Kitabı oku: «Sind wir noch zu retten?»
HANS-PETER HUTTER
JUDITH LANGASCH
SIND WIR NOCH ZU RETTEN?
Plastik, Feinstaub & Co. – was wir über Umwelteinflüsse und ihre Gesundheitsrisiken wissen sollten

Für unsere Zukunft
Inhalt
VORWORT
1 PLASTIK & MIKROPLASTIK
Leicht, bunt, billig – und schädlich?
2 PESTIZIDE
… in aller Munde
3 LEICHT- & SCHWERMETALLE
Alltagsbegleiter Aluminium, Quecksilber & Blei
4 LUFTVERSCHMUTZUNG
Feinstaub, Stickstoffdioxid & Ozon
5 INNENRAUM
Dicke Luft in unseren vier Wänden
6 HANDY & CO.
Komplett verstrahlt oder alles harmlos?
7 LÄRM
Nervt, stresst und macht krank
8 KLIMAKRISE
Sind wir noch zu retten?
GLOSSAR
LITERATUR
ANMERKUNGEN
Vorwort
„Sind wir noch zu retten?“ Zugegeben, das klingt etwas dramatisch. Wenn wir genauer hinsehen und Sie vielleicht ein paar Seiten weiterblättern, werden Sie aber merken: Vor unseren Augen spielt sich tatsächlich ein Drama ab. Wir leben in einer industrialisierten, globalisierten Welt, die wir uns möglichst bequem, möglichst einfach eingerichtet haben, mit zahlreichen Errungenschaften, die uns unseren Alltag erleichtern. Zumindest scheinbar. Denn bei vielen chemischen Stoffen, vielen groß gefeierten Erfindungen, vielen technologischen Fortschritten beginnt die Fassade zu bröckeln. Seien es Dieselmotoren, die uns mobil machen, Pestizide, die die Ernte möglichst ertragreich machen und vor „Schädlingen“ schützen sollen, oder Chemikalien, die Plastik zu einem überall einsetzbaren Wunderstoff machen – unter dem Deckmantel des Fortschritts wurden die Schattenseiten gerne ignoriert. Dass diese Stoffe gesundheitliche Auswirkungen haben können, ist ein unangenehmer Nebeneffekt, über den man lieber hinwegsieht. Dass wir die Augen so lange vor den Kollateralschäden verschlossen haben, gipfelt nun nicht zuletzt in der Klimakrise. Es scheint also, als schlage die Umwelt zurück. Demnach ist die Frage „Sind wir noch zu retten?“ eine, die gestellt werden muss. Und sie wirft vor allem die Frage nach dem „Wie?“ auf.
Alle Themen, die Sie in diesem Buch finden, gehören in den Forschungsund Aufgabenbereich der Umweltmedizin/Umwelthygiene. Begriffe, mit denen viele auf den ersten Blick wenig anfangen können. Tatsächlich sind aber alle Lebenssituationen Gegenstand umwelthygienischer bzw. umweltmedizinischer Forschung, und deren Ergebnisse haben unser Leben beeinflusst und beeinflussen es noch immer. Einiges davon haben wir aufgegriffen. Dieses Buch soll ein Wegweiser und eine Orientierung sein, und vor allem Antworten auf Fragen bieten, die sich im Alltag unweigerlich stellen, wenn man ein bisschen genauer hinsieht.
Wir haben uns im Sommer 2019 dazu entschlossen, viele dieser Fragen, die uns im Alltag gestellt werden, zusammenfassen – seien es Fragen, die von besorgten Verbraucherinnen oder Verbrauchern an Hans-Peter Hutter als Mediziner gestellt werden oder an Judith Langasch als Journalistin. Denn die Nachrichtenlage ist beinahe unüberschaubar, zu jeder Studie, die veröffentlicht wird, gibt es eine Studie, die anscheinend das Gegenteil belegt. Diese Fragen verständlich zu beantworten ist darum wichtiger als je zuvor, denn nur so können wir uns selbst retten.
In diesem Buch haben wir den aktuellen Stand der Wissenschaft abgebildet, aber klar ist, wenn Sie dieses Buch aus dem Regal nehmen, dann wird bereits weiter geforscht und weiter veröffentlicht worden sein. Das soll Sie an dieser Stelle nicht weiter verunsichern, denn: Ja, es wird neue Studien geben, die neue Ergebnisse und Erkenntnisse bringen. Viele der in diesem Buch getroffenen Aussagen sind jedoch grundlegend und werden sich durch neue Forschung nicht von heute auf morgen ändern.
Geschrieben haben wir dieses Buch letztlich während der Corona-Krise. Einer Zeit, in der die meisten dieser Themen in den Hintergrund rückten und von der weltweiten gesundheitlichen und wirtschaftlichen Krise überschattet wurden. Obwohl diese Pandemie ja ebenfalls eine Konsequenz des Raubbaus an der Natur und der Störung des ökologischen Gleichgewichts ist. Öfters haben wir uns gefragt: Ist das der richtige Zeitpunkt? Werden diese Themen jemals wieder die angemessene Aufmerksamkeit bekommen? Wir sind überzeugt: Ja, denn es muss sein. Die Corona-Krise wird vorbeigehen, und dann stehen wir vor denselben Problemen wie zuvor. Mit einem einzigen Unterschied: Wir haben Zeit verloren. Denn bei einigen dieser Themen drängt die Zeit, manche Verluste und Schäden sind auch gar nicht mehr rückgängig zu machen, wir können nur weitere verhindern oder die Konsequenzen der eingetretenen abmildern. Letztlich geht es um unser aller Gesundheit, um Ihre, um unsere, um die Ihrer Eltern, Ihrer Kinder, Ihrer Freunde. Wir alle wollen ein Leben führen, das möglichst wenig von Krankheiten beeinträchtigt wird. Und dazu können Sie selbst einiges beitragen.
Und auch, wenn das alles sehr ernst klingt: Dies soll kein „schweres“ Buch sein. Es soll nicht belasten, manches ist provokant, manches wird Sie vielleicht zum Schmunzeln bringen, anderes wird Sie zum Weiterdenken anregen und vielleicht sogar dazu führen, neue Verhaltensweisen zu erproben. Und wir können jetzt schon versprechen: Manche Fakten werden im Gespräch mit anderen zu hitzigen Diskussionen führen. Lassen Sie sich darauf ein!
Hans-Peter Hutter & Judith Langasch, 31. 12. 2020
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PLASTIK UND MIKRO-PLASTIK
Leicht, bunt, billig – und schädlich?
Kunststoffe sind allgegenwärtig in der Arbeitswelt, im Haushalt, im Auto, bis hin zur Medizin. Überall sind sie nützlich und haben offensichtliche Vorteile. Bei den Nachteilen schauen wir aber gerne weg.
INTRO
Es fühlt sich etwas anders an, denke ich mir, als ich die Äpfel aus dem Sackerl nehme, das ein großer „Bioplastik“-Aufdruck ziert. Die Zeiten des herkömmlichen Plastiksackerls sind vorbei, verschiedenste Varianten von Papier oder eben Bioplastik warten nun im Supermarkt darauf, als Transportmittel für Obst und Gemüse verwendet zu werden. Ist das so viel besser als herkömmliches Plastik? Fakt ist: Während ich die Lebensmittel ausräume, auspacke und in den Kühlschrank verfrachte, wächst der Müllberg, darunter unzählige Plastikverpackungen – der Mistkübel ist praktisch wieder voll. Ein bisschen schlechtes Gewissen plagt den umweltbewussten Menschen da ja schon, aber mal ehrlich: Wer im herkömmlichen Supermarkt einkauft, hat praktisch keine Chance, verpackungsarm heimzugehen. Weiter geht’s: Das Mineralwasser in den Abstellraum – zugegebenermaßen: Auch das in der Plastikflasche. Hier ist der Gewichtsfaktor entscheidend, mehrere Glasflaschen hätten den Heimweg beschwerlicher gemacht.
Die nächste Plastikverpackung wartet darauf, verstaut zu werden: Es ist das Waschmittel. Nachdem ich zumindest den Wäscheberg im Badezimmer selbst bezwingen kann, kommt es auch gleich zum Einsatz. Hemden, Blusen, Sportgewand, die Trommel wird vollgestopft, bei 30 Grad beginnt sich die Ladung zu drehen. Und damit werden tausende Mikrofasern aus den Stoffen freigesetzt und gelangen damit in unsere Abwässer, letztlich in die Meere – und gesellen sich zu weiteren zwölf Millionen Tonnen Plastik, die dort schon schwimmen. Wussten Sie nicht? Will man vielleicht auch gar nicht so genau wissen.
Während sich die Wäsche weiterdreht, ist Zeit für ein bisschen Entspannung in der Sonne. Ich verteile die Sonnencreme auf meiner Haut und halte kurz inne. Gut möglich, dass ich gerade Mikroplastik auf meinem gesamten Körper verteile. Ebenso, wenn ich Nagellack oder Lippenstift auftrage – hier isst man das Mikroplastik praktisch auf. Und zwar ganz freiwillig. Mikroplastik in der Natur ist also die eine Sache, Mikroplastik im eigenen Körper eine andere. Sieht es in unseren Blutbahnen also ein bisschen aus wie in den Weltmeeren? Und wenn ja, was bedeutet das eigentlich? Ein nicht besonders angenehmer Gedanke. Ich greife zum Handy und wähle. „Hutter hier!“, sagt der Mediziner, der keine einzige Nummer im Telefon speichert und sich komplett auf sein Zahlengedächtnis verlässt – er hat auch meine erkannt.
1 PLASTIK
Zunächst einmal: Was ist dieses Plastik eigentlich, von dem wir praktisch komplett umgeben sind?
Kunststoffe – also das, was wir gemeinhin als Plastik bezeichnen – bestehen aus (halb-)synthetisch erzeugten Polymeren mit organischen Gruppen. Das klingt jetzt zugegebenermaßen ein bisschen kompliziert, darum belassen wir es bei dieser Erklärung.
Was Kunststoff aber vor allem für die Industrie so besonders macht, sind seine technischen Eigenschaften (Formbarkeit, Härte, Elastizität, Bruchfestigkeit, Temperatur-, Wärmeformbeständigkeit und chemische Beständigkeit), die sich durch die Auswahl von Ausgangsmaterial, Herstellungsverfahren und Beimischung von Zusatzstoffen nach Belieben verändern lassen – und damit ist mit Plastik praktisch alles möglich.
Ist Plastik eigentlich gleich Plastik, oder gibt es Kunststoff von der gefährlicheren und der ungefährlicheren Sorte?
Tatsächlich gibt es zwischen den Kunststoffen durchaus Unterschiede: Polyvinylchlorid, den meisten besser bekannt als PVC, ist aufgrund seiner gesundheits- und umweltschädigenden Wirkung sicher ein klassisches Beispiel für einen sehr problematischen Kunststoff. Demgegenüber ist Polyethylen als eher unproblematisch anzusehen. Generell ist eine einfache Klassifizierung aber eher schwierig und von den Folgen auf Gesundheit und Ökosysteme abhängig. So kann etwa Kunststoffen, bei deren Herstellung die ArbeitnehmerInnen schutzlos bestimmten Schadstoffen ausgesetzt sind, sicher kein gutes Zeugnis ausgestellt werden. Das gilt auch für jegliche Kunststoffprodukte, die in großen Mengen produziert werden und dann als Müll hunderte Jahre in der Umwelt verbleiben.
Jetzt wirst du vielleicht sagen: Aber gerade im Medizinbereich werden viele Kunststoffprodukte verwendet. Stimmt. Beim Einsatz in der Medizin geht es einerseits um die Sicherheit der PatientInnen, andererseits um den Umweltschutz und Ressourcenschonung, was ebenfalls zentral im Sinne eines ganzheitlichen Gesundheitsschutzes ist. Das zu gewichten ist häufig sehr schwierig. Plastikprodukte werden aber auch in Krankenhäusern viel zu oft unreflektiert eingesetzt.
Allgemein geht es weniger darum, Plastik komplett zu verbannen, als darum, zu überlegen, wo man es tatsächlich braucht und welche Art von Plastik man wofür verwendet – aber auch, auf welche Kunststoffe und Zusätze wir vielleicht verzichten können.
„Kunststoffe stellen ein Risiko für Umwelt und Gesundheit dar.“
Folglich gibt es keine einfache Lösung. Man kann nicht sagen, dass Plastik nur Vorteile oder Nachteile hat – es liegt definitiv am Blickwinkel. Ja, Kunststoffe erleichtern den Alltag, teilweise aus Bequemlichkeit, teilweise aus funktioneller Nützlichkeit. Auf der anderen Seite verursachen sie eine Menge an Problemen und stellen ein Risiko für Umwelt und Gesundheit dar.
Jetzt habe ich das Handy samt Hülle in der einen Hand, den Kugelschreiber in der anderen und neben mir liegen noch die Kopfhörer. Das kann doch nicht alles gefährlich sein? Welche Stoffe sind es denn genau, die das Plastik „ungesund“ machen, und wie nehmen wir sie auf?
Abgesehen von PVC ist oft gar nicht der Kunststoff selbst gesundheitsbedenklich oder sogar gesundheitsschädlich, sondern vielmehr das, was wir dem Kunststoff beimengen. Das sind bestimmte UV-Stabilisatoren, Farbstoffe, Weichmacher oder Flammschutzmittel. Problematisch ist jedenfalls, dass es in jeder dieser Gruppen von Zusatzstoffen eine fast unüberschaubare Anzahl an Stoffen gibt, die hinsichtlich ihrer chronischen Wirkungen praktisch kaum untersucht sind. Und all diese Zusatzstoffe bleiben häufig nicht einfach im Kunststoff, sondern werden wieder freigesetzt und gehen somit in die Raumluft, den Hausstaub oder sogar in Lebensmittel über.
Nehmen wir einmal die Weichmacher, so genannte Phthalate: Sie lagern sich bei der Verarbeitung zwischen den Molekülketten des Polymers an und lockern so deren Gefüge auf – sie machen das Plastik damit biegsam und weich. Sie sind aber nicht chemisch gebunden, daher können Phthalatmoleküle an die Oberfläche der Kunststoffpartikel gelangen und von dort auf andere Materialien oder Oberflächen übergehen, wie z. B. von der Verpackung auf das Lebensmittel.
