Kitabı oku: «Das Netz der Freunde»
Hans-Peter Vogt
Reihe: Die Wächter des Lebens, Band 3
Das Netz der Freunde
(Social Network)
Fantasy, Soziale Utopie
Deutsche Ausgabe
© vogt multimedia verlag, Reinheim
Ungekürzte Ausgabe,
E-Book, 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vertrieb: Libreka
ISBN 978-3-942652-66-7
Empfohlen ab 13 Jahren
Autor: Hans-Peter Vogt
Umschlagentwurf: © vogt multimedia design
© vogt multimedia verlag
Dr. Hans-Peter Vogt, Erlenweg 18, 64354 Reinheim
Leser können das Buch in über 1000 E-Book-Shops bestellen:
Vormerkung:
Das Buch beginnt im Jahr 2052
Die Personen der Handlung sind alle frei erfunden.
Ähnlichkeiten zu lebenden Personen bestehen nicht.
Es ist immer schwer eine Heimat zu verlassen und woanders wieder neu zu beginnen. Alte Freunde gehen verloren, neue müssen gefunden werden, und dann ist da noch diese andersartige Sprache der fremden Cliquen.
Hans-Peter Vogt
Das Netz der Freunde
(Social network)
Reihe:
Die Wächter des Lebens / Band 3
Inhaltsangabe:
Titel, Impressum
Vorbemerkung
Index / Inhaltsangabe
Einleitung
Kapitel 1. Immigration. Der Umzug und der Neubeginn in Deutschland... /
... und die Wächter des Lebens
Kapitel 2. Die Eingliederung in bestehende Gruppen ist nicht ganz einfach / über die Notwendigkeit, sich zu erden / gute Freunde sind wie das Salz in der Suppe / Irinas erste Liebe
Kapitel 3. Irina und Dimmy übernehmen Verantwortung
Kapitel 4. Ernste Bedrohungen / die Macht der Kinder / Dimmy ist verliebt
Anhang. 1. Nachwort
2. Die handelnden Personen im Buch
3. Städte und weitere Sachinformationen
4. Der Autor
Einleitung
Helden des Buches sind Irina und Dimmy (der eigentlich Vladimir heißt). Es sind die Kinder von Vera und Frederik, die ein Teil des inzwischen stark angewachsenen „Clans der Auserwählten“ sind. Zu Beginn der Geschichte ist Irina knapp 14 Jahre alt und Dimmy ist zwölfeinhalb. Ihr Großvater ist der schon legendäre Kopf verschiedener multinationaler Firmen, wie die Mac Best Food Company (ein weltweit operierender Nahrungsmittelkonzern mit angeschlossener Fastfoodkette), aber weil Irina und Dimmy jetzt von den USA in das kleine Deutschland umsiedeln, ist für sie alles neu und unbekannt. Sie müssen sich eine Position suchen und sich bewähren.
Dimmy und Irina versuchen diese neue Welt zu entdecken und Grenzen zu überwinden. Es geht um neue Kontakte und darum, Bestehendes nicht zu verlieren.
Irina und Dimmy sind zwar in Mexiko geboren, aber sie haben lange in Detroit/USA gelebt, wo die Mutter ein Ausbildungszentrum für Führungskräfte leitete. Die Amerikaner konnten den Namen Vladimir nicht aussprechen und so wurde der Name einfach in Dimmy abgewandelt. Diesen Namen behielt Dimmy bei. Zuletzt wohnten Irina und Dimmy noch ein Jahr lang in Atlanta/USA. Auch das ist eine recht große Stadt. Sie hat über 500.000 Einwohner und liegt im Nordwesten des US-Bundesstaates Georgia.
Der leibliche Vater von Irina und Dimmy ist Frederik, der Sohn von Leon und Katharina. Irina und Dimmy haben noch andere Halbgeschwister. Das sind alles Kinder, die Fred mit anderen Frauen gezeugt hat. Mit allen seinen Freundinnen war Fred nie verheiratet, auch wenn er stets die Verantwortung für die Kinder übernommen hatte. Das war immer ein besonderer Familienverbund, ganz ohne Streit, und das ist etwas sehr ungewöhnliches. Dennoch ging das auf Dauer nicht gut.
Die Mutter von Dimmy und Irina trennte sich von Fred, und sie verliebte sich ausgerechnet in dessen Vater Leon. Das beruhte durchaus auf Gegenseitigkeit. Vera und Leon beschlossen zusammenzuleben, und Leon gab die Firmenleitung kurzer Hand an seine Tochter Chénoa ab. Ein Schritt der im Alter von 60 durchaus sinnvoll ist. Chénoa war lange genug die Kronerbin des Unternehmens gewesen. Leon geht jetzt mit Vera nach Deutschland, um sich ganz um die europäischen Geschäfte des Imperiums zu kümmern, und die Kinder Dimmy und Irina begleiten die beiden.
Vera und Dimmy werden in Deutschland eingeschult. Es ist sehr eine kleine und ruhige Stadt mit Namen Wittenberge, an der Elbe, südöstlich von Hamburg. Dort liegt auch das europäische Zentrum der Mac Best Food Company, die überall auf der Welt Fast Food Ketten betreibt. Ganz wichtig für Irina und Dimmy ist aber auch das „Zentrum“ in Berlin, oder auch „Musikakademie“ genannt. Die so etwas ist, wie ein riesiges Jugendzentrum. Dort hat Oma Katharina das Sagen (die frühere Frau von Leon in Berlin).
Die Geschichte in diesem Buch beginnt im Jahr 2052.
Das Gesicht der Welt hat sich verändert. Das Erdöl ist nahezu aufgebraucht. Das Weltklima hat sich aufgeheizt. Die Polkappen sind fast völlig abgeschmolzen, die Meeresspiegel sind um fast einen Meter gestiegen, der Golfstrom hat sein ursprüngliches Bett verlassen. Es gibt jetzt riesige Trockengebiete, Tornados, Flutwellen und neu entstandene Regen-zonen mit verheerenden Regengüssen. Es gibt inzwischen auch völlig neue Technologien. Autos fahren nicht mehr mit Benzin.
Irina und Dimmy haben einen Teil der übersinnlichen Kräfte ihres Vaters Fred geerbt, aber das war in ihren ersten Lebensjahren nur ungenügend ausgebildet. Leon beginnt jetzt mit Irina und Dimmy zu üben. Sie lernen, dass Großvater Leon sich jetzt mehr um sie kümmert, wie ihr leiblicher Vater.
Leon hatte Irina und Dimmy schon gezeigt, wo sie in Deutschland wohnen würden. Diese kleine Stadt Wittenberge an der Elbe hat rund 40.000 Einwohner. Opa Leon hatte dort ein Haus in Auftrag gegeben, wo sie leben werden, in unmittelbarer Nähe zum Werk der Mac Best Food Company.
Fast alles in dieser kleinen Stadt Wittenberge ist von Mac Best Food abhängig. So ist das, wenn es in so einer kleinen Stadt nur einen wirklich großen und bedeutenden Arbeitgeber gibt. Leon hat in dieser Kleinstadt so etwas wie die Allmacht. Typisch für diesen Mann ist, dass er das nie ausnutzt. Wenn er etwas will, dann überzeugt er die Menschen. Er ist ein Mann der leisen Töne, aber sehr wirkungsvoll und sehr nachhaltig. Diese Eigenschaften gibt er an Irina und Dimmy weiter.
In dieser kleinen Stadt war mit Unterstützung von Mac Best Food eine Privatschule entstanden, auf die fast alle Kinder der Stadt gehen. Bald lernen Dimmy und Irina neue Dinge kennen, sie beginnen sich die Umwelt zu interessieren und sie schließen sich mit ihren Geschwistern kurz. Sie gewinnen gute Freunde in der Schule und sie bestehen Abenteuer.
Dieser Band ist aber auch ein ökologischer Roman. Alle Prognosen sprechen heute von gewaltigen Änderungen, die sich in naher Zukunft durch die Klimawandlung ergeben werden. Das hat auch längst eingesetzt. In dem vorliegenden Band sind die Änderungen bereits deutlich spürbar. Irina und Dimmy müssen sich darauf einstellen. Sie werden ihre Macht brauchen, um Bedrohungen zu meistern und sie müssen auch lernen, dass Macht nicht missbraucht werden darf. Auch die potentielle Bedrohung durch sogenannte Cyberkriege wird ansteigen. All das fließt in diesen Band hinein.
In dieser zukünftigen Welt gibt es aber auch liebenswerte Formen des Zusammenlebens. Dimmy und Irina haben ihren Anteil daran. Freundschaft hat für sie einen besonderen Stellenwert. Das bestimmt auch ihr Leben und ihre Erlebnisse in diesem Buch. Noch etwas prägt Dimmy und Elvira ganz gewaltig. Sie wachsen in einer relativ heilen Welt auf, abgesichert durch ein gewaltiges finanzielles und emotionales Polster und den Zugang zu Lernmitteln und Lernchancen, die in unserer Welt nicht allzu viele Kinder haben. In diesem Band ist es das Verdienst der Stiftung, solche Bildungschancen für eine breite Gesellschaftsschicht zur Verfügung zu stellen, und ihr den Zugang dazu zu garantieren, das was man mit Lebensglück umschreibt.
Dort, wo Dimmy und Irina Ungerechtigkeit sehen, da ist das zwar bedrohlich, doch es scheint irgendwie beherrschbar.
Zwar fordert ihre Großmutter immer wieder diese „Erdung“, diese Rückbesinnung auf die Menschen des Alltags, die vom gesellschaftlichen Reichtum zumindestens partiell abgeschnitten sind, aber es scheint, dass diese Welt, in der Dimmy und Irina aufwachsen irgendwie geordnet ist, trotz all der Probleme die da auftauchen. Vielleicht ist das eine gewisse Absicherung, die es in den europäischen Ländern in sozialer Hinsicht nun einmal gibt.
Wer einmal Verbindung zu den Geschehnissen und Zuständen in armen Ländern der sogenannten Dritten Welt hatte, sei es durch Zufall, oder durch persönliches Erleben, der wird angesichts der hier dargestellten „Probleme“ nur lächeln. Sie sind typisch für die westliche Welt der Industriestaaten.
Alles kann und will der vorliegende Roman auch nicht aufwerfen und beantworten.
Ein Kern der Schilderung ist, dass Dimmy und Irina lernen, mit Ungereimtheiten klar zu kommen, und sie aus der Welt zu schaffen. Sie haben die privilegierte Situation vor sich, einmal einer der Leiter einer großen Organisation zu werden.
In weiteren Büchern der Serie werden jeweils andere Fragen angeschnitten werden.
Hilfreich ist das Register am Ende des Buches. Dort findet ihr alle Namen und weitere Erläuterungen.
Das Buch greift zwar direkt auf den Band 2 der Reihe „der Clan der Auserwählten“ zurück, doch ist der Band in sich geschlossen. Das Buch handelt zwar von Jugendlichen, ist aber nicht ausschließlich für diese Altersgruppe konzipiert.
Am Ende des Buches findet der Leser einen Aufstellung aller im Buch handelnden Personen und Sachinformationen.
(die Redaktion)
Kapitel 1. Immigration.
Der Umzug und der Neubeginn in Deutschland
...und die Wächter des Lebens
1.
Irina ist alleine in ihrem Haus in einem der gutbürgerlichen Vororte von Atlanta (USA).
Sie hat sich in einen der Sessel gesetzt, die jetzt mit Laken abgedeckt sind. Vor ihr steht ein riesiger Berg aus Koffern und Kisten. Viele Kubikmeter. Daneben steht noch ein kleiner Berg aus Koffern und Taschen.
Irina wartet. Heute ist der große Tag des Umzugs, aber keiner ist da, außer ihr. Mama war heute früh überraschend noch mal in die Firma gefahren. Es gibt da irgendetwas, was noch zu klären ist. Was, das weiß Irina auch nicht.
Opa Leon, der seit einem Jahr mit ihnen zusammenlebt, war irgendwohin gesprungen. Irgendwas in Deutschland. Auch hier weiß Irina nichts genaues.
Ihr Bruder Dimmy war das Warten leid gewesen. Er hatte sich sein Rad geschnappt und war zu Louis gefahren, einem Schulfreund. Louis war scharf auf das Spezial-BMX von Dimmy.
Vielleicht würde Louis ihm das Teil abkaufen.
Seinen Cruiser hatte Dimmy schon vertickt. Es war einer der Retros, die in den USA gerade wieder voll in Mode sind. Ein echter Hingucker im Stil der 1960er mit richtig breiten Schlappen.
Irina ist knapp 14. Sie hat dunkles langes Haar, das sie heute zu einem seitlichen Pony zusammengebunden hat und grau-grüne Augen. Sie ist mittelgroß und hat schon einen ordentlichen Busen. Diese Veranlagung hat sie von Mama geerbt.
Wieder einmal muss sie sich von Freunden trennen. Sie hatten nur ein Jahr in Atlanta gewohnt, aber weil Irina aufgeweckt, fröhlich und ein auffallend hübsches Mädchen ist, war es ihr nicht schwergefallen, in der Schule Anschluss zu finden. Diesen Zickenkrieg hatte sie allerdings nicht mitgemacht, der dort in einigen Gruppen herrschte. Sie hatte sich lieber an die Mädchen gehalten, die sich für selbstgemachte Musik, Lesen, Natur und für Tiere interessiert hatten. In Atlanta gibt es einen Reitstall, wo sie ein-und ausgegangen waren. Solche praktisch orientierte Kontakte sind komplett anders, als bei dieser anderen Gruppe in der Schule, die sich total aufbrezelte, und sich nur für Partys, Jungens, Kleidung, Wimperntusche und die Farbe ihrer langen Fingernägel interessierte. Sie schwänzelten mit dem Po und streckten den Busen nach vorne, und sie hatten auch keine Hemmungen, andere zu verunglimpfen und in den Dreck zu stoßen, wenn die Laune das gerade so wollte.
Irina hatte es nicht immer leicht gehabt, weil diese „Schicksengruppe“, wie Opa das immer nannte, oft richtig stresste, bis hin zum Cybermobbing. Diese Mädchen fühlten sich als Elite, und sie hatten ein richtiges Vergnügen daran, andere auszugrenzen und zu tyrannisieren. Das Leben war für sie ein Spiel. Streber waren verpönt, oder das, was dafür gehalten wurde.
Manchmal hatte Irina ihr Gesumm anstimmen müssen, das sie von Opa Leon gelernt hatte. Irina hatte in diesem einen Jahr begriffen, wie sie sich in die Köpfe ihrer Mitschüler hacken konnte, um sie zu beeinflussen. Nach den ersten noch zögerlichen Anfängen hatte sie verstanden, dass ihr dieses Talent die nötige Ruhe bricht, die sie braucht, und sie hatte gelernt, nicht nur sich zu schützen, sondern auch ihre Freundinnen.
Es waren wirklich nette Mädchen dabei. Sibyll, die jeden Tag auf dem Klavier übt. Lori, die sich für Literatur interessiert und unendlich viel liest. Doris, die sich für Biologie und Chemie begeistert und Laureen, Blondie und Sofie, mit denen Irina oft in den Ställen zusammen war, um auszumisten, zu striegeln oder zu reiten.
All das muß jetzt wieder einmal neu aufgebaut werden. Irina seufzt. Sie kennt die Schule schon, in die Leon sie schicken wird, dort in dieser winzig kleinen Stadt in Deutschland.
Sie würden fast alles zurücklassen. Das Haus hier in Atlanta war nur gemietet. Die Firma würde die Möbel verkaufen und sie nehmen nur das Wichtigste mit, aber davon gibt es genug.
Kleidung, Laptop, Kamera. Ohne seine Skateboards würde Dimmy nicht mitgehen, hatte er bestimmt. Irina lächelt unwillkürlich.
Dimmy und seine Skateboards. Er hatte sich diese Marotte in Berlin angeeignet, als er mal dort zu Besuch war. Auch hier in Atlanta gibt es Halfpipes, und Dimmy ist ein echter Crack. Er hat mehrere Boards, für Sprünge und Langstrecken. Irina hatte manchmal zugesehen, Interesse hat sie nicht an diesen Dingen. Für Dimmy war das in Atlanta die Eintrittskarte gewesen, um bei all diesen coolen Jungs an der Schule mächtig zu punkten. Dimmy ist aber auch wirklich der Obercrack. Seine ”übersinnlichen” Fähigkeiten erlaubem ihm Sprünge und Drehungen, die für die anderen unnachahmbar sind. Einfach „oberaffengeil“. Naja. In der Szenesprache und auf amerikanisch nennen die Jungs das ganz anders, und Irina weiß, dass solche Ausdrücke alle 2 oder 3 Jahre wechseln, wie die Mode. Irina lächelt wieder. Die Jungs und ihr Kauderwelsch.
