Kitabı oku: «Die Krieger der Théluan»
Hans-Peter Vogt
Die Krieger der Théluan
Utopischer Roman / Fantasy / historischer Abenteuer-Roman / aus der Reihe: Die Macht des Tunnels, Band 2
Deutschsprachige und korrigierte Ausgabe für e-books / ISBN 978-3-942652-46-9 / Empfohlen ab 13 Jahren / © vogt multimedia verlag, Erlenweg 18, D - 64354 Reinheim / Hrsg. Dr. Hans-Peter Vogt / Umschlagentwurf und ebook-Konvertierung: © vogt multimedia design, Reinheim
Das Buch ist in gedruckter Form erschienen unter dem Titel Dennis und die Sonnengöttin, erhältlich im Shop unter www.fahrrad-dvd.de, direkt im Verlag unter www.vogt-multimedia-verlag.de oder in jeder Buchhandlung
Empfohlene Schrift für die Darstellung auf dem Reader: Verdana
In diesem Band geht es um eine Phantasiewelt, die aber durchaus wahr sein könnte.
Inhaltsangabe
Cover
Titel / Impressum / rechtliche Angaben
Inhaltsangabe
Einleitung
Kapitel 1. Die Ankunft in Amazonien. Dennis und das Dorf am Amazonas
Kapitel 2. Im Dorf der Fremden. Die Gastfreundschaft der Péruan
Kapitel 3. Die Reise in die heilige Stadt. Die Abordnung der Théluan
Kapitel 4. Die heilige Stadt Quedsa. Krieger, Minister, Märkte, Hochzeiter
Kapitel 5. Die Sonnenkönigin. Die Kindfrau mit absoluter Macht
Kapitel 6. Das Sonnwendfest. Rituale, Klangerlebnis, Grauen
Kapitel 7. Der Reformer. Leben mit den Théluan
Kapitel 8. Das Frühlingsfest und der Krieg gegen die Krieger der Karancula
Kapitel 9. Sommer in den Anden. Dennis, Para, Fala, Polia und die Königin
Kapitel 10. Die Reise in den Süden. Karawanen, Bergwerke, Bergseen und Gold
Kapitel 11. Der Zweite Winter. Das Herbstfest und Dennis' Winterreise
Kapitel 12. Der große Lichtblitz. Die Reise in den Norden und der Abschied
Anhang (A) / Nachwort: Geschichte, Vegetation, Haustiere
Anhang (B) Klima und Landschaft
Anhang (C) Die handelnden Personen im Buch
Anhang (D) Der Autor
Einleitung
Der vorliegende Band 2 handelt von Dennis’ Abenteuern am Amazonas und in dem Reich der Théluan-Krieger.
Dennis landet quer durch Raum und Zeit im Amazonasbecken, im Jahr 300 vor Christus. Er muss sich völlig neu orientieren und lernen sich zurechtzufinden. Wie gut, dass er übersinnliche Kräfte besitzt und bald neue Freunde findet.
Er weiß zunächst einmal nicht wo er ist. Seine Uhr kann ihm nicht helfen, denn sie zeigt eine falsche Tageszeit und schon gar nicht das Jahr an. Dennis lebt erst einmal bei den Indios am Amazonas, bevor er sich auf den Weg in die „heilige Stadt“ macht. Dort hofft Dennis einen Bus, ein Flugzeug oder irgendwas zu finden, damit er wieder nach Berlin zurückkehren kann, doch es kommt ganz anders, denn so etwas gibt es hier nicht.
Die Hochkultur, die er vorfindet, lebt weit vor der Zeit der technischen Errungenschaften der Neuzeit, und so muss sich Dennis in einer völlig fremden Kultur behaupten.
In dieser Zivilisation ist Dennis der Angehörige einer ethnischen Minderheit, ganz anders als das in Berlin war. Er ist der einzige Europäer in der Gesellschaft der Indios, und er muss Wege finden, um am Leben zu bleiben.
Dennis erringt im Laufe der Geschichte das Vertrauen und die Liebe der Sonnengöttin, die in dieser fremden Gesellschaft die Allmacht hat.
Zum Schluss wird Dennis Opfer in einer kriegerischen Auseinandersetzung und er landet wieder im heutigen Berlin. Das wird dann im nächsten Band 3 beschrieben.
Die Krieger der Théluan ist ein Buch, das sowohl für Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene spannende Lektüre bietet, und viel über die Schwierigkeit erzählt, zusammenzuleben und sich in der Gesellschaft zu behaupten.
Kapitel 1. Die Ankunft in Amazonien. Dennis und das Dorf am Amazonas
1.
Dennis raste durch den Tunnel. Die Geschwindigkeit wurde unermesslich. Dann gab es erneut einen Lichtblitz. Dennis fiel durch dichtes Blattwerk. Er hatte das Gefühl, dass er an einigen Ästen hart anschlägt. Aber es tat seltsamerweise nicht weh. Er hörte Affen schreien und Vögel kreischen, deren Stimmen er nicht zuordnen konnte.
Dann landete er auf einem dichten Teppich aus Moosen und kleinen Pflanzen. Er war sanft gelandet. Dennoch war er völlig benommen.
Er schlug die Augen auf. Über ihm strebten Bäume zum Himmel. Weit oben versuchte die Sonne sich mühsam durch dichtes Blattwerk zu kämpfen, und um ihn herum war gedämpftes Licht. Alles schien grün.
Was war das? War er gestorben?
Dann erinnerte er sich an die Flucht durch das Hochhaus, den Fall durch die Scheibe, und die Strasse unter ihm, auf die er zugerast war. Berlin war das hier jedenfalls nicht. Er versuchte Kontakt mit seinem Bruder aufzunehmen. Wenn Dennis hier im Himmel war, dann musste Patrick ja auch irgendwo sein. Aber da tat sich nichts. Vielmehr sah Dennis den Rest an geäderten Blitzen um sich herum, der langsam erstarb.
Aber wo war er? Er befühlte sich. Es schien nichts gebrochen.
Er spürte Bewegungen rings herum, er hob den Kopf, dann traten etwa ein Dutzend Fremde aus dem Halbdunkel.
Sie waren bekleidet mit einem Hemd aus grobem Stoff, das wie ein Sack über den Kopf gezogen war. Es gab farbige Verzierungen. Ärmel gab es nicht. Einige der Fremden trugen Speere, andere Bögen, wieder andere lange Messer. Einige trugen gefüllte Beutel über der Schulter. Die Fremden trugen Tiere auf dem Rücken, die sie offenbar erlegt hatten. Der Körper lag hinter ihrem Kopf auf den Schultern, die Beine hingen links und rechts auf der Brust der Fremden. Es gab drei große gemusterte Schlangen. Auch die hatten sich die Fremden um die Schultern drapiert.
Ihre Haare waren fast schwarz, mit einem leicht bläulichen Schimmer. Sie hingen glatt vom Kopf. Unterhalb der Ohren waren sie auf halber Länge gleichmäßig abgeschnitten. Die Haut der Fremden war dunkel, aber nicht so, wie bei seinen U-Bahn-Freunden Moses oder Murbut. Die Beine waren unbekleidet und sie waren barfuss. Groß waren sie nicht.
Sie blieben in einiger Entfernung stehen, dann sanken sie auf die Knie. Sie legten ihre Waffen und die Beute ab. Einer nach dem anderen. Sie beugten sich nach vorn, legten die Köpfe auf die Hände, und verharrten in dieser Position.
Dennis staunte. Es sah aus wie eine Verbeugung, ja mehr noch wie eine andächtige Verehrung. Feindseligkeit war anders.
Er richtete sich auf und sah sich in dem Kreis um. Die Fremden verharrten in einer Art Angststarre.
Wo zum Henker war er bloß?
2.
Sie waren auf die Jagd gegangen wie immer. Anfangs hatten sie gelacht und gescherzt. Dann wurden sie schweigsam, um die Beute nicht zu verjagen. Sie hatten mit ihren Pfeilen fünf rehähnliche Tiere erlegt die bei ihnen Mara Mara hießen, und sie hatten mit ihren langen und leicht gekrümmten Messern drei mittelgroße Würgeschlangen geköpft. Diese Schlangen galten bei ihnen als Delikatesse. Einige waren weit hinauf in die Bäume geklettert und hatten Früchte und Blätter gesammelt.
Sie waren auf dem Heimweg in ihr Dorf, als sie diesen gewaltigen Lichtblitz vor sich sahen. Sie kannten Blitze. Das gab es hier im Regenwald oft. Dieser war anders. Sie kannten Donner, doch diesmal gab es keinen Laut.
Dann hörten sie etwas durch die Bäume fallen, etwa so, wie wenn sie mit ihren Pfeilen einen Affen aus der Baumkrone schießen.
Sie waren hingeeilt, wo der Affe liegen musste, aber sie waren abrupt stehen geblieben. Dort auf dem Boden lag ein seltsames Bündel. Um dieses Etwas bewegte sich ein gleißender Lichtstrom. Zuckend und blaugeädert. Dann ebbte der Schein ab, und sie sahen mehr. Es war kein Affe. Es hatte keine Tierhaut. Es hatte nichts, was sie an ein Tier oder gar an einen Menschen erinnerte. So etwas hatten sie noch nie gesehen.
Sie hatten zunächst die Speere gehoben um zuzustoßen, so wie sie das immer machen. Dann hatten sie gesehen, dass dieses Bündel einen Kopf hatte. Es hatte weiße Haut und weiße Haare. Es hatte Hände, die ihren eigenen glichen, aber auch die waren weiß. Sie hatten noch nie in ihrem Leben zuvor einen Weißen gesehen. Aber sie wussten vom Hörensagen, dass es weiße Haut und weißes Haar gibt. Ihre eigene Königin war weiß, und sie war die einzige in ihrem Volk. Nur sie hatte dieses gewaltige Privileg. Und nun war dieses Bündel, dieses Fremde dort, auch weiß. Es musste von göttlicher Herkunft sein. Dann richtete sich dieses Etwas auf.
Sie hatten zum Himmel hinaufgeschaut, und dann waren sie, einer nach dem anderen, vor diesem Etwas auf die Knie gefallen.
Das hier musste ein Gott sein. Direkt aus der Sonne zu ihnen herabgestiegen. Es hatte eine Art Panzer an, wahrscheinlich um sich gegen die Hitze der Sonnenstrahlen oder gegen ihre Speere zu schützen. (Sie hatten nie zuvor Kleidung gesehen, wie Dennis sie trug und hielten das für ein Panzerkleid.)
So verharrten sie in dieser ehrfürchtigen Starre, bis es dem „Sonnengott“ gefiel, sie anzusprechen.
3.
Als Dennis zu reden begann, wollten einige aufspringen und fliehen. Es waren seltsame Laute. Sie fürchteten sich. Sie hatten den Blitz gesehen und die Strahlen um diesen fremden Gott. Was war, wenn er ihnen einen Blitzstrahl nachschickte?
Er musste sie ereilen. Eine Flucht war nicht möglich. Sie konnten nur hoffen, den fremden Gott gnädig zu stimmen.
Also warteten sie ab.
Sie blieben in ihrer demütigen Haltung, die auch bei ihren eigenen Hunden, bei Raubkatzen, bei Affen und auch bei vielen anderen Tieren der einzige Schutz war, um nicht die Ungnade des Stärkeren und den eigenen Tod zu provozieren.
Nur der Anführer nahm ein Mara Mara, kroch auf den fremden Gott zu, legte es ihm als Opfergabe zu Füßen, und zog sich, den Kopf immer noch tief gebeugt, wieder zurück.
Dennis sah die Gesten, und er verstand das Ritual annähernd. Aber er verstand nicht das Warum.
