Kitabı oku: «Die unschuldige Königin»
Hans-Peter Vogt
Die unschuldige Königin
(Queen of the Shadows)
Reihe: Die Wächter des Lebens / Band 4
Sozialkritischer Thriller, Fantasy, Familiensaga
Titel, Impressum
Hans-Peter Vogt
Die unschuldige Königin
(Queen of the Shadows)
Reihe: Die Wächter des Lebens / Band 4
e-Book, November 2018 / Deutsche Ausgabe
© vogt multimedia verlag, Reinheim. Ungekürzte, korrigierte, und leicht ergänzte Ausgabe / alle Rechte vorbehalten / ISBN 978-3-942652-68-1 / Empfohlen ab 16 Jahren / Vertrieb: Libreka
Umschlagentwurf: © vogt multimedia design © vogt multimedia verlag
Verlag: © vogt multimedia verlag, Dr. Hans-Peter Vogt, Erlenweg 18, 64354 Reinheim
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Inhaltsangabe
Titel / Impressum
Index
Einleitung
Kapitel 1. Elvira. Berlin und anderswo im Jahr 2053
Kapitel 2. Berlin in den Jahren 2054 und 2055
Kapitel 3. Die Unschuld der Jugend
Kapitel 4. Neue Aufgaben für Elvira und Irina
Kapitel 5. Die Stiftung
Kapitel 6. Neue Kräfte. Der Mantel der Unverwundbarkeit
Kapitel 7. Harte Jungs
Kapitel 8. Hindernisse und Aufbruch. Neue Projekte und Perspektiven. Ohne die Familie geht gar nichts. Alles greift irgendwie ineinander.
Kapitel 9. Irina, Dimmy und Elvira. Die Geschwister suchen ihren eigenen Weg
Kapitel 10. Die Friedensrichterin
Kapitel 11. Generationenwechsel
Nachwort 1 Ausblick
Nachwort 2 Neues Leben
Anhang:
- Die handelnden Personen im Buch und weitere Informationen
- Der Autor
Einleitung
Die Heldin des Buches ist diesmal Elvira, die Enkeltochter von Leon, die in Berlin aufwächst und die schon bald enorme Fähigkeiten entwickelt. Sie ist im Jahr 2041 geboren.
In diesem Band treffen wir einige Freunde aus der Berliner Szene wieder, die wir schon früher kennen gelernt haben. Sie sind jetzt erwachsen. Sie arbeiten irgendwo in der Organisation dea „Clans“ (oder auch der “Familie”) und sie haben inzwischen selbst Kinder, so wie Cindy, Aysa oder die Modezarin Elfi.
Die Jugendliche Elvira wächst bei ihrer Großmutter im „Musikzentrum“ auf, also in diesem riesigen Jugendzentrum, das vielen Kindern und Jugendlichen in Berlin zur eigentlichen Heimat geworden ist.
Elvira hat zwar die Grundlagen der übersinnlichen Kräfte ihres Vaters geerbt, entscheidend ist jedoch, dass ihre Tante Lara und noch einige andere Mitglieder der Familie schon früh damit beginnen, Elvira auszubilden.
Bald schon beginnt Elvira ihren ganz eigenen Weg, der sie schließlich an die Spitze des „Zentrums für Musik“ führt. Dank ihrer Kräfte wird sie in bestimmten Kreisen bald als „Königin von Berlin“ bezeichnet. Sie befreundet sich mit Irina, einer anderen Enkeltochter von Großvater Leon, und sie bestehen gemeinsam einige Abenteuer. Anders als ihre Cousine Irina steht Elvira allerdings in engem Kontakt zu dem, was man das „Leben in der Schattenwelt“ nennt. Sie ist davon geprägt und sie setzt sich mit diesem Thema der sozialen Ungleichheiten ganz bewusst auseinander.
Das Buch ist der 4. Band der Reihe "Die Wächter des Lebens". Er spielt hier bei uns auf der Erde, aber es gibt da eine Spezies, die aus dem Weltraum zu uns gekommen ist, und die Gleichgesinnte um sich schart, um ihre Auffassung einer ausgeglichenen Weltordnung durchzusetzen. Dieses Volk der Cantara unterwandert systematisch die Menschheit und schafft eine neue Spezies aus Mutanten, den Clan der Auserwählten. Das Mädchen Elvira ist eine jener Mutanten, die mit extrem hoher Intelligenz und übermächtigen Fähigkeiten ausgestattet wird. Nicht mit einem Schlag, sondern Stück für Stück, um in das Geschehen eingreifen zu können. Dabei kommt die "menschliche Seite" nicht zu kurz. Es geht um Freundschaften, um Familie, um Jugendkultur, um Bedrohungen, und um Liebe.
Kapitel 1. Elvira.
Berlin und anderswo im Jahr 2053
1.1.
Elvira wacht auf, als jemand zu ihr unter die Bettdecke kriecht. Sie schreckt hoch, aber es ist nur Asha. „Bitte nicht böse sein“, flüstert Asha. „Kannst du mich in den Arm nehmen?“
Das muss wohl sein. Elvira schiebt den Arm unter Ashas Hals und schlägt mit der anderen Hand die Decke über sie. Asha seufzt und kuschelt sich eng an Elvira.
Asha.
Asha ist erst acht. Sie war aus Westafrika gekommen. Irgendwelche Stammeskriege und die Verwüstungen, die der Klimawechsel in ihrem Land hervorgerufen hatten, die hatten ihre Eltern erst nach Portugal, dann nach Frankreich und dann nach Deutschland getrieben. Sie waren illegal eingereist, und irgendwie immer auf der Flucht vor den Behörden. Ohne Pass, ohne Aufenthaltsgenehmigung und ohne Arbeitserlaubnis hatten sie eine Weile durch irgendwelche schlechtbezahlten Jobs gelebt. Erst im Ruhrgebiet, dann in Berlin, wo sie sich erhofft hatten, Landsleute zu finden. Dann waren die Eltern aufgegriffen worden. Sie waren kurzerhand zurückverfrachtet worden. Drei von Ashas Geschwistern wurden mitgeschickt. Nur Asha konnte der Ausländerpolizei entkommen.
Sie kannte damals einen der Kids aus dem Untergrund. Ein Junge mit dem Namen Bengasi. Er war damals elf, und irgendwie hatten sie einmal die Bekanntschaft gemacht, als Bengasi beim Klauen beobachtet worden war. Er musste schnellstens verschwinden, und er schob Asha, die nur zufällig vor dem Kaufhaus stand, ein kleines Päckchen in die Hand. „Schnell, hau ab“, sagte er auf portugiesisch. Das konnte Asha verstehen, in ihrer Heimat wurde das auch gesprochen. Sie verdrückte sich. Zwei Wochen später trafen sie sich wieder und Bengasi fragte. „Hast du mein kleines Päckchen noch?“
Asha hatte Angst gehabt. Sie hatte Zuhause nichts verraten, und auch das Päckchen nicht geöffnet, obwohl sie höllisch neugierig war. Sie hatte es unter der Matratze versteckt, und als Bengasi sie erneut traf, hatte sie es geholt und sie hatte ihm das Päckchen übergeben. Das war der Anfang einer Freundschaft, obwohl Bengasi so viel älter war. Er hatte sie manchmal mitgenommen. Er hatte ihr Pizza, Kuchen und heiße Schokolade spendiert. Bengasi hatte für Ashas Verhältnisse viel Geld und er war sehr großzügig. Er hatte sich nur eins ausbedungen. Asha müsste schön den Mund halten. Das hatte Asha gelernt. In ihrer Heimat war es nicht gut, den Mund zu weit aufzumachen, und für Mädchen ging das schon gar nicht.
Vier Monate später waren Asha und Bengasi gerade auf dem Nachhauseweg, als Bengasi die kleine Asha plötzlich, unerwartet und grob an der Schulter packte. „Halt, warte“. Dort vor der feuchten Kellerwohnung, in der Asha lebte, standen ein Peterwagen und ein Bus. Ihre Eltern wurden gerade in den Bus gestoßen.
Bengasi hielt Asha mit einem Arm fest, mit der andern Hand hielt er ihr den Mund zu. „Still. Da können wir jetzt nicht mehr helfen. Das sind die Ausis:“ So nannten die Kids die Beamten der Ausländerpolizei, die stets in Zivil erschienen. „Lass uns verschwinden.“ An diesem Tag hatte Bengasi Asha mit in den geheimen Bunker genommen, dort unter Berlin. Asha hatte viel geweint, aber sie hatte nach einer Weile gelernt, dass die Kids im Bunker wirklich gute Freunde waren. Sie waren alle durch ein ähnliches Schicksal miteinander verbunden. Irgendwie waren sie alle ausgebüchst. Mal weil der Vater prügelte, mal, weil die Mutter soff oder hurte. Einige waren aus dem Jugendheim ausgerissen und hatten irgendwie zu den Kids gefunden. Anderen war es genauso ergangen, wie Asha.
Es gab wirklich viele afrikanische, arabische, indische, und pakistanische Kinder hier unten im Bunker, in allen Farben. Auch aus Haiti und Cuba. Asha selbst war sehr dunkel, aber sie hatte helle Handflächen, rote Lippen, große braune Augen und sie trug ihr Haar in Rastalöckchen, in die kleine Bänder oder Schleifen gebunden waren.
Asha ist jetzt seit 2 Jahren bei den Kids im Untergrund. Sie hatte gelernt, sich hier unten im Netz der U-Bahntunnels einzuleben. „Der Bunker“, wie sie das nennen, war früher einmal ein Schutzraum der Stasi gewesen. So genau wissen die Kids das aber nicht. Es gibt hier eine fest verschlossene Tür, geheime Zeichen, Licht, Wärme und eine Toilette für alle. Sie haben hier richtige Betten und eine richtige Küche und sogar ein Krankenzimmer. Der Strom wird illegal gezapft, und, oh wunder, bisher war das nie aufgefallen.
Asha lebt jetzt, wie alle andern Kids hier unten, vom Diebstahl. Manchmal geht sie in die Berliner Suppenküchen zum essen. Mal ins Musikzentrum vor den Toren Ostberlins, manchmal in eine der Wohnungen, die irgendwelche Freunde oben in Berlin für die Kids eingerichtet haben. Dort können sie auch duschen und baden. Dort kommt auch immer mal ein Frisör hin und ein Arzt, der die Kinder regelmäßig untersucht. Irgendwelche Freunde schicken sie, die sich um das Wohl der Kinder sorgen.
Kleidung ist kein Problem. Dafür gibt es Rotkreuzcontainer. Ordentliche Sachen werden meißt geklaut. Die Kids haben da ein einzigartiges System entwickelt. Sie schirmen sich gegenseitig ab und geben sich geheime Zeichen, wenn die Luft rein ist.
Asha hat in den zwei Jahren gelernt, sich in verschiedenen Sprachen zu unterhalten und sie hat auch so ein Kauderwelsch, mit dem sie sich in deutsch sehr gut verständigen kann. Das ist in ihrer multikulturellen Gruppe die Verkehrssprache, die alle irgendwie wenigstens etwas beherrschen.
Es gibt hier unten sogar eine Art Schule. Regelmäßig und für alle. Schreiben, Lesen, Rechnen, Erdkunde, Wetterkunde, PC-Kunde. Alles, was sie im Leben brauchen können.
Asha ist aber immer noch ein kleines Mädchen und kleine Mädchen brauchen manchmal viel Wärme und Geborgenheit. Asha und die andern Mädchen unten im Bunker kriechen oft zusammen in ein Bett und halten sich warm.
Wenn Elvira da ist, kriecht Asha gerne zu ihr. Manchmal liegen sie sogar zu dritt oder zu viert in einem Bett. Elvira ist für Asha etwas Besonderes. Sie ist einer dieser Freunde aus der „Welt des Lichts“.
Elvira beteiligt sich nie an den Diebestouren der Kids, aber sie beobachtet, sie schirmt ab und sie gibt Tipps. Sie besorgt auch die Monatskarten für die U-Bahn, die für die Kids überlebenswichtig sind. Elvira hat irgendwo in Berlin ein richtiges Zuhause, aber sie lebt manchmal dort in diesem „Musikzentrum“ bei ihrer Großmutter. Ihr Großvater ist der große Leon, den hier unten alle nur „Großvater“, „Opa“, „Granni“ oder den „Grande“ nennen.
Nun. Leon ist für alle Kids hier unten der „Großvater“, aber für Elvira ist er wirklich der leibliche Großvater, und Elvira, die hat etwas von den sagenhaften Kräften, die auch Großvater Leon besitzt.
Elvira ist nicht immer da, aber sie ist eine der Verbindungen in die Außenwelt, die bei den Kids als „die Welt des Lichts“ gilt. Sie, ihre beiden großen „Schwestern“ Lara und Maria und ihr großer „Bruder“ Pablo. Eigentlich sind das für Elvira Tanten und Onkels, aber das genau zu unterscheiden ist den Kids egal.
Das Leben hier unten ist nicht leicht und es gibt strenge Regeln, die das Überleben sichern. Aber sie sind hier wie eine große Familie. Sie sorgen füreinander und sie haben gelernt, zu lachen und fröhlich zu sein. Dabei ist das Leben im Untergrund alles andere als ungefährlich. Da gibt es die Überwachungskameras auf den Bahnsteigen, die schnellen Züge mit ihrem gewaltigen Sog, der dich durch die Luft wirbelt, wenn er dich erfasst. Es gibt die Bahnpolizei und die Sicherheitsinspektoren. Auch beim Klauen müssen sie höllisch aufpassen, und wenn sie sich oben „in der Welt des Lichts“ bewegen, müssen sie die Augen gut aufmachen, damit sie nicht verfolgt werden.
Wer das alles zum ersten Mal erlebt, der kann vor Angst und Vorsicht die Lebenslust verlieren, aber die Kids haben sich diese Vorsicht zu eigen gemacht. Sie ist in Fleisch und Blut übergegangen,
Wie schnell kann man fahrlässig werden. Unachtsam, weil die Vorsichtsmaßnahmen so antrainiert sind, dass man manchmal gar nicht mehr so genau darauf achtet. Es gibt deshalb einen strengen Sicherheitscodex. Die Kids gehen fast nie alleine. Sie schirmen sich gegenseitig ab, und sie beschützen sich, wenn sie unterwegs sind.
Es gibt auch andere Gefahren. Konkurrierende Gangs, rabiate Kontrolleure, Fahnder in Zivil. Aber die Kids kennen sich im Untergrund aus. Sie kennen alle die U-Bahnschächte, Quergänge und Nischen. Schon oft hatten sie die Notbremse gezogen, und waren in den Gängen verschwunden, wenn es brenzlig wurde. Nur die Inspektoren getrauen sich, ihnen in die Gänge zu folgen, aber die Kids sind höllisch schnell. Das hier unten, das ist ihre Welt. Sie sind wie die Ratten, und so seltsam sich das anhört, die Ratten hatten die Kids schon oft beschützt. Sie hatten sich Kontrolleuren in den Weg gestellt, oder sie hatten Mitglieder anderer Gangs angegriffen.
Es gibt da so ein Gerücht, dass Großvater Leon der König der Ratten sei. Sie haben ihn schon oft danach gefragt. Opa Leon hat stets gelächelt. „Schaltet nie eure Vorsicht aus. Verlasst euch immer auf euch selbst. Es kann solche Situationen geben, dass ihr die Hilfe von Freunden braucht. Ihr müsst eins wissen. Die Ratten sind die wahren Herrscher der Unterwelt. Sie sehen alles. Sie riechen euch auf einen Kilometer. Wir haben seit langem einen Pakt miteinander. Achtet und beschützt die Ratten, dann werden sie auch euch achten und beschützen.“
„Und wie ist es mit den andern Gangs“, hatten die Kids gefragt und Leon hatte gelächelt. „Dieser Pakt gilt nur in unserer Familie. Die Ratten sind ein Teil davon. Vergesst das nie und sorgt für die Ratten, wie für eure eigenen Brüder und Schwestern.“
Asha und die Freunde haben sich das zu Herzen genommen, und manchmal bringen sie den Ratten Brot, Käse, Wurst, Obst und Gemüse. Die Container bei den Discountern quellen davon über, und den Ratten ist es egal, ob es schimmlige oder faulige Stellen gibt. Sie fressen alles. Es ist noch nie vorgekommen, dass die Ratten ihnen etwas getan haben. Ihnen nicht. Anderen schon.
Asha hat gelernt, vor den Ratten keine Angst zu haben. In den Gängen des Tunnels wird sie oft von den Ratten begleitet. Sie springen vor, oder neben ihr her und sie wispern. Wenn ein Zug kommt macht es Husch. Weg sind sie. Dann weiß auch Asha, dass es gefährlich wird, und sie sucht sich sofort eine dieser schützenden Nischen, die auch den Kontrolleuren einen sicheren Zufluchtsort bieten.
Jetzt liegt sie in den Armen ihrer großen Freundin Elvira und sie ist glücklich. Sie kuschelt sich an diesen warmen Körper, sie fühlt sich geborgen, und sie schläft sofort ein.
1.2.
Elvira ist jetzt wach und sie denkt, wie so oft, an ihre eigene Geschichte.
Sie ist hier unten ein Teil der Familie der U-Bahn-Kids, und sie hat noch zwei Leben, oben in der „Welt des Lichts“. Eines bei ihrer leiblichen Familie. Bei ihrer Mutter, bei ihren drei kleinen Geschwistern und bei ihrem Stiefvater. Das andere Leben ist bei Großmutter Katharina im Musikzentrum, bei Tante Lara, bei Maria und bei Pablo. Tante Lara hatte sie irgendwann auch zum ersten mal mit in den Untergrund genommen, in die U-Bahn, in die Schächte und in den „Bunker“. Elvira kann sich nicht mehr daran erinnern, wann das war, solange ist das schon her. Damals hatte sie zum ersten Mal die Kids im Untergrund kennengelernt, und seitdem ist sie immer wieder hier unten. Nicht regelmäßig, das läßt die Zeit nicht zu, aber so oft sie kann.
Mama ist Mexikanerin und Papa? Nun ja, er ist Peruaner, aber er hatte Mama damals einfach angebummst. Mama war nicht die einzige. Papa hatte es ziemlich wild getrieben. Unanständig wild. Elvira kennt nicht einmal alle ihre Geschwister. Sie hat mindestens 35 davon. Allein der Gedanke macht Elvira schwindlig. Großvater Leon war schließlich der Kragen geplatzt. Er musste fuchsteufelswild gewesen sein.
Jedenfalls hatte Opa Leon ein Machtwort gesprochen. Er hatte Mama einfach mitgenommen nach Deutschland. Oma Katharina (die eigentlich gar nicht Elviras richtige Großmutter ist), hatte Mama mit offenen Armen bei sich aufgenommen. Das war, bevor Elvira geboren wurde.
Elvira war in Berlin zur Welt gekommen. Ihre ersten Lebensjahre hatte sie bei Mama und Oma Katharina in dieser riesigen Wohnung im Musikzentrum verbracht. So war sie in das Geschehen einfach hineingewachsen, in all diese Musik-, Tanz-, und Filmgruppen, in die Welt der Cracks auf den Halfpipes, in all die Läden, Restaurants und die ständigen Besucherströme. Das ist wie eine eigene Stadt vor den Toren Berlins.
Tante Lara (die Tochter von Oma Katharina) war wie eine zweite Mutter für sie gewesen und Aysa, die Leiterin der ganzen türkischen Imbissstuben im Zentrum, die war für sie wie eine zweite Oma gewesen. Drei von Aysas fünf Kindern hatten längst eigene Kinder. Mit denen ist Elvira zusammen aufgewachsen. Es war nur natürlich gewesen, dass Elvira ihre Nachmittage irgendwo im Zentrum verbrachte. Sie brauchte nur aus der Wohnungstür zu treten und schon war sie im Mittelpunkt des Geschehens.
