Kitabı oku: «Der Wolfsmann»
Hans-Peter Vogt
Der Wolfsmann
(Odins warrior)
Reihe: Die Wächter des Lebens, Band 5
E-Book / Deutsche Ausgabe
© vogt multimedia verlag, Reinheim / E-Book / Ungekürzte Ausgabe
1. Auflage 2018 / Alle Rechte vorbehalten / ISBN 978-3-942652-69-8 /
Empfohlen ab 14 Jahren
Autor: Hans-Peter Vogt / Umschlagentwurf: © vogt multimedia design / Verlag: © vogt multimedia verlag, Dr. Hans-Peter Vogt, Erlenweg 18, 64354 Reinheim
Vertrieb: Libreka / erhältlich in über 1000 e-Book-Shops
Wir brauchen Phantasiewelten und die Geschichten über unsere Vergangenheit, um über das eigene Leben reflektieren zu können. Durch die Geschichte unserer Völker werden uns Werte Überliefert, die unser Denken und Handeln bestimmen
Inhaltsangabe / Index
Titel, Autor, Impressum
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Zum Vorverständnis des Buches
Kapitel 1. Ein Tag, der alles im Leben verändert
Kapitel 2. In einem fremden Land
Kapitel 3. Im Dorf der Wikinger
Kapitel 4. Kindheit bei den Nordmännern
Kapitel 5. Der Wolfsmann
Kapitel 6. Die Herzogin von Köbenhaun
Kapitel 7. Der Bote
Kapitel 8. Der Neubeginn
Kapitel 9. Märkte, Unterwerfung und Widerstand
Kapitel 10. Die Sicherung der Macht
Kapitel 11. Der Missionar
Kapitel 12. Die Rückkehr nach Berlin
Nachtrag
Anhang / Anmerkungen:
1. Die handelnden Personen im Buch und weitere Informationen
2. Was man über die Zeit der Wikinger wissen sollte
3. Drachenboote und die nordischen Mythen
4. Der Autor
Einleitung
Zum Vorverständnis dieses Buches:
Auch der Band 5 der Reihe der Wächter des Lebens handelt von der Familie und den Freunden von Leon. Der Ausgangspunkt des Buches ist das Jahr 2079. Leon ist eines natürlichen Todes gestorben, und er hat eine große Zahl an Kindern, Enkelkindern und Urenkeln hinterlassen. Eines dieser Urenkelkinder ist Alf, der mit vollem Namen Alvarez heißt. Es ist ein mexikanischer Name, der aus der Heimat seiner Großmutter stammt. Alf ist der jüngste Sohn von Elvira. Alfs Vater ist Rochen, der die Sicherheitsabteilung der großen Firmengruppe leitet, die Opa Leon in Europa seinen Enkeln hinterlassen hat.
Alf ist der Hauptdarsteller dieses Buches. Er hat Urgroßvater Leon schon gar nicht mehr persönlich gekannt, und auch seinen zweiten Urgroßvater, nach dem er benannt ist, den hat er nie gesehen, aber er hat Geschichten über die Großväter gehört.
Alfs Mutter Elvira hatte von Leon und Katharina die Leitung des Musikzentrums in Berlin übernommen, also dieses riesige Zentrum vor den Toren Berlins. Es gibt hier Musik, Tanz, Kleinkunst, Theater, viele Workshops, PC-, Video- und Fotokurse. Es gibt hier eine Menge an BMX und Rollercracks. Es gibt Sportflächen und Events, zu denen Zehntausende strömen, wie zu den legendären Festspielen der Skater und der Kleinkunstakteure, die jedes Jahr im August stattfinden, in jährlichem Wechsel.
Elvira leitet nicht nur dieses Zentrum, sie hat auch noch eine geheime Tätigkeit. Sie ist die Friedensrichterin der illegalen Mächte in Europa geworden, das was man als Mafia bezeichnet, und sie nimmt diese Aufgabe sehr ernst, weil sie sich langfristig eine Kontrolle über diese Gruppen ausgerechnet hat, um sie schrittweise zu zähmen, und in die Gesellschaft wiedereinzugliedern. Sie wird dabei stets begleitet von ihrer Tante Chénoa, der Anführerin des Clans und von ihrer Cousine Solveig.
Alf, seine Geschwister, Elvira und Rochen leben zusammen mit Tante Lara im obersten Stockwerk eines der Gebäude des Zentrums.
Alf ist 2076 zur Welt gekommen, und er ist zu Beginn des Buches erst drei Jahre alt. Wie alle Mitglieder der Familie hat auch Alf diese übernatürlichen Kräfte der Familie geerbt, aber weil er noch sehr jung ist, sind die natürlich noch sehr wenig ausgeprägt. Alf fängt gerade erst an, solche Kräfte zu entwickeln. Leider passiert etwas Schreckliches und Alf wird über 1.200 Jahre zurück in die Vergangenheit geschleudert. Dass dies durch das besondere Geschick des Volkes der Cantara geschieht, davon hat Alf allerdings keine Ahnung. Er braucht das auch nicht zu wissen.
Wie schon so oft in der Familie von Leon, wird Alf bei diesem Ereignis von jenem legendären Artemis beschützt, dem Anführer der Überlebenden des Volkes der Cantara, der auch Leon vor vielen Jahrzehnten den Beginn seiner Kräfte geschenkt hat, und der in Krisensituationen immer über die Familie wacht.
Alf ist noch ein wirklich kleines Kind, als er diesen Zeitsprung macht. So richtig begreift er das Ereignis noch gar nicht. Er kommt in eine fremde Welt. Er ist jetzt scheinbar ganz ohne den Schutz der Familie und er muss sich auf sich selbst verlassen. Oh je.
Dann begreift er, dass er in eine Zeit „hineingeboren“ wurde, wo die Familie alles gilt.
Eine Zeit, die von gewalttätigen und mutigen Kriegern beherrscht wird. Eine Zeit, die von den Mächten der Natur bestimmt wird, und eine Zeit, in der die Stämme, die es damals gab, bereits einen regen Austausch von Waren und Kenntnissen betrieben.
Alf kommt in eine Zeit, in der es mächtige Götter gibt, denen diese Völker huldigen. Es ist eine Zeit von Kriegern, von Menschenopfern, und des Glaubens an übernatürliche Kräfte. Es ist eine Zeit mächtiger Stammesfürsten, von geschickten Waffenschmieden, von Sehern und Druiden, aber auch von starken und selbstbewussten Frauen.
Es ist die Zeit der Wikinger, die mit schnellen Drachenbooten die Nordmeere beherrschen und sogar bis nach Island, ins Mittelmeer, bis nach Grönland und bis nach Amerika vordringen.
Es ist eine rauhe Zeit, in die Alf da „hineingeboren“ wird, und in dieser Zeit gibt es ganz andere Moralvorstellungen als heute.
Manchmal erschreckend brutal, manchmal geprägt durch einen Moralkodex, bei dem Ehre, Vertrauen, die Sippe, oder Zuverlässigkeit eine besondere Rolle spielen. Es ist aber auch die Zeit der Leibeigenen und Rechtlosen.
Dieses Buch ist eine Zeitreise der besonderen Art. Sie geschieht nicht aus Alfs eigenem Antrieb, aber stellt euch vor, solche Zeitreisen könntet ihr mit der Kraft eures Willens möglich machen...
Diese Reise dient dazu, Alf mit besonderen Erlebnissen und Kenntnissen auszustatten.
Dieses Buch beschreibt seine Erlebnisse in der Zeit der Wikinger. Er wird selbst einer von ihnen, und er wird in dieser rauhen Gesellschaft einmal wichtige Aufgaben übernehmen.
Dies Buch beschäftigt sich mit der Gewalt, die diesem Volk innewohnt, und mit ihrer Art der Freiheit, die sie praktizieren, indem sie brennend und mordend durch die Lande ziehen. Es ist schließlich die Auseinandersetzung mit einer neuen Freiheit, die sich mit dem Entstehen „freier Handelsplätze“ entwickelt, und mit den sich unversöhnlich gegenüberstehenden Religionen der Wikinger und der Christen, die im Grenzgebiet aufeinanderprallen.
Was man über die Zeit der Wikinger wissen sollte, könnt ihr in den Anmerkungen nachlesen.
Kapitel 1. Ein Tag, der alles im Leben verändert
1.1.
Alf wacht langsam auf. Sein Gesicht ist noch halb verdeckt von der Bettdecke mit den bunten Marienkäfermustern. Durch die Ritzen der Rollos scheint schon die Morgensonne, und hinterlässt auf dem Boden und der Wand schmale lange Streifen, wie aus flüssigem Gold. Alf sieht die Helligkeit zuerst durch die geschlossenen Lider.
Er ist noch etwas benommen, dann macht er die Augen einen kleinen Spalt auf, und schielt an die Decke.
Alf hat ein Zimmer zusammen mit seiner 2 Jahre älteren Schwester Lilly, aber solche Zahlen sind für ihn noch nicht greifbar. Lilly ist die große Schwester.
Die anderen Geschwister sind Juan und Sarah, aber die haben ein eigenes Zimmer, die sind schon sieben und neun Jahre alt, aber auch diese Zahlen sagen Alf noch nichts. Er ist schließlich erst knapp drei.
Alf merkt, dass Lilly einen Schnaufer von sich gibt. Er schiebt den Kopf in ihre Richtung, und schlägt die Augen jetzt endgültig auf. Dann lässt er sich rückwärts aus dem Bett, spaziert zu Lilly, und wirft den Oberkörper auf ihr Bett.
Manchmal will Lilly ihre Ruhe haben, aber heute legt sie den Arm um Alf und meint, „komm“. Alf lässt sich das nicht zweimal sagen und kriecht zu Lilly unter die warme Bettdecke.
Es dauert nicht lange, da fangen sie an zu kichern, und Lilly bestimmt irgendwann, „lass uns mal nach Mama schauen.“
1.2.
Alf, Lilly, Juan und Sarah leben zusammen mit ihren Eltern, Elvira und, in einer kleinen Wohnung im Osten Berlins. Naja. Klein ist relativ.
Eigentlich ist es eine riesige Wohnung, die aus ursprünglich zwei Wohnungen verbunden worden war.
Alf lebt mit seiner Familie in dem kleineren Teil der Wohnung, Tante Lara lebt in dem größeren Teil der Wohnung. Dort gibt es auch eine große Küche, die von beiden Familien gemeinsam genutzt wird.
Tante Lara hat drei Kinder, aber die sind schon richtig groß. Nur Lore wohnt noch Zuhause. Sie ist jetzt 21 und studiert Elektrotechnik in Berlin.
Jens studiert in Darmstadt Maschinenbau, und Rob lebt mit ein paar Freunden in einer großen Wohnung, die Tante Helen im Osten Berlins gehört, und die viele Jahre leergestanden hatte.
Rob hatte sich schon immer für Malerei, Musik, Foto und Film interessiert, und er studiert in Berlin Film und Regie.
Von solchen Dingen hat Alf noch keine Ahnung, aber er malt gerne, und er hat viele Interessen.
Lore, Jens und Rob sind oft bei Lara und sie übernehmen manchmal auch den „Kinderdienst“, wenn Elvira und Rochen viel zu tun haben, oder sich mal zurückziehen wollen.
Lore, Jens und Rob sind für Alf große Vorbilder.
Sie können Dinge, die sind ganz unglaublich. Sie können Gegenstände durch die Luft bewegen, und Kontakt zu Alf aufnehmen, nur mit der Kraft ihrer Gedanken. Sie könnten durch den Raum gehen, und sie haben Alf und seine Geschwister schon ein paar mal mit nach Peru, nach Mexiko, in die USA und nach Wittenberge genommen.
Überall dort hat die Familie ihre „Stützpunkte“.
Man trifft sich, man redet, man lacht, und man übt sich in den übersinnlichen Kräften der Familie.
Alf wächst in diese Familie hinein. Auch wenn er in der Großstadt lebt, so kennt er inzwischen viele Tiere. Hunde, Pferde, Kaninchen, Greifvögel und vor allem Mäuse und Ratten. Tante Lore hatte ihn schon ein paar Mal mitgenommen in die „Berliner Unterwelt“. In den U-Bahntunneln und Schächten unter Berlin leben viele Ratten, und Alf hat bereits gelernt, sich mit ihnen zu unterhalten.
Auch wenn es in Berlin kaum wildlebende Tiere gibt, so gibt es in Berlin doch viele Hunde und Katzen, Vögel in Käfigen, und manche Leute halten sich Spinnen oder Krokodile in der Wohnung. natürlich gibt es auch in Berlin viele wildlebende Tiere, die den Gattungen der Vögel, der Insekten, Käfer und Spinnen angehören, aber das zählt nicht.
In der Nähe der Wohnung von Alf gibt es viel Wald. Dort gibt es sogar Kaninchen, Rehe, Eulen und Wildschweine. Auch zu diesen Tieren hat Alf schon gelernt, Kontakt aufzunehmen. Die Verständigung klappt wirklich gut.
1.3.
Mama ist ein Wunder. Sie ist wie alle Mütter, aber Mama hat diese besonderen Fähigkeiten der Familie, diese Schwingungen und Energieströme, mit denen man sich über große Strecken verständigen kann, ganz ohne Telefon. Auch Alf lernt das von ihr. Ganz langsam, denn das ist höllisch schwer. Es sind nur erste Anfänge. Ein intuitives Erfassen dieser Ströme von Energie.
Seine Geschwister sind darin viel besser, ab er die sind schließlich schon groß.
Alf weiß auch schon, dass Mama irgendetwas zu tun hat mit diesem riesigen Zentrum der Musik, das sich unter der Wohnung ausbreitet, in der er lebt.
Dieses Zentrum bestimmt auch das Denken und Handeln von Alf. Es gibt dort eine Krabbelgruppe, und es gibt einen Kindergarten. Sie haben in einem der Innenhöfe einen großen Spielplatz, und es gibt dort Kaninchenställe und richtige Hühner. Die werden von den größeren Kindern versorgt, aber natürlich haben die ganz Kleinen Kontakt zu diesen Tieren. Mama hat das vor ein paar Jahren angestoßen, damit die Kinder dieses besondere Verantwortungsgefühl im Umgang mit Tieren schon von Kleinauf lernen.
1.4.
An diesem Vormittag gehen Alf und Lilly hinüber zu Mama und Papa. Lilly hat angeklopft. Das ist in ihrer Familie so üblich. Manchmal wollen Mama und Papa auch alleine sein, aber an diesem Morgen hat Mama gerufen „kommt rein“, und sie legen sich zu Mama und Papa ins Bett, schmusen ein bisschen, erzählen, lachen und balgen, wie sie das oft zusammen tun.
Schließlich steht Mama auf und sie meint, jetzt sei Frühstückszeit.
Juan und Sarah sind schon auf. Sie haben sich schon gewaschen und schon angezogen, und sie stehen jetzt in der Küche und decken gerade den Tisch. Sie wissen schon, wie man das macht.
Mama hat gar nicht mehr so viel Arbeit mit dem Frühstück. Es wird noch Kaffee gekocht und Toastbrot geröstet. Mama kontrolliert alles noch mal, und Papa kommt frisch rasiert aus dem Bad.
Er duftet nach Rasierschaum, wie immer, und er ist schon angezogen. Er wird bald das Haus verlassen, denn es gibt heute frühe Termine. Was das ist, davon Alf keine Ahnung.
Mit knapp drei Jahren hast du eine Wahrnehmung die fern von solchen Dingen liegt. Also krabbelt Alf zu Papa auf die Eckbank, legt seine Ärmchen um seinen Hals und schnuppert an der frisch rasierten Wange. Alf liebt diesen Geruch.
1.5.
