Kitabı oku: «Die Macht des Tunnels»

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Hans-Peter Vogt

Die Macht des Tunnels

Reihe: Die Macht des Tunnels, Band 1

Real utopischer Roman / Fantasy - Abenteuer

Impressum, rechtliche Angaben:

Die Macht des Tunnels

von

Hans-Peter Vogt

Deutschsprachige Ausgabe / Fassung für e-Book überarbeitet / ISBN 978-3-942652-47-6 / Empfohlen ab 12 Jahren

© Verlag / Hrsg. Dr. Hans-Peter Vogt, vogt multimedia verlag, Erlenweg 18, D - 64354 Reinheim / Umschlagentwurf und e-book-Optimierung: © vogt multimedia design, Reinheim

Das Buch ist in gedruckter Form erschienen unter dem Titel “Dennis und die Macht des Tunnels” / Leser können das im Internetshop bestellen unter: http://www.fahrrad-dvd.de, oder direkt beim Verlag unter www.vogt-multimedia-verlag.de, und in jeder Buchhandlung. E-Books erhalten Sie bei allen gängigen Buch-Plattformen

Empfohlene Schriftart für den Reader: Verdana

Inhaltsangabe

Cover

Titel, Autor

Impressum, rechtliche Angaben

Inhaltsangabe

Vorwort / Vorbemerkung

Kapitel 1. Geburt und Tod liegen nah beieinander (Dennis und Patrick)

Kapitel 2. Dennis’ Freunde halten zusammen (Dennis und die Kindergruppe)

Kapitel 3. Schwierige Zeitzen für Dennis

Kapitel 4. Dennis’ Einstieg in die Unterwelt (Dennis und Laura)

Kapitel 5. Leben unter und über der Erde (Dennis, Laura, Trifter, Conny und die Ratten)

Kapitel 6. Dennis entwickelt eine Spürnase (Dennis und die Musik)

Kapitel 7. Die geheime Organisation (Dennis lernt, sich “unsichtbar” zu machen)

Kapitel 8. Die Talentschule

Kapitel 9. Die Medikamentenmafia und der große Zeitsprung

Nachtrag

Die Personen im Buch

Über den Autoren

Vorwort

Berlin 1994. Hier beginnt die Geschichte. Der Mauerfall liegt drei Jahre zurück. Berlin ist Hauptstadt geworden. Die Stadt hat aber auch mit besonderen Problemen zu kämpfen. Hohe Zuwanderungsraten, ein ungelösten Imigrantenproblem mit Auswüchsen von Armut, Wut, Vandalismus und Gewalt, auch bei Kindern und Jugendlichen. Das wird das spätere Leben des jungen Dennis beeinflussen, und in eine bestimmte Richtung lenken.

Die Eltern von Dennis sind finanziell abgesichert. Sie sind “einfache Leute”, aber sie sind sozial eingestellt und aufgeschlossen, und versuchen ihrem Sohn eine Erziehung zu geben, die ihm ohne großen Druck und Zwang die Möglichkeit gibt, sich zu entwickeln und zu entfalten. Etwas, was man “an der langen Leine führen” nennt. Er wird liebevoll umsorgt, ohne ihn zu erdrücken. Teil dieser Erziehung ist, dass sich mehrere Eltern zusammengetan haben, um den Kleinkindern in einer “Krabbelstube” sozialen Umgang zu ermöglichen, während die Eltern arbeiten, um Geld zu verdienen. Vom Fall der Mauer und den politischen Folgen der Zuwanderungsströme von Ost nach West bekommt der kleine Junge Dennis noch nichts mit. Er ist noch viel zu klein, um so etwas zu realisieren.

Im Jahr 1995 bekommt Dennis ein außergewöhnliches und ganz besonderes Geschenk. Es ist der Beginn für eine Entwicklung ausserordentlicher Fähigkeiten, die Dennis nicht nur dann helfen werden, wenn er in großer Gefahr ist. Die übermenschlichen Fähigkeiten entwickeln sich langsam, ganz langsam.

Es ist ein Buch voller wunderbarer Freundschaften, aber auch von Kinderbanden und Gewalt.

Dennis lernt früh das U-Bahnfahren durch die Berliner Unterwelt. Er entwickelt dafür eine besondere Begeisterung.

Er lernt dort die Berliner U-Bahnkids kennen, die in den Röhren der Tunnel leben. Dennis schließt sich ihnen an, verliert dabei aber nie den Kontakt zu seinen Freunden oberhalb der Tunnel.

Es gibt viele schreckliche, aber auch wunderbare Erlebnisse, die den Leser kreuz und quer durch Berlin führen.

Zum Schluss des Buches kommt die Kindergang von Dennis der Mafia in die Quere….. aber das lest mal selbst.

Die Macht des Tunnels ist ein Buch, das sowohl für Kinder ab 12 Jahren, Jugendliche und auch Erwachsene spannende Lektüre bietet.

Die Reihe umfasst insgesamt sieben Bände, in denen der Autor legt seinen Finger kritisch in die Wunden der Gesellschaft legt.

Kapitel 1. Geburt und Tod liegen nah beieinander (Dennis und sein Bruder Patrick)

1.

Dennis war zweieinhalb. Er lag in seinem Bett, eingehüllt in seine Lieblingsbettdecke mit den bunten Bärenmustern. Mama saß auf dem Bettrand zupfte die Decke zurecht, wie es oft geschah. Dann begann sie unvermittelt zu erzählen, aber diesmal war es keine Gutenachtgeschichte.

Es passiert etwas neues, etwas wunderbares. Sie bekommt ein Baby. Ihre Stimme wurde ein Quäntchen tiefer. Dennis würde ein Brüderchen bekommen.

Dennis hatte schon länger bemerkt, dass da etwas im Busch war. Seine Eltern gingen immer nett miteinander um. Jetzt hatten sie noch mehr Aufmerksamkeit und Rücksicht füreinander. Mutter bewegte sich etwas steifer. Das Bücken schien etwas anstrengend. Für einen Zweieinhalbjährigen waren das unscheinbare Veränderungen, die meist unbemerkt bleiben, denn Kinder haben ihre eigene Erlebniswelt. Aber Kinder haben auch feine Tentakeln. Dennis hatte etwas bemerkt. Er hatte es bisher nicht zuordnen können, jetzt wusste er es.

Dennis wusste mit seinen zweieinhalb Jahren, dass Kinder aus dem Bauch der Frau kommen. In der Nachbarschaft gab es einige Mütter mit Babys. Eine Treppe tiefer stand ein Kinderwagen im Treppenhaus. Für Dennis waren kleinere Kinder nichts ungewöhnliches.

Mit Babys konnte man nicht spielen. Soviel wusste er.

Noch schien der Bauch von Mama nicht anders als sonst. Er wartete ab. Es sei ein frohes Ereignis, sagte Mama. Er würde einen neuen Spielkameraden bekommen. Mama nahm seine Hand. „Willst du einmal fühlen, wo das Baby wächst?“

Als Dennis etwas überrascht und etwas unsicher nickte, führte sie seine Hand zu ihrem Bauch und legte sie leicht darauf.

Dennis spürte nichts. Aber er machte sich nicht allzu viele Gedanken. Wenn Mama meinte, da sei ein Baby, so würde sich das wahrscheinlich früher oder später bemerkbar machen.

Spielkameraden hatte er auch jetzt schon. Jeden Morgen ging er in die Kindergruppe am Ende der Straße. Sie war von mehreren Eltern in Eigeninitiative gegründet worden, um ihren Kindern schon vor dem Kindergarten die Geborgenheit und Erfahrung einer Gruppe zu bieten, und um sich selbst zeitlich etwas zu entlasten. Von den Überlegungen der Erwachsenen wusste Dennis nichts, er hätte mit diesem Wissen auch nichts anfangen können.

In der Gruppe war Allan, mit dem sich Dennis super verstand. Allan war etwa gleich groß wie Dennis. Aber Dennis war blond, Allan war dunkelhaarig. Er wohnte zwei Straßen weiter.

Da war noch die schelmische Susi, die Dennis gut leiden mochte, und Jochen, mit dem er im Spaß gerne raufte, so dass „die Fetzen flogen“. Aber da waren auch Beate, Georg, Edgar, Carola und Bernd.

Sandburgenbauen, Matschorgien, Roller fahren, Skooter fahren und Kissenschlachten gehörten zu den Lieblingsspielen aller Kinder in der Gruppe.

Noch ein Spielkamerad für Dennis würde in Zukunft auch zu Hause auf ihn warten, meinte Mama. Er würde Patrick heißen.

Warum Mama meinte, dass Dennis einen Bruder bekommt, war für Dennis ein Rätsel. Woher wusste sie, dass es kein Mädchen wird? Lange nachdem Mama das Licht ausgemacht hatte, dachte Dennis darüber nach. Er fand keine plausible Lösung. Er beschloss mit Allan und Susi darüber zu reden.

Dennis wartete zwei Tage, bevor er die Neuigkeit in der Kindergruppe verbreitete. Er lag mit Allan in den Polstern auf der Eckcouch, als er anfing zu erzählen. Allan war, was diese Sache betraf, auch nicht schlauer als Dennis. Immerhin meinte er, das die Erwachsenen so etwas miteinander machten, um Babys zu bekommen, und dabei machte er so eine Bewegung mit seiner linken Faust und dem rechten Zeigefinger. Er kicherte. Susi kam gerade ins Zimmer. „Was macht ihr da?“. Allan grinste. „Nichts“. Aber Susi war stur.

Wenn sie etwas wissen wollte, dann erfuhr sie das meistens auch. „Ich hab’s geseh’n… also was ist?“ Sie warf sich in die Kissen und legte ihren Kopf vertraulich an die Schulter von Dennis. „Also… was ist“, wiederholte sie scherzhaft drohend ihre Frage. Susi war sehr überzeugend und sehr beharrlich, wie immer.

Es hätte dieser „Drohung“ nicht bedurft.

Dennis erzählte seine Geschichte noch einmal. Er hatte nichts zu verbergen. Susi sollte informiert werden. Aber Susi wusste auch nicht, woher Dennis Mutter das wissen konnte, dass Dennis einen Bruder bekommt und nicht eine Schwester.

Susi war nicht auf den Mund gefallen. So wusste innerhalb der nächsten halben Stunde die ganze Kindergruppe, dass die Mutter von Dennis schwanger war.

Und nun musste Ruth - die Kindergärtnerin - erzählen, dass die Ärzte und Krankenhäuser Apparate haben, mit denen man in den Bauch der Frau sehen kann. Auch wenn die Babys noch so klein sind - und jetzt machte auch sie eine Handbewegung um die Größe anzuzeigen - kann der Arzt sehen, ob das ein Junge oder ein Mädchen wird. Die Kinder schauten wissend.

Sie waren erst zweieinhalb, aber sie kannten natürlich den Unterschied zwischen Junge und Mädchen. Und der lag nicht darin, dass manche Mädchen Schleifen im Haar trugen.

2.

Dennis lebte mit seinen Eltern in einer Vierzimmerwohnung. Es war ein Wohnblock mitten im Westteil von Berlin. Nichts besonderes. Es gab Grünflächen und einen Spielplatz zwischen den Blocks.

Mama fuhr drei mal die Woche mit der U-Bahn zur Arbeit in ein Büro. Mittags holte Sie Dennis aus der Kindergruppe ab. Den Nachmittag verbrachten sie meist zusammen. Sie gingen zum einkaufen in den Supermarkt, zum Bäcker oder zum Obsthändler. Dennis hatte einen Rucksack mit einem kuscheligen Löwenkopf mit „echten“ Haaren, und durfte darin einen Teil der Einkäufe nach Hause tragen. Manchmal waren das die Brötchen. Manchmal war das eine Tüte Bonbons. Es gab Nachmittage, da gingen sie zusammen in den Zoo.

Ziemlich oft war Dennis auch bei Allan, Susi oder einem der anderen Kinder der Gruppe.

An seinen letzten Geburtstag konnte sich Dennis gut erinnern.

Er hatte ein Laufrad bekommen, und tat sein bestes, um wie ein Wilder über die Wiese vor dem Haus zu brausen. Wenn er bremste, dann flogen die Grasbüschel und die Erde durch die Luft. Manchmal gab es richtige tiefe Bremsspuren. Die wilden Fahrten wurden auch mit iiihh und arhghhhh und verschiedenen Brems- und Hochgeschwindigkeitsgeräuschen begleitet. Oft kamen Allan, Susi und Jochen nachmittags zum Spielplatz. Dennis war glücklich.

Meist waren an den Nachmittagen noch ein oder zwei Mütter dabei. Sie saßen bei schönem Wetter auf der Bank und unterhielten sich. Susi hatte eine große Schwester, die manchmal als Aufpasser mitkam. Sie fand das doof, und die drei fanden immer eine Lösung, um Marie zu entwischen, sie links liegen zu lassen, oder ihr manchmal einen Streich zu spielen. Mit zweieinhalb können Kinder ziemlich gemein sein.