Als die Enkelin der Chefin des Musikzentrums (als die Elvira immer angesehen wird), ist sie in einer privilegierten Situation. Alle Türen stehen ihr offen, und weil dieses riesige Gebäude mit all den Aktivitäten, und den Tausenden von Besuchern, Elviras Leben bestimmt, ist es nur natürlich, dass sie sich hier bestens auskennt. Das „Zentrum“, wie es bei den Kids heißt, das bestimmt zu einem großen Teil Elviras Leben und Denken.
Oma Katharinas Wohnung ist ganz oben unter dem Dach. Ein Aufzug und eine Treppe führen hinauf. Beides ist gesichert. Es gibt einen Wachdienst, der niemanden dort hinauf lässt, der dort nichts zu suchen hat.
Man muss dieses Zentrum einmal beschreiben, um es zu verstehen. Ganz früher waren das einmal Kasernenbauten für die russischen Besatzungstruppen gewesen. Das Zentrum war damals umgeben von einem riesiges Gelände mitten in Wald. Später hatte die Staatspolizei dort ein Ausbildungsgelände und Verhörzimmer. Verfolgte des DDR-Regimes hatten hier leiden müssen. Das Gelände war berüchtigt gewesen.
Nachdem die Mauer gefallen war, hatte das Gelände lange brach gelegen, und es war dem Verfall preisgegeben. Offiziell gehörte es jetzt dem Land Berlin. Irgendwann hatte Opa Leon gemeint, es müsse für die Berliner Jugendlichen mehr getan werden, eine Art Jugendzentrum müsse her. Naja, für so was ist in den Länderhaushalten meist kein Geld da, und die Behörden waren zunächst gar nicht begeistert.
Opa Leon und Oma Katharina hatten dann die Idee, das mit einem Musikzentrum zu verbinden, Proberäume für Bands, Veranstaltungsräume, Musikmanagement, Säle für Tanzgruppen, ein oder zwei Tonstudios und vor allem noch etwas: eine richtige Akademie, teils in Art einer Volkshochschule, teils als richtige Ausbildung, mit Abschlüssen für instrumentale Ausbildung, Tontechnik, Videofilm, Bühnenbild und Tanz.
Damit hatten sie die Berliner Politiker schließlich geködert. Damit hofften sie, viele Kids von der Straße wegzubringen, und das Konzept war aufgegangen. Damals gab es schon die Stiftung zur Förderung unentdeckter Talente, die Oma Katharina heute immer noch leitet. Die Stiftung verfügte damals über viel Geld. Geld, das Opa Leon aus Südamerika mitgebracht hatte, wo er mit Oma Mila diese alte Stadt der Péruche-Krieger wiederfand, und noch einiges mehr. Die alte Stadt war verschüttet worden. Sie lag unter vielen Metern aus Vulkanasche und sie fanden dort Gold, Edelsteine, Schmuck, und vor allem tonnenweise Brillianten, die sie sich mit den anderen beiden „Miteigentümern“ teilten.
Die Stiftung verfügt wirklich über viel Geld und sie investiert unter anderem in diese Musikakademie.
Heute ist das eine Ansammlung von fast 20 zusammengewachsenen Gebäuden, die über Gänge, Hallen, Innenhöfe und verschiedene Etagen miteinander verbunden sind. Es ist noch viel größer geworden, als das einstige militärische Gelände. Immer noch gibt es dichten Wald rings um das Gelände, es gibt aber auch diverse Sportanlagen, Halfpipes, BMX Gelände, Waldlaufpfade, ein Squash Center, Tennis. Es gibt mehrere Busverbindungen, die im Fünfminutentakt zwischen Berlin und dem Zentrum verkehren und Parkplätze.
Die Stiftung, die inzwischen die alleinige Eigentümerin des Geländes ist, die hat inzwischen ein großes Verwaltungsgebäude gebaut. Es gibt so viele Aktivitäten. Konzerte, Tanzstudios, Betreuung für internationale Gruppen, Anwaltskanzleien, Eventmanagement, Tonstudios und natürlich die Akademie mit ihrem Schulbetrieb. Die ganzen Kellerräume sind als Übungsräume für mehr als 50 verschiedene Bands ausgebaut worden. All das muss irgendwie organisiert sein. Es gibt auch Sozialarbeiter und Wachleute. Es gibt diverse Läden für Sport, Instrumente, Kleidung. Es gibt Unmengen von Cafés, Obst- und Imbissläden, vier Bäckereien und drei Metzgereien, die auch warme Gerichte anbieten, Maultaschen, Tagliatelle und andere Nudelgerichte, Rippchen, Hacksteak mit Gemüse oder im Weinblättermantel, und natürlich Würstchen in allen Variationen, von Pommes mit Majo ganz zu schweigen.
Schließlich gibt es auch einen Kartenvorverkauf und eine Abendkasse. An den Wochenenden spielen hier meist 10 oder 15 Bands. Alle möglichen Stile, von Klassisch bis Hiphop. Es gibt Tanzaufführungen, Theater und Sketche, Pantomime und Zauberer. Oma hat dafür gesorgt, dass auch die Straßenkünstler ein Zuhause gefunden haben. Es gibt Jongleure, Stelzenmänner, Verwandlungskünstler, alles mögliche.
Es ist viel mehr als nur ein Musikzentrum. Es ist ein Kulturzentrum, das Tausende von Jugendlichen und auch Erwachsenen anlockt. Wenn hier am Wochenende bekannte Bands spielen, kommen manchmal 50.000 Jugendliche hierher, an einem Abend.
All das muss organisiert werden. Ohne einen Sicherheitsdienst geht das nicht. Oma ist die Leiterin des Zentrums und sie hat einen großen Stab an Mitarbeitern.
Was für viele Jugendliche so wichtig ist, dass ist die Chance auf eine Zukunft. Nicht nur eine vage Hoffnung, sondern eine reelle Chance. Über die Verwaltung des Zentrums kommt man in Ausbildungsberufe beim Fernsehen, beim Rundfunk, bei Tanzgruppen, im Bereich Eventmanagement und es gibt Handwerksberufe, wie Bühnenbauer, Elektriker, Lichtingenieure, Installateure. Aber auch die Bäcker und Kneipen stellen Leute ein. Bedienung, Kassierer, Tellerwäscher, Köche. Der bekannteste europäische Zauberkünstler Marco Francasi (so nennt er sich), ist aus dem Zentrum hervorgegangen. Junge Musiker und Sänger bekommen hier ihre Chance, ihren Stil zu entwickeln und groß rauszukommen. Das Berliner Fernsehen hat hier sogar ein eigenes Studio mit mehreren Teams, denn hier ist jeden Tag etwas los. Für die Presse gibt es sogar einen eigenen Raum mit Internetzugang, das was man ein ständiges Pressecenter nennt.
Das Zentrum hat sich in Berlin zu einem Machtfaktor entwickelt, an dem niemand mehr vorbeikommt. Die Politiker geben sich bei Oma Katharina die Klinke in die Hand und auch viele Handwerker, freie Berufe und Industrielle. Wenn sie guten Nachwuchs für ihre Firmen brauchen, dann fragen sie zuallererst bei Oma Katharina nach. Die Mitarbeiter von Katharina gucken sich die „Kandidaten“ vorher an, und es gibt eine Vorauswahl an geeigneten Bewerbern für die verschiedenen Berufe. Das erleichtert den Firmen die Arbeit, und sie können ziemlich sicher sein, die richtigen Mitarbeiter zu finden.
Oma Katharina nimmt die Firmen aber auch in die Pflicht. Falsche Versprechen werden genausowenig geduldet, wie Hungerlöhne und Verträge mit Hintertürchen.
Elvira ist in all dieses Geschehen hineingewachsen. Dieses Zentrum ist ihre Welt. Sie kann nicht jeden kennen, aber sie kennt mit ihren 12 Jahren jeden Winkel dieses Zentrums. Sie kennt die wichtigen Personen und Gruppen. Sie kennt auch die Kids da draußen auf ihren Inlinern und ihren Skateboards. Das sind oft festgefügte Gruppen. Richtige Freaks. Elvira kennt natürlich die Bedienungen und Verkäufer, die Sicherheitsleute und die Leute von den Musikagenturen.
Mama arbeitet immer noch im Zentrum. Mama ist bei Oma Katharina angestellt, und sie betreut spanischsprechende Musikgruppen und Filmsternchen. Seit sie noch drei Kinder bekommen hat, hat sie die Arbeit auf einen Halbtagsjob reduziert. Vier Kinder müssen schließlich versorgt werden. Der Bereich Promotion verlangt, dass sie immer an den Wochenenden arbeiten muss, manchmal an den Abenden unterhalb der Woche und es gibt auch Vormittage, wo sie ins Zentrum fährt. Die Betreuung von Künstlern erfordert auch einen gewissen Verwaltungsaufwand, Telefonate, Terminplanung und eine Dokumentation der Erfolge. Auch Rechnungen müssen geschrieben werden. Das macht Juanita zwar nicht selbst, sie muss aber die korrekten Daten an die Rechnungsabteilung weitergeben, sonst würde das ein Durcheinander werden. Juanita hat mit zunehmender Zahl ihrer Kinder einfach die Zahl ihrer Klienten reduziert. So kann sie sich um die Arbeit, um die Kinder, um ihren Mann und auch um den Haushalt kümmern.
In den ersten Jahren in Berlin hatte sie nur die spanischsprechenden Gruppen betreut, die hier auftraten, oder Tourneen in Europa machten. Das ergab sich einfach so, weil Mama sich auf spanisch viel besser ausdrücken konnte. So ist das bei der Muttersprache. Inzwischen spricht Mama gut deutsch, aber es gibt Dinge, die kann sie nur in spanisch so richtig mit Gefühl vermitteln, und wenn sie einmal anfängt richtig zu schimpfen, dann fällt sie immer ins Spanische. Das kommt aber selten vor.
Nach vier Jahren in Berlin hatte sich Mama auch wieder verliebt. Ihr neuer Mann ist ein Filmregisseur. Er kam eigentlich vom Fernsehen, aber er arbeitet jetzt für Tante Lara und macht mit Lara zusammen Videoclips für Musikgruppen.
Hennes (so heißt Elviras Stiefvater) hat mit Mama eine schöne Wohnung in Ostberlin gefunden. Dort wohnen auch Elvira und ihre drei kleineren Geschwister.
Trotz des Umzugs ist die Wohnung von Oma Katharina immer Elviras Heimat geblieben. Unter der Woche schläft sie meist bei Mama. Sie hat ja auch Schule, und sie muss Mama mit den Geschwistern helfen.
An den Wochenenden ist Elvira immer bei Oma Katharina. Manchmal trifft sie sich mit ihren anderen Geschwistern, entweder in Peru, Mexiko oder in den USA. Die einzigartigen Kräfte der Familie machen das möglich, und Elvira hat aus irgendeinem Grund ziemlich viel davon. Die Kinder springen einfach durch den Raum. Niemand kann sie aufhalten. Sie kündigen sich kurz an und schwupp, sind sie da. Das ist lustig und bequem. Aber nicht alle Kinder der Familie haben diese großen Kräfte.
Elvira hat Glück gehabt. Opa Leon, Tante Lara, Pablo und Tante Maria haben immer mit ihr geübt. So kann Elvira nicht nur „durch den Raum gehen“, sie kann sich auch in Tiere verwandeln, sie kann diese internationale Sprache, die es ihr möglich macht, sich mit jedem Menschen auf der Welt zu verständigen, egal, wo er herkommt. Sie kann tote Materie bewegen und die großen Geschwister haben ihr beigebracht „zu summen“. Das ist eine ganz besondere Fähigkeit. Elvira kann andere Menschen damit beeinflussen. Sie kann Meinungen damit manipulieren.
Dann gibt es noch etwas. Lara hatte ihr das beigebracht. Elvira hat die Fähigkeit zu elektrostatischen Entladungen entwickelt. Die können einen erwachsenen Mann einfach von den Füssen heben und ihn um mehrere Meter zurückschleudern, bis er durch irgendetwas aufgehalten wird, das dort im Weg steht. Lara hat das immer wieder mit Elvira trainiert, aber Elvira hat das noch nie im Ernstfall angewendet. Bisher hat sie immer Glück gehabt. Sie ist noch nie bedroht worden, und sie hat sich noch nie auf solche Weise verteidigen müssen.
Schließlich hat Lara ihr gezeigt, eine Art Schutzwall um sich zu ziehen. Das ist wirklich genial. Lara kann das anwenden, wenn es gilt, sich gegen Übergriffe zu wehren. Niemand hat die Kraft, diesen Schutzwall zu durchbrechen, der nicht über die Fähigkeit der Familie verfügt. Nur eine Pistolenkugel hätte diesen Ring aus Energie durchbrechen können. Auch das hat Elvira noch nie anwenden müssen, aber manchmal sitzt sie in der U-Bahn und zieht diesen Schutzwall um sich, wenn sie einfach ihre Ruhe haben will. Dann bleibt der Platz neben ihr frei, wie durch „ein Wunder“.
Manchmal fragen alte Damen oder Opas freundlich, „ist der Platz da noch frei?“ Dann hebt Elvira diesen Schutzwall auf. Die alten Leute können Platz nehmen und Elvira beginnt mit ihnen ein Gespräch. Sie ist neugierig und sie ist kontaktfreudig, und sie hat keine Hemmungen, mit den alten Leuten zu reden. Auf diese Weise hat sie schon viele Menschen kennengelernt. Sie hat ihnen sogar bereitwillig Einkäufe Nachhause getragen, wenn die schwer sind. Elvira hat damit gar keine Probleme.
Sie hat gelernt, dass viele Menschen nicht auf der Sonnenseite stehen. Sie hat bitteres Elend und Armut gesehen, und sie hat schon oft mit Oma Katharina darüber gesprochen. Oma Katharina hat ihr dann Tipps gegeben, wie sie den Menschen helfen kann, manchmal hat sie einen Anwalt vermittelt, um Rechte durchzusetzen. Wirklich. Oma Katharina ist prima.
Elvira hat in ihrer Tante Lara eine phantastische Lehrerin. Sie wird nun schon seit ihrer Geburt in diesen übersinnlichen Fähigkeiten trainiert, die es in der Familie von Opa Leon gibt. Sie ist schon ziemlich gut, aber sie kann nicht so viel üben, wie sie das gerne möchte. Sie hat viele Aufgaben. Nicht nur in der Schule und nicht nur bei Mama.
Die Schule, das ist leicht. Elvira hätte locker eine Klasse überspringen können, aber das will sie nicht. Sie hätte dann erst mal richtig lernen müssen und sie hätte ihre anderen Aufgaben vernachlässigt. Naja, es sind ja nicht nur Aufgaben. Es gibt Freundschaften, und Freundschaften brauchen Zeit und Fürsorge. So ist Elvira im Unterricht manchmal etwas gelangweilt. Manchmal passt sie auch nicht so auf, aber sie braucht nur ihr Summen einzuschalten. Dann erhöht sich ihre Konzentration, sie hört und sieht mehr. Sie kann Zusammenhänge besser erfassen und sie findet dann den Anschluss schnell wieder.
Sie hat durch Lara früh gelernt, hinunter in die Berliner U-Bahn-Schächte zu steigen. Dort gibt es diese Kids, so wie Asha, die jetzt in ihren Armen liegt, und dort hat Elvira echte Freunde gefunden. Die Gruppe im Tunnel ist, wie eine zusammengeschweißte Gemeinschaft. Elvira hilft den Kids immer, wenn es irgendwie geht, und sie kann sich auf jeden einzelnen dieser U-Bahnkids voll verlassen.
Mama weiß natürlich von Elviras Kräften. Sie hatte lange mit Oma Katharina und Lara darüber gesprochen. Dann hatte sie eingewilligt, Elvira ein Stück weit „freizugeben“. So ein Talent, das muss gefördert werden, und bei Oma Katharina ist Elvira gut aufgehoben.
Obwohl Elvira erst zwölf ist, ist sie ungeheuer selbständig. Sie hat ihren eigenen Kopf und sie hat gelernt, gut zuzuhören. Elvira hat bereits das, was man eine Aura nennt, und Elvira ist überall beliebt.
Lara und Opa Leon haben sie immer und immer wieder gewarnt, ihre Kräfte nie zu missbrauchen, aber ist manchmal gar nicht so einfach. Grenzbereiche muss man erst definieren. Als Kind reizt du Grenzbereiche aus, und Elvira weiß inzwischen nur zu gut, dass sie Grenzbereiche schon oft überschritten hat. Manchmal ganz konkret, manchmal stand sie auch nur kurz davor.
Da war zum Beispiel dieser Louis. Louis war Sänger. Er war erst vierzehn, aber er hatte Gefühl und eine wunderbare Stimme, die sich durch den Stimmbruch erst richtig entwickelt hatte. Louis und seine Band waren wirklich gut, aber sie hatten noch nicht den Durchbruch, den sie eigentlich verdient hätten. Er war ein enger Freund und er war liebenswert. Elvira hatte ein paar Mal mit Lara gesprochen. „Können wir da nicht helfen?“ Sie war drauf und dran, das Publikum einzusummen, damit Louis den Erfolg bekam, den er ihrer Meinung nach verdient hätte. Schließlich hatte sie sich das verkniffen und sich an Lara gewandt.
Lara hatte Elvira lange angeschaut und dann entschieden geantwortet. „Nein, durch Einsummen solltest du das nicht tun. Elvira, das sind verbotene Mittel. Missbrauche deine Kraft nicht, um das Publikum zu beeinflussen. Du kannst versuchen Louis damit zu helfen, dass er seinen Stil ein bißchen ändert, dass er die Promotion ein wenig ändert, dass er bei Filmaufnahmen für Videoclips besonders gut rüberkommt, oder dass er seinen Kleidungsstil ein wenig verändert. Manchmal helfen solche Anregungen wie bengalische Feuer auf der Bühne, oder ein paar Tänzer, oder eine bessere Lichtorgel. Hilf ihm, an sich selbst zu arbeiten. Hilf ihm, besser zu werden und sich selbst zu erkennen, aber summe nie das Publikum ein, damit Louis groß rauskommt.“
Sie hatte Elvira durchdringlich angesehen. „Nie, Elvira. Tu das nie. Wir dürfen das tun, wenn wir die Menschen in bestimmten Situationen empfänglich für Argumente machen müssen, so dass sie schwerwiegende Fehler unterlassen. Wir dürfen das tun, etwa um einen Krieg zu vermeiden, oder um eine Massenhysterie zu verhindern, die Todesopfer nach sich ziehen würde. Wir dürfen das aber nie tun, damit wir mehr Geld verdienen oder einen persönlichen Erfolg erringen, der unserer Eitelkeit dient. Rede dich nicht damit heraus, dass du nur deinem Freund hilfst und nicht dir selbst. Das steht auf derselben Verbotsstufe. Geh in den Tunnel. Suche nach diesem seltsamen Wesen, das mit uns sprechen kann, rede mit ihm und halte dich an seine Anweisungen. Überschreite diesen Grenzbereich nie !!!“
Der “schwarze Meister”. So nennt Elvira dieses Wesen, das sie noch nie zu Gesicht bekommen hat, das aber manchmal mit ihr in ihrer Weltsprache spricht. Er schwebt da irgendwo im Metaraum zwischen dem Leben auf der Erde und dem Nichts. Wenn man „in den Tunnel“ geht, der in diese andere Welt führt, kann man nie sicher sein, ob man diesen “schwarzen Meister” auch findet. Wenn es brenzlig wird, dann ist er immer zur Stelle, aber seine Auskünfte sind manchmal sehr schwer verständlich. Wie die Weissagungen der altgriechischen Götter und Hellseherinnen, dieser Nymphen, Sirenen oder wie die hießen. Manchmal sind die Auskünfte wie Rätsel.
