Kitabı oku: «Tinser»
Hans Leip
Tinser
Roman einer Heimkehr
Saga
Ebook Kolophon
Hans Leip: Tinser. © 1926 Hans Leip. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2015 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen 2015. All rights reserved.
ISBN: 9788711467572
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
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1
Die Schurfjäger
Es ist dort im Ural, fern aller guten Welt, wo sich die Reste gesammelt haben. Deutsche Gefangene, durch die russische Revolution befreit, von der Koltschakarmee neu gepresst und bewaffnet, in den Taglaisümpfen verziert und zermergelt, von den roten Soldaten gehetzt, zerrieben, verschlagen in die gottleeren Öden, bis weit hinter den Töllpos und dahin, wo schon die Tundren ihre giftgrün vereisten Zungen an die Felsstürze lehnen.
An dreissig Mann, das ist der Rest, der arme Rest der ungeheuren Läger von Wostronoi, ja von damals, als noch der sibirische Sommer so warm und feldergrün über den toten Tagen lag.
Aber hier ist ein anderer Sommer. Hoch unter den Kämmen bettet sich eine Senke, ein Moostal, mager und nass. Am Südhang etwas Knieholz, davor ein unregelmässiges, heftiges Bachgeriesel, Wollgras an den Rändern, im Norden milchig schillernde Sumpflöcher, das ist alles. Und im Norden hebt sich die Wand steil in den Himmeldunst, ein wenig den Atem des Eismeeres dämpfend, der unversehens in die grausamen Nächte schneidet.
Dort hausen sie in ihren Bretterzelten, dürr, zäh, vom Schicksal gegerbt, wie Wogulen dumpf und bedürfnislos. Einige Weiber sind dabei, tatarisch, wotjakisch, und Kinder, fremdartig verzerrt, aus dem Abfall der Jahre dazu geworfen.
Platingräber sind sie. Schurfjäger. Seit sie im Taglaigrund das graue Metall kennengelernt haben, hat sie das Sucherfieber nicht verlassen, die Platinkrätze, die teuflische Benommenheit, und sie wühlen und kratzen, sieben und wäschern, und in ihren brandigen Augenhöhlen brennt das Fieber bei Tag und Nacht. Im grossen Hungerjahr haben sie den letzten Vorstoss zur Rückkehr gewagt, als sie noch weit über zweihundert waren. Was wiederkam und den Winter in den Ruinen des Syrjänendorfes am Talfuss verbrachte, das hatte das starre Unbewusstsein von Tieren um den Mund. Den Sommer sind sie wieder hinaufgezogen durch die endlosen Birkenwälder, von der roten Knute und vom Platinfieber getrieben, von dem Bericht des wogulischen Jägers verlockt, höher und nördlicher hinauf, und er hat nicht gelogen.
Die moorige Senke enthält das begehrte, so irrsinnig wertvolle Metall. Aber ihre Werkzeuge sind lächerlich, und einige ziehen vor, mit den Händen in der widerlich feuchten Erde zu wühlen.
Wolken scheuern über die Kämme, rauchen triefend über das Tal. Nur mit Mühe kreiselt die Sonne gegen Mittag durch den Dunst. Wie ein weisslicher Platinklumpen hängt sie da, aber sie rollt eilig und höhnisch über den Südkamm davon.
Und sie hocken in den Schurfen wie in offenen Gräbern, hinter den trübe wachsenden Schuttkegeln, wortlos, hüstelnd, gichtig, verstruppt und verlaust. Der winzige Ertrag stachelt sie immer wieder an. Wenn sie genug haben, wollen sie in die Ebene, Pferde kaufen und auf und davon und herrlich leben. Denn einmal wird wieder Friede sein da unten, wo es warm und feldergrün ist. Und sie wollen die Flüsse hinab zu den Ansiedlungen, wo Menschen im trockenen wohnen, und wollen bis an die Eisenbahn reiten oder auch zu Fuss, und wollen nach Deutschland zurück und in die Heimat.
Stoi und Tinser, das sind ihre Führer, Stoi, weil er ein fabelhafter Kletterer und Elchjäger ist und für manchen Braten sorgt. Einstmals war er der bayrische Hauptmann Staudelhofer. Tinser jedoch hat ihnen die Schmiede eingerichtet und die Feinwage aus dem Nichts hergestellt, und er hat durch die Jahre ein Notizbuch gerettet, das zur Hälfte noch frei ist und in welchem eines jeden Anteil vermerkt wird. Sie machen sich beide nicht soviel aus dem Platin, vielleicht nicht ohne Grund, und haben auch keine Schurfen.
Da ist auch noch Brammer, der früher Schlosser war; er hat aus einem guten, harten Kochgeschirr eine verschliessbare Sache gemacht, und Tinser hat den Schlüssel dazu, und wenn einer ein Körnchen gefunden hat, so wird es gewogen, aufgeschrieben, und Tinser legt es in das vormalige Kochgeschirr, welches sie das Kompaniespint nennen. Es ist eine kindlich einfache Behandlungsweise, den Umständen angemessen. Aber sie vertrauen Tinser, er hat jahrelang bewiesen, dass er ein rechter Kerl ist, und in seiner Hütte werden auch die Waffen aufbewahrt. Von den Gewehren sind nur fünf noch brauchbar, ausserdem haben sie nur wenig Patronen. Wenn einer darum auf die Jagd will, so muss er mit Stoi gehen, und bei ihrer Rückkunft werden die Gewehre wieder in Tinsers Hütte gestellt. So hat man es aus guten Gründen beschlossen.
Aber selten findet einer Zeit, mit Stoi zu gehen, denn man darf nur schiessen, wenn man etwas trifft, und es pflegt immer beschwerlich zu sein. Das Tal wimmelt von Hasen, es ist wie eine grosse Gnade das Jahr, und man fängt sie besser in Schlingen vor den kleinen Haferflecken, die an der Halde gepflanzt sind.
Das Schmiedefeuer übrigens darf niemals erlöschen. Die Tatarenweiber suchen auch die Quellflechte, die eine glasige Masse ergibt, wenn man sie kocht, und sie haben eine Feldküche durch alle Fährnisse hindurchgezogen, aber die Pferde, die einst dazu gehörten, sowie auch die letzten Hunde haben sie längst gegessen. Bald sind die Moosbeeren reif, dann werden die Weiber einen Schnaps brauen, und alle freuen sich darauf.
Wenn Tinser mit Stoi geht, dann gibt er den Schlüssel an Brammer. Er gibt ihm auch ohne Bedenken das Notizbuch, denn die Aufzeichnungen von früher sind in Kurzschrift geschehen.
*
Wieder einmal sind sie unterwegs, einer Bärenfährte nach. Sie überschreiten den niedrigen Westpass, wandern durch das mit Krüppelkiefern bestandene Tal den langen Bogen nach Süden hinab in die Richtung des Jenga-Passes und beginnen in einer Geröllhalde den Gebirgsstock hinanzuklettern, der die Moossenke im Osten und Norden so steil und unzugänglich abschliesst. Den Mantel schräg um Schulter und Hüfte gerollt, die Flinte quer hindurchgesteckt, so steigen sie höher und höher, das Seil am Koppel, die Beine in Pelz verschnürt, urbärtig, und das Haar krault ihnen unter der Fellmütze über den Nacken.
Die Halde verengt sich zur Schlucht. Stoi behauptet, die Spur zu kennen. Graurostig und nass verschwinden die Wände in den hängenden Nebeln. Die Luft fällt kalt und moorig herab. Sie steigen hinein in den tropfenden Dunst, und auf Händen und Füssen nehmen sie eine Seitenrinne an, die bald den Abhang überschwingt, so dass zu ihrer Rechten die Felslehne schauerlich glatt in die Nebeltiefe stürzt. Eine ausgewaschene Kalkader gewährt ihnen mageren Halt. Schnee liegt körnig in den Ritzen, ab und zu in durchsichtiges Eis übergehend. Vorsichtig schieben sie sich aufwärts. Als sie an der schlüpfrigen Kuppe wiederum einen Einstieg gewinnen, der kaminartig und vereist in die Höhe führt, kann Tinser es nicht lassen, etwas von ‚Bären aufgebunden‘ zu murmeln.
„Etwas anderes!“ antwortet Stoi.
Und er klettert vorauf, das aus Sehnen geflochtene Seil abrollend, blasser und blasser im Milchigen aufgesogen. Nach einer Weile dringt ein Jodler von oben herab. Tinser befestigt die Mäntel und Flinten am Seil, die nach seinem Pfiff in die Höhe gehen, von seinem eigenen Seil gegengehalten, welches wiederum in sein Koppel verknotet ist. Dann klettert er nach. Er stammt von der Küste, er kann es nicht mit dem Bayer aufnehmen.
Auf dem Grat, den sie nun erreichen, wetzt der Wind seine eisigen Messer. Aber sie stehen auf einmal über den Nebeln. Unendlich blaut der Himmel über ihnen, und die Sonne verdampft ihren Stirnschweiss, um ihn sogleich aufs neue hervorzuglühen. Der Grat, beiderseitig steil auf die Wolkenkissen stossend, aber unvereist, endet auf einem plattförmigen Gipfel, der wie ein ungeheuerliches, verschliffen glattes Gebiss, altersgelb und bogenförmig sich nach Nordosten erstreckt.
Erst als sie den breiten Felsgrund unter den Füssen haben und die Mäntel überwerfen, drehen sie den Blick nach allen Seiten. Ein unerhörtes, stumm brandendes Wolkenmeer liegt unter ihnen. Nur gegen Süden ragen einige runde Buckel heraus. Auf den höchsten deutend sagt Stoi:
„Der Tollpatsch.“
Dann wirft er sich auf den nackten Boden und blinzt verzückt in die Sonne. Tinser beobachtet ihn misstrauisch, denn er empfindet eine seltsame Rührung.
„Ja, ja, die Sonne!“ sagt er beschämt, lässt sich auch nieder, und sie essen von dem mitgenommenen Röstfleisch.
Aber bald springt der Bayer auf, sichtlich erregt, und auf einmal holt er einen rohen Lederbeutel aus der Tasche, öffnet ihn und hält ihn unter Tinsers Augen.
Der Beutel ist voll von flachen Platinkörnern. Und Tinser wägt ihn in der Hand und murmelt bestürzt, er wäre mindestens das gleiche wie das im Kompaniespint.
Sie gehen weiter, den Gipfelbogen entlang. Fünfhundert Meter tiefer zur Linken liegt die Senke, im ewigen Nebeldach verborgen. Die Hochfläche sattelt sich ein wenig, eine Tundranarbe schiebt sich über das Gestein, ein flacher Krater muldet sich hinab, sumpfig vereist. Der Bayer stürzt hinunter, fällt auf die Knie und wühlt, wühlt mit den Fingern im Eisschlamm.
„Hier! Hier!“ schreit er, wie irr emporspringend.
Zwischen Dreck und Nässe blinken eisengrau die platten Körner.
Und auch Tinser erwacht aus seinem Gleichmut, der Taumel überrennt ihn. Sie brüllen beide in den sengend blauen Himmel, in die unsägliche, schneidend durchwimmerte Einsamkeit, in die im Endlosen verschäumende Wolkenflut, brüllen wie Tiere, trappeln umher, klatschen bis über die Knie in den Moorkessel, der Froststarre ungeachtet, und wühlen, wühlen in unersättlicher Gier, bis sie erschöpft an den Rand torkeln und hinschlagen, plötzlich von einer unfasslichen Qual und Scham durchdämmert, und daliegen unter der Ewigkeit des Himmels, unter dem eisigen Wind, unter der brennenden Sonne und den Namen ihres Vaterlandes in den Stein schluchzen.
2
Der Aufbruch
Manchmal steigt der wogulische Jäger über den Westpass. Er ist klein, schwarzsträhnig und pfiffig, sein Gesicht ist mondgross und blank gebeizt wie eine alte Truhe; denn er wäscht sich mit jenem Wasser, das Gott ihm verliehen hat. Er ist gern gesehen, weil er meistens Tabak mitbringt, den ihm einige mit purem Platin aufwiegen, während andere ihm durch die Taternweiber etwas abzuschwänzeln suchen. Die meisten jedoch haben sich längst an getrocknetes und zerbröckeltes Birkenlaub gewöhnt, in das sie etwas Steinklee mischen, und das Platin ist ihnen wahrhaft zu schade. Sie begnügen sich mit seinen Nachrichten, die kostenlos sind. Aber er berichtet immer dasselbe. Schon das drittemal ist er da, und immer noch ist ‚das Gras nass von Männerblut‘. Und immer noch ‚pfeift die Nagaika in das Fleisch der Länder‘.
Der Wogule sagt auch, es lebten noch einige der ‚goldenen Haare‘ in den Ruinen der Ansiedlung im Tal. Er meint die Kranken, die damals im Frühling zurückgeblieben sind.
Die Tatarinnen, die ihn zu nichts verlocken können, schlagen die Karten über ihn und hetzen die Männer auf, indem sie verkünden, er würde Unglück bringen. Und dies drittemal nehmen die Männer den Tabak und wollen ihm nichts dafür bezahlen, sie veralbern ihn, und da er nicht gehen will, laufen sie zu Tinsers Zelt, um ihn mit den Waffen zu ängstigen. Dadurch merkt Tinser es, der gerade dabei ist, den Kindern, die ihn wie schmutzige Äffchen umkreischen, ein mützengrosses Pferd zu schnitzen. Und er macht der Sache ein Ende, indem er dem Wogulen gibt, was ihm zukommt.
Stoi war gerade auf der Jagd, so gut es ging, denn er hat sich damals den Fuss verstaucht, als sie von jenem Gipfel herabgeklettert sind. Er ist sehr erbost, als er zurückkommt, und meint, nun würde ihnen der Jäger wohl tatsächlich Unglück bringen und das aus Rache.
Weil Stoi noch immer humpelt, können sie vorerst nicht wieder hinauf. Aber sie können schweigen. Was würde es auch nützen, das Fieber der anderen auf den gefahrvollen Gipfel zu hetzen. Wenn es auch allen dienen sollte, so reden sie sich ein, man muss es doch schlauer anfangen. Sie schweigen auch voreinander, aber in ihren abgestumpften Gehirnen brüten die Pläne, sieden die Unüberwindlichkeiten, ihre Nächte sind mit betörenden Träumen gefüllt, und wenn sie aus dem flackernden Schlaf aufschrecken, sind sie betroffen, nicht das Heulen und Knirschen der Bagger zu vernehmen.
Ein Seil, man kann es hinauftragen, damit beginnt es. Man lässt es hinunter über die steile Wand, fünfhundert Meter und mehr, man zieht damit eine dünne Stahltrosse herauf, mit dieser eine stärkere, mit dieser einen kleinen Krahn, mit diesem wiederum einen grösseren, und dann die Kabel und so fort, bis man die Baracken heraufwindet, die elektrisch heizbar sind; denn die Nächte müssen furchtbar sein da oben. Und dann kommen die tollen Maschinen, die Sauger, die Bagger, die Felsmühlen, die Spülsieber, Angelegenheiten hoch wie Häuser, welche nun zu toben beginnen auf einen kleinen Schalterdruck hin, um die faule Zahnstelle dort oben heilsam auszubohren und die ausgeschlemmten Häufchen der Millionenwerte blank auf die Reinplatte zu schütteln.
In der Senke selbst aber wird das Kraftwerk stehen, angetrieben vom aufgestauten Wildbach.
