracht hätte.

Vielleicht ist es dieser, aus Annys Bewusstsein längst fortgewischte Vorfall gewesen, der sie später davon abhielt, je an Boxkämpfen Vergnügen zu finden. Obschon sie, als sie eben sprechen konnte und zufällig an Pola erinnert wurde, ihrer Minka geraten haben soll, den starken Mann zu heiraten.

Die Kriegsläufte kamen dazwischen, und es ist nicht mehr festzustellen, ob der Rat befolgt wurde oder ob das Schicksal derzeit nur, wie es oft tut, sich eine kleine Andeutung hatte leisten wollen für Späteres.

Mackie verdient Geld

Die Familie Schmeling zog nach Rothenburgsort, dorthin, wo Max seinen vielleicht ruhmvollsten Kampf gegen den tüchtigen österreichisch-amerikanischen Studenten, Allround-Athleten und Wirbelwind Steve Hamas austragen wird.

Während des Krieges war Mackies Vater bei der Marine eingezogen, und im Hause sah es nicht rosig aus. Da versuchte Mackie auf manche Weise Geld zu verdienen. Er wohnte derzeit mit Mutter, Bruder und Schwesterchen in der Hasselbrookstrasse (Hamburg-Eilbeck), und eben elfjährig, bewarb er sich auf eigene Faust in der Apotheke an der Wandsbecker Chaussee um einen Laufjungenposten. Seine Offenheit und Zutraulichkeit gefielen dem Apotheker und dessen Tochter, und Mackie blieb dort über ein Jahr.

Regelmässig lieferte er seinen kleinen Wochenverdienst in die Hände seiner Mutter, von den Trinkgeldern aber kaufte er jeden Sonnabend Blumen für sie.

Und man kann wohl sagen, diese kleinen bescheidenen Jungssträusse wiegen alle Blumen auf, die Mackie in späteren Jahren so reichlich empfangen durfte.

Die Lebensmittel wurden damals knapp, aber Mackie war immer rechtzeitig darauf bedacht, seinem Körper zu geben, was ihm gebühre. Somit erlag er eines Tages der Versuchung, eine Flasche Rahm und eine Flasche Lebertran-Emulsion mitgehen zu heissen. Da er sie zu Hause nicht zu vertilgen wagte, nahm er die Schätze mit in die Schule. Dort trank er den Rahm selber. Den Lebertran aber, der so ähnlich aussah, schenkte er grossmütig den Kameraden, die sich in der Pause reihum gütlich daran taten.

Dem kleinen Max bekam der Rahm glänzend. Die Emulsion aber war weniger leicht verdaulich. In der Stunde meldeten sich seine Mitschüler einer nach dem andern, um wegen Übelkeit einen stillen Ort aufzusuchen.

Das wollte dem Lehrer eine auffällige Sache scheinen, und er forschte nach, drang bis zu der geleerten Lebertranflasche vor, von da bis zu dem Spender und sodann, ungeachtet der flehentlichen Bitten: „Herr Fehse, ich will es auch wirklich nicht wiedertun, Herr Fehse!“ — bis zu dem gutherzigen Apotheker, der dann aber dem reumütigen Sünder verzieh und ihn behielt.

Damals jedoch dachte Mackie, er würde eines Tages Seemann werden wie sein Vater. Allzusehr lockten ihn die fernen Länder, von denen der weitgereiste Bootsmann so oft erzählt hatte.

Die Kartothek des Hamburger Seemannsamtes enthält übrigens nicht weniger als siebzehn Typen des Namens Schmeling, die alle zur See gefahren sind. Der Vater von Mackies Vater aber war Malermeister gewesen, und dessen Vater hatte die Militärkantine zu Stettin geleitet, war also in der preussischen Heeresverpflegung tätig gewesen und somit sozusagen ein vormärzlicher Kollege des Schwiegervaters seines Urenkels. Mütterlicherseits waren Mackies Grosseltern Bauern aus der Uckermark, in denen aber die Sehnsucht zu Höherem aufstand und sich der Kunstmalerei zuwandte, was teils in Berlin, teils in den Vereinigten Staaten sesshaft wurde. Aber auch der Bruder des Vaters steigerte die vererbte Grundlage der Farbenbehandlung ins Künstlerische, und dieser Onkel lebte in Hamburg.

Max in seiner weissen Marinebluse, die Schülermütze keck ein wenig auf das rechte Ohr gerückt, den breiten Sportgürtel mit dem doppelten Schlangenschloss eng um die Taille gezogen, verkehrte dort gern, zumal drei nette Kusinen das verwandte künstlerische Haus belebten.

Mackies aufkeimende Meinung, dass vielleicht Kunstmaler ein noch netterer Beruf sei als der des Seemanns, wurde von seiner Mutter kräftig unterstützt. Denn keine Seemannsfrau wünscht die Sorgen, die sie um ihren Mann gehabt, in dem Sohne noch einmal zu durchleben.

Der kleine Max wurde also für manchen Nachmittag einem Kunstmaler übergeben, sein Ehrgeiz aber gedachte die Kosten für den Unterricht selbst aufzubringen. Und das gelang ihm volle vier Wochen, indem er als Fremdenführer bei Hagenbeck wirkte. Er tat es heimlich und auf eigene Faust, seine Eltern hätten es ihm nämlich nicht gestattet, und da sein Fehlen nachmittags zu Hause aufgefallen wäre, verlegte er seinen neuen Posten auf die Vormittage. Er schwänzte einfach die Schule. Seine grosse Liebe zu Tieren, die ihn auch heute noch erfüllt, war sicher seiner Idee zu Hilfe gekommen.

Aber in der Schule roch man schliesslich Lunte. Der Schuldiener wurde zur Erkundigung ins Haus geschickt, und das zweckmässige Abenteuer war aus.

Max Schmeling sagt selbst darüber: „Ich fand dieses Vorgehen sehr hässlich, denn ich hatte jeden Tag einen Entschuldigungszettel durch meinen Bruder Rudolf abgeben lassen — dass ich für meine Mutter unterschrieb, geschah doch nur, um ihr eine Arbeit zu ersparen ... und noch lange Zeit spürte ich beim Sitzen die Folgen meiner Tätigkeit als Fremdenführer.“

Zu Ende des Krieges war Mackie schon ein stämmiger Junge und Mitglied eines Fussballvereins.

Seine Erkenntnis, dass es für einen Mann im Leben wichtig sei, Geld zu verdienen, hatte ihn nicht wieder verlassen. Er versuchte in der Zeit der ausserordentlichen Tabakknappheit einen flottgehenden Handel mit selbstgedrehten Zigaretten. Vielleicht kommt es daher, dass es ihm später nie schwer gefallen ist, sich des Nikotins zu enthalten.

Die Sache ging gut, bis er einmal im Dunkel des Wandsbecker Gehölzes seine Erzeugnisse versehentlich dem eigenen Vater zum Kaufe anbot.

Der hatte Humor genug, zu sagen: „Bitte, geben Sie mir zehn, aber dann scher dich nach Haus, Bengel!“

Ānnys erstes Theater

Annys Vater wurde, wie es bei aktiven Offizieren üblich ist, von einer Garnison in die andere versetzt, von Tarnow in Westgalizien, wo Anny geboren wurde, nach Pola, von Pola nach Theresienstadt, von Theresienstadt nach Prag.

Zwischen der Adria und der Nordsee erstreckte sich einst das alte deutsche Kaiserreich. Es gab einen alten deutschen Kaisertraum, Adria und Nordsee durch ein phantastisches Kanalsystem über Donau, Moldau und Elbe miteinander zu verbinden. Derselbe Kaiser gründete die erste deutsche Universität, nämlich die zu Prag. Prag liegt auf halbem Wege zwischen Süden und Norden. Manche sagen, es sei auf halbem Wege liegen geblieben und halten es, wie weiland der Triester Theodor Däubler, deshalb für eine zwiespältige, aber reizvolle Stadt. Und heute ist nicht Triest, heute ist Hamburg der Seehafen Prags.

Bei allen Übersiedlungen war Annys grösste Sorge, ihre umfangreiche Puppenfamilie auch ja vollzählig mitzubekommen. Ihre Lieblingspuppe hiess Leni, und die konnte die Augen auf- und zumachen und sagte, wenn man sie entsprechend bewegte, deutlich „Mama“. Im Wettbewerb mit dieser Süssen siegte aber eines Tages der Dackel „Satan“, ein schwarzes, wildes, unfolgsames und schlaues Rabenvieh, das sich von niemandem etwas sagen liess, ausser der kleinen Anny. Von Anny liess er sich sogar geduldig ankleiden, von Kopf bis Fuss, mit Lenis Kleid, Höschen, Strümpfen, Hut und Schuhen, und Leni sass nackt und starren Auges dabei. Diesen „Satan“ liebte Anny sehr, und wenn er Haue kriegte, weinte sie mit.

Er war die lebendige Auferstehung eines Stoffhündchens, das sie besessen hatte, als sie noch kleiner war. Das war ein Wunder von Hündchen gewesen: wenn man seinen Schweif drehte, ertönte eine kurze lustige Melodie.