Mamas Bauch wurde langsam dicker und dicker. Dennis sah jetzt, dass da im Bauch wirklich etwas wuchs. Wenn Mama manchmal seine Hand nahm und auf den Bauch legte, spürte er, dass sich dort etwas bewegte. Es war ein seltsames Gefühl. Er mochte es. Seine Hand wurde dabei seltsam warm, und er hatte das Gefühl, dass sein Bruder durch die geschlossene Bauchdecke den Kontakt zu ihm suchte. Seine Mutter lächelte, als er ihr davon erzählte. Sie nahm das als gutes Zeichen.

Papa kam immer erst abends nach Hause. Er arbeitete als Streckeninspektor bei den Berliner Verkehrsbetrieben. Dennis wusste nicht, was genau Papa da macht. Einmal hatte Papa versucht, Dennis zu erklären, dass er die Sicherheit der Strecken überprüft, aber Dennis war noch zu klein dafür. Er verstand immerhin, dass sein Vater ein wichtiger Mann war.

Vater war Teil eines Teams. Manchmal erzählte er von seinen Kollegen. Man traf sich an manchen Wochenenden zum Grillen oder zum schwimmen. Einer der Arbeitskollegen hatte einen Kleingarten. Dennis durfte hier im letzten Sommer seine erste Möhre aus dem weichen Boden zupfen. Er war damals erst anderthalb. Aber das schöne Gefühl an die dunkle weiche Erde, der Duft des Bodens und der Geschmack der Möhre hatten sich tief in seinem Bewusstsein eingegraben.

Damals war die innerdeutsche Grenze gerade erst gefallen.

Zwar fuhr die U-Bahn schon immer durch ganz Berlin, schon vor dem Mauerfall, aber das gesamte Berliner U-und S-Bahnnetz musste jetzt regelmäßig geprüft, gewartet und erneuert werden.

Papa konnte umsonst mit Bahnen und Bussen fahren, wann immer er wollte. An den Wochenenden fuhren Papa, Mama und Dennis manchmal mit der Bahn in den Grunewald oder an die Spree. Das Auto blieb meist zu Hause stehen.

Einmal hatte Papa Dennis mitgenommen in den Führerstand der U-Bahn. Dennis durfte eine Station lang auf dem Schoß des Zugführers sitzen. Die Lichter der Bahn bohrten sich in den langen dunklen Tunnel. Die U-Bahn raste hinter den Lichtkegeln her. Die Maschine heulte beim Gasgeben und beim Abbremsen wie eine Raubkatze - so kam es Dennis vor.

Beim Einfahren in die Bahnhöfe kreischten die Bremsen und Dennis musste sich an den Armen des Lokführers festhalten, um nicht nach vorn zu fallen. Obwohl Dennis die rasende Geschwindigkeit im Führerstand ganz unmittelbar erlebte, hatte er keine Angst. Er hatte das Gefühl durch den Tunnel zu fliegen. Das war ähnlich wie auf seinem Laufrad. Nur viel schneller und viel intensiver. Die tanzenden Lichter der Signale, der Lichtschein der Scheinwerfer auf den Leitungen, der Schimmer auf den Gleisen und die Schatten in seitlich abgehenden Gängen brannten sich tief in sein Gedächtnis ein. Es war für Dennis ein Schlüsselerlebnis, das er nie vergessen sollte.

Es war klar verboten, was Papa und der Kollege da machten. Aber davon erfuhr Dennis nichts und es kam auch nie etwas heraus.

Obwohl Dennis oft mit Mama und Papa mit der Bahn fahren durfte - dieses Erlebnis war wirklich einschneidend und noch einige Wochen lang Gegenstand in seinen Träumen.

3.

Mamas Bauch wurde gewaltig dick. Dennis musste nun vorsichtig mit Mama sein. Einmal war er beim Toben direkt in Mama hineingerannt. Sie war fast gestürzt. Wenn Dennis mit seinem Laufrad unterwegs war, ging ihm seine Mutter aus dem Weg. Sie versuchte ihn ein wenig zu bremsen, aber sie verstand auch, dass Dennis als ein lebhaftes Kind viel „Auslauf“ brauchte. Sie liebte ihn dafür.

Sie war froh, dass Dennis wenigstens beim Einkaufen an der Hand blieb, ihr beim Tragen half oder in kurzem Abstand vor ihr herhüpfte, ohne auf die Straße zu rennen. Das war für einen knapp Dreijährigen schon eine sehr verantwortungsvolle Angelegenheit. Dennis hatte immer etwas zu tun. Mama gab ihm Aufgaben. Sie kuschelten. Sie erzählten. Mama war eine gute Zuhörerin. Aber es fiel ihr körperlich zunehmend schwerer, bei Dennis Tempo mitzuhalten. Deshalb sprach sie sich mit den andern Eltern ab und sie organisierten an den Nachmittagen Treffen der Kinder, damit Sie etwas Zeit und Ruhe finden konnte für die notwendigen Besuche beim Frauenarzt, bei der Schwangerschaftsgymnastik und bei der Hebamme.

Mamas Bauch wurde so dick, dass Dennis sich Sorgen machte. Er konnte sich nicht vorstellen, wie das Kind da raus kommen konnte, ohne dass der Bauch platzt. Aber Mama beruhigte ihn. Das würde schon werden. Vor Dennis Geburt sei der Bauch auch so dick gewesen. „Bäuche platzen nicht“ sagte sie bestimmt. Sie musste es wissen.

Das vierte Zimmer war inzwischen als Kinderzimmer hergerichtet. Es gab eine Wickelkommode, ein Babybett und einen Schrank für Kleidung und Windeln.

Eines Tages erzählte Mama, es wäre jetzt bald soweit. Es war organisiert, dass Dennis vor der Geburt von einem seiner Freunde abgeholt wurde. Er hatte schon öfter bei Susi und Allan geschlafen. Dennis fühlte sich dort geborgen. Er hatte kein Heimweh. Papa wollte bei der Geburt dabei sein. Er erhielt Urlaub.

Am nächsten Tag wurde Dennis von Papa abgeholt. Sie fuhren in die Klinik. Das Baby war da. Es lag dick eingepackt in weiße Tücher und lag neben Mama im Bett. Nur das Gesicht war zu sehen. Dennis staunte nicht schlecht. Dieses hässliche, runzlige und rote Gesicht sollte sein Bruder sein.

Mama und Papa waren voll Verständnis für ihn. Das würde bald anders werden. Dennis durfte seinen Bruder anfassen.

Patrick machte die Augen einen Spalt auf, schnaufte, schloss die Augen wieder und schlief wieder ein. Dennis fing schnell an, sich zu langweilen.

Zwei Tage später war Mama wieder zu Hause.

Papa blieb noch ein paar Tage zu Hause.

Dennis fand Patrick ziemlich anstrengend. In den ersten Nächten wachte Dennis öfter auf, weil Patrick schrie und seinen Eltern wenig Schlaf gönnte. Das wurde nach ein paar Tagen besser. Die rote Farbe wich langsam aus Patricks Gesicht. Die Runzeln blieben. Patrick sah so ähnlich aus, wie die Schimpansen im Zoo, fand Dennis. Spielen konnte man mit Patrick nicht. Aber er war vorübergehend eine Attraktion. Man konnte ihn rumzeigen. Die andern Kinder der Gruppe durften das Baby begutachten. Man war sich schnell einig, dass es viele Fragen gab.

Das Baby wurde für Dennis ziemlich schnell uninteressant. Es machte all die Dinge nicht mit, die für Dreijährige wichtig sind. Aber es gab auch Dinge, die für Dennis neu waren. Er beobachtete.

Für Dennis änderte sich einiges im Leben. Er war nicht mehr der alleinige Mittelpunkt. Er war nun der große Bruder. Er durfte dabei sein, wenn Patrick gebadet und gewickelt wurde.

Er durfte Patricks Hand halten und staunte nicht schlecht, als Patrick das erste Mal seinen - Dennis - Daumen mit der Hand umschloss. In dieser kleinen Hand lag viel Kraft. Ähnlich, wie damals - als Mama Dennis Hand auf ihren Bauch legte, fühlte Dennis eine eigenartige Wärme in seiner Hand, die langsam den Arm hinaufkroch, bis sie seine Schulter erreichte. Dennis war verwirrt und machte sich aus dem Klammergriff mühsam frei.

Dasselbe passierte Dennis noch öfter. Immer breitete sich die Wärme von Patricks Hand wie Wellen in Dennis Arm aus. Er ahnte, dass Patrick auf diese Weise mit ihm redete. Also nahm auch Dennis mit Patrick Kontakt auf. Auf seine Weise. Er redete und erzählte. Patrick beobachtete Dennis aus seinen leuchtenden blauen Augen. Es waren dieselben blauen Augen, die auch Dennis hatte. Nicht selten fing Patrick an zu quieken.

4.

Es hätte alles gut sein können, aber Patrick wurde mit drei Monaten krank. Es begann ganz harmlos mit einer Entzündung der Haut rund um den After und rund um den kleinen Pimmel, den Mama den Pullermann nannte. Dennis Mutter säuberte die wunden Stellen mit Öl, und strich den Pullermann dick mit Babycreme ein. Die Entzündung wurde mal besser, mal schlechter. Der Kinderarzt verordnete eine Salbe und Tabletten. Nach 10 Tagen wäre das sicher vorbei.

Die Entzündung ging in den nächsten Tagen langsam zurück, der Arzt schien recht zu behalten. Doch nach einer Woche war sie wieder da. Schlimmer als zuvor. Der Arzt verschrieb ein neues Medikament. Stärker als vorher.

Die Entzündung wurde wieder besser. Nach einer Woche wurde sie wieder schlimmer. Schlimmer als zuvor. Der Kot begann sich blutig zu verfärben. Patrick bekam am ganzen Körper Ausschlag. Es war Zeit, mit Patrick ins Krankenhaus zu gehen.

In der ganzen zurückliegenden Zeit weinte Patrick viel. Wenn Dennis an seinem Bett wachte, nahm der drei Monate alte Patrick Dennis Hände, und schaute ihn mit seinen verweinten blauen Augen an. Jedes mal hatte Dennis das Gefühl, dass Patrick ihm etwas sagen will. Etwas, das Worte braucht. Es war für Dennis nur ein Gefühl, wie das Dreijährige manchmal haben. Die Ahnung war nicht in Worte zu fassen. Mama und Papa bemerkten von diesen Vorgängen nichts.

Patrick blieb eine Woche im Krankenhaus. Es wurden Untersuchungen gemacht. Patrick erhielt Infusionen und Blutkonserven. Dennis durfte ihn in dieser Zeit nicht besuchen. Der Gesundheitszustand besserte sich scheinbar.

Patrick blieb noch eine Woche zur Beobachtung, und erhielt in dieser Zeit weitere Infusionen und Blutkonserven. Mama blieb die ganze Zeit im Krankenhaus. Auch über Nacht.

Für Dennis war das eine harte Zeit. Er brauchte seine Mutter.

Papa erhielt ein paar Tage Urlaub, um das nötigste zu organisieren, dann musste er wieder arbeiten. Gut, dass Dennis wenigstens seine Kindergruppe hatte.

Nach zwei Wochen wurden Patrick und Mama entlassen. Die alten Medikamente waren abgesetzt, Patrick war auf neue Medikamente eingestellt worden.

Dennis war froh, als beide wieder zu Hause waren. Jetzt würde endlich alles gut werden. Aber Mama war ausgelaugt und müde von den Sorgen. Es lag eine Spannung in der Luft.

Dennis war nicht glücklich.

Wenige Tage später verschlechterte sich Patricks Zustand erneut. Plötzlich, unerwartet und heftig. Der Stuhlgang blutete schlimmer als je zuvor. Patrick weinte und schrie. Der Ausschlag stellte sich über Nacht ein und breitete sich wie rasend aus. Patrick kam erneut ins Krankenhaus.

Diesmal stellten die Ärzte eine hochgradige Vergiftung fest, welche bereits die Nieren in Mitleidenschaft zog. Patrick erhielt neue Blutkonserven. Gegen die Schmerzen wurden Sedativa verabreicht.

Papa nahm Dennis dieses mal ins Krankenhaus mit. Er konnte nicht sagen, warum. Er fand, dies sei wichtig. Patrick schien zu schlafen. Tatsächlich war er in einer Art Dämmerzustand, hervorgerufen durch die Medikamente.

Dennis schaute erst seinen Vater an und dann seine Mutter.

„Mama, darf ich…“ und er deutete auf das Bett. Als Mama nickte, setzte er sich auf den Bettrand und nahm Patricks Hände, so wie er das schon oft gemacht hatte.

Von Patricks Händen ging diesmal ein gewaltiger Strom von Wärme aus. Hitzewellen erfassten Dennis Körper. Es war wie ein Prickeln und Pulsieren in seinen Armen. Er hatte ein Gefühl, als würde er in einen Tunnel aus Wärme rasen. Er konnte nicht sprechen. Seine Kehle war wie ausgetrocknet.

Die Lippen klebten aneinander. Er wollte sich befreien von diesem Hitzestrom, aber er genoss gleichzeitig dieses Erlebnis, wie eine Erleuchtung.

Dennis glaubte zu sehen, dass Patrick ihn anlächelte.