Heute bringt Mama Alf und Lilly in die Kindereinrichtung. Juan und Sahra machten sich auf den Weg zur Schule. Sie fahren mit dem Bus und mit der U-Bahn.
Auch Mama verabschiedet sich heute schnell. Sie liebt diese Ruhe am Morgen, wenn die Hektik des Betriebs noch nicht ausgebrochen ist. Dann kann sie in Ruhe Akten studieren, Gespräche mit Lieferanten führen, und frühe Sitzungstermine wahrnehmen. Solche Dinge gibt es oft. Mama ist in vielen wichtigen Ausschüssen und Gremien vertreten. Handelskammer, Gesundheitskammer, Ausländerkammer, lauter solche Dinge. Für Alf sind das Themen, mit denen er sich noch nicht beschäftigen muss.
Für ihn zählen andere Dinge. Die anderen Kinder in der Krabbelgruppe, die Erzieher, die Kaninchen, die große Halle im Zentrum, in der „Aysas Imbiss“ liegt, der seit einigen Jahren von ihrer Enkelin Senay geführt wird. Dort gibt es alle möglichen leckeren Dinge. Seit vielen Jahren bekommt man dort auch regelmäßig frisch gepresste Säfte aus Obst und Gemüse. Es gibt Bananen- und Schokomilch, Erdbeermilch und viele Obstspeisen, mit Quark und Joghurt. Es gibt verschiedene Käsesorten, Hammelfleisch, Meeresfrüchte und natürlich Teigwaren in jeder Form. Türkische Pizza, Fladenbrot, süßes Gebäck, Nudeln, Tagliatelle, Spaghetti. Senay hatte längst auch italienische, spanische und griechische Spezialitäten im Programm. Es gibt frische Feigen und Oliven, gefüllte Paprika und allerlei Soßen, süß und salzig, scharf und mild, und sogar süße Pfannekuchen mit Apfelmus, Reibekuchen, geschmorte Äpfel in Schokoladenguss, und Waffeln mit Puderzucker. Alf liebt das.
Senay hat mit der Krabbelgruppe und mit dem Kindergarten einen Liefervertrag. Sie sorgt für das Frühstück und das Mittagessen. Es gibt aber auch einen Vertrag mit dem Metzger und dem Bäcker im Zentrum. Das Essen in der Kindereinrichtung ist vielseitig.
Jedenfalls ist Alf oft bei Tante Senay im Imbiss.
Er liebt Senay, und er wird stets bevorzugt behandelt. Nun, vielleicht nicht übertrieben bevorzugt, aber als Sohn der Leiterin des Zentrums, und als Sohn des Leiters der Sicherheitsabteilung, hat er natürlich eine bevorzugte Stellung.
Manchmal ist er mit den Geschwistern oder mit Mama oder Tante Lara bei Tanz- oder bei Musikproben. Manchmal kommt Lore mit, manchmal Rob. Es gibt im Zentrum auch Verkleidungskünstler, Stelzenmänner, Zauberer und Pantomimen, und eine Einradfahrergruppe.
Sie besuchen die Kindergruppe oft, und es gibt Vorführungen. An manchen Tagen werden die Kinder angemalt wie Clowns oder Tiger, Katzen oder Bären. Es gibt Verkleidungen und kleine Theaterstücke. Sie singen. Es gibt kleine Trommeln und Klangstäbe, Triangeln, Glöckchen und Rasseln, und es wird vorgelesen und gebastelt, manchmal mit Knete, manchmal mit Phimo, manchmal mit Papier. Natürlich gibt es Holzbausteine, Duplo und Lego.
Alf hat schon früh gelernt, dass er ein Teil der Gruppe ist. Nicht nur ein Teil seiner Familie, sondern auch der Kindergruppe und der großen Gruppe im Musikzentrum.
Manchmal nutzt er die Stellung aus, die er als Sohn der großen Chefin hat, aber er hat schnell gelernt, dass die vielen Menschen im Servicebereich des Zentrums angewiesen worden waren, dass Regeln eingehalten werden müssen.
So etwas wie Starallüren oder vordrängeln wird nicht geduldet. Mama sagt stets. „Wir leben hier. Die Menschen hier im Zentrum, das ist unsere Familie. All die vielen Kids sind so etwas wie eure Schwestern und Brüder, aber weil ich das Zentrum leite, habe ich eine große Verantwortung. Ich bin der Diener all dieser Kids. Wir haben die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sich hier alle wohl fühlen. Nicht nur ich und nicht nur Papa. Auch ihr habt diese Verantwortung. Vergesst das nie.“
So war Alf schon früh in diesem Bewusstsein aufgewachsen, der Diener all dieser Menschen zu sein, auch wenn er stets spürt, dass er etwas Besonderes ist, und dass immer jemand da ist, wenn er Hilfe braucht.
Auch wenn er Teil der Kindergruppe ist, so gibt es manchmal Meinungsverschiedenheiten und Streit. Das ist so, wenn Kinder zusammen aufwachsen. Die Erzieher sind aber immer zur Stelle. Sie mischen sich nicht immer ein, Kinder müssen schließlich lernen, Konflikte untereinander zu lösen, aber die Gemeinsamkeiten sind um vieles größer als die Konflikte. Es gibt einfach auch so viel Interessantes zu tun. Manchmal holen sie vorsichtig die Eier ins Haus, die von den Hühnern gelegt werden. Sie werden dann gekocht oder gebraten, oder auch in die Suppe gerührt. Es gibt eine große Küche. Manchmal werden kleine Kuchen gebacken, manchmal Fischstäbchen oder Kartoffeln gebraten. Senay bringt manchmal nur die Rohzutaten, und die Erzieher und die Kinder matschen sich ihr eigenes Essen. Es wird aber auch gebastelt und gemalt, vorgelesen und getanzt.
Manchmal werden die beiden Kindergruppen zusammengeführt, die Großen und die Kleinen.
Schließlich gibt es einen Ruheraum, wo man mittags schlafen kann. Manchmal liegt einer der Erzieher mit ihnen in diesem abgedunkelten Raum auf den großen Polstern, und summt oder singt leise.
Alf hat gelernt, dass das Leben behütet ist. Wenn er dann abends von Mama oder Papa abgeholt wird, oder mit den Geschwistern nach Hause geht, dort ins oberste Stockwerk des Musikzentrums, dann ist immer die engste Familie für ihn da. Er kann auch immer zu Tante Lara hinüber in die andere Wohnung gehen, und die Küche ist der gemeinsame Mittelpunkt aller.
1.6.
An diesem Vormittag sieht Alf zuerst nach den Hühnern und nach den Kaninchen. Die Hühner haben Küken bekommen. Über Nacht hatten sich einige schon durch die Schale gepickt, andere tun das gerade eben und das ist für die Kinder richtig spannend. Die Küken sind noch richtig nackt, nur bedeckt von einem kaum sichtbaren Flaum.
Die Henne ist wie eine Glucke und passt auf ihre Küken auf. Die Kinder sehen und staunen.
Auch die Kaninchen haben Junge. Die sind aber schon so groß, dass man sie anfassen kann. Man kann sie vorsichtig mit den Händen aufnehmen und in die Arme nehmen. Das ist gar nicht so einfach. Die Koordination der Gliedmaßen ist in diesem Alter noch nicht so richtig ausgebildet.
Die Kinder müssen höllisch vorsichtig sein, um den kleinen Kaninchen nicht weh zu tun, und fallen lassen darf man sie auch nicht.
Alf hat da große Vorteile. Es ist jetzt nicht so, dass er ganz bewusst in die Tiersprache wechseln kann. Da ist so etwas, wie ein innerer Antrieb, eine innere Steuerung, die ihm hilft, den Kontakt zu den Tieren herzustellen. Auch heute ist das so.
Er kniet sich einfach vor dem Stall auf den Boden und breitet seine Handflächen aus. Er beginnt, leicht zu summen. Das weitet sich zu einem Art Brabbeln aus, und die kleinen Kaninchen spitzen die Ohren. Die Kaninchenmama kommt auf ihn zu und beschnuppert seine Hände. Dann kriecht das erste Kaninchenjunge auf seine offene Handfläche und kuschelt sich dort in die Kuhle aus Ballen und Fingerspitzen, wie in ein Nest. Alf ist vorsichtig. Er nimmt das Kaninchen nicht hoch. Er lässt es in seiner Handfläche sitzen.
Schließlich setzt er das Junge vorsichtig wieder ins Stroh zurück.
Moni, die neben ihm steht, fragt, ob er ihr das Kaninchen einmal geben könne, und Alf sagt in seiner kleinkindlichen Sprache sinngemäß, „ja, schon, aber es ist besser, wenn die Kaninchen erst einmal den Geruch der Mutter in der Nase haben. Wenn wir das machen, dann musst du sehr vorsichtig sein.“
Die Erzieher kennen schon diese Fähigkeit von Alf, aber selbst Worte, die er gebraucht, die sind altersuntypisch. Alf gibt Moni das Junge vorsichtig in die Arme, und er setzt es später zurück ins Stroh. Er sieht die Erzieher und die Kinder seiner Gruppe mit einem ernsten Rundumblick an und meint. „Wirklich, wir sollten noch ein paar Tage warten. Die Kaninchen sind zu jung.“
Später spielen sie Kaninchenhüpfen und Fangen, und sie singen ein Kaninchenlied. Zum Frühstück beschließen sie, zusammen zu Aysas Imbiss zu gehen. Zu dieser Tageszeit ist noch nicht viel los in der großen Halle und die Bedienung hat Zeit für die „Knirpse“, wie die Kinder manchmal bezeichnet werden.
Heute soll zum Frühstück eine Gruppe aus Künstlern kommen, die im Zentrum proben. Es würde ein wunderbarer Vormittag werden.
An diesem Vormittag wird die Halle unvermutet voll. Es war der letzte Schultag. Es gibt große Ferien, und viele Kids aus Berlin haben sich schon eingefunden. Skater und Musiker, BMX’ler und Musikinteressierte.
Nach dem Frühstück zieht sich die Kindergruppe in eine der Nischen in der großen Halle zurück.
Die Straßenkünstler beginnen mit ihrer Vorstellung. Die Kinder kennen sie schon, aber es ist immer wieder interessant, und die Gruppe bezieht die Kinder immer wieder in ihr Spiel ein, manchmal in Zauberkunststückchen, manchmal in Purzelbäume oder Überschläge, Stelzenlaufen oder Ballspiele.
Auch viele der anderen Kids stehen jetzt um sie herum, lachen, klatschen und wechseln Worte.
Für die Erzieher wird die Situation langsam unübersichtlich, weil sich Besucher, Akteure und Kinder immer mehr mischen, aber sie sind hier „auf heimischem Boden“, es ist undenkbar, dass hier etwas passieren würde.
1.7.
Alf fühlt einen kleinen Stich im Nacken, dann wird er urplötzlich schläfrig. Er spürt noch, wie er von starken Armen aufgefangen wird, und sieht über sich verschwommen das Gesicht eines Clowns.
Die Menge bekommt gar nicht mit, wie sich dieser Clown herumdreht und mit Alf das Gebäude verlässt. Nach wenigen Schritten hat er einen Teil seines weiten Mantels um Alf geworfen, der unter diesem Tuch verschwindet. Alf wird in ein Auto getragen, das sich in Bewegung setzt und aus Berlin hinausfährt.
Alfs Verschwinden wird erst zehn Minuten später entdeckt, als einem der Akteure auffällt, dass eines der Kinder fehlt. Er sieht sich um, dann geht er zu einem der Erzieher und stupst ihn an.
„Ruf doch mal deine Kids zusammen. Ich habe den Eindruck, da fehlt jemand.“
Drei Kinder und eine Erzieherin fehlen. Die Erzieherin und zwei der Kinder kommen aber bald zurück. Sie sind auf dem Klo gewesen. In diesem Alter dauert das manchmal ein wenig länger. Alf fehlt.
Das ist ungewöhnlich. Alf entfernt sich zwar manchmal aus der Kindergruppe, aber er war ermahnt worden, sich abzumelden, wie alle Kinder, und er tut das auch.
Die Suche wird ausgeweitet und eine der Bedienungen von Aysas Imbiss findet jetzt ein zusammengeknülltes Papier im Abfalleimer für Gemüseabfälle, das dort nicht hingehört. Sie will es schon in den Papiermüll stecken, da faltet sie das Papier, wie aus einer Art innerem Antrieb auseinander, und runzelt die Stirn.
Dort steht in ausgeschnittenen bunten Lettern: „Alf ist weg. Das kostet euch 100 Millionen.“
Sie bringt den Zettel sofort zu Senay und die schaltet schnell. „Keine weiteren Fingerabdrücke“, bestimmt sie, und greift zum Telefon.
1.8.
Fünf Minuten später steht Elvira neben ihr, und lässt sich die Situation erklären. Sie nickt. Sie alarmiert Rochen und die Sicherheitsabteilung.
Rochen lässt sich das Papier mit einer Pinzette in ein Plastiksäckchen stecken, und alarmiert die Polizei.
Dann werden die Kinder, die Erzieher, die Zuschauer und die Akteure befragt. Niemand hat etwas gesehen.
Rochen geht hinüber in den Videoüberwachungsraum und lässt die Bänder zurücklaufen. Auf einem der Bänder ist zu sehen, wie ein ungewöhnlich unförmiger Clown das Gebäude in Richtung der Parkplätze verlässt. Da es keine Außenkameras gibt, gibt es dort keine weiteren Bilder.
Als die Kripo eintrifft, werden weitere Befragungen und Ermittlungen vorgenommen, dann verabschiedet sich Elvira. Sie hat jetzt ein paar dringende Gespräche zu führen.
Das ist nun etwas, wobei sie die Beobachtung der Polizei nicht gebrauchen kann. Elvira nimmt Kontakt zu den Leitern der großen Mafiaorganisationen in Berlin auf, zu den Chinesen, den Kroaten, den Italienern, den Russen und den Serben.
„Ich nehme nicht an, dass ihr mit dieser Entführung etwas zu tun habt“, sagt sie, und ich bitte euch, dass ihr eure Augen und Ohren offen haltet. Ich will mein Kind heil und gesund wiederhaben. Der Entführer hat 100 Millionen verlangt. Wenn ihr dafür sorgt, dass Alf wieder nach Hause kommt, dann werden eure Informanten einen sehr schönen Urlaub verbringen können, das verspreche ich euch.“
Diesmal schlüpft Elvira in die Köpfe der Mafiabosse. Sie sind nicht involviert. Sie wissen wirklich nichts.
Noch bevor der Polizeiapparat richtig auf Touren kommt, arbeiten schon die Mafiaorganisationen, und auch Rochens Sicherheitsgruppe an der Lösung des Problems.
Elvira versucht über ihre Energie den Kontakt zu ihrem Sohn herzustellen. Sie fühlt, dass er lebt und dass es ihm gut geht.
Sie nimmt Kontakt zu ihrer Tante Chénoa und zu ihrer Cousine Solveig auf, die beide über diese gewaltigen Fähigkeiten verfügen, Energieströme zu versenden, aber auch die schütteln den Kopf.
Sie spüren, dass es dem Kind gut geht, aber wo Alf ist, das finden sie nicht heraus.
Nach zwei Tagen kommt der erste Brief des Entführers. Er wurde irgendwo im Westen von Berlin im Briefkasten eines Backshops eingeworfen. Auch jetzt hatte niemand etwas gesehen. „Keine Polizei“, steht da, und wenn Elvira bezahlen wolle, dann solle sie in der Berliner Morgenpost eine Anzeige aufgeben, mit dem Text. „Berliner Bären lieben heiße Schokolade“. Alles andere würde sie später erfahren.
1.9.
Die Leute der Mafia strecken ihre Fühler aus.