Eines Tages war man zu Besuch bei Bekannten. Da lagen gerade ein paar ganz junge Hündchen im Korb. Sofort nahm Anny das nächste beste heraus und drehte es am Schweif, gerad als sei es ein Leierkasten. Leider musste sie mit Bedauern feststellen: es spielte nicht.

Einer von Annys Onkeln hatte die freundliche Gewohnheit, Klein Anny zur Begrüssung auf die Wange zu küssen. Wenn sie diesen netten Herrn beim Spaziergang von weitem kommen sah, sagte sie zu dem Kindermädchen: Minka, wisch mir rasch die Nase ab, Onkel kommt! — Denn sie wusste schon damals, was sie ihrem Äusseren schuldig sei.

In Prag war Anny schon so gross, dass sie zur Schule musste, und es wurde für sie die Klosterschule gewählt. Denn sie war ein kleiner Unband, der Tag für Tag Theater spielte und Tänzerin zu werden gedachte. Ergatterte sie ein weisses Stück Papier, so bemalte sie es mit zierlichen Tänzerinnen oder schnitt Tänzerinnen daraus, und schliesslich bewegte sie ihren älteren Bruder, ein Puppentheater für sie zu bauen.

Angeregt war solche frühe Neigung durch den verschiedentlichen Besuch des Nationaltheaters in Prag, wo es Sonntags nachmittags schöne Ballette und Märchen für Kinder gab. Kinos mit Kindervorstellungen kannte man damals noch nicht in Prag.

Annys älterer Bruder war technisch hochbegabt und ist jetzt Ingenieur der Eisenwerke zu Kladno. Es braucht kaum gesagt zu werden, dass es damals eine ausserordentlich prächtige Puppenbühne für seine kleine Schwester wurde. Die Puppen dazu machte Klein Anny selber, und zwar aus Kartoffeln. Sie bemalte sie süss und zog sie phantastisch an. Auch Tiere durften nicht fehlen; denn der Grossvater mütterlicherseits war Oberförster in den grossen Wäldern der Hanakei in Mähren. Obwohl die Beine des Bühnengetiers nur Streichhölzer waren, erschien Anny doch alles zauberhaft lebendig.

Hauptsächlich wurden Märchen gespielt. Es befand sich ein grosses altes Märchenbuch im Haus, in dem, wenigstens in der Erinnerung, alle Märchen gestanden haben müssen, die es in der Welt gibt. Aber das schönste darin war das Märchen vom Fliedermütterchen. Es hat kaum eine Handlung und ist ungemein schwer zu spielen, aber vielleicht gerade darum, weil es von allen Tollheiten frei ist, die so oft im Film verlangt werden, ist Andersens Fliedermütterchen bis heute Anny Ondras liebstes Märchen geblieben. Es kam soviel von Abschied und Wiedersehen darin vor, von der Fahrt des Liebsten übers Meer und von treuer Liebe.

Bald schrieb sie auch selber Stücke und erkor die Stube zur Bühne und stellte befreundete Kinder in den Nebenrollen an. Die Kostüme waren aus Seidenpapier, aber heimlich wurde manchmal der Kleiderschrank der Eltern ausgeräumt, und die würdigen Uniformen der einstigen k. u. k. Armee und die Ballkleider der Mama dienten dann dem Hofstaat der Könige und Königinnen in Annys Kindertheater.

An der Moldau, in den ausgedehnten Grünanlagen, befindet sich auch ein Planschbecken für Kinder, so schön, wie es Mackie zu Hamburg im Stadtpark nicht mehr geniessen konnte, da er schon zu gross war, als man hier solcherlei eröffnete. Längst badete er schon lieber in der Elbe. Er war ein kräftiger Schwimmer. Aber wenn man dem romantischen Gedanken folgen will, der sich aus der unaufhaltsamen Verbindung von Moldau und Elbe ergibt, so mag es sein, dass Mackies Schicksal schon sehr früh auf dem Wasserwege einen unbewussten zarten Strömungshauch verspürte von einem blonden hübschen kleinen Prager Mädchen, das auch das Wasser liebte.

Dort in den Moldauanlagen durfte Anny eigentlich nicht spielen. Alle Mütter pflegen dem Sprichwort „Stille Wasser sind tief“ unbedingt zu trauen, aber dass ein von vielen Patschbeinen unruhiges Planschbeckenwasser nicht tief sei, wagen manche Mütter nicht zu glauben. Anny aber zog es dorthin. Erstens stand dort ein grosser, alter Holunderbusch, der just aus Andersens Fliederteemärchen zu stammen schien. Und zweitens hatte sie ein nettes kleines Mädchen kennengelernt, das zu diesem Märchen passte und zudem entfernt etwas vom Theater geäussert hatte, sich auch überdies ungewöhnlich zierlich zu bewegen wusste. Es tanzte sozusagen Ballett mitten in dem kleinen himmlisch flachen Anlagensee, vermochte auch wie eine zarte Marmorstatue unbeweglich eine Nixe oder einen Schwan darzustellen. Anny blieb der Atem weg vor Entzücken. Sie wartete Tag für Tag auf nähere Offenbarungen. Nein, sie mochte nicht fragen, um nicht die leise Ahnung, die sie hegte, vielleicht zu bald zerstört zu sehen.

Eines Sonntags nun in der Aufführung der „Puppenfee“ sah Anny zu ihrem Erstaunen und unbeschreiblichen Jubel, dass die Planschbeckenfreundin einer der kleinen Stars auf der Bühne sei. Da hatte ihr Herz keine Ruhe mehr, heimlich musste Lusette ihr alle Übungen und Schritte zeigen, und es dauerte nicht lange, da konnte auch Anny Spitze tanzen und allerhand akrobatische Tanzkunststücke. Ihre Eltern konnten sich gar nicht erklären, woher sie solches habe.

„Klopfet an, so wird euch aufgetan“

Es behagte Mackie nicht in der Eilbecker Schule, und er setzte es durch, wieder nach Rothenburgsort zu kommen. Wie er auch später keinen langen Weg gescheut hat, um zu erlangen, was er wollte. Er wurde in der Eilbecker Kirche konfirmiert, und der Tag war festlich geschmückt durch die Anwesenheit seiner drei munteren Kusinen. Der Spruch, den ihm der Pastor mit auf dem Weg gab, hiess: „Klopfet an, so wird euch aufgetan.“ Kein schlechtes Omen fürwahr für seinen späteren Beruf.

Auch für das, was er nun erstmal wurde, war es ein gängiger Spruch. Das Kunstmalen hatte er nach zwölf Monaten aufgegeben. Danach hatte ihm eine Weile vorgeschwebt. Förster zu werden, denn sein verehrter Onkel war nebenbei auch ein leidenschaftlicher Jäger. Die Mutier jedoch riet ihm notgezwungen von der langwierigen Laufbahn ab, und das ganz energisch. Somit wurde er Stift in einer Anzeigenvertretung, die mit dem Hamburger Fremdenblatt zusammenarbeitete.

Es war das Jahr 1920. Mit Mühe war der Bürgerkrieg in Deutschland in seinen Anfängen erstickt worden. Und langsam überpinselten Wind und Wetter und Sott die weissen Wunden, die dem Hamburger Rathaus von den zahlreichen Einschlägen durch Maschinengewehr- und Flintenkugeln der Aufständischen zugefügt worden waren. Jedermann, der nach langen trüben Jahren noch lebte, freute sich des Daseins, so gut es ging. Singend und klampfend zog Mackie in die Lüneburger Heide, falls er die Sonntage nicht nötiger für seinen Sportklub St. Georg brauchte, wo er Torwart der zweiten Schülermannschaft war. Die Hamburger Kaufmannschaft begann den Nacken neu zu steifen. Die Hamburg-Amerika Linie erhob sich aus kläglichen Resten. Sie willigte in eine Gemeinschaft mit dem amerikanischen Harrimankonzern und legte damit den Grund zu einem neuen Aufstieg, der die Welt bald in Erstaunen setzen sollte.

Mackie war sechzehn Jahre und für sein Alter ungewöhnlich gross und kräftig. Der Kontorbock schien ihm kein rechtes Streitross zu sein für seinen Wagemut. Der Sportverein, der sich allmählich zum Ringerklub gewandelt hatte, war allerdings geeigneter, um sich richtig auszutoben, und bald war Max dort der Hauptmacker.

Eines Tages wurde er ausersehen, in einem öffentlichen Ringkampf die Ehre seines Vereins gegen einen um neun Jahre älteren Gegner zu verteidigen. Der Kampf sollte an einem Sonntagvormittag stattfinden. Schon um sechs Uhr morgens erhob sich Mackie aus den zerwühlten Federn, er, der gern an Feiertagen bis Mittag schlief. Seine Mutter merkte, dass etwas im Busche sei. Nach längerer Auseinandersetzung, bei der Mackie sein Vorhaben nicht leugnete, aber auch nicht davon abzubringen war, schloss sie ihn kurzerhand und gnadenlos in sein Zimmer ein.