Diese Zusatzstoffe können aber auch durch Speichel aus dem Material (z. B. aus Spielzeug oder aus dem berühmten angeknabberten Denker-Kugelschreiber) gelöst werden, oder sie können durch Wärme oder bei Materialermüdung aus dem Material abdampfen, verdunsten und eingeatmet werden.
„Es gibt eine fast unüberschaubare Anzahl an Zusatzstoffen, die hinsichtlich ihrer chronischen Wirkungen praktisch kaum untersucht sind.“
Sie können aber auch, über die Haut aufgenommen, direkt in die Blutbahn gelangen, etwa über Infusionsschläuche. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass im Rahmen etlicher wissenschaftlicher Studien diese Stoffe oder deren Abbauprodukte (Metaboliten) in Blut und Harn der Bevölkerung nachgewiesen wurden.
Einige dieser Stoffe werden rasch und unverändert ausgeschieden, andere werden verstoffwechselt und es entstehen andere Stoffe (Metaboliten), manche wiederum werden im Organismus abgelagert, deswegen kann man auch nicht alle Kunststoffarten über einen Kamm scheren.
Demnach muss jeder von uns schon unzählige Plastikpartikel im Körper haben. Und wie beeinflussen die jetzt unsere Gesundheit?
Aufgrund der Vielfalt an chemischen Stoffen, die etwa als Zusatzstoffe eingesetzt und aufgenommen werden können, sind natürlich auch die gesundheitlichen Folgen vielfältig. Es wurden bereits verschiedene Effekte auf praktisch alle Organsysteme beobachtet. Bekannt sind Wirkungen auf das Hormonsystem und die Fortpflanzungsfähigkeit sowie auf das Nervensystem und die Atemwege; aber auch Stoffe, die Krebs verursachen können, finden sich unter diesen Chemikalien.
Abseits von gesundheitlichen Effekten durch direkten Kontakt mit den entsprechenden Konsumgütern, die häufig in der Öffentlichkeit thematisiert werden, sind andere Folgen weniger bekannt oder werden schlicht vernachlässigt, sprich: Die Gesundheit von ArbeiterInnen, die in der Erdölförderung oder in der Herstellung von Kunststoffprodukten etwa in asiatischen oder afrikanischen Produktionsstätten beschäftigt sind, interessiert bei uns kaum jemanden. Angesichts der mangelhaften Arbeitsschutzbestimmungen (falls überhaupt vorhanden) und den daraus resultierenden, für uns unvorstellbaren, unwürdigen Arbeitsbedingungen muss man davon ausgehen, dass es beim Umgang mit Kunststoffprodukten im Produktionsprozess zu sehr hohen Belastungen etwa mit gesundheitsschädlichen Chemikalien kommt. Beispielsweise ist zur PVC-Herstellung Vinylchlorid notwendig – diese Chemikalie gilt als krebserregend.
Gerade der Weichmacher Bisphenol A ist in Verruf geraten – der Chemikalie wird nachgesagt, sie sei krebserregend und hormonschädigend. In Babyprodukten, wie Schnullern oder Fläschchen, ist Bisphenol A mittlerweile verboten – in anderen Produkten aber nicht. Wie ist das möglich?
Die chemische Verbindung mit dem Kürzel BPA wird zur Herstellung von Kunststoffen wie Polycarbonaten und Epoxidharzen verwendet, aus denen vor allem Behälter und Flaschen für Lebensmittel und Getränke hergestellt werden oder auch Innenbeschichtungen von Getränke- und Konservendosen. Eine weitere BPA-Quelle sind Thermopapiere, auf die z. B. Kassenbons gedruckt werden.
„Es wurden bereits verschiedene Effekte auf praktisch alle Organsysteme beobachtet.“
Und diese Industriechemikalie kann durchaus in manchen Lebensmitteln nachgewiesen werden. Denn BPA kann aus Innenbeschichtungen von Konservendosen in die Nahrung übergehen, indem der Weichmacher durch eine chemische Reaktion mit Wasser aus der gebundenen Form wieder herausgelöst und freigesetzt wird.
BPA ist zwar nur gering akut giftig und wird relativ rasch wieder ausgeschieden, dennoch ist davon auszugehen, dass in unseren Körpern ein konstanter „Spiegel“ besteht, da immer wieder „neues“ BPA aufgenommen wird, und damit ist es sehr wohl bedenklich, denn Bisphenol A ist eine hormonaktive Chemikalie („endokriner Disruptor“). Die Chemikalie beeinflusst das Hormonsystem von Tieren und Menschen, indem sie sich an die natürlichen Andockstellen (Rezeptoren) von natürlichen Hormonen bindet. Und damit wird es gefährlich: BPA verstärkt die Wirkung weiblicher Sexualhormone und schwächt die Wirkung männlicher Sexualhormone ab – das bringt wiederum den Hormonhaushalt durcheinander und beeinflusst so die Fortpflanzungsfähigkeit. Auch eine Hemmung der Schilddrüsenhormone und ein Zusammenhang mit dem Auftreten von Diabetes wurden beobachtet. Zuletzt deuten auch zahlreiche tierexperimentelle Studien darauf hin, dass bereits niedrige BPA-Konzentrationen das Verhalten, Lernvermögen und bestimmte Hirnstrukturen verändern, speziell bei den Nachkommen der Tiere, die dem Stoff ausgesetzt waren.
„BPA bringt den Hormonhaushalt durcheinander und beeinflusst so die Fortpflanzungsfähigkeit.“
Wenn man sich also die bisher vorliegenden Studien über die Gesundheitseffekte von Bisphenol A ansieht, gibt es zahlreiche Hinweise auf mögliche Risiken für die menschliche Gesundheit. Eines muss man aber auch sagen: Bei einigen Aspekten der Risikobewertung bestehen zurzeit noch deutliche Wissenslücken und Unsicherheiten. Es ist deshalb jedenfalls gerechtfertigt, Vorsorgemaßnahmen für zumindest jene Bevölkerungsgruppen zu fordern, die aufgrund ihrer Empfindlichkeit am ehesten gefährdet sind, um sie diesem Stoff möglichst wenig auszusetzen. Und das sind auf jeden Fall auch Babys und Kinder. Denn Kinder haben im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht eine größere Hautoberfläche sowie eine intensivere Atmung. Außerdem haben sie oft intensiveren Kontakt mit Produkten als Erwachsene, sie stecken etwa viele Gegenstände in den Mund oder knuddeln ihre Spielzeuge stundenlang. Nicht zuletzt krabbeln Kleinkinder am Boden herum und nehmen auch so deutlich mehr Hausstaub auf, an dem sich wiederum Bisphenol A angelagert haben kann.
Und obwohl die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) Bisphenol A für unbedenklich hält, sogar für Kinder und Säuglinge, hat die EU basierend auf dem Vorsorgeprinzip dennoch entschieden, BPA in Babyfläschchen zu verbieten.
DEEP DIVE: GESUNDHEITSPROBLEM WEICHMACHER
„Weichmacher“ sind eine viel genutzte Industriechemikalie und halten Kunststoffprodukte „geschmeidig“. Zu den wichtigsten beziehungsweise am häufigsten eingesetzten Phthalaten zählen Di-2-ethylhexyl-Phthalat (DEHP), Di-isonyl-Phthalat (DINP) und Di-butyl-Phthalat (DBP). Diese Substanzen finden sich unter anderem in Bodenbelägen, Tapeten, Folien, Beschichtungen, Kabeln, Kfz-Bauteilen, Lacken, Textilien wie Duschvorhängen, aber auch in Spielzeug, Kosmetika und in Medizinprodukten wie z. B. Infusionsschläuchen. Wesentlich dabei ist, dass die Stoffe während der gesamten Lebenszeit der entsprechenden Produkte freigesetzt werden können.
Da sie heute überall aufzufinden sind und über viele Pfade (Nahrungsmittel, Luft, Wasser, Hausstaub – speziell bei Kindern durch den Hand-Mund-Kontakt von Bedeutung) aufgenommen werden können, ist es schwer, die Gesamtbelastung gegenüber dieser Substanzgruppe abzuschätzen. Seitdem spezifische Stoffwechselprodukte dieser Substanzen im Harn bestimmt werden können, ist jedoch bekannt, dass die durchschnittliche tägliche Aufnahme etwa von DEHP höher ist als bisher angenommen. Für spezielle Bevölkerungsgruppen (Kinder!) liegt diese sogar über der zulässigen Grenze.
Obwohl Umweltschutzorganisationen immer wieder vor diesen Chemikalien gewarnt hatten, wurde viele Jahre lang die Gefährlichkeit von Phthalaten unterschätzt. Immer mehr Studien beobachten neben einem fruchtbarkeitsschädigenden auch ein hormonschädigendes Potenzial bei diesen Stoffen. Es gibt Hinweise auf Beeinträchtigung der Samenqualität bei Männern durch Phthalate und vorzeitige Geschlechtsreife bei Mädchen. Außerdem können die Chemikalien die Plazentaschranke passieren und bereits das Kind im Mutterleib beeinträchtigen.
Andere Studien wiederum belegten Einflüsse auf die Lungenfunktion und geben Hinweise auf entzündliche Effekte bei der Einatmung. So zeigte sich u.a. ein deutlicher Zusammenhang zwischen Phthalat-Konzentrationen im Hausstaub aus Kinderzimmern und dem Auftreten von Asthma, Ekzemen und Katarrhen der Nasenschleimhaut bei den betroffenen Kindern.
Anzumerken ist aber, dass nur einige Phthalate hinsichtlich ihrer toxikologischen Eigenschaften umfassend untersucht sind. Auch aus diesem Grund sollten diese Stoffe so weit als möglich vermieden werden.
Warum kann man nun nicht einfach sagen: Auf diese Chemikalie müssen wir verzichten, sie ist zu gefährlich? Wie kann es sein, dass die Beurteilung von „Plastik-Chemikalien“ so schwammig und scheinbar nicht eindeutig ist?
Eines der vorrangigen und schwierigsten Probleme ist die Beurteilung der (gleichzeitigen) Einwirkung vieler chemischer Stoffe in zumeist sehr geringen Mengen, die aus vielen Quellen stammen können. Wir nehmen im Alltag praktisch einen Cocktail aus den unterschiedlichsten Chemikalien zu uns, denn Menschen sind meist nicht nur einem (dominanten) Schadstoff ausgesetzt, sondern höchstkomplexen Substanzgemischen mit unterschiedlichen oder ähnlichen Wirkungsweisen.
Und hier konnte schon vor Jahren gezeigt werden, dass beim Einwirken von mehr als zehn Stoffen in geringerer, „unschädlicher“ Konzentration, also unter jener Schwelle, wo Effekte zu sehen sind, andere, durchaus relevante Wirkungen auftreten („Cocktaileffekt“), das heißt, sie verstärken ihre Wirkung gegenseitig.1
Nun ist es aber so, dass Chemikalien in der Regel nur als Einzelsubstanz toxikologisch geprüft werden, was die Beantwortung der Frage, welcher Stoff für welche Gesundheitsfolgen verantwortlich ist, bei gleichzeitiger Einwirkung vieler dieser Stoffe sehr schwierig oder fast unmöglich macht.
Außerdem ist bei vielen Chemikalien die Datenlage zu gesundheitlichen Effekten bei einer langfristigen, dauerhaften Belastung spärlich. Das ist zumindest für WissenschaftlerInnen wenig überraschend, denn es gibt erhebliche methodische Probleme bei der Erforschung eines Gefährdungspotenzials für die Bevölkerung. Tierexperimentelle Untersuchungen oder Zellversuche können beispielsweise die Anfälligkeit für Erkrankungen beim Menschen nur begrenzt abbilden.2 Tierversuche können auch keinen Aufschluss über Beeinträchtigungen des Wohlbefindens geben, die beim Menschen aber sehr wohl von Bedeutung sein können.
Wenn nun ein Stoff als gefährlich beurteilt und deshalb verboten wird, dann wird er von der Industrie natürlich durch chemisch ähnliche Stoffe ersetzt, damit weiterhin die gewünschte Funktion erhalten wird. Doch über diese Ersatzstoffe weiß man oft noch deutlich weniger. Es vergeht dann wieder Zeit, bis erkannt wird, dass auch diese Ersatzstoffe gesundheitlich bedenklich sind (Beispiel: Bisphenol A wird durch andere Bisphenole ersetzt).
Außerdem darf man nicht vergessen, dass selbst lange, nachdem verbotene Substanzen durch neue ersetzt wurden, die früher verwendeten noch immer in die Umwelt zirkulieren können, wenn es sich um schwer abbaubare Stoffe handelt. Solche Stoffe können noch Jahrzehnte in der Umwelt, aber auch im menschlichen Gewebe nachgewiesen werden. Oft zeigt es sich also, dass wir im Streben, uns das Leben leichter zu machen und rasch Erfolge zu erzielen, unseren Nachkommen eine Bürde auferlegen. Nicht nur im Ressourcenverbrauch leben wir auf Kosten zukünftiger Generationen.
DEEP DIVE: WIRKUNG VON PLASTIKCHEMIKALIEN AUF KINDER
Nicht erst, wenn Kinder am Boden krabbeln, nehmen sie Schadstoffe auf. Die Belastung kann schon viel früher beginnen. Mit Zunahme vorliegender Forschungsergebnisse rücken speziell hormonähnlich wirkende Chemikalien stärker in den Vordergrund. Insbesondere, wenn ein Stoff die Plazentaschranke passiert, können solche Substanzen schon während der Schwangerschaft in das ungeborene Kind praktisch eingeschwemmt werden. Eine Reihe von Studien belegt, dass bereits diese chemischen Belastungen während der Schwangerschaft Auswirkungen auf die Gesundheit des Kindes haben können. Der Grund: Der menschliche Organismus reagiert während der embryonalen und fötalen Phasen besonders empfindlich auf Störungen des Hormonhaushalts.
