Kitabı oku: «Der Clan der Auserwählten»

Yazı tipi:

Hans-Peter Vogt

Der Clan der Auserwählten

Lebensraum, Wirtschaftsimperium, Macht, Sex und Demut

Reihe: Die Wächter des Lebens, Band 2

Wirtschaftsroman, real-utopischer Zukunfts-Roman / Science Fiction und Familiensaga

Deutsche Ausgabe

© vogt multimedia verlag, Reinheim / Ungekürzte Ausgabe / 1. Auflage 2018, vorab als e-Book / Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-942652-63-6

Empfohlen ab 18 Jahren

Umschlagentwurf: © vogt multimedia design / Lektorat: Ulrike Kolb, Reinheim / Herausgeber: © vogt multimedia verlag, Dr. Hans-Peter Vogt, Erlenweg 18, 64354 Reinheim / Vertrieb: Libreka

Inhaltsangabe

Titel, Verlag, ISBN

Index

Vorwort

Teil 1. Die Erinnerungen eines alten Mannes.

Kapitel 1. Dresden. Irgendwann im 21. Jahrhundert

Kapitel 2. Erinnerungen eines alten Mannes

Kapitel 3. Die Macht des Clans

Kapitel 4. Die Cäsur

Kapitel 5. Die Welt hat sich verändert

Kapitel 6. Der Anschlag

Teil 2. Die Wächter des Lebens

Kapitel 1. Der Angriff der Xorx und die Reise durch die Galaxis

1.1. Artemis sucht Schutz

1.2. Die Reise durch die Galaxis

Kapitel 2. Zuflucht Erde

2.1. Memphis / Nebraska (USA)

2.2. Die Reise durch Amerika

2.3. Folge dem Geld

2.4. Die neuen Kontakte des Artemis

2.5. Der neue Wirt

2.6. Reisen mit dem Wirt und weitere Zellteilungen

Teil 3. Leon und Chenoa

Die Food Company, die Stiftung, die Philosophie und die Konferenz der fünf Freunde

Kapitel 1. Der Boss und die Praktikantin

Kapitel 2. Die Stiftung Kultur & Kommunikation

und die Cyber-Gesellschaft

Kapitel 3. Die Konferenz der fünf Freunde.

Tätigkeitsberichte, globale Analysen, Strategien und der Fünfjahresplan

Teil 4. Der Clan der Auserwählten.

Das multinationale Unternehmen, soziales Engagement, Strategien, Privilegien und Ausschweifungen

Kapitel 1. Frederik. Das fünfblättrige Kleeblatt

Kapitel 2. Chenoa. Tod, Wiedergeburt, Hochzeit

Kapitel 3. Der große Kreis der Familie

Kapitel 4. Paco. Umwelttechnologien und Sex am Feierabend

Kapitel 5. Leon und Fred. Deutsche Küche und der Reorganisationsplan

Kapitel 6. Chenoa, Lara, Beatrice und Helen. Die Königin und das Dreigespann

Kapitel 7. Paco, Zehra und Chenoa. Die Konzentration auf das Wesentliche

Kapitel 8. Anna Théla und das Lebensgen

Kapitel 9. Das Symposium in Stockholm

Kapitel 10. Helen. Selbstverwirklichung bis zur totalen Erschöpfung

und eine mühsame Zeit der Rekonvaleszenz

Kapitel 11. Leon und Vera. Im Taumel der Extase

Kapitel 12. Der Familienrat

Teil 5. Die Neuorganisation

Kapitel 1. Chenoa.

Die Bündelung der Kräfte, die Rückbesinnung auf Erdung und Demut.

Kapitel 2. Die Enkelkinder,

die Nachfolgeregelung und die Zukunftssicherung

Anhang

1. Die wichtigsten Personen

2. diverse Kinder, Enkelkinder, Urenkel von Leon (Mutanten).

3. Nebenrollen

4. Städtenamen, Seen, sonstige Informationen

5. Früchte, Knollen, Gemüsesorten der Anden und des Amazonasgebietes.

6. Der Autor

7. Danksagung und kritische Einschätzung

Vorwort

Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit dem geheimnisvollen Aufstieg eines Familienclans zur Wirtschafts- und Meinungsmacht. Diese Familie hat die Unterstützung der Wächter des Lebens. Eine Spezies, die aus dem All zu uns gekommen ist, und die um vieles intelligenter ist, als wir Menschen.

Aus der Verbindung der Cantara mit einer ausgewählten Gruppe von Menschen gehen Mutanten hervor, die jetzt selbst zum Wächter des Lebens werden. Äußerlich sind sie in nichts von anderen Menschen zu unterscheiden, aber sie verfügen über Fähigkeiten und Kräfte, die weit über das Maß eines normalbegabten Menschen hinausgehen. Die Fähigkeiten werden von den Cantara auch nicht verteilt, wie mit einer Gießkanne. Die Mitglieder des Clans müssen sie trainieren, sie müssen sich der Philosophie der Cantara unterordnen, und die Cantara können diese Fähigkeiten bei Missbrauch auch wieder entziehen.

Die Menschheit wird langsam, schleichend, aber unaufhörlich von diesem Volk der Cantara unterwandert. Allerdings sind diese Cantara keine aggressive Spezies. Es sind keine Krieger. Es geht ihnen nicht um die Vernichtung oder gar die Ausrottung der Menschheit. Sie finden hier einen Planeten, der ihnen die Möglichkeit bietet, zu leben, sich zu entfalten, und das Zusammenleben der verschiedenen Arten in eine Art globale Ordnung zu versetzen, und sie wollen diese Chance nutzen. In ihrer Sichtweise einer solchen globalen Ordnung unterscheiden sie sich allerdings deutlich von der Mehrheit der Menschen, so dass es aus Sicht der Cantara unerlässlich erscheint, in Prozesse einzugreifen, die das Geschehen auf unserer Erde bestimmen.

Das Buch vermittelt einen Einblick in komplexe Strukturen von Macht, Ökonomie, Ökologie, Produktion, Versorgung der Menschheit mit Nahrung, und human Relationship. Der Inhalt des Romans fordert den Leser auf, sich mit der geschilderten Thematik globaler Verflechtungen auseinanderzusetzen und Stellung zu beziehen.

Es ist ein sehr politisches Buch, das den permanenten Wandel im Blick hat. Die Erde ist ja kein statischer Klumpen, und die Entwicklung der Menschheit, und der durch sie entwickelten Technologien schreitet unaufhörlich voran. Wir leben in einem fragilen Zeitfenster, das in 5, 10 oder 50 Jahren schon wieder völlig neue Zustandsbeschreibungen erfordert. Wer weiß schon, ob wir nicht in einigen Jahren von einem dritten Weltkrieg heimgesucht werden, von den Veränderungen durch den Klimawandel ganz zu schweigen, was zwar absehbar, aber nicht exakt vorherbar ist. Es gibt einfach zu viele Faktoren, welche die Zukunft der Erde und der Menschheit beeinflussen.

Der Leser muss die in der Beschreibung immanenten und vorausschauenden Thesen nicht vertreten, aber er sollte zumindest die Bereitschaft besitzen, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Dazu gehört u.a. auch die Verteilung des Reichtums auf dieser Welt, ökonomische Theorien, Sozialphilosophie, oder auch der Machtanspruch der Kirchen und Ideologien. Das alles wird romanhaft und nachvollziehbar beschrieben. Trockene Sachbücher wird man woanders suchen müssen, die sich mit denselben Inhalten auseinandersetzen. Allerdings kann und will dieser Roman nicht jedes Detail grundlegend bearbeiten, das regional für einzelne Völker, Länder, Volkswirtschaften und Gemeinschaften von zentraler Bedeutung ist.

Wegen der Komplexität der einzelnen Themen und Zusammenhänge, wie etwa die digitale Vernetzung, ist der Roman nicht ausschließlich einer Kategorie zuzuordnen. Es ist sowohl ein utopischer Zukunfts-, wie ein Fantasy- und Wirtschaftsroman, eine Familiensaga und gleichzeitig ein futuristischer Science Fiction Roman. Das alles dient der thematischen Beschäftigung mit komplexen Inhalten, Themen und Strukturen.

Das Buch greift Elemente aus dem ersten Band der neuen Reihe auf, unterscheidet sich aber völlig. Jetzt spielt die Handlung in der realen Welt auf unserer Erde.

Die Bezüge zu dem, was wir gegenwärtig wahrnehmen (können) sind vielfältig. Die Schreibweise, der sozio-ökonomische Zusammenhang, die beschriebenen Wirtschaftsmodelle, ökologische Kreisläufe, und die manchmal sehr freizügig geschilderte Beschreibung erotischer Abenteuer erfordern eine Altersbegrenzung. Die Mitglieder des Clans sind nicht nur Mutanten, sie haben die Gefühle eines Menschen. Emotionen, Paarungstrieb oder die Suche nach Selbstverwirklichung und Glück. Sie müssen Entscheidungen treffen, und sie handeln oft genug aus dem Bauch heraus. Es ist nur folgerichtig, dass sie manche Situationen nicht richtig einschätzen, so dass es zu Verletzungen kommt. In diesem Band ist das nicht im physischen Sinn gemeint, aber im Bereich der Psyche können Verletzungen sehr ernst werden.

Das Buch ist ein großer Überblick über einen Zeitraum von etwa hundert Jahren. Eine lange Zeit, die der schleichenden Unterwanderung durch das Volk der Cantara entspricht. Die Erde beherbergt derzeit (2018) rund 7,6 Milliarden Menschen. Es dauert also seine Zeit, bis ein einzelner Besucher aus dem All all diese Erdteile und unterschiedlichen Völker unterwandern kann, auch wenn er sich im Laufe der Zeit tausendfach vermehrt.

Das Buch konzentriert sich folgerichtig auf eine Chronologie der Ereignisse, mit Episoden, die einzelne Zeitfenster und Personen des Clans näher beleuchten, und Ereignisse zu einer in sich logischen, und vielleicht auch packenden Handlung zusammenfügen. Dabei spielt die Psychologie des Menschen eine entscheidende Rolle, oder das, was wir als emotional-affektives Handlungsmuster bezeichnen, das sich der Logik eines rationalen Denkens entzieht.

Für nachfolgende Bände ist geplant, einzelne Themen und Charaktere aufzugreifen, und die verschiedenen Inhalte zu vertiefen. Dann wird auch das Genre von Abenteuerromanen viel stärker bedient. Lassen Sie sich überraschen.

Empfohlen ab 18 Jahren

(die Redaktion)

Teil 1

Erinnerungen
eines alten Mannes.

Dresden.

Irgendwann im 21. Jahrhundert

Teil 1, Kapitel 1.

Dresden. Irgendwann im 21. Jahrhundert

Leon sitzt in der Frauenkirche in Dresden, jenem Kuppelbau, der einmal international zum Symbol für den Frieden geworden ist. Vor ihm steht der Sarg mit den sterblichen Überresten seiner guten Freundin Beatrice. Neben ihm in der ersten Reihe der Trauergäste sitzen seine Frau Vera und Katharina, seine Geliebte aus den Jugendtagen, sowie seine Kinder Nakoma, Lara und Chénoa Maria, die im Leben der Wundergeigerin Bea alle eine bedeutende Rolle gespielt hatten.

Die Kuppelkirche ist zum bersten voll mit geladenen Gästen. Die Königshäuser von England, Schweden, Holland, Belgien und Spanien sind fast komplett versammelt. Einige Emire und Scheichs aus den arabischen Ländern geben Beatrice die letzte Ehre. Der japanische Tenno ist da, und die Präsidenten von Russland, Amerika und Frankreich. Aus China sind gleich fünf hochrangige Mitglieder der Parteiführung angereist, und natürlich sind auch der deutsche Kanzler und der Bundespräsident gekommen, sowie die Oberbürgermeister von Berlin und Dresden, weitere hochrangige Politiker und Wirtschafts-größen aus Industrie und Banken, unter anderem die Chefs der Deutschen Bank, Barclays, BMW, Aral, Gasprom und einige bedeutende Dirigenten und Musiker. Natürlich würde man diese Trauerfeier nutzen, um im Anschluss Gespräche im kleinen Kreis, oder sogar unter vier Augen zu führen. All die großen und bedeutenden Hotels rund um die Frauenkirche sind ausgebucht, und die Kongresszentren sind für die nächsten drei Tage für politische und wirtschaftliche Gipfelgespräche verplant. Die Trauerfeier ist der richtige Rahmen, um Kunst mit Politik und wichtigen Geschäften zu verbinden.

Unabhängig von den Geschäften, die man betreibt, ist man hier zusammengekommen, um die Musikerin Beatrice und ihr Lebenswerk zu ehren, denn Bea war in ihrer Art unvergleichlich gewesen. Neben klassischen Konzerten hatte sie einen ganz eigenen Stil in Form von Live Acts entwickelt, mit einer Musik, die von verschiedenen nativen Stilrichtungen beeinflusst war. Damit hatte Bea ein Millionenpublikum angesprochen. Sie hatte Menschen zu Tränen gerührt und zum Lachen gebracht. Sie hatte Gegner geeint, und sie hatte mit ihrem Spiel tiefes Glück verbreitet. Niemand war zu ihren Lebzeiten jemals an die musikalischen Fähigkeiten von Bea herangekommen, und sie besitzt eine Fangemeinde, die wohl mehrere hundert millionen Menschen jedes Alters und jeder sozialen Schicht umfasst.

Auch der Platz rund um die Frauenkirche ist dicht gedrängt mit Trauergästen, bis zum Postplatz und bis hinunter zur Brühlschen Terasse. Überall sind Lautsprecher aufgestellt, aus denen die Trauerfeier live übertragen wird. Der Bundes-präsident selbst hat es sich nicht nehmen lassen, die zentrale Trauerrede zu halten.

Als Musik wird Händel und Bach gespielt, dirigiert vom Stardirigenten der Berliner Synphoniker und seinem Orchester.

Rund um die Frauenkirche schirmen wohl dreitausend Sicherheitsbeamte in Zivil die Veranstaltung ab, sowie mehrere Verbände der Bereitschaftspolizei, die in der Wilsdrufer Straße, am Postplatz, und in der Sophienstraße Position bezogen haben, und in kleinen Gruppen von 12 Mann mitten in der Menge stehen. Dazu kommen Ordner in schwarzen Uniformen mit gelber Armbinde, um die Ströme an Sonderbussen, Limousinen und die Massen an Fußgängern zu dirigieren. Schließlich ist eine solche Veranstaltung auch der geeignete Ort für Attentate, oder politische Demonstrationen. So etwas will man hier nicht riskieren.

Direkt vor der Frauenkirche gibt es einen Ring, der von Sperrgittern abgesichert ist, und zusätzlich von Polizei in Zivil, mit den typischen Ohrsteckern und Sprechfunk. Sie tragen unter ihren schwarzen Anzügen Sicherheitswesten und sind bewaffnet, aber man sieht das nicht. Hochrangige Trauergäste brauchen eben einen sichtbaren Beweis von Schutz.

Es hätte nur die Ordner gebraucht, nicht aber die Polizeikräfte, die Sicherheitsbeamten der CIA und die Geheimdienste der russischen und chinesischen Führung, die sich hier unter die Trauergäste gemischt haben, um jederzeit eingreifen zu können, denn Chénoa Maria (die älteste Tochter von Leon) hatte bestimmt: “Wir wollen eine geordnete und ruhige Feier, und wir werden dafür sorgen, dass das Andenken an Bea in einem gebührenden Rahmen stattfindet, frei von Krakeelern, oder gar einer politisch motivierten Bluttat,” und Chénoa Maria verfügt über die Macht, dies auch durchzusetzen.

Zu Beginn der Trauerfeier war ein verglaster Wagen durch die Menge gefahren, mit der gut sichtbaren Urne mit Beas Asche, geschmückt von Lilien, Orchideen und Chrysanthemen. Sie wurde dann in einer feierlichen Prozession in die Kirche getragen. Viele Besucher hatten Blumen mitgebracht und sie in Richtung des Wagens geworfen. Viele Besucher weinten, so dass der Wagen eine Spur aus Blumen und Tränen hinter sich ließ.

In Wirklichkeit war die Urne leer. Beas sterbliche Überreste waren zwar am Vortag in Berlin heimlich verbrannt worden. Dort wurde auch die Urne mit ihrer Asche gut gesichert aufbewahrt. Sie würde später im “Zentrum” hinter Glas ausgestellt werden, bevor sie dann auf Beas persönlichen Wunsch auf dem Friedhof in Berlin-Schöneberg in eine Gruft überstellt werden würde. Die Gruft war bisher allerdings nur geplant, und der Bau würde sich noch einige Wochen oder Monate hinziehen. Das würde noch einmal eine letzte große Trauerfeier geben, mit tausenden von Besuchern.

Kehren wir nach Dresden zurück. Leons Tochter Chénoa Maria sorgt wirklich für einen friedlichen Ablauf, und sie hat die Macht, dies auch durchzusetzen. Sie schickt in diesen Stunden unsichtbare Energiewellen in die Mikrophone, die sich schon vor den eigentlichen Festreden mit der Musik über die Lautsprecher verteilen. Sie hat sich Verstärkung mitgebracht. Ihre Tochter Clarissa und ihre Nichte Solveig, die irgendwo da draußen in der Menschenmenge stehen, verbunden mit einem Mikrophon. Auch sie schicken ihre Energiewellen in den Äther. Für den, der diese Energie sehen kann, wie Leon oder sein Sohn Nakoma, ist das wie ein Sturm, der sich über ganz Dresden legt und sich in den Köpfen der Menschen festsetzt. Er hinterlässt in den Herzen der Menschen einen tiefen Frieden. Niemand hätte die Kraft gehabt, sich über diese Macht der Energie hinwegzusetzen, um die friedliche Trauerfeier von Bea zu stören.

Diese Energie von Chénoa Maria, Clarissa und Solveig gehört zu den Geheimnissen des Familienclans. Diese Energie ist da, aber man redet nicht öffentlich darüber. Sie ist eine der Ursachen, warum sich der Familienclan in den letzten 70 Jahren in den Machtzentren der Welt festsetzen konnte, wie eine Zecke. Die Sicherheitsbeamten dienen nur dazu, den Mächtigen der Welt das Gefühl von Schutz zu vermitteln, das zu den üblichen Szenarien gehört, wenn wichtige Politiker auf Reisen sind. Sie sind für die Öffentlichkeit ein Zeichen von der Präsenz der Schutzmacht, die sich in unmittelbarer Nähe der Kirche allerdings friedlich, würdig angezogen, gut sichtbar, aber auch entschlossen präsentiert, dem feierlichen Rahmen entsprechend. Das Innenministerium hat allerdings vorgesorgt. Gut trainierte Beamte in voller Montur und bewaffnet mit Schnellfeuerwaffen stehen in Nebenstraßen bereit, um notfalls einzugreifen. Bei hohen Staatsbesuchen ist das üblich.

Leon ist nun schon ein alter Mann von 78 Jahren. Er kümmert sich um diese Dinge heute nicht. Er trauert wirklich, denn diese Freundschaft mit Bea hatte ein Leben lang bestanden. Sie hatten ihren Weg miteinander geteilt, und sie hatten so unendlich viel miteinander in Gang gebracht.

Es gibt ein geflügeltes Wort: wenn ein Mensch stirbt - so sagt man - tritt das Leben aus ihm heraus. Leon muss unwillkürlich lächeln. Das Leben tritt aus dem Körper heraus… übrig bleibt eine leere Hülle aus Zellen und Wasser, und das Leben? Wohin ist es hin gegangen? Leon kann mit Beas Seele reden. Bea kann ihm zuhören und sie kann seine Fragen beantworten. Ihre Seele ist dageblieben. Wenn Leon nach Bea sucht, und das hat er in den letzten Tagen ein paar Mal gemacht, findet er diese Seele, aber sie lebt nicht nur in ihm, sondern auch in der Erinnerung von vielen Millionen anderen Menschen fort, und sie bleibt für die Menschen noch lange sichtbar, die Bea besonders nahegestanden haben.

Während die Smartphones im Innern der Kuppelkirche verboten sind, um die Feier nicht zu stören, ist das draußen auf den Plätzen rund um die Frauenkirche ganz anders, obwohl die Veranstalter um Mäßigung gebeten haben.

Da klingeln Telefone, da werden Selfies und Filmaufnahmen gemacht, und da wird rege telefoniert, gesimst und getwittert.

Natürlich gibt es mehrere Fernsehteams, welche Bilder der Trauerfeier in die Welt liefern, auf dem Platz und in der Kirche, aber es gibt Tausende von Besuchern, die es sich nicht nehmen lassen, ihre eigenen Bilder zu machen.

In jeder Versammlung gibt es Neugierige und Schaulustige. So lästig das manchmal ist, so werden die Bilder der Veranstaltung noch einmal tausendfach verstärkt in die Welt verschickt, während die Feier noch in Gange ist. Über Facebook. Über Youtube. Über viele Kanäle von Social Media, und auch über die Seiten von Zeitungen, die ihre Nachrichten schon längst bevorzugt über ihre eigenen Online-Präsenzen verschicken. Über allem schwebt die Musik der Berliner Synfoniker, und webt die Besucher ein.

Auch Solveig und Clarissa, die mitten in der Menschenmenge stehen, die sehen und hören, was um sie herum geschieht. Sie beginnen ihre unsichtbaren Energiestrahlen zu verändern. Immer mehr Menschen schalten ihre Smartphones jetzt stumm, oder sogar ganz ab, und gegen Ende der Veranstaltung sieht man niemanden mehr telefonieren. Nur die professionellen Fotografen und die Filmteams des Fernsehens machen noch ihre Bilder, wie immer bei solchen Ereignissen.

Teil 1, Kapitel 2.

Erinnerungen eines alten Mannes

Leon gestattet sich in diesem Rahmen den Rückblick auf seine Kindheit, als er Bea zum ersten Mal hatte spielen hören. Er denkt über die Geigen nach, die er einmal für Bea entdeckt hatte. Er erinnert sich an die Konzerte in der Frauenkirche, in Notre-Dame-de-Paris, im Chateau de Chambord, in der Carnegy Hall (New York), in Südamerika und an der Mailänder Scala. Er denkt an die Musicals, die Bea zusammen mit seiner Tochter Lara und mit der Startänzerin Helen entwickelt hat, und die den drei Künstlern zu Weltruhm verholfen haben.

Das ist lange her. Inzwischen hat sich der Clan aus Freunden wirklich überall verbreitet. Das Musikzentrum in Berlin und das Unternehmen der Mac Best Food Company sind nur Bausteine in dieser langen Erfolgsgeschichte der Unternehmungen, die alle zu der global aufgestellten Holding gehören, die zu dem Familienimperium zählen. Immer noch ist viel zu tun, auch wenn seine Tochter die Unternehmen der Familie jetzt führt, wie eine Göttin.

Der Familienclan gehört heute zu den mächtigsten Clans weltweit, und man wird sich diese Position nicht mehr nehmen lassen. Inzwischen sind neue Urenkelkinder da, welche in diesem Unternehmen irgendwann eine verantwortliche Rolle übernehmen werden. Dafür wird gesorgt. Leon gestattet sich auch einen Rückblick auf die letzten 70 Jahre. Es ist so unendlich viel geschehen, und seitdem seine Enkelkinder in das Geschehen hatten eingreifen können, hatte es gewaltige Fortschritte gegeben, schon durch die nummerische Anzahl der Helfer und Unterstützer.

Dennoch ist der Tod von Bea eine Cäsur. Sie war es, die in diesem Machtspiel der Kräfte nach außen wie eine einigende Figur gewirkt hatte. Gewiss, da waren noch die Videokünstlerin Lara und die Tänzerin Helen, aber Bea fehlte jetzt in diesem Triumvirat, und hatte bisher durch niemanden ersetzt werden können.

Rückblickend war das Leben von Leon in fünf verschiedene Phasen zu unterteilen. Da war zunächst die unschuldige Kindheit und Jugend, dann die Episoden der Entdeckung der Königsstadt in Peru und die Entwicklung des Musik- und Kulturzentrums in Berlin. Der nächste Schritt war das Engagement im Bereich der globalen Unternehmen und der Ausbau dieser globalen Rolle. Schließlich kam die Übergabe der Macht an seine Tochter Chénoa Maria, die genau genommen eine Mutation zwischen einem Erdling und einem Außerirdischen ist. Leon ahnt das, aber Einzelheiten sind selbst ihm immer verborgen geblieben. Es spielt auch keine Rolle. Chénoa Maria ist, wie sie ist. Eine begnadete Unternehmensführerin.

Erst mit diesem Wechsel war es gelungen, die Machtposition des Clans endgültig und weltweit zu sichern. Nun steht ein weiterer Wechsel bevor. Einige Freunde aus der Jugendzeit waren gestorben. Bea war eine dieser Freunde. Man würde diesen Verlust von Bea durch andere Aktivitäten ersetzen müssen, und die Zeichen stehen gut. Überall stehen neue Enkelkinder in den Startlöchern, um ihre Rolle in der Welt zu übernehmen. Überall sind neue Keimzellen der Macht entstanden, wie Satelliten. Der Clan der Familie hat ein dicht gesponnenes Netz aus Freunden, die zusammenhalten, wie Pech und Schwefel. Es ist ein wirklicher Geheimbund, der da über viele Jahrzehnte hinweg entstanden ist, und der nur ein Ziel hat, etwas Ordnung und soziale Gerechtigkeit in dieses Chaos zu bringen, das die Welt bestimmt. Einfach ist das nicht, denn die Begleit- und Folgeerscheinungen der menschlichen Dummheit und Gier haben diese Welt in eine Unordnung gestürzt, die neben wirtschaftlichen und sozialen Folgen, auch in der Natur ein gewaltiges Chaos hinterlassen haben.

Teil 1, Kapitel 3.

Die Macht des Clans

Leon ist seit 17 Jahren mit Vera verheiratet, die jetzt in der ersten Reihe neben ihm sitzt. Vera ist immerhin 22 Jahre jünger als Leon, und erstaunlicherweise hat diese Liaison gehalten, obwohl Leon sich erst mit 60 Jahren in Vera verliebt hat. Vera ist jetzt 56 Jahre alt. Sie hat die Leitung eines der Unternehmen inne, die dem Familienclan gehören. Trotz all der Aufgaben und der Arbeit ist diese Beziehung zwischen ihnen immer noch von einer tiefen Liebe erfüllt. So selbstverständlich ist das nicht, aber das kennzeichnet die Rolle, die Leon in seiner Ehe, in ihrem Unternehmen und im Leben vieler Menschen spielt. Leon ist ein Player, ein Scout, ein Berater, und er ist immer noch das, was man in früheren Zeiten als Seher bezeichnet hatte. Ein Mann voller Weitblick und Entscheidungskraft, auch wenn er die Leitung der Firmengruppe längst an seine Tochter Chénoa Maria abgegeben hat.

Leon hat in seinem Leben immer sexuelle Beziehungen zu mehreren Frauen unterhalten, aber seine Liebe hat immer nur ganz wenigen Frauen gegolten. Mit seiner Jugendliebe Katharina hat die Beziehung über 40 Jahre lang gehalten. Dann gab es noch seine andere große Liebe, die Archäologin Mila. Auch sie ist bereits tot. Leon war weder mit Kathy, noch mit Mila verheiratet gewesen, aber er hatte alle seine Kinder adoptiert, die er mit ihnen gezeugt hatte. Seine beiden "Frauen" hatten stets voneinander gewusst, und sie hatten es akzeptiert, weil die Liebe zu Leon einfach grandios war. Leon konnte wirklich sagen, dass er im Leben ein ungeheures Glück erfahren durfte.

Er hat in seinem langen Leben sieben Kinder gezeugt, die alle irgendwelche Aufgaben im Familienclan übernommen haben.

Dieser enge Kreis der Familie ist etwas Besonderes. Leon erinnerte sich gerne daran, wie er seine übermächtigen Kräfte erhalten hat. Das ist lange her. Er hat vor allem große Fähigkeiten in der Führung von Menschen entwickelt, etwas, was im Alltag wirklich von großem Nutzen ist. Woher er diese Kräfte hat, das weiß er hingegen nicht genau. Er hat eine recht genaue Ahnung, aber mehr auch nicht.

Leon ist auf seine Weise ein Genie, und seine Kinder haben diese Fähigkeiten alle von ihm geerbt und weiterentwickelt, so glaubt er, wobei jedes der Kinder seinen eigenen Schwerpunkt gefunden hat. Dieser Clan besteht im Kern aus überaus begabten Menschen, die sogar gelernt haben, einen Teil dieser Kraft an ihnen nahestehende Personen weiterzugeben. Diese Kraft ist das Geheimnis der Macht dieses Clans, der inzwischen in der vierten Generation viele Geschicke auf der Erde lenkt. Nicht alle, dies würde wohl nie geschehen, aber der Clan besitzt eine ungeheure wirtschaftliche, politische und auch persönliche Macht.

Es gibt andere Clans, die ebenso mächtig sind, oder auch nur fast so mächtig, und mit vielen dieser Clans besteht eine enge Verflechtung über wirtschaftliche und persönliche Beziehungen, aber dieser Clan, dessen Oberhaupt Leon einmal gewesen ist, der operiert weltweit, und er verzweigt sich in viele Verästelungen aus freiwilligen Helfern, überall auf der Welt.

Teil 1, Kapitel 4.

Die Cäsur

Auch wenn seine gute Freundin Bea jetzt von ihnen gegangen ist, so ist dies eben nur eine Zäsur, ein äußeres Zeichen dafür, dass der Clan in ein neues Stadium der Entwicklung eingetreten ist.

Leon del Sol, der heute in der Frauenkirche zwischen seinen Freunden und Familienangehörigen sitzt, und um Bea trauert, ist sich bewusst, dass auch er diese Erde bald verlassen wird. Es ist kein Unglück. Er hat sein Leben gelebt. Er hat die Geschicke seiner Familie in neue Hände übergeben. Das Leben von Leon ist geordnet. Er fühlt nur eine Art Wehmut, weil eine Ära gerade zu Ende geht. Mit ihm und seiner langjährigen Geliebten Katharina würden die letzten beiden Überlebenden der Urzelle ihres Clans aus dem Leben scheiden. Angst vor dem Tod hat Leon nicht. Er hat das noch nie gehabt. Sein Geist wird in seinen Nachkommen und den vielen Freunden weiterleben.

Leon schaut hinüber zu Katharina, zu seiner Tochter Chénoa Maria und zu seinen andern Kindern, und plötzlich umspielt ein Lächeln sein Gesicht. Katharina spürt diese Energie, schaut auf, und auch sie lächelt. Um Chénoa Maria zeigt sich plötzlich ein leichter Lichtschein, zart, wie der Schimmer, den ein Adventskranz verbreitet. Die Kinder von Leon spüren den Energiestrom, der zwischen Leon, Kathy und Chénoa Maria hin- und herläuft, und einige Gäste in der vollbesetzten Kirche, die schauen entweder wissend oder verwundert auf, weil sich innerhalb des kalten Steingebäudes plötzlich eine Art Wärme verbreitet, wie von der Glut eines verglühenden Kaminfeuers. Zart, einschmeichelnd und wohltuend.

Auch das ist ein Teil der Kraft des inneren Zirkels des Clans. Eine Kraft, über die nie öffentlich gesprochen wird, aber sie ist da, so wie gedachte Gedanken da sind, aber wissenschaftlich nicht nachzuweisen sind, es sei denn, man verbindet die Gehirne mit Elektroden und schließt sie an Geräte an, die imstande sind, solche elektrischen Impulse zu lesen.

Anders als Leon spürt Chénoa in diesem Moment noch etwas anderes. Es ist, als ob plötzlich ein Schalter umgelegt wird, und sie beginnt mit den Menschen um sie herum Kontakt aufzunehmen. Sie kann nicht einmal etwas dafür. Mit den Menschen in der Kirche, und mit denen außerhalb, dort auf dem großen Platz. Und plötzlich sieht sie eine Häufung von Personen, die dieselbe DNA in sich tragen, wie sie selbst. Anders, als bei ihr, oder bei Clarissa oder Solveig trägt diese DNA bei diesen vielen Menschen nicht den sprühenden Lichterglanz, der Chénoa, Solveig oder Clarissa als Führer des Clans auszeichnet. Diese einzigartige DNA weist diese vielen Menschen aber als Teil ihrer Bruderschaft aus, obwohl sie nicht zur leiblichen Familie von Leon und Chénoa zählen. Chénoa spürt in diesem Moment, dass sich die Energiefelder all dieser Personen zusammenschließen zu einem einzigen, ungeheuren Energiefeld, und Chénoa begreift plötzlich, dass sie ein Mutant ist. Eine Verbindung aus diesem "Etwas", was immer schon ihr Leben bestimmt hat, und einem Erdling. Sie atmet tief ein, und sie schaut um sich. Es ist plötzlich so, als wenn all diese Menschen über ihre Augen Kontakt zueinander suchen. Es sind Wirtschaftskapitäne darunter, Politiker und hohe Militärs, und in diesem Moment beginnt sich in der Iris all dieser Menschen ein Funkeln zu zeigen, das zu einem hellen Schein auflodert, um dann langsam und behutsam in ein leichtes und bleibendes Glühen überzugehen.

Whow.

Chénoa hat zwar die Leitung des Firmenimperiums bereits an die nächste Generation übergeben, aber sie ist immer noch das ungekrönte Oberhaupt ihres familiären Clans, der umgeben ist von tausenden von Unterstützern und Helfern aus Freunden und Mitstreitern.

So massiert hat Chénoa noch nie eine Zusammenkunft ihres Clans gesehen, auch wenn dort auf dem Platz und in der Kirche selbst noch viel mehr Menschen stehen, die nicht ihre spezifische DNA besitzen. Sie begreift, dass all diese Menschen Mutanten sind, die diese spezifische DNA besitzen, so wie sie selbst. Sie sind hier zusammengekommen, um Weichen für die Zukunft zu stellen. Woher dieses geheimnisvolle Wesen stammt, das diese veränderte DNA hervorgebracht hat, und das sie seit ihrer Geburt antreibt, oder was dieses Wesen ist, das weiß Chénoa hingegen nicht, aber es ist da. Immer wenn sie danach ruft. Da sie nicht danach trachtet, Menschen oder die Natur zu zerstören, kann es sich nur um eine positive und einigende Kraft handeln. Aber warum zeigt sich dieses Wesen nie? Warum offenbart es sich ihr nicht anders als durch Impulse und Anleitungen?

Chénoa lässt den Gedanken fallen, so plötzlich, wie er gekommen ist. Das führt zu nichts. Sie kehrt zurück in diese Kirche und in die reale Szenerie der Feier. In den nächsten Tagen und Nächten wird viel zu tun sein.

Auch wenn Leon inzwischen ein alter Mann ist, so hat er mit seiner Tochter Chénoa viele Gespräche zwischen fast allen Politikern und Wirtschaftsgrößen eingefädelt, die hier in der Kirche sitzen. Es gibt sogar Geheimdelegationen, die sich hier niemals öffentlich zeigen werden, die aber eigens angereist sind, um an diesen Gesprächen teilzunehmen. Sie sitzen jetzt in irgendwelchen Hotelbars, umgeben von ihren Leibwächtern, und warten auf die große Chance, um von Chénoa und Leon mit anderen Entscheidungsträgern zusammengeführt zu werden. Chénoa begreift plötzlich, dass all die lange vorbereiteten Konferenzen und Gespräche in den nächsten Tagen von Anstrengungen getragen sein werden, die Welt in eine Art natürliches Gleichgewicht der Kräfte zu bringen, soweit das möglich ist.

Teil 1, Kapitel 5.

Die Welt hat sich verändert

In Leons Kindheit und Jugend hat es in Berlin Bandenkriege gegeben. Dann hat sich das Klima verändert. Stürme, Starkregen, Dürren, Hungersnöte und dieser gewaltige Temperaturanstieg, der die Pole und Gletscher schmelzen ließ, und den Permafrost aufweichte, so dass tausende Tonnen von Gestein abbrachen und in Richtung Tal stürzten. Der Meerwasserspiegel hatte sich erhöht und zu gigantischen Sturmfluten und Orkanen geführt. Schlimm sind die lokal auftretenden lokalen Unwetter im Zuge des Global Weirding, die manchmal urplötzlich auftreten und massive Zerstörungen hinterlassen. Als Begleiterscheinung der Erhöhung der Welttemperatur waren neue Krankheiten entstanden. Pilze, Flechten, Viren hatten sich verändert. Tausende von Tier- und Pflanzenarten sind heute ausgestorben. Die Welternährung konnte nur durch gezielte Programme und genveränderte Pflanzensorten gesichert werden. Die Menschheit ist an die Grenzen der Belastbarkeit gestoßen. Dabei hatte die Erde in den letzten Jahrzehnten noch Glück gehabt. Ein unvorhergesehenes Phänomen war daran Schuld, das den Namen Maunder-Minimum trägt. Die Sonne hatte für einige Jahrzehnte ihre Strahlkraft ein Stück weit verloren. Ein Phänomen, das schon in früheren Jahrhunderten hin und wieder zu beobachten war. Im 30-jährigen Krieg fror die Ostsee sogar zu, so dass der schwedische König seine Truppe zu Fuß über das Eis zum Festland führen konnte. Allerdings hatte dieses Phänomen die fortschreitende Klimaerwärmung in den letzten Jahrzehnten nur gebremst. Im Moment steigt das Klima wieder deutlich an. Die Folgen sind kaum absehbar. Leon weiß das, aber er wird das vorhersehbare Chaos nicht mehr erleben.