Und während zu Prag Klein Anny, schon ein halber Backfisch, vor dem Nationaltheater wartete, um einen Platz zu ergattern und Lusette zu sehen, sass Mackie dumpf und hilflos in seiner nördlichen Kammer und sah seine Ringerlaufbahn auf ewig abgebrochen. Er schämte sich tatsächlich so vor seinem Verein, dass er sich dort von da ab nie mehr blicken liess.

Dennoch ist er einmal öffentlich als Ringer aufgetreten, und zwar bald danach. Es war auf dem Wandsbeker Pflaumenmarkt, einem munteren Herbstrummel, nahe Hamburgs Grenzen, der nicht weit von der Wirkungsstätte des aller Gewalt so abholden Mondbesingers Matthias Claudius vor sich zu gehen pflegte. Mackie nahm dort die übliche Herausforderung des Direktors einer Artistenbude ernst und legte „Bully, die Eiche Deutschlands“, nachdem er sich überzeugt hatte, dass sie zu fällen sei, zu Beginn der zweiten Runde auf die Schultern. Leider liess der „Direktor“ im gleichen Augenblick den Gong erschallen und verkündete, die Zeit sei überschritten, welche Auffassung eines dehnbaren Begriffes mangels vorangegangener Verträge schwer zu widerlegen war. Somit gingen Max die bei seinem ersten öffentlichen Sportsiege ausgelobten hundert Mark aus der Nase. Er zog daraus die Lehre, dass es besser sei, von da ab sich an keinem öffentlichen sportlichen Kampf ohne gehörigen Vertrag zu beteiligen, und obwohl ihn nun zum ersten Male der Beifall des Publikums umschmeichelt hatte, so fand er doch, dass ausgerechnet mit dem Ringen nicht das wahre Glück für ihn verbunden sei, und deshalb lernte er Boxen.

Mit dem Boxen war es nun zuerst noch nicht weit her. Es handelte sich da erstmal um das, was man an der Wasserkante unter den Befahrenen so Boxen nennt. Es war englische Überlieferung mit einem gehörigen Schuss Rum und Kautabak; von adligem Stil konnte keine Rede sein, man gab und nahm so richtig aus der Plünnenkiste, haste was kannste. Gewiss, da gab es so eine kleine Schrift: „Der perfekte Faustkämpfer“ oder „Die Kunst der Selbstverteidigung ohne Waffen“. Da las man auch richtig von Haken, Schwingern, Uppercuts, Geraden, von Clinch und Beinarbeit, von Unzen, Bandagen hart und weich, von „Nierenschützern“ aus Aluminium, von Schuhen aus „Kautschuk, die einen leichten, federnden Tritt geben“, von Sandsack und Lederbirne und der geradezu akrobatischen Arbeit daran, und es war auch von den internationalen Regeln der Runden und Pausen die Rede und von der dazu gehörigen Massage vor, während und nach dem Kampfe und auch, dass man frisches Kalbfleisch auf die geschwollenen Stellen legen solle, um sie zum raschen Abziehen zu bringen. Das war alles ganz schön, und man konnte stundenlang darüber sprechen. Man sah auch manchmal im Edentheater ein Kraftweib auftreten, das in grosser Abendrobe anfangs weisse Tauben aus einem Goldfischhafen hervorzauberte und danach, noch diese zarten Geschöpfe auf der Schulter, einen tadellos aufgehängten Lederball zu bearbeiten begann, bald mit den Fäusten, bald mit den Ellenbogen, den Schultern, dem Busen, dass es nur so schnurrte und flimmerte. Die Dame lud auch Herren aus dem staunenden Publikum ein, es ihr nachzumachen. Nur einer soll es einmal fast so gut wie sie gekonnt haben: Mackie. Er war froh, endlich einmal ein so teures Stück unter die Knöchel zu kriegen; denn in seinem Sportverein gab es dergleichen noch nicht, sondern im Anfang wurde das einzige Paar Handschuhe, das vorhanden war, jedesmal unter die beiden Kämpfer dem Los nach verteilt, und da, wie die Sage geht, Mackie meistens den Rechten zog, wurde seine Rechte frühzeitiger geschult und früher hart als die Linke. Und weil für Nachkuren das teure Kalbfleisch nicht in Frage kam, lernte er früh, sich trefflich vor allzu unzarter Berührung der gegnerischen Pfoten zu wahren und im übrigen, sozusagen durch „Selbstbesprechung“, seinem Schädel anzugewöhnen, harten Schlägen die Wirkung einfach nicht zu gönnen, sondern sich zu einer stählernen Maske auszubilden. Es ergab sich, dass Max körperlich und geistig ungewöhnliche „Konzentrationskraft“ besass. Er war geradezu vorbildlich für den Boxsport begabt. Wohin das führen würde, ahnte noch niemand, und auch er selber noch nicht.

Es wird ernst mit dem Theater

Es war mitten in jenem reissenden Währungsabsturz, der alles, was auf dem europäischen Festlande am Kriege beteiligt gewesen war, unbarmherzig erfasste. Anny war zwischen dreizehn und vierzehn, und das Leben in der jungen Tschechoslowakei liess sich bunt und laut und zukunftsreich an. Der Begriff Geld, der die Ohren des hübschen Backfisches zum ersten Male märchenlos berührte, erging sich in ungeheuerlichen, Tag für Tag wachsenden Zahlen. Aber die Gegenwerte, die den Bedarf des Lebens an Nahrung, Kleidung und Krimskrams ausmachen, wurden immer dürftiger.

Annys Eltern hatten ein kleines Vermögen in der österreichischen Kriegsanleihe verloren; die Inflation bot ihnen keine Möglichkeit, es neu zu erwerben. Darum waren sie schliesslich froh, als Anny schon vor dem Verlassen der Schule — gleich ihrem späteren Gatten — etwas zum Unterhalt des Hauses beitragen konnte. Klein Anny hatte nämlich auf der erwähnten Planschwiese noch eine andere Bekanntschaft gemacht. Das lustige Geschöpf war nämlich ganz zufällig dem Spielleiter des Svanda-Theaters aufgefallen, gerade als sie einige Schritte, die ihre Ballettfreundin wunderschön vorgemacht hatte, in einer ungewöhnlich drolligen Anmut nachtanzte. Der Herr fragte nach dem Namen des netten Mädchens, indem er nicht die Gefahr scheute, dabei eine kleine Dusche an Planschspritzern abzubekommen. Er setzte sich mit den Eltern in Verbindung und erhielt die Erlaubnis, dem hübschen Kinde den ersten dramatischen Unterricht zu geben. Bald trat die kleine Anny Ondra schon in Kinderrollen auf und verdiente somit ihre ersten, wenn auch bescheidenen Honorare. Anny, von früh auf ausserordentlich gewandt, konnte damals schon schwimmen, radfahren, eislaufen und reiten. So lernte Lamač sie kennen. Karel Lamač (sprich Lamatsch), von Haus aus Pharmazeut, hatte schon während des Feldzuges sich mit der Kamera beschäftigt und Wochenschau-Aufnahmen im Kampfgelände gedreht. Die Prager „Exzelsior“-Filmgesellschaft, eine Gründung gleich nach dem Kriege, verpflichtete ihn als technischen Leiter. Bald spielte er selber, und im Laufe weniger Jahre stellte er zu Prag und Wien in rund siebzig Filmen die Hauptrollen dar, hatte auch schon manchmal Regie geführt, als er Anny entdeckte. Ein rechter Schauspieler, ein begabter Spielleiter, Verehrer amerikanischer Groteskfilme, ein lebhafter Bohemien von Natur (auch der Geburt nach in der tatsächlichen Bedeutung des Wortes), ein unerschöpflicher Witzbold, ein leidenschaftlicher Liebhaber und Gestalter komischer Einfälle und auch von technischer Erfindungsgabe, erkannte er Anny Ondras ungewöhnliches Filmtalent und war von bestimmendem Einfluss auf ihr Können und ihre Laufbahn.

Er war einer der ersten, die sich in der Tschechoslowakei an den Film getrauten, der eben erst aus der Ebene der Artisten und Schaubuden zu einer ernsthafteren Beachtung durch die Öffentlichkeit gedieh und sich zu künstlerisch ehrgeizigeren Zielen aufzuschwingen begann. Es gehörte damals Mut dazu, und man setzte seinen Ruf aufs Spiel. Anny aber betrat furchtlos und vertrauensvoll mit ihrem Entdecker den noch unsicheren Weg. Beide haben es nicht zu bereuen gehabt. Sie sind einander künstlerisch treu geblieben, und man kann wohl sagen, dass innerhalb der Grenzen, die der grotesken Wirkung in aller Welt nun einmal gesetzt sind, Lamač für die Ondra eine durchweg glückliche Hand bewiesen hat.

Anny wurde durch ihn die Clara Bow Europas, doch mit dem einen Unterschied, dass sie den Vorteil der Jugend hatte und in allem ein wenig liebreizender blieb als die tolle Amerikanerin und auch, dass im Laufe der Entwicklung jene Innigkeit ihres Spiels möglich wurde, die eben deutsch ist und nicht amerikanisch.

