Kitabı oku: «Klimachaos»

Yazı tipi:

Hans-Peter Vogt

Klimachaos

Der Zusammenbruch der ökologischen Systeme, Überlebensstrategien und der Tipping point (The last hundred years)Ein ökologisch-ökonomischer Zukunftsroman

Impressum, rechtliche Angaben:

Deutschsprachige Ausgabe / Fassung für e-Book überarbeitet im September 2019 (Grafik, Satz) / ISBN 978-3-942652-44-5 / Empfohlen ab 18 Jahren / FSK 15 Jahre / © vogt multimedia verlag Dr. Hans-Peter Vogt, Erlenweg 18, D - 64354 Reinheim / Titelbild und e-Book-Optimierung © vogt multimedia design (Reinheim). In gedruckter Form kann das Buch im Internetshop bestellt werden unter: http://www.fahrrad-dvd.de, oder direkt beim Verlag unter www.vogt-multimedia-verlag.de, und in jeder Buchhandlung. E-Books erhalten Sie bei allen gängigen Buch-Plattformen Empfohlene Schriftart für den Reader: Verdana

Inhaltsangabe

Cover

Titel, Autor, Impressum, rechtliche Angaben

Inhaltsangabe

Einleitung / Vorbemerkung

Teil 1. 2002 bis 2098. Seuchen, Umweltsünden, Klimakollaps. Der Vargas Clan und der Point of no Return

Kapitel 1. Die Prägung. Claudio, Kleinenbroich, Schmallenberg und Kiel 2058-2070

Kapitel 2. Rudolfo, Josefina, das Erbe, und die Maierhauser Ingeniering

Kapitel 3. Die atomare Verseuchung

Kapitel 4. Claudio, Katie und die Stiftung zum Schutz der Küstengebiete

Teil 2. Der ganz normale Wahnsinn. Katastrophen und Strategien zum Erhalt des Lebensraums

Kapitel 1. Der Schwarm der Wanderheuschrecken

Kapitel 2. Die Eisbärstation

Kapitel 3. Das Auftauen des Permafrostes

Kapitel 4. Die Hitzewelle in Moskau

Kapitel 5. Erbkrankheiten, Epidemien und andere Bedrohungen

Kapitel 6. Starkregen in der Rhön

Kapitel 7. Der australische Grüngürtel

Kapitel 8. Die australische Todeszone

Kapitel 9. Der Schwarze Kontinent. Überlebensprogramme, Mama Baha und die südafrikanischen Plantagen

Kapitel 10. Chaos in Manhattan

Kapitel 11. Die großen Dürren im Mittelwesten

Kapitel 12. Die rotierenden Megastürme

Kapitel 13. Die Gigantenwellen der Tsunamis

Kapitel 14. L.A. und das Erdbeben

Teil 3. 2098 bis 2104. Der Tipping Point und die Folgen

Kapitel 1. Der Vulkan

Kapitel 2. Neue Aufgaben für Claudio und Katie

Kapitel 3. Eiszeit. Das Ende der Industriegesellschaft

Nachwort

Anhang (A) Die handelnden Personen im Buch

Anhang (B) Sach-Informationen. Städtenamen, Seen, Flüsse, Sonstiges

Anhang (C) Der Autor

Einleitung / Vorbemerkung

Das Buch spielt von heute bis in die Zukunft, die durch Klimawandel und eine nachhaltige Schädigung der Umwelt geprägt sein wird. Die hemmungslose Industrialisierung und der Kampf um Rohstoffe und Wirtschaftsmacht verändern das Gesicht der Welt. Alle eingeleiteten Gegenmaßnahmen können die Entwicklung nur abbremsen, aber nicht mehr grundlegend verhindern. Das Jahr 2098 scheint schließlich eine Zäsur zu bilden. Nach Jahrzehntelangem Temperaturanstieg scheint der Gipfel der Entwicklung erreicht zu sein. Zeit für Hoffnung oder nur eine Verschnaufpause auf dem Weg in ein noch schlimmeres Chaos?

Das Buch basiert auf Berechnungen, Studien und Annahmen, wie etwa dem Bericht des Club of Rome oder dem Bericht der NASA 2014, aber es ist und bleibt ein Roman, denn jeder Blick in die weitere Zukunft kann nur eine Fiktion sein. Naturereignisse und Krankheiten spielen in diesem Buch eine genauso große Rolle, wie Bemühungen von Behörden und Einzelpersonen, mit dem Umweltchaos umzugehen, das kaum noch beherrschbar scheint, wenn der Point of no Return erst einmal überschritten ist. Alle Personen und Handlungen dieses Buches sind frei erfunden, aber viele Personen, Orte und Institutionen gibt es wirklich, wie Nelson Mandela, den Fluss Sinn in der Rhön, die einzelnen Stadtteile von New Nork, die Städte Kiel, Bremen und Hamburg, die Inseln der Phillippinen, den ANC, die UN, oder die NASA. Andere Orte sind vom Autor geschaffen worden, wie die legendären “Grüngürtel” in Australien, um die Handlung in sich logisch zu gestalten.Ein Vergleich zu anderen (als den gerade erwähnten) Personen ist nicht gewünscht.Eine besondere Brisanz erhält das Thema durch die Weigerung der gegenwärtigen US-Trump-Regierung, das Thema überhaupt als Problem zu erkennen, und das Klimaschutzabkommen zu verlassen. Dieses Sujet ist im Buch allerdings nicht eingearbeitet, und es wird villeicht andere, noch weit gravierende Rückschläge für den Schutz der Natur geben.

Vor vier Jahren, als das Buch veröffenlicht wurde, habe ich mit der Biologin Josefine eine Kunstfigur geschaffen, die sich konsequent für den Umweltschutz und den Erhalt der Lebensgrundlagen einsetzt, soweit ihr das möglich ist. Niemand hätte in dieser Zeit daran gedacht, dass 2018 - also nur 2 Jahre später - eine erst 16-jährige Greta Thunberg aus Schweden wie aus dem Nichts auftaucht, und plötzlich diese Rolle meiner Kunstfigur annimmt, und die Welt zumindest zum Nachdenken inspiriert. Es sind immer die Einzelpersonen, die plötzlich aus dem Nichts auftauchen, wie Helden. Entrüstet, konsequent, wagemutig, intelligent, vielleicht auch verbissen. In jedem Fall aber emotional berührt und in ihrer Existenz bedroht. Es mag allerdings ein glücklicher Zufall sein, dass Greta Thunberg aus Schweden stammt, denn wohl in jedem anderen Land der Welt, außer vielleicht in Schweden und Dänemark, wäre diese Greta verhöhnt, verhaftet, und kaltgestellt worden. Nun. Es gibt natürlich noch ein paar Ausnahmen, wie seinerzeit Ghandi in Indien oder Nelson Mandela in Südafrika, und wenn man so will, sogar Mao Tse Tung in China, aber das ist ein anderes Kapitel. Ein düsteres. Wer jetzt denkt, ich wolle Greta Thunberg einem Ghandi oder einem Nelso Mandela gleichstellen, der denkt zu weit, aber wenn man ernsthaft darüber nachdenkt, so scheint das gar nicht soweit hergeholt zu sein. Unabhängig davon ist die Welt derzeit einer Bedrohung ausgesetzt, wie es schlimmer kaum sein könnte. Noch sind nicht alle Folgen sichtbar, oder gar im Denken der Menschen angekommen. In der Wissenschaft sind die wesentlichen Fakten unbestritten. Es wäre schön, wenn das Buch noch ein paar Menschen mehr zum Umdenken und vor allem zum Handeln ermutigen würde.

Teil 1.

Die Jahre 2002 bis 2098. Seuchen, Umweltsünden, Klimakollaps, der Vargas Clan und der Point of no Return.

Teil 1/ Kapitel 1. Claudio / die Prägung. Kleinenbroich, Schmallenberg und Kiel 2058-2070

1.

Am Sonntag klagten die Zwillinge über Appetitlosigkeit und Übelkeit. Am Abend hatten sie leichtes Fieber, das sich in der Nacht erhöhte. Am Montag früh meldete Mama die Zwillinge krank.Als Claudio von der Schule kam, war der Hausarzt gerade da. Die Geschwister litten unter keuchendem Husten und Atemnot. Der Arzt diagnostizierte eine Grippe und Mama fuhr eilig in die Apotheke, um Antibiotika zu besorgen. Die Zwillinge fieberten in der Nacht. Sie hatten Albträume und sie wachten mehrfach auf, weil sie unter heftigen Gliederschmerzen litten. Als Claudio am Dienstag nach Hause kam, wurden die Zwillinge gerade in einen Krankenwagen gerollt, der sie ins Kreiskrankenhaus bringen würde. Am Mittwoch klagten auch Claudio und Mama über Übelkeit, und während des Tages stellte sich Fieber ein. Papa kam am Abend und er legte sich gleich ins Bett. Auch ihn hatte es erwischt. Der Hausarzt kam am Donnerstag mit Mundschutz und sterilen Handschuhen und er entnahm Blutproben. Am Abend kamen mehrere Krankenwagen. Claudio, Mama, Papa und etliche Kinder aus dem Kindergarten und der Grundschule wurden abgeholt. Sie wurden alle ins Krankenhaus nach Mönchengladbach gebracht.

Dort hatte man eine ganze Station abgeriegelt. Es gab Kontrollen. Es gab Schleusen. Es gab Ärzte und Pfleger in Schutzanzügen aus Plastik. Zu diesem Zeitpunkt wusste man bereits, dass es sich nicht um eine harmlose Grippe handelte, sondern um KIS, eine hochansteckende Viruskrankheit. Inzwischen wusste man auch, wie sie ausgebrochen war.Meike, Rosi und ein paar andere Kinder hatten im Hof des Kindergartens eine Katze gefunden. Sie war zahm, sie ließ sich streicheln und sie war seltsam matt. Die Kinder erzählten zunächst nichts, weil sie wussten, dass die Kindergärtnerinnen nicht duldeten, dass man fremde und unbekannte Tiere anfasst. Inzwischen hatte man den Kadaver gefunden und obduziert. Die Diagnose war eindeutig, und inzwischen hatte sich die Seuche ausgebreitet. Mehrere Tiere in Kleinenbroich waren krank und immer mehr Kinder und Erwachsene wurden jetzt eingeliefert, auch der Hausarzt.In Kleinenbroich fuhren wieder die Männer in den weißen Schutzanzügen herum, wie schon einmal, einige Jahre zuvor. Damals hatte das Claudios Wahrnehmung bleibend beeinflusst. Häuser wurden isoliert und mit Folien abgedichtet. Überall kam Chlor und Desinfektionsmittel zum Einsatz. Tierbestände wurden prophylaktisch gekeult und in die nächste Verbrennungsanstalt geschafft. Der ganze Ort wurde abgeriegelt. Niemand durfte mehr zur Arbeit. Lieferwagen wurden geschickt, um die Menschen mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Das Trinkwasser musste abgekocht werden. Schon längst hatte die Seuche auf andere Orte übergegriffen. Papas Büro in Neuss musste geschlossen werden und die Mitarbeiter wurden in Zwangsurlaub geschickt.

2.

Auch Kevin war ins Krankenhaus gekommen. Er lag neben seinem Freund Claudio und anderen Kindern. Sie waren an Sauerstoff-, und Infusionsschläuche gebunden. Atmung, Kreislauf und Blutdruck wurden von Geräten überwacht. Das Personal trug Masken und wirkte wie von einem andern Stern. Der knapp achtjährige Claudio schlief viel, und wenn er wach war, dämmerte, schwitzte und hustete er vor sich hin. Trotz der Schmerzmittel fühlte Claudio einen dumpfen Schmerz. Das Sprechen fiel ihm schwer. Irgendwann bekam er mit, dass Kevin aus dem Zimmer gerollt wurde. Später sollte er erfahren, dass der Freund an akutem Nierenversagen gestorben war. Auch die Zwillinge sollten diese Pandemie nicht überleben. Papa starb genauso, wie viele weitere Patienten, die in den ersten Tagen in Mönchengladbach eingeliefert worden waren. Claudio und Mama überlebten, und es wurden umfangreiche Tests gemacht. Später sollte Claudio lernen, dass eine genetische Mutation ihm das Leben gerettet hatte. Eine eigentlich harmlose Abweichung, die Mama auf Claudio vererbt hatte.

Er hatte schon früher von dieser Krankheit gehört, die ihn befallen hatte. Ähnliches hatte es in Deutschland immer wieder gegeben, mit verheerenden Folgen. Er kannte Vorsichtsmaßnahmen im Kindergarten und in der Grundschule, die von den Kindern als lästig empfunden wurden, wie ständiges Händewaschen mit Desinfektionsmitteln, aber so eine Krankheit kommt erst richtig ins Bewusstsein, wenn man Zeuge davon wird, oder wenn man selbst betroffen ist, vor allem dann, wenn man erst acht Jahre alt ist. Die Krankheit war auch nicht neu. Man bezeichnete sie als “Kollabierendes-Immun-System” oder kurz KIS, und sie war damals im Jahr 2040 ausgebrochen. Als der Virus erstmals in Indien, Bangladesh und im Süden Chinas auftrat, nahm man das gar nicht als globale Bedrohung wahr, sondern nur als eine neue Art von Grippe, die sich bald erledigen würde, wie das fast immer so ist. Bald wurde jedoch klar, dass es sich um eine Seuche handelte, ähnlich der Pest, der Pocken, von SARS, Ebola oder der Vogelgrippe, nur viel schlimmer. Schon in wenigen Tagen überschritt diese anfangs noch unbenannte Krankheit die Grenzen Asiens, und schwappte nach Australien, Japan, Afrika, Europa und Amerika. Die Viren griffen massiv und auf verschiedenen Ebenen an.

Später hatte man herausgefunden, das die Krankheit von Parasiten übertragen wurde, ähnlich wie die Hirnhautentzündung. Nur waren diesmal die Wirte nicht nur bei Spinnentieren zu finden, sondern auch bei Hausmilben, Läusen, Fruchtfliegen und Stechmücken. Diesmal waren nicht nur Menschen betroffen, sondern auch in großer Anzahl Hunde, Katzen, Affen, Ratten, Mäuse, Igel, Waldtiere und Vögel. Die Krankheit zeichnete sich zunächst durch Mattigkeit, Herzrasen, Schweißausbrüche und Fieberanfälle aus und führte dann zum Zusammenbruch verschiedener lebenswichtiger Systeme. Betroffen wurden die Nieren, die Leber und schließlich das zentrale Nervensystem. Wenn einmal das Stadium wilder und unkontrollierter Zuckungen erreicht war, war des Endstadium bereits eingeleitet. Die Infektion wurde aber schon in einem viel früheren Stadium der Krankheit an anderen Wirte weitergegeben, als sie noch gar nicht sichtbar war. Die Erreger wurden Millionenfach im Urin, Kot, Speichel und Schweiß ausgeschieden. Sie gelangten über Fluggäste und Blutkonserven nach Europa und in die USA. Sie wurde von Zugvögeln und Wildtieren verbreitet, die alle voller Milben sind.

Zum zweiten mal seit Ausbruch von AIDS waren die Virulogen völlig hilflos, nur dass KIS um vieles ansteckender und gefährlicher war. Allein in den Jahren 2040 bis 2060 starben über zweimilliarden Menschen und noch mehr Tiere, die man schließlich aufsammeln musste, um sie kontrolliert zu verbrennen. In der Wissenschaft nennt man das eine Zooonose, also eine Krankheit, die von Tieren auf den Menschen übertragen wird. So genau wusste man nicht, wie die Krankheit entstanden war, aber man hatte die Überträger der Krankheit schnell ausfindig gemacht, und die saßen überall. Auf Blättern, in Bettlaken, in Teppichen, im Fell der Tiere und schließlich in den Tieren selbst.Weil man zunächst keinen Impfstoff fand, versuchte man die Wirte zu bekämpfen. Man setzte Prämien auf gefangene Ratten und Mäuse aus. Hunde, Katzen und zahme Vögel wurden in speziellen Tinkturen gebadet. Die Katzen hatten sich vehement gegen diese Kuren gewehrt und es hatte so manche Schrammen und Bisse gegeben, so dass viele dieser Hauskatzen auf Anweisung der Seuchenämter eingeschläfert werden mussten. Wilde Katzen wurden kurzerhand mit Futter angelockt und vergiftet, manchmal sogar gegen heftigen Widerstand von Tierschützern.

Die WHO riet eindringlich zur Sauberkeit. Man bat darum, einmal getragene Kleidung regelmäßig auszukochen. Teppiche und Bettlaken unterzog man einer Desinfektion. Waschbecken, Toiletten und Duschen in öffentlichen Gebäuden wurden mit Desinfektionsmitteln geradezu ertränkt. Schwimmbäder wurden geschlossen, weil das Chlor zwar das Wasser desinfizierte, nicht aber die Duschen, Gummimatten oder Fußböden. Schließlich verbot man große Menschenansammlungen, weil sich die Seuche auch noch über Schweiß oder einen Händedruck verbreitete.Kasernen und Fabriken wurden zu regelrechten Seuchenschleudern, bevor man dazu überging, die Räume mit Chlor und anderen Mitteln großflächig zu desinfizieren.Schlimm war die Versorgung mit Blutkonserven. Es war längst üblich, in der Dritten Welt Blut zu sammeln, ohne dass strenge hygienische Maßnahmen durchgeführt wurden, und durch dieses Blut gelangte die Krankheit in den Wochen nach ihrem Ausbruch nach Europa und in die USA, zunächst völlig unerkannt. Auch 2058 war noch immer kein Impfstoff gefunden, und während die Seuche sich in Nordrhein-Westfalen verbreitete, wütete sie dutzendfach in anderen Teilen der Welt. Seltsamerweise starben nicht alle Patienten, die an KIS erkrankten, vor allem nicht in Europa. Die Virologen kannten inzwischen den Grund. Sie konnten sogar die gegen die Krankheit gebildeten Immunstoffe bestimmen und isolieren, aber es war bisher immer noch nicht gelungen, einen Impfstoff zu finden, der gegen die ständige Veränderung der Viren wirksam anzuwenden war. Claudio hatte Glück gehabt.