Es hatte regionale Verteilungskriege um das Wasser, das Erdöl und um andere Bodenschätze gegeben. Es hatte Machtkämpfe gegeben, die sich hinter dem rechten Glauben an Gott verbargen. Riesige Flüchtlingsströme hatten die alten Machtblöcke immer wieder ins Wanken gebracht und Konflikte wurden in Stellvertreterkriegen ausgefochten.

In all diesem Chaos hatten Leon und seine Freunde stets versucht, menschliche Wärme, Zuversicht und Hilfsbereitschaft am Leben zu erhalten. Es gab viele Erfolge. Der wohl bedeutendste war die gelungene Agrarreform in den Anden, die heute immer noch als grüne Revolution gefeiert wird. Nun ja. In den Anden war das so. In einigen anderen Teilen der Welt sieht die Situation sehr trübe aus. Besonders die Ausbreitung der Wüsten hat ein erschreckendes Maß angenommen. Die Bilanz ist jedoch rückblickend insgesamt nicht schlecht, und es gab immer viel Unterstützung, auch von konservativen Unternehmern und Politikern, wenn auch oft unter sehr eigennützigen Motiven.

Schließlich ist da noch die globale elektronische Vernetzung, die allgegenwärtige Überwachung mit Kameras, die Kontrolle von Internet und Telefonie durch Unternehmen und Behörden... angeblich, um Sicherheit zu gewährleisten. Tatsächlich geht es um Macht. Sie bedienen sich in Leons Clan schon lange auch solcher Methoden, und das sehr erfolgreich. Elektronische Kontrolle über die Menschen auf diesem Planeten ist sehr einfach, wenn man weiß, wie das geht. In Wirklichkeit geht es immer um das ganz große Geschäft. Leons Clan ist nicht der einzige, der in diesem Geschäft mitmischt, und Machtzuwachs durch Informationstechnologie und Spionage, sowie die Kontrolle von Patentrechten und Wirtschaftsmärkten anstrebt

Der Clan hat in diesem Netz Position bezogen, und er hat sich in vielen Bereichen durchgesetzt. Man darf in den Bemühungen nur nicht nachlassen.

Teil 1, Kapitel 6.

Der Anschlag

Der Erfolg der Stiftung und all ihrer Unternehmen hat einem Durchmarsch geglichen, nachdem die Stiftung damals ihre erste bescheidene Firma gegründet hatte, zunächst nur, um die Not von katastrophenbedingtem Hunger einer erdbebenbetroffenen Region zu lindern. Leon und die Freunde haben die Welt Stück seither für Stück erobert und für Veränderungen gesorgt. Änderung im Bewusstsein vieler Menschen. Änderungen in Produktionsmethoden und Einflüsse auf Verteilungskämpfe. Trotz aller Erfolge hat sich der Zustand der Welt nicht gebessert. Die Freunde haben das Tempo der chaotischen Entwicklung nur abgebremst, aber nicht aufgehalten. Der Klimawandel hat die Welt fest im Griff, und es ist auch nicht immer friedlich gewesen.

Leon kann sich noch deutlich an einen Anschlag erinnern, der ihm gegolten hatte. Er ist ja schon lange Berater diverser Präsidenten der USA. Am Anfang dieser Tätigkeit hatte er sich einmal zu Sondierungsgesprächen zu dem Landsitz bringen lassen, der einem dieser Präsidenten gehörte. Der Wagen war unterwegs von irgendeinem verrückten Einzeltäter unter Feuer genommen worden. Der Fahrer war von einer Kugel tödlich getroffen worden. Das Fahrzeug hatte sich beinahe über-schlagen. Auch Leon hatte es erwischt. Er hatte das Fahrzeug mit der Kraft seiner Energie verlassen können. Er hatte sich in Deckung gebracht. Auch der Beifahrer, ein Sicherheitsbeam-ter des Präsidenten, der bei solchen Besuchen obligatorisch dabei ist, der hatte sich retten können, und das Feuer erwidert.

Die angeforderte Verstärkung hatte den Mann schließlich gefasst. Er hatte die Parole allzu ernst genommen, die einer der Präsidenten einmal ins Leben gerufen hatte, "America first". Er hatte gegen die deutsche Unternehmensführung von Mac Best Food protestieren wollen. In dieser Zeit waren immer wieder Anschläge auf deutsche, chinesische und spanische Unternehmen in den USA verübt worden. Seit damals trägt Leon zwei Narben. Eine der Kugeln hatte ihm den Schulter-knochen zerfetzt, die andere war in sein Bein gedrungen und die Schlagader nur um wenige Millimeter verfehlt. Er wäre sonst wohl an Ort und Stelle verblutet. Seine Töchter Chénoa und Clara hatten ihn damals nach Ciudad del Sol überstellen lassen, und ihn mit ihrer besonderen Heilkraft gesund gepflegt.

In der Folge war Leon vorsichtig geworden. Er hatte sich ein Netz von geheimen Wohnungen angeschafft, rund um den Globus, manchmal nur ein möbliertes Zimmer. Er nutzt seit dieser Zeit immer die Kraft, die ihm gegeben worden ist, um durch den Tunnel zu reisen, und vermeidet öffentliche Ver-kehrsmittel, Bahnhöfe und Flughäfen, soweit das geht. Seine Tochter Chénoa hatte ihm gezeigt, wie er einen Schutzgürtel um sich legen kann, so dass Kugeln abgebremst werden, und nicht so viel Schaden anrichten können. Es ist eine Hilfe, aber kein Totalschutz. Gegen Sprengstoff schon gar nicht. Auch Chénoa nutzt diese Wohnungen, wenn sie unterwegs ist, und sie hat sich selbst auch solche geheimen Wohnungen zugelegt. Safety first. Inzwischen hat sie sogar gelernt, den Schutzgürtel um sich so stabil zu machen, dass er Gewehrkugeln mit hoher Durchschlagskraft widersteht. Eine Besonderheit. Elvira, eine von Leons Enkelkindern hat diese Fähigkeit sogar perfektioniert. In ihrem heutigen Job, da braucht sie diesen ständigen Schutz.

Teil 2

Die Wächter

Teil 2. Kapitel 1.

Der Angriff der Xorx und die Reise durch die Galaxis

1.1. Artemis sucht Schutz

1.1.1. Artemis ist gerade unterwegs in der Region der Tantangebirges. Das ist ene wild zerklüftete Berglandschaft in der gemäßigten Zone des Planeten Cantara, mit Erhebungen bis zu 2.500m Höhe, mit Steilhängen und tiefen Einschnitten in die Landschaft. Er gilt als erfahrener Gruppenführer und er ist in lockerer Begleitung von 60 Freunden.

Er liebt diese Gegend. Es gibt tiefe Einschnitte in die Landschaft. Es gibt Bäche, Wasserfälle und Schluchten mit Stromschnellen. An den Hängen gibt es Grase, Moose, Blumen und niedere Büsche. In den Steilwänden gibt es unendlich viele Höhlen. Einige gehen weit in den Berg hinein. Die Höhlen und die Steilhänge sind Nist- und Schlafplätze für zahlreiche Flugsaurier und Kleinvögel in allen Formen und Farben, und es gibt ziemlich viele davon, in ganz unterschiedlichen Größen.

Obwohl es in dieser Region ziemlich kühl ist, weil die Strahlen der Sonne diesen Teil des Planeten nur noch mäßig mit Wärme versorgen, finden die Flugtiere ziemlich viel Nahrung. Fische, Süßwasserkrebse, Kleinsäuger, wie Lamane und Porphyre, von der Größe vergleichbar mit Ratten auf unserer Erde, oder auch mit Murmeltieren. Es gibt Zoklone, eine Art von Gemsen, die an den Berghängen steile Kletterpfade haben, und genügend Nahrung finden in Form von Gräsern und kleinblühenden Blumen. Sie sehen alle ganz anders aus, wie unsere Tiere auf der Erde.

Etwa die Porphyre tragen einen Schuppenpanzer, und haben ein hervorragendes Frühwarnsystem, wenn sich einer der Flugsaurier nähert.

Auch kleine Kriechechsen, Schnecken und Insekten gibt es hier, die in den Gräsern und Moosen leben. Manche davon auch in engen Spalten an den Berghängen, die ihnen Schutz bieten. Diese Kleinechsen wiederum leben von Spinnentieren, Fliegen und Maden. Manche von Ihnen haben Flügel aus Haut, mit denen sie sich geschickt durch die Luft bewegen können. Es ist eine gute Gegend zum Leben. Eine Gegend, in der es immer wieder zu heftigen Regenfällen kommt, wenn die Wolken an den Bergen hängenbleiben. Das gemäßigte Klima und das viele Wasser macht die Vegetation fett und grün.

Artemis kennt die verschiedenen Regionen seines Planeten, aber hier hält er sich besonders gerne auf, um die Natur zu beobachten und auf das Gleichgewicht der Arten zu achten. Das Wasser ist klar und sauber, und die Luft ist voll mit dem Geschrei der großen Flugsaurier, die in der Luft schweben, nach Aussicht auf Beute, und den Warnsignalen der Porphyre.

Obwohl die Zoklone hier die größten Säuger sind, so sind sie doch nicht wehrlos. Sie tragen gewaltige Hörner, die sie auch einsetzen, und manch ein Angriff der Flugsaurier geht ins Leere. Immer wieder werden die Saurier bei Angriffen auch von den messerscharfen Hörnern aufgeschlitzt oder aufgespießt. Dabei sind die Zoklone sonst eine äußerst friedliche Art, die ausschließlich von Pflanzenkost lebt.

1.1.2. Artemis spürt die Schwingungen und Vibrationen, als die Flotte der Xorx auf Cantara zurollt und einen Kordon um den Planeten legt. Die Cantara haben mit so etwas schon lange gerechnet. Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass die Krieger der Xorx den Planeten angreifen. Bisher immer ohne Erfolg. Sie waren stets an dem Schutzgürtel gescheitert, den die Cantara um ihren Planeten gelegt haben. Sie sind sicher, auch dieses Mal werden die Xorx wieder erfolglos abziehen.

Die Cantara sind keine Krieger. Es ist ein friedliebendes Volk, auch wenn sie auf ihrem Planeten für das Gleichgewicht zwischen den Arten sorgen. Sie haben nicht damit gerechnet, dass die Xorx neue Angriffswaffen entwickeln, die ihnen gefährlich werden könnten. Das ist ein Fehler, wie sich bald herausstellt.

Irgendetwas mahnt Artemis zur Vorsicht. Er zieht sich rechtzeitig in eine der Höhlen zurück, tief im Berg. Er ruft seine Freunde, und 30 von ihnen stellen sich ein, und ziehen mit ihm tief in den Berg.

Sie sind auf den Wärmebildkameras nicht mehr sichtbar, die von den Xorx jetzt auf den Planeten gerichtet werden.

Als der Beschuss mit den Schallwellen beginnt, wirkt das auf den Berg, wie ein gewaltiges Beben. Im Gestein bilden sich Risse, und an verschiedenen Stellen bricht Gestein aus der Decke. Es wird niemand ernstlich verletzt, aber diese Höhle ist nur solange sicher, wie die Decke hält. Der Eingang bricht ein und wird zum großen Teil verschüttet.

Obwohl die Cantara keine Ohren haben, anders als die Säugetiere, die es auf diesem Planeten gibt, so spüren sie den gewaltigen Energiefluss, der jetzt über die Oberfläche des Planeten fegt, wie ein Sturm, der alles zerfetzt, was sich ihm in den Weg stellt. Bäume, Gestein, Tierleiber. Nur kleine biegsame Pflanzen überleben, und auch die Völker von Insekten, sowie Tiere, die im Boden leben, wie die Globiläen, die den Wühlmäusen auf unserer Erde recht ähnlich sind, aber auch diverse Tiefseearten die auf dem Meeresboden, oder in großer Tiefe leben. Würmer, Eigelege und Maden, die im Boden eingegraben sind, die können zumindest zum Teil überleben. Mit ihnen überleben auch Amöben und mikrobiologische Organismen, vom Einzeller bis zu Viren.

Der Sturm zerfetzt die Ohren der Tiere, egal wie groß, auch die Flugechsen und Saurier. Sie haben diesen Waffen nichts entgegenzusetzen, obwohl sie furchteinflößende Tiere sind.

Der Sturm entfacht gewaltige Wellenberge, die über flache Küstenabschnitte hinwegrollen und die Flüsse hinauflaufen. Als sich die Wellen zurückziehen, reissen sie Berge von Gehölz, Erde, Stein und Tierleiber mit sich, so dass sich auf den küstennahen Meeresabschnitten kilometerweit der Unrat häuft, bevor er sich mit Wasser vollsaugt, um irgendwann auf den Meeresboden abzusinken und zu verrotten. Auch Millionen von Fischen sterben.

Auch die Gewässer in der Tantan-Region leiden. Manche Bäche und Flüsse werden in Millionen Wassertropfen zerteilt an die Steilwände getrieben, wo sie in noch kleinere Tröpfchen zerteilt werden, die sich teils in der Luft auflösen, teils am Gestein abregnen, wie feinster Nebel. Mit dem Wasser werden auch die Fische durch die Luft gewirbelt und an die Steilhänge geworfen. Viele Schluchten stürzen ein. Es kommt zu gewaltigen Geröllabgängen

Es gibt aber auch Schluchten, die im toten Winkel liegen. Sie sind trotzdem nicht gefeit von Geröllabgängen. Viele Schluchten werden regelrecht verschüttet.

Als der Beschuss nach einigen Tagen aufhört, ist auch der Großteil des Volkes der Cantara ausgelöscht. Zerstückelt, aufgespießt, zerquetscht. Artemis hat mit dem Teil seiner Gruppe überlebt, die mit ihm zusammen Schutz gesucht hat. Die anderen 30 Freunde gibt es nicht mehr.

Auch einige wenige andere Gruppen der Cantara haben überlebt, die frühzeitig Schutz gesucht haben, verteilt in kleinen Gruppen rund um den Globus, aber das weiß Artemis nicht.

Artemis schickt einen Späher nach draußen, aber er kommt nicht wieder. Er fällt den Luftlandetruppen der Xorx in die Hände, die mit ihren Wärmebildkameras die Oberfläche des Planeten nach überlebender Energie absuchen und alles, was überlebt hat, mit Schallwellen, elektromagnetischen Impulsen, Laserwaffen und konventionellen Sprenggranaten angreifen.

Sie wollen diesen Planeten erobern, aber sie brauchen die Tier- und Pflanzenwelt nicht, und auch nicht das Volk der Cantara. Sie wissen, dass es solche Wesen geben muss, denn sie haben die Energiewellen und Wärmequellen gesehen, die sie aussenden, und sie haben mit ihren Messinstrumenten auch diesen Energiegürtel gesehen, der ihnen hunderte von Jahren lang den Zugang zu diesem Planeten verwehrt hat. Die Angehörigen dieses Volkes selbst haben sie noch nie zu Gesicht bekommen, so dass sie ein Bild von ihrem Aussehen hätten. Das ist für sie unerklärbar, denn sie glauben an das Sichtbare und Nachweisbare. Natürlich ist das eine potentielle Gefahr, aber die Xorx denken in ihren Kategorien als Eroberer und mit ihrem Wissen über intelligentes Leben und intelligente Lebensformen in einem greifbaren Körper. Das schließt eine Lebensform wie die Cantara nicht ein, die ihre Form jederzeit nach Belieben verändern können, bis hin zu Gaswolken, aber das wissen die Xorx nicht.

Die Xorx haben bereits die Bewohner von 20 weiteren Planeten versklavt. Sie werden schon mit diesem Planeten und seinen Bewohnern fertig werden. Sie haben sich verrechnet, aber das wissen sie noch nicht. Sie sind in diesem Fall nur an den mineralischen Bodenschätzen interessiert. Gold, Silber, Kupfer, Erze, Granit, Sandstein, Salz, Bauxit, Uran, Gasen, Öl, Wasserstoff und seltene Erden. Deshalb sind sie gekommen. Sie wissen, dass es auf Cantara Wasser, Sauerstoff und Stickstoff gibt. Sie wissen, dass sie auf diesem Planeten die Rohstoffe ausbeuten können, weil ihnen die Atmosphäre ideale Überlebensbedingungen bietet.

Ihre Reise hat lange gedauert. Sie verfügen zwar über eine ausgefeilte Technologie, die ihren Raumschiffen ermöglicht, sich in Lichtgeschwindigkeit fortzubewegen, aber die Entfernung zwischen ihrem Heimatplaneten und Cantara ist sehr weit. Schon auf direktem Weg sind das mehr als 16 Lichtjahre. In der Umlaufbahn um die Sonne ist es viel weiter, und die Reise hat viele Jahre lang gedauert. Nach der erfolgreichen Eroberung des Planeten werden sie sich dort also selbst niederlassen und Nachkommen zeugen, die das Werk der Ausbeutung des Planeten in den nächsten Jahrhunderten vollenden werden. Die wertvolle Fracht wird dann teilweise von selbststeuernden Frachtschiffen, teils von bemannten Schiffen auf ihren Heimatplaneten zurückgebracht werden, wo die Rohstoffe dringend gebraucht werden. Nur den direkten Weg über die Sonne können sie nicht nehmen, weil die Frachtschiffe sonst verglühen. Erst aber einmal müssen Sie aber den Planeten komplett übernehmen, und jede Gefahr für den eigenen Leib und das eigene Leben ausschalten.

Die Flotte besteht aus Kriegern, Arbeitern, Wissenschaftlern und aus mitgebrachten Tieren und pflanzlichen Samen, die es auf ihrem eigenen Planeten gibt, und die der Ernährung der Invasionsflotte dienen sollen. Es ist ein gut geplante und hervorragend durchgeführte Invasion.

Die Lage der bewohnten Planeten im Kantron-Sonnensystem erklärt die gewaltige Entfernung zwischen dem Planeten der Xorx (Robotron) und dem Planeten Cantara. Allein die Entfernung zwischen Cantara und der Sonne beträgt rund 8 Lichtjahre.

Es gibt noch viel mehr Planeten in diesem Sonnensystem, aber es ist ein Zufall der Geschichte, warum sich gerade auf 20 Planeten intelligentes Leben entwickelt hat, und warum diese Planeten alle auf einer Seite der Sonne liegen, bis auf einen. Diese Lage und die gewaltige Entfernung erklärt auch, dass die Cantara in den letzten Jahrtausenden von der Entwicklung auf den anderen Planeten isoliert waren. Es interessierte sie schon seit langem nicht mehr, was dort passiert, weil sie geglaubt haben, dass ihnen nichts passieren kann. Aber nichts in unserem Universum ist von Bestand. Die Cantara hätten das besser wissen können. Vertrauen ist trügerisch.


Das Kantron Sonnensystem

1.1.3. Ein zweiter Kundschafter von Artemis' Gruppe kommt zurück und berichtet von den Zerstörungen und den Truppen der Xorx. Er ist geschickter gewesen als der erste. Er hatte sich gut getarnt, und war auf den Wärmebildkameras der Xorx unsichtbar geblieben.

Den Kordon an Energie, den die Cantara schon seit hunderttausenden von Jahren um ihren Planeten gebildet haben, um das Eindringen von Kometen, aber auch eine denkbare feindliche Übernahme zu verhindern, den gibt es nicht mehr, weil er mit den sterbenden Cantara zerbrochen ist.

Was soll die kleine Gruppe um Artemis tun? Den Kampf gegen die Übermacht aufnehmen?

Die Cantara hatten den Lauf der Sterne seit hunderttausenden von Jahren studiert. Sie hatten in früherer Zeit einmal Späher ausgeschickt, um das All jenseits ihres Sonnensystems zu erforschen. Ihr eigenes Sonnensystem war damals noch friedlich gewesen. Überall. Die evolutionäre Entwicklung auf den anderen Planeten hatte sich noch in einem primitiven Anfangsstadium befunden. Völlig ungefährlich.

Auf unserer Erde würde man das Studium der Gestirne "Neugierde" nennen, aber das trifft dieses Interesse nach wissenschaftlicher Kenntnis nicht, weil die Cantara weit weg davon sind, so etwas wie Gier nach Neuem zu entwickeln. Sie wollen sich nicht bereichern. Sie müssen nicht imponieren. Es gibt auch keine Geschlechtertrennung, so dass man einen Geschlechtspartner erobern müsste. Sie sind eins mit ihrem Planeten. Sie sind die Wächter ihres Planeten. Sie waren es zumindest, bis zu diesem fatalen Angriff der Xorx-Flotte.

Die Späher hatten damals ihr Sonnensystem auf direktem Wege verlassen, weg von ihrer Sonne. Sie hatten in einer weit entfernten Galaxis einen bewohnbaren Planeten entdeckt, den die Bewohner heute die Erde nennen. Es hatte dort Urzeitmenschen gegeben, die der Jagd nachgingen, in Höhlen oder in Hütten lebten. Sie hatten dort eine Weile gelebt, hatten die Lebensformen auf der Erde studiert und Energie aufgetankt. Sie hatten sich vermehrt. Sie hatten den Menschen geholfen, Faustkeile und Speerspitzen aus Stein herzustellen, hatten die primitiven Methoden dieser Gattung für den Lebensunterhalt beobachtet, und waren zu der Erkenntnis gekommen, dass diese Menschen ihnen niemals gefährlich werden können.

Die damaligen Menschen verehrten das Volk der Cantara wie Götter. In einigen Höhlen findet man heute noch neben Tier-, Geschlechts-, und Feuerdarstellungen seltsame Wolkengebilde, so wie die Cantara damals den Menschen erschienen sind.

Nach einigen Jahrzehnten hatten sich die Cantara geschlossen auf den Rückweg gemacht. Sie hatten sich die Route zu diesem Sternensystem gemerkt, und sie hatten diese Kenntnis als Erbinformation abgespeichert.

Sie ist schon viele tausend Jahre alt, diese Information. Damals hatte es die andern Völker in ihrem eigenen Sonnensystem auch nur rudimentär gegeben, auf einer wenig entwickelten Stufe. Die Krieger der Xorx, so wie sie heute den Planeten Cantara überfallen, die waren damals noch ungefährlich gewesen. Sie hatten nicht einmal ihren Planeten verlassen können, vergleichbar den Höhlenmenschen auf unserer Erde.

Nach der Rückkehr der Kundschaftergruppe hatten sich die Cantara wieder ganz auf ihren eigenen Planeten konzentriert, und sie waren dort weiter glücklich gewesen. Immerhin ist diese Erbinformation eine Chance, einen letzten Zufluchtsort zu finden, wenn der eigene Planetensystem einmal stirbt, oder wenn eine Situation eintritt, die das weitere Überleben unwahrscheinlich macht, also etwa dann, wenn ihre eigene Sonne erlischt.

Vielleicht gibt es in den Weiten des Alls noch andere Planeten, die durch einen Zufall der Geschichte Lebensbedingungen herausgebildet haben, und die in einem bestimmten Zeitfenster von mehreren hunderttausend oder Millionen Jahren pflanzliches und tierischen Leben ermöglichen, aber die Cantara wissen nur von diesem einen Planeten jenseits ihrer eigenen Galaxis, den ihre Bewohner heute die Erde nennen.

Sie hätten sich im Anschluss an diese Reise besser um die anderen Bewohner ihres eigenen Sonnensystems kümmern sollen, das durch einen Zufall ermöglicht hat, dass sich gleich auf mehreren Planeten intelligentes Leben entwickelt. Dann hätten sie rechtzeitig entdeckt, dass es da auf der sonnenabgewandten Seite ihres Planetensystems eine Art gibt, die sich zu einer dominanten Spezies entwickelt, die auch den Cantara gefährlich werden kann.

Tatsächlich hatten die Krieger der Xorx in den letzten Jahrzehnten mehrfach versucht, den Planeten Cantata zu entern, waren aber jedesmal an dem Schutzgürtel gescheitert. Die Cantara hatten fest darauf gebaut, das dies für immer so bleibt, im Vertrauen auf ihre Fähigkeiten und ihre überragende Intelligenz. Jedenfalls hatten die Cantara es versäumt, auf den anderen Planeten ihres eigenen Sonnensystem für Ordnung zu sorgen, aber die Cantara sind keine Raumgleiter, ständig auf der Suche nach neuen Erkenntnissen im All. Sie fühlen sich auf ihrem Planeten wohl. Sie sind hier verwurzelt, und die damalige Fernreise war nur ein Einzelfall.

Es war ein fataler Fehler, der nur durch die Friedlichkeit der Cantara erklärbar ist.

Tatsächlich haben die Cantara Fähigkeiten, die allen andern Lebewesen auf ihrem Sonnensystem weit überlegen sind, auch denen der Xorx-Krieger. Sie hätten also in ihrem Sonnensystem schon frühzeitig für eine multiglobale Ordnung sorgen können. Immerhin können sich die Cantara im All mit vielfacher Lichtgeschwindigkeit fortbewegen, und sie können im All viele Jahre überleben, ohne ein schützendes Raumschiff. Eine Fähigkeit, die wohl bisher kein anderes Volk ausgebildet hat. Es wäre also ein Leichtes gewesen, die Völker in ihrem eigenen Sonnensystem ständig zu beobachten und zu überwachen, dann hätte es diesen Überfall nie gegeben.

Artemis glaubt, dass er der letzte Überlebende seines Volkes ist, und die kleine Gruppe um Artemis entscheidet sich jetzt für die Flucht.

1. 2. Die Reise durch die Galaxis

Die Bodentruppen der Xorx werden ihre Höhle über kurz oder lang entdecken. Es ist hier nicht mehr sicher.

Artemis versammelt seine ihm verbliebenen Cantara um sich und verbindet sich mit ihnen zu einer gemeinsamen Masse.

Sie schlüpfen durch den halb verschütteten Ausgang. Sie machen sich unsichtbar für die Wärmebildkameras der Xorx.

Was sie sehen, als sie die Höhle verlassen, ist ein Werk der Zerstörung. Die niederen Büsche stehen noch, aber sie sind nahezu blattlos. Die Luft ist angereichert mit dem Geruch von Verwesung. Vor allem aber ist es totenstill. Kein Ruf. Kein Zwitschern. Kein Flügelschlagen. Nur der Wind bricht sich an den Berghängen. Manchmal säuselt er, manchmal pfeift er, und er treibt Schwaden von Staub vor sich her, der sich auf die niederen Moose und Grase legt.

Die Cantara durchforsten die Umgebung, nehmen soviel Nahrung auf, wie sie können, in Form von Pflanzen, Aas, Wasser und Gestein. Dann lassen sie sich mit dem Wind tragen und fliegen hinaus in die Atmosphäre. Sie suchen sich einen Weg durch die Flotte der Raumschiffe hinaus zum Weltraum. Sie schalten ihre Energie weitgehend ab, um nicht aufgespürt zu werden, und sie fliehen von ihrem Heimatplaneten in unbekannte Welten. Tatsächlich hatten sie Glück, weil ihre Höhle in einem toten Winkel zu den Beobachtungsinstrumenten der Xorx-Flotte lag, so dass es uneinsehbar war, und von dem Beschuss nicht direkt getroffen wurde.

Zurück bleibt ein verwüsteter Planet, auf dem fast nur Insekten, Amöben und einige Kleintiere überlebt haben, und auch einige weitere Cantara, aber zu denen hat Artemis keinen Kontakt, sonst wäre die Entscheidung wohl anders ausgefallen.

Die Weltraumtemperatur ist kalt. Sehr kalt. Minus 273 Grad.

Die fliehenden Cantara verbinden sich jetzt zu einer Kugel, um den geringsten Widerstand zu bieten und sie bewegen sich zunächst auf ihre Sonne zu, um ein letztes Mal ihre wärmenden Strahlen in sich aufzunehmen. Energie in Form von Neutronen, Protonen, Gasen, Licht und Wärme. Erst dann kehren sie um, bevor sie der Sonne zu nahe kommen, die sie verbennen würde, und sie folgen dem eingezeichneten Weg in ihren Erbinformationen, der sie aus ihrer eigenen Galaxis herausführt, gestärkt für diese Reise ins Ungewisse.

Es ist wie bei einer Herde Pinguine, die in einem Wintersturm ausharren. Ein Ring aus Pinguinen mit einem warmen Kern aus Energie. Immer wieder werden die äußeren Tiere durch andere ersetzt und in die Mitte genommen. So kann die Herde in eisigem Sturm lange überleben, ohne Verluste.

Auch die Cantara wenden diese einfache Methode des Überlebens an.

Sie haben das Ziel ihrer Reise in ihrem kollektiven Gedächtnis gespeichert. Es wird auf dem langen Weg andere Sonnen geben, und sie werden deren Nähe immer wieder suchen, um Wärme und Energie zu tanken. Energie in Form von Gasen, die von Sonnen ins Weltall geschleudert werden. Energie in Form von Licht, das die Photosynthese ermöglicht, Chlorophyll und Sauerstoff erzeugt. Energie auch, die in Form von Neutronenbeschuss erfolgt. Das ist eine Fähigkeit, die bei den Cantara seit langem bekannt ist. Nur so kann man im Weltraum überleben, ohne ein schützendes Raumschiff.

Die Energie der Sonnen werden sie nutzen, um ihre Fortbewegung gewaltig zu beschleunigen. Sie werden irgendwann langsamer werden, je weiter sie sich von einer Sonne entfernten und auch, weil sie mit ihrer Energie haushalten müssen, und sie werden jede Sonne ansteuern, um neue Energie zu tanken, und wieder Fahrt aufzunehmen, auch wenn das gewaltige Umwege bedeutet.

Es gibt andere Formen im All, die Ihnen Nahrung geben. Spiralnebel, Sternenstaubwolken, sie werden wohl nicht verhungern, aber es ist ein langer Weg zur Erde. In der Zeitrechnung der Menschen dauert er einige Jahrhunderte.

Es ist eine einzigartige Leistung, zu der bisher kein anderes Volk gefunden hat. Wir Menschen können uns das nicht vorstellen, wie die Cantara das fertigbringen, weil wir ihnen an Intelligenzleistung weit unterlegen sind, und weil für uns die Lichtgeschwindigkeit als schnellste Form der Fortbewegung gilt. Selbst die Xorx Krieger, die gelernt haben, ihre Raumschiffe fast auf Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen, die reichen nicht an die Fähigkeiten der Cantara heran, auch wenn sie es geschafft haben, durch das Überraschungsmoment nahezu das ganze Volk der Cantara auszulöschen.

Die Gruppe von Artemis schützt sich gegenseitig. Sie schützen Artemis, der ihr Anführer ist. Sie stellen sich ihm zur Verfügung. Er nimmt ihre Energie Stück für Stück in sich auf. Er isst die Mitglieder seiner Sippe im Laufe der Reise quasi auf, nur um selbst als Gattung zu überleben, und er findet tatsächlich diese Erde.

Er steuert ein letztes Mal eine Sonne an. In dem Moment, wo er zum ersten Mal die wärmenden Strahlen der Sonne spürt, lebt er auf. Er nimmt die Energie in sich auf, um das Eindringen in den Schutzgürtel der Erde zu überleben, und fliegt dann in Richtung des bewohnten Planeten, so, wie das in seinen Erbinformationen gespeichert ist.

Es gelingt ihm, den äußeren Schutzschild zu durchdringen.

Er ist der letzte seiner Gruppe, und er ist sehr kraftlos geworden, aber er lebt.

Niemand auf der Erde bemerkt dieses Eindringen dieser fremden Intelligenz. Wie auch. Es gibt keinen physisch auffälligen Flugkörper, den die Tentakeln der Luftbehörden, der NASA oder der militärischen Abwehr hätte entdecken können. Nur eine leuchtende Kugel, die einem winzig kleinen Meteoriten sehr ähnlich sieht. Normalerweise verglühen solche Partikel in der Atmosphäre. Man kennt dieses Phänomen als Sternschnuppe oder als Kometenschweif. So etwas gibt es andauernd. Es ist nicht weiter erwähnenswert, und es ist erst recht nicht beunruhigend.

Tatsächlich haben einige wenige Menschen einen schwach leuchtenden Kometenschweif am Nachthimmel gesehen, der kurz darauf erlosch, und einige haben sich in diesem Moment etwas gewünscht. Es ist ein netter Glaube, ich weiß nicht einmal, wie der entstanden ist.

Artemis ist in der Umlaufbahn der Erde nicht verglüht, aber es hat seine letzte Kraft gekostet, die Erdatmosphäre unbeschadet zu durchqueren. Seine äußere Gesteinshülle hat sich dabei nahezu aufgelöst, aber die Reibungsenergie hat ihm letztlich das Leben gerettet, denn auch Reibung bedeutet Wärme.

Teil 2. Kapitel 2.

Zuflucht Erde

2.1. Memphis / Nebraska (USA)

Artemis landet an einem See in der Nähe von Memphis / Nebraska. Er fühlt sich sehr schwach, als er auf dem weichen Boden aufschlägt. Für Menschen ist er quasi unsichtbar. Nur ein gallertartiger Klumpen aus Restenergie, mit einer (selbstgebildeten) Außenhaut aus Kobalt, Rhodium und einem Gemisch aus verschiedenem harten und weichen Gestein. Er löst diese Schutzhülle auf, als er den Boden berührt, und nimmt seine ursprüngliche gallertartige Form wieder an, die besser geeignet ist, um mit der Umgebung Kontakt aufzunehmen.

Artemis weiß nicht, dass die anderen überlebenden Cantara den Kampf gegen die Xorx schon lange erfolgreich überstanden haben. Er ist weit weg von seinem Heimatplaneten, und er wird diesen Planeten Erde nutzen, um sich hier neu einzurichten, wenn die Lebensbedingungen das erlauben, und danach sieht es wirklich aus.

Zunächst bleibt Artemis wie betäubt liegen. Er "atmet" Sauerstoff und Stickstoff. Er nimmt Verbindung mit dem Grün der Wiese und den Nährstoffen im Boden auf. Er freut sich, als ein Regenschauer über das Land fegt, und nimmt das Süßwasser in sich auf. Artemis kommt langsam wieder zu Kräften.

Es gibt hier auch Vögel, die versuchen an diesem Gallertklumpen zu picken, aber das lassen sie schnell sein, denn die Stromschläge beim berühren dieser vermeintlichen Nahrung sind äußerst schmerzhaft.

Es gibt hier Felder, es gibt hier Wald und es gibt hier ein stehendes Gewässer. Dort findet Artemis Schwebeteilchen, kleine Krebse, Fliegenlarven, Kalk, Moose und Algen. Die Pflanzen enthalten Säfte und ätherische Stoffe, Chlorophyll und mineralische Substanzen. Nahrung gibt es hier genug, und es gibt auch Sonnenstrahlen, die Energie liefern.

Die nächsten zwei Wochen verbringt er an diesem See. Er staunt über den Wechsel von Tag und Nacht. Das Wissen ist zwar in seinen Erbinformationen enthalten, aber er hat die Dunkelheit der Nacht und die damit einhergehende Temperaturänderung noch nie erlebt. Auch die Taubildung ist ihm fremd, die sich in den frühen Morgenstunden erfrischend über ihn legt.

Es gibt hier ein reichhaltiges Maß an Vegetation und Tieren, und er nimmt Verbindung dazu auf. Er erkundet diesen Mikrokosmos und entwickelt langsam ein Gefühl für diese fruchtbare Erde unter ihm, für Spurenelemente, für Käfer und für pflanzliche Lebewesen und ihre Art der Kommunikation. Immerhin ist hier alles neu, denn sein historisches Gedächtnis erzählt ihm von ganz anderen Tieren und einer ganz anderen Vegetation.

Er ist jetzt hier auf der Erde angekommen, und er wird das Beste aus der Situation machen. Vielleicht bietet sich die Möglichkeit, in einigen hundert oder auch tausend Jahren zu seinem eigenen Planeten zurückzukehren, wenn davon überhaupt noch etwas übrig ist. Er, oder einer seiner Nachkommen, die er problemlos durch Zellteilung abspalten kann, wenn er wieder zu Kräften gekommen ist. Bei seiner Gattung ist das eben anders, als bei anderen hochentwickelten Lebewesen. In seiner Gattung gibt keinen Mann und keine Frau. Jeder Cantara ist ein gleichgeschlechtliches Wesen, das sich jederzeit vermehren kann, wenn dies als notwendig erachtet wird. Daran ist im Moment aber nicht zu denken.

Erst nach zwei Wochen macht er sich auf den Weg, um andere Lebensformen kennenzulernen. Er ist vorsichtig. Er verwandelt sich wieder in eine Wolke aus Gasen und Wasser und läßt sich mit dem Wind treiben.

Er sieht auf seinem Weg seltsame Gefährte. Landmaschinen, Boote, Hubschrauber und Autos, und er nimmt Kontakt zu diesen Stoffen auf. So etwas hat er schließlich noch nie zuvor gesehen, und in seinen Erbinformationen ist so etwas nicht gespeichert. Immerhin begreift er, dass so eine Landmaschine auch ihm gefährlich werden könnte. Ein Pflug würde ihn glatt in viele Teile zerschneiden, wenn er zwischen die Messer gerät. Nun ja, nicht in seiner jetzigen gasförmigen Gestalt, aber als gallertartiger Klumpen, der seine Urform ist.