Es lässt Tinser keine Ruhe mehr. Er zeichnet die Skizze für ein Stauwerk auf ein Blatt in seinem Notizbuch, und auch für eine Holzturbine, die sie probeweise gebrauchen wollen. Aber es ist schwierig genug, Leute von den Schurfen zu locken, um wenigstens das Stauwehr in Angriff zu nehmen.
Da erscheint plötzlich eines Tages ein fremder Mann im Westpass, begleitet von dem Wogulenjäger und von einem der Kranken, die im Frühling in der zerstörten Talsiedlung zurückgeblieben sind. Es ist ein gutgekleideter Mann, ein Kommissar, ein Vertreter der Syrjänischen Republik.
Die Leute besetzen den Eingang des Tales, und da sich keine Soldaten zeigen, rotten sie sich drohend zusammen. Aber der Mann geht furchtlos unter sie und fragt nach ihrem Anführer. Nur Tinser ist da, Stoi ist, wie gewöhnlich, auf der Jagd. Der Genesene erzählt, es läge unten eine ganze Eskadron Ulanen, wie sie die Roten nennen, aber sie wären ganz friedlich, überall wäre jetzt Frieden in Russland, die Ansiedlungen würden wieder aufgebaut, und er wollte nur seinen Anteil hier oben abholen, ehe er sich da unten ein Rittergut kaufte.
Tinser spricht mit dem Syrjänen. Wenn auch alle gelernt haben, mit dem Russischen einigermassen umzugehen, Tinser kann es doch noch besser, und es scheint auch hierin so zu sein, als wäre es nicht bloss gemeine Schiebung, dass einer Offizier wird. Wenngleich es auch darunter Hunde gegeben hat. Tinser selbst jedoch hustet auf alles, was sogenannte Bildung heisst, und schätzt jeden nach seiner Menschlichkeit ein; das merkt jedes Kind, und es ist anzuerkennen, obschon es nicht immer behaglich ist, einfach als Mensch wie jeweder andere behandelt zu werden. Tinser kennt auch diese Überlegungen und weiss, eines Tages wird es allen überdrüssig sein. Sie würden schon wieder liebend gern Herr Leutnant zu ihm sagen, weil sie davon träumen, dass jemand sie mit Herr Bahnwärter, Herr Kanzlist oder Herr Maurermeister angeredet hätte. Nun, da er mit dem Syrjänen spricht, sind sie halbwegs froh, dass er ihnen die Mühe abnimmt, halbwegs aber mäkeln sie schon, dass er es ist, der verhandelt, als stünde er über ihnen, es kribbelt ihnen allerorts, ihm zuzuzwinkern: Vorsichtiger! Sag das nicht! Gib es ihm! Nicht so! Schärfer! Gleichgültiger! Hau ihn an! Linkes Ohr tiefer! Hierher die Hand! Diese Bewegung! — Tinser fühlt das alles wohl, aber er kümmert sich nicht darum und sagt dem Syrjänen, er könnte ihm leider keinen Tee anbieten. Aber der Genesene zieht einen Ziegel Tee hervor, und alle blicken weniger erfreut auf den kostbaren Tee als vielmehr empört auf Tinser!
Der Kommissar erklärt kurz und höflich, alles Land und die Bodenschätze darin gehörten dem Staate.
Die Leute murren: „Wir gehören also wieder mal an den Galgen! Hört ihrs!“
Der Syrjäne lächelt fein und geringschätzig.
Der Wogule hat es vorgezogen zu verschwinden.
Tinser lässt die Männer zurücktreten und fragt nach den Bedingungen, zugleich darauf hinweisend, dass es nicht leicht sein würde, mit Gewalt in die Senke einzudringen.
Der Kommissar gibt das zu, und es wäre seine Absicht auch nicht. Sie sollten den Sommer über noch geruhig dem Ertrag ihrer Schurfen obliegen und ihn auch ungekürzt behalten als Entgelt für die Entdeckung und Räumung. Denn vor nächstem Sommer wären die Bagger nicht zur Stelle, sie könnten gerne auch als Arbeiter bleiben. Und er lässt seinen Blick über die armseligen Werkzeuge und über die trübe Gräberstadt der Schuttkegel streifen.
Tinser teilt den Leuten das Gesagte mit. Sie sind einverstanden, aber als Arbeiter wollen sie nicht bleiben. Sie wollten im Herbst nach Hause.
Da stünde nichts im Wege, antwortet der Syrjäne. Und er beschreibt den Weg, den sie nach Koshwa zu machen haben.
Danach nimmt er eine Holzbüchse aus seinem mit gefärbtem Leder besetzten Pelzkittel. Die Runde erstarrt in Andacht. Er bietet wahrhaftig wie ein Gentleman in Berlin oder weiss der Teufel wo Tinser eine fertige Zigarette an, nimmt selber eine, zieht eine Streichholzschachtel, entzündet ein Streichholz und gibt es an Tinser. Aber Tinser sieht die Augen der anderen, er tut nur einen Zug, dann gibt er die winzige Lustrolle an Brammer weiter. Wie der Syrjäne das sieht, schüttet er ihnen lachend den Inhalt seiner Büchse hin. Er verspricht auch, in einiger Zeit Tabak, Tee und Konserven heraufzuschicken.
Als der Mann wieder weg ist, kommt Stoi. Tinser ahnt, dass er vergebens einen Aufstieg an der Geröllhalde versucht hat. Nur ein bescheidener Stummel ist noch für ihn übriggeblieben.
„Eine englische Marke!“ sagt er bestürzt und geniesst es kaum.
Danach beschliessen Tinser und er und schlagen es auch den Leuten vor, es sollte jemand hinuntergehen, um sich bei den betreffenden Stellen zu versichern, damit sie wirklich im Herbst ungehindert nach Deutschland kämen.
Aber der Genesene quengelt dazwischen, in Deutschland wäre gar kein Platz für sie. Alles, was aus Russland käme, würde an der Grenze niedergeschossen, solche Angst hätte man dort vor den Bolschewikis, hätten die Soldaten gesagt. Es wäre besser in der Mandschurei, da gäbe es ein angenehmes Leben und jeden Tag zwei Tscherwonzen Löhnung, und das wäre mehr als zwanzig Mark.
Stoi brüllt ihn heftig an, er sollte das erstunkene Gewäsch sein lassen. Aber Tinser fordert sie auf, besorgt um ihr Schicksal, alle gemeinsam und sofort den andern Tag aufzubrechen, er wollte sie führen, wie er sie oft geführt hätte. Er sieht ihre Hände, ihre Gesichter, ihre zerschabte Kleidung, ihre verkrümmten Gestalten, ihre armen Geräte, die gottverlassene Einöde, die ewige Nässe, ihre Gier, ihr menschenunwürdiges Dasein. Sie sollen nach Hause kommen, kein Haar soll ihnen gekrümmt werden, jedermann müsste sich erbarmen über sie und ihr Los.
Aber er redet nicht überzeugend. Denn er fängt einen Blick Stois auf, und da muss er an die morsche Stelle in jenem Berggipfel denken, der hoch über seinem Haupte und über den Wolken lauert. Sie sind noch nicht wieder oben gewesen.
Sein Vorschlag wird auch überstimmt. Sie wären genugsam mit Feuer gewaschen, nun wollten sie erst mal ein wenig ernten, solange das Wetter reichte. Nun, wo sie Konserven und Tabak heraufbekommen sollten.
„Geh hin!“ sagen sie, „geht beide hin und seht vorerst selber nach, ob das Blut schon trocken ist im Gras!“ Und sie sagen auch: „Haltet uns nun nicht länger von der Arbeit ab, denn wir haben keine Zeit, uns umherzutreiben oder Pferdchen zu basteln!“
„Gut!“ brüllt Stoi. „Wir gehen!“
Da gibt Tinser den Schlüssel zum Kompaniespint an Brammer ab, gibt ihm auch das Verzeichnis, das er aus seinem Notizbuch reisst; die Summe wird nachgewogen und verglichen, und alle starren schweigend auf den zarten Haufen in der Schale. Tinser und Stoi haben keinen Schurfanteil daran, und auf das, was ihnen für gemeindienliche Arbeit nach früherem Beschluss zusteht, verzichten sie. Aber man dankt es ihnen nicht gross, man hält sie für grossspurig, und sie hören nur Anweisungen, was sie da unten zu tun hätten, und kaum ein Wort des Bedauerns humpelt ihnen nach.
Brammer und der Genesene, die werden nun ihre Führer und Jäger sein.
3
Segnungen der Kultur
Sie überlegen, dass es nach Paromesch sechs Tage, nach Kosljansk zehn Tage dauern wird. Und wer weiss, ob sie nicht sicherer sich an die Sowjets wenden. Sie warten die Geschenke nicht ab, die der Syrjäne schicken wird. Eine Flinte und ein halbes Dutzend Patronen, ein Kochgeschirr, einen Becher und zwei zerrissene Zeltbahnen hat man ihnen zugestanden, dazu Röstfleisch für einige Tage. Sie legen es mit auf den kleinen Schlitten, den sie abwechselnd hinter sich herziehen und auf dem sich ein guter Posten Felle befindet, die müssen ihr Reisegeld sein.
Sie klettern abwärts durch die endlosen Wälder, die schlüpfrigen Rinnen hinab. Nach einem halben Tag treffen sie auf Hufspuren. Bis hierher hat der Syrjäne heraufreiten können; der Genesene hat auch ein Pferd gehabt, aber der Wogule ist zu Fuss nebenher gelaufen.
Nach zwei Tagen erreichen sie die Ansiedlung. Der Boden ist zertrampelt, es sind viele Soldaten dagewesen, aber niemand ist zurückgeblieben. Es ist auch nicht viel mehr aufgebaut, als sie sich vom Frühling her erinnern. Fleisch- und Gemüsebüchsen liegen überall verstreut. Sie schnüffeln wie Hunde an den Resten. Abseits, an der mit Steinen eingefassten, umgitterten Stelle finden sie zwei frische Kreuze neben den beiden Dutzend alten. Die drei Kranken, die somit noch übriggeblieben sind, werden also bestenfalls mit den Soldaten davongezogen sein, nach Süden.
Als sie ihr Nachtfeuer entfacht haben, kommt der Wogule. Er ist nicht erstaunt, die beiden zu finden. Er ist verschlagen und gutmütig, seine verkniffenen Augen wissen soviel, wie Raubtiere wissen, die in der Steppe eine Herde beobachten; wer sich absondern wird und allein weiden, wer stark und wer schwach ist, das wittern sie.
Stoi fürchtet Verrat. Tinser jedoch merkt, dass er sich erkenntlich zeigen will von der Tabaksache her, dennoch ist es unleugbar, dass er den Syrjänen geführt hat. Daher ist Stoi wütend und setzt ihm die Flinte auf die Brust und ersucht ihn, ihnen ein anderes Platinlager zu nennen.
Der Arme winselt und fleht, es wäre der einzige Ort bis zum Kap. Tinser schiebt den Gewehrlauf an die Seite, er hätte gehört, dass sie wegen ihrer Götter niemals auf die Berggipfel stiegen. Und Stoi lässt sich die Flinte willenlos aus der Hand nehmen, und Tinser trägt sie von da an.
Der Wogule zeigt ihnen den Weg durch die Steppe, durch das rauhe Grossland. Stoi schiesst einen Fasan und einen grauen Fuchs, und sie verzehren beides. Sie erreichen den Waldstreifen und den Fluss. Der Jäger zieht ein Rindenboot aus einem Krattbusch. Unter den Wäldern gleiten sie dahin, schlafen am hügeligen Ufer. Schon treffen sie Fischerzelte, in denen zerfurchte Komimänner hausen. Sie kreuzen die Petschora, ziehen stromauf, lenken in einen Nebenarm, rollen das Boot auf runden Ästen über einen Hügelwall, setzen auf der anderen Seite wieder ins Wasser und gleiten mit der Strömung. Sie weichen von dem geraden Wege ab.
„Rote Reiter!“ sagt der Wogule.
Nachts unter den spitzen, durchscheinenden Rindendächern hört Tinser den Bayer im Schlaf murmeln: „Sie finden es net! Sie finden es net!“
Wieder geht es aufwärts, und immer wieder nach Westen. Sie müssen waten und treideln. So gelangen sie bis auf den sanften Rücken des Timan. Sie sehen fern die Hütten von Paromesch, aber der Wogule rät ab.
Stundenlang tragen sie das Boot durch den lichten Föhrenwald. Und wieder erreichen sie ein Wasser, einen gerölligen, schäumenden Bach, den jungen Mesen. Das flache Boot gleitet über die Strudel. An den stillen Krümmungsbuchten springen die Fische. In der Dämmerung, morgens und abends, zwitschern die Beerendrosseln in dem dünnen Laubgezelt.
Stoi ist oft in finsteres Nachdenken versunken. Engländer oder Amerikaner hätten die Senke gekauft, behauptet er, es wären so diese Unternehmer, die auf gut Glück Platingruben kauften und ruhig warteten, bis man eine entdeckt hätte. Sie trösten sich mit dem weit wertvolleren Gipfel und beraten, wie man es klug drehen soll. Tinser muss manchen Vorwurf hinnehmen, er wäre kein Kaufmann, er wäre womöglich schon froh, wenn sie ihn bloss nach Deutschland liessen. Manchmal ist er gänzlich verzweifelt, der Bayer.
„Der Mongole wird mirs verderben!“ brummt er vor sich hin.
Er meint den Wogulen nicht. Tinser weiss, was er meint. Denn es ist damals vor Jahren eine verfluchte und grausige Geschichte mit einem Mongolen geschehen, die ab und an noch in ihnen nachspukt.
Eines Mittags öffnen sich links und rechts die Waldufer, die Sonne bricht frei herein, feste Hütten stehen in der Steppe, blau und rot bemalt, und dort weiden Schafherden und Pferde. Der Fluss schwingt im Kreis, ein grosses Dorf liegt am Wasser, bunte Kähne dümpeln am Schilfrand, der Wind riecht nach Herdrauch. Eine goldene Kirchenzwiebel spiegelt sich heiter in den Kräuselwellen.
„Der Reiter dort!“ sagt Stoi, auf das Ufer deutend.
„Man könnte ihn für ein Mädchen halten“, meint Tinser.
Sie sind beide seltsam erregt. Der Wogule lenkt an einen Steg, und damit landen sie in Kosljansk.
Richtige Hütten und Stuben, Ställe, Vieh, Ordnung und gekochte Speisen. Sie erleben den Aufgang der Zivilisation wie Knaben ein Weihnachtsmärchen, die sich etwas ihrer Rührung schämen und etwas Verachtung heucheln. Jedes Stück Geschirr erweckt ihre Neigung. Sie messen die Dächer, die Zäune mit Kennerblicken. Sie melden sich beim Ortsvorsteher, von der Bevölkerung umringt. Beim Dorfjuden tauschen sie ihre Felle ein und erhalten nagelneue Rubelscheine. Sie kleiden sich neu, und Tinser erhält Benzin für sein altes Feuerzeug, das er blank putzt, als wollte er sich spiegeln. Sie widmen auf einmal ihrem Äusseren eine ungewohnte Beachtung, sie lassen ihr Haar kürzen und sich von dem Vollbart befreien. Denn es wohnt ein Fräulein im Dorf, eine Dame aus der Stadt, die zu Besuch weilt oder die vielmehr wohl eine Art dieser neuen Kommissarinnen ist, welche die Schulangelegenheiten selbst in dieser weltfernen Gegend prüfen soll. Sie hat sich gleich mit ihnen unterhalten, als sie landeten. Später ist sie ein Stück neben dem Wogulen hergeritten, diese kecke Reiterin, als er über die Steppe ging, einen der Hirten zu besuchen.
