Kitabı oku: «Das Leben ist ein Abenteuer»
Hans-Peter Vogt
Das Leben ist ein Abenteuer.
Manchmal ist dein Weg vorherbestimmt, aber dann kommt es ganz anders als man denkt
(Teeny Adventure)
Reihe: Die Macht des Tunnels - Band 7
real-utopischer Abenteuerroman / Fantasy
Deutsche Ausgabe / überarbeitet für e-Book / Alle Rechte vorbehalten / ISBN 978-3-942652-52-0 / Empfohlen ab 15 Jahren
© vogt multimedia verlag, Dr. Hans-Peter Vogt, Erlenweg 18, 64354 Reinheim / Umschlagentwurf und e-Book-Konvertierung: © vogt multimedia design
Das eBook ist erhältlich in über 1000 e-Bookshops in Europa und weltweit, sowie direkt im Verlag unter www.vogt-multimedia-verlag.de und im Shop www.fahrrad-dvd.de / Leser können unter diesen Adressen auch das gedruckte Buch unter der ISBN 978-3-942652-34-6 bestellen, wahlweise auch im Buchhandel
empfohlene Schriftart für das e-Book: Verdana
Inhaltsangabe
Cover
Titel und Impressum
Inhaltsangabe
Einleitung
Kapitel 1. Nils. Kickboxen und andere Spielarten
Kapitel 2. Action. Geheime Operationen und geheime Kräfte
Kapitel 3. Nils und Helen. Die Liebe kommt, wenn man nicht damit rechnet
Kapitel 4. Der Neubeginn. Viel Glück und lauter neue Projekte, die Mut machen
Kapitel 5. Ein gutes Zwischenstadium. Mehr Ideen, mehr Projekte, mehr Erfolge
Kapitel 6. Der Griff nach der Macht, und der Beginn einer neuen Welt für Nils und Helen
Nachwort
Anhang (A) Die handelnden Personen im Buch
Anhang (B) Städtenamen, Seen, sonstiges
Anhang (C) Der Autor
Einleitung
Dieser Band 7 handelt von der Familie und den Freunden von Dennis. Der Held des Buches ist sein Sohn Nils, der in Berlin aufwächst. Das Buch beginnt im Sommer 2030. Nils ist gerade mal 13 ½. Das Buch endet 2040. In diesen zehn Jahren wird viel passieren. Nils macht seine ersten Erfahrungen mit Liebe und Sexualität, und das ist in diesem Alter eine ganz wichtige Erfahrung. Er ist aber auch ein Teil dieser „Familie“ aus vielen Freunden, die zusammen das Musikzentrum in Berlin betreiben, besuchen und nutzen, das in Berlin zur ersten Adresse gehört, wenn es um Jugendkultur geht. BMX, Skateboard, Tanz und Musik bis zum Abwinken.
Nils beginnt für seine Familie bald neue Aufgaben zu übernehmen. Seine übernatürlichen Kräfte helfen ihm dabei. Er bleibt dabei ein normaler Junge, mit Hoffnungen und Wünschen, wie das alle haben. Es gibt gewagte und gefährliche Manöver, und Nils bezieht manchmal ziemlich heikle Positionen. Nicht immer ist sein Vater glücklich über das was da geschieht.
Nils hat - wie alle seine Geschwister - diese übernatürlichen Kräfte der Familie geerbt. Sie können sich in Tiere verwandeln, und sie können durch den Raum gehen. Verwandelt als giftige Spinne, Tarantel oder Schlange, können sie tödliche Bisse setzen, oder andere Menschen mit durch den Raum nehmen. Die Kinder haben jedoch unterschiedliche Interessen, und sie haben eigene Schwerpunkte gesetzt.
Als Teil dieses Clans aus Freunden muss Nils auch spannende Abenteuer bestehen. Es gibt in Berlin verschiedene Jugendbanden. Es gibt illegalen Menschenhandel. Es gibt Drogen. Es gibt die verschiedenen Mafiaorganisationen, wie die Russen und die Chinesen, die bald mit Maschinenwaffen um die Macht in der Stadt kämpfen. Die Mafia ist manchmal sehr brutal und menschenverachtend, und die Familie von Nils mischt sich heimlich und hoffentlich unerkannt ein...
Auch Nils exponiert sich.
Kapitel 1. Nils. Kickboxen und andere Spielarten
1.
Nils war heute in der Schule unaufmerksam. Er war hier gut angesehen und etliche seiner Mitschüler waren regelmäßig an den Nachmittagen im Musikzentrum, in dem Nils mit seiner Familie wohnte. Sie trafen sich auf den Halfpipes oder bei Konzerten. Mal in Aysas Imbiss oder bei Tanzaufführungen. Eigentlich hatte Nils in der Schule sonst gar keine Probleme, aber heute war er wirklich zerstreut.
Er wachte aus seinen Gedanken auf, als er von dem Lehrer zum zweiten Mal angesprochen wurde. „Nils. Was ist heute los mit dir? Kannst du uns mal den nächsten Absatz vorlesen und übersetzen?“
Nils schreckte auf, dann sah er in sein Buch und begann. Er wurde von seinem Nachbarn in die Seite gestoßen. „Da doch nicht, hier sind wir. Er zeigte mit dem Finger auf den nächsten Absatz.“
„Halt, halt,“ meinte der Lehrer. „Irgendwie scheinst du heute zu schlafen. Also lies bitte diesen Absatz und den nächsten und übersetze beides.“
Nils atmete tief durch. Das war russisch. Es fiel ihm leicht, weil er mit Hilfe seiner geheimen Kräfte alle Sprachen im Handumdrehen erlernen konnte. Auch die kyrillische Schrift machte ihm keine Probleme. Er begann zu lesen und übersetzte dann die zwei Abschnitte.
Der Lehrer nickte. „Wenn das alle so fließend hinbekommen, dann seid ihr alle ein Stück weiter.“ Er sah Nils an. „Geht’s jetzt wieder, oder soll ich dir ein Kissen holen?“
Ein paar Schüler in der Klasse lachten, und Nils hob beschwichtigend die Hände. „Tut mir leid. Ich geb’ mir Mühe.“
Nach der Stunde wurde Nils von dem Lehrer zu sich gerufen. „Ist irgendwas, was du mit mir besprechen willst?“ Nils bedauerte. „Tut mir wirklich leid Herr Thielmann. Im Moment gibt’s zu Hause Probleme. Vater und ich, wir suchen nach einer Lösung, aber manchmal ist das gar nicht so einfach. Bitte entschuldigen Sie. Ich werde mir mehr Mühe geben.“
„Du weist, dass es nicht um deine Note geht. Du bist mein bester Russisch-Schüler. Aber das klingt, als wenn du im Moment auch in den andern Fächern nicht ganz da bist.“
Nils nickte. „Stimmt. Ich hab’ da einen Durchhänger. Ich hoffe, es kommt bald alles wieder in Ordnung.“
Als er in die Pause ging, wurde er von Tina angesprochen. „Sehn wir uns heute Nachmittag im Zentrum?“ Tina war dunkelhaarig und hübsch. Sie hatte das Herz auf dem rechten Fleck und versprühte Lebenslust und Witz. Etliche der Mitschüler träumten nachts von einer Beziehung mit Tina.
Nils wusste, dass Tina in ihn verschossen war. Sie war ganz in Ordnung. Er traf sich manchmal mit ihr auf der Halfpipe. Sie hatten schon einige Konzerte besucht. Er hatte sie ein par mal geküsst, aber er war nicht in Tina verliebt und heute hatte er Training. „Vielleicht heute abend. Wir telefonieren, ja?“
2.
Nach der Schule schnappte sich Nils das Skateboard und kurvte zur nächsten Haltestelle. Heute wollte er mit dem Bus fahren. Es ging ihm soviel durch den Kopf. Er setzte sich ganz hinten hin auf den Eckplatz und lehnte sich an. Der Fahrer wollte schon losfahren, doch dann stoppte er noch mal. Die Tür öffnete sich mit einem Zischen und zwei Schüler sprangen in den Bus. „Danke, Mann. Is’ echt nett, dass sie uns noch mitnehmen.“
Sie gingen durch den Bus, erkannten Nils und ließen sich neben ihm auf die Sitze fallen.
Wenn Pitt und Konni da waren, war an träumen nicht zu denken. Es wurde eine ziemlich kurzweilige Fahrt, dann rollten alle drei Kids zu der Halfpipe hinter der Musikakademie und drehten eine Runde.
Das waren alles Freunde. Pitt und Konni waren zwei der Besten. Etliche der Kids waren richtige Cracks. Nils traf sich gerne und oft mit seinen Freunden. Sie fuhren Skateboard, sie besuchten Konzerte. Manchmal trafen sie sich in der Stadt, aber Nils nahm schon lange nicht mehr an Wettkämpfen teil. Er war einfach zu gut. Seine geheimen Kräfte erlaubten ihm Sprünge, an die andere nicht einmal im Traum zu denken wagten. Nils war für sie der Obercrack. Die kleinen Skaterkids himmelten ihn an und versuchten ihm nachzueifern.
Heute verabschiedete sich Nils schon bald und rollte durch den offenen Seiteneingang ins Zentrum. Das Rollerskaten war hier erlaubt und Nils kurvte flott in die große Halle, als ihm von links plötzlich drei Mädchen in die Quere kamen.
Nils machte eine Notbremsung, das Board flog ein Stück durch die Luft. Er prallte mit einem der Mädchen zusammen und riss sie ein Stück mit, wobei er sich alle Mühe geben musste, um nicht hinzufallen.
Er hatte die Arme spontan um das Mädchen geschlungen und drehte sich durch den Schwung zweimal um die eigene Achse. „Puh.“ Er hielt sie auf Armeslänge von sich weg. „Dass ist ja grade noch mal gut gegangen.“
„Mann, hast du immer so ein Tempo?“
Nils grinste und ließ das Mädchen los. „Ich bin Nils und wie heißt du?“ „Helen.“
Da wurde Nils von hinten angestoßen. „Kannst du nich’n bisschen aufpassen, Mann?“
Nils drehte sich um. Das Mädchen war blond und gut gebaut und sie hatte wohl ein ziemlich loses Mundwerk.
Er grinste. „Hey. Ich bin Nils, und wer seid ihr?“ „Das sind Cindy und Lara“, meinte Helen.“
Nils grinste wieder. „Waffenstillstand, meine Damen? Kommt, ich lade euch auf einen Beruhigungs-Drink ein. Na, kommt schon“, bekräftigte er, holte sein Board und hängte sich bei Cindy ein. Die war hier wohl die Wortführerin.
Nils führte die Mädchen zu Aysas Imbiss und fragte, „ich hab euch hier noch nie gesehen, neu hier?“ Die Mädchen nickten. „Dann lasst euch mal von Aysas Säften verführen. Ich empfehle Banane, Schoko, Kiwi, Ananas oder Apfel-Melone. Alles frisch gepresst und alkoholfrei. Wirklich! Ihr seid eingeladen.
Er sah, wie Helen aufatmete. Cindy hingegen meinte. „Also los, Mädels. Nehmen wir den Raser mal auseinander.“ Sie lachte frech.
Nils bestellte bei Amira, die tagsüber bei Aysa kellnerte und sah Helen an. „Also erzählt mal.“
Helen gefiel Nils von den Mädchen am besten. Sie hatte einen weichen vollen Mund und große Augen. Die dunklen Haare hatten einen leichten Goldton und hingen glatt herunter. Helen war grazil und schien fast ein wenig zerbrechlich, aber es war alles da. Sie hatte schon einen Busen und sie hatte kleine schlanke Hände. Nichts war irgendwie geziert. Sie bewegte sich mit kraftvoller Leichtigkeit. Sie musste Sport machen. Irgendwas in der Art. Nils sah das auf den ersten Blick.
Cindy hingegen war wirklich die Wortführerin. Sie plapperte wie ein Wasserfall. Nils fand schnell heraus, dass die drei ziemlich wenig Taschengeld hatten.
Er brauchte sich da nicht zurückzuhalten. Er war nicht verschwenderisch, aber wenn’s der Zufall wollte, dann konnte Nils die Sau rauslassen. Er hatte genug Geld.
Er nahm Vorlieb mit einem Gemüsedrink, etwas, was Aysa wirklich gut konnte, und er bestellte sich auch was zum Essen. Aysa, die Inhaberin des Imbisses war eine alte Freundin von Papa. Sie kannte Nils seit seiner Geburt und sie kannte seine Vorlieben. Nils nahm selten das, was auf der Speisekarte stand.
Auch Amira (die Kellnerin) kannte ihn seit vielen Jahren. „Was soll’s heute sein?“ Nils sah sie mit schrägem Kopf an. „Rinderhack mit Langkornreis und Mohrrübengemüse, mit Feta überbacken. Geht das?“ Amira lachte. „Das ist neu. Hast du ja noch nie gehabt. Klar geht das.“ Zu den Mädchen gewandt, meinte sie. „Wollt ihr auch was?“
Nils sah Helen an. Er spürte, dass sie für ein Essen kein Geld hatte, dann sah er zu den andern Mädchen. „Is’ wirklich gut, was ich mir bestelle. Naja, glaub’ ich. Soll ich mal eine große Portion kommen lassen und ihr kostet mal davon? Ganz unverbindlich? Ist das OK?“
Er sah, dass Helen beschämt war und er berührte leicht ihren Arm. „Ist schon in Ordnung. Ich gehör’ hier zur Familie. Ich zahl hier nix. Ihr macht mich also nicht arm.“ Das war gelogen, aber Nils hatte damit keine Probleme.
Amira hatte sich schon umgedreht und war gegangen. Zehn Minuten später kam sie mit einer großen Schüssel, mit vier Tellern, Löffeln und Gabeln und verteilte sie vor den Mädchen. „Is’ schon gut. Heute seid ihr eingeladen. Das nächste mal müsst ihr aber zahlen, wie alle anderen auch.“ Nils verzog den Mund zu einem Lächeln.
Cindy langte richtig zu. Sie war ein Vollweib. Die Mädchen waren alle im Alter von Nils, irgendwo zwischen dreizehn und vierzehn, schätzte Nils und Cindy zog die beiden anderen richtig mit. Wenn die drei noch öfters ins Zentrum kamen, dann konnte das ja noch lustig werden.
Er gab den Mädchen ein paar Tipps, um sich in dem großen Haus zurechtzufinden, dann musste er los. „Hab heute Mittag noch Training, sehn wir uns wieder?“
Während Cindy plapperte, sah Nils zu Helen. Ihre Augen sagten ihm, dass sie ihn wiedersehen würde.
„Ich bin jeden Tag hier. Wenn ihr mich sucht, könnt ihr Amira oder Aysa nach mir fragen. Vielleicht sollten wir mal zusammen zu einer Probe gehen oder zu einer der Tanzveranstaltungen.“ Er ließ das offen. Er sah das kleine Feuer in Helens Augen.
Nils zahlte heute nicht. Er würde Aysa das Geld später geben, dann schnappte er sich sein Board und rollte davon.
Sonst rannte er immer die Treppen zu ihrer Wohnung hoch. Heute nahm er den Aufzug und dachte nach. Diese Helen hatte es ihm wirklich angetan.