Rochens Leute werden aktiv. Die Polizei hört sich um. Es gibt keine Spur. Es ist wie verhext. Der Staat hatte seine Überwachung längst perfektioniert. Heimlich und für die Bürger unsichtbar. Die Mafia hat sehr große Ohren und sie kennt sich in diesem Milieu aus. Rochens Leute sind geschickt und gut vernetzt. Sie kennen sich in Berlin und Umgebung wirklich gut aus, aber sie finden keinen einzigen Hinweis.
Chénoa nimmt Kontakt zu den Bossen der südamerikanischen Drogenmafia auf. Wenn es da einen Zusammenhang gäbe, warnt sie, dann würde sie das persönlich nehmen. Die Mafiabosse versichern, dass sie damit nichts zu tun haben.
Elvira versucht immer wieder, den Kontakt zu ihrem Kind herzustellen. Sie spürt, dass Alf lebt.
Sie spürt, dass er sich gegen den Entführer wehrt, aber seine Energieströme sind viel zu schwach, dass sie hätte herausfinden können, wo er sich gerade aufhält.
Nur Artemis weiß, wo Alf steckt, denn einer der Cantara sitzt in Alfs Kopf, aber Artemis tut nichts.
In diesem Stadium scheint es nicht notwendig, Alf zu schützen, oder der Familie zu helfen.
1.10.
Als Alf aus seiner Betäubung wieder aufwacht, ist er in einem leeren und ziemlich verwahrlosten Raum. Es gibt eine Matratze und eine Decke. Vor ihm steht ein Tablett mit einem Teller Müsli und eine Flasche Wasser. Es gibt ein Oberlicht, das nur Dämmerlicht in den Raum durchlässt, und es gibt eine Tür mit einem Spion. Es gibt ein „Töpfchen“ aus Emaille, eine Rolle Klopapier, und es ist so still, dass es schon fast unheimlich ist.
Alf ist alleine. Er ist nicht gefesselt, und seine Augen, Ohren und der Mund sind auch nicht verbunden.
Er setzt sich auf, studiert seine Umgebung, versucht sich zu erinnern, und steht dann auf, um gegen die Stahltür zu hämmern.
Es klingt dumpf, fast lautlos. Irgendwo gibt es eine Art Hall. Dann schreit Alf, aber da ist nichts.
Kein Laut, keine Reaktion.
Alf ist noch sehr klein, aber spürt natürlich, dass hier etwas nicht stimmt. Nein, nicht irgendetwas. Nichts stimmt hier. Er sieht sich noch einmal um, dann seufzt er.
Er trinkt aus der Plastikflasche. Das Wasser ist frisch. Er muss die 1,5 Literflasche mit beiden Händen halten. Sie ist sehr schwer und noch schwerer ist es, den Schraubverschluss alleine aufzumachen und wieder zu verschließen.
Er verschüttet beim Öffnen von dem Wasser, das ihm kühl auf die Hose läuft. Es ist unangenehm, wie kaltes Pipi.
Tatsächlich rührt sich jetzt die Blase und Alf hat Mühe, seine Hose nach unten zu ziehen, bevor sich die Blase entleert. Er nutzt einfach dieses leere Emailtöpfchen. Dann legt er sich wieder auf die Matratze und zieht die Decke über sich. Was soll er sonst tun?
Er überlegt. Er versucht mit Mama Kontakt aufzunehmen. Er versucht mit Tieren Kontakt aufzunehmen, Spinnen, Mücken, irgendetwas, was es hier geben mochte. Ja, es gibt zwei Spinnen, die ihre Netze oben in der Ecke geflochten haben. Sie können Alf nicht helfen. Es gibt eine verirrte Stechmücke, aber auch die kann Alf nicht helfen. Er bleibt alleine.
Alf weint und dann schläft er ein. Er wird schließlich durch einen Taschenlampenstrahl geweckt. Draußen ist es noch hell, aber hier kommt wirklich nur wenig Licht herein. Alf sieht, dass es ein Clown ist, aber der Clown spricht nicht, er sieht nur nach Alf, sieht nach dem Wasser und dem Essen, leert das Emailtöpfchen in einen Plastikeimer und verschwindet wieder durch die Tür. Alf hört, wie sich ein Schlüssel umdreht. Der Clown reagiert auf keinen einzigen Laut von Alf.
Alf ist verzweifelt. Schließlich macht er erneut Pipi, isst das Müsli auf, und trinkt wieder einen Schluck Wasser, wobei er aufpasst, dass er dieses mal nichts verschüttet.
Es ist langweilig. Es ist nichts zu hören. Niemand reagiert auf Weinen oder Schreien, und Alf ist ziemlich verzweifelt. Er hat noch nicht gelernt, alleine durch den Raum zu gehen, nur das würde ihm in der jetzigen Situation helfen. Schließlich schläft er wieder ein.
Er wird erneut von einem Taschenlampenstrahl geweckt. Der Clown bringt belegte Brötchen, eine Tasse heißen Kakao und eine Zeitung. Er setzt Alf hin, drückte ihm die Zeitung in die Hand und es blitzt auf. Alf kennt den Blitz eines Fotoapparates.
Dieses Mal rennt er dem Clown von hinten in die Knie, als der den Raum wieder verlassen will. Der Clown schwankt, aber er stürzt nicht.
Er dreht sich um, nimmt Alf an der Brust, wirft ihn in hohem Bogen auf das Bett und verlässt den Raum.
Alf war mit dem Kopf angeschlagen. Es tut weh, und er ist jetzt wütend, aber was solltest du machen, wenn sich nichts rührt. Es gibt einfach keine Reaktion. Alf weint und schreit. Schließlich nimmt er die Brötchen, und isst sie auf. Der Kakao ist inzwischen kalt geworden, und Alf trinkt ihn mit Genuss. Auch dieses Mal verschüttet er etwas. Es klebt.
Später geht er zu diesem Topf und macht AA. Es ist ziemlich schwer, sich mit dem Papier abzuputzen. Das ist immer sehr schwer, und das AA in dem offenen Emailbehälter riecht unangenehm.
Als Alf wieder wach wird, hatten sich drei Schmeißfliegen eingefunden, angezogen von dem offenen Töpfchen mit dem AA. Sie hatten sich auch auf die Brösel des Brötchens gesetzt und auf das Gesicht von Alf. Alf riecht inzwischen leicht nach Schweiß und nach Pipi und nach Schokolade. Schmeißfliegen lieben solche Gerüche.
Alf nimmt Kontakt zu den Schmeißfliegen auf, und lässt sich erzählen. Er erfährt, dass es da draußen noch mehr Räume gibt, und dass es um diese Räume herum Bäume gibt. Viele Bäume.
Das bringt Alf aber nicht weiter. Er ist einfach noch viel zu klein.
1.11.
Als der Clown wiederkommt, greift Alf ihn erneut an. Er versucht zu beißen, ihn aufzuhalten und zur Tür zu rennen, die nicht ganz geschlossen worden war, aber der Clown erwischt ihn wieder.
Er zischt: „Wenn du das noch mal machst, breche ich dir die Beine.“
Er wirft Alf grob auf das Bett und verlässt den Raum.
Ach was ist das dumm, dass Alf noch nicht gelernt hat, sich in Tiere zu verwandeln. Wie praktisch wäre das jetzt gewesen, egal ob in eine Fliege, ein Krokodil, oder sogar in einen Elefanten. Aber Alf kann das nicht. Seine Mutter und seine Geschwister hatten ihm das bisher noch nicht gezeigt. Er versucht, wenigstens den Tunnel zu rufen. Er weiß, wie das geht, aber der Tunnel öffnet sich nicht.
Alf hat kein Zeitgefühl. In diesem Alter hat man das nicht, und unter den genannten Umständen ist es nicht möglich in Tagen oder Nächten zu zählen.
Nach vier Tagen versucht Alf dem Clown aufzulauern, der in Abständen kommt, um Essen zu bringen und das Töpfchen zu leeren. Er kann sich schlecht stundenlang neben die Tür stellen, also versucht Alf, sich auf Geräusche zu konzentrieren. Gibt es irgendetwas, was diesen Clown ankündigt?
Als der Schlüssel ins Schloss gesteckt wird, nimmt Alf todesmutig Aufstellung. Der Clown öffnet die Tür mit der rechten Hand, in der anderen trägt er heute eine Tasche mit Essen. In diesem Dunkel des Raums kann er nicht viel sehen. In diesem Moment rennt dieser Knirps in den Clown hinein.
Das geschieht so abrupt, dass der Clown das Gleichgewicht verliert, aber er hat enorme Reflexe. Noch im Fallen greift er nach dieser Gestalt, die an ihm vorbeischlüpfen will und hält sie fest.
Alf hätte es beinahe geschafft. Soviel bekommt er mit, dass es hier wirklich weitere Räume gibt.
Es ist eine Art Ruine, ein halb verfallenes Gebäude, aber auch der zweite Raum ist noch intakt und hat eine Tür, und auch diese Tür ist verschlossen.
Diesmal ist der Clown rabiat. Er verabreicht Alf eine gezielte Trachtprügel und wirft ihn dann wieder auf das Bett, bevor er Alf verlässt.
Heute schreit und weint Alf viel und laut, aber es nützt nichts. Es gibt keine Reaktion.
Schließlich isst er die Nudeln, die der Clown mitgebracht hatte, trinkt Wasser, macht Pipi und überlegt.
Er nimmt wieder Kontakt zu den Schmeißfliegen auf. Er versucht, sich in eine Schmeißfliege zu verwandeln. Vielleicht kann er dann entwischen, aber es funktioniert nicht. Seine großen Geschwister, die können das bereits, aber Alf ist noch zu klein und zu ungeschickt.
Er ist todunglücklich. Außerdem tut der Po höllisch weh. Der Clown war wirklich nah dran gewesen Alf die Beine zu brechen.
Der Clown meldet sich am nächsten Tag nicht.
Für Alf ist das noch schlimmer als die erlittene Trachtprügel. Er empfindet das als Strafe.
Dann kommt der Clown wieder. Er bricht wieder eine Zeitung und der Fotoapparat blitzt wieder.
Diesmal wehrt sich Alf nicht. Er grübelt darüber nach, wie er dem Clown das nächste Mal entwischen könnte.
Dazu sollte es nicht mehr kommen.
1.12.
Der Clown hatte inzwischen den Kontakt zu Elvira hergestellt. Sie hatte ihm signalisiert, dass sie zahlen, und sich an alle Vereinbarungen halten würde. Der Clown war sehr vorsichtig gewesen.
Er hatte bemerkt, dass die Polizei vor Ort ist, und nicht nur die Polizei. Da sind noch andere, die er nicht kennt.
Es wird brenzlig.
Schließlich sieht er nur einen Ausweg. Er muss unerkannt verduften. Auch dieses Kind muss weg. Vielleicht hat es irgendetwas gesehen.
Vielleicht war er einmal unvorsichtig gewesen.
Vielleicht konnte dieses Kind seine Stimme wiedererkennen, auch wenn er nur einmal gesprochen, nein, mehr gezischt hatte.
Der Clown macht reinen Tisch.
Diesmal nimmt er eine Eisenstange mit. Als er die Tür aufschließt, schlägt er hart zu.
Als er den Kopf des Jungen trifft, gibt es einen Lichtblitz, der ihn blendet und umwirft. Er reibt sich die Augen und sieht sich um.
Die Eisenstange liegt neben ihm, blutverschmiert.
Die Matratze ist leer. Auch dort gibt es Blutflecken, aber das Bett ist wirklich leer.
Er dreht sich um, geht aus dem Raum und untersucht den Boden. Es gibt keine Blutspur, die hinausführt. Nicht einen einzigen Tropfen. Er geht sinnend zurück. Der Junge konnte nicht entflohen sein, aber er ist definitiv weg.
Der Clown versteht das nicht. Er nimmt einen Lappen aus seinem Mantel, wischt alle Spuren weg, dann geht er raus und kommt mit einem Kanister Benzin zurück. Er gießt das Benzin über die Matratze. Er legt eine Benzinspur, zündet sie an, und rennt weg.
Er hört die Detonation hinter sich, als der Raum Feuer fängt. Er läuft, bis er seinen Kleinbus findet. Er passt auf, dass niemand in der Nähe ist, steigt hinein, zieht sich um, und wischt sich die Schminke aus dem Gesicht. Dann fährt er davon.
Die Polizei, die Mafia und die Gruppe von Rochen hatten den Ring inzwischen immer enger gezogen. Als es dort im Wald, rund 50 Km vor Berlin plötzlich brennt, wird die Feuerwehr alarmiert. Es hat nur qualmenden Rauch gegeben, den ein Ausflügler von Weitem gesehen hatte. Der Wald ist nicht verbrannt worden. Die Kripo untersucht die Spuren. Sie finden die Reifenspuren des Kleinbusses und sie folgen den Spuren durch den Wald.
Zwei Tage später brennt in Süddeutschland ein Kleinbus aus. Die Polizei untersucht den Fall und zieht Parallelen.
Der Clown war untergetaucht. Das Kind ist und bleibt verschwunden.
Die Kripo gibt Rochen und Elvira Bescheid, aber Elvira sieht die Beamten nur traurig an. „Ich weiß“, sagt sie. „Mein Sohn ist tot. Eine Mutter spürt so etwas.“
1.13.
Alf erlebt den Tunnel nicht zum ersten Mal. Seine Tanten und Onkels hatten ihn schon mit durch diesen Tunnel genommen, wenn sie nach Südamerika oder nach Wittenberge gesprungen waren. Alf kennt diesen langen schwarzen Tunnel, der rotiert, während er dort hindurchfliegt.
Diesmal ist es dennoch anders. Er spürt den Schlag schon nicht mehr, der seinen Schädel gespalten hatte.
Er sieht um sich herum lauter kleine weiße Funken, wie Sterne. Er fliegt durch diesen Tunnel. Es ist eine rasend schnelle Fahrt, die scheinbar unendlich lange dauert. Dann sieht Alf plötzlich ein fernes Licht, dem er sich rasend nähert.
Er wird sanft abgelegt und schläft sofort ein.
Als er die Augen öffnet, sieht er um sich herum eine blühende Landschaft aus lauter kleinen bunten Blumen. Er liegt auf Moos, und um ihn herum gibt es seltsame große und keilförmige Steine. Irgendwo am Himmel brennt die Sonne und in der Nähe plätschert ein Bach.
Alf richtet sich auf. Er sieht sich verwundert um.
Solch eine Landschaft hat er noch nie gesehen.
Es ist warm und er fasst instinktiv an seinen Kopf. Es gibt keine Wunde, der Kopf scheint heil.
Es gibt nicht einmal einen Schmerz. Nichts. Nur das rechte Ohr scheint etwas verrutscht. So. als wenn es da nicht richtig hingehört.
Alf steht auf. Er sieht an sich herunter, dann sucht er diesen Bach.
Es ist wirklich ein kleiner Bach, der sich in einer kleinen Mulde sammelt, nicht wie ein See, eher wie eine große Pfütze. Alf sieht, dass sich der Himmel in dieser Pfütze spiegelt, und er beugt sich vorsichtig darüber. Er sieht plötzlich sein Spiegelbild ganz klar, und er dreht den Kopf hin und her. Er sieht das Blut auf der Kleidung und in seinen Haaren. Er sieht, dass ein Stück seines Ohres fehlt, und er sieht, dass der Kopf sonst völlig in Ordnung ist. Er kniet sich hin, trinkt von dem klaren Wasser und wäscht sich unbeholfen.
Dann steht er wieder auf und versucht den Kontakt zu seiner Mutter herzustellen. Nichts. Da ist nichts. Da ist nur Stille.