Sie haben sich inzwischen an Dielenbretter und Tongeschirr gewöhnt und an den Umgang mit Tür und Fenster.
„Die Segnungen der Kultur!“ sagt Staudelhofer mit stolpernder Zunge, und er trägt Verlangen nach einer Zahnbürste.
Sie richten die Augen auf die Strasse am Fluss, wo das Fräulein heranreitet, dieses gebildete Frauenzimmer, das im russischen Staatsdienst steht, die Moskau kennt und die nach Moskau zurück will. Der Bezirksvorsteher, der sie beide lange ausfragt, er weiss nichts von Rücktransport und dergleichen. Das wäre Angelegenheit der Sowjets. Der Jude meint, das Fräulein würde es wissen, und sie wagen, sie bescheiden und in aller Hochachtung um Auskunft zu bitten. Sie zuckt die Achseln unter dem feinen Pelz.
„Wologda“, sagt sie. „Oder wahrscheinlich Moskau.“
Die ganzen Männer und Frauen des Dorfes wiegen sich hin und her, die Hände in den Hüften, und singen es in Ehrfurcht nach, diese beiden Namen der fernen, grossen Städte.
Das Fräulein veranlasst den Wolostmann, ihnen eine Art Pass auszustellen, was auf einem richtig vorgedruckten Stück Papier bewerkstelligt wird, auf einem richtigen Formular.
Sie schlafen die Nacht in einem Schafstall, unruhig vor Glück und voller Träume der Zukunft, trotzdem das Kräuterbrot und der geschmorte, uralte Speck, sowie etwas Schnaps ungewohnt in ihnen rumoren.
Tinser spricht weit nach Mitternacht die zögernde Vermutung aus, dass dies ‚merkwürdige Wesen‘ — so nennt er die Kommissarin, um eine kleine Glut nicht einzugestehen — womöglich in einem regelrechten blaukarierten Bauernbett schliefe. Stoi kann es sich gut vorstellen.
„Sie ist schlank wie eine Wölfin, weiss dieser und jener, ich will nicht fluchen, aber sie sieht meiner Frau ähnlich, der Peppi!“
Stoi hat auf einmal eine schwunghafte Sprache an sich, er ist kühn in manchen Vergleichen, als wäre er noch der alte forsche Kerl von damals. Tinser fühlt fast einen kleinen Neid aufkeimen, tut es aber gutmütig ab, wird hingegen, als es zu tagen beginnt und sie etwas geschlafen haben, ein wenig besorgt. Er hat verwirrt geträumt. Sie hat einen Mund wie die Schwester im Tscherno-Hospiz, denkt er, aber er teilt seine dumpfen Befürchtungen dem Freunde nicht mit, um ihn in seiner Arglosigkeit und heiteren Laune nicht zu stören.
Es stellt sich nun am Morgen heraus, dass die schöne Kommissarin mit ihnen zusammen abzureisen gedenkt. Der Zweck ihrer Inspektionsreise wäre sowieso beendet.
Da es ein weiter Weg bis zur Bahn ist, werden ihnen Pferde zur Verfügung gestellt, sie übernimmt die Bürgschaft dafür. Sobald sie die Station erreicht haben werden, sollen sie die Pferde an den dortigen Gemeindevorsteher abgeben, so ist die einfache Bedingung in diesem freien Land.
Sie reiten von dannen voll Zuversicht und Freude, ohne Furcht vor dem weiten Weg. Auch Tinser schiebt seine düsteren Gedanken in den tiefsten Grund seiner Seele zurück, und sie halten sich wie Kavaliere ein Stück hinter dem angenehmen Fräulein, das sie mit ‚Towarisch‘, mit Genosse angeredet hat und das sich viel besser im Sattel hält als sie, denen es seit so langer Zeit ungewohnt ist.
4
Die Baryschnja
Die Sonne ist dahin. Der Himmel, wolkenlos seit Anbruch des Tages, scheint die Bläue von den Rändern aufzuschlürfen, am gierigsten im Nordwesten, so dass der Zenit mit dunkelm Blau volläuft und, zugleich sich schrägauf höher wölbend, wie eine ungeheure Eischale über das Land gestülpt ist.
Das Land ist flach, eine tonlose Ebene, kreisrund und ohne Licht. Nur der Duft welkender Kräuter geht im Windzug träge umher.
Nun beginnt auch der Horizont im Osten zu glimmen, das Perlmutterfarbene rötet sich vom Widerschein. Auf einmal entsteht dort am Erdrand ein dunkler Punkt, ein winziges Loch, das sich gleichsam in den Himmel sengt. Es wird grösser, zackiger, es teilt sich. Nun kann man es erkennen:
Drei Reiter kommen über die Ebene.
Als ritten sie auf grossen Hunden, so klein sind ihre Pferde. Sie kommen aus der Richtung, wo Kosljansk liegt, und könnte man sich erheben wie ein Vogel, so müsste man noch die blauen Rücken des Timan über die Ferne krempen sehen.
Sie sind alle drei gleich wie Bauern gekleidet, in Schafskitteln, in langen Stiefeln und die Lammfellmütze auf dem Ohr. Der eine ist lang, der andere untersetzt, der dritte, man sieht es am Anheben aus den Hüften und an den bunteren Stiefeln, ist ein Weib.
Bei einer Krüppelkiefer treffen sie auf etwas Dahingestrecktes. Sie halten und beugen sich ein wenig aus dem Sattel. Da liegt sauber und friedlich ein wohlerhaltenes menschliches Skelett, von den Gräsern durchwachsen. Ein verrostetes Seitengewehr steckt daneben, einen alten Bindfaden am Schaft; aber der Zettel, der daran gehangen haben wird, ist längst über die Steppe dahingeweht. Es mag Jahre her sein.
„Man sollte die Bauern anhalten, dergleichen zu begraben!“ sagt Tinser hoch über den Pferdehals herab.
Stoi blickt ihn unbehaglich an. Eine gemeinsame Erinnerung steht dunkel in beider Augen, und Stoi, der jetzt einen Schnurrbart trägt, stösst unversehens einen lästerlichen Fluch aus.
Der dritte Reiter, die russische Kommissarin, spricht, als schriebe sie die Worte auf die fahlen Rippenzeilen: „Andenken sind gut.“
Und damit reiten sie weiter.
„Towarischin,“ wendet nach einer Weile Tinser sich an das Mädchen, und es bedeutet Genossin. Er hält sich rechter Hand, gerade und lang ragt er aus dem Sattel empor, die Schafmütze schräg auf den steilen Hinterschädel geschoben. „Wie weit noch —“
Das Mädchen unterbricht ihn: „Rede mich ruhig mit Baryschnja an, Towarisch Tinser!“
„Verzeihung, selbstverständlich, also denn, gnädiges Fräulein!“ Sein Ton wird preussisch.
Stoi lacht auf, so dass es trocken in die Dämmerung knattert.
„Aber ich, Hauptmann Staudelhofer, werde es nicht tun!“ lacht er.
„Jeder neigt etwas zur Eitelkeit, das ist Menschenlos!“ sagt Tinser auf Deutsch und wirft einen mahnenden Blick zu dem Bayer hinüber.
Die Baryschnja wiegt sich gut in Hosen und mit buntem Leder besetzten Filzstiefeln dahin. Sie trägt seidene Strümpfe und Lackschuhe darunter, die beiden Männer wissen es; denn sie hat bei der Mittagsrast die Botiki ausgezogen. Magere Wege fädeln sich durch die Steppennarbe, es wird schon unsichtig. Das Mädchen sagt, nicht sehr laut, da man die Hufe kaum hört:
„Die Anrede mag für eine Bolschewistin etwas eitel sein, aber wir tragen keinen Schmuck mehr als uns selber. Vielmehr dieser arme Boden hier, er trägt uns als Schmuck. Ich möchte mich mit den Füssen an diesen Gäulchenschweif binden und, den Mund auf dieser Erde, mich im Galopp zu Tode küssen! Ich kann mir keinen Bart wachsen lassen, ich kann mir nicht helfen, ich liebe dies Land, wie ein Weib liebt.“
„Schön!“ antwortet Tinser. „Hauptsache, dass Sie die Gegend kennen und wir uns nicht verlaufen.“
Ihre Stimme hebt sich an, fast singend, ihr Atem ist vom Ritt unverbraucht, ihre Hand weist in die Runde.
„Sieh, wie es sich verzweigt! Jeder Weg hat seine Heimat, und überall ist es die Lust, auf und ab im Schwung dahinzutraben. Spiel, was du willst, die Liebe oder die Balalaika, schufte oder diniere mit bedeutenden Geistern: das gute Auf und Ab, das macht es, das ist die Lust. Das Ziel? Das Ziel ist immer schnell herbei. Es wird fast langweilig, wenn man zu gut im Sattel sitzt.“
Tinser sieht ernst zu ihr nieder. Seine Gehirnrinnen sind für solche Überlegungen in langen Jahren zu sehr verschlickt. Er weiss nichts zu antworten. Ein mühsames Bild quält sich in ihm auf, ein heller Strom voller Schiffe, ein Haus auf der Uferhöhe, ein helles Mädchen, das da oben steht. Die ungeheure Einsamkeit ringsum stimmt ihn auf einmal traurig. Er blickt zurück. Das Gebein, diesseits eines Grasbuckels gelegen, ist noch zu erkennen. Das Mädchen fängt seinen Blick auf. Sie neigt kurz ihr von Entbehrung und Erlebnis vor der Zeit geschärftes Profil. Ihr grosser schöner Mund hebt sich danach gegen ihn, als schwebte er. Nun trällert sie ein wenig mit etwas gläserner Stimme:
„Seht das Haus, dort seht in der Lubjanka,
Der Tod verspritzt mein Blut, mein rotes Blut.
Es ist ein Lied, das man in Moskau singt, es ist das letzte Ziel, wie das dort hinter uns,“ sagt sie leise. „Vielleicht hat man ihn umgebracht wegen eines geringen Zwiespalts der Gedanken. Vielleicht war seine Zeit dahin, vielleicht hat man ihn essen müssen in der bitteren Not. Ach, er war ohne Schuld und seine Mörder auch; denn ist das Opfer nicht süss um des Todes willen? Ursachen sind verzwickte Knäuel, wie soll ein Mensch sie rasch entwirren! In uns, o Lieber, wohnt die grosse Bestie, und der arme Christus steht immer vor der Tür. Und wenn es wahr ist, dass geschrieben steht, es werde das Lamm das Tier verschlingen, so muss es doch selber zur Bestie werden, wie solches sie denn auch in Jesu Namen mehr als im Namen des Teufels bewiesen haben. Schwimmt die Erde nicht heute wie ein dunkler Dotter im Himmel? Vielleicht war dieser Mensch der Same aus Gott. Nun brütet die Ewigkeit daraus eine neue Welt. Ach ja. Lass ihn gesegnet sein! Das Mütterchen hat ihn in ihre morgenrote Schürze gefaltet, wann nimmt sie auch uns ans letzte Gängelband?“
Stoi, der ab und zu finster herübergeblickt hat, nestelt die Flasche vom Gurt und trinkt. Er knurrt etwas Dumpfes und schlägt die Hacken in seinen Gaul.
Die beiden traben gleichfalls an.
So geht die Zeit dahin. Die lange Dämmerung wird zur Nacht. Der Mond steigt strichdünn in den grünen Himmel. Die Nachtzikaden beginnen zu lärmen. Der Geruch der abgeblühten Gräser ist dick wie süsses Brot. Tinser nimmt eine Bodenschwellung wahr und sieht nach den ersten Sternen, um die Richtung zu prüfen. Sein Sinn ist voller Verwirrung.
Als er wieder hinterherkommt, wendet sich das Mädchen mit bedeutungsvoller Betonung nach ihm um.
„Die Sterne sind oben, aber hier unten sind Lichter!“
Wirklich tauchen in grosser Ferne Lichter vor ihnen auf. Tinser sinkt etwas in sich hinein. Bei dem niedrigen Gaul reichen die Bügel schlecht für seine Beine. Er ist hundemüde und dennoch seltsam erregt. Aber jetzt wird Stoi aufgeräumt.
„Hast du keine Angst?“ hört er ihn zu dem Fräulein sagen.
„Die Tscheka ist tot!“ antwortet sie.
„Mir ist so eine kleine Taschenkanone, wie du sie hast, sicherer.“
„Man schiesst besser mit der Zunge, aber man muss sich auf das Sichern verstehen!“
Ihre Stimme hört sich schnippisch an. Tinser lenkt sein Pferd so, dass er Stoi einen heimlichen Blick zuwerfen kann. Stoi scheint es nicht sehen zu wollen. Aber das Mädchen merkt es.
„Glaubst du, dass ich eine Agentin bin?“ fragt sie unverblümt.
„Ja!“ antwortet Tinser, so sorglos es heraus will. Sie lächelt, er fühlt es mehr, als dass er es sieht. Sie heisst Stasja Antonowna, denkt er.
„Dsershinski, der rote Henker, er macht jetzt Eisenbahnen, und ich bin nicht als Kavalierpüppchen entsandt, sondern um das Gelände zu prüfen.“
„Er macht auch Kinderheime für die ganz Vorsichtigen!“ fügt der Bayer hinzu.
Was mag in ihn gefahren sein! Tinser steigt es beklommen auf.
„Ja, wir,“ sagt Stoi, „die wir abgesandt sind —“
Die Reiterin unterbricht ihn, ein kurzes Gurren in der Kehle, sie verdreht das Wort, ihre Stimme klingt spielerisch und lauernd:
„Weggesandt! Auch mich will man los sein!“
Tinser fühlt, wie sie ihn schräg von unten ansieht.
Was soll das, denkt er. Die Gurgel ist ihm eng. Er drückt den Kopf ins Genick. Er fühlt die Narbe und die Erinnerung an jene unheimliche Schwester, die Jahre zurückliegt. Da reitet ein Weib zwischen ihnen, zwischen ihm und einem guten Kameraden. Oh, diesmal sind sie misstrauisch und ahnen beklommen, dass es unnötig ist, misstrauisch zu sein, in dieser Beziehung wenigstens. Und es ist nach langer Zeit wieder ein gebildeter Mensch. Vielleicht sogar ein ausserordentlicher Mensch. Verdammt, dass es dazu ein Weib ist!
Stoi hat von Mittag an gänzlich verschleierte Augen gehabt, man muss befürchten, dass er vor Fieber plapperhaft wird.
Nun erzählt er sogar die Geschichte von dem Mongolen, den sie in den Bagger geworfen haben mit eigner Hand.
Tinser prescht vor, um es nicht mit anhören zu müssen.
5
Die Fratze im Nacken
Nach einer Weile bezwingt Tinser seinen Unwillen, er pfeift vor sich hin, lächelt sich gleichsam zu.
Was soll ihm ankommen? Es gibt zwischen Himmel und Hölle nichts, was sie nicht erlebt hätten. Und hier zumal, im Frieden der Steppe, ist die rechte Zeit gekommen, endlich ein wenig sorglos zu sein. Stoi hat recht! Die Jahre haben sie gegerbt wie ein unverwüstliches Hosenleder. Und nun ist es soweit, und sie reiten in die Sonne und in die Heimat.