3.
Man schrieb das Jahr 2030. Nils war jetzt dreizehneinhalb und es würde bald Sommerferien geben.
Seine Mutter war hier die Chefin des Zentrums. Papa war oft unterwegs. Mal in dem Werk in Sachsen-Anhalt, mal in Frankreich, in den USA, in Mexiko oder in Südamerika. Sie hatten da Nahrungsmittelfabriken, eine Fastfoodkette und sie waren an diversen Solarparks beteiligt. In Berlin hatte die Familie ganze Straßenzüge aufgekauft, und dann gab es da noch dieses Weltkulturerbe, diese Ausgrabung in Peru, wo die Familie mit unglaublichem Gewinn beteiligt war. Es gab genug Geld, und Nils hatte ziemlich freie Hand.
Nun ja, nicht ganz. Seine Mutter achtete schon darauf, dass sie regelmäßig Kontakt hielten, und dass er seine Aufgaben auch ordentlich erledigte. Nicht nur seine Schulaufgaben. Alle seine Aufgaben, und dazu gehörte auch Maßhalten und sich immer wieder zu „erden“. Nils hatte bereits die Fähigkeiten eines Alphatiers, aber er hatte gelernt, bescheiden zu sein. „Wir haben eine Vision“, pflegte Mama zu sagen, „das hat uns groß gemacht, aber wir müssen nicht auffallen. Wir sind der Diener unserer Freunde. Zeigen wir ihnen, dass wir alle Teil einer großen Familie sind.“
Mit Papa war Nils stets über einen eigenartigen Energiestrom verbunden. Er konnte sich mit Papa über große Distanzen verständigen, ganz ohne Telefon. Papa war schon oft zu ihm gesprungen, wenn Nils Probleme hatte und Papa brauchte. Die Fähigkeiten der Familie erlaubten das. Sie konnten alle durch den Raum gehen, wie durch eine unsichtbare Wand. Nur Mama konnte das nicht und Papas andere Frau, dort in Südamerika, die konnte das auch nicht. Aber alle Kinder von Papa konnten das und auch alle Kinder von Papas ältestem Sohn Para, der dort in Peru dieses riesige Gestüt hatte, die konnten das auch.
Nils war oft dort. Er traf sich mit seinen Geschwistern und sie übten an den gemeinsamen Kräften, die ihre Familie so einzigartig machten. Manchmal in den großen Ferien, manchmal am Wochende, manchmal an Weihnachten. Sie alle nutzten diese Kraft, unerkannt durch den Raum zu gehen. Im Zentrum gab es einen Raum, wo sie jederzeit unerkannt hinspringen konnten, ganz ohne Ausweis oder Einreisekontrollen. Auch bei „Mama“ in Peru und bei Para gab es so einen Raum. Nils wusste, dass Papa viele solcher Räume hatte, in verschiedenen Ländern. Er konnte sich unerkannt quer über die Erdkugel bewegen und nutzte diese Fähigkeit zu seinem Vorteil aus.
In einer Stunde würde Nils zu seinem Kickboxen-Training aufbrechen. Auch das fiel ihm kinderleicht. An der Kraft musste er noch trainieren. Mit einem Erwachsenen konnte er sich von der Kraft her nicht messen, aber seine Schnelligkeit und Wendigkeit waren immens. Wenn er Schwung holte, dann konnte er das ausgleichen, was er an Kraft noch nicht besass. Er war zielsicher und konnte seine Tritte, Faustschläge oder Kopfhiebe tödlich einsetzen, wenn er wollte. Das war natürlich verboten.
Roman, der Eigentümer der Schule, war ein alter Freund von Papa. Er achtete darauf, dass seine Kids fair kämpften. Er überließ es seinen Trainern, die Kids zu unterrichten, aber manchmal saß er in der Ecke und schaute zu. Manchmal holte er sich den einen oder anderen der Kids, korrigierte, gab Anleitungen oder schalt sie aus, wenn sie Mist gebaut hatten. Diese Sportart war wirklich gefährlich für einen Gegner. Sie hatten gelernt, die wichtigen Zentren der Körper zu treffen, Schlagadern, Milz und all die Punkte, die auch bei der Akkupunktur bekannt waren, um zu stimulieren oder um den Körper außer Funktion zu setzen. Mit zwei gezielten Tritten konnte Nils einen Gegner lähmen, wenn er wollte.
Sie lernten aber auch den eigenen Verstand zu kontrollieren und sich ihren Geist und Körper zu unterwerfen. Sie konnten Schmerzen wegstecken und sie trainierten bestimmte Muskelgruppen immer wieder und immer wieder, die zum Schutz der verletzlichen Innereien notwendig waren.
Zum Training gehörten auch stets Ruhe- und Atemübungen, autogenes Training und Stimmbildung.
Nils machte das Training nun schon seit fünf Jahren. Am Anfang hatte er diese Übungen zur Stimmbildung nicht ernst genommen. Sie mussten singen. Sie mussten dabei eine aufrechte Haltung einnehmen. Sie mussten tiefe Töne, Mitteltöne und Obertöne bewusst erzeugen. Am Anfang taten die ganz hohen Kopftöne ziemlich weh. Dann begriff Nils. Lunge, Zwerchfell, Kehlkopf, Bauch, Becken und Nackenmuskulatur wurden durch das Singen gestärkt. Die Sauerstoffversorgung des Blutes war immens. Er hatte inzwischen eine Kraft entwickelt, die ohne diese Übungen nicht halb soviel Wert gehabt hätte. Außerdem blieb der Kopf jetzt frei.
Roman hatte das eingeführt. Es gehörte nicht zum üblichen Training des Kickboxens. Es war das Besondere ihrer Schule. Manche neuen Schüler lachten zu Beginn verächtlich. Aber sie lernten schnell, dass Atemübungen die Kraft potenzieren und die Wirkung eines Schlages in einem Bruchteil einer Sekunde zu einer tödlichen Waffe werden lässt.
Roman hatte auch andere Disziplinen eingeführt. Wer sich auf der Strasse behaupten wollte, der musste in diesen Disziplinen ziemlich fit sein.
Auch Karateübungen gehörten zur Ausbildung. In der letzten Woche hatte Nils durch einen einzigen Schlag mit seiner Faust den großen Sandsack zum aufplatzen gebracht. Sie zerschlugen Steine und Äste.
Die Konzentration auf das Wesentliche war das Geheimnis der Schlagkraft und der Schnelligkeit.
Nils nahm an diesen Übungen dreimal in der Woche teil. Manchmal gab es an den Wochenden Wettkämpfe.
Anders als alle andern Kids, hatte Nils das besondere Talent seiner Raumdurchquerung. Seine übernatürlichen Fähigkeiten machten Nils als Kickboxer einmalig. Es konnte durch Drehbewegungen durch die Luft eine Schnelligkeit von über hundert Stundenkilometern entwickeln und er konnte Steine mit der Kraft seiner „geheimen Energie“ zerschlagen, sogar ohne sie zu berühren. Das zeigte er aber nie öffentlich. Nur Roman wusste das. Nils hatte den schwarzen Gürtel der Meisterklasse, den 1. Dan. Das war in diesem Alter ungewöhnlich. Nur einige Freunde aus dem Zentrum und Roman (der Inhaber der Schule) waren besser.
Auch Roman hatte den 1. Dan, aber er hatte verschiedene Zusatzprüfungen absolviert, die sich in dieser Sportart nicht mehr durch Ränge auszeichneten. Er war Inhaber des schwarzen Karategürtels und Judomeister. Roman war wirklich gut.
Nils trainierte regelmäßig mit den anderen braun- und Schwarzgürtlern, aber er nahm manchmal auch die Joungsters unter seine Fittiche.
Viele der Kids waren Freunde aus dem Untergrund. Auch die Freunde aus der Geheimorganisation „des Dicken“ nahmen an den Übungen teil.
Roman rekrutierte fast seine ganze Schutztruppe für das Zentrum aus dieser Sportmannschaft. Es war Pflicht, an diesen Trainingsstunden regelmäßig teilzunehmen. Manchmal machten sie das im Zentrum. Es gab da einen eigenen Raum. Heute würde Nils in die Stadt fahren, in die grosse Sporthalle im Westen der Stadt.
Er hatte sich auf sein Bett geworfen und ein wenig nachgedacht, dann war er aufgestanden, ging hinüber in Mamas Büro, sagte Hallo und wurde umarmt. „Ich geh jetzt zum Training“, meinte er. Mama sah ihn warm an und drückte ihm kurz die Hand.
Nils hatte wirklich Glück mit seiner Mutter. Sie hielt ihn zwar an „der langen Leine“, aber sie war da, wenn er sie brauchte, und sie beobachtete genau, dass er die ethischen Grundsätze der Familie auch einhielt.
4.
Als Nils in der Sportschule ankam, wurde er von Pedro und Ellen begrüßt. Pedro war schon 24, Ellen war 16.
Es gab viele Mädchen in der Kampftruppe. Wer diese Sportart beherrschte, der konnte sich auf der Strasse ganz gut behaupten. Das war auch wirklich notwendig. Die Gangs in Berlin waren brutal und gut organisiert. Viele dieser Jungs boxten, rangen, schwammen, fuhren Mountain Bike, oder wurden als Rausschmeißer eingesetzt. Es gab mehrere Prostuituiertenviertel in der Stadt. Es gab Motorradgangs, Erpressungen und die russische Mafia. Die Luden und die Drogenkartelle waren gut organisiert. Außerdem gab es Viertel mit großer Armut und Hoffnungslosigkeit. Auch dort wurde nicht lange gefackelt, wenn es Konflikte gab. Erst zuschlagen, dann denken. Nur nicht als erster auf dem Boden liegen. Dann warst du verloren.
Nur im Zentrum herrschte eine eiserne Disziplin. Krawalle wurden nicht geduldet. Das Zentrum war ein Freiraum, der von seinen Akteuren und den Nutzern beschützt wurde. Neben Jochens Kampfsportlern gab es noch Romans harte Jungs und die Boxer rund um den Türken Hakim. Da gab es inzwischen auch eine Thailändische Gang und noch andere. Sie alle verkehrten im Zentrum. Die Musiker, die Tänzer, die Actionkünstler und die Theaterleute, sie alle sahen das Zentrum als einen schützenswerten Raum. Es war das Projekt der Kids. Von den Kids für die Kids. Freizeitzentrum, Schule und Eventmittelpunkt. Viele arbeiteten freiwillig in der Verwaltung oder in einer der vielen Einrichtungen. Wer Krawall machen wollte, der erlebte im Zentrum schnell seine Grenzen kennen. Er ordete sich entweder unter, oder er ging. In der Stadt gab es genug Ausweichmöglichkeiten, wo man Ärger machen konnte. Im Zentrum gab es nicht einmal eine Polizei. Das Zentrum organisierte seinen Schutz selbst, und weil es hier seit Jahren keine Gewalt mehr gab, wurde das Zentrum auch von den Berliner Behörden großzügig unterstützt.
Nils war ein Teil dieser Familie aus mehreren zehntausend Kids, für die das Zentrum wirklich ihr Lebensmittelpunkt war. Es bot Unterhaltung, Kurzweil und eine Lebensperspektive. Ja wirklich. Schulabgänger fanden hier einen Job, oder sie wurden in Ausbildungsstellen vermittelt. Das Zentrum hatte seine eigene Jobbörse. Von Kids für Kids, und wenn das Zentrum Lehrlinge oder Arbeitskräfte vermittelte, dann konntest du als Arbeitgeber sicher sein, dass du da nicht irgendeinen Schrott bekommst. Die Mutter von Nils war eisern. Firmen, die Zusagen nicht einhalten, die wurden gnadenlos von der Liste gestrichen und geächtet. „Wer nimmt, ohne zu geben“, pflegte Nils Mutter immer wieder zu sagen, „den können wir hier nicht brauchen. Das betrifft Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Zuverlässigkeit ist ist die Basis unseres Handelns. Wir wollen Freiräume. Wir wollen ausprobieren, spielen und spinnen. Wir müssen kreativ sein dürfen, aber eine Kreativität ohne Disziplin, das gibt es nicht.“
Es gab zwei Büros von Presseagenturen, das Fernsehen hatte mehrere Studios, die Zeitungen schickten ständig ihre Vertreter. Im Zentrum geschah viel, über das man berichten konnte, und die Presse beobachtete das Geschehen schon lange. Der Ruf des Zentrums war beachtlich. Weit über die Grenzen Europas hinaus. Das akzeptierten sogar die harten Gangs. Im Zentrum ordneten sie sich ein.
Alleine in Romans Sportschule, die insgesamt drei Niederlassungen in Berlin hatte, gab es über vierhundert Mädchen, die regelmäßig zum Training kamen. Es gab Eltern, die schickten schon ihre sechsjährigen Kinder in diese Schule. Roman galt als zuverlässig und er war kein Schläger.
Für die Kleinsten war das natürlich ein spielerisches Training. Es ging um Spaß und Körperbewegung. Nils sah manchmal zu oder mischte sich ein, ließ die Kids Überschläge machen oder Purzelbäume schlagen. Er liebte diese Kinder und ihre unnahmlichen Art, gute Laune zu verbreiten, spontan zu lachen oder loszuheulen, wenn etwas schief ging. Manchmal nahm er sie in die Arme und tröstete sie, ermunterte, oder lachte mit ihnen.
Nils hatte seine Schwester ein paar mal mitgeschleppt. Eva hatte einen Film über die Kids gemacht, der sogar im Fernsehen gezeigt worden war. Eva war in Sachen Video ein richtiger Klabautermann, eine Elfe, eine Hexenkünstlerin. Es gab viele verschiedene Bezeichnungen für Eva. Sie war im Bereich Video ein Crack.
In der Sportschule gab es mehrere Trainingsräume. Die Aufwärmübungen machten die größeren Kids in der Regel gemeinsam. Mädchen und Jungen. Es gab Trainer und Trainerinnen. Manchmal trainierten die Mädchen mit den Jungen zusammen, manchmal getrennt.
Nach der Aufwärmphase nahmen die Kids Aufstellung. Es gab bestimmte Grundstellungen, Drehbewegungen, Schläge und Sprünge, die immer wieder geübt wurden.
Manchmal hatte einer der Trainingspartner einen Stock, eine Kette oder eine gepolsterte Lederwurst in den Händen. Manchmal gab es Wurfübungen mit dem gefährlichen Dreizack oder Messerattacken (aus weichem Kunststoff), denen man ausweichen musste.
Sie trainierten wirklich jeden erdenklichen Ernstfall, sogar die Abwehr von Schusswaffen, Griffe zum Abführen eines Gegners oder zielgerichtete Schläge auf markierte Ziele.
Heute hatte Nils die sechzehnjährige Ellen als Trainingspartnerin. Ellen war gut durchtrainiert. Sie hatte mit ihren sechzehn Jahren gerade den 1. Dan gemacht und sie war ziemlich besessen von dem Sport.