Niemand sah etwas davon, außer Dennis selbst. Niemand außer Dennis merkte etwas von diesem wahrhaft monströsen Ereignis. Es war ein Glutsturm der ihn erfasste und taumelnd mitriss in eine scheinbar endlose warme schwarze Röhre, deren Ende nur durch einen fernen Lichtschein angezeigt wurde. Dennis war wie gelähmt. Er wusste nicht, wie lange diese Reise dauerte. Später wurde ihm erzählt, er habe nur wenige Minuten dort gesessen und Patricks Hände gehalten.

Dann begann der Strom abzuebben. Dennis liefen Tränen hinunter. Mama nahm seine Hände und löste sie aus Patricks Umklammerung. „Ist schon gut, Liebling“, sagte sie und zog ihn zu sich.

Patrick war tot.

Vorerst blieb das unerkannt. Papa und Mama hatten von dem Geschehen nichts bemerkt. Es war nur eine Sache zwischen Patrick und Dennis gewesen.

Einige Minuten später kam die Schwester, um nach Patrick zu sehen. Sie warf einen Blick auf das Bett, und nahm routinemäßig und mit geübtem Griff Patricks Hand. Aber da war kein Puls mehr. Sie schickte Dennis und seine Eltern sofort hinaus. Sie alarmierte den Stationsarzt. Aber Patrick war bereits tot. Sie war zu spät gekommen. Es war vorbei.

Ohne, dass Dennis das zu diesem Zeitpunkt hätte beschreiben können, hatte sein Bruder in diesen letzten Momenten seines Lebens ihm - Dennis - all seine verbliebene Kraft geschenkt - und noch viel mehr. Aber dass sollte Dennis erst viel später erfahren.

Der Arzt teilte Dennis Eltern eine Stunde später mit, dass man alles versucht hätte, alles, um Patricks Leben noch einmal zu retten. Ohne Erfolg. Dennis Eltern waren geschockt.

Sie „litten wie ein Tier“. Mama nahm Dennis verzweifelt in die Arme. Sie drückte ihn so fest an sich, dass er glaubte, sie wolle ihn zerquetschen. Die Tränen rollten aus ihren Augen.

Nach einer Weile fing sie an laut zu schluchzen. Da löste Papa Dennis vorsichtig aus ihren Armen. „Du erdrückst ihn ja“, sagte er.

Dennis selbst war unschlüssig, was zu tun sei. Er, mit seinen drei Jahren ahnte, dass es von ihm erwartet würde, auch zu weinen. Aber er konnte das nicht. Immer noch fühlte er in sich ein unbeschreibbares Gefühl von Kraft, seit er Patricks Hände gehalten hatte. Eine Kraft, wie er sie nie zuvor kennen gelernt hatte. Eine Kraft, die ihn (den kleinen dreijährigen Knirps) ahnen ließ, sein Weg vor ihm sei klar aufgezeichnet und behütet, so wie die U-Bahn damals dem Scheinwerferlicht und den tanzenden Schatten durch den Tunnel gefolgt war. Zielsicher.

Dennis weinte nicht.

Auch Papa weinte nicht, aber Dennis sah, dass sich eine Art grauer Schleier über Papas Augen gelegt hatte.

Die nächsten Jahre sollten zeigen, dass Dennis Weg vorgezeichnet war. Doch er war keineswegs ohne Hindernisse.

5.

Der Tod des knapp vier Monate alten Patrick war so ungewöhnlich, dass die Krankenhausleitung die Staatsanwaltschaft informierte, um eine Obduktion herbeizuführen und um die Todesursache genau festzustellen.

Die Ärzteschaft hatte, nach dem Krankheitsbericht zu schließen, ordentlich gearbeitet. Das wollte sich die Krankenhausverwaltung bestätigen lassen, um sich gegen eventuelle rechtliche Forderungen zu wehren. Schließlich war auch ein Fremdverschulden nicht auszuschließen. Schon die früheren Untersuchungen hatten ungewöhnliche Abweichungen der Blutwerte ergeben.

Patrick wurde auf einen Tisch gelegt und der Pathologe der Rechtsmedizin begann seine Arbeit.

Patricks Nieren hatten versagt. Die Darm- und Magenwände waren perforiert und befanden sich in einem hochgradigen Zustand der Auflösung. Im Blut wurden diverse Bakterien, Viren und Antikörper gefunden, die da nicht hingehörten. In den Gewebeproben wurden Spuren festgestellt, die in ihrer Zusammensetzung den chemischen Bausteinen nicht unähnlich waren, aus denen viele Windelhersteller das Granulat in Babywindeln herstellen, um die hohe Saugfähigkeit zu garantieren. Eindeutige Schlüsse ließ das jedoch nicht zu. Eine Unverträglichkeit lag auf der Hand, als Todesursache kam das nicht in Betracht. Die Untersuchung des Gehirns zeigte eine ungewöhnliche fast erschreckende Ausformung der Frontal-, Parietal-und Okzipitallappen, die auf eine überragende Entwicklung der Wahrnehmungsfähigkeit, der Sensibilität und der Persönlichkeitsbildung schließen ließen.

Sonstige Abnormitäten, oder gar durch äußerliche Gewalt verursachte Veränderungen wurden nicht festgestellt.

Der herbeigezogene Virologe schloss die Ursache tropischer Infekte ebenso aus, wie alle durch Viren oder Bakterien bekannten Kinderkrankheiten.

Der Obduktionsbericht war in einem Punkt eindeutig. Ein ungünstiges Zusammentreffen mehrerer Faktoren war für den Tod des kleinen Patienten verantwortlich. Als Todesursache wurde eindeutig das Versagen der Nieren und eine daraus resultierende hochgradige Vergiftung des Körpers bestimmt.

Ein Fremdverschulden - wie etwa eine bewusst herbeigeführte Vergiftung - wurde ausgeschlossen. Auch ein schuldhaftes Verhalten der Ärzte bestand nach der Analyse aller vorliegenden Krankheitsunterlagen nicht.

Der Staatsanwalt las den Bericht und machte sich einen Vermerk. Die Akte wurde geschlossen. Das nach dem Anfangsverdacht vorbeugend gegen Eltern und Mediziner aufgenommene Ermittlungsverfahren wurde eingestellt. Der kleine Körper wurde zur Beerdigung freigegeben.

6.

Die Beerdigung war ein äußerst emotionaler Abschied.

Patrick wurde auf dem Friedhof in Schöneberg bestattet, auf dem vor über 100 Jahren schon die Gebrüder Grimm beigesetzt wurden.

Alle Kinder von Dennis Kindergruppe waren da. Sie hatten Bilder mitgebracht, kindlich naiv und teilweise erschreckend direkt. Eines der Bilder zeigte einen Engel, der Patrick mit in den Himmel nahm. Es sah aus, als hätte der Engel Patrick auf halben Weg losgelassen, so dass Patrick zurück zur Erde stürzte. Ein anderes Bild zeigte Papa, Mama, Dennis und Patrick (durch die Größe der Figuren eindeutig zu erkennen). Patrick war mit dicken Linien mehrfach heftig durchgestrichen. Kindliche Logik folgt nun einmal nicht der Pietät der Erwachsenen.

Auch die Eltern der Kindergruppe waren da. Einige der Väter fehlten. Sie hatten nicht frei bekommen. Dennis Großeltern waren anwesend (sie waren extra aus Westdeutschland angereist) und einige der Kollegen von Papa.

Noch bevor sich die Gruppe um das offene Grab versammelte, war ein Reporter der Berliner Tageszeitung erschienen, und begann Fotos von den Trauergästen zu schießen. Zeitungen pflegen Kontakt zu den Behörden. Eine kurze Nachricht über die staatsanwaltlichen Ermittlungen, über den Tod des Jungen, hatte ihn vor ein paar Tagen aufmerksam gemacht. Vielleicht konnte man daraus eine Story stricken.

Und nun tat Dennis etwas, was für sein Alter höchst ungewöhnlich war. Es zeigte zum ersten Mal, dass eine Veränderung in ihm vorgegangen war.

Er schaute zu Susi, dann machte er sich von Mamas Hand los, nahm Susi bei der Hand und stapfte mit ihr zu dem Reporter.

Sie blieben zwei Schritte vor ihm stehen. „Was machst du da“, fragte er. Die Antwort befriedigte ihn nicht und deshalb bohrte Dennis weiter. „Hast du Patrick gekannt?“ Der Reporter schwieg. Also wiederholte Dennis seine Frage etwas lauter. Vielleicht hatte er Dennis nicht verstanden. Dennis kannte das von den Erwachsenen.

„Hast du Patrick gekannt“, bohrte er.

Einige der Eltern hatten sich umgedreht. Einer der Väter machte Anstalten, sich in Bewegung zu setzen. Die Sache konnte einen unangenehmen Verlauf nehmen. Der Reporter hatte schon einige gute Bilder im Kasten. Vielleicht war es Zeit zu gehen.

Susi war direkter. „Wir brauchen dich hier nicht“, sagte sie bestimmt, und fügte hinzu: „Hau ab.“

„Darf ich von euch noch ein Bild machen“, fragte der Reporter, um des Fragens willen. Er hätte das Bild ohnehin gemacht.

Aber Dennis antwortete schon: „Ist schon gut“ und er schloss: „Und dann hau ab. Du störst.“ All das aus den Mündern von zwei dreijährigen Knirpsen belustigte den Fotografen. Er machte zwei Schritte zurück, ging in die Hocke, die Kamera machte klick klick klick klick. Er grinste abschließend, drehte sich um und ging davon. Das würde eine gute Geschichte werden.

Inzwischen war Susis Vater herangekommen. Er nahm die beiden Knirpse an der Schulter, drehte sie um und sagte. „Kommt. Wir warten.“ Und er fügte noch hinzu: „Gut gemacht.“

Nachdem Patricks Sarg in die Erde versenkt wurde, versammelten sich die Kinder um die Öffnung, und ließen ihre Bilder auf den Sarg hinunter flattern. Der Pfarrer erzählte davon, dass Patrick nun in den Himmel fliegt und auf alle Kinder herabsieht. Das gehörte zum Ritus. Georg und Carola, die ebenfalls zur Kindergruppe gehörten, schauten verstohlen nach oben, aber weit oben zog nur ein Flugzeug seinen Kondensstreifen in den blauen Himmel.

Die schönste Abschiedsrede war kurz. Dennis Mama stand vor dem offenen Grab. „Hier auf dem Friedhof sind auch die Gebrüder Grimm beerdigt“, sagte sie. „Du warst noch so klein. Wir haben nie die Gelegenheit bekommen, dir eine Gutenachtgeschichte vorzulesen“. Es klang fast wie eine Entschuldigung. „Wenn es einen Gott gibt, dann wünsche ich, dass die Gebrüder Grimm im Himmel das nachholen, was wir nicht für dich haben tun können.“ Und dann begann sie den Anfang einer Geschichte zu erzählen. Leise und mit brüchiger Stimme. „Es war einmal ein kleiner Junge…“, fing sie an…

Sie schloss ihre Erzählung mit den Worten: „Jetzt schlafe und träume etwas schönes.“

Niemand hatte bemerkt, dass sich der Reporter noch einmal herangeschlichen hatte. Mit dem Teleobjektiv hatte er auf den Film gebannt, wie die Bilder der Kinder in das offene Grab flatterten, und er hatte ein paar verweinte Gesichter „geschossen“.

Der Redakteur der Tageszeitung war vorsichtig. Es hatte keine Genehmigung für die Bilder gegeben. Die Trauergruppe war nicht prominent, so dass man sich als Zeitung mit dem Argument des öffentlichen Interesses darüber hinwegsetzen konnte. Aber die Geschichte war gut. Das Bild der zwei Knirpse auf dem Friedhof, die Hand in Hand mit herausfordernden Gesichtern und kecken Augen vor der Trauergruppe standen war preisverdächtig. So etwas brauchen die Leser. Also wurde im Lokalteil das Bild der beiden Knirpse, und ein kurzer Text über die Beerdigung abgedruckt. So ärgerlich solch eine Verletzung der Privatsphäre ist, der Artikel hatte auch etwas Gutes.

Alle Verdächtigungen gegen die Ärzte oder die Eltern hätten sich als völlig grundlos erwiesen, stand da. Das Verfahren sei eingestellt worden. Damit waren Dennis Eltern zumindest öffentlich als unschuldig am Tod von Patrick beschrieben worden. Das Bild der beiden mutigen Knirpse verursachte viel schmunzeln bei den Lesern. Das Bild machte die Runde. Das war die berühmte „Berliner Schnauze“.

Einige andere Reporter versuchten sich an die Geschichte dran zu hängen, aber Dennis Eltern und auch die Eltern der Kindergruppe waren eisern. Jetzt ist Schluss.

Patricks Beerdigung war zugleich die letzte gemeinsame Handlung der ganzen Gruppe. Das Kindergartenalter war erreicht, die Gruppe siedelte fast komplett in den nahe gelegenen Kindergarten um. Nur Bernd und Edgar gingen nicht mit. Edgars Eltern fanden einen neuen Job in Frankfurt. Bernds Mutter bekam Nachwuchs und beschloss bis zur Einschulung ihrer Kinder zu Hause zu bleiben.