So wurde etwa ein Zusammenhang zwischen mütterlicher Phthalat-Exposition und einem anti-androgenen Index (verminderter Abstand zwischen Anus und den Genitalien) bei männlichen Neugeborenen beobachtet. Es konnte auch gezeigt werden, dass männliche Babys und Kleinkinder ein erhöhtes Risiko für Hodenhochstand (Kryptorchismus) und einen kleineren Penis haben, wenn die Mutter vor der Geburt Weichmachern ausgesetzt war.3
Eine kindliche, nachgeburtliche Exposition kann u.a. auch zu Fortpflanzungsstörungen (z. B. verminderte Spermienzahl) führen. Außerdem werden diese hormonell wirksamen Chemikalien mit Schilddrüsenerkrankungen, Diabetes, metabolischem Syndrom und Übergewicht in Verbindung gebracht.
Im Zuge der deutschen Kinder-Umwelt-Survey wurde für einige hormonell wirksame oder vermutlich hormonell wirksame Substanzen bei Kindern (3 bis 14 Jahre) nachgewiesen, dass die Belastung bei Kindern in Deutschland jedenfalls zu hoch ist.
DAS BIOLOGISCH ABBAUBARE PLASTIKSACKERL
Biologisch abbaubare und kompostierbare Kunststoffe werden häufig als mögliche Lösung für die Ansammlung von Plastikmüll angesehen. Am Markt gibt es derzeit viele Materialien, und das macht es für die KonsumentInnen schwer, sich zu orientieren.
So sind beispielsweise sogenannte „biobasierte“ Kunststoffe ganz oder auch nur zu einem Teil aus Biomasse hergestellte Kunststoffe (z. B. Mais, Zuckerrohr). Diese müssen nicht zwingend auch biologisch abbaubar sein. Hingegen bestehen „biologisch abbaubare“ Plastiksackerl aus Kunststoffen, die sich quasi selbst zersetzen. Diese können aus pflanzlichen Rohstoffen sein, aber genauso auch aus erdölbasierten Polymeren.
In dieser Kategorie wird noch zusätzlich unterschieden zwischen „biologisch abbaubarem“ und „kompostierbarem“ Kunststoff. Kompostierbar heißt, dass der jeweilige Kunststoff durch Mikroorganismen überwiegend in Wasser, Kohlendioxid und Biomasse „zerlegt“ wird. Das geschieht allerdings in einem kontrollierten Prozess mit definiertem Zeitrahmen.
Bei biologisch abbaubaren Kunststoffen läuft der Abbau vergleichbar ab. Er könnte zwar auch in der freien Natur von alleine stattfinden, würde dafür aber deutlich länger dauern.
Wenig berauschend sind sogenannte „oxo-abbaubare“ Kunststoffe. Diese Materialien werden zwar verhältnismäßig schneller abgebaut (sie enthalten Metallionen, die oxidiert werden). Es ist aber schwierig zu berechnen, wie lange ein oxo-abbaubares Plastiksackerl tatsächlich braucht, bis es abgebaut ist. Unter ungünstigen Bedingungen zerfällt es gar nicht oder nur in kleine Mikroplastikfragmente, die sich dann kaum weiter zersetzen. Daher finden sich auch immer mehr Stimmen, die ein generelles Verbot solcher Kunststoffe befürworten.
Zusammenfassend kann man, wenn überhaupt, nur schwer Vorteile finden, die diese „Bio-Sackerl“ haben. Nur eines ist sicher: Wir müssen unseren Verbrauch an Einwegsackerln dringend reduzieren bzw. vermeiden: Immer eigene Taschen oder alte Sackerl mitnehmen. Wenn doch einmal ein neues Sackerl nötig ist – egal, ob aus Plastik oder Papier: dieses so oft wie möglich wieder benutzen.

Aber auf Plastik zu verzichten ist in etwa so, als würde ich sagen, ich verzichte auf Strom – das ist schlicht nicht möglich. Können wir uns trotzdem schützen oder sollten wir mit bestimmten Plastikarten jedenfalls nicht mehr in Berührung kommen?
Das ist schwer zu sagen, weil man ja nie sicher sein kann, was bzw. welche Additive in welchem Kunststoffprodukt eigentlich genau enthalten sind – schon aufgrund der oft fraglichen Herkunft der Produkte.
Dennoch kann man nach einer einfachen Regel die Produkte auswählen: Je mehr ein Kunststoff „kann“, also je mehr Eigenschaften diesem zugeschrieben werden, wie z. B. farbenfroh, UV-beständig, beduftet etc. zu sein, desto mehr Zusatzstoffe werden vermutlich auch eingesetzt worden sein, um diese Eigenschaften „herbeizuzaubern“. Desto größer ist daher aber auch deren potenzielle Gefährlichkeit.
Eine weitere einfache Probe ist, daran zu riechen: Wenn ein Produkt chemisch oder auffällig riecht, ist davon auszugehen, dass aus dem Kunststoff diverse flüchtige Substanzen ausgasen und die Qualität nicht wirklich geprüft wurde.
„Rund 400 Millionen Tonnen Kunststoff werden weltweit pro Jahr produziert.“
Viele andere Substanzen sind aber praktisch nicht zu riechen, wie etwa Weichmacher. Hier ist es ratsam, auf Hinweise wie etwa „phthalatfrei“ zu achten. Vorsichtiger sollte man generell mit Gegenständen sein, also auch mit diversen Kunststoffprodukten, wenn wir mit ihnen im Alltag häufiger, intensiver und/oder über eine längere Zeit Kontakt haben. Das betrifft etwa kindernahe Produkte (z. B. Spielzeug).
Jeder kann aber auch bei den Herstellern nachfragen, ob etwa diverse Additive in ihren Kunststoffen eingesetzt werden. Diese sind auskunftspflichtig, wenn das Produkt mehr als ein Gramm pro Kilogramm des Schadstoffes aufweist. Laut Europäischem Gerichtshof gilt diese 0,1-Prozent-Grenze bei Erzeugnissen, wenn sie aus mehreren Teilen zusammengesetzt sind, auch für die Einzelkomponenten.
Generell weniger Plastikprodukte zu verwenden bzw. zu kaufen ist aber natürlich immer der sicherste Weg.
Auf all diese Chemikalien möchte ich in Wahrheit meinem Körper zuliebe verzichten, aber das ist wohl nicht der einzige Grund, warum man seinen Plastikkonsum im Auge behalten sollte, oder?
Keineswegs, denn Fakt ist: Die Rohstoff- und Ressourcenverschwendung sowie die anwachsende Verunreinigung aller Umweltmedien mit Kunststoffrückständen und Mikroplastik einzudämmen ist von stark wachsender Dringlichkeit. Man kann sich kaum vorstellen, dass rund 400 Millionen Tonnen Kunststoff weltweit pro Jahr produziert werden. Auf Verpackungen entfällt mehr als ein Drittel aller hergestellten Kunststoffe. Und die Produktionsmenge wächst noch immer – und ein großer Teil dieser Produktion landet im Müll.
„Auch verbotene Stoffe können oft noch Jahrzehnte in der Umwelt, aber auch im menschlichen Gewebe nachgewiesen werden.“
Für ein Kilo Polyethylen benötigt man rund zehn Liter Wasser, und natürlich Erdöl, einen wertvollen Rohstoff, den wir für unnötige Produkte unseren Nachkommen entziehen, denn Erdöl wächst nicht nach. Immerhin acht Prozent des jährlich geförderten Erdöls gehen in die Plastikproduktion. Allein für die Herstellung von rund 16,4 Milliarden Plastikflaschen für Deutschland sind pro Jahr 665.000 Tonnen Rohöl erforderlich, das muss man sich mal vor Augen halten. Und in Österreich finden immerhin 1,5 Milliarden Plastikflaschen jährlich ihren Weg auf den Markt. Ein Ersatz dieser durch Mehrweg-Pfandflaschen würde eine Plastikreduktion um 45.000 Tonnen ausmachen – pro Jahr.
Betrachtet man nun die umweltschädigenden Folgen von Erdölproduktion und -transport wie etwa Tankerunglücke oder Ölverschmutzungen durch „havarierte“ Bohrinseln, Plattformen (Brent Spar) oder die Leckagen in Pipelines (z. B. Nigeria), die Gesundheitsprobleme der Bevölkerung in den Ölfördergebieten und so weiter, kann man wohl schon sagen, dass es eine Menge (ökologischer und gesundheitlicher) Gründe gibt, sich einzuschränken.
Aber das ist nur der Anfang, es geht ja an den Arbeitsplätzen in der Kunststoffproduktion weiter. Stichwort: Chemische Belastungen in den Fabriken.
Und zum Schluss: Ein erheblicher, sehr großer Teil des erzeugten Plastiks landet nach sehr kurzer Nutzungs- bzw. Verwendungszeit (Plastiktrinkflasche) nagelneu in der Umwelt. Vor allem in Ländern ohne bzw. mit mangelhaftem Recycling und Abfallbehandlung sind diese Folgen augenscheinlich in der Natur abgebildet, wo es dann möglicherweise hunderte Jahre dauert, bis der Plastikmüll abgebaut ist. Und nicht nur, dass wild deponierter und nicht recycelter Müll jährlich riesige Mengen an Treibhausgasen produziert, ist auch ein anderes Problem augenscheinlich: Mikroplastik.
DEEP DIVE: PLASTIK-FASTEN IN EINER PLASTIKWELT
Inspiriert vom sehenswerten Dokumentarfilm „Plastic Planet“ (Regie: Werner Boote) hat eine fünfköpfige Familie aus der Steiermark im privaten Haushalt monatelang radikal auf Kunststoffe verzichtet. Umweltmediziner der MedUni Wien haben sie dabei im Rahmen einer Interventionsstudie begleitet.
Familie K. hat Mitte November 2009 begonnen, sich von Kunststoffen im eigenen Haus zu befreien, ein weltweit bisher einzigartiges Experiment. Alle Kunststoffprodukte des täglichen Lebens wurden, soweit möglich, durch entsprechende kunststofffreie Produkte ersetzt – bis hin zu Zahnbürsten aus Holz mit Tierhaarborsten. Zugleich wurde akribisch darauf geachtet, Lebensmittel nur dann zu essen, wenn sie vorher nicht oder kaum mit Kunststoff in Berührung gekommen waren. Schon das war eine große Herausforderung beim Einkaufen. Daran kann man sehen, wie facettenreich die Kunststoffproblematik unseren Alltag durchdringt.
Diese Human-Biomonitoring-Studie sollte klären, ob sich durch einen radikalen Verzicht die innere Belastung, speziell an Phthalaten, verändert. Dazu wurden zu Beginn des Experiments und nach einer zweimonatigen Phase mit intensiver privater Kunststoffvermeidung – in Arbeit und Schule war das nur in weitaus geringerem Ausmaß möglich – 14 gesundheitsrelevante Weichmacher im Morgenharn gemessen.4
Das Fazit: Selbst wenn auf privater Ebene jeder mögliche Kontakt mit Kunststoffen vermieden oder zumindest minimiert wird, bleibt eine bestimmte innere Belastung bestehen. Experiment und Studienergebnisse zeigen, dass wir alleine praktisch chancenlos sind, dieser Belastung gänzlich zu entkommen. Ein Freibrief zur hemmungslosen Kunststoffverwendung ist das allerdings nicht: Die Familie hat bereits vor ihrem „Plastikfasten“ gesundheitsbewusst gelebt, weshalb die Belastung durch Kunststoffe schon im Vorfeld unterdurchschnittlich war. Neben weiteren gesellschaftlichen Anstrengungen braucht es dringend auch energische politische Rahmenbedingungen, um Plastik und bestimmte Zusatzstoffe zu vermeiden. Kunststoffvermeidung ist daher vor allem ein Beitrag zum Ressourcen- und zum Umweltschutz.
2 MIKROPLASTIK
Im Scheinwerferlicht steht in den letzten Jahren aber immer mehr das Mikroplastik. Eine neue Studie besagt, dass allein in den oberen Wasserschichten des Atlantiks 21 Millionen Tonnen Mikroplastik schwimmen. Das kann man sich eigentlich gar nicht vorstellen. Was versteht man überhaupt unter Mikroplastik?
Von Mikroplastik (MP) spricht man, wenn es um Kunststoffpartikel geht, die kleiner als fünf Millimeter sind. Partikel, die kleiner als ein Mikrometer (= ein Tausendstel Millimeter) sind, gelten als Sub-Mikroplastik, wenn sie kleiner als 100 Nanometer sind, werden sie als Nanoplastik bezeichnet
Zu unterscheiden ist das primäre Mikroplastik, also eigens hergestelltes Mikroplastik in mikroskopischer Größe – etwa für Kosmetika, Wasch- und Reinigungsmittel –, von sekundärem Mikroplastik. Diese Art von Teilchen entsteht u.a. durch Zersetzung und Zerteilung größerer Kunststoffteile.
„Mikroplastik kann auch mit Schadstoffen belastet sein.“
„Ausgangsmaterial“ kann natürlich alles Mögliche sein, da Kunststoffprodukte allgegenwärtig in unserem Umfeld sind: Lebensmittelverpackungen, Bekleidung, Sportausrüstungen, Farben, Kabelummantelungen, Tapeten, Duschvorhänge, Spielzeug – die Liste scheint endlos. Alles, was ungeordnet und nicht sachgemäß entsorgt wird, gelangt in die Natur, wird dort durch „Wind und Wetter“ zerkleinert und verteilt. Außerdem können Mikrokunststoffteilchen als Fasern aus Kleidungsstücken ausgewaschen oder im Straßenverkehr von Autoreifen abgerieben werden. Es handelt sich um Abbaureste von Plastikgegenständen aller Art, die in die Umwelt gelangen.
Und Mikroplastik kann auch mit Schadstoffen belastet sein, darunter eben die bereits erwähnten Zusatzstoffe wie Weichmacher, Flammschutzmittel, Farben, optische Aufheller, Stabilisatoren bis hin zu Duftstoffen. Aber es können sich natürlich auch Schadstoffe, die sich bereits in der Umwelt befinden, an diese Partikel anlagern, wie etwa Schwermetalle.
Plastikteilchen im Größenvergleich

Wird nicht viel Plastik einfach weggeworfen und ist damit auch Quelle von Mikroplastik?
Wissenschaftlichen Schätzungen zufolge wurden bisher mehr als acht Milliarden Tonnen Plastik produziert.5 Nur ein vergleichsweise kleiner Teil wird wiederaufbereitet oder verbrannt, fast 80 Prozent finden sich auf Müllhalden oder in den Weltmeeren. Das sind noch eher bekannte Fakten.