Sie döst ein wenig. Sie denkt an die Chattahochee Seen im Norden, an die Wasserfälle und die Rafting Touren, die sie im Frühsommer gemacht hatten. Sie denkt an Deutschland. Ein bisschen kennt sie, aber im Grunde ist alles fremd, auch die Menschen sind so ganz anders.
Dort sind jetzt auch große Ferien. Ihr Haus in Brandenburg ist nicht einmal ganz fertig und für ihre Verhältnisse ist Wittenberge wirklich ein winziges Nest. Dort werden sie bald wohnen, aber sie werden übergangsweise nach Berlin ziehen. Opa Leon hat dort eine Wohnung organisiert.
Ins Musikzentrum, das der Stiftung gehört, und für das Leon und Mama letztlich arbeiten, da wollte Leon nicht hin, obwohl es auch dort mehrere freie Wohnungen gibt, die der Familie gehören. Aber dort lebt Oma Katharina und Leon hatte bestimmt: „Wir tun Katharina seelisch weh, wenn wir alle zusammen ins Zentrum ziehen. Wir können das nicht machen.“ Schließlich hatte Leon „seine Frau“ Katharina verlassen, um mit Irinas Mama zusammenzusein. Ach was ist das Leben manchmal so schwierig.
Aber Leon und Katharina sind nicht im Streit. Irina wird immer zu Oma Katharina springen können. Sie wird in den nächsten vier Wochen sicher viel vom Musikzentrum haben, aber im Zentrum wohnen - das hatte Leon eben nicht erlaubt. Opa Leon, der jetzt genaugenommen ihr Vater ist. Na, so gut wie.
2.
Irina hört gar nicht, als Leon die Treppe herunterkommt, so versunken ist sie in Gedanken. Plötzlich hockt er vor ihr und nimmt ihre Hände. Irina schreckt auf.
„Opa. Ich hab dich gar nicht kommen hören. Bleibst du jetzt hier, oder musst du noch mal weg?“
Leon schüttelt den Kopf. „Ich hab’ alles erledigt. Ist Vera noch in der Firma?“ Irina nickt. „Und Dimmy?“ „Der will sein BMX verkaufen, hat er gesagt.“
Leon nickt wieder. „Und was ist mit dir? Aufbruchsbereit oder traurig?“
Irina schüttelt den Kopf. „Vielleicht ein bisschen traurig. Ich war in Gedanken und hab’ innerlich Abschied genommen, jetzt wird ja alles völlig anders.“
Leon nickt wieder. „Wenn wir zusammenhalten, dann schaffen wir das. Was meinst du, wollen wir den Haufen da ein klein wenig kleiner machen? Ich hab im Werk einen Container aufstellen lassen. Den können wir jetzt mit unseren Sachen füllen, wenn du bereit bist. Das ist eine Übung, die für dich noch ein bisschen schwierig ist, aber zusammen bekommen wir das hin. Wir werden Vera und Dimmy einen Zettel hinlegen und können anfangen, wenn du bereit bist.“
Irina ist einverstanden. Leon geht in die Küche, wo ein Block und ein Stift liegt, und bringt beides zurück.
Er schreibt etwas auf den Block, zieht Irina aus dem Sessel, legt den Block darauf, und führt sie zu dem großen Haufen mit Koffern und Kisten.
„Also gut“, meint Leon. „Erst mal nehme ich zwei Koffer in die Hände, du hältst dich an mir fest, und konzentrierst dich. Schlüpf in mich hinein. Dann springen wir mit den Koffern in den Container. Achte genau auf meine Energieströme. Versuche das später nachzumachen.“
Irina nickt. Opa nimmt die Koffer, Irina hält sich an seinem Arm fest, sie kriecht in Leons Kopf. Sie sieht das Aufflammen der Energie, dann stehen sie in einem großen leeren Stahlcontainer, an dessen Decke zwei Akkuleuchten brennen.
Leon lächelt, stellt die Koffer ab, greift ihre Hände und meint, „und nun zurück. Diesmal krieche ich in dich hinein. Versuche mich mitzunehmen nach Atlanta.“
Das hatte Irina schon geübt. Sie ist gut darin. Sie war schon mehrmals mit Mama in das Wochenendhaus gesprungen, das sie an den Seen hatten. Aber diesmal geht es quer über den Ozean. Eine viel größere Strecke. Sie konzentriert sich, dann merkt sie, wie sich der Tunnel vor ihr öffnet und sie hineinzieht, wie ein Magnet ein Stück Metall. Sie spürt den Druck von Leons Händen. Sie merkt, dass sie ihn mitnimmt auf diese fast 15.000 Km lange Reise, dann landen sie im Zimmer von Irina.
Leon hatte ihr geraten, nicht in das große Wohnzimmer zu springen, wer weiß, wer sich jetzt dort aufhält. Das Geheimnis der Familie muß stets gewahrt bleiben.
Leon lacht sie an, als die sanft landen. Sie hört seine unausgesprochenen Worte. „Prima. Das hast du gut gemacht.“
Dann gehen sie hinunter. Sie sind immer noch alleine.
„Dann wollen wir mal. Diesmal nehme ich einen großen Karton in die Arme und du entscheidest, ob du mich berührst oder ganz alleine mit mir durch den Tunnel gehst. Du probierst es alleine? Also, dann los.“
Irina konzentriert sich, dann landen sie zusammen in dem Container. Erst Leon, dann nur wenige Sekunden später auch Irina. Sie ist glücklich. „lass mich das noch ein paar Mal probieren. Dann zeig mir, wie ich tote Materie mit mir nehmen kann.“
Leon nimmt jetzt immer einen großen Karton in die Arme. Irina springt alleine, und als sie schließlich zur selben Zeit im Container ankommen, lacht Irina. Jetzt hab ich’s begriffen. Ich muss meine Gedanken nur mit deinen völlig verknoten, damit wir gemeinsam durch den Tunnel fliegen.“ Leon lächelt. „Wenn man weiß wie das geht, ist das gar nicht so schwer. Dann lass uns mal an die nächste Aufgabe gehen.“
Innerhalb der nächsten 60 Minuten bringen sie einen Großteil der Kisten und Koffer in den Container. Dann muss Leon erst mal die Akkus der Leuchten wechseln. Er hatte vorgesorgt. An den beiden großen (heute geschlossenen) Stahltoren steht innen ein Karton mit frischen Akkus und Leon bestückt erst die eine, dann die andere Akkuleuchte.
Als sie zurückkommen, ist Dimmy gerade gekommen. „Ich wollte doch helfen“, meint er vorwurfsvoll. Leon nimmt ihn in die Arme. „Ist schon gut. Wir haben noch eine ganze Menge kleiner Kartons hier stehen und deine Lieblingsdinge, wie das Board, die müssen auch noch nach Deutschland. Hast du dein BMX gut losgekriegt?“
Dimmy grinst. „2500 Piepen. Aber Opa, ehrlich, wenn ich nicht wüsste, dass die Eltern von Louis soviel Geld haben, hätt’ ich den Preis nicht so hoch angesetzt.“
Leon nickt. Das hatte er seinen Enkelkindern (die jetzt seine Kinder sind) immer eingeschärft. Solche Dinge muss man notfalls verschenken. Materielle Dinge sind nicht wichtig. Freundschaften sind wichtig. Dimmy würde die Freundschaft von Louis behalten, trotz der 2500 Dollar. Neu hatte es 6 ½ gekostet. Louis war rattenscharf auf das Rad gewesen, und einige andere auch. Das Rad gibt es aber nur einmal. Es hat einen handgemachten verstärkten Freeriderahmen mit Oversize Rohren, Spezialfelgen, Ballonreifen, Nadelkugellager, eine Sonderlackierung und Labels, die heute nicht mehr zu kaufen sind. Das Wettkampfrad ist in den Augen der Kids der Oberkracher, egal ob in der Pipe oder im Gelände. Louis hätte leicht das Doppelte bezahlt, wenn Dimmy das verlangt hätte, und er rechnete es Dimmy hoch an, dass er das nicht ausgenutzt hatte. Dimmy ist ein echter Freund.
Dann beginnen Leon, Irina und Dimmy mit den Übungen, die Irina schon kennt. Für Dimmy ist das bedeutend schwieriger, aber er bekommt das hin. Schließlich kann er einige der kleineren Gerätschaften mit in den Container nehmen. Dann ist plötzlich fast alles weg, und nur das ist übrig, was sie unbedingt in Berlin brauchen, und das, was sie mit in den Flieger nehmen werden.
Auch diesmal nimmt Leon die Kinder erst ohne Gepäckstücke mit in die Wohnung in Berlin. Sie liegt im Stadtteil Moabit, ist ziemlich geräumig, und sie ist voll eingerichtet. Sogar Küchenmesser, Kochtöpfe und solche Altagsgegenstände sind da.
Es gibt zwei Kinderzimmer, ein Schlafzimmer für Leon und Vera, und es gibt eine große Küche, mit Schiebetüren zum großen Wohnbereich. Eine Altbauwohnung, mit hohen Decken und Stuck. So etwas gibt es in den USA nicht. Irina und Dimmy staunen. Es gibt abgeschliffene Dielenböden, die neu lackiert sind. Nicht dieses neue Fertigparkett, das es in den USA überall gibt, sondern ganz breite Dielen mit groben Wachstums-Mustern.
Die Küche ist gekachelt und es gibt ein geräumiges Bad. „Opa“, meint Irina. “Wo hast du denn die Wohnung auf-getrieben?“ Es gibt vierfachverglaste Fenster und als Irina eines davon öffnet, hört sie den Verkehr draussen vorbeibrummen. Hinten ist es auch mit offenem Fenster ganz ruhig.
Sie haben einen Balkon. Es gibt ein großes Geviert aus Wiesen und Bäumen, mit kleinen Gewächshäusern drin und Gartenhäuschen. „Hey, geil“, meint Dimmy, der das alles aufregend findet. Es ist alles so anders als in den USA.
Dann schaffen Sie alles in die Wohnung, was sie dort brauchen werden. Laptops, Skateboard, Kleidung, und auch die Sachen von Mama.
Als sie schließlich wieder in Atlanta stehen, sind nur noch die Sachen für den Flieger da. Ein paar kleine Koffer und Taschen. Mama ist immer noch nicht gekommen.
Leon schaut auf die Uhr. „So langsam wird’s Zeit.“
Er kramt das Handy aus der Tasche und ruft Vera an. Vera ist ganz aufgelöst. Sie ist jetzt auf dem Weg. Ihren Familienvan hatte sie in der Firma verkauft und sie ist jetzt mit dem Taxi unterwegs. „Ist spät, ich weiß, habt ihr schon ein bisschen vorarbeiten können? Chénoa hatte noch so viele Fragen. Es schien kein Ende zu nehmen.“
Chénoa. Das hatte Leon ganz vergessen. Er sieht seine Enkelkinder an. „Habt ihr euch von Chénoa verabschieden können?“ Irina und Dimmy schütteln den Kopf. Irina ist richtig traurig. „Haben wir irgendwie völlig vergessen.“
„Na gut, dann werden wir wohl an einem der nächsten Wochenenden Chénnoa mal besuchen müssen.“ Irinas Blick leuchtet. „Au ja.“
Chénoa ist die älteste Tochter von Leon und niemand, wirklich niemand in der Familie reicht an ihre Kräfte heran. Chénoa hat selbst in ihrer Familie eine einsame Stellung. Sie hatte Leon beerbt. Sie ist die Präsidentin aller Firmen, die der großen Familie von Leon gehören. Leon würde sich mit seiner Arbeit auf Europa beschränken. Er würde dort hoffentlich etwas mehr Zeit für seine (neue) Familie haben.
Als dann das Taxi kommt, staunen sie nicht schlecht. Mama und Chénoa steigen zusammen aus. Irina fällt ihr in die Arme. Tante Chénoa ist wirklich etwas Besonderes.
„Alles schon erledigt?“ fragt Chénoa und Irina strahlt. „Ja. Opa hat uns mitgenommen. Wir haben alles nach Deutschland geschafft. Das was wir hier lassen müssen, das wird die Firma jetzt in die Hand nehmen.“ Chénoa nickt. „Dann mal los. Holen wir das Handgepäck aus dem Haus. Den Schlüssel könnt ihr mir geben. Ich begleite euch noch zum Flugplatz.“
Als sie schließlich im Flieger sitzen, hat Dimmy einen Fensterplatz. Irina sitzt neben ihm. Es ist eines dieser neuen Konstruktionen. Diese kleinen Maschinen, die mit Gas und Solarstrom und Akkus fliegen. Benzin gibt es fast nicht mehr. Die großen Flieger, die früher einmal im Sekundentakt um die Erde geflogen waren, die waren inzwischen alle eingemottet worden. Dafür gibt es keinen Treibstoff mehr. Nur für das Militär hat man noch Dieselöl und Benzin gehortet, für den Fall eines Krieges, der hoffentlich nie eintreten wird.
Vera und Leon sitzen hinter Irina und Dimmy. Die ganze Maschine hat nur 40 Sitzplätze. Diese neuen Konstruktionen verbrauchen aber auch wirklich wenig Energie. Dimmy und Irina waren in ihrem Leben bisher aber nur ein paar mal geflogen. Das war selten geworden. Inzwischen werden die USA von schnellen Fernzügen „durchflogen“, die sich mit Gas und Elektroenergie fortbewegen. Es gibt einige Linien mit Magnetbahnen, die sind noch schneller. Sie fahren aber nur in einigen Gebieten der USA, die sicher vor Hurrikans und Windhosen sind, denn davon gibt es gewaltig viele.
Selbst das Taxi, mit dem sie zum Flughafen gefahren waren, das hat solch einen Elektroantrieb. Auch diese Antriebssysteme werden in den Fabriken hergestellt, die der Familie von Leon gehören. Die Familie ist im Bereich Energieversorgung und Umwelttechnologien weltweit führend. Diese Geschäftszweige sind noch weit gewinnbringender als diese riesige Mac Best Food Company, für die Mama direkt arbeitet.
Irina kennt sich nicht wirklich gut mit diesen Umwelttechnologien aus. Opa hatte ihnen im vergangenen Jahr einiges erzählt und sie weiß, dass Onkel Paco diese Unternehmensgruppe führt. Alles zusammen wird wiederum von Tante Chénoa geleitet, die heute am Flughafen zurück-geblieben ist.
„Ich soll euch einen Gruß von Fred und euren Geschwistern sagen“, hatte Chénoa auf dem Flughafen nachgerufen, bevor sie durch die Schleusentore gingen.
Frederik.
Fred ist ihr eigentlicher Papa. Die ersten Jahre ihres Lebens hatten sie mit Fred zusammengelebt. Eine große glückliche Familie aus vier Frauen und vielen Kindern. Alle von Fred. Irina ist die Erstgeborene, aber die großen Kinder von Tatjana, Sonja und Anastasia (das waren die anderen Freundinnen von Fred), die sind nicht viel jünger. Sie haben alle ein gutes Verhältnis zueinander, auch wenn das in den letzten Jahren etwas gelitten hat, weil sie sich nicht mehr so oft sehen.
Opa Leon hatte versucht, in den letzten 12 Monaten den Kontakt zwischen den Kindern zu verbessern. Sie hatten manchmal ihre „Tante“ Anastasia, manchmal Tatjana oder Sonja besucht. Manchmal hatten sie sich in ihrem gemieteten Ferienhaus in dem großen Seengebiet getroffen, für ein Wochenende.
Was jetzt vor ihnen liegt, wird sie wohl so beschäftigen, dass der Kontakt zu den Geschwistern zurückgehen wird. Irina ist sich sicher. Jeder Umzug hat etwas gewaltiges.
Dank ihrer Kräfte können sie sehr gut deutsch sprechen. Mit dem Schreiben hapert es aber gewaltig und sie werden viel lernen müssen.
Irina wird in die neunte Klasse kommen. In Deutschland wird das allerdings ein ganz anderer Stoff sein, als an ihrer Schule in Atlanta. Es wird nicht leicht werden.