Dort, wo Alf steht, ist die Wiese sehr nass, und er läuft ein paar Schritte, um eine trockene Stelle zu finden. Dabei sieht er, dass es hier niedere Büsche gibt. Sie haben kleine Blätter und blaue Beeren. Als er sich bückt, sieht er, dass hier Walderdbeeren wachsen. So genau kennt er die allerdings nicht. Er kennt Erdbeeren, aber die hier sind wirklich sehr klein.
Alf probiert von den Erdbeeren und den blauen Früchten, und findet, dass sie sehr gut schmecken.
Er hatte in den letzten Tagen wenig gegessen und der Hunger rührt sich urplötzlich.
Von den blauen Beeren wachsen hier genug. Mehr als er essen kann.
Während er isst, verfärben sich seine Hände und der Mund. Alles ist jetzt blaulila von den Heidelbeeren. Alf sieht auf seine Hände. Er leckt daran. Es schmeckt süß und es macht Alf irgendwie glücklich.
Er versteht das alles nicht und es ist auch nicht zu verstehen, nicht nur für einen Dreijährigen.
Schließlich streckt sich Alf und sieht sich um.
Er hat einen kleinen kugelrunden Bauch bekommen, von den Beeren, und fühlt sich satt, zufrieden und etwas müde. Es gibt hier eine Art Lichtung, wie ein Plateau. Um diese Lichtung herum stehen diese seltsamen großen Steine und auch Holzsteelen, die in Kreisform aufgestellt sind, und die jetzt Schatten werfen. Das Tal hat auf drei Seiten hohe Wände aus Stein, die in wilden Zacken immer höher hinaufreichen. Auf der vierten Seite ist das Tiefblau des Himmels zu sehen, und jetzt nahm Alf zum ersten Mal diesen Duft wahr, der hier über der Lichtung liegt. Ein süßer und würziger Duft von Moosen, Waldboden und Beeren.
An den Hängen stehen vereinzelt hohe Tannen und sie reichen auch noch weiter hinauf. Sie klammern sich ans Gestein und sie haben seltsam geformte Wurzeln.
Alf sieht das alles, aber mit seinen drei Jahren nimmt er das noch nicht bewusst auf. Er hat keine Ahnung, wo er ist. Seine Mutter ist offenbar weit weg, und diese Landschaft ist entschieden besser als der Kerker, in dem er die letzten vierzehn Tage verbracht hatte.
Er sucht sich ein trockenes Plätzchen, legt sich in das Moos und schläft nach wenigen Minuten ein.
1.14.
Elvira, die in Berlin zurückgeblieben war, die war traurig über den Verlust. Sie weiß einerseits, dass Alf tot ist, und gleichzeitig hat sie das Gefühl, dass sie Alf eines Tages wiedersehen wird. Sie spricht mit Chénoa und ihrer Cousine Solveig, und Solveig nickt vorsichtig. Sie hat in diesen Dingen ein untrügliches Gespür.
„Du wirst ihn wiedersehen“, sagt sie mit Bestimmtheit. „Nicht morgen, nicht in fünf Jahren. Vielleicht musst du zwanzig oder dreißig Jahre warten, aber ich weiß das mit Bestimmtheit. Alf wird zurückkehren in unsere Welt. Glaub’ mir.“
Für die Polizei gilt Alf als vermisst. Sie setzen ihn auf eine Liste. Es gibt nicht einmal eine Beerdigung.
Elvira spricht mit ihren Kindern und auch mit Lara und ihren Kindern. Lara umarmt sie, und sie sieht die Kinder der Reihe nach an.
„Ich habe gelernt, auf die Kräfte der Familie zu vertrauen. Ich habe nicht die Kräfte von Solveig, aber auch ich spüre, dass Alf eines Tages zurückkommen wird. Lasst uns das immer wieder besprechen. Auch auf den Treffen der Kinder muss das einen neuen Stellenwert erhalten.
Vielleicht gelingt es uns eines Tages, den Kontakt zu Verschollenen herzustellen.“
Lilly ist so traurig, dass sie jetzt zu ihrer großen Schwester ins Zimmer zieht. „Ich kann das einfach nicht, so alleine neben dem leeren Bett von Alf liegen. Ich muss immer daran denken, wenn wir uns morgens geneckt haben, bevor Mama und Papa aufgestanden sind.“
1.15.
Alf, Elvira und Solveig wissen nicht, dass Artemis seine schützende Hand über Alf gehalten hat. Sie wissen nicht, dass Artemis schon vor vielen Jahren gelernt hat, in die Vergangenheit zu reisen. Sie wissen nicht, dass Artemis mit Alf etwas Großes vor hat, und dass er deswegen nicht in das Geschehen eingegriffen hat, solange Alf noch gefangen gehalten worden war.
Sie wissen viel, aber Vieles wissen sie nicht.
Alf, der ein kleiner unschuldiger Junge von drei Jahren ist, hat eine große Zukunft vor sich, und er wird durch eine harte Schule gehen, um später einmal seine zukünftigen Aufgaben für die Familie zu erfüllen.
Artemis muss immerhin zugeben, dass seine Entscheidung eine Art Experiment ist. Er weiß auch nicht, wie die menschliche Physis und die Psyche auf einen Zeitsprung von über 1000 Jahren reagiert. Er selbst war schon ein paar Mal in der Vergangenheit. Es war immer sehr aufschlussreich gewesen. Man kann aus der Vergangenheit oder auch aus der Zukunft weit besser lernen, wenn man selbst daran teilgenommen hat.
Kapitel 2. In einem fremden Land
2.1.
Alf wacht auf, weil er ein Schnauben, Schmatzen und Röcheln hört. Er schlägt die Augen auf und sieht in einiger Entfernung ein großes dunkles Tier mit dichtem Fell. Das Tier hat ein Junges neben sich, das manchmal hüpft und kleine Sprünge macht.
Das große Tier hat seine Schnauze tief in die Büsche gesteckt und es frisst offenbar von diesen Beeren.
Der Wind steht günstig. Alf liegt hinter Büschen verdeckt, und so hat dieses große Tier Alf noch nicht bemerkt.
Alf hört sich das eine Weile an, dann spinnt sich wie selbstverständlich ein Feld aus Licht um ihn. Das kennt Alf auch noch nicht. Er staunt, und plötzlich beginnt er zu summen und zu brummen. Er kann nicht einmal etwas dazu.
Die Bärin richtet sich abrupt auf. Sie sieht jetzt diesen Schein. Sie sieht dort dieses Bündel. Sie kennt Menschen, und sie muss sich vor diesen Menschen in Acht nehmen. Das hatte sie gelernt.
Aber dieses Wesen brummt in einer ihr vertrauten Art, und dann beginnt dieses Etwas zu fiepsen, so dass sie die Ohren spitzt. Das sind die kläglichen Geräusche, die sie von ihrem Jungen kennt, wenn es Hunger hat.
Sie drückt ihr eigenes Kind hinter ihren Rücken, dort, wo es Schutz findet, und beginnt sich schnell auf dieses Bündel zuzubewegen.
Der Schein wird heller. Die Bärin erschrickt, doch dieses Bündel winselt und jault, und die Bärin geht vorsichtig näher.
Ihr eigenes Kind folgt ihr, und es beginnt jetzt auch zu winseln und zu brummen.
Die Bärin richtet ihre große Nase in die Luft und nimmt die Losung auf. Da ist nur dieses Kind. Es riecht süß nach Beeren und nach Pipi, und da ist kein anderer Geruch. Nicht der scharfe Schweiß, den die Menschen sonst verströmen.
Sie bewegt sich hin und her und steckt ihre Nase in die Luft. Dann geht sie zu diesem Bündel, das jetzt aufsteht.
Es ist ein Menschenjunges. Für Bären ist das ein gefundenes Fressen, aber dieses Junge macht seltsam vertraute Geräusche. Sie riecht an diesem Kind. Es langt ihr jetzt ohne Furcht in den Pelz und es wimmert, wie Bärenjunge wimmern.
Die Bärin ruft ihr Junges. Es kommt, und trinkt an ihren Zitzen.
Alf sieht das. Er beobachtet das Bärenkind, dann wird er von der Bärin in Richtung dieser Zitzen gestumpt und Alf versteht.
Er wartet, bis das Bärenjunge schmatzend fertig geworden ist, dann legt sich die Bärin auf die Seite und brummt auffordernd.
Alf trinkt den ersten Schluck Bärenmilch in seinem Leben. Sie ist warm, sie ist fett und sie ist nahrhaft. Alf trinkt und dann schiebt er der Bärin dankbar die Hand in das Fell. Die Bärin versteht.
Sie steht auf und beginnt wieder zu fressen. Alf beginnt jetzt mit dem Bärenjungen zu fiepsen und sie beginnen sich zu unterhalten.
Es ist nichts, was Alf jemals vorher getan hat. Er hat schon mit Hühnern, Hunden und Kaninchen gesprochen. Einen Bären hat er bisher nur im Zoo gesehen. Das ist aber schon eine ganze Weile her.
Diese Töne, die waren aus ihm gekommen, ohne dass er etwas dazu konnte. Er versteht das nicht ganz, aber er ist dankbar.
Als sich die Bärin schmatzend entfernt, folgte Alf der kleinen Bärenfamilie. Irgendwann ist es zu anstrengend, durch die Büsche zu laufen und er muss sich setzen.
Es wird schon dunkel, als die Bärin zurückkommt.
Sie nimmt Alf mit den Zähnen an der Kleidung auf, und trägt ihn zu einer Höhle auf der anderen Seite der Lichtung.
Die Höhle ist nackt, und der Boden ist kalt, aber die Höhle schützt vor Regen, und Alf kuschelt sich in dieser Nacht in das Fell der Bärin.
2.2.
Am nächsten Morgen gibt die Bärin Alf zu verstehen, dass es hier gefährlich sei. Hier kämen immer mal große weiße Jäger herauf. Sie müsse das Tal jetzt wieder verlassen.
Alf versteht, aber was soll er tun? Dort hinauf, wo die Bärin gehen will, kann er ihr nicht folgen. Nicht über diese Felsen, und nicht mit seinen kurzen Beinen.
An diesem Morgen muss Alf auf den Topf. Er hat kein Klopapier, aber die Bärin leckt ihn sauber, dann verschwindet sie mit ihrem Bärenjungen und lässt Alf alleine zurück.
Alf hat jetzt immerhin ein Dach über dem Kopf, und er hat in diesem Tal genug Beeren, von denen er satt wird.
Die Bärin kommt alle zwei Tage. Sie säugt Alf, sie leckt ihn sauber, und dann verlässt sie das Tal wieder. Alf nimmt langsam den Geruch der Bärin an.
Es gibt auch andere Tiere im Tal. Kaninchen, kleine Füchse, und eines Nachts wird Alf von Schatten geweckt, die sich vorsichtig, wirklich vorsichtig nähern. Er schlägt die Augen auf.
Sehen kann er nichts. Er vernimmt leise Geräusche, und dann sieht er kleine helle Punkte, die fast fluoreszierend leuchten.
Er richtet sich auf und urplötzlich entflammt wieder dieses Licht. Alf sieht jetzt, was es ist. Hunde. Er kennt Hunde, und er fängt sofort an, in diesen Lauten zu kommunizieren, die Hunden zu eigen sind. Was Alf nicht weiß, es sind Wölfe, und diese Wölfe haben vor diesem Licht Angst. Es wirkt auf sie wie Feuer. Wölfe haben vor Feuer einen Heidenrespekt.
Das Feuer schützt Alf. Die Wölfe riechen den Geruch dieser Bärenhöhle, die sie hierher gelockt hatte. Sie hatten erwartet ein Jungtier zu finden, aber sie hatten nicht mit diesem seltsamen Feuer gerechnet, das jetzt in ihrer Sprache mit ihnen redet. Schließlich geht das Feuer auf sie zu und sie nehmen reißaus.
Am nächsten Tag sind sie wieder da. Sie stehen in einiger Entfernung. Sie sehen dieses Menschenkind, das wie ein junger Bär riecht. Es geht durch die Blaubeeren, und isst wie ein Menschenkind Beeren isst. Heute hat es nicht diesen Schein, und die Wölfe wagen sich wieder heran. Das ist leichte Beute.
Als die Bärin erscheint, wollen sich die Wölfe zunächst auf das Menschenkind stürzen, um dann schnell zu verschwinden, aber die Bärin bewegt sich mit solch unglaublicher Schnelligkeit auf sie zu, dass sie Abstand nehmen.
Aber jetzt ist das Bärenjunge gefährdet, das der Mutter nicht so schnell hatte folgen können, und die Wölfe greifen das Bärenjunge an.
Was dann geschieht, begreifen die Wölfe nicht.
Alf beginnt plötzlich zu heulen. Er streckt den Kopf in die Luft, und stößt dieses typische Geheul aus, das man von den Leitwölfen kennt.
Die Bärin ist verwirrt. Die Wölfe sind verwirrt, und Alf bewegt sich jetzt auf die Wölfe zu.
Lasst meine Familie in Ruhe, ruft er den Wölfen in der Sprache der Wölfe zu. Die Wölfe bellen, dann beginnt der Leitwolf zu heulen, und einer der Wölfe nach dem anderen verlässt das Tal.
Was noch seltsamer ist, noch während die Wölfe das Tal verlassen, verändern sich die Laute, und Alf beginnt wieder in der Sprache der Bären zu fiepsen. Hilflos und schutzsuchend.
Die Bärin versteht. Sie bleibt diese Nacht im Tal.
Sie gibt Alf Nahrung und Wärme, dann bricht sie wieder auf. Es ist hier einfach zu gefährlich.
2.3.
Die Laute der Wölfe klingen weit, und sie werden durch die Öffnung des Tals in Richtung Meer getragen.
Viel weiter unten am Berg liegt eine Siedlung von Menschen, die bei diesem Geheul die Ohren spitzen. Heute ist der Aufstieg nicht mehr zu schaffen, aber morgen früh werden sie auf die Berge hinauf klettern. Wolfsfelle sind begehrt. Sie legen ihre Speere zurecht, und stehen früh auf, um den Weg hinauf in die Berge anzutreten.
Als sie das Tal erreichen, das bei ihnen als heiliger Hain gilt, hatte der Bär das Tal schon wieder verlassen. Bären haben gute Instinkte.
Diese Bärenmutter wusste, dass ihr jetzt Gefahr von den Menschen drohte, die jetzt die Wölfe jagen werden. Sie würden die Bärin unweigerlich entdecken, wenn sie in diesem Tal blieb. So stand sie schon vor Sonnenaufgang auf, und ließ Alf alleine in der Höhle zurück. Ihn kann sie jetzt nicht mitnehmen.
Die Jäger sind geübt, doch der Weg ist schmal und steil, und sie brauchen über zwei Stunden, um in das Tal zu gelangen, das ihnen als heilig gilt.
Dort nehmen sie sofort Aufstellung und sichten die Spuren. Da gibt es nicht nur Wolfsspuren, sondern auch die Spuren von Füchsen, Hasen und einem Bär. Natürlich kennen sie die Bärenhöhle, und sie nähern sich vorsichtig, die Speere zum Stoß bereit. Was sie dann sehen, verblüfft diese hartgesottenen Jäger.
Unweit der Höhle sitzt ein weißhäutiges Kind mitten in den Beeren und isst. Am Oberkörper hat das Kind ein seltsames Hemd an, unten ist es nackt. (Für Alf war das einfach praktischer gewesen. So konnte ihn die Bärin besser sauber halten).
Sie sichern sich nach allen Seiten ab. Es riecht hier intensiv nach Bär, und sie nähern sich dem Kind, das plötzlich aufblickt und einen Lichtgürtel um sich zieht. Das haben die Jäger auch noch nie gesehen.