Als erstes wollte er wissen, wo er hier gelandet war, und er fragte in deutsch: „Könnt ihr mir sagen, wo ich hier bin?“ Als es keine Reaktion gab, versuchte er es mit englisch, das er seit der fünften Klasse gelernt hatte: „Can you tell me, where we are?“ Es gab wieder keine Reaktion, so kramte Dennis alle Brocken französisch zusammen „Ici - nous sommes?“ Es war dieselbe Reaktion. Nichts.
Sie verstanden ihn nicht. War das hier so abgeschnitten von jeder Zivilisation, dass die hier nur ihre eigene Sprache sprachen?
Er atmete tief durch. Dann entsann er sich an seine Gespräche mit den Ratten. Damals hatte er durch Patricks Hilfe einen Weg gefunden. Er selbst sprach nie die Sprache der Ratten, aber er konnte sie verstehen, und es gab da dieses Kauderwelsch, so dass die Ratten auch ihn verstehen konnten. Konnte es sein, dass es eine Art Weltsprache gab, die von Tieren und Menschen gleichermaßen verstanden werden konnte? Zumindest in den groben Zusammenhängen?
Er hatte eine Weile stumm dagestanden und überlegt. Die Fremden verharrten immer noch in ihrer Starre.
Dann bat Dennis seinen Bruder Patrick um Hilfe. Er breitete die Arme aus, er konzentrierte sich, es begann um Dennis zu leuchten, und er begann seinen Singsang, der langsam in eine Art Wortsprache überging. Der Wortstrom floss aus ihm heraus wie ein Quell.
Und jetzt bemerkte Dennis, dass die Fremden reagierten.
Als erstes hob der Fremde den Kopf, den er für den Anführer hielt. Er blieb gebückt, aber er sah Dennis in die Augen, und er klebte förmlich an Dennis Lippen. Ehrfürchtig.
Der Anführer konnte nicht alles verstehen, was Dennis sagte, aber er verstand, dass der Gott hierher zu ihnen gekommen war, weil er sich auf seinem Weg verirrt hatte. Er gebot seinen Stammesmitgliedern sich zu erheben. Sie standen um Dennis herum, sie sahen diesen Schein, und sie lauschten seinen Worten.
Erst als Dennis geendet hatte, antwortete der Anführer in seiner eigenen Sprache.
Sie gehörten zu dem „Volk der Peruan“, dass „am großen Fluss“ lebt, und das zur großen Völkerfamilie der Théluan gehört. Er sprach das Wort „Théluan“ geradezu andächtig aus. Die „große Stadt der Sonnenkönigin“ sei aber viele Tagesreisen entfernt. Als er den Namen der Sonnenkönigin „Quokalil“ aussprach, verneigten sich die Fremden voller Ehrfurcht.
Dennis verstand den Namen nicht ganz, und er verstand auch nicht alles, was der Fremde ihm erzählte, aber er verstand, dass es eine mächtige Anführerin geben musste, die ein großes Volk regiert.
Dennis verstand allerdings immer weniger, wo er eigentlich war. Eins war sicher, er war hier im Urwald gelandet. Es musste hier einen großen Fluss geben und eine große Stadt, mit einem ihm unbekannten Volk. Also war es das Beste, mit den Fremden freundlich zu sein, mit ihnen zu gehen, und sie zu bitten, ihn in die große Stadt zu bringen. Außerdem war es ziemlich heiß. Dennis hatte immer noch seine Wintersachen an, und er zog jetzt seine warme Jacke und sein Sweatshirt aus, um sich das um die Hüfte zu binden.
Während der Anführer dem „fremden Gott“ noch erzählte, sahen die Peruan, wie der Fremde begann, sich seiner Rüstung zu entledigen. Sie erschreckten sich zuerst, doch dann dachten sie, es sei ein gutes Zeichen.
Sie waren erfreut, dass der weiße Gott Menschengestalt hatte, so wie sie, und er war wirklich völlig weiß. Sie sahen seine nackten weißen Arme und Schultern, und sie sahen das kleine Zeichen der Sonne an seinem Oberarm. Sie wussten nicht, was ein Tattoo ist, aber auch die kleine Tätowierung an Dennis Oberarm war für sie der Beweis, dass der Fremde direkt von der Sonne zu ihnen herabgestiegen war.
Der Anführer stockte in seiner Rede. Die ganze Gruppe stöhnte ein ehrfürchtiges Ahhh. Es gab kleine spitze Schreie der Verwunderung und der Hochachtung. Sie rückten dichter, um sich Dennis Tattoo aus der Nähe anzusehen. Sie zeigten auf das Tattoo, aber sie trauten sich nicht, Dennis anzufassen.
Obwohl sich der Ring enger um Dennis schloss, spürte er keine Feindseligkeit. Also wartete er ab.
Als er sah, dass die Fremden von seinem Tattoo so fasziniert waren, hob er die Hände, blickte hinauf zur Sonne und erklärte in seinem Kauderwelsch, ja, er sei von da oben von der Sonne herabgestiegen, und durch die Bäume herunter gefallen auf die Erde.
Das war für die Peruan der letzte Beweis, dass Dennis ein Gott war. Es war eine Auszeichnung für sie. Ihr Stamm würde dadurch in der Gunst der Sonnengöttin „Quokalil“, die in der heiligen Stadt „Quedsa“ wohnte, sicher an Anerkennung hinzugewinnen.
Sie traten ehrfürchtig und mit gesenktem Kopf zurück, dann erklärte der Anführer, Dennis solle seine Befehle aussprechen, sie würden tun, was immer er von ihnen verlangt. Vielleicht wolle ihnen der weiße Gott in ihr Dorf folgen, dort könne er essen, trinken, sich ausruhen und er solle auch das ganze Dorf kennenlernen.
Dennis verstand die ganze Sache in etwa. Eins war klar, er würde einen Teufel tun, den Fremden zu erzählen, dass er ein ganz normaler Junge war, der in Berlin lebt, und wie durch ein Wunder hierher verschlagen worden war. Sie waren freundlich. Dennis konnte das für sich nutzen und einen Weg finden, um so schnell wie möglich wieder zurück nach Berlin zu kommen. Wie, das würde sich zeigen.
4.
Auf dem Weg ins Dorf begann Dennis zu erahnen, dass dies ein großes Land sein musste. Sie liefen lange durch den Dschungel. Dennis sah auf seiner geliebten „Polstar“-Uhr, dass der Fußmarsch länger als drei Stunden dauerte. Es war heiß, es war anstrengend, und Dennis schwitzte in seiner Kleidung. Sie überquerten mehrere kleine Flüsse. Das Wasser war hüfthoch und reißend. Dennis goss sich Wasser über den Kopf, und er trank einige Schlucke von dem klaren Wasser. Es hatte einen eigenartigen reinen und etwas metallischen Geschmack. Es haftete ihm sogar ein geringer Duft von Moosen und Blüten an.
Dennis fühlte sich seltsam erfrischt. Erstaunlicherweise war er bereits wenige Minuten später wieder trocken.
Einer der Fremden war vorausgelaufen, um ihre Ankunft zu melden. Als die Gruppe in das Dorf kam, waren alle Dorfbewohner dort versammelt und sie fielen vor Dennis auf die Knie.
Sie waren nackt. Nur die Männer hatten einen Lendenschurz aus dünnem Leder, der den Penis wie eine lange schmale Hülle bedeckte. Alle hatten dieselbe topfähnliche Frisur und die gleiche braune Körperfarbe.
Es gab ungefähr ein Dutzend magere Hunde, die in gebührender Entfernung blieben, aber alles sehr aufmerksam beobachteten.
Das Dorf war eine Ansammlung von Hütten, die aus Ästen, Blättern und schilfähnlichen langen Gräsern zusammengebaut waren, man konnte durch die Seitenwände hineinsehen. Es gab eine zentrale Feuerstelle, mit mehreren Feuern. Zwischen den Bäumen waren Hängematten gespannt und auf dem Boden lagen verschiedene Matten zum sitzen. In den Hütten gab es Schlafstellen aus Tierhäuten und Fellen.
Unweit der Siedlung rauschte ein Fluss, es gab einen Weg dorthin.
Nun war er sich sicher, das hier war wirklich weit weg von jeder Zivilisation. Er hatte Bilder von Menschenfressern im Dschungel des indonesischen Inselreichs gesehen. Schrumpfköpfe wie bei den Menschenfressern sah er nicht.
Während die versammelte Menge vor ihm kniete, sah Dennis das alles. Dann stimmte er seinem Singsang an, und bat die Menge aufzustehen. Einer der Fremden, der bunte Perlen in sein Haar geflochten hatte, kam auf Dennis zu, und bot ihm ein Getränk in einer ausgehöhlten Frucht an. Es schmeckte süß und milchig. Das musste der Anführer der Gruppe sein.
Dennis bedankte sich für die freundliche Aufnahme. Die Menge blieb in andächtiger Entfernung, dann gab der Fremde mit den Perlen im Haar einige kurze Befehle, und sie gingen auseinander. Er bat Dennis, sich ans Feuer zu setzen.
Stühle oder Hocker gab es nicht. Dennis legte Jacke und Sweatshirt auf den Boden, und setzte sich darauf. Der Alte setzte sich in einigem Abstand dazu.
Jetzt wurden die fremden Jäger von ihrer Sippe begrüßt, sie legten die Beute ab, die Taschen wurden ausgeleert und die Sippe machte sich daran, die Tiere zu häuten und die gesammelten Blätter auf einer Art Kordel zwischen die Bäume zu hängen.
Das Fleisch der Beute wurde in Streifen geschnitten und in einer Art Gitter in der Nähe des Feuers zum Trocknen aufgehängt. Einige der Streifen wurden direkt über dem Feuer aufgespießt zum Braten.
Die Tierhäute wurden mit kurzen breiten Messern sauber abgeschabt , und dann mit einer salzähnlichen Substanz bestreut und ebenso in die Bäume gehängt.
Die Knochen mit Resten von Fleisch und die Innereien wurden den Hunden gegeben. Es gab ein wütendes Gebell, als die Hunde sich um das Fressen stritten, dann zog jeder mit einem Stück davon, und fraß seinen Anteil auf, wobei er darauf achtete, dass ihm kein anderer Hund zu nahe kam. Knochen knackten.
Eine der Frauen stellte vor Dennis ein geschlossenes kürbisähnliches Gefäß mit einer schnauzähnlichen Verdickung hin, das eine Flüssigkeit enthielt. Das sei für ihn, sagte sie.
Während die Gruppe um Dennis beschäftigt war, sah Dennis ringsum in den Hütten Kinder, die ihn mit großen Augen ansahen. Sie schwätzten miteinander und lachten. Dann wurden die größeren ermahnt, und wieder in die Arbeit der Erwachsenen eingebunden.
Eine der Frauen bewachte das Fleisch über dem Feuer. Dann wurde ein tönerner Topf über das Feuer gehängt, in dem es bald anfing zu brutzeln. Verschiedene Früchte wurden gebracht und in den Topf geworfen.
Dann gab die Frau ein Signal, die Dorfbewohner strömten herbei, und setzten sich um das Feuer auf den Boden. Sie hatten große Blätter bei sich und begannen, einer nach dem anderen, sich mit einem Holzlöffel Portionen auf ihr Blatt zu häufen, und sich mit Messern, die reihum gingen, Stücke vom Fleisch zu schneiden.
Dennis wurde eine Portion gereicht. Die Fremden aßen mit den Fingern, wobei sie geschickt die gelbe hirseähnliche Masse zu Bällchen formten und sich in den Mund schoben.