Nur gut, dass Opa Leon sie erst mal mitnehmen wird nach Berlin. Sie werden die nächsten 2 Wochen viel zusammen unternehmen, dann wird sich zeigen, wann sie nach Brandenburg ziehen. Das Haus, was Leon und Vera dort bauen, ist nicht fertig geworden, aber sie werden einen Weg finden.
Leon legt großen Wert darauf, dass sie vom ersten Schultag an in der neuen Schule sitzen werden. „Sonst wird die Eingliederung zu schwierig“, hatte er gewarnt. „Auch so wird das nicht ganz einfach für euch werden.“
3.
Als sie auf dem Airport Berlin-Brandenburg ankommen, staunt Irina nicht schlecht. Sie sieht plötzlich eine Hand durch die Luft wirbeln, an der ein Arm hängt, dann schieben sich Oma Katharina und Tante Lara durch das Gedränge. Na, das ist ja toll.
Oma Katharina ist der gute Geist der Familie. Sie strahlt über das ganze Gesicht. Sie umarmt Irina und Dimmy. Sie umarmt Leon und Vera. Irina schielt zu Oma hoch. Ist da wirklich nichts, das an Eifersucht erinnert??? Aber Irina sieht nichts dergleichen.
Lara umarmte ihren Vater lange. Irina sieht die Ströme von Energie, die zwischen den beiden hin- und herfließen. Sie schnappt auch ein paar Worte dieser Kommunikation auf, die da lautlos zwischen den beiden stattfindet. Dann umarmt Lara auch Vera und meint. „Seid willkommen in Deutschland.
Schauen wir mal, dass ihr euch gut hier einlebt. Vera, du weißt, dass du mich jederzeit rufen kannst, wenn du mich brauchst?“
Mama ergreift die Hände von Lara. Irina sieht den Dank in ihren Augen. Lara meint es wirklich ehrlich, das spürt Irina, und Mama, die scheint das auch zu spüren. Dann nimmt Lara die Hand von Dimmy, Oma nimmt Irinas Hand und lacht. Leon organisiert einen Rollwagen für die vielen Taschen, holt sie am Gepäckband ab und sie gehen zusammen zum Taxi. Die sind hier fast weiß und nicht so schön gelb wie in Atlanta, aber auch sie fahren mit Solarstrom und Gas. Es ist inzwischen überall auf der Welt so.
Oma und Lara bringen die Familie zu ihrer neuen Wohnung, dann verabschieden sie sich. Abends werden sie sich wieder sehen. Oma hat sie zum essen eingeladen. Das weiß Irina schon. Wenn Oma zum Essen einlädt, dann wird mächtig was aufgefahren.
Als Irina, Dimmy, Vera und Leon endlich alleine in der Wohnung sind, bittet Leon alle zu sich.
„Wir sind gerade eben erst durch eine neue Tür getreten. Vor uns liegt eine ungewisse Zukunft. Nun nicht ganz. Wir haben viele Freunde hier. Wir haben unsere sicheren Jobs, aber vieles ist noch unsicher und neu. Wollt ihr erst mal in der Wohnung ankommen, ein bisschen Musik hören, ein bisschen nachdenken oder schlafen? Nachher fahren wir mit der U-Bahn und mit dem Bus ins Zentrum. Nein, wir springen nicht dorthin. Wir müssen uns erst einmal erden, bevor wir diese Kräfte nutzen. Erdung heißt, sich hier vertraut zu machen und diese Bindung dauerhaft zu knüpfen. Wir benutzen die Verkehrsmittel, die alle hier benutzen. Wir gehen zu Fuß. Wir fahren U-Bahn und Bus. Fahrräder haben wir hier nicht, und das Board kann Dimmy später im „Zentrum“ nutzen, aber nicht auf unseren ersten Touren durch Berlin. Das Zauberwort heißt Erdung.“
Sie sind aufgekratzt und Leon sieht, dass sie jetzt nicht schlafen werden, deshalb fängt er sein leichtes Gesumm an. Dimmy versucht sich anfangs dagegen zu wehren, aber gegen die Kraft von Leon kommt er nicht an. Irina weiß das schon und sie macht gar nicht erst den Versuch, sich zu sträuben. Sie schlafen auf der Wohnzimmercouch ein. Leon deckt sie zu und zieht sich mit Vera zurück.
Sie legen sich in das große Bett, angezogen, wie sie sind. Sie legen die Arme umeinander und Leon summe leicht, bis auch Vera und Leon in einen leichten Schlaf fallen.
Als Leon aufwacht, schläft Vera noch. Er verspürt Lust auf Vera und beginnt sie zu streicheln. Vera wacht davon auf und es ist das erste mal, wo sie in Deutschland zusammen kommen. Dann liegen sie keuchend nebeneinander und Veras Gesicht liegg an Leons unrasierter Wange. Es kratzt, aber es macht Vera heute nichts aus. Ach, was liebt sie diesen Mann.
Dann sieht Leon auf seine Uhr. „Wollen wir mal?“
„Ist schon Zeit“, fragt Vera und Leon nickt. „Wir müssen nicht hetzen, aber wir sollten die Kinder jetzt mal wecken.
Sie duschen alle, sie ziehen sich um, und machen sich auf den Weg. Es ist ein langes Stück Fahrt. Sie müssen mehrmals umsteigen, schließlich geht es im Bus weiter. „Zurück können wir springen“, meint Leon beruhigend, aber jetzt lernen wir erst mal ein Stück von Berlin kennen.“
Berlin ist um vieles größer als Atlanta. Irina weiß das schon, aber die Fahrt zeigt ihr, was Größe bedeutet. Atlanta hat grade mal 640.000 Einwohner, Berlin inzwischen fast sieben Millionen. Es war in den letzten Jahrzehnten enorm gewachsen.
Das „Zentrum“ kennt Irina bereits.
Sie laufen heute die Treppen hinauf, bis sie an diese Stahltür kommen, die das oberste Geschoß verschließt. Leon hat eine Codekarte und schließt die Tür damit auf.
Dann gibt es nur noch eine Treppe. Hier oben ist das Reich der Familie. Hier ist die Wohnung von Oma. Es gibt hier Gästewohnungen und Zimmer, die nur für die Familie reserviert sind.
Als sie dann durch die Tür von Oma Katharinas Wohnung kommen, hören sie schon Gelächter und Stimmen.
Sie sind nicht die Einzigen. Oma Katharina hat Gäste.
Als sie in die riesige Wohnküche kommen, staunt Irina nicht schlecht. Tante Helen ist da und ihr kleines Mädchen, Aysa mit ihren vier Kindern und mehreren Enkelkindern, Roman, Jochen, Lara, und ein paar Musiker, die sie schon kennt. Robert und auch Evi und Cindy. Dann sind da noch ein paar Freunde von Opa und Oma und auch Tante Conny, die Geigenvirtuosin. Auch Juanita. Ihre elfjährige Tochter Elvira und zwei weitere Kinder sind da, die Juanita jetzt von einem deutschen Filmproduzenten bekommen hat. Onkel Spek sitz da, und sogar Jens Faruk und Fatima. Irina kennt sie alle und doch wieder nicht.
Fatima ist eine der ganz Großen in der Musikbranche. Eine Legende. Ihr Sohn Jens Faruk hatte ihr nachgeeifert, aber er hatte sich irgendwann vom Gesang und Gitarre auf das Musikmanagement verlegt. Jens Faruk ist so etwas wie der Guru unter den Musikmanagern. Er tritt als Musiker (der er ja immer noch ist) selten öffentlich auf, obwohl er als Musiker ein Genie ist, aber er kennt die Gruppen fast alle. Nicht nur in Berlin. Auch in London, Amsterdam, Stockholm, Frankfurt und New York. Er managt Bands in den USA, in Frankreich, Australien und China, in Indien und - natürlich auch in Deutschland. Seine Firma hat allein in Berlin 180 Mitarbeiter, und es gibt Ableger in Bombay, New York, London, Lima, und sogar in Moskau. Viel mehr weiß Irina allerdings auch nicht, außer, dass Jens Faruk bei Videoproduktionen eng mit Irinas Tante Lara zusammenarbeitet, und die wiederum betreibt die bedeutendste Videoproduktion in Europa.
Die Küche ist wirklich riesig. Es duftet nach Braten und sie werden mit einem vielstimmigen Hallo begrüßt.
Dimmy ist baff. Alles hat er erwartet, aber das nicht. Er hat in den USA eine große Familie. Er kennt die große Familie in Peru. Das hier steht dem in nichts nach. Jetzt versteht er, warum Opa ihn eingesummt hatte. Das wird ein langer Abend werden.
Oma hat Pute gemacht. Es gibt diverse Gemüse und Sossen. Reis, Nudeln und Kartoffeln. Tante Aysa hatte sich um die Herstellung von frischen Säften gekümmert. Das ist es, was sie so besonders gut kann. Alle helfen irgendwie mit, und nach Eis und Kaffee gehen sie hinüber in das Wohnzimmer - eigentlich eine Lounge - und Evi fängt an zu singen. Sie wird bald begleitet von Robert, Cindy und Jens Faruk. Fatima beginnt zu tanzen und summt dazu. Die Kinder und Enkelkinder von Aysa tanzen mit. Es ist eine gewaltige Jamsession und ein Stück folgt dem nächsten.
Tante Helen zieht sich mehrfach zurück, um ihr Kind in Ruhe zu stillen. Sie ist bereits zum zweiten mal schwanger, aber es ist noch nicht viel zu sehen. Irina weiß schon, dass ihr leiblicher Vater Fred auch der Vater des ungeborenen Kindes von Helen ist. Sie hatte mit Opa darüber geredet und Opa hatte mit den Schultern gezuckt. „Das war der Wunsch von Helen. Sonja war einverstanden. Fred war einverstanden. Mehr muss uns nicht interessieren. Du wirst also noch einen Bruder bekommen.“
Ja, Irina hat viele leibliche Geschwister, aber sie weiß, dass alle diese Geschwister Kinder der Liebe sind. Alle diese verschiedenen „Frauen“ von Papa wissen voneinander. Sie hatten viele Jahre alle zusammen gelebt. Irina hatte das nie anders erlebt, als dass sie eine gemeinsame große Familie sind. Die andern Mütter waren auch für Vera wie eine Mutter. Als Mama dann fortgezogen war nach Detroit, um die Ausbildung der Mac Best Food Manager zu organisieren, hatte das an dem Zusammenhalt nichts geändert. Als Mama dann Papa verließ, um mit Opa Leon zusammenzuleben, hatte das auch nichts geändert an dieser wunderbaren großen Gemeinsamkeit.
Nun spürt Irina, dass sie hier in Berlin noch eine zweite Familie hat. Eine Familie aus vielen guten Freunden. Es ist ein schönes Gefühl.
Als sie müde werden, beschließt man, das Fest aufzulösen. Es hat viel schmutziges Geschirr gegeben. Leon schlägt vor, sie werden morgen helfen kommen.
Dann springt Leon mit Vera und seinen beiden Enkelkindern in ihre neue Wohnung. Irina und Dimmy sind inzwischen so müde, dass sie sofort einschlafen, und auch Vera und Leon ziehen sich zurück.
Am nächsten Morgen schlafen sie aus, dann springen sie zu Oma Katharina und helfen ihr beim Abwasch und beim Aufräumen.
Später gehen sie zu Aysa, nehmen einen Brunch und Leon schlägt vor, gemeinsam in den Stadtwald zu fahren. Unten im Sportshop mieten sie sich Elektroräder, sie nehmen den Linienbus mit dem Fahrradanhänger und verbringen den Nachmittag im Stadtwald. Es gibt da mehrere Ausflugsrestaurants. Sie essen schließlich etwas zu abend, bringen die Räder zurück und springen in die Wohnung. Irina und Dimmy sind müde. Die Zeitumstellung macht ihnen zu schaffen, und sie gehen gleich ins Bett. Leon und Vera haben den Abend für sich und genießen die Zeit mit sich alleine.
4.
Am nächsten Morgen wird Irina wach, weil es Sturm klingelt.
Sie schlüpft in den Bademantel und geht an die Tür. Sie trifft Opa Leon im Flur. Draußen steht ein Lieferant, den Aysa geschickt hat. Aysa, die eine ganze Reihe von türkischen Läden in Berlin befehligt. Sie lässt vier große Kartons bringen. Wasser, Säfte, Brot, Käse, Oliven, Butter, frische Hörnchen und türkisches Fladenbrot. Es gibt Kiwis, Orangen, Bananen, Äpfel und verschiedene Gemüsesorten, wie Tomate, Paprika und Gurke. Außerdem Kaffee und Tee.
Der Lieferant hilft, alles in die Küche zu tragen, dann verabschiedet er sich. Ein Brief liegt dabei, von Aysa und Lara. Es ist ein Willkommensgeschenk. Irina ist wirklich baff.
Leon lacht. „Dann wollen wir mal. Hilfst du mir?“
Sie kochen Kaffee. Sie decken den Tisch. Irina kann sich das nicht verkneifen und muß an den frischen Hörnchen knabbern. Croissants gibt es in den USA so gut wie nicht. Das ist wirklich eine Spezialität. Aysa hat noch etwas mitgeschickt: salzige Butter, Marmelade, handgemachtes Pflaumenmus und Honig.
„Pflaumenmus? Opa, was ist das?“
„Heb dir dein Hörnchen auf“, rät Leon. „Probier das, zusammen mit süßer Butter und Pflaumenmus. Dann weist du, was das ist.“
Dann gehen sie Dimmy und Mama wecken.
Es heißt, was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht, aber Irina konzentriert sich ganz auf das Pflaumenmus. Sie riecht erst daran. Es ist fest und fast schwarz. Es geht mit dem Messer schwer zu schneiden und es ist ziemlich schwierig das handgemachte und fest eingekochte Mus auf das weiche Hörnchen zu bringen, ohne es dabei zu zerbröseln, aber Irina läßt sich nicht entmutigen.
Dann macht sie die Augen zu und steckt das Hörnchen in den Mund. Sie beißt ab und kaut langsam. Der Geschmack des Hörnchens, der fettigen Butter und der süßen pflaumenartigen Masse vereinigen sich zu etwas völlig Neuem. Irina spürt, wie der Speichel in den Mundraum schießt. Der Geschmack und der Duft steigen ihr in die Nase, und die Geschmacksnerven von Zunge und Gaumen erfassen dieses Neue als Genuss.
Es ist etwas völlig anderes, als dieses Essen bei Oma. Diese Pute und dieses Gemüse. Es ist fein und doch kräftig. Irina sitzt da, mit geschlossenen Augen und vergißt die Welt um sich. So etwas hat sie wirklich noch nie gegessen. „Hmmm.“
Dimmy ist eher für was Kräftiges. Schwarzwaldschinken, Schimmelkäse und italienische Salami. Aysa hat ein Schwarzbrot mitgeschickt. Dimmy belegt jetzt Fladenbrot mit Schinken, einem Salatblatt und Gurkenscheiben, bestreicht das Schwarzbrot mit gesalzener Butter und legt die Scheibe noch obendrauf. „Whoaah“, meinte er. „Musst du mal probieren. Das ist voll Hammer.“
Leon lächelt. Er fasst nach Veras Hand. Das ist ein guter Anfang.
Später reden sie darüber, wie sie die nächsten zwei Wochen verbringen werden.
Leon ist erst mal für Urlaub. Bisschen Müggelsee, bisschen Musikzentrum, bisschen Ostsee, dort bei Tante Cindy und ihren Pferden in der Holsteinischen Schweiz, und auch mal Sachsen, Brandenburg, München, oder an die Elbe.
Langsam eingewöhnen, schlägt er vor.
Aus den 2 Wochen werden drei. Nun haben sie nur noch eine Woche bis zum Schulanfang und Leon sieht mit ihnen nach dem Haus in Brandenburg.
Er hatte in der Firma zwei Mitarbeiter beauftragt, sich um alles zu kümmern. Als sie jetzt dort nachsehen, ist innen fast alles fertig. Putz, Elektrik, Tapeten, die Böden. Die Fußleisten fehlen, und die Fliesen sind noch nicht ganz fertig verfugt. Die Türen haben noch keine Klinken und der Außenputz ist nicht dran. Der Garten und der Zaun fehlen auch noch.