3. Als Claudio schließlich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, war nichts mehr, wie es einmal war. Noch immer wütete die Krankheit. Sie hatte sich schließlich auf ganz NRW ausgedehnt. Sämtliche Ärzte in großem Umkreis waren in Alarmbereitschaft, doch auch Ärzte und Krankenschwestern gehörten längst zu den Opfern der Epidemie, die sich immer mehr ausbreitete. Erst nach sechs Monaten bekam man die Seuche in den Griff, durch rigorose Anordnungen und hunderte von freiwilligen Helfern, die den Gesundheitsbehörden, den Veterinärämtern, der Polizei und den Fortstellen unter Lebensgefahr halfen, um Krankheitsherde ausfindig zu machen. Weg war die Krankheit nicht. In diesen sechs Monaten hatte es allein in Nordrhein-Westfalen über 400.000 Tote gegeben.Überall wurden Messen gelesen, und im Kölner Dom wurde ein steter Strom an Pilgern gemessen, die stumm und ergriffen um eine Befreiung von dieser Seuche beteten, obwohl die Behörden in diesen Tagen große Menschenansammlungen verboten hatten.

4.

Für Claudio änderte sich das Leben im Sommer des Jahres 2058 grundlegend. Er litt unter dem Verlust des Vaters und der Zwillinge, aber er sah auch das Leid, das sich tief in das Gesicht seiner Mutter eingegraben hatte. Das Büro des Vaters war amtlicherseits fast einen Monat geschlossen worden. Allein dort waren zwölf Mitarbeiter an den Folgen der Seuche gestorben. Für alle anderen hatte man den Lohn weiterzahlen müssen, bevor die Krankenkasse einsprang. Alle Aufträge waren auf Eis gelegt. Mehrere Kunden sprangen ab, weil die Termine nicht gehalten werden konnten. In einem Fall gab es Schadenersatzforderungen und die Kunden hatten schließlich auch Angst, dass die Mitarbeiter des Büros die Krankheit auf die eigenen Mitarbeiter übertragen.Eine Versicherung für diesen Ausnahmefall gab es nicht. Claudios Mutter bemühte sich um Darlehen, aber die deckten nur einen Teil der Kosten ab. Schließlich sah sich Claudios Mutter gezwungen, das komplette Büro einschließlich der Immobilie und aller Lizenzrechte zu verkaufen. Das half ihr, dass sie wenigstens das Haus in Kleinenbroich behalten konnte.

Claudio ging wieder zur Schule, aber das große leere Haus war bedrückend. Noch lastete die Seuche wie ein Fluch auf der Ortschaft. Das Haus war unverkäuflich, aber sobald sich eine Gelegenheit ergeben würde, würde Mama mit Claudio in eine Mietwohnung umziehen und das Haus abstoßen. Schließlich hatte eine Holding mit Sitz auf den Seychellen das Ingenieurbüro gekauft und angeordnet, dass die Arbeit sich künftig mehr dem Schwerpunkt sanfter Technologien widmen solle. Die Holding hatte nicht üppig gezahlt, aber durch die von dem Ingenieurbüro gehaltenen Patente waren über hundert Millionen Euro zusammengekommen. So wurde Mama plötzlich reich und sie beschloss, einen Teil des Geldes für eine exzellente Ausbildung ihrer Sohnes zurückzulegen.

Claudios Tante Carola hatte den Deal eingefädelt. Sie war eine Cousine seines Vaters und sie lebte in Berlin, um dort Einfluss auf gesetzgebende Prozesse im Bereich sanfter Technologien zu nehmen. Sie beschäftigte dort einen ganzen Stab von Mitarbeitern und sie hatte ständigen Kontakt zu vielen Firmen aus der Solartechnik, der Homöopathie, der Wasseraufbereitung, oder Schadstoffmessung. Sie hatte auch Kontakt zu der Repräsentantin dieses Konsortiums, eine Frau Josefina Maierhauser-Vargas aus Böblingen, die im Bereich von Umwelttechnologien und Umweltschutz als eine Art Päpstin galt. Claudio wusste von seiner Tante Carola wenig, und von Josefina Maierhauser-Vargas wusste er nichts, außer dass er sie sie schon einigemale im Fernsehen gesehen hatte. Dort gab es Galas und eine regelmäßige Fernsehshow, die sich bedrohten Tier- und Pflanzenarten widmete und Spendengelder sammelte. Es ging da manchmal um Seerobben, manchmal um Schmetterlinge, oder seltene Pflanzen, um bedrohte Bienen, oder um Seeadler. Claudio liebte solche Sendungen, die voll waren mit schönen Tierbildern, und die an das Gefühl der Menschen appellierten. Er wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass sein Vater in der Vergangenheit schon mehrere Projekte für Josefinas Firmen durchgeführt hatte, und dass Vaters Büro in Fachkreisen längst mit sanften Technologien in Verbindung gebracht wurde.

5.

Claudios Mutter bestand darauf, dass er die Grundschule in Kleinenbroich, und in seiner gewohnten Umgebung abschloss. Durch die ständigen Kontakte zu Tante Carola, zu Josefina Maierhauser-Vargas, ihren Anwälten und zu den Mitarbeitern des Ingenieursbüros wuchs Claudios Mutter aber Stück für Stück in diese neue Welt hinein. Ein besonderer Kontakt bestand zu dem Chefingenieur des Büros, der bei dieser Epidemie seine Frau verloren hatte. Anfangs war Jan de Witt verbittert, und er hatte Claudios Schwestern indirekt die Schuld am Tod seiner Frau gegeben, aber er hatte bald begriffen, dass die Seuche gleichzeitig an mehreren Stellen ausgebrochen war. Ein Geschäftsreisender hatte sie eingeschleppt. Irgendwann war diese Ablehnung in gemeinsames Leid und dann in Verständnis und Zuneigung umgeschlagen. Claudio ahnte, dass Mama und dieser Jan inzwischen das Bett miteinander teilten, zumindest war Jan an den Wochenenden des öfteren da, und er hatte so etwas wie eine väterliche Freundschaftsrolle für Claudio übernommen. Das gab Claudio Halt. Claudio hatte in dieser Epidemie Freunde verloren und eins hatte er gelernt: man braucht die Vertrautheit, die sich über Freunde manifestiert. Seine Mutter wirkte glücklicher, seit Jan sie regelmäßig besuchte, und sie hatte wieder angefangen stundenweise zu arbeiten. Diesmal hatte sie einen neuen Job. Sie arbeitete jetzt für die Stiftung von Josefina Maierhauser-Vargas, um Einfluss auf die Landespolitik zu nehmen, die in Düsseldorf gemacht wurde. Es gab da viel zu tun. Die klimatischen Bedingungen waren um 2050 dergestalt, dass man Gesetze, Verordnungen und Technologien brauchte, um das Überleben der Menschheit zu sichern. Das hatte auch Claudio inzwischen verinnerlicht. In der Grundschule hatte man sich ein Jahr lang der aktiven Trauerarbeit verschrieben. Man hatte viele Themen aufgegriffen, die sich mit der Bearbeitung von Leid, aber auch mit den Ursachen für solche Katastrophen beschäftigten. Es war ja längst nicht vorbei. Die Menschheit steckte mitten in einer globalen und übermächtigen Krise, und diese Seuche war nur ein Teil einer klimatisch chaotischen Entwicklung, welche die ganze Welt erfasst hatte.

6.

Mit Beginn der fünften Klasse wechselte Claudio in eine Schule, die als Kaderschmiede der Elite galt. Mama hatte Claudio mehrfach dorthin mitgenommen, und Claudio hatte schließlich zugestimmt, obwohl ihm das furchtbar weit weg von Zuhause erschien. Der Luftkurort Schmallenberg lag im Sauerland, etwa 130 Km Luftlinie von Neuss entfernt, an der Grenze zum Rothaargebirge in 400-440m Höhe. Viele Kinder von hohen Politikern und Industriellen lebten dort. An den Wochenenden oder in den Ferien wurden sie manchmal abgeholt.Was Claudio letztlich überzeugte, war, dass es dort neben dem regulären Unterricht diverse Kurse gab, von Ökonomie über Recht, der angewandten Physik und Chemie bis zu polytechnischen Werkstätten. Es gab ausgedehnte Sportanlagen und Freizeitaktivitäten. Außerdem war der Ort klein und überschaulich, ähnlich wie Kleinenbroich, und ringsherum gab es Waldwege, die zum Mountainbikefahren einluden. Für seine Mutter waren noch andere Gründe überzeugend. Die Johann-Heinrich-Klingenberg-Schule hatte sich inzwischen den Ruf einer Art Denkfabrik erworben. Das Fraunhofer-Institut für angewandte Molekularbiologie war im Ort ansässig. Es gab Schiefergruben, Bergbau, und einige Unternehmen der Laser-und Hochtechnologie, die alle Praktikumsplätze anboten. Wer hier zur Schule ging, der hatte eine goldene Zukunft, wenn er sich nicht besonders blöd anstellte, oder wenn er früh verstarb, was in diesen Tagen nichts ungewöhnliches war.

Für Claudio begann eine neue Welt. Er musste sich nicht nur gegen die Sprösslinge einer selbsternannten Elite behaupten, sondern sich auch mit den Lehrern und dem ausgedehnten Lehrangebot auseinandersetzen. Er fand Freunde und Gegner. Er fand die alte Liebe am Werkeln wieder, und er suchte die Nähe zu aktiven Sportlern. Er erlebte Dünkel, Mobbing und Besserwisserei, und er wählte sich seine Freunde sehr gezielt aus. Er schloss schließlich eine Unmenge an Kontakten, die sich für sein späteres Leben als sehr nützlich erweisen sollten. Schmallenberg war wirklich eine Kaderschmiede. Die Lehrer achteten darauf, dass die Schüler die Voraussetzungen erwarben, um in ihrem späteren Leben Führungsrollen zu übernehmen. Bereits im ersten Jahr erlebte Claudio, dass die Seuche KIS nicht vorbei war. Unten in Bayern und im gesamten Alpenraum grassierte die Seuche. Die halbe Belegschaft der Bayrischen Motorenwerke erkrankte und der Landtag musste für ein halbes Jahr geschlossen werden. Allein im Großraum München gab es über 300.000 Tote. Die Friedhöfe konnten die Mengen gar nicht aufnehmen. Es kam zu Massenverbrennungen, wie schon zuvor in Nordrhein-Westfalen. In der Schule gab es Heimreise- und Ausgehverbote. Überall wurden sogenannte Schleusen aus Folien aufgehängt. Beim Betreten der Schleusen musste man sich die Hände und die Schuhe desinfizieren. Die Schüler und die Lehrer mussten einen Mundschutz tragen. Es gab regelmäßige ärztliche Untersuchungen. Man achtete sehr darauf, dass die Schule ein Schutzraum für die angetrauten Zöglinge war. Zwei der Schüler mussten sogar die Schule verlassen, weil sie mehrfach gegen die Vorschriften verstoßen hatten. Solche Schutzmaßnahmen wurden auch in den folgenden drei Jahren rigide durchgeführt, als die Seuche erst in Frankreich, dann in den Niederlanden, in Sachsen und in Polen wütete. Aufatmen konnte man erst, als man im Jahr 2063 endlich einen Impfstoff fand, und die gesamte Schule geimpft wurde. Man hatte lange gebraucht, bis man den Impfstoff weltweit vermarkten und anwenden konnte. Auch Claudio wurde geimpft, obwohl er Antikörper in sich trug.

Es gab anderes. Wer das Schulgebäude verließ, um beispielsweise eine Fahrradtour in die Umgebung zu machen, musste sich von den Füssen bis zur Hüfte mit Mitteln gegen Milben einsprühen. Es gab Sommer, da wurden die Zimmer mit Mitteln eingenebelt gegen Stechmücken, Bettwanzen oder andere Blutsauger, die gefährliche Krankheiten übertrugen. Man benutzte hierfür schon lange keine chemischen Keulen mehr, sondern Substanzen auf Pflanzenbasis. Die Anwendung regelmäßiger Schutzmaßnahmen brannte sich sich geradezu in Claudios Gedächtnis ein. Einmal wurden neben der Schule 50 Hektar Wald gerodet. Ein Käfer, der aus Asien eingeschleppt worden war, hatte das Holz befallen. Es gab nur ein Gegenmittel. Radikale Rodung. Das Holz wanderte nach dem Abtransport in ein Heizkraftwerk. Der Sommer war heiß und die Berge wirkten hilflos, nachdem die Forstarbeiter den Boden mit ihren tonnenschweren Reifen umgepflügt hatten. Nur die Strünke waren übrig geblieben, aber auch die wurden noch im selben Jahr aus dem Boden gezerrt. Es blieben tiefe Krater zurück. Das nächste Jahr wurde nass, und die Krater verwandelten sich in Tausende von Wasserlöchern mit Myriaden von Stechmücken. Auf den Hängen bildeten sich Rinnsale, bevor sich auf dem erodierten Boden plötzlich zaghaftes Grün zeigte, das noch im selben Sommer zu mannshohem Gras, Disteln, Brennesseln und ersten Büschen heranwuchs. Weißdorn, junge Haselnusssträucher, Schlehen. Wer weiß, woher die Samen so plötzlich hergekommen waren. In der neuen und fast subtropischen Vegetation flatterten plötzlich Schmetterlinge und viele Singvögel, die es sonst hier nicht gab. Wer sich frühmorgens auf die Lauer legte, konnte Rehe, Wildschweine, Hasen, Füchse und Greifvögel beobachten. Claudio beobachtete diese Entwicklung staunend und fast ungläubig. Wie jedes Kind war Claudio in seine Zeit hineingeboren worden. Dort, wo man aufwächst, fühlt man sich Zuhause, und er hatte seine Umgebung bisher mit den Augen eines unschuldigen Kindes beobachtet. Claudio lernte an dieser Schule erstmals, systematische Vergleiche zu früheren Zeiten anzustellen, und Prognosen für die Zukunft zu entwickeln. Er begriff jetzt kognitiv, dass ein radikaler Wandel totaler Verlust, aber auch ein Neubeginn sein kann.

7.

Zuhause wurde einiges umgekrempelt. Seine Mutter teilte ihm bereits am Ende des 5. Schuljahres mit, dass sie das Haus in Kleinenbroich verkauft hatte. Sie hatte ein neues Haus mit Rheinblick erworben, südöstlich von Neuss. Dort würde sie in Zukunft zusammen mit Jan de Witt leben. Claudio sei immer willkommen. Für Claudios Mutter war das kein hohles Gerede. Wenn Claudio kam, war sie ganz für ihn da. Jan baute seine väterliche Freundschaftsrolle aus, ohne ihm die Erinnerung an den Vater zu nehmen. Claudio knüpfte aber auch Kontakte zu den Familien von Mitschülern. Das waren insbesondere die Freunde Anton, Benni und Susi, und diese Kontakte eröffneten Claudio einen völlig neuen Horizont. Über Mama, Tante Carola und Josefina Maierhauser-Varags fand Claudio den Zugang zu dem weltweiten Geflecht aus Josefinas Konsortien. Über Jan erhielt er Zugang zu den Ingenieuren aus dem Büro und zu weltweiten Kontakten der Firma.

Als Claudio schließlich 2069 das Abitur machte, verfügte er über ein stabiles Netz an sozialen Kontakten, und über ein profundes Wissen in den Bereichen der Umwelttechnologien. Er hatte inzwischen das Segeln gelernt, weil die Familie von Anton Eigner eines veritablen Zweimasters war, und ihn häufig zu Törns einlud. Er hatte etliches zu den Bedrohungen erfahren, die aus der Erhöhung des Meeresspiegels resultierten. Er wusste inzwischen über die Gefahren, die sich aus der Ablagerung von Atommüll, Klärschlämmen, Fracking und Kunststoffabfällen ergeben hatten. Er wusste von diesem gewaltigen Ozonloch, das die Welt weiter aufheizte, zu Verbrennungen und Krebserkrankungen führte, und die Entstehung von Pandemien war nicht vorbei. Er wusste um die weltweite Verknappung von Resourcen, die dazu geführt hatte, dass sich der Rohstoffbedarf ohne ein konsequentes und systematisches Recycling nicht mehr decken ließ. Er hatte auch zwei Praktika im Fraunhofer-Institut absolviert und Einblick in die Gefahr der ständigen Veränderung von Zellstrukturen gewonnen, die sich besonders bei Insekten, Milben, Viren und anderen massenhaft auftretenden Organismen bildeten. Claudio hatte aber auch gelernt, dass der weltweite Bedarf an Nahrungsmitteln nie für alle gereicht hätte, wenn die Weltbevölkerung in den vergangenen 30 Jahren nicht durch KIS und andere Krankheiten um 50 Prozent dezimiert worden wäre. Der Klimawandel war global, und die Folgen des jahrhundertelangen Missbrauchs der Natur waren umfassend. Er hatte gelernt, Vergleiche anzustellen. Er wusste, dass die durchschnittliche Welttemperatur im Vergleich zum Jahr 2000 um sieben Grad emporgeschnellt war, mit ernsten Folgen für das, was man als das Gleichgewicht der natürlichen Kräfte bezeichnet. Die Menschheit hatte dazu übergehen müssen, immer neue Überlebensstrategien zu entwickeln.