Das war für Dennis alles neu - aber natürlich hatte es bei Dennis zu Hause Fernsehen gegeben und es gab Abenteuerfilme, die er im Kino gesehen hatte. So passte sich Dennis der Situation aufmerksam an.
Die Nahrung war völlig ohne Salz.
Es war ungewohnt, mit den Fingern in das heisse Essen zu langen. Einige der Schoten waren so scharf, so dass Dennis tief einatmen musste. Die Früchte hingegen waren mild und süß. Sie waren, wie man das in Berlin sagte „al dente“. Gar, aber formfest. Dennis sah, wie die Fremden von den Schoten und den Früchten kleine Stücke abbissen und im Mund mit der „Hirse“ mischten. Sie wurden als Gewürz benutzt, um die Speise aromatischer zu machen. Auch das salzlose Fleisch schmeckte jetzt viel besser.
Die Erwachsenen hatten ähnliche Gefäße vor sich stehen wie Dennis. Die schnauzähnliche Verdickung hatte ein Loch und sie tranken daraus. Dennis probierte von dem Getränk, es war vergoren und es machte Dennis müde.
Nach dem Essen standen alle auf, und gingen wieder ihrer Arbeit nach. Dennis fühlte sich von dem Getränk jetzt so müde, dass er schlafen musste. Der Anführer führte Dennis zu einer der Hütten und zeigte ihm eine Hängematte. Die sei für „den fremden Gott“.
Dennis legte sich hinein und war nach wenigen Minuten eingeschlafen.
2. Im Dorf der Fremden. Die Gastfreundschaft der Péruan
1.
Als Dennis aufwachte, war es tiefe Nacht. Er hörte in weiter Entfernung Geräusche von Vögeln. Einige sangen, es gab schreiende, schnarrende und gluckernde Geräusche, die er noch nie gehört hatte. Irgendwann ertönte ein furchtbarer Schrei, in dem sich Todesangst, Verzweiflung und Panik vereinigten, und der schließlich in einem wahnsinnigen Tremolo erstarb, um von einer Art aufgeregtem gluckernden Lachen vielstimmig abgelöst zu werden. Der Urwald lebte.
Dennis hörte aber auch gleichmäßige Atemgeräusche um sich herum. Dann war da noch etwas…, irgendwo musste ein Paar Liebe miteinander machen. Dennis kannte das zwar nicht aus eigenem Erleben, aber er wusste instinktiv was es war. Um Dennis herum war es dunkel, aber es war nicht so dunkel, dass Dennis nichts erkennen konnte. Die Feuer brannten immer noch. Dennis hörte, dass von Zeit zu Zeit Holz nachgelegt wurde.
Als sich Dennis bewegte, hörte er noch ein Geräusch. Er war nicht allein in der Hütte. Im Halbschatten richtete sich ein Körper auf, er beobachtete Dennis kurz, dann legte er sich beruhigt wieder hin.
Dennis hatte nicht das Gefühl, gefangen zu sein. Also musste das jemand sein, der über sein Wohlbefinden wachte.
Dennis hörte auch, dass die Hunde von Zeit zu Zeit aufstanden und durch das Dorf liefen. Sie schnupperten. Irgendwann begann einer der Hunde zu knurren, dann begannen zwei oder drei der Hunde aufgeregt zu bellen. Dennis hörte, dass einige der Fremden aufstanden und zu den Hunden gingen. Dann herrschte wieder Ruhe.
Dennis begriff, dass die Hunde und das Feuer ein Schutz gegen wilde Tiere waren. Die musste es hier im Dschungel geben. Dennis begriff auch, dass es für ihn gefährlich war, alleine loszuziehen, ohne den Schutz der Fremden, die sich „die Péruan“ nannten. Wohin hätte er auch gehen sollen. Um ihn herum war nichts als dichter Dschungel.
Also blieb Dennis liegen.
Dennis dachte über seine Freunde nach, die sich jetzt bestimmt Sorgen machten. Hoffentlich hatte José aus dem Hochhaus unbeschadet entwischen können. Hoffentlich war alles andere glatt gegangen, und die Freunde waren alle wieder in Sicherheit. Er dachte an seine Mutter, die jetzt bestimmt wieder Todesangst um ihn hatte und ganz alleine zurückblieb. Er dachte an Laura, die ihm ans Herz gewachsen war, und er dachte über Trifter nach, der ihm geraten hatte, auch mal eine Auszeit zu nehmen.
Dennis seufzte und begann an etwas Freundlicheres zu denken. Warum sollte er das Ganze nicht als Abenteuer nehmen? Die Menschen im Dorf brachten ihm Hochachtung entgegen. Sie sorgten für sein Essen und sie bewachten ihn in der Nacht. Was besseres konnte es nicht geben, als ein paar Wochen bei den Fremden zu sein, Erfahrungen zu sammeln und Freundschaften zu schließen, um dann einen Weg zu finden, zurück nach Berlin zu fliegen.
Dennis beschloss, mit den Fremden eine Weile zu leben und sich dann in die Stadt bringen zu lassen. Dort würde sich sicher eine Fahrgelegenheit ergeben, oder ein Flug zurück in die Heimat. Wenn das eine so große Stadt war, wie die Fremden angedeutet hatten, dann würde es dort auch eine deutsche Vertretung, eine Mission oder gar eine Botschaft geben und sicher auch Fernbusse oder einen Flughafen.
Wenn er hier eine Weile lebte, dann konnte sich Dennis den Gebräuchen der Fremden widmen. Er konnte sie um eines dieser groben Stoffhemden und einen Lendenschurz bitten und seine eigene Kleidung für den Rückflug pflegen. Er hatte schon auf den Weg bemerkt, dass seine Kleidung hier im Dschungel nicht lange überleben würde. Es gab Gestrüpp, Dornengewächse und spitze Äste, die herunter hingen. All das würde seine Kleidung bald zerrissen haben. Außerdem waren die Jacke, das Sweatshirt und die lange Hose viel zu warm.
Er konnte mit den Fremden jagen gehen, vielleicht gab es ein Boot. Das Essen war zwar gewöhnungsbedürftig, aber es war ok. Dennis genoss die Lagerfeuerromantik. Er kannte das von zu Hause, aber hier war das doch ganz anders.
Dass Dennis über 2000 Jahre zurück in die Vergangenheit versetzt worden war, konnte er nicht ahnen. Das Berlin, das er kannte, existierte nicht. Noch nicht.
Irgendwann schlief Dennis wieder ein.
2.
Dennis erwachte, weil alles um Dennis herum erwachte. Es war Halbdunkel, aber es hatte gestern den ganzen Tag ein Halbdunkel geherrscht. Die Bäume waren hoch und das Blattwerk war sehr dicht. Das hatte also nichts zu bedeuten.
Dennis sah auf seine Uhr - aber die gab ihm eine völlig falsche Zeit an. Wenn er hier 20.000 Km von zu Hause weg war, dann musste es hier ganz eine andere Weltzeit geben. Dennis hatte davon wenig Ahnung. Berechnen konnte er das nicht, und die Uhr konnte ihm jetzt wenig nutzen. Er musste versuchen, die Uhr auf 12 zu stellen, wenn die Sonne am höchsten stand. So konnte er die richtige Zeit wenigstens einigermaßen bestimmen.
Die Batterie war gerade gewechselt. Die Polstar-Uhr war wasserdicht. Die Uhr würde noch eine Weile laufen.
Dennis hörte ein Geräusch. Der Anführer mit den Perlen im Haar beugte sich zu Dennis, um zu prüfen ob alles in Ordnung sei. Dennis lächelte ihn an, und wünschte ihm einen guten Morgen. Der Anführer verstand das nicht. Solche Ausdrücke waren hier nicht üblich.
Das Dorf war hellwach. Jeder ging irgendeiner Tätigkeit nach.
Ein paar Kinder balgten sich mit den Hunden, bis einer der Erwachsenen sie zu sich rief. Vier der Männer hatten lange Speere in der Hand. Die Kinder bekamen Umhängetaschen, und die Gruppe entfernte sich auf einem Trampelpfad, der parallel zum Wasser vom Dorf wegführte.
Dennis fragte den Anführer, und er erfuhr, dass die Gruppe zum Fischen geht.
Dennis hatte noch keinen Hunger, aber er bat um etwas Wasser.
Der Anführer rief zwei der Frauen zu sich, sprach kurz mit ihnen, dann verbeugte er sich und ging.
Die beiden Frauen riefen ein paar der Kinder, dann machten sie sich mit Dennis auf zum Fluss. Das Gewässer war etwa 30 Meter breit und schien recht tief zu sein. Dort wo sie hingingen, gab es eine weite Ausbuchtung und einen Sandstrand. Die Frauen und die Kinder gingen in das Wasser, das an dieser Stelle nicht sehr tief war, und bedeuteten auch Dennis, er solle sich ausziehen und mitkommen.
Sie waren völlig ohne Scham. Eine der Frauen hatte ein kleines Kind auf dem Arm. Alle waren völlig nackt.
Für Dennis war die Situation neu, aber er dachte nicht lange nach, zog sich aus und ging zu den Frauen ins Wasser. Die Gruppe planschte und bespritze sich, die Kinder lachten vor Vergnügen und auch die Frauen lachten und warfen sich spielerisch Worte zu. Als Dennis ins Wasser kam, bespritzten ihn die Kinder. Dennis nahm ein Bad, das ihn erfrischte, und er trank auch von dem Wasser, das so klar war, dass er bis auf den Grund sehen konnte.
Als er aus dem Fluss kam, war er im Nu trocken. Obwohl es noch so früh am Morgen war, war die Luft warm und sie roch aromatisch.
Er sah, dass in einiger Entfernung zwei Männer mit Speeren standen und das Wasser aufmerksam beobachteten. Sie hatten Wache gestanden, solange die Gruppe beim baden war.
Dennis konnte genauso gut jetzt um neue Kleidung bitten und er fragte einen der Männer nach einem Hemd.
Es gab ein kurzes erstauntes Palaver, dann lief eine der Frauen ins Dorf, und kam mit einem bunt gewebten Hemd zurück, das sie Dennis reichte. Es war auffallend bunt. Ganz anders als die Hemden der Männer gestern.
Als sie zum Dorf zurückgingen, fragte er die Männer danach.
Er erfuhr, das sei das Hemd eines Häuptlings. Die Hemden der Männer gestern waren ein Ritual, um eine gute Jagd herbeizurufen, sonst blieben sie nackt.
Im Dorf zurück, verstaute Dennis seine Sachen in der Hütte, dann ging er zum Anführer der Gruppe und bat ihn um zwei Begleiter. Der Anführer nickte. Er rief eine runzlige Frau und ein vielleicht 12 jähriges Mädchen herbei. Sie würden ab jetzt für Dennis sorgen.
Wenn Dennis schon hier blieb, dann konnte er auch versuchen, die Sprache der Péruan lernen. Das Kauderwelsch war gut, aber es war nur ein Hilfsmittel.
Im Laufe des Vormittags lernte Dennis eine ganze Reihe von Worten. Er wusste jetzt, was Hemd heißt, er bat um einen Lendenschurz, die Alte sagte dazu Piri Piri. Sie kicherte und rief einen der Männer herbei, dem sie etwas ins Ohr flüsterte.
Er kicherte ebenfalls und ging weg. Dennis erfuhr, dass die Alte „Kkhiso“ hieß und das Mädchen ihre Enkelin war, die sie „Polia“ nannte.
Dennis sagte ihr auch seinen Namen „Dennis“. Die Alte nahm das mit großer Verwunderung auf. Allerdings sprach sie seinen Namen anders aus, „Thénnis“, sagte sie.
Später sollte Dennis erfahren, das er einen heiligen Namen trug, denn das „Thén“ bedeutete soviel wie Sonnengott. Thénnis lautete etwa „der von der Großen Sonne Geschickte“.