Im Prinzip ist das Haus bezugsfertig. Die Firmen hatten wirklich schnell gearbeitet. Es gibt keinen Keller. Das hatte man sich gespart. Stattdessen gibt es eine starke Beton-Bodenplatte, die mit Stelen im Boden verankert ist. Sie ist gegen die Bodenkälte gedämmt und es gibt eine Fußbodenheizung. Die Solarpaneelen auf dem Dach sind noch nicht angeschlossen, aber sie haben schon heißes Wasser über die Erdwärmepumpe.
So nutzen sie die letzte Ferienwoche, um sich Möbel zu kaufen und die Wohnung einzurichten. In der kleinen Stadt gibt es außerdem noch eine kleine Wohnung, die ist für Mo Li, das frühere Kindermädchen von Irina und Dimmy. Vera und Leon hatten mit Mo Li gesprochen. Sie wird in einigen Tagen mit ihrer kleinen Schwester und ihrem Neffen hier ankommen und sie wird auch in Zukunft für die Kinder da sein.
Das finden Irina und Dimmy wirklich gut. Mo Li ist schon viele Jahre bei ihnen. Sie ist wie eine zweite Mutter für sie. Vera und Leon hatten sie überredet, von den USA hierher zu ziehen. Es hatte etwas Überredungskunst gekostet, denn die kleine Schwester von Mo Li und der Neffe müssen hier eine Ausbildung und einen Arbeitsplatz bekommen. Dafür wird Leon sorgen. Er hat es versprochen.
Da Mo Li die Kinder liebt, hat sie sich schließlich bereit erklärt. Leon wird sie am Airport Berlin abholen.
Irina findet, das ist wirklich eine gute Lösung. Mo Li ist ein Stück Heimat. Sie ist nicht nur vertraut, Mo Li hat auch eiserne Regeln. Irina hat das zu schätzen gelernt. Mo Li ist herzenswarm, aber Vera hatte immer wieder und immer wieder mit Mo Li und den Kindern über die Notwendigkeit von festen Regeln gesprochen. „Das ist es, was uns Halt gibt“. Mo Li hatte immer dafür gesorgt, dass die von Vera gesetzten Regeln auch eingehalten werden.
Mo Li hatte auch im letzten Jahr mit ihnen zusammen in Atlanta gewohnt. Ihre kleine Schwester und ihr Neffe waren „Zuhause“ in Detroit geblieben und hatten ihre Ausbildung zu Ende gemacht. Sie waren von einer Nachbarin betreut worden und Vera hatte die Kosten dafür übernommen. Nein, wirklich, Mo Li gehört schon fast zur Familie.
5.
Irina ist Opa Leon dankbar, dass er ihnen dieses Stück Urlaub gegönnt hat. Dieses Möbelkaufen und Einrichten ist zwar spannend, aber es ist auch anstrengend. Schließlich müssen all ihre Sachen aus dem Container noch ins Haus gebracht werden, die sie mit Leon und Dimmy dorthin gebracht hat. >Dieses Einrichten, Auspacken und Einräumen ist nervig und in diesen Tagen liegt wirklich viel rum. Bei Dimmy sieht es aus wie nach der Schlacht im Teutoburger Wald und schließlich muß Mama ihrem Sohn helfen. Dimmy bringt das nicht alleine auf die Reihe.
Irina ist sich aber auch darüber im Klaren, dass sie in einer völlig privilegierten Situation ist. Opa ist hier der Chef dieser riesigen Firma. Sie haben genug Geld. Sie werden im eigenen Haus wohnen und sie haben diese übernatürlichen Kräfte. Außerdem sprechen sie fließend deutsch, englisch, spanisch und russisch. Wenn es Konflikte gibt, so hatten sie gelernt, die anderen einzusummen. Schließlich hatte es Opa bisher verstanden, sie hervorragend in dieses neue Land einzuführen und dann ist da auch noch diese riesige Familie aus Freunden, auf die sie im Notfall zurückgreifen können.
Irina sieht offen und mit Spannung in die Zukunft. Sie ist wirklich nicht das typische Immigrantenkind. Sie ist deutlich privilegiert. Das kann ihr helfen, es birgt aber auch die Gefahr des Neids und der Überheblichkeit. Dann denkt sie daran, was Oma Katharina immer von der Erdung spricht. Sie redet mit Dimmy und Dimmy sieht sie lange und schweigsam an. Dann nickt er zustimmend. Durch seine Aktivitäten mit dem Board und dem Bike hat er wirklich erstklassigen Zugang zu den Kids seiner Altersgruppe. Hier wird das sicher ähnlich sein, wie in den USA, aber er stimmt seiner Schwester zu. Integration heißt in erster Linie, dass man sich an die Bedingungen anpasst, ohne sich selbst zu verleugnen. Er hätte das nicht so formulieren können, aber ja, es steht deutlich vor seinem geistigen Auge und Irina liest seine Gedanken. Sie nickt. Schließlich haben sie ja noch Opa und Vera. Sie wissen, dass sie mit den beiden über alles reden können.
Als Mo Li kommt, bringt Leon die kleine Familie im Ort unter. Es ist eine kleine helle Wohnung. Leon hat während der Fahrt gesummt und er hat sich erzählen lassen. Er hat nach der Ausbildung und den Vorlieben der beiden „Kinder“ gefragt. Chan Lan (die schöne Orchidee) hat Interesse an Sozial-berufen. Irgendwas mit Krankenhaus, Kindern, genau weiß sie das nicht. Ji Long (der heldenhafte Drache) hat in einem Eisenwarenladen gearbeitet. Na so eine richtige Ausbildung war das nicht. Er hat mitgeholfen und alles mögliche dabei gelernt. Der Lohn war gering gewesen, und er war ziemlich oft schlecht behandelt worden.
Da die drei kein Wort deutsch sprechen, macht Leon den beiden „Kindern“ folgenden Vorschlag. „Ich könnte versuchen, Chan Lang an das hiesige Krankenhaus zu vermitteln, oder in den Kindergarten, aber Voraussetzung ist, dass sie erst mal deutsch lernt. Ji Long könnte ich in eine Autowerkstatt vermitteln, in den Elektronikmarkt, den wir hier im Ort haben, oder auch in unsere Fabrik. In jedem Fall müsst ihr hier aber noch eine Ausbildung haben, wenn ihr nicht als ungelernte Kräfte arbeiten wollt. Sonst gibt es nicht viel Geld zu verdienen. Das was ihr bisher gemacht habt, das wird hier nicht anerkannt.“
Er fährt fort: „Ich möchte euch einen Vorschlag machen. Wir haben an unserer Schule einen Bauernhof angegliedert. Es gibt dort Tiere und einen Gemüsegarten. Es gibt einen Tierarzt, der regelmäßig kommt und auch einen Hufschmied. Es gibt Werkzeuge, die ständig in Schuss gehalten werden müssen. Viele dieser Tätigkeiten könnt ihr durch Zusehen und Zuhören lernen. Es gibt auch einen Hofladen. Wir haben Sensen, die geschliffen werden müssen und Traktoren, die gewartet werden. Unser Bauer spricht ziemlich gut englisch und auch unsere Pferdepfleger sprechen das ziemlich gut. Wenn ihr also dort ein oder zwei Jahre mitarbeitet, dann lernt ihr deutsch. Vielleicht hat Ji Long dann Lust, Hufschmied zu werden oder Pferdepfleger. Vielleicht hat Chan Lan Lust im Laden zu bleiben oder dem Tierarzt zu helfen. Ihr bekommt ein kleines Gehalt und wenn ihr gut aufpasst, dann findet ihr schnell Anschluss und ihr findet einen Beruf, der euch Spaß macht. Anders als Detroit ist das hier eine sehr kleine und überschaubare Stadt. Ihr werdet hier schnell Freunde finden. Ich bin mir sicher. Was meint ihr dazu?“
Die „Kinder“ können das noch nicht entscheiden. Sie sind 17 und 19, hier ist alles fremd und von der Arbeit auf einer Farm, die gleichzeitig eine Schule ist, können sie sich nichts vorstellen. Sie müssen hier erst einmal ankommen, und Leon sieht Mo Li an. „Also gut. Dann machen wir das anders. In unserem Haus sind erst einmal viele Dinge zu erledigen. Die Kinder können dir ein paar Tage helfen. Vielleicht kann Ji Long die Fußleisten anbringen, einen Gartenzaun bauen, oder den rasen einsäen. Dann hast du ein wenig Zeit übrig und kannst dir mit den Kindern mal frei nehmen, um unsere Kleinstadt zu erkunden. Aber das wird nicht lange so gehen. Ihr braucht ein Ziel für die Zukunft. Lasst uns in ein paar Tagen noch mal darüber reden. Bis dahin werdet ihr Gelegenheit haben, unser Hofgut einmal kennenzulernen.“
6.
Irina weiß noch nicht, dass sie ein Mutant ist. Sie weiß nichts von Artemis. Sie weiß noch nichts von der Aufgabe, die ihrer Familie in dieser Welt noch zukommen wird. Ihre Kräfte sind noch nicht gut ausgebildet, und von dem Umfang der Kräfte, die Tante Chénoa zur Verfügung stehen, ist Irina weit entfernt, aber sie hatte im letzten Jahr viel dazugelernt. Sie verlässt sich voll auf ihren Großvater Leon, ihren eigenen Instinkt und ihr Aussehen. Sie wird das hier in Deutschland schon packen. Sie ist sich sicher. Schließlich wird ihr auch die Position ihres Großvaters in Wittenberge helfen. Die Schule gehört immerhin der Stiftung.
Irina gehört zur Elite. Sie hatte das bisher nur nie so empfunden, und jeder Gedanke, daraus einen Nutzen zu ziehen, um sich persönlich zu bereichern und zu erhöhen, liegt ihr fremd. Irina hat die Gene des Artemis. Sie ist Teil des Clans, und so etwas wie eine soziale Fürsorge ist ihr angeboren. Sie ist schließlich nicht nur ein menschliches Wesen, sie ist auch eine Cantara. Sie weiß das nur nicht. Sie ist unter einer ständigen Anleitung durch das Volk der Cantara, das sich in den letzten Jahrzehnten auf dieser Welt tausendfach vermehrt hat, und auch in ihrem Kopf sitzt. Völlig unsichtbar für die menschliche Gattung.
Irina wird nicht alleine sein, wenn sie sich hier integrieren muss. Sie wird die Hilfe der Cantara haben.
Die Cantara sind sich sicher, nicht alle Konflikte für Irina und Dimmy leicht lösbar zu machen. Wenn man für eine bestimmte Aufgabe vorherbestimmt ist, so wie Irina oder Dimmy, dann muss man lernen, die Mechanismen zu entdecken, die den Lauf der Welt bestimmen. Im Kleinen, wie im Großen, oder anders formuliert, Irina und Dimmy müssen konfliktfähig werden, und sie müssen lernen, wie beide Kontrahenten eines Konflikts stolz und gestärkt hervorgehen, aber doch so, dass Irina und Dimmy ihren Willen letztendlich durchsetzen, zum Wohl aller.
Das ist manchmal eine Gratwanderung, denn was ist letztlich das Wohl aller?
Für die Cantara ist dies nicht diskutabel. Sie wollen ihrer Weltanschauung auf diesem Globus Geltung verschaffen, und der Clan der Auserwählten ist ein Instrument auf diesem Weg.
Soviel weiß Irina immerhin: Sie hat ihre Kräfte erhalten, weil ihre Familie auf dieser Welt eine Aufgabe hat. Aber dieses Wissen ist noch diffus. Sie glaubt, die Kräfte von ihrem Vater geerbt zu haben, und Opa Leon ist nur der Verstärker eben jener Grundfähigkeiten.
Mehr muss Irina zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht wissen. Sie ist eine Lernende.
Kapitel 2. Die Eingliederung in bestehende Gruppen ist nicht ganz einfach. Über die Notwendigkeit, sich zu erden. Gute Freunde sind wie das Salz in der Suppe. Irinas erste Liebe.
1.
In einer Woche wird Irina ihren 14. Geburtstag feiern. Sie hat jetzt so viel zu tun, dass sie nur ungern daran denkt. Mit Vera und Leon hat sie schon gesprochen. Ob man die Feier nicht nach hinten verschieben kann?
Vera und Leon sind einverstanden. Kein Problem. Vielleicht in den Herbstferien? Wenn wir uns hier alle eingelebt haben? Mit deinen Geschwistern zusammen? Mit Fred, Sofia und den anderen? Irina hat bei diesem Vorschlag gestrahlt. Das wäre prima. Jetzt will sie sich erst mal auf die Schule konzentrieren, und sich von nichts ablenken lassen.
Leon denkt daran, wie seine Tochter Chénoa damals gelitten hatte, als sie 14 wurde. Es ist so eine Sache mit der Pubertät.
Völlig unvorhersehbar, und er freut sich, dass Irina das so gelassen nimmt. Er ist vorgewarnt, und er spricht mit Vera darüber. Vera schüttelt vorsichtig den Kopf. Sie sieht da jetzt keine Gefahr.
Die Stadt ist klein. Das Werk liegt südlich der Stadt. Es gibt da eine breite Landstraße, die zur nächsten Autobahn führt, und eine Zugverbindung. Nicht allzu weit weg fließt die Elbe, breit und flach. Bekannt durch heftige Hochwasser mit flächendeckenden Überschwemmungen. Auch Wittenberge ist hin und wieder davon betroffen., aber das Werk liegt südlich hinter der Stadt, in Richtung Bad Wilsnack, leicht erhöht, und ein paar Km von der Elbe entfernt. Da wird das Hochwasser nie hinkommen, auch nicht bei einer Jahrhundertflut. Mit dem Wachstum des Werkes war Wittenberge viel größer geworden.
Es gibt sogar dichte Wälder. Einige Waldstücke liegen sogar auf dem Firmengelände. Leon hatte sie damals einfach stehen lassen, und Anordnung gegeben, diese Waldstücke als Recreation-Area für Werksangehörige während der Mittagspause stehen zu lassen. Es gibt dort sogar Wege zum Wandern und Joggen, und etliche Mitarbeiter nutzen das morgends vor ihrer Schicht, oder bevor sie mit dem Bus nach Hause fahren.
Es ist gut, in Wittenberge zu wohnen, zumindest seitdem das Werk hier großflächig für Arbeit gesorgt hatte.
Wie gesagt, das Werk liegt südöstlich der Stadt. Es gibt auch einen direkten Gleisanschluß, weil viele der Güter mit Kühlwagen der Bahn transportiert werden.
Die Schule liegt im Norden der Stadt, zwischen Cumlosen und Perleberg, am Rand mehrerer Waldstücke, und westlich einer großen Feldfläche, in der Bauernhof und das Gestüt liegen, die an die Schule angegliedert sind.
Das Haus von Leon und Vera liegt direkt neben dem Fabrikgelände in Richtung der Stadt. Natürlich, wenn man die Strecke zum Stadtzentrum und zur Schule laufen muss, dann ist das schon ein ziemliches Stück, und ein Bus verkehrt nur zwischen dem Marktplatz und dem Werkstor.
Leon geht deshalb mit Irina und Dimmy zum örtlichen Fahrradhändler und sie erstehen vier Fahrräder. Nichts wirklich teures. Leon hat den Kopf geschüttelt. “Es kommt vor, dass solche Räder in der Schule beschädigt werden. Hier ist das anders als in den USA. Wir wollen auch keinen Neid. Also etwas Solides, das leicht fährt, aber nichts exquisites. Wenn ihr Spaß daran habt, dann können wir immer noch was besseres kaufen. Wenn die andern Kids euch verspotten wollen, dass wir uns nichts schickes leisten können, dann werdet ihr damit klarkommen.
Irina und Dimmy sparen sich ihr Geld auf. Leon spendiert die soliden Räder. Ein Tourenrad für Irina und ein Hardtail-Mountainbike für Dimmy, das allerdings mit einem Downhilllenker, oversized Reifen und einer 33 Gang Kettenschaltung ausgerüstet ist. Für sich selbst und für Vera nimmt Leon einfache Tourenräder. Nicht einmal einen Elektroantrieb gibt es. So oft werden Leon und Vera nicht damit fahren. Nur bequem müssen sie sein. Sie erhalten die Option, die Räder innerhalb von vier Wochen umzutauschen, wenn sie nicht gefallen. Das ist wirklich kulant. Nicht jeder bekommt solche Konditionen, das merkt Irina schnell. Leon ist in dieser Stadt nicht irgendwer.