Was aber seltener den Weg in die Öffentlichkeit findet, ist die steigende Tendenz zu achtlosem Wegwerfen oder Liegenlassen von Abfällen in der Natur oder im öffentlichen Raum. Das betrifft Getränkedosen, Plastikflaschen, Take-Away-Verpackungen oder Zigarettenstummel. Mengenmäßig dominieren häufig Plastikverpackungen und speziell Plastikflaschen. Dieses sogenannte „Littering“ findet vor allem auf öffentlichen Plätzen oder Treffpunkten, entlang stark befahrener Straßen, in der Nähe von Take-Away-Restaurants oder Tankstellen und nicht zuletzt in Naturerholungsgebieten mit vielen Besucheraktivitäten statt.
„Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass bis zu zwei Drittel aller Zigarettenstummel irgendwo in der Umwelt landen.“
Nicht sachgerecht entsorgte Zigarettenstummel sind dabei immer noch eines der größten Probleme. Das lässt sich leicht darstellen: Rund 4,5 Billionen (als Zahl: 4.500.000.000.000) Zigaretten werden jährlich weltweit nicht ordnungsgemäß entsorgt – geraucht werden 5,6 Billionen. Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass bis zu zwei Drittel aller Zigarettenstummel irgendwo in der Umwelt landen. Von zwölf Milliarden verkauften Zigaretten in Österreich (2019) finden sich also acht Milliarden Stummel pro Jahr in der Umwelt wieder. Sie sind damit das am häufigsten achtlos weggeworfene „Ding“. Doch aufgrund ihrer Kleinheit werden sie nach wie vor nicht als wirklich gravierender Müll wahrgenommen – und schon gar nicht als Mikroplastikquelle. Ganz zu Unrecht: Sie bestehen großteils aus dem Kunststoff Celluloseacetat, dessen biologischer Abbau sich nur langsam vollzieht. So kann es bis zu zehn Jahre dauern, bis sich ein Zigarettenfilter vollständig zersetzt hat.
Alle weggeworfenen Plastikteile zusammen enden dann irgendwann, ins Kleinste zerrieben, als diffuse Partikel-Einträge in unseren Ökosystemen.
Und alles, was in so kleiner Form in die Umwelt gelangt, landet letztendlich auch wieder in unseren Körpern. Mit Mikroplastik ist das wohl nichts anderes. Aber als gesundheitliches Risiko für den Menschen gilt Mikroplastik bis jetzt doch noch nicht?
Offen gesagt ist bisher noch nicht klar, ob, und wenn ja, wie gefährlich Mikroplastik wirklich ist. Die toxikologischen Wirkungen wurden bisher kaum untersucht. Sicher ist aber: Mikroplastikpartikel sind immer als Fremdkörper zu begreifen, weshalb sie auch immer Entzündungsreaktionen auslösen können. Das konnte an verschiedenen Meeresorganismen (z. B. Muscheln) beobachtet werden. Insgesamt muss man aber sagen, dass das Wissen über die Wirkung von Mikroplastik bisher überwiegend aus Zell- und tierexperimentellen Studien stammt. An Mikroplastik können sich aber auch Weichmacher, Flammschutzmittel oder andere Problemstoffe anhaften – und einige dieser Substanzen können hormonell wirksam sein, andere wirken auf das Nervensystem, manche gelten als krebserregend.
Den größten Anteil des Mikroplastiks nehmen wir oral über die Nahrung auf. Wobei Fische und andere Meerestiere, die ihrerseits bereits Plastikpartikel aufgenommen haben, als die wesentlichsten Quellen gelten. Schließlich sind aquatische Ökosysteme und speziell die Weltmeere praktisch Sammelbecken für Kunststoffabfälle. Auch Hausstaub scheint eine besonders relevante Aufnahmequelle zu sein: Dieser besteht aus einer Mischung aus feinsten Partikeln wie Rußteilchen, Sandkörnchen oder Textilfasern und nicht zuletzt auch aus Mikroplastik.
Dass wir also Mikroplastik aufnehmen, ist bekannt und plausibel. Und natürlich auch, dass wir es wieder ausscheiden: In einer kleinen Pilotstudie haben österreichische ForscherInnen Mikroplastik im Darm von Menschen nachgewiesen. Die Kunststoffpartikel wurden in Stuhlproben von allen acht StudienteilnehmerInnen gefunden. Durchschnittlich fanden sich 20 Mikroplastik-Teilchen pro 10 Gramm Stuhl in der Größe von 50 bis 500 Mikrometer, v.a. aus Polypropylen und Polyethylenterephthalat (PET).
Eine genaue Quantifizierung der Menge, also beispielsweise wie viel Gramm jemand pro Tag aufnimmt, ist nur mittels grober Annahmen wie Ausmaß von Fischverzehr etc. möglich. So schätzten australische ForscherInnen die täglich Mikroplastikaufnahme über Nahrung, Trinkwasser und Atemluft auf bis zu fünf Gramm pro Woche.
„Förderlich für unsere Gesundheit ist aufgenommenes Mikroplastik sicher nicht.“
Bei größeren Partikeln ist davon auszugehen, dass sie über den Verdauungstrakt ausgeschieden werden. Bei kleineren Partikeln besteht hingegen die Gefahr, dass diese im Darmgewebe eingelagert werden, aber auch in den Atemwegen oder im Lungengewebe – so, wie es mit Rußpartikeln passiert. Zu solchen ultrafeinen Partikeln in der Atemluft und deren Weg und Wirken in unserem Organismus gibt es eine Fülle an wissenschaftlichen Erkenntnissen. Allesamt wenig erfreulich.
Im Moment lässt sich seriös und fundiert nicht zuverlässig abschätzen, welches Risiko davon ausgeht. Aber eines kann man getrost sagen: Förderlich für unsere Gesundheit ist aufgenommenes Mikroplastik sicher nicht.
Man liest auch immer wieder, dass – eigentlich wenig verwunderlich – Mikroplastik-Rückstände im Trinkwasser gefunden werden. Einerseits heißt es von der WHO, dass das ungefährlich sei, andererseits gibt es bislang nur wenige Studien dazu. Wie kann man sich da also sicher sein?
Die WHO stellte 2019 fest, dass Mikroplastik im Trinkwasser, „basierend auf den begrenzt verfügbaren Informationen“, auf dem jetzigen Niveau kein Gesundheitsrisiko darzustellen scheine. Diese Aussage ist sicher kein beruhigendes Zeugnis für gänzliche Harmlosigkeit. Sie ist vielmehr in Relation zu anderen Risiken zu sehen, die weltweit die Gesundheit der Bevölkerung durch verschmutztes Trinkwasser bedrohen.
So sind andere Trinkwasser-Verunreinigungen, wie etwa chemische oder mikrobielle Verunreinigungen, global gesehen selbstverständlich wesentlich bedeutsamer, was das Erkrankungsrisiko betrifft, als die Aufnahme von Mikroplastik. Gerade in Ländern des Globalen Südens stehen Probleme im Vordergrund, überhaupt an einigermaßen reines Trinkwasser zu kommen. Immerhin haben nach wie vor rund zwei Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser.
Insgesamt bedeutet das jedoch nicht, dass Mikropartikel im Trinkwasser als harmlos und als völlig irrelevant für die Gesundheit zu bezeichnen wären. Es zeigt allerdings auf, dass Vorkommen und Verbreitung von Mikroplastik gerade im Trinkwasser im Zusammenhang mit gesundheitlichen Effekten noch viel genauer untersucht werden müssen. Speziell ist die Frage zu klären, wie diese Partikel überhaupt ins Trinkwasser gelangen, damit möglichst rasch Abwehrmaßnahmen definiert und umgesetzt werden können.
Ich bin offen gesagt kein großer Fisch-Fan, aber nach allem, was du erzählst, heißt das eigentlich: Wenn man Mikroplastik vermeiden will, sollte man Fisch von der Speisekarte streichen, oder sehe ich das falsch?
Der Verzehr eines einzelnen Fisches ist sicher kein Problem. Was die Teilchen und damit verbundene Stoffe betrifft, ist diese einzelne Quelle mengenmäßig mit großer Wahrscheinlichkeit unproblematisch. Das Problem ist allerdings: Es werden laufend neue Quellen entdeckt. Plastik wird in Oberflächengewässern wie etwa in der Donau nachgewiesen, aber auch im Leitungswasser, in Mineralwässern sowie in verschiedenen Tierarten (Muscheln, Fische, Vögel), andere Forscher wiederum haben Mikroplastik in Salz, Bier oder Honig nachgewiesen. Angesichts dieser zahlreichen möglichen Aufnahmequellen könnten die aufgenommenen Plastikteilchen eine Menge erreichen, die dann möglicherweise doch ein gewisses Gesundheitsrisiko darstellen. Derzeit kann man dazu allerdings – leider – noch wenig sagen.
Das klingt alles danach, als würde die Beseitigung von Mikroplastik momentan – aus rein gesundheitlicher Sicht gesehen – nicht unbedingt auf Platz 1 unserer Prioritätenliste stehen?
Primär ist die Gefahr von Mikroplastik tatsächlich eher eine Gefahr für Ökosysteme, erst nachrangig besteht eine Gefahr direkt für die menschliche Gesundheit. Und diese Gefahren gehen nicht nur von Mikroplastik aus, sondern auch von „Makroplastik“.
Jedes Jahr landen rund zehn Millionen Tonnen Plastikmüll in den Weltmeeren. Im Nordpazifik treibt seit Jahrzehnten ein Müllstrudel in der Größe Zentraleuropas. Bedrohlich für kleinste, kleine und große Meeresbewohner. Über 800 Spezies sind von marinen Abfällen betroffen.6 Selbst Strände unbewohnter Inseln vermüllen. Und noch immer ist vieles nur in Ansätzen erforscht, vieles unbekannt, aber plausibel. So ist der Einfluss von Plastik auf das Klima noch ungeklärt. Inwiefern etwa die immer größere Menge an Mikroplastikteilchen in den Meeren zentrale biologische Prozesse stört, wodurch die Rolle der Ozeane als Kohlenstoffsenke beeinträchtigt werden könnte.
„Im Nordpazifik treibt seit Jahrzehnten ein Müllstrudel in der Größe Zentraleuropas.“
Dennoch sind die Folgen auf Ökosysteme im Wasser besser beforscht als die Folgen der Mikroplastikverschmutzung in Ökosystemen in festen Böden. Die Folgen des Mikroplastik-Eintrages in die Bodenstruktur und Lebensgemeinschaften (von Mikroorganismen bis hin zu Regenwürmern) sind praktisch unbekannt. Dabei können die Mikroplastik-Einträge in den Böden je nach Umgebung deutlich stärker sein als beispielsweise im Meer.
Man muss sich Kunststoffe und ihre Metamorphose ansehen. Wir wissen, dass es eine völlig unkontrollierte Freisetzung von Kunststoffen gibt. Daher gilt es, die maßlose Verwendung von Plastik zu hinterfragen und auch die Sinnfrage stellen – ob man Plastikprodukte nicht einsparen und durch andere Materialien ersetzen kann, die nicht diese gravierenden ökologischen Probleme mit sich bringen. Vor allem muss man sich darüber Gedanken machen, wie die vielerorts völlig desolate „Entsorgung“ endlich deutlich kontrollierter vollzogen werden kann. Und zwar rasch. Und hier ist ebenso die Politik gefragt, die Rahmenbedingungen schaffen muss. Angefangen bei der klaren Kennzeichnung von Ein- und Mehrwegprodukten, Mindestmehrwegquoten, bis hin zum Verbot von Mikroplastik in Kosmetika und Reinigungsprodukten.
Fazit: Sind wir noch zu retten?
Wir Menschen vorerst einmal schon. Aber andere Lebewesen – speziell in unseren Weltmeeren, von der Muschel bis zur Meeresschildkröte – sind es wohl nicht mehr, wenn es so weitergeht.
Heißt also: Bequemlichkeit hin oder her. Wo man im Alltag Kunststoffe einsparen kann, sollte man das unbedingt machen. Auf ein Plastiksackerl kann jeder verzichten. Ganz ehrlich, öfter mal ein Stoffsackerl dabeizuhaben, das ist wirklich keine Einschränkung.
„Ganz ehrlich, öfter mal ein Stoffsackerl dabeizuhaben, das ist wirklich keine Einschränkung.“
WAS TUN?
PLASTIK IM ALLTAG VERMEIDEN
Plastik beim Einkauf vermeiden (z. B. Obst und Gemüse lose kaufen, „Unverpackt“-Läden unterstützen etc.)
Gehen Sie mit Stoffsackerl/Rucksack/Korb etc. einkaufen, anstatt Plastiksackerl zu kaufen (auch im Urlaub).
Auch Verpackungen aus „Bioplastik“ vermeiden
Generell langlebige, hochwertige Produkte bevorzugen (z. B. Möbel, Textilien etc.)
Plastikfreies Spielzeug verwenden und schenken
Kreative, abfallfreie Geschenkverpackungen – oder Zeitungspapier verwenden
Mehrwegglasflaschen statt PET-Flaschen und andere Mehrwegprodukte
Leitungswasser trinken (und Geld und Müll sparen)
Verwenden Sie Kosmetika/Peelings ohne Mikroplastik (Einkaufsratgeber verschiedener Organisationen helfen dabei)
Feste Seife statt Flüssigseife und Duschgel in Plastikverpackungen
Bevorzugen Sie Textilien aus Naturfasern.
Statt „to go“-Bechern sollten Sie sich lieber ein paar Minuten bewusst Zeit nehmen und den Kaffee/Tee in Ruhe – und zwar in der Tasse – genießen.
Reparieren statt wegwerfen
Richtige, ordnungsgemäße Entsorgung von Kunststoff 2
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PESTIZIDE
… in aller Munde
Pestizid-Rückstände in Lebensmitteln sind häufig Thema, wenn es um den Konsum von Obst und Gemüse geht. Soll man dann überhaupt noch Gemüse essen? Für wen sind Pestizide gefährlich? Wird das persönliche Risiko überschätzt? Oder schützen uns ohnedies die Grenzwerte?