Das Gras riecht im Dunkeln, es duftet wie lauter Feste, wie kleine lächelnde Erinnerungen. Oh, er hat den Namen nicht vergessen. Zu Hause im alten Schrank muss noch verborgen ein winziges Taschentuch liegen, und es duftet nach indischem Heu. Es fällt ihm aufs Herz, Ewigkeiten liegen zwischen den Zeiten, und noch immer klebt er hier in der unendlichen Ebene, eine kleine Russin hinter sich in bunten Stiefeln, die verteufelte Gedanken hat, dass einem die Augen übergehen, und der man eine alte elende Geschichte erzählt.
„Stoi! Verflucht!“ stöhnt er. „Halt auf!“
Sein Pferd dreht sich wie auf einem Teller. Es kommt ihm fast in den Sinn, zurückzureiten in das leise Gemurmel hinter seinem Rücken. Aber das Pferdchen wittert das Dorf, und Tinser lässt es gewähren. Er fühlt sein Herz schlagen und das des Tieres.
Überall ist Heimweh, wer hätte das geahnt, lächelt er. In der Moossenke war es friedlich, dumpf und friedlich wie Bären hausen sie da. Nun gibt es anderes zu denken und bedenken. Die Welt ist das, wohin sie reiten. Das ist zu bedenken. Ewig ist da zu denken. Klipp klapp, wie eine Mühle mahlt das Gehirn, und lässt man sich darauf ein, dann gibt es kein Halten mehr. Verfluchtes Spiel! Stoi sollte seine Stimme dämpfen. Denken ist Bilderjagd, Worte zünden es an, es brennt im Gehirn, ein brennender Film. Wie lange ist es her, dass er in einem Kino war! Vor Jahren gingen da schöne Frauen über die Leinwand. Der Apparat schnurrte, als hätten sie ein Uhrwerk in sich, zuzeiten aber überwog das Geschehen, dann rauschte es zwischen Geigengeflimmer und Harmonium, es ging ans Herz, wie sie lachten, Böses taten, heimliche Briefe öffneten und sich zu entkleiden begannen. Der Liebhaber, der Gatte stürzten herzu; aus einer Hüfttasche, überlebensgross, Detailbild, entschälte sich der Revolver. Oh, dies süss sterbende Lächeln, letzte Vergebung, Enthüllung und die Hetzjagd des gefolterten Mörders. He! He! Man dreht eine Kurbel, das ist das Ganze. Das Zimmer hat nur drei Wände, Einbildung ist alles! Schauspielerei! Und der Held reisst faule Zoten, wenn er dem Auge nach schmachtet. Ein Mensch, der durch Erkältung ertaubte und vom Mund lesen konnte, hat ihm das erzählt. Warum war er nicht stumm? Was soll man noch glauben? Verflucht, was hatte er so irrsinnig zu brüllen! Ein Hebel wird gedreht, dann schnurrt es los! Bagger he! Bagger he! —
Was denn? Wer denn? Schweben sie nicht friedlich dahin in einer schönen Nacht über die unschuldsvollste Steppe der Welt? Es ist nichts zu erkennen, die Lichter sind verdeckt oder erloschen. Es ist beinahe, als höbe sich das Flache, als stünde es wie eine steile Wand vornweg. Fünfhundert Meter und mehr. Da oben dröhnt es, oder sollte es dröhnen.
Der Schädel brummt ihm wohl, das ist alles. Dieser alberne Heuduft! Er benimmt den Atem. Verflucht, verflucht! Was brennt es ihm im Genick! Die Fratze, die gelbe Fratze grinst ihm im Nacken. Still, still! Was soll die Hölle hier im unschuldsvollen Schweigen! Er dreht seine Gedanken zur Vernunft, er hat wohl Fieber in den Ohren; nichts ist zu hören als nur das Janken und leise Geklirr am Sattel und im Riemenzeug, das Scheuern der Kleidung, das Schnaufen des Pferdchens. Haha, es ist die tote Stille der Nacht, welche diese kleinen Geräusche sozusagen unters Mikroskop legt, so dass sie lächerlicherweise an jene Bagger erinnern.
Tinser zuckt die Schulter. Ich zucke sie gleichmütig, sagt er sich und schnäuzt sich durch die Finger.
Das Gras ist welk, schreibt er in seinem Gehirn, es riecht nach Heuschnupfen, manche haben Fieber davon. Der Himmel dämmert wie ein Mädchentaschentuch vor ihm, die Steppe raschelt wie ein Mädchenrock.
Die Baryschnja hat sich nicht parfümiert, denkt er, es riecht etwas nach Lazarett.
Er windet sich im Sattel, zieht den Kopf gleichsam in die Brust, er sieht überdeutlich jene Schwester durch die Baracke gehen, damals, in der ‚Leichenkiste‘. Sein Gehirn wird willenlos, die Erinnerung hetzt den alten grausigen Film hindurch.
Die Baryschnja sieht ihr ähnlich, schreit er sich verzweifelt an, er schlägt die Sporen ein, rast wie wild in die bodenlose Nacht.
Bagger he! Bagger he! gellt es in seine Ohren.
Er landet, wie in manchem Fiebertraum vergangener Nächte, an dem alten Baggersumpf bei Taglai. Der Mongole winselt, sein Spiegelbild zuckt im Morast, er hat die Schwester, die keine war, ermordet, ihr Angesicht zerschossen und hat das Platin gefressen, der gelbe Hund, das rote Schwein, und Stoi gibt ihm den letzten Tritt. Wie ein schmutziger Klumpen rollt das Bündel Mensch im Sumpf, schon treibt er im Saugwirbel. Der Bagger tost, schluckt Erdreich, Schlamm, Fels und Gestrüpp, schluckt alles, was ihm vor den Rüssel kommt. Der Mongole hebt das überschlammte, kreiselnde Gesicht, so sieht kein Mensch aus. Schon packt ihn der Greifer. Er brüllt, er sieht Tinser an, ausgerechnet Tinser sieht er an und brüllt, dass es Himmel und Hölle übertönt.
„Schiess!“ brüllt er.
Und dann ist es vorbei. Der Bagger tut seine Schuldigkeit mit Mahlgang, Wäscherei und Sieber. Auf die Filzplatte in der Schleuse erbricht sich ein kleiner blutiger Haufen Metallschutt.
Tinser hält sich verkrampft im Bügel, reckt sich jäh hoch; schaurig lacht er auf.
„Ich wollte schiessen!“ schreit er in die Nacht.
Dann schüttert er dumpf in den Sattel zurück.
Stois Stimme und die der Baryschnja antworten hinter ihm, als hätte er etwas Ermunterndes gerufen. Ganz nahe schlagen Dorfköter an, und schon sind die Umrisse armseliger Höfe zu erkennen.
6
Feuer im Osten
In der Nacht wacht Tinser auf. Das Schnarchen der Bauernfamilie brandet durch das Dunkel. Gegen das Fenster erkennt er Stoi, der gebückt dasteht. Tinser räuspert sich. Stoi flüstert zurück, als bisse er die Zähne zusammen: „Ich geh!“
In Tinser zuckt etwas zusammen. Aus trocknem Schlunde stösst er hervor: „Bleib hier!“ Er sieht, wie der andere vor dem nachtgrauen Fenster ins Dunkle knickt, und hört, wie er sich herantastet. Der oberdeutsche Stimmklang flüstert dicht an seinem Ohr: „Eine Agentin ist sie!“
„Wir haben unsere Ausweise von dem Syrjänen ihr zu verdanken!“ Tinser ahnt, was ihm fehlt, aber er bringt nicht mehr übers Herz. Stoi atmet eine Weile schwer. „Ich schau nach den Pferden!“ flüstert er dann.
„Mensch, schlaf doch!“ haucht Tinser, dreht sich auf die andere Seite und tut, als schliefe er wieder. Aber Stoi flüstert weiter. Seine Stimme schluckt, es ist ein wahres Elend: „Sie sieht aus wie meine Frau, wie die Peppi, du weisst net. Geht einfach hi mit ein anderem, und hats Kind vom selbigen, wie ich in Krieg bin, meine Frau. Des weisst du. Meine Schwester hats mir g’schrieben. Vor vier Jahr, sinds bald her. Damals, als wir die Schwester, aber dies ist wirklich eine, das weisst du —“
Das weinerliche Geflüster rinnt einschläfernd dahin. In Tinser vermengen sich die Bilder, das Mädchen im Sattel, die falsche Schwester damals, das grausige Gesicht des Mongolen, Gebeine, Schiffe, das Almhaus, darin Staudelhofer mit der treulosen Peppi flüstert. „Der kleine Stall. — Sie hatn Riegel nicht zug’riegelt, ich habs gehört, sie hats nicht, und die Leiter is ang’lehnt!“ Auf einmal wird seine Stimme straffer. Er stupft Tinser an: „Wir unter Kameraden, gelacht, welch Theater! Losen wir!“
Tinser, nunmehr wirklich gestört, fährt auf. Aber er ist wie betrunken, er faucht etwas Unverständliches, Zweifelndes, Warnendes, und als täte es ihm leid, sagt er betrübt: „Machs gut!“
Stoi erhebt sich und drückt sich aus der Tür.
Als er hinaus ist, wird Tinser hellwach. Wahrhaftig, denkt er, ich gönn es ihm. Und somit erdrosselt er ein Gefühl, das verflixt nach Eifersucht schmeckt. Draussen ist es totenstill. Er legt sich wieder hin, presst den Kopf in den Schafpelz, weil er sich beim Horchen ertappt hat. Die Finsternis ist stickig von Schlafdunst. Die Pferde rühren sich draussen. Man könnte meinen, ein wenig Gemurmel wäre auch vorhanden. Es verzweigt sich so. Sagte sie das nicht? Jeder Weg ist gewissermassen die Heimat. Vielleicht hätte er längst in Deutschland sein können, fast zum Vergnügen hat er sich damals den Koltschakern angeschlossen. Ein Unbehagen fasst ihn an, Trauer, Grauen und kaltes Schwarz. Sein Bruder ist damals gleich im Westen gefallen, und seine Mutter ist gestorben, als er durch den Schnitzer eines Schreibers statt mit der Schmach der Gefangenschaft mit der Glorie des Heldentodes belehnt wurde. Eine sonderbare Furcht ergreift ihn. Das Schnarchen aus der Ecke tönt wie fernher gehetztes Gebell. Eine Agentin, denkt er, und Stoi konnte die Zunge nicht voll genug nehmen, um sie sich unters Herz zu schwatzen. Er streicht mit der Hand übers Gesicht, als wischte er eine Maske fort. Seine Bartstoppeln kratzen hörbar. Er fühlt seine Nackenwunde. Es schaudert ihm. Der Mongole steht vor seinem Gesicht. Während der ganzen Jahre hat ihn die schauerliche Erinnerung nicht verlassen. Nur in der Moossenke war es still und abgetan. Nun steht das alte Grauen auf, fällt unabwehrbar über seine Kehle. Der Mongole! Der Mongole!
Kalt tritt der Schweiss aus seinen Poren, er hört sich keuchen. Mit unmenschlicher Anstrengung zwingt er sich, an das Mädchen zu denken, an diese kluge Russin, nein, nicht an die ‚Leichenkiste‘! Diese ist anders, dies wird kein Betrug sein, nie würde das geschehen, was damals geschehen ist! Und Stoi ist nun bei ihr! — Tinser wird es heiss, aber er versetzt sich mit aller Macht in das Liebesgeschehnis nebenan, in ein süsses, verworfenes Geflüster, in den schönen, vollgewölbten Mund, der durch den Abend sich zu ihm emporgehoben hat.
Er wirft sich stöhnend auf die andere Seite, wo das Fensterkreuz auf die Nacht geklebt ist. Durcht den Türspalt sticht die eisige Luft. Er presst die Lider zusammen und denkt krampfhaft an zu Hause. Sein Vater steht im Garten, dort, von wo aus man ein Stück der Werft sehen kann, jenseits des Stromes, Tinsers Werft. Da sind auch seine Schwestern, noch immer blass und zimperlich, Hanna und Emely. Er meint, die dünne, gläserne Stimme von der Steppe zu vernehmen: Der Tod verspritzt mein Blut.
Er ist plötzlich wie gelähmt. — Vielleicht verliere ich das Bewusstsein, denkt er mühsam und fast glücklich. Im gleichen Augenblick fällt er in Schlaf. Nach einer Weile träumt er, er sähe von oben zwischen die Hellinge auf Tinsers Werft. Die Spantenblöcke sind leer. Sein Vater steht erhaben da und sagt: Komme mir niemand mit dem Maschinenschweinkram. Und er setzt ein lächerliches, billiges Spielzeug, ein kleines Segelschiff auf die leeren Helgen. Da steht die kleine Alice und segelt nach Südamerika. Sie hält den Brief, darin seine Schwester Hanna es ihm geschrieben hat, als Marssegel über sich, sie biegt sich vom Wind weit hintenüber, so dass das dünne Kleid sehr dünn wird, und sie schreit hinauf in den Himmel, wo die Sterne wie Mücken spielen. Halse mich! schreit sie. Aber er hat den Mongolen schon gesehen, der hinter ihr lauert, und der zielt auf ihren Nacken, jetzt drückt er ab.
Tinser schreckt grausend hoch. Da fiel doch ein Schuss?
Auch der Bauer ist erwacht und rülpst angstvoll von seinem Ofenbett herab. Man vernimmt Pferdehufe. Die Tür geht auf. Es ist Stoi.
„Nitschewo!“ sagt er ziemlich laut, als beantwortete er eine Frage. „Es war ein Iltis, der an die Hühner wollte. Und er fügt auf deutsch hinzu: „Hoch, Tinser! Es ist Zeit!“
Tinser springt auf. Die Pferde stehen abgehalfert. Sie werfen die Sättel über, die Höfe liegen sternhell da.
„Was ist? Wer hat geschossen?“ fragt er, vom Schlaf torkelnd. Stoi sitzt schon auf, er antwortet nicht. Tinser packt ihn am Arm. „Wo ist die Stasja?“
Stoi macht eine flackernde Bewegung, nimmt das dritte Pferd beim Zügel und jagt davon. Die Kälte fällt Tinser an bis ins Mark. Er weiss auf einmal, was geschehen ist. Er zittert vor Grauen. Er horcht. Der Bauer kommt nicht heraus. Getraut sich nicht, dieser Komi, denkt er, und denkt es ein paarmal. Er geht unter die kleine Stalltür, die Leiter lehnt daran. Was wird es sein, sagt er sich, du hast es schon oft gesehen. Er steigt die Leiter hinauf, Heuduft quillt ihm süsstrocken entgegen. Er schlägt sein Feuerzeug an. Das erste, was er erblickt, sind die bunten hohen Filzstiefel; säuberlich stehen sie beieinander. Daneben liegt ein Lackschuh. Die Heuschütte dahinter ist nicht übermässig hoch und nicht sehr verwühlt. Ein Fuss in einem grauen Seidenstrumpf ragt über die Abkante hervor, eigentümlich erstarrt schwebend. Tinser kennt das Zeichen. Sein Puls geht ruhig. Er hält die blakende, kaum leuchtende Flamme höher. Die Baryschnja liegt ganz still unter der Wolldecke. Das gewürfelte Kissen, das ihr die Bäuerin gegeben hat, ist über ihren Kopf gelegt. Tinser klettert vorsichtig auf die Schütte. Seine Knie sinken ein. Er zuckt zusammen, das Mädchen scheint sich zu bewegen. Er zieht das Kissen hoch. Das Feuerzeug fällt ihm aus der Hand und verlischt. Aber er hat genug gesehen. Der Schuss ist in den Mund gegangen.