Morgen wird der erste Schultag sein. Heute werden sie aber schon in die Schule gehen, für eine erste Einweisung. Mama hat schon wieder einen Kleinbus (im Moment geben sie wirklich viel Geld aus), und Mama bringt Irina und Dimmy in die Schule. Die Räder reisen im Kleinbus mit und wandern dort als erstes in einen der Fahrradständer an der Schule. Es gibt hier noch mehr Räder. Offenbar sind eine ganze Menge Schüler da, obwohl noch gar kein Unterricht stattfindet.
Dann gehen sie ins Sekretariat, das schon besetzt ist, werden aufgenommen und in den Block E geschickt, Zimmer 413.
Papa hatte die Formalitäten schon vorher erledigt, und Mama wird entlassen.
Irina und Dimmy erhalten einen Geländeplan, und weil die Schule ziemlich leer scheint, suchten sie nach Orientierungen und finden den Weg.
Die Tür ist offen. Sie finden noch etwa 30 Jungen und Mädchen in unterschiedlichem Alter und werden von einer blonden Frau in Hosen begrüßt.
Sie sei die Bettina Schneider und sie sollten sich erst mal einen Platz suchen, wo, das wäre egal. Sie sollten sich mit den andern bekannt machen - oder auch nicht. Das sei ihnen überlassen. Die Tische sind in Kreisform aufgestellt, so dass sich alle ansehen können. Auf jedem Platz liegt ein Stück Papier und ein Stift. Bitte Name drauf schreiben, steht da, knicken und aufstellen. Bettina Schneider wartet bis fünf nach acht. In dieser Zeit kommen noch mal 10 Jugendliche.
Dann steht Bettina auf. Sie sei Sozialarbeiterin und sie wird die Quereinsteiger erst mal betreuen. Sprache, Kenntnisse, wohnen und herumführen. Auch für das seelische Gleichgewicht sei sie da (sie lächelt). Sie erklärt das mit den Namensschildchen in mehreren Sprachen, und bittet dann alle, sich vorzustellen.
Im Laufe des Vormittags gibt es mehrere Tests. Schreiben, formulieren, Rechnen, Fremdsprachen. Vieles mündlich. Wichtig ist es, dass sie etwas über sich erzählen.
Eine große Gruppe ist schon an anderen Schulen dieser Art gewesen. In England, Spanien und Frankreich. Dann gibt es einige Neueinsteiger. Aus Berlin, Frankfurt, München und anderen Städten. Irina merkt, dass es einige Dünkel gibt. Es sind „gut betuchte“ Jugendliche unter den Neueinsteigern. Deutsche, Türken, mehrere Spanier, ein Afrikaner, ein Weißrusse und zwei Thailänder.
Es wird schnell klar, dass es einige Sprachdefizite gibt und Bettina nickt. Das ist immer so. Wir haben deshalb an den Nachmittagen spezielle Lerngruppen, die das sprechen, schreiben, rechnen und anderes trainieren. Ich sehe aber, dass ihr alle deutsch versteht, und ihr werdet ab morgen in die ganz normalen Klassen entlassen. Sie verteilt Zettel mit Nummern und Räumen, und dann bittet sie alle zum Aufbruch. Sie will ihnen endlich die Schule zeigen.
Obwohl sie ziemlich zügig geht, dauerte das seine Weile. Die Schule ist groß. Es gibt viele Nebengebäude und Außenanlagen. Sporthalle, Aula, Aufenthaltsräume, Fachräume (wie Werkstätten, Computer-, Video-, und Musikraum), eine Halfpipe, Tennisplätze, Felder, Gärten, Bauernhof und Ställe. Dort gibt es sogar eine Biogasanlage. Alle Dächer der Schule sind im Süden mit Solarpaneelen bestückt.
In den Fachräumen und auf den Außenanlagen finden sie eine Reihe von andern Schülern. Das sei immer so, erklärte Bettina. “In den Schulferien gibt es viele Arbeits-und Lerngruppen und andere Freizeitaktivitäten. Tomaten wachsen auch im Sommer, und die Kaninchen müssen auch in den Ferien versorgt werden. Außerdem haben wir ja unsere Werkgruppen, PC und Internetgruppen, Tanzworkshops, Bands, Chemiegruppen und andere, die oft bis in die Nacht zusammensitzen.”
„In den Ferien?“ fragt einer der Neuen. Bettina nickt. „Das ist kein Zwang. Die Kids kommen, weil es ihnen Spaß macht. Unsere Biologen und Chemiker haben zum Beispiel im Moment ein Projekt zur Verbesserung von Düngemitteln. Sie unter-suchen das. Sie stellen alles mögliche her. Das ist zeit-aufwendig. Wir sind nicht nur eine Schule, sondern auch so etwas wie ein Freizeitzentrum und eine Forschungsanstalt.
Unsere Musikräume sind während der Ferien immer voll belegt. Bei uns wird viel Musik gemacht.“ „Wie - jetzt“, meint der Neue. „So richtig mit Gitarre und Schlagzeug?“ Bettina nickt. „Ja, und auch einen Aufnahmeraum haben wir. Ein richtiges Tonstudio.“
„Aber vielleicht mal was anderes: Wir hier sind eine Gemeinschaft. Eine Schule, die nur funktioniert, wenn wir lernen uns einzugliedern. Für manche ist das ein Fremdwort. Wie sollen wir euch aber verantwortungsvolle Aufgaben übertragen, wenn Chaos herrscht? Ihr habt hier etliche, nein, viele teure Geräte zur Verfügung, viel mehr als an anderen Schulen. Unbedachte oder mutwillige Zerstörung? Diebstahl? Es sind die Einrichtungen für alle. Achtung vor dem Gemeineigentum ist etwas, was ihr hier lernen müsst. Es ist fast wichtiger als all der andere Lernstoff, der uns durch die Schulbehörde vorgegeben wird. Ich hoffe, deshalb seid ihr hier. Wir geben euch hier wirklich jede Möglichkeit, eure Neigungen und Talente herauszufinden und auszuleben. Ihr bekommt viel Unterstützung und wir haben in unserer Schule neben den Lehrern über 50 spezielle Betreuer, die für euch da sind, und wir haben auch noch externe Mitarbeiter, die Vorträge halten oder nachmittags Seminare leiten, wie Tontechniker, Biochemiker und Rechtsanwälte.”
Mittags werden sie in einen großen Raum geführt. Es gibt da grüne Pflanzen und eine Freitreppe zum sitzen. Es gibt eine Essensausgabe und heute gibt es eine Selbstbedienungstheke. Jetzt kommen alle möglichen Kids aus den Fachräumen dazu, um Mittag zu essen. Mindestens fünfhundert, schätzt Irina. „Wir kochen hier selbst“, meint Bettina. „Wir backen Brot und Kuchen. Wir machen Quarkspeisen und solche Dinge. Mittags beliefert uns die Werkskantine. Bei uns könnt ihr Orangen und Bananen bekommen. Käse-oder Wurstbrötchen. Das Mittagessen ist im Schulgeld enthalten, Frühstück und Nachmittagskuchen kostet eine Kleinigkeit. Ihr braucht euch also nicht mit Broten von Zuhause abzuschleppen. Auch Schokolade und Müsliriegel haben wir, das sonstige süße Zuckerzeug gibt’s bei uns nicht, dafür haben wir in der Schule überall Wasserautomaten aufgestellt. Wir legen Wert auf Beweglichkeit im Kopf und im Körper und wir legen Wert auf ein gesundes Nahrungsangebot. Verstanden?“
Es gibt ein abschließendes Gespräch für Fragen, dann geht Bettina in den gemütlichen Teil über. Sie sehen den Skatern zu und sie fragt nach Vorlieben. Ob sie Tiere Zuhause hätten, ob sie schon mal geritten seien, ob sie schon mal ein Huhn geschlachtet hätten? Es gibt viele Fragen und schließlich entlässt Bettina die ganze Gruppe. Sie gibt jedem eine Telefonnummer. “Ich bin wirklich immer für euch da. Nur eine Bitte habe ich. Die Nummer wird von der Zentrale zu mir durchgestellt. Auch ich brauche hin und wieder meinen Schlaf. Ich bitte das zu respektieren.“ Sie runzelt die Stirn. „Im vorletzten Jahr haben einige Kids versucht, mich nachts zu tyrannisieren. Es ist ihnen nicht gut bekommen. Also, im Notfall bin ich auch nachts für euch da, aber wirklich nur im Notfall. Ist das klar?“
Als Irina und Dimmy sich mit ihren neuen Fahrrädern auf den Nachhauseweg machen, meint sie. „So riesig habe ich mir das nicht vorgestellt. Über 5000 Schüler. Sie ist ehrfürchtig. Das ist eine Wahnsinnsleistung.“ Sie denkt eine Weile nach. „Das Musikzentrum in Berlin ist viel größer, sicher, aber dort ist auch alles freiwillig. Ich bin wirklich gespannt.“
Dimmy nickt. Ich hab schon bemerkt, dass bei den neuen einige Stinkstiefel sind. Das wird noch Ärger geben.“ Irina nickt. „Du meinst diesen Jörg und diesen Yussuf?“ Dimmy nickt. „Auch dieser Afrikaner ist mir nicht geheuer, aber ich hab nicht genau hingesehen. Lassen wir uns überraschen.“
2.
Als Irina am abend mit ihrer Familie zusammensitzt, fragt sie direkt, „Papa, unsere Betreuerin hat heute erzählt, das Mittagessen sei im Schulgeld enthalten. Frühstück und Nachmittagskuchen würden eine Kleinigkeit kosten. So wie ich das verstehe ist das ja eine Tagesschule, auch wenn die Kurse an den Nachmittagen zum größten Teil freiwillig sind. Wir sind also den ganzen Tag in der Schule?“
Leon nickt. „Wenn ihr wollt, dann schon. Das ist eure Entscheidung. Wir machen euch an den Nachmittagen ein Bildungsangebot, und ihr entscheidet, ob ihr daran teilnehmt. Einige Kurse sind allerdings Pflicht, etwa, wenn es um Förderkurse geht. Im Deutschen werdet ihr so einen Förderkurs unbedingt brauchen. Vielleicht auch in europäischer Geschichte, ich weiß nicht. Das sagen euch die Lehrer. Was ihr sonst nachmittags macht, Reiten, backen, Tomatenpflanzen setzen, Musik oder im Hofladen mitarbeiten, das ist euch überlassen. Ihr werdet in den nächsten Tagen von der Fülle des Angebots noch erschlagen. Wartet nur ab. Auch Ruheräume gibt es, wenn ihr mittags mal die Augen zumachen wollt, über Kopfhörer Musik hören, oder lesen wollt. Wir haben eine sehr große Bibliothek.“
„Wie jetzt“, meint Dimmy. „So richtig gedruckt? Nicht als E-book?“ Leon nickt. „Ein Buch zu lesen ist anders, als auf das Display zu starren. Vielleicht werdet ihr das noch feststellen. Jetzt aber zu den Frühstückskosten. Ihr bekommt natürlich ein Taschengeld, von dem ihr solche Ausgaben bestreitet.“
„Hmmm“, meint Irina. „Wie ist das nun mit dem Schulgeld?“ Leon schüttelt den Kopf. „Die Details weiß ich auch nicht, aber es ist schon so, dass Mac Best Food den Kindern von Werksangehörigen das Schulgeld komplett bezahlt. Wer Gast in unserer Schule ist, der zahlt selbst. Ich glaube, das sind so um die tausendfünfhundert Schüler und für die beträgt das Schulgeld 4.000 Euro im Monat plus Essen. Da musst du Oma Katharina fragen, oder unsere Buchhaltung.“ Dimmy ist interessiert, rechnet und hakt nach, „Mann, das sind ja sechs Millionen im Monat an Schulgeld, und wir? Was sind wir? Angehörige des Werks?“
Vera lacht. „Dimmy. Dein Vater ist im Werk beschäftigt, also seid ihr auch im weitesten Sinn Angehörige des Werks, so wie du das sagst.“
Irina schüttelt den Kopf. „Ich finde das ungerecht. Papa hat so viel Geld und das Werk zahlt für uns das Schulgeld?“ Sie überlegt kurz und fügt hinzu. „Sechsmillionen, das ist eine ziemlich große Summe. Ich kann mir gar nicht vorstellen, das das nicht reichen soll?“
Leon seufzt. „Irina, du hast ja recht, aber sieh es doch mal so. Die Stiftung (und natürlich unsere Firma und unsere Familie) übernimmt den größten Teil der Kosten dieser Schule. Ohne unsere Firma würde es diese Schule nicht geben. Was wir als Zuschuss vom Staat und von den privaten Besuchern bekommen, das reicht einfach nicht, und wir haben uns verpflichtet, den Kindern unserer Mitarbeiter die beste Bildung zu geben, die es gibt. Weil wir in Europa inzwischen einen einzigartigen Status haben, deshalb rennen uns die privaten Besucher die Türen ein. Wir könnten problemlos 3.000 Schüler pro Jahr zusätzlich aufnehmen, so viele Bewerbungen bekommen wir. Dann würden wir aber ersticken an dieser Flut. Jetzt schon sind wir bis an die Grenzen ausgelastet.“
„Jetzt mal zu deiner anderen Frage. 5.000 Schüler + etwa 200 Lehrer und 50 Sozialarbeiter mal 30 Tage mal 10 Euro Mittagessen. Wieviel ist das?“
Dimmy tippt den Betrag in seinen Armbandchronographen, der so ein richtiger Alleskönner ist. „Mann, Papa, das sind fast 1.6 Millionen Euro im Monat nur für Mittagessen.“
Leon nickt. „Ja, wenn du das sagst…, aber das ist nur ein kleiner Posten in der Rechnung der Schule. Löhne, Gesundheitsvorsorge, Unterhaltskosten, Strom und Wasser, Steuern, Tierpflege, Anschaffungen wie Internet und PC Programme. Überlegt mal, wieviel Klopapier wir täglich brauchen für 5.000 Schüler. Wenn ihr Genaues wissen wollt, dann müsst ihr mit Oma Katharina darüber reden.“
Er schließt: „Ich finde es ja gut, wenn ihr euch Gedanken macht, ich möchte aber doch vorschlagen, ihr lebt euch erst mal ein. Wenn ihr dann auf dieses Thema zurückkommen wollt, dann gerne. Dann wird Oma Katharina für euch auch einmal ein paar Aufgaben im Wirtschaftsrechnen finden. Die Finanzierung der Schule ist nämlich ganz schön verzwickt.“
3.
Die Schule beginnt. Es gibt hier ein Kurssystem. Irina und Dimmy kommen erst mal in die regulären Basisklassen, um ihr Wissen zu testen. Später werden sie in Leistungsklassen wechseln können.
Es wird schnell klar, dass sie in englisch in eine Leistungspruppe wechseln, da sind sie wirklich gut. Sie sitzen jetzt sogar zusammen in dem Englisch-Leistungskurs, obwohl Irina in die neunte und Dimmy erst in die achte geht.
In andern Fächern wird das erst nach einem viertel-oder halben Jahr entschieden werden.
Europäische Geschichte hatte in den USA nie auf ihrem Lehrplan gestanden und in deutscher Schrift sind sie völlig ungeübt.
Für solche Fälle gibt es Nachmittagsgruppen und sie werfen sich an den Nachmittagen erst mal in diese Pflichtkurse, die notwendig sind, wie deutsch schreiben und lesen und außerdem in Kurse, die ihnen Spaß machen. Irina geht auf den Bauernhof, Dimmy zur in die Halfpipe, in einen Videokurs und in einen PC Kurs.
Auf dem Bauernhof gibt es dieses Biogasprojekt, dann gibt es alle möglichen Treibhäuser, Freilandanbau und Blumenfelder mit Topfblumen (für den Verkauf), Schwertlilien, Mohn und alle möglichen Ziersträucher und Stauden. Mal gibt es Veilchen, mal Tulpen, mal Herbstblumen. Es gibt Felder mit Schnittlauch, Petersilie, Kresse, Silberzwiebeln und andere Gewürze, wie Thymian, aber auch Erdbeeren, Bohnen und Tomaten. Es gibt Hühner, Gänse, Ziegen, Schafe, Kaninchenställe, einige Kühe und Schweine. Die müssen alle versorgt werden. Die Ställe müssen regelmäßig ausgemistet werden, und es gibt eine große Scheune für Heu und Stroh. Traktoren, Heustapler, und eine Bewässerungsanlage.