Er besucht die Stadt Memphis, manchmal gasförmig, manchmal dockt er sich irgendwo an, unsichtbar für die Bewohner dieses Planeten, und er staunt. Was er sieht, ist mit seinen Erbinformationen nicht vereinbar. Er sieht zum ersten Mal Menschen, die sich völlig von dem unterscheiden, was er als Urform dieser Spezies gespeichert hat. Er sieht zum erstenmal ein Imbissrestaurant und er schlüpft hinein.

Er nimmt Kontakt auf zu den Spezies, die er hier vorfindet. Menschen, Tiere, Insekten. Er probiert die Speisen, die es hier gibt, und die Bedienung wundert sich, weil sie den Tresen mit einem vollen Teller verläßt, und plötzlich mit einem leeren Teller vor dem Gast steht. Sie bekommt gewaltigen Ärger.

Artemis schaut sich diese Auseinandersetzungen an. So etwas kennt er ja auch nicht. Diese Art von Streit, und er beginnt sich an der Theke zu bedienen. Er sucht Kontakt zur Küche, beginnt von den Fritten und dem heißen Fett zu naschen. Er nimmt Salatblätter und Fleischklopse in sich auf.

Es ist eine fremde Welt, die sich da zeigt, und Artemis sucht den Kontakt zu all diesen Stoffen und den Energieströmen, die zwischen Menschen und Tieren hin- und herlaufen.

Es gibt hier Kakerlaken, Fliegen, Schimmelpilze, vereinzelte Hunde und hunderte mikroskopisch kleiner Erkältungsviren. Es dauerte nicht lange, dann kennt er ihre Sprache und ihre Form der Verständigung, und er wundert sich, warum diese Menschen es nicht schaffen, sich mit den anderen Lebewesen in deren Sprache zu verständigen. Diese Menschen sind äußerst simpel gestrickt, trotz dieser Bauwerke und dieser technischen Hilfsmittel, die sie da entwickelt haben.

Artemis versteht schon bald diese Laute, welche die Menschen verwenden. Er hat zwar keine Ohren, aber empfängt die Atemstöße, die Absonderungen des Schweißes, die Wärmeabstrahlungen und die elektromagnetischen Impulse, die von den Gehirnen und Körpern dieser Menschen ausgehen, und er kann schon bald mühelos verstehen, was sich die Menschen da in ihrer Sprache zuwerfen. Immerhin erkennt er diese Gattung als eine Spezies, die in ihrem Lebensraum eine Führungsposition beansprucht. Nun ja. Es gibt konkurrierende Arten, aber zwischen Insekten, Viren und den Menschen besteht eine Art Symbiose, wie ein Kreislauf des Lebens.

Artemis ist vorsichtig. Er schlüpft zunächst nicht in die Körper der verschiedenen Arten. Er beobachtet nur.

Dieses Lokal ist für Artemis eine reine Fundgrube. Es ist mit einer Tankstelle verbunden, und hier fahren viele Gefährte ein- und aus. Lastwagen, Pickups, Limousinen, Motorräder.

Er hat keine Ahnung, was das bedeutet, aber er lernt sehr schnell. Er kriecht schon bald in die Köpfe dieser Menschen und sieht sich in ihren Gehirnen um. Es ist wie ein Buch. Ein Fundus von Wissen, und Artemis spürt noch andere Dinge auf. Impulse, die Zuneigung, Aufmerksamkeit, Liebe, Gleichgültigkeit, Neugier, Hass, Angst, Neid, oder Gier ausdrücken. Auch das ist ihm fremd, und er nimmt das erstaunt zur Kenntnis.

Da ist noch etwas, das er bereits von den Tieren seiner Heimat kennt. Diese Menschen können Gerüche und Geschmacksrichtungen unterscheiden. Sie verfügen über Tast-Sensoren und ein Sehvermögen. Die Gattung hat Muskeln und ein Skelett. Im Verhältnis zu anderen Spezies ist das Gehirn viel größer ausgebildet, auch wenn das im Vergleich zu den Cantara als sehr gering zu bezeichnen ist. Diese Gattung hat von allem etwas, aber das reicht dieser Spezies offenbar, um einen Anspruch über ihren Herrschaftsanspruch über ihren Planeten zu begründen.

Diese Menschen sind ganz anders als sein Volk der Cantara, das beinahe ausgelöscht worden ist, und auch ganz anders, als alles, was er aus seiner Heimat kennt. Er vergleicht das mit all seinen Erbinformationen, und er kommt zu dem vorläufigen Schluss, dass ihm diese Spezies in ihrer heutigen Entwicklungsstufe nicht gefährlich werden kann.

2.2. Die Reise durch Amerika

Es gibt hier Gefährte, die von den Menschen als Motorhome bezeichnet werden. Fahrende Blechkästen, in denen es nicht nur Möbel gibt in Form von Gestühl, wie bei einem Lastwagen, es gibt dort auch Kühlschränke, Matratzen, einen Kocher und vor allem Nahrung.

Als einer dieser Camper von der Tankstelle auf den Parkplatz fährt, folgt Artemis der kleinen Gruppe aus drei Personen. Er hat schon gelernt, dass es bei den Menschen weibliche und männliche Exemplare gibt. Er sieht ihnen beim Pissen zu. Er beobachtet ihre spezifischen Körpersprache, nein, er nimmt sie amüsiert zur Kenntnis. Es gibt auch Kinder in verschiedenen Größen, manche mit hohen, fast piepsigen Stimmen, manche geradezu kleinwüchsig.

Auch die Kleidung, die sie tragen ist seltsam. Wozu braucht man so etwas? Aber Artemis kriecht in die Körper dieser Menschen und er spürt, dass sie diese Stoffe brauchen, um sich vor Kälte und Hitze zu schützen. Dann gibt es da noch etwas, was er zuerst nicht begreift. Die Kleidung ist ein Signal. Sieh her. Beachte mich. Nimm mich zur Kenntnis. Sei aufmerksam zu mir. Bewundere mich. Ich will mich ver-mehren. Manche drücken noch etwas ganz anderes aus. Ich bin sehr lässig. Ich bin cool. Du kannst mir nichts. Wieder andere explodieren geradezu vor Aggression und Verdrängung. Sie haben eine mächtige Aura um sich gelegt. Er studiert diese Signale aufmerksam. Diese Wesen sondieren auch Körpergerüche ab, welche ähnliche Signale signalisieren, oder sie sprayen sich mit seltsamen Duft- und Lockstoffen ein.

Nun also verfolgt er diese kleine Gruppe aus drei Personen. Sie sprechen anders, als die anderen Menschen hier. Nein, nicht immer, nur dann, wenn sie sich miteinander unterhalten. Sonst sprechen sie die Sprache der Anderen, aber irgendwie ungeübt, und es gelingt ihnen nicht alles so auszudrücken, wie sie es wollen, obwohl sie diese Sprache ziemlich gut beherrschen. Nur die Körpersprache ist dieselbe, und sie kennzeichnet diese Gruppe aus als Menschen, so wie die anderen. Er hat auch schon festgestellt, dass Menschen eine unterschiedliche Hautfarbe haben, und dass dies manchmal eine soziale Rangordnung symbolisiert.

Für Artemis ist das eine neue Information, und nachdem die kleine Gruppe gegessen und sich frisch gemacht hat, folgt er ihnen in dieses Motorhome, das sich kurz darauf in Bewegung setzt.

Artemis hat schon mitbekommen, dass diese kleine Gruppe etwas macht, was sie als Urlaub bezeichnet. Die Eltern des Kindes erfüllten sich einen lang gehegten Traum, einmal quer durch die USA zu reisen. Die Nebenstraße hier hat die Nummer 66, nicht zu verwechseln mit der legendären historischen Route 66, die von Chicago nach Los Angeles verläuft. Sie waren in New York gestartet, waren auf der Interstate 80 quer durch Michigan gefahren, über Cleveland, Chicago und im Süden der großen Seen, die Kanada und die USA voneinader trennen. Sie hatten Omaha passiert und sie sind jetzt auf dem Weg nach Chayenne, Salt Lake City und Sacramento bis zu ihrem Ziel in San Franzisco. Dort werden sie einen Flieger besteigen und zurück nach Deutschland fliegen. Artemis findet das alles sehr spannend.

Er nimmt diese Reise als willkommenes Geschenk, um mehr von diesem Planeten zu lernen. Er dockt sich einfach an diese Stoffe an, die von den Menschen als Kleidung bezeichnet werden. Unsichtbar. Er lebt von den Salzen, die von den Menschen ausgeschieden werden, von Aminosäuren, von ihrer Wärme, von Fett und von in Zellen abgelagertem Wasser, von ihrem Urin, dem Speichel, dem Kot und den Schuppen, die er als abgestorbene Haut identifiziert, von den Gasen, die sie absondern, aber auch von der Umgebungs-Luft. Für Artemis sind das alles nur Zell- und Energieformen, die ihn am Leben erhalten. So etwas wie Ekel ist ihm fremd. Er begreift schnell, dass die Menschen das anders sehen als er, und auch das erstaunt ihn. Die Menschen haben zu ihrer Körperlichkeit und zu ihrer Umgebung eine seltsam gestörte Verbindung. Sie waschen sich mit Seife, um ihren Schweiß loszuwerden. Sie putzen sich die Zähne, um ihren Atem frisch zu machen, sie waschen sich mehrfach am Tag ihre Hände, angeblich, um sie von Schmutz zu befreien, oder beträufeln sich mit Duftstoffen, die sie Parfüm und Rasierwasser nennen.

Manchmal gehen sie in eines der Motels entlang dieser über 5.000 Km langen Fernstraße, nur um ausgiebig warm zu duschen. Sehr oft verlassen sie die Interstate 80, um kleine Orte und Städte, Seen oder Flusslandschaften anzufahren. Mit Hilfe des von ihnen genutzten Navigationsgerätes ist das sehr bequem, und Artemis kann diese elektronische Hilfe schon nach kurzer Zeit entschlüsseln.

Die Eltern des Mädchens machen aber auch etwas, was Artemis als Akt der Fortpflanzung erkennt. Sie tun das nur heimlich, wenn ihre Tochter bereits schläft, und Artemis beobachtet sie dabei. Er kriecht in ihre Köpfe und in ihre Körper und sieht die männlichen Samenzellen, die in die Vagina der Frau gespritzt werden. Er sieht auch, wenn die Frau geschlechtsreif wird, und er sieht, dass sie täglich Pillen schluckt, um die Fruchtbarkeit zu verhindern. So dumm ist das nicht, findet er. Es schützt vor einer ungehemmten Vermehrung. Er versteht anfangs nur nicht, warum sie das heimlich tun. Zellteilung und Zellvermehrung ist doch der normalste Vorgang auf der Welt. So etwas, wie Scham ist ihm fremd.

Artemis begleitet diese Gruppe, bis sie in Frisco ankommen, und dort beschliesst er, ihnen in dieses Flugzeug zu folgen, das sie nach Berlin bringen wird, mit Zwischenlandung in New York und Paris.

Noch etwas ist völlig neu. Die Beziehungen zwischen den Menschen sind durch etwas gekennzeichnet, das sie Geld nennen. Manchmal sind das Scheine, manchmal Münzen, und manchmal Plastikarten, die sie Credit Card nennen. Artemis kann schnell lesen, was diese Chipkarten gespeichert haben. Es ist ein Leichtes, diese Magnetkarten zu entziffern, und er kann problemlos Kontakt aufnehmen zu Konten und Banken, zu Computern und Sicherungssystemen. Es sind einfach nur Systeme aus zusammengesetzten Nullen und Einsen. Völlig Simpel.

Artemis findet auch schnell heraus, dass diese Familie reichlich von dem besitzt, was hier als Geld bezeichnet wird. Die Eltern des Kindes sind selbständige Broker. Er hört ihre Telefonate mit. Er sieht, was sie auf ihren Laptops eintippen, wenn das Kind schlafen gelegt worden ist. Er kriecht in ihre Köpfe und beobachtet sie bei ihren Geschäften, denn obwohl sie Urlaub machen, können sie nicht von ihren Geschäften lassen, und dann werden große Summen hin- und hergeschoben, von dem, was diese Menschen Geld nennen. Nicht nur das. Aktien, Wertpapiere, Kommissionen, Obligationen, Rohstoff-Optionen. Es gibt einen intensiven Handel mit Gütern, die den Menschen offenbar wertvoll sind. Man kann sie auf dem Rechner nicht sehen, aber Artemis kann die Zahlen sehen, die da hin- und hergeschoben werden, um etwas zu machen, das sie profit nennen.

Artemis kann die Zusammenhänge noch nicht komplett verstehen, aber er lernt.

Er beobachtet die Eltern auch bei ihren Telefonkonferenzen, die sie hin und wieder mit Anlegern führen. Sie investieren nur selten eigenes Geld. Sie verwalten das Geld anderer, um es zu vermehren, wie sie nicht müde werden zu versichern. Für diese Arbeit kassieren sie eine Gebühr, Spesen und einen Bonus. Aber ja, es kommt auch vor, dass sie eigenes Geld investieren. Er beobachtet sie bei ihren Geschäften. Er hört ihre Ratschläge mit, wie Firmengruppen aufgekauft, zerschlagen und in Einzelteilen wieder veräußert werden. Er hört von Optionen auf viele Tonnen von Reis, Mais und Weizen, die es noch gar nicht gibt, aber er begreift schnell, was eine Spekulation ist. Diese Menschen verdienen ihr Geld damit, das vorhandene Geld auf der Welt umzuverteilen, so dass Reiche noch reicher werden. Er hört aber auch von Verlusten. Das scheint so etwas zu sein, das schlimme Schmerzen verursacht.

Die Eltern des Mädchens verstehen sich als ehrenwerte Makler und Händler, die ihre Kunden nicht über den Tisch ziehen. Er hört, dass es Menschen gibt, die das ganz anders sehen. Menschen, die keine Skrupel haben, ihre Kunden finanziell auszunehmen, bis zum Bankrott. Über Zuverlässigkeit von Anlageberatung wird mit den Investoren immer wieder gesprochen, und die Eltern des Mädchens haben sich einen Ruf aufgebaut, die Interessen ihrer Klienten zu schützen. Das ist ihr Kapital, wie sie sagen. Der Vertrauensvorschuss, den man braucht, wenn man Anleger berät, oder ihr Geld verwaltet. Sie scheinen Erfolg damit zu haben, denn während ihrer Tour durch Amerika können Sie nur übers Telefon eine ganze Reihe von neuen Kunden akquirieren. Es gibt da offenbar ein Netz an Informanten und Informationen, das die Reputation dieser Geschäftsleute als zuverlässig und ehrlich am Leben erhält. Er sieht das, wenn er in die Computer kriecht, und Informationen aufruft, die sie Webseiten nennen. Heimlich, und zu Zeiten, in denen diese Menschen schlafen. Er bekommt aber auch mit, dass sie ihre Geschäfte oft am Rande der Legalität abwickeln, was auch immer das heißt.

Artemis beobachtet, aber er urteilt nicht. Diese Menschen sind für Ihn nur Wirte, an die er sich andockt, wie an einen Hund, eine Pflanze, einen Stein oder eine Gaswolke. Er versucht ihre Welt zu verstehen, die sein neuer Lebensraum sein wird. Es gibt Millionen dieser Spezies. Auf eine Million mehr oder weniger kommt es aber nicht an. Artemis greift nicht ein. Nicht in diesem Stadium. Diese Welt bietet ihm Bedingungen zum überleben und durch Zellteilung ein neues Volk zu gründen, und er wird irgendwann dafür Sorge tragen, dass dies auch so geschieht.

Er begreift aber auch, dass dieses Geld, was da hin- und hergeschoben wird, in dieser Gesellschaft eine enorme Bedeutung hat. Es verleiht Macht und Ansehen, nun ja, und auch Annehmlichkeiten, wie Komfort und Luxus. Auch die Eltern des Mädchens sind nicht davon frei. Sie tragen goldene Uhren und wertvollen Schmuck, was sie aber in einem im Wohnmobil eingebauten Safe verstecken, wenn sie sich unter Menschen mischen, die viel weniger besitzen, um keine Begehrlichkeiten zu wecken, oder andere Menschen nicht zu Diebstählen oder Überfällen zu verleiten. Artemis staunt.

Er lernt, dieses Mädchen zu lieben. Es ist das einzige Kind dieses Ehepaars. Katharina ist ein kleiner Wirbelwind. Sie wird von ihren Eltern meist liebevoll Kathy gerufen. Zuweilen sagen sie Katharina, dann spürt Artemis, jetzt ist dicke Luft. Manchmal erfolgt nur eine Ermahnung, die sich in dem einen Wort manifestiert: "Katharina".

Sie ist selbstbewusst, vorlaut, gerissen, aber auch verblüffend offen und herzlich. Sie weiß, wie sie begehrte Streicheleinheiten erhält, oder irgendwelche Dinge, die sie sich in den Kopf gesetzt hat. Sie hat eine eigene Kamera und sie hat einen eigenen Laptop. Sie fotografiert alles und jeden und speichert die Bilder hinterher auf ihrem Rechner ab. Sie hat sogar einen mobilen Drucker in ihrem Mobilhome, und Kathy liebt es, diese Bilder auszudrucken und das ganze Wohnmobil damit zu bekleben, nicht immer zur Freude ihrer Eltern.

Artemis lernt von Kathy vor allem eins. Witz, Esprit, Charme, Phantasie und die Fähigkeit zu Späßen und Albernheiten, bis hin zu Tollkühnheiten. Einiges kannte er bereits aus der Tierwelt seines Planeten, vor allem bei Jungtieren im Welpenalter, aber die sprühende Ideenwelt, die Kathy da umweht, ist für Artemis neu.

Einmal fahren sie durch einen kleinen Ort, wo ein Fest angekündigt ist. Kathy überredet ihre Eltern mit allen Tricks, drei Tage hier in ziemlicher Langeweile auszuharren, nur um dieses Fest zu besuchen. Das Szenarium geht vom anschmiegen, lachen, Geschichten-Erfinden, Spiele-Spielen, dem Wunsch, jetzt unbedingt Skateboard zu fahren, oder einen frischen Erdbeer-Milchshake zu trinken, dem Verstecken des Zündschlüssels, bis zum Vortäuschen einer Übelkeit. Am Ende fügen sich die Eltern, obwohl dieser Stopp so nicht geplant war. Manchmal sehen sie sich an, zwinkern, oder schauen kurz weg, um leise zu lachen. Sie durchschauen dieses Spiel, aber Kathy ist ihr Liebling, ihr Augenstern. Artemis erkennt darin die unendliche Geduld, Aufopferung und Fürsorge, die er auch von Tiermüttern im Umgang mit ihren Jungtieren kennt. Später wird er lernen müssen, dass nicht alle Eltern so fürsorglich zu ihren Kindern sind.

Artemis sieht bei dem nachfolgenden Event zum ersten Mal Bullenreiten. Er kriecht in diese Tiere, um sie zu spüren. Er sieht ein Riesenrad und er sieht Schaubuden mit Zuckerwatte, Marsh-Mallows und Lose. Es gibt ein Bierzelt und Artemis sieht spät am Abend, was dieses vergorene Getränk mit den Menschen macht. Da hat sich die kleine Familie längst in ihrem Wohnmobil verkrochen, aber Artemis geht noch einmal aus, um die Menschen zu studieren.

Auch wenn Artemis hier viel Herzlichkeit erfährt, was auf dem flachen Land in den USA vielleicht noch typisch ist, so sieht er auch hier soziale Unterschiede. Es gibt Arbeiter und Angestellte, die harsch angeraunzt werden. Es gibt eine Hackordnung, und auch hier bestimmt das Geld eindeutig das Laben der Gemeinschaft.

Sie überqueren auf ihrer Fahrt die Rockys und sie besuchen den Tahoe National Forrest. In Frisco bleiben sie noch zehn Tage, dann geben sie den Camper zurück, und lassen sich mit einem Taxi zum Flughafen bringen. Einen Großteil ihres Gepäcks lassen sie einfach da. "Verschenkt das", sagen sie der freundlichen Dame an der Mietwagenrezeption. Irgendjemand wird sich über Westernhüte, nagelneue Roller Blades, kaum gebrauchte Koffer, Kleidung und Spielzeug freuen. "Kann man alles wiederbeschaffen", erklären die Eltern ihrer Tochter.

Hier in dieser Mietwagen-Filiale beschließt Artemis, sich zu teilen. Er hat in den letzten Wochen genug Kräfte gesammelt, dass er dies jetzt gefahrlos tun kann. Er spaltet zwei Teile ab, die jetzt auch alle Erbinformationen der Cantara in sich tragen, und er gibt ihnen den Rat, dem Fluss des Geldes zu folgen, und immer mit ihm vernetzt zu bleiben, um die Erfahrungen auszutauschen.

Artemis weiß nicht, wie weit dieses Europa entfernt ist. Es wird vielleicht unmöglich sein, sich auf solche Entfernungen mit der Energie der Cantara auf direktem Weg zu verständigen, aber er hat begriffen, dass Computer und Smartphones eine Kommunikation über den gesamten Globus ermöglichen. Er hat seinen Nachkommen diese Fähigkeit mitgegeben, diese technischen Geräte effektiv zu nutzen. Es wird einfach sein, stets miteinander vernetzt zu bleiben.

Die Reise hatte 3 Monate lang gedauert. Artemis ist ungefähr die Hälfte davon mitgefahren. Er hat längst gelernt, dass es auf diesem Planeten eine Zeitrechnung gibt, und dass Tag und Nacht sich abwechseln, anders als bei seinem Heimatplaneten.

Jetzt also sitzt Artemis mit diesen drei Menschen im Flieger nach Berlin. Unerkannt und ohne Ticket. Er ist gespannt auf diesen neuen Erdteil, den die Menschen Europa nennen.

2.3. Folge dem Geld

In den nächsten Wochen wird Artemis viel lernen. Er ist stets vernetzt mit seinen beiden Spähern, die in Frisco geblieben sind.

Sie docken sich einfach an die verschiedenen Menschen an. Sie besuchen Golfplätze, Reitturniere, Tennisplätze, Gestüte, Farmen, um sich mit der Spezies der Wohlhabenden und Reichen vertraut zu machen.

Sie dehnen ihren Radius aus, bis nach Sacramento und ins Silicon Valley und nehmen Kontakt auf zu den Bossen der Hih-Tech-Unternehmen. Sie besuchen Los Angeles, mit den Beverly Hills und den Filmstudios in Hollywood.

Es ist eine regelrechte Parallelwelt, die sie da vorfinden. Eine Welt der Reichen, gewiss, aber auch eine Welt der Snobs, der Macht, der Unterwerfung anderer, der Konkurrenz, und sie lernen wieviel Bedeutung tatsächlich dieses Geld über den Menschen hat. Nicht nur das. Einige dieser Menschen haben die Macht über wesentliche Kommunikationsmittel, die sich wie ein Netz über den Globus spannen.

Eine höchst interessante Erfahrung. Sie kriechen auch in die Großcomputer und beobachten diesen Fluss von ständigen Informationen und Energien.

Sie tauschen sich mit Artemis regelmäßig aus, denn Artemis hat in derselben Zeit ganz andere Erlebnisse, und sie beschließen, sich jetzt in bestimmten Abstännden immer neue Wirte zu suchen, um dieses System noch besser zu verstehen, und vielleicht die Kontrolle darüber zu erhalten.

Sie verstehen aber auch, dass diese Menschen, in deren Köpfe sie da kriechen, nach dem Verständnis der Cantara eine Spezies sind, die man zähmen muss, wenn man auf diesem Globus ein Gleichgewicht der Arten herstellen will, denn das ist eine Aufgabe, die im Erbgut der Cantara verankert ist.

So leicht ist das nicht. Sie sehen in den Computern, dass es diese Spezies auf dem ganzen Globus gibt. Was können drei Überlebende der Cantara da machen?

So gibt Artemis die Losung aus, vorerst weiter zu beobachten, und das Problem, dass sie da sehen langsam, bedächtig und nachhaltig anzugehen. Sie haben ja Zeit. Noch kann ihnen diese Spezies nicht gefährlich werden. Absolute Tarnung und Unsichtbarkeit ist die Vorraussetzung des Überlebens der letzten Überlebenden der Cantara.

2.4. Die neuen Kontakte des Artemis

Zurück zu Artemis, der ganz andere Erfahrungen macht.

In Berlin zieht Artemis mit der Familie in ihr großes Haus ein. Es gibt hier viele Zimmer mit unendlich vielen Dingen, wie Wasserhähne, Betten, eine Waschmaschine oder eine Mikrowelle. Einiges hatte Artemis schon auf der zurückliegenden Reise kennengelernt. Es gibt ein Kindermädchen, was jetzt dafür Sorge trägt, dass Kathy wieder in die Schule geht und den Lernstoff nachholt, den sie versäumt hat. Es gibt sogar einen Chauffeur und einen Gärtner, und er sieht, dass sich die Eltern bald wieder verabschieden. Sie haben einen Job, bei dem Reisen zum Handwerk gehört. New York, Tokio, Frankfurt, London. Überall, wo es große Börsen gibt, an denen das Geld umgesetzt wird, um sich zu vermehren. Dass Geld sich vermehren kann, ist etwas, was Artemis zunächst nicht begriffen hat. Das ist doch nur tote Materie, und manchmal nur ein ideeller Wert. Inzwischen weiß er, dass es sich nur um eine fiktive Vermehrung handelt, und dass diese Vermehrung nichts zu tun hat mit Zellvermehrung, oder auch mit dem, was den Familien zum Leben bleibt. Nun, bei einigen schon, bei den meisten jedoch nicht, aber dies ist Artemis zunächst nicht bewusst. Einige wenige Wochen reichen nicht für den kompletten Durchblick, und es gibt so unendlich viel zu lernen.

Er wird bald mehr wissen von diesem Geld, wenn er die ersten Berichte seiner beiden Späher erhalten wird.

Artemis lernt vor allem, dass Urlaub und Arbeit für die Eltern zwei Lebensbereiche sind, die nicht unbedingt vermischt werden. Sie haben jetzt Aufgaben. Sie wollen neues Geld verdienen. Sie wollen reisen. Sie brauchen die Kontakte, und die Bestätigung, erfolgreich zu sein.

Katharina bleibt alleine Zuhause, in Begleitung des Kindermädchens, das nun die Rolle der Ersatzmutter übernimmt und dem Chauffeur, dessen Aufgabe es ist, Einkäufe zu erledigen und das Kind zur Schule, in den Sport, oder zum Reitunterricht zu fahren.

Nachdem die Eltern abgereist waren, sieht Artemis, dass Kathy wirklich ihren eigenen Kopf hat. Manchmal geht sie zu diesen Reitstunden, manchmal zum Sport, aber nicht immer, dann schwänzt sie diese Stunden. Sie liebt es, mit der U-Bahn zu fahren, und sie hat dort offenbar eine ganze Menge Freunde, die das genauso halten.

Artemis lernt zum ersten mal eine Gang aus Jugendlichen kennen. Er lernt andere Gangs kennen, und er lernt, dass sich diese Gangs untereinander befehden. Es geht manchmal um einen Ehrenkodex, manchmal um Geld und Macht und Imponiergehabe. Manchmal ist das äußerst rigide, über Erpressung bis hin zur nackten Gewalt. Das Geschehen bedroht ihn nicht, er findet das spannend, und er beobachtet das Geschehen, neutral, wie er sein kann, als ein Studierender.

Kathy ist in einer Gruppe, zu der mehr als fünfzig Kinder gehören. Sie sprechen von Haus aus unterschiedliche Sprachen, und sie stammen aus unterschiedlichen Ländern, aber sie benutzen untereinander ein Kauderwelsch, das aus mehreren Sprachen zusammengesetzt ist. Es gibt viele Worte, welche nur diese Kinder benutzen. Andere verstehen den Inhalt jedoch nicht. So können sich die Kids untereinander verständigen, und sie zeigen sich damit zugleich, wir alle sind ein Teil desselben Clans. Einige der Kinder leben vom Diebstahl, aber nicht alle.

Ein Großteil dieser Kinder ist irgendwie nach Deutschland eingewandert. Sie haben ihre Eltern verloren oder verlassen, und sie haben sich zu einer Schutztruppe zusammengeschlossen. Ein Teil der Kinder lebt sogar in den Tunneln der U-Bahn. Sie fühlen sich hier zu Hause, und kennen den Fahrplan in- und auswendig. Sie kennen die Schächte. Sie kennen die Signale. Sie wissen, wann sie Schutz suchen müssen, wenn einer dieser Züge auf sie zurollt, ja, sie haben sogar eine eigene Schule gegründet, weil sie keine Papiere haben, die ihnen den Besuch einer regulären Schule erlauben, die von den Menschen geführt wird, die da oberhalb der U-Bahnröhren leben.

Dank seines Gespürs findet Artemis bald heraus, dass es solche, oder ähnliche Gruppen auch in Paris, London, New York und anderen Städten gibt, aber die Gruppen haben grenzübergreifend keinen Kontakt. Sie agieren nur lokal und regional, völlig unabhängig voneinander.

Katharina ist eines dieser Bandenmitglieder, die den Kontakt nach Aussen herstellen, und welche die Gruppe immer wieder mit Informationen und Geld versorgen. Sie ist eine sehr geschickte Diebin, und wird von der Bande bevorzugt für heikle Aufgaben eingesetzt, wo es um viel Geld und ein hohes Risiko geht. Artemis staunt. Dieses kleine Mädchen hat ein Doppelleben. Zu Hause mimt sie die brave und fleißige Tochter, aber tatsächlich liebt sie den Nervenkitzel. Sie ist dabei so geschickt, dass sie noch nie erwischt wurde.

Die Gruppe wird von zwei weißen Jugendlichen geführt. Der eine wird Robert gerufen, oder kurz Roy. Er ist ein wahres Multitalent und ein hervorragender Organisator. Auch er hat Witz und die Fähigkeit, viele anstehende Probleme über Lachen und Späße zu lösen. Er ist für die Kids, wie ein Ersatzvater. Manchmal milde, manchmal sehr energisch und bestimmt. Der andere wird Spek genannt. Er heißt eigentlich Winfried Broseke, aber das sagen nur ein oder zwei der Jugendlichen, wenn sie unter sich sind. Spek ist eben Spek, und er hat die Leitung von ein paar Kids, die besonders geschickt sind. Sie trainieren gemeinsam in einer Kampfschule Karate, Taekwondo und Kickboxen, und sie sind in einem Kampf Mann gegen Mann ziemlich gefährlich. Sie sind eine Schutztruppe und sie greifen manchmal ein, um die anderen Kids ihrer Gruppe vor Übergriffen zu bewahren. Sie besorgen aber auch Geld. Illegal erwirtschaftetes Geld, und sie sind richtig gut darin, andere Gangs abzuzocken. Kathy macht bei diesen Touren nur manchmal mit. Sie läßt sich nirgendwo fest verplanen. Sie hat ihren eigenen Kopf, sie ist bereits jetzt eine Art Unterchefin, die andere gut anleiten kann, trotz ihrer jungen Jahre. Sie behält fast stets den Überblick, und sie steht treu auf der Seite ihrer Bandenmitglieder.

Dieser Spek ist eine besondere Hausnummer. Obwohl noch jung an Jahren, ist er der geborene Teamplayer. Er kann ruhig sein und zuhören. Er kann vor Wut explodieren. Er führt eine Art Regime, und er ist der ungekrönte König in seinem Bereich der Aktivitäten. Seine Truppe kann sich aber auch hundertprozentig auf ihren Anführer verlassen. Er steht zu ihnen. Er haut sie heraus, wenn es notwendig ist. Er kann aber auch regelrecht brutal werden, wenn es darum geht, sich gegenüber anderen Gangs durchzusetzen. Dabei ist Spek äußerst erfindungsreich in der Auswahl seiner Methoden und Mittel. Er ist schwer durchschaubar, und man muss immer mit ihm rechnen. Spek könnte eine große Karriere als Mafiaboss vor sich haben, aber er sieht seine Aufgabe im Schutz von Schwachen. Dabei kann Spek sehr kooperativ sein. Er teilt sich mit Roy die Aufgaben, und sie reden sich nicht gegenseitig hinein.

All das ist für Artemis neu und aufregend. Auch das ist eine Parallelgesellschaft, die er bisher nicht kannte.

Er lebt eine Weile unerkannt bei diesen Kindern. Manchmal im Tunnel, manchmal oberirdisch. Er erlebt Konflikte. Er erlebt Schiebereien. Er erlebt Diebstähle und Messerstechereien. Er erfährt, was ein Überlebenskampf bedeutet, der aus Nahrung, Kleidung, Zuneigung und gegenseitigem Schutz besteht, und auch etwas, was als Bildung oder Wissen bezeichnet wird. Er sieht aber auch, was Armut heißt. Er lernt den Begriff der Freundschaft kennen, und so etwas wie einen geheimen Code. Roy sagt dazu Aufgabe, oder auch ethische Verpflichtung. "wir haben eine Aufgabe...", sagt er dann, denn das sind nicht nur kriminelle Kids. Sie besitzen einen strengen Ehrenkodex. Sie haben sich verpflichtet, sich gegenseitig zu schützen, um gemeinsam zu überleben, und zugleich, um ausgewählten anderen Kids Schutz zu bieten, die auch am Ende der Armutsskala stehen.

Sie haben Kontakt zu anderen Kindern und Jugendlichen, die irgendwo in Berlin leben, zusammen mit ihren Eltern, und die in normale Schulen gehen. Öffentlich und ganz legal. Einige dieser Kinder werden von ihnen sogar unterstützt. Dann, wenn es Auseinandersetzungen mit anderen Kids gibt, so dass sie Hilfe brauchen, dann, wenn sie ihre Chancen, oder etwas, was Roy den Lebenstraum nennt, ohne die Gruppe nicht hätten ergreifen können. Eines dieser Kinder ist Beatrice, oder kurz Bea genannt. Bea galt bereits in jungen Jahren als Wunderkind. Schauen wir deshalb ein paar Jahre zurück.

Bea war schon im Kindergarten aufgefallen durch ihre melodische Stimme und ihr gutes Gehör. Irgendwann hatte sie mit ihrer Mutter vor einem Musikladen gestanden. Sie hatte all die Instrumente betrachtet. Sie hatte viele Fragen. Dann war der Inhaber aus dem Laden gekommen, um eine Zigarette zu rauchen, und als er Bea so stehen sah, fragte er sie, ob sie nicht mal reinkommen wolle. Bea hatte die Instrumente betrachtet und vorsichtig über die Saiten gestrichen. Der Verkäufer hatte die glänzenden Augen gesehen, und hatte ein Etui mit einer 1/16 Zoll Geige geöffnet, sie gestimmt und ihr erklärt, wie man die Geige hält. Bea war damals gerademal vier Jahre alt gewesen. Sie hatte ihre Eltern überredet, ihr diese Geige zu Weihnachten zu schenken. Sie war gebraucht, und kostete damals 200 Mark. Viel Geld für eine Vierjährige. Viel Geld für die Eltern, die sich finanziell gerade so über Wasser halten konnten.

Die Großeltern steuerten einen Teil dazu bei, und nun zeigte die vierjährige ein erstaunliches Talent. Sie sang immer, wenn sie ihr Instrument versuchte zu spielen, und es gelang ihr schon bald, die anfangs nur quitschenden Töne des Instruments zu verwandeln. Sie nahm die Mutter manchmal an die Hand und besuchte den Ladeninhaber. Sie überredete ihn, ihr ein paar Handgriffe und Techniken zu zeigen. Innerhalb von nur einem Jahr konnte sie einfache Kinderlieder spielen, und als es im Kindergarten ein Adventskonzert geben sollte, bat sie darum, die Kinder auf der Geige zu begleiten. Das war der Tag, wo sie vielen Eltern als ein Talent auffiel, das man fördern müsse. Die Eltern von Bea hatten gleichwohl kein Geld für eine Musikschule, und deshalb sprach die Kindergärtnerin mit den anderen Eltern, ob sie ein paar Mark in einen Fonds zahlen wollten, so dass Bea ab und zu eine Übungsstunde bekommt. Das war nicht nötig, weil eine der Mütter selbst Geige spielte, und sich anbot, Bea zu unterrichten. Bea machte schnell Fortschritte, die Geige wurde ausgetauscht gegen eine 1/10 Geige und als sie in die Grundschule kam, wurde

Artemis lernte Bea kennen, da war sie sieben. Sie spielte inzwischen auf einer 1/4 Geige, und spielte inzwischen mit ihre Lehrerin Duette. Sie würde ihre Lehrerin wohl bald an Können überflügeln.

Inzwischen hatte Bea auch die Kids im Untergrund kennengelernt. Es war auf einem der U-Bahnsteige. Sie kam gerade vom Geigenunterricht. Ein Paar Kinder pöbelten sie an und versuchten ihr die Geige zu entreißen. Katharina stand ein Stück weiter, zusammen mit drei ihrer Freunde. Sie sah das, und griff spontan ein, um Bea zu schützen. Das war der Beginn ihrer Freundschaft.