Mit Tunnel ist diesmal auch nicht die Berliner U-Bahn-Tunnel gemeint, sondern der Tunnel, den Elvira rufen kann, um sich durch den Raum zu bewegen. Auch wenn sie durch den Raum springt, dann ruft sie diesen Tunnel, der es ihr möglich macht, in nur wenigen Sekunden um den halben Globus zu springen.
Laras Warnung war so eindringlich gewesen, dass Elvira wirklich erschrocken war und in sich ging.
Am Tag darauf hatte sie die Ratten in den Tunneln aufgesucht. Opa Leon hatte immer gesagt, „in vielen Dingen sind die Tiere viel klüger als wir. Versuche, von den Tieren zu lernen.“ Also war Elvira in den Tunnel zu den Ratten gestiegen. Die Ratten hatten schon an Elviras Geruch gemerkt, dass sie gerufen werden. Etwa 200 Ratten hatten sich eingefunden, dort in diesem Quergang, den Elvira manchmal benutzt, um mit den Ratten zu sprechen. Ja, sie bittet die Ratten oft um ihre Hilfe. Sie fragt sie aus nach Gefahren und nach Ereignissen im Tunnel. Die Ratten wissen alles darüber. Sie kennen das riesige verzweigte Netz unter Berlin viel besser als jeder Mensch. Elvira hat sich immer wieder dafür bedankt. Sie hat Essen gebracht und sie hat auch die Ratten mit Informationen versorgt.
Nun erzählt Elvira den Ratten, was Tante Lara ihr geraten hat. Sie ist mit dem Rücken an der Wand heruntergerutscht. Sie sitzt jetzt mit angewinkelten Beinen auf dem Boden des Querganges und sie hat ihre Hände nach vorne gestreckt. Die Anführer der Ratten sind ihr auf die Hände gesprungen und hören ihr aufmerksam zu.
„Ihr Menschen habt schon seltsame Gedanken“, meint Adonis (so nennt Elvira eine der männlichen Ratten, der eine sehr hohe Position im Clan einnimmt).
Er fährt fort: „Bei uns ist das einfacher. Wir Ratten sind alle eine Familie. Dennoch gibt es bei uns besonders kräftige und kluge Ratten, die erkämpfen sich ihre Position und führen den Clan an. Männchen und Weibchen. Alphatiere paaren sich gerne mit Alphatieren. Das erhält die Art. Wenn wir viel zu fressen haben, dann vermehren wir uns viel, und wenn es wenig zu fressen gibt, dann haben wir weniger Nachkommen. Das ist bei uns ein natürlicher Vorgang.“
Er fährt fort: „Ihr Menschen denkt anders. Ihr wollt alles ausbeuten und zerstören, in eurer Gier nach dem eigenen Profit. Ihr denkt nie daran, etwas zu erhalten, das die Art sichert. Denk an meine Worte. Das wird einmal der Untergang der Gattung Mensch sein. Ratten wird es noch geben, wenn einmal der letzte Mensch ausgestorben ist. Wir Ratten, wir denken langfristig.“
Er überlegt kurz. „Nun ja, vielleicht denken nur einige Ratten so, die Kräftigsten und Klügsten, die, die unsere Familien anführen, aber wir tragen alle dieses Gen in uns, das uns das Überleben sichert. Ihr Menschen sagt dazu „Instinkt“, aber es ist letztlich egal, wie man das nennt. Den meisten Menschen fehlt dieses Gen. Dein Großvater hat es, deine Tante Lara hat es, und die andern Großen in deiner Familie haben es auch. Sie haben die Fähigkeit, in die Zukunft zu denken. Es ist immer gut, auf die Alphatiere zu hören.“
Adonis macht eine kurze Pause, dann fragte er direkt, „was gewinnst du, wenn du jetzt diese Menschen so beeinflusst, dass sie alle in die Konzerte deines Freundes gehen und ihm zujubeln? Wird die Welt davon besser?“
Elvira muss unwillkürlich lachen, dann meint sie. „Oh weh, ich fürchte, ich muss noch viel lernen.“
„Das ist nicht weiter schlimm“, antwortet Adonis. „Du bist noch jung. Aber es ist gut zu wissen, dass man nicht alles weiß und das man lernt, auf die zu hören, die mehr wissen, als man selbst. Dein Großvater, der uns manchmal besucht und mit uns redet, der gebraucht gern dieses Wort von der Demut. Wir Ratten haben diese Demut. Wir wissen, wann wir uns dem Stärkeren unterwerfen müssen. Hör auf meine Worte und hör auf deinen Großvater und auf deine Tante Lara. Sie wissen, was Demut bedeutet.“
Plötzlich fiepst es von der Seite des Tunnels. Adonis springt von Elviras Händen, es gibt einen aufgeregten Knäul von Ratten, dann sind sie auf einmal verschwunden.
Elvira steht auf. Sie springt zurück zu Oma. Nur wenig später leuchten die starken Strahlen von zwei Taschenlampen durch den Quergang. Sie tanzen über die Wände und den Boden. Sie ertasten den Kot der Ratten, der dort liegt, und einer der Männer sagt: „Hier müssen wir mal den Kammerjäger herschicken, guck dir den Dreck an“. Elvira hat das schon nicht mehr gehört. Sie macht sich an diesem Abend noch lange Gedanken, dann spricht sie noch mal mit Lara.
Am Schluss nickt sie. „Die Ratten haben mir zu Demut geraten. Was ist denn darunter genau zu verstehen?“
1.3.
Das Gespräch ist nun schon ein paar Wochen her. Elvira hat noch viel darüber nachgedacht. Jetzt liegt sie hier mit Asha zusammen in einem Bett. Ach wie gut, dass gerade Sommerferien sind. Da kann sie all die Dinge tun, für die sie in der Schulzeit nicht genug Zeit und Kraft hat.
Wenige Wochen später erfasst sie diesen Hilferuf der quer über den Ozean zu ihrer Cousine Irina läuft. Irina, die dort in Brandenburg bei Großvater Leon lebt, zusammen mit ihrem Bruder Dimmy und ihrer gemeinsamen Mutter Vera.
Der Hilferuf ist nicht für Elvira bestimmt, aber sie hat ihn vernommen. Sie hat auch gespürt, dass Irina sofort in die USA springt und dass Opa Leon ihr am Abend folgt.
Leon.
Opa Leon kennt sie seit ihrer Geburt. Opa Leon ist wundervoll. Er ist mal in Berlin, mal in Brandenburg, mal Sachsen-Anhalt, in England, in den USA, oder in Südamerika, aber immer wenn er gebraucht wird ist er da. Elvira kann sich über Energieströme mit Opa Leon in Verbindung setzen, quer über den Ozean. Opa Leon hat viel Güte, aber er kann auch sehr streng sein.
Auf jeden Fall hat sie von ihm gelernt, sich in Alltagssituationen hervorragend zurechtzufinden. Er hat die Kraft der Familie, aber er pflegt stets zu sagen. „Nutze deine Kraft unauffällig. Sperre die Ohren und die Augen auf. Schärfe deinen Verstand. Versuche, die richtigen Worte und Argumente zu finden. Deine Kraft hilft dir dabei. Suche auch stets die Hilfe der Familie, wenn du nicht mehr weiter weißt.“
Opa Leon hatte 40 Jahre mit Oma Katharina zusammengelebt. Dann hatte er Oma Katharina verlassen. Er ist jetzt mit Vera zusammen, die viel jünger ist als Oma Katharina. Elvira war damals entrüstet gewesen. Sie hatte den Schmerz von Oma Katharina gespürt, als Leon mit Vera zum ersten Mal fremdging. Sie hatte die Qual gesehen, die Oma Katharina in diesen Tagen zerfraß. Aber Elvira hatte nicht helfen können. Dann hatte Tante Chénoa Oma Katharina abgeholt, und sie war mit ihr nach Peru gesprungen und wenige Tage später hatte Opa Leon mit seinen Energiestrahlen alle wichtigen Mitglieder der Familie zu einer Familienkonferenz nach Peru gerufen. Auch Elvira hatte dabei sein dürfen.
Opa Leon hatte sich vor der Familie rechtfertigt. Er hatte Vera liebgewonnen, und er würde in Zukunft mit ihr zusammenleben. Sie hatten in diesen Tagen viel geredet. Nicht nur über Opa Leon, sondern über die Aufgaben und die Moral der Familie.
Oma Mila (die nun wirklich die leibliche Großmutter von Elvira ist, und die in Peru lebt, inmitten einer riesigen Schar von indianischen Freunden), die hatte damals gesagt: „Auch wenn Leon jetzt Vera liebt, so wird er uns nie verloren gehen. Nicht mir und auch nicht Katharina. Wir lieben ihn seit über über vierzig Jahren. Eine Liebe, die ganz auf Gegenseitigkeit beruht. Ich für meinen Teil werde die Liebe von Leon nicht verlieren, auch wenn Leon jetzt mit Vera zusammenleben will. Es gibt Dinge, die Menschen für immer miteinander verbinden. Schließlich haben wir etwas zusammen aufgebaut und wir arbeiten immer noch daran. Jeden Tag. Leon, Katharina, ich, und viele andere. Eine davon ist Vera. Sie gehört nicht erst seit gestern in unsere Familie.“
Sie hatte den Gedanken dann fortgeführt: „Es gibt wichtigere Dinge, als gegeneinander zu kämpfen. Lasst uns immer daran denken, dass wir die gemeinsamen Ziele verfolgen und uns nicht gegenseitig anfangen zu zerfleischen. Manchmal müssen schmerzhafte Einschnitte sein.“
Sie hatte sich der Gruppe prüfend umgesehen und dann sagte sie, „Paco hat einmal viel Mist gebaut und Leon musste damals einschreiten. In dieser Situation war das wohl nötig. In unserem Fall ist das nicht nötig. Niemand wird hier einschreiten. Das, was gerade passiert ist, das betrifft nur Leon, Katharina und mich. Katharina und ich, wir haben uns bereits entschieden Leon loszulassen, und wir wollen, dass alle in der Familie unsere Entscheidung respektieren, auch wenn Katharina und mir ein Stück von Leon verloren geht. Bewahren wir den großen Zusammenhalt.“
Elvira hatte das nicht alles verstanden. Viele andere der Familie hatten diesen „Großmut“ von Oma Mila und Oma Katharina auch nicht ganz verstanden.
Elvira weiß, wie Oma Katharina unter diesem Seitensprung gelitten hatte, aber in der anschließenden langen Diskussion begriffen die Kinder damals eins: Katharina und Mila gaben Leon frei, weil sie wissen, das er ihnen nie verloren gehen wird. So werden sie den Frieden in der Familie erhalten.
Elvira weiß inzwischen, dass Oma Katharina und Opa Leon immer wieder einmal miteinander die Nacht zusammen verbringen, obwohl Leon mit Vera zusammen ist. So richtig hatte sich Opa Leon also von Oma Katharina doch nie getrennt, und naja, in der Arbeit, also in der Sache, da arbeiten Oma Katharina und Opa Leon regelmäßig zusammen, wie ein gut geschultes und geöltes Team. Oma Katharina hatte ihr einmal gesagt. „Wir haben eine gemeinsame Vision. Da ist es nur natürlich, dass wir am selben Strang ziehen.”
Sie sieht auch die Energieströme zwischen Oma Katharina und Leon, und sie staunte immer wieder über diese Einheit aus Gedanken zwischen zwei Menschen. Vera weiß das von Katharina und Leon, und Elvira weiß inzwischen, dass Vera auch damit einverstanden ist, dass Opa Leon und Oma Katharina immer wieder einmal das Bett miteinander teilen. Sie hat die Energieströme zwischen den beiden staunend wahrgenommen. Das sind schon wunderliche Beziehungen. Sie hätte das nie gekonnt, da ist sie sich sicher, aber sie mischt sich da nicht ein. Das ist nicht ihre Aufgabe und der Respekt vor Oma Katharina und vor Opa Leon verbietet ihr das. Sie liebt sie beide.
Schließlich ist es wirklich so, wie das auch Oma Mila das einmal gesagt hatte. „Katharina, Mila, Leon und auch Vera haben ein gemeinsames Ziel und eine gemeinsame Aufgabe.“ Es gibt viele ständige Kontakte. Auch sie nennen das so: „Wir haben eine gemeinsame Vision.“
Elvira hat lange mit Lara darüber geredet. Mit Lara, die immer noch nicht verheiratet ist, und die mal mit dem einen, mal mit dem anderen Mann schläft.
Lara hat Elvira lange angesehen. „Du bist noch jung“, hat sie gesagt. „Ich weiß nicht, wie heftig deine erste Liebe sein wird. Ich weiß nicht, ob dies in deinem Leben der einzige Mann sein wird. Eins weiß ich. Papa war seinen beiden Frauen sein Leben lang treu. Das war die große Liebe und das hat 40 jahre lang perfekt funktioniert. Warum? Nun. Sie hatten eine gemeinsame Vision und beide Frauen haben diesen Mann genauso abgöttisch geliebt, wie er sie beide auch geliebt hat. Sie haben voneinander gewusst, aber das Wichtigste war, dass Papa seinen beiden Frauen immer ehrlich gegenüber war.“
Sie fuhr fort: „Manchmal spielt das Leben mit uns Ball, und dann passieren Dinge, an die wir nie zuvor gedacht haben. Wir müssen das akzeptieren, wenn Papa jetzt mit Vera zusammen lebt, obwohl er Katharina und Mila immer noch liebt. Wir freuen uns auch, wenn Papa und Mama sich manchmal das Glück der körperlichen Freuden schenken. Wir spüren das. Wenn Vera damit nicht einverstanden wäre, würde Papa das nie tun. So sind sie alle glücklich. Urteile nie vorschnell über andere, aber versuche, deinen eigenen Weg zu finden. Der muss nicht so aussehen, wie bei deinem Großvater. Er muss nicht so aussehen, wie bei deinem Vater, bei Paco, und er muss auch nicht so aussehen, wie bei mir. Finde deinen eigenen Weg.“
1.4.
In den Tagen nach den großen Ferien heiratet Opa Leon Vera standesamtlich. Es ist ein einfaches Fest, zu dem auch Elvira kommt, dort in das neue Haus von Opa und Vera in Brandenburg. Am Wochenende darauf springt die ganze Familie nach Peru, und es gibt eine Konferenz.
Einer von Elviras Cousins hat richtigen Bockmist gebaut und er hat alle seine übernatürlichen Kräfte verloren. Nichts hilft. Die Kräfte sind weg und Tante Chénoa, die jetzige Clanführerin der Familie, die sagt: „Ich mische mich da nicht ein. Wer auch immer Boris diese Kräfte entzogen hat, der hat uns gewarnt, mit unseren Kräften in Zukunft vorsichtiger zu sein. Wir müssen uns überlegen, was jetzt zu tun ist.“
Elviras Cousine Irina, die jetzt mit Opa Leon und Vera in Wittenberge lebt, die hat die vielleicht erste große Rede in ihrem Leben gehalten. Sie hat eingestanden, dass auch sie schon Mist gebaut hat. Sie weiß das auch von einigen anderen in der Familie. Niemand ist ohne Fehl und Tadel. „Wenn wir jetzt nur immer daran denken, was wir für Fehler gemacht haben, dann bringt uns das nicht weiter. Unsere Familie hat eine große Aufgabe und ein großes Ziel. lasst uns lieber dran arbeiten, wie wir dieses Ziel besser erreichen. Ich möchte endlich alle meine Geschwister kennenlernen. Ich möchte mit all meinen Geschwistern einen ständigen Kontakt aufbauen und ich möchte, dass wir alle als Familie zusammenwachsen. Wir werden unsere Kräfte gemeinsam trainieren, und wir werden uns immer wieder über den Kodex der Familie unterhalten. Was erlaubt ist, und was nicht, das überschreitet manchmal unser Vorstellungsvermögen. Boris hat das zu spüren bekommen. Er ist für seinen Unsinn bestraft worden. Vielleicht gibt ihm dieser “schwarze Onkel”, wie ich manchmal sage, ihm seine Kraft wieder, aber Boris muss zunächst lernen, was Demut bedeutet.“
Da war es wieder, dieses Wort der Demut, von dem auch die Ratten zu Elvira gesprochen hatten. Dann schlagen die Kinder vor, sich jetzt regelmäßig zu treffen. Alle Kinder, auch die, welche von ihrem Vater Paco einmal im Überschwang der Jugend wahllos gezeugt worden waren, so wie Elvira selbst. Sie selbst hat die Kräfte der Familie, weil sie in Opa Leon, Lara, Pablo und Maria gute Lehrer hat. Viele andere Kinder der Familie haben diese Kräfte nur verschwindend gering. Dort hat es bisher keine Lehrer gegeben. Da muss man etwas tun.
Elvira weiß durch ihren Zusammenhalt mit den Kids im Untergrund von Berlin längst, welche Aufgabe die Familie hat. Es geht weiß Gott nicht darum, solche Diebstähle zu tolerieren oder gar gut zu heißen. Aber das sichert das Überleben der U-Bahn-Kids!!! Elvira weiß, dass die Familie alle Anstrengungen unternimmt, um die Kids in die Legalität zu holen, um ihnen Ausbildungsplätze und eine ordentliche Schule zu garantieren. Nur dann, wenn die Gesetzeslage das nicht zulässt, was sollst du dann tun? Du kannst diese Kinder doch nicht verhungern lassen. Es ist ein Akt der Menschlichkeit, sich für diese Kinder einzusetzen. Sie sind außerdem liebenswert und sie sind alle ihre Freunde. Alle. Elvira arbeitet im Kleinen daran, eine freundliche Welt zu schaffen. Andere tun das vielleicht im Großen, so wie Oma Katharina. Elvira weiß Bescheid. Naja, vieles von dem, was Oma Katharina macht, das weiß Elvira noch nicht. Sie ist ja noch jung.
Ja, und die Cousine Irina? Irina ist vielleicht das erste mal über sich selbst hinausgewachsen, mit dieser Rede. Irina hat die volle Unterstützung von Elvira, bei dem was sie gesagt hatte, und wie es sagte. Irina hatte das auf den Punkt gebracht. Elvira ist drei Jahre jünger als Irina, aber sie ist bereits seit Jahren in der Familie aktiv, und sie ist viel weiser, als ihr Alter das verrät. Cousine Irina ist in den Kräften der Familie noch ein Neuling, weil sie mit Opa Leon erst seit kurzem einen ständigen Lehrer hat, aber sie hatte wirklich überzeugend argumentiert.
Elvira hatte dazu innerlich zustimmend genickt. Ja, das muss wirklich in Angriff genommen werden. Die Familie muss über die Ozeane hinweg wieder zusammenwachsen.
1.5.
Nur wenige Wochen findet dann die große und weiße Hochzeit von Opa Leon und Vera statt. Sie kommen alle nach Wittenberge, in diese kleine Stadt in Brandenburg, wo Opa Leon die große Fabrik der Mac Best Food Corporation befehligt. Nun nicht nur das. Auch die gesamte europäische Organisation all dieser vielen Firmen, die inzwischen der Familie von Leon gehören.
Nur wenige von Elviras Freunden haben die Kraft durch den Raum zu gehen, so wie Tante Lara. Die ist mit Oma Katharina direkt nach Wittenberge gesprungen. Elvira ist schon einmal in Opas neuem Haus gewesen. Sie hätte auch dort hin springen können. Sie fährt aber mit Mama und den kleinen Geschwistern in einem dieser Sonderbusse nach Wittenberge, die Oma Katharina für die Freunde aus Berlin organisiert hat. Nur ihr Stiefvater bleibt zu Hause. Der hat dringende Aufgaben.