„Moment“, bat Nils. „Bevor wir das Training miteinander aufnehmen, will ich dir heute mal was zeigen. Schließ die Augen, lege die Handflächen aneinander und atme tief und langsam durch. Du hast viel Kraft, aber du brauchst innere Ruhe, um sie besser zu entfalten. Lass die andern mal trainieren. Hör nicht hin. Ruhe in dir selbst. Konzentriere dich jetzt, schalte ab. Stelle dir die Drehbewegung vor, die du gleich brauchst, um den Holzstab in meinen Händen zu zerschlagen, mit dem ich gleich einen Angriff simuliere, bist du soweit?“
Ellen wusste, dass Sie Nils nicht gewachsen wäre, wenn es darauf ankommt. Er war einfach viel zu schnell. Was Nils eben von ihr verlangte, war eine sehr schwere Übung. Sie nickte und konzentrierte sich.
„OK“, fragte Nils. Sie nickte wieder.
„Gut, dann los.“ Sie nahmen Aufstellung, Nils hielt den Stab in beiden Händen, wie um ihr damit an die Kehle zu gehen, oder den Stab in eine Hand zu wechseln und mit der Spitze des Stabes zuzustechen. „Ich halte den Stab vor mein Gesicht“. Jetzt schlag zu.“
Ellen konzentrierte sich, dann kam eine schnelle Drehbewegung, ihr Arm wirbelte durch die Luft... und traf ins Leere. Nils hatte den Stab blitzschnell weggezogen. Während der Schwung ihren Oberkörper nach vorne beugte, war Nils schon hinter ihr und drückte ihr den Stab an die Kehle. „Abgeloost“, meinte er.
„OK, OK”, ergänzte er, “vielleicht war das unfair. Aber denk daran, dass der Gegner nicht immer das tut, was du erwartest. Außerdem hättest du mit diesem Schlag den Stock niemals gebrochen. Du hättest dir wehgetan. Ich nehm jetzt mal die Sandwurst und weiche nicht aus. Denk’, es ist ein Stock, dann schlag zu.“
Sie trainierten das. Immer wieder. Nils gab Tips. Er nickte. „Das wird noch viel Training. Soll ich dir zeigen, dass es geht?“ Ellen nickte, dann sah sie zu den anderen. „Hört mal kurz auf, Nils will uns was zeigen.“
Sie nahmen Aufstellung, dann explodierte Nils. Mit einer Schraube holte er Anlauf, dann ging er direkt in die Gegnerin rein, stieß einen Schrei aus und schug mit der Handkante zu. Der Stab zerspitterte in zwei Hälften und Ellen konnte trotz ihrer Kraft die Enden nicht halten, sie fielen auf den Boden und sprangen davon. Bevor Nils den Boden wieder berührte, gab er unbewußt einen Angriffsstoß mit den Füßen in Helens Bauchgegend. Sie taumelte und fiel auf den Rücken.
Nils machte einen schnellen Schritt zurück und verbeugte sich leicht. Die Hände vor der Brust berührten sich.
Die Übung gehörte eigentlich in den Bereich Karate. Sie war deshalb so schwierig, weil die Hände, welche die Hartholz-Stockenden halten, flexibel und nachgiebig sind. Es ist fast unmöglich, solch einen Stock zu zerschlagen. Der Trainer erklärte. „Leute. Ihr habt gerade gesehen, was der Schwung und die Atemübung bewirken. Ich kenne höchstens zwei oder drei, die das können. Ihr habt auch den zweiten Angriffsstoß gesehen. Das war sehr wirkungsvoll. Viel Kraft ist für diese Übung nicht unbedingt notwendig. Ihr müsst eure Kraft nur zielgerichtet und punktgenau einsetzen. Lasst euch davon jetzt aber nicht den Kopf verdrehen. Wir üben das, aber wir üben das zunächst mit anderen Mitteln. Sandwurst, Luftcatchen, Drehbewegung, Atemübungen und Angriff. Ach übrigens. Hätte Nils den Schädel von Ellen getroffen, dann wäre sie jetzt tot. Alles klar? Dann mal weiter.“
Nach dem Training, bat Ellen. „Nils. Kannst du mir ein wenig helfen? Deine Schnelligkeit, die kriege ich nie hin. Ich bin dir an Kraft weit überlegen, aber in einem offenen Kampf, in der U-Bahn - oder wo auch immer, da muss ich damit rechnen, dass der Gegner so schnell ist, wie du.“ Nils nickte. „Gut. Heut hab ich den Kopf ziemlich voll. Vielleicht ist es ganz gut, wenn ich mich ein wenig ablenke. Lust auf einen Waldlauf? - Dann lass uns eben noch die Klamotten aus dem Schrank holen und wir fahren in den Stadtwald.“
5.
Bevor sie in den Stadtwald kamen, gab es die erste Gelegenheit zum üben. Etwa ein dutzend Italos kamen in die Bahn. „Zeit zum kassieren“, grölten sie. „Los, los, los, Geld her.“
Sie waren bewaffnet. Italos waren immer bewaffnet.
Nils sah Ellen an. „Dann wollen wir mal.“ Er schlug dem ersten die Tasche unters Kinn, dann ließ er sie fallen und schlug mit der Hand zu. Die Fingerspitzen rammten sich dem Gegner oberhalb der Brustbeins in den Nerv. Der Gegner klappte zusammen. Mit einer Drehbewegung holte Nils erneut aus und trat dem nächsten voll in den Hals. Der verdrehte die Augen und flog in die Stuhlreihe.
Ellen hatte schon den nächsten abgegriffen. Sie schlug mit der Faust zu, mitten aufs Nasenbein. Das Blut spritzte. Jetzt zogen die Italos die Messer, und versuchten auf Nils und Ellen einzustechen. Von zwei Seiten.
Nils verdrehte dem ersten den Arm, bis der Knochen knackte. Dann wurde er von einem Messer am Oberarm getroffen.
Ellen war schlauer gewesen. Sie hatte sich geduckt und hatte dem Gegner in die Eier getreten. Er stöhnte und ließ das Messer fallen. Auch die beiden nächsten Angreifer wurden außer Gefecht gesetzt. Jetzt stand es nur noch 4 : 2. Nils grinste. Dann kreischten die Bremsen. Sie fuhren gerade in den Bahnhof ein. Inzwsichen hatte der Lokführer die U-Bahnpolizei über Funk verständigt. Die unverletzten Italos flüchteten auf den Bahnsteig und ließen ihre Kumpane im Stich.
Nils schnappte sich seine Tasche, zog Ellen aus dem Zug, lief nach vorne und sprang auf die Gleise hinunter. „Los, los, komm“, dann zog er Ellen in das Dunkel des U-Bahnschachtes. Er kannte sich hier aus. Das hatte er von seinem Vater gelernt.
Dann nahm er Ellen bei der Hand. Er blutete ziemlich stark. So konnte er nicht weiter. Die Blutspur würde sie verraten. Nils konzentrierte sich und sprang mit Ellen in die kleine Wohnung, die Papa ihm in der Nähe der Schule eingerichtet hatte, damit er „Schulweg sparen“ konnte. Er benutzte die Wohnung oft. Auch nachmittags, um mal seine Ruhe zu haben.
6.
Ellen war völlig verdattert. Von diesen Kräften hatte sie keine Ahnung gehabt. Jetzt stand sie plötzlich mit Nils in diesem Appartement. Sie hatte gespürt, wie sie quasi durch einen Tunnel geflogen war. Eine eigenartige Wärme hatte sie umfangen. Sie begann zu zittern.
„Ist schon gut“, beruhigte Nils. „Hast du schon mal ‚ne Wunde versorgt?“ Ellen nickte und Nils holte den Erstehilfekasten. Das Messer war durch die leichte Jacke gegangen, die Nils trug. Er zog sie jetzt aus. Die Wunde sah wirklich schlimm aus. Ein ekelhaft tiefer, klaffender Schnitt, der bereits angefangen hatte heftig zu bluten wie ein pulsierender Quell. Es war immer so, sobald der erste Wundschock vorbei war.
Nils zog die Kappe vom Desinfektionsspray, schloss die Augen, biss die Zähne zusammen und sprühte los.
„Ooaargh“, tat das höllisch weh. Die Tränen schossen ihm aus den Augen. Jetzt fing das Blut erst richtig an zu laufen.
Ellen hatte das schon ein paar Mal gemacht. Sie hatte wirklich Übung. In der Packung gab es Wundklammern und Nadel und Faden. Sie nahm Nils die Dose aus der Hand, desifizierte sich die Hände, wischte das Blut mit einem Handtuch oberflächlich weg, und sprühte noch mal gründlich auf und in die Wunde.
Nils stöhnte und verdrehte die Augen. Jetzt kam ihm das autogene Training zugute. Er fing an zu summen, dann fiel er langsam in eine Art Trancezustand.
Ellen brachte die Wundklammern auf, legte eine dicke Schicht Mull darüber und begann den Verband darum zu wickeln. Das hätte eigentlich fachgerecht versorgt und dann vernäht werden müssen. Hoffentlich gab das keinen Wundbrand. Nils summte und sang leise vor sich hin. Er schien überhaupt nicht mehr wahrzunehmen, was Ellen da machte.
Als die Pflaster den Verband endgültig fixierten, sah sich Ellen um. Das war ja eine niedliche kleine Wohnung. Dann holte sie ein Handtuch und wischte das Blut vom Parkettboden. Es hatte eine ziemliche Sauerei gegeben. Sie sah an sich herunter. Auch ihre Kleidung war voller Blut. „Scheiße.“
Nils summte immer noch. Ellen hob ihn leicht an und Nils schien in sich zusammenzusacken, dann nahm sie ihn in beide Arme und trug ihn zum Bett.
Sie legte sich dazu und nun begann sie Teil eines Prozesses zu werden, der ihr zukünftiges Leben bestimmen würde.
Um Nils und Ellen wob sich ein Feuer. Wie eine elektrostatische Entladung. Ein Ball aus feingeäderten Blitzen. Sie versuchte, den Arm herauszustrecken und aufzustehen. Es ging nicht. Sie war mit Nils in dieser Kugel gefangen.
Ellen seufzte. Erst dieser seltsame Sprung in dieses Appartement, dann diese Leuchtkugel. Sie verstand die Welt nicht mehr. Dann begann sie auf das leichte Gesumm zu achten, das immer noch aus Nils strömte. Er bewegte die Lippen nicht. Diese Klänge entströmten seinem Kopf, seinem Körper, sie waren einfach da, und nun wurde Ellen in diese Klänge eingewebt. Es kam ihr vor, als würde plötzlich ein dunkelhaariges Mädchen vor ihr stehen, vielleicht 20 Jahre alt, sie konnte das schlecht einschätzen. Das Mädchen breitete die Hände über die Leuchtkugel, es knisterte. Ellen wurde ganz tranig im Kopf und sie schlief ein.
Sie wusste nicht, wann sie aufwachte. Es war noch hell. Die Leuchtkugel und das Mädchen waren verschwunden. Sie sah auf ihrer Uhr, dass es neun war. Sie sah zu Nils und berührte ihn leicht am Hals, wie um seinen Puls zu fühlen.
Nils legte plötzlich die Hand um ihren Hals und zog sie leicht zu sich herunter. Ihr Kopf lag neben Nils und sie spürte seinen warmen Atem. Sie spürte auch sein „Danke“, das er unausgesprochen formulierte. Dann wanderte Nils Finger leicht über ihren Hals.
Ellen war keine Jungfrau mehr. Sie wusste, wohin das jetzt führt und sie war nicht bereit dazu. Sie richtete sich halb auf und sah Nils an.
Nils lächelte. Dann schlug er die Augen auf und sah sie direkt an. „Du kannst den Verband jetzt abnehmen.“
Ellen schüttelte den Kopf. „Wieso das? Die Wunde fängt dann sofort wieder an zu bluten.“ Nils summte und setzte sich auf.
Ellen gehorchte. Sie wusste nicht, warum sie das tat. Es war, wie eine Art innerer Antrieb. Sie tat, was Nils ihr befahl.
Der Verband war völlig durchnäßt, aber es gab keine Wunde mehr. Sie nahm die Klammern ab und sah eine 3x sechs Zentimeter lange wulstige Narbe in V-Form. Der Arm sah auf den ersten Blick aus, als habe es dort nie einen frischen Messerstich gegeben. Ellen blieb der Mund offen stehen.
Sie sah Nils an, diesen Nils, der immer noch summte. Dann wurde ihr plötzlich bewusst, dass sie über dieses Ereignis nicht sprechen würde. Mit niemandem. Nils wusste es. Sie wusste es. Es war ein Geheimnis zwischen den beiden.
Plötzlich schlang Ellen Nils die Hände um den Hals und begann zu weinen. Der Schock saß einfach zu tief. Nils summte immer noch. Er nahm sie in die Arme und hielt sie fest.
„Morgen“, sagte er tröstend, „morgen können wir unseren Waldlauf machen.“
Ellen nickte und weinte immer noch. Sie war hart im nehmen, aber das war zuviel gewesen. Sie blieb über Nacht bei Nils. Es war jetzt ihr Wille. Sie merkte, dass es für Nils das erste mal war. Sie zeigte ihm ein paar Tricks. Sie zeigte ihm vor allem, dass er mit ihr behutsam sein musste.
Am nächsten Morgen wachten sie zusammen auf. Nils fragte: „sind wir noch Freunde?“
Ellen nickte. Sie war älter als Nils. In diesem Alter sind zwei Jahre sehr viel. Sie würden heute Nachmittag zusammen Waldlauf machen. Sie waren sich zu nichts verpflichtet.
Nils Handy hatte am Abend ein paar mal geklingelt. Er war nicht rangegangen.
7.
Dann gingen sie in die Schule, wie immer. Nils gab ihr ein neues T-shirt und eine Leggins, die er im Schrank fand. „Von meiner Schwester“, sagte er. Mit den blutverschmierten Sachen konnte er sie schlecht in die Schule gehen lassen.
Als Nils in die Schule kam, wurde er von Tina angemacht. „Ich hab dich gestern ein paar mal angerufen. Wo warst du?“ Nils hob entschuldigend die Hände. „Hab das Handy zum Aufladen gahabt. Sorry. Jetzt bin ich ja wieder da.“ Er grinste.
„Was’n das?“ Tina fasste in den blutigen Schlitz in der Windjacke. „Nils schaute an seinem Arm hinunter. „Ach so. Bin ich an Stacheldraht hängengeblieben. Muss ich wohl ausmustern.“
An diesem Morgen wurde überraschend eine Mathearbeit geschrieben und Nils war froh, dass er etwas abgelenkt wurde.
Nach der Schule ging er hinüber in seine kleine Wohnung, schlug sich ein Ei in die Pfanne und aß ein paar Sauergurken und Cracker dazu, dann klingelte es und Ellen holte ihn zum Training ab.