Hagan, der Anführer der Sippe, gibt seinen Männern ein Zeichen. Sie sichern weiter nach allen Seiten. Sie schwärmen aus, sie finden nichts außer den Spuren der Wölfe, der Bären, der Füchse und der Kaninchen.
Das Kind ist dennoch da. Es riecht eindeutig nach Bär, und es hat diesen seltsamen Schein, der immer heller wird.
Hagan ruft einem der Männer etwas zu und der verschwindet. Dann kommt er aufgeregt wieder und flüstert dem Anführer etwas zu.
Hagan sieht den Mann an. Er sieht das Kind an und er sieht seine Männer an.
„Dieses Kind“, sagt er „scheint direkt aus dem Licht gekommen zu sein. Es sitzt dort, wo die Sonne aufgeht. Es ist hier in unseren heiligen Hain gekommen, es ist weiß wie Schnee, aber es hat dunkle Haare. So etwas hat noch niemand gesehen.” Er sieht hinauf zum Himmel, dann stimmt er plötzlich in einen Singsang, in den jetzt auch alle Männer dieser Jagdgesellschaft fallen.
Selbst dieses weiße Kind fällt jetzt in diesen Gesang ein, mit seiner klaren hellen Kinderstimme.
Das ist für Hagan der Beweis. Dieses Kind ist eine Gabe Gottes. Es muss direkt von Odin zur Erde herab gesandt worden sein. Vielleicht eine Elfe, die sich verwandeln kann in eine Tiergestalt, wer weiß?
Das Kind geht jetzt auf die Schar zu. Es riecht ganz eindeutig nach Bär, und Hagan ist sich jetzt ziemlich sicher. Dieses Kind muss vor kurzem noch ein Bär gewesen sein. Der Bär, dessen Spuren sie im Tal gefunden hatten.
Sie suchen das Tal noch einmal ab. Sie verneigen sich vor den Göttern Odin, Thor und Freya, die ihnen dieses Kind geschickt hatten, und sie brechen ihre Jagd ab. Das hier, das ist jetzt wichtiger.
Sie haben auch die Hosen von Alf gefunden. Solch einen Stoff haben sie noch nie gesehen. Auch diese Hosen riechen nach Bär.
Hagan nimmt das Kind schließlich auf die Schultern und sie gehen den langen steilen Weg ins Tal wieder hinunter.
Während dieser Zeit brabbelt dieses Kind und Hagan merkt, wie dieses Brabbeln langsam in Worte übergeht, die er kennt. Worte aus seiner Sprache. Als sie schließlich ins Tal kommen, spricht dieses Kind seine Sprache ganz deutlich, und Hagan ist überzeugt, dass er eine Elfe auf dem Arm trägt. Ein Kind Odins.
2.4.
Hagan ist nicht nur der Stammesführer. Er ist Schmied und Seher zugleich. Er gilt als ein heiliger Mann, ein Druide, und er kennt sich mit Kräutern und Gottesverehrungen aus. Er ist in dieser Bucht, in der sie wohnen, ein mächtiger Mann über mehr als zwanzig Großfamilien.
Sie leben in festen Häusern aus Holz, mit Dächern aus Zweigen und Stroh, die so dicht sind, dass kein Regen hindurchfallen kann. Es ist eine große Bucht und die Hütten reichen weit um die Stirnseite der Bucht herum. Die Bucht selbst ist zur Seeseite hin geschützt durch Felsklippen, die bei Ebbe weit aus dem Wasser ragen, so dass die Enge unpassierbar wird. Bei Flut kann man die Enge passieren, wenn man weiß, wo man fahren muss. Jedes andere Boot würde sonst an diesen Klippen zerschellen. Es ist eine sichere Stelle, an der Hagan mit seiner Sippe siedelt.
Bevor sie das Dorf erreichen, stoßen sie Rufe aus. Sie hatten kein Jagdglück gehabt, aber sie hatten etwas anderes gefunden.
Als sie den Fuß der Berge erreichen, sind alle Dorfbewohner versammelt, die etwas zu sagen haben.
Hagan tritt vor die Menge und erklärt. Hagan ist ein Mann, der keinen Widerspruch duldet, wenn er etwas Kraft seiner Macht als Druide verkündet. Er lässt Argumente zu, seine Männer und die Weiber sind schließlich alle gestandene Nordleute, auf die man hören muss, aber er bestimmt letztendlich den Weg.
Seine Frau Jodan tritt jetzt zu Hagan und dem Kind. Urplötzlich flammt dieses Schutzschild auf, das Alf schon mehrfach beschützt hat, und Jodan tritt unwillkürlich einen Schritt zurück.
Alf gibt Hagan das Zeichen, ihn abzusetzen, dann tritt er auf Jodan zu. Er fasst nach dieser groben Hand, er sieht ihr von unten ins Gesicht, und plötzlich sagt er in der Sprache der Wikinger. „Großmutter Jodan.“
Das ist für die Jagdgruppe zuviel. Niemand hatte diesen Namen erwähnt, den das Kind eben ausgesprochen hat, und jetzt gehen die Männer der Jagdgruppe vor diesem Kind in die Knie, und alle anderen folgen.
Es sind rauhe Männer, behängt mit Fellen, gegürtet mit Schwertern und sie tragen Lanzen und Schilde auf dem Rücken. Sie haben Helme auf, manche aus Eisen, manche mit Hörnern.
Hagan fängt an zu summen. Die Männer und Frauen nehmen das Gesumm auf, das jetzt wie Wellen auf und abschwingt und sie springen schließlich auf. Sie nehmen ihre Schilder von den Rücken. Sie reißen die Schwerter aus den Scheiden und sie beginnen jetzt mit den Schwertern auf die Schilde zu schlagen und zu singen. Rhythmisch und laut. Hagan nimmt schließlich das Kind, und hebt es hoch über seinen Kopf.
Alf versteht, dass dieser Lärm nicht gefährlich für ihn ist, und er stimmt nun mit seiner Kinderstimme in das Lied ein. Es ist kein Lied, das er kennt. Naja. Er singt ein Gemisch aus einem Kinderlied aus Berlin und aus dieser Sprache, die diese Männer hier sprechen, und die Männer fallen nacheinander in tiefes Schweigen, und hören jetzt nur noch diesem Gesang zu, der sich über die Wellen der Bucht legt.
Von dieser Zeit ab gilt Alf dieser Sippe als etwas Besonderes. Er wird in dieser Nacht mit in das Langhaus von Hagan genommen, und eine der Mägde, die viel Milch besitzt, gibt Alf die Brust. In Berlin war Alf längst abgestillt gewesen, aber die Bärin hatte ihn gesäugt und am Leben erhalten, und er sieht jetzt diese Brust der Amme wie die Zitze der Bärin, als etwas, das ihn am Leben erhalten wird.
Nichts von dem, was Alf in den letzten Tagen getan hatte, war wirklich bewusst und mit klarem Kopf getan worden. Vielmehr hatte eine Art innerer Antrieb sein Verhalten bestimmt. Alf hatte schon oft von einem “Nichts” gehört, dass das Leben der Familie bestimmt. Er weiß, dass er hier nicht im Himmel ist. Er kennt die Geschichten, die Mama über Urgroßvater Leon erzählt hatte und er weiß, dass ihm jetzt etwas ähnliches wiederfahren ist, wie damals Urgroßvater Leon. Dieses “Nichts” hatte ihn beschützt, und er lebt jetzt bei diesen Männern und bei diesen Frauen in den Bärenfellen.
Diese Brust würde ihm die Kraft geben, in dieser Welt groß zu werden.
2.5.
Alf weiß nichts von Leibeigenen. Er weiß nichts von diesen Männern dieser Sippe, und er weiß nichts von den Riten, die diese Menschen bestimmen.
Er weiß instinktiv, dass er hier eine neue Familie gefunden hat. Hagan und Jodan, das ist jetzt seine Familie, und auch Josefa, die Frau mit den schweren Brüsten, die ihn jetzt säugt.
Auch Josefa ist blond, wie die meisten Menschen dieser Sippe, aber Alf hat instinktiv begriffen, dass Josefa nicht in die erlauchte Gesellschaft der Nordmänner gehört. Sie ist nur eine Magd, und sie wird hier geduldet, um zu arbeiten. Auch das begreift Alf instinktiv, aber Josefa gibt ihm die Brust, die ihn nährt und wärmt, so wie die Bärin ihn drei Wochen lang genährt hat, und Alf beschließt, Josefa zu beschützen, so wie sie ihn jetzt beschützt.
Das “Nichts” hatte Alf wieder beschützt. Tatsächlich war es ein Mitglied des Volkes der Cantara, aber das weiß Alf nicht, und das braucht er auch nicht zu wissen.
Die Cantara werden in der Zeit, in der Alf bei den Wikingern leben wird, wertvolle Informationen sammeln, die ihnen in Zukunft helfen werden, die Welt des 21. Jahrhunderts besser zu verstehen und in ihrem Sinne zu beeinflussen.
Kapitel 3. Im Dorf der Wikinger
3.1.
Auch wenn Alf unter dem Schutz von Hagan steht, so merkt er sehr schnell, dass dies eine rauhe Gesellschaft ist.
Es gibt hier andere Kinder, größere Kinder.
Weil Alf über Nacht in diese Gruppe aus Menschen gekommen war, ist es nur natürlich, dass die Jungen und Mädchen dieser Sippe austesten, wie weit sie gehen können.
Alf ist zwar erst drei, aber er ist ein Fremder.
Schon am ersten Morgen erhält er einen unsanften und schmerzhaften Stoß mit einem Ellbogen, der ihn von den Füßen hebt und umwirft.
Knut ist ein Enkel von Hagan, und er grinst über das ganze Gesicht. Das ist also doch nur ein läppischer Junge. Da ist nichts elfenhaftes.
Er stößt Ode an, der ein Jahr älter ist. Ode grinst, und als er das nächstemal an Alf vorbeigeht, fährt er den Ellbogen aus. Dieses mal ist Alf gewappnet. Er hat das kommen sehen, und er wird von diesem “Nichts” beschützt. Das “Nichts” schenkt ihm ein Energiefeld, und Ode schreit vor Schmerz auf, als er in dieses Energiefeld greift. Er wird halb herumgerissen, verliert das Gleichgewicht und fällt um.
Knut fängt plötzlich an zu lachen. Da hat sich Ode aber blöd angestellt. Ode rappelt sich auf und geht auf Knut los. Da brüllt Alvin dazwischen, der Vater von Knut und Ode. Wenn sie sich prügeln wollen, dann gefälligst vor dem Haus. Hier in der Halle des Druiden herrscht Anstand.
Für Alf ist das neu.
Er geht mit nach draußen, wo sich Ode und Knut jetzt in den Haaren liegen. Ode ist der ältere und Knut hat keine Chance. Schließlich mischt sich Hagan ein. Schluss jetzt, bestimmt er. Prügeln ist gut, das macht Kerle aus euch, aber erzählt mir erst mal, worum es hier eigentlich geht.
Eine verlegene Stille entsteht. „Na los doch“, donnert Hagan und Ode beichtet.
Hagan sieht zu Alf. „Komm doch mal her“. Er fasst ihn an den Händen, sieht ihm in die Augen und fragt. „Verstehst du mich? Kannst du das bestätigen, was Ode eben gesagt hat?“
Alf, der zu Hause gelernt hat, dass er Rücksicht auf andere nehmen muss, befreit sich von Hagan und er stellt sich vor Ode, mit dem Rücken zu ihm. „Ode ist schon in Ordnung“, sagt Alf. Er spürt instinktiv, dass Ode ihn erneut schubsten will, und ein jetzt völlig unsichtbares Energiefeld baut sich um Alf auf, und lässt Ode die Haare zu Berg stehen.
Auch Knut spürt diese Energie, und ihn fröstelt urplötzlich, und nun sagt der dreijährige Knirps etwas ungewöhnliches. „ich bin in deine Familie gekommen“, sagt er zu Hagan. „Du hast mich aufgenommen, wie dein eigenes Kind. Knut und Ode sind für mich jetzt wie Geschwister, und ich habe gelernt, meine Geschwister zu beschützen.
Mehr muss ich dazu nicht sagen.“ Naja, ganz so sind die Worte nicht. Alf sagt das mit den Worten, die er als Dreijähriger hat, aber der Sinngehalt ist klar. Er will hier keinen Streit. So wie er unter dem Schutz von Hagan steht, so würde der kleine Knirps auch seine großen „Geschwister“ beschützen.
Hagan lacht schallend auf. Die Situation ist einfach zu komisch. Seine großen Enkelkinder liegen unter dem Schutz dieses Knirpses. Er erfasst aber auch den Sinn der Worte. In seiner Sippe gilt das auch. Die Familie ist alles. Man hat untereinander manchmal Streit, aber man steht gegen Gefahren von außen wie ein Mann.
Auch die anderen Mitglieder der Sippe fangen an zu lachen, und dann steht Hagan auf.
Er winkt seine Enkelkinder zu sich. „Kommt doch einmal her zu mir“. Er sieht die Enkelkinder an und meint, „was dieser Knirps gesagt hat, das könnte auch aus meinem Mund stammen. Benehmt euch anständig. Wenn es einen wirklich ernsten Grund gibt, dann streitet, aber macht Schluss mit solchen Lapalien. Ihr solltet diesem Jungen ein Vorbild sein.“ Er sieht die beiden Jungs durchdringlich an. „Unterrichtet ihn. Nehmt ihn unter eure Fittiche, und hört auf mit diesem kindischen Unsinn.“
Am Nachmittag, als Alf müde wird, nimmt ihn Mona mit auf ihr Lager. Mona ist die Schwester von Ode und Knut, und sie ist schon sieben. Sie legt den Arm um Alf und Alf spürt, dass von Mona keine Gefahr droht. „Schlaf ein wenig“, sagt Mona, aber sag mir, wie du das gemacht hast.“
Sie hatte diesen Energiestrom deutlich gespürt, der Ode zu Fall gebracht hatte. Alf seufzt, kuschelt sich an Mona, und sagt leise. „Ich weiß nicht. Mama kann das auch.“ Das war das erste mal, dass Mona hört, dass dieser Knirps von seiner Mutter spricht, aber als sie nachfragen will, ist Alf schon eingeschlafen.
Wenige Tage später brechen die Jäger erneut auf. Dieses Mal kommen sie mit Beute zurück.
Sie schleppen einen Elch und sie tragen die Körper von fünf Wölfen. Fleisch ist kostbar. Auch das Fleisch der Wölfe würde gutes Fleisch geben und Kraft schenken.
Einen Elch hat Alf noch nie gesehen. Er nähert sich diesem riesigen Tier vorsichtig, und begutachtet ihn. Dann dreht er sich zu den Wölfen um und umarmt den ersten toten Wolf.
Er sieht sich um, und die Männer sehen, dass Alf weint. Jodan geht zu Alf hin und legt den Arm um ihn. „Was ist, was macht dich so traurig?“ Alf sieht Jodan mit seinen nassen Augen an, dann wischt er sich energisch die Tränen aus dem Gesicht. „Das waren meine Brüder“, erklärt er bestimmt.
Als Jodan das ihrem Mann in dieser Nacht erzählt, nickt er bedächtig. „Ich spüre, das in diesem Kind etwas Besonderes steckt. „Vielleicht wird dieses Kind uns eines Tages beschützen.“
Wenige Wochen später ist ein besonderes Ereignis. Fast die gesamte Sippe klettert diesen schmalen Pfad hinauf zu dem heiligen Hain. Es ist in den Abendstunden. Sie tragen Fleisch und selbstgebrautes Bier, und als sie oben ankommen, werden die Kinder ausgeschickt, um Feuerholz zu sammeln. Es gibt in der Sippe viele Kinder und die Aufgaben sind klar umrissen. Die Kinder haben Pflichten, und dazu gehört es auch, Feuerholz zu sammeln. Die Männer rammen einen Pfahl in den Boden, und einer der Knechte wird an den Pfahl gebunden. Er wehrt sich, aber Hagan tritt zu ihm und spricht energische Worte.