7.

Man hätte denken können, dass sich das Leben von Dennis Familie in den nächsten Tagen und Wochen wieder völlig normalisiert. Dass Mama ihre Halbtagsarbeit sofort wieder aufnimmt, und Papa mit seinen Kollegen wieder in die Tunnel fährt, wie immer. Dass Dennis jeden Tag in den Kindergarten geht. Aber der Tod eines Kindes ist ein einschneidendes und nachhaltiges Erlebnis. Nicht alle Menschen verarbeiten Schicksalsschläge gleich.

Mama war tief geschockt. Der Verlust des eigenen Kindes ist für eine Mutter immer tragisch. Nur wenige Menschen sind so gestört, dass sie das kalt lässt. Es war auch der Verdacht der Staatsanwaltschaft, der sie tief gekränkt hatte. Irgendwo wusste sie, dass das nur eine Formsache war, dass die Staatsanwaltschaft das tun musste. Aber sie war dennoch verletzt. Außerdem machte sie sich selbst Vorwürfe. Hatte sie erste Anzeichen nicht ernst genommen? Was hatte sie falsch gemacht? Hätte sie die Waschzettel der Medikamente besser lesen müssen? Warum hatte Sie Patrick damals nicht länger in der Klinik gelassen und warum hatte sie nicht auf weiteren Untersuchungen bestanden?

Schließlich drückte Sie auch der Verlust. Sie hatte das Kind 9 Monte lang ausgetragen. Das Kind war geplant gewesen. Sie hatte sich darauf gefreut. Sie hatte Patrick an ihrer Brust genährt, ihn gewickelt und sein Lachen genossen. Sie war da, wenn Patrick nachts aufwachte. Sie hatte ihm den blauen Himmel, die Sonne und die zwitschernden Vögel im Park gezeigt. Es blieb eine Leere zurück. Natürlich hatte sie noch Dennis. Aber Patrick fehlte ihr.

Sie kümmerte sich zunächst darum, all die Formalitäten abzuwickeln, die mit dem Tod eines Familienangehörigen einhergehen. Es gab Behördengänge. Das Kinderzimmer blieb erst mal, wie es war. Sie wollte diese Erinnerung behalten.

Außerdem war der Umzug der Kindergruppe in den Kindergarten zu begleiten. Die angemietete Wohnung wurde aufgegeben und ausgeräumt. Überflüssiges wurde zum Sperrmüll gestellt. Die Leiterin der Krabbelgruppe wurde entlassen.

Das Verhältnis zu ihrem Mann war anders. Wenn sie im Bett lagen, dann blieben sie oft eng umschlungen bis zum nächsten Morgen. Der gemeinsame Schmerz wütete. Aber es gab auch Momente, da lag jeder auf seiner Seite des Bettes. Allein mit seinen Gedanken. Ein paar Mal hatte Dennis Papa auf der Wohnzimmercouch übernachtet.

Nach drei Wochen begann Mama ihre Teilzeitarbeit in dem Büro wieder aufzunehmen. Es war ein kleines Büro. Sie half dort bei der Buchführung. Sie wurde nach ihrer längeren Abwesenheit schon dringend erwartet.

Dennis Papa blieb nach der Beerdigung noch einen Tag zu Hause, dann ging er wieder zur Arbeit. Er musste „raus“. Er stürzte sich in die Arbeit. Aber bei seiner Arbeit war er nicht immer konzentriert. Seine Kollegen nahmen anfangs Rücksicht. Aber die Arbeit erforderte hohe Aufmerksamkeit.

Es ging schließlich um die Sicherheit der U-Bahn Passagiere und um hohe Geldbeträge. Dennis Papa nahm sich zusammen. Er wollte seinen Job nicht verlieren.

Kapitel 2. Freunde halten zusammen. (Dennis. Oder: Rivalitäten machen das Leben schwer)

1.

Kleine Kinder verkraften solche Ereignisse meist gut. Sie leben im „Jetzt und Heute“. Sie haben ihre Bezugspunkte.

Auch wenn Dennis jetzt in den Kindergarten ging, so war der größte Teil seiner Krabbelgruppe mit umgezogen. Seine engsten Freunde waren da. Sie sahen sich regelmäßig an den Vormittagen. Nachmittags traf sich Dennis oft mit Susi und Allan. Bei den neuen Kindern gab es einige, die er mochte. Andere fand er uninteressant. Aber es gab auch zwei Jungen, die ziemlich streitsüchtig waren. Mit einem der Jungen, mit Roman, geriet Dennis gleich am ersten Tag aneinander. Roman fühlte sich wie der „King“ der Gruppe. Man musste den Neuen zeigen, dass sie sich unterordnen müssen. Er hatte Dennis ein Bein gestellt und nachgeschubst, so dass Dennis hinfiel. Dennis löste das auf seine Weise. Er ging zu Roman, funkelte ihn an und fauchte: „Wenn du das mit mir oder mit meinen Freunden noch mal machst, dann raucht’s.“ Bevor schlimmeres passierte, hatte die Kindergärtnerin die beiden getrennt. Es war noch zu früh, um viel mehr darüber zu sagen. Aber zwischen Roman und Dennis war die Luft ab sofort „dick“.

Roman war größer und kräftiger als Dennis, aber Dennis war flink. Seine spielerischen Balgereien mit Jochen in der Krabbelgruppe hatten in geschickt im Raufen gemacht. Dennis fürchtete sich nicht. Notfalls konnte er auf die Freunde zählen. Vor allem aber auf Allan, Susi und Jochen.

Der Kampf um die Führung der Gruppe wird bei Kindern sehr direkt ausgetragen, doch es gibt auch subtile Formen in der Verteilung der Rollen. Der Kampf war aufgenommen. Dennis war nicht streitsüchtig und er war bisher immer fair gewesen.

Er hatte keine Ambitionen auf eine bewusste Führerschaft der Gruppe. Man würde sehen, wie sich das entwickelt. Da konnte noch einiges passieren.

Es mochte im Kindergarten einzelne Übergriffe geben, aber Prügeleien wurden nicht geduldet.

2.

Dennis konnte das letzte Erlebnis am Krankenbett seines sterbenden Bruders nicht vergessen. Er war dreieinhalb und er war hellwach.

Einige Tage nach Patricks Tod bat er Papa darum, ihm eine Gutenachtgeschichte zu erzählen. Aber bevor Papa irgendeines der Bücher hervorkramte, oder begann, sich eine eigene Geschichte auszudenken, forderte ihn Dennis auf: „Erzähl mir von den Tunneln unter Berlin.“

Papa überlegte ein wenig, dann begann er etwas ausschweifend: „Der Bau der U-Bahn wurde vor über 100 Jahren begonnen. Damals war das in vielen Städten so. Die großen Städte wuchsen immer mehr. Autos gab es damals noch nicht. Es gab nur wenige Eisenbahnlinien durch die Städte. Die Häuser standen eng zusammen. Es war wichtig, dass die Menschen morgens zu ihrer Arbeit gebracht wurden, und abends wieder nach Hause kamen. Es gab in der Stadt keinen Platz für weitere Eisenbahnlinien. Die wohlhabenden Leute fuhren in Kutschen, die von Pferden gezogen wurden. Die wären von den Eisenbahnen, die damals noch mit Dampf fuhren, erschreckt worden. Und so hat man begonnen, unter Berlin Tunnel zu graben, für unterirdisch verlaufende Züge.“

Dennis hatte solche Dampfloks schon auf Bildern gesehen, und er fragte nach. „Erinnere mich an einem der nächsten Wochenenden daran“, meinte Papa. „Es gibt ein Eisenbahnmuseum, das sollten wir einmal besuchen.“

„Damals…“, fuhr Papa fort… „gab es nur einige wenige U-Bahn Linien. Es war schwierig unter die Häuser einen Tunnel zu bauen. Aber man hatte damals schon elektrisches Licht. Dampfloks wurden nicht in die Tunnels gelassen. Man legte elektrische Leitungen und die Züge wurden durch elektrische Turbinen angetrieben… .“

Papa erzählte noch weiter, aber Dennis war bereits eingeschlafen.

3.

In den nächsten Wochen und Monaten musste Papa immer wieder von der U-Bahn erzählen. Manchmal ballte Dennis seine kleinen Hände zu Fäusten, und er spürte dieselbe Kraft, die damals im Krankenhaus von den Händen seines Bruders ausging. Er erzählte davon nichts.

Dennis erfuhr, dass die U-Bahn quer durch Berlin in alle Stadtteile fährt, und dass es seit dem Wegfall der Mauer viel Arbeit gibt, um die U-Bahn technisch auf den neuesten Stand zu bringen. „Es geht vor allem um die Sicherheit der Passagiere“, meinte Papa. „Berlin ist sehr groß. Es muss stets gewährleistet sein, dass Millionen von Menschen tags und nachts sicher befördert werden können. Mit Autos könnte man die Verkehrsströme nicht bewältigen. So viele Straßen und Parkplätze gibt es gar nicht. Außerdem hat nicht jeder ein Auto. Denk mal an die vielen Schüler.“

Dennis erfuhr auch mehr von der Arbeit, die Papa machte. Die Tunnel mussten auf Risse und mögliche Wassereinbrüche überprüft werden. Die Schienen und Elektroleitungen mussten kontrolliert werden. Ein neues elektronisches Kontrollsystem sollte eingebaut werden. Es gab viele Seitentunnel und unterirdische Gänge, die in den letzten 60 Jahren gebaut worden waren. Es gab Ratten. Dennis erfuhr vom Krieg und von der Bombardierung Berlins. Er erfuhr, dass die Nazis unterirdische Bunker gebaut hatten, deren Zugänge man später zugemauert hatte. Er erfuhr, dass die Geheimpolizei des früheren kommunistischen Staates Geheimgänge gebaut hatte, um Polizeitruppen schnell und unbemerkt unterirdisch durch den Ostteil von Berlin zu führen.

Die näheren politischen Umstände interessierten Dennis damals noch nicht.

Er bat Papa, ihn auf seine Gänge durch die Tunnel mitzunehmen. Papa fuhr mit Dennis in seiner Freizeit kreuz und quer durch Berlin und erzählte.

Als Dennis schließlich mit 6 Jahren in die Schule kam, wusste er mehr über die U-Bahn und über Berlin als die meisten Erwachsenen. Sein Wissen war allerdings hoch spezialisiert. Er wusste fast alles über Bahnhöfe, über Zugsignale, über die Ausgänge in den Stadtteilen und über Zugverbindungen. Dennis kannte viele der Zugführer persönlich und viele der Kontrolleure. Schon damals wurden Fahrkarten an Automaten ausgegeben. Kontrolleure gingen durch die Züge und prüften die Fahrerlaubnis der Passagiere. Es gab eine spezielle U-Bahnpolizei. Dennis hatte eine Freikarte für alle Bahnen und Busse. Er konnte damit überall hin. Er unternahm schon im Kindergartenalter einzelne Streifzüge durch Berlin. Ganz alleine. Papa war manchmal informiert, aber nicht immer.

4.

Vorläufig war Dennis noch im Kindergarten. Die Freundschaft mit Allan, Susi und Jochen vertiefte sich in den nächsten zweieinhalb Jahren. An den Nachmittagen waren die vier häufig zusammen. Es gab Ausflüge an den Wannsee. Es gab Grillnachmittage. Das Laufrad war inzwischen durch ein richtiges Fahrrad ersetzt worden. Auch Allan, Susi und Jochen hatten Fahrräder. Manchmal traf man sich nachmittags im Stadtforst, am Müggelsee oder im Grunewald. Irgendeiner der Eltern war immer dabei. Susis Papa hatte einen Autoanhänger, wo alle Räder hineinpassten. Sie radelten, sammelten Eicheln, Bucheckern und Blätter, die sie zwischen Papier trockneten. Sie bauten Höhlen und ein Baumhaus. Sie machten Feuer, und brieten Kartoffeln in Alufolie und Knackwürstchen. Man traf sich zum gemeinsamen Camping am Üdersee, oder an der Havel.

Im Kindergarten lief indes nicht alles glatt.

Die Gruppe um Dennis konnte sich ganz gut wehren. Susis Schlagfertigkeit war eine gewaltige Waffe. Sie hielten zusammen. Aber auch Roman hatte Verbündete.

Einmal lauerte er Dennis auf dem Nachhauseweg auf. Sie waren zu dritt. Dennis wurde ziemlich verprügelt. Roman war nicht zimperlich. Schlimmeres wurde verhindert, weil der Obsthändler aus seinem Geschäft kam, und über die Straße brüllte, sie sollten bloß abhauen und Dennis in Ruhe lassen.

Dennis hatte ein blaues Auge, aber er sagte seiner Mutter nichts. Kinder haben manchmal gute Ausreden.

Meist wissen Mütter schnell, was wirklich passiert ist, aber Dennis blieb bei seiner Ausrede. Er war hingefallen. Er schmückte seine Geschichte so aus, dass Mama schließlich glaubte, was er erzählte.