8.

Claudio lernte in dieser Schule allerdings auch, dass man das Leben genießen musste, solange das ging. Also machte Claudio nach dem Abitur mit Anton und einigen Freunden erst mal einen längeren Segeltörn. Im Herbst absolvierte er dann ein ausgedehntes Praktikum in der ehemaligen Firma seines Vaters, und im Winter hospitierte er bei seiner Mutter. Zum Frühjahrs-Semester schrieb er sich schließlich in Hamburg ein, um Deich-, Schleusen-und Sperrwerksbau zu studieren. Während seiner Segeltörns mit Anton hatte er erfahren, wie wichtig der Schutz der Küstengebiete geworden war. Es gab inzwischen Mörderwellen, die eine Stadt glatt überrollen konnten. Nach dem Vordiplom ging Claudio an die Universität in Kiel, die in Punkto Sperrwerksbau als vorbildlich galt. In den alten Fabriksgeländen der ehemaligen Schiffswerften wurden heute riesige Schleusentore produziert. Das hatte der Stadt Kiel nach dem Niedergang der Werftindustrie einen wirtschaftlichen Aufschwung beschert.

An der Kieler Uni traf er Susi, Benni und Anton wieder.Kiel und Hamburg sind Städte, die durch die Erhöhung des Meeresspiegels und durch gewaltige Sturmfluten wohl längst untergegangen wären, hätte man nicht gewaltige Deiche, Sperrwerke und Schleusen gebaut. Andere Regionen an der Nord- und Ostsee waren allerdings fast komplett überspült worden, wie etwa die früher einmal beliebten Ferieninseln Fehmarn, Rügen, Zingst, Sylt und Norderney, oder auch die Halligen im Wattenmeer, sehr zum Bedauern von Vogelschützern, Touristen und friesischen Traditionalisten. Auch die Shetland Inseln und viele Küstengebiete waren (zumindest teilweise) ein Opfer des Anstiegs der Weltmeere geworden. Es gab dort nur noch einige Felsen, die aus dem Wasser ragten. Die küstennahen Städte Rostock, Bremen, Hamburg, Amsterdam, Rotterdam, Oslo und London hatte man mit viel Aufwand und mit noch mehr Geld gerade noch erhalten können. Kopenhagen hatte man dagegen völlig ins Binnenland umsiedeln müssen. Die Altstadt war überflutet worden. Viele kleinere Städte waren komplett abgesoffen, weil sich der Aufwand eines umfassenden Schutzes einfach nicht lohnte, etwa das frühere englische Seebad Brighton, Le Havre oder Brest. Bei einigen Weltstädten waren die flachen und am Meer liegenden Teile trotz aller Schutzmaßnahmen in Sturmfluten versunken. Etwa in Rio, Buenos Aires, Bangkok, oder Hongkong.Auch Emden war mehrmals durch Sturmfluten zerstört worden, bis man die Dollard-Bucht, den Jadebusen, die Kieler Förde und all die großen Flüsse, wie Weser, Elbe oder Themse mit gewaltigen Sperrwerken versah. Emden war hinter diesem Sperrwerk auf einer künstlich angeschütteten Anhöhe neu gebaut worden.

Diese Sperrwerke waren technische Meisterleistungen mit Schleusen, Windmühlen zur Stromerzeugung, Pumpen und Fischtreppen. Hinter manchen Sperrwerken waren große Binnenseen entstanden, die durch ständigen Austausch mit Frischwasser versorgt werden mussten, damit sie nicht wegen Sauerstoffarmut umkippen.Es gab am Boden verankerte frei schwimmende Bojen, die über Solarenergie ständig Sauerstoff in die tieferen Gewässerschichten pumpten, um der Algenbildung vorzubeugen. Innerhalb dieser Binnenseen hatte sich sogar ein neuer Fischreichtum entwickelt und das Angeln und Segeln war zum neuen Freizeitsport geworden. Allerdings war dieses Biotop äußerst fragil. Bei großer Hitze trieben die Fische von Zeit zu Zeit mit dem Bauch nach oben auf der Wasseroberfläche. Viele Küstenregionen lagen jetzt unterhalb des Meeresspiegels, geschützt nur durch gewaltige Deichanlagen. Wenn so ein Deich brach, dann wurden viele hundert Quadratkilometer Land unter Wasser gesetzt.Der Beruf des Deich-und Sperrwerkbauers war für die Wirtschaften des Landes und das Überleben der Menschen genauso überlebenswichtig geworden, wie viele andere Berufe rund um das Recycling von Rohstoffen, und die Erzeugung von Energie. Dazu gehörten auch Wasserwirte, Forstwirte, Agraringenieure und Biologen zur Rettung der Tier- und Pflanzenwelt. Man brauchte einfach Technologien und Verfahren zum Schutz der Lebensräume (der biologischen Kreisläufe), der Erzeugung von Nahrung und der Rückgewinnung von Wertstoffen. Es war ein guter Beruf, und Claudio würde wohl sein Leben lang sein Auskommen haben.

Auch das Binnenland war betroffen. England war immer wieder von Regenfällen geradezu überschwemmt worden. In anderen Regionen kam es zu anhaltenden Trockenheiten, Schneefällen oder orkanartigen Stürmen, die alles lahmlegten. Claudio war in eine schwierige Zeit hineingeboren worden. Eine Zeit, in der eine Natur- und Umweltkathastrophe durch die nächste abgelöst wurde, alles in schneller Folge. Tatsächlich gab es seit über 70 Jahren auch große Fortschritte in der Bekämpfung der umweltschädlichen Ursachen, aber das konnte die einmal eingetretenen Schäden nicht ungeschehen machen. Die Weltgemeinschaft hatte inzwischen verinnerlicht, dass man gemeinsam etwas gegen dieses Chaos unternehmen musste, das nicht nur aus hohlen Absichtserklärungen bestand.Es gab immer noch die wirtschaftliche Ausbeutung von Resourcen und organisierte Umweltsünder zerstörten die Umwelt massenhaft weiter, aus Profitgier oder Dummheit.Dennoch hatte die Menschheit insgesamt gelernt. Es gab inzwischen Abteilungen unter der Ägide der UN, die zumindest streckenweise die Einhaltung von Umweltgesetzen kontrollierte und Verstöße auch ahndete.

9.

Kluge Köpfe hatten der Menschheit stets vorgeworfen, dass die kollektive Dummheit grenzenlos sei, so wie z.B. der Philosoph Adorno, und das bedeutet übersetzt soviel, dass der Mensch kollektiv nicht lernfähig ist. Als Einzelner mag er ein vernunftsbegabtes Wesen sein, aber eben nicht im Kollektiv, und schon gar nicht, wenn radikale Fundamentalisten (gleich welcher Couleur) ihre Anhänger mobilisieren, und die Ausschaltung jeder Vernunft zum Ziel erheben. Das ist dann übertragen so, wie bei den Lemmingen, die nach irgendeinem geheimen Signal zu Tausenden irgendwohin rennen, um dann über die Klippe ins Meer zu stürzen. Ein kollektiver Selbstmord. Man kann sie nicht aufhalten. Adornos Theorie war nicht unumstritten, und er war schon in seiner Zeit nur unter den kritischen Wissenschaftlern hochgeachtet, aber seit 2030 war tatsächlich so etwas entstanden wie eine rationale Auseinandersetzung mit der Krise. Ein Quantensprung in der Geschichte? Wohl kaum. Eher ein Zufall. Ein Seitensprung. Ein Abweichen von der Regel. Ein Innehalten, Nachdenken und tief Einatmen. Ja, es war tatsächlich ein Wunder. Die Bedingungen erforderten auch spontanen und kreativen Einsatz und dynamisches, leidenschaftliches Handeln mit Herz und Verstand, etwas, was man auch mit dem Begriff Empathie fasst.

Jede Gesellschaft bringt solche Strömungen hervor, besonders dann, wenn die Not am Größten ist. Die Menschheit hatte spätestens seit 2040 mehrheitlich ein neues Denken verinnerlicht: „wenn wir nicht massiv gegensteuern, so werden wir als Gattung Mensch aussterben.“ Mehrheitlich bedeutet nicht, dass dies nun immer so ist und bleibt, sondern nur, dass der physikalischen Masse eine gewaltige zeitlich begrenzte Bewegungsenergie entgegengestemmt wird, die sie in eine bestimmte Richtung umlenkt, bis sie noch einmal umgeleitet wird, durch andere Energien. Aber natürlich war es so, wie zu allen Zeiten: Es gab eine richtungsweisende Gruppe, die in allen Erdteilen anzufinden war, es gab eine große Masse von Mitläufern.Es gab Widersacher, Unwissende, Gedankenlose, Gleichgültige, aber auch kriminelle Elemente, Panik-. und Geschäftemacher, korrupte Politiker, irregeführte Geheimdienste, übereifrige Polizisten, karrierebewusste Kader, und sendungsbewußte Geistliche. Es gab entgegengesetzte Theorien, die immer noch ein Spiel der freien Kräfte forderten. Damit hielten sie, in übertragenem Sinne, den Lauf der Lemminge in den Tod in Bewegung. So etwas wird es immer geben, aber irgendwie hatte ein glücklicher Umstand ausgelöst, dass sich der kollektive Schutzgedanke breit machte. Es gab entscheidende Impulse für diese Entwicklung, aber es war auch wirklich Glück. Es war eine Situation, die jederzeit umschlagen kann, wenn man die Kontrolle über die Entwicklung verliert.

In vielen Schulen wurden jetzt neue Dinge gelehrt, etwa der schonende Umgang mit Resourcen, und natürlich gab es auch Gebote, Verbote und Strafen bei Nichtbeachtung, die in Einzelfällen ziemlich drastisch waren. Alles das kam nicht über Nacht. Schauen wir einmal zurück ins Jahr 2002, als die Geschichte von Josefinas Familie begann, die von Claudio inzwischen als “Tante” bezeichnet wurde. Damals schien die Welt noch einigermaßen in Ordnung, wenn man auch die Augen vor den drohenden Gefahren mehrheitlich verschloss. Gehen wir dabei systematisch und chronologisch vor. Damals, vor 70 Jahren, hatte Rudolfo Vargas damit begonnen, ein Vermögen zu begründen. Josefina, ihre Kinder und ein dicht gesponnenes Geflecht aus vielen Freunden hatten das später gewinnbringend angelegt. Das hat nun scheinbar so gar nichts mit dem späteren Wetterchaos zu tun, das Claudios Leben einmal komplett bestimmen sollte, aber schauen wir einmal ganz genau hin. Die globale Entwicklung wäre wohl anders verlaufen, wenn es damals Rudolfo und Josefina nicht gegeben hätte.

Teil 1/ Kapitel 2.

Rudolfo, Josefina, das Erbe und die Maierhauser Ingeniering

1.

Die vorliegende Geschichte beginnt historisch mit Rudolfo Vargas, der im Jahr 2002 neben seinem Studium damit begonnen hatte für eine Bank zu arbeiten. Rudolfo studierte Betriebswirtschaft, aber er schloss sein Studium nicht ab, weil die Bank ihm eine goldene Zukunft bot. Er war ehrgeizig und intelligent, und er war ein Spieler. Er handelte im Auftrag der Bank mit Wertpapieren, Obligationen, Warentermingeschäften und sogenannten Hedgefonds. Er hatte den richtigen Riecher, und er war extrem produktiv und aggressiv. Bei einem solchen Job verzockst du dich des öfteren. Entscheidend ist, was unter dem Strich herauskommt, und Rudolfo war äußerst erfolgreich. In der Großbank, in der arbeitete, gab es nur noch drei andere, die genauso gut waren, und die lieferten sich tägliche Duelle, um sich gegenseitig zu übertreffen. Das Jahresgehalt wurde noch bei weitem übertroffen durch die Boni, die sie für ihre Gewinne einsackten. Die Bank achtete darauf, dass sie ihre besten Mitarbeiter bei der Stange hielt. Es gab genug Headhunter. Rudolfo hatte aber zwei Schwächen. Er dachte nicht im Traum daran, der Steuer irgendetwas abgeben zu wollen. Da war er kein Einzeltäter, sondern das galt damals als Sport. Er war ein Alphatier. Ein Rüde, der nach der Unterwerfung anderer unter seinen Willen strebte, und so hatte er auch einen unerschöpflichen Bedarf an Frauen. Das letztere änderte sich zumindest teilweise, als er 2007 die Biologiestudentin Josefina Ellenwang kennenlernte. Josefina war hochintelligent, sie war sexuell äußerst agil, und sie hatte bereits gelernt, dass es gut ist, ein Ziel zu haben. Eigentlich standen sie auf zwei verschiedenen Seiten. Als Biologin beschäftigte sich Josefina mit bedrohten Pflanzen und Tierarten, und so etwas ging Rudolfo am Arsch vorbei. Naja. Er hatte bisher keinen einzigen Gedanken an so etwas Sinnloses verschwendet.Trotzdem passierte zwischen den Beiden etwas, was man als seltenen Zufall bezeichnet. Vom ersten Augenblick an gab es eine gewaltige erotische und intellektuelle Spannung, die zu einer völligen gegenseitigen Abhängigkeit führte. Rudolfo verzichtete irgendwann sogar fast ganz auf seine sonstigen Techtelmechtel, aber nur fast. Er hörte nie ganz auf damit.

Rudolfo hatte schon früh damit begonnen, sein Geld auf die sichere Seite zu bringen. Es gibt immer Möglichkeiten für einen geschickten Anleger, Einnahmen an der Steuer vorbei zu lavieren. Rudolfo wollte zwar das Leben genießen, aber er wusste, dass es auf einen Schlag vorbei sein konnte mit dem Abzocken. Meist ist das in seinem Beruf mit 35 Jahren der Fall. Dann geht die Spannkraft plötzlich und rapide zurück. Für dieses Ereignis musste man Vorsorge treffen. Zusammen mit Josefina entwickelte er den Plan, eine Stiftung „Animal in Pain“ auf den Seychellen zu gründen, zum Schutz der bedrohten Tierwelt, und eine auf den Kaiman Inseln mit dem Namen „HELP AID“. Außerdem hatte er bereits zwei Beteiligungsgesellschaften gegründet, ebenfalls in Steueroasen. Er spendete jetzt seine gesamten Boni an diese Stiftungen, die unter einem Strohmann liefen, der keinen Zugriff auf die Konten hatte, und diese Stiftungen überwiesen das Geld an die Briefkastenfirmen. Josefina hatte damit gar keine Probleme. Noch bevor sie ihr Studium abgeschlossen hatte, begann sie sich im Charity Bereich zu organisieren. Es ist besser zu vermarkten, wenn solche Stiftungen auf viele unterschiedliche Spender zurückgreifen können. Für kleine hungrige Seerobben, Langohreulen, Biber, Wölfe oder hungernde Babys in Indien konnte man solche Abende problemlos organisieren, um Spenden zu sammeln und ein paar Projekte zu unterstützen, die man öffentlich wunderbar vermarkten konnte. Für Rudolfo war das ein Alibi, um das eigene Geld sicher und unauffindbar anzulegen, für Josefina war das eine Herzensangelegenheit, um die gesammelten Gelder nutzbringend einzusetzen, und so hatten beide etwas Gemeinsames, zumal das äußerst lukrativ war, weil sich diese Konten immer mehr füllten.

Als Josefina dann 2009 (mit 24 Jahren) schwanger wurde, und weil die erotische Anziehungskraft immer noch so überwältigend und ungestüm war, heirateten die beiden, und jetzt konnten sie ihre gegenseitigen Geschäfte noch viel besser abwickeln. Josefina machte sich langsam einen Namen. Sie wurde von Mitgliedern der Umweltverbände und der Grünen zwar nicht unbedingt hofiert, aber sie galt als dazugehörig, und auch in der Welt der Finanzjongleure, machte sich das gut. Solche Hilfsprojekte haben Alibifunktion, um in der Öffentlichkeit sein gutes Herz zu demonstrieren und das eigene hohe Einkommen zu rechtfertigen. Man demonstriert öffentlich, dass man ein Guter ist. Auch als Bänker, Industrieller, oder gutbezahlter Anwalt konnte man demonstrativ Herz beweisen und immagefördernd spenden. Seit 2013 zogen sich die rechtlichen Rahmenbedingungen langsam zu, innerhalb derer man solche Boni problemlos einsacken konnte. Die Schweiz erließ ein Gesetz zur steuerlichen Abschöpfung solcher Gewinne, mehrere Staaten beschlossen, das Bankgeheimnis aufzuheben, und Rudolfo überlegte bereits, Deutschland zu verlassen und nach London oder New York zu übersiedeln, aber dann hatte Rudolfo (der gerne und schnell Motorrad fuhr) zu Beginn der Motorradsaison 2013 auf regennasser Straße einen Unfall, den er nicht überlebte. Er war gerademal 35 Jahre alt geworden.Josefina wurde von einer auf die andere Minute ziemlich wohlhabend. Sie hatten nicht nur über zweihundert Millionen Euro im Ausland gebunkert, in Geld und in gewinnbringenden Beteiligungen. Josefina bekam jetzt auch eine Witwenrente und die Auszahlung einer Lebensversicherung über vier Millionen Euro. Das war zusammengenommen eine äußerst gesunde Basis, um in Zukunft sorgenfrei leben zu können, auch mit ihrer kleinen Tochter Carmelita. Noch besser war, dass Claudio ihr gezeigt hatte, wie man solche Millionen anlegt, so dass sie sich auch vermehren.