INTRO
„Verzeihung, bitte!“ Möglichst höflich versuche ich mir den Weg zu den Obstregalen zu bahnen, konkreter: zu den Äpfeln. Und die Auswahl ist enorm. Aus Italien oder Österreich – wohl keine Frage. Aus der Steiermark oder aus Niederösterreich – für die Weinviertlerin ebenfalls keine schwierige Entscheidung. Doch jetzt wird es herausfordernder: Bio oder nicht bio? Selbstverständlich bio, werden Sie vielleicht sagen, denn da wird auf den Einsatz von Pestiziden verzichtet. Doch dieses Angebot lässt mich vermuten: Viele entscheiden sich für „nicht bio“ – und das kann ja nicht gefährlich sein, sonst würde es nicht bei uns im Supermarkt liegen, oder doch?
Ein kurzer Rempler, und die giftgrünen Granny Smith vor meinen Augen reißen mich aus meinen Gedanken, denn ein älterer Herr neben mir hat soeben seine Entscheidung getroffen. Und zwar: nicht bio. Gut, warum auch nicht. Bio hat schließlich seinen Preis. Bei mir landen trotzdem die niederösterreichischen Äpfel aus Bio-Landwirtschaft im Wagerl. Sicherheitshalber.
Doch wenn sich dieser Gedanke einmal im Gehirn eingenistet hat, dann ist er gar nicht mehr so einfach loszuwerden. Bei den Backwaren wird er gleich wieder unangenehm präsent. Auch hier: Roggenbrot oder Bio-Roggenbrot pur? Beim Käseregal dasselbe Bild: Gouda oder Bio-Gouda? Und natürlich auch beim Kaffee. Ich ziehe meine Entscheidung durch – und die macht sich beim Bezahlen an der Kassa ebenfalls durchaus unangenehm bemerkbar.
Während ich auf die Straßenbahn warte und das Gras sehe, das sich seinen Weg durch die Spalten neben den Schienen bahnt, wird mir bewusst: Auch hier waren wir jahrelang von Pestiziden umgeben. Es ist noch nicht lange her, dass sich etwa die Stadt Wien oder auch die Wiener Linien beim Kampf gegen das Unkraut auch gegen den Einsatz von Pestiziden entschieden haben. Das bedeutet aber andersrum: Jahrelang waren wir dem Pestizideinsatz in der Öffentlichkeit ausgeliefert. Und beim Blick in meine Einkaufstasche frage ich mich: Warum lässt man die Entscheidung über bio oder nicht bio überhaupt bei den KonsumentInnen? Gibt es also Lebensmittel, die sicherer sind als andere? Ich merke, wie bei all diesen Gedanken ein wenig Ärger in mir aufsteigt: Ein wenig zu heftig klopfe ich an die Bürotür von Hans-Peter Hutter – mit vielen Fragen und Bio-Frühstück im Gepäck.
Das Wort Pestizide setzt sich aus dem lateinischen Wort „pestis“ für Seuche und „caedere“ für töten zusammen. Das gibt schon klare Hinweise. Aber was sind Pestizide überhaupt und wofür sind sie da?
Einfach gesagt werden Pestizide eingesetzt, um Pflanzen vor Schaderregern zu schützen. Die Weltgesundheitsorganisation definiert sie genauer als „Stoff oder Stoffgemisch mit chemischen oder biologischen Inhaltsstoffen, welches zur Abwehr, Vernichtung oder Bekämpfung von Schädlingen oder zur Regulierung des Pflanzenwachstums dient“.
Dabei ist es wichtig, zwischen Pestiziden und den eigentlich eingesetzten Wirkstoffen zu unterscheiden: Wirkstoffe sind vorwiegend chemische Verbindungen, die gegen „Schaderreger“ auf Pflanzen oder Pflanzenprodukten wirken. Pestizide hingegen sind „handelsübliche Zubereitungen“, also Gemische aus einem oder mehreren Wirkstoffen. Darin können allerdings zusätzlich weitere Hilfsstoffe enthalten sein, die etwa garantieren sollen, dass die Pestizide z. B. gut auszubringen und lagerstabil sind. Der Großteil der zugelassenen Pestizide enthält nur einen Wirkstoff, bis zu vier Wirkstoffe sind derzeit am Markt.
„Weil sie unter dem Namen ‚Pflanzenschutzmittel‘ verkauft werden, vergisst man oft, dass sie eigentlich zum Abtöten von Lebewesen entwickelt wurden.“
Der Oberbegriff „Pestizide“ umfasst dabei verschiedene Produkte wie etwa Insektizide (Mittel gegen Insekten und deren Entwicklungsstadien), Fungizide (Mittel gegen Pilze) und Herbizide (Mittel gegen „Unkräuter“/Beikräuter).
Weil sie unter dem Namen „Pflanzenschutzmittel“ verkauft werden, vergisst man oft, dass sie eigentlich zum Abtöten von Lebewesen – etwa von Insekten – entwickelt wurden, die sich von Getreide, Obst und Gemüse ernähren. Da diese Insekten aber auch von anderen gefressen werden – Stichwort Nützlinge –, führt das letztlich auch zum Tod ihrer natürlichen Feinde oder anderer Lebewesen, wie etwa unserer Bienen, und als Konsequenz davon zum Aussterben vieler Pflanzenarten.
Welche sind die gängigsten Pestizide, die letztendlich auch auf unsere Teller gelangen?
Wenn man sich die Verkaufszahlen ansieht, so sind es ganz klar Fungizide – gefolgt von Herbiziden, die mengenmäßig am häufigsten gehandelt werden. Was dann tatsächlich auf unseren Tellern landet, ist natürlich abhängig davon, was wir essen, denn es sind ja unterschiedliche Wirkstoffe, die etwa beim Weizen- oder Obstanbau verwendet werden.
Insgesamt sind allein in Europa rund 280 Wirkstoffe zugelassen, etwas mehr als 800 Pestizidmischungen werden unter rund 1600 Handelsnamen verkauft. In anderen Ländern, speziell in Ländern des Globalen Südens, können es deutlich mehr sein.
„Biozide werden auch im Haushalt eingesetzt – besonders beliebt in Form von Gelsensteckern.“
Die Aufnahme von Pestiziden erfolgt hauptsächlich über die Nahrung, vor allem über Obst und Gemüse aus der konventionellen Landwirtschaft. So gelangen sie in den Magen-Darm-Trakt und damit in den Organismus. Was aber oft vergessen wird, ist, dass Biozide auch nicht selten im Haushalt eingesetzt werden. Besonders beliebt in Form von Gelsensteckern. Dann ist auch eine Aufnahme über die Atemwege möglich. Und schließlich sind die freigesetzten Gifte auch im Hausstaub zu finden. Wenn Kinder im Krabbelalter alles in den Mund nehmen, dann nehmen sie Staub und damit auch Pestizide auf.
In der Öffentlichkeit findet leider kaum Beachtung, dass ArbeiterInnen in der konventionellen Landwirtschaft, die Pestizide ausbringen – im Globalen Süden, aber auch bei uns –, direkt und in wesentlich höheren Mengen Pestiziden und damit hohen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt sind.
Wir nehmen Pestizide also praktisch unbemerkt zu uns – aber welche Auswirkungen hat das auf unsere Gesundheit?
Ob Pestizide ein Gesundheitsrisiko für den Menschen sind, hängt davon ab, wie viel in unseren Körper gelangt, also wie viel wir verschlucken, einatmen oder über die Haut aufnehmen.
Sie können akute, aber auch chronische Wirkungen haben. Zu den akuten, rasch auftretenden Effekten zählen Reizwirkungen (z. B. obere Atemwege, Haut), Magen-Darm-Störungen (z. B. Übelkeit, Erbrechen, Durchfall) und neurologische Beeinträchtigungen (z. B. Kopfschmerzen). Diese Effekte treten aufgrund vergleichsweise hoher Exposition auf – beim Konsum von Gemüse und Obst sind solche Beschwerden praktisch ausgeschlossen, bei AnwenderInnen in der Landwirtschaft aber sehr wohl möglich.
Zu den langfristigen Folgen von Pestizid-Belastungen zählen Atemwegsund Hautprobleme, neurologische Defizite, aber auch Beeinträchtigungen des Immun- und Nervensystems (z. B. Parkinson-Erkrankungen) sowie der Fortpflanzungsfähigkeit bis hin zu Krebs, wie etwa Leukämie. Erforscht wurden diese Effekte vor allem anhand von Untersuchungen an LandwirtInnen und LandarbeiterInnen. Deren Belastung ist nicht nur auf die orale Aufnahme beschränkt, hier ist auch die Aufnahme über die Haut und die Atemwege von höherer Bedeutung.
Anteil der Bio-Flächen in der österreichischen Landwirtschaft
Quelle: BMLRT

Sind Kinder denn eigentlich empfindlicher, was Pestizide betrifft?
Kinder sind tatsächlich anfälliger gegenüber den Wirkungen von Pestiziden als Erwachsene. Sie sind im Wachstum und ihre Organsysteme (u.a. auch jene zur Entgiftung) sind noch nicht ausgereift, sondern befinden sich in der Entwicklung. Sie haben auch, abhängig vom Lebensalter, eine erhöhte Stoffwechselrate. So nimmt der Körper über den Magen-Darm-Trakt bestimmte Stoffe schneller und in größeren Mengen auf als bei Erwachsenen. Schadstoffe, die nur langsam abgebaut werden, können daher über einen längeren Zeitraum einwirken, und dadurch – gerade, wenn sie schon früh im Leben einwirken –, auch eher Schäden oder negative Effekte hervorrufen.
„Kinder nehmen bestimmte Stoffe schneller und in größeren Mengen auf als Erwachsene.“
Eine Gefährdung von Kindern durch Pestizide beginnt aber nicht erst mit der selbstständigen Nahrungsaufnahme von entsprechenden Lebensmitteln, sondern häufig schon im Mutterleib. Bereits im Embryonalstadium können sie höheren Pestizidkonzentrationen ausgesetzt sein, etwa wenn schwangere Frauen pestizidbelastete Lebensmittel zu sich nehmen oder beruflich, z. B. in der Landwirtschaft, mit Pestiziden hantieren oder anderweitig in Kontakt kommen.
Das klingt jetzt noch alles recht theoretisch, aber wie hoch ist denn das Risiko wirklich, tatsächlich aufgrund von Pestiziden zu erkranken, etwa an Krebs?
Eine genaue Darstellung oder gar eine Quantifizierung der Folgen für jeden Einzelnen ist selbst für Erwachsene nur sehr schwer möglich – die Beurteilung langfristiger Pestizidrisiken für Säuglinge und Kinder noch um einiges schwieriger. Was man aber jedenfalls sagen kann: Es ist besonders besorgniserregend, wenn man (potenziell) krebserregenden Substanzen bereits im frühen Lebensalter ausgesetzt ist. Denn die Betroffenen haben aufgrund der noch vor ihnen liegenden langen Lebensdauer theoretisch eine höhere Wahrscheinlichkeit, einen Tumor „zu erleben“.
Aus der Forschung kann jedoch abgeleitet werden, dass auch eine vorübergehende Belastung mit Pestizidrückständen Entwicklungsstörungen und/oder neurologische Effekte verursachen kann, also durchaus ein bestimmtes Gefährdungspotenzial hat.
„Pestizide sind per se Gifte – und damit höchstwahrscheinlich nie ganz harmlos.“
Leider sind gesundheitliche Auswirkungen in der Regel nicht wirklich offensichtlich und vor allem nicht gleich auf Pestizidkonsum rückführbar. Wenn man nicht hohe Dosen akut zu sich nimmt, dann kann es sehr lange dauern, bis sich Auswirkungen zeigen. Insgesamt ist es immer schwierig, speziell wenn es um die Aufnahme im Alltag geht, also um zum Teil sehr, sehr kleine Mengen. Auch hier ist es ratsam, möglichst pestizidfreie Lebensmittel zu wählen, um auf der sicheren Seite zu sein.
Gibt es denn Pestizide, die für den Menschen nicht giftig sind?
Pestizide sind per se Gifte – und damit höchstwahrscheinlich nie ganz harmlos. Selbst wenn sie nur auf den Stoffwechsel von Pflanzen ausgerichtet sind – wie etwa Glyphosat –, ist eine gewisse Wirkung auch auf tierisches bzw. menschliches Leben nicht ganz ausgeschlossen. Aber ob diese Wirkungen für den Einzelnen gesundheitlich relevant sind, ist natürlich damit verbunden, wie häufig und in welchen Mengen jemand damit in Berührung kommt.
PESTIZID-SCHWARZMARKT – 25 PROZENT DER PESTIZIDE IN EUROPA GEFÄLSCHT
Eine wenig bekannte, gefährliche Seite der Pestizide ist der florierende Schwarzmarkt. Diverse Medien wie der „Spiegel“ berichteten, dass etwa der Hamburger Hafen als Drehscheibe für den illegalen Pestizid-Import nach Europa gilt. Tonnenweise werden dort Pflanzenschutzmittel aus Übersee beschlagnahmt, die bei uns bereits verboten sind.
Der Pestizid-Schwarzmarkt soll außerdem größere Gewinne als der Drogenhandel abwerfen, weil die verwendeten Wirkstoffe billiger sind als die Originale der Agrochemie. Allerdings sind sie auch giftiger.
Obwohl das meiste Schmuggelgut in Osteuropa landet, kann es beispielsweise über importierte Nahrungsmittel auch auf unseren Tellern landen. Europol schätzt, dass etwa 25 Prozent der in Europa eingesetzten Pestizide gefälscht sind.
Aber dafür gibt es ja Grenzwerte, die die Bevölkerung schützen sollen?
Hier kommt wiederum die Europäische Union ins Spiel. Sie legt die Grenzwerte in der EU fest, und auch die Überwachung von Lebensmitteln hinsichtlich ihrer Belastung mit Pestiziden wird durch sie geregelt.
Dass es hier Interessenkonflikte gibt, liegt auf der Hand. Selbst, wenn es eine europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) gibt, die für die wissenschaftliche Ableitung von Grenzwerten zuständig ist. Einflüsse aus der Industrie auf diese Behörde werden immer wieder thematisiert – Stichwort: unangemessene Nähe von EFSA-MitarbeiterInnen zur Industrie. Speziell rund um die Glyphosat-Diskussion sind gewisse Schwächen offensichtlich geworden.