Erst Tage später erfuhr sie durch den Obsthändler was wirklich passiert war. Zur Rede gestellt, erklärte ihr Dennis: „Mama, du musst nicht alles wissen. Wenn ich dich brauche, dann komme ich zu dir.“

Dennis beriet sich am Nachmittag mit Allan, Susi und Jochen, als sie sich auf dem Spielplatz trafen. Was Dennis passiert war, konnte auch den anderen passieren. Wenn man sie einzeln verprügelte, waren sie ziemlich wehrlos. Aus dem Fernsehen kannten sie natürlich die einschlägigen Filme, wo man sich mit Gewalt zur Wehr setzte. Auf die Erwachsenen konnte man im Ernstfall nur bauen, wenn die solche Vorgänge beobachteten und sich auch nachhaltig einmischten. Vieles sehen Erwachsene nicht. Eine Lösung war das nicht, die Erwachsenen einzubeziehen. Es war besser, wenn man sich selbst wehren konnte.

Abends lag Dennis in seinem Bett. Er war jetzt schon so „groß“, dass es Gutenachtgeschichten kaum noch gab. Ab und zu gab es Papas Erzählungen von den Tunneln und der U-Bahn, um die Dennis immer wieder bat. Dennis löschte das Licht und dachte nach.

Er musste sich gegen Roman zur Wehr setzen. Er spürte, das war ein Kampf, bei dem Roman die Macht über Dennis und die Gruppe erringen wollte. Man konnte als Gruppe nicht immer zusammen gehen, um den zahlenmäßigen Schutz zu haben. Die Erwachsenen einzuweihen, konnte in diesem Fall nicht helfen. Es musste ein anderer Weg her. Vielleicht konnte er Roman bloßstellen?

Dennis schloss die Augen und ballte die Fäuste.

Vor ihm tat sich wieder der Tunnel auf. Er spürte die Kraft und die Wärme seines Bruders. Er hatte das Gefühl durch diesen Tunnel zu fliegen. Und er hörte die Stimme seines Bruders: „Du schaffst das“, sagte Patrick. Patrick, der tot war.

Patrick, der mit seinen drei Monaten noch nie ein Wort gesprochen hatte. Patrick, der schon vor seiner Geburt versucht hatte, den Kontakt zu Dennis herzustellen. Er hatte die Stimme nie zuvor gehört. Dennoch wusste Dennis, dass diese Stimme zu Patrick gehörte.

In den nächsten Tagen nach dem ersten Überfall wurde Roman immer dreister.

Innerhalb des Kindergartens wagte es Roman noch nicht, Dennis offen zu attackieren. Aber drei Tage später lauerte er Dennis erneut auf. Sie waren wieder zu dritt. Diesmal wollte Roman endgültig zeigen, wer das Sagen hatte. Warum Roman so versessen darauf war, der Chef in der Gruppe zu sein, wusste er selbst nicht. Aber er würde es diesem Dennis zeigen. Erst Dennis, dann der ganzen Gruppe um Dennis.

Dennis hätte vielleicht davonlaufen können. Er schloss die Augen, sah seinen Bruder vor sich, und ballte die Fäuste. Er spürte instinktiv, wie die drei herankamen, wie sie ihn umringten, wie Roman ihn verspottete, und wie Roman seine Hand zum Schlag hob. Da öffnete Dennis die Augen. Er machte eine blitzschnelle Ausweichbewegung, und schlug mit der geballten Faust zu. Direkt in Romans Gesicht. Immer wieder. Immer wieder. Er sah, wie Roman zu Boden ging. Er sah das Blut. Er sah, wie die beiden andern wegliefen. Er blickte auf Roman hinab. Auf Roman, der viel größer und stärker war als Dennis.

Dennis sagte nichts. Er stieg über Roman hinweg und ging nach Hause. Erst zu Hause spürte er, dass seine Knöchel bluteten und seine Hand rasend schmerzte. Stücke der Haut fehlten. Er holte Verbandszeug aus dem Erstehilfekasten und wickelte sich eine Mullbinde um die Hand. Dennis bis die Zähne zusammen. Er sagte seiner Mutter nichts. Mama schaute ihn über den Suppenteller hinweg an. Auch sie sagte nichts. Nach dem Essen holte sie das Verbandszeug, setzte sich zu Dennis, desinfizierte die Wunde und sagte: „Wir wollen das mal ordentlich machen.“

Romans Mutter hatte noch am selben Tag bei Mama vorgefühlt. Es würde Zahnarztkosten geben. Aber Mama hörte sich das in Ruhe an, und schickte Romans Mutter wieder weg. Kinder raufen manchmal. Vielleicht war Roman gefallen. Auch ihr Junge war verletzt. Es gab keinen Beweis. Ja, aber natürlich hätte sie Mitleid mit Roman. Schmerzen sind unangenehm.

Sie stellte Dennis nicht zur Rede, aber Dennis liebte seine Muter. Er war mit der Situation nicht glücklich, auch wenn er seinen Sieg genoss. Also erzählte er Mama von den Spannungen zwischen Roman und seiner - Dennis Kindergruppe. Nur von Patrick erzählte Dennis nichts.

Mama war bestürzt. Sie hielt die körperliche Auseinandersetzung nicht für gut. Eine andere Lösung der Situation wäre ihr lieber gewesen. Die Situation war zugegebenermaßen kritisch. Dennis Reaktion schien plausibel. Eine andere Lösung hatte es offenbar nicht gegeben, außer, dass sich Dennis von der Übermacht hätte zusammenschlagen lassen. Mama bewunderte insgeheim Dennis Mut. Dennis hatte die Oberhand gewonnen. Dennis stand zu seiner Aktion, aber Dennis war nicht glücklich darüber. Sie kannte nur die eine Version der Geschichte, aber sie wusste, dass Dennis von Natur aus nicht gewalttätig war.

„Wir müssen das bereinigen“, sagte sie.

Die Kindergärtnerin lehnte ab, als Romans Mutter vorsprach.

Nein, im Kindergarten sei alles friedlich. Was auf dem Nachhauseweg passiert, entzieht sich unserer Kontrolle. Ja. Roman ist ein wilder Junge. Er ist viel größer und stärker als Dennis…, sie würde einmal mit Dennis reden. Mehr könne sie nicht tun. Vielleicht sei Roman ja auch mit einem größeren Jungen aneinander geraten.

Roman kam am nächsten Tag nicht in den Kindergarten.

Noch am selben Nachmittag ging Mama mit Dennis zu Romans Mutter. „Krisensituationen soll man schnell bereinigen“, sagte sie.

Roman hatte ein blaues Auge. Zwei Schneidezähne fehlten, und Roman gab zu, dass sie Dennis zu dritt hatten verprügeln wollen. Die Sachlage war klar. Roman hatte Unfrieden gestiftet, und er hatte den kürzeren gezogen. Roman wurde in sein Zimmer geschickt. Die zwei Mütter sprachen noch eine Stunde lang miteinander.

Am übernächsten Tag war Roman wieder da.

Dennis zeigte kein Gefühl von Überheblichkeit oder Spott. Er hatte erneut etwas gelernt. Dieses mal war es Mama, die ihm einen Weg aufgezeigt hatte. Er ging zu Roman hin und sagte: „Wir können Freunde sein, wenn du willst.“ Roman hatte noch die Schelte seiner Mutter im Ohr. Die Sache war eine gewaltige Schlappe. Man musste das Beste daraus machen. Solange Dennis Gruppe ihren Sieg nicht ausspielte, war ein Burgfrieden vielleicht das Beste. Also fügte sich Roman. Vielleicht würden sie nicht die besten Freunde werden. Vielleicht würden sie gar keine Freunde werden.

Roman wies seine Freunde an, Dennis in Ruhe zu lassen, aber die standen immer noch unter Schock. Mit Dennis Ausbruch der Gewalt hatten sie nicht gerechnet, und Roman dachte: er - Roman - konnte sich immer noch rächen, wenn die Zeit reif ist.

5.

Roman hatte Dennis unterschätzt. Dennis unternahm nichts, um Roman zu demütigen. Dennis unternahm nichts, um seine Überlegenheit zur Schau zu stellen. Und Dennis mit seinen knapp vier Jahren zeigte gewaltige diplomatische Fähigkeiten.

Die Kindergärtnerin beobachtete die Situation, und sie war sehr zufrieden.

Nach zwei Wochen nahm sie Kontakt zu den Müttern von Dennis und Roman auf. „So wie ich es sehe“, sagte sie, „ist die Situation bereinigt.“

Roman nutzte seine Zahnlücke, um sich im Weitspucken zu üben. Schon nach wenigen Tagen war er unübertroffen.

Dennis zeigte sich erneut als Diplomat. Er klopfte Roman auf die Schulter. „Du bist der Beste“, sagte er und insgeheim dachte Dennis: „…aber nur im Weitspucken.“ Dennis hätte sich eher die Zunge abgebissen, als das auszusprechen.

Dennis war zufrieden mit sich.

In den nächsten zwei Jahren sollte sich zeigen, dass Dennis Rolle in der Gruppe nie wieder ernsthaft in Zweifel gezogen wurde. Er spielte sich nicht als Führer auf. Er konnte wunderbar zuhören. Er war freundlich. Seine Freundschaft zu Allan, Susi und Jochen war legendär. Gab es Streit, so konnten die drei die Situation wunderbar entschärfen, und auch Roman hatte seinen Frieden mit Dennis gemacht.

Anstelle der ausgeschlagenen Milchzähne hatte Roman richtige Zähne bekommen. Die Welt schien wieder in Ordnung.

6.

Die Einschulung war für Dennis kein Erlebnis, an dem etwas besonders Erfreuliches war.

Die Zusammensetzung der Gruppe änderte sich wieder einmal. In der Schulklasse gab es neue Gesichter. Die Freundesgruppe wurde weitgehend getrennt und auf Parallelklassen verteilt.

Während Dennis Kindergartengruppe noch überwiegend aus deutschen Kindern zusammengesetzt war, überwogen jetzt Kinder aus verschiedenen ethnischen Gruppen. Es gab Kinder, die sprachen nicht einmal deutsch.

Die Kinder kamen aus verschiedenen sozialen Gruppierungen. Es gab Kinder, die sich nach den ersten Tagen als schwierig entpuppten: aggressive Kinder.

Dennis war mit Susi in einer Klasse. Das war zumindest ein Trost.

Es wurde schnell klar, dass in der Grundschule neue und bisher nicht bekannte Konflikte auftauchen würden, ähnlich wie Dennis und Susi das schon damals im Kindergarten mit Roman erlebt hatten. Das Lernen fiel Dennis leicht. Susi hatte damit überhaupt keine Probleme. In den Pausen zeigte sich jedoch schnell, dass Pausenhöfe Kriegsschauplätzen sehr ähnlich sind.

Diesmal war es nicht so leicht, die Konflikte so einfach und überzeugend zu lösen, wie damals im Kindergarten. Es gab eine Menge an unzufriedenem Potenzial. Eine Menge an Sprachschwierigkeiten. Eine Menge an religiösen und sozialen Differenzen. Sogar im Sportunterricht zeigte sich das. Einige der Mädchen blieben dem Sportunterricht fern. Es war ihnen nicht gestattet, sich vor den andern Kindern „teilbekleidet“ zu zeigen. Eine eigene Sportkleidung erhielten sie von ihren Eltern nicht. Dafür trugen sie ein Kopftuch.

Dennis hatte eine Klassenlehrerin. Es gab zwei türkische Jungen in der Klasse, die jeden Respekt vermissen ließen. Es gab Kinder italienischer, spanischer, griechischer, russischer, äthiopischer, thailändischer und pakistanischer Eltern.

Um nicht im Chaos zu versinken, boten die Lehrer nachmittags Sonderkurse in deutscher Sprache. Es gab einige ausländische Hilfskräfte. Für die Lehrer gab es viel unbezahlte Mehrarbeit.

Viele der Eltern arbeiteten ganztags. Etliche der Kinder waren nachmittags unbeaufsichtigt und trieben sich in der Stadt rum, und es gab zwei miteinander konkurrierende Gangs in der Schule.

7.

Susi und Dennis blieben zunächst unbehelligt. In den Pausen trafen sie sich oft mit Allan, Jochen und einigen andern Kindern aus der alten Kindergartengruppe. Das wirkte als Schutz. Sogar Roman war dabei.

Normalerweise vergreifen sich schulische Gangs an den Schwächsten. Kinder, die man besonders gut einschüchtern kann. Aber es gibt auch Ausnahmen. Grenzen sind fließend. Grenzen werden ausgetestet.

Mehreren Jungen in Dennis Klasse wurde das Taschengeld abgeknöpft. Sie hatten Angst. Sie schwiegen. Es gab in der Schule ein System von Tributzahlungen, von dem Dennis noch nichts wusste. Die Lehrer waren ahnungslos.

Es gab Gangmitglieder, die von außerhalb in die Schule kamen. Der Anführer der Türkengang war schon zwölf. Meist blieb er außerhalb des Schulhofs, und ließ sich das erpresste Taschengeld von Mitgliedern seiner Gang nach draußen bringen. Es gab Gerüchte.