Die Fahrt ist sehr lustig. Viele von Elviras Freunden wollen dabei sein, wenn Opa Leon seine Hochzeit feiert. Die Sonderbusse sind brechend voll, und und sie sind alle guter Laune. Schon im Bus fangen sie an zu feiern. Sie haben Luftballons und Konfetti mit. Viele sind bunt geschminkt und haben Phantasiekleider an, Clowns, Bänkelsänger, Bären, Affen oder Manga-Mädchen. Eine ganze Reihe von Musikgruppen fahren mit, und sie stimmen schon während der Busfahrt Lieder an. Opas Hochzeit ist ein fröhliches Ereignis.
Es ist wirklich eine wunderbare Hochzeit. Die ganze Stadt ist geschmückt und feiert. Mehr noch. Der ganze Landkreis und darüber hinaus. Es ist ein gigantisches Volksfest und Elvira spürt an diesem Tag, dass ihre Familie noch viel viel größer ist, als dieser Zweig der Familie in Berlin. Allein in dieser kleinen Stadt arbeiten mehr als dreiviertel der Menschen direkt oder indirekt für Opas Fabrik und Opa Leon hat es geschafft, sich überall Freunde zu machen.
Es ist ein fast überschäumendes Fest und eine unglaubliche Gemeinsamkeit und Herzlichkeit. Es ist schlecht zu schätzen, wie viele Menschen heute hier sind, aber die ganze Stadt ist voll mit Menschen. Die Massen ziehen sich bis vor die Tore der Stadt. Überall gibt es Events, Tische, Bänke, Buden, Gebratenes, Kuchen und Getränke. Es gibt Hundeschauen, Malwettbewerbe, Karussells, Ponyreiten, Motorradstunts, Stelzenmänner und Zauberer, und auch die Weisse Flotte ist gleich mit mehreren Ausflugsschiffen gekommen.
Elvira bleibt an diesem Tag bei Mama und ihren kleinen Geschwistern, damit die in dem Gewühl nicht verlorengehen. Sie erlebt, wie glückselig ihre kleinen Geschwister Eileen, Roger und Juan überall mitmachen. Opa Leon hat wirklich an alles gedacht. Na ja, eigentlich war es Oma Katharina gewesen. Sie hat dieses fröhliche Fest für Leon und Vera organisiert.
Es ist ein Fest für Kinder, Jugendliche, Erwachsene und für Alte, Arme und Reiche. Niemand kommt zu kurz. Vielleicht das Schönste ist, dass das Wetter an diesem Tag mitspielt. Es ist ein wunderbar warmer Tag.
Es gibt auch eine Hochzeitskutsche, die von acht Pferden gezogen wird, mit der Opa Leon und Vera am frühen Abend nach Hause fahren, begleitet von ganzen Scharen von Fotografen, die in den nächsten Tagen die bunten Blätter mit diesen Bildern füllen wollen. Traumhochzeiten lassen sich immer gut verkaufen.
Die Familie ist wirklich in vielen Teilen der Welt vertreten. Nicht nur in Berlin und in Brandenburg. Auch ihre Geschwister aus Peru, Mexiko und Amerika sind gekommen.
Eins wird Elvira an diesem Tag bewusst. Sie wird anfangen noch mehr zu lernen. Sie wird von Oma, Opa und Lara lernen, in dieser großen Organisation eine Rolle zu übernehmen. Sie wird mit den Geschwistern in Übersee mehr Kontakt aufnehmen. Elvira weiß schon, dass Opa und Tante Chénoa Pläne haben, um das möglich zu machen. Elvira ist an diesem Tag stolz, ein Teil dieser Familie zu sein. Dass das ganze Fest natürlich auch eine Promotionveranstaltung ist, um den Ruf der Stiftung auf der Erfolgsleiter zu halten, ist Elvira schon bewusst. Das die Veranstaltung sehr teuer ist, das ist ihr auch klar, aber die Präsenz in allen bunten Blättern, im Fernsehen und im Internet ist einfach unbezahlbar.
Sie selbst wird sich zunächst weiter darauf konzentrieren, in ihrem Teil der Welt, dort in Berlin, alles zu tun, damit es den Freunden gut geht.
Elvira ist zu diesem Zeitpunkt gerademal zwölf. Da ist es naheliegend, sich zunächst einmal dem direkten Umfeld zu widmen, also an das, was einem am nächsten liegt.
Lara liest Elviras Gedanken. Sie nimmt in einem ruhigen Moment Elvira und Oma Katharina zur Seite und sie sagt. „So ist es richtig. Wir müssen versuchen in unserer kleinen Welt Ordnung zu halten. Oma Katharina tut das, ich tue das, Maria und Pablo tun das, und du hast eben gesehen, dass du das auch tun musst. Verlieren wir nie die großen Dinge aus dem Auge, aber kümmern wir uns auch um unsere kleine Welt.“
Ja, Lara hat recht. Es ist ein wunderbarer Tag. Die Heimfahrt würde auch wunderbar werden. Elvira freut sich schon wieder auf ihre Freunde, die mit ihr aus Berlin gekommen waren, und die jetzt irgendwo dort in diesem Trubel untergetaucht sind. Irgendwann heute Abend werden sie gemeinsam nach Hause fahren und noch im Bus fröhlich weiter feiern. Elvira ist stolz auf ihre Freunde.
Am nächsten Tag gestattet sie sich, bei Oma Katharina anzuklopfen. Sie sieht sie lange an. „Oma. Ich kann mich deutlich an eure Rede auf der Konferenz erinnern. Jetzt hast du für Opa Leon und Vera dieses wunderbare Fest organisiert. Sage mir einmal ehrlich, tut das nicht weh?“
Oma Katharina seufzt, und sie nimmt Elviras Hände. „Es ist für dich schwer vorstellbar, nicht? Also höre mir einmal zu. Ich liebe Leon nun schon seit fast fünfzig Jahren. Wir sind einen großen Teil unseres Lebensweges gemeinsam gegangen. Wir haben uns körperliche Freuden geschenkt, und glaube mir, Leon ist ein wunderbarer Liebhaber. Du bist noch jung. Du verstehst nur, das man durch eine solche Trennung Schmerz erleidet, und dass du dir das gerne erhalten willst, was für dich gut ist, aber sieh es doch einmal so. Leon war nicht nur mein Mann, er ist einer meiner engsten Freunde, nun, eigentlich sogar der Engste. Denke einmal an deine Freunde unten im Tunnel. Würdest du nicht auch alles für diese Freunde tun?“
Elvira nickt. „Ja, aber...“
Oma Katharina lächelt. “Jede Freundschaft bedeutet auch Verzicht. Leon war früher nicht jede Nacht bei mir und heute ist er es auch nicht. Aber wir verstehen uns auch ohne Worte. Das macht eine besondere Freundschaft aus. Wenn wir dann zusammen sind, dann ist das wunderbar. Eins habe ich damals von Mila gelernt. Wir müssen begreifen, über den Schatten unserer Verletzbarkeit zu springen. Dann werden wir frei, und dann beginnen wir das Leben ganz neu zu genießen. Mach dir also keinen Kopf. Mir geht es gut. Ich habe Leon und Vera glücklich gemacht. Die Familie ist wieder einen Schritt weitergekommen. Mir geht es gut. Glaube mir.“
1.6.
Elvira kann nur zwei Tage in Berlin bleiben. Opa hat die Kinder der Familie nach Peru eingeladen. Nicht die eigenen, sondern alle seine Enkelkinder, also die dritte Generation. Es gibt einige Geburtstage, die gefeiert werden müssen. Sie werden sich oben bei Onkel Nakoma treffen, auf diesem riesigen Gestüt, das Nakoma besitzt. Die vielen Geschwister werden zum ersten mal mindestens eine Woche zusammenbleiben, um ihre Kräfte gemeinsam zu üben.
Elvira kennt die Geschichten um die Begründung der Familie. Oma Katharina und Lara hatten ihr das oft genug erzählt. Wenn du leben willst, hatten sie gesagt, dann musst du etwas über deine Geschichte wissen. Deine Geschichte ist die Geschichte deiner Familie, und die hat genaugenommen mit Opa Leon begonnen. Alles was vorher war, das ist nicht wirklich von Bedeutung, denn Opa Leon hat zum erstenmal die Kräfte entwickelt, die heute alle unsere Familienmitglieder kennzeichnen. Nicht die eingeheirateten, aber die Kinder und Enkelkinder von Leon. Das verpflichtet. Diese Kräfte machen dich zu etwas Besonderem, hatte Tante Lara gesagt, aber wir dürfen uns nie überheblich zeigen. Lerne von deiner Familie.
Lara ist die Tochter von Opa Leon und Oma Katharina in Berlin. Sie ist ein Genie. Lara hat eine eigene Werbeagentur und sie hat eine Filmgesellschaft, die vorwiegend Videoclips für Musiker und für die Werbung dreht. Lara ist oft bei Ihrer Mutter im Musikzentrum. Schließlich leitet Oma Katharina dieses Zentrum seit über 40 Jahren. Lara kennt all diese Musiker, Tänzer und die Cracks in den Halfpipes, die im Zentrum ein- und ausgehen. Sie hat vielen dieser Cracks zu Bekanntheit und Ruhm verholfen und sie hat Elvira schon viele Kontakte in ihrem erst zwölfjährigen Leben vermittelt.
Weil Elvira bei Oma Katharina im Zentrum aufgewachsen ist, war Lara so etwas wie eine zweite Mutter für sie geworden. Lara ist nicht einfach nur Lara. Sie hat enorme übersinnliche Kräfte. Sie kann Menschen beeinflussen und steuern, und sie hat Elvira seit der Geburt in ihre „Schule“ genommen. Dann wohnen auch noch Pablo und Maria Anethé bei Oma. Zwei von Opas erwachsenen Kindern aus Peru. Sie haben in Berlin studiert. Pablo ist jetzt 27 und Maria ist 25. Sie arbeiten jetzt beim Fernsehen und in der Presse, aber sie wohnen immer noch bei Oma Katharina. Naja. Nicht direkt in der Wohnung. Auf der Etage gibt es mehrere Gästewohnungen, die für die Familie reserviert sind.
In einer dieser Wohnungen wohnen Pablo und Maria Anethé. Sie haben einen spanischen und einen altindianischen Namen. So heißt Pablo mit seinem zweiten Namen zum Beispiel Mathé, was soviel heißt, wie „der weise Heerführer“. Nun ja. Das war eine andere Kultur.
Maria und Pablo haben sich in Berlin richtig eingelebt. Pablo hat inzwischen eine Freundin. Sie ist Dänin und arbeitet mittlerweile bei einer Zeitung in Kopenhagen. Sie hatten sich über das Studium kennengelernt. Birthe hat eine Weile mit Pablo zusammen gewohnt, und auch Maria hat einen Freund. Ricky ist Engländer. Er managt Musikgruppen. Er hat im Zentrum ein großes Büro, er hat eine große Wohnung in Berlin, und er hat in London noch ein zweites Büro. Ricky ist gut im Geschäft. Durch Maria ist seine Zukunft natürlich gesichert. Maria hat durch Oma Kontakte, die Ricky viele Türen aufschließen können.
In letzter Zeit hat Elvira zu Pablo und Maria jedenfalls nicht soviel Kontakt gehabt. Sie sind viel unterwegs und sie gehen jetzt ganz in ihrem Job auf. Sie haben manchmal Konferenzen mit Oma und Katharina, wo sie Elvira nicht mitnehmen, aber sie sind natürlich auch oft bei Oma zu Besuch. Manchmal zum Frühstück, oder am Abend. Dann wird immer viel gelacht und es werden Dinge besprochen, die Elvira hochinteressant findet. Manches kann sie mit ihren 12 Jahren auch noch nicht verstehen.
1.7.
Opa Leon hatte fünf Kinder mit Oma Mila in Peru gezeugt und zwei Kinder mit Oma Katharina in Berlin. Dann war da noch Onkel Nakoma. Auch der ist Opas Sohn, aber der ist nur wenige Jahre jünger als Opa Leon, und das kam so: Opa Leon war in jungen Jahren mehrfach in Südamerika gewesen. Dort hatte er auch die Königsstadt der Péruche entdeckt. Ein purer Zufall? Vielleicht. Opa Leon hatte irgendwelche Schwingungen gespürt, dann war er mit seinen Gedanken in die Erde unter ihm gekrochen. Dann hatte er gegraben, und er hatte Wertvolles gefunden. zwei Wochen später war er wieder da, diesmal in Begleitung von Oma Mila und einem Indio, den sie in den Bergen aufgelesen hatten, und der ihnen als Führer gedient hatte. Das ist Nakoma. Wie durch ein Wunder hatte er plötzlich auch die Kräfte erhalten, die Elviras Familie auszeichnen.
Elvira ist mit den Geschichten der Familie vertraut, aber sie ist weit davon entfernt, alle Enkelkinder von Opa zu kennen. Onkel Nakomas fünf Kinder haben selbst schon fast alle Kinder, und zusammengenommen hat Opa heute schon weit über 60 Kinder und Enkelkinder. Da ist es schon schwer, alle zu kennen und alle Namen zu wissen. Sie leben ziemlich verstreut in Amerika und in Deutschland. Elvira kennt nicht einmal die Hälfte davon. Dass es so viele Enkelkinder sind, liegt auch daran, dass Elviras Vater Paco und Onkel Fred so viele Kinder in die Welt gesetzt hatten, teils wahllos und teils ganz bewusst. Elviras Vater hatte es getrieben, wie ein durchgeknalltes Karnickel, und Elvira ist nicht stolz darauf, aber es ist nun mal so, wie es ist.
Von diesem Geschehen in Amerika ist Elvira immer weit weg gewesen. Sie ist hier in Berlin geboren und sie ist hier aufgewachsen. Sie kennt Lara, Pablo und Maria Anethé und sie kennt auch Irina und Dimmy, die jetzt bei Opa Leon in Wittenberge wohnen. Sie kennt einige der Geschwister in Peru und Mexiko. Viel mehr weiß Elvira nicht über die weitverzweigten Familienverbindungen.
Als Irina im Spätsommer gefordert hatte, dass sich die Kinder und Enkelkinder von Opa Leon endlich alle kennenlernen sollten, damit die Familie ihren Zusammenhalt wiederfindet, hatte Elvira das richtig gut gefunden. Sie war erst zwölf und bisher war das nicht ihre Sorge gewesen, aber der Vorfall dort in Amerika hatte sie nachdenklich gemacht. So etwas wie mit Boris durfte nie mehr passieren. Es war das erste Mal, dass ein Mitglied der Familie seine Kraft verloren hatte. Sie würden sich in Demut üben müssen, das ist Elvira jetzt klar.
Anders als in Wittenberge, ist das geplante Treffen in Peru nur für die Enkelkinder der Familie. Alle Kinder, die irgendetwas von den übersinnlichen Fähigkeiten geerbt haben. Viele von ihnen sind darin nur ungenügend ausgebildet. Nicht alle werden kommen, aber vielleicht 30 oder 35. Elvira weiß das nicht genau.
Sie wird endlich einmal einen großen Teil der Geschwister kennenlernen und etwas über die Städte und Familien erfahren, in denen die einzelnen Kinder leben. Sie werden aber auch gemeinsam über die Hochebene reiten, dort in Peru, sie werden alle im Freien campieren. Sie werden sich in Tiere verwandeln und sie werden versuchen, elektrische Felder zu produzieren. Das wird sicher Abenteuer pur und es ist ein Stück Familie. Ihre leibliche Familie.
Elviras kleine Geschwister müssen zu Hause bleiben. Sie haben nicht das Blut von Opa Leon. Sie haben nicht die Kraft, durch den Raum zu gehen, so wie Elvira. Sie sind traurig, dass Elvira sie verlassen wird, aber Elvira wird ja wiederkommen. Mama hat Elvira an sich gedrückt. Sie weint ein bisschen. Nein, es ist keine Trauer. Es ist Glück, dass Elvira diese Chance bekommt. Juanita unterstützt Elvira in all diesen Dingen. Sie hat von Oma Katharina, von Opa Leon und von Lara gelernt, dass auch sie und all ihre Kinder ein Teil der Familie sind. Nicht so, wie Elvira, sie wird nie diese Kräfte haben, aber Elvira, die soll die Chance bekommen, mehr aus sich zu machen.
Elvira schnürt sich einen warmen Schlafsack und eine Isomatte. Sie packt sich eine Tasche mit warmer Kleidung, denn im Herbst kann es auf der Hochebene schon ziemlich kalt werden, und sie springt jetzt zu Opa Leon nach Wittenberge. Sie kennt die Adresse. Nur dadurch geht das, dieser Sprung in Opas Haus in Wittenberge.
Opa Leon und seine neue Frau Vera werden mitkommen nach Peru. Wie eine Hochzeitsreise, aber Elvira weiß natürlich, dass Opa Leon den Kontakt zu seiner Familie halten will. Es ist eine Art Urlaub im Kreis der Familie. Irina und Dimmy werden natürlich auch mitkommen.
Elvira kennt die beiden schon seit ein paar Jahren. Eigentlich nur flüchtig. Sie sind ein paar Mal in Berlin gewesen und sie leben jetzt in Wittenberge. Es wird Zeit, einmal mehr voneinander in Erfahrung zu bringen.
Lara hatte ein paar Mal mit Elvira darüber geredet. „Ihr seid inzwischen so viele, aber ihr kennt euch nicht einmal. Es wird Zeit, dass wir das organisieren. Wir können das nicht beeinflussen, ob ihr euch versteht und ob ihr lernt, euch als Geschwister zu fühlen. Das ist eure Aufgabe. Ihr habt das in der Hand. Ihr entscheidet, ob die Familie zusammenwächst oder auseinanderfällt.“
Elvira war ein paar Mal bei wichtigen Konferenzen der Familie dabei gewesen. Sie hatte diesen inneren Zusammenhalt gespürt, und sie weiß auch, wie wichtig dieser Zusammenhalt ist. Bei ihren Freunden im Berliner Untergrund ist das so. Im Musikzentrum ist das so, und zuletzt hatte sie das bei Opas Hochzeit in Wittenberge erfahren. Ja wirklich. Dieser innere Zusammenhalt gibt ihnen unendlich viel Kraft.
Irgendwann wird die Verantwortung auf den Schultern ihrer Generation liegen. Elvira ist noch sehr jung, aber das weiß sie genau. Das muss gut vorbereitet werden. Sie wird die Kraft der Familie noch brauchen.
1.8.
Im Laufe des Tages trudeln alle bei Onkel Nakoma ein. Nakoma hat inzwischen eine Art Gästehaus und eine große Halle gebaut, nur für die Familienmitglieder. Es gibt gemeinsame Schlafsäle für zehn bis zwölf Kinder, die mit Matratzen ausgelegt sind, und es gibt Zweier-, Dreier- und Viererzimmer.
Das Gebäude ist über einen Gang mit dem Wohnhaus von Nakoma verbunden. Es gibt dort eine große Lounge und eine riesige Küche und dort leben auch ein Teil der vielen Hunde, die Nakoma hat. Große, graue, braune und schwarze Hirtenhunde mit langen zotteligen Haaren. Eine eigene Züchtung, die in der Hochebene wunderbar zurechtkommt. Es ist hier immerhin über 3.000 Meter hoch. Jetzt im Herbst wird es schon empfindlich kalt.
Elvira tritt als erstes hinaus, in diese wunderbare Landschaft. Es gibt hier so etwas wie einen Indian Summer. Nun, nicht in der Art, wie in Nordamerika, aber Gräser, Blumen und Büsche hatten die Farbe gewechselt, sie sind jetzt strohig gelb-braun. Draußen gibt es Koppeln, in denen die Pferde von Nakoma weiden. Diese kleinen Pferde, die Nakoma für das Hochland gezüchtet hat, und auch die „Arans“, die Verbindung aus Arabern und den Pferden der nordamerikanischen Prärien, der Mustangs. Jetzt im Herbst ist das Gras fest, nahrhaft und gut verdaulich. Elvira zieht die Luft tief ein. Es riecht hier würzig und frisch. So ganz anders als in Berlin.