Artemis besucht diese Bea. Er wohnt ihrem Unterricht bei, und er nimmt diese Schwingungen in sich auf, die von dieser Musik erzeugt werden. Er kennt Schwingungen, die von Wind, Regen, dem Rascheln der Blätter, den Rufen von Tieren oder den Flügelschlägen der Vögel entstammen. Er hat auf seiner Reise quer durch die USA Musik gehört, die aus dem Radio kam. Er hat Musikgruppen mit ihren Instrumenten gesehen. Hillbilly, Gospel, Hiphop, Country und Western, aber diese Musik von Conny ist einzigartig. Diese Schwingungen sind einzigartig. Artemis ist sich sofort darüber im Klaren, dass man dieses Talent fördern muss.

Diese Bea ist ein ernstes Kind, aber sie ist mit einer Begeisterung für ihre Musik gesegnet, die Artemis tief beeindruckt. Das ist wahre Hingabe, wahre Liebe zu einer Ausdrucksform, die andere Menschen in gewaltige Schwingungen versetzen kann. Kurz: Bea geht ganz in ihrer Musik auf, aber sie vernachlässigt auch nie ihre neuen Freunde in ihrer Kindergruppe. Mit Katharina verbindet sie inzwischen ein enges Band.

Katharina bittet ihre Eltern, eine Patenschaft zu übernehmen, um Bea den Unterricht an einer richtigen Musikschule zu finanzieren. Sie würde im Gegenzug gerne auf die Tennisstunden verzichten. Das wäre sowieso nicht ihr Ding. Das Reiten wollte sie indes nicht aufgeben, und sie dürften immer gratis in eines der Konzerte gehen, das Bea in Zukunft geben würde.

So kam es, dass Bea in der anerkannten Schule einer Berliner Musikerin unterkam, die früher selbst die erste Geige bei den Berliner Philharmonikern spielte, bis durch einen Unfall der rechte Arm und die Schulter mehrfach gebrochen wurden, so dass sie damit aufhören musste.

Dann gibt es noch einen Jungen, der heißt Leon Mendez. Er hat einen spanischen Vater und eine dänische Mutter. Sie leben in Berlin, und auch Leon hat sich dieser Gruppe angeschlossen. Er ist ein äußerst interessantes Kind, aus der Sicht von Artemis. Ähnlich wie Katharina, ist Leon hellwach. Er spricht das Deutsch fließend, aber er kennt auch die Grundzüge in Spanisch und Dänisch. Das hat er von seinen Eltern gelernt. Er hat auch gelernt, sich schon in jungen Jahren selbstständig durch die Röhren der U-Bahn zu bewegen. Zunächst nur in den Zügen und auf den Bahnhöfen, später, nachdem er Roy und Kathy kennengelernt hat, auch zu Fuß, durch die Röhren und seitlich davon abgehende Schächte. Er schafft es immer wieder, von Zuhause auszubüchsen, und weil beide Eltern arbeiten, ist er an den Nachmittagen unbeaufsichtigt, so dass er seinem Hobby unkontrolliert frönen kann. Er hat schon früh im Umgang mit anderen Gangs gelernt, dass man sich schützen muss. Er hat sich eine richtige Truppe aus guten Freunden zugelegt, die oberhalb der U-Bahnwelt kaum einen Schritt alleine machen, zum eigenen Schutz, und er hatte irgendwann auch diese Gruppe der U-Bahnkids um Roy kennengelernt.

Obwohl alle diese Kids der Bande ungewöhnlich sind, erlebt Artemis, dass einige dieser Kids als Alphatiere geboren wurden. Roy, Spek, Kathy, Bea und Leon sind eindeutig Menschen, die durch ihren genetischen Code bereits auserwählt sind, um andere Menschen zu führen, und in ihrem Leben etwas Großartiges zu leisten.

Artemis schlüpft manchmal in die Köpfe von Roy und Spek. Er hat inzwischen ständigen Kontakt zu Bea und Kathy. Er begleitet Leon ein paar Wochen lang, und dann fällt er einen Entschluss.

2.5. Der neue Wirt

Artemis könnte so weiter leben, wie bisher. Unerkannt und unsichtbar, und er wird irgendwann sterben. Er hat zwar noch einige Jahrhunderte vor sich, aber insgesamt ist seine Zeit begrenzt.

In diesen Kids sieht er ein Potenzial, dessen er sich bedienen kann. Menschen, denen Freundschaft über alles geht. Menschen mit Weitblick und sozialer Verantwortung. Menschen, die schon jetzt einen Führungsanspruch in sich tragen. Wenn er dieses Potenzial unter seine Kontrolle bringt, dann hat Artemis vielleicht die Chance auf diesem Planeten etwas zu bewegen. Nicht sofort, aber Artemis hat ja Zeit.

Er weiß inzwischen auch, dass dieses Geld die Welt und das Denken der meisten Menschen beherrscht. In diesen Kids sieht er etwas anderes. Die Bereitschaft, zu teilen. Artemis weiß inzwischen aber auch, dass zu den Aufgaben, die sich gerade in seinem Kopf entwickeln gehört, über notwendige Geldmittel zu verfügen, um auf dieser Welt etwas zu bewegen.

Es ist ein Wagnis. Ein Neuanfang. Er wird dafür Sorge tragen, dass diese Menschen ihren Wurzeln treu bleiben. Auch das wird vielleicht nicht ganz einfach, aber Artemis ist zuversichtlich.

Artemis kann durch Zellteilung neue Nachkommen zeugen, jetzt, wo er wieder bei Kräften ist, und er wird dies wohl bald wieder tun, aber er braucht so etwas, wie einen sicheren Ausgangsort, wie eine Heimat, oder wie einen Wohnort, von dem er aus sicher operieren kann. Er beschließt, in den Kopf und in den Körper dieses Jungen einzuziehen, der Leon Mendez genannt wird. Er könnte im Wald leben, oder irgendwo auf den Plantagen, die von den Menschen angebaut werden, er könnte in Viren schlüpfen, oder in die Körper von Fliegen, aber er sucht die Nähe dieser Spezies, die versucht, sich den Planeten untertan zu machen. Das gelingt ihnen nur partiell. Sie haben zwar Mittel gegen Insekten, Bakterien und Viren entwickelt, aber gegen diese winzig kleinen Lebewesen sind sie letztlich machtlos. Artemis hat das bereits festgestellt. Gegen die Quadrilliarden Insekten ist kein Kraut gewachsen, und die Viren verändern sich schneller, als die Menschen Immunstoffe entwickeln können. Insekten und Viren und Insekten leben aber auch von den Menschen. Es ist ein Kreislauf. Die Menschen verstehen diese gegenseitige Abhängigkeit nur nicht. Nun ja, einzelne schon, die sich mit dem Immunsystem der Menschen oder mit Virologie beschäftigen.

Dennoch hat es diese Spezies geschafft, die Welt gewaltig zu verändern. Das hat Artemis begriffen. Sie sind zu einer Gefahr für das Leben auf dem Planeten in der jetzigen Form geworden.

Einer der Gründe für die Wahl von Leon ist, dass dieser Leon zu seinen Freunden eine besondere Beziehung pflegt, die von gegenseitiger Rücksicht und Achtung geprägt wird. Er ist kein Schläger. Er stiehlt nicht ungehemmt, und nur, um die anderen Kinder zu unterstützen. Er ist hilfsbereit, direkt und offen, auch wenn er seinen Eltern nicht ehrlich sagt, was er an diesen Nachmittagen treibt, wenn er unbeaufsichtigt ist, und Leon hat immer warme Hände, die Wohlgefühl vermitteln, wenn sie dich berühren. Außerdem ist Leon jung und formbar, und er verfügt über die Fähigkeit sich in Sprache auszudrücken. Artemis hat schon mitbekommen, dass die Sprache bei Kindern im allgemeinen unfertig ist, aber das stört ihn nicht. Er wird schon dafür sorgen, dass dieser Junge schnell lernt. Vor allem, dass er lernt, den Maximen der Cantara zu folgen.

Also zieht Artemis eines Nachmittags in den Körper von Leon, und er macht sich dort breit. Für Artemis ist dies zunächst ein Experiment. Er kann jederzeit aus diesem Körper wieder ausziehen, aber er kann diesem Jungen auch einen Teil seiner Kraft geben, um ihn in seinem Sinn zu beeinflussen und zu steuern. Er kann die Augen, Ohren, Geschmacksnerven, den Tastsinn, und die verbale Sprache des Jungen nutzen, um noch viel mehr von der Welt zu erfahren.

Er hat diesen Jungen bewusst ausgewählt. Er hätte auch in die Köpfe von Kathys Eltern einziehen können, oder in einen ihrer Geschäftspartner, in den Gärtner, in den Körper von Kathy, Bea, Roy, oder in einen x-beliebigen Politiker oder Wirtschaftslenker, aber nein, dieser Junge scheint ideal und Artemis hat Zeit. Er kann seinen Wirt auch jederzeit verlassen, und einen neuen wählen, wenn er nur will.

Für Leon wird diese überraschende Symbiose zu einem Energieschub. Er beginnt besser zu sehen, zu hören und zu riechen. Er entwickelt eine enorme Reaktionsschnelligkeit, ein gewaltiges Organisationstalent und ein Gespür für alles, was ihn umgibt. Er nimmt Kontakt zu Ratten, Mäusen und Vögeln auf und beginnt mit ihnen zu sprechen. Er knüpft Kontakte zu einigen wenigen Fledermauskolonien, die sich in einigen Schächten der U-Bahn niedergelassen haben, und er wird in der Schule so gut, dass die dort gestellten Aufgaben locker und leicht erledigt. Er könnte ohne weiteres ein Schuljahr überspringen, aber er hat an den Nachmittagen so viele selbstgestellte Aufgaben, dass er seine Energie in der Schule darauf beschränkt, dass hier zwischen den verschiedenen Interessengruppen Frieden herrscht. Leon entwickelt sich zu einem genialen Mediator, zu einem Strippenzieher, der Konflikte zwischen rivalisierenden Gruppen steuert, oder auch ausschaltet, weil er seinen Frieden haben will. Er kann diese Gruppen schon bald aufeinander hetzen, wenn ihm das dient. Er lernt vor allem, die Sprache so zu benutzen, dass er andere Menschen in seinem Sinn beeinflussen kann.

Artemis beobachtet das ganze Geschehen, und die Entwicklung dieses Jungen, und er lächelt. Dieser Junge ist für ihn wie ein Quell neuen Wissens. Was er sieht, das gefällt ihm.

Leon entwickelt Qualitäten, die ihm helfen, seine Aufgaben besser zu bewältigen. Er versteht Tiere nicht nur, sondern er lernt, sich mit ihnen in ihrer Sprache zu unterhalten, egal ob Libelle, Biene, Vogel oder Hund. Das geht soweit, dass Leon lernt, sich in Tiere zu verwandeln, zu denen er einmal Kontakt aufgebaut hat. Eine Fähigkeit, die Artemis diesem Jungen aber erst nach vielen Jahren gestattet, in denen sich dieser Junge bewähren muss. Leon lernt aber sehr schnell eine Sprache, von der er nie zuvor gehört hat. Ein seltsames Gemisch von Lauten und Elektroimpulsen, das ihm erlaubt, Kontakt zu anderen Kulturen aufzunehmen. Dieses Gemisch ermöglicht ihm, fremde Sprachen im Handumdrehen zu erlernen. Leon sieht auch die Ströme von Energie, die er aussendet, wenn er diese Laute anstimmt. Als Drittes erhält er ein unglaubliches Gespür für die Empfindungen von Menschen, deren geheime Wünsche und Gedanken. All das geschieht nicht sofort, sondern das ist ein langsamer und zäher Prozess. Die zuletzt genannte Eigenschaft ist es vor allem, die aus Leon später einen genialen Scout machen wird. Schließlich lernt er, den Raum zu überwinden. Es ist nicht so, dass er wie bei einem GPS eine bestimmte Strasse in New York oder in Singapur eingeben kann, und dann automatisch dorthin geführt wird. Er muss den Ort schon kennen, dann öffnet sich vor ihm ein Tunnel, durch den er rasend schnell fliegt, bis er dort ist, wo er hin will. Er löst sich bei dieser Fahrt in seine Atome auf, angetrieben nur durch die Energie, die Artemis dem Jungen zur Verfügung stellt.

Diese Eigenschaften entwickeln sich Stück für Stück, damit Leon sie mit Bedacht anwendet, ohne sie zu missbrauchen. Ein Teil dieser Fähigkeiten ist in dem Jungen bereits verankert, ein Teil liefert Artemis dazu. Er hat erkannt, dass er dieser Spezies seine gewaltigen Kräfte nicht unbegrenzt zur Verfügung stellen darf, weil diese Menschen in ihrer Art unvollkommen sind. Macht verführt dazu, solche Kräfte ungehemmt anzuwenden und zu missbrauchen. Das ist das Letzte, was Artemis im Sinn hat. Er will diesen Menschen in seinem Sinn beeinflussen, so dass er sich der Philosophie der Cantara unterordnet. Dieser Junge soll ein Wächter des Lebens werden.

Da ist noch etwas, was Leon zunächst nicht versteht, aber es ist von Anfang an da. Wenn er nicht weiter weiß, dann tut sich vor ihm eine Art Tunnel auf, in den er hineinschlüpfen kann, wie in die Röhren der U-Bahn. Er findet dort eine Stimme, die mit ihm spricht, ihm Mut zuredet oder ihm Lösungen vorschlägt. Diese Stimme spricht in diesem Kauderwelsch aus Lauten, das nicht menschlicher Natur ist, und das aus nichts anderem besteht als reiner Energie.

Früher hat Leon noch nie etwas von solchen Kräften gespürt. Sie sind ganz plötzlich über ihn gekommen, wie ein unerwartetes Geschenk, das man auspackt, um es dann sorgsam und für immer in Besitz zu nehmen. Stück für Stück, aber auch seine Gedächtnisleistung ist enorm angestiegen. Er kann sich problemlos Ereignisse, Details, Gesichter und Zahlen merken. Er entwickelt ein ungeheures Gespür für die Analyse von Situationen und die Fähigkeiten von einzelnen Personen.

Artemis hat ihm nur einen Bruchteil seiner eigenen Kraft zur Verfügung gestellt, aber der Junge nutzt diese Energie sehr effektiv. Es gelingt ihm, Teile seines Gehirns zu aktivieren, die zuvor völlig brach gelegen haben. Viel mehr muss zunächst nicht sein, findet Artemis, und er hat immer die Kontrolle darüber, was der Junge tut. Er ist es, der Leon erlaubt, seine Fähigkeiten zu erweitern und auf der Leiter der Möglichkeiten einige Stufen hinaufzuklettern.

Leon befreundet sich eng mit Roy, Kathy und Bea. Er lernt Spek kennen und begleitet ihn hin und wieder auf seinen Raubzügen. Er lernt sich im Gewühl der Menschen so unscheinbar zu machen, dass er anderen Menschen unauffällig folgen kann, um sie zu beschatten.

Artemis hilft Leon bei all diesen Tätigkeiten. Er ist sich sicher, dass aus diesem Jungen einmal etwas Großes werden wird. Auch für Artemis ist diese Symbiose von Vorteil. Er bedient sich der Sinne dieses jungen Leon. Artemis lernt unter anderem Freude, Angst, Gleichgültigkeit oder Anspannung zu fühlen. Eine höchst interessante Erfahrung. Er nimmt diese Impulse in sein historisches Gedächtnis auf, und wird sie an seine Nachkommen weitergeben.

Leon wiederum erlernt die Fähigkeit, Talente aufzuspüren, und ihnen in ihrer Entwicklung zu helfen. Mit elf Jahren ist Leon bereits ein geschickter Drahtzieher, der viele Fäden in seiner Hand vereint. Wir Menschen sagen dazu ein Wunderkind, das die Facetten der sozialen Interaktion und der Fähigkeit, sich verständlich auszudrücken, spielend beherrscht.

Weil dieser Junge Artemis zu so vielen Erkenntnissen verhilft, beschließt Artemis sich erneut zu teilen, und seine Nachkommen in die Kopfe von Bea, Roy, Spek und Kathy zu schicken, damit sie dort beobachten, und diesen Menschen helfen, ihre menschlichen Fähigkeiten weiter zu entwickeln, als sie das aus eigener Kraft tun können. Artemis kann ihnen jederzeit weitere Kräfte zur Verfügung stellen, wenn er nur will.

Die Kinder dieser Menschen werden Mutanten sein, und Kräfte in sich tragen, die größer sind, als bei normalen Menschen. Sie werden vor allem lernen, den Codex von Artemis' Volk zu übernehmen.

2.6. Reisen mit dem Wirt und weitere Zellteilungen

2.6.1. Leon verbirgt die Freundschaft zu Bea und Katharina Zuhause nicht. Bea, Katharina und seine Freunde aus seiner Kindergartenzeit sind oft bei ihm Zuhause. Das bringt ihm viele Vorteile. Bea bringt auch manchmal ihre Geige mit, und spielt den Freunden vor. So kann Leon leicht erklären, was er an den Nachmittagen und den Wochenenden so treibt. Über Roy, Spek und die Kids im Berliner Untergrund spricht er allerdings nicht. Die Eltern müssen nicht alles wissen. Der Vater ist Lehrer für spanisch und französisch an einer Berliner Eliteschule für Kinder von Diplomaten. Die Mutter ist Dozentin für Anthropologie an der Universität. Sie unterstützen das, was sie glauben, was Leon da treibt. Sie erkennen schnell, dass er ein besonderes Gespür dafür hat, Bea bei ihrer jugendlichen Karriere zu fördern, und sie wissen, dass er in seiner Schule als eine Art Genie gilt, der locker eine Klasse überspringen könnte. Es macht sie stolz. Die Zensuren freuen sie, und die Lehrer sind hochzufrieden, weil dieser Schüler ein echter Teamplayer ist, der Konflikte in der Klasse spielend in eine sachliche Streitkultur verwandeln kann. Sie denken, dass dies ihre Gene sind. Alle Eltern sind stolz, wenn sich das eigene Kind prächtig entwickelt. Sie bekommen auch mit, dass Kathy und Leon zusammen kommen, als sie 14 sind, und auch das finden sie gut. Vielleicht ein bisschen früh, aber so ist das in dieser die Zeit, in der sie leben. Sie wissen natürlich von Kathys Eltern. Gegen wohlhabende Eltern ist nichts einzuwenden. Irgendwie passen Leons Freunde wirklich gut zusammen, jedenfalls die, von denen Leons Eltern wissen. Es ist eine gute Truppe, und Freundschaft muss man unterstützen, wenn das die richtigen Freunde sind. Daran haben die Eltern keinen Zweifel.

Während Kathy, Roy und Spek ihrem Berlin und ihrer Gruppe aus Kindern und Jugendlichen regional verbunden sind, macht Beatrice schnell Karriere. Bea gibt Konzerte in Berlin, Dresden, München und Wiesbaden. Sie gewinnt Nachwuchswettbewerbe und wird von den Berliner Philharmonikern gefördert. Für Bea ist das ein Sprungbrett für eine internationale Karriere. Das erste Konzert hat sie zusammen mit den Berliner Philharmonikern in der Karnegie Hall in London. Später folgen Paris, Mailand, Barcelona, New York, Mexiko City und Tokio. Sie fliegt nach Peking, und Sydney. Sie hat Bewunderer ihrer Kunst in Moskau, Kapstadt und San Franzisko.

Leons Eltern genehmigen, dass Leon seine Freundin Bea in den Ferien zu ihren Auslandsreisen begleitet. Bea zahlt. Leon, der seinen Freunden mittlerweile als genialer Scout zählt, reist mit Bea zu vielen ihrer Auftritte.

Ein Schlüsselerlebnis für Bea und Leon ist, als sie in den Sommerferien zusammen nach China und in die Mongolei fahren. Sie sind gerademal sechzehn. Für Leon öffnet sich eine Art kulturelles Zeitfenster, und er wieder Zuhause ist, beginnt er im Internet zu recherchieren.

Zwei Jahre später hat Bea ihr Abitur in der Tasche. Bea hat eine Reihe von Auftritten in Süd- und Mittelamerika, und Leon begleitet sie in den Sommerferien auf ihrer Konzertreise. In Chile, Bolivien und Peru spüren die Beiden in einer Musikpause das auf, was Leon als die "Seele der Musik" bezeichnet. Manchmal sagt er auch "das Geheimnis der Musik" dazu. Es ist eine Mischung aus nativen traditionellen südamerikanischen Klängen, der europäischen höfischen Musik der Gotik, der Renaissance, des Barock und der Romantik, und ihrer einmaligen Technik und dem Klang ihrer Geige.

Leon und Bea entdecken diese Klänge im Bergland von Bolivien und Peru. Bea spielt vor Flamingos, Andenkamelen, Käfern, Gräsern oder Schneefeldern. Sie lernt, die Oberfläche von Seen in Kräuselbewegungen zu versetzen, oder Gräser in Wellenbewegungen, wie sie sonst nur der Wind erzeugt. Bea lernt sogar, mit ihrer Musik Lawinen auszulösen oder wilde Tiere zu zähmen.

Sie spielt vor Hochzeitern und auf Karnevalsfeiern. Sie entdeckt einen Panflötenspieler, den sie sofort verpflichtet, um mit ihm zusammen die Musik der Anden einzufangen. Sie nimmt ihn einfach mit zu ihren nächsten Konzerten in Santiago de Chile, Buenos Aires und Montevideo, und überredet ihre Konzertagentur, dort Zusatzkonzert-Termine zu buchen für diese neue Synthese zwischen den nativen indianischen Volksweisen und Beas europäischem Musikverständnis. Bea und Armando rufen in Süd- und Mittelamerika wahre Begeisterungsstürme hervor. Die Welle schwappt schon sehr bald auf die USA, Europa und Asien über.

Bea besitzt inzwischen mehrere Meistergeigen. Eine davon bezeichnet sie als ihre "Zaubergeige", weil sie in ihren Händen Klänge erzeugen kann, die weit über das sonstige Repertoire einer Geige hinausgehen. Bea kann damit Stimmungen erzeugen, die Menschen in einen Taumel versetzen. Glücksgefühle, tiefe Trauer, Andacht oder explosive Wut. Bea ist mit dieser Geige wie eine Zauberin, welche die Gefühle der Menschen lenkt und sie tausendfach verstärkt. Es ist ihre bevorzugte Geige für diese neue Art der Musik.

Leon begleitet Bea allerdings nicht über die ganze Tour. Nach den Auftritten in Buenos Aires und Rio verlässt er Bea und kehrt nach Peru zurück. Eine innere Stimme sagt ihm, dass er sich der Geschichte von Peru widmen müsse, die als Wiege der Hochkulturen der südamerikanischen Indianer gilt.

Er besucht diverse Museen. Er besucht Maccu Piccu, die Felsenburg der Inkas in 2.350 Metern Höhe, und die alte Inkahochburg Cusco, die unter den Inka-Herrschern zuletzt eine Ausdehnung von 50 Hektar hatte.

Artemis begreift, dass hier eine der Wiegen der Menschheit steht, und dass in Peru noch viel mehr zu finden sein muss, verborgen unter Bergen von Erde und dichtem Urwald.

Und jetzt spürt Leon mit der Hilfe von Artemis Dinge auf, die sein ganzes Leben und seine Zukunft prägen werden. Leon entdeckt die Überbleibsel einer antiken Königsstadt von der Kultur der Peruche, von der bisher noch nie jemand gehört hat, und er entdeckt mehrere Goldminen.

Er weiß nicht, dass Artemis ihm diese Funde erst ermöglicht hat, Artemis, der glaubt, die Zeit sei reif, diesem Jungen und seinen Freunden jetzt einen Grundstock an Vermögen zur Verfügung zu stellen, um ihren Anspruch auf Durchsetzung der Maxime der Cantara zum Erfolg zu verhelfen.

Die Ausbeute aus der Ersten seiner Goldminen bringt Leon in das Vermögen seiner Freunde in Berlin ein, und mit diesem Geld gründet er zusammen mit seinen Freunden fernmündlich eine "interkulturelle Stiftung für Kultur und Kommunikation". Diese Stiftung wird in Peru schon bald eine besondere Rolle spielen.

Leon lernt aber auch, ganz in der Natur aufzugehen. Er lernt Tiere kennen, mit denen er sich nie zuvor beschäftigt hat, wie Milben, Tausendfüssler oder Fadenwürmer. Er lernt Heilkräuter kennen, und zwischen den verschiedenen Kartoffelsorten der Anden zu unterscheiden. Seltsamerweise wird Leon nie krank, obwohl es hier tausenderlei Gefahren gibt. Er sammelt Beeren und Blüten. Artemis zeigt ihm, welche Blätter, Rinden oder Früchte er essen muss, um Abwehrstoffe zu entwickeln und sein Immunsystem zu stärken. Er lernt die indianische Sprache, und er perfektioniert das Spanisch, das er von seinem Vater gelernt hat.

Artemis tut in Südamerika noch viel mehr, aber davon weiß Leon nichts. Er löst sich manchmal von Leon los, um später wieder in ihn hineinzuschlüpfen. Er nimmt Kontakt zu all den Arten auf, die er hier vorfindet. Adler, Kormorane, Fische, Gürteltiere, Insekten. Er lernt ihre Eigenschaften kennen, ihre Art, sich zu vermehren, ihre Schutzmechanismen, aber auch ihre Fressgewohnheiten, ihre Gifte, ihren Geruchssinn, ihre Art der Verständigung durch Farben, Gerüche, Elektroimpulse, Schallwellen. Viele dieser Arten sind dem Menschen weit überlegen, findet Artemis, weil sie einzigartige Fähigkeiten besitzen, oder weil sie besonders anpassungsfähig sind. Andere Arten können nur unter bestimmten Bedingungen leben, die ihnen von Licht, Nahrung, oder der Zusammensetzung von Wasser, Erde und Luft geboten werden. Sie sind hochspezialisiert und gehen ein, wenn sich der Lebensraum nur geringfügig verändert. Innerhalb des Lebensraums hat jede Spezies ihre wichtige Stellung im Ordnungsgefüge. Es ist ein Kreislauf. Eine gegenseitige Abhängigkeit. Das Aussehen, die Größe und die Form der einzelnen Gattungen unterscheiden sich von dem Leben auf dem Planeten Cantara, aber im Grunde ist der Kreislauf der Natur nicht anders als das, was Artemis in seinem historischen Gedächtnis gespeichert hat.

Es ist hier anders, als in den Städten, und an den Tankstellen, die er in den USA kennengelernt hat, oder auch in Berlin, in den U-Bahnschächten und den Wohnsiedlungen, voll von Dingen, die vom Menschen gemacht sind, und voll von Menschen, die dicht gedrängt auf engem Raum zusammenleben. Hier gibt es fast keine Menschen. Der Mensch ist nur ein verschwindend kleiner Baustein im Naturkreislauf. Es ist eine andere Welt. Anders auch als die Naturparks, die Artemis in den Rocky Mountains kennengelernt hat, und die weitgehend durch den Menschen geprägt sind. Das wird Artemis auf dieser Reise bewusst. Es gibt hier einen erhaltenswerten Zustand. Ein Gleichgewicht der Arten. Artemis fühlt sich sehr an seinen Heimatplaneten erinnert, bevor dieser Vernichtungsschlag der Xorx-Krieger alles zerstört hat.

Seine ersten Funde aus der historischen Königsstadt bringt Leon zu den archäologischen Museen in Lima und in La Paz. La Paz deshalb, weil sich die Indios in Bolivien einmal in einem Befreiungskrieg gegen die weißen Herrscher erhoben haben, und in Bolivien am ehesten für eine Unterstützung des indianischen Erbes zu denken ist. Lima deswegen, weil alle Grabungen in Peru von den zuständigen Archäologischen Stellen genehmigt werden müssen. Er entfacht dort einen wahren Begeisterungssturm. Noch nie hat jemand Artefakte aus dieser Zeit gesehen, und vor allem nicht in diesem Erhaltungszustand. Knochen, Zähne, Ziegel mit unbekannten Schriftsymbolen und ein massives Goldgefäß mit Sonnensymbolen, das Zeugnis für eine hochentwickelte Kultur ist.

Während das Alter der Stücke noch genau untersucht wird, ist Leon schon wieder unterwegs. Zunächst noch heimlich, unerkannt und ohne Genehmigung. Diesmal hat er die Hilfe einer jungen Archäologin mit dem Namen Mila, die er in Bolivien kennengelernt hat, und sie lernen auf ihrer Reise einen jungen begabten indianischen Führer kennen, der ihnen hilft, weitere Funde zu sichern. Leon spürt zugleich, dass da noch viel mehr ist. Mauerreste, ein Kanalsystem, Tongefäße, Schmuck, und die Reste antiker Waffen.

Inzwischen ist das Alter der Scherben, der Knochen und des Gefäßes bestimmt, und es ist sicher, dass die Stadt mindestens 3.200 Jahre alt ist. Auch das ist eine Sensation. Bisher galt die Stadt Caral im Westen Perus als älteste antike Stadt, etwa von 2.630 vor Christus, also vor über 4600 Jahren. Sie hatte damals eine Einwohnerzahl von rund 300 Menschen. Die nächstälteste bekannte Kultur war die der Moche, die etwa 800 nach Christus zerfallen war. Es gab eine lange unerforschte Zeitspanne zwischen diesen beiden Kulturen von fast 2000 Jahren. Die ersten Artefakte, die Leon den Archäologen zur Verfügung stellt, die deuten auf eine eigenständige und bedeutende Kultur. Diese Funde sind das lange gesuchte Bindeglied zwischen zwei Hochkulturen der Anden.

Leons zweiter Fund, den er nach seiner Rückkehr nach Lima den dortigen Archäologen präsentiert, ist eine noch größere Sensation. Er bestätigt die ersten Untersuchungsergebnisse, und Artemis hilft Leon dabei, die Regierungen von Bolivien und Peru zu überzeugen, Gelder für eine gemeinsame Ausgrabung zu bewilligen. Ein Vertrag wird aufgesetzt. Bolivien ist bereit, sich finanziell zu beteiligen. Leon hat die Stelle als Vertreter seiner Stiftung gefunden, und er ist erst bereit, die Lage der Fundstelle preiszugeben, wenn ein Vertrag regelt, was mit den möglicherweise zu erwartenden Gewinneinnahmen geschieht. Peru ist natürlich mit von der Partie, weil die Grabungsstelle in Peru liegt.

Als die ersten Infrarotaufnahmen die wahre Größe dieser antiken Stadt aufzeigen, sind die Archäologen von den Socken. Die Stadt muss mehrere zehntausend Menschen beherbergt haben, wenn nicht gar hunderttausend. Sie ist für damalige Verhältnisse riesig und zeugt für die Macht und den Reichtum des Reiches. Warum bloss hat man früher noch nie etwas davon gefunden?

Leon selbst sichert seiner Stiftung jetzt mehrere Grundstücke im Umfeld der alten Königsstadt. Warum soll er nicht ausnutzen, was ihm da quasi in den Schoß fällt. Er denkt dabei nicht an persönlichen Reichtum, sondern er denkt als der Teamplayer und der Scout, der er ist. Er wird alle möglichen Gewinne mit seiner Clique teilen, und er wird zu erwartende Gewinne für soziale Zwecke einsetzen. Wie, das weiß er am Anfang auch noch nicht.

Artemis teilt sich erneut, und er schickt jeweils einen seiner Nachkommen in die Köpfe der Archäologin Mila und von Nakoma, jenem jungen indianischen Führer. Er sorgt dafür, dass sie Geheimnisse bewahren und sich zu Wächtern des Lebens entwickeln. Er verhilft Nakoma zugleich zu Kräften der Cantara, so dass Nakoma schon bald einen ähnlichen Energieschub verspürt, wie seinerzeit der junge Leon.

Artemis und sein junger Nachkomme, der jetzt in Nakomas Körper lebt, sind ab sofort über ihren Energiestrom miteinander vernetzt.

Auch Milas Sinne schärfen sich deutlich, aber Artemis verschenkt seine Fähigkeiten nicht unbegrenzt. Einer seiner Nachkommen wird vorerst nur als Wächter in Milas Kopf sitzen und ihre menschlichen Eigenschaften verbessern, wie Leistungsfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, oder die Fähigkeit zur Analyse.

Artemis teilt sich noch einmal, und er schickt seinen Nachkommen diesmal in den Kopf von Claudio da Silva, den Leiter der archäologischen Abteilung in Lima, der für die Auswertung, Restaurierung und den Fundus aller ausgegrabenen Schätze der Königsstadt zuständig ist. Mila wird die Chefarchäologin vor Ort. Sie koordiniert alle Ausgrabungen und den sicheren Transport der Fundstücke, aber auch die Beschaffung und Verwendung von Geldern und den Schutz der Ausgrabung.

Leon übernimmt den Vorsitz der neu gegründeten Firma, die sich der Ausgrabung der Königsstadt verschreibt. Zwischen den Staaten von Peru, Bolivien und der Stiftung gibt es jetzt einen neuen Vertrag, demzufolge alle künftigen Einnahmen aus der Ausgrabung zu je einem Drittel zwischen den beteiligten Instituten aufgeteilt werden.

Leon verkauft dieses Goldgefäß aus seinem ersten Fund jetzt an das archäologische Museum in Lima und erhält dafür 150.000 Euro. Sicher ist der archäologische Wert weit höher anzusetzen, aber Leon schenkt diesen Mehrwert dem Museum und erhält für sein Entgegenkommen viel Bereitschaft, mit ihm in Zukunft auf ehrlicher Basis zusammenzuarbeiten. Das ist nicht zu unterschätzen, findet Leon. Freundschaft ist nie zu unterschätzen. Alle anderen Funde, die er zusammen mit Mila und Nakoma entdeckt hat, bringt er in den Fundus des gemeinsamen Unternehmens ein, dazu zählen diverse Knochenstücke, Zähne, aber auch Scherben, Gold- und Kupfermünzen und einige Goldbleche, die offenbar von militärisch hohen Rängen getragen wurden, um Kleidungsstücke zusammenzuhalten, und den jeweiligen Rang zu demonstrieren. Auch diese Geste wird ihm hoch angerechnet.

Der Erlös aus dem Goldgefäß wird Leon zusammen mit seinem Goldfund aus der Mine helfen, Fäden zu spinnen und die Kontrolle über die Ereignisse in Peru zu behalten.

Die UNESCO wird die Fundstätte schon bald als Weltkulturerbe einstufen. Wir müssen hier nicht über weitere Details reden, aber die beteiligten Kräfte beginnen mit der Ausgrabung.

Leon bleibt zunächst in Peru. Er wird hier dringend gebraucht. Er kabelt seinen Eltern, dass er die Schule jetzt abbricht. Vielleicht nur ein Studienjahr, wer weiß. Jetzt wird er hier gebraucht. Von seinen Telefonaten nach Deutschland weiß er, dass die Eltern von dieser Entscheidung zwar mächtig geschockt sind, aber dass sie auch mächtig stolz auf ihren Sohn sind, und ihm alles Gute wünschen.

Die antike Stadt, die zunächst noch ohne Namen ist, wird auf Vorschlag der Chefarchäologen schon bald "Sonnenstadt" oder auf spanisch Ciudad del Sol genannt, weil es dort so viele Artefakte mit Sonnensymbolen gibt.

Der erst 16-jährige Leon und die um vieles ältere Archäologin Mila verlieben sich ineinander. Es ist ein seltsames Feuer, was den Berliner Leon und die viel ältere indianische Archäologin vom Volk der Aymara miteinander verbindet. Eine Liebe, die von Artemis unterstützt wird, spürt er doch, dass diese Beziehung gemeinsame Kinder hervorbringen, und auch das Volk der Cantara erhalten und vermehren wird.

Als Leon ein halbes Jahr Später nach Berlin zurückfliegt, teilt sich Artemis erneut. Er lässt seinen Nachkommen im Körper von Leon, aber er selbst zieht dort aus, und er bleibt zunächst in der Ausgrabung. Er wird dort ein vorläufiges Zuhause finden und über den Fortgang der Arbeiten wachen. Er hat schon mitbekommen, dass die Ausgrabung Dutzende von Goldsuchern und Gaunern ermuntert hat, sich illegal auf die Suche nach antiken Artefakten zu machen, die gutes Geld versprechen. Das ist ein gefährliches Potenzial, das er unter Kontrolle bringen muss, wenn er Leon und Nakoma weiterhelfen will. Es gibt noch andere "Goldgräber", die ebenso gefährlich sind. Private Unternehmer, geldgierige Politiker, Militärs. Mila und Nakoma brauchen den Schutz von Artemis in den nächsten Monaten dringender als je zuvor.

2.6.2. Zurück in Berlin bespricht sich Leon mit dem neuen Stiftungsrat, der aus vier Aufsichtsratsmitliedern besteht, aus Leon selbst, aus Kathy, Roy und Spek. Außerdem gibt es fünf beratende Direktoren, darunter ist auch die Geigenvirtuosin Bea. Ziel ist zunächst der Aufbau eines autonomen Jugend- und Musikzentrums in Berlin, das den Jugendlichen in Berlin und Brandenburg offen stehen soll, und das ihre Musik, ihre Lebenseinstellungen und ihre Jugendkultur aufnehmen wird. Eine weitere Aufgabe ist die Integration und der interkulturelle Austausch zwischen Völkern und Kulturen, aber ohne dass eine Kultur die andere domestizieren soll. Der Stiftungsrat findet ein Gelände vor den Toren von Ostberlin. Die Leitung erhält die Unterstützung der Stadt, und die Freunde beginnen die ersten Gelder aus dem peruanischen Goldfund in den Ausbau des Geländes zu investieren. Dritte Aufgabe ist es schließlich, die Ausgrabung in Peru zum Erfolg zu führen, und in den Anden ein indianisches Zentrum zu bauen. Mila und Nakoma werden auf Vorschlag von Leon als die beiden letzten beratenden und operativen Direktoren der Stiftung bestellt, um die südamerikanischen Aktivitäten zu koordinieren.