Es glimmt unter seinen Knien. Er drückt es mit den Fingern aus. Sonderbar verkrampft verharrt er da eine Weile im Dunkeln, er besinnt sich, will sich erheben, sinkt wieder nieder. Auf einmal tastet er umher, leise vor sich hinstöhnend. Einen Augenblick hält er den anderen Lackschuh zwischen den Fingern, er ist klebrig feucht. Wie weich das Leder ist, denkt er. Endlich findet er das Feuerzeug. Er rutscht hinunter, entzündet es und fährt damit unter dem dürren Gras hin und her. Raschelnd huschen die Flammen hoch. Er stürzt hinaus, stösst die Leiter in die Luke hinauf, stolpert über einen Sattel, der da liegt, wirft sich aufs Pferd und rast davon.
*
Als es zu tagen beginnt, sieht er einen herrenlosen, ungesattelten Gaul auf sich zukommen, und der Gaul kommt wiehernd näher. Es ist Stasjas Pferd, denkt er, und Stoi hat es davongehetzt, und es wird zurücklaufen und uns verraten. Er langt in die Hosentasche, als wollte er eine Waffe hervorholen. Aber etwas Fremdes ist in seiner Tasche, weich und etwas krustig. Er zieht es entsetzt heraus. Es ist der kleine Lackschuh, den die Baryschnja unter den hohen Stiefeln getragen hat, und geronnenes Blut sitzt stumpf auf dem blanken Leder. Tinser stiert eine ganze Zeit darauf hin. Eine Stimme spricht ganz gläsern und dünn in ihm: Andenken sind gut.
Schliesslich besinnt er sich, dass ja noch etwas zu geschehen hat. Die Flinte haben sie vergessen. Der Schuh fällt aus seiner Hand wie ein Blatt. Er fühlt in die andere Tasche, da steckt der kleine Beutel mit den Platinkörnern, die von damals, von jenem Gipfel hoch über den Wolken stammen. Einen Revolver hat er ja gar nicht gehabt, der ist ihm schon vor Jahren irgendwo abhanden gekommen. Die Baryschnja — die hatte einen Revolver. Nun wird Stoi ihn wohl haben.
Das Pferdchen ist auch schon wieder davon. Es rennt leicht und ledig über die menschenleere Steppe nach Osten zu, wo weit hinten am Erdrand noch immer der Feuerschein steht und sich verblassend mit dem Frührot mengt.
7
Auf der Strecke
Fabrikschornsteine starren wie erstorbene Finger hinter dem Sumpf. Tinser ist an einem Moorloch abgesprungen, um die Hände zu waschen und den Gaumen zu kühlen. Er trocknet sich mit seinem armen Taschentuch, der letzten Erinnerung an die Kantine in Taglai. Da war er Platinsucher gewesen. Und jetzt sitzen die Brüder dort oben in der Moossenke, bis die Unternehmer kommen. Oder sie werden diesen Winter allesamt im Schnee verhungern. Er wird kaum noch etwas für sie tun können, es wäre schon das beste, auf einem Umwege zurückzukehren und mit zu verhungern.
Die Sonne brennt und trocknet seine Kleider. Er hat einen Fluss durchschwimmen müssen, Schüsse sind hinter ihm hergeknallt. Vielleicht ist er schon in der Sowjet-Republik. Durch Wald, Steppe und Morast ist er stark nach Süden abgekommen. Die vergangene Nacht lauert formlos in ihm Gefahr! Das ist der einzige Begriff, der ihm klar im Nacken sitzt. Misstrauisch beobachtet er das Gelände. Wo eine Fabrik ist, kann die Eisenbahn nicht weit sein.
Er hat es längst aufgegeben, Stoi einzuholen. Vielleicht ist es ebensogut, wenn er ihn nie wieder trifft. Er hockt sich zögernd auf sein braves kleines Pferd. Er tätschelt ihm den verschwitzten Hals, es ist zäh und schnell, so klein es ist.
Nun muss er den Weg weiter, den er in der Moorgegend angenommen hat, er muss an der Fabrik vorbei. Der Boden ist ringsum rot von Eisenstein. An der Fabrikmauer stehen Arbeiter in blauen Blusen. Sie beachten kaum, dass er näher kommt, und er fühlt sich erleichtert. Ohne Zaudern grüsst er, sie erwidern es lächelnd. Einer ist etwas abseits gegangen, und Tinser, der eigentlich vorbeireiten will, fragt ihn nach der Station; denn ihm ist auf einmal, als röche er Eisenbahnrauch, und er schnüffelt die Luft ungläubig ein. Es ist lange her, dass er diesen Duft gerochen hat, und er dünkt ihm so lieblich wie jene zarten Düfte vornehmer Mädchen, an die er sich seltsamerweise zugleich erinnert. Der Arbeiter weist zuvorkommend mit beiden Händen die Strasse entlang, es wäre nicht mehr weit. Dabei wendet er kein Auge von dem Pferde, und er lächelt schlitzig, und sein kümmerlicher grauer Bart spreizt sich katerhaft nach den Seiten. Tinser dankt, aber das Pferd zögert, die Hufe anzuheben. Der Arbeiter sieht Tinser an. Die grünen Augenschlitze stechen aus bläulichen Höfen hervor. Sein wulstiger gelber Mund ist noch immer in Lächeln verzogen. Er ist ein Tatar, fast ein Mongole.
„Vor einer Stunde,“ sagt er wundernd, „hat sich genau derselbe Mann wie du in genau derselben Pfütze gewaschen.“
„So, so!“ entgegnet Tinser, und er muss seine ganze Kraft zusammennehmen. Er tritt seinem Gaul heftig in die Weichen, aber das Tier zittert und löst sich kaum, als stehe es in Sirup. Die übrigen Arbeiter sind auch herangetreten. Tinser fühlt, wie sich sein Gesicht vor diesen widerlichen Schlitzaugen verfärbt, er merkt es auch an den Blicken der Kerle.
„Es ist das Sumpffieber!“ murmelt er.
„Der andere hat auch nach der Station gefragt!“ fährt der Katerschnäutzige fort.
Du kannst mich —, denkt Tinser, hält es jedoch für geratener, höflich zu bleiben. Und er knirscht, einen kläglichen Zorn heuchelnd: „Aller Segen dem Kommunismus! Wir haben es uns gemeinsam geholt, bei einer und derselben, und müssen ins Krankenhaus nach Wologda!“
Die Männer wedeln verständnisvoll mit der Hand an ihrem Ohr entlang. Der Schlitzäugige wendet sich an die Arbeiter, sie auf syrjänisch anredend, und das Pferd macht einen Satz und klappert so spornstreichs davon, dass Tinser um ein Haar aus den Bügeln gekippt wäre.
Sehr bald erblickt er einen Kirchturm und Telegraphenpfähle, bald auch Häuser an einer Flussbiegung und einen langgestreckten Schuppen, vor welchem einige Weiber mit Fischen handeln. Er liest den Namen Kereshsk. Da sieht er auch die Geleise, sein Herz springt wie unsinnig. Er reitet um den Schuppen herum.
Hinter dem Schuppen, auf einer Bank, sitzt Stoi. Ganz ruhig sitzt er da, wie ein Bauer, und raucht aus seiner Holzpfeife. Tinser hält stumm vor ihm an. Stoi blickt auf, und ohne dass sein Gesicht besondere Bewegung verriete, sagt er: „Binde das Pferd hinter dem Schuppen an, da holt es sich der Wollustmann ab.“ Er kann also sogar noch Witze machen.
Tinser tut wie gesagt und setzt sich dann neben Stoi. Jetzt erst sieht er, dass der Bayer sich den Bart abgeschnitten hat, schlecht und recht, eigenhändig mit Messer und Zündholz, die Haut ist zerschabt und blutig.
Das Warten wird unerträglich. Stumm sitzen sie nebeneinander. Bauern und Fischer kommen, reisefertig, mit Behagen schwatzend, auch einige Frauen in halbstädtischer Tracht. Tinser geht in den Schuppen, in einer Ecke wird Tee ausgeschenkt, und er stürzt die Becher hinunter. Endlich läuft der Zug ein, wirft seinen Inhalt aus und beginnt zu rangieren. Die Wagen sind von oben bis unten bemalt, aber die grellen Farben beginnen schon zu verblassen und die grossen Worte auch, die mit Schwung am Fusse aufgeknüpfter Adliger die Verbrüderung von Arbeitern und Bauern feiern. Auch sieht man die Hure Europa vom russischen Bären zum letztenmal genotzüchtigt und dann gefressen, während ihre vormaligen Liebhaber, eine Art Feldmarschall und ein griechischer Bischof, von Bajonetten angespiesst, der Sachlage mit gnadewimmerndem Ausdruck zusehen. Der Sowjetstern, sowie Hammer und Sichel sind geschickt auf die leeren Stellen verteilt, während der düstere Schusterschädel Trotzkis und die fanatisch stechenden Pupillen Lenins überlebensgross von jedem zweiten Wagen starren.
Sie haben Zeit genug, es zu betrachten. Hier ist eine Endstation, neu angelegt und unvollkommen. Soldaten steigen mit aus, rote Landmiliz. Sie mustern die Umherstehenden und gehen in den Ort. Tinser hat das Gefühl, als müsste es schief gehen. Auf einmal sieht Stoi ihn ruhig an: „Hast du Angst?“ sagt er. „Der Bauer wird sich hüten, hinter uns herzubiestern. Du hast den Sattel doch liegen lassen? In der rechten Tasche steckt so viel Platin, dass er sich ein ganzes Dorf wiederkaufen kann. Das übrige hab ich hier bezahlt. Man wird uns in Frieden lassen. Unser Pass ist gut.“
Tinser kann nichts erwidern, er ist völlig benommen. Ausserdem ist es Zeit zum Einsteigen. Sie erhalten einen Platz eng nebeneinander zwischen den Bauern. Als der Zug sich in Bewegung gesetzt hat und keine Soldaten eingestiegen sind, nehmen die Bauern die Flaschen vor und trinken Wodka. Und sie sprechen vergnügt: „Väterchen Trotzki hats verboten.“
So fahren sie dahin unter den gröhlenden Muschiks, auf der harten Bank gerüttelt, Schulter an Schulter, und ihre Gedanken kreisen qualvoll und unaufhörlich um das gleiche. Sie schlagen es nicht aus, wenn die Runde der Flasche auch an sie kommt. Ihre Lippen und ihre Augen sind wie Blei. Es wird Abend, die Bauern schnarchen.
Tinser nimmt sein trockenes Brot aus dem Tuch und das letzte Stück Dörrfleisch, und sie essen beide ein wenig.
Danach schläft der Bayer ein. Er lehnt schwer gegen Tinser, der versucht, ganz unbeweglich zu sitzen. Er starrt aus dem Fenster. Das Abendrot ist wie Feuerschein. Er fühlt ein grauenvolles Band zwischen sich und dem im Schlaf stöhnenden Mann. Als schüttelte er etwas ab, so schauert er in sich hinein.
Davon wacht der andere auf. Er stiert Tinser entgeistert an. Sein Mund, der so nackt und zerschunden ist, bewegt sich kauend.
„Sie sagte es einfach so!“ flüstert er mit Anstrengung.
Tinser erträgt es nicht und windet sich vor Grauen. Stoi setzt sich aufrecht hin, sucht seine Pfeife hervor und will sie in Brand setzen. Er hat richtige Streichhölzer, aber seine Hand flackert. Tinser sieht eine Weile zu, dann nimmt er sein Feuerzeug und hält es ihm. Stoi sieht ihn dankbar an und sagt leise: „Ich sah den Feuerschein. Ich hab mir erst hier Zündhölzer kaufen können, und ich hatte kein Feuerzeug wie du. Du hast uns gerettet.“
„Uns?“ entbricht es Tinser.
Aber auf einmal sieht er den kleinen blutigen Lackschuh in der Steppe liegen. Ein Lackschuh ist kein Sattel, den jeder besessen haben kann. Er wird sie verraten. Tinser spürt, wie ihm der Schweiss aus den Poren bricht, und endlich fragt er: „Warum —“
Stoi rutscht so weit gedreht von der Bank, dass er fast mit den Knien den Boden berührt. Seine Augen hängen hervorquellend und irr an Tinsers Mund. Heiser kommt es aus seiner Kehle: „Sie quälte mich so lange, bis ich ihr den Gipfel verriet. Und dann sagte sie einfach zu mir: Schick mir den anderen! — Sie wehrte sich nicht, als ich ihr den Revolver von der Hüfte nahm. Nicht in den Nacken! Das war ihr letztes Wort.“
Der Zug rasselt und wimmert. Das Geräusch der Räder ist wie ein verrückt gewordener Puls. Eine Lampe ist irgendwann angezündet worden und schaukelt trübe im Qualm des Wagens.
Über Tinser ist eine empfindungslose Erschöpfung gekommen. So oder so, es geht uns auch so an den Hals! denkt er im Takt der Räder. Sein Kopf pendelt hin und her, wie die Lampe pendelt. Wenn die Bremsen kreischen, fällt sein Kinn hart vornüber auf die Brust.
Einmal, als der Zug gerade wieder anzieht, sieht er, fast versonnen, die Reihe der Schläfer an, die auf der Erde links und rechts und die gegenüber. In der Ecke sitzt ein Mensch, ein Arbeiter, den er kennt, ein Tatar, ein halber Mongole. Es ist der von der Fabrik, der das Pferd verhext hat. Sonderbar, dass er ihn nicht eher gesehen hat. Er lächelt nicht, er schläft aber auch nicht. Seine grünen brandigen Augenschlitze starren auf einen Punkt, Tinser folgt der Richtung. Sie sehen auf Stois Hände, die einst so gepflegt und fröhlich waren und die nun grau, verschwielt und schlaff über den Knien hängen.
8
Die Hirnmühle
Sie erreichen den Anschluss an die Linie, die von Archangelsk herunterkommt. In Wologda gelangen sie ungefährdet durch die Bahnhofswache. Ihre Pässe sind gut. Tinser fühlt trotzdem, wie sie eingekreist sind. Stoi ist schon wieder harmlos heiter. Sie essen warme Speisen. Sie staunen die städtische Pracht an, die Frauen, die Plakate, einen amerikanischen Handelsreisenden in Schlips, Kragen und gebügelten Hosen, und sie essen von Tellern mit Messern und Gabeln. Es bekommt ihnen nicht, Tinser muss sich beim Nachtisch übergeben. Dennoch ist alles wie ein Wunder.
Über gewisse Erlebnisse sprechen sie nicht. Sie lassen sich rasieren, hilflos der europäischen Weihe des Parikmachers anheimgegeben. Sie nehmen ein Dampfbad, schon wieder von Unheimlichkeiten gequält. Dann gehen sie zum Kommissar, denn sie haben es nicht vergessen, sie sind ja beauftragt, sind Abgesandte. Sie werden auch vorgelassen und durch die Wache hinaufgeführt. Rondjeff heisst der Kommissar.
Der gepflegte Mann mit dem schwarzen Wangenflaum, gewinnend, schön wie eine Wachsfigur, mit geniesserisch schmetternder Stimme, hat anscheinend grosses Verständnis.