Für die Peruan war das alles ein Glücksfall. Der „Thénnis“ war zu ihnen in Menschengestalt herabgestiegen und er lebte jetzt wie einer von ihnen. Ein Gott war für sie heilig und sie würden nie fragen, warum der Gott zu ihnen gekommen war, aber sie wussten: die „Heilige Sonne“ hatte ihr Dorf auserwählt.
Als die Gruppe der Männer und Kinder mit reicher Beute vom Fischen kamen, wurden die Fische aufgespießt und über dem Feuer gebraten. Dazu gab es Früchte.
Die Gruppe war fast vollzählig zusammen. Das gemeinsame Essen war offenbar ein Ritual, bei dem niemand fehlen durfte, außer den Wachen, die stets unsichtbar um das Dorf herum aufgestellt waren. Das Essen reichte für alle. Die Portionen waren nicht groß, aber die Péruan aßen viel weniger, als die Menschen in Berlin.
Offenbar waren in der Sippe Männer und Frauen gleichberechtigt, wenn sie auch unterschiedliche Aufgaben hatten. Die Männer gingen jagen. Sie nahmen fast immer einige der Kinder mit. Die Frauen sorgten für den „Haushalt“, stellten Fallen auf, zerlegten Tiere, trockneten Blätter und Häute.
Die Kinder wurden mit viel Liebe behandelt. Sie durften sich einige Freiheiten erlauben, wurden aber freundlich und meist lachend ermahnt, wenn sie zu übermütig wurden.
Ohne dass Denis das wusste, hatte der Anführer, der „Takilada“ des Dorfes, bereits Boten zur großen Stadt geschickt, um von der „Ankunft des Gottes“ zu berichten.
Als Dennis den Anführer auf die große Stadt ansprach, erklärte ihm der Takilada, dass die Péruan die große Stadt nicht betreten durften. Das sei das Privilig der Théluan. Weit vor der großen Stadt gäbe es aber Ansiedlungen. Dort durften die Péruan hin. Zwei seiner Leute seien bereits auf dem Weg dorthin, um zu berichten. Man würde sicher eine Abordnung schicken. Aber das würde eine Weile dauern. Der Weg sei weit.
Als Dennis fragte, wann das sei, wollte sich der Anführer nicht festlegen. Der Weg sei weit.
Den Rest des Tages verbrachte Dennis, um seine Sprachkenntnisse zu verbessern. Er lernte viele Worte, versuchte auch immer wieder die Worte zu wiederholen und sich einzuprägen. Er lernte, dass die Péruan ein fröhliches, ja ausgelassenes Volk waren. Es gab Nahrung, Früchte und Wasser für jeden. Mehr als genug. Der Dschungel bot alles, was die Menschen brauchten. Dennis erhielt auch seinen Lendenschurz. Er war aus Leder, extra für Dennis angefertigt.
Eines der Mädchen war gekommen und hatte ihn kichernd angepasst.
Zu Mittag gab es nichts. Als Dennis die Alte darauf ansprach, erfuhr er, dass er jederzeit Obst haben könne, und sie öffnete im hinteren Teil der Hütte eine Bodenplatte aus Moosen und Erde. Dort war ein Geviert ausgehoben. Darin lagen verschiedene Früchte, die von der Erde frisch gehalten wurden, wie in einem Kühlschrank. Sie hatten sehr feste Schalen, und die Alte und das Mädchen mussten Dennis zeigen, wie er die fremden Früchte öffnet und verzehrt.
Dennis bat die Alte, ob er am nächsten Tag mit zum Fischen gehen dürfe. Sie nickte und schickte sofort ihre Enkelin los.
Abends wurde wieder gemeinsam gegessen, dann gingen die Péruan zum Baden in den Fluss. Noch bevor es ganz dunkel wurde, gingen sie schlafen. Einige schliefen in den Hütten, andere benutzten die Matten, die zwischen die Bäume gehängt waren. Dennis sah, dass immer ein Speer in der Nähe lehnte und eines der langen Messer bereit lag. Die Péruan waren wachsam.
Als Dennis sich zurückzog, wurde er von der Alten und dem Mädchen begleitet. Kkhiso und Polia bezogen ein Lager am Boden und bedeuteten Dennis, in der Hängematte zu schlafen. Das sei sicherer. Dennis wurde zwar als Gott angesehen, doch er war in Menschengestalt zu ihnen gekommen, also war der Thénnis verwundbar. Sie würden für seine Sicherheit sorgen, um sich nicht den Zorn der „Großen Sonne“ zuzuziehen.
Bevor es ganz dunkel wurde, hörte Dennis, dass die Péruan vereinzelt aufstanden. Er hörte leise Unterhaltung. Manchmal wurde gekichert. Dennis hörte auch Geräusche der Liebe.
Das wiederholte sich an den nächsten Abenden. Später erfuhr Dennis, dass es den jungen Mädchen vorbehalten war, sich einen Ehemann auszusuchen.
Sie schliefen mit unterschiedlichen Partnern, bevor sich die jungen Mädchen endgültig für einen jungen Mann entschieden, mit dem sie dann für immer zusammen blieben. Manchmal entstanden aus diesen flüchtigen Bindungen Kinder, aber das galt als völlig normal.
3.
Am nächsten Morgen standen die Péruan mit der Sonne auf.
Zunächst wurde im Fluss ein gemeinsames Bad genommen. Dennis lernte, dass die Péruan das immer so machen. Sie waren sehr reinlich. Morgens und abends wurde gemeinsam gebadet. Es war ein Ritus, der nur in Zeiten von Gefahr durchbrochen werden durfte.
Dann brach die Jagdgruppe auf zum Fischen. Dennis begleitete sie. Sie gingen vielleicht eine halbe Stunde. Der Fluss war an dieser Stelle ziemlich reißend, aber es gab auch einige flache Stellen, wo die Männer stehen konnten.
Dennis wurde bedeutet, mit den Kindern am Ufer zu bleiben.
Einer der Erwachsenen blieb im flachen Uferbereich, bewaffnet mit einem Speer und er beobachtete das Wasser sehr aufmerksam.
Die Männer stiegen ins Wasser. Von Zeit zu Zeit stießen ihre Speere blitzschnell zu, und sie zogen einen Fisch aus dem Wasser, der silbrig glänzte und wild zappelte. Die Männer warfen sie an Land. Die Kinder fingen die zappelnden Fische geschickt auf, sie schlugen mit Stöcken, an die ein Stein gebunden war, geschickt hinter den Kopf der Fische, dann wurden die Fische in mitgebrachten Säcken verstaut.
Als die Männer genug hatten, verließen sie das Wasser und kehrten in ihr Dorf zurück.
Dennis sollte lernen, dass das Frühstück der Péruan stets aus frisch gefangenem oder gebratenem Fisch und aus Obst bestand.
Dennis fühlte sich nach ein paar Tagen gestärkt und voller Kraft. Das Eiweiß und das Fett der Fische waren proteinreich, das frische Obst tat ihm gut. Das war eindeutig besser als Burger oder Pommes, obwohl es salzlos war.
Dennis lernte, Fische auszunehmen und zu jagen. Er war der einzige Mann in der Gruppe, der Fische ausnahm. Sonst machten das nur die Frauen. Aber Dennis galt ihnen als Gott. Er durfte sich über diese Regeln hinwegsetzen.
Dennis lernte bald, dass die Männer mit den Speeren am Ufer eine wichtige Aufgabe hatten.
Am nächsten Tag stieß einer der Männer einen Warnruf aus, dann sprang er ins Wasser und stach blitzschnell zu.
Es war eine Schlange. Etwa zwei Meter lang. Der Kopf wurde diesmal nicht abgehackt, die Schlange wurde geschickt hinter dem Kopf festgehalten, ein Lederband wurde um den Kopf gewickelt, dann wurde die Schlange in einen Sack gesteckt.
Die Gruppe brach sofort auf und ging zurück, obwohl die Jagd noch nicht beendet war. Im Dorf wurde der Sack den Frauen übergeben. Sie holten die Schlange heraus, packten sie hinter dem Kopf, das Band wurde vorsichtig gelöst, dann wurde der noch nicht toten Schlange eine rote Frucht hingehalten, in welche die Schlange mehrfach wütend hineinbiss. Die Frauen hielten den Kopf immer noch fest, und einer der Männer schlug den Kopf ab.
Diese Schlange war etwas Besonderes. Sie verfügte über ein gefährliches Gift, das den Menschen innerhalb weniger Minuten lähmen und töten konnte. Das Gift konnte mit diesen roten Früchten aufgefangen werden, und es diente als Pfeilgift.
Das Fruchtfleisch wurde aufgekocht und vorsichtig in Gefäße gefüllt. Die Jäger konnten sich die verschließbaren Gefäße mit Lederriemen umhängen und ihre Pfeilspitzen hineintauchen. Das war eine absolut tödliche Waffe. Ein kleiner Ritz in die Haut genügte, um jeden Gegner in wenigen Minuten außer Gefecht zu setzen.
Dennis blieb jetzt bei den Frauen, um sich zu unterhalten und bei der Aufbereitung des Giftes zuzusehen. Die Männer und Kinder gingen wieder zum Jagen.
4.
Einige Tage später sollte Dennis erfahren, wie wichtig dieses Gift für die Indios war.
Dennis war im Dorf geblieben. Die Frauen wollten heute weben. Dennis wollte ihnen zusehen.
Die Frauen hatten lange Fäden gesammelt, die zu einer Schlingpflanze gehört, die weit oben in den Wipfeln der Bäume wächst. Sie hatten die Fäden getrocknet. Sie hatten sie eingeweicht und wieder getrocknet. Und sie hatten sie mit dem Fett von kleinen hellblauen Fischen bestrichen, die sie zuvor ausgekocht hatten, so dass das Fett wie eine weiße dicke Schicht auf dem Wasser schwamm.
Nun wurden die Fäden in selbstgebaute Webrahmen gespannt und die Frauen begannen die Fäden mit einer Art Schiffchen durch die Längsfäden zu ziehen, bis sich ein dünner aber fester Stoff bildete. Sie waren äußerst geschickt.
Auch die Kinder wurden in diese Tätigkeit eingespannt. Sie waren Teil des Lebens und wurden spielerisch in die Arbeit eingewiesen.
Sie saßen auf dem Boden. Sie lachten und unterhielten sich, als von weitem ein paar Warnrufe erschallten. Die Frauen standen sofort auf und stellten die Webrahmen beiseite.
Die Männer kamen zurück. Zwei liefen vorneweg. Sie trugen einen Dritten. Er hatte schlimme Bisswunden und er blutete stark aus Schulter, Rücken und Brust. Der Mann war bewusstlos vor Schmerzen.
Sie brachten den Mann in eine der Hütten, dann liefen die Frauen in ihre Unterkünfte und kamen mit verschiedenen Gegenständen zurück. Zwei der Frauen setzten einen Topf auf und erhitzten dort eine dunkelbraune Masse mit Wasser zu Brei. Dann brachten sie den Topf in die Hütte mit dem Verletzten.
Der Mann hatte nicht nur tiefe Bisswunden und Kratzer, große Stücke von losen Fleisch hingen von seinem Brust- und Schulterbereich.
Dennis konnte nicht helfen. Die Frauen strichen die dickflüssige Masse auf die Wunde, dann legten sie Blätter darüber, und wickelten den Verwundeten in ihre selbstgefertigten Tücher.
Einige der Frauen blieben bei ihm, andere begannen einen Sud aus Blättern und Früchten aufzukochen. All das ging mit einer unglaublichen Schnelligkeit vor sich.