Mit vierzehn Jahren spielte Anny Ondra ihren ersten Film. Es war ein dreiaktiges Lustspiel und hiess „Gillis Abenteuer“. Eine kostbare Sache war es noch nicht. Die Herstellung durfte nicht viel mehr als das Material kosten. Jeder Meter Film war genau berechnet, und verpatzte Stellen wurden keineswegs zweimal gedreht. Es gab auch noch kein Filmatelier damals in Prag, alle Szenen spielten auf der Strasse oder in einem Park. Lamač benutzte für seine Aufnahmen vorzugsweise den Hof seines eigenen Hauses, ab und an auch einen grossen verlassenen Garten an der Moldau.

Der Kameramann hiess Heller, und das Kleeblatt Lamač-Ondra-Heller ist bis auf den heutigen Tag kameradschaftlich beieinander geblieben.

Damals die ersten Filme wurden in einer alten Badewanne entwickelt. Trotzdem waren die Bilder nicht schlecht, und zumindest die drei Hersteller waren ausserordentlich begeistert. Doch auch den Zuschauern in den paar düsteren Prager Kintöppen schien das Erzeugnis, und zumal die lustige und liebreizende Anny ebensogut zu gefallen oder gar noch besser als alle auswärtige „Produktion“, deren Spitzenleistungen damals aus dem Norden kamen und herrlich waren von dem tragisch so unvergleichlichen Spiel der Asta Nielsen.

Ein Typ wie Anny Ondra war das gerade Gegenteil von der dunkeln Leidenschaft und Schwermut einer Asta Nielsen. Die Welt lebt von Gegensätzen, und somit durfte Anny, eben 15 Jahre, in dem nächsten Lamač-Film die Hauptrolle spielen.

Es war ein vielsagender Titel: „Mädchen, die sich nicht verkaufen“. Ihr war es gleich, wenn sie nur spielen durfte. Sie war der rechte Kobold, den Lamač brauchte, zierlich, schlank, von übermütiger Behendigkeit, blondwuschelig, mit einem süssen Kindergesicht, mit einem runden Mund und noch runderen hellen Augen, die unglaublich erstaunt und unschuldsvoll in die Welt zu blicken vermochten, indes die zarte Gestalt sich in den damals eben eingeführten amerikanischen Tänzen in unglaublichen akrobatischen Kapriolen erging.

Die Kostüme zu diesem Film wurden zu Hause genäht. Es muss gesagt werden, dass die kleine Diva eine geschickte Hand hatte, man sah es schon an ihren frühen Zeichenkünsten. Ja, sie hatte sogar hausfrauliche Neigungen und scheute sich nicht, ihre Strümpfe selber zu stopfen und ihre Knöpfe selber anzunähen, oft auch ihre Kleider selber herzustellen. In diesem Falle zog sie bei dem Umfange der Arbeit alle ihre Schulfreundinnen zur Hilfe heran, und alle durften dafür mitspielen.

Es wurde ein grosser Erfolg. Die Prager zeigten sich rührend dankbar, dass die junge tschechische Nation ihre eigene Filmindustrie begonnen hatte und Land und Leute und Blut und Boden nationaler Gattung zu Themen wählte.

Sehr viele Filme entstanden damals, die meisten wurden in vier bis sieben Tagen gedreht.

Gleich im ersten Jahr ihrer „Filmtätigkeit“ bekam Anny eine Einladung der Filmgesellschaft Sascha nach Wien. Sie sollte dort vorspielen; ihre Mama begleitete sie, aber es wurde nichts als eine Enttäuschung. Wie gross und frech war die Welt zu Wien! Nein, da konnte sich ein kleines Mädchen nicht wohlfühlen.

Anny war froh, wieder in Prag zu landen, wo inzwischen nun doch ein Filmatelier entstanden war. Zwar war es nichts weiter als die alte hölzerne Scheune einer Brauerei, wo früher Hopfen getrocknet wurde, zwar wurden vorerst nur alte Theaterkulissen dafür zurecht gemacht, und mit der Beleuchtung haperte es anfangs auch. Es war ein Unternehmen, das das Missfallen einer jeden Feuerpolizei erregt hätte. Dennoch wurden hier Hunderte von Filmen gedreht, und noch 1931 wurde dort gefilmt (wenn auch nicht mehr mit Anny), ohne dass je etwas passiert wäre.

Max geht auf Wanderschaft

Wie gesagt, Büroarbeiten waren nichts für Max. Er musste mehr frische Luft um sich haben, und seine Arme sehnen sich nach anderen Lasten, als es Federhalter, Briefmarken, Bestellzettel und Kontobücher ihm sein konnten. Er wurde Arbeiter in einem Hamburger Rohrbogenwerk. Dort wurden riesige Eisenplatten mit Gasbrennern zu Rohrstücken gewölbt. Das behagte Max eine Weile ganz gut, bis er sich eines Tages die Hand so übel verbrannte, dass er die weitere Neigung zu dieser Art Beschäftigung verlor. Es fiel ihm ein, wie anders doch sein Vater gelebt habe, und er spürte, das Erbteil, das er in sich trug, hiess: Sehnsucht in die Weite. Seine Mutter verstand ihn, und da er versprach, niemals Seemann zu werden, schnürte sie ihm den Pappkarton, versorgte ihn mit einem dicken Paket deftiger Butterbrote und wünschte ihm viel Glück. Er fuhr nach Düsseldorf, um bei den Eltern eines Hamburger Sportfreundes zu wohnen.

Nun begann eine harte Schule für ihn. Schliesslich wurde er Arbeiter bei einer Hoch- und Tiefbaufirma. Er schaufelte, schuftete und grub, drehte Winschen, mischte Zement, bohrte Brunnen und legte Rohre. Das bekam seinen Muskeln und seinem Appetit vortrefflich, obwohl es nicht immer gross was zu beissen gab. Auch Freizeit gab es wenig, aber selbst in dieser kargen Freizeit verlangte sein Körper nach Betätigung. Somit wurde er Mitglied eines „Ring- und Stemmklubs“ zu Benrath, in welchem Ort seine Firma einen grösseren Auftrag auszuführen hatte.

Mit kaum glaublicher Zähigkeit widmete er sich seiner sportlichen Fortbildung, rang, boxte und trieb Leichtathletik.

Manchen Sonntag aber zog er mit einem ehemaligen Artisten auf die Dörfer, und die beiden auf den kleinen Bühnen der ländlichen Tanzsäle erstaunten die Menge mit „sensationellen Attraktionen“, indem sie Nägel mit der ungeschützten Hand in ein Brett schlugen, Ketten zerrissen und Hufeisen verbogen, hin und wieder auch einmal ein bisschen boxten.

Max war es eben gewohnt von Jugend auf, seine Fertigkeiten nicht nur zum Vergnügen auszuüben, sondern vielmehr das Vergnügen durch Zweckmässigkeit zu steigern.

Boxen, das war ein Sport, der vor dem Kriege in Deutschland als roh und blutig öffentlich verboten gewesen war und der übrigens heute noch in den Vereinigten Staaten fast überall der behördlichen Genehmigung bedarf, sobald es sich um öffentliche Kämpfe handelt. Nach dem Kriege änderte sich die deutsche Einstellung. Deutsche Kriegsgefangene hatten in England, zumal auf der Insel Man, den Faustkampf sozusagen aus Verzweiflung und Langerweile gelernt. Prenzel, Breitensträter, Grimm, Naujoks, Wiegert, Dubois, Huber, Koch, Möller, Spörl, das hauptsächlich waren die ersten, die in Lederhandschuhen zu Hamburg, Berlin oder Köln auf das „Ring“ genannte, hanfseilumspannte rechteckige Podium vor das Publikum traten, und Otto Flint, ein Verwandter der berühmten Taucherfamilie, der schon vor dem Kriege bedeutendes boxerisches Können erlangt hatte, wurde der erste deutsche Schwergewichtsmeister.

Durch seine Baufirma kam Max nach Köln. Dort lernte er seinen ersten richtigen Boxlehrer Adolf Dübbers kennen. Er hatte eine Menge allzu privater „Boxauffassung“ abzulegen. Er musste sozusagen ganz von vorn anfangen. Aber er lernte rasch. Dübbers fiel von einem Erstaunen ins andere. Und bald lagen auch die ersten „Gegner“ auf den Brettern.

Wo etwas geleistet wird, stellen sich die Manager ein. Zwischenhandel gibt es nicht nur in der Wirtschaft, sondern ebensogut in der Kunst und im Sport. Der Manager und Agent eines Artisten zum Beispiel ist sozusagen sein Makler und Spediteur und oft auch sein Bankier. Nicht viel anders ist es beim Film. Und nicht viel anders im Berufssport, zumal bei den Boxern.

Damals verdienten einige Boxer selbst in Deutschland schon ansehnliche Summen, so zum Beispiel der Gentlemanfighter Prenzel und auch Breitensträter, der blonde Hans. Summen von zwanzigtausend bis fünfundzwanzigtausend Mark als Kampfbörse. Max schwindelte es, wenn er sich das vorstellte. Aber es war nicht nur die Sehnsucht, Geld zu verdienen, die ihn anspornte. Der erste Beifall lag ihm in den Ohren, Ehrgeiz brannte in ihm. Er wollte zeigen, was er konnte. Sein Vater hatte die weite Welt gesehen, und auch sein Herz schlug für grössere Horizonte, als Adolf Dübbers und als sein erster Manager Abels ahnten.