Der Mann verstummt. Alf steht zu weit weg, und er kann nicht hören, was Hagan sagt. Dort im engeren Kreis um diesen Pfahl sind nur die Krieger der Sippe zugelassen. Mona hält Alf an den Schultern fest. „Wir Kinder müssen Abstand halten, wenn die Alten reden“, sagt sie bestimmt.
Die Männer schichten das Holz zu einem Berg.
Die Sonne geht gerade hinter dem Berg unter, und Hagan beginnt jetzt zu reden. Es sei ein besonderes Jahr. Sie hätten Glück und Erfolg gehabt, aber nun würde die lange Zeit des Winters einbrechen. Es sei jetzt an der Zeit Odin, Thor, und Freya für ihre Güte zu danken.
Noch etwas sei geschehen. Odin hätte ihnen eine Elfe geschickt, und sie würden ihm für dieses Geschenk jetzt etwas zurückgeben.
Alf sieht fragend zu Mona, aber die hält ihn an den Schultern fest, und schüttelt leicht mit dem Kopf. „Warte“, sagt sie leise.
Hagan nimmt jetzt einen Schluck von dem Bier.
Auch die andern Krieger der Sippe trinken einen Schluck aus den Lederschläuchen, und sie zündeten jetzt Fackeln an und beginnen um den Holzhaufen zu tanzen.
Sie trinken immer wieder kleine Schlucke. Sie singen, und der Tanz wird rhythmischer. Die Frauen beginnen im Takt zu singen, sie beginnen jetzt rhythmisch zu klatschen. Während die Sonne untergeht und der Himmel langsam seine Helligkeit verliert, tanzen sich die Männer in Trance. Die Frauen stehen um sie herum und stampfen mit den Füssen. Die Kinder bleiben hinter den Frauen, im äußeren Kreis. Dann flammen weitere Fackeln auf. Um die tanzende Schar der Männer brennt jetzt ein großer Kreis aus Fackeln. Die Männer singen, die Frauen klatschen und stampfen. Auch sie geraten in Trance, und dann wird eine der Fackeln an Hagan weitergereicht.
Der Mann in der Mitte schreit mittlerweile wie am Spieß, aber das Schreien ist kaum zu hören, so laut sind die Gesänge und der stampfende Rhythmus.
Alf ist inzwischen müde, aber er ist auch gebannt von diesem Schauspiel. Irgendwie entzieht sich seiner Wahrnehmung, dass der Mann in der Mitte vor Angst und Panik schreit. Dann wandern weitere Fackeln in die Hände der Männer, und plötzlich entsteht eine Stille, in der sich jetzt deutlich das Angstgeschrei des Mannes ausbreitet.
Plötzlich wird Alf bewusst, was jetzt geschehen wird.
Hagan geht auf den Haufen zu, und er ruft, dass das Opfer jetzt vollbracht werden müsse. Gabe gegen Gabe. Dann steckt er die Fackel in den Holzhaufen und brennt ihn an. Die andern Männer treten von allen Seiten an den Haufen und stecken die Fackeln hinein. Der Scheiterhaufen beginnt zu brennen und lodert in den Himmel. In dem Geknister und Geknacke des Feuers geht das Geschrei des Mannes jetzt unter.
Die Männer nehmen jetzt wieder Schlucke aus ihren Schläuchen und setzen ihren Tanz fort.
Mona hatte Alf fest an den Schultern gepackt. Er kann sich nicht rühren, aber der dreijährige Knirps versteht deutlich, dass dort ein Mensch bei lebendigem Leib verbrannt wird, und das nur, weil Alf zu den Wikingern gekommen war. Die Tränen laufen ihm nur so herunter.
Während sich die Menge immer mehr in Trance tanzt, klappt Alf zusammen. Er bekommt es nicht mehr mit, dass er von zwei Händen in die Höhe genommen wird und auf ein Lager gebracht wird.
Es ist seine Amme Josefa, an deren Brust er nun schläft, aber in dieser Nacht wacht Alf mehrfach auf und schreit. Ein Schein bildet sich um Alf und erfasst auch Josefa. Erst als sie ihm die Brust erneut gibt, schläft Alf endgültig ein und findet Ruhe.
3.2.
Am nächsten Tag wird die rituelle Sonnwendfeier fortgeführt. Dieses Mal ist das Fest anders. Alf spürt jetzt, dass die großen Steine und die Stäbe nach einem ganz bestimmten Muster angeordnet sind. Er sieht die langen Schatten, die sie werfen, als die Sonne aufgeht. Er hört die Beschwörungen, und am Abend ist die ganze Gesellschaft wieder in Trance gesoffen.
In dieser Nacht wacht Alf auf, und er beginnt Josefa leise auszufragen. Ja, das sei so, Josefa sei nun schon einige Jahre hier in diesem Dorf, das Leben sei hart, aber sie hätte einige Vergünstigungen. Sie selbst sei aus einer großen Ebene, die sich jenseits des Meeres ausbreitet, und sie wäre vor einigen Jahren verschleppt worden. So genau weiß sie schon gar nicht mehr, wann das war. Sie war noch ein junges Mädchen gewesen, und sie hätte jetzt schon drei Kinder zur Welt gebracht. Nur heiraten, das dürfe sie hier nicht, und sie sei froh, dass Hagan sie ausgewählt hatte, die Amme für Alf zu spielen.
Alf versteht vieles nicht, was Josefa erzählt, aber er hört ihr geduldig zu, so wie er früher Mama immer zugehört hatte, wenn sie ihm Geschichten erzählte.
Am nächsten Tag geht die ganze große Gruppe ins Dorf zurück.
Soviel begreift Alf, dass er in eine Gesellschaft gekommen war, in der die Erwachsenen bestimmen, was getan wird, und dies ist ganz anders, als das, was er aus Berlin kennt.
Er seufzt und bittet Josefa, ihm noch oft solche Geschichten zu erzählen.
3.3.
Hagan ist nicht nur der Anführer des Dorfes, er ist auch der Schmied. Die Männer des Dorfes bringen ihm manchmal ihre Schwerter. Die werden dann geschliffen oder in Holzkohle erhitzt und mit Hämmern bearbeitet. Es scheint eine ganz besondere Kunst zu sein.
Hagan hat in einiger Entfernung des Dorfes ein zweites Haus, und einen durch Palisaden abgegrenzten Bereich, und er macht aus seiner Kunst ein großes Geheimnis.
Er stellt auch Helme her und eisenbeschlagene Schilde. Die sind so schwer, dass Alf die nicht anheben kann. Nicht einmal mit den Schwertern gelingt ihm das.
Die Männer des Dorfes haben ein Boot, das vorne und hinten einen hochgezogenen Drachenkopf hat. Es gibt Ruder und es gibt einen Mastbaum und ein Segel, und jetzt kommen neue Männer und sie bringen eine ganze Ladung an Schwertern mit, die Hagan beginnt zu bearbeiten. Sie werden umgeschmiedet und geschliffen, und das Gehämmere und das Geklingel hallt durch die ganze Bucht.
Auf Befragen von Alf erklärt Josefa, dass die Männer Kontakt zu anderen Familien haben, die alle an der Küste oder auf Inseln leben. Sie würden im Sommer viele Waffen von Beutezügen mitbringen. Hagan wiederum gälte als großer Schmied und Zauberer. Seine Schwerter seien begehrt. Er würde seinen eigenen Zauber in die Schwerter fließen lassen, so dass sie unzerbrechlich werden würden.
Alf sieht Josefa an. „So etwas gibt es?“
Josefa nickt überzeugend, aber sie sagt leise. „Du darfst nur nicht erzählen, dass du das von mir weist. Ich darf über diese Dinge nicht reden, und ob die Schwerter wirklich unzerbrechlich sind, das weiß ich nicht.“
Alf sieht Josefa wieder an. Sie ist inzwischen so etwas wie eine Mutter für ihn geworden. Gewiss, er braucht diese Muttermilch nicht wirklich, aber er genießt die Wärme und Geborgenheit, die von dieser Frau ausgeht. Er kennt auch ihre drei eigenen Kinder. Die beiden älteren üben im Haus die Dienste von Knechten und Mägden aus, obwohl sie noch sehr klein sind. Das sei nun einmal so, erklärt Josefa.
Instinktiv spürt Alf, dass er Josefa sogar beschützt, solange sie ihm die Brust gibt.
Solange sie ihn stillt, gilt sie als unentbehrlich. Alf hat noch deutlich die Bilder des Scheiterhaufens im Kopf, und er fragt Josefa direkt, ob dort auch Frauen verbrannt werden. Josefa meint nur, er solle sich darüber nicht den Kopf zerbrechen, aber Alf ist jetzt klar, dass Josefa verboten worden war, darüber zu reden.
3.4.
Es ist nicht so, dass Alf seine neue Familie als Belastung empfindet. Hagan gilt im Dorf als weise. Mit den Enkelkindern von Hagan hat Alf ein gutes Verhältnis. Es gibt noch mehr davon.
Hagan hat sieben Kinder und vier davon haben schon ein eigenes Langhaus, das sie zusammen bewohnen. Solche Langhäuser bieten mehreren Familien Platz. Die Dorfbewohner finden das richtig, in einer engen Dorfgemeinschaft zu leben. Immer wieder ziehen einzelne Gruppen los. Männer bringen Fleisch, Frauen bringen Beeren, Pilze und Kräuter. Es gibt viele davon.
Einige werden aufgekocht und als Tee getrunken, andere dienen als Gewürz oder als Medizin.
Hagan ist offenbar ein großer Medizinmann. Er hat viele dieser Kräuter in seinem Besitz, und er wird bei Krankheiten gerufen.
Zu Mona hat Alf ein besonderes Verhältnis. Sie lehrt ihn, dass die Kinder miteinander nicht nur raufen, sondern auch zusammen lernen. Es gibt viele Dinge. Es gibt Webrahmen, die nur von den Frauen bedient werden. Manchmal brechen die Frauen auf, ziehen in die Hochebenen, und kommen mit Bergen einer Pflanze zurück, die jetzt gerupft und gedreht wird, bis sie zu langen Fäden versponnen ist. Daraus weben die Mädchen und Frauen Hemden, und die sind offenbar sehr begehrt.
Josefa erzählt Alf, dass die Männer auf ihren Reisen solche Hemden mitnehmen. Sie werden sie in anderen Teilen der Welt eingetauscht gegen Dinge, die für sie wichtig sind. Salz, Bernstein, Gold, Glas, Zinn und Erz.
Hagan hat solche Glasgefäße. Für Alf ist das eben nur Glas, auch wenn das besonders bunt, und schön verziert ist, aber Glas ist in seinem Leben nichts Besonderes. Hier gilt Glas als wertvoll. Nur die Erwachsenen dürfen das in die Hand nehmen.
Die Kinder trinken aus Zinn- oder Holzbechern.
Es gibt aber auch allerlei Steine und verschiedene Figuren, die im Hause von Hagan als besonders wertvoll gelten.
Die Kinder tuscheln manchmal, aber sie dürfen das nicht anfassen.
Im Hause des Hagan gibt es viele Gebote und Verbote.
Auch wenn die Kinder miteinander spielen, balgen und kämpfen, gibt es viel Arbeit, von morgens bis abends. Auch Alf wird mit seinen drei Jahren in diese Arbeiten einbezogen.
„Wer hier essen will, der muss auch arbeiten“ hatte Hagan bestimmt.
Alles ist hier anders als in Berlin. Was in Berlin eher spielerisch war, um den Kindern die Welt aufzuschließen, das ist hier durch einen anderen Rhythmus geprägt. Man kann nirgendwohin gehen und ein Pfund Mehl oder ein Kilo Äpfel kaufen. Alles muss erst mühsam beigeholt werden. Wenn die Frauen in die Pilze oder in die Kräuter gehen, nehmen sie auch Knechte und Mägde mit, und die werden bis zum Zusammenbrechen bepackt.
Jetzt im Herbst gehen die Männer auch zum Holz machen. Jedes dieser Langhäuser hat einen gemauerten Ofen. Die Männer gehen mit Äxten fort und die Knechte schleppen viele Meter Holz ins Tal.
Alf ist noch zu klein, um mitgenommen zu werden, aber er sieht diese vielen Meter Holz, die sich jetzt hinter dem Haus auftürmen. Wird es hier sehr kalt“, fragt er Josefa, und die nickt.
„Sehr kalt.“
Im Sommer laufen die Kinder barfuß, aber Alf sieht bei den Nordmännern eine Art grober Schuhe, die mit Lederriemen an den Beinen festgebunden werden, und er sieht in Hagans Halle auch Fäustlinge aus Fell. Noch werden die nicht gebraucht. Er wird das auf sich zukommen lassen.
Jetzt schon merkt er, dass die Tage kürzer wurden, dass der Regen immer länger und kälter wird. Er sieht, dass das Boot der Männer mühsam ans Land gezogen wird, und dann auf lange Stützen gebockt wird, mit der offenen Seite nach unten.
Er erlebt auch die ersten Herbststürme, die sogar die Wellen in ihre Bucht peitschen, und dann wird es ziemlich ungemütlich, denn Hagan verbietet, Feuer zu machen. „Das Holz brauchen wir für den Winter“, bestimmt er.
Es gibt auch milde und sonnige Herbsttage, dann arbeitet die Männer am Boot, das unter dem Bug ausgebessert werden muss. Sie haben einen Lagerplatz für Holz, das mit Beilen gespalten worden war. Es liegt dort und trocknet, und wartet darauf, dass es irgendwann von den Männern mit ihren Äxten bearbeitet werden wird.
Für die Boote wird nur besonderes Holz verwendet. Es muss astfrei sein.
Alf wächst langsam in das Geschehen hinein. Eine Schule gibt es nicht, und die älteren Kinder werden – so wie die jüngeren auch – in die jeweiligen Arbeiten der Erwachsenen einfach eingebunden. Manchmal von den Frauen, und manchmal von den Männern.
Alf war das früher nie bewusst gewesen, hier lernt er, dass es einerseits typische Arbeiten für Mädchen und Jungen gibt, dass sie aber dann, wenn es um Entscheidungen geht, gleichberechtigte Stimmen haben. Die Frauen gebären die Kinder und das wird hoch bewertet.
Sie sind selbstbewusste Führer des Clans, und wenn im Sommer viele Männer mit dem Boot wegfahren, dann sind es oftmals die Frauen, welche die Entscheidungen alleine treffen, und notfalls das Dorf auch verteidigen müssen.
Jungen und Mädchen werden hier im Umgang mit Messern, Äxten und Schwertern trainiert. Es gibt Mädchen, die genauso geschickt sind, wie die Jungs. Nur in der puren Kraft, da sind die Jungs meist überlegen. Also wird trainiert, wie man sich mit Geschick gegen Kraft wehrt. Es geht immer auch um Kampftaktik und Schnelligkeit.
Alf beobachtet und lernt. Gewiss, so etwas wie eine Schule, das gibt es schon, aber nicht in dem Sinn, wie das in Berlin seines früheren Lebens praktiziert wurde. Er kennt das aber auch nur aus den Erzählungen seiner älteren Geschwister, und er weiß aus diesen Erzählungen zumindest ansatzweise, was Schule und was Aufgaben sind.
Hier ist das anders.
Alf denkt oft an Mama, an Lilly und die anderen.
Auch Papa fehlt ihm, aber dann zuckt er die Schultern und seufzt. Er hatte einmal mit Josefa darüber gesprochen, aber die hatte das nicht verstanden. Wie sollte sie so etwas auch verstehen.