Irina merkt schnell, dass es hier eine ganze Menge an freiwilligen Helfern gibt. Arbeitsgruppen, welche schon früh morgens die Tiere füttern, Gruppen, die für die Bewässerung zuständig sind, oder die Ernte von Gemüse oder Treibhaustomaten. Die Eier der Hühner und der Gänse werden regelmäßig eingesammelt und es gibt einen Hofladen, der von Schülern und Erwachsenen zusammen betreut wird. Da hier alles biologisch und ohne Chemie angebaut wird, sind die Produkte ziemlich begehrt. Für die Masse der Schüler hätte die Ernte nie gereicht, aber für den Hofladen ist das ein willkommenes Zubrot. Viele Schüler kaufen dort ein, und bringen das am Abend nach Hause mit. Die Schüler, die im Hofladen arbeiten, lernen schnell abwiegen, im Kopf rechnen, Preise unterscheiden und mit Geld umzugehen. Das sind Dinge, die man in der Regelschule nicht lernen kann.
Wer im Bereich Pflanzen und Ernten zuständig ist, der lernt, mit Lieferanten zu feilschen, die richtigen Sämlinge einzukaufen, sie zu setzen, das Wachstum zu überwachen und den richtigen Zeitpunkt für die Ernte zu finden. Es gibt Wochen - so wird erzählt - da ersticken sie fast in Salatköpfen oder Blumenkohl. Manchmal in Tomaten oder Mohrrüben. Immer gibt es genügend sogenannter Bioabfälle, die sind für Hühner, Ziegen oder Schweine. Irina lernt, dass Schafe im Sommer geschoren werden müssen. Sie lernt, dass die Hühner nur in den ersten zwei Jahren gut Eier legen, dann sind sie für den Suppentopf. Ziegen und Kühe müssen gemolken werden, und manchmal werden sie geschlachtet. Die Zeit bis zu den Herbstferien vergeht auf diese Weise ziemlich schnell.
Auf dem Bauernhof findet Irina dann auch die kleine Schwester und den Neffen von Mo Li wieder.
Sie hatten sich entschlossen, den Hof als Ausgangspunkt zu nutzen. Sie werden jetzt einfach in die Freiwilligengruppen integriert und eingewiesen. Wie ein Intensivpraktikum. Es gibt überall Dinge, wo man helfende Hände und ein paar mitdenkende Hirne gebrauchen kann. Das ist viel mehr, als nur ein Bauerhof. Es ist ein Teil der Schule, und englisch ist auf diesem Bauernhof die zweite “Amtssprache”. Für die Familie von Mo Li ist das äußert hilfreich.
4.
Blicken wir ein paar Wochen zurück. Irina fand schnell eine Freundin. Schon bei der Einweisung war ihr ein Mädchen aufgefallen. Sie ist Spanierin aus der Nähe von Madrid. Sie hat einen Bruder, der ein Jahr älter ist, und sie sind bei einer Familie in der Stadt untergebracht. Der Hauswirt hat selbst zwei Kinder, und er arbeitet im mittleren Management in der Fabrik. Die Frau arbeitet halbtags in einer Anwaltskanzlei für Wirtschaftsrecht. Sie beziehen ihre meisten Aufträge von Mac Best Food.
Carmen und Claudio sprachen natürlich spanisch. Sie waren dort in Spanien schon auf die vergleichbare Schule gegangen und sie wollen hier zwei Gastjahre verbringen. Deutsch lernen und Kontakte knüpfen. Irina hatte sie bei dem Rundgang auf spanisch angesprochen. Carmen hatte sie angelacht und auf spanisch geantwortet. „Nein, was für ein Zufall. Du bist in Mexiko geboren? Claudio, komm doch mal her… .“
Sie fand schnell heraus, dass sich Carmen für Musik, Tanz und Pferde interessierte, und als Carmen sie im Stall mit den Pferden sah, wusste sie sofort, dass Irina kein Neuling ist. „Dein Onkel hat eine Pferdezucht?“ Als Irina den Namen von Nakoma del Sol nannte, staunte Carmen noch mehr. Du meinst doch nicht etwa diesen Indio in Peru, diesen Pferdeflüsterer?“
„Du hast von Nakoma gehört?“ Sie hatten Gesprächsstoff, und durch einen Zufall war Carmen in der selben Klasse wie Irina. Carmens Englisch war verbesserungswürdig und Irina meinte nur: „das ist kein Problem“ und redete in englisch weiter. Die Mädchen hatten wirklich eine ganze Menge an Gemeinsamkeiten. Das Deutsch von Carmen war nicht sehr gut, weder im sprechen, noch im Schreiben, und sie hatten schon damit begonnen, gemeinsam zu üben.
Es gab noch andere Schüler, mit denen Irina schnell Freundschaft schloß. Sie waren alle in Gruppen auf dem Bauernhof. Pauline und Elfi, Pit und Sascha. Aber mit Carmen, das war etwas Besonderes.
5.
Für Dimmy schien es zunächst einfacher. Er nahm nachmittags einige dieser Lerngruppen in Anspruch. Deutsch schreiben, das war bisher sein großes Problem, aber bei den Cracks auf der Halfpipe, bei den Computerfreaks und in der Videogruppe konnte sich Dimmy austoben. Bei den Kids werden solche Leistungen wirklich anerkannt. Es gab ein paar alberne Querelen, aber Dimmy hatte das ziemlich schnell im Griff.
Einer der Kids (er ging zwei Klassen höher), der war auch so ein Obercrack auf dem Board, aber er konnte es nicht ab, dass jemand noch besser ist als er. Es gab da so eine Ingroup. Eine feste Gruppe, die niemanden an sich heran ließ.
Dimmy wollte nur seinen Spaß haben. Er wollte üben. Er würde sicher genauso gut werden wie sein Vater Frederik damals gewesen war, dort in Berlin, aber dieser Junge da, dieser Steffen, der fuhr ihm immer wieder in die Parade. Manchmal sogar ziemlich gefährlich. Stunts sind nun mal eine riskante Angelegenheit. Dimmy hatte zwar Ellbogen-und Knieschützer, aber bei Stürzen konnte man sich schwer verletzen.
Steffen zog über Dimmy her. Er verletzte das ungeschriebene Gesetz der Skateboarder auf Fairness und gegenseitige Achtung. Er gebrauchte dieses hässliche Wort vom Analphabeten, weil Dimmy im Deutsch lesen und –schreiben so schlecht war und er rempelte immer wieder und wieder. Er verdrängte Dimmy geradezu aus der Halfpipe. So hatte sich Dimmy das nicht vorgestellt. Er kannte solche Gruppen als eine eingeschworene Gemeinschaft von Freunden, nicht als Ausschluss von Einzelnen, weil sie erst neu dazukamen. Dimmy war bereits ein Crack. Er wollte nur trainieren und mit den anderen lachen.
Schließlich reichte es Dimmy. Er biss zurück. Als Steffen wieder einmal einen dieser Saltos machte, wo man am Ende der Kurve hoch in die Luft springt, sich dreht, überschlägt und mit den Füssen wieder auf dem Board landet, bevor man in den Abhang rauscht, da ließ Dimmy das Board mit seiner übersinnlichen Kraft ein Stück weiter weg fliegen, als normal. Steffen fiel ins leere und krachte halb auf die Kante und halb auf die Schräge der Halfpipe. Er brach sich den Knöchel und den rechten Oberarm, der Kopf schlug hart auf, und er bekam eine Gehirnerschütterung. Er sah ziemlich verdreht aus, und sie mussten einen Notarztwagen rufen. Mit Halfpipe war erst mal Schluß. Dimmy sagte nichts dazu. Er zuckte nur mit den Schultern. „Sowas kann passieren…“ Im selben Moment erhielt er einen Energiestrahl von Großvater, der ihm sagte. „Das war gefährlich. Mach was aus der Situation.“ Dimmy nickte innerlich und signalisierte. „Mamma hat immer gesagt, Stinkstiefeln muss man die Drüse ziehen.“
Opa.
Irgendwie war es immer so, dass Opa ihn begleitete, verbunden durch seine Energie. In diesem Moment war ihm Dimmy dankbar dafür.
Er hatte sich schon manchmal gefragt, ob es gut sei, dass Opa immer wusste, was er gerade denkt, wenn der das wirklich will. Dimmy hatte schon ein paar mal mit seinem Großvater darüber gesprochen, und Leon hatte geseufzt. „In unserer Familie gibt es schon enorme Kräfte, aber du musst wissen, dass es auch mir verboten ist, meine Kräfte zu missbrauchen. Manchmal nehme ich Kontakt zu dir auf, und du merkst es nicht einmal. Das ist meine Plicht. Vergiss nicht, Chénoa oder ich sehen vieles, aber wir müssen nicht über alles reden. Wir mischen uns nur ein, wenn es absolut notwendig ist.“ Dimmy hatte damals genickt. Es gibt Dinge, da war es gut, wenn Opa sich einmischt, wie ein Korrektiv, so wie gerade eben. Er hatte es aber noch nie erlebt, dass Leon ihm irgendwelche Vorschriften macht. So seltsam das klingt. Leon war bisher immer fair gewesen.
Mama hat diese Kräfte nicht, und sie ist in vielen Dingen viel strenger als Großvater Leon. Sie setzt Regeln und sie verlangt, dass sie eingehalten werden. Es sind Regeln, die das Miteinander bestimmen. Mama fordert Verlässlichkeit und Fairness. Dimmy kennt das nicht anders. Es war ihm bereits in Fleisch und Blut übergegangen. Auch wenn es in seinem Alter typisch ist, sich aufzulehnen, so hatte er noch nie einen Grund dafür gesehen. Mama und Großvater waren in ihren Argumenten bisher immer überzeugend.
Er wischte den Gedanken schnell wieder weg. Er hatte jetzt eine Aufgabe.
Weil Steffen erst mal ausfiel, hat Dimmy etwas mehr Platz und Ruhe. Jetzt fängt er an zu summen und fängt die Gruppe ein. Er will keine Führerschaft. Er will einfach nur seinen Sport machen. Er will keinen Ärger, sondern nur einer von vielen sein, die auf der Pipe fahren, und er will, dass Neue sich da problemlos eingliedern können. Nicht nur er. Es dauert eine Weile, dann begreifen sie das.
Als Steffen wiederkommt, versucht er die Führung wieder an sich zu reißen, aber Dimmy summt jetzt. Dagegen ist nichts zu machen. Zum erstenmal in seinem Leben spürt Dimmy diese Kraft, die ihm Leon gezeigt hatte. Diese Beeinflussung anderer Gehirne. Dimmy triumphiert innerlich darüber, aber er schweigt. Leon sieht ihn jetzt manchmal schräg an und lächelt. Leon weiß Bescheid und Dimmy sieht seinen Großvater innerlich lachen. Dimmy ist Großvater dankbar dafür, dass er nichts sagt.
Seit dieser Zeit sind die Karten in der Halfpipe neu gemischt. Dimmy fäng an, mit den andern Kids echt zu kommunizieren.
In der PC Gruppe ist das ganz anders. Auch da gibt es echte Cracks. Dimmy will etwas lernen. Die Kids sind viel besser als er, aber sie sind alle hilfsbereit.
Schon immer hat es dieses System Windows gegeben, dieses Basisprogramm von Microsoft. In den USA hatte Dimmy einen Mac gehabt, der liegt jetzt Zuhause. Für die Schule hat Leon ihm einen zweiten Laptop gekauft. Deine privaten Daten musst du nicht mit in die Schule nehmen, hatte er gesagt.
Schon lange hat es auch dieses freie System gegeben, dieses Linux und eine ganze Reihe von Open Source Programmen. Ein Textprogramm und vieles andere mehr. Vor rund zehn Jahren hatte Linux einen Ableger gegründet, der nannte sich Basics. Ein Programm, ähnlich einfach zu bedienen wie Microsoft, aber als offene Version. Es gab da alle möglichen Hilfsprogramme, auch zum DVD schreiben, Foto bearbeiten, Videoschneiden oder um Internetseiten zu schreiben, alles kostenlos, weil das von vielen Interessierten rund um die Welt selbst geschrieben worden war und ständig verbessert wurde, und der internationalen Gemeinschaft auch zur Verfügung gestellt wurde. Jeder der wollte, konnte daran mitarbeiten. Alles auf freiwilliger und unbezahlter Basis. Es war eine gewaltige Weltgemeinschaft, die ständig miteinander kommunizierte. Über alle möglichen Plattformen und Tauschbörsen.
Du kamst an die Codecs ran, jeder war aufgerufen, das System und die Programme zu verbessern. Es gab auch Virenschutzprogramme dafür, alles als Open Source entwickelt. Das System lief auf dem Windows PC und auf dem Mac. Sogar als Zweitsystem in einer Partition.
So etwas hat Dimmy jetzt auch wieder, aber für den Windows PC. Einige der Cracks arbeiten bereits auf dieser Plattform mit, und sie schreiben Programme. Sie tauschen sich im Internet gegenseitig aus. Mit Cracks aus China, Indien, Pakistan, den USA, Russland oder Nordafrika, die alle irgendwelche Phantasienamen im Netz benutzten. „ModulX“ oder „Synti2000“, „Cyber2“ oder „Blackjack“, manche nennen sich „dogwood“ oder „Greyhound“. Irgendwas halt. Es gibt große Plattformen zum Tausch solcher Informationen, und an dieser Schule gibt es wirklich ungeheuer gute Leute. Der freie unbegrenzte Zugang zu Informationen bestimmt die Kommunikation.
Dimmy war im Bereich PC bisher nur ein geschickter User gewesen, jetzt fängt er an, sich langsam für das Programmieren zu interessieren. CSS, PHP, HTML, MySQL, Perl, Javascript und all diese Schriften, um gebrauchsfähige Programme zu entwickeln, oder um dynamische Seiten im Internet zu erstellen.
Im Bereich Video ist Dimmy interessiert. Er hat eine recht gute Handkamera, und er hat sich bei seiner Tante Lara einiges abgeguckt, aber er ist nicht wirklich gut. Er gliedert sich ein und er lernt. Diese Videowerkstatt ist wirklich klasse. Sie gehen oft zu den Musikern. Sie drehen kleine Videos. Sie gehen auch in die Stadt, interviewen Passanten oder gehen zu den Tieren. Es gibt so ein paar kleine Schweinchen, die bauen Minikameras mit Drahtlosübertragung in die Mädchentoiletten, aber das findet Dimmy - ehrlich - nicht so gut, obwohl er am Anfang gegrinst hatte.
Er bekam das nur am Rande mit. Er sagte nichts dazu, aber gut fand er das nicht. Diese Verletzung der Privatsphäre war mit dem Ehrenkodex seiner Familie nicht vereinbar. Er spricht jetzt mit Leon darüber, und Leon nickt bloss. „ich werde das abstellen.“
Tatsächlich bauen die Kids nach einigen Tagen ihre Kameras ab und lassen das sein. Dimmy hat sie beobachtet. Er versteht das nicht. Als er Leon darauf anspricht, meint der bloss, manchmal ist es gut, von Chénoa zu lernen. So wie du deine Jungs in der Halfpipe eingesummt hast, so habe ich die Videokids eingesummt. Keine Angst. Sie haben mich nicht gesehen. Auch wenn ich mich in eine Fliege verwandle, kann ich summen. Diese Kids werden das nicht wieder tun. Wir werden ihnen in ein paar Wochen vielleicht anbieten, ob sie solche Filme mit richtigen Nutten drehen wollen. Mit Mädchen, die bezahlt werden, mit Profis. Dann werden wir weitersehen.“
Dimmy sieht seinen Großvater staunend an. „Sowas befürwortest du?“ Leon zuckt mit den Achseln. Die Jungs denken manchmal an nichts anderes als an wilden Sex. Warum sollten wir ihnen ein solches Ventil nicht gönnen? Sowas hat es schon seit Tausenden von Jahren gegeben.“ „Opa“, mahnt Dimmy streng, aber auch ein wenig lüstern, „ist das nicht ziemlich verwerflich?“
Leon schüttelt den Kopf. „Diese Berufe wird es immer geben. Die Umstände sind nicht gut, wie die Mädchen in diese Berufe kommen und die Gesellschaft ist heuchlerisch, wenn sie das nicht offen anspricht. Wir fördern weiß Gott nicht die Prostitution, aber wegdiskutieren können wir das Problem auch nicht. Mit 14 denkt man nun mal an kaum was anderes als an Sex. So ist das eben. Man muss sich damit auseinandersetzen. Junge und Mädchen sind da etwas verschieden, aber im Endeffekt denken beide an Liebe - auch wenn das in diesem Alter ziemlich verschieden ist, was sich Junge und Mädchen darunter vorstellen.“
Doch dann wischt Leon mit der Hand durch Luft. „Sollten wir innerhalb unserer Schule aber lieber doch nicht machen. Wir werden sonst angreifbar. Also lassen wir das mal lieber.“
Das will Dimmy nun doch genauer wissen und Leon spricht an diesem Tag lange mit Dimmy, über Moral, über die Entwicklung des menschlichen Körpers und über Lust, Hormone, Harmonie, Achtung und auch über Verantwortung, die eine Schule nunmal hat, weil sie Teil der Öffentlichkeit ist, und sich gegenüber den Eltern auch ständig legitimieren muss.