„,Unsere‘ Grenzwerte und Regelungen sind zwar besser als in anderen Regionen der Welt. Aber es gibt Luft nach oben.“
„Unsere“ Grenzwerte und Regelungen sind zwar besser als in anderen Regionen der Welt. Aber es gibt Luft nach oben – sowohl in Richtung strengerer Grenzwerte als auch, was die Zulassung von Wirkstoffen betrifft.
In Nahrungsmitteln speziell für Kinder, die sich in Entwicklung befinden, sollten aus umweltmedizinischer Sicht die Rückstände ohnehin so weit wie möglich verringert werden, selbst wenn sie festgesetzte Grenzwerte nicht überschreiten. Schließlich sind Mehrfachbelastungen mit Pestiziden und anderen Chemikalien anzunehmen und Kombinationswirkungen selbst in niedrigen Konzentrationen nicht ganz auszuschließen.
Vor allem, wenn es sich um endokrine, also hormonaktive Pestizide handelt, die etwa körpereigene Hormone, wie z. B. Östrogene, imitieren können, muss man davon ausgehen, dass sie bereits bei einer sehr niedrigen Konzentration Auswirkungen auf die Fortpflanzungsfähigkeit sowie auf wichtige Reifungs- und Regulationsprozesse haben können.
Wird bei diesen Grenzwerten wirklich alles berücksichtigt? Ein gespritzter Apfel dort, die Orangenschale da – nehmen wir nicht einen Pestizid-Cocktail zu uns?
Aufgrund der Fülle der Wirkstoffe, aber auch der Mischungen, nämlich dass mehrere Wirkstoffe mit Hilfsstoffen eingesetzt werden, ist das natürlich so eine Sache. Bis ins kleinste Detail kann die Vielfalt an Möglichkeiten, wie ein solcher Cocktail zusammengesetzt ist, nie ganz genau erforscht oder bis in die letzte Auswirkung dargestellt werden. Dazu gibt es einfach zu viele mögliche Kombinationen an Stoffen. Man behilft sich in der Umwelttoxikologie in solchen Situationen, indem man diese Unsicherheiten mit entsprechenden Sicherheitsfaktoren belegt. Die Sicherheitsfaktoren sollen vor allem berücksichtigen, dass etwa tierexperimentelle Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf den Menschen übertragbar sind oder das Zusammenwirken mehrerer Schadstoffe (Kombinationswirkungen) meist nicht ermittelt werden kann.
Aber klar: Auch diese Herangehensweise kann nicht alle Folgen hundertprozentig ausschließen. Daher raten wir UmweltmedizinerInnen schon lange, aus Vorsorgegründen möglichst auf Produkte aus dem biologischen Anbau zurückzugreifen. Diese Empfehlung ist übrigens nicht nur aus gesundheitlichen Gründen wichtig: Auch aus Klimaschutzgründen und zum Erhalt der biologischen Vielfalt sind solche Produkte zu bevorzugen, da die Anwendung von Pestiziden teils schwerwiegende ökologische Folgen nach sich zieht.
Obst und Gemüse sollte man klarerweise immer waschen, aber reicht es, sie unters Wasser zu halten und abzuwischen, ist man die Pestizide dann los?
Gut waschen ist jedenfalls sehr wichtig. Unabhängig von den eingesetzten Agrochemikalien kann Obst und Gemüse auch andere Verschmutzungen aufweisen. Neben Waschen ist auch Schälen eine gute Idee.
„Pestizide sitzen auch unter der Schale.“
Doch viele vergessen oder wissen nicht, dass Pestizide auch „unter der Schale sitzen“ und durch einen oberflächlichen Reinigungsvorgang nicht entfernt werden können. Denn wenn systemisch wirkende Pestizide eingesetzt werden, dann nehmen die Pflanzenwurzeln diese Wirkstoffe mit dem Wasser auf. So können sich die Stoffe über die gesamte Pflanze verteilen und diverse Rückstände in allen Pflanzenteilen hinterlassen. Es sind zwar vergleichsweise weniger Rückstände im Fruchtfleisch zu finden als außen – wenn man aber auf Nummer sicher gehen möchte, dann sind Produkte aus dem ökologischen Anbau zu bevorzugen.
Wir kennen das, man hat eingekauft, ist noch unterwegs und nascht schon mal von den Trauben – ungewaschen, versteht sich. Wie problematisch ist es, wenn wir das hin und wieder machen?
Sehr schlimm ist das sicher nicht. Wichtig ist, dass es nicht zur Gewohnheit wird. Falls man sich überhaupt nicht zurückhalten kann und das Waschen vielleicht auch zu Hause oft vergisst, dann ist das ein weiterer Grund, Obst und Gemüse aus biologischem Landbau zu wählen. Dann muss man sich wirklich keine Gedanken machen.
Manche meinen, dass Obst und Gemüse essen damit gefährlich ist – sollen wir dann überhaupt so viel davon essen?
Die Pestizid-Problematik darf keinesfalls als Ausrede dafür herhalten, dass man noch weniger Gemüse isst, als es hierzulande ohnedies der Fall ist. Statt der empfohlenen fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag werden hierzulande durchschnittlich nur zwei Portionen verzehrt (Österr. Ernährungsbericht 2017). Die Empfehlungen wissenschaftlicher Institutionen wie etwa der Weltgesundheitsorganisation und Ernährungsgesellschaften, am Tag rund 400 bis 650 Gramm Obst und Gemüse zu essen, wird bei uns von kaum jemandem erreicht.
Dabei ist ganz klar: Wer viel Obst und Gemüse isst, lebt gesünder und ist fitter. Nachweislich senkt reichlicher Verzehr von Obst und Gemüse das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Schlaganfall und Bluthochdruck.
Grob vereinfacht gesagt ist der gesundheitliche Nutzen von Obst und Gemüse in der Regel größer als das Risiko, das von Pestizidrückständen ausgehen könnte.
Bei uns landen die Produkte, die mit Pestiziden behandelt wurden, auf dem Teller, aber anderswo auf der Welt arbeiten Menschen mit diesen Pestiziden – was bedeutet das für sie?
Aus ärztlicher Sicht sind Pestizide und Gesundheit ein wichtiges umweltmedizinisches Handlungsfeld, insbesondere im Hinblick auf die Risikogruppe der LandwirtInnen bzw. LandarbeiterInnen. Während bei uns KonsumentInnen klar die Fragen rund um die Rückstände in unseren Lebensmitteln und deren gesundheitliche Auswirkungen in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stellen, werden die Gefährdungen derjenigen, die sie ausbringen, viel weniger beachtet. Ganz zu Unrecht, denn jene, die einige unserer Lieblings-Importprodukte wie Bananen, Kaffee und Kakao produzieren, leiden am meisten unter dem Pestizideinsatz. Und nicht nur sie selber – meist sind deren Familien ebenso gefährdet. So leiden LandarbeiterInnen und Menschen, die neben Feldern wohnen, häufig an Gesundheitsbeschwerden, weil sie Pestiziden ausgesetzt sind. Einerseits direkt, etwa bei der Pestizidausbringung, oder auch indirekt, etwa durch belastetes Wasser, Nahrungsmittel oder Kleidung.
Das Tragische ist, dass in manchen Ländern des Globalen Südens dort mit Pestiziden hantiert wird, die in Europa zum Teil schon verboten sind. Das Gesundheitsrisiko (Tumorerkrankungen, neurologische Erkrankungen, Beeinträchtigung der Reproduktion) resultiert nicht nur aus dem Kontakt mit gesundheitsbedenklichen Pestiziden bei der Ausbringung, sondern auch aus den schlechten Arbeitsbedingungen (lange Arbeitszeiten, Unterbezahlung, fehlender Arbeitnehmerschutz), die mit beträchtlichen Belastungen verbunden sind. Davon betroffen sind auch empfindliche Bevölkerungsgruppen wie Kinder, Schwangere und ältere Personen.
Dazu kommt, dass LandarbeiterInnen in Ländern des Globalen Südens kaum über die Gesundheitsrisiken durch Pestizide informiert sind: Es existieren praktisch keine oder nur unzureichende Schulungen durch die Arbeitgeber, sprich, sie haben keine Ahnung, womit sie eigentlich arbeiten und welchem Risiko sie sich aussetzen. Ebenfalls praktisch unauffindbar sind die Bestimmungen zum Arbeitnehmerschutz, wie sie bei uns üblich und vor allem rechtlich verbindlich sind. Warnhinweise auf den Pestizid-Gebinden sind häufig nutzlos, da viele der AnwenderInnen nicht lesen können. Die Pestizide werden auf Märkten frei verkauft – auch bei uns schon längst verbotene Wirkstoffe wie etwa Paraquat und Endosulfan.
„Jene, die unsere Lieblings-Importprodukte wie Bananen, Kaffee und Kakao produzieren, leiden am meisten unter dem Pestizideinsatz.“
Das hängt auch damit zusammen, dass das Bewusstsein für die Gefahren bei den Arbeitgebern ebenfalls nur in geringem Maße vorhanden ist. Diverse Lebensumstände (Armut, hohe Arbeitslosenrate, geringe Bildung) begünstigen zusätzlich einen „sorglosen“ Umgang (mangelhafte/fehlende Vorsorge- und Schutzmaßnahmen) der LandarbeiterInnen mit Pestiziden.7 Während in Europa also Mindestanforderungen an die persönliche Schutzausrüstung im Pflanzenschutz auch rechtlich vorgeschrieben sind, fehlen solche Vorgaben in anderen Weltregionen oder sind nur rudimentär vorhanden.
DEEP DIVE: PESTIZIDAUSBRINGUNG KANN AUCH DIE NACHBARSCHAFT GEFÄHRDEN
Eine Reihe von Untersuchungen wiesen schon vor einiger Zeit darauf hin, dass die gesundheitlichen Risiken nicht nur auf die PestizidanwenderInnen selbst beschränkt sind, sondern sich auch auf die benachbarte Bevölkerung der Anbaugebiete erstrecken können.
In einer epidemiologischen Studie8 wurden rund 1000 kalifornische Familien hinsichtlich des Auftretens von Entwicklungsstörungen bei Kindern untersucht, deren Mütter näher oder weiter entfernt von mit Bioziden „behandelten“ landwirtschaftlichen Flächen wohnten. Im Studiengebiet wurden vorwiegend Pestizide aus der Gruppe der Organophosphate, Pyrethroide und Carbamate verwendet.
Mittels Fragebogen wurde erhoben, wo sich die Mütter während ihrer Schwangerschaft aufgehalten hatten. Daraus wurden Verknüpfungen zwischen den Einsatzgebieten bestimmter Pestizide und der Häufigkeit und räumlichen Verteilung mentaler Entwicklungsstörungen erstellt. Untersucht wurden u.a. Autismus-Spektrum-Störungen. Dabei handelt es sich um Entwicklungsstörungen, die von leichten Verhaltensauffälligkeiten bis zu schweren Behinderungen (in sozialen Interaktionen etc.) reichen können.
Die Analysen waren durchwegs beunruhigend: Sie zeigten, dass Mütter, die während ihrer Schwangerschaft im Umkreis von 1,25 bis 1,75 Kilometer von landwirtschaftlichen Flächen (mit Pestizideinsatz) gelebt hatten, ein durchschnittlich um zwei Drittel höheres Risiko hatten, ein Kind mit Autismus oder einer anderen geistigen Entwicklungsstörung zu bekommen. Kurz gesagt: Je weiter entfernt die Mütter von den Anbauflächen lebten, desto geringer das „Autismus-Risiko“ für das Kind (und umgekehrt). Die Effekte scheinen besonders dann gravierend zu sein, wenn Pestizide im zweiten und dritten Schwangerschaftsdrittel einwirken.
Pestizide und ihre Verbreitung in der Umwelt

GLYPHOSAT – das meistversprühte Pestizid der Welt
Das mittlerweile wohl berühmteste Pestizid ist Glyphosat. In den USA laufen bereits tausende Klagen wegen Gesundheitsschäden. Wissen wir nun wirklich, wie gefährlich es ist? Und warum ist es so schwer, diese Frage klar zu beantworten?
Das hat einige Gründe. Die meisten aussagekräftigen Humanstudien, die sich speziell mit der Frage der Tumorentstehung beschäftigen, wurden im Rahmen von Arbeitsplatz-Untersuchungen durchgeführt. Die untersuchten Personengruppen (LandwirtInnen und LandarbeiterInnen) sind viel höheren Belastungen ausgesetzt als wir KonsumentInnen durch Rückstände in Lebensmitteln. Schon aus diesem Grund ist es nicht einfach, die Studienergebnisse von der einen Gruppe auf die andere zu übertragen.
Die Einschätzung möglicher Gesundheitsrisiken des Wirkstoffes Glyphosat wird zusätzlich dadurch erschwert, dass der Wirkstoff in den experimentellen Studien oft „isoliert“, also für sich allein, beurteilt wird. Im Alltag kommt der Wirkstoff aber nicht ohne Zusatzstoffe in den Handel, und damit sind Natur und Mensch nie nur Glyphosat alleine ausgesetzt. Deshalb ist es essenziell, das Zusammenspiel des Wirkstoffs mit den anderen beigemengten Stoffen zu untersuchen.
Im Fall von Glyphosat kommt das Pestizid unter verschiedenen Handelsnamen auf den Markt, bekanntester Vertreter ist „Roundup“. Die gehandelten Produkte enthalten unterschiedliche Mengen an Glyphosat und an Hilfsstoffen. Das Problem ist: Welche Zusatzstoffe in welchen Mengen verwendet werden, bleibt von den Herstellern unveröffentlicht – sie berufen sich auf das Geschäftsgeheimnis.
Erschwerend kommt hinzu, dass das Totalherbizid oft nicht das einzige Pestizid ist, das vor Ort ausgebracht wird. Und dann haben wir wieder dasselbe Problem: Man weiß nicht, wie dieser Pestizid-Cocktail wirkt. Denn es hat sich gezeigt, dass die Kombination verschiedener Pestizide gesundheitlich andere Auswirkungen haben kann, als die einzelnen Spritzmittel alleine betrachtet vermuten ließen.