Als sie zur U-Bahn kamen, lasen sie die Schlagzeilen der Berliner Boulevarpresse. „Wieder Schlägerei in der U-Bahn. Opfer verletzt - Blutspur führt in U-Bahnschacht“. Nils zog sich eine Zeitung und las. Blutspur führt U-Bahnschacht? Das klang ja nicht gut. Sie waren der Blutspur gefolgt. Nach dreissig Metern hörte sie plötzlich auf. Sie hatten die Umgebung abgesucht, aber der Verletzte war im Nirgendwo verschwunden. Es gab in diesem Abschnitt keinen Quergang, keine Schächte von oben. Der Verletzte konnte nirgendwo hin. Er hatte sich in Luft aufgelöst. Die Zeugen in der U-Bahn hatten ihre Aussage gemacht. Vier italienische Jugendliche waren festgenommen worden, die man zusammengeschlagen in der U-Bahn aufgelesen hatte. Die Beschreibungen der Zeugen waren nichtssagend. Man würde Nils und Ellen auf diese Weise nie finden.
Nils gab Ellen die Zeitung. „Es gibt schon seltsame Dinge in der Welt“, sagte er todernst.
Ellen musste sich das Lachen mühsam verkneifen. Sie sah, dass Nils jetzt eine andere Jacke anhatte. Er war vorsichtig gewesen.
Im Grunewald begannen sie ihre Tour. Ellen staunte wieder. Sie hatte Nils gestern gesehen. Die Verletzung war wirklich heftig gewesen. Das Messer war bestimmt bis auf den Knochen gegangen und hatte den Oberarmmuskel komplett durchgetrennt. Nils lief mit einer Leichtigkeit, als hätte er nie eine Wunde gehabt. Es gab wirklich seltsame Dinge auf der Welt.
Dann begannen sie mit dem eigentlichen Training. Ausfallschritt, Luftsprünge. Tempo steigern, Schattenboxen. Nils machte ein paar mal Überschläge vor- und rückwärts, er drehte Schrauben, mitten aus dem Lauf. Er begann mit Ellen Scheingefechte. Das wars. Ellen spürte, dass dieses Training sie schnell und beweglich machen würde. Manchmal liefen sie rückwärts, in unverminderter Schnelligkeit.
Dann kam eine Kreuzung. Sie liefen wieder rückwärts, da wurde Nils plötzlich gestoppt. „Halt, halt, junger Mann, wohin so eilig?“
Sie drehten sich um. Nils fiel der Kiefer herunter. „Äh“, machte er.
Vor ihm standen Helen und eine Frau, die wohl ihre Mutter sein mochte, vom Aussehen her. Beide im Sportdress. Sie hatten wohl gerade dasselbe gemacht, wie Ellen und Nils.
Helen kicherte. „Mama“, sagte sie, „darf ich vorstellen? Das ist unser geheimnisvoller Gönner von gestern, er heißt Nils.“
„So so.“ Helens Mutter sah an Nils herunter und wieder hinauf. „Ein Sportler, wie es scheint.“ Dann forderte sie Nils auf, „dann wollen wir mal, zeigt, was ihr drauf habt.“
Sie begann zu laufen und Helen nahm Nils kurz bei der Hand. „Komm.“
Sie liefen zu viert weiter. Den ersten Kilometer liefen Nils und Ellen in schnellem Tempo mit, dann stoppten sie die beiden. „Wir haben Training, aber nicht im Dauerlauf.“ Nils drehte sich um und lief ein Stück rückwärts, dann begann er mit Helen das Training wieder aufzunehmen. „Whow“, sagte Helens Mutter. „Das müsst ihr mir zeigen.“
Nils nickte. Er lief ein Stück hinter ihr her, er fasste sie an den Hüften und drehte sie beim laufen mal nach links, mal nach rechts. Dann nahm er die Schultern und tat das gleiche. „Und jetzt alleine“, forderte er auf und nach einer Weile, „wenn Sie jetzt die Drehbewegung ausnutzen, dann können sie springen.“ Er machte das vor, indem er eine Schraube drehte.
Helens Mutter versuchte das, aber sie hatte nicht genügend Schwung. Sie stolperte und fiel hin. „Mama“, fragte Helen besorgt, „alles in Ordnung?“ Nils reichte ihr die Hand und zog sie hoch, dann lief er eine Weile neben ihr her und beobachtete ihr Sprunggelenk. Es schien alles OK.
Helen machte das schlauer. Sie begann mit leichten Übungen, ging dann ins Schattenboxen über und begann ihr Gewicht zu verlagern, dann sprang sie plötzlich in die Luft, drehte sich, kam mit beiden Beinen auf und lief weiter.
„Bravo“ meinten Ellen und Nils wie aus einem Mund.
Sie liefen noch ein Stück, dann meinte Helens Mutter. „Genug für heute. Dort vorn ist der Parkplatz. Können wir euch irgendwohin mitnehmen?“
„Nein nein“, meinte Nils „Wir haben’s nicht weit“. Sie hoben die Hand zum Gruß und liefen den nächsten Waldweg wieder hinein.
Nach einem Kilometer kam ein Übungsplatz zum Stretchen und Nils hielt an. Er machte seine Dehnungsübungen, dann schaute er sich um. „Es reicht für heute. Komm.“ Er nahm Ellen bei der Hand und sprang mit ihr in seine kleine Wohnung. Sie gingen unter die Dusche, dann gingen sie zusammen ins Bett.
Ellen, die wohl gemerkt hatte, dass Nils für dieses Mädchen etwas empfand - und dass beruhte wohl auf Gegenseitigkeit - schaute ihn an. „Du sollst wissen, dass ich dir nicht im Wege stehe.“ Sie machte eine schweifende Bewegung mit der Hand. Nils sah sie erstaunt an. „Das hast du bemerkt? Aber es ist doch noch gar nichts.“
Ellen lächelte. „Wenn ihr euch nicht zu blöd dabei anstellt, dann wird das aber nicht mehr lange dauern.“
Dann plötzlich: „Sind wir noch Freunde?“ Nils nickte. „Immer“, und Ellen begann, Nils wieder zu erregen. Sie würde mitnehmen, was sie von Nils bekommen würde.
„Ich muss heute noch lernen”, meinte Nils. “Morgen komme ich nicht zum Training. Mein Vater hat sich angekündigt. Wir haben ein paar Dinge zu besprechen. Du kannst mich jederzeit anrufen. Wir sind ja Freunde.“
8.
Zwei Tage später begann Nils mit Ellen zu trainieren. Diesmal nicht als Waldlauf. Er ging mit ihr in die Stadt und übte mit ihr, das Gedächtnis zu trainieren und sich „unsichtbar“ zu machen.
Sie verfolgten wildfremde Passanten. Nils zeigte Ellen zehn verschiedene Leute im vorbeigehen und fragte dann nach Details. Welche Farbe hatte der Rock? Waren die Haare kurz oder lang? Der Mann mit dem Bart, was hatte der in der Hand? Der Obdachlose. Wieviel Geld hatte er in seinem Hut? Nein genau. Auf den Cent genau.“ Er nickte.“ Solche Dinge werden dir nützen, deine Gegner einzuschätzen. Wie bewegen sie sich? Wie schnell sind sie? Wieviel Ausdauer haben sie? Sind sie allein oder zu Zweit?
Ellen fand das ziemlich anstrengend. Nils nickte. „Jede Übung ist am Anfang schwer. Wenn wir zusammen unterwegs sind, dann werden wir das üben. Wenn wir im Sportzentrum sind, dann werden wir das üben. Wenn du später alleine nach Hause gehst, dann wirst du das üben. Gedächtnistraining ist genauso wichtig wie Waldlauf oder unser Singen. Roman hat das in der Sportschule noch nie als Disziplin eingeführt. Einige der Sportler, die du aus der Schule kennst, die praktizieren das schon lange.“ Er nannte ein paar Namen. „Sind alle Cracks. Die Gedächtnisübungen sind eines der Geheimnisse ihrer Kampfkunst. Du wirst bald noch etwas anderes feststellen. Beim springen musst du wissen, wie du aufkommst, sonst knickst du um, so wie Helens Mutter. Sie hat diese Fähigkeit noch nicht. Das ist sehr gefährlich. In einem Kampf kann dich das dein Leben kosten oder dich am Leben erhalten.“ Er hob die Hände.
„Ja ja. Die Sache mit dem Messer. Ich bin gut, aber ich bin auch noch nicht perfekt. Solche Dinge passieren manchmal. Man muss sie minimieren.“
Dann sah er sie an. „Sind wir noch Freunde?“ Ellen nickte. „Dann solltest du wissen, dass du immer zu mir kommen kannst, auch wenn so etwas passiert wie...“ er zeigte auf seine Schulter.
Ellen nickte noch einmal.
9.
Als Nils nach Hause kam, wartete sein Vater auf ihn.
„Ich möchte mein Gespräch von vor einer Woche fortsetzen“, begann er. „Es geht um die Ethik unseres Handelns und es geht darum, wie wir in unserer Stadt - und darüber hinaus - endlich wieder so etwas wie eine Ordnung hineinkriegen. Nicht nur im Zentrum. Überall.“
„Damals, als Théra uns bei der Millionenbeute geholfen hat, da hat sie nicht lange gefackelt. Sie hat den Kassier umgebracht. (Siehe Band 6). Man kann darüber streiten, ob das legitim war. Schließlich haben sich die Dealer anschließend gegenseitig umgebracht, bis sie schließlich alle von bezahlten Killern ins Jenseits geschickt wurden. Das ist eine eigene Welt. Es ist aber etwas komplett anderes wenn wir so etwas tun. Wir sind keine Killer, aber auch ich habe schon getötet.“
Nils nickte. Auch er hatte das schon getan.
„Warum rede ich mit dir darüber? Es ist uns ein leichtes, uns in eine giftige Spinne zu verwandeln und den Gegner auszulöschen, und mit deinen Fähigkeiten als Kickboxer kannst du fast jeden Gegner mit den bloßen Händen vernichten. Roman hat dir eingeimpft, den Gegner zu achten. Es ist eine Kampfsportart, aber es ist keine Lizenz zum Töten.“ Dann fing er an, von Théra zu erzählen.
„Auch sie hat schon mehrfach getötet. Als Familie haben wir darüber zu Gericht gesessen. Théra hat aber viel größere Fähigkeiten. Sie kann Menschen für sich gewinnen. Sie kann sie beeinflussen.“
Er sah Nils tief in die Augen. „So, wie du das gerade mit Ellen machst.“
Nils blickte erschrocken auf. „Ja Ja. ist schon gut. Ich weiß, was du vorhast. Du rekrutierst gerade ein neues Mitglied für die Truppe „des Dicken“. Ich spreche aber noch von etwas anderem: Théra hat es ein paar Mal fertig gebracht, dass ihr Massen von Menschen zu Füssen lagen. Sie gehorchten ihr. Sie kann sie immer noch steuern. Sie tut das gelegentlich. Unsere Erfolge in Südamerika wären nicht so groß, wenn sich Théra nicht immer mehr Industriekapitäne, Politiker, ihre Frauen und ihre Kinder unterthan machen würde. Es ist wirklich so. Sie beeinflusst die Meinungen der Menschen.“
„In vielen Bereichen ist uns das noch nicht gelungen. Hier in Berlin, im Regenwald des Amazonas, aber natürlich auch in Afrika oder Indonesien - überall, wo solche schrecklichen Dinge passieren, wie Verschleppung, Vertreibung, Raubrodung, Hunger und Mord. Wir können nicht überall gleichzeitig sein und wir haben nicht die Kraft vor Théra.“
Er fuhr fort: „Wir sind auch nur Menschen, aber wir sollten versuchen, hier in Berlin etwas mehr Ordnung in das Chaos zu bringen. Wir haben schließlich eine soziale Verantwortung. Ich weiß aber auch noch nicht wie die beste Lösung aussieht. Morgen abend kommt mal wieder eine Lieferung Frischfleisch aus Russland. Ein ganzer Container mit jungen Mädchen, die für den Strassenstrich bestimmt sind. Wir werden sie beobachten und wir werden der russischen Mafia einen weiteren schweren Schlag versetzen. Du weist, hier geht es um Menschenhandel und um Zwangsprostitution. Wir kämpfen allerdings nicht gegen Prostituierte, die das freiwillig und aus eigenem Antrieb machen. Auch das gibt es. Bist du dabei?“
Nils nickte. Sie waren stets erfolgreich, wenn es darum ging, diesen Ganoven das Geld oder die Ware abzunehmen. Inzwischen hatten die Gegner geheime Kommandos aufgestellt und große Summen als Belohnung ausgelobt. Sie wollten endlich diese ständigen Verluste minimieren. Drogengeld, Schmuggelware, Bestechungsgelder... immer wieder verschwanden solche Dinge auf unerklärliche und geheimnisvolle Weise. Die Bosse und ihre Hintermänner tobten. Nicht nur die Männer der russischen Mafia.
Inzwischen hatten sich sogar mehrere dieser Gangs zusammengetan. In dieser einen Sache arbeiteten sie zusammen. So langsam wurde es auch für die Familie von Nils brenzlig. Noch hatte niemand Verdacht geschöpft, aber es war nur eine Frage der Zeit, dass die Gegner sich irgendwann das Zentrum vorknöpfen würden.
Dann sagte Papa, „ich hab für morgen abend Théra dazugebeten, als Beobachterin. Und nun noch etwas anderes. Ich weiß, dass du dich mit Paras und Alanques Kindern häufig triffst. Seid ihr in dieser Methode weitergekommen, eure Energie wie ein Feld aus Beeinflussung über die Menschen zu legen?“
Nils schüttelte den Kopf. „Im Kleinen gelingt uns das gut. Im Großen müssen wir unsere Kräfte bündeln. Théras Kraft haben wir nicht. Aber solche Dinge, wie einen Hubschrauber in der Luft explodieren zu lassen, das können wir.“
Dennis nickte. „Könntest du ein Vorhängeschloß knacken oder einen LKW anhalten?“ Nils schüttelte den Kopf. „Das erste ist leicht, das Zweite ist schwer, weil ich die Technik noch nicht kenne. Dafür müssten wir schon zu dritt oder zu viert sein. Nur Théra hat diese Kraft.“
„Gut. Wir werden das morgen Nacht sehen.“
Morgen war Samstag. Nils würde einen langen Schlaf brauchen, um nachts fit zu sein. Solche Lieferungen kamen immer zwischen zwölf und drei. In seinem Alter war das die Tiefschlafphase. Er würde sich am Tag irgendwann noch einmal hinlegen müssen. Dann rief er Ellen an. „Morgen ist nich“, meinte er. „Sonntag lassen wir offen. Ich melde mich.“
Kapitel 2. Action Geheime Operationen und geheime Kräfte
1.
Théra kam schon am nächsten Morgen. Sie sagte Eva und Laura kurz Hallo, dann sprang sie mit Papa hinüber zu „dem Dicken“. Dem Mann, der in ihrer Organisation all die geheimen Operationen in Berlin leitete. Sie ließen Nils schlafen. „Mittags sind wir wieder da.“
Als Nils zum Frühstück kam, stellte Mama ihm einen heißen Kakao hin. Nils liebte das zum Frühstück. Dann sah er sich um.
„Papa und Théra sind schon weg. Sie kommen später wieder. Auch Eva ist schon weg. Macht irgendwelche Fotos. Bleib heute Mittag in der Nähe. Papa muss dich noch einweisen. Er kann dich ja anpiepsen, wenn er dich braucht. Nils nickte. „Mama, brauchst du was zum einkaufen? Soll ich dir irgendwie helfen?