Irina tritt plötzlich neben sie. Sie schiebt die Hand unter Elviras Arm und blinzelt in die Sonne. „Schön hier“, sagt sie. Nun, auch Irina kennt das. Sie ist schon oft hier oben gewesen, und es ist immer wieder ein besonderes Erlebnis, hierher zu kommen. Für Irina ist das jetzt noch aus einem andern Grund etwas Besonderes. Sie war im Sommer fünfzehn geworden und sie hatte sich das gewünscht, hier oben den Geburtstag zu feiern, im Kreis der Familie.
Zehn Tage können ziemlich kurz sein. Zumindest, wenn so viele neue Mitglieder der Familie da sind. Einige kennt Elvira schon, so wie die Kinder von Tante Chénoa und Tante Clara. Auch die Kinder von Onkel Fred kennt sie und auch die Kinder, die Papa und Zehra zusammen gezeugt haben, und die zu ihren kleinsten Geschwistern zählen. Papa und Zehra waren mitgekommen.
Auch wenn der Bezug zu ihrem leiblichen Vater Paco nie da war, so ist er doch ihr leiblicher Vater, und sie spürt an den Energieströmen von Papa etwas Vertrautes. Etwas, was sie selbst auch hat. Es ist, wie eine Art Band zwischen ihnen.
Als sie das Irina erzählt, nickt Irina. „Ja, das kenne ich. Ich habe meinen Vater Fred in den letzten Jahren nicht sehr oft gesehen, aber ich kenne das, dieses Band, und zwischen Opa Leon und mir gibt es dieses Band auch. Es ist inzwischen viel stärker, als bei Fred. Es ist, wie als wenn ich ein Teil von Fred und Leon wäre.“
„Naja, das bist du ja auch“, meint Elvira, „du bist ja schließlich Freds Tochter, und Leons Enkeltochter.“
Es ist gut, dass es in der Kindergruppe einige erfahrene Kids gibt. Da sind besonders die beiden Ramons, die Kinder von Tante Chénoa und von Tante Clara. Dann sind da noch Maria (die Tochter von Onkel Nakoma) und Solveig, die jüngste Tochter von Clara. Sie sind Meisterinnen in der Kunst der Heilkräuter und sie können in Tiere und Menschen „hineinkriechen“, um Krankheiten aufzuspüren.
Jedes der erfahrenen Kinder ist in einer anderen Disziplin besonders gut, und nur die „Neuen“, die Kinder aus Pacos wildem Leben, die sind völlig untrainiert. Sie staunen manchmal mit offenen Mündern und sie beginnen von den Kräften der Geschwister zu lernen.
Zwei Dinge bleiben Elvira in diesem Herbst besonders in Erinnerung. Der Ausflug mit den Pferden in die Hochebene und der Ausflug mit Tante Chénoa.
Der Ausflug in die Hochebene ist wunderbar. Sie hatten das schon einmal vor ein paar Wochen gemacht, direkt nach Opas Hochzeit vor dem Standesamt. Dieser Ausritt jetzt, diese Nächte in Zelten und in Schlafsäcken, zusammen mit den Geschwistern, die brennenden Feuer und das gemeinsame Baden in den klaren Bergseen, das ist einmalig schön.
Sie nehmen jetzt wieder Kontakt auf zu den Condoren, zu den Füchsen und den Bären, die es hier oben gibt. Sie lassen sich von den Mäusen erzählen, und sie verwandeln sich in Adler, um über die Hochebene zu fliegen. Auch das können „die Neuen“ noch nicht. Sie müssen noch viel lernen. Als sie zum ersten Mal vor einem ausgewachsenen Bären stehen, sind einige der „Neuen“ ziemlich erschrocken, aber das legt sich bald. Die Tiersprache beherrschen sie recht gut. Das war am Anfang auch so ziemlich das Einzige, was sie konnten. Jetzt nehmen Sie die Energie der Geschwister auf, wie wärmende Strahlen der Morgensonne, wenn auch zunächst in kleinen Dosen.
Auf jeden Fall ist dieser Ausritt eine besondere Art des Zusammenwachsens. Sie kuscheln sich nachts zusammen. Sie spüren die gegenseitige Wärme. Sie spüren, wenn es gegen Morgen richtig kalt wird, und sie müssen auch die Pferde bewachen. Die Hundemeute übernimmt den größten Teil der Arbeit, aber auch die Hunde brauchen Führung.
Dann stößt Tante Chénoa zu der Gruppe. Sie bildet mit allen Kids einen großen Kreis. Sie nimmt sie mit an den Fuß des Vulkans, der dort auf einer dieser Hochebenen liegt. Sie verwandeln sich in Adler und sie fliegen in den Trichter des Vulkans, in dem ein klarer Bergsee liegt. Es riecht eigentümlich nach Schwefel, und die Nackenhaare stellen sich bei Elvira auf. Danach erzeugen sie gemeinsam mit Chénoa ein Energiefeld, das einen Sturm entfacht, der über die Hochebene fährt. Ein kleiner Sturm nur. Sie sind ja noch ungeübt. „Lernt, eure Kraft gemeinsam zu entwickeln, lernt sie zielgerichtet einzusetzen und achtet stets die anderen Menschen und die Tiere“, warnt Chénoa an diesem Tag.
Elvira befreundet sich in diesen Tagen mit Irina an, und die beiden Mädchen sehen sich bei Chénoas Worten an. „Whow“, denken sie im selben Atemzug. Es ist ein Erlebnis, das Angst machen kann und es ist ein Erlebnis, das zugleich Mut macht. Mut, solche Dinge, wie z.B. einen pyroklastischen Strom in eine bestimmte Richtung zu lenken. Ja wirklich. An solchen Kräften müssen sie sich üben.
1.9.
Als Elvira nach Berlin zurück kommt, ist sie voll mit neuen Eindrücken. An diesem Abend sitzt sie mit Oma Katharina und mit Lara zusammen und sie erzählt, bevor sie Nachhause zu Mama springt.
Lara, die nicht mit in Peru gewesen war, fragt sie, „Ich habe den Eindruck, die zehn Tage haben dir gut getan. Irgendwie hast du so etwas wie einen starken Lebensmut. Ist das so etwas wie ein Neuanfang?“
Elvira nickt. „Ich glaube schon. Es ist das erste Mal, dass ich mit der Familie so eng zusammen war, wie in den letzten Tagen. Ich rede jetzt nicht von meiner Familie unten in den Tunneln unter Berlin, sondern ich rede von meinen leiblichen Schwestern und Brüdern. Ich habe nie vorher gewusst, zu welchen Leistungen wir fähig sind, wenn wir unsere Kräfte bündeln.“
Bis Weihnachten geht sie wieder in die Schule Sie kümmert sich um ihre kleineren Geschwister. Sie kümmert sich um die Freunde in den Tunneln unter Berlin, und sie kümmert sich um die Freunde im Musikzentrum. Diesmal geht sie gezielt ins Zentrum, und sie besucht Louis, den Sänger.
Louis hat irgendwo da unten im Keller einen der Proberäume. Von Oma Katharina weiß Elvira stets, welche Gruppe gerade in welchem Probenraum ist. Sie braucht das nur auf dem PC aufzurufen.
Elvira setzt sich einfach dazu. Sie lehnt hinten an der Wand, auf ihren Füssen hockend. Sie schließt die Augen und hört zu. Diesmal achtet sie auf die Stimme von Louis. Sie achtet auf das Zusammenspiel und die Texte. Sie versucht sich auszumalen, warum Louis nicht mehr Erfolg hat. Schließlich schaltet sie ihr „Gesumm“ ein, mit dem sie sich viel besser konzentrieren kann. Sie versinkt geradezu in der Gruppe.
Dennoch kommt sie nicht drauf. Die Gruppe ist wirklich gut. Warum bleibt der große Erfolg aus?
Bei einem der nächsten Konzerte begleitet Elvira die Gruppe. Sie sitzt hinten im Backstagebereich und hört zu. Später geht sie hinunter ins Publikum und hört zu. Sie hört weniger auf den Gesang, als vielmehr auf die Schwingungen der Menschen. Alles scheint zu stimmen. Dennoch kann sie sich eins nicht erklären, warum bleibt der große Erfolg aus?
Elvira beschließt, mit Oma Katharina zu reden. Oma Katharina seufzt. “Wir haben das oft. Immer und immer wieder. Manchmal ist das eine Zeitströmung. Dann ist die Gruppe dem Publikum einen Schritt voraus, oder zwei oder drei. Manchmal haben sie die Zeitströmung verpasst. Sie laufen ihr hinterher und sie können sie nicht fassen. Manchmal ist es nur eine Frage der Performance. Lara konnte da schon oft helfen. Manchmal hat sich Opa Leon dazugesetzt. Er hat zugehört und er hat auch nicht immer helfen können. Wir sind keine Zauberer. Wenn du herausfindest, warum die Gruppe im Moment nicht den Erfolg hat, den du dir erhoffst, dann hast du das Rätsel gelöst.“
Sie fährt fort. „Deine Tante Cindy, die in der holsteinischen Schweiz lebt, du weist, wen ich meine? Die schreibt ja mit ihrem Mann Texte und Songs für viele verschiedene Musiker. Sie sind wirklich gut im Geschäft. Von den Beiden kann man nur lernen. Ich weiss auch nicht, wie die beiden das immer schaffen, mit ihren Songs so die Seele zu treffen. Aber natürlich gibt es viele Stücke, die auch voll daneben hauen. Ich kann dir nicht einmal sagen, ob die Beiden deinem Freund helfen könnten.“
Sie überlegt noch eine Weile, dann fügt Katharina hinzu. „Versuche nicht, dich auf die Lösung des Problems zu fixieren. Du wirst dabei nur verkrampfen. Lebe deinen Tag. Sei Teil deiner Freunde, beobachte und lache. Vielleicht hast du morgen plötzlich die zündende Idee. Vielleicht in einem Monat oder in einem Jahr. Vielleicht auch nie. Lass dich nicht entmutigen. Manche Dinge müssen wir so nehmen, wie sie sind. Wir können nicht alles steuern und beeinflussen.“
Elvira seufzt. Dann erzählt Oma Katharina, wie Chénoa und Opa Leon einmal einer der Gruppen geholfen hatten, vor vielen Jahren. Damals war die Frontfrau der Gruppe ums Leben gekommen. Die Gruppe war völlig verzweifelt. Chénoa hatte sie eingesummt und ihnen einen neuen Rhythmus und neuen Lebensmut gegeben. Nicht ihren Rhythmus, sondern Chénoa hatte es der Gruppe ermöglicht, den in der Gruppe bereits existenten Rhythmus neu zu definieren. Das hatte damals der Gruppe zu wahrer Größe verholfen. Aber das wäre nie passiert, wenn die Zeitströmung nicht genau zu diesem Zeitpunkt nach diesem neuen „Rhythmus“ verlangt hätte.
Elvira überlegt lange. Sie wacht in den Nächten auf, wälzt sich hin und her und sitzt schließlich aufrecht im Bett. Sie geht zu ihren Freunden in den Bunker. Sie geht zu Konzerten. Sie begleitet Lara zu Produktionen, und plötzlich hat sie einen Einfall.
Es gibt da so ein Mädchen. Sie ist auch erst vierzehn. Elvira kennt sie aus Aysas Café in der großen Halle im Zentrum. Emmi ist italienisch-spanischer Herkunft. Sie heißt eigentlich Emilia und sie hat eine wunderbar weiche Stimme. Weich und doch kräftig. Emilia hat schon einen ziemlich großen Busen, die Jungs gucken ihr hinterher, und sie hat so etwas von einer Rockröhre. Da ist so ein Unterton, der sich in dein Gehirn sägt. Nicht wie eine Kreissäge, mit hohen Nebentönen, sondern wollüstig kratzig. Etwas, was nur wenige Sängerinnen haben, wie etwa Nina Turner. Elvira kennt diese uralten CD’s. Damals, vor vielen Jahrzehnten, da war diese Tina Turner mit dieser Stimme ein Weltstar geworden.
Emmi übt bisher immer Zuhause. Sie imitiert irgendwelche anderen Sängerinnen, und Elvira hatte sie kennengelernt, als sie einmal selbstvergessen auf den Stufen im Zentrum saß, mit den Kopfhören auf. Emmi hatte gesummt. Ab und zu hatte sie die Stimme gehoben und ein paar Takte gesungen. Elvira hatte sich ein paar Bänke weiter hingesetzt und hatte Emmi beobachtet. Sie war in keiner der Gruppen, die im Zentrum probten oder spielten, das wusste Elvira.
Ein paar Tage später hatten sie sich zufällig wiedergetroffen und Elvira hatte Emmi angesprochen. Ein paar Wochen später wurde Elvira von Emmi mit zu sich Nachhause genommen und Emmi sang ihr vor. Emmi war noch unausgebildet, aber sie war gut. Irgendwann vor Weihnachten sah Elvira dann Emmi wieder und plötzlich hatte sie einen Einfall. Sie rief bei Oma an, sie fragte, wann Louis das nächste Mal probt, und sie nimmt zwei Tage später Emmi mit zu Louis in den Proberaum.
Emmi hört eine Weile zu, dann meint Elvira. „Kannst du versuchen, das einmal zu begleiten? Erst mal hier hinten, dann später vielleicht mit dem Mikro?
Emmi hat längst angefangen, das in ihrem Kopf zu tun und sie fängt jetzt an zu summen.
Elvira geht kurz entschlossen hinter die Bühne und holt sich eines der Textblätter. Sie gibt das Emmi und Emmi beginnt. Dann wird Louis aufmerksam. „Was’n das? Kannste nich’ mal hochkomm’n. Haste’ schon mal mit’m Mikro gesung’n?“ An diesem Tag fängt Emmi an, mit Louis zu üben.
Noch vor Weihnachten schreibt die Gruppe einige Texte um. Sie schreiben einen eigenen Gesangspart für Emmi und sie studieren das ein.
An Weihnachten tritt die Gruppe zweimal im Zentrum auf. Emmi darf bei drei Stücken die erste Stimme singen. In den andern bleibt sie im Hintergrund, und versucht Louis zu begleiten.
Elvira steht im Publikum. Sie staunt. Das ist noch unfertig, aber das ist der Sound, der die Menschen einfängt. Sie sieht die Reaktion des Publikums. Sie spürt die Vibrationen, und sie weiß, das ist der Beginn einer neuen Ära.
Kapitel 2. Berlin. Die Jahre 2054 und 2055
2.1
Die Gruppe von Louis lässt sich Zeit. Sie überstürzt nichts. Sie arbeitet an der Musik. Sie arbeitet an den Texten. Sie arbeiteten an Emmis Stimme, und sie arbeiteten an diesem Duett von Louis Gesang und Emmi. Sie entwickeln einen völlig neuen Stil.
Gegen Ende des Jahres 2054 meint Lara, die ein paar mal zugehört hat, „ich glaube, ihr solltet jetzt ins Studio gehen. Es wird Zeit für euer erstes Video.“ Es gibt zunächst eine Single. Lara produziert auf eigene Kosten ein Video. Sie dreht das selbst und überlässt das diesmal nicht ihren Kameraleuten. Lara ist in diesen Dingen wirklich genial. Das Video kommt kurz vor Weihnachten auf den Markt. Lara sorgt dafür, dass der Berliner Rundfunk und das Fernsehen das Video bekommen. Sie sorgt dafür, dass das Video bei MTV ausgestrahlt wird und sie sorgt für einige Interviews.
Die deutschsprachige Musik schlägt ein, wie eine Bombe. In den folgenden Wochen hat die Gruppe richtig zu tun, und in den Tagen um Fasching 2055 füllen sie bereits die Konzertsäle in Köln, München, Stuttgart und Dortmund. Emmi ist 15, die anderen Mitglieder der Band sind zu diesem Zeitpunkt erst 16. Das ist ein Alter, wo du die Kids am einfachsten einfängst.
Von den ersten Gagen kann die Gruppe ihre Schulden bei Lara zurückbezahlen. Naja. Lara ist großzügig gewesen. Sie hat einen Freundschaftspreis gemacht, aber das gehört zu ihren Maximen, dass es professionelle Hilfe nicht zum Nulltarif gibt. Die Kids lernen das im Zentrum, das ein Startbrett nicht umsonst ist. Schließlich profitieren sie ganz gewaltig von Laras Hilfe. Nur Elvira, die hatte abgewunken. Das ist ihr Zentrum. Sie will kein Geld. Sie hat hier alles, und Louis ist ihr Freund. Er würde für sie dasselbe tun.
Jeden Monat kommen jetzt neue Gelder rein. Die CD läuft überall im Rundfunk. Die Gema Gebühren fließen erst spärlich und dann immer kräftiger. Wie gut, dass die Gruppe in den letzten 12 Monaten ein ganzes Dutzend dieser Stücke eingeübt hat. Sie sind alle aus einem Guss und die Gruppe geht jetzt erneut ins Studio, um die erste große CD aufzunehmen.
Elvira hatte die Gruppe oft besucht. Sie hatte sie manchmal zu den Konzerten begleitet. Sie hatte mal Backstage gesessen, mal im Publikum. Sie war bei der Aufnahme des ersten Videos dabeigewesen und sie hatte gesummt. Sie hatte der Gruppe geholfen, sich selbst zu entdecken.
Oma Katharina hatte nach dem Erfolg genickt. “Louis hat die Zeitströmung erfasst”, hatte sie gesagt.
Es war nicht das Einzige, was Elvira in diesen fünfzehn Monaten beschäftigte, aber Elvira weiß, dass sie der Gruppe den entscheidenden Impuls gegeben hat. Es ist ihr Erfolg. Ihr persönlicher kleiner Erfolg. Jetzt spürt sie plötzlich, wie sie ihre Macht einsetzen kann. Sie hat für sich selbst einen Weg gefunden.
2.2.
Elvira geht in dieser Zeit weiter wie bisher zur Schule. Sie trifft sich mit den Kids im Untergrund, und sie trifft sich mit ihren Geschwistern. Mal in Peru, mal bei Oma Katharina, mal bei Fred oder mal bei Paco in Mexiko.
Noch etwas anderes ist es, was Elvira in dieser Zeit beeindruckt. Durch Lara hat sie eine Menge Kontakte. Elvira kennt auch all diese uniformierten Ordner, die im Zentrum für Sicherheit sorgen und auch viele der Sozialarbeiter, die sich um die Sorgen der Kids kümmern. Sie weiß, dass viele der Kids aus dem Bunker regelmäßig zum Training gehen. Es gibt da mehrere Kickboxschulen. Sie war ein paar Mal mitgegangen und hatte sich das angeschaut. Ihr Ding ist das nicht.
Durch diesen Kontakt in den Kickboxschulen lernte Elvira aber neue Kids kennen. Einige kennt sie bereits flüchtig aus dem Musikzentrum. Sie weiß, dass die für den Sicherheitsdienst oder als Sozialarbeiter arbeiten, und sie spricht sie direkt an. Ja, das sei ein regelmäßiges Training. Wenn sie mehr wissen wolle, dann solle sie sich mal mit Lara, Katharina, Leon oder mit Rochen unterhalten. Rochen, hatte Elvira gefragt. „Wer ist denn das?“
Also redet Elvira mit Lara und mit Oma Katharina. „Wer ist Rochen“, will Elvira wissen.