Die Internationale Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation stufte Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ für Menschen ein (IARC WHO 2015). Dieses Gremium bewertet die Beweislage und sieht die wissenschaftlichen Belege als ausreichend dafür, dass Glyphosat Krebs beim Menschen auslösen könnte. Damit wird zwar nicht das Risiko bewertet, tatsächlich an Krebs zu erkranken, aber immerhin müsste diese Bewertung Anlass sein, entsprechende Schutzmaßnahmen einzuleiten. Sollte man jedenfalls meinen. Doch passiert ist das nicht: International war man mehr darum bemüht, diese Einstufung zu relativeren, als vorsorglichen Gesundheitsschutz zu betreiben. Beispielsweise schreibt das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (2016), „dass nach derzeitiger wissenschaftlicher Kenntnis bei bestimmungsgemäßer Anwendung von Glyphosat kein krebserzeugendes Risiko für den Menschen zu erwarten ist“.
„Die Hersteller berufen sich auf das Geschäftsgeheimnis.“
Was soll man nun mit dieser Aussage anfangen? Vor allem lässt sie so einiges offen, speziell, was die Ausbringung in den Ländern des Globalen Südens betrifft. Gerade dort wurde vielfach gezeigt, dass die PestizidanwenderInnen praktisch ohne Schutzmaßnahmen und ohne jegliches Wissen um die Gefährlichkeit den Stoffen ausgesetzt sind. Die Voraussetzung einer „bestimmungsgemäßen Anwendung“ ist daher realitätsfremd und eher als Abwiegelungsversuch zu werten. Denn eine Einschätzung eines Gesundheitsrisikos muss alle Risikogruppen im Fokus haben. Das bedeutet, dass man daraus abgeleitete Handlungsempfehlungen – im Sinne der öffentlichen Gesundheit – jedenfalls auch an die Gegebenheiten anpassen muss, vor allem sollten sie vorsorgeorientiert sein. Schließlich ist das hochwirksame Totalherbizid weltweit eines der am häufigsten eingesetzten Pestizide. Damit ist auch davon auszugehen, dass es eine große Anzahl Menschen gibt, die einer nicht unerheblichen Belastung ausgesetzt sind.
Eines kann man aber mit Sicherheit sagen: Es ist äußerst schwierig, solche komplexen wissenschaftlichen Sachverhalte in der Öffentlichkeit darzustellen. Vor allem dann, wenn namhafte Institutionen einander widersprechen und Aussagen durch Spitzfindigkeiten relativieren.
Wie funktioniert Glyphosat genau? Und war nicht von Anfang an klar, dass ein Mittel, welches so gut Pflanzen abtötet, auch für den Menschen nicht unbedenklich sein kann?
Das Breitband-Herbizid Glyphosat wurde in den 1970er Jahren entwickelt. Es hat für viele Pflanzen eine tödliche Wirkung, denn es hemmt ein lebenswichtiges pflanzliches Enzym. Innerhalb weniger Tage stirbt die Pflanze ab. Da es diesen Stoffwechselweg nur bei grünen Pflanzen gibt, nahm man damals an, dass Glyphosat für Mensch und Tier unbedenklich sei.9 Zweifel kamen erst nach Experimenten an menschlichen und tierischen Zellkulturen auf, bei denen Glyphosat gemeinsam mit seinen handelsüblichen Zusatzstoffen eingesetzt wurde. In dieser Zubereitung konnte Glyphosat besser in die tierischen Zellen eindringen und führte dort zu einer Reihe von unspezifischen Schäden – es gab also kein bestimmtes Zielmolekül, das besonders betroffen war, sondern eine ganze Bandbreite von Molekülen, die angegriffen wurden.
Verschiedene Studien zeigten, dass die Kombination von Glyphosat mit Zusatzstoffen stärkere Effekte hatte als der Wirkstoff alleine.10 Und genau dieser Befund könnte beigetragen haben, Langzeitwirkungen zu unterschätzen. Wenn beispielsweise bei der Berechnung der akzeptablen täglichen Aufnahme nur der aktive Wirkstoff Glyphosat berücksichtigt wird, nicht aber die gesamte, im Handel verkaufte Mischung, dann wird man der Expositionssituation nicht gerecht. Zusätzlich kann die Giftigkeit von Glyphosat auch durch die häufige kombinierte Einwirkung mit anderen Pestiziden verändert werden.11
„Bisher wurden zahlreiche Schadwirkungen beschrieben, mit denen man ursprünglich einfach nicht gerechnet hatte.“
Bisher wurden zahlreiche Schadwirkungen von Glyphosat beschrieben, mit denen man auf Basis des Wirkmechanismus ursprünglich einfach nicht gerechnet hatte. Zu den am besten untersuchten Effekten gehören krebserregende und hormonelle Wirkungen sowie Effekte auf Mikroorganismen. Weniger bekannt sind Hinweise auf Wirkungen, die das Herz-Kreislauf-System12, den Atemtrakt13, das Nervensystem14 und die Nierenfunktion betreffen.15
Dadurch, dass Glyphosat aber so gut wirkt, also Pflanzen abtötet, und dabei nicht zwischen „guten“ Nutzpflanzen und „bösem“ Unkraut unterscheidet, musste man Nutzpflanzen eine Toleranz gegenüber Glyphosat gentechnisch „einbauen“ – nur so konnte Glyphosat als „Total-Herbizid“ im Ackerbau überhaupt erst eingesetzt werden.
Glyphosat-Absatz in Österreich (Menge in Tonnen)
Quelle: AGES

Doch die Natur lässt sich das nicht ohne Weiteres gefallen: Denn Resistenzen gegen das Herbizid nehmen nun auch unter Pflanzen zu, die für die Landwirtschaft besonders störend sind.16 Gerade bei Glyphosat hat sich in den letzten Jahren eine Verbrauchssteigerung gezeigt – statt der von der Gentechnik versprochenen Einsparung.17 Es bestehen daher zunehmend Sorgen über mögliche langfristige Auswirkungen auf die komplexen Bodenökosysteme.
DEEP DIVE: GESUNDHEITSRISIKEN VON GLYPHOSAT
Krebserregende Wirkung
Die Internationale Agentur für Krebsforschung (International Agency for Research on Cancer, IARC) stufte Glyphosat als Stoff der Gruppe 2A (wahrscheinlich krebserzeugend für den Menschen)18 ein. Was die Wirkung auf den Menschen betrifft, stützt sich diese Klassifikation zwar auf begrenzte Erkenntnisse (insbesondere bezüglich Non-Hodgkin-Lymphomen), Ergebnisse aus Tierexperimenten wurden allerdings als ausreichend für diese Einstufung angesehen. Die wenigen vorhandenen Studien an Menschen wurden vor allem an LandarbeiterInnen durchgeführt. Sie zeigen aber alle ein ähnlich beunruhigendes Bild – ebenso wie einige Bioeffektstudien: Sie weisen auf ein erhöhtes Krebsrisiko hin.19
Nicht zuletzt nahm auch das Office of Environmental Health Hazard Assessment in Kalifornien Glyphosat in die Liste der krebserzeugenden Chemikalien auf20, obwohl dies der Konzern Monsanto (der mittlerweile vom deutschen Konzern Bayer übernommen wurde) auf gerichtlichem Weg verhindern wollte.
Hormonelle Wirksamkeit
Ähnlich wie beim Krebsrisiko ist auch hier die Erkenntnislage noch etwas unsicher. Herkömmliche Tests verneinen ein endokrines, also hormonelles Wirkpotenzial. Allerdings fanden verschiedene Arbeitsgruppen Hinweise, dass Glyphosat bzw. Glyphosatzubereitungen indirekt hormonelle Funktionen stören können21, bzw. dass verschiedene Schadwirkungen des Stoffes zum Beispiel geschlechtsabhängig sind22 – ebenfalls ein Hinweis auf eine hormonelle Wirkung. Der Wirkmechanismus ist bislang aber weitgehend unbekannt. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass Glyphosat auch die Entwicklung und das Wachstum von Organismen beeinträchtigen kann.23
Antibiotika-Resistenz
Eine bisher kaum erforschte Facette rund um Gesundheitsrisiken von Pestizidanwendungen sind Überlegungen zur unabsichtlichen Herbeiführung von Antibiotika-Resistenzen. In einer Studie24 gingen Forscher der Frage nach, wie Bakterien auf Antibiotika reagieren, wenn gleichzeitig Herbizide (Glyphosat, Dicamba, 2,4-D) verabreicht werden. Glyphosat steigerte das Bakterien-Wachstum (Salmonella, E. Coli), obwohl diese mit Antibiotika behandelt wurden. Das bedeutet, dass es durch Wechselwirkungen zur Entstehung multiresistenter Krankheitserreger kommen kann. Auch die Bakterien-Flora im menschlichen Körper könnte somit beeinträchtigt und verändert werden.25
Es gibt zu Glyphosat nun also unzählige Studien, Erkenntnisse und Einschätzungen – was soll man jetzt damit tun?
Das Beispiel Glyphosat zeigt besonders deutlich, dass unsere Annahmen über toxische Wirkmechanismen, die der ursprünglichen Einstufung eines Stoffes zugrunde liegen, vereinfachend und deshalb falsch sein können. Die Wirklichkeit ist viel komplexer, und leider erkennen wir oft erst viel zu spät, dass mit dem großflächigen Einsatz von Wirkstoffen bzw. Wirkstoffkombinationen unerwartete ökologische, aber auch gesundheitliche Probleme auftauchen.
„Die Einstufung als ‚wahrscheinlich krebserregend‘ muss ernst genommen werden.“
Aufgrund des Fehlens eines bekannten Wirkmechanismus, mangelhafter Datenlage und gleichzeitigem Verdacht von Einwirkungen auf sensible Organsysteme (Fortpflanzungsfähigkeit) und einer wahrscheinlichen krebserregenden Wirkung ist eine vorsorgeorientierte Betrachtung dringend notwendig. Und die Schlussfolgerungen der IARC sind wissenschaftlich fundiert und von hoher Bedeutung. Die Einstufung als „wahrscheinlich krebserregend“ muss daher ernst genommen werden, insbesondere, was die weitere Zulassung in Europa betrifft. Das bedeutet auch, auf jeder (administrativen) Ebene alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um die Ausbringung und damit die Exposition der Bevölkerung gegenüber Glyphosat bzw. dessen Zubereitungen zu verringern.
Und das ist aus ökologischer, aber auch aus ärztlicher Sicht aufgrund der vielen möglichen negativen Auswirkungen auf die Gesundheit – besonders auf Risikogruppen – dringend zu unterstützen.
Fazit: Sind wir noch zu retten?
An dieser Stelle: ein klares Ja. Wir können uns und unsere Natur retten und die Situation für alle verbessern. Und dazu braucht es eigentlich nicht viel: Es genügt eine konsequente, mäßige Umorientierung unserer Einkaufsgewohnheiten. Obst und Gemüse biologisch, regional und saisonal einkaufen. Etwas mehr nachdenken und auch das Bewusstsein der anderen beeinflussen. Und damit leisten wir auch unseren Beitrag, um die Landwirtschaft in eine klima- und gesundheitsfreundliche Bahn zu lenken – und damit die Gefährdung von LandwirtInnen, LandarbeiterInnen und deren Familien durch Chemikalien zu reduzieren.
Als KonsumentInnen sind wir damit automatisch weniger Pestizid-Rückständen ausgesetzt, die sich in Lebensmitteln finden, und gleichzeitig unterstützen wir die Umwelt und Biodiversität, also die biologische Vielfalt. Und das kommt letztlich uns allen zugute.
WAS TUN?
TIPPS, UM DIE AUFNAHME VON PESTIZIDEN ZU MINIMIEREN
Gut waschen ist immer wichtig. Wasser reicht hier aus. Manche verwenden auch Backpulver zum Abwaschen etwa von Äpfeln, was ebenso wirkungsvoll ist.
Biologisch erzeugte, regionale, saisonale Produkte prinzipiell bevorzugen.
Bio-Produkte sind speziell ratsam, wenn es beispielsweise um die Schalen von Zitrusfrüchten zum Verzehr oder zur Verwendung in Getränken geht.
Nach dem Schälen, beispielsweise von Zitrusfrüchten, ist es empfehlenswert, die Hände zu waschen, um eine Übertragung von Rückständen auf das Fruchtfleisch zu vermeiden.
Schälen von Obst und Gemüse, bei dem die Schale genießbar ist, ist nicht unbedingt notwendig.
Mehr und abwechslungsreich Obst und Gemüse essen fördert die Gesundheit, macht uns fitter und hilft unserem Immunsystem insgesamt. Dadurch erhöht sich auch die eigene Widerstandskraft gegen diverse Umwelteinflüsse.
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LEICHT- & SCHWERMETALLE
Alltagsbegleiter Aluminium, Quecksilber & Blei
Blei im Trinkwasser, Quecksilber in Fischen, Cadmium in Farben, Aluminium in Deos – Metalle sind durch Bergbau, industrielle Prozesse und Straßenverkehr unsere täglichen Wegbegleiter geworden. Wie schädlich sind sie für unsere Gesundheit?
INTRO
Aqua, Isoceteth-20, Paraffinum Liquidum, Glyceryl Isostearate. Nein, ich stehe nicht in einem Chemielabor, sondern in der Drogerie vor dem Deodorant-Regal. Was die Sache nur bedingt vereinfacht, denn um die richtige Wahl bei Körperpflegeprodukten zu treffen, ist man als Chemikerin heutzutage scheinbar klar im Vorteil. Nachdem ich von Chemie aber nur wenig Ahnung habe, ist es eigentlich nur ein Wort, nach dem ich Ausschau halte: Aluminium. Ein Zusatzstoff, der bis vor wenigen Jahren fixer Bestandteil nahezu jedes Deos war – soll er doch Schweißgeruch binden und auch jene unschönen Flecken verhindern, die jedes noch so weiße Oberteil bald abgetragen und – sagen wir es, wie es ist – wenig appetitlich aussehen lassen.