„Ja, diese zweieinhalb Dutz internationaler Genossen!“ trompetet er begeistert. „Sie sollen nicht länger leiden!“
Die beiden, die da in ihren Bauernjacken stehen, der feineren Gesittung entfremdet, sie neigen ihm ihr Herz zu, und er fährt stark und munter fort: „Da, wo der Weizen nicht mehr blüht, ist bitter siedeln! Sind auch Frauen dabei? Tataren? Sind wohl die rechten Säue!“
Er lacht schmetternd, und die beiden grinsen etwas verlegen, und es lässt sich ja nichts darauf erwidern.
„Und,“ sagt er strahlend, „wie wäre es mit der Mandschurei, bestes Weideland, Ackerland, zwei Jahre leichter Dienst?“
„Nein, Deutschland!“ schreit Stoi ihm mir nichts, dir nichts ins Gesicht.
Der vornehme Mann sieht darüber hinweg, und mit der Liebenswürdigkeit grossstädtischer Bildung nickt er lächelnd: „Ich werde es sofort nach Moskau weitergeben! Doch muss ich Sie bitten, einige Tage hier zu bleiben! Übrigens wird sich euer vollgestopfter Westen eines Tages die Finger nach unsern grossen Ebenen lecken. Was empört man sich drüben über unsere rote Sense! Hat sie nicht den Boden gesäubert und jungfräulich gemacht für euch? Denn so sicher wie herabfällt meine Hand auf diesen leeren Tisch, wird eure Überbevölkerung in absehbarer Zeit ruhbedürftig, sehnsüchtig nach eignem Grund, auf den Osten verfallen! Und wir werden den Westen zu empfangen gedenken, so wie der Westen einst empfing die lateinische Kultur und mit der alternden gute Frucht trieb, die nunmehr überreif ist und wiederum der Verjüngung bedarf! Hören Sie? Wir werden den guten Siedlern, die klug sind, tüchtig und wetterfest, nichts Kleinliches in den Weg legen! — Gehen Sie getrost nach Haus! Sie werden eines Tages schon wiederkommen, wenns nicht zu spät ist! Denn, noch eines, meine Braven! —“
Er hat seine Stimme gedämpft, seine Augen stochern in ihre Gesichter.
„Wir erwarten nämlich eine Agentin zurück, die ihnen vielleicht noch andere Arbeitsmöglichkeit bieten wird. Wir haben da Wind von einem Platinlager, dessen Lage und Verkauf die Syrjänen uns verheimlichen wollen, und da diese Dame dort aufgewachsen ist, und die Weiber es besser verstehen, hinter die Schliche —“
Er zieht eine Nagelfeile und legt sie an seine gespreizten Finger. Tinser sieht, wie Stoi erbleicht. Rasch tritt er vor und sagt lächelnd, indem er ein Stück zusammengenähtes Leder aus der Tasche zieht: „Es kann sein, dass wir das Lager kennen. Hier!“
„Eine englische Marke!“ murmelte Stoi.
Der Kommissar trennt die Nähte mit der Nagelfeile auf. Er lässt die grauen Körner in die hohle Hand gleiten. „Ungeheuerlich!“ sagt er. „Was verlangen Sie dafür?“
„Wir schenken es dem russischen Volke! Denn der Rücktransport von Kriegsgefangenen in die Heimat ist ja die selbstverständliche Pflicht der Nationen. Wir brauchen nur die schriftliche Zusicherung!“
„Wahnsinn!“ schreit Stoi dazwischen, auf das Platin starrend, das der Russe sanft hin und her wiegt, nun aber in einem Schreibtisch verschliesst. Er klingelt, diktiert einem Beamten, lässt sie beide photographieren, nach zwei Minuten die entwickelten Lichtbilder einkleben, stempelt, unterschreibt und händigt ihnen die Zusicherung und die Pässe aus. Dabei fragt er, unter den gewölbten Augenlidern hervorschielend, plötzlich auf deutsch: „Nun wer! Die Genossin Stasja Antonowna haben Sie nicht getroffen zufällig? Ihre Wege haben sich bei Kosljansk nicht geschnitten?“
Stoi steht da, grausig lächelnd, und antwortet: „Gewiss, ich habe sie in den Mund getroffen, aber nicht geschnitten!“
Der Kommissar reicht ihm mit schmetterndem Lachen die Hand: „Nun wer! Ich dachte es mir wohl, dass Sie — ein Komiker sind! Eine englische Marke, sagten sie? Zigaretten etwa? Aha!“ und zu Tinser gewandt, flüstert er: „Schicken Sie den Mann ins Sanatorium!“
Damit sind sie entlassen. Verstört schleichen sie die Treppe hinab, gewinnen ungehindert den Ausgang. Da stürzt ihnen ein Offizier nach. Es ist vorbei, denkt Tinser, und schickt sich an, den Kerl zu unterlaufen.
„Keine Sorge!“ ruft dieser freundlich, „ich soll Ihnen nur helfen, den richtigen Zug zu bekommen!“
Es wird Tinser klar, sie sollen auf keinen Fall zurück. Die Agentin? Man wird sie den Syrjänen in die Schuhe schieben. In den Schuh schieben. Sein Sinn verwirrt sich. Vielleicht wird man sie erst in Moskau abfangen. Wie konnte Stoi nur solches Zeug reden! Der Zug schwingt sirrend dahin. Das sanfte Hügelland, das zur Wolga abfällt, wellt von reifenden Feldern.
„Es ist weg!“ murmelt Stoi. „Deins und meins!“
Tinser macht eine unbewusste Bewegung, als stolperte er über einen Sattel. „Für uns alle!“ sagt er.
„Sie starb für uns alle!“ vervollständigt Stoi. Seine Stimme hat einen unechten, gläsernen Klang. Tinser sieht ihn an, bleich und toternst sitzt der Bayer da. Er sieht seltsam mongolisch aus, denkt Tinser bedrückt. Es kommt von den zerfressenden Jahren, von acht mörderischen Jahren, in denen sie schlimmer als Tiere gelebt haben. Und Stoi hat mehr gelitten als er, und was er auch getan hat, er ist das Opfer einer furchtbaren Zeit, einer grausamen Hirn- und Nervenmühle. Hatte das Schicksal sie nicht gleichsam alle durch einen Bagger gedreht? Seine Schuld wie die Schuld aller fällt zurück auf das zerfetzte und zerfetzende Jahrhundert. Wer sagte doch dieses alles schon? quält es ihn. Eine neue Welt brütet Gott aus diesem Dotter Erde. Wie unheimlich und schwer ist doch das, was man Gedanken nennt!
Er überblickt das Abteil, da sitzen Händler, Kleinbauern, da ein Priester, da eine alte Dame, eine verarmte Gutsbesitzerin, da der Werkmeister einer Glasfabrik, wie man vernimmt. Keiner wird ohne Harm davongekommen sein, aber ihr christliches Antlitz ist ihnen doch im ganzen erhalten geblieben. Er sieht sein Bildnis im Pass an und steckt es traurig wieder weg. Einst hat er den Hauptmann um sein fröhliches Jungengesicht beneidet, nun ist alles sinnlos. Er denkt schmerzhaft nach. Es ist vier Jahre her, dass er ihn beneidet hat, damals, als die Sache mit der Schwester bei Taglai war, die daran glauben musste durch den Mongolen, als das Platin weg war. Tinser graust es. Sie ist gerächt worden. Vor seinem Hirn brennt der Mund, so wie er sich zu ihm aufbog, bei der Lampe. Nein, es ist ein anderer Mund, und sie ritten über die Steppe.
Stoi schreckt plötzlich zusammen: „Der Arbeiter, der von der Fabrik! Nein, er ist weg!“
Auch Tinser ist erschrocken. Der Mann ist irgendwo ausgestiegen und verschwunden. Eben vor Wologda haben sie ihn noch gesehen. „Was ist mit ihm?“ fragt er und macht seine Stimme verächtlich. „War es nicht vor Wologda? Dies ist doch, zum Satan, ein anderer Zug.“
„Nichts! Nichts! Er ist ein Tatar!“ versucht Stoi seinem Ton zu folgen.
„Sicher!“
„Kein Mongole!“
„Keine Spur!“
Der Bayer atmet schwer. Eilfertig wiegt der Zug dahin, eine andere Strecke, eine herrliche Fahrt. Dörfer kreisen vorbei, bemalte Kirchtürme. Überall ist hier Sonne. Die Reisenden plaudern. Es ist Frieden und Brot in Russland. Sonnenblumen marschieren als Regimenter des Friedens über die Felder. Stoi murmelt vor sich hin. Tinser zeigt in die Landschaft, um ihn abzulenken. Aber der Bayer schüttelt erregt den Kopf: „Gengers! König Loipold zwei — Prinzregente — schickt mir den Adjutanten. Hier Hauptmann Staudelhofer! Tot!“
Tinser fasst bestürzt seine Hand, sie ist kalt, aber der Puls geht ruhig. Stoi entzieht sie ihm mit einem Ruck, greift sich über die Stirn und brüllt: „Mensch, setzen Sie sich! Du denkst wohl, ich bin verrückt!“
Die Mitreisenden lauschen neugierig auf die erregte fremde Sprache. Tinser setzt sich ruhig hin. Wie eine Erlösung geht es über ihn. Stoi sieht ihn mit furchtsamen Augen an, aber seine Stimme ist wieder ordentlich: „Ich weiss ganz gut, dass der Mongole tot ist!“
„Ganz gewiss!“ antwortet Tinser, wie man einem Kinde antwortet. Aber er selber fühlt gespenstisch, wie sein Gehirn gleichsam zerläuft. Der Wahnsinn! zirpt es in ihm. Er reisst sich aus einer lallenden Tiefe herauf, nimmt sein Geld heraus und zählt es, ungeachtet der Reisenden, und Stoi tut das gleiche. Tinser zählt eine Summe ab und will dafür den Revolver der Baryschnja haben. Stoi jedoch schnappt sofort ein und kehrt sogar ein wenig den Vorgesetzten heraus. Er prahlt, er hätte ihn diesem Komi-ssar, diesem Friseur Rondjeff verheimlicht! Und sie rechnen weiter: Dies für Wäsche, das für Essen und Trinken, dies für Vergnügungen und so fort, und soviel werden sie in deutsches Geld einwechseln. Aber der Bayer stockt. Sie hätten in Moskau zu verhandeln, Maschinen, Krähne, Bagger! Und wegen der Kameraden!
Selbstverständlich wollten sie das!
Und dann zurück, auf den Gipfel!
Ja, dann zurück auf den Gipfel.
Das Herz dreht sich Tinser um. Aber auf einmal erzählt Stoi von Deutschland, seine braunen Augen leuchten, er spricht von den Bergen, halblaut, fast verlegen, allmählich verzückt, von dem See in den Tannen, von einem Lied, von einem Weg unter blühenden Bäumen. Und dann schlägt er die Hände vor sein Gesicht und schluchzt: „Tinser, Tinser, ich will nach Haus!“
Die Leute sehen ihn erstaunt und voll Mitleid an. Tinser blickt hilflos umher, steht auf und schreit feindselig: „Er kann nichts dafür! Er hat Heimweh!“ —
9
,Die Blaue Bluse‘
Sie kommen nach Moskau. Sie stehen im Gewimmel der Menschheit. Niemand fragt sie, niemand rührt sie an, und dennoch fühlen sie sich von Spähern umgeben. Hin und her gehen sie durch die brausenden Schluchten der Strassen, geduckt unter den riesigen, bröckelnden Häusern, vom Verkehr angerempelt, verwirrt von Autobussen und Strassenbahnen. Tölpelhaft gaffen sie schönen, gepuderten Frauen nach und können sich nicht denken, dass es so kurze Kleider gibt. Sie stehen vor den Strassenhändlern und weichen staunend den Männern aus, die so lässig dahinschreiten in dem irrsinnigen Lärm und Getriebe und ihre Sonnenblumenkerne kauen. Riesige Plakate, bunt wie Nordlichter, preisen die Diktatur des Proletariats. Da kommen Kinder, singend in langen Gruppenzügen, rote Tücher um die lieben Köpfe, und sie singen lärmend von der Herrlichkeit des ungeknechteten Menschen. Das sind die Pioniere! sagt jemand voll Stolz. Und da, hoch über den Firsten surrt ein Flugzeug.
Die beiden haben einander untergehakt. Staudelhofer scheint wieder vernünftig zu sein. Er blickt mit Kennermiene in die Restaurants. Aber auf einmal meint er, sie würden hier bestimmt jenen reichen Engländer oder Amerikaner treffen, der den Syrjänen das Platinloch mit Zigaretten abgeschwindelt hätte. Tinser pflichtet ihm begütigend bei. Fort! fort! denkt er fiebernd. Über die Grenze!
Aber sind sie nicht abgesandt?
Stoi erwähnt es, Stoi selber, und ganz kühl bestimmt er, sie wollten sofort zur deutschen Botschaft.
Sie müssen einen verdächtigen Schwarm von Bettlern durchbrechen und kommen sehr eilig die Stufen hinauf. In den Bureaus sind die Sekretäre nicht ohne Misstrauen. Es gäbe so viele Spitzel der Tscheka und dergleichen. Aber ihre Ausweise würden bis morgen geprüft werden.
Wo sie denn bleiben sollten?
Irgendwo beim Mosselprom, sagt man.
Wieder stehen sie vor den Schaufenstern, von Lichtfluten übergossen. Da sind Delikatessen, da ist Obst, oho, sie haben die Bezeichnungen noch nicht ganz vergessen, und da sind Anzüge, nicht nur diese grauen Kittel, da sind Hemden und Kragen. Und auch Schuhe. Kleine Lackschuhe.
Es schauert über ihre Haut. Morgen! sagen sie, und machen ihre Stimme unbefangen. Immer gehen Leute hinter ihnen, schielende Augen. Wann würde man Hand an sie legen?
Müde vom Holperpflaster, fragen sie schliesslich einen der rotmützigen Schutzleute nach dem Mosselprom. Er weist sie in eine Wirtschaft. Es ist ein Arbeiterlokal. Sie lesen an der Tür, dass hier die ‚Blaue Bluse‘ auftritt. Sie sehen sich aufmunternd an, vielleicht ist es ein Kinostück.
Sie essen an dem einfachen Tisch und trinken ein Glas Bier dazu. Bänke und Tische sind in Reihen angeordnet, so dass alle in eine Richtung sehen können. Die Wände sind mit den Bildern der Sowjetführer geschmückt.
Der Raum füllt sich mehr und mehr. Plötzlich wird es dunkel. Nur ein kleines Podium ist grell beleuchtet. Ein Ansager tritt auf, in lauter bunte Schachteln gehüllt, und er spricht von China und der Mandschurei. Er rollt ein langgestrecktes Bild an den Hintergrund, welches Steppe und Berge vorstellen soll.
Tinser denkt daran, wie sie hier sitzen und es gut haben, und dort hausen die Brüder, arm und verkommen.
Und nun tritt ein Mongole auf. Er hebt ein Klagelied an und bittet Russland, ihm zu helfen.
„Seht das Haus, dort seht in der Lubjanka,
Sie starben süss, verglichen meiner Qual!“
Der Schauspieler versteht seine Sache, er wimmert herzzerreissend und verzerrt sein Gesicht zu unsäglicher Scheusslichkeit, als zuckte er im Todeskrampf.