Laura machte das Einkaufen manchmal ganz gerne selbst. Unter der Woche hatte sie dafür allerdings wenig Zeit. Bei solchen Gelegenheiten fuhr sie dann in die Stadt, sie wählte alles mögliche aus, und ließ sich das später ins Zentrum bringen. Die Händler und die Fahrer kannten sie schon. Laura gab immer ein gutes Trinkgeld.
„Willst du mich begleiten“, fragte sie. Nils nickte. Es tat manchmal ganz gut, mit Mama einkaufen zu gehen.
Mama machte sich schon lange nicht mehr die Mühe, selbst zu chauffieren. Es gab genug gute Leute in Romans Truppe, die das gerne übernahmen. Sie hatten ein Fahr- und Sicherheitstraining. Sie kannten die meißten Politessen in Berlin und konnten in zweiter oder dritter Reihe Parken, ohne einen Strafzettel zu bekommen. Es gab da eine Reihe von Deals. Schließlich genossen sie auch den Schutz des Innensenators. Wehe dem Polizisten, der es wagen würde, sie aufzuschreiben.
Sie gingen heute groß einkaufen. Käse, Gemüse, Obst, Tiefkühlkost, Fleisch, Brot, eine Pute und verschiedene andere Dinge.
Es gab Geschäfte, da ging Laura besonders gerne hin, wie zu Aysas Vater, der einen Laden in Kreuzberg hatte. Sie wurde stets zuvorkommend bedient. Sie erkundigte sich immer nach den Fortschritten der Kinder. Ging in der Schule alles glatt? Wie ist es im Sportverein? Helfen sie gut im Geschäft? Machen sie ihre Mutter glücklich?
Laura wusste das alles nur zu gut, Sie hatte alle diesbezüglichen Informationen aus ihren verschiedenen Nachrichtenquellen, aber sie fragte stets nach, und vermittelte echte Freundschaft und Anteilnahme. Nils bewunderte seine Mutter. Sie machte das immer toll. Sie nahm sich Zeit. Sie hörte geduldig zu. Es gab niemanden, der ihr etwas abschlagen konnte, und sie half, wenn sie helfen konnte. Er hatte sie oft beobachtet. Mama war ein echtes Genie. Er hatte von ihr gelernt.
So etwas sagen nur wenige Jugendliche von ihrer Mutter. Nils war sich dessen bewusst.
Irgendwann am Nachmittag würden alle diese Dinge gebracht werden. Nils war sich sicher. Dann ließen sie sich zu ein paar Boutiquen fahren. Es waren kleine Läden, in Wohnvierteln. Manche wurden direkt von der Inhaberin beschickt. Es hab hier einige gute Schneiderinnen. Es gab hier Freaks, die Lederkleidung nähten, und nachts auf den Männerstrich gingen, um sich das Kleingeld zum Leben zu verdienen. Vom Verkauf ihrer Klamotten konnten viele nur unzureichend leben.
Nils ging hier gern einkaufen. Diese kleinen Gewerbetreibenden mussten unterstützt werden. Es war kein nobles Viertel, buntgemischt eben. Viele der Kids im Musikzentrum wohnten hier. Die Mieten waren leider ziemlich teuer.
Nils hatte keine Probleme mit Kleidung aus dem Rotkreuzcontainer. Er trug so was oft. Das war eine perfekte Tarnung, aber er konnte sich auch teure Turnschuhe und handgenähte Kleidung leisten. Sie suchten ein bisschen rum, sie lachten und alberten. Nils fand eine neue Jacke. Die alte, mit dem Messerstich hatte er schon sicher entsorgt. Niemand würde sie finden.
Als sie das Geschäft verließen, prallten sie fast mit einer Frau zusammen.
Laura wollte auffahren, doch Nils hielt sie zurück. „Hallo“, sagte er. „Kennen Sie mich nicht mehr?“
Die Frau sah Nils an. „Oh Sorry. Ich bin in Eile. Helen wartet zu Hause auf mich. Wir müssen noch einkaufen.“
„Sie wohnen hier irgendwo?“ fragte Nils, dann meinte er, „Tschuldigung, das ist meine Mutter und das ist Frau... ja wie heißen Sie eigentlich?“ Die beiden Erwachsenen gaben sich die Hand, dann ging oben ein Fenster auf und Helens Kopf erschien. „Mama, na endlich, soll ich runterkommen?“ Nils sah nach oben, „Huch, Nils... wo kommst du denn her?“
Wenig später ging die Tür auf, Helen hatte drei Einkaufstaschen umhängen. Sie gab Nils die Hand und machte einen leichten Knicks vor seiner Mutter. Laura staunte. „Bitte entschuldigen Sie uns“, meinte Helen. „Wir sind in Eile. Heute Mittag darf ich ins Zentrum, aber erst müssen alle Einkäufe erledigt sein.“
Als sie gegangen waren, sah Laura ihren Sohn verblüfft an. „Sowas hab ich ja noch nie erlebt, einen Knicks.“ Sie schüttelte den Kopf. Nils zuckte mit den Schultern, dann erzählte er kurz. „Wer das genau ist, weiß ich auch nicht. Ich weiß nur, dass sie nicht viel Geld haben und beide sehr sportlich sind.“
Sie fuhren zurück.
2.
Papa und Théra waren schon da. Mama und Théra machten eine Kleinigkeit zum Essen, dann schalteten sie das Radio und den Recorder mit Wassergeräusch ein, und sie begannen ihre Abstimmung über die Aktionen der heutigen Nacht.
Théra hatte sich das Szenario ausgedacht. Es war eine blutige Lösung. Sie weihte Nils ein. Nils pfiff durch die Zähne. Der Plan war genial.
Es war nicht, worüber Papa mit ihm gesprochen hatte. Nicht diese elegante Lösung, die Papa vorschwebte, aber es war dennoch genial.
„Und die Ethik“, wagte er zu fragen. „Die ist mir in diesem Fall wurscht“, meinte Théra. „Wir bringen nur eine Lawine ins Rollen. Wir werfen sozusagen den ersten Stein.“
Auch Laura staunte. „Wenn das klappt, dann haben wir hier ein Problem weniger, aber Nils kriegt viel Arbeit, um die Gruppen in den nächsten Wochen zu beobachten.“
Nils seufzte. „Ja ja. Ich mach das schon. Ihr könnt euch auf mich verlassen.“ Dann sah er auf die Uhr. „Ich muss noch mal weg.“
Théra sah ihn mit zusammengekniffenen Augenbrauen an, dann lächelte sie. Sie hatte in ihren Bruder hineingesehen. Nils war verliebt. Er wusste es vielleicht noch nicht, aber Théra wusste es.
„Wenn wir das heute Nacht durchziehen, dann solltest du am Abend zwei oder drei Stunden schlafen. Kriegst du das hin?“
Nils nickte, dann zog er die Tür hinter sich zu und ging hinunter zu Aysa.
3.
„Da war ein Mädchen für dich da“, meinte Aysa. „Sie war in Begleitung von zwei anderen Schönheiten. Ich habe sie in Raum 338 geschickt.“ Sie lächelte. „Nun geh schon, lass sie nicht warten.“
Als Nils den Probenraum betrat, staunte er nicht schlecht.
Die Gruppe „Elan“ war noch jung. Sie hatten eine Leadsängerin, die etwas älter war. Heute fehlte sie jedoch. Die Gruppe spielte einen bekannten Coversong. Cindy stand am Mikrophon und sie aß das Mikro geradezu auf.
Sie flötete und wisperte, sie schrie und juchzte, sie hatte eine Granatenstimme. Nils blieb wie angewurzelt stehen und hörte sich das an. Wie war das möglich? Die Gruppe war noch unbekannt, dennoch stand Cindy da vorn, als hätte sie schon seit Wochen mit der Band geprobt. Vieles war nicht perfekt. Manchmal verpatzte sie ihren Einsatz, aber Cindy war genial. Das sah Nils sofort.
Niemand hatte bemerkt, dass er hereingekommen war. Er lehnte sich an die Wand und hörte zu. Irgendwann in der Mitte des Stücks machte Joe eine Pause. Der Gittarrist sprach mit Cindy und gab ihr ein paar Tipps. „Los, probieren wir es.“ Der Basist begann, der Drummer klinkte sich ein und Joe gab Cindy ein Zeichen, er stellte sich vor sie hin, und dirigierte sie mit den Händen, wie ein Dirigent, Einsätze, Gefühl, und jetzt lass die Sau raus, schien er zu sagen. Cindy schrie sich die Stimme aus dem Leib.
„Mann“, dachte Nils. „Die ist dreizehn. Das ist voll krass.“
Er war so konzentriert, dass er gar nicht mitbekam, dass sich plötzlich eine Hand in seinen Arm schob. Dann merkte er das warme angenehme Gefühl. Er sah zur Seite. Es war Helen. Er legte den rechten Arm um sie, dann suchte er mit der Linken ihre Hand und drückte sie leicht an sich.
Er wusste nichts von diesem Mädchen. Sie wusste nichts von ihm, aber es hatte gefunkt. Er konnte sich das nicht erklären. Er lehnte dort an der Rückwand des Raums. Helen führte seine Hand leicht an ihre Brust. Sie war voll und weich. Nils schloss die Augen. Er atmete die Musik und die leichte Berührung.
Dann ging die Tür auf. Carola kam rein. Sie stockte, dann machte sie das große Licht an. Die Musik erstarb. „Hey, was’n das. Ihr seid wohl meschugge.“ Sie stürmte auf die Bühne und zerrte Cindy vom Mikro weg. „Raus hier, das ist meine Veranstaltung.“
Nils machte sich von Helen los, er ging auf Carola zu und versuchte sie zu beruhigen, aber Carola war nicht zu beruhigen.
Nils zuckte schließlich mit den Schultern, er sah die drei Mädchen an, die völlig betroffen waren, dann gab er ihnen einen Wink. „Kommt.“
Cindy, die Cindy, die sonst so stark schien, war plötzlich nur noch Rotz und Wasser. Sie hatte es doch nur gut gemeint. Sie hatte ausgeholfen. Sie hatte sich gefreut, ihrer Stimme einmal den vollen Lauf zu lassen. Die Freundinnen hatten Cindy in den Armen und trosteten sie.
Nils berührte Helen leicht an der Schulter. „Kommt mal mit. Das ist alles sehr bedauerlich. Es tut mir leid. Cindy hat das nicht verdient.“ Dann führte er die drei Mädchen in eins der andern Häuser und öffnete die Tür zu einem Probenraum. Die Musik knallte ihnen entgegen. Das war knüppelharter Rock.
Die Gruppe spielte bisher instrumental. Sie hätten gern einen Leadsänger oder eine Sängerin gehabt, aber sie hatten noch nicht das Passende gefunden. Sie waren um vieles besser als „Elan“ und Nils wusste, dass sie schon einige Stücke für Stimme geschrieben hatten. Wo keine Stimme war, konnte man keine einsetzen.
„Jungs“, sagte Nils beim eintreten, und zog den Stecker. „Verzeiht mir den Interruptus. Ich möchte euch jemand vorstellen. Das sind Cindy, Helen und Lara. Von Helen und Lara weißích nichts. Cindy hab ich grade singen gehört, ihr habt da doch dieses Stück, „Leben um zu lieben“ oder wie das heißt. Habt ihr die Noten da?“ Sven nickte. „Klar doch.“
Nils gab Cindy die Noten. „Hier wird dir das nicht noch mal passieren, was du gerade erlebt hast. Sieh dir mal die Noten an - du kannst doch Noten lesen?“ Cindy sah Nils an, als hätte er sie nicht alle. Dann sah sie sich das Notenblatt an und fing leicht an zu summen. Sie fing noch mal an. Lara ging zu ihr und summte mit, dann begann Cindy von vorn. Lara summte die Grundmelodie. Cindy bildete Worte, sie fing an zu nuancieren. Leise noch, aber dann gab sie den Musikern einen Wink. „Könnt ihr mich etwas begleiten? Ich möchte das noch mal versuchen.“ Sie probierten das drei-viermal. Cindy wurde immer besser. Die Töne kamen jetzt ziemlich klar. Diese Cindy hatte ein unglaubliches Stimmvolumen.
Helen hatte sich wieder bei Nils eingehakt. Sie verfolgten die Entwicklung. Nils staunte. „Woher kann Cindy das“, fragte er. „Ihre Mutter war Sängerin. Sie hat ihre Eltern aber bei einem Autounfall verloren. Cindy lebt jetzt seit sechs Jahren bei uns. Die Musik hilft ihr, das Erlebte zu verarbeiten.“
Nils staunte.
Das Stück war gerade wieder um. Sven hielt die Hand hoch und sah dann zu seinen Freunden. „Schon mal aufgetreten“, fragte er. Cindy nickte. „Hast du Zeit? Willst du in den nächsten Wochen mit uns proben?“ Dann fragte er unvermittelt. „Wie alt bist du eigentlich?“
Cindy senkte den Kopf. „Dreizehn.“ Sven schnaufte. Seine Truppe war fünf jahre älter. Sie waren local heroes - lokale Größen, sie hatten sich in Berlin und Brandenburg schon einen Namen gemacht, aber dieses Mädchen schien ein Naturtalent zu sein.
Sven wandte sich an Nils. „Hast du was dagegen, wenn Cindy mit uns probt?“ Nils schüttelte den Kopf. Das ist eure Sache. Deine und Cindys. Ihr entscheidet das.“
Sven wandte sich an Cindy. „Willst du? Cindy drehte sich glückselig zu ihren Freundinnen um und sah zwei fröhliche und zustimmende Gesichter. Dann fragte sie zurück. „Könnt ihr auch Lara gebrauchen? Als Backgroundsängerin? Sie macht das wirklich gut.“
Sven nickte. „Versuchen wir es.“
Dann gaben sie Cindy ein anderes Notenblatt. „Wenn du Zeit hast, dann versuchen wir mal das nächste Stück. Da ist sogar Background angesagt.“
Nils Handy klingelte. Er sah kurz auf das Display, tippte mehrere Tasten und steckte es wieder ein. „Ich muss weg. Ihr kriegt das hier alleine hin. Die Mädels sind in unserem Haus noch neu. Betreut sie ein bisschen, führt sie ein bisschen herum, ja?“
Zu Helen sagte Nils leise. „ich muss wirklich weg. Mein Vater braucht mich. Sehn’ wir uns wieder?“ Helen drückte Nils einen leichten Kuss auf die Lippen. Ihr Mund schmeckte süss, fast wie reife Kirschen. Nils schmolz wie Schokolade in der Sonne. Er küsste zurück und genoss einen Moment diese warme Glut. Dieses Mädchen war echt unglaublich. Er musste sich losreißen. Er atmete schwer, drückte ihr die Hand und schlüpfte aus der Tür. Draussen lehnte er sich an die Wand und atmete tief ein. Er spürte plötzlich durch die Mauer, dass Helen dasselbe machte. Er schüttelte den Kopf. Das musste ihm gerade heute passieren. Heute brauchte er einen klaren Kopf.