Doch nun ziert immer mehr Packungen die Aufschrift „0 % Aluminium“. Was ist eigentlich passiert, dass Aluminium plötzlich so in Verruf geraten ist? Haben wir als Kind nicht alle unser Pausenbrot in Alufolie gewickelt in die Schule mitbekommen? Ganz zu schweigen von Aluminium-Schalen, die viele gerne beim Grillen verwenden? Doch dann sahen ForscherInnen in Aluminium plötzlich Gefährdungspotenzial: Es könnte krebserregend sein. Und nun stehen wir an derselben Stelle, wie so oft: Kann etwas, das offenbar gefährlich ist, VerbraucherInnen im Markt angeboten werden? Und wie so oft lautet die Antwort wohl: Ja, weil die Gefährlichkeit nicht vollständig bewiesen ist. Dennoch, der Druck auf den Markt und der Wunsch nach Deos, die ohne dieses Leichtmetall auskommen, sind offenbar so groß, dass viele Hersteller ihr Sortiment verändert haben und es nun eine große Auswahl an aluminiumfreien Deos gibt. Und auch ich greife nach einem „ohne“ – sicherheitshalber. Und weil ich sie gerade im Regal gegenüber sehe: Auch in aufhellender Zahnpasta findet sich Aluminium.
Der Einkauf wäre geschafft, der Blick auf die Uhr sagt: spät dran. Und prompt laufe ich beinahe in einen Bauarbeiter, der Rohre aus einem der vielen Wiener Gründerzeithäuser trägt, die laufend saniert werden. Und hier trifft man leider nach wie vor auf ein Schwermetall, das sehr toxisch für den Menschen ist – und zwar erwiesenermaßen: Blei. Denn während alle Wasserleitungen aus Blei bis direkt zu den Häusern von der Stadtgemeinde Wien bis 2007 getauscht worden sind, sind für die Hausinstallationen innerhalb der Häuser die HauseigentümerInnen selbst zuständig. Und viele Wasserproben belegen: Bleileitungen gehören noch nicht der Vergangenheit an.
„Ja, bitte, ein Glas Wasser“, sage ich, nachdem ich dem Baustellen-Wahnsinn entkommen bin und endlich in Hans-Peter Hutters Büro sitze. Er lässt den Wasserhahn laufen: Zehn, zwanzig, dreißig Sekunden, bis es wirklich kalt ist. Und frisch. „Man weiß ja nie, was sich aus den Rohren in das abgestandene Wasser löst“, erklärt er und hält mir das Glas mit eiskaltem Leitungswasser entgegen. Ich finde diesen Satz durchaus ein wenig beunruhigend.
1 GRUNDBEGRIFFE
Wir reden hier über Schwer- und Leichtmetalle – aber hängt die Einstufung tatsächlich mit dem Gewicht zusammen? Wann wird ein Metall als Schwermetall bezeichnet?
So einfach die Frage, so überraschend die Antwort: Eine allgemeingültige Definition gibt es nicht. Üblicherweise werden diese Metalle nach der Dichte, dem Atomgewicht oder nach der Ordnungszahl zusammengefasst. Meistens werden Metalle mit einer Dichte über 5,0 g/cm3 als Schwermetalle bezeichnet. Einige Definitionen beziehen sich aber auch auf deren chemische Eigenschaften oder auf ihre Toxizität.
In der Bevölkerung und in der öffentlichen Diskussion werden unter „Schwermetallen“ vor allem „giftige Metalle“ verstanden. Eine solch einseitige Bezeichnung ist aber durchaus problematisch, da etliche dieser Elemente ja auch essenzielle Spurenelemente für den Menschen sind – und damit lebensnotwendig.
Zu den „Schwermetallen“ werden unter anderem Antimon, Arsen, Blei, Cadmium, Chrom, Eisen, Kobalt, Kupfer, Molybdän, Nickel, Platin, Quecksilber, Vanadium, Wismut und Zink gerechnet.
Das heißt, theoretisch brauchen wir auch Spuren von diesen Metallen in unseren Körpern – so eigenartig das klingen mag. Aber wie nehmen wir sie auf?
Viele Gesteinsarten der Erdkruste enthalten Schwermetalle. Durch natürliche Verwitterungsprozesse gelangen sie in die Umwelt und landen so letztlich auch in unseren Lebensmitteln. Aber auch durch industrielle Prozesse, angefangen von der Produktion bis hin zur Abfallentsorgung in der Umwelt, finden Schwermetalle ihren Weg in die Luft, in Wasser und Boden und sind schließlich auch in pflanzlichen und tierischen Lebewesen nachzuweisen.
Die Aufnahme von Metallen und Metallverbindungen in den menschlichen Organismus kann somit über alle Routen erfolgen: Bei manchen dominiert die Aufnahme über Nahrung und Trinkwasser (z. B. Arsen, Cadmium), bei anderen jene über die Atemluft (z. B. Nickel). Schwermetalle können sich aber zum Beispiel auch an Partikel anlagern und so mit dem Feinstaub eingeatmet werden – sie werden übrigens auch mit Verkehrsabgasen in die Umwelt eingetragen. Bei anderen Schwermetallen ist sowohl die direkte Exposition über die Atemluft als auch die Umwandlung (z. B. in Methylquecksilber) und Anreicherung über die Nahrungskette zu berücksichtigen.
Mit welchen Schwermetallen wir am häufigsten in Berührung kommen und welche für uns am meisten Relevanz haben, lässt sich gut daraus ableiten, welche Anfragen wir als Umweltmediziner in den letzten Jahrzehnten am häufigsten beantworten mussten: Die meisten Fragen aus der Bevölkerung zu Schwermetallen betreffen Blei (z. B. alte Wasserleitungen) und Quecksilber (z. B. Gehalt in Fischen, Energiesparlampen). Weitere Fragen kreisen um Chrom (z. B. Leder) und Arsen (z. B. Trinkwasser). Aber nicht nur zu Schwermetallen, sondern auch zu Leichtmetallen wie insbesondere rund um Aluminium (z. B. Anti-Transpirantien, Aludosen) werden oft Fragen gestellt.
Nun sind wir ja scheinbar umgeben von Schwermetallen, und ich hoffe mal nicht, dass unsere komplette Umwelt toxisch ist. Die Frage ist also: Schaden Schwermetalle sofort – oder anders: Wie viel an Schwermetallen dürfen in Lebensmitteln enthalten sein, ohne dass sie dem Menschen schaden?
Metalle wie Eisen oder Kupfer sind seit Urzeiten in höheren Konzentrationen in der Umwelt vorhanden und die Organismen haben im Laufe der Evolution über viele Generationen praktisch „gelernt“ bzw. Fähigkeiten erworben, diese Metalle zu integrieren und für vitale Funktionen zu nutzen.
Daher richten nicht alle Schwermetalle, die wir aufnehmen, auch gleich Schäden in unserem Organismus an – im Gegenteil: Einige Schwermetalle sind für viele Lebewesen und auch für uns Menschen sogar lebensnotwendig, wie z. B. Eisen oder Kupfer. Sie sind biologisch essenzielle Stoffe, die erst ab einer Überschreitung des relativ weiten Homöostase-Bereichs, also jenes Bereichs, in dem der Körper im Gleichgewicht ist, gesundheitlich problematisch werden können: So wirken die Schwermetalle dann bei hohen Werten toxisch und lösen bei niedrigen Mangelsyndrome aus.
Allerdings verändert sich unsere Umwelt: So sind Lebewesen, angefangen von Pflanzen über Tiere bis zum Menschen erst seit einer vergleichsweise kurzen Zeitspanne von wenigen Jahrzehnten mit höheren Belastungen an Quecksilber oder Cadmium konfrontiert. Wir sind an diese Situation (noch) nicht angepasst, und so kann unser Organismus diese „unbekannten“ Elemente nicht von „bekannten“, lebensnotwendigen Metallen (z. B. Eisen) unterscheiden und schleust sie in unsere Körper ein, und zwar über die Aufnahmewege, die der Körper sonst für die essenziellen Elemente nutzt. Und das kann Folgen haben: Denn diese Schwermetalle wie Quecksilber, Cadmium oder auch Blei haben keine physiologischen Aufgaben in uns zu verrichten – sie sind somit für uns nutzlos und lagern sich ab. Und so können schon teils sehr geringe Konzentrationen zu messbaren negativen Gesundheitseffekten führen. Dabei sind selbstverständlich Auswirkungen von hohen, einmaligen Dosen, die zu akuten Vergiftungen führen können, anders zu betrachten als kleinste Aufnahmen über lange Zeit: Denn da die Schwermetalle im Körper nicht abgebaut werden können, kann es zu einer Anreicherung und letztlich einer Überschreitung der Toxizitätsgrenzen kommen, sprich zu einer sehr, sehr langsamen Vergiftung.
Damit in der Bevölkerung keine solchen Gesundheitsfolgen auftreten, wird eine wissenschaftliche Risikobewertung durchgeführt, um festzustellen, ob ein Risiko vorhanden und wie groß dieses ist, um es – falls notwendig – eingrenzen und minimieren zu können. Auf diesen Überlegungen basieren letztlich die gesetzlich verbindlichen Höchstgehalte etwa für Quecksilber in Fischen oder für Blei und Cadmium in verschiedenen Lebensmitteln (z. B. Getreide, Gemüse, Obst, Fleisch). Bei Einhaltung dieser Höchstmengen ist dadurch definitionsgemäß auch eine gesundheitliche Gefährdung der Allgemeinbevölkerung nach derzeitigem Wissen auszuschließen.
Nun züchte ich seit Kurzem – mit durchaus bemerkenswertem Erfolg – Tomaten und Kräuter in meinem Garten. Muss ich mir Sorgen machen, dass die Erde – und damit meine Ernte – vielleicht mit Schwermetallen belastet ist?
Diese Frage wird oft dann gestellt, wenn es neuerdings um den Gemüseanbau in Städten geht. Ob es zu einer Anreicherung von Schwermetallen in solchen „urbanen“ Böden und Pflanzen kommt, wird schon lange untersucht26 und es hat sich gezeigt, dass der Schwermetallgehalt des Bodens nicht direkt mit der Belastung des dort angepflanzten Gemüses zusammenhängen muss. Das klingt zwar paradox, aber auf kontaminierten Böden angebautes Gemüse kann durchaus unbedenklich sein, während toxische Konzentrationen auch in Gemüse auf nicht kontaminierten Böden gefunden wurden.
In der Regel häufen sich in Blattgemüse und Kräutern größere, in Wurzelgemüse mittlere und in Hülsenfrüchten geringere Mengen an Schwermetallen an. Trotz dieser Faustregel können nur Analysen verlässlich klären, ob eine gesundheitsrelevante Belastung mit Schwermetallen in Obst und Gemüse vorliegt oder nicht.
„Selbst angebautes Gemüse ist nicht zwingend gesünder als Ware aus dem Supermarkt.“
Fazit ist also: Schwermetallgehalte variieren zwischen einzelnen Obst- und Gemüsearten sowie zwischen Standorten. So kann Gemüse aus innerstädtischen Gärten im Vergleich zu Standard-Supermarktprodukten ein Vielfaches an Schwermetallen angereichert haben. Die Schlussfolgerung ist wenig idyllisch: Selbst angebautes Gemüse ist nicht zwingend gesünder als Ware aus dem Supermarkt.
Jedenfalls wenig überraschend: Je näher eine vielbefahrene Straße liegt, umso belasteter kann das Gemüse sein. Das sollte man beim „Urban Gardening“ beachten.
Werden die Schwermetalle in unserer Umwelt nun generell mehr oder weniger?
In der Biosphäre kommen Schwermetalle und ihre Verbindungen von Natur aus nur in Spuren vor und sind daher im ökologischen Kreislauf auch nur in sehr geringen Konzentrationen anzutreffen. Industrielle Prozesse und speziell Kraftwerke zur Energieerzeugung (z. B. Kohlekraftwerke) waren und sind der Ursprungsort der meisten Schwermetalle.
Durch die Verbrennung fossiler Energieträger zur Energiegewinnung werden mitunter große Mengen an Quecksilber, Cadmium, Arsen, Nickel und Chrom freigesetzt. Auch die chemische und die Elektroindustrie haben in der Vergangenheit teils beträchtliche Mengen an Cadmium in die Umwelt freigesetzt. Dasselbe gilt für Bleiemissionen. So wurden im Jahr 1985 noch insgesamt 332 Tonnen Blei in die Umwelt geblasen, wobei rund drei Viertel des Ausstoßes der Verkehr verursacht hat (verbleites Benzin). Bis zum Jahr 2000 konnte der Ausstoß laut Umweltkontrollbericht 2002 auf nur noch 13,2 Tonnen reduziert werden. Durch den Abrieb von Bremsen und Reifen im Verkehrsbereich finden Blei, aber auch Chrom, Kupfer und Zink nach wie vor ihren Weg in die Umwelt. Diese Trends hängen tatsächlich direkt mit der jährlichen Fahrleistung zusammen.
„Die Klimakrise ist mitverantwortlich für die steigende Quecksilberbelastung.“
Keine Frage: Der Neueintrag von Schwermetallen ist heute durch die Verwendung bleifreien Benzins, durch Einbau hochwirksamer Staubminderungsmaßnahmen oder Stilllegungen von (veralteten) Produktionsstätten zumindest in Mitteleuropa deutlich reduziert. Leider gilt das nicht für andere Weltregionen, wo es bekanntlich aufgrund oft inexistenter Umweltauflagen nach wie vor zu hohen Umwelteinträgen von toxischen Metallen kommt. Und wenn solche Stoffe erst einmal freigesetzt wurden, verbleiben sie auch in der einen oder anderen Form im globalen Ökosystem.
Wenig überraschend ist wohl auch, dass in Österreich erhöhte Schwermetall-Konzentrationen vor allem im Bereich einzelner Industriestandorte auftreten. Quecksilber und andere Schwermetalle können allerdings auch über weite Strecken transportiert werden – selbst die entlegensten Regionen unserer Erde bleiben daher nicht verschont: Über Niederschläge gelangt etwa Quecksilber in die nördliche Polarregion, wo es über Jahrzehnte in Eis und Böden konserviert bleibt. Trotz stark rückgängiger Quecksilber-Emissionen aus Kraftwerken seit den 1970er Jahren sind heute noch höhere Schwermetall-Konzentrationen in der arktischen Tierwelt nachweisbar. Verantwortlich dafür sind die ständig steigenden Durchschnittstemperaturen in der Arktis als Folge des Klimawandels. Permafrostböden tauen auf, Gletscher schmelzen. Ein wenig beachteter Aspekt der Klimakrise – sie ist mitverantwortlich für die steigende Quecksilberbelastung.
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