Im Rückblick konnte Josefina sogar sagen, dass es für beide vielleicht gut war, was da geschehen war. Rudolfo hatte den Knick nicht erleben müssen, der in den nächsten Jahren unweigerlich gekommen wäre, diesen plötzlichen und nur schwer verkraftbaren radikalen Abfall der Leistung, mit allen psychischen Folgen eines Burnouts, der viele Zocker Mitte Dreißig befällt. Vielleicht hätte sich Rudolfo in den neuen Firmen wiedergefunden, in die er sein Geld angelegt hatte, aber das wäre unwahrscheinlich gewesen, denn Rudolfo dachte in schnellen Vermarktungskategorien einer „Heuschrecke“, und nicht in den Kategorien einer langfristigen und sinnvollen, aber zähen Produktion. Wahrscheinlich wäre sogar ihre Liebe zueinander an dieser unterschiedlichen Haltung langfristig zerbrochen. So war dieses Erbe für Josefina ein Sprungbrett, um sich selbst zu entdecken. Sie musste sich plötzlich und unerwartet ganz auf ihre eigenen Stärken besinnen. Sie konnte ihren eigenen Weg gehen, ohne auf einen Partner Rücksicht nehmen zu müssen. Sie konnte sich auf ihre Stiftungen konzentrieren, und das gebunkerte Geld erst einmal in Ruhe arbeiten lassen.

2.

Josefina hatte von Rudolfo gelernt, dass Geld sehr schnell versickern kann, wenn man unvorsichtig ist. Vom tatsächlichen Eigentümer der Stiftungen und ihrer Gelder wussten die deutschen Behörden allerdings nichts, und von den Briefkastenfirmen im Ausland schon gar nicht. Josefina würde von den Stiftungen nach außen hin nur als Repräsentantin in leitender Position geführt. Die Beteiligungsgesellschaften liefen über Treuhänder, die Gelder waren in Steueroasen geparkt, und Josefina hatte längst Prokura. In der Trauerphase (Rudolfo fehlte ihr wirklich, denn der Verzicht auf die sexuellen Ausschweifungen machten Josefina schwer zu schaffen) wurde Josefina von verschiedenen Freunden getröstet, manche vom BUND, von Greenpeace und von mehreren Abgeordneten der Grünen. Sie wurde gebeten, ihre Arbeit mit den Stiftungen weiterzuführen, und wenn es auch nur in Andenken an Rudolfo sein würde. Über die geheimen Konten wusste ja auch hier niemand Bescheid. In dieser Zeit ereigneten sich auch diese neuerlichen Jahrhundertfluten an Donau, Elbe und ihren Nebenflüssen. Sie fuhr nach Regensburg, Wasserburg, Bad Schandau und nach Wittenberg. Sie sah sich das Desaster an. Sie sprach mit Grünenpolitikern und Experten in Sachen Wasserbau, die jetzt aber alle Hände voll zu tun hatten, und sie beschloss, dass man da langfristig etwas tun müsse, für Mensch, Pflanzen und Tier.Erst mal war sie noch geschockt von Rudolfos plötzlichem Tod. Sie würde sich zunächst nur darum kümmern, ihr Erbe ordentlich zu verwalten, bevor sie sich Hals über Kopf in ein neues Projekt stürzen würde, das bodenlos schien, denn soviel war ihr klar geworden, der Hochwasserschutz musste schon in den Alpen, in Tschechien und Polen beginnen, bevor er in Deutschland sinnvoll fortgesetzt wird. Auch in Deutschland gibt es Länderhoheiten. Wenn man etwas erreichen wollte, gab es Verwaltungsakte und Kompetenzrangeleien, an denen sich schon andere die Zähne ausgebissen hatten. Also verschob sie eventuelle Pläne auf einen späteren Zeitpunkt, und das war wohl eine sehr weise Entscheidung.

3.

Über ihre Kontakte lernte Josefina jetzt einen Ingenieur für Formenbau kennen, einen Horst Maierhauser in Baden Württemberg.2013 war das Jahr der Bundestagswahl in Deutschland, es war aber auch eine Art Zäsur, weil sich nach der sogenannten Energiewende in Deutschland diverse Volksvertreter unter anderem in der Pflicht sahen, für den Ausbau der Windkraft eine Lanze zu brechen, auch wenn das viele nur aus wahltaktischen Gründen taten. Horst hatte nach intensiver Forschung ein Verbundverfahren entwickelt, das den gesamten Aufbau und die Oberflächen der Flügel bei Windrädern veredelte. Die Flügel wurden um ein vielfaches leichter und gleichzeitig stabiler und windschlüpfriger, so dass weniger Energie verloren ging, beim Antrieb der Windräder.Horst war vorsichtig gewesen. Er hatte das Verfahren nicht öffentlich zugänglich gemacht, und er bot das nun verschiedenen Herstellern von Windkraftwerken an, ohne sich in Details zu verlieren, aber er war kein Kaufmann, und er hatte nicht mit der menschlichen Gier gerechnet. Man war gerne bereit, das Verfahren zu übernehmen, aber man würde das wohl in der Versenkung verschwinden lassen, wie viele gute Innovationen zuvor, man denke nur einmal an den Wankel-Motor. Man war gerne bereit, die Anwendung für ein paar Euro zu übernehmen oder gar zu stehlen, damit das kein anderer verwertet. Unternehmer sind nicht unbedingt die besseren Menschen, wenn sie im Bereich der alternativen Technologien tätig sind.

Horst hatte aber ein paar gute Freunde. Sein Vater, der eine kleine, aber exportintensive Maschinenfabrik führte, und für den er offiziell arbeitete, um Formteile zu entwickeln, hatte ihn bisher gesponsert, aber es fehlte das Kapital, um das Projekt von Horst auch umzusetzen. Horst war nicht bereit, sich bei den Banken hoch zu verschulden. Allein das Versprechen und die Aussicht um ein gewinnbringendes Verfahren bringt die Banken noch lange nicht dazu, dir das notwendige Geld auch vorzuschießen. Der Zinssatz liegt bei solchen Risikofinanzierungen in der Regel unanständig hoch. Nun kannte Horsts Vater aber durch alte Seilschaften den grünen Ministerpräsidenten von Baden Württemberg, und irgendwann trafen die beiden anlässlich einer Regionalmesse mal zu einem Glas Wein zusammen.Dieser Ministerpräsident wiederum kannte Josefina und er vermittelte ein Gespräch.So kam es, dass Josefina und Horst eines schönen Sonntags im Spätherbst 2013 zusammen durch den Bad Vilbeler Stadtwald wanderten, der vor den Toren von Frankfurt liegt.Josefina hörte sich in Ruhe an, was Horst zu erzählen hatte.Sie waren sich gegenseitig sympathisch, aber mehr passierte an diesem Tag nicht. Josefina versprach zumindest, darüber nachzudenken und mit Horst in Verbindung zu bleiben. Sie bat ihn aber noch ein paar Wochen zu warten, bevor er irgendwelche Entscheidungen über die Aufnahme von Geldern trifft.Für Horst war das Gespräch letztlich unverbindlich. Er hatte sich insgeheim mehr erhofft, und er hatte sich wieder ins Auto gesetzt und war an diesem Abend enttäuscht nach Böblingen zurückgefahren, wo er wohnte.

4.

Josefina hatte nichts versprechen wollen. Das war so ganz anders, als ihre bisherigen Projekte, aber sie hatte in Frankfurt einige gute Kontakte. Sie begann im Internet und in Bibliotheken zu recherchieren, und vier Wochen später rief sie bei Horst an, ob sie ihn nicht einmal besuchen dürfe.Natürlich würde sie auch ihre Tochter Carmelita mitbringen. Sie sprach an diesem Tag mit Horst und seinen Eltern. Sie ließ sich die Vorteile des Verfahrens noch einmal genau erklären und sie nickte dazu. Was sie freute, war, dass Horst und die kleine Carmelita Gefallen aneinander gefunden hatten. Sie bat darum, einmal konkrete Zahlen vorzulegen für eine Fertigung solcher Flügel, und wenn die anderen Hersteller von Windkraftwerken nicht bereit wären, das in ihre Anlagen gewinnbringend einzubauen, so müsse man überlegen, ob der Bau ganzer Windkraftparks in Frage kommt. „Rechnet mir das einmal durch.“ Sie trafen sich noch einmal, diesmal in ihrer Wohnung in Bad Vilbel, dann ließ sich Josefina die Zahlen geben und ging zu einem befreundeten Bänker.„Schau dir mal die Zahlen an, und sage mir die Risiken und Schwächen des Modells.“ Danach machte sie dasselbe mit einem Steueranwalt und nahm Kontakt zu einem Professor an der TU Darmstadt auf. All das zog sich hin, Josefina telefonierte ein paar Mal mit Horst und vertröstete ihn, und im Frühjahr 2014 hatte Josefina ein recht verlässliches Wirtschaftsmodell vorliegen.

Inzwischen war noch etwas geschehen. Der Weltklimarat hatte in einer umfangreichen Stellungnahme vor den Folgen einer weltweiten Resourcenverschwendung gewarnt und das Ende der Gattung Mensch prognostiziert, wenn nicht bald Modelle zum Schutz der Umwelt entwickelt und durchgesetzt werden würden. Josefina ließ sich die Studie kommen und sie war schwer beeindruckt. Sie kannte bereits die Studien des Club of Rome und andere Papiere, und sie beschloss, Gelder in Zukunftsprojekte zu investieren. Man kann das jetzt abkürzen. Josefina vereinbarte mit Horst, dass eine ihrer Stiftungen die Anschubfinanzierung zur Verfügung stellen würde, um solche Flügel zu bauen. Weitere Gelder würde es aber nur geben, wenn Horst die Kraftwerksbauer und Betreiber überzeugen könne, dieses Verfahren anzuwenden. Im selben Zug ließ sie Horst das Verfahren weltweit patentieren. Diese Investition von mehr als 160.000 Euro würde sich bald als sinnvoll erweisen. Horsts Vater ließ eine Fertigungshalle an seine kleine Fabrik anbauen (wobei ihm zugute kam, dass er das umliegende Land einmal geerbt hatte) und noch im Jahr 2015 begann Horst mit der Produktion. Die Stiftung hatte das Darlehen vergeben, im Vertrauen auf Berechnungen, die versprachen, dass diese Flügel erheblich leiser, effektiver und umweltfreundlicher sein würden, als bisherige.

Die Kraftwerksbetreiber standen nicht gerade Schlange, weil das aufwendige Verfahren aus synthetischen Polymeren ein gutes Stück teurer war als die Standardflügel, aber nachdem das erste Kraftwerk eingeweiht worden war, zeigte sich schnell, dass Horst nicht übertrieben hatte.Die Energieausbeute sprang bei gleicher Rotorenausstattung um 15 Prozent hoch und die Windemissionen nahmen im gleichen Atemzug um 60 Prozent ab. Als dann die Hannovermesse 2016 um war, waren die Auftragsbücher voll.Das war Josefinas Einstieg in die Produktion umweltfreundlicher Technologien. Weil sich Horst und Josefina in der ganzen Zeit gut verstanden, weil sich beide als zuverlässig und als kompetent zeigten, und weil Horst und die kleine Carmelita stets ein herzliches Verhältnis hatten, begann sich zwischen Horst und Josefina eine lockere sexuelles Beziehung zu entwickeln. Sie behielten ihre jeweiligen Wohnorte bei. Josefina in Bad Vilbel und Horst in Böblingen, und dann wurde Josefina von Horst schwanger. Sie heirateten im August 2017, aber Josefina behielt ihre Eigentumswohnung in Bad Vilbel. Schließlich hatte sie in Frankfurt viele Freunde, und dieser Wohnort war einfach genial nah am Brennpunkt der Finanzwelt Frankfurt. Diese Metropole ist neben Hamburg, Berlin, München, Stuttgart und Düsseldorf eines der großen Machtzentren, in denen in Deutschland fast alles entschieden wird.

5.

Josefina bekam noch zwei Kinder von Horst, wobei sie sich sicher war, dass eines der beiden Kinder von einem befreundeten Bänker in Frankfurt stammte. Horst erfuhr davon jedoch nichts. Sie nannte sich jetzt Maierhauser-Vargas, weil der Name Vargas in der Finanzwelt immer noch gut und bekannt war. Zusammen mit Horst begann Josefina nun ein Imperium für alternative Technologien zu begründen. Es blieb nicht bei Windmühlenflügeln.

Jetzt zeigte sich auch, wie klug es von Josefina gewesen war, das Verfahren weltweit zu schützen. Eine amerikanische Firma hatte das Patent verletzt und wenig später auch eine koreanische. Die Anwälte wurden in Bewegung gesetzt und die beiden Firmen mussten klein beigeben. Die Schadenersatzsumme belief sich insgesamt auf mehr als 850 Millionen, die sie für die Ausweitung ihres Unternehmens gut gebrauchen konnten.

Josefina war zwar ihrem wilden Rudolfo stets treu gewesen, aber sie hatte damals von ihm gelernt, dass sexuelle Beziehungen Türen öffnen können. Sie war zwar mit Horst verheiratet, das war aber eher ein beiderseitiges braves Agreement, bei dem die wilde Lust fehlte, die Josefinas und Rudolfos Verhältnis ausgezeichnet hatte. Bei solchen Projekten, wie alternative Technologien musst du Politiker und Finanzjongleure auf deiner Seite haben, und Josefina hatte längst damit begonnen, mit taktischem Geschick und mit sexuellen Versprechen ein System der privaten Geflechte aufzubauen. Gleichzeitig bewies sie sich als gute Ehefrau und als Mutter, die ihre Brut bewacht und fördert. So wie du mit Geld vorsichtig umgehen musst, damit es sich stets vermehrt, so musst du auch deine Brut liebevoll umsorgen, damit aus ihr was wird.Man darf sich das jetzt nicht so vorstellen, dass Josefina durch die Betten tingelte. Sie suchte sich ihre Kontakte genau aus, viele davon rein platonisch, und sie schuf sich ein Netz aus Freunden und Mitstreitern in Finanz-, Industrie-, und Umweltkreisen.

Durch diese Freunde lernte Josefina einerseits viel mehr über die verzwickten Mechanismen, welche die Ausbreitung sanfter Technologien entweder beschleunigen oder hemmen konnten, und sie lernte andererseits, Gelder noch viel besser zu verstecken als bisher, denn spätestens seit 2013 waren immer mehr Länder gegen sogenannte Steueroasen vorgegangen und hatten Schlupflöcher geschlossen. Josefina praktizierte aber auch gelegentliche erotische Exzesse, die ihr Horst nicht bieten konnte. Männer sind gerne bereit mit einer schönen Frau zu plaudern, die gut zuhören kann, die vorzeigbar und intellektuell prickelnd ist, und die zudem auch noch sexuellen Hochgenuss verschafft. Anlässe gab es genug, etwa auf Konferenzen, Messen oder nach Galaabenden. Josefina verschenkte sich dabei nicht, sondern sie gewährte solche sexuellen Exzesse wie einen Gunstbeweis an einen ausgesuchten Kreis. Diese Männer gaben Josefina die nötigen Geheimtipps, oft durch schlichtes verplappern, kurz: für Josefina waren diese Liebschaften lebensnotwendig, und es dauerte nicht lange, da betrieben die mit den Stiftungen verbundenen Anlagegesellschaften mehrere Windparks im In- und Ausland. Josefina blieb dabei stets vorsichtig und diskret. Sie brüskierte auch Horst niemals, und nun stiegen Josefina und Horst auch in andere Technologien ein.

6.