Tinser fühlt seinen Puls stillstehen. Stoi erhebt sich vom Sitz und flüstert: „Er ist es!“
Tinser zieht ihn angstvoll am Kittel. Aber er bückt sich herab mit fliegender, heiserer Stimme:
„Ich wusste es — der Mann in der Bahn — der war es — ohne Bart. Sie hats gesagt — er kommt wieder — da ist er —!“
Die hinter ihm Sitzenden zischeln: „Tiesche! Tiesche! Ruhe! Hinsetzen!“
Stoi sinkt leise röchelnd auf die Bank zurück.
Man hört einen Augenblick überall das mahlende Knirschen der Sonnenblumenkerne. Dann beginnt das Klavier in knöchernen Grässlichkeiten zu erschallen. Der Mongole holt zu einem neuen Vers aus. Er schildert, wie die Weissen und Gelben ihn knechten, fangen und quälen, wie er um die Gnadenkugel fleht:
„Dort im Latz die letzte, letzte Kugel,
Der Tod verspritzt mein Blut —“
Ein gellender Schrei unterbricht ihn, Tinsers Schrei. Und gleich darauf kracht ein Revolver. Licht springt in den Raum. Stoi ist zwischen die Bänke gesunken. Er hat sich in den Mund geschossen.
*
Tinser liegt unruhig. Er will sich erheben, aber sein Körper ist ein kraftloser Fetzen. Zudem rumort ihm das Lied im Schädel, unaufhörlich sägt es in seine Kopfschmerzen.
Seht das Haus, dort seht in der Lubjanka —
Dies ist das Haus. Er zweifelt nicht länger. Ein vergitterter Raum, hier wurden sie zu Tausenden abgeschlachtet. Er ist verhaftet. Stoi hat sich in den Mund geschossen. Nein, die Baryschnja, nein, sich selber auch. Morgen kommt er daran. Tinser, der arme verfluchte Tinser. Aber er hat nichts gestanden, nichts darüber ausgesagt, was Stoi mit in sein Grab nimmt. Er ist auf das Podium gesprungen und hat den Schauspieler mit toller Hand zu erwürgen versucht. Es ist nicht geglückt, zuviele Fäuste sind es gewesen, die ihn zurückgerissen haben. Er fiebert vor sich hin. Er denkt es selber, dass er krank ist. Dies altvertraute, schwebende Gefühl, er kennt es, aus den Gräben, Löchern, Baracken und Sümpfen. Die Orte wirbeln durcheinander. —
Seht das Haus, —
Der Mongole grinst in der Ecke, die Zunge hängt ihm heraus, und er streicht damit winselnd über die Gitterstäbe.
Seht das Haus, dort —
Tinser wirft sich stöhnend hoch. Seine Gedanken klammern sich zusammen. Es ist ein Trugbild. Nun muss er an seinen Vater denken. Trotzig wendet er sich ab. Sein Bruder soll die Werft übernehmen, weil er älter ist und weit eher gefallen. Jonke! sagt seine Mutter. Da wird er das Lächerlichste, was es gibt seiner Meinung nach: Philologe. Es ist nicht zum Lachen, Herr Doktor, singen seine Schwestern im Chor.
Seht das Haus, dort seht —
Verflucht! das nicht! Nicht wieder in die Leichenkiste. Die Schwester? Kleine Alice, schweig! Er flüstert es zärtlich. Er ist jung, ein junger Mann und verliebt; denn Alice Rennold ist blond wie Wiener Tafelbrot. Die Schiffe hüpfen über den Strom. Er schleicht ihr nach. Hinter die Rhododendron, den Schneckenweg entlang. Das weisse Boot hängt in den Davits, sie baden im kühlen Wasser. Er verdurstet noch. Der Mund schwebt vor ihm, zum Küssen lüstern, aber er kann nicht damit trinken, er kann keinen Mund mehr küssen. Es ist keine Zeit. Sie müssen auf die Pferde! Über die Grenze! Es ist Krieg! Sie sind abgesandt! Das Heimweh ist gelacht! Gelacht! Es regnet, ein Fluch, dieser Sumpf! Alles ist durchweicht, das Fleisch, das Brot, die Leichen, der Admiral selbst, selbst die Granaten. Die Mäntel sind weiss von Schimmel, man rupft es ab, es sind ja die Körner, man hätte es längst wissen sollen, Platin auf nassen Ärmeln. Die Maschinen dröhnen über seinem Schädel, über den Wolken, dort in der Zahnplombe. Bagger, he! Bagger, he! Hinein mit ihm! Der Mongole ist wie Gummi. Unversehrt steht er da. Er schiesst! Aber man rutscht einfach fünfhundert Meter ab ins Nebelhafte, man lässt sich einfach los.
Tinser schrickt zusammen, vom Fall betäubt. Er blinzelt um sich, sein Vater ragt schief unter der Pritsche hervor, ein alter Mann, vertuffsteint sozusagen, gelb, quittengelb. Stoierkennt ihn: Der Mann da in der Bahn — ohne Bart — er ist es!
Der Tod verspritzt mein Blut —
Tinser schreit gellend auf. Männer treten herein und heben ihn empor, er wehrt sich nicht. Er wird auf eine Bahre gelegt. Kühl sagt er sich, jetzt wird es geschehen. Nicht in den Nacken! flüstert er. In den Mund! Macht ihn nicht entzwei, den Mund! Er winkt mit der Hand. Ade, ade! Seine Augen sind geschlossen. Viele Tage liegt er schon hier. Er lächelt. Die Bilder der Heimat spielen um sein mageres, von Leiden und Fieber verschattetes Gesicht. Die Wärter setzen ihn nieder. Er reisst den Blick auf, starrt die Wand des Hofes an. Klar kommandiert seine Stimme:
„Legt an! Feuer!“
Im gleichen Augenblick knattert der Motor des Lazarettautos los. Tinser sinkt bewusstlos zurück, die Hand auf der Brust verkrallt.
Dann liegt er in der Klinik, zwei, drei Wochen.
Der deutsche Gesandtschaftssekretär besucht ihn, spricht den Dank des Vaterlandes aus wegen der Brüder dort oben im Ural. Die Moskauer Regierung hätte die Zusicherung bestätigt.
„Und die Stasja Antonowna?“ fragt Tinser.
Der Sekretär zwinkert mit dem Kneifer in der Annahme einer rosigen Herzenssache.
„Die Stasja? Ja, ja!“ lächelt er, um dem Kranken weitere Erklärungen zu ersparen.
„Ja, die Baryschnja!“ nickt Tinser kummervoll und sinkt wieder in sich hinein.
Der Sekretär hat indes noch etwas zu sagen und bringt es heiter und vorsichtig an.
„Sie haben der Sowjetregierung einen grossen Dienst erwiesen. Die Syrjänen-Autonomie hat dort irgendeine Agentin ermorden lassen und macht den Versuch, die Schuld auf zwei ‚weisse‘ Offiziere abzuwälzen. Erklärlich; denn als Sühne wird von Moskau eben jene Platingrube verlangt, die Sie ja gut genug kennen.“
Tinser starrt erschöpft vor sich hin. Die streng-gefügten Turbinen des Geschehens drehen sich und überkreiseln ihn.
Der Sekretär fährt fort: „Ich hab Ihrer Familie gedrahtet. Nur mit Mühe haben wir Sie aus der Gefängnis-Irrenanstalt herausholen können, und nur mit unserer hier beigefügten Erklärung, dass auch wir Sie für unheilbar, jedoch nicht gemeingefährlich krank halten. Beruhigen Sie sich, es ist Formsache. Die Tscheka wird zufällig an Ihnen beweisen wollen, dass sie harmlos, gutmütig und sozusagen gar nicht vorhanden ist. Hier sind Ihre Pässe und Fahrkarten. Unser Agent wird Sie heimlich bis zur Grenze begleiten und Ihnen bei Vorkommnissen zur Seite sein.“
Tinser fragt nicht. Nachmittags kommt ein Telegramm von zu Haus, von seinen Schwestern unterzeichnet. Und er fährt schon denselben Abend.
10
Heimat
Seine jüngste Schwester wird ihm bis zur Grenzstation entgegenfahren. Die kleine Emely, denkt er, das Kind, in ihrem kurzen Kinderkleid, ungelenk, hanseatisch, wie will sie den weiten Weg ungefährdet zurücklegen. Immerhin wird sie inzwischen ja etwas erwachsen sein.
Er entsteigt dem Zug, gefasst und aufgeräumt. Für sein letztes Geld hat er sich eine schwarze Litewka gekauft und ein Paar kleinfüssige, weisse, hohe Stiefel mit roteingesetztem Lederzierat. Das heisst, letztere will er seiner Schwester mitbringen. Er ist auf nichts Besseres verfallen. Nun steht er da auf dem säuberlichen Bahnsteig. Ein wenig angegriffen und schwindelig noch vom langen Fieber. Es wird auch die Luftveränderung sein. Dies ist schon Deutschland. Die Menge verläuft sich, er sieht sich benommen um. Ein grosses, schönes Mädchen steht in einiger Entfernung, eine strenge, saubere Erscheinung in Grau. Er ahnt, oder möchte wohl ahnen, es wäre seine Schwester. Sie sieht ihn an. Belustigt geht er auf sie zu. Sie wirft die Arme hoch und um seinen Hals, ehe er Zeit hat, seine Fellmütze vom Kopf zu reissen.
„Jonke!“
Er bringt kein Wort heraus. Als zuckte er zusammen unter dem leichten Schlag ihrer Handtasche auf seinem Rücken, so ist es. Sie nennt ihn mit dem Namen, den er seit der Kindheit nicht mehr gehört hat. Alle die Jahre hat er nicht weinen können, an der Leiche jener russischen Schwester nicht und auch nicht in Moskau, als Stoi tot war. Nun steht er da, den Kopf gesenkt, und über seine Wangen laufen haltlos die Tränen, von seinem Kindernamen aufgeschlossen.
„Ach, Joachim!“ sagt sie, und er geniesst unsäglich gerührt den nordischen Klang in ihrer Stimme. Sie nimmt ihr Spitzentuch aus der Handtasche und tupft die feuchten Stellen ab, die auf ihrer Jacke entstanden sind. Sie schluckt auch an etwas, aber sie lässt es nicht hochkommen.
„Schöne Grüsse von Hanna, und sie wäre gern mitgefahren, aber bei dem Haushalt, und da wir nur ein Mädchen haben und Papa so eigen ist —“
„Ja, so, verzeih! Wie gehts euch denn?“
„Ach, so lala!“
„Und der Alte?“
„Ach, Pa ist noch immer der alte. Nun komm, Joachim! Hast du gar kein Gepäck?“
„Nein, nur dies!“
Und er wagt nicht, ihr die lächerlichen Stiefel zu geben. Er geht dahin neben dem schlanken und gutgekleideten Mädchen, sein Sinn ist noch ein wenig wirr. Er war lange fort. Nun ist er auf einmal in Deutschland.
„Du bist sehr gross geworden,“ sagt er bewundernd, und er hofft, sie würde ihn noch einmal Jonke nennen.
„Ja, das kommt mit den Jahren, ich bin nun bald uralt, darum, pass mal auf, wir sind im Auto hier, ist das nicht fein? — Ich bin nämlich verlobt.“
Ein langer Mensch kommt ihnen entgegen, elegant, gewandt und mit einem Monokel blitzend.
„Ubskill!“ sagt er, als stiesse er auf. Das Einglas fällt, er fängt es geschickt und steckt es in die Weste.
„Mein Bruder Joachim!“
Ubskill zieht die Lippen gewinnend voneinander:
„Gruss der Heimat, Kamerad! Leutnant, was? Hier: Balte, Baron, Olaf von, Oberleutnant, gewesen aktiv, elftes zu Fuss, sonst harm- und bodenlos. Wollte noch mal Luft der Väter über Irenze jelehnt beschniefen.“
Tinser lacht gehörig, denn es klingt wahrhaft komisch. Der Baron scheint darauf durchaus erbaut von ihm zu sein. Aber Emely kräust die Nase.
„Du quasselst, Olaf!“ sagt sie glatt.
„Erlaube Täubchen, werte Stimme der Braut! Famoses Schwesterchen, wie? Herr Leutnant werden es vielleicht feenhafter in östlicher Brust bewegt haben. Warte nur, wenn knusprige Fittiche erst mit diversen Kochlöffeln umgürtet sind!“
Sie lachen, sie setzen sich lachend vor das Eydtkuhner Frühstück, vor das Dutzend Spiegeleier mit dem halbpfündigen Speck und vor die Riesenflasche Korn. Tinser ist beglückt und bedrückt zugleich. Die Muttersprache umhüpft ihn so ungewohnt. Man ist hier fröhlich. Sogar der Zollbeamte hat ohne Feierlichkeit durch die Zähne geflötet: ‚Ein Jäger aus Kurpfalz —‘.
„Es regnet nicht einmal!“ sagt Tinser vergnügt.
Und sie lachen, dass der Tisch wackelt. Der Baron lacht wie ein Enterich in einer geraden Folge von knarrenden Geräuschen, Emely in hohen, steifen Arabesken, die sie mit der Hand zu dämpfen sucht, Tinser jedoch dunkel, ohne Linie, mehr im Innern rummelnd.
Sie steigen in den blanken, sandgelben Wagen. Man merkt es Tinser an, dass er derlei lange nicht gewohnt war. Wieder lacht der Balte und diesmal so, als zöge jemand mit einem Stock an einem Holzgitter entlang.
„Jenuss, bester Tinser! Jenussreiche Umstellung auf den Boden der Tatsachen! Entlassen Kamerad den abjestreiften Ur-Aal ins Meer der Vergessenheit! Hätte Sie gern von Moskwa geholt, aber sie lassen sich passenderweise meinen Mercedes wohl hinein, aber nicht hinaus. Und Eisenbahn-Massenplüsch bringe ich mir einfach nicht unter wertesten a propos. Komfort! Eleganz! Freuen Sie sich, dass Sie weder Einach noch Steinstein haben mitzubrauchen gemacht! Runter von der Leber mit gütigsten Abenteuern! Unerhört pyramidone sensatirische Welt-Clou-Atraktätchen: Heimkehr aus dem Höllenhemd, durch Ia-Jazzband gehoben, polizeilich verlängert. Oder sind Sie etwa noch unentziefert?“
„Doch, doch!“ antwortet Tinser ernsthaft, „aber man weiss nicht —“ und er wirft seine Lammfellmütze hinterrücks über das Polster auf die Strasse. Es tut ihm sofort leid, aber ein Köter schnappt sie und rast damit von dannen.
„Nun musst du dreimal ausspucken, die Finger in die Ohren stecken und sprechen: Glück, Glück, Glück! Das ist Sitte in Deutschland,“ sagt Emely.
Und sie lachen, und sie rauschen dahin. Und Tinser sitzt neben seiner Schwester, von ihrer gemessenen Herzlichkeit gerührt. Sie ist eine Dame geworden, von Überlegenheit und strenger Sauberkeit duftend, und ihre Beine strecken sich lang und kühl in sandheller Farbe, von der Fahrt bebend, über das grüne Wagenleder. Sie begegnet seinem verlorenen Blick und errötet leicht, die Hände über die Knie faltend.