4.
Als er in die Wohnung kam, wartete Théra auf ihn. „Komm, leg dich ein bisschen hin, du brauchst jetzt Ruhe.“ Sie brachte ihn in sein Zimmer, dann setzte sie sich neben das Bett, nahm seine Hand und fing an zu summen. Fünf Minuten später war Nils eingeschlafen.
Papa sah Théra an. „Wird Nils das heute schaffen?“
Théra nickte. „Ich bin mir sicher. Nils ist verwirrt. Er ist von der Liebe wie von einem Blitz getroffen worden, aber er wird heute abend wach sein. Wir können auf ihn zählen.“
Dennis sah Théra stirnrunzelnd an.
„Ja ja, ist gut. Es wird gefährlich heute. Nils muss einen klaren Kopf haben, aber vertrau mir. Nils schafft das.“
Später am abend ging Théra noch mal weg. Dennis ging zu Nils, aber der schlief wie ein Stein. Dennis seufzte.
Er kannte dieses Gefühl. Er sah Laura an und sie nahm ihren Mann in die Arme. „Wenn du dir nicht sicher bist, dann lass Nils zuhause. Du wirst das mit Théra auch alleine schaffen. Dennis nickte, als die Türe aufging. Eva platzte mitten herein. „Oh, stör ich?“ Nein, nein, komm, setz dich zu uns.“
Eva setzte sich schräg gegenüber auf den Sesselrand und fixierte Dennis. „Nils wird das schaffen, glaub mir.“ Dennis sah erstaunt auf und Eva bekräftigte. „Dieses Mädchen hat ihm den Kopf verdreht, aber heute Nacht ist Nils bei klarem Verstand.“
„Aber...“ hatte Laura auf den Lippen... Dennis lachte leise. Seine Kinder waren schon unvergleichlich. Eva hatte das alles gesehen. Deshalb war sie nach Hause gekommen. Sie wusste, dass sie ihn jetzt bestätigen musste. Er lächelte dankbar. Eva ging zu ihren Eltern, kniete sich vor die beiden hin und nahm ihre Hände. „Es wird gefährlich, aber es wird gut gehen. Nur nicht die Vorsicht außer acht lassen. Diese Russen sind wie Skorpione.“
Dann zog sich Eva zurück. Dennis hatte ihr nichts erzählt, aber sie hatte seine Gedanken gelesen. Seine, die von Théra und die von Nils.
5.
Théra kam um halbzwölf wieder. „Ich hab’s“, sagte sie nur. „Jetzt können wir Nils wecken.“ Sie ging hinüber, setzte sich neben Nils, nahm seine Hand und fing an zu summen. Nach drei Minuten schlug Nils die Augen auf. Er starrte einen Moment an die Decke, dann sah er zu seiner Schwester. „Is’ Zeit? Dann mal los. Wir haben heute eine Aufgabe.“
Sie wurden abgeholt. Eine schwarze unauffällige Limousine mit starkem Motor und aufgemotztem Fahrgestell. Eine Granate von Auto. Äußerlich sah man das dem Auto nicht an.
„Wo sind sie jetzt?“ fragte Dennis den Fahrer. „Sie haben grade die Grenze überschritten. Hat ein bisschen gedauert, weil sie unterwegs eine Reifenpanne hatten.“ Dennis nickte. Gut, dann haben wir genügend Zeit. Er sah auf seine Uhr. Kurz vor zwölf.
Sie fuhren hinüber nach Brandenburg. Sie benutzten Landstraßen, der Fahrer fuhr ruhig und sicher. Er hatte das schon oft gemacht. Bloss nichts riskieren. Nicht bei einem solchen Auftrag. Er würde Dennis und seine Kinder irgendwo rauslassen, dann würde er weiterfahren, einen Bogen drehen und nach Berlin zurückkehren. Dennis würde wissen, wie er nach Hause kommt. Dennis wusste immer, wie er zurückkommt.
Er ließ Dennis an einer dunklen Kreuzung raus und zeigte in die Richtung. Etwa eine halbe Stunde in diese Richtung. Dennis nickte. Er hatte den Weg schon ein paar mal gemacht, auch nachts. Er wusste, dass es Wachen mit MP und scharfe Hunde gab. Fledermäusen tun die Hunde nichts.
An einer getarnten Stelle zogen sich Dennis und seine Kinder aus. Sie versteckten die Kleidung unter den Büschen, verwandelten sich in Fledermäuse und schwirrten los. Die Signale der Fledermäuse sind im Dunkeln unnachahmlich. Sie „sahen“ jeden Baum, jeden Strauch, jeden Wachmann und jeden dieser gefährlichen Kampfhunde, die von den Russen benutzt wurden. Dann hängten sie sich unter den Giebel des Bauernhofes, der umfriedet mitten in Feldern lag, die nicht mehr bewirtschaftet wurden.
Das war Russengebiet. Es wurde weiträumig bewacht.
Eine Stunde später sahen sie in der Ferne Lichtkegel. Dann hielten sie an und fuhren nach einer Weile wieder weiter. Unter Nils klingelte ein Handy.
„OK“, sagte einer der Russen, „sie kommen.“ Die Tür ging auf, der Lichtschein fiel kurz nach draussen. Zwanzig Gestalten kamen raus, bewaffnet mit MP’s. Sie verteilten sich im Gelände.
Dann war es still. Nicht einmal das Glimmen einer Zigarette war zu sehen. Das waren wirklich Profis.
Das Gelände war weitläufig durch einen Zaun abgegrenzt. Das Tor wurde jetzt geöffnet und der LKW rollte hinein. Es war ein großer LKW. Der 40-Tonner bremste vor dem Haus, dann ging überall das Flutlicht an.
Nils hörte, dass Dennis und Théra leise summten. Nur er hörte das. Sie wollten die Sprache verstehen. Er war der einzige, der russisch verstand. Papa und Théra mussten ihre Kräfte dafür einsetzen.
Die Fahrer stiegen aus und hoben die Hände. Von zwei Seiten kamen jetzt bewaffnete Männer, je einer untersuchte die Fahrer nach Waffen, dann warf er die Pistolen in das Dunkel außerhalb des Lichtscheins.
Sie befahlen den Fahren, den Schlüssel rauszurücken und sich auf den Boden zu legen. Nur einer der Bewaffneten blieb im Focus der Lampen, die anderen verschwanden wieder ins Dunkel. Wenn etwas mit der Ladung nicht stimmte, würden sie sofort anfangen zu schießen. Dennis und Nils hatten das schon einmal erlebt. Damals hatten die Russen 40 Leute umgenietet. Die Leichen waren nie gefunden worden.
Diesmal ging alles glatt. Der Russe öffnete die Flügeltüren. Darin standen Paletten mit Kartons und einer der Russen kam jetzt mit einem Hubwagen angefahren. Er hob eine der Paletten nach der anderen heraus und stapelte sie im Hof. Dahinter kam noch eine Ladung Paletten zum Vorschein, und er hob auch davon einen Teil heraus. Diese Kartons schienen leer zu sein. Sie waren nur mit Bändern verschnürt, wie echt.
Einer der Männer kam aus dem Dunkel und rief in russisch hinein. „Ihr könnt jetzt rauskommen. Hände über den Kopf. Ihr springt einzeln raus und macht zehn Schritte vorwärts. Dann bleibt ihr stehen. Dawai, dawai,“ bekräftigte er.
Er selbst trat zurück, die MP im Anschlag.
Nun traten die Mädchen einzeln an die Laderampe. Sie blinzelten in das gleisende Licht, dann sprangen sie herunter und nahmen die Hände über den Kopf.
Nils war verblüfft. Irgendwie schienen die Russen heute besonders schlecht gelaunt zu sein, und er war zugleich traurig. Die armen Mädchen. Sie wurden unter irgendeinem Vorwand hierher gelockt, aber das war Frischfleisch für den boomenden Nuttenmarkt in Berlin und anderswo.
Es waren junge Mädchen. Sie waren schlecht gekleidet. Offenbar hatte es in den LKW nicht einmal eine Toilette gegeben. Es stank. Sie sprangen einzeln heraus und sie zitterten vor Angst, Müdigkeit und Hunger. Einige konnten sich kaum auf den Beinen halten. Welch ein Jammer.
Der LKW war wirklich voll. Zum Schluss standen vielleicht hundertzwanzig Mädchen im Scheinwerferlicht, die Hände immer noch über den Köpfen. Es waren Mädchen dabei, die mochten gerade mal 12 sein.
Der Russe trat nun an den LKW, leuchtete mit einer Stablampe hinein und stöhnte. „Was für ein Dreck.“ Er winkte vier seiner Freunde herbei und sie spielten „Hammelsprung“. Sie stellten sich gegenüber auf und winkten die Mädchen herbei. Zwei tasteten die Mädchen ab. Gesicht, Zähne, Brüste, Hüften, Beine. Dann reichten sie die Mädchen zum zählen weiter. Es bildeten sich zwei Haufen. Ein großer und ein kleiner.
Dann kam einer der anderen Russen ins Licht und befahl den Fahrern aufzustehen. Er nahm sie mit zu dem kleineren Haufen, und befühlte die Mädchen alle noch einmal. Einem der Mädchen leuchtete er ins Gesicht. „Wasń das. Pjotr. Komm doch mal her. Er gab ihm die Taschenlampe. „Ins Gesicht“, befahl er. Er fasste dem Mädchen unters Kinn und bewegte das Gesicht hin und her. „Pickel“, meinte er. „Hast du noch woanders Pickel? Arme, Po, Beine?” Er sah, wie das Mädchen den Kopf schüttelte. „Ma’ aufmachen.“ Er zeigte auf den Reißverschluß der Jacke, und als das Mädchen nicht schnell genug reagierte, griff er ihr in die Haare und riß den Kopf hin und her. Das war schmerzhaft und das Mädchen schrie gequält. „Arme hoch“, befahl er. Dann griff er dem Mädchen links und rechts an die Brüste, zog mit einem schnellen Griff den Reißverschluß auf, fasste in die Bluse und riß sie auf, so dass zwei Knöpfe wegsprangen. Das Mädchen zuckte, aber es traute sich vor Angst nicht, was zu sagen. Er griff in die geöffnete Bluse, holte die Brüste raus wie zwei Würste, und befahl, „mehr Licht.“ Dann ließ er die Hände hinunter wandern. „Umdrehen“. Er drückte sich von hinten an das Mädchen, schlang die Hände um die Taille, ließ sie an den Hüften hinunter fahren, befühlte die Oberschenkel und griff ihr in den Schritt. „Wie heißt du?“ „Jasmin“, flüsterte das Mädchen. „Lauter.“ „Jasmin“, wiederholte das Mädchen und der Russe machte zwei Stoßbewegungen von hinten mit der Hüfte. Dann drehte er sie mit einem schnellen Griff um und drückte sich von vorne an sie. Er presste sie an sich, dann griff er ihr in die Haare, ging einen halben Schritt zurück und stieß sie zu dem großen Haufen. Sie stolperte und fiel, aber das schien den Russen nicht mehr zu interessieren.
Er prüfte den kleinen Haufen noch einmal. Vier der Mädchen schickte er zu den anderen, die anderen ließ er stehen. „Was sollen wir mit denen machen“, fragte er, „sie erfüllen nicht die Norm.“ Die Fahrer zuckten die Schultern. Sie waren bloss die Fahrer. Sie standen in der Hierarchie immerhin so hoch, dass sie berechtigt waren, das Geld entgegenzunehmen, aber sie waren bloss die Fahrer.
Der Russe war wirklich sauer. Er hatte Vereinbarungen getroffen, was die Qualität der Ware angeht, und er war schon mehrfach enttäuscht worden. Jetzt war Schluss. Sicher. Er könnte den Schrott als billige Arbeitskräfte an eine Hühnerfarm oder an einen Schlachthof verkaufen. Die gutsituierten Bürger in Berlin, Hamburg und anderswo gierten nach billigen Haushaltshilfen. Selbst die Krankenhäuser waren gute Abnehmer. Es gab da genug halbseidene Zeitarbeitsfirmen, denen er die Mädchen verkaufen konnte, aber er würde Verluste machen. Er hatte schließlich für gute Ware auch einen guten Preis vereinbart. Jetzt würde er ein Exempel statuieren. Er würde sich bei seinen Lieferanten Ärger einhandeln, aber er würde diesen Konflikt ausstehen. Notfalls würde er über seine Kontaktleute einen andern Lieferanten finden.
„OK“, sagte der Russe, „ich hab euch schon zweimal verwarnt. Die zieh’n wir von der Rechnung ab. Sagt euren Freunden, wir wollen das nächste Mal ordentliche Ware. Nicht so'n Dreck wie das hier.“ Er machte eine Kopfbewegung. Dann winkte er einem seiner Leute. Der öffnete einen Koffer. Der Russe nahm drei Bündel Geld heraus, blätterte, zog einen Teil davon ab, warf es in den Koffer, steckte sich den Rest in die Tasche, klappte den Koffer zu und gab ihm dem Fahrer. „Ich habe dir nur einen Teil abgezogen. Die da nimmst du wieder mit. Los jetzt“, befahl er den Mädchen, „wieder auf die Laderampe.“
Die Mädchen wussten nicht, wie ihnen geschah, war das nun gut oder schlecht? „Dawai, dawai“, fuhr der Russe sie an, und sie kletterten die Laderampe wieder hinauf.
Dann drehte sich der Russe um, nahm einem seiner Leute die automatische Waffe aus der Hand und feuerte wild in den LKW hinein. Er leuchtete mit der Taschenlampe hinein und schickte noch eine Garbe hinein, dann winkte er seinen Kumpels, die Paletten wieder reinzufahren und die Türen zu verriegeln.
Zu den Fahrern sagte er. „Dein Chef weiß jetzt, was wir mit schlechter Ware machen. Mach hin“, rief er dem Staplerfahrer energisch zu, „los jetzt. Wir haben keine Zeit zu verlieren.“
Théra war bereits unerkannt in das Führerhaus des Trucks geflogen. Jetzt die kletterten auch die Fahrer hinein, warfen den Truck an und rollten rückwärts aus dem Tor. „So eine verdammte Scheiße“, fluchte der Fahrer, „wie sollen wir das denn erklären. Jetzt müssen wir auch noch den Dreck da loswerden.“ Dann wendete er und fuhr davon.
Nils war total geschockt, aber Dennis hatte ihm signalisiert, jetzt nicht einzugreifen. Als der Truck losfuhr hatten sie sich schon längst in Bewegung gesetzt.
Sie begleiteten den Truck. Nach drei Kilometern blieb der LKW plötzlich stehen. Dennis und Nils holten auf, Nils verwandelte sich in seine Menschengestalt zurück, öffnete die Beifahrertür und Théra kam herausgeflogen. Sie verwandelte sich, dann kletterte sie in den Truck, holte eine Tasche heraus und drehte sich nach ihrem Vater um.
Die Fahrer waren bereits tot. Théra hatte sich in eine Spinne verwandelt und zugebissen. Das Gifft dieser Sorte Spinnen war absolut tödlich. Das war auch so ein Talent ihrer Familie. Sie hatten das schon ein paar mal benutzt, um sich zu wehren. Auch Nils konnte das.