Lara seufzt. „Es gibt Dinge, die haben wir dir bisher nicht erzählt. Du bist noch jung und du musst nicht alles wissen, was dich vielleicht belasten würde. Du kennst viele der Ordner hier im Zentrum und du kennst auch Roman, der hier die uniformierten Ordner anleitet, aber das ist nur die sichtbare Organisation. Das, was jeder sehen darf.“
Elvira hört erstaunt zu. „Du meinst, es gibt hinter dieser Organisation so etwas wie eine geheime Verbindung?“
Jetzt mischt sich Oma Katharina ein. „Elvira, hör jetzt einmal genau zu. Lara hat dir eben etwas angedeutet, was du nie, niemals ausplaudern darfst. Einige Mitglieder der Familie wissen das, aber sie reden darüber nicht. Haben wir uns verstanden?“
So kommt es, dass Elvira Rochen kennenlernt. Rochen ist klein und auf den ersten Blick unscheinbar, aber Rochen ist aufmerksam und er scheint mindestens über acht Augen zu verfügen. Sie sind überall. Selbst wenn dich Rochen fixiert, sieht er gleichzeitig alles, was im Raum um dich herum passiert. Rochen ist ein Phänomen. Er macht sich selbst „unsichtbar“, er will in der Menge untergehen und unerkannt bleiben, aber er sieht alles.
Rochen ist vielleicht zwanzig, zweiundzwanzig oder noch älter, Elvira kann das nicht einschätzen. Sie weiß nichts über Rochen aber sie sieht diese Aura dieses jungen Mannes. Sie erfasst das mit ihren Tentakeln, die sie von der Familie geerbt hat, und die durch Laras Ausbildung gewachsen sind. Sie kriecht in diesen jungen Mann hinein und sie staunt. Rochen ist nicht mit den Kräften ihrer Familie gesegnet, aber Rochen ist unglaublich. Elvira versenkt sich in diesen Jungen und sie beobachtet.
„Soso“, meint Rochen. „Du willst also mehr über uns erfahren?“ Als Elvira nickt, meint er. „Lara hat mir gesagt, dass du den Mund halten kannst. Kannst du das wirklich? Nein, nicht nur, wenn du direkt gefragt wirst, sondern wenn man dich ausfragt oder Nachts aus dem Schlaf zerrt?“
Elvira staunt. „So schlimm?“
Rochen lächelt, dann nimmt er Elvira mit zu Conni, einem der Mädchen, die im Zentrum verkehren. Elvira kennt Conni vom Sehen. Sonst weiß sie nichts über Conni. „Kümmere dich mal ein bisschen um Elvira“, meint Rochen. „Bisschen Basiswissen“, fügt er hinzu.
2.3.
In den Folgewochen wird Elvira von Conni unter die Fittiche genommen. Sie sitzen im Zentrum. Plötzlich fragt Conni. „Das blonde Mädchen, was gerade an uns vorbeigegangen ist. Wie war die Farbe des Rocks? Was hatte sie für Schuhe an?“
Als das zum ersten mal passiert, da guckt Elvira nur blöde. Die Fragen kommen jetzt öfters, und Elvira beginnt, ihre Umwelt mit wacheren Augen wahrzunehmen. Sie schaltet auch ihr Gesumm ein. Sie benutzt jetzt die Kräfte, die sie von der Familie geerbt hat.
Dann wird Elvira in die U-Bahn und in die Stadt mitgenommen. Sie verfolgen wildfremde Passanten. Elvira beginnt auf bestimmte Zeichen zu achten. „Das da, das ist ein verdeckter Ermittler“, sagt Conni einmal. „Woher ich das weiß? Achte auf die Details. Sieh, wie er sich bewegt. Sieh zu, wie seine Augen tanzen oder absichtlich vorbeischauen, achte auf Handzeichen. Achte auf Ausbeulungen in den Taschen. Gibt es irgendwo ein Micro und ein Funkgerät? Lass uns den Mann verfolgen. Nein, nur kurz. Er wird das sonst merken.“
Später schickt sie Elvira hinter solchen Männern und Frauen her. „Versuche, ihnen unerkannt zu folgen. Brich deine Verfolgung sofort ab, wenn sie dich spüren. Ja spüren. Sie haben so eine Art inneres Auge. Einen Instinkt für Gefahr.“
Dann beginnt Conni Elvira zu zeigen, wie man sich auf der Straße unerkannt bewegt. Elvira staunt und lernt. „Versuche, mich zu verfolgen“, meint Conni irgendwann. Elvira staunt wieder. Sie hat Conni nach wenigen Minuten aus den Augen verloren. „Zeig mir das Geheimnis“, meint sie.
Elvira lernt. Das ist eine neue Welt. Langsam, ganz langsam begreift sie, dass es auf dieser Welt zwei Arten von Gesellschaften gibt. Eine öffentliche und eine Verdeckte.
Naja. Auch die Kids im Bunker sind eine Art geheime Organisation, aber das hier, das ist die organisierte Heimlichkeit. Eine ganz bewußt trainierte Unsichtbarkeit. Conni ist in diesen Dingen um vieles besser als die Kids im Bunker. Elvira lernt in diesen Monaten, die Augen selbst überall zu haben und alles zu sehen und zu registrieren.
„Das dient deiner Sicherheit“, sagt Conni. Sie muss es wissen. Sie ist wirklich gut.
Elvira fragt nie, wozu das alles gut ist. Sie lernt einfach von Conni.
Conni hätte diese Ausbildung jederzeit abbrechen können, und sie gibt geheime Berichte an Rochen, Lara und Oma Katharina. Oma Katharina nickt dazu. “Ich habe schon immer gewußt, das etwas besonderes in diesem Mädchen steckt. Überstürze nichts. Sei geduldig und behutsam. Verrate nichts, was Elvira jetzt nicht zu wissen braucht.“
Oma Katharina ist in dieser geheimen Organisation eine große Nummer. Sie steht als Leiterin des Zentrums weit über Rochen, und der ist selbst eine „große Nummer“.
Conni hält sich an die Anweisung und sie trainiert Elvira. Es ergibt sich einfach so, dass sie Elvira für geheime Operationen einbezieht. Elvira weiß nicht einmal etwas davon. Conni schickt Elvira zum Beobachten. Dann wird Elvira durch andere abgelöst, Elvira berichtet über Kontakte. Sie beschreibt Personen und Gesichter.
Elvira ist nicht blöd. Niemand hat ihr gesagt, was sie da tut, aber sie weiß, dass sie Teil einer geheimen Operation geworden ist. Es dient ihrer Sicherheit, wenn sie nichts weiß. Sie hätte nichts ausplaudern können. Conni ist ihr einziger Kontakt. Sie kennt die anderen Mitglieder dieser Organisation nicht einmal.
Langsam wächst Elvira in diese Organisation hinein. Irgendwann spricht sie mit Rochen. „Du weist, dass ich als Enkelin von Leon über ein paar Fähigkeiten verfüge, die dir zum Beispiel fehlen?“
Rochen nickt. „Klar. Willst du uns ein wenig mehr helfen?“ So kommt es, dass Elvira anfängt, sich in Vögel oder Insekten zu verwandeln. Sie kann das gut. Das sind Dinge, die ihr Tante Lara schon früh gezeigt hatte. Sie verfolgt jetzt solche „Opfer“ über längere Strecken. Sie merkt sich Gesichter und Kontaktpersonen und sie erstattet Bericht.
Irgendwann wird sie von Lara an der Hand genommen. „Komm mal mit.“ Sie stehen plötzlich in einem Raum, in dem es nur einen Tisch und mehrere Stühle gibt, auf denen mehrere Menschen sitzen. Sie erkennt Rochen und Conni. Dann ist da ein alter Mann, den sie noch nicht kennt. Er wird Roy genannt. Auf dem Tisch liegen mehrere Pakete. „Du musst nicht wissen, wie die Freunde hier heißen“, meint Lara, aber du sollst wissen, warum du in den letzten Wochen beobachtet hast. Der alte Mann (den Elvira nicht kennt) schlägt das Papier von einem der Pakete zurück und er zieht die Reißverschlüsse der Taschen auf und schüttet den Inhalt auf den Tisch. Elvira staunt. Das sind Tausende von Euros. Dann gibt es da noch diese Pakete in Zellophan, mit einem weißen Pulver.
„Heroin“, sagt Lara. „Was du hier siehst, das sind acht Kilo reines Heroin, und das hier“, sie zeigt auf die Geldscheine, „das sind über zehn Millionen Euro. Da muss man lange für arbeiten. Das ist die Ausbeute der Beobachtungen der letzten Monate. Das konnten wir heute Nacht abgreifen, dank deiner Mithilfe.“ Sie nimmt ein Bündel Scheine und drückt sie Elvira in die Hand. „Schau es dir genau an. Das ist schmutziges Geld. Dafür sind Menschen gestorben. Und das hier...", sie gibt Elvira eines der Pakete mit dem Pulver in die Hand. „Das hier ist der Tod, den du gerade in den Händen hältst. Sieh ihn genau an. Du sollst wissen, dass du vielen Menschen das Leben gerettet hast.“
Elvira lässt das staunend über sich ergehen. „Ich???“ Sie schweigt einen Moment betroffen. „Und was macht ihr jetzt mit diesem weissen Pulver?“
„Klo“, sagt der alte Mann. „Das spülen wir ins Klo. Wir wollen nicht, dass dieses Pulver jemals noch ein Leben zerstört. Jetzt weißt du, was du in den letzten Wochen getan hast.“ Er steht auf und reicht Elvira die Hand. „Danke. Du hast uns sehr geholfen.“
Elvira sieht Lara an. „Und das Geld? Das sind doch riesige Mengen. Was machen wir damit?“
Lara lächelt. „Die Kids im Tunnel brauchen Monatskarten. Sie brauchen medizinische Versorgung. Die Suppenküchen in Berlin und die Kleiderläden des Roten Kreuzes brauchen unsere Unterstützung. Wir haben ein paar geheime Wohnungen und wir haben Unkosten. Die Rechtsanwälte müssen bezahlt werden, die eingreifen, wenn mal eins der Kids aufgegriffen wird. Viele junge Musiker und Tänzer im Zentrum erhalten von uns ihre Ausbildungskosten und ihre Wohnungen finanziert. Keine Sorge. Das Geld wird gut angelegt.“
„Sind wir hier fertig“, fragt Lara und der alte Mann nickt. Lara nimmt Elvira an der Hand und springt mit ihr zurück in Omas Wohnung. „Jetzt hast auch du ein Geheimnis“, sagt sie, und hält den Finger an den Mund. „Whow“, sagt Elvira.
2.4.
Elvira ist im Alter, wo sie einen Busen bekommt. Sie ist gewachsen. Sie hat Hüften und eine richtige Taille bekommen. Sie hat jetzt Haare zwischen den Beinen und ihre Monatsblutung hatte bereits eingesetzt. Das ganze Wesen hat sich verändert, aber Elvira ist fest eingebunden in ein Netz aus Freunden. Es ist schwer, aus diesem Netz zu fallen.
Tatsächlich schielt Elvira seit dieser Zeit auf Jungen. Sie betrachtet die Jungs jetzt anders. Sie nimmt ganz andere Schwingungen wahr. Erregungen, Sehnsüchte. Hoffnungen, Angst und Aggression. Elvira staunt.
Sie weiß durch die regelmäßigen Treffen mit den Geschwistern, dass Irina jetzt einen festen Freund hat. Er heißt Paolo und ist Spanier. Er geht mit Irina in dieselbe Schule und sie schlafen miteinander. Wenn Elvira sich konzentriert, dann kann sie solche Schwingungen sogar spüren. Es sind ganz besondere Schwingungen. Erregung, Lust, Vertrauen.
Elvira war am Anfang verblüfft, dann versuchte sie dieses Phänomen zu erfassen. Sie konzentrierte sich, und sie spürte dieses Gefühl nun auch bei anderen Personen. Sie spürte, dass Ihre Freunde Emmi und Louis miteinander schlafen. Sie spürte es, wenn Opa Leon und Oma Katharina miteinander schlafen, und wenn sie sich konzentriert, dann kann sie in der Gruppe von Menschen, in der sie steht auch spüren, ob es solche Kontakte zwischen den einzelnen Personen gibt.
Es ist ein Phänomen. Sie erzählt Lara davon und Lara meint. „Du spürst etwas, was viele in unserer Familie spüren, aber so ausgeprägt, wie bei dir habe ich das noch selten erlebt. Chénoa kann das. Die beiden Ramons können das und noch ein paar andere. Rede mit ihnen, wenn du sie das nächste Mal triffst.
2.5.
Elvira tut, was Lara ihr geraten hat, und Ramon (der Sohn von Tante Clara) hört ihr gut zu. „Du bildest da gerade eine besondere Fähigkeit aus“, meint er. Lass uns das ein wenig trainieren. Setze dich dann wieder mit Lara in Verbindung. Suche die Geigerin Conny auf und rede mit Pablo und Maria Anethé. Sie können dir eine neue Welt aufschließen.“
Also redet Elvira wieder mit Lara und Lara nickt. Sie nimmt Elvira in eins der nächsten Konzerte von Tante Conny mit. Das ist in London. Lara steht mit Elvira hinter der Bühne. Es gibt einen kleinen Schlitz, so dass sie das Publikum sehen können. Conny spielt auf ihrer Geige, begleitet von der Londoner Philharmonie. Lara fasst jetzt nach Elviras Hand und sie beginnt zu summen.
Solche Schwingungen hat Elvira in ihrem Leben noch nicht vernommen. Sie sieht, wie wahre Wellen von Energie in den großen Saal fließen. Sie sieht, dass Lara diese Energie mit Botschaften versetzt. Sie sieht, wie die Zuhörer ihre Sinne öffnen und diese Botschaften aufnehmen. Sie sieht das Glück und die Bereitschaft, etwas Neues bewegen zu wollen. Elvira steht die ganze Zeit neben Lara. Sie hört zu. Sie sieht diese Bündel von Energie. Sie staunt.
Am selben Abend fahren sie ins Hotel. Elvira sieht Lara an und fragt wortlos, „und das war jetzt erlaubt?“ Lara gibt ihr ein Zeichen zu warten. Später liegen sie gemeinsam in dem großen Bett des Doppelzimmers und Lara erklärt. „Wir machen das schon lange. Chénoa, ich, Pablo und Maria. Jeder auf seine Weise. Ja, das hat nichts mit persönlicher Bereicherung zu tun. Wir beeinflussen die Menschen. Wir versuchen ihnen Botschaften zu schicken. Du hast gespürt, was ich ihnen gesagt habe?“
„Nicht ganz“, sagt Elvira, und Lara erklärt. „Die Welt ist in Unordnung. Ich benutze diese Plattform, um Menschen mit neuen Gedanken zu infizieren. Wir wollen, dass die Meere sauberer werden. Wir wollen, dass die Gewalt zwischen den Menschen schwindet. Wir wollen, dass die Tiere mehr geachtet werden, und wir wollen einige politische Ziele verwirklichen. Vieles wird dir noch nichts sagen. Willst du mehr wissen?“
So beginnt Lara, Elvira jetzt öfters mitzunehmen, zu solchen Konzerten. Maria nimmt sie mit zum Fernsehen, wenn sie die Abendschau moderiert. Pablo nimmt sie mit in dieses Studio, wo er Sendungen für andere Sender zusammenstellt, um sie zu verschicken. Er nimmt sie mit in diese Presseagentur, für die er arbeitet.
Elvira lernt, dass sie alle summen. Sie versetzen die Nachrichten mit Botschaften. Sie sprechen das nicht in Worten aus, aber die Botschaften sind da, und sie werden von jedem gehört, der diese Sendungen anschaut. Niemand hört das als gesprochenes Wort. Es sind Botschaften, die sich ins Unterbewusstsein einklinken. Sie sind da. Sie werden vernommen, aber niemand weiß davon, dass er gerade beeinflusst worden ist.
Elvira sieht. Sie hört zu und sie staunt. Dann beginnt sie sich für den Inhalt der Botschaften zu interessieren.
Die Geschwister hatten längst angefangen, solche Kräfte zu trainieren. Manchmal wird Elvira Zeugin davon, wenn Ramon andere Menschen mit Botschaften versorgt. Sie weiß, dass auch Irina das kann, aber dieses Ausmaß, das sie bei Lara, Pablo und Maria erlebt hat, das ist gigantisch.
Einmal wird Elvira von Lara mitgenommen zu einem Pop Konzert in die USA. Es ist eines dieser riesigen Open Air Konzerte, die es dort mitten auf der „grünen Wiese“ gibt. Vielleicht 150.000 Menschen sind dort zusammengekommen, oder auch viel mehr.
Sie erlebt bei diesem Konzert zum ersten Mal (wie sie glaubt) die ganze Kraft ihrer Tante Chénoa. Chénoa summt nicht. Sie sendet einfach diese Bündel von Energiewellen aus, völlig geräuschlos. Elvira staunt. Chénoa ist, wie ein Orkan. Die Menschen knicken vor ihr ein und werden willenlos, bevor ihnen Chénoa neue Kraft einhaucht, die sie mit Botschaften versetzt. Chénoa hätte mit diesen Menschen alles tun können, aber Chénoa geht es nur um eins. Sie will Botschaften vermitteln, über die Notwendigkeit, die Umwelt zu erhalten. Über die Notwendigkeit, zärtlicher miteinander umzugehen. Über die Notwendigkeit, ein neues Weltwährungssystem zu errichten, aber auch über die Notwendigkeit, Drogen zu vermeiden. Egal, ob harte Drogen, Alkohol oder Tabak.
Es ist tatsächlich so, dass bei diesem Festival die Bierverkäufer auf ihren Vorräten sitzen bleiben. Die Tabakverkäufer sind außer sich. Die Anbieter von harten Drogen (und die gibt es immer bei solchen Festen), die gehen nach Hause ohne einen Cent in der Tasche. Elvira ist platt. Sie sieht Lara fragend an und Lara zuckt nur bedauernd mit den Schultern. „Wir versuchen unser Bestes“, scheint sie zu sagen, „aber an die Kräfte von Chénoa kommen wir nicht heran.“
Nun ahnt Elvira, warum Chénoa zur Generaldirektorin der Firmengruppe gemacht worden ist. Von diesen Kräften hatte sie bisher keine Ahnung gehabt.
Also beginnt Elvira die Augen weiter aufzumachen, und sie beginnt diese Art von Kräften zu trainieren. Mit Lara, mit Maria, mit Ramon. Ramon nimmt sie auch einmal mit zu den Treffen, die er mit Chénoa hat. Nur Chénoa, die beiden Ramons und Chénoas älteste Tochter Clarissa Thébo. Sie treffen sich oben bei Onkel Nakoma im „Schulungszentrum“ der Kinder und Elvira staunt wieder. Es ist, als ob die Wände des Schulungszentrums sich plötzlich dehnen und dann nach außen springen. Sie sieht plötzlich durch die Wände hindurch. Ihre Gedanken fließen nach Amerika und Europa. Sie sieht, wie Chénoa dort eine ausgewählte Gruppe von Menschen mit ihrer Energie versorgt. Sie sieht die Botschaften, die Chénoa an den Präsidenten der USA und an die Vertreter in der UNO schickt. Sie sieht, wie sie den König von England mit Botschaften beschickt. Sie sieht, wie sie Vertreter der japanischen Regierung mit Energie versorgt.
Dann kehren sie alle zurück. Die Wände des Schulungszentrums schließen sich wieder. Elvira ist wieder sie selbst. „Whow.“
Sie hat in diesen Minuten erlebt, wie sie sich in ihre Atome auflöste. Sie hat erlebt, wie sie in die Gehirne dieser Menschen hineinfloss, die sie überhaupt nicht kennt. Sie hat erlebt, wie Chénoa Entscheidungen beeinflusst hat. Das ist ja ganz unglaublich.