Dann kam der Rest der Gruppe. Sie schleppten sich mit einem riesigen schwarzen Panther ab, den sie erlegt hatten. Der Panther hatte noch das Blut des Verletzten am Maul und an den Pranken. Dennis war erschrocken, und er bewunderte gleichzeitig den Mut der Männer.
Diese Raubkatze maß mindestens zwei Meter. Das Gewicht war so groß, dass zwei Männer die Raubkatze gleichzeitig tragen mussten. Die Jäger hatten sich unterwegs mehrfach abwechseln müssen.
Als sie ins Dorf kamen, gab es aufgeregtes Geschrei. Die Männer wurden umringt und bewundert. Sie kamen ans Feuer und warfen dort die Katze ab. Die Dorfbewohner streckten die Beine des Panthers aus, sie sahen dieses riesige Maul und diese gewaltigen Pranken. Dennis verstand, dass dieser Panther auch für ihre Verhältnisse ungeheuer groß war.
Dann mussten die Jäger erzählen.
Sie waren auf dem Rückweg gewesen. Der Fang war ausgezeichnet. Sie lachten und sie waren gut gelaunt, als sie eine Bewegung über sich wahrnahmen.
Zwei von ihnen hatten sofort die Bögen genommen, Pfeilspitzen in das Gift getaucht und die Bögen gespannt, aber der letzte der Gruppe war bereits von dem riesigen Panther zu Boden gerissen und in die Schulter gebissen worden.
Sie hatten sofort ihre Pfeile auf den Panter abgeschossen. Der Panther hatte von dem Mann abgelassen und griff erneut an. Einer der anderen Jäger hatte seinen Speer geworfen, der dem riesigen Tier in den Leib fuhr.
Mit einem Schlag seiner Pranken hatte der Panther den Schaft abgebrochen, als ihn der zweite Speer traf.
Der Panther war wütend. Er schlug auch diesen Speer auseinander und wollte erneut angreifen. Aber nun begann das Pfeilgift zu wirken.
Die Männer waren sich sicher, dass der Panther sie alle getötet hätte, trotz ihrer Speere. Nur das Pfeilgift hatte ihnen das Leben gerettet.
Sie hatten sofort den Verletzten aufgehoben, und zwei der Jäger mit ihm vorausgeschickt. Dann hatten sie versucht den Panther aufzuheben und zu tragen. Er war sehr schwer. Einer der Jäger tunkte mehrere Pfeile in das Pfeilgift, und wachte über den Transport. Wo ein Panthermännchen war, konnte auch ein Weibchen sein. Aber sie hatten nichts gesehen.
Nun also waren sie wieder im Lager und sie waren froh, heil wieder angekommen zu sein. Sie erkundigten sich als erstes nach ihrem Gefährten, dann mussten sie erzählen.
Während ihrer Schilderung wurden sofort drei Männer zu den Wachen geschickt, um sie zu warnen.
So schlimm dieser Überfall des Panthers war, so groß war auch die Freude im Dorf.
Die Frauen hatten sofort ein Gerüst aus Stangen errichtet.
Der Panther wurde darauf gelegt. Dann wurde der Verletzte aus der Hütte geholt, und auf Felle in der Nähe gelegt. Feuerholz wurde aufgelegt, so dass die Flammen höher loderten.
Die Männer und Frauen hatten bunte Bänder und Federn aus ihren Hütten geholt, die sie nun im Haar, um die Oberarme und den Hals trugen. Sie trugen ihre Trinkgefäße herbei, und begannen singend, stampfend und sich verbeugend, um das Feuer, den Panther, und den Verletzten zu tanzen. Die Kinder standen außen herum. Sie klatschten und lachten.
Dennis war völlig verblüfft. Er verstand, dass dies ein gewaltiges Ereignis für die Indios war, das gehörig gefeiert werden musste. Er verstand, dass dies auch ein Tanz für den Verletzten war, um eine baldige Genesung herbeizuführen.
Die Indios tanzten und tranken von ihrem gegorenen Saft.
Soviel verstand Dennis von Medizin, dass es für den Verletzten am besten war, wenn er jetzt Ruhe hatte. Nur, was konnte er tun?
So ging Dennis zu dem Verletzten in den Kreis, setzte sich neben ihn und nahm seine Hände. Er war in Gedanken versunken. Ohne dass er es bemerkte, bildete sich ein bläulicher Lichtschein, der an Intensität immer mehr zunahm. Dennis war bald eingehüllt von blauen Adern aus Blitzen. Züngelnd, funkensprühend.
Die Indios sahen das und hielten mit ihrem Tanz inne. Sie standen still und trauten sich nicht mehr zu bewegen, während das Kraftfeld an Intensität weiter gewann, bis es Dennis und den Verletzten wie eine Lichtkugel ganz einhüllte.
Nach einer Weile begann das Licht langsam zu verebben.
Es war Stille eingetreten. Selbst das Feuer wagte nicht mehr zu knistern.
In diese Stille hinein begann Dennis zu singen und zu summen. Dennis merkte von alledem nichts. Er hielt immer noch die Hände des Verletzten. Dann hörte Dennis auf, und er sagte in die Stille hinein: „Faroa braucht jetzt Ruhe. Tragt ihn in seine Hütte zurück. Verschiebt euren Tanz auf ein andermal. Ich werde bei Faroa wachen.“
Die Péruan folgten ihm. Es wurde nicht darüber diskutiert. Es wurde nicht abgestimmt. Sie hoben den Verletzten auf und trugen ihn in die Hütte.
Dennis bat Kkhiso und Polia in die Hütte. Dort setzte er sich neben Faroa und hielt seine Hände. Er verfiel in eine Art Wachtrance, in der er unaufhörlich summte. Er merkte nicht einmal etwas davon.
Stunden später bat er Kkhiso um Wasser und Tücher. Es befeuchtete Faroas Gesicht, trocknete den Schweiß und hüllte ihn wieder ein. Dann ergriff er erneut Faroas Hände, und fiel summend in Trance.
Irgendwann musste er eingeschlafen sein.
Am nächsten Morgen wurde er von einem freudigen Laut geweckt. Kkhiso hatte ihn ausgestoßen.
Dennis war mit seinem Kopf auf das Lager gesunken. Er hielt immer noch die Hände von Faroa. Dennis schaute auf und er sah, dass Faroa die Augen geöffnet hatte.
Faroa sah verwundert zu Dennis und Kkhiso, die sich jetzt über ihn beugte.
Dennis fühlte sofort nach seiner Stirn, bat Kkhiso um Wasser und Tücher, und er wusch wieder den Schweiß von Faroas Körper. Dann versuchte er mit Faroa zu sprechen. Er sei sehr schwach, sagte Faroa, aber er fühle sich gut.
Dennis nickte und fragte Kkhiso aus. Wie oft wechselten die Péruan solche Verbände? War es sinnvoll, den Verband jetzt schon zu erneuern? Kkhiso ging hinaus und besprach sich mit den Frauen. Als sie wiederkam, wurde sie von dem Anführer des Dorfes begleitet.
Der Takilada richtete einige Worte an Faroa. Er schien sehr zufrieden. Dann gab er Anweisung, den Verband zu wechseln.
Die Frauen kamen nach einer Weile mit Blättern, Brei und mit ihrem gebrauten Getränk.
Dennis trat ein wenig zurück. Als erstes erhielt der Kranke von dem Saft. Kkhiso erklärte Dennis, dass die Blüten, Früchte und Blätter über besondere Heilkräfte verfügen. In den Blättern und Rinden gab es entzündungshemmende und blutreinigende Stoffe. Dennoch sei bei einer solchen schweren Verletzung die Aussicht auf eine Heilung nicht sehr groß.
Als die Frauen den Verband abgenommen hatten staunten sie nicht schlecht. Die Wunde hatte sich nicht entzündet. Der Kranke hatte kein Fieber. Es gab keinen Eiter. Die Wunde war sauber.
Sie erneuerten den Verband und gaben dem Kranken von dem Getränk, dann verließen sie die Hütte. Der Takilada blieb. Er sprach erneut mit Faroa. Der fühlte sich gut, sei aber sehr müde. Er wolle jetzt schlafen.
Der Takilada sah Dennis lange an. Dann sagte er mit leiser Stimme, um Faroa nicht zu stören: „Wir sind dir zu großem Dank verpflichtet. Wir werden den Tanz vorerst nicht mehr aufnehmen. Erst soll Faroa wieder gesund werden. Aber den Panther müssen wir heute noch schlachten. Das Fleisch verdirbt sonst. Wir werden dabei keinen Lärm machen.“
Dennis nickte. „Ich bleibe bei Faroa“, sagte er. „Vielleicht können Kkhiso und Polia mir helfen. Polia kann ich schicken, wenn wir etwas brauchen. Der Takilada nickte, ging hinaus und schickte Polia wieder zu Dennis hinein.
Dennis sorgte dafür, dass der Verband jetzt täglich erneuert wurde, und dass der Kranke regelmäßig Wasser und seinen Heiltrank erhielt. Er selbst ging nicht hinaus zu den gemeinsamen Essen der Stammesmitglieder, sondern ließ sich das Essen in die Hütte bringen. Nach drei Tagen fühlte sich der Kranke erstmals in der Lage, etwas zu sich zu nehmen.
Die Wunde sah immer besser aus. Es gab keine Entzündung, sie eiterte nicht. Die Wunde begann, überraschend schnell, von innen nach außen zu heilen. Nach einer Woche verließ Faroa erstmals sein Lager, um ein paar Schritte zu gehen. Er war jedoch sehr schwach.
Auch nach zwei Wochen sah die Wunde gut aus. Faroa war auf dem besten Weg der Heilung. Er trug jetzt nur noch einen leichten Verband. Er stand jeden Tag mehrmals auf, um ein paar Schritte zu gehen und um sich zu unterhalten. An der Jagd nahm er jedoch nicht teil.
Nach drei Wochen war Faroa völlig gesund. Es war ein Wunder.
Der Panther war längst gehäutet worden. Die Péruan hatten den Kopf und die Pranken der Vorderläufe an der Haut gelassen. Nur die hinteren Pranken hatten sie abgetrennt. Die Krallen wurden aufgefädelt. Jeder der Jäger, die den Panther gestellt hatten, trug jetzt voll Stolz eine der Krallen um den Hals. Die Gruppe bestand darauf, dass Dennis das Fell erhalten müsse.
Das war eine große Ehre für Dennis.
Inzwischen hatten die Späher der Péruan herausgefunden, dass es tatsächlich ein Weibchen gab, sie hatten den Panther verfolgt, und es war gelungen, auch das Weibchen zu töten.
Nun war der große Tag gekommen, um das lang ersehnte Fest zu feiern.
Das Pantherweibchen wurde auf das Gestell am Feuer gelegt, und die Meute begann um das Feuer und den Panther zu tanzen. Diesmal konnte Faroa an dem Tanz teilnehmen.
Dennis hielt sich in der Nähe, er klatschte und lachte mit den Frauen und den Kindern. Die Pèruan tanzten sich in Trance und waren das erste Mal, seit Dennis sie kannte, regelrecht besoffen von dem vergorenen Saft. Nur die Wachen blieben nüchtern.
Dennis hatte hier Freunde gefunden. Er fühlte sich glücklich.
Er selbst trank an diesem Abend wieder nur Wasser. Er liebte diesen vergorenen Saft nicht.
An diesem Tag passierte noch etwas.
Dennis schlief seit zehn Tagen wieder in seiner eigenen Hütte.
Auch Kkhiso und Polia schliefen, wie immer, auf dem Boden neben ihm, um über ihn zu wachen. Dennis wusste mittlerweile, dass Polia die Tochter des Häuptlings war. Das war ein seltenes Privileg.