Théra hatte den Truck an der vereinbarten Stelle gestoppt. Seitlich der Straße gab es ein Wäldchen mit dichtem Gebüsch, von der Strasse getrennt durch einen Bach. Dennis war sofort dahin geflogen und hatte sich zurückverwandelt. An einer gut getarnten Stelle holte er ein Etui aus dem Versteck, das die Freunde „des Dicken“ vor drei Stunden dort hingelegt hatten. Das war Generalstabsarbeit gewesen.
Jetzt hatte Dennis eine Maschinenpistole in der Hand. Es war ein seltsames Bild. Ein völlig nackter Mann mit MP. Nils grinste innerlich. Dann entsicherte Dennis und schickte die volle Ladúng in das Führerhaus, in den Kühler und in die Reifen des Trucks. Es zischte, als die Reifen platt wurden und der LKW vorne in die Knie ging.
Die MP-Salve diente der Tarnung.
Dennis nickte seinen Kindern zu. „Beeilung, sie werden in drei Minuten da sein. Wir haben nicht viel Zeit. Nils, stell jetzt bitte keine Fragen, lass uns abhauen.“ Sie sprangen in ihr Versteck, Théra nahm einen kleinen Beutel, sprang zu dem Lkw zurück und warf das Messer ein Stück von dem LKW weg in das Feld, ohne es mit den Fingern zu berühren. Dann sprang sie wieder zu Dennis und Nils zurück.
Dieses Messer spielte bei diesem Unternehmen die Schlüsselrolle. Théra hatte es Stunden vorher einem Chinesen entwendet, der Hua Guo Lang hieß. Er war der operative Leiter der Berliner Chinesenmafia. Ein vielleicht 35 Jahre alter und ein äußerst intelligenter und brutaler Gangster, der sich ganze Ladungen von Mädchen aus China und Thailand schicken ließ.
Schon lange bestand zwischen den Chinesen und den Russen eine Art Krieg um die besten Märkte in Berlin, Hamburg, Frankfurt, München und in anderen Städten. Das Geschäfte mit der Prostitution war fast genauso gut wie das Rauschgiftgeschäft. Auch in diesem Sektor mischte der Chinese mit.
Er hatte direkten Draht zu Produzenten in den Anbaugebieten in Ostasien. In der Szene war bekannt, dass er dieses Messer hatte. Es war etwas Besonderes. Eine alter Stahl mit mehrfach geschwungener doppelseitiger Klinge, wie das früher in Indonesien benutzt worden war. Er liebte es, die Mädchen damit gefügig zu machen. Kein anderer hatte so ein Messer.
Wenn das Messer jetzt hier lag, dann musste Hua Guo Lang hier gewesen sein. Freiwillig würde er das Messer nie hergeben. Jetzt wartete es dort in der Wiese, bereit, um von den Russen gefunden zu werden. Das würde ein Schlachtfest geben.
Dennis hatte Nils in die Arme genommen, denn Nils schlotterte vor Entrüstung und Wut. „Papa, was ist jetzt mit den Mädchen“, fragte er. Dennis war energisch: „...können wir jetzt nichts machen. Ich werde mich morgen darum kümmern. Jetzt müssen wir hier weg. Wir dürfen nichts riskieren.“
Sie sprangen direkt in das Büro „des Dicken“ und verstauten das Geld. Dennis legte die MP auf den Tisch. „Die lässt du wieder verschwinden.“ „Der Dicke“ nickte. „Alles glatt gegangen?“ Nils seufzte. „Alles. Nur die armen Mädchen tu’n mir leid. Ich möchte die Drecksäue am liebsten alle umbringen.“
„Der Dicke“, der inzwischen von dem Mord auf der Laderampe wusste, sah Nils bedauernd an. „Klar, aber was sollen wir machen. Dann sind wir auch nicht besser als die. Wir haben schließlich unseren Kodex. So ein Gemetzel hab ich auch noch nie erlebt. Die Mädchen? Wir können sie nicht aufnehmen. Das Risiko der Entdeckung ist zu groß. Die Russen werden sie auch nicht freiwillig zurückschicken. Sie haben dafür bezahlt. Das ist lebendes Kapital. Sie werden die Mädchen noch in dieser Nacht verschwinden lassen. Irgendwo in Berlin oder in Brandenburg. Ich weiß nicht wo. Für die Russen brennt jetzt die Luft. Nun müssen sie auch noch diesen Truck loswerden oder sogar das Gehöft aufgeben. Das läuft sowieso über einen Strohmann. Also ich würde an ihrer Stelle dort verschwinden, alles anzünden, um die Spuren zu verwischen und den LKW einfach dort stehen lassen, bis er am Sonntag durch einen Zufall gefunden wird. Es geht jetzt um Schadensbegrenzung.“
Er fuhr fort: „Wenn die Russen erst mal zu wissen glauben, wer hinter dem Anschlag steckt, werden sie noch mehr Feuer spucken, als jetzt. Dann möchte ich in dieser Stadt kein Chinese sein. Théras Plan ist gut. Überlassen wir es diesen Ganoven, sich gegenseitig umzubringen.“
Er wandte sich an Dennis. „Ich kann meine Leute da jetzt nicht hinschicken. Wenn die entdeckt werden, fliegt unser Unternehmen auf. Es ist eure Sache, den Fortgang des Geschehens zu beobachten.“
Dennis nickte. „Théra und Nils gehen jetzt schön ins Bett. Ich werde noch mal zurückspringen und die Russen beobachten. Das Messer muss auch wirklich gefunden werden.“ Dann überlegte er einen Moment. „Théra, vielleicht solltest du das lieber machen. Es kann Situationen geben, wo deine besondere Kraft benötigt wird.“ Théra nickte. Das war für sie eine Kleinigkeit.
Nachdem sie verschwunden war, wandte sich „der Dicke“ an Dennis und Nils: „Ich bleibe hier und lese Akten. Ihr verschwindet jetzt.“ Er mahnte Nils mit dem Finger. „Keine unüberlegten Aktionen“, und dann mit einem verschmitzten Blick zu Dennis. „Weist du, was du da für eine schöne Tochter hast?“ Dennis nickte. „Alanque ist ihre Mutter. Vergiss das nicht.“ Alanque war Dennis „zweite Frau“, die Mutter von Théra. Sie lebte in Peru.
Das Geld wanderte in den Safe. Dennis nahm Nils an der Hand und sprang mit ihm nach Hause. Er brauchte jetzt den Vater mehr als je zuvor.
Zwei Stunden später kam Théra zurück. Sie gab „dem Dicken“ einen kurzen Lagebericht.
„Sie haben die Geschichte gefressen. Ab morgen ist hier der Teufel los. Du solltest noch eins wissen. Ich hab die Mädchen freigelassen und in alle Windrichtungen davon gejagt. Sie haben mich nicht gesehen. Die Russen wissen jetzt nicht, wo ihnen der Kopf steht. Sie müssen jetzt auch noch im Dunkeln den Mädchen hinterherjagen. Vier der ganz ganz Kleinen hab ich nach Rüdersdorf gebracht. Natascha ist jetzt bei ihnen.“
„Der Dicke“ runzelte die Stirn. „Das war nicht ausgemacht.“
Théra nickte. „Ich werde mich um die Kücken kümmern. Natascha ist zuverlässig. Ich werde die Mädchen für uns gewinnen.“
„So wie du das immer machst“, fragte „der Dicke“ und Théra nickte. „So wie ich das immer tue.“
Théra überlegte einen Moment, dann sprang sie zurück in die Wohnung in Rüdersdorf. Sie traf Natascha und die Mädchen dort an, die völlig verstört waren. Théra setzte sich zu ihnen und stimmte ihr Gesumm an, fast wie ein Lallebei. Es dauerte nicht lange, da waren die Mädchen eingeschlafen. „Ist der Kühlschrank voll?“ Natascha nickte. „Immer.“
Théra umarmte Natascha und schickte sie nach Hause. „Sie haben dich nie gesehen. Verlass dich drauf.“ Natascha kannte einige von Théras Kräften. „Mach ich. Wenn du mich brauchst, ruf mich.“
„Der Dicke“ wusste nicht, dass Théra jetzt die Nacht in Rüdersdorf blieb, einem Vorort von Berlin, wo die Organisation eine ihrer getarnten Wohnungen hatte, wie in vielen Stadtteilen. Er musste jetzt handeln. Er rief seinen Freund Trifter und einige seiner „Leutnants“ an und bestellte sie sofort ein.
„Absolute Tarnung“, bat er. „Die Diebstähle sind im gesamten Stadtgebiet einzustellen. Die Kids im Untergrund bleiben von der Strasse weg, außer, wenn wir Sonderaufträge haben.“ Er wandte sich an Trifter. „Telefonier’ heut’ früh sofort mit dem Innensenator. Lass dich unterrichten. Von Eva will ich, dass sie sich morgen an das Fernsehen ranklemmt.“ Dann wandte er sich an seine Leutnants.
„Théra hat die Mädchen freigelassen. Das sind über hundert Stück. Der Großteil wird von den Russen wieder aufgegriffen werden. Ein kleiner Teil wird vorübergehend entkommen. Werft unsere Kontakte zur Polizei und zum Roten Kreuz an, zu den Auffangstationen für Obdachlose, alles das. Sie haben Théra zwar nicht gesehen, aber wenn wir ein paar von ihnen von der Strasse holen, dann kann uns das vielleicht nützen, obwohl’s gefährlich ist. Sie haben keine Papiere, kein Geld, keine Nahrung und sprechen kein Wort deutsch. Spannt Ewalowa und einige unserer Freunde aus Tschechien und Polen ein. Wir müssen in diesem Sprachsegment mehr Präsenz zeigen. Wenn ihr Erfolg habt, bringt ihr die Mädchen nach Eberswalde, bloss nicht nach Berlin. Dann sagt ihr Théra sofort Bescheid. Es ist ihre Aufgabe, die Mädchen für uns zu gewinnen.“ Er schaute noch mal in die Runde. „Alles klar? Dann los jetzt.“
6.
Es gab viele Schleuserbanden in Deutschland und in Europa. Die meisten Menschen wurden gegen ein irrwitzig hohes Transportgeld über die Grenzen geschafft, um hier im Billiglohnsektor zu arbeiten. In Schlachtereien, am Bau, am Fließband und in Sozialberufen. Manche wurden ganz sich selbst überlassen. Was hier gerade geschehen war, hatte einen anderen Charakter. Hier ging es um großes Geld. Prostitution war ein gutes Geschäft, direkt hinter Rauschgift und Erpressung. “Der Dicke” und Nils hattren solche Aktionen schon öfter gemacht, aber dieses Wochenende sollte das Leben von Nils nachhaltig beeinflussen. Ohne dieses brutale Geschehen wäre sein Leben mit Sicherheit anders verlaufen.
Manchmal werden unsere Schicksale von Zufällen beeinflusst. Wir können uns nicht dagegen wehren.
Am nächsten Morgen weckte Dennis seinen Sohn. „Steh auf. Wir müssen jetzt Wache schieben, immer abwechselnd, und denk daran: keine unüberlegten Reaktionen, keine spontane Bestrafung.“ Er gab Nils eine Adresse. Du bleibst unsichtbar. Wenn du genug hast, dann löse ich dich ab. Er sah auf die Uhr. So um Zwölf. Ist das OK?
Nils nickte. Er sprang nach Teltow, weil er wusste, dass die chinesische Mafia dort ein Zentrum hat, das den Russen bekannt war, dann wartete er ab. Um Zwölf emfing er von Dennis einen Energiestrahl. Er sprang zurück und legte sich wieder ins Bett. Als er um fünf aufwachte, war Dennis wieder da. „Théra ist jetzt unterwegs. Sie hat gestern Nacht übrigens vier der Mädchen gerettet. Sie hat sie eingewebt und Natascha ist jetzt bei ihnen. Die Mädchen werden keine Probleme machen.“ Nils atmete tief ein. „Immerhin vier.“
Dennis nickte. „Der Dicke hat seine Kontaktleute in Marsch gesetzt. Er sagt, er kriegt jetzt ständig Berichte von der Polizei und den Hilfsdiensten vor Ort. Sie haben schon zehn weitere Mädchen aufgegriffen. Vier davon sind jetzt in Sicherheit bei unseren Freunden.“
Nils nickte erleichtert. Das war eine gute Nachricht.
Dennis legte sich zum Schlafen. Nils war immer noch aufgewühlt und er trödelte ein bisschen herum. Dann besuchte er seine Mutter, die heute im Büro Wache schob und klärte sie leise über den Stand der Dinge auf. Er musste einfach reden.
Eva war ohne sein Wissen unterwegs. Sie hatte gute Kontakte zum Fernsehen. Sie war vor Ort, dort, wo der zersiebte Truck stand, mit fünfzehn Mädchenleichen im Auflieger. Es war ein Fressen für die Presse. Das drei Kilometer entfernte Gehöft war völlig niedergebrannt. Es gab nur noch rauchende Trümmer. Spuren würde man da wohl kaum finden.
Als Théra um acht kam, war sie richtig groggy. Das waren zwei harte Tage und Nächte gewesen. Nils löste sie jetzt ab und signalisierte Dennis um zehn, „alles ruhig, aber ich brauche jetzt mein Bett.“
Dennis löste seinen Sohn bei der Wache ab.
Papa kam spät in der Nacht zurück. Er legte sich sofort hin und legte einen Zettel für Théra und Dennis auf den Küchentisch. Phase 2 erfolgreich, stand da.
Als Nils am nächsten Morgen in die Schule ging, gab es überall Sonderverkäufer. „Extrablatt“, schrien sie, und versuchten die Zeitungen an den Mann zu bringen. Sie wurden ihnen förmlich aus der Hand gerissen. „Überfall auf Chinesenlokale“, „Mädchenleichen in LKW“, „Brutales Gemetzel auf dem Strich“. Nils ließ sich ein Exemplar geben. Es stand nicht viel drin, aber diese Nacht musste ziemlich blutig gewesen sein. Die Chinesen würden jetzt aufrüsten und es den Russen heimzahlen. Er grinste plötzlich. Das hatte Théra gewollt. Sie würden sich jetzt gegenseitig ausrotten. Eine Vendetta.
Die andern Banden würden sich da raushalten. Sie würden beobachten und dann versuchen, den freien Markt unter sich aufteilen. Das würde nicht ohne neue Kämpfe abgehen. Die Hintermänner der Russen und der Chinesen würden auch anreisen. Sie würden Killerkommandos schicken. Die Kids und alle ihre Freunde würden jetzt sehr vorsichtig sein müssen, um nicht in diesen Strudel hineingerissen zu werden, aber sie würden schon dafür sorgen, dass ihre Unkosten gedeckt werden würden. Damit kannten sie sich aus.
Als er von der Schule heimkam, wachte Dennis gerade auf. Nils besprach sich mit seinem Vater.