Dennis begann sich langsam mit den Gesetzen der Strasse auseinander zu setzen.

Roman erwischte es als ersten von Dennis alter Gruppe. Er hatte zur Einschulung eine nagelneue Jacke von „Jack Frost“ bekommen. Ein Markenname, der damals erste Sahne war.

Roman gehörte zu den starken Schülern, die meist unbehelligt bleiben. Aber die Jacke hatte Begehrlichkeiten geweckt.

Er wurde von mehreren Schülern der zweiten und dritten Klasse attackiert. Die „Jack Frost“ Jacke wurde ihm unter Androhung von Gewalt abgenommen. Wehe ihm, wenn er sie verpfeifen würde.

Roman weihte Dennis in der nächsten Pause ein. Ein Junge aus der zweiten Klasse hatte jetzt Romans Jacke an. Er war gleich groß wie Roman.

Es war eine kleine Gruppe um einen deutschen Jungen aus der dritten Klasse. Sie waren meist zusammen, und sie hatten Spaß am Prügeln und am Einschüchtern von Mitschülern. Der Anführer war nicht allzu groß, aber schnell. Roman und Dennis kannten die Namen der Mitschüler nicht, aber sie hatten die Jungen schon öfters gesehen.

„Wenn du die Jacke wiederhaben willst, dann wird das nicht ganz einfach“, sagte Dennis. Roman nickte. „Ich kann ohne die Jacke nicht nach Hause. Hilfst du mir?“ „Mal sehn was wir tun können“. Dennis schloss kurz die Augen, und ballte unwillkürlich die Fäuste. In dieser Art der Abschottung hatte er die besten Ideen.

„Gut“, sagte Dennis. „In der Gruppe sind sie zu stark für uns. Wir müssen ihn alleine erwischen. Schnell, für ihn überraschend, und so, dass ihm die Lust vergeht sich noch mal mit uns anzulegen.“ Er erinnerte Roman nicht gerne daran, aber fügte hinzu: „Denk mal an unsere Prügelei damals. Du warst stärker als ich, und hast nicht mit meiner Gegenwehr gerechnet. Jedenfalls nicht so.“ Dann fügte er hinzu: „Wenn wir das durchgehen lassen, dann haben wir hier nichts mehr zu lachen“. Roman war einverstanden. „Bleiben wir zusammen, beobachten wir die Gruppe. Vielleicht sollten wir auch Susi, Jochen und Allan einweihen.“ Roman nickte: „Ja. halten wir zusammen.“

An diesem Tag bot sich keine Gelegenheit. Sie wussten aber jetzt immerhin. dass der Junge Georg hieß und in der Nähe wohnte. Roman bot zu Hause eine lahme Erklärung. Er habe die Jacke in der Schule vergessen (und er hoffte, dass er nicht erklären müsste, was wirklich passiert war).

Am nächsten Tag arbeitete die Gruppe um Dennis wie ein gut geöltes Uhrwerk zusammen. Sie hatten Zeichen verabredet.

Sie kannten sich. Sie beobachteten. Die Gruppe um Georg traf sich zwar regelmäßig für irgendwelche Pöbeleien, aber zahlenmäßig war sie nicht immer gleich stark.

In der letzten Pause verließ Georg den Schulhof. Er machte das manchmal, um sich beim „Pfennig-Laden“ Schokoriegel und Kola zu kaufen. Das war natürlich verboten. Erwischen lassen durfte man sich nicht. Bei einigen Schülern galt das als Mutprobe. Georg hatte Romans Jacke an. Das war die Chance für Dennis und Roman. „Deckt uns ab. Seht zu, dass uns Georgs Leute nicht folgen“, beauftragte er Allan.

Sie warteten, bis Georg aus dem Laden kam. Er kaute mit vollen Backen, biss erneut in ein Plunderstückchen, und schob einen Schluck Kola nach. Dann schlenderte er zur Schule zurück. Georg hatte von seinen Verfolgern nichts bemerkt. Er fühlte sich sicher. An der nächsten Toreinfahrt erwischten sie Georg. Dennis hatte hinter einem Kleinbus Aufstellung genommen. Er rannte mit voller Wucht in Georg hinein. Georg verschluckte sich. Dennis drückte Georg rückwärts in die Toreinfahrt. Georg stolperte, und begann zu husten. Der Angriff kam für ihn völlig überraschend.

An eine Gegenwehr war in diesem Moment nicht zu denken.

Dann war auch Roman da. Er trat Georg voll in die Seite.

Georg hatte seine Kola verloren. Die Tüte mit den Plundern war noch in der Hand. Er hustete wie ein Wahnsinniger und schnappte nach Luft. Dennis trat einen halben Schritt zurück, dann schlug er Georg mitten ins Gesicht. Mit aller Kraft, die ein 6-jähriger hat.

Blut tropfte aus Georgs Nase. „Her mit der Jacke“ fauchte Roman. Der Überraschungsangriff machte Georg wehrlos. Mit zwei geschickten Bewegungen zogen sie ihm die Jacke aus.

Roman streifte sich die „Jack Frost“ wieder über, aber er hatte noch nicht genug. Er schlug Georg die Faust mit voller Wucht in den Bauch. Georg klappte zusammen. „Lass dir das eine Lehre sein“, drohte er, und dann zu Dennis: „Los hauen wir ab.“

Sie hatten Glück. Alles war so schnell gegangen, dass niemand etwas mitbekommen hatte. Wenige Minuten später waren Sie wieder im Schulhof. Allan sah natürlich sofort, dass Roman seine Jacke wieder hatte. Mit ein paar Zeichen verständigten sich die Freunde, und Dennis zeigte sich erneut als Stratege. „Wir müssen abwarten, was passiert. Vielleicht haben wir nichts mehr zu befürchten. Geschickt wäre es, wenn wir uns auch den Anführer von Georgs Gruppe vorknöpfen. Bleibt zusammen. Geht nicht alleine. Passt auf.“

Es zeigte sich, dass Georgs Gruppe nicht wirklich „stark“ war. Der eine Angriff hatte genügt. Der Anführer hatte als erste Reaktion getobt. Aber er musste in den nächsten Tagen feststellen, dass er Dennis und Roman nie alleine erwischen konnte. Er sah, dass sich Dennis und Roman in seine „Geschäfte“ nicht einmischten. Also gab er die Parole aus, Dennis und Roman vorerst in Ruhe zu lassen. Es lohnte sich nicht. Es gab genug Mitschüler, die sich nicht wehrten.

8.

Drei Tage später ging Dennis nach Hause, aß zu Mittag, machte die wenigen Übungen, die von der Klassenlehrerin verlangt wurden und brach noch einmal auf. Er sagte Mama, dass er Allan besuchen will, aber Dennis hatte etwas anderes vor. Heute hielt er sich nicht an die von ihm selbst aufgestellten Regeln. Er war vorsichtig, aber er ging alleine und ohne den Schutz seiner Freunde. Etwas bedrückte ihn.

Es war absolut notwendig gewesen, dass Roman und Dennis die Jacke zurückgeholt, und Georg eine Lehre erteilt hatten. Diese brutale Gewalt schien in diesem Fall notwendig, aber es entsprach nicht Dennis Naturell. Ein anderer Weg wäre Dennis lieber gewesen. Es waren nicht unbedingt Skrupel, die den Sechsjährigen plagten. Die kindliche Logik sagte ihm, dass solche Dinge immer wieder passieren werden, aber Dennis wünschte sich eine geschicktere Lösung.

Er lief die wenigen hundert Meter zur U-Bahn Station. Dann stellte er sich so an den Bahnsteig, dass er sehen konnte, wer den Zug fährt. Beim Zweiten hatte er Glück. Er kannte diesen Kollegen von Papa und winkte ihm zu. Dann stieg er ganz vorn ein und klopfte ein Zeichen an die Verbindungstür, das er von Papa kannte. Der Zugführer öffnete und Dennis fragte ihn, ob er vorne mitfahren darf. „Na gut“, sagte der Zugführer, „es gibt jetzt in jedem Bahnhof Überwachungskameras. Sieh zu, dass du bei der Bahnhofseinfahrt nicht von der Kamera erfasst wirst.“

Dennis nickte, und setzte sich auf den Notsitz für das Begleitpersonal. Der Zug fuhr an und verließ den hell erleuchteten Bereich des Bahnsteiges.

Wieder fuhr der Triebwagen durch das Dunkel der Tunnel. Dennis liebte diesen Zustand.

Bei der nächsten Bahnhofsstation kauerte er sich vor den Sitz, um nicht entdeckt zu werden. Das würde den Zugführer sonst in ernste Schwierigkeiten bringen. Aber Dennis wusste schon genau wo die Kameras hängen. Er sah sich vor. Der Zugführer nickte ihm zu. Dennis war ein zuverlässiger Junge.

Im nächsten Tunnel schloss Dennis die Augen. Ein wunderbares Gefühl. Er dachte an Patrick und er ballte die Hände zu Fäusten, so wie er das schon oft gemacht hatte.

„Patrick“, flehte er, „hilf mir.“

Dennis fuhr durch den Tunnel. Als er die Augen öffnete, saß er nicht mehr auf dem Sitz neben dem Zugführer. Er stand auf dem Bahnsteig. Um ihn herum war ein leichtes Leuchten, wie blaue Blitze einer elektrischen Entladung, das eben verebbte. Die U-Bahn fuhr gerade in den Bahnhof ein. Dennis war völlig perplex. Wie war denn das passiert?

Kurz vor der Bahnhofseinfahrt achtete der Zugführer nicht auf den Notsitz. Dennis würde schon aufpassen. Als der Zug in den Bahnhof einfuhr, stand Dennis auf dem Bahnsteig und winkte dem Zugführer zu. Der Zugführer schaute erschrocken zur Seite. Dennis saß nicht mehr dort. Aber ausgestiegen war Dennis auch nicht. Das war zuviel für den Zugführer. Hatte er Halluzinationen? Er trat vor Schreck viel zu fest auf die Bremse. Es gab ein heilloses Durcheinander in den Wagons.

Zum Glück war der Nachmittagszug ziemlich leer.

Der Zugführer wurde sofort über Funk angerufen, was zum Teufel er sich da gedacht hätte. Er stotterte eine fade Entschuldigung. „Ein Missgeschick“, klagte er. Er hatte Glück.

Es war nichts passiert. Die Leitstelle ermahnte ihn, zukünftig geeignetere Schuhe anzuziehen. Das dürfe ihm nicht noch mal passieren.

Dennis war mehr als verblüfft. Er war verwundert und er war glücklich. Was da eben passiert war, überstieg seinen Horizont bei weitem. Er war erst sechs.

Dennis war nicht blöd. Er war nicht durch die Tür ausgestiegen. Er hatte die Bestürzung in den Augen des Zugführers gesehen. Er blieb noch eine Weile auf dem Bahnsteig stehen. Er musste die Sache verarbeiten. Vielleicht war das der Beginn für die geschicktere Lösung, nach der Dennis gerade suchte. Er atmete tief durch und sagte viel zu laut: „Danke Patrick“. Aber Dennis war noch weit davon entfernt, dieses neue Wissen zu verarbeiten.

Er ließ zwei U-Bahnen passieren, tief in Gedanken versunken. Als er dann wie aus einer Trance aufwachte, sah er, dass sich der Bahnsteig gerade wieder füllte, und jetzt wurde Dennis Zeuge eines Ereignisses, das er, der kleine Sechsjährige, intuitiv mit seinem eigenen Erlebnis und Patrick in Verbindung brachte.

Eben als der Zug einfuhr, kam ein etwa sechsjähriges Mädchen die Stufen heruntergehüpft. Sie rempelte einen der Männer an und sagte: „Hoppla tut mir leid“. Sie tat, als falle sie hin. Der Mann bückte sich zu ihr, um ihr aufzuhelfen. Da sah Dennis einen blitzschnellen Griff. Das Mädchen sprang mit einer grazilen Leichtigkeit auf, eine schwarze Brieftasche in der Hand. Sie rannte in Richtung des heranrollenden Zuges davon, und ließ sich in den U-Bahnschacht hinabgleiten, direkt vor die hereinrollende Bahn. Sie war verschwunden.

Der Zugführer versuchte eine Notbremsung. Aber das wäre viel zu spät gewesen. Die Fahrgäste purzelten durcheinander.

Die alarmierte Bahnpolizei suchte die Strecke ab. Es gab keine Leiche. Es gab kein Mädchen. Es war gar nichts zu sehen. Der Mann auf dem Bahnsteig hatte nicht einmal bemerkt, dass er bestohlen worden war. Alles war viel zu schnell gegangen. Menschen in U-Bahnhöfen sind meist in ihre eigenen Gedanken versunken. Außer dem Zugführer und dem Bestohlenen hatte offenbar niemand überhaupt etwas von dem Mädchen gesehen. Aber Dennis sah das Bild vor sich, deutlich wie ein Foto. Er hätte das Mädchen beschreiben können. Es hatte ein Kleid an und trug blonde Zöpfe mit Schleifen.

Dennis behielt diese Angelegenheit für sich. Er verdrückte sich, benutzte die nächste Bahn und fuhr nach Hause.