Auf Leon warten so viele Aufgaben, dass er beschließt, die Schule ganz abzubrechen. Er kann notwendiges Wissen jederzeit auf dem Abendgymnasium nachholen, wenn er will. Es gibt heftige Diskussionen mit den Eltern, die dem Geist des Bildungsbürgertums verhaftet sind, und es gerne sehen würden, wenn ihr Sohn ordentlich studiert, aber Leon setzt sich durch. Vielleicht hilft ihm auch, dass er bereits jetzt einer der Direktoren der Stiftung ist, dass er der Stiftung enorm viel Geld mitgebracht hat, und dass er große Ziele hat, die er verwirklichen will.

Die Eltern beugen sich schließlich seiner Hartnäckigkeit und seinen guten Argumenten.

2.6.3. Leon ist längst vernetzt mit Nakoma in Peru, und sie beschließen bereits im Winter, rund um die Ausgrabung eine Stadt zu bauen, ein indianisches Kulturzentrum und ein Hotel zu errichten. Sie brauchen dazu nicht einmal zu telefonieren. Die Kräfte von Artemis machen es ihnen möglich, diese Energie in Form einer Gedankenübertragung auszutauschen. Sie waren zunächst verblüfft, wie einfach das ist, aber inzwischen haben sie sich daran gewöhnt, und praktizieren diese Fähigkeit, die sie auch geheimhalten, weil das sonst nur unnötige Fragen aufwirft.

Die an der Ausgrabung beteiligen Archäologen sind fast alles Weiße, aber Mila und Nakoma haben sich dafür ausgesprochen, ausschließlich indianische Arbeiter einzustellen. Die Staaten Peru und Bolivien sind ohnehin einverstanden, denn indianische Arbeiter gelten als billige Arbeitskräfte. Nakoma weiß aus eigener Anschauung um die untergeordnete Stellung der Indios in diesem Land. Er nimmt die Gelegenheit wahr, um seinem Volk der Quechua in Peru langfristig zu einer gesellschaftlichen Stellung zu verhelfen, die von Anerkennung geprägt ist. Die Ausgrabung wird ihm dabei helfen. Er weiß, es wird nicht einfach werden. Jede Gruppe, die in Südamerika einen Anspruch auf demokratische Rechte einfordert, ist der Gefahr der Zerschlagung durch das Militär ausgesetzt.

Der Ruhm, der sich dank der Einbindung der UNESCO entfalten wird, die wird sich auf die Stellung der Indios in diesem Land allerdings positiv auswirken, wenn man die Öffentlichkeit geschickt ausnutzt. Dafür wird er sorgen, und er ist sich in diesem Ziel mit Mila und mit Leon einig. Er hat aber auch erkannt, wie gefährlich die Situation ist, wenn sie solche Schätze ausgraben, und die Gier von Tausenden von Glücksrittern entfachen. Er sorgt dafür, dass die Indios unter seiner Leitung eine kleine Schutztruppe zusammenstellen, um drohende Übergriffe bereits im Vorfeld zu erkennen und Diebstähle zu verhindern. Das dient nicht zuletzt ihrem eigenen Schutz, denn Gerüchte und Unterstellungen sind schnell in die Welt gesetzt, wenn man einen unliebigen Beteiligten loswerden will, der von diesem Kuchen ein Drittel kassiert. Allein der Vorwurf der Unterschlagung kann dafür sorgen, dass die Beteiligten für Monate oder Jahre hinter Gittern verschwinden. Mila übernimmt die Aufgabe, dass jedes gefundene Stück detailliert erfasst und katalogisiert, und dass jeder investierte Dollar auch ordentlich verbucht wird.

Die Ereignisse in Peru haben Leons Weg vorgezeichnet. An ein Studium ist in dieser Situation nicht zu denken. Er hat jetzt ganz konkrete Aufgaben, und er ist sich sicher, dass er die Anforderungen dank seines Gespürs und seiner Intelligenz auch meistern wird. Er weiß ja nicht, dass Artemis ihm dabei helfen wird. Als Leon im nächsten Frühjahr wieder nach Peru reist, bereitet er das Feld für einen Hotelkomplex, der in den nächsten Jahren entstehen soll, und eine Verbindungsstraße nach Cusco, um die Arbeiten sehr viel schneller und effektiver durchzuführen als bisher. In der Ausgrabung selbst arbeiten inzwischen hunderte von Menschen, die ein Zuhause brauchen. Leon weiß, dass hier eine neue Stadt entstehen wird. Vorerst brauchen die Arbeiter und die Archäologen aber feste Hütten, weil das Leben in Zelten auf Dauer unbequem ist. So entsteht eine Art Goldgräberstadt.

Nakoma ist zwar kein ausgebildeter Archäologe, aber er findet schnell Zugang zu den Techniken und er berät sich regelmäßig mit Mila, die sich schon bald auf das ungewöhnliche Gespür von Nakoma verlassen kann, wie bei einem hochtalentierten Scout, einem Hellseher, oder einem Wünschelrutengänger. Sie selbst erhält von den Wächtern des Lebens eine organisatorische Fähigkeit, die ihr hilft, alle anstehenden Aufgaben zu bewältigen und aufkommende Konflikte im Keim zu ersticken. Das schürt zwar manchen Neid, aber Mila wird auf ihre Weise unantastbar, allein durch ihren genialen Führungsstil und das sichere Gespür, wo man graben muss, um etwas wertvolles zu finden. So findet sie auch in den beteiligten Ministerien immer ein offenes Ohr, denn dank Mila beginnen sich die Kassen der Finanzminister von Peru und Bolivien zu füllen, nun ja, auch die Kassen der Stiftung in Berlin, wenn auch zunächst nur auf dem Papier, solange wie nicht erste Verkäufe Bares in die Kassen spülen.

Nakoma hat keine Ambitionen auf Ruhm, und er überlässt Mila freiwillig den Verdienst, als geniale Wissenschaftlerin zu gelten. Er selbst bezieht inzwischen als beratender und operativer Direktor der Stiftung ein Gehalt, das weit über dem liegt, was die Indios der Anden sonst verdienen. Dabei hat er nicht einmal eine schulische Ausbildung, aber er initiiert jetzt für die Indios der Ausgrabung eine Freiwilligenschule, in der Rechnen, Schreiben und Lesen gelehrt, und in der die überlieferten Geschichten der Indianer gesammelt und weitergegeben werden. Auch die Musik der Anden und die indianischen Traditionen sind Teil dieser Gemeinschaft. Zusammen mit den Funden aus der Ausgrabung ist diese Freiwilligenschule der Grundstein für die Entwicklung eines indianischen Zentrums im Nordosten von Peru. Nakoma selbst ist auch einer der Lernenden.

Am Ende dieses Sommers sichert sich Leon weitere Grundstücke rund um die Ausgrabung, sowie ein langgestrecktes Tal aus dem Besitz des Staates Peru, das mehrere Tagesreisen entfernt liegt. Er lässt die Grundstücke und seine nähere Umgebung auf den Namen der Stiftung eintragen und die Stiftung ist auf diese Weise plötzlich zum Eigentümer mehrerer Goldadern geworden, von denen sonst noch niemand etwas weiß.

Diesmal bringt er über 200 Kilo Gold in die Hauptstadt Lima, eröffnet dort auf den Namen der Stiftung ein Konto und überweist einen Teil des Sechsmillionen Euro starken Erlöses direkt nach Berlin.

Leon hat inzwischen eine Ménage à Trois. Kathy in Berlin, Mila in Peru. Aus den Beziehungen entstehen später mehrere Kinder, und damit hat sich der Plan von Artemis zunächst erfüllt, den menschlichen Körper zu benutzen, um das Volk der Cantara wieder wachsen zu lassen und um die menschliche Gattung noch besser für seine Zwecke zu nutzen, ohne dass er sich ständig teilen muss. Auch wenn die Fähigkeiten des Einzelnen Nachkommen gering sind, gemessen an den Fähigkeiten von Artemis, so gibt es hier doch ein ausbaufähiges kollektives Wissen.

Mila eröffnet Leon bereits im nächsten Sommer, dass sie von ihm schwanger geworden ist.

Leon ist noch sehr jung, aber er erkennt diese einzigartige Chance. Er beantragt kurzerhand die peruanische Staatsbürgerschaft und läßt seinen Namen von einem Amtsgericht in Lima in den Künstlernamen Leon del Sol abändern. Dann adoptiert er Nakoma mit dessen Einverständnis als seinen Sohn. Nakoma wird ab sofort Nakoma de Sol heißen. Ein Tribut an die heilige Stadt, die sie gefunden haben.

Es ist mehr als das. Leon ist jetzt ein Staasbürger Perus, und als solcher genießt er einen größeren Schutz als vorher. Es war im Prinzip ein genialer Schachzug, um seine Ziele noch besser durchsetzen zu können.

Mila schenkt an Weihnachten einem gesunden Mädchen das Leben, und sie nennt sie nach dem alten indianischen Namen Chénoa und dem spanischen Zusatz Maria, und auch sie beantragt jetzt den Künstlernamen del Sol, so dass ihre Tochter zukünftig Chénoa Maria del Sol heißen wird. Leon hatte beim Amtsgericht hinterlassen, dass er einverstanden sei, dass auch Mila und seine leiblichen Nachkommen diesen Künstlernamen tragen dürfen, der sonst nur einmal beantragt werden darf. Eine Heirat kommt für Leon jedoch nicht in Betracht. Er fühlt sich auch viel zu jung, um solche Entscheidungen zu treffen.

2.6.4. Chénoa wird nicht die einzige Nachkomme von Artemis bleiben, die auf natürliche Weise gezeugt wird, nach der Art, wie das die Menschen tun. Sie werden in ihrer äußeren Form ganz den Erdlingen gleichen, und sich damit nicht von anderen Menschen unterscheiden, aber sie werden Talente und Fähigkeiten entwickeln, die anderen Menschen weit überlegen sind. Es ist für die Cantara die ideale Tarnung.

Die Tochter des damaligen peruanischen Ministers für Fremdenverkehr und Archäologie, der ein Angehöriger der weißen Oberschicht ist, die verliebt sich einige Jahre später ausgerechnet in diesen Indio Nakoma, der sich inzwischen Nakoma del Sol nennt. In bestimmten Gesellschaftskreisen gilt eine solche Verbindung zwischen den Rassen als Skandal. Doch auch ohne seinen Adoptivvater Leon hat sich Nakoma mittlerweile einen Namen gemacht, als genialer Fremdenführer, als Tierflüsterer und als blutjunger Leiter der Indioschule, so wie des neu entstandenen Kulturzentrums in Ciudad del Sol. Er hat ein ausgesprochen glückliches Händchen im Umgang mit Tieren und Menschen.

Mercedes und Nakoma beschließen gegen den Willen ihres strengen Vaters zusammenzubleiben. Was zunächst ein riskantes Spiel ist, das entwickelt sich bald zu einer Love Story. Während Mercedes Tiermedizin studiert, absolviert Nakoma eine Ausbildung als Tier-Heilpraktiker. Er hat eine seltene Gabe, die Sprache der Tiere zu verstehen und sie von allen möglichen Krankheiten zu heilen. Warum also soll er diese Fähigkeit nicht nutzen, und sich einen Rahmen schaffen, der ihm ermöglicht, diese Tätigkeit offiziell ausüben zu dürfen.

Seine Fähigkeiten als Tierflüsterer gewinnen schon bald Anerkennung in konservativen Kreisen, denn auch in Peru gibt es sehr wertvolle Tiere. Hunde, Koys, Angorakatzen, Rennpferde. Nach anfänglicher Ablehnung nimmt man gern die Dienste dieses Indios in Anspruch, der ausgesucht höflich und kompetent ist, und der inzwischen über ungewöhnlich gute Manieren verfügt. Tatsächlich hilft ihm auch die Adoption durch Leon, und weil Nakoma bereits einer der Direktoren der Stiftung ist, verschließt sich der Minister der Verbindung zwischen Nakoma und Mercedes nicht länger. Dennoch ist diese gesellschaftliche Verbindung ungewöhnlich. Ein Sakrileg eben, Talent hin oder her, zumindest dann, wenn die Frau eine Angehörige der weißen Elite ist und der Ehemann "nur" ein Indio.

Anfangs war der Minister gegen diese Liebe. Er kennt den Sprengstoff dieser Verbindung. Durch seine gesellschaftlichen Verbindungen weiß er von diesen Goldfunden. Keine Einzelheiten. Auch die Lage der Adern ist nur in etwa zu umreißen. Durch geschicktes Taktieren könnte man diesen Besitz gewiss in die eigenen Hände bekommen. Es war seine Frau, die ihn lange angesehen hatte. "Wenn die Beiden heiraten, dann gehört dieser Fund automatisch auch unserer Tochter", hatte sie ihn beschworen, und sie hatte hinzugefügt, "ohne dass du einen Finger krumm machen musst. Außerdem solltest du lieber darauf achten, dass Mercedes glücklich wird. Ich habe keinen Zweifel daran, dass sie diesen Mann liebt, und auch ich habe meine Kontakte aktiviert, und diesen jungen Mann beobachten lassen." Sie hatte damals gelächelt. "Er scheint unsere Tochter aufrichtig zu lieben. Also verwende deine Kraft lieber dafür, die beiden zu beschützen, so lange das anhält. Wenn er ihr das Herz bricht, dann kannst deine heimlichen Pläne ja wieder aufnehmen." Sie hatte ihm die Hand auf den Arm gelegt, und ihn hintergründig angesehen. Da hatte er sich gefügt. Er ist ein starker Charakter, aber die Frau an seiner Seite war ihm bisher stets eine gute und sichere Ratgeberin gewesen. Sie hatte bisher immer recht behalten.

Auch er weiß inzwischen, in welches ungeheure Talent seine Tochter da verliebt ist. Nakoma ist ein Leisetreter. Seine Überzeugungskraft und seine Aura sind effiziente Waffen. Seine Fähigkeiten als Tierflüsterer sind bereits weit über die Landesgrenzen Perus hinaus bekannt. Sie waren das bereits, bevor er seine Ausbildung zum Tierheilpraktiker überhaupt begonnen hatte, und das, obwohl er aus einer armen Familie stammt, in der nichts und überhaupt nichts besonders oder auffällig ist, außer der tiefen Armut, welche viele dieser Indianerfamilien in den Anden kennzeichnet.

Nicht lange nach der Hochzeit schenkt auch Mercedes einem gesunden Jungen das Leben. Auch bei ihm sind die innewohnenden Kräfte äußerlich nicht sichtbar, denn er ist - natürlich - auch ein Kind von Artemis.

Die Mutter von Mercedes hilft ihrem Schwiegersohn Nakoma, dem Staat in den Bergen ein großes Grundstück abzukaufen, zu dem auch mehrere Täler und Seitentäler mit Flüssen gehören, und das er als Ranch für die Zucht von Pferden ausbauen will. Er ist zwar noch sehr jung, aber die Gattin des Ministers spürt die ungeheure Kraft, die sich hinter der freundlichen Fassade verbirgt. Sie ist sich sicher, dass einmal etwas ganz Großes aus ihm werden wird. Offiziell gilt Nakoma jetzt immerhin als Mestize, weil sein Adoptivvater Leon del Sol ein weißer spanischstämmiger Geschäftsmann ist.

2.6.5. Niemand weiß von der Existenz des Volkes der Cantara und der Hilfe, die sie Leon, Nakoma, und ihren Kindern angedeihen lassen. Nicht nur ihnen, auch den nächsten Freunden in Peru und Berlin, so dass die Stiftung schon bald einen außerordentlichen Ruf begründet, eine Ansammlung von besonders talentierten jungen Leuten zu sein.

Niemand weiß, dass Artemis jetzt in der neu gegründeten Siedlung der peruanischen Indios lebt, die am Fuße der Ausgrabung entsteht, und die man Ciudad del Sol genannt hat.

Es ist äußerst praktisch, dass sich Leon, Mila und Nakoma jetzt alle del Sol nennen, und dass die Tochter des Ministers in die Familie del Sol einheiratet, die sich in Peru bereits einen Namen gemacht hat. Es ist inzwischen fast wie ein Adelstitel, denn den Indios der Aymara und der Quechua gelten Leon und Nakoma bereits als von Gott gesandte Boten, um ihnen zu helfen, in diesem Land eine neue soziale Stellung zu erringen, die auf Gleichberechtigung beruht.

Artemis wiederum kann sicher sein, dass die Xorx den weiten Weg zur Erde mit ihren Raumschiffen niemals finden werden. Zu weit, zu lang und zu gefährlich.

Er hat dafür gesorgt, dass seine Sippe auf diesem Planeten eine neue Bleibe gefunden hat. Heimlich und unsichtbar.

Er wechselt jetzt manchmal den Standort. Mal ist er in Berlin, mal in Peru. Er dockt sich einfach an Leon an, um ihn auf seinen Reisen zu begleiten. Völlig unerkannt. Er ist über seinen Energiefluss stets verbunden mit den Gehirnen von Leon und Nakoma, und jetzt auch mit Chénoa Maria de Sol, Nakomas Sohn Pedro Gonzales Eanathotès und seiner Tochter Ana Théla, die nur zwei Jahre später zur Welt kommt. Sie tragen alle die Kraft ihrer Väter in sich, durch den Akt der Zeugung, nun, genau genommen ist es die Kraft von Artemis. Sie sind die ersten Kinder zwischen einem Menschen und einem Außerirdischen. Würde man den Genstrang von Chénoa Maria de Sol, Pedro Gonzales, oder Ana Théla untersuchen, würde man Seltsames finden. Er hat nicht die übliche Spiralform, sondern die Form einer durchbrochenen Kugel, in der die verschiedenen Elemente auf mehreren Ebenen ineinander greifen und ständig ihre Position wechseln. Auch die Hirnmasse dieser Mutanten ist ein gutes Stück größer, als bei einem normalen Menschen, und sie wird viel effektiver genutzt. Es ist ein Privileg. Chénoa wird später 35 Prozent ihrer Gehirnmasse aktivieren, und das wird sie zu ungeheuren Leistungen befähigen. Ana Théla ist nicht viel weniger stark, aber sie bildet ihre Stärken auf ganz anderen Gebieten aus als ihre Schwester. Nun eigentlich sogar ihre Tante. Beides eben.

Im Vergleich zu den Fähigkeiten von Artemis ist das dennoch gering, und er steuert diese Prozesse. Er will die Kontrolle darüber behalten, was da geschieht. Er will die Entwicklung ganz in seinem Sinn beeinflussen.

Die Kinder von Leon und Nakoma werden jetzt in der Tradition der Cantara erzogen. Diese Tradition ist dem Erbe der Indianer der Anden in vielen Teilen sehr ähnlich. Die Indianer Südamerikas verehren die Mutter Erde. Auch heute noch. Sie verehren Pflanzen und Tiere. Der Mais gilt ihnen sogar als Gottheit. Sonne und Regen gelten als willkommene Lebensspender. Das ist ganz im Sinn von Artemis und seiner eigenen Nachkommen.

Später verhilft Artemis dem Vater von Mercedes zum Posten des Ministerpräsidenten, und der wird dieses Amt über viele Jahre ausüben, weil er ein geschickter Taktierer ist. Es ist Artemis einfach wichtig, dass Leon, Nakoma und Mila in der Regierung einen mächtigen Befürworter bekommen. Er lässt einen seiner Nachkommen im Kopf des Ministerpräsidenten einziehen, aber er wird ihm die Macht seines Clans nur soweit zur Verfügung stellen, dass er einer der Freunde des Clans wird, und sogar polizeilichen und militärischen Schutz gewährt. Artemis wird dafür sorgen, dass sich seine Sippe auf diesem Planeten vermehrt und beginnt, die gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Prozesse zu steuern und zu überwachen, um diesen Lebensraum zu schützen und zu erhalten.

In der Wirtschaft würde man von einer freundlichen Übernahme sprechen, aber in diesen Kategorien ist Artemis noch nicht wirklich bewandert. Er tut das, weil es einfach richtig ist.

Er hat noch viel zu lernen. Auch Leon und Nakoma haben noch viel zu lernen, und auch die Kinder Chénoa Maria de Sol, Pedro Gonzales und Ana Théla. Artemis akzeptiert das vorbehaltlos. Er hat hier eine Bleibe gefunden, die vorerst sicher scheint, aber er sieht auch, dass auf dieser Erde Prozesse im Gang sind, die er als unbefriedigend und zerstörend versteht. Noch ist er Gast, und noch ist er weit weg davon, alle Vorgänge auf dieser Erde zu begreifen, aber er kann sich Zeit lassen. Selbst wenn er jetzt sterben würde, gibt es bereits Nachkommen, die seine Aufgabe fortsetzen werden.

Seine beiden Nachkommen in den USA springen immer noch von Wirt zu Wirt. Manchmal in Abständen von wenigen Tagen oder Wochen. Manchmal ziehen sie auch für Monate ein. Sie haben sich inzwischen geteilt und die kleine Gruppe der Cantara beginnt sich über das Land zu verteilen und in den Zentren der Macht festzusetzen. Manchmal sind das Wirtschaftskapitäne, manchmal Politiker und manchmal Musiker oder Schauspieler, die einen enormen Einfluss auf die öffentliche Meinung haben.

Artemis hat sich einfach an die Bedingungen angepasst, die er auf der Erde vorgefunden hat, und er beschließt, von Zeit zu Zeit weitere Zellabspaltungen vorzunehmen, um sie in die Gehirne von Menschen zu pflanzen. Unsichtbar, aber hoch effizient. In Europa, in Südamerika, und irgendwann auch in Asien oder Afrika

Leon und Nakoma vermehren sich vorläufig auf natürliche Weise, in der Art, wie Menschen das tun, also durch einen Akt der Zeugung.

Diese behutsame Vermehrung ist aus der Sicht von Artemis ein Grundstock. Er hat es nicht eilig, und er ist kein Aggressor, der danach strebt, sich die Menschheit untertan zu machen. Immerhin hat er inzwischen zu diversen Populationen auf dieser Erde engen Kontakt. Zu Insekten, zu Nagern, zu Einzellern, zu Viren. Es ist ein Leichtes, einen Virenstamm so zu modifizieren, dass er die Menschheit als Gesamtes bedroht, wenn diese Menschheit dem Volk der Cantara gefährlich werden würde. Die Cantara würden bei einem solchen Angriff weiterhin unsichtbar bleiben, und nur die verschiedenen Spezies dieser Erde für ihren Vernichtungsfeldzug nutzen.

Artemis hat aus dem Angriff der Xorx auf seinen Heimatplaneten gelernt. Er hat begriffen, dass eine Unterwanderung die sicherste Methode ist, um seinem Volk langfristig eine neue Heimat zu bieten. Er wird das weiter heimlich und unerkannt tun, und das wird auch so bleiben, und er wird auch seinen Wirten zeigen, wie sie die Gesellschaft unterwandern, um ihre Ziele zu erreichen. Ihre jetzt schon bekannten, und die Ziele, die noch gesteckt werden müssen, sobald die Kompetenz aufgebaut worden ist, um sich neue Ziele zu stecken. Artemis ist sehr pragmatisch. Er muss auf dieser Erde Schritt für Schritt voran gehen. Jedes Erzwingen einer völlig neuen Situation bringt nur Unruhe und Gefahren, die er vielleicht nicht einschätzen kann. Dafür ist seine Position auf diesem Planeten noch viel zu schwach.

Noch eins hat Artemis auf dieser Erde begriffen. Das Zeit-Raum-Kontinuum war auf seinem Heimatplaneten für das Volk der Cantara (rückwärts gewandt) ein Faktor, den man durch das historische Gedächtnis der Spezies leicht überwinden konnte. Hier auf der Erde funktioniert das nicht, da er auf das sehr unvollkommene, sehr selektive und kurzzeitige menschliche Gedächtnis zurückgreifen muss. Vielleicht wird er eines Tages lernen, auch auf diesem Planeten das Zeit-Raum-Kontinuum zu überwinden, etwa indem er das Gedächtnis von Bäumen oder Steinen benutzt. Noch scheint das nicht notwendig zu sein.

Inzwischen hat Artemis auch mit dem Bekanntschaft gemacht, was die Menschen mit Philosophie bezeichnen. Es gibt da unterschiedliche Schulen, die sich gegeneinander abgrenzen. Manchmal in regelrechter Feindschaft. In seinem Land gab es nur eine hochintelligente Spezies, und nur eine Philosophie. Zumindest bis sich der Überfall der Xorx ereignete.

In der zurückliegenden Zeit hatte das Volk der Cantara viele Wechsel miterlebt. Dürren, Kälteperioden, Vulkanausbrüche, Eiszeiten. Die Sonne ist ja kein statischer Klumpen, sondern ein hochexplosives Gemisch aus flüssigem Metall, Kristallen und Gasen, und sie beeinflusst ständig die umliegenden Planeten. Jede Sonneneruption kann das Leben auf den umherkreisenden Planeten beeinflussen, jede Sonnenimplosion kann eine Eiszeit hervorrufen, aber auch gewaltige Stürme, die einen Planeten sogar aus der Umlaufbahn werfen können. Auf diese Weise ist der Planet Cantara einmal aus seiner früheren Umlaufbahn geworfen worden, die damals viel näher an der Sonne lag.

Damals war der Planet Cantara ein glühend heißer und unbewohnter Ball. Erst in seiner neuen Umlaufbahn entwickelte sich dort Leben. Andere Planeten wurden damals sogar in viel weitere Entfernungen von der Sonne gekickt, und sind heute Eisklumpen, auf denen nichts mehr wächst. Das ist jetzt viele hundertmillionen Jahre her, längst bevor das Volk der Cantara entstanden war.

Würde das Leben auf Cantara durch natürliche Einflüsse wieder erlöschen, hätten die Cantara sogar die Möglichkeit, sich an Steine, Sand, Metalle oder Gase anzudocken, und könnten auf diese Weise noch sehr lange überleben.

Es ist also nicht so, dass Veränderungen von den Cantara grundsätzlich als negativ empfunden werden. Veränderungen sind Erscheinungsformen, die überall im Weltall zu finden sind, und die sehr pragmatisch einem bestimmten Lebenszyklus und einem Zeitfenster unterliegen, der zwischen der Geburt und dem Erlöschen eines Sonnensystems angesiedelt ist. Forscht man weiter, so ist zu fragen, ob es nicht letztlich egal ist, dass die Veränderungen auf der Erde durch den Menschen geschehen, oder durch natürliche Einflüsse. Alle beide sind Per se Veränderungen. Im Universum hat diese Zeitspanne, die dem Menschen, oder auch dem Volk der Cantara gegönnt ist, ohnehin keine größere Bedeutung als eine Millionstel Millimeter auf einer Skala von hundert Kilometern, und wenn der Planet Erde durch das Eingreifen des Menschen versteppt, erlischt ja nicht automatisch das Leben. Es sterben nur viele tausend Arten, die einige Millionen Jahre später wieder in einer völlig neuen Form entstehen können. Für das Überleben der Cantara ist das bedeutungslos.

Teil 3

Leon und Chénoa

Die Food Company, die Stiftung,

die Philosophie des Clans,

und die Konferenz der fünf Freunde

Teil 3 Kapitel 1.

Wittenberge an der Elbe. Der Boss und die Praktikantin.

1.

Leon del Sol ist jetzt 47. Er steht im Versuchslabor der Mac Best Food Corporation in Brandenburg und bespricht sich mit seinem Chefchemiker, den er seit nunmehr 13 Jahren mit seinem Nickname anredet, Dan. So lange arbeitete Dr. Daniel Koslowski schon für den Lebensmittelkonzern Mac Best.

Die Mac Best Food Company ist ein multinationales Unternehmen mit über 130.000 Schnellrestaurants, 75.000 davon alleine in den USA. Leon und seine Freunde hatten das Unternehmen vor Jahren übernommen und den Namen einfach belassen, weil man einen Markennamen nicht ändert, ohne triftigen Grund. Der Name passt auch ganz zur Unternehmensphilosophie, beste Nahrung zu verkaufen. Es geht hier allerdings nicht um Sterneküche für Gourmets, beste Weinlagen und Jahrgänge, sondern um "Food for the World", um Essen für alle, um die Sicherstellung eines bezahlbaren, aber gleichwohl guten und gesunden Essens für möglichst viele Menschen auf der Welt. Mac Best bietet kein Junk Food, sondern eine ausgewogene Nahrungspalette aus ausgesuchten Anbaugebieten und mit dem Anspruch, möglichst großer Transparenz, dem Erhalt nachwachsender Energien und der wirtschaftlichen Produktion und Vermarktung. Damit ist Mc Best anders als alle anderen Restaurants, und anders als alle anderen Fast Food Ketten, oder die Hersteller von Massenware im Bereich von Fleisch, Gemüse oder Süßprodukten.

Wegen der phonetischen Nähe zu Shakespear's Mc Beth werden immer mal Witzeleien gemacht, aber damit kann Leon gut leben, weil es im Endeffekt den Umsatz sogar steigert. Wohin geh'n wir heute? Zu Mac Beth... (Lacher). Nun ja. Nicht Jeder hat in seinem Leben einmal von Shakespears Dramen gehört, oder sie gar gelesen, aber solche Namensveränderungen machen schnell die Runde, vor allem dann, wenn solche Ableitungen bereits von Vorschulkindern verwendet werden, die das irgendwo aufgeschnappt haben, und dann spielerisch verändern: Mac Bean, Mac Salad, Mac Sausage, Mac Tomato-sauce, Mac Strawberry icecream, Mac Plumpudding... (Kicher kicher)...

Die Kinder sind für Mac Best fast die wichtigste Zielgruppe. Wenn man die begeistern kann, dann kann man diese Verbraucher ein Leben lang an den Konzern binden. Natürlich verändert sich das Essverhalten im Laufe der Zeit. Die Kleinen wollen vor allem Fritten, Sauce, Burger, Würstchen, Eis, Säfte, gegrillte Marshmallows und Cola, bunt garniert und mit Sonnenschirmchen, Strohhalmen und auf Tabletts mit Kindermotiven. Mac Best hat eigene Kinderabteilungen eingerichtet, mit kleinen Tischen, innenliegender Rutsche, Bällen, Clowns, und Stühlen in Form von Treckern, Lastwagen, oder Dreirädchen. In einigen Restaurants gibt es eine Eisenbahn, die rund um das Lokal fährt, und eine Haltestelle direkt im Kinderparadies hat. So nennt sich das bei Mc Best. Von den Decken hängen lustige Lampions, die in allen Farben leuchten und blinken. Man kann diese Einrichtungsgegenstände für die heimischen Kinderzimmer sogar kaufen. Es gibt einen Online-Katalog, der voll ist mit bunten Bildchen. Es gibt darin sogar Tapeten, Kopfkissen, Bettbezüge, Puzzles, Brettspiele, Sammelbildchen, Sticker und verschiedene Baukästen. Es gibt Malpapier, Stifte, Schulranzen, Kinderbekleidung. Natürlich gibt es auch Artikel aus dem Food-Bereich. Nahrung in Dosen, Nahrung in Flaschen, Schokoriegel, Müsli, Chips. Die bestellten Artikel werden dann direkt mit dem Lieferwagen oder der Drohne nach Hause gebracht, und dieses Sortiment floriert, besonders in den USA, aber auch in China, Japan, Thailand, Australien und Europa. Das Programm ist ausbaufähig.

Irgendwann hatte sich Leon an Weihnachten mal einen besonderen Werbegag einfallen lassen. Es gab ja schon lange Tomatenmark, Senf und Mayonnaise in Tuben. Er ließ jetzt Sahnekäse, Kräuterfrischkäse, Mischungen mit Leberwurst, Sardellen-, Paprika- oder Lachsgeschmack, aber auch Marmelade-, Erdbeer- oder Bananemischungen in Tuben abfüllen, und machte daraus einen Werbefilm. Man konnte mit den Tuben wunderbare bunte Bilder auf Brot oder auf Fleischstücke malen, und gut schmeckte das auch noch. Die Grafikabteilung entwickelte verschiedene Muster. So bekam man in den Restaurants jetzt Cracker, Schwarzbrot, Laugenbrezeln, Pizzatörtchen, aber auch Mürbegebäck, Blätterteigstückchen oder auch Apfeltörtchen mit leckeren Malereien, mal als Clown, mal als Fisch, mal als Smily. Je nach Wunsch süß, sauer oder salzig.

Wer wollte, konnte das Ganze mit dem Löffel, dem Messer oder dem Finger verstreichen. Eines seiner Promoter Teams probte das an einem Kindergeburtstag in einem der Restaurants. Leons Tochter Eva war damals schon eine begnadete Videokünstlerin. Sie drehte, mischte den Ton ab, ließ Kommentare dazu sprechen und machte noch einen weiteren Werbefilm daraus. Seitdem waren diese Tuben in jedem Restaurant, jedem Haushalt und auf jedem Kinder-geburtstag der Renner. Zu Weihnachten wurden Christbäume auf Teller gemalt, manche süß, mit vielen bunten Zuckerperlen. Aus dieser Aktion, die zunächst nur als Gag geboren war, entwickelte sich ein wahrer Hit, nicht nur in Europa, sondern auch in den USA und in Fernost. Es gab Tuben mit blauem, gelbem, schwarzem, roten oder violetten Inhalt. Die Farbe von Beeren, Wurzeln, Schalen, Früchten oder auch Lebensmittelfarben machten das möglich. Heute findet man diese Tuben in jedem Supermarkt, und die Mitbewerber waren auch schon längst auf diesen Zug gesprungen. Nichts funktioniert in diesem Geschäft langfristig so sicher, wie die Kinder an den eigenen Konzern zu binden.

Anfangs waren die Tuben nur in den üblichen Größen einer 200 ml-Senftube. Das bemalen der Speisen wurde eigenhändig von den Mitarbeitern vorgenommen. Man wollte in den Restaurants keine Sauereien und keine Essensschlachten. Schon bald wurde das Sortiment durch 20ml-Probetübchen ergänzt, mit einem Griff aus Plastik in Form einer Banane, einer Erdbeere, einer Paprika oder einer Leberwurst... Es gab 10er Päckchen in verschiedenen Geschmacksrichtungen, süß oder salzig, um damit die Cräcker oder Stückchen selbst zu bemalen. Die Inhalts-Menge ist so gering, dass man Sauereien im Restaurant gut verhindern konnte. Auch die Kinder, die noch nicht lesen konnten, die erkannten an den bunten Griffen sofort, was in der Tube drin ist, und das entfachte einen wahren Begeisterungssturm.

Jede Aktion findet irgendwo noch eine Steigerung. Im nächsten Jahr gab es einen heißen Sommer. Leon ließ in einem der US-Restaurants auf der grünen Wiese ein Planschbecken aufstellen und lud die Kinder zu einer Garden-Party ein. Man konnte im Freien essen und malen. Die Kinder mit nacktem Oberkörper und Sonnenhütchen. Natürlich gab es Cräcker, Salzgebäck oder auch Plätzchen. Dazu gab es Eiscreme, Shakes, Säfte und Limonade. Die Kinder konnten sich die leckeren Tubeninhalte direkt in den Mund spritzen, vom Teller lecken, oder vom Finger schlecken. Anschließend wurde gebadet und abgeduscht. Das Restaurant stellte Badehandtücher mit bunten Motiven zur Verfügung. Die Kindermöbel in der Außenfläche waren aus Plastik, damit man sie mit dem Schlauch abspritzen und desinfizieren konnte.

Was als Einzelfall und als Werbegag gedacht war, für Partys Zuhause oder gelegentliche Events, entwickelte sich zum Verkaufsmagneten. Immer mehr Restaurants mussten jetzt solche Gardenpartys anbieten, wenn sie denn eine Freifläche besaßen.

Solche Ereignisse und Matschorgien bleiben positiv in der Erinnerung der Kinder haften. Noch Jahrzehnte später.

Einige Eltern waren anfangs entrüstet. Das Matschen mit Speisen war nicht schicklich. Es gab heftige Diskussionen um Regeln. Kinder müssen lernen, anständig zu essen, aber die Idee setzte sich durch. Die Kinder bestimmten diesen neuen Trend. Sie wollten das, was ihnen schmeckt, mit allen Sinnen genießen. Es geht aber nicht, dass man andere Kunden verschreckt und vertreibt. Ein Drahtseilaktakt, weil sich Kinder nicht immer an das halten, was die Eltern verlangen. Irgend-wie hatten die geschulten Mitarbeiter von Mac Best diesen Spagat hingekriegt. Auch die konservativen Eltern waren beruhigt.

Kinderzonen und Erwachsenenbereich waren in den Restaurants stets deutlich voneinander getrennt. Optisch und akustisch, denn bei solchen Kinderspielen entwickelt sich manchmal deutlicher Lärm.