Dennis nickte. „Es wird Zeit, dass wir den Behörden ein paar Tipps geben. Wofür haben die Räumkommandos.“ Er lachte Nils an. „Théra hat da in ein Wespennest gestochen, aber wir müssen höllisch vorsichtig sein. Wir müssen all unsere Kids warnen. Keine Diebstähle mehr. Die Stadt wimmelt jetzt von Detektiven. Ich werde mich gleich auf den Weg machen.“
„Wo ist Théra“, fragte Nils. „Sie kümmert sich um die Mädchen. Eva ist schon wieder mit dem Fernsehen unterwegs. Mach dir mal keine Sorgen. Théra wird die Mädchen irgendwo bei unseren Freunden unterbringen, wenn sie sich sicher ist.“
Nils nickte. „Darf ich wieder ins Bett? Ich hab was nachzuholen.“ Heute ging er nicht zum Training. Das Kickboxen musste heute warten. Ellen musste heute warten.
Am Abend wurde er wach. Théra war gerade gekommen. „Alles OK mit den Mädchen?“ Théra nickte. “Natascha und Ewalowa haben das jetzt in die Hand genommen. Ich werde noch ein paar Tage hier bleiben, dann werde ich wieder nach Peru gehen. Dann seid ihr alleine, du und Papa. Kriegt ihr das hin?“
Nils zuckte mit den Schultern. „Wird schon gehen.“
7.
Es war wirklich ein totaler Krieg ausgebrochen. Die überlebenden Chinesen wussten längst, wer sie angegriffen hatte. Der gefährliche Hua Guo Lang würde sich bitter rächen. Fünf seiner wichtigsten Lokale waren zur gleichen Zeit angegriffen worden. Auf dem Strich hatten die Russen gewütet und sechzehn seiner chinesischen und thailändischen Strichmädchen niedergemäht. Zur gleichen Zeit waren sie in Kreuzberg aufgetaucht und hatten eines seiner besten Bordelle in Fetzen geschossen. Dann waren sie untergetaucht. Wie von der Bildfläche verschwunden.
Er selbst war nur durch einen Zufall mit dem Leben davongekommen.
Der Angriff war völlig überraschend gekommen. Viele seiner Leute waren jetzt tot. Das würde viel Arbeit geben.
Dann war da noch die Sache mit seinem Messer. Es war weg. Er konnte sich das nicht erklären. Er hatte es einmal in Honkong gekauft, bei einem Trödler. Es war sicher 300 Jahre alt. Ein handgeschmiedeter Stahl. Etwas Besonderes.
Jetzt würde er erst mal versuchen, zu retten, was zu retten ist. Dann würde er seine Organisation neu aufbauen und die Russen jagen.
Er gab Anweisung, in Deckung zu gehen, und dort auch zu bleiben. Straßenstrich nur unter Bewachung. Die fünf anderen Puffs mussten großräumig abgesichert werden. Irgendwo musste das Geld ja herkommen.
Den Heroinverteilerring hatten die Russen noch nicht angegriffen. Auch da musste er jetzt äußerste Vorsicht walten lassen.
8.
Nils blieb in dieser Woche in Deckung. Er ging normal zur Schule. Mittags und abends übernahm er geheime Überwachungsaufgaben, alles andere ließ er schleifen. Er sah in dieser Woche weder Ellen noch Helen. Er überlegte kurz. Bei dieser Namensnennung war es möglich, sich zu versprechen, aber er könnte sich immer rausreden. Hatte auch sein Gutes. Er grinste und machte sich wieder an die Arbeit.
Er hatte zusammen mit Papa und Théra verschiedene Verstecke der Russen und der Chinesen ausfindig gemacht. Der Heroinverkauf ging vorsichtig weiter und jetzt gab Papa den Behörden einen Tipp. Er ließ das durch Trifter einfädeln, der unter vier Augen mit dem Innensenator sprach. „Sie sind sicher“, fragte der Innensenator, der inzwischen ein guter Freund von Trifter war und Trifter nickte.
In der selben Nacht noch überfiel ein Kommando der SOKO-Miliz (das inzwischen gegründet worden war, um die ständige Bedrohung durch Banden in der Stadt zu bekämpfen) ein Haus in Kreuzberg. Die Russen wehrten sich. Sie wurden in einem heftigen Schusswechsel niedergemäht. Die Beute war gewaltig. 25 Kilo reines Heroin und 1,5 Millionen Euro in bar.
Doch auch die Chinesen gingen nicht leer aus. Wieder gab Dennis einen Tipp. Diesmal war die Wohnung weit vor Berlin gelegen, in Neuruppin, mitten in Brandenburg. Der Innensenator spitzte seine Kontakte zu den Kollegen im Nachbarland an. Auch in dieser Nacht waren sie erfolgreich. 8 Kilo reines Heroin und 1,8 Millionen Euro in bar. Auch hier gab es Tote und es gab fünf Festnahmen.
Der Innenminister reichte seinem Kollegen nach Abschluß der Aktion persönlich die Hand. „Darf ich erfahren, wie Sie an die Information gekommen sind?“
Der Berliner Innensenator, der sich mit einem Hubschrauber hatte einfliegen lassen, zuckte mit den Schultern. Wir haben in Berlin eine lange Tradition der Zusammenarbeit mit vielen Stellen im Untergrund. Mehr darf ich Ihnen auch nicht sagen, um meine Quellen nicht zu gefährden.“
„Ist es möglich, diese Quellen auch anzuzapfen?“
Der Berliner Innensenator zuckte wieder die Schultern. „Ich werde mal mit der Quelle reden.“
In dieser Woche passierte noch etwas. Théra, Nils und Dennis schlugen erneut zu. Diesmal erleichterten sie die Chinesen und die Russen um mehr als 12 Millionen Euro.
Diese Woche war für die beiden Gangs eine Desaster. Davon würden sie sich nicht so schnell erholen.
Der Drogenmarkt in Berlin stockte. Zwei der großen Verteilerringe waren vorübergehend lahm gelegt. Die Südamerikaner, die Italiener, die Afrikaner, die Albaner und die Kroaten standen jetzt in den Startlöchern.
Noch hielten sie sich zurück. Die Aktionen der Polizei hatten sie verunsichert. Überall tauchten diese schwarzen Garden der SOKO-Miliz jetzt auf. In Kampfuniform und in schusssicheren Westen. Schwer bewaffnet und bereit, sofort zu schießen. Die Gangs blieben in Deckung und sie beobachten.
Warum die Russen den Burgfrieden zwischen den Gangs gebrochen hatten, wussten sie auch nicht. Sie hätten das sicher schlauer angefangen. Wozu gab es Verhandlungen.
9.
Es war eine harte Woche für Nils. Er hatte solche Spionagearbeit schon mal gemacht, damals in Peru, als er mit Théra und den anderen Geschwistern die Opposition des Präsidenten ausgespäht hatte. Er war viel kleiner gewesen. Damals war es wie ein Spiel. Das Verwandeln in Insekten, die Verfolgungen, das Ausspähen von Bankverbindungen, all das. Er hatte damals nicht sehr viel von dem verstanden, was er da gemacht hatte. Seine große Schwester Théra hatte die Federführung der Aktion gehabt.
Nils hatte damals gelernt, was die Macht der Geschwister bewirkt, wenn sie zusammenhalten. So war es auch in dieser Woche gewesen. Seine Schwester Eva hatte sich in dieser Woche aus der operativen Seite herausgehalten. Sie hatte nur begleitende Funktionen. Ihre Kontakte zum Fernsehen und Presse waren wirklich gut. Ein Phänomen. Eva war selbst so ein Phänomen. Sie hatte unglaubliche gestalterische Fähigkeiten. Mit der Videokamera, mit der Digitalkamera, mit dem Pinsel. Die Musikgruppen im Zentrum liebten sie. Sie entwarf CD Covers und Plakate, sie nahm an Videoproduktionen teil.
Eva war mit ihren knapp 15 Jahren zwar ein blutjunger „Joungster“, aber dennoch war sie schon so was wie eine „graue Eminenz“ im Videogeschäft. Eva hatte wirklich eine besondere Begabung. Sie hatte schon mit sechs Jahren begeistert gezeichnet und gemalt. Sie kannte alle die Cracks auf der Halfpipe und die Musiker. Sie hatte einen eigenen Stil entwickelt und sie hatte schon im Grundschulalter Plakate und CD Cover entworfen. Ein Ausnahmetalent, das sie dank ihrer überragenden Intelligenz, und dank der Beziehungen ihrer Eltern entwickeln und ausleben konnte.
Diesmal nutzte sie ihre Kontakte, um herauszufinden, was die Polizei wusste und was nicht. Auch das hatte sie nur dank der überragenden geheimen Fähigkeiten ihrer Familie. Papa und Mama waren in dieser Sache aber auch immer streng. Sie achteten stets darauf, dass sie ihre Kräfte sinnvoll nutzen. Missbrauch war nicht erlaubt.
Am Samstag morgen gab es eine letzte Konferenz im Büro „des Dicken“. Théra musste wieder zurück in ihre Heimat nach Südamerika, Papa musste wieder nach Sachsen-Anhalt und in die USA. Es musste jetzt zusammengefasst werden, was in dieser Woche passiert war, und es musste eine Strategie für die Zukunft entworfen werden.
Wie gut, dass es in einer Woche Ferien gab.
Nachdem Papa, Théra und Dicke die wichtigsten Fakten vorgetragen hatten, ergriff Dennis das Wort.
„Wir haben einen Teilerfolg gehabt, aber jetzt muss es weitergehen. Die anderen Gruppen stehen in den Startlöchern. Ich bin mir sicher, dass auch ein Teil des Heroins und ein Teil des Geldes, was wir an die Behörden verraten haben wieder auf dem schwarzen Markt landet. Die Beamten sind schließlich auch nur Menschen, und sie werden schlecht bezahlt.“
Er fuhr fort, „wir können solche Aktionen nutzen, um dem Gegner zu schaden. Wir können die Öffentlichkeit aufrütteln, langfristigen Erfolg haben wir damit nicht.“
„Der Dicke“ nickte. „So ist es überall, ob in den USA oder in Burma. Die Behördenvertreter arbeiten manchmal sogar mit der Mafia zusammen. Die Verlockungen des Marktes sind auch zu gross. Als Polizist würde ich wohl auch nicht widerstehen, wenn ich mein Beamtengehalt damit leicht verdoppeln oder verdreifachen kann, indem ich die Augen zudrücke.“
Théra nickte. „Vielleicht könnten wir den Drogenbaronen in einem Land schweren Schaden zufügen, etwa in Kolumbien, aber es gibt andere, in Afghanistan, in Burma, in Persien oder der Türkei, überall, wo es solche Anbaugebiete gibt, die teilweise unter dem Schutz der Regierungen stehen, weil das eine sichere Einnahmequelle devisenschwacher Länder ist.“
Trifter seufzte. „Das ist es ja gerade. Selbst wir profitieren davon. Wir verkaufen nicht, aber wir klauen Drogengelder. Ich hab nicht mal einen genauen Überblick, wie viel Millionen wir schon in der Schweiz und in Liechtenstein gebunkert haben. Ich glaube fast, wir werden diesen Sumpf nie austrocknen.“
Théra nickte. „Ist die Frage, ob das sein muss. Wir haben andere Schwerpunkte. Unsere Reformation der Gesellschaft in Peru und den Nachbarstaaten. Unsere Nahrungsmittelfabriken und die Versorgung Bedürftiger mit billigem Essen. Unser bisher leider sehr geringer Einfluss auf Industrie und Bänker. Unsere kleinen Erfolge bei der Klimarettung. Unsere Erfolge bei der Erforschung und Produktion umweltfreundlicher Technologien. Unsere Zusammenarbeit mit Menschen in vielen Ländern der Erde, die immer mehr zu einer Art „geheimer Völkerverbindung“ werden. Wir dürfen unsere Erfolge nicht gering einschätzen, aber eins zum Abschluss: Wir können nicht alle Schleuserbanden verfolgen. Das ist nicht unsere Aufgabe. Wir wüssten auch garnicht, wohin mit den Menschen, denen wir helfen. Das wäre ein eigenes Projekt, Aufanggesellschaften für politisch Verfolgte und für Wirtschaftsflüchtlinge zu gründen, die jedes Jahr tausende von Menschen aufnimmt. Das hätte zudem die Folge, dass nur noch mehr Schleuserbanden entstehen. “
Théra seufzte, “wir wären da komplett überfordert, aber nun zurück zu unserem eigentlichen Thema. Papa und ich, wir werden euch jetzt wieder verlassen. Ich denke, es genügt voll und ganz, wenn „der Dicke“ seine bisherige Arbeit fortsetzt. Schade dem Gegner. Bleibe unsichtbar. Baue ein festes Netzwerk an Freunden und Helfern. Wir haben Unterstützung bei gewissen Behörden und bei Politikern. Wir bewegen uns vorwärts. In zwei oder drei Jahren können wir einen solchen Schlag wie jetzt wiederholen. Wir können die Mädchen für unsere Zwecke einbinden, die wir jetzt gerettet haben. Naja. Nicht nur für unsere Zwecke, auch zu ihrem eigenen Vorteil. Sie werden glücklicher sein, wenn sie mit uns zusammenarbeiten. Ich werde die Drogenbarone nicht umstimmen. Selbst mit meiner Macht nicht. Aber wir können dafür sorgen, dass langsam das Wirklichkeit wird, was Papa immer mit einer gerechteren Weltordnung anstrebt. Wir sind dabei. Mein Vorschlag ist also, dass wir genauso weitermachen, wie bisher. Wir sind auf einem guten Weg.“
Es wurde noch eine Stunde diskutiert, dann wurde Théras Vorschlag angenommen.
Nils war erschüttert gewesen, als er all das mitansehen musste. Diese Sinnlosigkeit der Gewalt. Aber nun konnte er sich beruhigt zurücklehnen. Irgendwie schien er durch die Vorgänge gereift. Théra und Papa würden ihn morgen verlassen. In einer Woche gab es Ferien. Er würde wieder sein „normales Leben” aufnehmen, und für die Freunde sorgen. Lernen, Sport, Skaterfahren, das tägliche Programm, die gelegentlichen Überwachungen und Aktionen mit „dem Dicken“, und all die Kontakte in der „Musikakademie“, die überall nur „das Zentrum“ genannt wurde. Und vielleicht würde er in diesem Sommer auch seine Liebe finden. Helen. Ein Schauer von Vorfreude fuhr plötzlich über seinen Rücken.
Heute würde es noch weitere Beobachtungen geben, morgen würde er sich frei nehmen. Er fand, dass er Anspruch darauf hatte.
Er empfing plötzlich einen warmen Energiestrahl von Papa. Er hatte seinen Gedanken gelesen. Er sah Papa an. Dennis lächelte und Nils atmete auf. Vielleicht würde er Helen sogar am Sonntag wiedersehen.
Plötzlich bemerkte er Théras Energiestrahl. Auch Théra lächelte. Jetzt war sich Nils sicher, dass er Helen morgen wiedersehen würde.
Nur gut, dass sie so höllisch vorsichtig gewesen waren. Mit der Mafia war nicht zu spaßen. Wenn du bei denen erst auf der schwarzen Liste standest, dann gute Nacht.
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