Es war um die Zeit, als der Fiskus ebenfalls seinen Anteil an den steigenden Boxunternehmungen suchte. Mit einem Schlage aber vermochte das die Entwicklung abzudrosseln. Die Kämpfe wurden seltener; das durch die Lustbarkeitssteuer vergrösserte Risiko schreckte viele Veranstalter ab.

Auch kamen immer weniger Ausländer in den deutschen Ring. Die fortschreitende Geldentwertung machte ihre Bezahlung fast unmöglich.

Es war das Jahr 1924.

Damals schon gab es eine Fachzeitschrift des Faustkampfes: „Der Boxsport“. Der Hauptschriftleiter hiess Arthur Bülow. Unter den Mitarbeitern sah man auch den einstigen Hamburger Seemann Walter Rothenburg.

Rothenburg war einer der frühesten Boxveranstalter nach dem Kriege. Jetzt sah er sein Geschäft dahinsinken, und da er auch ein fruchtbarer Lyriker war, erleichterte er sein Herz mit einem Gedicht, dessen melancholische Überschrift lautete: „Unheimliche Ruhe“.

Der grosse Bauernfilm

Im Filmgeschäft aber begann es lebhafter zu werden. Und die Suche nach den grossen Themen begann. Da ist zum Beispiel das Gebirge. Und, nicht wahr, das deutschsprachige Gebirgsbauerntum ist seit jeher beliebt gewesen, teils wegen der Tracht, teils wegen des freiheitlichen Charakters und teils als Musikkapelle für bürgerliche Bierlokale.

In Norddeutschland singen schon die ganz kleinen Mädchen, wenn sie im Kreis auf der Strasse spielen:

„Die Tiroler sind lustig, die Tiroler sind froh.“

Peter Rosegger hat uns, da wir noch jung waren, mit den Geschichten vom Waldbauernbuben ans Herz gegriffen, Ludwig Thoma vermochte es auf bayrischer Grundlage später, als wir erwachsen waren (für andere war es Ludwig Ganghofer). Der grossen Literatur und Bühne aber hatte Karl Schönherr die Söhne der Berge entdeckt und hatte ihnen dort Raum und Gehör geschaffen schon vor dem Kriege.

Was Wunder, dass nach dem Dauererfolg von „Glaube und Heimat“, „Volk in Not“ und „Weibsteufel“ unruhige Gehirne auf den Gedanken kamen, mit solch zügigen Themen auch im Film auf Erfolg zu pirschen.

Eines Tages tauchte in Prag ein unternehmungslustiger Regisseur aus Wien auf. Er gedachte — lange vor Luis Trenker — das Gebirge nun auch für den Film zu entdecken und ein Tiroler Lustspiel zu drehen. Im Café Rococo, wo sich alles traf, was mit dem Film zu tun hatte, zeigte der kühne Mann stolz eine Filmzeitung herum, deren Titelseite er in vielversprechender Pose schmückte. Das erregte allseitiges Aufsehen, Wohlwollen und Vertrauen.

Der Mann schien wirklich etwas zu verstehen, denn er vermochte in kurzer Zeit einen Geldgeber für sein gewagtes Unternehmen aufzutreiben, und zwar war es sinngemäss ein gutgläubiger Grossbauer, der die glänzenden Versprechungen des künstlerischen Herrn ernst nahm und hoffte, durch Förderung einer ihm halb unverständlichen flimmrigen Errungenschaft nicht nur dem Ansehen seines altehrwürdigen Standes, sondern auch seinem Geldbeutel dienen zu können.

Anny durfte sich glücklich preisen, mit der Hauptrolle beauftragt zu werden. Das grollende Andenken an Wien wandelte sich in eitel Sonne. Freudestrahlend teilt sie es ihrer Mutter mit. Bei der schwankenden Valuta schien es ihr ein fürstliches Angebot zu sein, obwohl es nur sechshundert tschechische Kronen Honorar sein sollten. Es war gesagt worden, dass sie sich überdies ein Dirndlkleid nähen lassen dürfe.

Der Film wurde in einem Bretterverschlag gedreht, die Kulissen aus Leinwand waren von einem Theater geliehen; die Ausstattung sollte nämlich kein unnützes Kapital verschlingen.

Die Darstellung ist die Hauptsache, sagt der smarte Wiener.

Anny tat, was sie konnte, aber es war doch keine rechte Freude für sie; die richtigen Partner fehlten, die Leitung versagte, der Hauch der Armseligkeit lag von Anfang an über dem Unternehmen. Vorschuss gab es nicht; aber die Gelder verschwanden trotzdem.

Sehnsüchtig wartete Anny auf den letzten Drehtag. Nach der letzten Szene stürzte sie in das sogenannte Büro dieser zwischen Acker und Asphalt gegründeten Filmgesellschaft. Das „Büro“ befand sich in einem alten Hutladen und wurde von der Tochter des bäuerlichen Hauptgeldgebers geführt. Aber wie gross war Annys Schreck und Enttäuschung, als ihr erklärt wurde, sie habe nichts zu bekommen, sondern im Gegenteil. Das Dirndlkleid habe sechshundertfünfzig Kronen gekostet, folglich schulde sie der Firma noch fünfzig. Da half kein Bitten, kein Flehen. Der Bauer, der sein Geld hatte davonrinnen sehen und ahnungsvoll fühlte, dass es auf Nimmerwiedersehen zum Teufel sei, blieb unerweichlich. Und Anny brauchte so notwendig neue Schuhe, und die Mutter würde sie nie wieder filmen lassen, und die grossen Brüder sähen es überhaupt schon längst nicht mehr gern ...

Anny schlief die ganze Nacht nicht, sie überlegte, wo sie das Geld herleihen könne, um die Mutter nicht zu enttäuschen.

Es fiel ihr kein anderer Ausweg ein als Lamač. Lamač musste helfen. Zwar war sie ihm sozusagen weggelaufen, war den Lockungen der unbekannten Wiener Kanone erlegen; nun sass sie reumütig weinend in den Kissen.

Lamač spielte nicht lange den Gekränkten. Er, der selbst nie verstand, den Vogel Pinkus als zahmen Kanarienvogel bei Haus zu halten, brachte es dennoch fertig, Anny in diesem entscheidenden Fall unter die Arme zu greifen. Wer weiss, ob sie nicht sonst irgendeinen der biederen Berufe ergriffen hätte, die sie in manchen ihrer Filme spielt, und ob der Aufstieg, der in diesen Filmen sich so freundlich zur Höhe zu ergeben pflegt, auch in der harten Wirklichkeit sich dann noch eingestellt hätte.

So aber war die Familie Ondra angenehm davon zu überzeugen, es sei mit dem Firlefanz des Filmens vielleicht eines Tages schlicht und bürgerlich tatsächlich ein Auskommen für die liebe kleine Anny zu erzielen.

Der grosse Wiener Tiroler Bauernfilm hat übrigens das Licht der Uraufführung nie erlebt. Doch hatte er ein Nachspiel. Der Grossbauer und seine Freunde, die derzeit fast ihr ganzes Vermögen verloren hatten, boten viele Jahre später, als Anny schon einen Namen hatte, besagten unglücklichen Film verschiedenen Gesellschaften an. Sie wurden überall abgewiesen und kamen auf den Einfall, alle Schuld auf die Hauptdarstellerin zu schieben, wollten alles ersetzt haben und behaupteten, nur durch gerade diesen Film sei Anny so gross geworden.

Noch heute haben die Tiroler Bedrohungen nicht ganz aufgehört.

Neue Sterne

Die Boxergrössen der ersten Zeit: Flint, Sabri Mahir, ja auch Prenzel und Breitensträter, begannen ihren Zenit zu überschreiten. Es war ein neuer Mann aufgetaucht von jenseits des grossen Teiches, ein Deutscher, der mit sächsischamerikanischem Tonfall sprach, ein stämmiger Typ mit zerhauenem Gesicht, ein rechter Kerl, der aussah wie ein von Wind und Wetter zerzauster Seefahrer. Es war Paul Samson-Körner. Er hatte erfolgreich mit Tunney gekämpft (bevor Tunney so berühmt war), er war in Dempseys Trainingslager Sparrings-Partner gewesen. Er war mit allen Wassern der grossen amerikanischen Kampfüberlieferung gewaschen.

Man glaubte das alles nicht recht in der Heimat, nahm ihn nicht ernst, man ulkte ihn an. Dann schlug er Breitensträter, und er schlug auch Flint, und das schon in der ersten Runde, und endete damit den bedeutenden Weg dieses verdienten Pioniers des deutschen Boxsports.

Walter Rothenburg sah den neuen Mann und spürte die Chance: er unternahm es, den einsam dastehenden neuen Boxmeister auf die rechte Probe zu stellen. Dieser „Amerikaner“ war doch schon Mitte dreissig. Wie war es möglich, dass er sich so lange halten konnte, wo jeder andere mit dreissig die besten Möglichkeiten hinter sich zu haben pflegt. Er stellte ihm den jungen, wuchtigen, ungestümen Rudi Wagener gegenüber und inszenierte damit den ersten grossen Hamburger Boxtag. Samson stach dem jungen Mann nach der dritten Runde eine ganz kurze Rechte aufs Kinn, und aus war es.