Später sieht sie die beiden Ramons und Clarissa Thébo an. „Und ihr könnt das auch?“ Sie erntet nur ein bedauerndes Kopfschütteln. „Wir üben, aber im Vergleich zu Chénoa sind wir wie Babys. Wir haben noch einen langen Weg vor uns.“ „Das muss auch so sein“, meint Clarissa Thébo. Solche Kräfte dürfen nicht viele Menschen besitzen. Das ist eine Macht, mit der wir viel Schaden anrichten können. Wir müssen erst lernen, ganz in Demut aufzugehen, bevor wir erlaubt bekommen, über solche Kräfte zu verfügen.“
Da ist es wieder, dieses Wort der Demut. Elvira geht innerlich in die Knie vor diesem Wort. Demut. Das bedeutet, sich ganz bewusst klein zu machen. Es bedeutet Verzicht und Achtung. Es bedeutete Verantwortung und Pflichtbewusstsein um die Macht der Mächte.
Jetzt versteht sie endlich, was die Ratten ihr damals im Tunnel gesagt hatten. Es ist eine Kraft, die nur für das Überleben der Gattung Mensch eingesetzt werden darf. Jetzt versteht sie auch den Inhalt der Botschaften besser, obwohl sie über diese politischen, ökonomischen und ökologischen Zusammenhänge so gut wie nichts weiß.
Elvira wird noch viel mehr lernen müssen.
Als sie wieder in Berlin ist, sucht sie Tante Lara auf. Sie erzählt davon und fragt. „Was ist? Können wir nicht all die Drogenhändler mit solchen Nachrichten beschicken? Hört das dann endlich auf?“
Lara seufzt. „Dazu musst du wissen, wie das Drogengeschäft aufgebaut ist. Die Menschen, die in diesen Organisationen arbeiten, sind über die ganze Welt verteilt. Wir müssten sie erst mal kennen, um sie zu beeinflussen.“
„Ja, und bei solchen Konzerten? Wie ist das dort?“
Lara nickt. Dort sind die Konsumenten. Die können wir beeinflussen. Naja. Chénoa kann das. Meine Kraft ist noch gering. Ich kann einen kleinen Baustein dazu liefern, aber du überschätzt mich. Im Vergleich zu Chénoa bin ich wie ein Baby.“
Elvira sieht Lara an. Dasselbe hatten ihr die beiden Ramons und Clarissa Thébo gesagt. Elvira seufzt. „Wir müssen viel üben.“
„Ja“, meint Lara. „Bis dahin werden wir die Drogenringe aber weiter melken. Wir können den Strom der Drogen nicht unterbinden, aber wir können den Drogenbaronen Schaden zufügen. Schließlich hat dieses Geld seit vielen Jahren viel Gutes getan. Der alte Mann, den du gesehen hast, der tut das schon seit vierzig Jahren. Ohne diese Gelder wäre wohl auch das Musikzentrum nie gebaut worden.“
Elvira staunt schon wieder. Das sind ja Verflechtungen... Whow.
2.6.
Elvira ist jetzt Fünfzehn und sie hat immer noch nie mit einem Jungen geschlafen. Sie sieht diese Ströme bei anderen, aber sie ist eingebunden in die Aufgaben der Familie. Sie will auch nicht nur deshalb Sex haben, um das einmal gemacht zu haben.
Jeder hat seine eigene Geschichte. Andere Mitglieder der Familie haben das ganz anders erlebt, aber Elvira, die glaubt daran, dass ihr einmal das große Glück der Liebe begegnen wird.
Sie ist inzwischen richtig aufgeblüht. Sie spricht auch mit Mama darüber, aber Mama nimt sie nur in den Arm. „In meiner Familie war das auch nicht üblich“, sagt sie. „Als ich dann deinen Vater kennenlernte, da hat es bei mir gefunkt. Ich wusste ja, dass Paco auch mit vielen andern Mädchen zusammen ist, aber das war mir in diesem Moment egal. Dein Vater ist eine Persönlichkeit und er war im Bett einfach so...“, sie seufzt genüsslich.
„Lass mich nur nicht daran denken, sonst werde ich schwach.“ Dein jetziger Vater ist ein wunderbarer Mann, und wir sind glücklich miteinander, aber in diesen Sachen war dein Vater unübertroffen. Nicht jeder Mann ist so. Du kannst mit vielen Jungs zusammen sein und du wirst Unterschiede zwischen ihnen merken. Dein erster Mann im Leben wird vielleicht immer etwas Besonderes für dich sein. Aber das hängt davon ab, ob das ein wirklich guter Mann ist. Liebe erlebt man am Körper und gleichzeitig im Kopf. “
Elvira spricht auch mit Lara über dieses Thema und Lara seufzt. „Du weist, dass ich keinen festen Freund habe. Es gibt Menschen, für die ist die Liebe wie eine Urgewalt. Ich habe das noch nie erfahren. Papa schon. Oma Katharina hat das erfahren und deine Mutter, die hat das offenbar auch erfahren. Mach dir keinen Kopf. Niemand zwingt dich zu irgendetwas, und wenn doch, dann weist du sicher, wie du dich wehren kannst.“ Elvira nickt. Das ist einfach. Sie braucht nur durch den Raum zu gehen, oder ihr Gesumm anzustimmen.
Elvira sieht, wie viele Freunde in diesem Jahr zum ersten mal... oder auch zum Zweiten oder zum Dritten... sie sieht das, aber sie wartet.
Wenige Wochen später spürt sie, dass ihr Cousin Dimmy sich Hals über Kopf verliebt hat. Die Wellen der Erregung laufen bis zu ihr. Es sind gewaltige Wellen. Elvira lächelt. Vielleicht wird ihr das auch einmal wiederfahren.
2.7.
Irgendwann in diesem Jahr kommt Irina nach Berlin. Sie steht vor dem Abitur. Sie hat eigentlich nach Freiburg gehen wollen, um dort zu studieren, aber jetzt ist sie nach Berlin gekommen, um mit Oma und mit Lara zu reden.
Oma Katharina und Lara haben Elvira wie selbstverständlich in dieses Gespräch eingebunden, aber Elvira hält sich im Hintergrund. Sie hört nur zu.
Irina ist ein wirklich nettes Mädchen. Sie hat sie in den letzten zwei Jahren oft getroffen. Irina ist weitsichtig und klug. Sie hat viele Interessen und sie war dort in Wittenberge richtig aufgeblüht, bei Opa Leon und in ihrer Schule. Sie hat sich um ihre kleine Welt gekümmert. Um ihre Schule, um ihren Paolo, um die Vorgänge in Spanien. Sie hat sich regelmäßig mit den Geschwistern getroffen, und sie hat ihre Kräfte geübt. Sie interessiert sich auch für all diese Umweltprobleme, die Elvira in Berlin einfach nicht so mitbekommt. Gewiss. Es gibt nur noch wenige Autos, die mit Benzin fahren. Inzwischen sind fast alle Motoren auf Solarantrieb, Gas und diese Wasserstoffantriebe umgestellt, die heute das Benzin ersetzt haben. Aber von den wirklich großen Schäden an der Umwelt weiß Elvira recht wenig. Sie hat mit den andern Kids ihre Kräfte trainiert. Sie haben Wellen aufgehalten oder sie haben versucht, Regen zu stoppen, aber das ist für sie stets wie ein Spiel gewesen.
Ihre Welt ist hier, in Berlin. Sie trainiert an Kräften, deren Sinn sie noch gar nicht richtig einschätzen kann, und sie ist hier in Berlin richtig glücklich. Das ist ihre Familie. Ja. Sie nimmt inzwischen regelmäßig an den Beobachtungen dieser geheimen Gruppe teil. Sie freut sich über jeden Erfolg der Gruppe.
Oma und Katharina arbeiten sie langsam auch in das weit verzweigte Netz der Familie ein. Sie lernt langsam all die Freunde kennen, die wichtig sind. Nicht nur die Musiker und die Filmregisseure. Die kennt sie längst. Nun fängt sie an Kirchenmänner, Politiker und Vertreter von öffentlichen Ämtern kennenzulernen. Sie lernt langsam, um nicht überfordert zu werden, aber Stück für Stück. Solche Dinge brauchen viel Zeit.
Elvira weiß nicht einmal, dass Oma Katharina sie schon als die zukünftige Leiterin des Musikzentrums sieht. Naja. Nicht mit Bestimmtheit, aber Oma Katharina hat ein feines Gespür. Sie hat sich in ihrem Leben selten getäuscht. Sie leitet dieses Zentrum nicht, weil sie irgendein Parteibuch besitzt, sondern weil sie die Fähigkeit und das richtige Gespür hat. Jetzt kommt also Irina und Irina braucht Hilfe.
Irina weiß nichts von den Kids im Untergrund. Sie will etwas über die Beziehungen der Familie lernen, und Oma Katharina fragt direkt. „Was weißt du vom Leben im Untergrund?“ Irina ist völlig perplex. Sie hat wirklich keine Ahnung. Opa Leon hat wohl nie darüber geredet, aber an diesem Abend wird Irina von Lara und Elvira in die Gefahren des Berliner U-Bahn-Netzes eingeweiht.
Es geht hier nicht um die Nutzung von U-Bahn-Zügen und Bahnsteigen. Nicht um die Bedrohung durch Gangs, das hat Irina auch schon kennengelernt, es geht um die Bedrohung für Leib und Leben, wenn Irina sich auf den Weg durch die Tunnel machen würde. Das ist wirklich gefährlich.
Elvira kennt die Gefahren, aber für Elvira ist es einfach. Sie kann einfach zu den Freunden in den „Bunker“ springen. Dennoch läuft sie oft durch die Tunnel, weil sie ihre Freunde, die Ratten dort trifft. Die haben Elvira schon oft geholfen.
Am nächsten Tag wird Irina von Elvira und Lara mit in den Bunker genommen. Irina ist völlig platt. Sie bleibt mit Elvira über Nacht und am nächsten Tag springen sie zu Oma zurück. Sie haben noch lange Gespräche mit Oma und mit Lara, und auch mit Rochen, dann entscheidet sich Irina. Sie wird in Berlin studieren. Sie wird von der Familie lernen. Irina kommt in den nächsten Wochen noch ein paar Mal. Sie geht mit Elvira zu den Kids im Bunker. Sie redet mit Oma und mit Lara, und sie sucht Rochen auf. Irina macht die Augen und die Ohren auf, und sie beginnt eine neue Welt „einzuatmen“.
An einem dieser Abende sitzt Rochen mit Elvira zusammen. Sie sitzen irgendwo in der großen Halle. Ganz oben auf dieser treppenartigen Tribüne, von der man alles überblicken kann. Sie sehen unten den Betrieb in Aysas Café. Sie sehen und hören die Videos, die ständig über die Multifunktionsleinwand abspulen und Rochen meint. „Schöne Schwester hast du da.“
Elvira nickt. Ja, das stimmt wirklich. Irina ist eine Schönheit. Sie brezelt sich nicht auf, aber sie ist elegant und natürlich zugleich. Sie hat einen Mörderbusen, das was den Männern immer so gefällt, aber Elvira kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass Rochen und Irina... Außerdem ist Irina in festen Händen.
Dann fügt Rochen hinzu, und er legt Elvira jetzt leicht die Hand auf den Oberschenkel, „aber mit dir kommt sie nicht mit.“
Elvira sieht auf diese Hand. Sie spürt die Wärme, die von ihr ausgeht. Nicht besitzergreifend, sondern freundschaftlich und dennoch vertraut, achtungsvoll und dennoch bestimmt. „Irina ist älter als du, aber im Verhältnis zu dir, ist Irina ein kleines Mädchen.“
Elvira legt die Hand auf Rochens Hand und nimmt sie dort weg. Sie hält sie jetzt in ihrer Hand und legt auch die andere Hand darum. „Wieso das?“
Rochen lächelt. „Ich kenne Irina nicht gut genug. Ich kann nicht einschätzen, ob sie jemals etwas Großes wird. Bei dir bin ich mir sicher. Du hast mehr Kraft in dir, als du weißt. Du wächst langsam in diese Kraft, von der du noch gar nichts weißt, aber du bist schon so darin verwoben, dass du nicht mehr aussteigen kannst.“
Irina sieht Rochen an und sie drückt unwillkürlich diese Hand an ihren Busen. Sie schüttelt verwundert den Kopf.
An diesem Abend setzt sich die Wärme von Rochens Hand in Elvira fest, und auch die Wärme von Elviras Händen setzt sich in Rochen fest.
Rochen hat schon mit vielen Mädchen geschlafen. Er ist körperlich klein, aber er ist ein Athlet. Rochen ist Kampfsportler. Nun ja, nur im Fliegengewicht, aber Rochen ist wirklich gut. Er ist intelligent und wachsam, und Rochen hat ein sicheres Gespür.
Wenige Wochen später schlafen Rochen und Elvira zum ersten mal miteinander. Rochen ist fast zehn Jahre älter als Elvira. Eigentlich ist das nicht statthaft, was er da macht, aber irgendwie hat es Bumm gemacht. Sie wissen selbst nicht wieso. Nie zuvor hatten sie an so etwas gedacht. Sie kennen sich nun schon eine ganze Weile. Sie arbeiten indirekt zusammen, wenn es um die Verfolgung der Dealer geht, aber ihr Leben ist ganz unterschiedlich. Schließlich ist Elvira noch sehr jung und in vielen Dingen naiv. Rochen wird bereits jetzt als der zukünftige Erbe von Roy gehandelt. Er ist bereits jetzt eine Art graue Eminenz. Rochen ist auch ein gefährlicher Mann. Das hatten schon einige gelernt, die sich mit ihm angelegt hatten.
Rochen kann Gunst gewähren und er kann sie auch entziehen. Wenn das geschieht, dann hat das Opfer keine Chance. Rochen zieht alle Register und alle Fäden. Er kann gnadenlos sein.
Dennoch hat er sich in dieses Mädchen vernarrt. Elvira strahlt eine Kraft aus, die ihn beeindruckt. Sie weiß es nur noch nicht.
Am Abend nach dieser Nacht sieht Lara ihre Nichte Elvira lange an und Elvira spürt, dass Lara das von Rochen und ihr weiß. Sie verteidigt sich nicht, sie sieht Lara nur offen und ehrlich an. Nicht aufmüpfig, nicht unverschämt, sie sieht Lara nur an, und sie lächelt dabei.
Lara nickt, dann sagt sie, „wenn Rochen dir das Herz bricht, dann werde ich ihn zur Verantwortung ziehen. Du stehst unter meinem Schutz. Du sollst das wissen.“
Elvira lächelt immer noch, dann greift sie nach Laras Hand und sagt, „ich weiß, was da geschehen ist, aber ich weiß nicht, wie es geschehen konnte. Ich kann dir das nicht erklären, und ich will es auch nicht. Ich bin in Rochen hineingekrochen und ich habe mich dort umgesehen. Ich habe gesehen, dass Rochen schon mit vielen Frauen zusammen war, auch mit viel älteren. Rochen ist ein richtiger Mann. Er ist zärtlich und er ist aufmerksam, aber Rochen dienert nicht. Ich habe nicht ganz begriffen, warum er sich für mich entschieden hat, aber ich habe gespürt, dass er sich für mich entschieden hat. Mehr musst du jetzt nicht wissen. Es ist mein Leben.“
Lara lacht leise. „Das ist die Kraft, die ich in dir spüre. Ich wünsche dir viel Glück.“
Seit dieser Zeit ist Elvira mit Rochen zusammen. Sie lebt weiter ihr Leben. Sie kümmert sich um ihre Mutter und um ihre Geschwister. Sie kümmert sich um die Kids im Untergrund und um die Freunde im Zentrum, aber nun ist etwas in Elviras Leben getreten, das ihr neue Kraft und neue Stärke gibt.
Rochen hat im Verwaltungszentrum ein kleines Appartement, in das er sich zurückziehen kann, wenn es viel Arbeit und dringende Termine gibt, und er hat in der Stadt noch eine Wohnung. Da gibt es so einen Innenhof und mehrere alte Gebäude, die ihn umschließen. Elvira hat dort viele bekannte Gesichter gesehen, seit sie Rochen dort ab und zu trifft. Rochen hat dazu genickt. „Die ganze Häuserzeile gehört der Stiftung. Hier wohnen nur Freunde. Die Stiftung hat noch mehr solcher Gebäude, das soll dir aber deine Großmutter erzählen.“
2.8.
Im nun folgenden Winter geschieht noch etwas. Ana Théla ruft nach Hilfe. „Hilfe“ schreit sie und die Geschwister machen sich sofort auf den Weg nach Mexiko. Nicht nur Elvira und ihre Generation. Alle, sogar Opa Leon und Chénoa.
In Mexiko hatte es wochenlang geregnet. Nun war ein Staudamm gebrochen und bedroht gut zwanzig Dörfer und mehrere Städte am Unterlauf des Flusses. Sie evakuieren in aller Eile Dörfer, bringen Rinder, Hunde, Ziegen und Schafe auf die Bergkämme und sie bauen nun mit der Kraft ihrer Energie einen gewaltigen unsichtbaren Staudamm, der die herantosenden Fluten aufhält. Dann öffnet Tante Chénoa den Staudamm links und rechts ein wenig, und sie lässt das Wasser ablaufen. Es dauert sechs lange Stunden und sie sind danach alle völlig groggy. Nur Chénoa und einige der Großen, so, wie Opa Leon und Clara haben ihre Kraft noch und sie springen mit der ganzen Kindergruppe zu Onkel Nakoma und pflegen sie.
Es ist ein Ereignis, das beängstigt und zugleich Mut macht. Die Familie erlebt zum ersten Mal den ganz großen Zusammenhalt. Sie erlebt, was die Familie erreichen kann. Naturgewalten sind gewaltige Ereignisse. Tausende Tonnen Wasser, Schlamm und Steine, die durch ein Tal brausen, die sind eine Gewalt, die scheinbar durch nichts aufgehalten werden kann.
Sie haben diese Flutwelle aufgehalten. Es ist ein befriedigendes und tief greifendes Erlebnis.
In der nächsten Nacht liegt Elvira in den Armen von Rochen. Sie schläft mit Rochen, und sie schreit alles aus sich heraus. Sie legt all diese Erlebnisse in dieses eine Mal der Liebe, und sie muss das danach noch einmal und noch einmal tun. Sie wütet und sie schreit vor Zufriedenheit und Wollust.
Erst dann kann sie Rochen von dem Ereignis erzählen. Sie kann nicht weinen, sie kann nicht lachen, und sie will ihn einweihen. Rochen kennt einige ihrer Kräfte. Von diesem Ausmaß hatte er bisher keine Ahnung gehabt. Er hält Elvira bewundernd in den Armen. Er streicht ihr sinnend über die Stirn und den Arm und diesmal sagt Rochen „Whow“. Das sagt er sonst nicht. Rochen ist nicht leicht zu beeindrucken, aber diesmal ist Rochen wirklich beeindruckt.
In dieser Nacht geht die Aktivität ganz von Elvira aus. Sie will noch mal und noch mal mit Rochen schlafen. Schließlich dämmern sie zusammen weg. Die Sonne steht schon auf und weil es Winter ist, ist das schon ziemlich spät. An diesem Tag muss jemand aus der Gruppe Rochens Dienst übernehmen. Das kommt sonst nie vor, aber Rochen ruft Pedro an, und meint, „ich kann hier jetzt nicht weg. Mach du das heute Vormittag für mich. Um eins bin ich wieder auf dem Posten.“
Kapitel 3. Die Unschuld der Jugend
3.1.
Trotz seiner Jugend ist Rochen bereits ein mächtiger Mann. Er befehligt eine gewaltige Truppe von gut ausgebildeten Männern und Frauen.
Nun, „befehligen“ ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Die Truppe besteht aus Freiwilligen. Sie besteht aus Jungen und Mädchen, die alle ihre traurige Geschichte hatten, die sie zu etwas Einzigartigem gemacht hat. Es gibt in dieser Truppe viele, die sofort an die Stelle von Rochen hätten treten können.