Natürlich konnte man diese Tuben kaufen. Natürlich enthielten sie Haltbarkeitsmittel. Mac Best musste schließlich gewährleisten, dass die Produkte nicht gefährliche Substanzen entwickeln, wenn sie eine Weile in der prallen Sonne, oder im Auto liegen, wo sich im Wageninnern die Temperatur an heißen Tagen locker auf 70 Grad erhitzen kann.

Heute ist dieses Produkt einer der Topseller im Angebot von Mc Best. Nicht nur in den USA, sondern überall. Es ist schon gut, wenn der Chef aufgeschlossen ist und über Weitblick, Witz und Humor verfügt. Aber natürlich. Leon ist kein Possenreißer. Er ist durchaus ernsthaft und bemüht, aber er steht neuen Ideen gegenüber stets aufgeschlossen gegenüber, und überzeugt oft mit einem Zwinkern in den Augen und mit einem Scherz auf der Zunge.

2.

Heute geht es zwischen Leon und Dr. Daniel Koslowski allerdings um neue Serien und ein neues Projekt der Belieferung von Werkskantinen, Schul- und Universitätsküchen in Nordamerika. Man verspricht sich davon eine Verdopplung des US-Umsatzes.

Bei der Burgerkette in den USA werden bisher überwiegend die traditionellen Hamburger, Hähnchen, Steaks, Hackbällchen, dicke Bohnen, gemischte Salate, Fritten und Süßspeisen verkauft, wie z.B. Donuts, aber auch Quark mit Mixed Picles, Eiscreme, Vanillejoghurt. Alles wird ergänzt von den fabelhaften Soßen und den Shakes von Mac Best, hergestellt in den Werken in Mexiko und Georgia, und dann gibt es noch diverse Kleinigkeiten, wie Laugenbrezeln, Blechkuchen, Torten und diverse Fitnessriegel. Natürlich bekommt man hier auch einen Pott Kaffee, Cola oder Bier. Leon findet, das reicht nicht, um in den USA dauerhaft die Nummer eins zu bleiben.

In Südamerika, Asien und Europa werden schon lange eigenständige Menüs angeboten, die dort großen Anklang finden. Bei dieser neuen Versuchsreihe geht es jetzt erstmals um völlig neue Gerichte für die Nordamerika-Linie. US-Amerikaner und Kanadier haben schließlich einen andern Geschmack als Europäer oder Asiaten. Das Angebot in den Restaurants will man zunächst beibehalten, aber Leon will expandieren und das Geschäft deutlich verbreitern. Wenn das klappt, soll auch die Angebotspalette in den Restaurants ausgeweitet werden, bis hin zu einem Partyservice.

Discounter, Hotels und Großküchen sollen in diesem ersten Expansionsschritt dazu gebracht werden, die neuen Mac Best Gerichte in großem Stil zu ordern. Allerdings ist die Produktlinie im Detail noch nicht ganz ausgefeilt. Der festgelegte Preis für angeforderte Tonnagen steht bereits fest, aber die Geschmacksrichtungen bei den ersten Testläufen waren noch nicht optimal gewesen. Dieser Unsicherheitsfaktor muss weg. Das ist gefährlich fürs Geschäft und das Ansehen in den USA.

Man braucht für dieses neue Projekt keine eigene Ladenkette. keine Bedienung und keinen Restaurantleiter. Es gibt keine Ladenmieten und keine Kosten für Strom, keine Tiefkühltruhen, Möbel oder Versicherungspolicen, und auch keinen Reinigungsdienst. Die bereits vorhandenen Vertreter werden in den USA und Kanada herumreisen, und für den steten Nachschub an Bestellungen sorgen. Es gibt bereits eine eigene Werbeabteilung, ansonsten wird man die fertigen Menüs tiefgefroren in 350 Gramm- bzw. in 5 und 25 Kilo Beuteln anliefern. Die Kleinpackungen für die Verbraucher, die Großpackungen für die Küchen. Die Tiefkühl-LKW werden rund um die Uhr im Einsatz sein. Sie werden nicht einmal einen eigenen Fuhrpark brauchen. Es gibt in den USA genug Speditionen, die sich gegenseitig unterbieten, um an solche Großaufträge heranzukommen. Wenn das alles klappt, dann ist das ein sicheres Geschäft.

Mac Best will diverse Gerichte anbieten. Chili con Carne, indisches Huhn, chinesisches Schweinefleisch mit Sprossen und Gemüse, deutschen Erbseneintopf, russischen Borscht und andere nationale Spezialitäten. In Zukunft würde man das auch über den Online-Handel anbieten können, mit Lieferung direkt nach Hause.

Bei Testessen war bisher einiges durchgefallen, anderes war angenommen worden.

Daniel war drei Monate mit einem Team seiner Mitarbeiter durch die USA gereist, und sie hatten umfangreiche Tests gemacht.

„Also“, fragt Leon, „was ist nun mit den Ergebnissen der Testserie und den Gewürzmischungen?“

Daniel kratzt sich verlegen am Kinn. „Ich hab mir das einfacher vorgestellt. Ich hab’ gedacht, die Amerikaner würden sich über so was wie die deutsche Esskultur freuen. War aber nicht so. Sie stehen immer noch auf ihre traditionellen Gerichte und das heißt: Steak, Steak, Steak oder Hack von morgens bis abends, mit Fritten, dicken Bohnen, Speck, Mais und Schwabbelbrot, und ich rede hier ausschließlich vom Massenmarkt, also vom Durchschnittsamerikaner. Also haben wir das eingebaut. Mexikanisch, Chinesisch und indisch war gar kein Problem. Irish Stew mit Schaffleisch auch nicht. Linsensuppe, Erbsensuppe und Borscht war bei ihnen ziemlich verpönt. Das braucht Zeit. Unsere italienische Pasta musste abgeschmeckt werden, erst dann ist sie super angekommen. Was uns aus den Händen gerissen wurde, das waren Frankfurter Würstchen, Hacksteak mit Mais und Paprika, sowie Steak mit Bohnen. Das eine gilt als deutsch, das andere ist typisch amerikanisch. Die Erfahrung war, dass die Testesser alles mit unseren Soßen zugeschüttet haben. Die kennen sie. Die haben uns in den USA schließlich groß gemacht. Also Chef, wenn sie mich fragen. Das war ein ziemlich ekliges Gematsche. Wir hätten denen genauso aufgeweichte Pappedeckel mit Soße hinstellen können. In den Schulen der Schwarzen und der weißen Unterschicht war das am schlimmsten. Ohne Pommes, Chips, viel Salz, Paprikapulver und Curry geht da gar nichts. Erstaunlicherweise haben sie trotz dem Gematsche einzelne Gerichte mit gut oder schlecht bewertet. Wir haben also vor Ort die Gewürzmischungen direkt angepasst und wir haben jetzt ein repräsentatives Ergebnis. Die neuen Mischungen kommen überzeugend an. Viel einfacher ist das in den Vierteln der Chinesen und der Mexikaner. Die haben ihre traditionellen Gerichte und Gewohnheiten. Ich hab Ihnen schon alles auf den Computer geladen.“

Leon nickt. „Danke. Ist der Einkauf informiert? Können wir mit der Produktion beginnen?“

Auch Daniel nickt. „Jain. Mit dem Schaffleisch haben wir in Nordamerika ein paar Lieferprobleme. Wir haben deshalb auf Veggifleisch umgestellt und das abgeschmeckt. Ist vom Geschmack und der Konsistenz nicht voneinander zu unterscheiden.“ Er grinst. „Da haben wir gedacht, probieren wir das auch mal mit Huhn, Schwein und mit Steak. Kommen sie doch mal mit.“

Er führt ihn ins Nebenzimmer. Seine Assistentin holt gerade zwei Teller aus der Mikrowelle und schiebt zwei neue rein.

„Hier, kosten sie mal. Sagen Sie mir, was das für Fleisch ist.“

Leon wirft einen skeptischen Blick zu Dan. Irgendwas kommt ihm da komisch vor. Er kommt nur nicht gleich drauf. Er schaut die beiden Teller prüfend an. Er nimmt Gabel und Messer, schneidet das Fleisch an, besieht sich die Schnittstellen, er riecht und probiert. Sein feiner Gaumen merkt, dass Fleisch eben nicht gleich Fleisch ist, je nachdem, wo es herkommt, und wie es gegart und abgeschmeckt ist, aber letztlich erschmeckt er keinen gravierenden Unterschied, und er entscheidet sich, „ganz klar. Das ist Schaf.“

„Beides?“ Leon nickt. „Ja, sicher.“

Daniel grinst unmerklich. Die beiden anderen Teller sind gerade fertig. „Bitte probieren Sie das auch mal.“

„Naja, seh' ich doch, das ist gutes amerikanisches Steak. Wahrscheinlich von argentinischen Rindern. Daher beziehen wir doch unser Fleisch.“ Er schneidet die zwei Steaks an, probiert und legte das Besteck wieder hin. „Eindeutig Rind.“

„Bitte noch einen Test.“ Leon sieht Dan an, als wolle er sagen, was soll jetzt dieser Blödsinn?

Aber er probiert auch das dritte Fleisch. Es ist Huhn.

Daniel lacht breit und fast feixend. „Seh’n Sie Chef. Jeder denkt das. Selbst Sie mit Ihrem Gespür für Geschmack und Substanzen und Ihrer jahrzehntelangen Erfahrung. Jetzt dreh'n sie die Teller mal nacheinander um.“

Leon macht das Spiel mit und liest: „Vegetarisch, Huhn, Vegetarisch, Rind, Vegetarisch, Schaf.“ Er sieht Daniel verblüfft an und Dan wartet gespannt auf das Urteil. „Hast du das ordentlich testen lassen?“ Daniel nickt. „Die Leiter hoch und runter. In Deutschland, den USA und in Südamerika. Niemand merkt einen Unterschied. Sehen sie sich die Fasern des Veggi-Steaks an. Man kann das Blut fast riechen. Halb durch ist das der Hammer. Unsere Testesser in den USA fanden das Veggi-Fleisch sogar noch zarter als das tierische Fleisch. Sie schworen, das sei von besten amerikanischen Rindern aus dem Mittelwesten.“

Leon nickt. "Das ist ja eine Meisterleistung, und die Kosten?“ Daniel kann sich das Lachen nicht mehr verkneifen. „Liegen zu 80 Prozent unter dem Fleisch.“ Bei jedem Fertigmenü, das wir verkaufen, verdienen wir bei gleichem Preis jetzt das doppelte. Deine Tochter Chénoa Maria hat die Menüs in ihrer Fabrik in Ciudad del Sol schon ausprobiert und mehrere große Test-essen veranstaltet, jeweils auf den Gaumen der Süd- und Nordamerikaner abgeschmeckt. Sie waren begeistert.“

Er fährt fort, "ich muss Ihnen allerdings gestehen, dass wir Ihnen den Test nicht einfach gemacht haben. Wir haben inzwischen gelernt, tierische Fette und tierisches Eiweiß synthetisch herzustellen. Das haben wir Ihnen in dieser Probe beigemischt, um Ihren feinen Geschmackssinn zu überlisten. Normalerweise tun wir das nicht, aber das Geschmackserlebnis ist dasselbe."

Er erwähnt nicht, dass er die Proben einem befreundeten Chemiker zur Analyse gegeben hatte, und der hatte selbst mit seinen Untersuchungsmethoden Schwierigkeiten, den Fleischersatz zu erkennen. Er hatte diesen Trick auch mit Chénoa versucht, aber die hatte ihm gezeigt, dass er sie nicht überlisten kann. Sie hatte ihn nur verschmitzt angesehen, und gemeint, "das ist sehr gut. Wirklich täuschend echt. Ich bin mal gespannt, ob Vater den Unterschied bemerkt."

Leon sieht ihn an. Das war nicht abgesprochen gewesen, aber seine Tochter Chénoa Maria ist die Kronerbin des Unternehmens. Sie hat jede erdenkliche Freiheit und kann alleine entscheiden. „Seid ihr immer noch so?“ Er kreuzt die Finger. Daniel nickt. „Wir treffen uns immer noch, und wir gehen immer noch zusammen ins Bett. Ich glaube das wird nie aufhören, seit wir uns damals...“. Er spricht nicht weiter, Leon weiß ja Bescheid. Dann schwenkt er wieder zu ihrem ursprünglichen Thema zurück. "Also. Offiziell sagen wir Veggi-Fleisch dazu, denn da ist noch viel mehr drin als bei dem bisherigen Sojafleisch, das bei uns ja schon lange hergestellt wird. Manchmal Bambussprossen, manchmal Lauch und vor allem mehrere Pflanzen, die dein Sohn Nakoma mal zusammen mit Chénoa und seinen eigenen Kindern aus dem Urwald geholt hat. Sie sind in Südamerika schon 1500 Jahre vor Christus systematisch angebaut worden, und sie sind sehr nahrhaft. Wir wissen das inzwischen. Wichtigster Bestandteil unseres neuen Veggi-Fleisches ist die Faser eines Gehölzes, dessen Blätter essbar sind. Wir hüten dieses Wissen, wie unseren Augapfel, vor allem die Aufbereitung dieser Faser, die den typischen Biss von Fleisch garantiert. Bei eurer Ausgrabung der Königsstadt in Ciudad del Sol wurden Tontafeln gefunden, und die Forscher haben die Aufzeichnungen über den Anbau und die Lagerung dieser Pflanze entschlüsselt. Sie haben genaue Beschreibungen der Pflanze entdeckt, und auf einigen Tonkrügen gibt es sogar Bilder. Auch in den Mägen von mumifizierten Toten hat man solche Speisereste entdeckt. Sie sind damals auf Terrassen kultiviert worden. Man hat offenbar eine Art Brei, Fladenbrot und verschiedene Sorten von Gemüse und Fleischersatz daraus gemacht, die vor allem auf langen Reisen gut haltbar waren. Das bauen wir heute wieder an. Damals hießen diese Pflanzenprodukte wohl Huẽ-Chee'ze, was sehr frei übersetzt soviel bedeutet wie, der Müsli-Riegel der ausdauernden Krieger, hat deine Tochter gesagt. Dieser Riegel wurde damals wohl getrocknet und wurde auf Kriegszügen mitgeführt, wie Astronautennahrung, oder wie Superfood."

Daniel lächelt. "Die alten Peruche waren da schon erfinderisch. Wir verstehen nur nicht, warum dieses Wissen bei späteren Hochkulturen offenbar in Vergessenheit geraten ist. Die Inkas und die Maya haben diese Pflanze nicht mehr kultiviert. Naja, wer weiß, vielleicht hatte das kultische Gründe, vielleicht wurde das später sogar als böser Zauber verstanden. Deine Tochter Chénoa hat auch keine Erklärung für dieses Vergessen."

Leon staunt. "Ich kenn' natürlich das Projekt der Terrassenanbauten, aber ich hab' gedacht, dass dort überwiegend Mais, Bohnen und Kartoffeln angebaut werden. Ich weiß, dass diese Produkte, und noch ein paar andere, wie z.B. Kürbisse und verschiedene Nüsse, an unsere südamerikanischen Werke verkauft werden. Die Organisation hab' ich aber immer meiner Tochter überlassen. Sie hat da unten ja die Federführung."

Daniel nickt. "Ist aber so. Natürlich gibt's auch Kartoffeln, Mais und Kürbisse, und noch ein paar andere Dinge, wie Bohnen, Physalis und diverse Knollen, die wir schon seit ein paar Jahren in unsere südamerikanischen Menüs einbauen. Das ist kein Geheimnis. Zunächst haben wir das Huẽ-Chee'ze auch nur zu Versuchszwecken angebaut. Inzwischen haben wir regelmäßige Ernten, weil das schnellwachsende Büsche sind, mit Früchten, die relativ einfach geerntet werden können, und die auch essbar sind. Sehr aromatisch übrigens. Sehr saftig. All diese Pflanzen sind genau genommen die Basis unserer neuen Produkte. Wir müssen den Mitbewerbern nur nicht auf's Brot schmieren, was wir da machen, und wie wir das genau machen." Er grinst. "Technologischer Fortschritt entscheidet darüber, ob ein Unternehmen die Führung im globalen Kräfteverhältnis übernehmen und auch behalten kann, oder nicht. Jedenfalls ist das in unserem Bereich ziemlich sicher."

Er ergänzt: "Außerdem gibt es da noch einen Urwaldriesen, 50-70m hoch. Der hat Hülsenfrüchte, ähnlich wie Stangenbohnen. Sehr nahrhaft. Die Affen und die Vögel lieben das. Da wissen wir nur nicht, wie wir den auf Terrassen züchten sollen, und für die Ernte bräuchte man eine enorme Manpower, das wäre völlig unwirtschaftlich. Nakoma kennt diese Bohnen aus seiner Kindheit. Er sagt dazu Ha'cuantara. Die Indios sind damals schon in die Bäume geklettert und haben diese Früchte geerntet."

"Viel bessere Erfahrungen haben wir mit Stevia gemacht. Einer Pflanze, die im Urwald von Paraquai und Brasilien gedeiht, und die schon früher bei den Indios als Süßstoff verwendet wurde. Sie wird dort als ka'a he'ẽ bezeichnet. Wir verwenden sie schon seit längerem als Zuckerersatz. Ist viel gesünder als Rohrzucker oder der Zucker aus der Zuckerrübe."

Leon nickt. Das weiß er.

Daniel schließt seinen Vortrag: "Ohne deine Tochter und ohne deinen Sohn Nakoma hätten wir das meiste nicht hingekriegt, und die Kinder von Nakoma sind im Entdecken und Analysieren von pflanzlichen Kulturen und Substanzen mindestens so genial wie ihr Vater. Deine Enkelin Ana Théla ist eine dieser Genies. Sie hat in den letzten Jahren viele Pflanzen aufgespürt, die wir schon als verloren geglaubt haben, obwohl wir aus frühen Aufzeichnungen der Indios wissen, dass es sie einmal gegeben hat. Ana Théla ist heute erst 18, da wird noch einiges auf uns zukommen. Mein Labor war nur für die Herstellung einiger weniger Zusatzstoffe, wie Bindemittel, Farbe und Geschmack verantwortlich, und naja, auch die Aufbereitung der Faser und die Mixtur, also die endgültige Zusammensetzung unseres neuen Veggi-Fleisches und unserer Gemüsepfannen, und auch des Geheimnisses, warum das Veggi-Fleisch einmal nach Huhn, zum andern nach Rind usw. schmeckt. Und schließlich mussten wir garantieren, dass das vermeintliche Blut im Rindfleisch beim Durchgaren seine Farbe verändert, fest wird, und nicht mehr aus dem Fleisch herausfließt, anders als bei "rar" oder "medium rar". Man darf unsere eigene Leistung nicht kleinreden."

Er fährt fort, "deine Tochter und Nakoma haben ursprünglich nur die langfristig gesicherte Ernährung der südamerika-nischen Indios im Auge gehabt, aber das hat sich schnell verselbständigt. Naja, Sie haben das Terrain schon lange ihrer Tochter überlassen, aber Sie haben das Projekt seinerzeit ja angeregt. Wenn alles klappt, können wir daraus in Zukunft flächendeckend auch weitere Gemüsesorten und Frühstücksflocken anbieten, aber dann brauchen wir noch viel mehr Anbauflächen. Vorerst haben wir dafür noch nicht die Kapazitäten. Ganz im Gegenteil. Es gibt noch Lieferprobleme für das Veggi-Fleisch. Die weltweite Produktion können wir damit noch lange nicht abdecken, nicht mal die Produktion für Nordamerika. Also haben wir uns entschieden, zunächst nur das Schaffleisch für den US Markt vegetarisch herzustellen, und später Steak, Huhn und Truthahn nachzuschieben. Leider. Darum kümmert sich Chénoa Maria, und ich hoffe, dass sie uns in den nächsten 2-5 Jahren grünes Licht gibt. Dann revolutionieren wir den Markt." Er lacht unwillkürlich laut auf. "Das wird der Kracher."

Leon ist zwar ständig mit seiner Tochter vernetzt, aber sie hatte es verstanden, das selbst vor ihm geheim zu halten. Er staunt, denn ihm entgeht in seiner Firma fast nichts, aber er fasst sich schnell. „Da hat meine Tochter wohl einen Alleingang hingezaubert." Er sieht, wie Daniel grinst, dann ergänzt Leon in einer seiner typischen schnellen Entscheidungen: "Gut. Wenn die Produktion gesichert ist, wenn das Produkt biologisch sauber ist, und wenn meine Tochter ihr OK gegeben hat, dann bin auch ich einverstanden, aber du gibst mir die Daten jetzt komplett und wie immer offline auf den Rechner. Deine übrigen Vorschläge habe ich gelesen. Mir geht's zunächst nur um die neue US-Linie. Lass uns die Produktion in Mexiko anschieben. Die Kalkulation wird noch mal durchgerechnet, aber das scheint bisher alles in Ordnung. Chénoa wird das federführend übernehmen. Wenn sie uns das eingebrockt hat, soll sie auch die Verantwortung dafür übernehmen."

Er lächelt verschmitzt, "gegen den Mehrprofit aus der Marge des vegetarischen Schaffleischs hab ich nichts. Die Marge müssen wir auch nicht an den Verbraucher weitergeben, solange darüber nicht öffentlich spekuliert wird. Lass uns also in den großen Städten im Norden beginnen, in New York, Chikago und den anderen Metropolen, dann gehen wir in den Osten, dann in den Westen und schließlich nach Florida und den Süden der USA. Die Einzelheiten sind ja abgesprochen. Die Tonnagen sind ungefähr bekannt. Begleite die ersten Lieferungen mit weiteren Tests. Es kann ja sein, dass die Chicago Kids einen anderen Gaumen haben, als die New Yorker, oder die Leute in LA. Um den rechtlichen Rahmen zu gewährleisten, werden wir das Schaffleisch im Kleingedruckten aber als rein pflanzliches Fleisch deklarieren. Vielleicht ergibt sich daraus im nächsten Schritt sogar ein sehr gutes Verkaufsargument, aber nicht gleich, und vor allem nicht bei den Fleisch-Fexen in den USA.“

Daniel nickt. "Haben wir schon eingeplant. Deine Tochter hat vorgeschlagen, das Fleisch zunächst nur für Europa und Asien auf dem Label deutlich als vegetarisch zu kennzeichnen, sonst nur im Kleingedruckten, sobald sie liefern kann. Wir haben auch Ihre Briefings aufmerksam gelesen. Vielleicht kriegen wir ja sogar mal ein Gütesiegel für unser Produkt, das wäre für uns wie ein Adelstitel." Er grinst breit. "Vorerst sollten wir das nicht an die große Glocke hängen, meint Chénoa Maria.“

Die Tür geht auf und Leons Assistentin kommt rein. „Telefon Chef, Ihre Enkelin.“ Sie gibt ihm ein kabelloses Telefon. Leon hat zwar sein eigenes Smartphone und er ist generell darüber erreichbar, aber zu wichtigen Meetings schaltet er dieses Ding immer aus, und auch dann, wenn er nicht geortet werden will. Mit diesen Geräten bist du durchsichtig geworden, wie Glas. Leon ist nicht technikfeindlich, das kann er sich in seinem Job auch nicht leisten, aber er war in einer Zeit groß geworden, wo die Face-to-Face-Relations noch nicht durch die ständige Abrufbarkeit durch Smartphones gestört wurden. Diese Technik ist wirklich gefährlich. Jede Reiseroute, jedes Gespräch, jeder Internetkontakt und jedes SMS kann durch Dritte minutiös nachverfolgt werden, wenn man dieses Ding hackt. Darauf kann Leon in seinem Job wirklich verzichten, und er hat auch Anweisung an seine engsten Mitarbeiter gegeben, den Gebrauch rigoros einzuschränken. Mit seinen Kindern kommuniziert er in wichtigen Angelegenheiten nur noch drahtlos über seinen Energiestrom, der für niemanden sonst sichtbar ist, als für seine leibliche Familie.

„Ja?“, sagt Leon, und dann, mit einem schnellen Seitenblick zu Daniel, „oh, Ana Théla, schön, dich zu hören. Ja, ich hab Zeit für dich. Du willst nach Deutschland kommen? Ob du bei mir wohnen kannst? Ja, wo? Berlin oder Sachsen-Anhalt? Sachsen-Anhalt? Na sicher. Weißt du, wie du herkommst? Chénoa bringt dich? Heute Abend schon? Ja klar. Kommt her, ich freu' mich.“

„Wenn man vom Teufel spricht“, lacht er Daniel an. „Dann kannst du deine deutschen Freundinnen gleich mal aus deinem Bett werfen. Chénoa Maria kommt nachher mit meiner Enkelin, und ich kann mit meiner Tochter und Anna Théla mal direkt über diese Neuigkeiten sprechen.“

Auch Daniel lacht. „Müssen sie wohl geahnt haben, dass wir von ihnen reden. Sie haben ja immer solche besonderen Antennen.“

3.

Leon hat auf dem Werksgelände eine komfortable Wohnung. Für ihn ist das praktisch. Das erlaubt kürzeste Wege, und die Wohnung steht unter dem Schutz seiner Wachleute. Er kann von hier aus ungesehen in die USA, nach Frankreich oder Südamerika springen, wo er gerade gebraucht wird. Kein Flieger, kein Einreisevisum, keine Aufenthaltsbescheinigung, keine Warteschlange und auch keine Flugverspätung. Seine geheime Kraft, den Raum zu überwinden, macht ihm das möglich. Das ist eines der Geheimnisse des Erfolges von Mac Best Food. Das und die geheime Rezeptur, die Daniel damals erfunden hatte. Sie wird all den Tiefkühlgerichten und den Soßen beigemischt, ob in Europa, den USA oder in Südamerika. Sie war es, die seine Burgerkette auf Platz eins aller Schnellimbiss- und Restaurantketten weltweit hochkatapultiert hatte. Das, ein geschicktes Management und ein paar gute Freunde seiner Tochter, die ihm damals das Geld vorgeschossen hatten, um die amerikanische Burgerkette zu übernehmen. Das ist jetzt zwölf Jahre her.

Als Leon an diesem Abend in seine Wohnung kommt, wird er von Bratengeruch empfangen.

Seine älteste Tochter Chénoa Maria und Ana Théla sind schon da. Er hört sie in der Küche lachen. Er stellt die Tasche mit den Unterlagen ab, die er heute noch prüfen will, und schaltet das Smartphone aus, das ihn jetzt nur stören würde. Dann geht er in die Küche.

„Oh Opa“, wird er begrüßt. „Schön, dass du kommst. Wir haben Hammelfleisch und Reis mit Gemüse und Salat. Das isst du doch?“

„Opa, Opa“, beschwert sich Leon. „Mach mich nicht älter, als ich bin. Du weißt, dass du mich nicht so nennen sollst.“

„Ach Opa“, meint Ana Théla und fällt ihm um den Hals.

Leon hält sie auf Armeslänge von sich. Er hat Ana Théla schon länger nicht geseh'n. Er ist zwar immer wieder mal in Peru, aber er hat nie viel Zeit. Schließlich will er dort vor allem seine Frau besuchen, die Mutter von Chénoa Maria. Dieses Verhältnis ist immer noch, wie vor dreißig Jahren. Sie lieben sich, auch wenn sie sich nicht sehr häufig sehen. Im Winter geht er regelmäßig mit Mila auf Reisen, wenn sie Vorträge und Seminare in den amerikanischen Städten und in Europa hält. Sie gilt als die Kapazität schlechthin für die indianische Geschichte Südamerikas, und sie ist im Winter ständig unterwegs zu Vorträgen, auch im Rahmen von Ausstellungen über die Ausgrabungen. Sie haben Mila in der Welt der Geschichtsschreiber berühmt gemacht.

Ana Théla ist die zweitälteste Tochter seines Adoptivsohnes Nakoma, der nur knapp vier Jahre jünger ist als sein Adoptivvater. Allerdings hat sich Nakoma mit dem Kinderzeugen deutlich mehr Zeit gelassen, als sein Adoptivvater. So ist Ana Théla gerade 18 geworden und sie ist bildhübsch. Eine Mischung aus Indio und der energievollen dunkelhaarigen spanischstämmigen Peruanerin, die ihre Mutter ist. Sie hat schwarz-braune lange Haare, ähnlich wie seine älteste Tochter Chénoa, sie hat diese zarte goldbraune Haut der Mestizen, und die weichen Züge der Jugend.

Chénoa drückt Ana Théla den Kochlöffel in die Hand und meint. „Sieh mal nach dem Fleisch und dem Gemüse, und auch ein bisschen wenden und rühren.“

Sie umarmt ihren Vater. Leon drückt sie vorsichtig an sich. Chénoa ist jetzt 28, und sie ist im fünften Monat schwanger. Sie stehen eine Weile da und genießen die gegenseitige Wärme. Dann meint Leon mit einem Blick auf die Pfanne. „Ich hoffe, es gibt heute richtiges Fleisch und nicht dieses Veggi-Zeugs.“

Chénoa lacht. „Hat Daniel dich also schon kosten lassen? Ist wirklich gut, was?“ Leon droht leicht mit dem Finger. „Du hättest mich informieren sollen.“ Chénoa schüttelt den Kopf. „Wenn’s nichts geworden wäre, dann hätten wir das Zeugs eingestampft. Jetzt wissen wir, dass die Leute begeistert sind, und dass da noch viel mehr Potenzial drinsteckt. Du bist für das große Ganze zuständig, aber du musst nicht jeden einzelnen Schritt wissen, den wir in der Planung haben. Du erfährst schon rechtzeitig alles Wesentliche, du kannst dich auf deine Mitarbeiter verlassen.“

„Genug geschwätzt“, flötet Ana Théla. „Essen ist fertig.“ Wie alle Kinder und Enkel von Leon kann sie perfekt deutsch sprechen.

Leon hatte nichts zu Mittag gegessen und er schlägt jetzt richtig zu. Wenn er ernsthaft nachdenkt, so ist das Fleisch nicht besser als das, was Daniel ihm heute Mittag zu kosten gegeben hatte. Er hat keine Probleme damit, eigene Fehler einzugestehen.

„Ich muss euch ein großes Lob zollen. Euer pflanzliches Fleisch ist wirklich große Klasse. Wenn ihr mir das heute vorgesetzt hättet, ich wäre genauso zufrieden gewesen. Also nun mal ehrlich. War das jetzt Veggi oder Hammel?“ Dann ergänzt er, "... und Mila? Die hat das mit dem Anbau eurer neuen Produkte in den Anden doch sicher gewusst, und mir nichts gesagt?"

Ana Théla ist brottrocken, als sie sagt, "Opa, in Wirklichkeit haben wir Hundefutter genommen. Chénoa hat gesagt, sie würzt das so ab, dass selbst du keinen Unterschied merkst. Ein kleiner Test deiner Geschmacksnerven. Im Vertrauen. Das war erstklassiges Fleisch, aber es war eben nur Hundefutter. Jetzt darf ich dir das sagen."

Leon schaut irritiert, aber bevor er böse wird, verzieht er das Gesicht zu einem Grinsen, und er haut Ana Théla leicht in die Seite.

Ana Théla lacht. “War wirklich Hammel. Chénoa hat’s vom Türken in Berlin. Wir haben einen kurzen Umweg gemacht, um Katharina Hallo zu sagen. Chénoa meint, deine Kathy sollte aus erster Hand erfahren, dass ich einen Anschlag auf dich vorhabe.“

Chénoa ergänzt, "Papa, entschuldige. Mama und die Kinder von Nakoma waren in der Entzifferung der Tontafeln federführend. Es war meine Entscheidung, das Forschungsprojekt Veggi-Fleisch unter Verschluss zu halten, und ich habe dabei die Unterstützung des Ministerpräsidenten gehabt. Gottlob muss der ja nicht aus wahltaktischen Gründen jeden vermeintlichen Erfolg seiner Landespolitik an die große Glocke hängen. Wir wollten mögliche Nachahmer an der illegalen Rodung und dem illegalen Anbau hindern. Unser Veggi-Rezept wird vorerst auch ein Geheimnis bleiben. Das gilt natürlich nur für unsere neuen Pflanzen, aus denen wir unsere Veggi-Linie herstellen, nicht für die verschiedenen alten Sorten von Gemüse, die bereits seit Längerem wieder auf Terrassen kultiviert werden. Das letztere ist allgemein bekannt, und in vielen Forschungsberichten nachzulesen. Du weist das. Terres des Hommes hat an dieser Entwicklung ja einen entscheidenden Anteil, um die kleinbäuerliche Produktion zu stärken. Wir arbeiten mit denen Hand in Hand. Du hast das Projekt seiner Zeit angeregt, aber du hattest dann keine Zeit mehr, um dich mit fachlichen Einzelheiten aufzuhalten. Bei mir ist das anders. Ich bin schließlich seit zehn Jahren für Südamerika zuständig."

Sie ergänzt: "Was die neuen Pflanzen für unser Veggi-Fleisch angeht, haben die Kooperativen ausschließliche Lieferverträge mit unserer Firma, und das ist auch gut so. Schließlich finanzieren wir dieses Projekt, und wir garantieren den Kleinbauern faire Preise, von denen sie ihre Familien ernähren können. Natürlich ist es so, dass sich die Sache in Südamerika in einigen Fachkreisen bereits herumgesprochen hat, und die Regierung hat Anträge von vielen Firmen, sich an diesen neuen Terrassenanbauten zu beteiligen. Industriell ist dieser Anbau aber nicht zu bewerkstelligen. Das hat aus unserer Sicht Vorteile, weil es Investoren abschreckt, die nur den schnellen Profit im Auge haben. Wir haben auch einen eindeutigen Vorsprung im Know How, der soviel Abstand schafft, dass uns etwaige Konkurrenten nicht gefährlich werden können. Naja. Noch nicht. Übrigens: auch Katharina hat Bescheid gewusst. Sie ist da schließlich für den Haushalt der Stiftung verantwortlich, und sie hat immer wieder Forschungsgelder bewilligt."

Erinnern wir uns: Katharina ist nicht nur die "Frau" von Leon in Berlin, sondern auch eine der Aufsichtsratsmitglieder und Direktoren der Stiftung Kultur & Kommunikation, die wiederum die Eigentümerin von Mac Best Food und von anderen Unternehmungen ist. Dann gibt es noch seine "zweite Frau" Mila in Peru, von der Chénoa Maria abstammt. Ethisch mag das vielleicht bedenklich sein, aber sowas wird immer wieder praktiziert, und auf dem Papier ist Leon sowieso nicht den beiden Frauen verheiratet, auch wenn er alle seine unehelichen Kinder adoptiert hat.

Er macht eine Handbewegung, „ich bin ganz Ohr.“

Ana Théla mischt sich wieder ein, „also. Ich habe jetzt mein Abitur. Jetzt sind Sommerferien und ich will in Deutschland anfangen Chemie, Biologie und Botanik zu studieren, und als Nebenfächer auch Bakteriologie und Virologie belegen. Zuerst mal hier und nach dem Vorexamen in Cambridge/England. Chénoa hat mir geraten, mich bei euch ein wenig einzunisten und ein Dreimonats-Praktikum zu machen. Das macht sich für die Aufnahme gut. Sie meint, euer Chefchemiker könne mir ein wenig unter die Arme greifen, auch wenn die Nahrungsmittelchemie nur ein Teilgebiet meines Interesses ist. Ich kenn' ihn ja schon eine ganze Weile. Ist ein guter Mann.“

„Da hast du ja ein gewaltiges Pensum vor." Leon legt den Kopf schief und sinniert. "Ich bin mir sicher, du wirst das schaffen. Also, unter die Arme? Soso.“

„Papa“, meint Chénoa. „Du weist schon, dass das nicht wörtlich zu verstehen ist. Daniel sollte sich hüten. Da verstehe ich keinen Spaß. Katharina meint übrigens, dass sie Ana Théla mein Zimmer gibt. Wenn sie hier ihr Praktikum macht, kann sie die Wochenenden nach Berlin springen und ein bisschen von unserem Musikzentrum erleben. Also. Kann sie hier wohnen und bei Daniel ein Praktikum machen?“

Leon kennt die Fähigkeiten von Ana Théla. Sie ist von seinem Adoptivsohn längst in all diesen Kräutern und Tinkturen unterrichtet worden, die Nakoma da immer aus dem Urwald holt, um seine Medizin zu mischen, die er für seine Heilpraktikertätigkeit braucht. Er weiß, dass Ana Théla sehr diszipliniert arbeitet, und ihrem Vater immer eine gute Stütze ist. Sie hat auch schon etliche eigene Projekte angeregt und begleitet, trotz ihres jungen Alters. Was besseres kann ihm nicht passieren. Er kennt den Umfang ihrer Energie, denn er ist über seine Energieströme mit allen Kindern von Nakoma vernetzt, und natürlich auch mit seinen eigenen leiblichen Nachkommen.