„Papa ist eine Sache für sich. Übrigens ist es Mode so kurz, sie machen es alle mit.“ Ihre Stimme ist eifrig, etwas spröde. „Du musst nicht überrascht sein, wenn Pa nicht — überrascht ist. Seit Hugo gefallen ist, ist er sehr alt geworden und sehr unzugänglich. Es hat ihn mehr als Mutters Tod mitgenommen.“
„Und die Werft?“
„Es ist überall wenig zu tun!“
Tinser fühlt einen schwarzen Vorhang über die Landschaft fallen.
„Da hat es wohl wenig Sinn, nach Haus zu kommen!“
„Oh! Wir freuen uns doch so!“
„Ja, ihr! Hanna und du!“
„Er auch!“ — Sie deutet auf den Mann am Steuer, auf den freundlich aufrechten Nacken.
„Ich gratuliere dir übrigens, ich habe es bislang vergessen!“ sagt Tinser, und nach einer Weile: „Baut er noch Segelschiffe?“
„Nur!“
„Und niemand bestellt welche?“
„Leider! Und Galew —“
„Galew? Wer ist Galew?“
„Auf Galew reimt sich sozusagen alles. Früher Kohlenhändler, jetzt macht er alles, gründet alles, kauft alles, liefert alles.“
Tinser fragt nicht weiter. So steht es also. Tinsers Werft! Er spricht es leise vor sich hin. Besonnte Felder schwingen vorüber. Das Korn steht in Hocken. Es ist schon August. Er sieht in Gedanken die Hellinge darüber ragen, der Hafenqualm schwadet durch die leeren Gerüste, Tinser reckt sich auf.
„Ich werde es übernehmen!“
„Pa lässt niemanden heran!“
Tinser zieht den Nacken zusammen. Die Wunde am Hals wird dunkelrot. So war es doch die richtige Ahnung gewesen, die ihn solange zurückgehalten hat. Er beisst die Zähne aufeinander.
„Gut! Ich werde Professor!“
„Auch schön, ein Akademiker in unserer Familie!“ antwortet seine Schwester mit erzwungener Fröhlichkeit. „Übrigens Alice Rennold ist noch immer in Süd und soll sich da verlobt haben, bei den Verwandten von Rennolds neuer Frau, Halbblut, weisst du. Als sie wegging, Alice, weinte sie richtig, und ich sollte dich grüssen. Denn sie hat fast mehr als wir immer noch an deine Rückkehr geglaubt!“
Der Balte ruft vom Steuer zurück: „Was schäkert ihr da so tiefsinnig!“
„Wir sind Deutsche!“ lächelt sie ihn an. Oh, sie weiss sich zusammenzunehmen. Tinser fühlt es mit Stolz, und es hilft ihm gut, die blonde Erinnerung noch einmal zu begraben.
*
Dann sind sie in Königsberg, in der guten, giebelschönen Stadt. Gefestigt und reinlich legt der scheidende Tag Freude über die gepflegten Strassen. Ja, es ist Deutschland! Backfische kommen eilig aus einer Konditorei, die Münder noch süss von Sahne. Tinser hört es im Hineingehen, wie sie schnippisch von Schularbeiten sprechen, und sie haben Schillers Glocke zu morgen ganz auf. Er steht da und sieht ihnen mit halboffenen Lippen nach.
„Pschakreff!“ lässt der Balte sein Holzgitter errasseln. „Brüderliche Hoheit bringt den Geschmack der Gereiften mit nach Haus; Konfirmandinnen-Flaum auf die alten Stoppeln, das wirkt jeradezu wie Thomasschlacke!“
Emely lacht, sie lacht, fällt ihm ein, wie man in Hamburg lacht, mit dem sittlichen Vorbehalt des Nichtverstehens.
„Nein!“ sagt sie auf einmal. „Wie siehst du bloss mongolisch aus!“
„Nee, nee!“ rasselt der Baron. „Ne jelbe Mandarine am Tinserschen Fichtenast!“
„Es kommt vom Klima, vom Fieber,“ entgegnet Tinser unsicher, „es wird bald abziehen, wir haben oft nur Moos gegessen.“
Sie malen ein Erschauern in Stirnfalten und düsterem Nicken, erwähnen Rübenwinter, Margarine und Dörrgemüse, und er soll erzählen, erzählen. Aber er bringt nichts Rechtes heraus. Als sie weiter in den Abend gleiten, da sieht er auf einmal heftig zur Seite.
„Und dieser Galew?“ knirscht er.
Das Mädchen knickt vornüber, das zarte Tuch vorm Gesicht.
„Joachim!“ schluchzt sie, „vielleicht ist es doch gut, dass du gekommen bist!“
11
Dunkles Zimmer
Das Zimmer ist fast dunkel. Die Vorhänge sind zugezogen; denn draussen brennt die Nachmittagssonne.
„Nein, nein und nochmals nein!“ donnert sein Vater. Das alte Gesicht schwebt von der Beleuchtung abgeschnitten und blaugrün auf der Vorhemdplatte, die sich aufzuwölben scheint unter der brüchig tobenden Stimme. Der graue Stachel-Spitzbart erstarrt, böse gegen den Sohn gerichtet. Joachim Tinser ragt benommen darüber empor. Einen Augenblick hört man das dunkle Tack-tuck der englischen Uhr. Matt hebt er die gelbliche Hand, aber der alte Herr stösst ihm das Wort von den Lippen: „Tinsers Werft? Mein Junge, lass sie in Ehren sterben, für Leichenfledderer ist sie zu schade!“
„Vater!“
Doch der Alte fährt fort, grausam im eignen Blut wühlend: „Hugo! — Warum ist Hugo nicht wiedergekommen! Du bist nicht dein Bruder! Dich schickt mir das Vaterland zurück, verkommen, entnervt, ohne Kenntnisse und, wie blind ich auch sein will, viel zu spät!“
Der alte Herr sinkt stöhnend in die Tiefe seines Sessels. Tinser ringt sich zusammen: „Lass mich als Arbeiter beginnen, als Lehrling, als der dümmste Handlanger, nur lass mich auf unsere Werft! Ich hab gehört, es ist noch Arbeit da für zehn Mann!“
Sein Vater lacht. Es klingt, als zerberste eine Planke. „Zehn Mann! Gott! Es waren zweihundert! Es waren mal ihrer tausend! Da bauten wir die ‚Bayern‘, fünf Masten, ein Vollschiff, vor dem die Welt sich geneigt hat. Und was machen sie jetzt, die zehn Mann? Kanus machen sie, wie Wilde, wie blutige Wilde. Und wofür sind die? Für das hohle Getändel, ja, für die Dirnerei auf der Alster. Nein, mein Junge, Finger weg von Tinsers Erbe! Hier!“ Er zuckt auf, reisst einen weissen Bogen hervor: „Hier! Zeichne mir einen Fünfmaster, von der Pik bis zum Top, mit allen Spanten, allem stehenden und laufenden Gut, Massen und Berechnungen, in einer Stunde, so wie dein Bruder es konnte, so will ich sagen: Versuch es! — Du bist jetzt über dreissig? Und schon ein wenig grau an den Ohren? Bist du noch Offizier? Hast du deinen Doktor schon? Was willst du denn eigentlich!“
Tinser steht wortlos da. Er blickt auf das Bild, das über dem Schreibtisch in der Dämmerung kaum zu erkennen ist. Es ist das Doppelbildnis seiner Eltern, einst von einem tüchtigen ortsansässigen Meister etwas im Sinne Runges gemalt. Der goldene Rahmen leuchtet ein wenig im Dunkel der Wand. Der Alte folgt dem Blick nicht. Schweigend warten sie voreinander, Vater und Sohn. Ein Dampferdröhnen kommt vom Strom herauf und steht unheimlich hinter den Vorhängen. Da sagt der alte Herr langsam, und sein Bart senkt sich müde: „Nein, nein, es ist nicht deine Schuld! So verbohrt bin ich nicht. Feindesschuld! Vaterlandesschuld! Gottesschuld! Aber danach fragt dich hier kein Mensch, du zahlst sie ganz allein!“ Seine Stimme gleitet auf dem Blick des Sohnes ab, strandet an dem Goldrahmen und zerbricht. Und er meint die noch jugendliche, einfach und sanft blickende Dame auf dem Bild, als er mühsam hinzusetzt: „Sie hätte vielleicht: Mein Jonke! zu dir gesagt.“
Tinser fühlt, wie der Raum schaukelt. Er macht zwei ruckweise Schritte, berührt die Hand seines Vaters und verlässt das Zimmer. Er winkt seinen betrübten Schwestern zu, die in der Terrassenhalle gewartet haben. Er stürzt in den Garten, läuft die verwilderten Steige hinauf und hinab. Die Sonne prasselt über die Büsche. Er bleibt unter den uralten Linden stehen, deren Kronen in den Himmel gebettet sind. Er senkt den Blick. In welken Haufen liegen die herabgewehten Früchte da. Er nimmt eines heraus aus dem braunen Geraschel, es ist wie ein kleines vergilbtes Bukett. Wie ein schmerzliches Gleichnis fällt es ihm aufs Herz, als ginge er über den abgewelkten Willkommensträussen der anderen, die lange schon daheim sind.
Die Flut blitzt herauf. Er geht schleppenden Schrittes den dünnen Weg auf die Böllerkanzel. Breit fliesst der Strom dort unten im Grund, Segel sind braun und gelb über die glitzernde Fläche gesplittert. Ein Bagger kreischt in der Fahrrinne. Nein, er hat es nicht vergessen. Vielleicht wäre es besser gewesen, da oben zu bleiben und zu sterben. Wie schnell ist alles entrückt, wie unsagbar schnell kann ein Mensch Entfernungen verdauen! Die Ferne ist von Qualm verschleiert, die Sände tauchen auf, verschlafen und einsam. Drüben kuppen die Öltanks wie eine Stadt im Orient. Stromab hämmert der Eisenlärm der deutschen Werft. Aber stromauf, wo das Wasser in die einstigen Marschwiesen fingert, wo die Hafendämme beginnen, sich saugend an die Handelsschiffe der Welt zu legen, da klettern andere Hellinge über den Dunst. Ein Zipfel ist es nur von Tinsers Werft.
Er saugt an seinem Zipfel, so pflegten sie zu flüstern, wenn der Alte hier stand. Da waren sie noch Kinder. Nun ist selbst Emely kein Kind mehr. Er hat die russischen Stiefel verschämt in seinen alten Schrank gestellt, in sein altes, von Efeu dunkles Knabenzimmer.
Tinser sinkt verzweifelt über das Geländer. Vater! Vater! denkt er schmerzlich. Er starrt in die Büsche, die sich zum Strand auf die Oevelgönner Dächer hinunterstürzen. Gelächter schallt von unten herauf. Er fasst es nicht. Auf einmal hört er leichte Schritte hinter sich. Er nimmt sich zusammen und richtet sich auf. Es ist Ubskill, der Balte.
„Bitte Kamerad, futtern Sie munter weiter am Busen des Alls! Ich hörte nur — erlaubte mir nur — Emely bat mich nur —“
„Schon gut!“ wirft Tinser dazwischen, „haben Sie, Herr Baron, eine Ahnung, ob unsere Jolle noch vorhanden ist?“
„Zu Befehl, Herr Junior, habe mir gestattet, die famose Jacht ab und an ein wenig ins Nasse zu führen, und der Herr Senior hat sie rasch und gründlich aufkalfatern lassen, als wir von werter Rückkehr vernahmen.“
„Hat er?“
„Er hat. Der Mann hat! Er hat, unter uns, respektvollst sozusagen einen Igel über das betreffende warme Herz gezogen.“
Tinser fühlt eine plötzliche Dankbarkeit und drückt dem Balten die Hand: „Ich hab Ihnen noch gar nicht für die Fahrt gedankt. Ja, er hat mich an die Luft gesetzt. Lässt er Sie denn gelten?“
„Mich? War Bumser, Oberleutnant, wie gesagt, Kamerad. Handele jetzt mit ollem Meissen, nicht etwa mit alten Mäusen. Jedoch eine Schose! Vor den Dingen da unten verständnislos, wie Bibel für Kuh oder Bebel für Ludendorff. Das Schloss meiner Väter hatte eminent fürstliche Sammlungen, jetzt Spucknapf für Proletariat. Daher Meissen. Drei Stunden täglich Galerie Moses Silberstein. Lieber Tinser, wir Söhne dieses Jahrhunderts und eines vergangenen Glanzes, wir haben alle ein Zuhause auf Gummizug. Wer nie seinen Kaviar aus Schuhcreme ass! Nebenbei hatte ich noch das allerdings selige Unglück, in Fräulein Schwester verknallt geworden zu sein.“
„Und — mein Vater?“
„Den beschäftigt es nicht sehr, was seine Kindlein treiben, in allen Ehren selbstredend, wenn er nur seinen Haferschleim kriegt.“
„Kennen Sie Galew?“
„Klara! Porzellankunde von mir, sympathisches Selfmademännchen. Kannten Sie den Wrangelrubel? Nun, so ähnlich. Inflationsriese mit reizender, jedoch etwas schief geratener jüngster Tochter.“
„Und was hat er damit zu tun?“ Tinser weist auf die Werftecke, die von den Randbäumen des Gartens überschnitten wird.
„Lieferungen, langfristig natürlich. Aber heute geht nischt, nur die Zeit geht. Er handelt mit allen und allem. Sehen Sie, der Dampfer nach Ostasien, da unten, wie ich mich auskenne, gehört ihm auch.“
„Ist er ein Schweinehund? Sie haben inzwischen den Ausdruck Schieber dafür geprägt, wie ich schon hörte.“
„Nein, kann man nicht sagen, gefürchtet von den Machern, bestaunt von den Lachern, der einzige Deutsche, den das Ausland anerkennt, weil er sich nichts gefallen lässt, reich ist und sich tatsächlich nicht schämt, ein Deutscher zu sein. Sehen Sie die Flagge, das war eine Zeitlang hier unerhört!“
„Wo wohnt denn dieses Wunder?“
„London, Yokohama, New York, bitte gütigst mich zu entbinden, Geographie total blass, jedoch merschtendeels Berlin.“
„Dahin gehe ich sowieso.“
„Sie? Bester! Letzte Hoffnung auf ein tröstliches Kismet, Kies mit, Gift mit, Mitgift! Dachte in argloser Kindlichkeit, Sie würden aus den Himmelsleitern drüben noch etwas eminent Irdisches, sozusagen Gediegenes in Pinkepinke herauskeltern! Emely und ich müssen uns, es sei ersterbend an den Schoss der Ewigkeit geflüstert, mit alten Zeitungen zudecken!“
„Viel Spass, Sie haben schliesslich Ihren Wagen und Ihren Humor. Ich würde mir einen Vorhang ziehen, vorn Familienglück, hinten Meissen. Aber vorher rollen Sie mich noch zum Bahnhof! Ja, es muss sein! Ich hab keine Lust, auf der neuen Universität in Hamburg zu drucksen, das Unglück dort unten vor der Nase. Vor zwölf Jahren hab ich in Berlin begonnen, vielleicht — ich muss hier weg, Mensch!“
*
Somit fährt Tinser nach Berlin. Niemanden von seinen früheren Freunden hat er gesehen, die Plätze seiner Erinnerungen sind unberührt an ihm vorübergeschwebt. Er nimmt von seiner Vaterstadt den Eindruck müllernder Schutzleute mit, die inmitten begrünter Sauberkeit vor auto- und segelüberschütteten Flächen Armschwünge üben, in dieser von Herbstsonne blitzenden, kaltnäsigen Stadt, in die wie ein Abgrund ein dunkles Zimmer gesenkt ist.
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