6.
Irina hat zunächst ganz ähnliche Probleme, wie Dimmy. Ihr Knackpunkt ist das Lesen und schreiben in deutscher Sprache. Sie muss richtig büffeln. Sie kann perfekt sprechen, aber die Schriftsprache ist ihr nur im englischen und im spanischen vertraut. In ihrer früheren Schule war spanisch ihr Wahlfach gewesen. Deutsch hatte es dort nicht gegeben.
Sie geht von Anfang an regelmäßig nachmittags in diese Lerngruppe. Sie trifft dort verschiedene andere Schüler, die alle dasselbe Problem haben, und auch Carmen und ihr Bruder sind dort.
Sie erlaubt sich jetzt diesen Trick, den ihr Leon gezeigt hat. Sie summt. Sie spürt, wie sich ihre Sinne schärfen und ihre Aufmerksamkeit verbessert wird. Sie spürt, wie sich das geschriebene Wort auf einmal öffnet und verständlich wird.
Sie verändert bald dieses Gesumm. Ihr ganzer Körper ist nur noch eine einzige leise Vibration. Dann spürt sie, dass die Aufmerksamkeit ihrer Nachbarin langsam zunimmt. Irina beobachtet Carmen. Irina blickt um sich, und beginnt ihre Vibrationen leise zu steigern.
Sie spürt, dass die Schüler auf den beiden Sitzbänken vor und hinter ihr langsam einen geraderen Rücken bekommen, sie hören besser zu. Irina nimmt mit Dimmy Kontakt auf, der in der in einer anderen Lerngruppe sitzt und sie beginnen ihre Energie zusammenzuschließen.
Irina lernt, ihre ganze Lerngruppe in einen Zustand der Erregung zu versetzen. Es ist, als wäre ein gordischer Knoten geplatzt. Der Lehrer staunt nur. Das hat er noch nie erlebt. Die Schüler machen auf einmal Fortschritte, die für ihn nur mit dem Begriff Quantensprung erklärbar sind. Warum das so ist, das versteht er nicht.
Er bespricht sich mit seinen Kollegen und er hört, dass das in der Lerngruppe von Dimmy genauso ist. Erst dieses zähe Ringen um Erfolge, dann dieser Übergang und dann war so etwas wie ein Ruck durch die Gruppe gegangen. An ihm hatte es nicht gelegen, er ist sich sicher. Das hatte es nämlich in dieser Intensität noch nie vorher gegeben, und seine Methode ist dieselbe geblieben.
Durch den Austausch ihrer Energie, hatten Irina und Dimmy gelernt, ihr Gesumm völlig lautlos zu gestalten. Sie selbst werden dabei zu einer Art reiner Energie. Ihre Körper vibriert leicht, wie wenn sie unter Strom stehen. Die Körperhaare sind aufgerichtet. Sie breiten ein Energiefeld um sich.
Sie spüren allerdings auch, dass sie das ziemlich ermüdet. Lange können sie das nicht durchhalten. Nicht mehrere Stunden am Tag.
So dosieren sie ihren Energiestrom, um auch hinterher wach zu bleiben und sie beschließen, mit Leon zu reden. Es muss doch möglich sein, diese Energie besser zu dosieren.
Leon nickt. Das ist eine lange Übung. Eure Tante Chénoa hat viele Jahre damit verbracht. Ich kann euch nur den Rat geben, dass ihr die Hilfe im Tunnel sucht. „Im Tunnel“, fragen Dimmy und Irina? „Ja. Versinkt ganz in euch. Geht in den Tunnel. Ihr werdet dort eine Antwort finden.” Dann hilft er ihnen bei ihren ersten Versuchen.
Sie gehen in diesen Tunnel. Dann ist da plötzlich diese Stimme. Nein nicht wirklich eine Stimme. Mehr das Gefühl einer Stimme, oder vielleicht auch eine Art Vision, die ihnen den Weg aufzeichnet. Whow.
Die Botschaft ist klar. “Ihr habt die Anlagen. Ihr müsst aber schon selbst nach Lösungen suchen und eure Kraft bündeln und trainieren. Viele eurer Geschwister haben weit größere Kräfte als ihr. Schließt euch kurz und übt. Konzentriert euch ganz darauf, ein Energiefeld aufzubauen, zu halten, die Energie langsam zu steigern, aber ohne dass ihr schlapp-macht. Dosiert diese Energie. Ihr werdet dann Stück für Stück besser werden.“ Dann verblasse diese Vision wieder.
Leon nickt. „So ist es immer. Das ist wie bei einer Sphinx. Wie eine jener altertümlichen Wahrsagerinnen, die immer in Rätseln geantwortet haben. Es liegt an uns, dann nach einer Lösung zu suchen. Diese Stimme setzt nur einen Impuls. Macht was draus.“
Irina und Dimmy schlucken. Dann schließen sie sich kurz. Sie legen die Hände zusammen. Sie erzeugen eine Energiekugel aus sprühenden Funken und sie ziehen sich ganz in sich selbst zurück. Sie denken zusammen nach.
Dann, wenn sie ihre Energie offen zeigen dürfen, dann gelingt ihnen viel mehr. Das schwierige ist, sich in diesen unsichtbaren Energieströmen zu üben. Sie sind sich plötzlich sicher, dass sie die Hilfe der Familie brauchen.
Jedenfalls waren die ersten zwei Monate für Dimmy und Irina richtig harte Wochen. Die vielen neuen Kurse und Schüler. Irina und Dimmy waren weit entfernt davon, das Geschehen zu kontrollieren. Nur in kleinen Einheiten, so wie auf der Halfpipe oder in diesem Deutschkurs, da gelang es ihnen und so langsam fanden sie auch weitere Freunde.
7.
Zwei Wochen vor den Herbstferien spricht Leon mit Irina. „Also. Hast du dir das jetzt überlegt? Das mit deinem Geburtstag?“ „Ach ich weiß nicht“, meint sie, „langsam lebe ich mich hier ein. Es gefällt mir ganz gut hier. Mit dem Stoff, da muss ich noch richtig büffeln. Es ist eben doch alles anders. Ich will den Anschluss gewinnen. Ich habe deinen Rat auch noch nicht wirklich umsetzen können. Ansatzweise ja, aber mehr auch nicht.“
Dann macht sie eine lange Pause. „Da ist noch was. Ich sehe, dass Mama jeden Tag deutsch lernt. Ich sehe, dass sie mit dir jeden Tag in die Fabrik geht. Ich sehe auch, dass Mama viel nachdenkt. Also. Wegfahren, das wäre jetzt sicher nicht so gut. Wir sind jetzt hier in Wittenberge, aber angekommen sind wir noch lange nicht.“
„Pooh“, meint Leon. „Irina. Du machst dir ja echt Gedanken...“ und dann ergänzt er... „sollen wir mal so ein Partyzelt im Garten aufschlagen? Sollen wir mal noch ein paar Fahrräder organisieren und sollen wir mal unsere Freunde hierher einladen? Für zwei oder drei Tage? Mal ein bisschen radeln, mal schwarze Elster, oder mal die Lutherstadt Wittenberg besuchen? Klingt ja fast wie Wittenberge, ist aber ganz anders. Ich hab gehört, dass es da entlang der Elbe wunderbare Naturschutzgebiete gibt. Richtig romantisch. Ist ja nicht so weit. Was meinst du? Du kannst mit deinen Geschwistern ein bisschen schwätzen und üben. Denk dran, auch in der Familie kann man sich erden.“
Irina denkt lange nach, dann senkt sie langsam den Kopf. „Du hast mal gesagt, dass wir Kinder uns untereinander viel mehr sehen sollten. Du hast auch mal gesagt, dass für dich die Kinder die Zukunft sind…, du hast recht. Ich hab hier jetzt den Kopf voll, aber ich bin ein Teil unserer Familie. Dein Rat geht mir auch nicht aus dem Kopf. Laden wir auch Oma und Frederik dazu ein?“ Leon nickt. „Ich kann mich kurzschließen und alle einladen. Dann sehen wir, wer alles kommt. Noch etwas. Vera und ich, wir wollen heiraten. Ist dir das recht?“
„Mama und du??? Aber... ja natürlich ist mir das recht. Ich weiß doch, dass ihr euch liebt. Aber..., Fred..., wird er dann nicht furchtbar enttäuscht sein? Und was ist mit Oma Katharina und mit Oma Mila?“ Leon lächelt. „Da gibt es keine Probleme. Ihr seid jetzt schon wie Kinder für mich, und ich habe Vera einmal versprochen, dass ich mich um sie kümmere. Das war kein hohles Geplapper. Ich liebe deine Mutter und wenn du einverstanden bist, dann werde ich euch adoptieren. Aber mit Dimmy muss ich das auch noch besprechen.“
„Dimmy? Der hat sicher nichts dagegen. Der hat doch erstmals wieder das Gefühl einen richtigen Vater zu haben.“ „Trotzdem“, meint Leon, „fragen muss ich ihn.“
Auch Dimmy ist einverstanden. Mehr noch. Er ist hocherfreut. Es gibt ihm das Gefühl von Sicherheit. So als wenn Leon dann nie mehr weggehen wird und ihn nie im Stich lassen wird.
„Gut“, meint Leon, „dann werde ich unsere Familie mal einladen. Wo die alle wohnen werden, ist mir allerdings ein Rätsel, aber bei Lara und Katharina ist viel Platz. Wir hier sorgen für Essen und das Rahmenprogramm.“
8.
Genau genommen ist das Leon sehr recht. Hier ist viel zu tun. Im Werk läuft zwar alles rund, aber es gibt immer diese täglichen Probleme. Er hatte sie lange delegiert. Er muss hier wieder eine Linie reinbringen. Dann sind da die ganzen Restaurants, überall in Europa. Er muss sich dringend wieder um das Personal kümmern, ähnlich, wie in den USA. Er braucht Beobachter, mehrere Supervisor, Schulungen. Er hat sich gedacht, dass Vera das in ihre kompetenten Hände nehmen könnte, aber Vera muss erst einmal in die Strukturen des Werkes und in die Sprache eingearbeitet werden. Alles ist hier anders.
Vera lernt jeden Tag deutsch. Sie absolviert auch eine Art Intensivpraktikum. Sie geht von Abteilung zu Abteilung, beobachtet, stelllt Fragen und hilft mit. Allein diese ganzen Formalitäten sind komplex. Frachtbriefe, Lieferscheine, Zollpapiere, die Überwachung von Lieferungen, Verhandlungen mit Lieferanten, Einkauf von Gewürzen, die Kontrolle der einzelnen Restaurants, all das. Ja, wenn Vera durch den Raum gehen könnte, so wie ihre Kinder, dann wäre alles viel einfacher, aber dieses hin- und herfahren zwischen verschiedenen Locations, das würde Vera völlig überfordern. Da musste eine Lösung her. Leon kann sie mit dem Einkaufsleiter nach Hamburg schicken, sicher, er kann sie bei Verhandlungen zu den Gemüselieferanten mitschicken, er kann sie aber nicht nach Freiburg, Paris, Edinburgh, Wien, Madrid und andere Städte schicken, alles im 2-Stunden-Takt, so wie er das macht, dank seiner Kraft, durch den Raum zu gehen. Das geht bei Vera nun mal nicht.
Sie würden eine Lösung brauchen, wie in den USA.
Vorerst arbeitet Vera immer wieder mit der Personalabteilung zusammen. Außerdem ist da noch Katharina, die schon seit ewigen Zeiten die Promotionaktivitäten in Europa managt, und die (als Mitglied der Geschäftsleitung) auch Mac Best Food vorsteht. Auch mit Katharina muss Vera lernen zusammenzuarbeiten.
Manchmal springt Leon mittags mit Vera einfach vom Werk in seine kleine Wohnung auf dem Werksgelände, wo es immer einen vollen Kühlschrank gibt, dann machen Sie Liebe. Sie brauchen das. In diesen Momenten fällt alles von ihnen ab. Dann können sie alles ansprechen.
Abends sind die Kinder da. Sie müssen sich um sie kümmern und am Morgen - das haben sie beibehalten - da gibt es dieses Familienfrühstück. Nur am Wochenende lassen sie das manchmal nach hinten gleiten und sie treffen sich dann erst um neun oder um zehn. Manchmal muss Leon an den Wochenenden später noch weg. Dann gibt es Treffen mit Chénoa, Paco, Fred, oder irgendwelchen Politikern und Geschäftsleuten. Zu gemeinsamen Fahrradausflügen waren sie bisher noch nicht gekommen. Diese Eingewöhnung betrifft alle. Sicher. Leon ist hier der Chef, aber er hatte sich fast 18 Monate nicht sehr intensiv um die Besonderheiten der europäischen Angelegenheiten kümmern können. Das ist ein lange Zeit, es war viel Arbeit aufgelaufen, und seine Präsenz ist gefordert.
Irina ist an diesen Wochenenden schon unterwegs, bevor Leon und Vera aufstehen. Sie nimmt das mit den Tieren und dem Hof sehr ernst. Sie hat schnell gemerkt, dass viele Mädchen ganz auf die Betreuung der Pferde stehen, aber an den Wochenenden, da schlafen sie auch gerne mal aus. Irina ist das recht. Sie genießt diese Samstag-und Sonntagmorgen in den Ställen und Ihre Freundin Carmen, die ist da genauso.
Der Bauer hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, mit den Hühnern aufzustehen. „Und wann ist das“, hatte Irina gefragt und der Bauer hatte geschmunzelt. „Wenn die Sonne aufgeht, werden auch die Hühner wach. Musst du mal morgens um drei kommen. Das ist hier wirklich ein Erlebnis.“ „Pffft“, hatte Irina gemacht. Das ist mir etwas zu früh.“ Der Bauer hatte gelacht. „Es gibt ein paar Schüler, die machen das, kommen hier für zwei Stunden her, füttern die Hühner, sammeln Eier ein, sehen nach den Ziegen und Hunden und gehen dann noch mal schlafen.“
Irina findet das sehr beeindruckend. Sie steht oft schon um halbsechs am Morgen auf. Sie findet es auch immer aufregend, samstags oder sonntags früh durch die kleine Stadt zu fahren. Das Licht und die Geräusche sind dann ganz anders, als zu anderen Tageszeiten. Der Backladen duftet nach frischen Brot und Morgenkaffee. Der Gemüsehändler lädt seine Steigen auf die Auslagen vor dem Laden, mit Orangen, Zitronen, Kiwis, Mangos und vielen andern Dingen, die es im Hofladen nicht gibt. Die ersten verschlafenen Morgenbummler kriechen aus ihren Häusern und blinzeln in die Sonne. Es ist irgendwie alles so friedlich. Auf dem Rückweg fährt sie regelmäßig beim Bäcker vorbei. So etwas hatte es in den USA nicht gegeben. Irina liebt das.
Wenn Irina im Stall fertig ist, bringt sie Brötchen, frische Blumen, oder frisch gepflückte Tomaten mit, manchmal Möhren oder einen Salat. Manchmal Hörnchen oder frischen Blechkuchen. Sie hat vorn und hinten einen großen Einkaufskorb auf dem Rad, wo sie alles hineinpacken kann. Sie fährt gern Fahrrad. Es gehört hier einfach zum Leben. Alle machen das.