Und dann war da noch einer, ein Kölner, namens Domgörgen. Er hatte 1922 einen der grossen Kämpfe der deutschen Boxgeschichte gegen einen Düsseldorfer, namens Steffgen, geliefert. Er hatte in der dreizehnten Runde gesiegt, obschon der Unterlegene nicht aufgeben wollte.

„Wir haben uns so geschlagen“, äusserte Domgörgen später nicht ohne Stolz, „dass das Blut in die Schuhe lief.“

Max Schmeling sah sich um. In ein, zwei Jahren war er plötzlich vorhanden. Er hatte die „Vereinsgegner“, die „Lokalen“ und einige mehr unter den Hämmern seiner Fäuste gehabt, und sie halten nicht lange gemuckt. Nun durfte er sich wahrhaftig schon umsehen.

Samson? Schön! — Domgörgen? Nicht schlecht!

Trotz aller Fanfaren fühlte er keine Angst vor diesen Namen. Auch sah er heimlich keinen Leitstern in ihnen. Seine Vorbilder leuchteten auf höheren Breiten. Dempsey, Tunney, das waren Gestirne, denen eines Tages gleich zu glänzen in ihm eine brennende Hoffnung wuchs.

Nur immer ran! dachte er wie so ein richtiger Hamburger Hafenbuttje.

Der grosse Liebling des Boxsportpublikums, Kurt Prenzel, dessen letzter grosser Kampf (gegen den Berliner Milenz) selbst im schönsten August den Sportpalast hatte füllen können, zog sich vom Podium zurück, um seine vielfach gebrochenen Handgelenke völlig auszukurieren und sich der Filmdiva Fern Andra ehelich zu widmen. Und auch der blonde Hans ging langsam unter am Himmel des Ruhms.

Neue Blutzufuhr war nötig, und unter den jungen Anfängern, die da über Nacht aufgekommen waren, war auch Max Schmeling. Eine Woche nach seinem neunzehnten Geburtstage, am 4. Oktober 1924, stand er zum ersten Male einem Amerikaner gegenüber, einem Neger namens Rocky Knigth. Er überwand ihn in acht Runden nach Punkten.

Die Presse aber war dem Neuling noch nicht gewogen. Sie liess den Verdacht der Schiebung durchblicken, gänzlich zu Unrecht. Auch im Boxen wird jede neue Begabung erst einmal mit Misstrauen angesehen. Immerhin lag jene Zeit, da es wirkliche Schiebungen im Ringe gab, noch nicht lange zurück.

Im gleichen Jahr noch gewann Max gegen zwei weitere Nigger und gegen sieben weisse Gegner. Elf Kämpfe bestand er von August bis September, alle gingen siegreich für ihn aus, bis auf einen, und der fand ausgerechnet in Berlin statt, im Sportpalast. Der tüchtige Berliner Diekmann stand ihm gegenüber und schlug ihm in der zweiten Runde das Ohr auf, so dass eine Blutfontäne hoch aufspritzte. Max musste aufgeben.

Es war nur ein Beikampf neben grösseren an diesem 10. Oktober. Die Kanone Breitensträter trat an gegen den Australier Cook, Rudi Wagner gegen Spalla, und der Türke Sabri Mahir, der nach dem Kriege neben Flint Deutschlands Boxlehrmeister gewesen war, focht gegen Clement. Auch diese Kämpfe endeten ohne grosse Sensation; alle drei blieben unentschieden.

Erste Erfolge

Das alte treuherzige Verhältnis Annys zu Lamač und Heller war im Grunde nicht erschüttert worden und erwies sich auch in der Folgezeit als unverbrüchlich. Aber immerhin, Anny hatte an Selbständigkeit gewonnen, und man musste sich daran gewöhnen, dass auch sie ein Wort mitzureden habe.

Es folgten einige mehr oder minder glückliche Filmversuche des Trios, aber der grosse Erfolg wollte sich immer noch nicht einstellen.

Niemand nahm es Anny darum übel, als sie zum zweiten Male in Wien sich selbst versuchen wollte. Der tüchtige Regisseur Ucicki verpflichtete sie für ein Manuskript: „Die Pratermizzi“, darin sie die Hauptrolle spielen sollte. Sie zeigte, dass ihr Vertrauen zu Wien auch durch das missglückte Tiroler Bauernabenteuer nicht gänzlich in die Brüche gegangen sei, und sie tat recht daran. Ihr Partner war der gewandte Igo Sym, ihre Partnerin hiess Nita Naldi und war eine ziemlich üppige schwarze Amerikanerin, sehr exotisch, sehr extravagant und mit einer enormen Neigung zum Alkohol, so dass man sie selten nüchtern sah. Als Anny ihr nach Jahren einmal zu Paris im „Lido“ wiederbegegnete, war es noch genau so.

Diese „Pratermizzi“ erzielte für jene Zeit eine beachtliche Verbreitung. Anny freute sich über den Beweis ihrer Tüchtigkeit und kehrte mit freundschaftlichem Triumph nach Prag zu ihrer alten Kameradschaft zurück.

„Seht ihr wohl“, sagte sie stolz, „ich kann auch ohne euch. Aber ich mag ja gar nicht gern ohne euch!“

Jack Dempsey, der Champion der Welt, heiratete. Die Neigung zwischen Sport und Film beurkundete sich wieder einmal, und es war die junge Filmschauspielerin Estelle Taylor, die damals des allgewaltigen Boxmeisters Gattin wurde.

Bessere deutsche Hochzeitsreisen pflegen nach Italien zu gehen, bessere amerikanische nach Europa. Dempsey verband das Angenehme mit dem Einträglichen und verpflichtete sich zu einer deutschen Schaukampf-Tournee. Walter Rothenburg hatte vergebens den Entscheidungskampf Samson—Breitensträter betrieben, nun konnte er den berühmten Amerikaner, der vordem schon im Berliner Lunapark zur sportlichen Offenbarung geworden war, seinem Hamburger Publikum als Ersatz vorführen.

Und auch zu Hamburg musste jeder, der etwas davon verstand, zugeben, solch glänzende Fertigkeiten, solche boxerische Vollendung hatte man noch nie vorher gesehen. Aus jeder Haltung vermochte der Weltchampion seine scharfen Innenhaken unstoppbar auf Kinn und Körper des Partners zu landen. Zehntausend Zuschauer wagten minutenlang kaum zu atmen, benommen von Hochachtung und Begeisterung. Danach liess Dempsey sich in Köln blicken. Berlin, Hamburg, Köln, das waren die drei deutschen Hochburgen des Faustkampfes. Einer der Trainingspartner Dempseys zu Köln war Max Schmeling. Es war keine geringe Ehre für den jungen Hanseaten. Donnerwetter, ja, es machte ihm Spass!

Der grosse Weltmeister musterte den Nachwuchsmann nicht ohne Erstaunen. Mir war, sagte er später, als sähe ich in einen Spiegel.

Man schlägt nicht gern auf sein Spiegelbild, und Dempsey schonte den jungen Sparringspartner, der ihm so ähnlich sah, mit augenscheinlichem Wohlwollen, drückte ihm nach dem kurzen Schaugefecht die Hand und äusserte in guter Laune, so wie man eine Nettigkeit hinzureden pflegt: Sie scheinen das Zeug zum Weltmeister zu haben, fellow!

Prophezeihungen sind oftmals keine Privatangelegenheit, und manche höfliche Bemerkung trägt ungewollt den Hornstoss des Schicksals in sich.

Das Trio zu Prag arbeitete fieberhaft. Lamač hatte ein Manuskript ergattert, das ihm verheissungsvoll dünkte. Auch Geld war vorhanden. Somit verliess man die wacklige Brauereischeune und begab sich in die böhmischen Wälder.

Der Film hiess: „Die Kristallprinzess“. Es handelte sich darin um ein Mädchen, das in einer üblen Schenke von früh bis spät Gläser waschen muss und keine Ahnung hat von der übrigen Welt. Aber dennoch weht die Liebe herein und blüht zart und kostbar auf zwischen Schnapsdunst und Fuhrmannsflüchen. Die beglückten Mädchenhände bauen ein Schloss aus leeren Gläsern, ein wirklich bemerkenswertes, lustiges und rührendes Kunststück. Aber eines Tages bricht das kleine flimmernde Gläserschloss zusammen und damit auch das Glück des kleinen Schenkenmädchens, der kleinen Kristallprinzess.

Es war nur ein Film, aber selten ist ein Film mit so viel Eifer, Liebe und Zukunftsglauben gedreht worden wie dort im Böhmerwald. Es war das Jahr 1924, da das kleine Gläserschloss der Kristallprinzess zusammenstürzte, das gleiche Jahr, in dem Deutschland begann, über die Scherben des Weltkrieges auf dem Beton der Dawes-Anleihe ein neues aufzubauen. Und das gleiche Jahr, in dem Schmeling „Professional“ wurde und zu ersten öffentlichen Erfolgen kam, was derzeit für das Vaterland ohne Wichtigkeit erschien und erst später dem deutschen Namen zu ungewöhnlicher Ehre gereichen sollte.