In dieser Nacht fühlte Dennis, wie Polia zu ihm kam, ihn leise weckte, und ihn bat, er solle aufstehen. Sie zog ihn auf das Lager in der Ecke der Hütte und bedeutete ihm, er könne jetzt hier schlafen. Dann legte sie sich zu ihm.
Polia war ungefähr zwölf. Sie hatte schwarze Haare wie alle im Dorf. Sie hatte einen ganz leichten Ansatz einer Brust und sie hatte einen Flaum von Haaren zwischen den Beinen. Für Dennis wurde es die erste Liebesnacht seines Lebens. Polia war Jungfrau, aber sie war äußerst geschickt.
Als Dennis am nächsten Morgen aufwachte, lag Polia noch in seinen Armen. Kkhiso war fort. Dennis fühlte sich etwas beschämt. Was hatte er da bloß gemacht?
Nach einer Weile kam Kkhiso herein und stellte für die beiden ein Frühstück aus Fisch, Obst und frischem Wasser hin. Dann zog sie sich wieder zurück.
Polia war inzwischen erwacht. Sie lachte, nahm von den Früchten und gab auch Dennis davon.
Als Dennis sie auf die vergangene Nacht ansprach, nickte sie.
Es sei nicht gut, wenn Mann und Frau alleine sind. Ihr Vater habe ihr erlaubt, sich zu Dennis zu legen. Kkhiso wusste selbstverständlich Bescheid. Dennis dachte bei sich „Mann und Frau…, sie waren doch noch Kinder.“ Doch dann erinnerte er sich, dass die Mädchen bei den Péruan ihre ersten Kinder bereits kurz nach der Geschlechtsreife bekommen. Es gab hier einige sehr junge und schwangere Mädchen. Es gab hier sehr junge Mütter. Das war wohl normal.
Polia sah Dennis in seine blauen Augen und schlug die Arme um seinen Hals. Dann führte sie Dennis wieder an ihre geheimsten Stellen. Sie liebten sich erneut.
Als Dennis später vor die Hütte trat, war alles wie sonst auch.
Man lächelte ihm zu. Die Frauen lachten und schwatzten. Die Männer gingen ihrer Arbeit nach. Offenbar wusste jeder im Dorf Bescheid. Sie freuten sich für Dennis und Polia.
5.
Dennis war nun schon über einen Monat bei den Péruan. Er lernte ihre Sprache immer besser. Das Zusammenleben mit Polia war eine Hilfe. Dennis hatte inzwischen einen großen Wortschatz. Tagsüber war Dennis mit den Péruan zusammen, nachts schlief er mit Polia.
Kkhiso wohnte immer noch in Dennis Hütte. Sie war wie ein Schatten.
Dennis ging manchmal mit den Männern jagen, manchmal begleitete er die Frauen beim sammeln von Früchten und Beeren. Er lernte die verschiedenen Früchte zu unterscheiden.
Es gab essbare und giftige. Es gab welche, die als Medizin oder für die Zubereitung von aromatischen Tees oder Säften verwendet wurden. Es gab Baumrinden, die man gegen Schlangenbisse nutzte, und Blätter, aus denen ein Brei hergestellt wurde, für Umschläge.
Dennis lernte auch die verschiedenen Tierarten zu unterscheiden. Es gab winzige bunte Kolibris, und ganze Horden von Affen, die weit oben in den Bäumen herumturnten. Es gab Schlangen, vor denen man sich in acht nehmen musste.
Es gab kleine, mittelgroße und riesige Schmetterlinge und Falter. Einer davon, den die Péruan den „Baraun“ nannten, war äußerst gefährlich. Man durfte ihm nicht zu nah kommen.
Um sich vor Feinden zu schützen, warf der Schmetterling seinen Angreifern ein Heer von kleinen giftigen Härchen entgegen, die mit Widerhaken versehen waren, und schwere Entzündungen hervorriefen.
Sehr beliebt war das Fleisch der Mara Mara. Diese Mischung aus Antilope und Reh trat immer in Rudeln auf und hatte ein besonders zartes Fleisch, das man gut zu Pemikan verarbeiten konnte (Trockenfleisch).
In den Flüssen gab es Krokodile, vor denen man sich in acht nehmen musste. Sie waren nur etwa einen Meter lang, aber sie hatten messerscharfe Zähne. Das war einer der Gründe, warum die Péruan nie ohne Wachen zum Baden oder zum Fischen ins Wasser gingen. Im Wasser waren die Kaimane blitzschnell. Sie warteten geduldig und fast unsichtbar in Ufernähe, zwischen träge dahingleitenden Blättern und geschützt durch das Wurzelwerk der großen Bäume, um dann urplötzlich anzugreifen. An Land waren sie vergleichsweise träge, dann konnte man sie fangen und töten. Das Fleisch war rosa und sehr zart. Die Panzer zogen die Péruan ab. Das gab wunderbares Leder. Auch die Eier der an Land legenden Echsen galten als sehr schmackhaft.
Mehrere Male am Tag regnete es. Es gab heftige Schauer, Blitze und Donner. Dann gab es wilde Konzerte von Fröschen und Unken. Einige davon galten als Heilmittel. Sie sonderten Sekrete ab, die gut waren gegen Milben und Fadenwürmer. Es gab Spinnen, die handtellergroß waren und Falter jagten, die noch größer waren als sie selbst.
Dennis lernte, wie man Kolibris und Papageien in Netzen fängt. Aus den bunten Federn wurde Kopfschmuck hergestellt, der in der großen Stadt sehr beliebt war, und gegen Pfeilspitzen und Tonkrüge eingetauscht wurde.
Manchmal kämen Händlerkarawanen in das Dorf, die alle erdenklichen Waren mit sich führten: Krüge, Pfeilspitzen, Messer und Schmuck aus Kupfer. Sie tauschten diese Dinge ein, gegen Kopfschmuck, Trockenfleisch, Arznei und Pfeilgift.
Sehr beliebt bei den Händlern waren die Panzer der Krokodile und Häute und Schädel der Affen. Die Felle der Panther galten als sehr wertvoll.
Gingen die Männer auf die Jagd, kamen sie mit Affen, Echsen und Mara Maras zurück.
Wenn die Männer am frühen Morgen mit ihren Speeren die großen Flussfische fingen, die bei den Péruan zum Frühstück gegessen wurden, bauten die Frauen aus dünnen Stöcken und Lederbändern Reusen, in denen sie die kleinen hellblauen Fische fingen, die wegen ihres hohen Trangehaltes für die Anfertigung der Hemden genutzt wurden. Die Fische waren sehr scheu. Man brauchte viele der Reusen. Nur mit dem Fett dieser Fische konnten die Indios die Fasern der Bäume weich und geschmeidig klopfen. Es gab weiter entfernt vom Dorf viele Stellen, wo diese Reusen aufgestellt wurden. Waren die Fische erst einmal drin, gab es kein Entrinnen.
Dennis lernte auch, dass das Leben im Dorf nicht so friedlich war, wie er gedacht hatte. Es gab weitere Dörfer am Fluss. Man war im Frieden miteinander. Aber der Fluss war lang und hatte viele Nebenflüsse. Es gab weit entfernt Völker, mit denen es ständig Krieg gab.
Als ein Volksstamm der Théluan mussten die Pèruan regelmäßig Steuern an die Sonnengöttin zahlen. Diese Tributzahlungen erfolgten durch die Abgabe von Kriegern, jungen Mädchen, Kopfschmuck, Fellen und Trockenfleisch.
Manchmal würden Abordnungen der Théluan ins Dorf kommen. Sie hatten eine Arbeitskolonne bei sich und würden dann von den Péruan verpflegt. Auch das Dorf musste von Zeit zu Zeit Männer in diese Arbeitskolonnen schicken. Sie kamen stets nach etwa zehn bis vierzehn Tagen zurück.
Es gab einen halben Tag entfernt eine Straße der Théluan, die immer wieder von dem dichten Dschungel zuwuchs und dann mit langen Messern wieder gangbar gemacht werden musste.
Dennis hörte aufmerksam zu. Wo es eine Strasse gab, da konnten ja wohl auch Autos fahren. Aber diesen Begriff kannten die Péruan nicht. Die Benutzung der Strasse sei nur den Théluan erlaubt.
Die Händlerkarawanen hätten viele Lamas dabei, um die Waren zu tragen. Außerdem gäbe es Boten, um Nachrichten in die heilige Stadt zu bringen. Die Boten würden zu Fuß laufen. Dennis schüttelte erstaunt den Kopf. Keine Busse? Keine Lastwagen? Aber das kannten die Péruan nicht. Dafür erzählten die Péruan, dass es andere Völker gab, die bauten Früchte, Mais und Baumwolle an. Sie wohnten in festen Häusern, und sie mussten Tribut in Form von Nahrungsmitteln und Baumwollfasern leisten, die auf den Rücken von vielen Lamas in die Stadt der Sonnengöttin gebracht wurden.
Als Dennis den Takilada auf die Abgaben ansprach, wurde geantwortet, dass Abordnungen der Théluan in regelmäßigen Abständen ins Dorf kommen, um die Steuern einzufordern.
Als Dennis fragte, ob es vorkäme, dass die Péruan sich weigerten, schüttelte der Takilada den Kopf. Das würde den Péruan schlecht bekommen. Ja. Es sei schon vorgekommen. Einmal hätten die Krieger der Théluan alle Männer des Dorfes getötet, weil der Häuptling seine Tochter nicht hergeben wollte. Die Köpfe der Männer seien abgeschlagen worden. Alle Frauen und Kinder seien verschleppt worden.
Die Frauen mussten zunächst die Körper ihrer getöteten Männer und Brüder den Krokodilen im Fluss vorwerfen, dann mussten sie die Köpfe ihrer getöteten Männer auf langen Stöcken vor sich hertragen, bis in die heilige Stadt. Sie wurden auf ihrem Weg durch die verschiedenen Dörfer der Péruan geführt, um allen zu zeigen, was passiert, wenn man sich gegen die Krieger der Sonnenkönigin auflehnt. Er habe das selbst gesehen, als er noch sehr jung gewesen sei. Was dann in der großen Stadt mit ihnen passiert sei, das wusste der Takilada nicht.
Dennis war von der Grausamkeit geschockt. Er begriff, dass die große Stadt der Sonnenkönigin ganz anders sein musste, als er sich das bisher vorgestellt hatte. Vielleicht würde er in der Hauptstadt nicht das finden, was er sich erhoffte: den Weg nach Hause. Wenn er dort hin ging, dann musste er sehr vorsichtig sein.
Kapitel 3. Die Reise in die heilige Stadt. und die Abordnung der Théluan
1.
Nach acht Wochen bei den Péruan wurde im Dorf eine Abordnung der Théluan angekündigt. Die Botschafter waren erfolgreich bis in die Vororte der großen Stadt vorgedrungen und hatten ihre Nachricht weitergegeben. Nun näherte sich ein Tross von Kriegern und zwei hochgestellten Priestern der Théluan.
Als sie am nächsten Abend im Dorf eintrafen, war Dennis klar, dass die Erzählung des Takilada nicht übertrieben sein konnte. Das hier waren nicht die freundlichen Bewohner am großen Fluss, die Dennis in den Péruan kennengelernt hatte.
Die Fremden waren genauso dunkelhäutig, aber sie waren größer als die Péruan. Sie waren athletisch gebaut, und sie hatten die Haare nach hinten gebunden zu einem Knoten. Sie waren geschmückt mit bunten Hemden, und in den Knoten war ein Mix aus Federn und Perlen eingeflochten. Sie waren bewaffnet mit langen Messern, Bögen und Schilden aus einer Art dicht zusammengebundenem Schilfgeflecht. Um den Hals trugen sie eine Kette aus Leder, mit einem dünnen Goldblech, das eine Sonne darstellte.