Da Josefina als Leiterin „Projekte und Öffentlichkeitsarbeit“ offiziell immer die Repräsentantin der Stiftungen blieb, war sie befreit von einem Alltagsrhytmus, der dir sonst durch feste Arbeitszeiten im Angestelltenverhältnis aufgezwängt wird. Es gab ein Büro mit Sekretärin, ein Kindermädchen und eine Hausangestellte, die sie entlasteten. Sie teilte sich ihre Zeit selbst ein. Sie machte weiter in Charity. Sie traf sich mit Männern und ihrem inzwischen großen Freundeskreis der Gleichgesinnten. Sie rief jetzt öffentlich dazu auf, Umweltprojekte hier und in der dritten Welt zu fördern und zu unterstützen. Nicht nur im Bereich der Energiegewinnung. Sie setzte sich nicht nur für den Schutz der Tiere ein. Als Biologin wusste sie, dass es viele Wirtstiere gibt, die gefährliche Krankheiten übertragen. Eine dieser Gattungen ist die Zecke. Es gibt viele verschiedene Arten davon, wie den gemeinen Holzbock, oder die Auwaldzecke, und eine der Viruserrankungen, die da übertragen wurden, war Lymeborreliose. Josefina hatte sich schon während ihres Studiums damit beschäftigt, und damals war es schon bekannt, dass Rinder offenbar ein Gegenmittel gegen solche Bakterien entwickelt haben. Durch Josefinas Fürsprache und finanzielle Unterstützung wurden mehrere Institute gefördert, die sich mit solchen möglichen Gegenmitteln beschäftigten, und tatsächlich gelang es 2022, dieses Gegenmittel zu isolieren und einen Impfstoff herzustellen. Mit dem Einnahmen aus den Verkäufen des Impfstoffes wiederum wurden nun weitere Forschungen finanziert. Josefina machte sich dadurch in Deutschland und in Europa einen Namen. Sie hatte zwar nicht selbst geforscht, aber sie hatte auch hier für die Anschubfinanzierung gesorgt und ein paar entscheidende Ideen beigesteuert.In der Folge galt Josefina in Wissenschaftskreisen als Fachautorität und als eine Art Spürnase. Aus ihrer bisherigen Beschäftigung mit der Materie wusste sie allerdings, dass dies nur ein kleiner Baustein war, um der wachsenden Gefahr von neuen epidemischen Gefahren und einem möglichen ökologischen Kollaps zu begegnen. Da würde noch viel zu tun sein.Josefina schickte ihre Kinder auf Eliteschulen und schärfte ihnen ein, Liebeleien seien wichtig, aber Seilschaften und die Familie haben Vorrang. Josefina war eine Glucke und sie würde die Fäden für den Familienzusammenhalt nicht aus der Hand geben. In solchen Schulen schmiedet man Kontakte, dort werden aber auch Theorien gelehrt, die zwar viel mit Geldverdienen, aber eben nicht viel mit dem Umweltgedanken zu tun haben.Josefina teilte die Achtung der Indianer vor der Natur, aber sie wollte sich nicht der Gewalt ökonomischer Zwangsläufigkeiten ausliefern, und sie nutzte jede Gelegenheit ihre Kinder dahingehend zu beeinflussen, dass die Gesetze der Natur geachtet werden müssen, ohne selbst schutzlos zu werden.

7.

Josefina hatte längst Kontakte zu Politikern in der EU geschlossen, und jetzt löste sie ein Versprechen ein, das sie sich selbst gegeben hatte. Sie sprach mit EU-Abgeordneten und Politikern in Tschechien, und sie erreichte, dass Gelder locker gemacht wurden für einen geplanten Ausbau des Hochwasserschutzes im Prager Becken. Am Oberlauf der Moldau gab es bereits große Stauseen, um Prag vor Überflutungen zu schützen, aber die hatten im Ernstfall nie gereicht. Weil aber die Regenfälle rund um das Prager Becken sich in die Flüsse Moldau, Berunka und Sazava ergiessen, die alle in die Elbe fließen, erreichte Josefina, dass an all diesen Flüssen weitere Stau- und Rückhaltebecken mit Geldern der EU gebaut werden konnten. Das Bauvorhaben dauerte 10 Jahre. In drei der Rückhaltebecken, eins vor Budweis (Moldau), eins vor Pilsen und eins vor Kolin (an der Elbe) steckte Josefina sogar eigene Gelder der Stiftung, die sie vorher durch Aufrufe gesammelt hatte. Zu Ihren Ehren trug das Rückhaltebecken vor Pilsen jetzt den Namen Vargas-Staubecken.

Der Erfolg dieser Rückhaltebecken wirkte unmittelbar. Als wieder so eine Jahrhundertflut im Jahr 2032 ihren Lauf nahm, blieben die Städte Pilsen, Budweis, Prag, Melnik, Usti und Bad Schandau, Pirna und Dresden verschont. Erst ab Dessau, wo die Mulde in die Elbe fließt, aber auch an der Saale, an der Elster und anderen Nebenflüssen der Elbe gab es wieder extreme Hochwasser, und nun begriffen immer mehr Menschen, dass man viel großräumiger denken musste, um solche Katastrophen langfristig zu verhindern. Josefinas Ruf stieg und stieg, und weil sie über nationale Grenzen hinausdachte, wurde sie nun immer öfter um Rat gefragt. Warum, dachte sich Josefina, soll ich diesen Ruf nicht ausnutzen. Sie scharte ein Team aus Fachleuten um sich, nannte das neumodisch, aber ansonsten unverbindlich das „Vargas-Umwelt-Kompetenzteam“ und sie schloss nun einzelne Beraterverträge ab, deren Gelder sie wiederum in die Stiftungen steckte, um sie dem Umweltschutz zugute kommen zu lassen. Dieses Engagement brachte ihr im Jahr 2038 sogar das Bundesverdienstkreuz am Band ein. Das war ein Punkt, bei dem schon längst klar war, dass der ökologische Kollaps nicht mehr aufzuhalten war. Die Menschheit hatte angesichts der sich verschärfenden Umweltproblematik bereits angefangen umzudenken, aber wie so oft, war das Kind sinnbildlich schon längst in den Brunnen gefallen.Bei all diesem öffentlich zur Schau getragenen Engagement war Josefina eine geschickte Taktikerin. Einnahmen wurden in Stiftungsgeldern und Beteiligungsgesellschaften angelegt und so an der Steuer vorbei eingesetzt, vieles davon ganz legal.Über ein Netz aus Verflechtungen wurden die verschiedenen Konten rechtlich einwandfrei dem Zugriff der Finanzämter entzogen. Josefina beschäftigte zwei Handvoll guter Anwälte, damit das auch so bleibt. Sie führte das Geld einem guten Zweck zu. Sie machte sich aber auch Gedanken darüber, was passieren würde, wenn diese Machenschaften einmal aufgedeckt würden, obwohl das nicht sehr wahrscheinlich war, weil ihr guter Ruf allem vorauseilte, was Josefina anpackte. Im Sinne des Ganzen musste das alles unter der Decke des Schweigens bleiben. Jeder, der ihr da gefährlich werden würde, den würde sie unerbittlich verfolgen, und sie lernte auch solche Männer kennen, die ihr dabei helfen würden, dieses Interesse mit allen Mitteln durchzusetzen.

8.

Die Kinder wurden groß. Ihre Tochter Carmelita studierte Rechtswissenschaften, heiratete einen Bänker und kaufte sich eine angesehene Frankfurter Anwaltskanzlei für Wirtschaftsrecht ein. Lasse wurde Ingenieur für Wasserkraftwerke, Bernhard (Bernie) wurde Biochemiker und Lore wurde Biologin, wie ihre Mutter, und nun begann sich der kleine Familienclan unter der Leitung von Josefina zu entwickeln und zu verbreitern.Josefina achtete sehr darauf, dass die Familie zusammenhielt. Ihre Kinder, die Ehegatten und die Kinder ihrer Kinder. Als heimliche Eigentümerin der Stiftungen und der Beteiligungsgesellschaften, und als die Biologin, die sie war, wollte sie diesen Einfluss mehren. Umwelttechnologie war für Josefina kein Wort, das man nur als Alibi im Mund führte. Um den Kreis der engeren Familie hatte sich schon längst eine Schar aus Gleichgesinnten gesellt, die Josefina und ihre Familie bei ihren Projekten unterstützten.Josefina begann ihren Einfluss auszudehnen. Sie überzeugte Kapitalgeber und Politiker. Mit dem einen oder anderen teilte sie gelegentlich das Bett, selbst wenn sie manchmal nicht auf ihre Kosten kam. Sie hatte da keine Skrupel. Hauptsache, die Männer taten, um was Josefina sie bat. Macht macht schön, und weil sie selbst im Alter von 50 noch knackig aussah, hatte sie genug Verehrer.Horst wusste inzwischen davon, aber er war einer der Nutznießer, und er hatte längst ein Verhältnis mit einer Jüngeren, obwohl er Josefina verehrte, und obwohl die beiden das Bett von Zeit zu Zeit miteinander teilten.

9.

Energie ist eine der Schlüsselindustrien der modernen Industriegesellschaft. Bereits im Jahr 2022 waren Josefinas Beteiligungsgesellschaften in das Geschäft der Gezeitenkraftwerke eingestiegen. Das gab es ja bisher schon, aber der Bau war bis zu diesem Zeitpunkt einfach zu teuer gewesen. Die ersten Gezeitenmühlen waren sogar schon im 17. Jahrhundert entstanden, aber moderne Kraftwerke, wie es sie z.B. in Kanada oder China gab, standen im Ruf, höllisch teuer und vergleichsweise wenig effektiv zu sein. Es gab Kleine, die etwa 10 Megawatt im Jahr erzeugten, unter anderem in China und England. Das größte davon stand in St.Malo, an der Flussmündung der Rance, und erzeugte immerhin 240 Megawatt. Ein weiterer Gezeitenpark stand in Pentland Firth in Nord Schottland und erzeugte 200 Megawatt im Jahr. Das war wenig, etwa im Vergleich zu einem Kohlekraftwerk, bei dem ein einziger Block mit viel weniger Anfangskosten problemlos 600 Megawatt erzeugen konnte.

Die Maierhauser Ingeniering hatte nach der Auswertung erster Versuchsanlagen schließlich 2029 ein neues Verfahren entwickelt, solche Kraftwerke kostengünstiger und zugleich noch viel effektiver zu errichten, so dass die 1000 Megawattgrenze nun deutlich überschritten wurde. Das waren zunächst noch Anfänge, aber das entwickelte sich wenige Jahre später zu einem gigantischen Geschäft, nachdem die Technologie ausgereift war. Es ist ja bekannt, dass Ebbe und Flut gewaltige Drücke und Söge erzeugen, und diese Kraft aus Tausenden von Megatonnen wurde in diesen Energieparks genutzt. Man verbaute in diesen Kraftwerken jetzt Hochgeschwindigkeitsrotoren aus deutscher Produktion in einer bisher nicht gekannten Effizienzklasse. Sie unterschieden sich schon technisch völlig von allen bisherigen Anlagen. Es war ein Quantensprung in der Energieerzeugung. Spätestens, seit diese veränderte Kraftwerkstechnologie reibungslos funktionierte, waren Kernkraftwerke überflüssig geworden. Man schaltete die letzten Atom-Meiler jetzt Stück für Stück ab. Was blieb, war die Gefahr der legalen und der illegalen Endlagerung des Atommülls. Daran würde man noch Jahrtausende knabbern.

Man musste den Strom von den Küsten zu den Verbrauchern befördern, und dafür brauchte man neue Überlandleitungen und Umspannwerke, viel mehr noch als von den Windparks vor den Küsten. Das erste dieser neuen Kraftwerke hatte man vor der französischen Küste gebaut, um die nordfranzösische Industrie zu versorgen. Weitere waren gefolgt, zunächst in England, in Kanada, in den USA, in Australien und in China.

Nur ein paar Jahre später hatte man bei Maierhauser Ingeniering neue Technologien für Wellenkraftwerke und leistungsfähige Meerwasserentsalzungsanlagen erfunden, auch das mit Geldern der Stiftungen und der Beteiligungsgesellschaften, in denen nun auch die Gelder vieler anderer Finanziers steckten. Schon längst war der Standort Böblingen nur noch eine Forschungs-, Beratungs- und Verwaltungszentrale, die aber rechtlich nur als Vermittler von Dienstleistungen und von Anlagegeldern funktionierte, um nicht in den Verdacht von Gewinnen zu kommen, die es offiziell nicht gab. Es gab Produktionsstätten in Spanien, Brandenburg, Mittelengland, Kanada, Thailand, Australien und in China, die aber rechtlich als Töchter der Beteiligungsgesellschaften liefen, mit Sitz in einer der Steueroasen.

Das ganze System der Energiegewinnung und der Süßwasserproduktion wurde geradezu revolutioniert, und jetzt begann die Familie auch in weiteren Bereichen zu investieren: Nahrungsmittel, Fastfoodläden, Pharmazie, eine eigene Discounterkette und das Recycling von Rohstoffen. Man ließ einige davon sogar unter dem Namen von Josefina laufen. Vargas-Foodland-Company, Vargas-Pharmazeutical-Industries, Vargas-Drugs & Beauty International, und die Vargas-Recycling Inc, alle mit Sitz auf den Bermudas oder in anderen Steueroasen. Der Wandel in der Automobilindustrie bescherte Josefina eine weitere Einnahmequelle. Die zwangsweise Umstellung von Verbrennungsmotoren auf Elektromotoren bewirkte einen totalen Wandel der Wirtschaft. Als großer Stromerzeuger lag es nahe, dieses Reservoir sinnvoll auszuschöpfen, und so entstanden überall Stromtankstellen. Auf Großparkplätzen von Supermärkten, in Parkhäusern, auf Parkstreifen. Selbst als die Solarenergie auf Dächern und Motorhauben von Fahrzeugen weitestgehend ausgereift war, benötigte man solche Stromlieferanten, um den Individualverkehr am Laufen zu halten. Josefinas Firmenkonsortien verdienten an diesem Trend kräftig mit. Es gab Milliarden von Verbrauchern, die ihre Fahrzeuge aus der Steckdose betankten.

Auch nachdem effektive Wasserstoffmotoren gefunden worden waren, hörte dieser Trend nicht auf. Es gab wieder zwei Antriebsarten, wie früher einmal Benzin und Gas, oft miteinander gemischt. Dual eben.Natürlich zahlten die Unternehmen von Josefina Lohnsteuer, Mehrwertsteuer und Verbrauchssteuern. Das waren ja keine illegalen Unternehmen. Man weidete eben nur den Spielraum aus, den man rechtlich, und vor allem steuerrechtlich hatte. Alle Unternehmen machen das so, und lassen das von einem Heer aus Anwälten wasserfest machen. Außerdem gab es lukrative Übernahme- und Abschreibungsfirmen, die alle von Josefinas Namen getrennt waren, um nicht in Verruf zu kommen. Josefina war offen für fast alles, was Geld brachte.

Dabei blieb ihr Gespür für Gerechtigkeit erhalten. Es gab nun einmal Projekte, die sie regelrecht anwiderten, etwa die Ausweidung von Mietobjekten im Wohnungsbau. Sie wusste, dass dort mit der Not der Menschen viel Schindluder getrieben wird. Sie tat das nicht, und sie unterstützte sogar heimlich drei Kanzleien in Berlin, Hamburg und in Frankfurt, um die Rechte solcher Opfer von Wohnungspolitik zu stärken.Nach außen war alles rechtlich einwandfrei. Aus diesem Grund gab es auch eine perfekte Buchführung über die Spendeneinnahmen. Sie wurden den Finanzämtern der jeweiligen Länder vorgelegt, und dann über ein Anderkonto auf die Stiftungsgesellschaften mit Sitz in den Steueroasen transferiert. Josefina bekam ihr Gehalt, das sie selbstverständlich korrekt versteuerte. Die Beteiligungen der Stiftungen in Deutschland wurden peinlich genau verzeichnet. Steuerfrei, wie sich das gehört. Das regelte das Heer der Anwälte.Tatsächlich war Josefina die Eigentümerin all dieser Gesellschaften und Stiftungen, aber das wussten nur ein paar wenige Eingeweihte, und Josefina hatte stets einen Koffer bereitstehen, um notfalls schnell zu verschwinden. In Holland lag unter fremdem Namen eine Yacht, die immer vollgetankt war, und von den sicheren Appartements in Amsterdam, Bremerhaven, Limerick, und in den Steueroasen wusste nicht einmal Horst etwas.

10.

In all diesen Jahren verschlechterte sich das Klima immer mehr. Es heizte sich auf, es entstanden neue Krankheiten, andere bereits Bekannte breiteten sich rasant aus, manche epidemisch. Dazu gehörten auch die durch den Eichenspinner ausgelösten Allergien und Erstickungsanfälle, die durch die feinen und mit Widerhaken versehenen Härchen ausgelöst wurden, die diese Schmetterlingsraupe bei der Verpuppung massenhaft ausstößt. Man mag darüber lächeln, aber diese Allergien traten nun massenhaft auf, und sie waren wirklich lebensbedrohlich, weil diese Härchen in der Lunge allenfalls durch Antialergika gemildert werden konnten, und oft zum plötzlichen Erstickungstod führten.Der Meeresspiegel wuchs um über einen Meter an. Mit dem Abtauen der Gletscher taute auch der Permafrost auf, und all das hatte gewaltige Auswirkungen, etwas, was man „Global Weirding“ nennt. Unvorhersehbare und gewaltige Naturkatastrophen, Krankheitsausbrüche und eine gigantische Veränderung bei Insekten, Milben und Virenstämmen. Die Landwirtschaft stöhnte, und es mussten völlig neue und resistente Anbausorten gefunden werden, die trotz der wechselnden klimatischen Einflüsse Erträge abwarfen.