Die Aufnahmen der „Kristallprinzess“ dünken uns selbst für heutige Begriffe erstaunlich gut zu sein; immerhin beliefen sich die Unkosten derzeit auf siebzigtausend Kronen, gleich etwa zehntausend Reichsmark. Aber es lohnte sich, und der Satz: Steck viel hinein, kommt viel heraus! bewahrheitete sich hier, denn schon die Einnahme in der Tschechoslowakei belief sich auf das Doppelte.

Lamač war durch den Prager Erfolg ausserordentlich ermutigt, er kam auf den übermütigen Gedanken, die „Kristallprinzess“ in Deutschland anzubieten.

Anny lachte ihn aus, sie war schon einmal in Berlin gewesen, es war noch nicht lange her. Die Frau Direktor hatte ihr damals eine abscheuliche Perücke aufgestülpt, und sie hatte sich um zwei Jahre älter schminken müssen, und es sollte dort ein Grossfilm gedreht werden. Ein Atelier war extra dafür gemietet worden. Oh, Berlin! Man hatte im Tiergartenhotel gewohnt; denn noch war Inflation, und noch vermochte die tschechische Krone die Mark weidlich zu übertrumpfen.

Die Filmerei hatte nicht viel Spass gemacht, Anny hatte schon vergessen, um was es sich derzeit handelte, sie dachte nur noch an den Zoologischen Garten. Es hatte auch nur eine Woche gedauert, dann war es aus gewesen mit dem Berliner Atelier, und es hatte von da ab sehr lange gedauert, bis jemand wieder tschechische Filme finanzieren wollte.

„Nein“, sagte sie zu Lamac; „die Berliner sind verwöhnt!“

Grosse Namen leuchteten dort in den Himmeln der weissen Filmflächen und glühten unerhört, aus Sternen geformt, in Riesenlettern über den Eingängen der Kinopaläste: Mary Pickford, Erna Morena, Henny Porten, Liane Haid, Lya de Putti, Fern Andra, Lil Dagover, Olga Tschechowa, Pola Negri. Anny Ondra, das war noch kein Stern für Berlin, war noch kaum eine einzige Glühlampe wert, war noch eine sehr kleine Kerze, die Furcht haben musste, dass der kühle Spreewind sie unbarmherzig ausblase.

Aber Lamač liess sich nicht irre machen, er fuhr mit dem gutverpackten Streifen „Kristallprinzess“ nach Berlin. Ja, er war keck genug, ihn der Ufa anzubieten, und siehe da, der Film wurde nicht nur angesehen und gelobt, er wurde sogar gekauft, und das für eine recht erhebliche Summe.

Die Scherben der leeren Gläser hatten Glück gebracht, und mit Vergnügen konnte ein volles Glas darauf geleert werden.

Anny Ondra, das war ein neues Gesicht, das da hinter der düsteren Theke stand, so frischweg, ohne Perücke, ohne Mache, helläugig, unschuldsvoll lächelnd, aber mit dem Schalk um die kleine Nase, voll unvorhergesehener Einfälle, sehr jung, sehr heiter, sehr süss!

Ist es nicht reizvoll, zu wissen, dass übrigens auch Max gleich zu Anfang seines so selbständigen Ausfluges in die Welt gedachte, seine Zukunft womöglich aus Glas aufzubauen? Er fand auf seiner Arbeitsuche in Düsseldorf zufällig Beschäftigung in einer Glasfabrik, und in einem Riesenraum, mutterseelenallein, stapelte er treulich Glas auf Glas, einen Vormittag lang, bis er dann merkte, dass er unbewusst als Streikbrecher gearbeitet hatte. Da zerbrach dieses gläserne Zukunftsschloss, und seine Hände wandten sich dauerhafteren Baustoffen zu und wurden fähig, ihr Glück aus sich selber zu schaffen. Glück und Glas ... Ihm genügte eines Tages das Glück, das man im Kampf der Fäuste gewinnt, indem man das des Gegners zerbricht.

Er lernte inzwischen, dass nicht dauernde Anstrengung die Leistung steigert. Jedes Training muss vernünftig in Arbeit und Ruhe eingeteilt sein. Darum schlief er täglich nicht unter zehn bis elf Stunden (auch heute noch). Nikotin reizte ihn sowieso wenig, und die damals noch schwankende Ansicht über gelegentliche Auffrischung durch Alkohol entschied er für sich zugunsten einer völligen Enthaltsamkeit. Denn was Bierkonsum in seinem Beruf bedeuten konnte, hatte man an der allzu schnell versackten Laufbahn des Rheinländers Hans Wagener erlebt.

Noch verliess er sich ganz und gar auf seine Rechte, die sich schon oft so glänzend bewährt hatte. Die Linke benutzte er eigentlich nur, um den Gegner zu beschäftigen und aufs Glatteis zu führen, um ihn zu irgendeiner Blösse zu reizen, in die dann blitzartig die gefährlichere Rechte fahren konnte. Gelang das, so war meistens der Ausgang nicht mehr ungewiss, und Max konnte einen Sieg durch Niederschlag buchen.

In dieser Weise gewann er auch 1925 die ersten drei Kämpfe, zwei davon gegen gute belgische Boxer; aber von den übrigen sieben Gegnern dieses Jahres konnte er nur weitere drei nach Punkten erledigen, zwei Kämpfe blieben unentschieden, einen verlor er nach Punkten und einen musste er wegen hohen Fiebers in der zweiten Runde aufgeben.

Es waren beides Amerikaner und beides Neger, die ihm diese Niederlage bereiteten. Allerdings zu Boden gegangen war er nicht.

Für Max schien nun erstmal die Pechsträhne nicht abreissen zu wollen, auch im neuen Jahr nicht. Wohl war er in guter Form, aber die Gelegenheit blieb aus, und die funkelnden Ziffern der Championhonorare schienen blasser und blasser in die Weite zu rücken.

Nun starb auch sein Vater, und um seiner Pflicht, als Ältester für die Familie zu sorgen, besser genügen zu können, liess er Mutter und Schwester nach Köln kommen.

Er verlangte nach einem guten, ertragreichen Kampf. Abels, sein Manager, war auch eifrig dahinter her, da verlor der seine Frau und damit allen Schwung und zog sich mehr und mehr vom Boxsport zurück.

Max aber wurde in diesen Tagen hart. Er wollte sich durch keinen Tod als höchstens seinen eigenen unterkriegen lassen. Somit begab er sich unter die Fittiche eines neuen Promotors namens Willi Fuchs. Der Name schien ihm ein gutes Vorzeichen, hatte er doch einen Onkel in Neuyork, der so hiess, einen nicht unbegüterten Herrn. Aber der Kölner Fuchs vermochte ihm nur einen einzigen und nicht sehr wichtigen Kampf zu verschaffen, weil seine Zeit viel zu sehr von der Betreuung des deutschen Mittelgewichtsmeisters Hein Domgörgen in Anspruch genommen war, für dessen Training Max ihm gerade gut genug dünkte.

Max fühlte sich bald nicht mehr wohl in Köln. Aber wohin? Nach Berlin? Nach Berlin! Berlin, das war ein Begriff, den er bisher nur flüchtig gekostet hatte. Dort in der Zeitschrift „Boxsport“ hatten einst ein paar schmeichelhafte Bemerkungen über ihn gestanden, damals, als er kurz vor Weihnachten 1924 den Potsdamer Bullen Hartig schon in der ersten Runde zu Boden schmetterte. Der Chefredakteur Bülow hatte sich persönlich bei ihm in der Kabine sehen lassen und geäussert, Max möge ruhig zu ihm kommen, falls er mal was auf dem Herzen habe.

Es war Juni, es war Sommer. Die Rheindampfer fuhren mit fröhlichen Gästen stromauf zu den grünen Gefilden des Drachenfelsen. Es war schön am Rhein um diese Zeit; aber Max hatte andere Neigungen, als Landschaften zu betrachten. Die Sehnsucht, Kunstmaler zu werden, war nie mehr in ihm aufgestanden.

Er fuhr nach Berlin.

Sein einziger Bekannter dort war Arthur Bülow. Er suchte ihn auf, dreissig Pfennig in der Tasche. Er wusste sich eine gute Maske zu geben, so, als sei er nur eben mal zum Vergnügen herübergebummelt, nur, um sich anzusehen, was da los sei rund um die Gedächtniskirche. So nebenbei dann liess er die Bemerkung fallen, dass er sich von Berlin mehr verspreche als von Köln.

Bülow durchschaute die Sachlage. Aber er wurde nicht taktlos; denn eine Ahnung von Zukunft wehte ihn an.

„Wollen Sie bei mir boxen?“ fragte er.

„Wenn es sich lohnt, Mister“, antwortete Schmeling trocken.

Wortlos zückte Bülow einige Scheine und legte sie als Vorschuss auf den Tisch. Am Abend noch fuhren sie nach Lanke, einem Berliner Vordorf, wo noch das alte Trainingslager des früheren deutschen Leichtgewichtmeisters Naujoks bestand.