Als Papa am Abend kam, erzählte er von den zwei Notbremsungen auf dem Bahnhof und er fluchte. Hatten die Lokführer noch alle Tassen im Schrank? Dennis schwieg. Er war gleich zweimal Zeuge von etwas ganz Unglaublichen geworden. Man würde ihm das nie glauben.

9.

Dennis schlief in dieser Nacht schlecht. Er träumte. Er wachte mehrfach auf, schweißgebadet. Am nächsten Morgen erzählte Mama, er hätte im Schlaf geredet, wirres Zeug. Er habe wie im Kampf die Fäuste geballt, wie zu einem Schlag gerüstet.

Sie fühlte seine Stirn, aber die war nur warm vom Schlaf.

„Soll ich den Doktor holen?“ Mama dachte an Patrick, und sie dachte an Dennis Schlägerei mit Roman, damals im Kindergarten, aber Dennis wehrte ab. Nein, nein, nein. Es gehe ihm gut. Es sei nichts. Es habe auch keine Prügelei gegeben. Er hätte nur schlecht geträumt. Vielleicht wegen der Geschichte, die Papa gestern erzählte. Er ließ sich nicht beirren. Er würde wie immer zur Schule gehen. Er sei in Ordnung.

Also packte Dennis wie immer seinen Ranzen und ging zur Schule. Er hatte Mama angelogen, aber er wollte nichts sagen. Mama hätte das nicht verstanden.

Bevor Mama zur Arbeit ging, rief sie in der Schule an und ließ sich mit Dennis Klassenlehrerin verbinden. Aber die wusste von nichts. Mama war nicht beruhigt, aber sie kannte ihren Sohn. Er würde schon reden, wenn es an der Zeit war.

Diesmal irrte sie sich.

Als Dennis von der Schule kam, aß er mit Mama zu Mittag, dann bat er sie, zusammen mit ihr einkaufen zu gehen. Er wollte zwar nicht mit Mama darüber reden, aber er wollte nicht alleine sein. Er brauchte die körperliche Nähe seiner Mutter.

Dennis redete nicht. Er ließ es zu, dass sie ihn zärtlich an der Schulter packte. Er trug bereitwillig seinen Rucksack mit Einkäufen. Später bucken sie zusammen einen Schokoladenkuchen. Mama sah, dass Dennis ihre Nähe mehr brauchte als sonst. Er erzählte viel an diesem Nachmittag.

Das was passiert war, erzählte er nicht. Niemandem.

In dieser Nacht schlief Dennis ruhig. Mama kam nachts noch mal ins Zimmer. Er atmete gleichmäßig und normal. Am nächsten Morgen war Dennis wie immer.

Mama seufzte und behielt die Sache zunächst für sich.

Für Dennis waren zwei Aufgaben zu lösen. Er wusste instinktiv, dass in der Schule die Probleme gerade erst anfingen, und das Erlebnis mit dem blonden Mädchen ging ihm nicht aus dem Kopf. Die Sache mit Patrick nahm er als gegeben hin. Er wusste noch nicht, was er damit anfangen konnte.

Obwohl Mama das heute nicht gerne sah, löcherte Dennis abends seinen Papa erneut mit Fragen über die U-Bahn-Tunnel. Papa musste erzählen. Konnte man zu Fuß sicher durch die Tunnel gehen? Ja ja, sagte Papa. Wir machen das täglich, „aber lass dir nicht einfallen das zu machen. Züge sind schnell. Sie erzeugen in den Tunneln einen riesigen Sog, der dich umwirft und dich sogar durch die Luft wirbeln kann. Du hast das nicht unter Kontrolle.“ Er hob warnend den Finger und Dennis versicherte, er habe nichts dergleichen vor, aber er fände das hochinteressant. Er wollte noch mehr von den Sogs und den Luftströmungen wissen, aber Papa wehrte ab. „Ein andermal“, sagte er, „nicht heute.“

Für Dennis war nun eines klar. Man konnte durch die Tunnel gehen, und das blonde Mädchen mit den Zöpfen wusste offenbar, wie man das macht, ohne vom Sog der Züge erfasst zu werden. Er hob sich dieses Wissen auf für das nächste Mal.

Er hatte das im Gefühl, dass diese Geschichte noch nicht zu Ende war. Er würde dieses blonde Mädchen wieder sehen.

Die andere Sache war zunächst wichtiger. Sie war bedrohlich wichtig. Dennis ahnte, dass die Gruppe um Georg keine Gefahr mehr darstellte, aber er hatte bemerkt, dass die Gruppe um den Türken Amal viel organisierter, und auch viel geschickter vorging.

10.

Er besprach sich noch einmal mit Allan, Susi, Jochen und Roman. Es war ein warmer Oktobertag. Sie saßen wie fünf Verschwörer auf dem Spielplatz vor Dennis Wohnung, und überlegten, was zu tun sei. Aber es gab zur Zeit keine akute Bedrohung. Susi schlug vor, abzuwarten. Sie setzte ohnehin lieber auf Taktik. Es gab andere Dinge, die wichtig waren. Sie wollte sich nicht das Leben vermiesen. Sie sollten als Gruppe weiter zusammenbleiben, und vorsichtig sein. „Gut“, sagte Allan, „lasst uns die Sache beobachten. Mit Amal habe ich kein gutes Gefühl. Alleine haben wir kaum eine Chance. Roman ist von uns der stärkste und größte. Aber er war der erste von uns, der angegriffen wurde. Amal ist viel gefährlicher als Georg. Mit Amal hätten wir das - wie mit Georg - nicht machen können.“ Er sprach in „wir“ Form, obwohl er nur Wache geschoben hatte. Susi orakelte. „Das wird wieder passieren. Wir müssten so ein Signal haben, damit wir uns verständigen können, wenn wir uns nicht sehen können. So was wie Handys oder Walky Talkys.“ „Oder Pfeifen“, sagte Roman, „aber das hört man nicht weit genug.“

Roman meinte Pfeifen mit dem Mund oder auf Fingern. Das konnten alle. „Moment mal“, sagte Allan. „Pfeifen? Trillerpfeifen vielleicht. Die können richtig laut sein. Die kosten nicht viel. Aber woher kriegen wir die her?“ Jetzt mischte sich auch Dennis ein: „OK, ich frag mal meinen Vater. Vielleicht hat der eine Idee.“

Die Idee war gut. Dennis erzählte Papa etwas von Verständigungssignalen der Kinder. Papa verstand das als Spielidee, und er fragte seine Kollegen von der U-Bahn-Polizei.

Nach einer Woche hatte Dennis zehn ausrangierte Polizeipfeifen in der Hand. Sie waren brutal laut, und hatten obendrauf eine Kugel mit Loch. Man konnte sie mit einer Kordel um den Hals tragen.

Dennis verteilte die Polizeipfeifen, und sie beschlossen, die Pfeifen immer dabei zu haben. „Denkt dran“, meinte Dennis. „Im Moment ist es ruhig, aber das kann sich ändern. Lasst uns die Pfeifen nachmittags ausprobieren, wenn wir unterwegs sind.“

Schon am nächsten Tag trafen sich alle mit Susis Mutter und den Fahrrädern im Grunewald. Die Bäume trugen ein gelbes Kleid. Die Wege waren bereits von braunen Blättern dick bedeckt. Es war super zu radeln. Sie schichteten Blätterhaufen auf und warfen sich hinein. Sie vergaßen nicht, die Trillerpfeifen auszuprobieren. Das Signal war verblüffend laut und einfach. Susis Mutter schien etwas genervt. Sie nahm es als Marotte der Kinder, aber auch als Spiel. Den Kindern machte es riesigen Spaß. „Übertreibtś nicht“, mahnte sie. Aber die Freunde hatten schon gemerkt, dass man Trillerpfeifen aus fünf verschiedenen Richtungen nicht mehr orten kann, wenn sie gleichzeitig losgehen. Susis Mutter hatte einen großen Einkaufskorb auf dem Fahrrad, der voll gefüllt war. Es gab für jeden heißen Kakao und ein Stück Marmorkuchen, den Susis Mutter extra gebacken hatte. Die Freunde waren zufrieden.

In der Schule brauchten sie ihre Pfeifen zunächst nicht.

Die Gruppe um Georg ließ sie in Ruhe. Auch mit Amals Gruppe hatten sie zunächst nichts zu schaffen.

Nachmittags verbrachten die Freunde oft zusammen. An den Nachmittagen trafen sie sich zu herbstlichen Ausflügen. An Regentagen blieben sie zu Hause. Sie schauten sich gemeinsam Videos an. Jochen hatte als einziger einen Gameboy. Internet gab es damals noch nicht. Auch die Adventszeit war schön. Dann kam Weihnachten. Es fiel zwar kein Schnee, aber es gab reichlich Geschenke. Das neue Jahr brachte eine Kältewelle mit Eis. Die Weiher froren zu. Sie fuhren Schlittschuh. Die Sache in der Schule war fast in Vergessenheit geraten.

11.

Für Amal war die Sache nicht vergessen. Ihm war von der Sache mit Georg berichtet worden. Georg ging ihn zwar nichts an, Georg gehörte nicht zu seiner Gruppe. Insgeheim freute es Amal sogar, dass diese dummen deutschen Schläger eine Schlappe hatten hinnehmen müssen. Er hatte geschäftlich davon profitiert.

Dennoch ärgerte ihn die Sache. Eine Gruppe, die aufmuckte, störte ihn. Das durfte keine Nachahmer finden.

Bevor die Weihnachtsferien zu Ende waren, erinnerte Dennis seine Freunde noch einmal. Sie hatten schöne Ferien gehabt, gewiss, aber die Schule fing wieder an und er mahnte: „Nehmt eure Trillerpfeifen mit. Seid vorsichtig.“

Es war, als hätte Dennis eine Vorahnung gehabt.

Susi wurde bereits ein paar Tage später in der Ecke des Schulhofs angegriffen. Sie solle ihr Taschengeld und auch die neuen Handschuhe rausrücken, die sie zu Weihnachten bekommen hatte. Diesmal war es Amals Gang. Susi war als eine der ersten in die Pause gegangen. Amals Freunde waren zu dritt. Susi fingerte die Polizeipfeife heraus , und probierte das Warnsignal zum ersten Mal aus. Der Erfolg war durchschlagend. Allan und Jochen kamen angerannt.

Verschiedene Kinder aus der Schule bildeten einen Kreis um Susi. Die Angreifer waren perplex. Sie hatten sich das leichter vorgestellt, und traten sofort den Rückzug an. Susi triumphierte.

Der Anfangserfolg sollte aber nicht lange vorhalten.

Amal war nicht dumm. Die Gegenwehr von Susi untergrub seine Autorität. Wenn das Nachahmer fand, hatte er bald in dieser Grundschule nichts mehr zu melden. Amal dachte nach. Dann hatte er eine zündende Idee. List konnte mit List bekämpft werden. Ein paar Tage später gab es ein halbes Dutzend Trillerpfeifen in Amals Gruppe. Sie trillerten vor dem Unterricht, an verschiedenen Orten, gleichzeitig und dann in jeder Pause. Mehrfach. Vielfach. Auf dem Schulhof, in den Schulgängen, auf den Klos und in den Umkleideräumen der Turnhalle. Susi wurde regelrecht verarscht.

Die Lehrer schäumten. Schluss mit diesem unkontrollierbaren Lärm. Sie verboten den Gebrauch von Trillerpfeifen in der Schule. Strikt. Für Amal war das ein Sieg auf ganzer Linie.

Nun aber stand die Gruppe um Susi und Allan im Focus von Amals Interesse. Sie hatten es gewagt, sich zu widersetzen. Jetzt musste durchgegriffen werden. In der Schule, und außerhalb.

12.

Viele der Kinder fuhren regelmäßig mit der U-Bahn.

Als Dennis an einem der nächsten Nachmittage einen seiner beliebten U-Bahn Ausflüge machte, wurde er von Amal entdeckt. Dennis bemerkte ihn noch rechtzeitig. Er trat sofort den Rückzug an. Er floh. Dennis war ein Meister in der U-Bahn, Amal war schnell. Auch er kannte die U-Bahn wie aus dem FF. Amal war älter und erfahrener. Aber Dennis war noch schneller. Er sprang in die U-Bahn, Amal folgte ihm durch zwei Wagons, dann entwischte ihm Dennis durch die Tür, als der Zug gerade anfuhr. Amal hatte ihm wütend hintergeschaut, als der Zug an Schnelligkeit gewann. Das nächste Mal erwische ich dich, dachte er.

Dennis musste vorsichtiger werden. Er fuhr gerne U-Bahn. Er wollte dabei alleine sein. Wenn Amals Freunde zu mehreren aufkreuzten, konnte das übel enden. Tatsächlich wurde er nun öfter verfolgt. Mal von dem einen, mal von dem anderen Bandenmitglied. Mal von Amal. Eher zufällig. Koordiniert war das noch nicht. Dennis fuhr nicht zu regelmäßigen Zeiten, Dennis fuhr nicht immer vom selben Bahnhof ab, und es gelang Dennis stets, zu fliehen. Viele Hunde sind des Hasen Tod. Aber Dennis wollte seine geliebte U-Bahn nicht aufgeben. Er sandte wieder sein Stoßgebet zum Himmel: „Patrick hilf mir.“

Dennis war bei seinen Fahrten durch die U-Bahn Schächte nicht so alleine, wie er dachte. Er wurde beobachtet. Eines Tages setzte sich ein etwa 13 jahre alter Junge neben Dennis auf die Bank an der Haltestelle. Dennis kannte ihn nicht, aber er war sofort auf der Hut, zum Sprung bereit.