Die beiden Priester waren deutlich an der langen Kutte zu erkennen, die mit einem Band um die Taille festgebunden war. Sie trugen Goldverzierungen im Haar und Ringe an den Fingern, die mit farbigen Steinen besetzt waren. Um den Hals trugen sie etwas, das aussah wie ein flacher Kragen aus Goldblech, mit gestanzten und gedrückten Symbolen und Sonnen.
Es war eine Art eisiger Wind, der mit der Ankunft der Krieger auf dem Dorfplatz einzog und vom Dorf Besitz ergriff. Dennis schauderte. Er stand auf und ballte unwillkürlich seine Hände zu Fäusten, wie um sich zu wehren. Und nun sahen die Krieger und die Priester der Théluan, dass sie wirklich einen Gott vor sich hatten. Die Boten der Péruan hatten nicht übertrieben.
Dennis war zwar in das einfache Kleid eines Stammesfürsten gekleidet, aber er war weiß, er hatte weißes Haar (die Indios hielten Dennis blondes Haar für weiß) und um diesen Fremden zeigte sich urplötzlich eine Art Feuerschein.
Ähnlich wie damals die Péruan hatten die Krieger sofort ihre Speere zum Wurf erhoben, wurden aber von ihren Priestern zurückgerufen, denn der Feuerschein entfachte sich zu einem gewaltigen Lichtschein aus Blitzen, der Dennis und die gesamte Gruppe der Péruan schützend umhüllte, wie ein Panzer. Das war für die Théluan zu viel.
Dennis hörte Schreckensrufe. Die Krieger ließen ihre Waffen fallen und warfen sich zu Boden. Selbst die Priester fielen auf die Knie und baten um Gnade.
Dennis war fast zum Lachen zu Mute.
Er ging durch seine Freunde hindurch zu den beiden Priestern, immer noch eingehüllt in diese Wolke aus zuckenden Blitzen und befahl ihnen, in der Sprache der Péruan, aufzustehen.
„Das hier“, sagte Dennis, „sind meine Freunde. Ihnen wird nichts geschehen. Sie stehen unter meinem Schutz.“ Er trat noch näher an die Priester heran, bis das elektrische Feld die Priester fast berührte. Dennis sah, wie sich die Haare der Priester aufluden, und sie begannen, wie rohe ungekochte Spaghetti vom Kopf zu stehen. Es knisterte im Haar. Die Priester waren bleich vor Angst.
Dennis befahl den Théluan sich hinzusetzen und ihre Waffen nicht anzurühren. Dann zog er sich in die Gruppe der Freunde zurück, und setzte sich auch auf den Boden.
Der Feuerschein um Dennis erlosch, und Dennis wandte sich an die Priester: „Mein Name ist Thénnis (er sprach das so aus, wie die Péruan ihn aussprachen). Ihr seid von weit hergekommen. Was wünscht ihr?“
Es dauerte eine Weile, bis einer der Priester antwortete. Sie standen immer noch unter Schock.
Es war eine eindrucksvolle Demonstration von Macht, die der Fremde ihnen da gezeigt hatte. Sie waren nun vollständig überzeugt, dass es sich hier um einen Gott handelte, vielleicht sogar um den großen mächtigen Sonnengott selbst. Der Name bewies das. Der Fremde sprach mit einem Akzent, der ihnen völlig unbekannt war. Er musste von weit her gekommen sein.
Die Priester schwiegen lange.
Dann begannen sie.
Die Péruan hätten eine Nachricht geschickt. Die Sonnenkönigin Quokalil habe Anweisung erteilt, den Fremden zu ihr zu bringen. Aber nachdem sie nun selbst gesehen hätten, dass Dennis ein Gott sei, würden sie in bitten, mit ihnen in die heilige Stadt Quedsa zu reisen.
Dennis fühlte Jubel in sich und zugleich Ungewissheit in die Zukunft, und Trauer. Nun musste er seine Freunde verlassen, und es waren wirklich gute Freunde geworden.
Dennis nickte den Priestern zu. Ja. Sie könnten am nächsten Tag abreisen, wenn die Priester dazu bereit seien.
Die Priester hörten das gern.
Dann lud Dennis sie, im Namen der Dorfbewohner, zum Abendessen ein. Die Fremden waren nun freundlich, ja achtungsvoll. Sie ließen es sich nicht nehmen, ordentlich zuzulangen.
Sie reisten erst am übernächsten Tag ab. Die Dorfbewohner bauten eine Art Sänfte, die für Dennis bestimmt war. Der Takilada bestand darauf, dass die Sänfte mit dem Pantherfell ausgekleidet wurde. Außerdem gab es Verhandlungen zwischen den Priestern und dem Takilada. Sie führten dazu, dass am übernächsten Tag drei Mädchen und fünf junge Männer die Reise mit ihm gemeinsam antraten. Unter den Begleitern waren auch Faroa und Polia. Sie trugen Beutel mit Trockenfleisch und Früchten für unterwegs.
Dennis freute sich darüber, wusste er doch zu diesem Zeitpunkt den wahren Grund nicht, warum die acht Freunde mit ihm kommen mussten.
2.
Als sie am übernächsten Tag die Reise antraten, nahm Dennis in der Sänfte platz, die abwechselnd von jeweils vier der Krieger getragen wurde. Alle andern marschierten. Sie liefen erstaunlich schnell.
Dennis hatte am Anfang den Gedanken, die Sänfte im Dorf zu lassen und ebenso zu laufen, aber er hatte überlegt, dass das bei den Priestern Zweifel auslösen könnte. Als Gott, als der er angesehen wurde, musste Dennis dieses Spiel mitmachen.
Er sah schnell ein, dass er das mörderische Tempo keine zwei Stunden durchgehalten hätte, das die Théluan und die Péruan durch den feuchten und heißen Regenwald vorhielten.
Nach einigen schmalen Pfaden war die Gruppe auf einem breiten Weg durch den Dschungel gekommen, der ganz offenbar, wie eine Strasse angelegt war, um größeren Gruppen eine schnelle Fortbewegung zu ermöglichen.
Dennis Gruppe wurde sogar zweimal von Läufern überholt, die nur mit einem Lendenschurz bekleidet waren, aber einen ganz eigenartigen Haarschmuck trugen. Sie hatten Büschel von Kolibrifedern in den Pferdeschwanz gebunden, und trugen dort auch ein goldenes Emblem der Sonne.
Später erfuhr Dennis, dass dies die Boten der Théluan sind, die Nachrichten von den verschiedenen Teilen des Reiches zur Hauptstadt bringen. Es waren eigens ausgebildete Läufer, die ohne eine jede Pause den ganzen Tag durchliefen, und auf diese Weise bis zu 150 Kilometer an einem Tag zurücklegten.
Niemand sonst hatte ein so schnelles Informationssystem wie die Théluan. Das machte sie fast unangreifbar. Dennis sollte später erfahren, dass die Krieger der Thé (was übersetzt heißt, die Krieger der Sonne) im Kriegsfall auf dieselbe Weise vorwärts kommen und als ein Heer aus mehreren tausend Menschen immerhin bis zu 80 Kilometer am Tag zurücklegen konnten.
Am Abend rasteten sie an einem Fluss. Hängematten wurden in die Bäume gehängt. Die Gruppe schlief nach einem kurzen Mahl aus getrocknetem Fleisch und Früchten schnell ein.
Am nächsten Tag ging es im selben Tempo weiter. Da die Gruppe mit der Sänfte nicht so schnell vorwärts kam, schafften sie ungefähr 50 oder 60 Kilometer am Tag, aber selbst das war eine gewaltige Leistung.
Am zweiten Abend kamen sie in ein Dorf, das dem der Péruan ähnelte. Alle schliefen in Hängematten, aber Dennis konnte in dieser Nacht nicht mit Polia zusammensein. Er sprach mit ihr.
Sie versicherte ihm ihre Liebe. Aber sie sagte, sie könne nicht zu ihm kommen. Einen Grund gab sie nicht an.
Am nächsten Tag wurden zwei von Dennis Freunden zurückgeschickt. Dafür stießen acht neue Leute aus dem Dorf zu ihrer Reisegruppe. Auch jetzt waren es drei Mädchen und fünf junge Männer.
Sie kamen in ein weiteres Dorf. Dennis winkte Polia zu sich, aber Polia traute sich nicht. Das machte Dennis stutzig. Er ging zu ihr und sah, dass sie Striemen von Schlägen auf dem Rücken hatte. Das ging zu weit. Er winkte die Priester zu sich und stellte sie zur Rede.
Dennis erfuhr, dass Polia seit der Abreise Eigentum der Sonnengöttin sei und dass es ihr nicht mehr gestattet war, mit Dennis zu sprechen. Sie hatte das Verbot missachtet und war deshalb gezüchtigt worden. Dennis wurde ernstlich böse.
Polia - sagte Dennis - gehöre zu ihm. Er verlange, dass Polia anständig behandelt wird. Er verbrämte das mit einer unverhüllten Drohung. Dennis übertrieb maßlos. Was hätte er wirklich gegen diese Übermacht tun können? Aber er ahnte seine neue Position als Gott und er spielte diesen Trumpf geschickt aus, und wieder erhielt Dennis die Hilfe seines Bruders Patrick. Der Lichtschein, der sich um Dennis hüllte war diesmal anders. Als er die Priester berührte, stöhnten die heiligen Männer auf. Es war wie Stiche von tausend Nadeln. Überall. An den Händen, an den Beinen, unter der Kleidung, am Kopf, ja selbst an den Augäpfeln, was besonders schmerzhaft war. Sie fielen schließlich vor Dennis auf die Knie und baten um Gnade.
In dieser Nacht durfte Polia in seiner Hängematte schlafen und sie erzählte ihm in leisen Worten, dass sie und die anderen Mädchen und jungen Männer, Teil der Tributzahlung waren, welche die Sonnengöttin von den Péruan verlangt hatte. Manche jungen Männer würden Diener oder Krieger werden, viele würden in die Minen geschickt. Die Mädchen würden den Kriegern als Belohnung zur Sklavin gegeben oder sie wurden für heilige Zeremonien aufbewahrt. Als Tochter des Häuptlings sei sie für die Teilnahme an Riten ausgesucht worden.
Als Dennis nachfragte, schüttelte Polia den Kopf. So genau wusste sie nicht, was in der großen Stadt mit ihr passieren würde, aber sie fragte Dennis, ob er damals sehr überrascht war, als sie sich zu ihm legte. Als Dennis nickte, erzählte Polia, dass es ihr verboten war zu heiraten. Schon als kleines Mädchen sei sie ausgewählt worden für die heiligen Zeremonien. „Viele Mädchen in meinem Alter sind bereits verheiratet“. Sie durfte zwar mit Dennis zusammen sein, weil ihr Vater das erlaubt hatte, aber als Auserwählte hätte sie eigentlich Jungfrau bleiben müssen. Polias Vater hatte sich über dieses Gebot nur hinweggesetzt, weil Dennis etwas besonderes sei. Sie hoffte jetzt, dass der Vater, oder das Dorf, nicht dafür bestraft würden, wenn das herauskäme.
Dennis war wieder geschockt. Hoffentlich hatte er da nicht etwas Unbedachtes getan. Er überlegte lange, dann erklärte er Polia, er würde versuchen, sie und ihr Dorf zu schützen.
„Ich weiß noch nicht wie“ sagte Dennis offen, „ich kenne die Gebräche und Sitten der Théluan noch nicht. Aber ich werde einen Weg finden.“
Polia hatte schon bemerkt, dass Dennis nicht allmächtig war. Er war in Menschengestalt zu ihnen gekommen, er wusste vieles nicht, was er von den Péruan erst lernen musste, aber er hatte göttliche Fähigkeiten, die nur er hatte. Sie vertraute Dennis.