Max lebte auf, er kam schnell in glänzende Form, und schon einen Monat später stand er im Ring und zwang durch ein Dutzend mörderischer Niederschläge den Berliner Vongehr schon in der ersten Runde zur Aufgabe.

Bülow war zufrieden.

Ānny blickt über den Horizont

Die „Kristallprinzess“ hatte, wie schon gesagt, zehntausend Mark Herstellungskosten verschlungen. Anny zweifelte fast, wenn sie sich diese hohe Summe vorstellte. Doch als sie erfuhr, dass im gleichen Jahre als „Produktionsbudget“ der amerikanischen Paramount-Filmgesellschaft nicht weniger als zweiundzwanzig Millionen Dollar veranschlagt worden seien, beruhigte sie sich.

In Amerika hatte man längst erkannt, dass mit dem neuen Vergnügungsfaktor „Film“ eine Menge Geld zu verdienen sei. In San Franzisko war das erste richtige Filmtheater entstanden mit eigenem Orchester, und ebenfalls in Kalifornien wuchs zu Hollywood das grösste Filmatelier der Welt.

Grossfilme waren geschaffen worden, die abendfüllend waren wie wirkliche Bühnenstücke. Die neue Technik vermählte sich mit der Kunst, neue Regisseure wuchsen in diesem Fach, neue Autoren, neue Darsteller. Und die Namen derer, die von der stummen Leinwand zur Menge sprachen, leuchteten weiter, als je ein Bühnenstück geleuchtet hatte.

Denn der stumme Film erwies sich wie die Musik und mehr noch als die Musik von internationaler Wirksamkeit. Die Millardäre der Vereinigten Staaten hatten das Geschäft gerochen und legten Geld in Filmaktien an, wie sie es vordem in Öl, Kautschuk oder Konserven angelegt hatten. Mit ungeheurer Energie wurde der Umsatz betrieben und namentlich der Export. Schon im Jahre 1923 führte Deutschland 102 amerikanische Filme ein. 1925/26 aber waren es schon je 216 USA-Grossfilme, die die strenge deutsche Zensur zu passieren vermochten.

Hollywood war wie ein Polyp, der Sterne und Dollars an sich sog, aber auch Sterne und Dollars vervielfältigt wieder von sich gab. Der Bedarf an guten Kräften war nicht in Amerika allein zu decken, und vergessen war alles, was die Völker im Kriege in Leid und Hass getrennt hatte. Noch war der endgültige Friedensvertrag mit Amerika nicht unterschrieben, als schon die Filmindustrie die Fühler ausstreckte nach deutschen Schauspielern.

Kunst ist übervölkisch, das war das Schlagwort aller grossen Filmmanager.

Im Jahre 1926 ging so auch einer der bedeutendsten deutschen Schauspieler, Emil Jannings, nach Kalifornien. Er hatte sich mit Erfolg schon im Film versucht. Da war vor allem der Film „Varieté“ gewesen, der sein Gesicht dem breiten Publikum bekannt und liebenswert gemacht hatte. Seine Partnerin in diesem Film, Lya de Putti, war schon längst in Amerika. Nun folgte auch er dem lockenden Dollarruf und wurde dort bald und für längere Zeit der grösste und bestbezahlteste Filmdarsteller der Welt.

Der Weltkrieg war vergessen, aber seine Schrecken lebten neu auf im Film. Der Krieg war für manchen ein Geschäft gewesen, er wurde es neu durch die Kriegsgrossfilme, die jetzt modern wurden. Als Jannings in Neuyork landete, kam gerade der erste grosse Frontfilm heraus: „The big Parade“, der, obgleich noch kein Tonfilm, in wahrhaft aufwühlender und doch versöhnlicher Weise das Fronterlebnis dem Gedächtnis zurückbrachte, obschon zuviel Wert auf gutrasierte Typen gelegt war, um ihn noch eben salonfähig zu halten.

Und schon rüstete man sich in Hollywood, den ersten grossen Fliegerfilm zu drehen, richtig unter der Regie eines Frontfliegerleutnants (Wellmann). Er sollte „Wings“ (Flügel) heissen, und die einzige weibliche Rolle darin wurde von Clara Bow besetzt.

War es verwunderlich, dass auch Anny den Drang in die Ferne verspürte?

Hollywood war noch nicht unter den Ateliers, die sich um Anny bewarben, aber London war darunter, die „British International“, und auch London ist schon wie Übersee oder weite Welt, wenn man aus Prag kommt.

Gern hätte sie Lamač und Heller mit nach London genommen. Die Verhandlungen zogen sich hin. Man wollte sie allein haben.

Inzwischen war sie nach Berlin übergesiedelt, sie bezog eine reizende kleine Pension am Kurfürstendamm. Die riesigen Leuchtschilder der Kinoreklame schienen ihr keine so unerreichbaren Himmel mehr zu sein. Aber Lamač war wegen London nicht bei Stimmung. Was sollte sie machen? Sie schickte den Vertrag noch einmal zurück, stellte neue Bedingungen. Sie wartete, aber irgendwie musste sie doch Geld verdienen. Das Berliner Leben war teuer.

Somit willigte sie in das zufällige Angebot einer sozusagen bei Nacht und Nebel sich gründenden Gesellschaft, der „Contag“, und spielte die Hauptrolle in einem Manuskript, für das als Hauptverfasser Ludwig von Wohl zeichnete. Sie musste wieder einmal ein kleines Mädchen sein, sechzehnjährig, und Trude heissen, ein kleines Laufmädchen, das über allerlei unwahrscheinliche Fährnisse und Glückszufälle bis zur Gräfin aufsteigt.

Spielleiter war der gewandte Konrad Wiene und hatte einen richtigen „unbedingten Geschäftsfilm“ im Sinn. Er mixte alle gängigen Mittel der Publikumswirkung: Rührung, Humor, Eleganz, Dessous, Armeleute-Geruch und Parfüm. Aber über die Magerkeit der Erfindung half nur Annys Liebreiz hinweg.

Olga Tschechowa war ihre Partnerin, ein schon berühmter Name. Der Film wurde trotzdem kein rechter Erfolg.

Berlin, das war das Zauberkuchenhaus, aus dem Märchen von Hänsel und Gretel. Wie bald trat die Hexe vor die Tür, und das Böse glomm hinter ihren lockenden Worten. Wie bald konnte man eingepfercht sein in das enge Verlies der Tagesfron oder sass untätig und konnte sich nicht rühren und musste warten, warten. Mancher findet Hilfe und überlistet das Schicksal und kommt zu Freiheit und Gold, mancher wird abgebrüht wie ein Teufelsbraten, mancher wehrlos aufgezehrt.

Anny ging mit ihren zierlich hastigen Schritten die lange Zeile des Kurfürstendamms hinauf, gen Westen. Die Sonne fingerte in den stadtbraunen Augustbäumen. In der kühlen Luft, die aus den Wäldern der Mark wehte, lag ein Hauch fernen Föhrendufts und Duft von Wasser. Sie spürte es heraus. Es schien ihr, als sei sie zu Berlin dem Meer schon nahe, es machte ihr Herz unruhig, sie roch das Meer durch den kalten Benzinschwalch hindurch, der zwischen den Gehsteigen schleierte.

Der Contag-Film war keine Erfüllung gewesen. Er war kein Vorstoss, er war eine Schranke. Das Honorar zerschmolz. Das Meer verblasste. Ihr Mut sank. Die neuen Angebote schienen ihr wie Gebirge den geraden Weg zu sperren. Würde sie es schaffen?

Sie bekam plötzlich Furcht vor der weiten Welt. Sie sehnte sich nach Geborgenheit. Wie laut war dieses Berlin! Es faserte die Nerven heraus und behängte sie mit Schellen. Wieviel lauter würde London sein.

Eine Kollegin zwitscherte sie an. Auch so ein kleiner Funken in der Milchstrasse der vielen. Ob sie mit in den Lunapark wolle. Ein Sommerfest? I wo! Ein Boxkampf. Es gehe um die Meisterschaft im deutschen Halbschwergewicht.

Ach nein, lächelte Anny dankend. Ihr Herz war ihr so etwas wie Halbschwergewicht genug.

Von Prag lagen zwei Briefe in der Pension. Einer von ihrer Mutter. Wann sie sich denn einmal wieder blicken liesse. Aber es sei ja so still in Prag, das sei wohl nichts mehr für die kleine grosse Annily. Übrigens der schöne Fliederbaum sei noch immer da und hänge jetzt bald voll schwarzer Beeren.

Der zweite Brief war aus einem neuen Prager Atelier namens „Kavalirka“. Lamač hatte es auf eigene Rechnung gegründet. Oho, auch in Prag hob sich der Ehrgeiz. Ein ganz grosser Film sollte gedreht werden, benannt „Die Achtzehnjährigen“.

Das kann hinkommen! lächelte Anny: Grad hab ich nämlich auch Lust, mir den Fliederbaum bei der Planschwiese wieder einmal anzusehen. Und Sachertorte mit Schlagoberst und Hirsebrei mit Speck bei meiner süssen Mama zu essen. Und ganz still muss es sein, so hübsch still wie früher manchmal.

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Yaş sınırı:
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Hacim:
250 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711467503
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
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