3.5.
Die Kinder und Jugendlichen im Dorf haben vor allem eine Aufgabe. Dort, wo die Bucht sich verengt, dort wo das Meerwasser in die Bucht strömt, und beim Herauslaufen einen Sog erzeugt, dort stehen viele Felsen.
In grauer Vorzeit hatte der Wasserfall, der unweit des Dorfes aus den Bergen fließt, hier einen Binnensee geschaffen, der irgendwann einmal die Verbindung zum offenen Meer gefunden hatte. Es gibt da besonders einen Felsen, da kann man hinspringen, wenn man sehr mutig ist. Es gibt da eine Enge, wo die Fische, die in die Bucht hineinschwimmen, quasi mit den Wellen durch die Enge gepresst werden. Wer sich hier mit dem Speer aufstellt, gute Augen hat, und ein schnelles Reaktionsvermögen zeigt, der kann reiche Beute machen. Die Bucht ist voller Fische.
Die meisten Fische kommen durch das Haupttor zur Bucht, aber auch diese Nebenarme sind voll davon. Jeden Tag stehen dort mehrere Kinder und Jugendliche, um zu jagen. Sie stoßen einfach mit der Lanze ins Wasser, ziehen den Fisch heraus, und werfen ihn hinter sich. Die andern Kinder müssen den Fisch auffangen. Sie nehmen ihn an Ort und Stelle aus und hängen ihn zum trocknen in Streifen an selbstgebastelte Holzstäbe. Die Kinder und Jugendlichen auf dem Felsen wechseln sich ab. Sie stehen fast immer im kalten Wasser und wenn man auf dem glitschigen Felsen ausrutscht, ist man verloren.
Das Wasser ist tief. Der Sog drückt einen sofort unter die Wasseroberfläche und man ertrinkt. Das war schon mehrere Male passiert. Die Fische sind für das Dorf aber lebenswichtig.
In dem Dorf leben mehr als dreihundert Personen. Die brauchen Nahrung und Kleidung.
So stehen die Kinder und Jugendlichen jeden Tag dort auf diesem Felsen und am Felsrand, und fischen. Es sind immer 5, 6 oder acht Mädchen und Jungen. Es gibt da keinen Geschlechterunterschied. Manche Mädchen sind sogar viel geschickter, als die Jungen. Auf jeden Fall sind sich die Kinder der Gefahr bewusst, und das trainiert sie, besonders vorsichtig und geschickt zu werden.
Das ist nicht nur Arbeit. Die Kleineren werden in die Arbeit eingewiesen. Die Jugendlichen können sich ohne Aufsicht sehen. Sie scherzen, lachen und tanzen. Manche finden hier ihre ersten zaghaften Liebeskontakte. Es gibt Fische, die haben eine besondere Art von Gräten, die werden herausgenommen und gesammelt. Sie dienen als Nadeln. Man kann damit nähen oder Kleidungsstücke zusammenstecken.
Abends geht die Gruppe nach Hause, beladen mit Fisch, der nun unter einem Vordach zum Trocknen gehängt wird, so dass er weder von den Hunden, noch von den Mäusen gefressen werden kann.
Der luftgetrocknete Fisch wird später in Holztruhen gelagert. Er dient bei Jagdausflügen als Nahrung und wird auch bei Fahrten übers Meer als Notration mitgeführt. Menschen, die am Wasser leben, die leben vom Fisch.
3.6.
Es gibt viele Hunde im Dorf. Als Alf damals von Hagan ins Dorf gebracht worden war, hatten sich die Hunde respektvoll zurückgehalten. Später hatte Alf zu diesen Hunden Kontakt aufgenommen.
Es sind große struppige Tiere mit schmalen Köpfen und blauen Augen, die von den Männern zur Jagd mitgenommen werden. Sie sind halbwild und sie sind gefährlich.
Alf war für sie ein Fremder, ein potentieller Feind, aber Alf hatte schon am nächsten Tag den Kontakt hergestellt.
Er stand inmitten der Hundemeute, winselte und kläffte und summte. Jodan hatte ihren Mann angestoßen und auf Alf gezeigt, und Hagan hatte tief in Gedanken genickt. Dieses Kind war wirklich etwas Besonderes.
Es war wirklich so. Hagan und die Männer müssen manchmal zu diesen Tieren recht grob sein, um sich vor Aufdringlichkeit zu schützen. Alf macht das anders. Er summt und brabbelt, er kläfft und winselt, und die Tiere gehorchen ihm aufs Wort. Es ist nur damit erklärlich, dass Alf von den Göttern geschickt worden war. Jetzt konnte sich Hagan auch den seltsamen Geruch erklären, den Alf hatte, als sie ihn gefunden hatten.
Als die Jagdgesellschaft viele Wochen später mit den erbeuteten Wölfen kam, und als Jodan ihrem Mann erzählte, dass Alf gesagt hätte, das seien seine Brüder gewesen, da war Hagan in seiner Ansicht bestätigt worden. Alf ist eine Elfe, die Tiergestalt annehmen kann, und er hatte die Anweisung gegeben, die Wölfe in Zukunft zu verschonen.
So wurde Alf zwar in das Dorf integriert, aber er wurde von Hagan vorsichtig und hochachtungsvoll behandelt. Mehr noch als alle anderen Kinder.
Kinder müssen in die Gruppe hineinwachsen. Sie brauchen Anleitung, aber sie müssen auch arbeiten, um ihr Dasein zu rechtfertigen. Sie sind wichtige Mitglieder der Gemeinschaft. Sie sind die Zukunft der Familie, das gilt auch für Alf, aber Alf, der ist für Hagan seit damals etwas Besonderes.
3.7.
Jeder der Männer im Dorf hat irgendeinen Totem, irgendein heiliges Zeichen, das er sich ausgesucht hatte, und das er behütet wie einen Schatz.
Manchmal sind das Bärenknochen, manchmal kleine bronzene Figuren, die um den Hals getragen werden, manchmal Federn, die am Helm stecken oder ein besonderes Armband.
Manche haben auch mehrere solcher Totems, für jeden Zweck einen.
Auch im Dorf gibt es einen Thingplatz und wenn sich irgendein Ereignis ankündigt, dann ruft Hagan sein Dorf auf dem Thingplatz zusammen.
Er liegt unweit des Wasserfalles, auf einer großen Wiese, umgeben von hohen Bäumen. Hier gibt es Holzstämme, die im Boden stecken und die verziert sind mit Köpfen der Bisons, mit Geweihen der Elche und Rentiere. Es gibt dort Knochen, die im Wind wehen und Felle, die von der Sonne und dem Wind gegerbt worden waren.
Selbst das Wasser des Wasserfalles gilt den Nordmännern als heilig. Es ist lebensspendend und dient ihnen als Trinkwasser.
Es ist ein heiliger Platz, der den Göttern geweiht ist. Dieser Platz dient den kleinen, eher alltäglichen heiligen Handlungen, die alleine Hagan durchführen darf, weil er der Seher der Sippe ist.
Hagan hat eine ganze Sammlung von Knochen und Knöchelchen, von Steinen und Glasstücken.
Manchmal greift er in seinen Beutel und wirft diese Steine vor sich auf den Boden, um dann aus der Anordnung der Steine die Zukunft zu lesen. Jagdergebnisse, bevorstehende Heiraten, Erfolge bei Beutezügen, oder beim Handel mit Nachbardörfern. Auch Krankheiten oder Gesundbetung. Alles wird hier auf dem Thingplatz „verhandelt“.
Die Gruppe der Männer und Frauen, die im Dorf eine Stimme im Rat haben treffen sich hier, um wichtige Ereignisse zu besprechen, Beschlüsse zu fassen und Streit zu schlichten.
Ohne das Alf das wusste, hatte Hagan eine Woche nach Alfs Ankunft im Dorf den Rat auf dem Thingplatz zusammengerufen, und er hatte Knochen und Steine geworfen. Er hatte die Anordnung studiert und prophezeit, dass dem Dorf durch die Ankunft des weißhäutigen Jungen in der Gemeinschaft der Nordmänner noch eine wichtige Rolle zufallen würde.
Die Gemeinschaft der Nordmänner glaubt fest an solche Dinge. Hagan ist ihr Seher. Es war bisher immer eingetreten, was Hagan prophezeit hatte.
All diese martialisch aussehenden Männer bilden eine feste Gemeinschaft, die aus Regeln, Zauber und Rollen besteht, die jedem in der Gruppe zugewiesen wird. Es ist eine strenge Ordnung, die aber auch viele Freiheiten zulässt. Als Mitglied der Gruppe ist man etwas Besonderes. Wer Stimmrecht hat, der ist ein Alphatier, ein „Krieger“ oder eine „Mutter“. Ein wichtiger Mann oder eine wichtige Frau eben, dessen Urteil man sich beugen muss.
Die jungen Männer und Frauen, die in den Rat aufgenommen werden wollen, die müssen ihre Reife und das Recht erst unter Beweis stellen, Mitglied in diesem erlauchten Rat zu werden. Man muss sich dieses Recht verdienen.
Die Leibeigenen, die im Dorf leben, die sind von dieser Gemeinschaft ausgeschlossen. Frauen müssen Kinder gebären. Die Leibeigenen müssen Liebesdienste verrichten, aber ihre Kinder, die sie mit Männern des Clans zeugen, die sind wieder nur Leibeigene, ohne jedes Stimmrecht.
Innerhalb des Clans werden zwischen Mann und Frau Ehen geschlossen, die ein Leben lang halten. Weil diese Dörfer klein sind, wird dem Inzuchtproblem dadurch vorgebeugt, dass sich die Dörfler mit ihren Nachbargemeinden austauschen. So sind die verschiedenen Sippen entlang der Küste alle miteinander verwandt und es gib Bindungen, die den Frieden zwischen den einzelnen Dörfern garantierten, solange die Regeln eingehalten werden.
Dazu gehört, dass Brautentführungen als tabu gelten, aber so etwas gibt es. Nicht immer sind die Väter einer jungen Frau einverstanden, wenn ein junger Mann um ihre Hand anhält. Dann kann es zu gewaltigen Konflikten kommen.
Im Moment ist die Lage ruhig. Das Dorf ist ohnehin durch seine Lage gut geschützt und es wird nie alleine gelassen.
Die Wächter im Dorf haben Tonpfeifen und können im Notfall die Dorfgemeinschaft schnell zusammenrufen. Woher sie die haben, weiß Alf nicht so genau. Die Krieger hatten sie irgendwann einmal mitgebracht.
3.8.
Der Herbst geht langsam in den Winter über.
Irgendwann Ende Oktober setzt sich Alf nachts plötzlich auf. Er stößt Mona an und flüstert. „Was ist das?“
Irgendwie fühlt sich plötzlich alles an, wie in Watte verpackt. Mona richtet sich auf, dann schlingt sie den Arm um Alf, und zieht ihn unter das Bärenfell. „Schnee“, sagt sie. „Das ist der erste Schnee.“
Alf wird am nächsten Tag warm eingepackt, bekommt so eine Art Lumpen um die Füße gewickelt, dann werden Fellüberzieher über die Füße gestülpt, und mit Riemen festgebunden. Er erhält eine Mütze und eine warmes Fell um die Schultern als Schutz vor der Kälte. Handschuhe bekommt er nicht. “Es ist noch warm”, sagt Jodan, “jetzt brauchst du das nicht.”
Als Mona dann die Tür öffnet, staunt Alf. Die ganze Landschaft ist wie in Puderzucker gepackt, vielleicht kniehoch. Dichte, große Flocken fallen vom Himmel, so dass man fast nichts sieht. Das kennt Alf noch nicht, und er fasst vorsichtig in diese weiße Schicht.
Großmutter Jodan hatte gesagt es sei noch warm, aber Alf merkt schnell, dass der Schnee die Hände kalt macht. Mona zeigt ihm, dass er die Hände fest mit Schnee einreiben muss, damit sie durchblutet werden. Die Nordländer kennen sich damit aus.
Der Schnee bleibt nicht lange liegen, dann schmilzt er wieder, und hinterlässt eine triste braune Landschaft mit Pfützen. In diesem Matsch ist nicht gut zu laufen. Nicht, wenn man keine Gummistiefel hat.
Die Lederstulpen saugen sich voll mit Wasser, obwohl sie aus Seehundfell sind, und machen die Füße kalt. Die Wikinger haben kein Rezept, um sich dagegen wirksam zu schützen, und in diesen Tagen geht nur der vor die Tür, der als Wache eingeteilt ist. Der Fischfang auf der Klippe wird eingestellt.
Es dauert nicht lange, dann kommt der nächste Schnee. Diesmal bleibt er, und es wird merklich kalt, und jetzt erhält Alf Handschuhe, die mit einem Lederriemen um den Hals gehängt werden, damit er sie nicht verliert. Dies sei überlebenswichtig, erklärt Mona.
Das Wasser des kleinen Baches friert zu, am Ufer bildeten sich lauter Eiskristalle. Der Schnee türmt sich immer höher und Hagan ruft die Männer zusammen.
Sie treffen sich wieder im heiligen Hain. Hagan wirft dieses Mal größere Knochen, die im Schnee einsacken, und aus der Spur der gefallenen Knochen liest der Seher die Zukunft. Er nickt, tief in Gedanken, sammelt seine Knochen ein, und bestimmt, dass die Männer in zwei Tagen zur Jagd aufbrechen. Zwei Wochen lang. Keinen Tag länger.
Die Männer schnüren Bündel mit Fellen und Trockenfisch, sie schirren die Hunde, und sie nehmen vier leichte Schlitten und Schneeschuhe mit, die aussehen, wie geflochtene Teller. Man kann sie unter die Füße schnallen, um nicht im Schnee einzusinken. Dann steigen sie den schneebedeckten und gefährlichen Weg in die Berge hinauf.
Zwei Wochen später sind sie wieder da. Diesmal brauchen Sie Hilfe, um die schwere Last ins Tal zu schleppen und ein ganzer Trupp von Frauen, Jugendlichen, Kindern und Knechten steigt jetzt den gefährlichen, glatten Pfad hinauf, um die Last anzunehmen, und in kleinen Portionen ins Tal zu schaffen.
Der Weg ist wirklich gefährlich, und beim Abstieg stürzt einer der Knechte, und fällt den ganzen Berg herunter.
Der Sturz ist aus solcher Höhe, dass der Mann am Boden zerschellt. Er war beim Stürzen mehrfach angeschlagen, und ist schon tot, als er auf dem Boden auftrifft.
Das macht die andern nur noch vorsichtiger, und sie kommen heil ins Tal.
Die Schlitten werden an langen Seilen den Berg hinunter gelassen. Niemand hätte sie dort hinunter tragen können.
Die Jäger hatten wirklich reiche Beute gemacht.
Hagan ruft sofort alle Stimmberechtigten zusammen. Sie begutachten die Beute. Es gibt zwei Bären, zehn Elche und 12 Rentiere. Auf Wölfe hatten sie dieses Mal verzichtet. Bei dieser Jagd war es ums Fleisch machen gegangen, und um Häute von Tieren, die wärmen.
Die reiche Beute löst im Dorf Jubel aus. Hagan hatte erneut bewiesen, dass er als Seher unübertroffen ist. Der tote Leibeigene wird verscharrt. Er zählt nicht.
Alf bestaunt diese riesigen Geweihe und die Häute. Das Fleisch war bereits zerteilt worden und ist tief gefroren. Auch diesmal tritt er an die Bärenfelle. Er fasst mit den Händen hinein, verbirgt sein Gesicht in dem dichten Fell und weint.
Es hilft nichts. Bärenfelle sichern das Überleben der Menschen im Winter. Man braucht sie, weil das die einzigen Felle sind, die gegen extreme Kälte schützen. Alf sollte später noch erfahren, was extreme Kälte bedeutet.