3.
Am nächsten Morgen gab es in dem Dorf dasselbe Prozedere. Fünf junge Männer wurden ausgewählt und vier der Mädchen mussten mitkommen. Eine der beiden Häuptlingstöchter nahm jetzt Polias Platz ein.
Das Gelände stieg nun langsam an. Sie kamen nicht mehr so schnell vorwärts. Immer wieder gab es reißende Flüsse, die überquert werden mussten.
Sie kamen in weitere Dörfer. An den Hängen gab es Felder, die von Bauern mit einfachen Pflügen per Hand bearbeitet wurden. Auf anderen Feldern stand die Frucht in Blüte. Die Menschen lebten hier in niederen Lehmhütten mit Schilfbedeckungen. Sie waren nicht mehr nackt, so wie die Péruan, sondern sie trugen einfache Kittel, die vier Öffnungen hatten - wie Dennis eigenes Hemd auch - und einfach über den Kopf gezogen wurden. Manchmal waren sie mit einem Riemen um die Taille gebunden. Auch diese Menschen liefen alle barfuss.
Ab jetzt wurden keine lebenden Tribute mehr bezahlt. Die Gruppe wurde um Karawanen aus Lamas vergrößert, welche Säcke mit Mais, Hirse und Kartoffeln trugen. Es gab Treiber, welche mit langen dünnen Stecken hinter den Tieren herliefen, und ihnen durch leichte Schläge auf das Hinterteil mitteilten, ob sie links oder rechts laufen sollten.
Die Gesellschaft wurde immer größer und sie kamen nicht mehr so schnell voran.
Das Gelände stieg immer weiter an. Es waren erste große Berge zu sehen. Als Berliner Junge kannte Dennis Berge nur aus dem Fernsehen oder von seinem Flug über die Alpen.
Diese Berge ähnelten in der Höhe den großen Mittelgebirgen, wie etwa dem Schwarzwald und den Voralpen in Europa. Es gab schmale Täler mit reißenden Flüssen und gigantischen Wasserfällen, es gab Terrassen an den Steilhängen, wo Kartoffeln, Hirse und Mais angebaut wurden, und es gab Hochebenen mit einzelnen Kegelbergen, die daraus hervorragten. Auf den Kuppen gab es keinen Baumbewuchs mehr. Wenn das hier so weiterging, dann musste das irgendwann mächtig steil werden.
Auf den Hochebenen gab es weitere Dörfer aus flachen Adobehäusern. Überall war die Gesellschaft am nächsten Tag um etliche Lamas und Treiber größer geworden. Dennis verstand langsam, warum die Abordnung so lange gebraucht hatte.
Zugleich war es eine unvergleichliche Landschaft. Der Regenwald war längst übergegangen in einen leichten Baumbewuchs, der in den Tälern und Hochebenen immer wieder durch Felder abgelöst wurde. Oben auf den Kuppen hatte sich anfangs noch dichter Baumbestand gezeigt, doch je höher die Berge wurden, desto mehr wurden die Bäume durch niederes Gebüsch und schließlich durch Gräser abgelöst.
Dennis hatte zu seiner Kleidung ein langes Hemd bekommen und eine Decke, denn je höher sie kamen, desto kälter wurde es nachts. Dennis war froh, dass er sein Pantherfell, sein Sweatshirt und seine Winterjacke hatte und dass Polia abends zu ihm in die Hängematte schlüpfte.
Dann hörten die Bäume ganz auf, so dass sie auf dem Boden schlafen mussten.
Sie waren nun seit vier Wochen unterwegs, als die Priester abends zu Dennis kamen, und ihm mitteilten, dass sie in drei Tagen in die heilige Stadt kommen würden. Polia dürfe diese Nacht noch bei Dennis verbringen, dann müsse sie alleine schlafen. Das Ritual verlange das.
Dennis nickte. Das war ein triftiger Grund.
In den letzten Tagen hatte er seine Uhr viel besser auf die Sonnenzeit einstellen können, so dass sie jetzt die Tageszeit ziemlich genau anzeigte.
Dennis und Polia waren in dieser Nacht das letzte Mal auf ihrer Reise zusammen. Dennis fragte sie nochmals nach der großen Stadt aus, aber Polia wusste nichts. Sie war nie dort gewesen. Die Boten hatten immer nur von sehr vielen Häusern und unermesslichem Reichtum erzählt.
Am nächsten Morgen hatte Dennis einen Plan. Er rief die Priester zu sich. „Die Sonnengöttin habe nach ihm verlangt,“ begann Dennis. Er selbst könne sehr gut für sich alleine sprechen, aber wie sähe das denn aus, wenn Dennis der Sonnenkönigin ohne Diener gegenüberträte. Wenigstens Faroa und Polia müsse man ihm lassen. Dennis verstehe den Ritus. Er wolle nicht gegen die Traditionen der Théluan verstoßen, aber es sei respektlos, wenn er ohne Gefolge vor der Königin steht, selbst wenn das Gefolge nur aus zwei Dienern bestand.
Die Priester besprachen sich lange. Dennis Vorschlag war angemessen. Sie nickten. Sie würden auch dafür sorgen, dass Dennis bei seiner Gegenüberstellung über eine Schar ausgewählter Krieger verfügt, die ihn begleiten würden. Man würde das arrangieren. Vorerst solle das in den letzten drei Tagen der Reise so bleiben, wie die Tradition das verlangt.
Eine Leibwache also. Dennis war zufrieden. Nun war zu hoffen, dass die Priester nach ihrer Ankunft ihr Versprechen auch einhalten würden. Aber Dennis war zuversichtlich, dass er dann einen Weg finden würde. Im Stillen betete er zu Patrick um Hilfe.
In den nächsten zwei Tagen kamen sie immer wieder durch Dörfer aus Lehm. Doch nun waren die Dörfer befestigt. Es gab Mauern, es gab bewachte Tore, es gab Schießscharten und sogar richtige Strassen aus großen viereckigen Pflastersteinen, die mitten durch die Dörfer führten. Es gab Seitengassen, in denen reges Treiben herrschte. Es gab verschiedene Handwerker.
Es wurde geklopft und gehämmert. In den Gassen hingen Tücher und Felle zum trocknen. Dennis hörte Schleifgeräusche.
Alle waren in solche Sackkleider gehüllt, wie Dennis sie bereits kannte. Es gab Brunnen, aus denen die Menschen ihr Wasser schöpften und in großen braunen Tonkrügen nach Hause trugen und es gab Hunde. Viele Hunde, die scheinbar herrenlos in den Gassen umherliefen. Sie waren abgemagert und scheu.
Nachts blieben sie in Herbergen aus doppelstöckigen Gebäuden, die von Mauern umfasst waren und große Innenhöfe und Stallungen für Tiere hatten. Dort wurden auch die Lamas von Helfern versorgt. Als Lichter wurden tönerne Gefäße mit einem Docht verwendet, die Öl enthielten. Es gab Toiletten, aber das waren einfache Löcher im Boden. Man verrichtete die Notdurft im Stehen. Papier gab es nicht. Es gab getrennte Waschräume für Priester, Soldaten und die Begleitmannschaft mit Steinböden aus Ton. Auch fließendes Wasser gab es nicht. Nirgendwo. Es gab tönerne Krüge und breite Schüsseln für das Waschwasser. Wenn man wollte, dann wurde ein Knecht herbeigerufen, der das kalte Wasser aus den Krügen über dich ausschüttete wie eine lebende Duschbrause.
Autos gab es nicht. Dennis sah keine Sattelitenschüsseln. Es gab keine Glühbirnen und kein Radio. Es gab nicht einmal Fahrräder.
Dennis wurde klar, das diese große Stadt absolut nichts von dem haben würde, was er an Zivilisation kannte. Er war nicht nur auf einem anderen Kontinent gelandet, sondern er war ganz offensichtlich in einem Jahrhundert gelandet, das weit vor der ersten Erfindung der Eisenbahn lag. Autos, einen Fernbus, eine Botschaft, eine Mission oder gar einen Flughafen würde er hier nicht finden. Auch das Nahrungsangebot war völlig anders, als er das aus Europa kannte.
Obwohl Dennis das zuletzt schon geahnt hatte, es verwirrte und es bestürzte ihn. Um so mehr beschloss Dennis, das Beste aus der Situation zu machen. Wie gut, dass die Théluan ihn als Gott betrachteten. Er würde seinen Vorteil daraus ziehen. Zugleich war sich Dennis der Gefahr bewusst, wenn der Schwindel aufgedeckt werden würde. Das musste er verhindern. Er dachte erneut an Patrick und hoffte, dass er in jeder Situation vorausschauend, weise und angemessen reagieren würde.
Dennis verstand jetzt, wie wichtig es gewesen war, dass er sich des Beistandes der beiden Freunde aus dem Dorf versichert hatte, und in der heiligen Stadt eine eigene Leibgarde erhalten sollte. Das konnte ihm einmal das Leben retten.
Dennis hatte auf der langen Reise erlebt, dass die Krieger den Befehlen der Priester bedingungslos gehorchten. Auch in all den Dörfern taten die Péruan und die Théluan genau das, was die Priester von ihnen verlangten. Widerspruch gab es nicht. Sie spielten in dieser Welt offenbar eine sehr wichtige Rolle. Es würde gut sein, sich langfristig der Freundschaft der Priester zu versichern.
4.
In den zwei letzten Tagen hatte sich die Landschaft etwas abgesenkt. Die Berge blieben, waren nun aber nicht mehr so hoch. Das Gebüsch wurde durch lichten Wald abgelöst, immer wieder unterbrochen durch Terrassen, die landwirtschaftlich genutzt wurden. Der Wald war anders als der Regenwald. Nicht so hoch. Es waren andere Baumsorten als die Urwaldriesen. Immer wieder sah Dennis Befestigungsmauern mit Türmen. Es gab jetzt sogar offene Wasserleitungen aus Tonsteinen, die von den Flüssen in die niedergelegenen Vorstädte führten.
Dann überquerten sie eine Bergkuppe. Unter ihnen lag ein breites Tal in dem ein Fluss lief, mit vielen Schleifen und kleinen Seitenarmen. Er war begrenzt von flachen Bergkämmen.
Weit in der Ferne erkannte Dennis eine Bergkuppe, die vollständig mit Häusern bebaut war. Quer durch das Tal lief ein großes Bauwerk. Dennis konnte auf die Entfernung nicht einschätzen, was es war.
Die Gruppe hielt an. Alle fielen auf die Knie. Sie hoben die Hände zur Sonne und verneigten sich dreimal. Dennis hütete sich, an diesem Ritus teilzunehmen. Als Gott durfte er sich keine Blöße geben. Er war der einzige, der sich nicht verneigte. Als die Träger die Sänfte hingestellt hatten, um sich zu verbeugen, erhob sich Dennis. Anders als alle anderen breitete er seine Arme aus. Er blickte hinauf zur Sonne, dann streckte er ihr seine Hände theatralisch entgegen und bat Patrick, ihm wenigstens ein kleines elektrisches Feld zu schicken.
Dennis hatte Glück. Wieder zeigten sich die blauen Verästelungen des elektrischen Feldes. Wieder begann dieser zauberhafte Schein um Dennis zu leuchten, und nun waren alle in der Gruppe endgültig überzeugt, dass sie in der Begleitung und im Schutz eines mächtigen Gottes gereist waren. Sie beobachteten dieses Schauspiel andächtig und voller Respekt. Einige berührten den Boden mit ihren Gesichtern.
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