„Du bist sehr geschickt in der U-Bahn“, begann der Junge. Er war mindestens doppelt so alt wie Dennis. Er war kein Riese. Er war kräftig und bewegte sich wie ein Wiesel. Soweit Dennis wusste, gehörte er nicht zu Amals Gang. Also nickte Dennis.

Ich bin „Trifter“, sagte der Junge, „mich schon mal gesehn?“

Dennis dachte kurz nach. „Nein.“

„Was treibst du so?“ Trifter wusste mehr als er zugab. „Ich geh in die Grundschule.“ Trifter lachte trocken. „Wer tut das nicht?“ Nach einer Pause fügte er hinzu: „…und du hast Ärger mit Amal.“

Dennis war jetzt noch vorsichtiger, aber er spürte dass von diesem Jungen keine direkte Gefahr ausging. Er nickte erneut.

Gegenüber fuhr gerade wieder ein Zug ab, und dann sah er sie. Auf dem andern Bahnsteig stand das Mädchen mit den blonden Zöpfen. Sie sah zu Dennis und zu Trifter herüber. Sie schien ihm zuzunicken. Fast unmerklich. Heute hatte sie keine Zöpfe und kein Kleid an. Sie war in Hosen und trug feste Schuhe.

„Sie gehört zu mir“, sagte Trifter und schaute zu dem blonden Mädchen. „Haste jemals von ihr erzählt?“ Er schien wirklich mehr zu wissen, als er zugab. Seine Frage war prüfend, fast bohrend und dennoch freundlich. Als Dennis den Kopf schüttelte, sah ihn Trifter an. Dennis schüttelte noch mal den Kopf. „Nein“, sagte er bestimmt. „Gut“, meinte Trifter, „wie heißt du?“ Dennis war wieder erstaunt. „Was will der von mir?“ Aber er antwortete: „Dennis.“

Trifter schaute zu dem blonden Mädchen hinüber, dann fragte er: „Willste'ne Kola?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, fügte er hinzu: „Dann komm, aber geh ein paar Schritte hinter mir, bleib unauffällig.“

Trifter stand auf, und schlenderte zu den Rolltreppen. Er verließ die U-Bahnstation, ohne sich nur einmal umzudrehen.

Er überquerte die Straße und ging ein paar Häuser weiter. Bei „Wimpys“ ging er durch die Drehtür, bestellte zwei Kola, und setzte sich so, dass er die Straße beobachten konnte.

Dennis fühlte sich ziemlich sicher. Er wartete einen Moment, dann schaute auf seine neue „Polstar-Uhr", die er zur Einschulung bekommen hatte, kratzte sich am Kopf und seufzte, als habe er was vergessen. Das war Theater. Dann stand Dennis auf und folgte Trifter in einigem Abstand.

Dennis hatte das vage Gefühl, dass er verfolgt wurde, und schaute sich blitzschnell um, als er die Rolltreppe hinauffuhr. Aber da war niemand. Er setzte sich Trifter gegenüber, und schaute noch einmal aus dem Fenster. Gegenüber stand das blonde Mädchen, und nickte leicht zu Dennis und Trifter hinüber. Dennis dachte, „also doch“, und er war froh, dass er sich auf seinen Instinkt verlassen konnte. Auch Trifter sah das. Er schob Dennis die Kola hinüber, und meinte, „du bist eingeladen.“

Als Dennis das nächste Mal aus dem Fenster schaute, war das blonde Mädchen weg.

Dennis hatte immer noch das Gefühl, dass von Trifter keine Gefahr ausgeht. Es war ein höchst ungleiches Paar. Der kleine Dennis und der große Trifter. Dennis war blond - wie das Mädchen in der U-Bahn. Trifter war dunkelhaarig wie Allan.

Trifter war unauffällig aber erstaunlich gut gekleidet.

„Bevor du deine Kola trinkst, sollst du wissen, wer ich bin“, erklärte Trifter. Ich brauche dir das nicht zu sagen, aber du sollst wissen, dass du Vertrauen zu mir haben kannst. Meine Freunde nennen mich Trifter. Sonst heiße ich anders, aber das tut nichts zur Sache. Ich fahre gerne U-Bahn - so wie du - und ich habe ein paar Freunde, die dasselbe machen. Laura ist eine von ihnen.“

Also „Laura“, dachte Dennis. Trifter nickte, als habe er Dennis unausgesprochene Worte gehört. „Was du da vor ein paar Wochen geseh’n hast, solltest du erst mal vergessen. Aber du sollst wissen, dass wir keine Freunde von Amal sind.“

Dennis nickte. Dann begann er vorsichtig zu erzählen. Trifter war aufmerksam, und Trifter war ein guter Zuhörer. Er gab Dennis das Gefühl von Zuneigung. Dennis taute langsam auf, und Dennis erzählte von dem Ärger mit Amal, von den Gangs in seiner Schule, und von seiner eigenen Gruppe. Trifter schwieg, und nickte nur ab und zu.

Viel mehr noch als für Amal oder Dennis Freunde interessierte sich Trifter für Dennis U-Bahnkenntnisse. Er fragte Dennis geschickt aus. Bald wusste er alles. Nur einmal schweifte Trifter vom Thema ab. „Reden macht durstig und hungrig“, meinte er „will’ste noch ne Kola und auch `n Hamburger? Du bist eingeladen.“ Trifter brachte noch zwei Kola, und einen dicken fetten „Fleischburger“ für Dennis. Ab und zu warf er einen verstohlenen Blick aus dem Fenster. Dennis sah das.

„Wie ein Fuchs, der aus seinem Bau geschlüpft ist“, dachte er.

Dennis erzählte Trifter auch von seinem Vater, von seinen U-Bahnfahrten, und von Stationen weit draußen in den Vororten. Nur von Patrick erzählte Dennis nichts. Das war allein sein Geheimnis.

„Gut“, sagte Trifter irgendwann. „Du bist ein kluger Kopf. Du wirst große Probleme mit Amal bekommen. Ich kenne ihn besser, als du dir vorstellen kannst. Ich kann dir mit Amal helfen. Anders, als du vielleicht denkst. Verlass dich nicht darauf, dass ich selbst da bin, wenn’s mal brenzlig wird. Denke immer daran, wie du dir selbst helfen kannst.“ Nach einer Pause sagte er: „Weißt du, was eine Hydra ist?“ Als Dennis verneinte, erläuterte Trifter: „Eine Hydra ist wie eine Schlange mit mehreren Köpfen. Schlägst du einen ab, musst du auch die andern abschlagen. Sonst wirst du gefressen. Amals Gruppe ist gut organisiert, wie eine Armee. Amal ist der General. Er hat Offiziere. Bricht Amal weg, rückt einer der Offiziere nach. Wie bei einer Hydra. Oft genügt es, die Leitfigur der Gruppe zu eliminieren (er sagte wirklich „eliminieren“.) Bei Amals Gruppe gelingt dir das nicht.“

Nach einer Gedankenpause sprach er weiter: „Manchmal ist es wichtig, dem Vogel erst die Flügel zu stutzen, damit er nicht mehr fliegen kann, bevor man ihn zähmt. Verstehst du was ich meine?“

Dennis saugte das Wissen auf wie ein Schwamm. Die Worte waren wie Gleichnisse, so wie Sagen oder Märchen, rund um einen wahren Kern. „Du meinst, ich muss wissen, wer die Unteranführer sind.“ Trifter nickte. „Auch das. Finde mehr über Amal heraus.“ „Gut“, sagte Dennis, „ich werde ihn beobachten.“

„Du lernst schnell“, meinte Trifter. „Mach dich unscheinbar. Suche immer Deckung. Unterschätze Amal nie. Verlass dich nicht alleine darauf, dass du flink bist. Denke nicht, du kannst Amal auf Dauer entwischen, ohne Hilfe. Ich selbst bleibe in diesem Konflikt absolut unsichtbar. Ich habe meine Gründe. Benutze deinen eigenen Kopf. Gebt euch als Gruppe gegenseitig Schutz. Entwickle Phantasie. Suche nach ungewöhnlichen Dingen und nach ungewöhnlichen Lösungen.“

Nach einer kurzen Pause schloss Trifter. „Du gefällst mir. Fahr jetzt nach Hause und denke über alles nach. Dann beobachte Amal und handle. In dir steckt mehr, als du denkst. Noch etwas: Wenn wir uns treffen, egal wo, dann kennst du mich nicht. Du sprichst mich nicht an. Nie. Merk dir das. Wenn du Laura triffst, dann gilt für sie dasselbe. Du kennst sie nicht. Wenn es nötig ist, dann nehme ich Kontakt zu dir auf. Das kann eine Weile dauern. Mehr musst du jetzt nicht wissen. Verlass dich auf dich selbst und deine Freunde in der Schule.“

Ohne dass es Dennis wusste, war er in einen Krieg zwischen zwei Gangs hineingeraten. Ohne dass Dennis es wusste, würde er von Trifter in den nächsten Tagen und Wochen auf die Probe gestellt werden, und ohne dass Trifter das nur einmal angedeutet hätte, erwartete er für seine Hilfe eine Gegenleistung. Nicht sofort. Das hatte Zeit. Später. Erst einmal musste sich Dennis bewähren.

13.

Dennis fuhr nach Hause. Er war vorsichtig, wie Trifter das geraten hatte, aber auch ohne Trifters Rat hätte er aufgepasst. Ohne dass er das ahnte, hatte Dennis während seiner Heimfahrt Begleitschutz. Da war der Junge in dem blauen Sweatshirt und der Bomberjacke, der seine Beine in der U-Bahn gelangweilt von sich streckte. Da war ein Mädchen mit einem Geigenkoffer, das an der nächsten Station einstieg. Dann folgte Dennis ein Junge mit einem Fahrrad, als er von der Haltestelle zu seinem Wohnblock ging. Es war eine perfekte Überwachung.

Von all dem merkte Dennis nichts. Dennis war geschickt, Dennis war hellwach, aber Dennis musste noch viel lernen.

Zu Hause angekommen, sagte Dennis seiner Mutter „Hallo“. Nein, ein Stück Kuchen wolle er jetzt nicht, er habe keinen Hunger. Aber einen O-Saft nimmt er gerne, wenn er den aufs Zimmer mitnehmen darf, und mal Mamas Handy bekommt. Nur kurz. „Bitte“, fügte er hinzu. Seine Mutter sah das nicht so gerne. Zum Essen war die Küche da. Telefonieren mit dem Handy war damals noch sehr teuer. Flatrates gab es noch nicht. Aber sie merkte, dass Dennis allein sein wollte und wieder einmal Sorgen hatte. „Ausnahmsweise“, sagte sie.

In seinem Zimmer stellte Dennis das Saftglas ab, griff zum Handy, und warf sich auf’s Bett.

Er rief der Reihe nach Susi, Allan, Jochen und Roman an und er fasste sich wirklich kurz. Der Text war fast überall gleich.

„Ich habe heute Freunde gegen Amal gefunden. Ich habe eine Aufgabe für euch. Aber wir müssen vorsichtig sein“, und er schärfte ihnen noch mal ein: „Versucht immer zu zweit zu gehen. Amal hat Unterführer in verschiedenen Schulen. Die Gang ist viel größer als wir dachten. Morgen erzähle ich euch mehr.“

Er trank seinen Saft, dann brachte er seiner Mutter das Handy und das leere Glas in die Küche zurück.

„Danke Mama.“

Dennis musste schon ein gewaltiges Problem haben, dachte seine Mutter. Aber sie verstand, dass er das alleine lösen wollte. Erwachsene können sich nicht immer in die Angelegenheiten ihrer Kinder mischen. Sie fand es gut, wenn Dennis versuchte, seine Probleme selbst zu bereinigen. Das gehört zum Erwachsen werden, und sie hoffte inständig, das Dennis rechtzeitig um ihre Hilfe bittet, wenn es kritisch wird.

Sie sah an den Nummern auf dem Display, wen Dennis angerufen hatte. Sie war etwas beruhigt.

Am Abend sprach sie mit ihrem Mann. „Gut“, sagte er, „halten wir die Augen offen.“

Am nächsten morgen rief sie in der Schule an, und ließ sich mit der Lehrerin verbinden. Sie erfuhr von der Sache mit den Trillerpfeifen, und beinahe wäre alles aufgeflogen. Die Lehrer hatten einen Verdacht, aber einen Beweis gab es nicht. Die Sache mit den Trillerpfeifen war beendet worden. Dennis oder seine Freunde waren nicht verdächtig. Vielleicht war alles nur eine Mutprobe oder ein Schabernack gewesen.

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Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
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9783942652476
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