Die Familienunternehmen hatten sich längst zu einem Geflecht aus multinationalen und globalen Unternehmen gemausert, die im Bereich der Umwelttechnologien aktiv waren. Einerseits war das ideell, andererseits war das äußerst lukrativ, aber Josefina wusste längst, dass sie der Entwicklung nur hinterherrennt, um sinnbildlich die schlimmsten Brandherde zu bekämpfen.Die wohl schlimmste Bedrohung war die anfangs beschriebene Pandemie mit dem Namen KIS, die im Jahr 2040 ausbrach und über 20 Jahre lang wütete. Man forschte schon frühzeitig nach Gegenmitteln, aber die Krankheit war nicht aufzuhalten. In diesen 20 Jahren starb die Hälfte der Weltbevölkerung, und für die Wissenschaftler war das der letzte Anstoß, endlich ein totales und globales Umdenken zu fordern. Es konnte mit der Ausbeutung und Verschwendung der Rohstoffe und der Zerstörung der natürlichen Schutzschilde nicht mehr so weitergehen, wie bisher.Josefina hatte sich für die Erforschung von Gegenmitteln stark gemacht, und sie hatte selbst viel Geld zugeschossen, aber Josefina wurde 2065 ein spätes Opfer dieser Pandemie. Sie hatte längst eine weltweite und feste Fangemeinde, und die trauerte um Josefina, wie um eine Heldin.Josefinas Tochter Carmelita war aber längst in Josefinas Fußstapfen getreten, und so gab es keinen Stillstand, aber ich greife der Geschichte hier etwa vor. Soweit war es noch nicht.

11.

Natürlich hatte es zu Lebzeiten Josefinas Kriege gegeben. Lokal und regional und oft mit der Gefahr eines Flächenbrandes. In Ostasien, in Afrika, in Südamerika, in ehemaligen Staaten der Sowjetrepublik und vor allem im nahen Osten, der seit der Besetzung Palästinas durch die Juden schon immer ein Pulverfass war. Dazu waren die Auseinandersetzungen gekommen, die zwischen Schiiten und Sunniten und radikalen Gotteskriegern geführt wurden.In solche Geschehnisse konnte Josefina nicht eingreifen. Sie konnte an die Vernunft appellieren, aber in militärischen Konflikten, in denen es um Rohstoffe, Verkehrswege, um Wasser oder um politische Macht geht, da sind Patriotismus und Fanatismus gefragt, nicht aber kluge Entscheidungen zum Überleben der Spezies. So wurden ganze Regionen vermint, andere mit Giftgas verseucht oder mit tausenden von Granaten beschossen. Die Zivilbevölkerung war immer der Leidtragende, und auch die Natur, von der in solchen Konflikten niemand mehr sprach.Immerhin war es Josefina gelungen, über ihre Kontakte in der UN solche Kriege zu ächten, aber was nutzte das schon, wenn sich einzelne Länder nicht an solche Abmachungen hielten.

12.

Josefinas Stiftungen dienten der privaten Bereicherung, der Steuerhinterziehung und der Geldwäsche, aber eben nicht nur, und genau dieses Engagement für die Umwelt hatte Josefina öffentlich immer wieder und wieder unter Beweis gestellt. Sie bediente sich dabei geschickt der Medien. Einer ihrer ersten großen Erfolge war damals die Rettung des Tasmanischen Teufels vor dem Aussterben gewesen. Das ist eigentlich ein Raubtier, das vorwiegend von Aas lebt, und das nur noch auf der Australien vorgelagerten Insel Tasmanien beheimatet ist. Es gab keine natürlichen Feinde, aber der Bestand war durch eine Krankheit ernsthaft gefährdet, die mit DFTD abgekürzt wird. Das ist eine Krebserkrankung, die genetische Veränderungen hervorruft und letztlich durch den fortwährenden Inzest dieser isoliert auftretenden Spezies ausgelöst wurde. Nun sorgt dieses Tier aus der Familie der Raubbeutler für ein Gleichgewicht innerhalb der verschiedenen Spezies auf der immerhin 300x300 Km großen Insel und es ist zugleich das Wappentier Tasmaniens. Bereits im Jahr 2012 hatte Josefina erstmals die Forschungen einer amerikanischen Forscherin unterstützt, einer Dr. Mary Goldmann. Damals hatte Rudolfo noch gelebt. Im Zuge der Untersuchungen hatte Marys Team aus Biologen und Ärzten herausgefunden, dass man diese Krankheit durch Veränderungen des genetischen Codes besiegen konnte. Man muss das hier nicht vertiefen, aber nachdem der Bestand 2025 auf wenige gesunde Überlebende geschrumpft war, gelang es diese Krankheit zu überwinden. Seit dieser Zeit war der Bestand wieder regelmäßig angewachsen. Josefina hatte sich dadurch vor allem in den Ländern des Commonwealth und in den USA einen Namen gemacht. Die Universität in Melbourne hatte ihr und Dr. Mary Goldmann gar einen Ehrendoktortitel verliehen.

Es gab anderes, wie den Schutz von Großsäugern im Meer, vor allem von Walen, Delphinen und Robben, oder einer zumindest teilweisen Rettung des Regenwaldes in Indonesien. Anders als in Tasmanien waren das Projekte, welche die Gewinn- und Verwertungsinteressen von großen Industriefirmen tangierten. Bei der Suche nach Erdgas und Erdöl am Meeresboden hatte es sich eingebürgert, gewaltige Druckwellen unter Wasser zu erzeugen, um dann durch seismische Messungen solche Vorkommen aufzuspüren. Das löst bei Säugern Taubheit, Mittelohrblutungen und eine Schädigung des Gleichgewichtssinns aus, und führt direkt oder indirekt zum Tod. Josefinas Stiftungen hatten sich schon früh dafür eingesetzt, Schutzabkommen und umweltschonende Maßnahmen zu entwickeln und anzuwenden. Sie bediente sich dazu der Hilfe von Politikern der unterschiedlichen Couleur, der Hilfe von Umweltverbänden und Wissenschaftlern, und stieß bis in die Vorstandsetagen der Erdöl- und Erdgasgesellschaften vor. Auch bei der teilweisen Rettung des Regenwaldes in Indonesien und Südamerika war die Stiftung geschickt vorgegangen. Sie hatte sich der Hilfe pharmazeutischer Konzerne bedient, die immer ein Interesse haben, Heilpflanzen und -Mittel zu finden, die es nur im Urwald gibt.So konnten wenigstens einige geschützte Reste des Regenwaldes vor der Brandrodung und der Abholzung gerettet werden. Es waren Projekte, die vor allem von Taktik und Überzeugungsarbeit lebten, und die Josefinas Ruf bei Umweltschützern und an Hochschulen immer weiter förderten. Dabei verfügte Josefina über eine enorme Sachkenntnis, und sie suchte sich stets ihren eigenen Weg, begleitet von ihrem engagierten Team aus Helfern.

13.

In den ganzen Jahren hatten sich die Steuerbehörden mehrfach und turnusgemäß für diese Stiftungen interessiert, aber die Behörde war permanent unterbesetzt, und die Anwälte sorgten dafür, dass nach außen alles perfekt war. Es hätte schon einen Insidertipp gebraucht, damit da etwas auffliegt. Die Stiftungen von Josefina hatten einen unzweifelhaften Ruf. So war es nur natürlich, dass sogar die Großen in der Politik sich gerne an der Seite von Josefina zeigten. Es gab in Deutschland eine jährliche Umwelt-Gala, die zusammen mit einer großen Illustrierten ausgerichtet wurde. Es gab Fernsehberichte. Es gab öffentliche Spendenaufrufe in Europa, dem Commonwealth, in den USA und sogar in China. Josefina hatte beste Kontakte zum englischen und zum schwedischen Königshaus. Einer der US-Präsidenten hatte Josefina im Jahr 2035 quasi geadelt, indem er ihr bescheinigte, den Umweltgedanken zu einer Art weltweitem Unternehmen gemacht zu haben, das langfristig dem Überleben der Spezies Mensch dient, aber das war nur ein weiterer Baustein in der langen Liste öffentlicher Ehrungen, die Josefina bis zu ihrem Tod zuteil wurden. Um ihre Investoren nicht zu verprellen, bewegte sich Josefina mit ihren Projekten und in ihrer Öffentlichkeitsarbeit nie in der Nähe irgendwelcher Demonstrationen, oder von spektakulären Umweltaktionen, wie sie etwa von Robin Wood oder von Greenpeace durchgeführt wurden. Gewalt lehnte sie strikt ab. Manche Umweltaktivisten nahmen ihr diese Abgrenzung übel, aber sie kamen auch nicht umhin, Josefinas Erfolge neidlos anzuerkennen. Solche Aktivisten gab es seit dem zunehmenden Wetterchaos immer mehr. Einmal wurde sogar Josefina Opfer eines gezielten Farbbeutel-Anschlags. Danach hatte sie in die Mikrophone der bereitstehenden Presse geseufzt, sie verstehe ja die Wut vieler Bürger. Es sei an der Zeit, mehr für die Umwelt zu tun, aber das müsse auf dem Wege von Gesetzen, Verordnungen und der Grundlage wissenschaftlicher Forschung geschehen.

Tatsächlich unterstützte sie über Mittelsmänner mehrere solcher Aktivistengruppen heimlich mit Geldern. Es gab in solchen Fällen auch nie irgendwelche Überweisungen oder Papiere, die das beweisen würden. Barspenden sind nicht nachvollziehbar, wenn du nicht zufällig dabei beobachtet wirst. So bestiegen einmal Aktivisten die Schornsteine eines Chemieriesen in den USA, der für die Verseuchung eines ganzen Gebiets in Indien verantwortlich gewesen war. Sie hängten Transparente auf. Sie ketteten sich fest, und sie konnten erst nach sieben Tagen durch Spezialkräfte mit Hubschraubern runtergeholt werden. Die Aktion hatte für großes Aufsehen gesorgt und die Aktivisten landeten erst im Gefängnis, und dann vor dem Richter. Es waren auch ein paar Details, welche in der Presse viel Wiederhall fanden. Wenn du da sieben Tage am Schornstein hängst, dann musst du essen, trinken, pissen und kacken. Die Aktivisten hatten vorgesorgt. Spezialkleidung, Urinbeutel, Kotbeutel und Rucksäcke mit Astronautennahrung. Sie waren mit Masken ausgerüstet, gegen Gasangriffe der Polizei, und hatten Helme und Schutzkleidung, um sich gegen Schlagstöcke zu schützen, von denen die Spezialkräfte reichlich Gebrauch gemacht hatten. Auch das war im Fernsehen übertragen worden, und hatte zu einem Sturm der Entrüstung geführt, als man sah, wie die Einsatzkräfte an Seilen unter dem Hubschrauber hingen, um Elektroschocker und Pfefferspray einzusetzen, und sogar um mit Eisenketten und Schlagstöcken auf die Aktivisten einzuprügeln. Einem der Aktivisten war dabei der Helm zerbrochen, aber die Sicherheitskräfte hatten nicht aufgehört, und der Mann brach schließlich blutüberströmt zusammen, während die Bodenkräfte die Bildjournalisten brachial zurückdrängten, um solche Bilder der Gewalt zu verhindern. Mehrere Kameras gingen dabei zu Bruch. Drei große Kanzleien eisten die Aktivisten schließlich los und sorgten sogar dafür, dass die Beteiligten mit einer Geldstrafe davon kamen.

Niemand wusste, dass Josefinas Stiftung diese Anwälte bezahlt hatte. Im Zuge der Aktion bildete sich sogar eine Bürgerinitiative, die durch einen spektakulären Prozess dafür sorgte, dass der Chemieriese den Opfern schließlich eine angemessene Entschädigung zahlen musste. Die Aktivisten erhielten indes keine Entschädigung, auch die Verletzten Demonstranten nicht, und sie wurden seit dieser Zeit in den Akten des CIA als Ökoterroristen gelistet. Zwei von ihnen verloren ihre Arbeit. Die Polizisten wurden nicht einmal belangt. Josefina kannte solche Fakten, aber sie blieb bei ihren Unterstützungsaktionen für Aktivisten stets im Hintergrund. Sie war hypervorsichtig. Sie vertrat nie öffentlich die Interessen dieser Aktivisten. Nach außen war die glänzende Fassade perfekt, die das ganze System ihrer verzweigten Aktivitäten schützte.Die von dem Chemieriesen verseuchte Landschaft in Indien wurde durch die Verurteilung des Konzerns allerdings nicht wiederhergestellt. Das Trinkwasser der Region war noch viele Jahre später unbrauchbar, und verursachte Missbildungen und Krebserkrankungen.Auch die vielen toten Meeressäuger und die bei der Vernichtung von Regenwald ausgestorbenen Arten wurden durch solche Aktionen nicht mehr lebendig. Josefina wusste das und sie nutzte deshalb solche Aktionen immer wieder und immer wieder, um auf das Denken und Verhalten der Menschen Einfluss zu nehmen. Sie benutzte diese Aktivisten als Forum für Öffentlichkeitsarbeit, aber sie machte dieses Engagement nie öffentlich.Das Gleichgewicht der Arten ist nun einmal genauso wichtig, wie die Sauberkeit von Erde, Wasser und Luft, und manchmal sind aufrüttelnde Aktionen notwendig, dachte sich Josefina, wenn man die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gewinnen will.

So hatte man aus Experimenten in verschiedenen Naturparks gelernt, dass es durch die Wiederansiedlung von Bibern, Wölfen, Bären, Bisons und anderen Tieren innerhalb der gesamten Tier- und Pflanzenwelt regional wieder zu einem Gleichgewicht der Arten kommen kann, das sich sogar auf die Sauberkeit des Wassers, und einen gesunden Ausgleich zwischen Insekten, Pflanzen, Fischen und Vögeln auswirkt.Solche regionalen Erfolge und solche sanften Maßnahmen gab es, und das Engagement in solchen Projekten ließ sich auch hervorragend vermarkten.

Fast immer waren diese Projekte aktiven Umweltschützern und Wissenschaftlern zu verdanken und Josefinas Büro stand mit vielen der Verantwortlichen in ständigem Kontakt, wie etwa mit der Verwaltung und den Rangern der Lake Itaska Area oder des Blackhawk Parks am Oberlauf des Mississippi. Solche Fortschritte konnten nicht verhindern, dass sich das Weltklima global gesehen immer mehr verschlechterte. Ist der Kreislauf der Zerstörung erst einmal eingeleitet, und wird der Tipping Point schließlich überschritten, so beginnt dieser Mechanismus der Zerstörung selbsttätig zu laufen. Schlimm ist auch, wenn Radioaktivität fortwährend freigesetzt wird, und verbuddelte Umweltgifte durch Umwelteinflüsse oder menschliche Schlamperei plötzlich wieder an die Oberfläche gespült werden. Sie sind ja nicht weg, nur weil man sie vergräbt, und sie hören auch im Verborgenen nicht damit auf, ihre zerstörerische Wirkung zu entfalten. Es ist ein Prozess, den man als schleichend bezeichnet, und der erst nach vielen Jahren eine Situation herbeiführt, die dann für viele Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte nicht mehr umkehrbar ist.

Reden wir zunächst einmal von einem Problem, das zwar auf das Weltklima wenig Einfluss hatte, wohl aber auf die Lebensbedingungen von Mensch und Tier, nämlich die radioaktive Strahlung. Es ist ja bekannt, dass nukleare Prozesse - wenn sie einmal freigesetzt worden sind - über Tausende von Jahren weiterreagieren, und wir reden hier nicht von Supergaus (auch die gab es), sondern von den sich fast täglich ereignenden kleinen und ungewollten Strahlungsaustritten bei der Erzeugung von Atomstrom, und von der legalen und illegalen Endlagerung. Man sieht, riecht und schmeckt diese Strahlung nicht, aber sie ist da, und sie verändert das Leben auf der Erde.Springen wir anschließend einige Jahrzehnte in der Zeitrechnung weiter in eine Epoche, in dem der ökologische Kollaps wirklich allgegenwärtig war, auch wenn es Nischen gab, in denen man gut leben konnte, und ich spreche hier nicht von Phantasie-Kolonien der Superreichen auf fernen Gestirnen und von den Arbeiter-Erdlingen, die der Natur hilflos ausgesetzt sind, so wie das in Phantasy-Geschichten vielleicht zum Thema gemacht werden würde. Josefina und ihre Nachkommen erlebten das anders, obwohl es solche Kolonien der Superreichen hier auf unserer Erde natürlich gab, in den USA, in Russland, in China, in Südamerika und anderswo, aber trotz aller Abkapselung durch Mauern, Ärzte und Wachdienste waren sie denselben Gefahren durch den Ökokollaps ausgesetzt, wie alle anderen auch. So ist dies eine Geschichte von Bedrohungen und Gefahren, aber auch von der Suche nach persönlichem Glück und Selbstverwirklichung.

Teil 1/ Kapitel 3. Die atomare Verseuchung

1.