Rochen hat ein einzigartiges Team. Dennoch ist Rochen der Kopf der Truppe. Er zieht Fäden. Er macht Vorschläge. Er hört zu. Er berät, er lässt abstimmen. Vieles, was geschieht, kommt als Vorschlag aus der Truppe. Wo von selbst etwas Gutes entsteht, da braucht Rochen sich nicht einzumischen. Er kann das dann laufen lassen. Außerdem ist kein Mensch unfehlbar. Dennoch steuert Rochen das Geschehen. Er bleibt unsichtbar im Hintergrund, und er kennt viele andere mächtige Männer und Frauen.
Vielleicht soll ich diese Geschichte von Rochen einmal erzählen, aber in diesem Buch geht es nicht primär um Rochen. Wenigstens soviel solltet ihr über Rochen wissen: Rochen ist serbokroatisch-deutscher Abstammung. Sein Vater hatte seiner Zeit wohl diverse Kriegsverbrechen verübt und er war nach Deutschland gekommen, um hier unterzutauchen. Er hatte hier mit einer Deutschen ein Kind gezeugt, aber er hatte an dem Kind kein Interesse, und es gab wohl noch mehr solcher Kinder mit anderen Frauen. Rochen weiß das heute noch nicht so genau.
Sein Vater hatte mit Heroin gehandelt. Nicht als kleiner Dealer, sondern durchaus in verantwortlicher Position, und er war irgendwann auf offener Straße erschossen worden. Das war bei einem dieser Bandenkriege, die es in dieser Zeit gegeben hatte.
Solange der Mann noch lebte, war er spendabel gewesen, wenn es darum ging, mit Madeleine um die Häuser zu ziehen. Als Madeleine dann schwanger geworden war, hatte der Vater das Interesse an ihr verloren, er tauchte nur manchmal auf, aus welchen Gründen auch immer.
Weil er sehr bestimmend war, und weil er sehr charmant sein konnte, wenn er etwas wollte, hatte er Rochens Mutter immer wieder rumgekriegt. Rochens Mutter hatte von diesem Mann aber nur ganz selten ein paar Euro bekommen, seit sie schwanger geworden war. Es muss eine harte Zeit gewesen sein. Rochens Mutter lebte in dieser Zeit von der Sozialhilfe.
Ein paar Jahre später hatten die U-Bahn-Kids den kleinen Jungen aufgelesen, weil er sich beim Klauen so ungeschickt angestellt hatte. Sie hatten ihn unter ihre Fittiche genommen.
Dann war Rochen, der damals bei den Kids noch Horst genannt wurde (was sein bürgerlicher Name ist) aufgeblüht und irgendwann war er in die geheime Gruppe von Roy aufgenommen worden. Durch seine Geschichte war er geprägt, und die Gruppe von Roy war für ihn wohl das richtige Auffangbecken.
Als Rochen größer wurde, passierten dann mehrere Vorfälle, so dass „Horst“ bald „der Stachelrochen“ genannt wurde. Bei der Verfolgung der Heroindealer war „Horst“ unerbittlich. Die Kids hatten das schließlich auf Rochen verkürzt. Das war leichter auszusprechen. Seit dieser Zeit war dieser Name haften geblieben. Den andern Namen hatten die Kids vergessen.
Das Schicksal seines Vaters hatte Rochen dazu gebracht, sich in der Organisation von Roy gegen die mächtigen Dealer zu stellen. Das geschah nie in einer offenen Auseinandersetzung. Roy hatte da seine eigene Methode, in dem Geschehen unsichtbar zu bleiben, und Rochen war ganz in diese Organisation hineingewachsen. Er hatte von Roy gelernt, der wie ein Vater für ihn geworden war.
In so einer Position braucht man eine legale Identität, und so hatte Rochen irgendwann eine zivile Ordnergruppe im Zentrum übernommen. Er unterstützte seine Mutter immer noch mit Geld, aber er hatte ihr auch längst einen Job besorgt, von dem sie leben konnte. Den Kontakt hatte er aber weitgehend abgebrochen. Er hatte hier seine Aufgabe.
Rochen ist trotz seiner jungen Jahre schon ein harter und mächtiger Mann, und er hat sich dennoch in die kleine Elvira verliebt.
Aber das beruht ganz auf Gegenseitigkeit. Elvira wächst jetzt durch Rochen, und Rochen wächst durch Elvira. Rochen öffnet Elvira auch eine ganz neue Welt. Nicht, wie wenn man eine Tür aufstößt, sondern indem man langsam, ganz langsam die Klinke herunterdrückt, und dann die Tür Zentimeter um Zentimeter öffnet, bis sie ganz offen ist, und man durch sie hindurch tritt, in diese neue Welt.
Obwohl Rochen stahlhart sein kann, ist Rochen für Elvira ein zärtlicher und doch anleitender Liebhaber. Er weiß genau um Elviras heimliche Qualitäten. Elvira muss gefördert werden. Durch Elvira erfährt er jetzt eine jugendliche Zartheit und gleichzeitig eine Wildheit, die ihn überrascht und fast verblendet. Zartheit und ungestüme Wildheit, das sind vollkommene Gegensätze, aber Elvira beherrscht diesen Spagat. Sie frisst Rochen geradezu auf.
Es ist nicht so, dass sie nicht mehr aus dem Bett herauskommen. Elvira hat Aufgaben. Rochen hat Aufgaben. Sie nehmen das sehr ernst. Sie vernachlässigen ihre Pflichten nicht. sind Teil eines Systems, das mit ihnen und dank ihnen funktioniert. Elvira steht darin noch am Anfang, aber sie beginnt das Geschehen um sich herum langsam zu gestalten und zu steuern.
Man fragt sich als Außenstehender, wie kann das sein. Ein knallharter Mann, der im Drogengeschäft groß geworden ist, und der dennoch ganz zart mit Elvira umgeht. Ist das überhaupt möglich? Doch es ist dieser Spagat, den auch Rochen so unvergleichlich beherrscht, denn genau so, wie er seinen Freunden zuhört, genau so, wie er sie in ihrer Entwicklung fördert, so knallhart ist er, wenn es um die Durchsetzung von Prinzipien geht. Und genau diese Haltung findet er auch bei Elvira. Elvira ist für ihr Alter ungewöhnlich prinzipientreu und hart in der Sache, obwohl sie auch ein Vertreter der sanften Überzeugungsmethode ist. Reden darüber, was gut ist, aber ein kategorisches Nein zu Abweichlern, die nicht in das Schema passen. Das hat sie bereits von Oma Katharina und Lara gelernt. Ein Zentrum dieser Größenordnung ist ohne eine innere und äußere Ordnung nicht durchführbar. Chaos wird nicht geduldet.
Ein Jahr später sieht Oma Katharina ihre Tochter Lara lächelnd an und meint. „Verstehst du jetzt, dass ich Elvira als die zukünftige Königin des Zentrums sehe?“
Der Begriff „Königin“ ist nur ein Synonym. Eine Beschreibung. Nicht wörtlich zu verstehen, aber Lara weiß natürlich, was Mama da meint. Sie nickt. „Wer hätte das geahnt, dass der gefährliche Rochen und die jugendlich zarte Elvira derart aneinander wachsen. “Ich sehe und beobachte das jeden Tag. Ich sehe, wie Elviras Selbstbewusstsein wächst. Ich sehe, welchen Einfluss sie auf die Kids hat. Sie braucht nur irgendwo aufzutauchen und sie ist der Mittelpunkt des Geschehens. Nein, nicht vielleicht wie du das denkst. Sie lässt das Geschehen laufen, aber es genügt ein Wort oder eine Handbewegung, dann hören die Kids auf Elvira. Ich habe das schon ein paar mal erlebt. Es ist fast zum Fürchten, aber Elvira hat inzwischen den Wert des Begriffes Demut verinnerlicht. Sie nutzt das nicht aus, aber manchmal benutzt sie diese Kraft. Diese Aura, die sie umgibt. Dann steuert sie das Geschehen, sorgt für Ruhe, und lenkt die Menschen in eine bestimmte Richtung. So etwas kenne ich in letzter Konsequenz nur von Chénoa. Leon hat das auch, aber Elvira ist Leon schon jetzt in vielen Dingen überlegen. Es ist ein Wunder.“
Elvira weiß von diesem Gespräch nichts und das ist auch gut so.
Elvira und Rochen sind sich ihrer Kraft bewusst und sie steuern mit zarter Hand. Alle beide. Jeder auf seine Weise. Rochen und Elvira haben sich wirklich gefunden. Sie sind sich ebenbürtig.
3.2.
Elvira ist nicht blind. Ihre Mutter ist eine Schönheit gewesen, und sie selbst ist auch eine Schönheit. Sie ist dunkelhaarig und schlank. Sie hat einen zarten Teint und lange Wimpern. Ihre Augen sind groß und dunkelbraun, von einer Farbe, die man als warmes kastanienbraun bezeichnet. Sie ist körperlich noch nicht ausgewachsen, aber sie hat bereits jetzt volle Brüste. Nicht riesig, sondern es passt einfach alles zusammen. Sie ist grazil, fast tänzerisch, und sie hat einen leichten, fast schwebenden Gang. Das fröhliche Wesen hat sie von Oma Katharina und von Lara geerbt und wenn Elvira lacht, dann liegen ihr die Männer zu Füssen. Sie sieht auch die Blicke, die sie ihr hinterher werfen.
Viele Kids im Zentrum wissen, dass Elvira mit Rochen zusammen ist. Sie machen kein Geheimnis daraus, aber sie zeigen das auch nicht in aller Öffentlichkeit. Jeder hat irgendwo seine eigenen Aufgaben und Bereiche. Sie sind in ihrem jeweiligen Bereich Ansprechpartner für alle.
Ein paar der Kids hatten versucht, Elvira anzugraben, aber sie waren ziemlich schnell von den Freunden in die Seite gestoßen worden. „Lass das lieber. Elvira ist tabu.“
Elvira lässt so etwas auch gar nicht zu. Sie geht lächelnd darüber hinweg. Sie ignoriert das einfach. Bisher war ihr noch niemand zu nahegetreten, oder war gar zudringlich geworden. Elvira verbreitet Respekt. Sie kann oder will sich das nicht erklären. Es ist einfach nur da. Sie hört zu und sie gibt Impulse, wenn es notwendig erscheint. Viele der Kids haben das im letzten Jahr gespürt. Elvira hat so etwas entwickelt wie einen untrüglichen Instinkt, verbunden mit diplomatischen Fähigkeiten. Anders als bei Politikern kann man sich aber voll und ganz darauf verlassen, was Elvira sagt. Wenn sie etwas verspricht, dann hält sie das auch.
Manchmal sitzt sie bei den Gruppen und hört nur zu. Manchmal nimmt sie eines dieser Notenblätter und kritzelt plötzlich versonnen darin herum. Sie ändert Texte oder einzelne Noten oder Takte. Manchmal ist sie bei Tonaufnahmen dabei und drückt plötzlich auf Stopp. Dann sagt sie ein paar Worte, so wie, „das mach mal etwas kräftiger“, oder „nimm dich mal ein bisschen zurück, mit mehr Gefühl und Zärtlichkeit, bevor du deine Stimme laufen lässt“. Manchmal sagt sie, „ich möchte, das der Chor das jetzt eine Oktave höher begleitet, in Kopflage, wie ein Engelschor“. Irgendetwas in dieser Art. Wenn die Kids dann später die Bänder anhören oder die Videos ansehen, nicken sie. Elvira sieht und hört Dinge, die andere nicht sehen und hören.
Vieles ist Elvira nicht bewusst und es ist ihr auch egal. Sie ist, was sie ist. Ein Teil der Gruppe. Durch Lara und Oma Katharina war sie unbewusst in diese Rolle hineingewachsen und Rochen, der legt auch ein Stück seines Einflusses in diese Mixtur.
Elvira tut das auch bei den Tänzern. Sie tut das bei bei den Kids auf den Halfpipes, oder sie mischt sich mit leichter Hand in irgendwelche Gespräche im großen Saal. „Kann man das nicht so oder so machen??“ Langsam entwickelte sich Elvira zu einer Art guter Geist des Zentrums. Sie gibt Tipps, sie vermittelt, und wenn sie gerufen wird, ist sie zur Stelle.
Sie braucht ihre Kraft nicht einmal bewusst einzuschalten. Sie ist einfach da. Die Kraft begleitet Elvira jetzt auf Schritt und Tritt. Dabei geht sie immer noch zu den Treffen der Geschwister und sie übt. Sie drängt sich auch dort nie in den Vordergrund. Sie ist einfach da, wenn sie gebraucht wird, und sie hilft mit leichter Hand. Selbst Chénoa, die manchmal dabei ist, die staunt. Das ist schon fast unheimlich. Elvira hat ihre ganz eigene Form der Kraft gefunden, und sie baut sie jeden Tag ein Stückchen mehr aus.
Sie ist eine Art Integrationsfigur geworden. Sie braucht einen Raum nur zu betreten, und sie wird zu einem unsichtbaren Zentrum dieser Versammlung, wie ein schlagendes Herz, das die Muskeln, das Gehirn und die Knochen mit Blut und Sauerstoff versorgt.
Rochen hatte das damals gespürt. Diese tief verwurzelte Kraft. Er bekommt ständig geheime Berichte, auch über Elvira, und er lacht dann manchmal leise in sich hinein. Er liebt dieses Mädchen von Tag zu Tag mehr.
3.3.
Es gibt in diesem Halbjahr nichts irgendwie Herausragendes. Es ist, als läuft das Zentrum besser als vorher. Es ist, als wenn die Kids im Untergrund etwas glücklicher sind als sonst, und auch die Gruppe von Rochen hat etwas mehr Erfolge in der Verfolgung der Drogenmafia als sonst.
Oma Katharina und Lara fällt das natürlich auf, und auch Rochen ist sich dessen bewusst. Der Grund hierfür ist nur Elvira und vielleicht die tiefe Befriedigung, die sie in ihrem Verhältnis zu Rochen gefunden hat, aber das beruht ganz auf Gegenseitigkeit.
Dabei ist Rochen so wachsam wie immer. Vielleicht noch eine Spur wachsamer, denn er weiß, wer verliebt ist, der ist angreifbar, und er instruiert seine Truppe, das Geschehen im Zentrum und in seinem Wohnblock noch etwas besser im Auge zu behalten.
Elvira und Rochen können sich über sehr ernste Dinge unterhalten, aber wenn sie Sex miteinander haben, dann „kracht die Kiste“, wie man so sagt. Nein, das ist nicht so ein Ringkampf, den manche Paare miteinander veranstalten. Sie sind neugierig. Sie probieren alles Mögliche aus. Sie sind mal ekstatisch, mal ruhig. Manchmal schreien sie vor Lust und manchmal liegen sie sich nur genüsslich in den Armen und atmen nur die Haut und den Geruch, der sich durch ihre Liebe verändert hat. Manchmal ist Elvira dominant, manchmal Rochen. Sie sind stets voller Respekt und Achtung voreinander, und sie tun nie etwas, um den anderen zu verletzen.
Ursprünglich hatte Rochen Elvira angeleitet. Sie war damals ja noch Jungfrau gewesen, aber Elvira hatte längst die Initiative ergriffen, und sie kann sagen, wenn sie etwas will, und wie sie es will. Man muss sich nur gegenseitig zuhören und auch die jeweilige Stimmung erfassen. Elvira ist genauso aufmerksam, wie Rochen. Sie passen einfach zueinander. Nur in ihrem andern Leben, da können sie völlig anders sein. Nicht nur Rochen ist gefährlich, auch Elvira kann gefährlich werden.
Einmal war sie mit der U-Bahn gefahren, als eine Gruppe Jugendlicher das Abteil stürmte. Sie hatten Messer. Einer von ihnen hatte eine Pistole und sie bedrohten die Fahrgäste.
Elvira war nur ruhig aufgestanden, sie war ihnen entgegengetreten und plötzlich spuckte ihr Körper geradezu tödliche Energie aus. Die Energie entlud sich unsichtbar. Es war keine dieser blitzartigen Entladungen, die Opa Leon früher manchmal benutzte. Lara hatte sie das gelehrt, und Elvira war inzwischen sogar viel besser als Lara geworden.
Die Jugendlichen wurden zurückgeworfen, wie durch eine unsichtbare Faust. Sie krachten an die Verbindungstür, sie fielen durcheinander, dann blieben sie aufeinander kleben, wie magnetisiert. Sie konnten sich nicht rühren und fingen an zu jammern.
An der nächsten Station öffnete Elvira die Tür, sie sah zwei der U-Bahn-Polizisten und winkte sie heran. „Wir haben hier ein Problem.“
Die Polizisten funkten nach Verstärkung, Die Fahrgäste erzählten, die Polizisten protokollierten. Die Jugendlichen klebten aneinander, wie durch Sekundenkleber festgehalten. Elvira war immer noch im Zug. Sie löste jetzt den Bann, so dass die Polizisten einen nach dem anderen aus dem Knäuel herauslösen konnten. Sie legten ihnen Handfesseln an und führten sie bei der nächsten Station ab.
Als Rochen wenig später davon hörte, schmunzelte er. Sein Informationssystem funktionierte phantastisch. Einer der Beamten hatte einen der Kids angerufen, und der hatte Rochen informiert. In dieser Nacht „explodierte die Kiste“, aber diesmal war Rochen das steuernde Element. Er versenkte sich in Elvira, um nicht herauszulachen. Er legte alle seine Bewunderung und seine Liebe in diesen Akt der Befreiung, in dieses sexuelle Erleben der Wollust, bis sie schrien wie die wilden Tiere.
Seit dieser Zeit legt sich in der U-Bahn niemand mehr mit Elvira an.
Sie hatte nichts getan, das irgendwie sichtbar gewesen wäre, aber die Berliner Gangs sind nicht dumm. Solche Gerüchte gibt es um den Clan von Leon seit Jahren. Mit Lara hatten sie das schon ein paar mal erlebt. Lara ist „unantastbar“. Jetzt war wieder so etwas passiert. Völlig unerklärlich eigentlich, durch nichts nur annähernd nachzuweisen. Dennoch ist es da. Viele der Gangs sind auch im Zentrum. Sie kennen Elvira. Sie kennen Rochen. Im Zentrum wagen sie es nicht, irgendetwas anzuzetteln. Der Einfluss von Katharina ist einfach zu stark. Sie hatten auch erlebt, dass Elvira stets so etwas war, wie eine unsichtbare Göttin, wenn sie einen Raum nur betrat.
Langsam begannen sich die Berliner Gangs vor diesem Mädchen zu verneigen.
3.4.
In diesem Jahr kommt Irina nach Berlin. Sie hat nach dem Abitur erst ein Jahr lang bei ihrem Vater und bei Vera in der Fabrik gearbeitet. Sie hat überall hospitiert. Sie hat an Untersuchungen und Promotion-Aktivitäten teilgenommen, sie hat gelernt, was eine Umfrage ist, und wie man eine Marktstrategie entwirft. Sie hat bei den Buchhaltern reingeschaut und war auf den Trucks mitgefahren.
Irina war in diesem einen Jahr gereift. Sie ist nicht wiederzuerkennen.
Sie ist immer noch mit Paolo zusammen, der jetzt in Edinburgh studiert (das liegt in Schottland). Sie quartiert sich bei Oma Katharina ein und sie fängt an, sich einen Stundenplan auszuarbeiten. Im ersten Semester ist man da noch ungeübt, und alles ist ziemlich verwirrend.
Dann beginnt sie mit ihren Grundkursen. Sie findet das ziemlich spannend, aber sie meint, “wenn ich ganz im Studium aufgehe, dann kann ich nicht von der Familie lernen.” So beginnt sie, sich im Zentrum und bei den Kids im Untergrund umzusehen, und sie fängt an, von der “Familie” zu lernen. Sie hat längst begriffen, dass alle diese Freunde ihre Familie sind, auch wenn nicht immer eine genetische Verwandtschaft nachzuweisen ist.
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