Irina ist wirklich schon mehr integriert als Vera. Vielleicht auch, weil Freundschaften in diesem Alter viel leichter geschlossen werden. Das klappt bei Irina gut, und sie hat sich wirklich Ziele gesetzt. Sie will hier etwas lernen. Sie hat verstanden, dass diese Schule und diese kleine Stadt ihr einzigartige Möglichkeiten bieten. Ihre Schulen in den USA waren wirklich gut gewesen, aber das ganze Umfeld war anders. Sie hat das Gefühl, dass in dieser kleinen Stadt alles harmonisch aufeinander abgestimmt ist, wie bei einem Uhrwerk.
Diese Vielfalt an Möglichkeiten war am Anfang verwirrend, aber sie spürt überall bei den Kids diese Bereitschaft, etwas lernen zu wollen. Dass es da sogar Kids gibt, die morgens um drei auf dem Hof erschienen, dann noch einmal ins Bett gehen, um dann pünktlich um acht im Unterricht zu sitzen, das findet Irina obercool.
9.
Leon schließt sich also mit all seinen Kindern kurz und sie wollen wirklich alle zu Irinas Geburtstag kommen. Sie werden nicht alle drei Tage da sein können, aber doch, eigentlich werden sie alle kommen.
Es ist in Leons Familie nicht üblich, an den Geburtstagen oder den Festen etwas zu schenken. Ja, man tut das, wenn der andere einen Wunsch hat. Man tut das, um den andern mal zu überraschen, aber Leon weiß, dass Irina hier gerade dabei ist, glücklich zu werden. Sicher. In der Schule gibt es auch den einen oder anderen Ärger. Es gibt Pflichten. Sie muss ihre Linie finden. Wo gibt es so was nicht. Was sich Irina wirklich wünscht, das ist wieder eine richtige Familie. Sie praktizieren das schon, aber etwas fehlt noch.
Das Grundstück ist groß. Die Firma hatte es mal gekauft, um Erweiterungsgrundstücke für den Ausbau des Werks zu haben. Leon lässt jetzt kurzerhand mehrere stabile Partyzelte aufbauen, mehrere Grills aufstellen und er lässt sich zwei Lastwagen voller Topfpflanzen bringen. Lauter Herbstblumen. Astern, Anemonen, Lilien, Chrysanthemen und allerlei Staudengewächse. Er hatte mit dem Friedhofsgärtner und einem Blumengroßhändler gesprochen. Ein Teil ist geborgt, die andern Blumen wurden gekauft. Leon will es bunt und fröhlich. Die Zelte werden innen mit bunten Tüchern ausgeschlagen und sie hängen Lampions in den Garten. Mo Li und ihre „Kinder“ sind dabei eine große Hilfe.
Der Fahrradhändler wird Leihräder stellen. Vera hatte Irina einen Tag vor dem großen Fest gebeten, ob Irina sie durch den Tunnel der Raumdurchquerung mit nach Berlin nimmt. Sie hätte gehört, dass eine Freundin von Katharina ein Modeatelier hätte. Dann könnten sie sich ein wenig einkleiden. „Bitte“, hatte Vera gebettelt, „tu mir den Gefallen, hol mich ab und begleite mich zu Katharina und ihrer Freundin, ich möchte mich für deinen Geburtstag schön machen.“
Irina vermutet, dass das nicht alles ist. Sie seufzt springt mit Mama zu Oma Katharina.
Sie lernt nicht nur Martina kennen, die Mutter von Helen, sondern auch ihre Partnerin Elfi. Tja, Elfi - Mann ist die eine Wucht. Elfi hat wirklich eine Wahnsinnskollektion. Junge und frische Mode. Bunte eng anliegende Hosen, manche in Stretch, manche in Kord oder Leinen, weite Pullover, T-shirts mit gewagten Ausschnitten, Kleider und total durchgestylte bunt bedruckte Shorts und Sportklamotten.
„Mama...“ Irina ist wirklich baff. Vera staffiert sie aus. „Alles für mich?“ „Wirklich alles für mich?“
Elfi hat auch Hosenanzüge. Schlabberklamotten und Arbeitshosen, ihre eigene Jeansmarke und... Irina ist wirklich perplex.
Vieles wird sie vielleicht nie anziehen. Sie ist gern in Arbeitsklamotten. Im Stall zieht man an, was praktisch ist, aber warum nicht ein bisschen Schau und Chick?
Irina bleibt auf dem Teppich. Sie will ein paar praktische Sachen, ein paar Tücher und etwas buntes für die wenigen passenden Gelegenheiten. Sie wächst ja immer noch etwas.
Dann geht sie mit Mama zu Martina und Mama läßt sich dort einkleiden. Später sitzen sie auf dem Kuhdamm und essen zu abend, dann springen sie zurück. „Aber nicht gucken“, bittet Mama.
Aha, denkt sich Irina. Also doch eine Überraschung.
Am nächsten Morgen ist sie schon früh wach. Sie ist aufgeregt. Sie sieht aus dem Fenster und es ist alles wie sonst.
Sie steht auf und schleicht auf die Treppe. Sie schaut dort aus dem Fenster und es verschlägt ihr die Sprache. Das ist Mamas Geheimnis. Sie sieht die Zelte und die Beete von Blumen, die Lampions und all das. Alles ist in einen leichten Morgennebel gehüllt, das Licht der Sonne erhellt gerademal den Horizont. Aber es ist zu ahnen, was Papa da hingezaubert hat. Alles für sie. Sie wäre am liebsten gleich zu Mama und Papa gelaufen und hätte sie umarmt. Aber sie verkneift sich den Impuls. Mamas Schlafzimmer ist tabu.
Sie weiß nicht, dass Leon schon längst unterwegs ist.
Sie hört hinter sich eine Tür. Es ist Mama. „Nicht lunzen“, meint sie. „Komm, lass uns mal ein bisschen schön machen. Sie schickt Irina unter die Dusche, dann beginnt sie mit Irina ein Pflegeprogramm. Haare kämmen, etwas Lidschatten, etwas Wimperntusche. „Mama. Woher kannst du das?“ Es ist bei ihnen sonst nicht üblich. Mama ist eine natürliche Schönheit. Sie braucht solche Hilfsmittel nicht, aber ein bisschen betonen... warum nicht?
„Ok. Jetzt die Anziehsachen.“ Vera läßt sie etwas von diesen bunten Sachen anziehen. Nicht das eleganteste, aber praktisch und kleidsam.
Inzwischen ist Dimmy wach, und er lunzt durch die Türspalte. „Whow. Was für geile Weiber.“ Irina wirft eine Haarbürste nach ihm und Dimmy schlüpft lachend hinter die Tür und zieht sich dann selbst an.
Sie sind kaum fertig, da hört Irina Hufgetrappel und ein Wiehern.
„Also komm“, meint Vera. Sie gehen hinunter, Dimmy schließt sich an, und sie treten aus dem Haus.
Draussen stehen fast zwei Dutzend Pferde. Leon ist da, Fred und Sonja sind da. Ihre Freundinnen aus der Schule und die Kinder von Sonja waren gekommen. Oma Katharina, Lara, Helen und sogar Conny sind da. Sie haben alle etwas Festliches an. Sie haben Kerzen dabei. Sie steigen jetzt ab, sie binden die Pferde an und zünden die Kerzen an. Dann beginnen sie zu singen. Conny hat ihre Geige dabei und sie spielt dazu.
Irina lehnt sich an Mama. Sie hat Tränen in den Augen. Ach ist das wunderbar.
Dann gehen sie alle hinein. Irgendwie verschwinden sie fast alle in der Küche, um beladen wieder hinaus zu kommen. Kaffee, Müsli, Quarkspeisen, Cornflakes, Brötchen, Käse…, Papa musste schon sehr früh aufgestanden sein.
Im Nu ist der große Tisch ausgezogen und gedeckt. Sie nehmen Platz und fangen an.
Irina freut sich besonders, dass ihre Freunde und Mitschüler Carmen und Claudio, Pauline, Elfi, Pit und Sascha da sind.
Irina ist glücklich.
Im Laufe des Vormittags kommen immer mehr. Onkel Paco und Zehra, Tatjana und Anastasia, sogar Chénoa kommt mit Oma Mila und sie bringen alle ihre Kinder mit. Es wird richtig voll.
Carmen zieht irgendwann einmal Irina zur Seite, „und das sind alles Verwandte von dir?“ Irina nickt. „Ein kleiner Teil meiner Verwandtschaft, ja.“ „Puuuh“, meinte Carmen, „und du kennst all ihre Namen?“ Irina lacht, „na, aber hör mal. Ich hab allein vierzehn Geschwister, Wär doch schlimm, wenn man da nicht jeden kennt.“ „Puuuh“, meinte Carmen, die auch eine große Verwandtschaft hat. In Spanien ist das normal, aber hier? Sie merkt schnell, dass hier wirklich jeder jeden kennt und die Freunde aus der Schule werden einfach in die große Familie aufgenommen.
Die Pferde waren schon wieder weggebracht worden. Irgendjemand hatte das organisiert. Am Nachmittag schwingt sich ein Teil auf die Räder und radelt ein bisschen in den Wald, Luft schnappen. Als sie zurückkommen, ist die Gruppe noch mal angewachsen. Onkel Nakoma ist mit seinen Kindern gekommen und sie haben eine peruanische Musikgruppe dabei.
Nein, sie hatten sie nicht aus Peru mitgebracht, die Gruppe gastiert gerade in Deutschland. Katharina hatte sie für den Abend gebucht und sie waren im Bus gekommen, in Landestracht und mit all ihren Instrumenten.
Der Abend wird immer fröhlicher. Die Laternen brennen. Es ist eine angenehme Herbstnacht, sie haben sich Decken geholt und es gibt heiße Getränke. Kakao, Kinderpunsch, Zitrone und heißen Holundersaft.
Um elf beschließen sie, das Fest zu beenden. Die Feuchtigkeit der Herbstnacht zieht an, und es wird frisch. Morgen ist auch noch ein Tag. Carmen und die Freunde werden mit Mamas Bus nach Hause gebracht. Die Musiker werden ins Hotel gefahren, Oma Mila bleibt da. Der Rest der Familie springt komplett nach Berlin. Im Musikzentrum ist Platz für alle.
Irina ist müde, aber sie bittet Oma Mila, ob sie bei ihr im Gästezimmer schlafen darf. Sie kuschelt sich bei Oma Mila ein und bittet sie, ihr etwas zu erzählen. Das kann Oma Mila gut. Sie ist die perfekte Geschichtenerzählerin und Irina schläft bald ein.
In den nächsten beiden Tagen ist die Familie unter sich. Sie schwätzen. Die Kinder üben ihre Kräfte. Sie besuchen zusammen die Lutherstadt Wittenberg und diese Naturschutzgebiete in den Elbauen. Sie verwandeln sich in Reiher und fliegen mit den anderen Reihern über die Elblandschaft.
Nur ganz früh am Morgen, da geht Irina immer in den Stall, um die Pferde zu versorgen. Das ist ihr wichtig und sie wird dabei von ihren Geschwistern begleitet.
Endlich ist wieder so etwas wie ein ganz enger familiärer Zusammenhalt zu spüren, den Irina aus ihrer frühesten Kindheit in Erinnerung hat. Nicht nur das laute und kunterbunte, sondern auch das, was die Familie ausmacht, wenn sie sich alleine wähnt. Die gemeinsame Kraft.
Irina atmet tief ein. Ja, das hat ihr wirklich gefehlt.
In diesen 3 Tagen nimmt Irina ihre Tante Chenoa mal beiseite. “Tante, sagt sie. Kannst du mir helfen, damit mich die Energieströme nicht zu sehr auslaugen?”
Chénoa lächelt. Dann nimmt sie die Hände von Irina. “Versuch mal ganz in dich zu versinken. Verlasse die Welt um dich, aber höre mir trotzdem zu.” Dann spricht sie weiter, ohne die Lippen zu bewegen. Nur Irina kann das hören. “Gut, gut. Und jetzt versuche, in dich selbst hineinzukriechen. Ich helfe dir dabei. Siehst die Nervenstränge? Siehst du die Synapsen? Jetzt geh in deinen Kopf. Siehst du die Verbindung aus Gehirn und Nerven? So, und jetzt spanne ein leichtes Feld von Energie auf. Versuche einmal, die Gräser um dich herum alle nach Norden zu legen, in einem Umkreis von einem Meter. Anstrengend? Jetzt versuche den Radius zu erweitern. Mache 2 Meter daraus, dann fünf. Halte dein Energiefeld.” Sie nickt innerlich. “Gut so. Ich sehe, dass dich bald das müde machen wird. Jetzt versuche mal, dich ganz von deiner Energie abzukoppeln. Lass das Energiefeld stehen, ziehe dich als Person zurück. Öffne die Augen, nimm deine Umwelt wieder wahr.”
Chenoa hilft Irina bei diesem schweren Schritt. “Hast du begriffen? Hast du den chemischen Prozess gesehen, der da gerade in deinem Gehirn passiert ist? So, und jetzt siehst du, wie dein Energiefeld einfach stehenbleibt. Wie von selbst. Du kannst dich aber stets einklinken und die Energie verstärken. Wechsele jetzt mal auf 8 Meter, dann zurück auf drei. Ja gut so. Spürst du die Wärme? Spürst du, dass dich diese Energie plötzlich selbst wärmt? Es ist, wie ein Perpetuum Mobile. Du entfachst Energie, und die Energie kommt zu dir zurück. Siehst du, was ich meine? Siehst du, wie dein Gehirn plötzlich mit Sauerstoff versorgt wird. Im Pflanzenreich würde man jetzt sagen, dass da Chlorophyll aufgebaut wird, um Sonnenenergie einzufangen.”
Irina ist sprachlos. “Ja, ich spüre das. Es ist, wie eine Glut. Wie eine Neugeburt. So etwas habe ich noch nie zuvor erlebt.”
“Gut. Jetzt bewege dich mal. Geh auf dem Rasen herum. Du siehst, wie das Energiefeld mit dir geht. Du bist immer das Zentrum der Energie. Diese Beeinflussung kannst du auch mit Menschen machen, oder mit verschiedenen anderen Gegenständen. Du kannst sie bewegen, ohne sie selbst zu berühren.”
Sie greift in die Tasche, und wirft Irina einen Schlüsselbund hin. “So. Hebe ihn auf mit deiner Energie, so dass er schwebt. schicke ihn jetzt zu mir zurück.”
Chenoa greift nach den Schlüssel, der auf sie zukommt, bricht ihn aus Irinas Energiefeld und steckt ihn ein. “Begriffen?”
Irina atmet tief ein.
“Heute habe ich dir geholfen, aber du wirst das auch alleine schaffen. Am Anfang noch etwas unbeholfen, aber mit Übung wirst du sehr gut werden. Ich sehe deine Anlagen. Du kannst das.”
Irina schaltet ihr Energiefeld ab, und umarmt Chénoa. “Tante. Du hast mir heute das schönste Geburtstagsgeschenk von allen gemacht. Danke.”
Sie spürt die Wärme und die Energie Chenoas, die wie ein Impuls in ihren Körper eindringt. Sie spürt die Kraft, die da plötzlich in ihr wächst. Whow. Sie atmet den Duft Chenoas, der schon immer unvergleichlich gewesen ist. Erfrischend ist er jetzt. Fast wie eine Lotusblüte, aber da sind noch viel mehr Gerüche. Flieder, Veilchen, eine Spur von Thymian. Der Duft steigt in Irinas Kopf und bleibt dort in der Erinnerung haften. Sie verknüpft diesen Duft jetzt mit dem chemischen Prozess der Loslösung von Ihrem Energiefeld, und es macht plötzlich klick. Irina hat begriffen, und sie wird diesen Prozess jetzt steuern können. Wann und wo sie das will. Sie ist ich sicher.
In diesen drei Tagen teilt Leon seiner Familie auch mit, dass er Vera heiraten wird. Irina ist stolz und froh. Sie sieht, dass Katharina und Mila schon Bescheid wissen. Sie sind einverstanden. Fred nicht nur zustimmend mit dem Kopf und wünscht den beiden Glück. Er hat Sonja inzwischen geheiratet und er ist jetzt ganz monogam. Es war wieder so etwas wie eine Ordnung in die Familie gekommen.
10.
Als Irina am nächsten Tag wieder in den Stall geht, wartet Carmen schon auf sie. Sie versorgen die Pferde und die Hühner. Sie gehen in den Gemüsegarten und schauen nach Chan Lan und Ji Long.
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