Ayaka Yutamadai lebte knapp 45 Kilometer vom Kraftwerk Fokushima-Daini entfernt in der Provinz Tamura, als im Jahr 2011 die Erde bebte. Es waren mehrere Beben hintereinander, welche die Küste südlich vor Japan und die Insel selbst erschütterten. Die Hauswände wackelten bedrohlich und mehrere ihrer Lieblingstassen fielen aus dem Schrank, als die Türen aufsprangen. Ayaka schnappte sich ihren Mann Haruto und ihren 4-jährigen Sohn Shiro und sie verließ in dieser Nacht mehrfach das Haus. Es war eine kleine Stadt von 20.000 Einwohnern. Es gab hier mehrere Fabriken, mehrere Tennisplätze, Schulen und Kindergärten, und sie hatten hier ein eigenes Haus. Haruta arbeitete in einer dieser Fabriken, und es ging ihnen recht gut. Ayaka war im dritten Monat schwanger, und sie war vorsichtig gewesen.Erdbeben gibt es in Japan oft. Man hat sich daran gewöhnt und alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen wurden immer wieder und immer wieder eintrainiert. Weil der Distrikt landeinwärts liegt, bekamen sie die Auswirkungen des Seebebens zunächst nur als Erschütterungen mit. Die 10 Minuten später an die Küste schwappende 7 Meter hohe Flutwelle betraf sie nicht unmittelbar, und sie hörten erst später davon.

Diese Welle traf die Kraftwerksblöcke von Fukushima, und die Elektronik schaltete die Blöcke automatisch ab. Soweit so gut. Niemand rechnete damit, dass die Pumpen für Tage ausfallen sollten, die für die Kühlung der Reaktorblöcke und der Brennelemente notwendig waren. In den Tagen danach hörten Ayaka und Haruto von diesem Unglück, aber sie vertrauten der Stärke Japans, das bisher immer mit Havarien, Unglücken, oder gar Katastrophen fertig geworden war, und gestärkt aus solchen Situationen hervorging.Dann fielen die Telefone für Tage aus, sogar das Handynetz brach zusammen, aber sie hatten kabelgebundenes Internet, und sahen und hörten, was sich da an der Küste ereignet hatte. Eine Sicherheitszone von 20 Km wurde eingerichtet und später auf 30 und 40 Km erweitert. Sie waren außerhalb dieser Zone und das bedeutete ja wohl, dass es für sie ungefährlich war. Wenn man dem Staat misstraut, ist man kein guter Japaner, und als gute Japaner fühlten sich Ayaka und Haruto. Deshalb meldete sich Haruto auch freiwillig, um an Säuberungs- und Hilfsmaßnahmen rund um das Kraftwerk teilzunehmen. Er bekam eine blaue Montur, Arbeitsstiefel, einen Mundschutz aus Gaze für den Notfall, und Arbeitshandschuhe aus Leder, dann wurde er mit anderen in Kleinbussen direkt zum Kraftwerk gefahren, um zu löschen und um die Pumpen wieder in Gang zu setzen. Sie hatten nichts als ihre blaue Montur, und bekamen nicht einmal Gummistiefel, als sie in dieses Kühlwasser geschickt wurden, das aus dem Reaktor austrat. Das war doch nur Wasser. Es war radioaktiv verseucht, aber das sagte man nicht. Sie hatten nicht gewusst, was sie da erwartet. Sie taten alles, um die Pumpen wieder in Gang zu setzen, und weil sie nicht einmal mehr Strom hatten, wurde der mit Hilfe von Generatoren erzeugt. Nach drei Tagen, in denen sie die Nächte durchgearbeitet hatten bis auf 4 Stunden Schlaf, konnten sie nicht mehr. Sie wurden unter die Dusche gesteckt, zum Schweigen verpflichtet und nach Hause geschickt. Wie andere Kollegen auch war Haruto in diesen Tagen völlig verstrahlt worden. Es hatte nicht einmal Geigerzähler gegeben, um die Strahlen in Siewert zu messen.

So verstrahlt wie er war, kehrte Haruto (versehen mit einem warmen Händedruck) in sein Haus und zu seiner Familie zurück. Er war todmüde und die Müdigkeit fiel auch in den nächsten Tagen nicht von ihm ab. Er fühlte sich schwach, ihm war übel, und bald begannen sich seltsame rote Flecken auf der Haut zu zeigen. Er ging zum Arzt, und der schickte ihn ins Gesundheitszentrum. Dort wurde Haruto untersucht, dann gab man ihm eine Salbe gegen die Flecken und schickte ihn wieder nach Hause. Die Müdigkeit und die Schwäche blieben. Eine Woche später raffte er sich auf, und er wurde in seiner Firma mit anderen Kollegen für seinen Einsatz geehrt. Man erwartete jetzt, dass er wieder an die Arbeit geht, aber Haruto konnte nicht. Erst Wochen später, als Haruto schon im Sterben lag, wurde Hautkrebs und Schilddrüsenkrebs diagnostiziert. Seine Frau Ayaka war inzwischen im fünften Monat schwanger und sie ging jetzt erstmals zu einer Voruntersuchung. Es schien alles in Ordnung. Haruto erlebte die Geburt seiner Tochter Teiko nicht mehr, und das war vielleicht gut so, denn die kleine Teiko war seit ihrer Geburt nicht gesund. Sie hatte immer wieder Fieber. Sie trank schlecht, sie war appetitlos, und als man sie schließlich gründlich untersuchte, wurde festgestellt, dass Teiko an Blutkrebs litt. Ayaka meldete beim Staat Ansprüche an, aber die Bearbeitung verzögerte sich und verzögerte sich. Als Ayaka schließlich das Bestätigungsschreiben in den Händen hielt, starrte sie nur stumm auf diese Zeilen. Nicht einmal die Behandlungskosten für ihre Tochter Teiko wurden in vollem Umfang ersetzt. Mit derselben Post kam ein Dankesschreiben des Ministeriums für den mutigen und heldenhaften Einsatz ihres Mannes bei der Bekämpfung der Schäden im Reaktor. Ayaka war traurig und geschockt. Sie war von ihrem Mann verstrahlt worden, und sie fühlte sich matt und hilflos.

2.

So wie Ayaka ging es vielen andern auch. Die Behörden mauerten. Es gab nicht wirklich eine Protestbewegung. Eingereichte Klagen wurden auf die lange Bank geschoben, und auf die Kläger wurde mit langen Fingern gezeigt. Knapp zwei Jahre nach dem Unglück beschloss die Japanische Regierung nach weltweiten Protesten, die Kernkraftwerke nur noch bis zum Jahr 2040 laufen zu lassen, und dann den Betrieb einzustellen. Es waren aber bereits wieder vier neue Kraftwerke im Bau, und man würde die auch hochfahren. Bis 2040 war ja noch lange hin.An alternative Technologien dachte man nicht, obwohl man wusste, dass Japan ein erdbeben- und tsunamigefährdetes Gebiet ist. Der Mensch ist vergesslich, und weil in Japan die Auswirkungen der Katastrophe von Fukushima immer wieder und immer wieder unterdrückt und totgeschwiegen wurden, gewöhnte man sich an den Status Quo. Noch Jahre später war radioaktiv verseuchtes Wasser aus den Reaktoren ausgetreten, oder wurde klammheimlich ins Meer gepumpt. Wo sollte es denn auch sonst hin. Das Wasser verdünnte sich auch nicht einfach, sondern Meerespflanzen, Krebse, Muscheln und Fische nahmen diese Strahlung auf, und das sorgte für krankhafte Wucherungen bei Tieren und zur Ansammlung von radioaktivem Cäsium und Strontium in den Algen, die in Japan traditionell zum Verzehr genutzt werden.

Japan ist ein Land, in dem viel Fisch gegessen wird, nicht nur Sushi. Auch Riesengarnelen, Seeigel, Muscheln und Krabben. Das Fleisch der Fische wird weltweit exportiert. Zunächst kam es aber in Japan selbst immer mehr zu den bekannten Krankheiten, die durch die Belastung mit radioaktiven Abfällen entstehen, vor allem Krebs und Immunschwäche. Eine direkte Verbindung lässt sich nur schwer nachweisen, und so wurden diese Zahlen oft nicht einmal statistisch erfasst. Man hätte in Japan gut und gerne so weiterleben können, aber im August 2024 bebte die Erde wieder und diesmal gab es eine Flutwelle, die gleich drei AKW’s mit insgesamt mehr als 12 Reaktoren traf. Diesmal traf die Mörderwelle die Japanische Küste auf der Höhe von Mihama und Takamana. Auch diesmal hielten die äußeren Ummantellungen, aber wieder fielen Kühlpumpen und Notstromaggregate aus. In der Folge kam es zur Kernschmelze, und diesmal wurde das Herz Japans von der gewaltigen nuklearen Wolke direkt getroffen. Im März 2011 hatte Japan noch Glück gehabt, weil die Winde die Wolke nach Süden, aufs offene Meer geweht hatten, wo sie irgendwann abgeregnet war. Diesmal traf diese nukleare Wolke das Hinterland, um das Zentrum der Insel, und verseuchte die Regionen Kyoto, Osaka und Aichi. Dieses Mal geriet Japan wirklich an den Rand des Kollapses. Die Auswirkungen waren ein Vielfaches der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki, und diesmal wurden Millionenstädte und Kernindustrien in Mitleidenschaft gezogen. Die Toten gingen zunächst in die Tausende, und diesmal konnte man die Tragödie nicht mehr totschweigen. Japan beschloss, alle Kernkraftwerke innerhalb von 2 Jahren stillzulegen und die Weltgemeinschaft zu bitten, ihr am Aufbau von alternativer Windenergie zu helfen. Küsten und Wind gibt es in Japan ja genug.Die Folge war, dass sich auch viele andere Länder dazu entschlossen, sich von dieser gefährlichen Technologie zu verabschieden.Im Zuge dieser Entwicklung wurden tatsächlich 50 Prozent aller Kernkraftwerke innerhalb von acht Jahren abgeschaltet und der Rest wurde bis 2060 durch regenerative Energien vollständig ersetzt.

3.

Das Problem war noch lange nicht gelöst. Immer noch gab es Behälter mit mittel oder schwachradioaktivem Müll. Tatsächlich stieg die Rate der Krebserkrankungen durch die ständigen Belastungen in den nächsten Jahrzehnten immer weiter und weiter an, aber was sollte man tun, um diesen einmal in Gang gesetzten Teufelskreis endlich zu stoppen.Die Atomunglücke in Japan waren nur die sichtbaren Katastrophen einer Fehlentwicklung.Bei jeder atomaren Spaltung entsteht nicht nur Wärme, die man in Energie umwandeln kann, sondern auch radioaktive Strahlung und radioaktiver Abfall. Dies war das eigentliche Problem, wenn man ein Atomkraftwerk abschaltete. Irgendwo musste der giftige Müll hin.In Japan hatte man überirdisch Endlager errichtet, in Deutschland hatte man Salzbergwerke in Müllhalden verwandelt, und in Norwegen hatte man Höhlen in Granitgestein entweiht. In anderen Ländern wurden atomare Abfälle im Meer versenkt, oder einfach in unbewohnte Landschaften geworfen. Na, so ganz unbewohnt sind Landschaften nie. Es gibt da Tiere und Pflanzen, welche die Strahlung aufnehmen, den Wind, der die Strahlung weiterträgt, oder das Grundwasser, das verseucht wird. In Russland gab es ganze Wälder, die durch atomare Verseuchung abgestorben waren. Bei einem Brand würde eine radioaktive Wolke freigesetzt, die den Ruß in die Erdumlaufbahn schleudern würde.Das letzte AKW wurde 2058 abgeschaltet, aber die legalen und illegalen Mülldeponien blieben und gaben ihre Schadstoffe Stück für Stück an die Umwelt ab. Unmerklich eigentlich, denn atomare Strahlung ist nicht sichtbar, nicht zu riechen und nicht zu schmecken. Sie manifestiert sich “nur” in vielerlei Krankheiten, u.a in Knochenmarkskrebs und einer Schwächung des Immunsystems. Irgendwann würde die Strahlung die Menschheit ernsthaft bedrohen, und man arbeitete in verschiedenen Instituten an Stoffen, welche solche Strahlung unschädlich machen können. Algen, Viren, Einzeller, welche die Radioaktivität praktisch auffressen und unschädlich machen. Es gab da verschiedene Ansätze, aber die Berichte, die man an die Öffentlichkeit gab, dienten allenfalls der Beruhigung von latenten Ängsten. Wirksam waren die Methoden nicht.

Teil 1/ Kapitel 4. Claudio, Katie, und die Stiftung zum Schutz der Küstengebiete

1.

Claudio Weidner war 2050 geboren und er war - wie schon erwähnt - erst nach Hamburg und dann nach Kiel gegangen, um dort Deichbau und Schleusentechnik zu studieren. Claudio war inzwischen ein Mitglied der Freunde des Vargas Clans und Josefinas Tochter Carmelita hielt dieses Geflecht aus Familienmitgliedern und Freunden zusammen. Claudio war bereits fest in Aufgaben eingebunden. Dafür hatten seine Tante Carola und seine Mutter gesorgt. In Kiel hatte Claudio schließlich ein Mädchen kennengelernt, das Katie hieß. Sie war eine "echte Kieler Sprotte" und sie studierte Journalistik und Medienwissenschaften. Claudio hängte seine soziale Herkunft nicht an die große Glocke, aber er hatte diese Eliteschule durchlaufen, und er hatte bereits mit 22 Jahren ein äußerst weltmännisches Auftreten. Katie wiederum war knackig, mit langen schlanken Beinen, Wespentaille, einer sichtbaren Oberweite und langen blonden Haaren, die sie wellig über die Schultern fallen ließ. Sie hatte eine feine glatte Haut, eine kecke Nase mit Sommersprossen, und die Männer lagen ihr zu Füssen. Katie wusste um ihre Schönheit und sie spielte damit, wie auf den Tasten eines Akkordeons. Katie war aber nicht nur eine selbstbewusste kleine Chickse. Sie hatte an ihrer Ausbildung Feuer gefangen, und sie war sich auch der Macht bewusst, die der Beruf des Journalisten, verbunden mit ihrem Aussehen und einem kecken Mundwerk mit sich bringt. Diese Ausbildung ließ sie hinter die Kulissen blicken und Zusammenhänge erkennen, die nicht jedermann sofort zugänglich sind. Gleichwohl war Katie weder „links“ noch „grün“. Natürlich kannte sie solche Begriffe, wie Global Weirding. Natürlich hatte auch sie diese gewaltige Krise erlebt, die durch die Pandemie KIS ausgelöst worden war. In den letzten Jahren waren genug Unwetter über Deutschland hereingebrochen, so dass Katie die konkreten Auswirkungen dieser Umwelteinflüsse schon leidvoll erfahren hatte, und natürlich konnte sich auch Katie den Einflüssen nicht entziehen, die durch die ständige Erhöhung der durchschnittlichen Welttemperatur resultierten. Sie kannte auch radikale Umweltschützer. An Ihrer Uni gab es genug davon. Sie verschloss die Augen nicht, aber sie war auf diesem Gebiet einfach inaktiv.

Katie wollte das Leben genießen, das sich ihr in jungen Jahren bot, solange sie gesund war, und solange das ging. Als Journalist sollst du ja auch neutral bleiben, hatte sie gelernt, damit Berichte ausgewogen sind. Nun ja. Viele hielten sich nicht an solche Ansprüche. Schaut man genau hin, ist die Presseberichterstattung nur ein Spiegel der jeweiligen Machtverhältnisse in einem Land, und man kann von Glück sagen, wenn es einige kritische Berichterstatter und Journale gibt. So etwas wie investigativer Journalismus ist selten. Katie gehörte eindeutig nicht zu diesen Leuten. Katie lernte Claudio auf einer dieser Studentenpartys kennen. Sie hatte sich mit einer ihrer Freundinnen etwas zum Trinken bestellt. Dann wurde sie von einem dieser Jungs angebaggert. So etwas konnte sich im günstigsten Fall schnell zu einem One-night-stand entwickeln, das war ja einer der Gründe, warum man auf solche Partys ging, aber jetzt mischte sich ein anderer ein und plötzlich entstand eine kleine Rangelei. Katie erhielt einen unbeabsichtigten heftigen Stoß. Das Orange-Bourbon-Glas in ihrer Hand fing an zu schwappen und ergoss sich in ihren Ausschnitt. Katie wankte, und stieß heftig an ihren Hintermann, der völlig unbeteiligt in ein Gespräch vertieft war. Noch bevor sie hinfallen konnte, wurde sie plötzlich von zwei Armen festgehalten und gestützt. Sie drehte sich um und sah dem jungen Mann in die Augen. Er lächelte bloß und meinte „das ist ja noch mal gut gegangen“, und Katie hatte ihn in ihrem Schreck angefaucht, „und der Drink? Guck dir mal meine Bluse an.“„Hmmm“, machte der Fremde bloß, als er kurz auf ihre großen Brüste hinuntersah, die bei dem schummrigen Licht mehr zu erahnen, als zu sehen waren. Dann nahm er ihr das Glas aus der Hand und führte sie energisch durch die Menschenmenge zu den Toiletten. Er wartete brav, während Katie versuchte, sich den süßen Saft von der Haut zu waschen. Die Bluse stank nach Bourbon und klebte an ihr. Sie hatte an diesem Abend nicht einmal einen BH an und sie fluchte, weil jetzt alles zu sehen war, wie durch eine leicht beschlagene Glasscheibe. Im Prinzip hatte sie ja nichts dagegen, aber sie hätte das Geschehen gerne selbst beeinflusst, und konnte auf dumme Sprüche gut und gerne verzichten.Als sie aus der Toilette kam, wartete der Fremde immer noch. Er sah sie kurz und musternd an. „Beim Tanzen verdunstet das“, und als er ihre innere Wut über den Vorfall und den durchdringlichen Geruch des Bourbons sah, fügte er hinzu, „ich wohne nicht weit. Soll ich dir mit einem T-Shirt aushelfen? Vielleicht leiht dir auch meine Mitbewohnerin eine ihrer Blusen.“ Weil Katie unschlüssig wirkte, fasste sie der Fremde freundschaftlich am Arm. „Na komm. Ich bin übrigens Claudio.“

Katie ging tatsächlich mit diesem Claudio, der nur drei Straßen weiter in einer WG unterm Dach wohnte. Eine Altbauwohnung, schön eingerichtet, und tatsächlich gab es da auch eine Mitbewohnerin, die Susi hieß. Als sie in der Wohnung ankamen, poppte Susi gerade mit einem Jungen. Sie hörten diese Geräusche. Claudio hob bedauernd die Schultern, dann bat er sie kurz zu warten, ging in sein Zimmer, zog ein T-Shirt aus der Kommode und schickte sie damit ins Badezimmer. „Du kannst duschen und das T-Shirt schenke ich dir. Das rote Badehandtuch ist für die Gäste.“ Dann schloss er die Tür diskret von außen. Katie sprang unter die Dusche und zog sich dann das T-Shirt über, das viel zu weit war. Dann ging sie zu Claudios Zimmer und klopfte zaghaft an. „Bin in der Küche“, rief er. Später gab ihr Claudio einen Pullover und sie machten einen Nachtspaziergang. Claudio war höflich, zuvorkommend und eloquent, und er machte sie nicht an. Er hatte einen spürbaren Humor, und er hatte keine Skrupel, Körperkontakt herzustellen. Freundschaftlich, warm und fürsorglich, und scheinbar ohne Nebengedanken. In dieser Nacht ging Katie alleine in ihr Bett. Katie hatte immer noch den Pullover und das T-shirt von Claudio. Sie wusste, wo er wohnte, aber sie hatte weder eine Telefonnummer, noch einen Nachnamen.