Er nickt. „Klar doch. Chénoa kann das Dan nachher sagen, wenn sie ihn besucht.“ Chénoa schaut ihn fragend an, und Leon meint nur. „Er wartet sicher schon auf dich. Eigentlich habe ich heute noch ein paar Unterlagen zu studieren, aber ich werde mich mit Ana Thèla ein wenig zurückziehen und mir ein bisschen was erzählen lassen. Ihr habt da in den letzten Jahren ein paar Dinge in Gang gesetzt, über die ich nur unzureichend informiert bin.“

„Du meinst die Sache mit den Großgrundbesitzern im brasilianischen Regenwald?“ Leon nickt. „Auch das. Ich weiß einfach zu wenig. Das fällt schließlich in das Ressort meiner Tochter, und ich bin in dieser Sache leider auch sehr unzureichend informiert worden.“

„Papa“, beschwichtigt Chénoa. „Bitte nicht böse sein. Ana Théla und ihre Geschwister waren an dieser Sache schon seit mehreren Jahren dran, immer ohne einen durchschlagenden Erfolg. Sie waren damals noch sehr jung und naiv. Nakoma hat sie einfach machen lassen, aber er hat sie in dieser Angelegenheit nicht wirklich begleitet und gefördert. Er hat genug am Hals. Deshalb habe ich mich eingemischt. Jetzt haben wir endlich ein befriedigendes Ergebnis. Aber es gibt da noch ein paar Dinge, die wir besprechen müssen. Irgendwann in den nächsten Tagen, in Berlin, zusammen mit Mama, Roy und Spek. Das soll dir Ana Théla nachher erzählen. Ich ziehe mich zurück und besuche jetzt Daniel. Morgen bin ich in Berlin. Abends bin ich wieder hier. Ich will Daniel ein paar Nächte lang genießen.“

4.

Chénoa ruft kurz bei Daniel an. „Jaja, er erwartet sie sehnsüchtig.“

Sie kennt Daniel nun schon seit ihrer Zeit in Berlin. In jungen Jahren war sie zwei Jahre in Charlottenburg zur Schule gegangen. Seit damals hat sie ein lockeres Verhältnis mit Daniel. Er war ihr verfallen, aber er hatte begriffen, dass er sie nie ganz besitzen würde, und er hatte sich arrangiert. Sie gehen weiter zusammen ins Bett, immer wenn sie sich sehen. Mal auf Reisen, mal in Südamerika, mal in Deutschland. Sie weiß, dass Daniel hier einige Freundinnen hat, aber wenn Chénoa da ist, schmeißt er alle raus. Die räumliche Trennung ist natürlich groß, und so geht jeder seine eigenen Wege. Wenn sie sich zufällig treffen, so wie jetzt, oder wenn sie sich verabreden, dann gibt es jedes Mal ein Fest der Liebe. Eine Heirat mit einer anderen Frau hat Daniel stets abgelehnt. Er hat als Chefchemiker genug zu tun, sieht gut aus, verdient gut, und kann sich seine Freundinnen aussuchen. Inzwischen hat Chénoa ihm auch einen Teil ihrer Kraft zur Verfügung gestellt. Die Gefahr, dass er blind in irgendeine Liebesfalle tappen wird, nur um ihn und seine geheimen Rezepte auszuspähen, ist äußerst gering. Dafür hat Chénoa gesorgt.

Daniel hat schon gehört, dass Chénoa von einem anderen Mann schwanger ist. Für ihn ändert sich dadurch nichts, und er ist in dieser Nacht sehr vorsichtig. Er befühlt ihren Bauch. Er fragt, ob er ihr nicht wehtut, wenn ..., „nein, nein“, meint Chénoa, „ich brauche dich. Du glaubst nicht, was so eine Schwangerschaft an sexuellen Gelüsten entstehen lässt.“

Es ist nicht sein Kind, aber das ist ihm völlig egal. Er liebt diese Frau.

„Ach“, meint Chénoa später in der Nacht. „Da ist noch etwas. Du bekommst morgen eine Praktikantin. Ja, du denkst dir schon, wer das ist? Du denkst richtig. Meine Nichte Ana Théla. Sie wird bei Papa wohnen. Wenn du sie anrührst, dreh ich dir den Hals um. Haben wir uns verstanden?" Er weiß schon, dass dies nicht wörtlich zu verstehen ist, aber Daniel hat keine Ambitionen auf einen Streit mit Chénoa.

5.

Während Chénoa und Daniel sich in ihre Liebe stürzen, flötzt sich Leon mit Ana Théla in die bequeme Couchgarnitur.

„Lass uns ein bisschen erzählen.“

Sie stellen das Radio leise, das Leon zur Sicherheit regelmäßig auf eventuelle Wanzen untersuchen läßt, und Ana Théla beginnt:

"Du weißt, dass man deiner Tochter nicht einfach in den Kopf sehen kann, wenn sie das nicht will. Auch Paco und ich können einen solchen Schutzring um uns legen. Wir haben uns bei einigen Projekten völlig abgeschottet, um das Wissen um bestimmte Vorgänge selbst vor der Familie zu verheimlichen. Deshalb will ich einfach mal erzählen, um dich auf den neuesten Stand zu bringen. Wenn dir einige Einzelheiten schon bekannt sind, macht das nichts. Es geht um das große Ganze, und deshalb hole ich ein wenig aus."

Leon nickt. Das zeichnet diese Kinder als zukünftige Führer des Clans aus. Er selbst hat auch diverse Geheimnisse, die er für sich behalten will. Nur vor Chénoa kann er nichts verbergen. Sie kann ihm in den Kopf kriechen, wann und wie oft sie will. Niemand kann das so gut wie Chénoa.

Ana Thela fährt fort, "Papa hat mich zum ersten Mal mit in den Urwald genommen, da war ich fünf. Wir haben uns in Adler verwandelt und sind den ganzen Weg bis ins Amazonasgebiet geflogen. Papa wollte mir den Regenwald aus der Luft zeigen. Dort wo wir geflogen sind, war der noch intakt. Ein unendliches Meer aus Grün. Manchmal verborgen unter dichten Regenwolken. Schließlich sind wir an einem See gelandet. Da hatte Papa schon lange ein Baumhaus, das wir erst wieder in Schuss bringen mussten, weil solche Häuser im Urwald wenig Überlebenschance besitzen, wenn man sie nicht ständig pflegt. Dann ist Papa mit mir zurückgesprungen, hat eine große Tasche mit Flaschen, Mörsern, Tiegeln und Töpfen gepackt und ist mit mir wieder zu diesem See gesprungen. Papa hat mit mir Blätter, Wurzeln, Rinde und Früchte gepflückt. Wir haben Ameisen, Kröten und Giftschlangen gemolken. Wir haben Beeren entsaftet. Wir haben Bäume angeritzt, und den Lebenssaft aufgefangen. Wir haben alles beschriftet, in unsere Gefäße gepackt, und sind wieder nach Hause gesprungen. Dort haben wir alle diese Dinge noch einmal aufbereitet, und verfeinert, und Papa hat mir gezeigt, wie er Medizin daraus macht. Seit dieser Zeit war ich noch oft in unserem Baumhaus."

Leon nickt, Ana Théla seufzt. "Es war eine glückliche Zeit. Manchmal sind wir zu dritt oder zu viert geflogen. Papa wollte uns diesen Urwald von oben zeigen, so wie ihn die Adler sehen. Später sind wir auch in andere Gebiete vorgedrungen, und da habe ich zum ersten Mal diese gewaltigen Brände gesehen, die entstehen, wenn der Regenwald angezündet wird. Ich habe diese Plantagen gesehen. Mais, Raps, Hanf, und anderes, auch die illegale Abholzung, die Goldgräberei und die Suche nach Öl und anderen Bodenschätzen.

Das Saatgut ist importiert. Es gehört nicht hierher. Es ist genmanipuliert. Es verdrängt andere Pflanzen. Zum Auswaschen von Gold wird Quecksilber genutzt. Das verseucht die Böden und lässt die Tiere sterben. Ich habe die gewaltigen Bewässerungsanlagen der Plantagen geseh'n und ich habe geseh'n, wie ganze LKW-Ladungen abtransportiert worden sind. Nach drei Jahren sind die Böden ausgelaugt. Manchmal bleiben riesige Krater zurück. Die Reste von fruchtbaren Böden sind von dem ständigen Regen weggewaschen, und zurück bleiben faulende und stinkende Flächen, die zu nichts mehr zu gebrauchen sind. Wär' ja alles nicht so schlimm, wenn der Urwald wieder zuwachsen würde. Tut er aber nicht. Die fruchtbare Erde ist mit dem Amazonas ins Meer geflossen. Ohne Humus kein Wachstum. Die Reste von Wurzeln faulen. Es entstehen Microorganismen und Algen, die in großen Mengen Methangas, Lachgas und Stickoxide freisetzen. Die Faulgase steigen in die Luft. In diesen Gebieten gibt es kein Leben mehr. Keine Falter, keine Vögel, keine Säugetiere. Nichts. Es sind Todeszonen."

Sie seufzt, "die Männer der Patrones sind längst weitergezogen und die nächsten Flächen sind in Flammen aufgegangen, nur um nach drei Jahren wieder verlassen zu werden. Man macht sich oftmals nicht mal die Mühe, die Bäume zu roden, und das Holz zu verwenden, denn das kostet Zeit, und die Barone haben bei solch kurzen Anbauzyklen keine Zeit zu verschwenden, weil sie mit Raps und Mais viel mehr verdienen als mit Holz. Bei den Bränden kommen auch alle Tiere um, die dort leben, und alle die wertvollen Pflanzen werden ausgerottet, die wir für unsere Medizin brauchen. Seit das Rapsöl gewonnen wird, um als Benzinzusatz zu dienen, haben sie in großem Stil den Wald verbrannt. Die Nachfrage hat die Preise in die Höhe getrieben. Das war ein lohnendes Geschäft. Inzwischen sind das Flächen, zehn mal so groß, wie Deutschland. Du weist selbst, wieviele Millionen Tonnen Gas das jährlich sind."

Sie schweigt betreten und traurig. Dann fährt sie fort, "der Urwald ist zwar nur sehr dünn besiedelt, aber natürlich leben dort Menschen. Diese Großgrundbesitzer haben die Indios am Amazonas vertrieben, zwangsumgesiedelt, oder mit Stromerzeugern, Farbfernsehern und befristeten Arbeitsverträgen bestochen. Die Armut in diesen Gebieten ist traditionell groß, das spielt den Bossen in die Hände. Wer sich nicht freiwillig untergeordnet hat, der wurde Opfer der schwarzen Garden, dieser brutalen Geheimkommandos. Männer und Kinder wurden einfach ermordet. Die Frauen sind vergewaltigt, und dann zu Liebesdiensten gezwungen worden. Überall gibt es solche Bordelle für die Erntearbeiter und LKW-Fahrer. Die Natur wurde rücksichtslos ausgeplündert. Wir Indianer und Mestizen wissen das seit Jahren. Die Geschichten werden von Mund zu Mund weitergetragen.“

Sie schüttelt wütend den Kopf. "Der Sauerstoffgehalt verringert sich weltweit dramatisch, und das Ozonloch ist inzwischen gigantisch gewachsen. Du weist, dass der Meeresspiegel in den letzten 20 Jahren um fast zwei Meter angestiegen ist. Die Polkappen sind fast komplett abgeschmolzen. In Australien und auf Feuerland kommt es zu heftigen Hautverbrennungen durch die ungefilterten UV Strahlen. Dort ist die Krebsrate rasant angestiegen. Die Zustände am Amazonas haben diesen Prozess beschleunigt. Wir graben uns unser eigenes Grab.“

Ana Théla macht noch einmal eine kurze Pause, dann fährt sie fort, „die Geschwister und ich, wir waren entrüstet. Naja. Wir waren stinkesauer, aber wir waren noch sehr jung und unerfahren, und wir haben für unseren Protest die falsche Methode gewählt. Papa hat gesagt, dass wir unsere Fehler selbst machen müssen, um daraus zu lernen. Wir haben in unserem jugendlichen Aktionismus und mit Hilfe unserer Energie Hubschrauber in die Luft gejagt und Lastwagen verbrannt. Wir haben uns als Spinnen und Schlangen verwandelt und Vorarbeiter getötet. Wir haben uns alles mögliche ausgedacht, um diesen Irrsinn zu stoppen. Es hat alles nichts genutzt. Sie haben andere Arbeiter geschickt. Sie haben neue Hubschrauber und neue Lastwagen und neue Bagger und Planierraupen geschickt. Einmal haben wir eine dieser Pflanzer-Familien komplett ausgelöscht. Wir haben gedacht, dann ist Schluss. Irgendein entfernter Verwandter hat das Erbe angetreten. Er hat eine Gesellschaft gegründet, und die hat dort weitergemacht, wo die getötete Familie aufgehört hat. Wir waren wirklich verzweifelt. Wenn nicht einmal der Tod hilft, um das Elend zu stoppen, was dann? Die Gewinne waren immens, angetrieben nur durch die Gier und durch den weltweiten Nahrungsmittel- und Treibstoffbedarf. Die Rohstoffbörsen haben das ganze System immens angeheizt.“

Sie schüttelt den Kopf. "Die Patrones tun das ja nicht ohne ihre Abnehmer in den Industriestaaten. Sie tun das nicht ohne eine politische Lobby in der Regierung und in der Verwaltung und der Polizei. Das ist eine richtige Mafia. Es gibt da Gesellschaften, die sitzen in New York oder London, in Panama oder in Zürich. Die haben überall in der Welt ihre Niederlassungen. Sie machen überall schmutzige Geschäfte. Hauptsache, möglichst viel Gewinn. Wir haben die ökonomischen Zusammenhänge und Verflechtungen am Anfang nicht durchschaut. Da gehören ja ganze Stäbe von Ökonomen, Börsianern, Landvermessern, Geologen und verschiedenen Wissenschaftlern dazu, die da gutes Geld machen. Viele davon haben sich erst durch Abhängigkeiten in dieses System eingeklinkt. Schulden, Spielsucht, Arbeitslosigkeit, und für die Arbeiter auf der untersten Ebene ist das meist nicht anders. Sie wollen einfach nur überleben. Ehrliche Arbeit gibt es in vielen Regionen nicht, nicht in Brasilien und in vielen anderen Ländern auch nicht. Um zu überleben, nimmst du jeden Job an. Das ist eine Frage der fehlenden Infrastruktur und der politischen und sozialen Situation im Land. Die wirklich Reichen werden erst durch illegale Geschäfte wirklich reich. Sie sitzen irgendwo in ihren klimatisierten Büros, und haben den Regenwald noch nie gesehen, außer auf Bildern oder bei Google Map. Natürlich gibt es Umweltschützer. Natürlich gibt es die eine oder andere Polizeieinheit, die sich um den Schutz der Regenwälder kümmert, aber die sind unterbezahlt und unterbesetzt. Ihre Familien werden oft eingeschüchtert und bedroht. Wie willst du da auf Dauer überleben, selbst wenn du dich bis an die Zähne bewaffnest?"

Nach einer weiteren Pause fügt sie hinzu, "auch deine Tochter hatte immer andere Dinge zu tun. Sie hat manchmal mit Papa und mir gesprochen. Sie hat sich erzählen lassen. Sie hat den Kopf geschüttelt. Sie ist wieder gegangen. Dann hat sie irgendwann eingegriffen. Wir machen das jetzt anders, hat sie bestimmt.“

"Du weist, dass Chénoa ihre Kräfte auf ganz anderen Gebieten entwickelt hat, als wir Kinder von Nakoma. Wir haben uns um Pferdezucht gekümmert. Wir haben Heilpflanzen aufgespürt und Medizin gebraut. Papa hat hinter dem Haus ein großes Treibhaus bauen lassen, und ein Terrarium, in dem wir Ameisen, Kröten, Schlangen, Spinnen, Riesentausendfüßler, Blutegel, Mäuse, Falter und Käfer züchten. Wir brauchen das für unsere Medizin. So ist es uns gelungen zwei wirksame Heilmittel gegen Arthrose und Gicht zu finden. Wir haben sie synthetisch nachgebaut, und die werden inzwischen in Pacos Fabriken massenhaft hergestellt und weltweit vertrieben. Du weist das sicher."

Leon nickt, und Ana Théla fährt fort, "es gibt andere Heilmittel, die wir mit Sekreten von Giftschlangen oder Kröten herstellen, und die wir an Heilpraktiker abgeben. Das ist nicht nur unser Hobby, das ist auch ein sehr lohnendes Geschäft."

Sie lächelt. "Wir sind nicht auf Tiere und Pflanzen fixiert. In Absprache mit Chénoa und Clara waren wir stets vernetzt mit unserer Indiogemeinde in Ciudad del Sol. Wir haben in anderen Bezirken und in anderen Andenstaaten ein Netzwerk gegründet, in dem die Bürgermeister von Indiodörfern, Hebammen, Ärzte, Heilpraktiker, Rechtsanwälte und auch die alten Schamanen Hand in Hand zusammenarbeiten, um die Rechte der Indios zu verteidigen, und um die traditionellen Kulturwerte am Leben zu erhalten. Die Schamanen sind in diesem Prozess ganz wichtig. Sie haben den Spaniern jahrhundertelang widerstanden. Sie haben sich versteckt. Sie haben viele der alten Traditionen und Kenntnisse der Inkas bewahren können. Sie praktizieren immer noch den Sonnenkult, und sie organisieren heimlich Hochzeiten und Beerdigungen, rituelle Beschneidungen, Sonnwendfeiern, und sie sind auch sehr gut bewandert mit Sternenkunde. Sie geben ihre Kenntnisse nur von Mund zu Mund an ihre Nachkommen weiter, aber sie sind seit jeher ein Quell traditionellen Wissens. Viele Heilpflanzen und auch viele alte Pflanzenkulturen haben wir nur mit ihrer Hilfe entdeckt, und wieder kultivieren können. Chénoa weiß das. Sie hält seit langem Kontakt zu diesen Clans."

Leon nickt. Das große Ganze kennt er, aber nicht die Details, und Ana Thela fährt fort, „damals hat Chénoa schon diese Wissenschaftlerin gekannt, die aus Australien kommt, diese Dr. Bloomfield. Dort haben sie mit den Folgen der Klimakatastrophe schwer zu kämpfen. Vor ihrer Haustür liegt dieses riesige indonesische Inselreich. Das war einmal eines der waldreichsten Gebiete der Welt. Sieh dir Indonesien heute an. Ich habe die Luftbilder im Internet gesehen. Es ist zum heulen. Die haben gebrandschatzt, wo sie nur konnten, nur um Palmöl anzubauen, das so ziemlich für alles verwendbar ist. Margarine, Sonnencremes, Treibstoff ..., du weist das selbst nur zu gut. Die Orang Utans sind längst ausgerottet. Die meisten Schlangen, Spinnen, Vögel und Insekten auch. In den wenigen noch bestehenden Palmölkulturen wächst sonst nichts anderes. Für Tiere ist das kein Lebensraum. Der verfaulte Abfall stinkt zum Himmel. Sie können nicht einmal mehr Reis dort anbauen, weil sie in diesen Gasen ersticken. Diese Wissenschaftlerin hat sich seit Jahren mit diesem Problem beschäftigt und Chénoa hat sie eingeladen, sich unsere verkohlten Flächen anzuschauen. Sie hat dann lange mit ihrem Bruder Paco und seinen Technikern geredet. Vielleicht gibt es eine Lösung.“

Sie schüttelt wieder den Kopf. „Chénoa hat über ihre politischen Kontakte erreicht, dass sich die Regierung in Brasilien mit ihr zusammensetzt und sie hat sie mit ihrer Kraft „eingesummt“. Sie hat sich um Lobbyisten gekümmert. Sie hat Handelsverbindungen aufgezeigt, und Partnerfirmen aufgespürt. An der Küste haben sie jetzt immer mehr mit dem Hochwasser zu kämpfen. Mit Sturmfluten und diesen immer stärkeren Wirbelstürmen. Die Schäden gehen in die Milliarden. Das hat bei den Regierenden den Ausschlag gegeben. Gewiss. Sie brauchen Geld für Schutzmaßnahmen, sie sind als Politiker bestechlich, aber viele der Firmen im Amazonas haben ihre Steuern nie an an den Staat abgeführt. Ihre Firmensitze sind irgendwo in Panama oder in anderen Steueroasen. Die Regierung hatte letztlich einfach Angst vor noch größeren Zerstörungen in den Zentren an der Küste. Hafenstädte, Verwaltungen, Industrieunternehmen, die legal arbeiten, und für Arbeitsplätze sorgen. Nicht unbedingt nachhaltig, aber doch in Vereinbarung mit den Steuergesetzen des Landes. Man muss aber auch sagen. Nicht oft setzt sich die Vernunft durch. Chénoa hat dieses Wunder hinbekommen.“

„Chénoa hat die Politiker überzeugt, dass das Ozonloch nicht noch weiter vergrößert werden darf. Sie haben kurzerhand ein Verbot ausgesprochen. Der Wald darf nicht mehr angezündet werden. Mehrere Großgrundbesitzer haben dagegen verstoßen und sind zu hohen Strafen verurteilt worden. Geld und Gefängnis. Andere haben illegal weitergemacht. Chénoa hat sich Listen geben lassen von den Adressen all dieser Großgrundbesitzer und der Gesellschaften, dann hat sie uns losgeschickt, um die Lage zu erkunden. Wir haben sie dann geholt, und Chénoa hat die Familien systematisch eingesummt. Sie wurden willenlos und gehorchen heute noch Chénoas Befehlen. Deine Tochter hat da eine echte Meisterleistung hinbekommen. Sie hat uns auch gezeigt, wie sie das macht. Wir konnten das ja schon immer ganz gut, aber nur im Kleinen. Chénoas Kraft auf diesem Gebiet ist wirklich beeindruckend. Sie kann die Gedanken dieser Menschen aus großer Entfernung lesen. Sie kann sie steuern, wie ferngelenkt. Wir haben viel von ihr gelernt. An die Kraft von Chénoa sind wir aber bis heute nicht rangekommen. Unsere Begabungen liegen eindeutig auf anderen Gebieten. Warum das so ist, wissen wir auch nicht. Es war lange Zeit, wie eine Art Mauer, in der nur eine Tür für Chénoa ist, durch die sie schreiten kann, nach Belieben. Kurz. Chénoa hat erreicht, dass es da keine Bestechungen, keine Vorteilnahme und keine Erpressungen von Politikern mehr gibt."

Sie schüttelt sich ärgerlich und enttäuscht, und fährt fort, "dabei gibt es andere Lösungen als diese rücksichtslose Ausplünderung. Es gibt da eine große Firma, die einmal von einem Deutsch-Brasilianer gegründet worden ist. Sie ist sehr innovativ. Sie entdeckt neue Rohstofflager und beutet sie aus. Etliche davon liegen im Urwald, doch die Rodungen sind geringfügig. Sie machen das schon seit drei oder vier Jahrzehnten so. Du kennst die Firma sicher.“

Leon nickt. „Global Resource Company. Greenpeace hat den Mann mal als Industriellen des Jahres ausgezeichnet. Ich kenne den Mann.“ Was er nicht sagt, dass er selbst Alfons da Silva für diese Auszeichnung vorgeschlagen hatte.

„Ja. Global Resource Company. Sie gehen anders vor. Sie roden ein Stück Wald. Sie benutzen keine giftigen Substanzen, wie z.B. Quecksilber. Wenn die Resourcen ausgeschöpft sind, lassen sie die Gruben mit Grundwasser volllaufen, leiten einen Fluss um, so dass der entstandene See mit Fließwasser verbunden ist, und verabschieden sich. Durch das Fließwasser haben Algen keine Chance. Die Seen sind bald voller Fische. Die Vögel entdecken die Seen für sich, als Nistplätze und als Jagdgebiet. Sie bedecken die Gegend mit Kot und mit ausgespuckten Kernen, und der Urwald holt sich das Gebiet zurück. Chénoa hat erreicht, dass die Global Resource Company weitere Lizenzen bekommen hat, um im Amazonasgebiet zu schürfen, wenn sie nachhaltig arbeiten. Der Staat nimmt dadurch viel Geld ein, das er braucht, um Hochwasserprogramme zu finanzieren, wie etwa Deiche und Schleusen an den Küsten. Inzwischen gibt es auch eine wirklich handlungsfähige Task Force. Eine Amazonas Umweltpolizei, die mit Hubschraubern, Nachtsichtgeräten, Computern und allem möglichen Hilfsmitteln ausgestattet ist. In Brasilia arbeitet eine ganze Gruppe von Wissenschaftlern an der Auswertung von Bildern, die von Satelliten herstammen. Das kostet viel Geld, aber es ist wirksam. Wir haben die illegalen Rodungen im Amazonas inzwischen weitgehend unter Kontrolle. Chénoa hat auch für Programme gesorgt, um Bauernfamilien zu unterstützen, die kleine Parzellen bewirtschaften. Sie zapfen Gummibäume an, sammeln Früchte, Nüsse, und Heilmittel, pflegen aber auch ihre eigenen kleinen Gärten zur Selbstversorgung, mit Kohl, Bohnen, Tomaten, Nüssen. Sie hat Bürgermilizen gegründet, zu ihrem Schutz. Chénoa hat da wirklich großartige Arbeit geleistet.“

Sie fährt fort: „Diese Großgrundbesitzer und Barone suchen jetzt nach neuen Investitionsmöglichkeiten. Chénoa hat sie alle einzeln aufgesucht. Nun ja, wir haben sie aufgesucht, nachdem Chénoa uns gezeigt hat, wie sie das macht, mit der Steuerung fremder Gedanken. Wir haben längst begriffen, dass wir damals ziemlichen Blödsinn gemacht haben, aber das ist ja nun schon einige Jahre her. Solcher Aktionismus ist sinnlos. Warum Papa uns da nicht schon früher geholfen hat, ist mir heute ein Rätsel. Chénoa sagt, er hatte einfach zuviel um die Ohren, und manchmal sei das Ausleben des kindlichen Spieltriebs auch ein sehr nützliches Erkenntnisinstrument. Da hat sie wohl recht, aber in dieser Zeit sind riesige Flächen niedergebrannt worden, die nie mehr zu ersetzen sind. Chénoa hat den Baronen dann mehrere dieser Grundstücke billig abgekauft, unter dem Vorwand, sie wieder aufforsten zu wollen. Sie hat sogar eine eigene Stiftung dafür gegründet, um die wahren Ziele zu verschleiern, die Amazonas Stiftung zur Rettung des Regenwaldes. Die Großgrundbesitzer haben sich ins Fäustchen gelacht, ob dieser Dummheit. Sie haben nicht bemerkt, dass wir sie verarschen, und jetzt hör gut zu."

"Ich habe in Erdkunde genau aufgepasst. Alleine die von den Grundbesitzern anfangs aufgekauften Grundstücke haben etwa die Größe von Bayern und Baden-Württemberg zusammen. Die Flächen mit illegalen Rodungen haben etwa dieselbe Größe. Das ist zusammengenommen fast die Fläche von Deutschland. Der Staat hat uns die letztgenannten Flächen für einen symbolischen Preis von einem Euro überlassen. Die denken immer noch, dass unsere Stiftung versucht, den Regenwald wieder aufzuforsten. Ist aber zwecklos. Und jetzt kommt's. Chénoa und diese Wissenschaftlerin haben sich intensiv mit dem Problem beschäftigt. Paco hat in Mexiko kurzerhand eine neue Firma gegründet, um diese Faulgase zu verwerten und um die Stoffe zu untersuchen, die diesen Prozess der Fäulnis zu untersuchen. Paco hat diese Dr. Bloomfield einfach für seine Firma verpflichtet. Sie ist die Leiterin dieser Abteilung geworden."

Ana Théla lächelt, "als Direktor unserer Fabriken für Umwelttechnologien in Mexico ist Paco ein Genie. Auch wenn es um die Führung von Menschen, um die Organisation von technischen Erfindungen und deren Einführung in den Markt geht, ist Paco unübertroffen. Er leitet diese Firmengruppe wie ein Gott.“

Sie sieht ihn mit einem Seitenblick an, "aber das letztere weist du ja längst. Ich sehe die Ströme von Energie, die dich mit Paco verbinden."

Leon nickt, und Ana Thela fährt fort, „Paco und seine Techniker sind mit der Wissenschaftlerin nach Brasilien gefahren. Sie haben Proben gezogen. Ach, das weist du schon? Aber keine Einzelheiten? OK, dann hör gut zu, Paco hat mit seinen Leuten festgestellt, wie hoch der Methangehalt ist. Das ist eine gewaltige Resource. Dann haben sie so eine Art Schirm erfunden, der in diese verottende Landschaft gestellt wird, und über Leitungen miteinander verbunden ist. Sie haben Sonnenkollektoren auf die Schirme montiert, die den Strom für Ansaugpumpen liefern. Das Gas wird angesaugt, es wird von Stickstoff und den Resten von Sauerstoff getrennt. Das Methangas, das Lachgas und den Stickstoff behalten wir. Den Rest von Sauerstoff lassen wir in die Luft. Die ersten Versuche sind erfreulich. Was wir an Gasen und Stickstoff-Verbindungen gewinnen, deckt bisher nur 10 Prozent der Investitionskosten, aber wir sind ja noch in der Versuchsphase. Gas und Stickstoff wird abtransportiert. Bisher wird das in unseren Werken zu Versuchszwecken verwendet. All das ist in den letzten zwei Jahren geschehen. Chénoa und Paco haben da ein enormes Tempo vorgelegt.“

"Es ist noch einiges zu tun. Die Anlagen sind noch anfällig. Die erste Anlage bedeckt vielleicht 0,1 Prozent der gesamten von uns angekauften Fläche, aber Paco sagt, in zwei oder drei Jahren sind wir soweit, dass wir die ganze Fläche bedecken können, und dann werden wir hundert oder zweihundert Prozent Gewinn machen, vielleicht mehr. Wir haben nicht einmal dir etwas sagen dürfen, weil Chénoa und Paco völliges Stillschweigen verordnet haben, um die Grundstückspreise nicht kaputt zu machen. Nur Katharina und Spek sind in einige Projekte eingeweiht worden. Kathy, weil sie die Gelder bewilligen musste, Spek aus Sicherheitsgründen. Auch die mussten den Mund halten, hat Chénoa befohlen. Chénoa wird dir das alles noch in Berlin sagen. Dir und den Freunden.“

"So. Da gibt es noch was. Die Stickstoffverbindungen, die da entstehen, die schöpfen wir auch ab. Du weist ja selbst, wieviele organische Abfälle bei der Herstellung unserer Mac Best Food Gerichte anfallen. Schalen, Strünke, Wurzeln, Blätter, Erde. Bei uns in Ciudad del Sol, und in den anderen Fabriken haben wir große Läger errichtet, in denen wir diese Abfälle zu fruchtbarer Erde verarbeiten. Die Stickoxide aus den Sümpfen können wir beimischen, um den Prozess zu beschleunigen. Die bei diesem Prozess entstehenden Gase fangen wir auf und nutzen sie zum heizen. Chénoa hat mir erzählt, dass ihr das in Europa nicht anders macht. Bei uns in Mexiko ist diese Bio-Erde ein richtiger Exportschlager geworden. Die LKW's bringen den bäuerlichen Kooperativen den Dünger und auf der Rückfahrt transportieren sie Tomaten, Kürbisse und so weiter. Es gibt keine Leertransporte mehr."

Leon unterbricht kurz. "So machen wir das in Wittenberge auch. Die komplette Fabrik läuft mit regenerativen Energien, und auch in der Stadt wird mit dem Abfallprodukt Gas geheizt. Wir treiben die Motoren der Trecker damit an, und auch all unsere Stapler fahren mit Gas aus unseren Bioanlagen. Wir haben unsere Vertragsbauern verpflichtet, keine Kalidünger und keine organischen Dünger aus Kuhscheiße mehr zu verwenden, aber du hast völlig recht. Was wir auf der einen Seite an Treibhausgasen vermeiden, wird auf der anderen Seite in gigantischen Ausmaßen erzeugt. Das System mit den CO2-Zertifikaten hat völlig versagt. Unser großes Problem ist, dass durch die regelmäßige Vernichtung von Wald der Sauerstoffgehalt der Erdhülle massiv schwindet. Wenn wir nicht aufpassen, werden wir irgendwann ersticken. Bei uns in Europa haben wir deshalb die Wälder unter Schutz gestellt, und unsere Bauern haben wir vertraglich dazu verdonnert, zwischen ihren Feldern Busch- und Baumreihen anzulegen. Dort finden eine Menge Tiere Zuflucht, wie z.B. Vögel, die von Maden leben, aber natürlich auch Kaninchen, Igel, Füchse, Rehe, und das trotz der Belastungen aus der Umwelterwärmung Das hat am Anfang viele Diskussionen gegeben, weil die Bauern gejammert haben: die Stare fressen unser Saatgut. Die Karnickel fressen unseren Kohl, die Wildschweine fressen unseren Mais. Alles quatsch. Einzig und allein die Wildschweine waren anfangs ein Problem, aber wir haben die Jäger darauf angesetzt. Bei uns werden die Wildschweine gezielt und sehr erfolgreich geschossen. Wir setzen Drohnen ein, um diese Rudel zu beobachten und aufzuspüren. Das ist völlig lautlos. Ein paar Wildschweine sind ja OK. Sie wühlen die Erde um, aber wir haben das ungehemmte Wachstum dieser Rudel eingedämmt, das es einmal gegeben hat. Wir machen das heute im übrigen auch mit den Waschbären so, die sich ungehemmt vermehrt haben, weil sie keine natürlichen Feinde mehr haben."

Er grinst. "Wildschwein- und Waschbärbraten ist auch was Feines. Bei uns kriegst du das in den Landgasthöfen überall, und auch die Karnickel und die Rehe werden regelmäßig bejagt. Nur im Bayrischen Wald, da geht das schon lange nicht mehr, seit das Kraftwerk in Tschernobyl damals explodiert ist. Es ist nun mal so, dass wir in der bäuerlichen und forstwirtschaftlichen Produktion in die Natur eingreifen, ob wir wollen oder nicht. Dann müssen wir auch dafür sorgen, dass die einzelnen Gattungen in einem natürlichen Gleichgewicht bleiben. Die Alternative wäre der Urwald, in dem sich die verschiedenen Gattungen selbst regulieren. Sowas dauert etwa hundert Jahre, nur braucht es dafür ein Artengleichgewicht. Wir Menschen waren so blöd, Luchse, Wölfe und Bären auszurotten. Die Klimaerwärmung hat viele weitere Arten ausgerottet. In einigen Schutzzonen gelingt die Aussiedlung solcher Gattungen dennoch gut. Zum Beispiel im Harz oder im Nationalpark Bialoweza in Polen. Der Biber verbreitet sich immer mehr. Auch das ist gut. Das traurige ist, dass wir bei uns solche Schutzzonen einrichten. In den USA und in Kanada gibt es das ja auch, etwa ab Oberlauf des Mississippi, oder rund um die Chattahochee Seenlandschaft, aber wir Menschen haben in anderen Teilen der Welt gehaust, wie die Barbaren. Du verstehst, was ich meine?"

Er sieht sie eine Weile an, und Ana Théla spürt seinen Energiestrom, "wenn du später studierst, lege dein Augenmerk immer darauf, die Wissenschaft daraufhin zu überprüfen, dass sie für regenerative Prozesse genutzt werden kann. Gerade in der Massenerzeugung ist das wichtig. Nur haben wir mit unseren Bauern immer darauf geachtet, großflächige Monokulturen zu vermeiden und natürliche biologische Dünger zu verwenden, ohne dass gleichzeitig das Wasser durch Nitrate und die Luft durch Faulgase geschädigt werden."

Ana Théla lacht leise. Ihr Großvater hätte das nicht extra erwähnen müssen. "Das ist die Grundidee indianischen Denkens, und das hat sich in unserer Familie zur Philosophie entwickelt. Wir werden von Umweltverbänden unterstützt. Wir erfahren in den Semesterferien einen regelmäßigen Ansturm von Studenten, die bei uns ihre Praktika machen wollen. Die Lehrstühle an den Universitäten arbeiten gern mit uns zusammen. Bei uns in den Anden gibt es eine richtige Aufbruchsstimmung, trotz der sich ausbreitenden Wüsten, vor allem in Chile."

Sie schließt ihren Vortrag: „So und jetzt bin ich hier. Die Wissenschaftlerin ist jetzt an Untersuchungen über diese Algen. Es könnte sein, dass die Algen weitere Stoffe produzieren, die in großem Stil in der chemischen und pharmazeutischen Industrie eingesetzt werden können. Wie das Zeugs heißt, weiß ich nicht. Das ist einer der Gründe, warum ich mich jetzt mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Biologie und Chemie beschäftigen will. Ich glaube, da entsteht ein riesiger Bedarf an weiteren guten Wissenschaftlern. Naja, du weist ja, dass es in meiner Familie dafür eine Art genetische Begabung gibt, für alles, was mit Pflanzen und Tieren zu tun hat. Ich mache eigentlich nichts anderes, als was ich schon immer getan habe. Chénoa hat auch schon heimlich weitere Flächen aufgekauft. Keine Angst. Sie hat ihr eigenes Geld genommen. Wir haben zusammengelegt. Das Geld, das wir aus den Goldminen haben, die du mal mit Vater und mit Chénoa gefunden hast, das hat sich zwanzig Jahre lang vermehrt. Wir haben es bisher nie angerührt. Jetzt ist die Summe durch die Zinsen und den aktuellen Goldpreis riesig geworden. Wir haben in die Grundstücke bisher nicht einmal vier Millionen investieren müssen. Paco hat sich ins Fäustchen gelacht. Er ist sich sicher, das wird eine Goldgrube.“

Leon hat sich längst gefasst. Seine anfängliche Verblüffung ist in ein Stadium der Berechnung und Einschätzung der Möglichkeiten übergegangen, die sich aus diesem Fund ergeben. „Ihr habt das die ganze Zeit durchgezogen, ohne mir einen Ton zu sagen? Ein Energiestrahl hätte genügt. Ich hätte euch helfen können. Naja, Chénoa hat mich über einige wesentliche Prozesse unterrichtet, aber ich bin nie über Details informiert worden. Chénoa hat das irgendwie verhindert.“

„Opa“, sagt Ana Théla. “Du bist der große Boss, aber Chénoa ist die Chefin in Süd- und Mittelamerika, und sie hat Generalvollmacht. Sie kann solche Dinge alleine entscheiden. Du weist das. Aber hör zu, das, was wir gemacht haben, das ist vorerst noch ein Versuchsballon. Wir Kinder haben das finanziert. Es kostet die Firma keinen Cent, wenn wir damit baden gehen. Weil das bisher nicht durch die Bücher der Firma geht, können wir ziemlich sicher sein, dass unser Vorhaben vorerst noch geheim bleibt. Dabei wollen wir es belassen.“

Leon nickt. „Die Barone werden euch das Gelände nicht mehr verkaufen wollen, wenn sie um diese Ressourcen wissen. Oder sie werden den Grundstückspreis ins Unermessliche steigen lassen. Ihr hättet mir trotzdem mehr darüber sagen sollen, dann hätte ich mich in der UN schon mal nach Schützenhilfe umsehen können.“

Ana Théla schüttelt den Kopf. "Genau das wollte Chénoa nicht. Keine undichte Stellen. Keine Spekulationen. Schon gar nicht die UN. Da kann man gleich eine Reihe von Annoncen schalten, hat sie gesagt."