Zwei Tage später traf sie Claudio zufällig in der Mensa. Sie verstanden sich, sie verabredeten sich für den Abend, und in dieser Nacht landeten die beiden in der Kiste. Es war heftig und es war schön, was beim ersten Mal recht selten ist. Katie hatte Witz und Esprit, Claudio hatte eine seltene Gelassenheit, und eine dahinter verborgene explosionsartige Wildheit, die man ihm nicht sofort ansah. „Am Wochenende muss ich lernen“, meinte Claudio. „Nächste Woche habe ich eine Klausur.“ Da war keine Liebe und Katie verbrachte das Wochende mit einem ihrer Lover. Am Mittwoch sahen sie sich wieder und Claudio schlug vor, „am Wochenende will ich segeln. Kommst du mit?“

Als echte Kieler Sprotte hatte Katie selbstverständlich einen Segelschein und sie war einverstanden. In der Nacht von Freitag auf Samstag regnete es heftig und es blies viel Wind. Am Samstag morgen jagten die Wolken immer noch über den Himmel, und es würde wohl noch heftige Schauer geben. Katie rief an und wollte schon absagen, aber Claudio meinte bloß, „mach dir mal keine Sorgen, der Kahn ist wetterfest. Zieh dir nur was Ordentliches an. Windjacke, Mütze und Handschuhe und ein bisschen Wechselkleidung.“ Als Katie zum Pier kam staunte sie nicht schlecht. Das war nicht irgendeine Jolle. Claudio hatte da einen hochseetüchtigen und sehr eleganten Zweimaster stehen, und er war nicht alleine. „Das da sind Susi, Robert, Benni, Tim, Jonny, Alexa und Madi“, stellte er vor, „Freunde von mir.“ Sie verstauten Katies Tasche unter Deck, wo es eine Pantry, einen Salon mit Mahagonieholz, vier geräumige Schlafkojen, vier zusätzliche Notbetten, und sogar eine Sauna gab. Katie erhielt eine Schwimmweste. Sie machten die Leinen los, warfen den Motor an, der mit einem tiefen Grollen ansprang, und sie fuhren durch die 40 Meter hohe Kieler Schleuse, welche die Kieler Bucht heute von der Ostsee trennt.Als sie die Schleuse verließen, traf sie der Wind brutal aus Nordost, und nun zeigten die Freunde, dass sie von Seefahrt etwas verstanden. Sie segelten hart am Wind und machten fünfzehn Knoten. Es gab da seitliche Auffangnetze, die man herausfahren konnte, um die durch Winddruck entstehende Schräglage bei voller Beseglung und Fahrt durch das Gewicht der Besatzung auszugleichen. Obwohl die Segel vollautomatisch gesteuert wurden, war das eine heftige Mischung aus Arbeit und Sport, bei der sie die Aufmerksamkeit nie schleifen lassen durften. Benni stand am Steuer und schrie über Lautsprecher Anweisungen. Die andern lagen da in diesen Netzen. Unter ihnen schäumte die Gischt und manchmal mussten sie blitzschnell von Backbord nach Steuerbord wechseln, damit der Kahn bei dem heftigen Windwechsel nicht kenterte. Die Wellen waren ziemlich hoch für die Ostsee, die Wellenkämme schwappten über die Aufbauten, aber die Oyster war für solches Wetter gebaut. Sie war sicher schon vierzig Jahre alt, aber sie war gut im Schuss. Katie kannte sich damit aus. Das war nicht irgendein Boot. Diese Yacht stammte aus einer kleinen Serie, die Oyster mal für Blauwasserfreunde gebaut hatte, die Liebe am Schnellsegeln haben. Sie war aus dem Rennsport abgeleitet und sie kostete ein Vermögen. „Die gehört Freunden“, sagte Claudio nur, als er mit Katie in den Netzen lag, „wir dürfen sie ab und zu benutzen.“ Er musste schreien, um das Heulen des Windes zu übertönen.Später klarte das Wetter auf und gegen Abend brach die Sonne durch. Die Nacht verbrachten sie in Warnemünde, das durch eine ähnliche Schleusenanlage gesichert war, wie Kiel, Bremen oder Hamburg. Sie schlenderten am Yachthafen entlang und aßen in der Fischerhütte zu Abend. Dann gingen sie wieder an Deck. Sie brauchten jetzt ihren Schlaf.

Der Sonntag begann mit einem wunderbaren Sonnenaufgang. Es wehte eine leichte Brise und Benni weckte alle auf. „Los, kommt in die Puschen, das wird ein Traumtag.“ Nach einem schnellen Frühstück stachen sie wieder in See, und das wurde einer der schönsten und lustigsten Tage, die Katie seit langem erlebt hatte. Am Abend kamen sie nach Kiel zurück. Katie hatte Feuer gefangen, und in dieser Nacht blieb Katie bei Claudio. Sie genoss in dieser Nacht diese, sich explosionsartig entladende Lust, und diesen sich mehrfach wiederholenden Orgasmus, der ein Markenzeichen ihrer künftigen Beziehung zueinander werden sollte. Seit diesem Wochenende waren die beiden so etwas wie ein Paar. Claudio genoss Katies Esprit, ihren Körper, und diese Fähigkeit, sich emotional zu steigern um sich dann fallen zu lassen. Er wusste schon, dass Katie nicht das hatte, was man „ökologische Überzeugung“ nennt, aber Katie war agil. Sie war sportlich. Sie war lernfähig, und sie hatte gute regionale Verbindungen. Sie war ausgesucht schön, und man konnte sich überall mit ihr sehen lassen. An so etwas, wie eine Heirat dachte Claudio nicht. Er genoss einfach nur dieses Gefühl, mit Katie sexuell zusammen zu kommen und sich intellektuell an ihr zu reiben. Schließlich war auch Claudio dafür, das Leben zu genießen, solange man jung, gesund und agil war, trotz seiner ökologischen Überzeugung.

Katie wiederum hatte an diesem Wochenende einiges aufgeschnappt. Die Familien von Benni und Claudio waren wohl ziemlich wohlhabend, Susis Eltern hatten eine große Kanzlei, aber Robert und die anderen Freunde waren eher wie sie. Sie war nicht arm, aber sie war auch nicht reich. Sie lief in diesem Team einfach mit, und es gab da wohl noch andere, die in dieser Clique mitschwammen, einfach nur, weil sie herzlich, geschickt und offen waren. Benni hatte nur mit den Schultern gezuckt, als Katie eine diesbezügliche Frage stellte. „Bei uns gibt es keine sozialen Grenzen.“ „Und die Oyster? Die kostet doch sicher fünf Millionen?“ Benni hatte nur gelacht. „Mach dir deshalb keinen Kopf. Uns gehört sie ja nicht, aber es ist eine Ehre, dass wir sie benutzen dürfen. Wir wissen diese Ehre zu schätzen, und wir geben sie in erstklassigem Zustand zurück.“

Sie hatte schon viele Männer gehabt, aber dieser Claudio hatte eine ungewöhnliche innere Kraft, und eine kontrollierte Spontaneität. Sie wusste um diese weltweit und massenhaft auftretenden Störungen der Sexualität bei Männern und Frauen. In ihrem Studium hatte sie sich schon damit beschäftigt, weil man um dieses Thema wundervolle Geschichten stricken konnte, aber sie war glücklicherweise davon nicht betroffen. Sie hatte schon einige Jungs gehabt, wo es Orgasmusstörungen gab. Es gab andere, die seltsame sexuelle Praktiken forderten, die in ihren Augen pervers waren. Es gab Männer, die forderten brutale Unterwerfung, um ihr Unvermögen zu kaschieren, auf die Wünsche einer Frau einzugehen. Sie hatte sich immer wieder schnell von ihnen getrennt. Es gab auch Männer mit Handicaps, wie Asthma. Krankheiten, wie Diabetes, Blutkrebs, oder Allergien waren weit verbreitet, aber dieser Claudio, der sprühte vor Gesundheit, Aufmerksamkeit und Freude. Nachdem das Stadium der ersten vorsichtigen Annäherung erst einmal überwunden war, zeigte er eine sexuelle Agilität und Neugier, die Katie beeindruckte. Es machte einfach Spaß. Was an Claudio so besonders war: er konnte Dankbarkeit zeigen. Dankbarkeit, dass sie die Freuden erwiderte, die er ihr schenkte, ohne sich selbst zu verleugnen. Später lernte sie auch Anton Semowitch kennen, einen weißrussischen Freund von Claudio. Seinem Vater gehörte diese Yacht. An diesem Wochenende hatte er keine Zeit gehabt. „Familiäre Verpflichtungen“, hatte er gegrinst.

Katie hatte ihre eigene Freundesclique, aber Claudio und seine Freunde waren schon genial, und sie blieb bei Claudio. Claudio hatte wohl genug Geld, um ihr etwas Besonderes bieten zu können, aber er hängte das nie raus. „Geld kann dir das Leben erleichtern oder auch erschweren. Es ist gut, wenn man etwas davon hat. Wichtiger sind die Freunde, eine gute Ausbildung und die Familie. Auch die ist mir wichtig.“ Sie wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass Claudio einen Teil seiner Familie verloren hatte. Sie war sehr beeindruckt, als er ihr das irgendwann erzählte. “Und deine Mutter, und dein Stiefvater, wie waren die?” Claudio hatte nur gesagt, “die haben mir die beste Ausbildung ermöglicht, die es für Geld zu kaufen gibt, und sie waren mir eine fürsorgliche Familie.” Dann sah er sie einen Moment schweigend an. “Familie ist für mich mehr. Ich habe ein Netz aus Freunden, und die sind mir eine wirkliche Familie.” Es war nicht das einzige, was sie an Claudio faszinierte. Es war diese angeborene Wildheit, die sich hinter dem klaren Verstand und dem herzlichen Äußeren verbarg. Wenn Claudio explodierte, dann brach er Dämme. Auch dann, wenn er mit Widerstand konfrontiert wurde, den er mit Ruhe und Gelassenheit nicht alleine in den Griff bekam. Dabei konnte er kühl und berechnend bleiben, sarkastisch und ätzend werden, und sich sogar in einen sehr kontrollierten Wutanfall steigern, aber das passierte selten. Ihr gegenüber war er stets höflich und zuvorkommend, aber er konnte dieses Element spielerisch einsetzen, wie ein Ringkampf mit Gefühlen, Worten und Gesten. Sie waren sich darin ebenbürtig. Auch Katie liebte dieses Spiel, und sie setzte auch ihre Schönheit und das von ihr ausgehende erotische Feuer ein. Claudio akzeptierte auch ihren eigenen Freundeskreis vorbehaltlos. Er kannte keine Berührungsängste, aber er hatte gelernt, sich abzugrenzen, wenn ihm etwas nicht passte, und Konflikte offen anzugehen. Worüber Claudio nicht redete, das war die Notwendigkeit bestimmter politischer und wirtschaftlicher Verbindungen, aber darüber wollte er vorläufig nicht sprechen. In so einer Eliteschule (in der er gewesen war), da lernst du eben auch taktisch zu denken. Du lernst die Söhne und Töchter von Politikern und Industriellen kennen, und der eine oder andere Spross aus dem Hochadel ist auch dabei. In Claudios Familie war es wichtig, solche Verbindungen zu pflegen. Katie kam aus einer Politikerfamilie, und Katie würde ihm vielleicht eine Reihe von Türen öffnen, die ihm sonst verschlossen wären. Solches Denken war ihm bereits in Fleisch und Blut übergegangen.

Claudio musste immer mal wieder im Auftrag seiner Familie verreisen. Es gab in Tante Josefinas Clan Geschäfte, in die er eingebunden wurde, und über die er nicht mit Katie sprach. Dann hatte sich Katie von ihm vernachlässigt gefühlt. Sie hatte sich beschwert und weil das nichts half, hatte Katie immer wieder mal Verhältnisse mit anderen Jungs. Sie hatte sich ein paar Mal von Claudio getrennt, aber sie war immer wieder zu ihm zurückgekommen. Claudio wusste von diesen Seitensprüngen. Er empfand das als unangenehm, aber er mochte Katie nicht aufgeben.Schließlich machten die beiden ihr Examen. Katie war längst ein Teil der Clique geworden, und dennoch ließ sie es von Zeit zu Zeit auch mit anderen krachen. Sie brauchte das.

2.

Während Claudio nach dem Studium vier Jahre lang als Ingenieur bei einem großen Bauunternehmen arbeitete, mit Schwerpunkt Sperrwerke, (in die man auch Gezeitenkraftwerke einbaute), hospitierte Katie in mehreren Orten. Sie absolvierte verschiedene Praktika, und sie probierte immer wieder einmal andere Männer, in schnellem Wechsel. Sie war kurz beim Westdeutschen Rundfunk und auch mal beim Privatfernsehen. Am Ende ging sie bei den Kieler Nachrichten zum Lokalteil. Beim Fernsehen hätte sie mit ihrem Aussehen und ihrem Esprit sicher eine große Zukunft haben können, aber sie zog dieses Lokalblatt vor. Sie wollte soliden Nachrichtenjournalismus, ganz nah am Menschen. Gedruckt und auch via Internet. Da gab es inzwischen irre Möglichkeiten. Sie konnte sogar ein Filmteam anfordern, etwa für Liveberichterstattungen bei der Kieler Woche oder für Debatten im Landtag. Als echtes Kieler Gewächs kannte sie ohnehin all diese Sportvereine und Events. Über ihren Vater, der einer der vielen Abgeordneten im Kieler Landtag war, kannte sie eine Menge Politiker, Verwaltungsbeamte, Vereinsvorsitzende und Lobbyisten. Katies Vater hatte wirklich gute regionalpolitische Verbindungen. Für den Lokalteil der Kieler Nachrichten war Katie genau genommen ein Glücksgriff. Auch Katie musste klein anfangen, um sich dann hochzuarbeiten, wie alle andern auch, trotz ihres Könnens, ihrer Herkunft und ihrer vielseitigen Talente. Es gab Interviews bei Kaninchenzüchtern, bei Ruderclubs, mit Eignern von Traditionsseglern, oder mit Musikern, die bei der Kieler Woche auftraten. Die Landes-, oder gar Bundespolitik musste sie zunächst andern überlassen, und erst recht die Kolumnen. Was da in den Redaktionen abgeht, das hatte sie in diesen Jahren gelernt, diese Hektik, diese Abhängigkeit vom Tagesgeschäft und die Launen der Anzeigenkunden, die heute mehr im Internet als im stark geschrumpften Printbereich inserierten. Dann hatte Claudio ihr gesagt, dass er in einer der Stiftungen von Freunden anheuert und sich zukünftig um die Schutzgemeinschaft Marsch in Friesland kümmern wolle. „Ganz brav und ganz langweilig“, hatte er noch grinsend hinzugefügt. Katie war verblüfft, denn davon hatte Claudio bisher nur wenig erzählt, aber das bedeute ja wohl auch, dass Claudio diese Herumreiserei für die Firma aufgeben würde, für die er arbeitete, und die mit dem Beruf des Sperrwerkbauers einherging. Mal ein Sperrwerk am Nil, mal eins am Mississippi, mal am Ganges. Das war sicher ein interessantes Leben, und als Bauleiter wurdest du bei solchen Großprojekten gut bezahlt, sehr gut sogar. Diese Zukunft wollte Claudio jetzt also aufgeben?

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22 aralık 2023
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9783942652445
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