Leon nimmt die Zurechtweisung an, "und jetzt zu dieser anderen Neuigkeit, der Sache mit dem Veggi-Fleisch und den neuen Pflanzen, die ihr da in Südamerika anbaut. Kannst du mir noch mehr darüber sagen?" „Opa. Das solltest du mit Chénoa besprechen. Sie wird ja in ein paar Tagen diesen Gipfel leiten und dann alles zur Sprache bringen. Wenn ich davon anfange zu erzählen, dann kommen wir heute Nacht nicht mehr zum Schlafen. Aber nun mal was anderes. Ich möchte dir danken für deine Hilfe. Ich bin sicher, dass ich mich hier sehr wohl fühle. Wenn du nichts dagegen hast, dann lege ich mich jetzt in mein Bett. Der Zeit-unterschied macht mir ein wenig zu schaffen. Vielleicht haben wir auch in den nächsten Tagen Zeit, darüber ausführlich zu reden.“

Leon nickt. Dann könnte er jetzt in Ruhe über alles nachdenken, seine Unterlagen durchsehen und auch ein wenig telefonieren. Diese Nachrichten aus Südamerika sind wirklich der Hammer. Seine Tochter entwickelt sich zu seiner Nachfolgerin. Sie hat Instinkt. Sie hat Durchsetzungskraft. Sie ist kompetent und entscheidungsfreudig, und sie ist innerhalb ihrer Familie mit der größten Kraft von allen ausgestattet. Er weiß längst, dass Chénoa ihr Land Peru und die unmittelbaren Nachbarstaaten völlig im Sack hat. Wenn das in Europa und den USA nur halb so gut funktionieren würde, dann wäre er glücklich, von Russland, Asien und den islamischen Ländern ganz zu schweigen. Er hat wirklich keinen Grund, mit Chénoa zu hadern. Sie ist bereits jetzt viel besser als er, und sie lernt von Jahr zu Jahr dazu.

In Mexiko schicken die Sirenen der Fabriken gerade die Arbeiter in den wohlverdienten Feierabend. Die nächste Schicht beginnt. Mal sehen, ob er Paco noch erreichen kann. Er ist gerade im Gehen und Leon meint nur. „Chénoa ist hier. Sei in zwei oder drei Tagen in Berlin. Wir brauchen deinen Rat.“

Paco weiß bereits Bescheid. Chénoa hatte ihn nach Berlin bestellt. Er weiß auch den Zeitpunkt. Dienstag um 18 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Er würde jetzt das Wochenende Zeit haben, um sich schönen Mädchen zu widmen. Allein der Gedanke daran lässt sein Glied schwellen. Er ist ein schlimmer Schürzenjäger, aber in der Arbeit ist er völlig korrekt.

6.

Artemis hatte sich über seine Nachkommen in dieses Gespräch als Beobachter eingeklinkt. Was da besprochen wurde, war ganz in seinem Sinn, aber die Erfolge, die Leon da mit seiner Sippe erzielt, die sind wie ein täglicher Kleinkrieg. Ein zähes Ringen um Macht und um Positionen. Meine Güte, was sind diese Menschen in ihrer Gesamtheit für ein Haufen Trottel in ihrer Gier nach Geld und Macht, und nun ja, oft geht es auch ums pure Überleben, oder das, was als Naheliegendes dafür gehalten wird. Er beschließt, weitere Zellteilungen vorzunehmen, um die Prozesse in seinem Sinne zu beschleunigen. Hier geht es schließlich auch um die Lebensgrundlage seiner eigenen Sippe.

7.

Ana Théla geht am nächsten Morgen mit Leon in sein Büro. Daniel hat eine Mitarbeiterin geschickt. Sie soll die neue Praktikantin abholen.

Der Chef hätte jetzt keine Zeit, meint sie, und sie würde Ana Thela erst mal im Werk herumführen und ihr alles zeigen, das Versuchslabor, die Anlieferung von Gemüse, die Wasch- und Sortieranlagen, die Garkessel und die Verpackungmaschinen, die Tieffroster und die riesigen LKW’s an den Laderampen, die tiefgekühlte Ware überall in Europa verteilen würden.

Schon im Versuchslabor hält Ana Thèla ihre Begleiterin, die Marion heißt, am Arm fest. „Das geht mir zu schnell. Haben Sie Zeit für mich?“ Marion seufzt. „Soviel, Sie wollen.“

„Gut“, bestimmt Ana Théla, "dann geb’ ich das Tempo vor." Sie schaut überall. Sie läßt sich die Vorgänge genau erklären. Sie spricht mit Arbeitern und Grupenleitern. Sie spricht selbst mit den LKW Fahrern. Wie ist das mit den Frachtpapieren. Wie mit der Kühlung, Welche Fahrzeiten müssen sie einhalten. Wieso haben die alle einen Hubwagen am Heck? Marion seufzt. Sie ist extra für dieses Mädchen abgestellt worden, aber die will ja wirklich alles ganz genau wissen. Irgendwann kann sich Marion mal frei machen, und sie berichtet ihrem Chef.

„Marion“, meint Daniel, „lass’ sie einfach. Begleite sie, gib ihr jede Auskunft. Denke daran, dass dieses Mädchen in ein paar Jahren deine Chefin sein könnte.“ Er sieht sie an. „Ich meine das wirklich ernst.“ Dann schickt er Marion zurück.

Ana Théla ist gerade beim Kosten. Das mit der Garzeit, warum ist das gerade so. Was ist in den Gewürzmischungen drin? Warum sind die Mischungen für Frankreich anders als für Italien? Wie ist das mit dem Froster? Wieviel Grad hat der? Was ist, wenn die Kühlkette unterbrochen wird. Muß man sie dann sofort verzehren, wegwerfen, oder kann man sie wieder einfrieren?

Ana Théla hält den Betrieb an diesem Tage etwas auf, und die Gruppenleiter sind froh, wenn sie weiterzieht.

Am nächsten Morgen zieht Daniel seiner Praktikantin einen Kittel an und stellt sie an die Maschine. Nicht alleine, nein. Sie begleitet eine der Arbeiterinnen, und erfährt an diesem Tag viel mehr über diesen Teilabschnitt.

Am Freitag Abend meint sie. „Opa. Ich spring jetzt nach Berlin. Chénoa bleibt bei ihrem Daniel. Sie haben an diesem Wochenende etwas vor. Ich will dir auch nicht zur Last fallen. Gibt es hier irgendwo ein Zimmer für mich?“

Leon greift zum Telefon, wählt sich ein, spricht leise in den Hörer, dann dreht er sich zu Ana Thela. "Wir haben hier ein Wohnheim für Auszubildende. Da wohnen einige Polinnen und noch ein paar andere. Getrennte Zimmer, gemeinsame Küche, ein großes Wohnzimmer, und es gibt einen Wasch- und Trockenraum. Da ist noch ein Zimmer frei. Soll ich dich hinbringen?"

Als Ana Théla nickt, lässt sich Leon ein Auto mit Fahrer schicken. Er hat immer noch keinen Führerschein.

Wenige Minuten später sind sie in diesem kleinen Ort, der mit der Fabrik gewaltig gewachsen ist, und der nun immerhin schon 65.000 Einwohner zählt. Sie arbeiten fast alle in der Fabrik. Genaugenommen gehört dieser Ort der Fabrik, und die Nachbargemeinden auch. Die Fabrik sorgt hier für den Wohlstand aller. Bauern, Zulieferer, Handwerker, Baufirmen, Transportfirmen, Lehrer und Müllmänner, Anwälte und auch Stadtverordnete. Alle leben von dieser Fabrik.

Leon klingelt. Ein Mädchen, vielleicht 15 Jahre alt, macht auf. Sie spricht nur gebrochen deutsch.

Ana Théla legt den Kopf etwas schief, dann fängt sie an zu summen.

Es ist wie immer. Wie, wenn ein Großrechner plötzlich anfängt, die Worte, die Silben, die Stimmhöhe, die Phonetik, das Klangbild, den Atem, den Schweiß, die Gestik, die Mimik und die Augenkontakte in einem Schnelldurchlauf zu analysieren, zu zerstückeln und wieder zusammenzusetzen, auf der Suche nach bekannten Mustern. Ana Théla versteht innerhalb von wenigen Minuten, was das Mädchen in ihrer Sprache meint, und sie kann diese Wortlaute auch selbst anwenden. Sie bleiben in ihrem Gedächtnis, und sie wird sie nie mehr vergessen.

Teil 3, Kapitel 2.

Die Stiftung "Kultur und Kommunikation" und die Cyber-Gesellschaft. Aufgaben und Positionierung im globalen Spiel der Kräfte

1.

Die Mac Best Food Company gehört der gemeinnützigen Stiftung Kultur & Kommunikation mit Sitz in Berlin.

Der Stiftungsrat besteht fünf geschäftsführenden Migliedern, die wir schon kennengelernt haben: Leon del Sol, Dr. Robert Michelsen (Roy), Dr. Winfried Broseke (Spek), Katharina Papandreou (Kathy) und Chénoa del Sol (die Tochter von Leon). Außerdem gibt es einen Beirat, der in kulturellen Fragen hinzugezogen wird, und einen Beirat, der in wirtschaftlichen Fragen berät und beteiligt ist. Die Beiräte sind hier aber von untergeordneter Bedeutung. Auch Roy und Spek treten in der nun folgenden Geschichte nur sporadisch in Erscheinung, aber sie bestimmen das Geschehen hinter den Kulissen ganz entscheidend mit.

Die Satzung der Stiftung beinhaltet einerseits die Förderung von Kultur, andererseits die Unterstützung von Menschen, die im Sinne der Satzung als förderungswürdig angesehen werden, die Unterstützung von interkulturellem Austausch, und der Bewahrung und Intensivierung von Face-to-Face-Relations, bzw. der Verbesserung dessen, was man Human Relationship nennt. Das ist der Stiftung angesichts der elektronischen Vernetzung, der damit einhergehenden privaten Isolation, und der in den letzten Jahrzehnten immer intensiver gewordenen Konflikte zwischen einzelnen Volksgruppen und Religionen wirklich wichtig.

Die Stiftung betreibt drei soziale Großprojekte, das Kultur-Zentrum in Berlin, die Ausgrabung der Königsstadt der Pèruche Kultur, sowie die Bank für Kleinkredite.

Das Zentrum in Berlin ist ein Gemisch aus Jugendzentrum, Musikakademie, Sport- und Erlebniszentrum zu dem täglich zehntausende von Jugendlichen pilgern. Es gibt sonst nichts vergleichbares in Europa.

In Peru gibt es diese Ausgrabung der Königsstadt, ein indianisches und ein internationales Kulturzentrum, sowie ein großes Hotel mit 500 Zimmern, das der Stiftung gehört.

Die Einrichtungen dienen nicht nur ideellen Zielen, sie sind außerdem Wirtschaftsunternehmen mit einen enormen finanziellen Mehrwert. Anders als bei städtischen oder kommunalen Einrichtungen, wie etwa bei Schulen, Bibliotheken oder Schwimmbädern, sind diese gemeinnützigen Projekte keine Zuschussbetriebe. Sie tragen sich selbst, und sie erwirtschaften auch noch Gewinn, der in viele verschiedene andere soziale Projekte fließt.

Im dritten Projekt der international tätigen Bank für Kleinkredite steckt nicht nur eigenes Geld drin, sondern auch das Geld von Freunden aus der Finanzwelt. Eine Bank, die an Bauern und Kleinunternehmer Mikro-Kredite vergibt, damit sie ihr eigenes Unternehmen finanzieren können. Das kann eine Rikscha sein, Saatgut, ein Tiefbrunnen für die Bewässerung, Regale für das Lager, ein Pflug, eine mechanische Tret-Nähmaschine, oder ein Eselskarren, eben alles, was hilft, einer Familie zum Überleben zu verhelfen. Manchmal sind das nur ein paar Dollar, aber das reicht in den ärmsten Ländern, um sich eine Existenz aufzubauen. Die Bank arbeitet mit Teams aus Technikern und Ökonomen zusammen, um Projekte zu begleiten, oder um Starthilfen zu geben. Es ist nicht das Ziel, finanzielle Gewinne für die Bank zu erzielen, sondern dafür zu sorgen, dass die Armut in der Welt durch tatkräftige Unterstützung bekämpft wird. Es ist ein Hilfsfonds, der von vielen Spendengeldern und von festen Einlagen lebt. Man kann mit ein paar Euro im Jahr Patenschaften für einzelne Projekte übernehmen. Auch diese Bank für Kleinkredite ist ein gemeinnütziges Unternehmen, das weltweit Steuerfreiheit genießt. Einlagen kann man bequem steuermindernd geltend machen.

2.

Die Stiftung in Berlin hat in den vergangenen drei Jahrzehnten außerdem eine ganze Reihe von Wirtschaftsunternehmen gegründet, die helfen sollen, die Ziele der Stiftung zu verwirklichen. Juristisch gesehen handelt es sich hierbei um eine Holding, und die Vorstandsmitglieder der Holding sind identisch mit dem Stiftungsrat. Die Holding nennt sich kurz VVÖP oder "Verwaltungsgesellschaft für die Entwicklung, Produktion und den Vertrieb von ökologischen Rohstoffen, Verfahren und Produkten". Von Freunden wird sie nur als "die Holding", oder auch als "die Company" bezeichnet, weil man mit dem Kürzel VVÖP nun einmal nichts verbindet. Oft wird aber nur der Begriff der Stiftung verwendet. Es hat sich im Bewusstsein durchgesetzt, dass hinter all den Aktivitäten eben diese gemeinnützige Stiftung steht.

Leon, Kathy, Spek und Roy sind schon aus ihren Kindertagen miteinander befreundet. Sie haben sich einmal dem Schutz der Schwachen in der Gesellschaft verschrieben. Dazu gehört auch die Förderung junger Talente aus den verschiedensten Bereichen, selbst dann, wenn das am Anfang nur viel Geld kostet und nichts einbringt.

Die Unternehmen der Holding dienen also nicht in erster Linie der persönlichen Bereicherung der jeweiligen Vorstände, wie das sonst üblich ist, sondern sie dienen sozialen Zwecken, entsprechend der Satzung der Stiftung, die wiederum Eigentümer der Holding ist. Anders als bei vielen anderen Stiftungen nimmt es der Stiftungsrat mit dieser Maxime wirklich ernst. Diese Stiftung ist auch kein Steuersparmodell, in dem Gelder gewaschen werden, obwohl viele Aktivitäten tatsächlich von der Steuer befreit sind.

Aus der Sicht der Vorstandsmitglieder bedient man sich der kapitalistischen Grundstruktur, um soziale Projekte zu initiieren und zu unterstützen, die vielfach identisch sind, mit einem schonenden Umgang mit der Natur und mit dem Erhalt von natürlichen Resourcen. Es geht nicht in erster Linie darum, eine hohe Rendite zu erwirtschaften, und um privaten Reichtum anzuhäufen, es geht vielmehr darum, das verdiente Geld sozialverträglich, nutzbringend und nachhaltig anzulegen.

Natürlich geht es bei globalen Unternehmen auch um den Einsatz von sehr viel Geld. Viele Kleinbeträge ergeben summarisch eine große Summe. Es gibt also in dieser Holding Finanzpläne, und es gibt einen Haushalt. Das eingesetzte Geld dient als Lebensgrundlage vieler Menschen, und deshalb muss man Fehlplanungen und Verluste vermeiden. Fehlplanungen beziehen sich gemäß der Satzung der Stiftung aber nicht im eingesetzten Kapital zur Förderung von Human Relations. Das sind Ausgaben, die man in der Wirtschaftswelt gerne als Faux Frais oder als "vebranntes Geld" bezeichnet, sondern in der Vermeidung von Fehlinvestitionen bei Wirtschafts- und Finanzprojekten. Durch ein ungeschicktes Management kann man in wenigen Tagen immens viel Geld verlieren. Jeder Vorstand und jede Geschäftsführung versucht das zu vermeiden. Das ist nicht nur bei der VVÖP so.

So ganz ohne Eigennutz ist das trotzdem nicht. Es geht darum, der Philosophie des Clans Gewicht zu verleihen. Man könnte grob sagen, dass die drei Ideale der französischen Revolution gelten. Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit. Die französischen Revolution von 1789 war in den Folgejahren zu einem blutigen Gemetzel ausgeartet. Mit solchen Fehlentwicklungen wollen die fünf Freunde nichts zu tun haben, und mit einem gewalttätigen gesellschaftlichen Umbruch schon garnicht, also dass was man als eine Revolution auf der einen, und einen militärischen Putsch auf der anderen Seite bezeichnet. Sie denken an einen friedlichen demokratischen Wandel auf der Grundlage des Humanismus, der ziemlich langwierig sein kann, wenn er denn effektiv und nachhaltig wirken soll. Ohne ausreichende Geldmittel geht das nicht, und ohne eine operative Kontrolle der Unternehmen geht das auch nicht. Dieser Weg muss immer wieder durchgesetzt werden gegen andere Interessen, und es wird immer Widerstände und Rückschläge geben. Abgesehen davon ist eine solche gute Absicht schon bei anderen Gruppen ins Gegenteil umgeschlagen, sobald sie die Macht erringen konnten. Die Geschichte ist voller Negativ-Beispiele.

Außerdem ist da noch der ökologische Gedanke, den hat es in der französischen Revolution noch nicht gegeben. Auch wenn die Vorstandsmitglieder der Stiftung gelernt haben, bescheiden zu leben, so gibt es doch gesellschaftliche Zwänge zur Repräsentation, und natürlich verdienen die Vorstandsmitglieder nicht schlecht. Sie können sich große Wohnungen und teure Autos leisten, wenn sie wollen.

Das jüngste Vorstandsmitglied Chénoa Maria ist erst seit zehn Jahren in diesem Vorstand, aber Chénoa hat dieselbe Philosophie wie alle anderen Vorstände auch. Sie treffen sich einmal im Jahr zu regelmäßigen Vorstandssitzungen, und es gibt außerordentliche Zusammenkünfte. Für Außenstehende war es verwunderlich, dass ein damals 18-jähriges Mädchen ohne jedes Universitätsstudium in den Vorstand einer global agierenden Holding berufen wurde, aber Chénoa war schon immer eine herausragende Persönlichkeit.

3.

Schauen wir uns die fünf Vorstände und ihre heutigen Aktivitäten einmal genauer an.

Spek (oder bürgerlich Dr. Winfried Broseke) ist Seniorchef einer großen Anwaltskanzlei in Berlin, die sich mit Verträgen, Lizenzen, Internetrecht und Copyright beschäftigt, aber das ist nur ein Teil seiner Aktivität. Tatsächlich ist Spek der oberste Sicherheitschef aller Unternehmungen der Holding. Er steht in Verbindung zu verschiedenen Sport- und Kampfschulen, es gibt eine eigene Sicherheitstruppe von Ordnern, Objekt- und Personenschützern mit Uniformen, und mit der Lizenz Waffen zu tragen, und sie im Notfall auch zu benutzen, und es gibt ein geheimes Regime, um Gegnern Schaden zuzufügen. Um dieses Regime wird ein großes Geheimnis gemacht. Es operiert stets verdeckt und sehr effizient. Nur Wenige wissen, dass es dieses Regime wirklich gibt, und wer etwas weiß, der hält den Mund. Der lange gepflegte Schutzmechanismus der Clans greift durch. Man redet über bestimmte Maßnahmen eben nicht in der Öffentlichkeit. Man tut, was man tun muss. Natürlich gibt es auch gut sichtbare Sicherheitskräfte mit Uniformen und Pistolen, die überwiegend bei Mac Best Food und in den Hotels eingesetzt werden.

Dr. Robert Michelsen, oder kurz Roy, ist ein begnadeter Organisator. Er ist der Einzige in der Gruppe, der Wirtschaftswissenschaften studiert hat. Er ist Mitglied im Olympischen Kommitee, und einer der leitenden Köpfe beim deutschen Sportbund. Seine Aufgabe in der Stiftung ist es, junge Talente zu entdecken und zu fördern. Unendlich viele junge Leute sind schon durch seine Hände gegangen. Chemiker, Biologen, Anwälte, Musiker, Straßenkünstler, Sportler, Kameraleute, Kostümbildner, Ingenieure, aber auch Bäcker, Friseure und Installateure. Menschen, die es ohne seine Hilfe wohl nie geschafft hätten, ihren Lebenstraum zu erfüllen.

Roy steht seit Jahren in regelmäßigem Kontakt mit allen möglichen Sozialarbeitern, Streetworkern und Sozialbehörden in ganz Europa, um in Auseinandersetzungen und sozialen Konflikten helfend einzugreifen, und um Unterstützung zu gewähren. Viele seiner Helfer sind enge Freunde, und sie leisten diese Arbeit freiwillig, in Schulen, in Vereinen, in Jugendtreffs und in Wohngruppen, aber es gibt auch Verbindungen zu professionellen Ärzten und Psychologen, denn manchmal ist Hilfe angesagt, wo es keinen Krankenschein gibt, insbesondere bei Flüchtlingen oder illegalen Immigranten.

Roy übt diesen Job gemeinsam mit Katharina aus, die dem Kulturzentrum in Berlin vorsteht. Kathy, mit bürgerlichem Namen Katharina Papandreou, ist Rechtsanwältin, so wie Spek, aber sie hatte sich ursprünglich ganz auf die Leitung des Kulturzentrums konzentriert. Eine Einrichtung, die Eventhalle, Vergnügungszentrum, Jugendzentrum und Akademie zugleich ist, und zu der täglich Tausende von Jugendlichen strömen. Es gibt hier feste Proberäume für Musikgruppen, Tänzer und Straßenkünstler, es gibt Konzertsäle, Kneipen und diverse Geschäfte, vom Musik- bis zum Kleiderladen. Schuhe, Mützen, indianische Folklore oder indische Räucherstäbchen. Hier kannst du alles kaufen, was zur Szene gehört, außer Drogen. Die sind im Zentrum geächtet, egal ob Mescalin, Heroin, Speed, Partydrogen oder das vergleichsweise harmlose Dope, von manchen auch Gras oder Marihuana genannt.

Es git im Zentrum mehrere Halfpipes, darunter auch die größte Wettkampf-Halfpipe in Europa mit 18 Metern Höhe, Tennisplätze, Squash und einen BMX Parcours. Es gibt Studios fürs Fernsehen und ein Kommunikationszentrum für Journalisten, und natürlich gibt es auch mehrere Internetcafés. Über Smartphones oder Tablets kann man sich auch bequem und kostenlos in den Hotspot einwählen, überall im Zentrum. Kathy wohnt in diesem Zentrum. Sie hat im obersten Stockwerk eines der Gebäude eine ganze Etage für sich und ihre Kinder, die inzwischen auch schon wieder erwachsen sind, so dass Kathy dort im Moment alleine wohnt, wenn sie nicht Besuch von einem oder mehreren Mitgliedern der großen Familie hat. Sie hat viele Helfer, die sich mit der Förderung von jungen Talenten beschäftigen, und sie steht offiziell auch der Schutztruppe aus jungen Leuten und professionellen Ordnern vor, die im Zentrum ein Zuhause gefunden haben. Sie ist eine der Wenigen, die über die geheimen Regimes von Spek wirklich gut Bescheid wissen.

Es gibt im Zentrum auch ein Sportzentrum für Kickboxen und fernöstliche Kampftechniken, es gibt eine Waffenkammer, und es gibt eine teils gut verdeckte, teils bewusst sichtbar gemachte Videoüberwachung. Kathy ist außerdem mit dem Innensenator in Berlin befreundet. Sie berät den Senat der Stadt und die Bundesregierung, und sie ist Mitglied der Industrie- und Handelskammer, sowie der Handwerkskammer mit beratender Funktion. Im Zentrum gibt es sogar eine eigene Jobbörse, die unter der Leitung von Kathy von Jugendlichen für Jugendliche organisiert wird. Die Landesregierung von Berlin hatte die Arbeit der Jobbörse abgesegnet, als es vor Jahren einmal zu Kompetenzstreitigkeiten mit dem Arbeitsamt gekommen war. Diese Einrichtung ist in der Vermittlung von Jobs und der Betreuung junger Leute wirklich effektiv und nachhaltig, und hat beste Kontakte zur Wirtschaft und zum Handwerk, besser noch als das Arbeitsamt. Das kommt daher, weil diese Jobbörse sich wirklich um Jobs für, und die Betreuung von Jugendlichen kümmert, und Arbeitslosigkeit nicht nur verwaltet.

Nachdem die Stiftung ihre Aktivitäten um diverse wirtschaftliche Unternehmen erweitert hatte, war es notwendig geworden, diese Aktivitäten in einer Hand und unter einer finanziellen Leitung zu bündeln. Kathy wurde damals die oberste Finanzchefin der Holding, und sie ist eine der beiden "Frauen" von Leon del Sol, der offiziell der geschäftsführende (General-) Direktor aller Unternehmen ist, und als solcher ständig unterwegs sein muss. Mal in Europa, mal in Australien, mal in den USA oder in China. Nur Süd- und Mittelamerika hat er komplett seiner Tochter Chénoa überlassen. Die managt das seit Jahren besser, als er das selbst jemals gekonnt hätte. Er muss sich da nicht mehr einmischen, außer, er wird von Chénoa um Hilfe gebeten. So kommt es, dass auch alle Werke in Mexiko unter Leitung von Leons Sohn Paco seiner Tochter Chénoa unterstehen.

Das Zentrum in Berlin ist für solche Verwaltungsaufgaben viel zu klein. Auch der Rahmen stimmt nicht. Die Stiftung hatte sich zwischen dem Gelände des Zentrums und Berlin Mitte schon vor vielen Jahren diverse Areale gesichert, als es hier noch keine Baugrundstücke gab. Damals war die Gegend noch dicht bewaldet gewesen. Heute ist das gesamte Areal in ein Mischgebiet aus Villen, Wohnblocks und Gewerbebetrieben übergangen, mit ständiger Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. Hier hatte sich die Holding vor Jahren auch ein neues und großes Verwaltungsgebäude gebaut, und hier hat Kathy ihre zweite und vielleicht noch einflussreichere Tätigkeit als Finanzvorstand. Hier treffen sich in der Regel auch die Vorstände zu ihren Sitzungen, abgeschirmt von einem Heer aus Zuarbeitern und Sekretärinnen.

Leon ist nicht nur der Chef von Sun Food und von vielen Unternehmen im Bereich alternativer Energien, er ist außerdem der Scout der Stiftung, und er ist unglaublich innovativ, wenn es darum geht, der Unternehmensgruppe neue Einnahmequellen zu verschaffen. Eine der Unternehmungen ist die eingangs kurz beschriebene Mac Best Food Company. In Europa ist die Fabrik in der kleinen Stadt Wittenberge in Brandenburg angesiedelt, und sie bestimmt die Geschicke einer ganzen Großregion. Das Gelände der Fabrik ist um vieles größer als die Ausdehnung der kleinen Stadt. Es gibt weitere Fabriken in England, in Spanien, in Süd- und Mittelamerika, im Süden der USA, in Kanada und in Asien. Auch Leon berät gelegentlich die Bundesregierung und außerdem den europäischen Rat, den Präsidenten der USA und die UN. Er ist in den vergangenen 12 Jahren dreimal zum Unternehmer des Jahres gewählt worden, weil alles, was er anfasst, von Engagement getragen wird, und als äußerst effizient gilt. In den USA hat er sogar einen Orden für sein Wirtschaftsengagement erhalten, und das obwohl er als Deutscher gilt. Auch die Produkte von Mac Best Food sind schon mehrmals prämiert worden. Man hat ihnen wiederholt das Siegel "Best Food" und den "Green Award" verliehen. Auch das ist passend, findet sich doch das Siegel "Best Food" im Namen der Company wieder.

In diesem Unternehmen arbeitet auch Frederik, der Sohn von Leon und Kathy, dem in den USA die Leitung der Ausbildung der Mitarbeiter anvertraut worden ist. Frederik Papandreou, kurz Fred gerufen (der Sohn von Kathy und Leon), ist innerhalb von Mac Best Food / US als Leiter der Ausbildung zwar einer der leitenden Direktoren, aber er ist nicht Mitglied des inneren Zirkels der fünf Vorstandsmitglieder der Stiftung. Auch er ist einer dieser Mutanten, also ein Nachkomme von Artemis, der diesem Clan seinen Stempel aufgedrückt hat.

Chénoa Maria del Sol, die älteste Tochter von Leon, steht eigenverantwortlich sämtlichen Unternehmungen in Süd- und Mittelamerika vor. Es gibt Fabriken für die Entwicklung und den Bau von Solaranlagen, von energieeffizienten alternativen Antrieben, von Kraftwerken und von chemischen Verbindungen. Auch die neuen Anbauflächen für Nahrungsmittel in Peru und einigen Nachbarstaaten gehören zu Chénoas Aufgabenbereich. Es gibt Kühlhäuser, und es gibt ein ausgefuchstes System der Logistik. Im Transportbereich bedient sich Chénoa der Mithilfe von Drittunternehmen, die über genügend Lastwagen verfügen. Außerdem untersteht ihr offiziell die archäologische Ausgrabung in der kleinen Stadt Ciudad del Sol. Genau genommen teilt sie sich die letztgenannte Aufgabe seit 10 Jahren mit ihrem Vater Leon und mit ihrer leiblichen Mutter, der Archäologin Mila, aber Chénoa ist verantwortlich für die korrekte operative Abwicklung der Ausgrabung, und die Abstimmung mit den beteiligten Behörden. Der Einsatz von Geldmitteln ist immens, aber die Gewinne, die aus Erlösen für Gold- und Silberfunde, Abzeichen, Schwertern, Tonfiguren, und Edelsteinen resultieren, die sind noch größer, ganz zu schweigen von dem Imagegewinn und dem steten Strom an Touristen, die von diesem Weltkulturerbe angelockt werden. Hier gibt es auch das Hotel der Stiftung mit seinen 500 Zimmern, und der Sport- und Eventhalle mit internationalen Musik- und Kulturdarbietungen.

Obwohl Chénoa erst 28 Jahre alt ist, ist sie einer der führenden Köpfe der Unternehmensgruppe. Sie ist weitsichtig. Sie kann ungeheure Ströme an Energie erzeugen, und die Gedanken von Menschen beeinflussen, auch über weite Entfernungen hinweg. Das gelingt ihr, weil sie die Fähigkeit entwickelt hat, 35% ihrer Gehirnkapazität unter Kontrolle zu bringen. Eine außergewöhnliche Gabe, die sie durch genetische Vererbung einerseits, durch gezielte Unterstützung durch ihren Vater, ihren großen Bruder Nakoma und durch die Hilfe von Artemis erhalten hat, jenem legendären Führer der Cantara, der irgendwo in der Welt herumzieht, um die Geschicke der Familie zu begleiten, stets über einen Energiestrom verbunden mit seinen Nachkommen, die sich in den Gehirnen von Leons Familie eingenistet haben.

Chénoa weiß, dass da irgendetwas ist, zu dem sie gehen kann, wenn sie einmal keinen Rat mehr weiß. Dann öffnet sich ein Tunnel und sie kann mit diesem Etwas sprechen. Dass sie ein Mutant ist, weiß Chénoa nicht, aber sie hatte in sich selbst hineingeblickt, und ihre DNA und ihr Genstrang ist eindeutig anders, als bei anderen Menschen. Sie hat denselben Genstrang auch bei ihren Geschwistern gesehen. Sie weiß, dass da bei Ihrer Geburt etwas Geheimnisvolles passiert ist, sie sieht diese ungeheuren Kräfte, mit der ihre Familie ausgestattet ist, und sie weiß, dass diese Familie aus irgendeinem Grund ausgewählt worden ist, um auf dieser Erde eine besondere Rolle zu spielen. Sie ist nicht überheblich. Das ist kein Wissen um eine falsch verstandene Elite, und Chénoa hat diese führende Rolle in einer Art Demut angenommen, von dem, was sie als "Etwas" bezeichnet.

Chénoa ist Mitglied der Bürgerlich-konservativen Partei in Peru, sie gehört in drei Staaten der Industrie- und Handelskammer an, und sie ist Mitbesitzerin von mehreren Minen in Peru, Bolivien und Chile. Sie hatte außerdem mit ihrem Vater und ihrem Stiefbruder Nakoma weitere Goldadern entdeckt und zumindest teilweise ausgebeutet, soweit dies umweltverträglich, und ohne den großflächigen Einsatz von Chemikalien möglich war. Chénoa ist sehr reich, aber sie hängt Informationen über ihr tatsächliches Vermögen nicht an die große Glocke. Sie stapelt lieber tief, sie zieht die Fäden im Hintergrund, und sie hat nicht den Ehrgeiz sich mit teuren und privaten Luxusartikeln von anderen abzuheben.

4.

Was die fünf Freunde nicht wissen, ist, dass sie von einem geheimnisvollen Wesen angeleitet werden, das einmal den Weg zur Erde gefunden hat. Chénoa sagt dazu "das Etwas", aber sie spürt jeden Tag die Kraft, die ihr von diesem "Etwas" gegeben wird.

Was sie auch nicht wissen, ist, dass Artemis inzwischen vielen weiteren Menschen einen Teil seiner Fähigkeiten abgegeben hat. Nicht soviel, wie Leon oder Chénoa, aber doch genug, um einen Teil ihres Gehirns mehr zu nutzen, als andere. Vor allem, um Erkenntnisse und Handlungsweisen zu entwickeln, die den Zielen von Artemis dienlich sind. Dazu gehören auch Spek, Roy und Katharina. Sie wissen es nur nicht, und sie haben keine sichtbaren übernatürlichen Kräfte, aber sie haben den Energieschub gespürt, damals, als die Kinder von Artemis in ihre Köpfe eingezogen sind. Sie gelten alle als geniale Unternehmensführer und verbreiten eine regelrechte Aura von Macht, Überlegenheit, und Sachautorität, überall, wo sie auftauchen, aber ohne irgendwie nur ansatzweise überheblich zu wirken.

Auf diese Art der Unterwanderung hat Artemis schon lange weitere Interessenvertreter gewonnen, die Leon und Chénoa den Rücken stärken, ohne dass sie sich dessen bewusst sind. Darunter sind alle möglichen Politiker, Wirtschaftsgrößen, Ingenieure, Künstler, Professoren oder Studenten, die inzwischen ähnliche Anschauungen vertreten wie die Sippe von Artemis. Sie haben nur ein klein wenig Kraft von Artemis bekommen, aber das reicht, um sie zu einem Teil des Clans von Leon und Chénoa zu machen.

Artemis hat aus seinen Beobachtungen der vergangenen Jahre gelernt. Eine Handvoll Mutanten ist nicht genug, um die Erde wieder in eine natürliches Gleichgewicht zu bringen. Das ist ein Prozess, der noch lange dauern wird.

5.

Seit Jahrzehnten hat sich eingebürgert, dass die Menschheit in ihrer großen Mehrheit völlig abhängig von elektronischer Kommunikation geworden ist. Das sind die Generationen von Smartphone-Nutzern, von Apps, und von kommunikativen Diensten, wie Twitter, Google, Wikipedia, Linkedin oder Facebook. Ohne Computer, ohne Smartphone und ohne Apps sind viele Menschen orientierungs- und hilflos. Es wird auf dem Smartphone herumgezappt während man isst, während man Auto fährt, beim Einkaufen, beim kacken, oder beim Liebe machen. Eine Landkarte oder ein gedrucktes Buch ist für viele zu einem Fremdwort geworden. Bücher, Artikel, Bilder gibt's über die Dienste von Google und Anderen, mit manchmal kostenlosen Apps, oft auch von Musik, aber da muss man aufpassen, dass man keine teure Abmahnung kassiert.

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22 aralık 2023
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720 s. 1 illüstrasyon
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9783942652636
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