Vier Wochen später schickt Hagan die Jägergruppe erneut ins Hochland und auch diesmal kommen sie mit Beute zurück. Diesmal stürzen aber zwei Hunde den Berg hinunter und einer der Jäger kommt ins Rutschen und fällt.
Die Höhe war nicht so groß, aber der Jäger bricht sich beide Beine. Das ist unter diesen Umständen lebensgefährlich, und nun zeigt Alf zum ersten Mal, dass er unter dem Schutz der Cantara steht. Auch diesmal kann er nicht einmal etwas dazu.
Die Jäger bringen den Gestürzten in sein Haus.
Sie legen ihn in die Nähe des Feuers, und Hagan untersucht den Mann. Seine Medizin aus Kräutern ist in diesem Fall wirkungslos. Dann geht er, um seine Zauberutensilien zu holen. Nur Odin kann ihm jetzt noch helfen.
Alf bleibt, und er schlängelt sich jetzt durch die Männer und Frauen, stellt sich neben den Mann, und fasst mit seinen kleinen Händen nach den Beinen des Mannes.
Was dann passiert, das erschüttert die Nordmänner zutiefst.
Um diese Hände zeigt sich urplötzlich ein Schein.
Alf klettert zu dem Mann auf das Lager, und legt seine Hände auf beide Beine, Das Licht wird immer heller und größer. Alf hockt dort, mit geschlossenen Augen und summt.
Er macht den Männern Angst und als Hagan kommt, führen sie Hagan sofort zu Alf und zu dem Gestürzten. Hagan sieht in die Runde seiner Jäger, dann geht er in die Knie und breitet die Arme aus. Auch er fängt jetzt an zu brabbeln und zu summen, und dass steigert sich zu einem auf- und abschwellenden Gesang. Die Männer und Frauen gehen jetzt alle auf die Knie und begleiten den Zauberer in seinem Gesang, der sich wie ein dicker Brei in der Hütte ausbreitet und alles umhüllt.
Alf sitzt dort neben dem Kranken. Die Augen sind geschlossen, der Schein um seine Hände sprüht Funken.
Er sitzt die ganze Nacht und den ganzen nächsten Tag, und auch die nächste Nacht und den nächsten Tag, dann bricht er über dem Gestürzten zusammen.
Hagan und seine Leute hatten sich abgewechselt und Wache gehalten. Hagan wurde stets auf dem laufenden gehalten, und als Alf zusammenbricht, befiehlt er, das Kind warm einzupacken. Er ruft nach der Amme, und er lässt Alf in sein Haus bringen. „Kümmere dich um dieses Kind“, befiehlt er, und Josefa spürt, dass ihr Leben jetzt von der Fürsorge für dieses Kind abhängt.
Dann geht Hagan wieder zu dem Gefallenen, der tief schläft. Er greift mit der Hand unter die Decken. Dort ist es sehr warm, aber er fühlt keine Fieberhitze. Er nickt, tief in Gedanken versunken, und befiehlt, den Kranken weiter zu bewachen. Er ist einer der erfahrensten und angesehensten Jäger. Hagan will auf den Mann nicht verzichten.
Schließlich geht er tief in Gedanken versunken in sein Haus zurück.
Die Beute war längst mit Äxten zerteilt und sicher aufbewahrt. Sie würden wohl genug Fleisch haben, um einen Teil des Winters zu überstehen.
Alf schläft und schläft und schläft. Die Amme liegt neben ihm und wärmt ihn.
Irgendetwas wichtiges hatte sich ereignet, das Hagan noch nicht ganz versteht, und Hagan geht an diesem Tag in seine Schmiede, befiehlt den Helfern, das Feuer zu schüren, und er beginnt das Eisen zu glühen und fast wütend mit dem Hammer zu bearbeiten, tief in Gedanken versunken. Er braucht das jetzt, diesen Abstand zu dem Ereignis.
Am Abend geht er zu dem Kranken. Er hat die Augen geöffnet. Dann schwingt er seine Beine aus dem Lager, und stellt sich vorsichtig auf. Er macht bedächtige und wackelige Schritte, dann setzt er sich wieder hin, und verlangt, ihm das Essen ans Bett zu bringen.
Hagan ist jetzt völlig überzeugt. Es war ein Wunder geschehen. Odin hatte ihnen einen Elfen geschickt. Er sieht Björre an und fragt. „Weist du, was da gerade mit dir passiert ist?“
Björre nickt. Er weiß von dem Sturz, er war von den Schmerzen ohnmächtig geworden, und er weiß, dass seine Beine mehrfach gebrochen waren. Mit solchen Brüchen kann man nie mehr laufen. Dennoch hatte er das heute getan. Er spürt ganz deutlich, dass seine Muskeln an Kraft verloren hatten, und dass er die Beine noch nicht richtig belasten kann, aber diese Beine tragen seinen Körper.
„Ich hatte das Gefühl, durch einen langen dunklen Tunnel zu fliegen“, berichtet er. „Dann bin ich aufgewacht und ich habe mich gesund gefühlt. Naja. Ich muss ein wenig vorsichtig sein. Könnt ihr mir sagen, was da genau passiert ist?“
Er lässt es sich nicht nehmen, jetzt alle paar Stunden aufzustehen, und ein paar Schritte zu gehen. Es geht von Mal zu Mal besser und sicherer.
Am nächsten Tag macht er sich auf, um Alf zu besuchen.
Alf war inzwischen kurz wach geworden, er hatte die Amme völlig leergetrunken, dann war er wieder eingeschlafen.
Björre steht lange vor dem schlafenden Kind. Dann dreht er sich um und geht in die große Halle von Hagans Haus zurück.
„Ist das alles wahr, was du mir erzählt hast“, fragt er, und als das Hagan und alle anderen bestätigen, sagt Björre, „dann ist dieser Junge wirklich von Odin zu uns geschickt worden. Wir sind Odin zu viel mehr Dank verpflichtet, als wir das auf dem letzten Herbstwendfest gezeigt haben.“
Hagan nickt und Björre verkündet, er wolle im nächsten Sommer einen Beutezug starten, um Odin mit der Beute zu danken. Alle jungen Männer, die sich jetzt beweisen wollten, die sollten ihn begleiten.
Hagan legt dem Haudegen die Hand auf den Arm und ruft bekräftigend „Jouh, so soll es sein.“
Alf wird jetzt jeden Tag wach. Er trinkt. Er muss sich entleeren und er schläft wieder ein. Das geht eine ganze Woche so.
Björre hatte inzwischen jeden Tag geübt, und die Beine tragen ihn immer besser. Er ist auf dem Weg der völligen Genesung, und verspürt einen Bärenhunger.
Nach einer Woche wacht Alf endgültig auf. Er trinkt und liegt lange neben der Amme. Er hat seine Ärmchen um die Amme geschlungen und atmet ruhig, dann bittet er Josefa, sie solle ihm etwas erzählen.
In einem solchen Haus gibt es keine Wände, die den Schall zurückhalten. Es gibt Zwischenwände aus Holz, Stützen und Abtrennungen aus Decken und Fellen, und so kann man fast jedes Wort hören, was in diesem Haus gesprochen wird, wenn man die Ohren aufmacht.
Es bleibt nicht verborgen, dass Alf jetzt dort mit der Amme liegt und leise mit ihr spricht.
Jodan hält ihre Familie zurück, „lasst diesem Jungen die Ruhe, die er braucht. Er muss viel Kraft verloren haben, als er Björre geholfen hat. ich bin sicher, er wird in einigen Tagen wieder mit uns an einem Tisch sitzen.“
So ist es.
Alf liegt noch zwei Tage mit der Amme im Bett, kuschelt, trinkt an ihrer Brust, und erzählt leise mit ihr, dann steht er auf, macht seine Notdurft, kommt zu den andern an den großen hölzernen Tisch und meint, „ich habe jetzt Hunger.“
Hagan fällt fast der Kiefer herunter, und er schickt Mona, Fleisch zu holen, und hängt das auf einen Spieß über das Feuer.
Er schickt Knut und Ode, um Björre zu holen, und der kommt mit seinen sieben Söhnen, seiner Frau und mit seinen fünf Mädchen. Es wird ein vergnüglicher Tag.
Die Männer trinken Bier aus großen Krügen. Sie hauen sich auf die Schultern und sie stimmen Kampfeslieder an. Die Frauen beobachten das ganze Geschehen und sie lächeln.
Der kleine Alf sitzt mitten unter den gestandenen Männern und ein leichter Glanz umgibt ihn, wie eine Art Heiligenschein. Die Männer bekommen das irgendwann nicht mehr mit, aber die Frauen sehen das ganz deutlich. Dieses Kind ist mehr, als nur ein Menschenkind.
In der Nacht kriecht Alf wieder zu Josefa. Er trinkt an ihrer Brust. Er schlägt die Ärmchen um ihren schönen warmen Körper, und er flüstert in der Sprache der Nordmänner „Mama“.
3.9.
So etwas wie Geburtstage gibt es bei den Nordmännern nicht. Alf ist mittlerweile dreieinhalb und dieser Winter ist sehr kalt.
Die gesamte Bucht friert zu und man kann zu Fuß die Eisfläche überqueren, ohne Gefahr, einzubrechen. Für die Kinder und Jugendlichen ist das eine große Gaudi.
Nur die Meerenge ist eisfrei, weil die Strömung verhindert, dass die Enge völlig zufriert. Dennoch wird schon lange nicht mehr gefischt. Die Gischt spritzt hoch, wenn sie an die Felsen schlägt, und die Felsen in der Enge sind seit Wochen mit einer dicken Eisschicht überzogen. Niemand würde es wagen jetzt dort zu fischen.
Nicht nur die Kinder, auch die Männer haben jetzt ihren Spaß.
Das Eis wird an mehreren Stellen aufgehackt. Die Männer ziehen sich aus und tauchen nackt in das eiskalte Wasser. Dann rennen sie nackt durch den Schnee, bis sie dampfen. Die Hunde rennen übers Eis und kläffen vor Freude, und manch einer rutscht auf dem Eis aus. Auch Hunde können dumme Gesichter machen.
An anderen Tagen halten sie Angeln durch die Löcher in das eiskalte Wasser und fangen Fische.
Sie braten sie an Ort und Stelle. Die Eisschicht ist so dick, dass man darauf sogar ein Feuer anzünden kann, ohne Gefahr. Dazu wird Bier und eine Art Grog getrunken. Ein alkoholisches Gebräu, das die Wikinger von ihren Fahrten mitbrachten.
In diesem Winter spricht man aber auch viel über Abenteuer. Einige junge Paare hatten sich gefunden, und die jungen Männer wollen den Sommer abwarten und sich als Mann beweisen, bevor sie sich ihr Ja-Wort geben.
Irgendwie hat der Winter in diesem Jahr den Schrecken verloren, seit Alf bei den Nordmännern wohnt.
Bevor im Februar neuer Schnee kommen würde, schickt Hagan die Männer noch einmal hinauf in die Berge. Es ist eine beschwerliche Tour. Etliche der Männer kommen mit Erfrierungen zurück, aber auch diesmal bringen sie Beute mit, die jetzt reichen würde, den Nahrungsbedarf bis zur Schneeschmelze zu sichern.
Alf war größer geworden. Er würde im Sommer vier werden und er spricht die Sprache der Nordmänner immer besser und sicherer. Er bildet ganze Sätze, und er zieht erste logische Schlussfolgerungen.
In diesem Winter hilft er noch zweimal, als Menschen des Dorfes krank werden. Eine der Frauen hat eine schwere Bronchitis und Fieberanfälle, einer der Jungen hatte sich beim Tauchen unterkühlt und leidet unter Lebensgefahr.
Beides Mal hilft Alf durch die Energie aus seinen Händen, und er bittet in beiden Fällen Josefa, ihm zu helfen. Josefa muss sich mit unter die Decke legen und Wärme spenden.
Er hat keinen Einfluss darauf, was da mit ihm geschieht, aber Josefa wird so etwas wie seine Assistentin und sie wird langsam unentbehrlich.
Alf trinkt weiter an ihrer Brust, die immer noch reichlich Milch gibt und er genießt dieses Gefühl der Wärme und der Geborgenheit, auch wenn er jetzt Josefa schon genauso viel beschützt, wie umgekehrt.
3.10.
Als der Schnee schmilzt und als die Bucht wieder auftaut, lassen die Männer das Boot ins Wasser.
Es war ausgebessert worden, und wird jetzt im Wasser überprüft.
Dann gehen die Männer ein letztes mal hinauf in die Berge, in denen der Schnee immer noch hoch liegt, und kommen mit Beute zurück.
Sie würden das Fleisch brauchen, wenn sie in See stechen, und auch das Dorf wird das Fleisch brauchen, um die ersten Wochen nach dem Winter zu überstehen.
Als dann das Sonnwendfest gefeiert wird, brechen alle auf, um hinauf in das Tal zu ziehen, das jetzt grün und bunt wird.
Dieses mal werden keine lebenden Opfer gebracht. Die Nordmänner hängen Felle, Tierköpfe und Lanzen in die hohen Stehlen, so dass die Schatten im Wind tanzen. Es ist ein Fest, ganz in Erwartung des großen Abenteuers, das von Björre angeführt wird, der ein erfahrener Seemann ist, und der die Sterne lesen kann.
Dann bricht die Crew auf. Fünfzig Mann. Es sind viele junge Männer dabei, die ihre ersten Abenteuer bestehen werden. Hagan hatte ihre Schwerter geschärft, und ihre Helme und Schilder geprüft. Sie haben Proviant und Süßwasser an Bord und sie werden in diesem Boot auch schlafen.
Jede Meeresüberquerung ist ein Abenteuer. Es gibt Sturm, hohe Wellen und Wind. Fast schlimmer ist brennende Hitze und Flaute, dann wenn man sich ganz auf die Rudermannschaft und die eigene Kraft verlassen muss.
3.11.
Im Dorf bleiben genügend Leute zurück. Die Kinder und Jugendlichen gehen wieder fischen.
Tierhäute werden verarbeitet, und es wird genäht und gewebt. Die Kinder tollen durch die bunten Wiesen, und von Zeit zu Zeit wird eine Jagdgruppe in die Berge geschickt.
Alf ist viel zu klein, um da mitzugehen. Er bleibt im Dorf. Er nimmt bei den täglichen Abläufen teil, und er entwickelt immer öfter diese Fähigkeit, Kraft zu schenken und zu heilen.
Alf ist erst vier, aber er wird von den Menschen im Dorf respektiert und verehrt.
Einmal tritt Hagan auf Josefa zu, und Alf stellt sich instinktiv schützend vor Josefa. Er sieht Hagan durchdringlich an und Hagan dreht sich schließlich um und geht wortlos.
Der Junge hatte ein Leuchten in seinem Blick gehabt, so dass ihm unheimlich geworden war.
Er begreift, dass Josefa unter dem Schutz von Alf steht. Hagan ist zwar der Anführer des Dorfes, aber er ist auch ein Seher, und er sieht in dieser Verbindung aus Alf und Josefa jetzt als etwas Positives. Er wird diese Verbindung achten, solange Alf diesen Schutz aufrechterhalten würde.
Alf ist immer noch ein kleiner Junge, und er kann manche Dinge nicht tun, die von den größeren Kindern getan werden, aber er beobachtet und lernt.
3.12.
Als die Krieger dann im Herbst wiederkommen, bringen sie reiche Beute mit. Sie waren die Weser hinauf gefahren, und sie hatten mehrere Dörfer, Städte und Klöster geplündert.
Sieben von ihnen waren gefallen, etliche hatten im Kampf Wunden davon getragen, aber sie hatten viele Gefäße, Amulette, Ringe, Kreuze und Ketten erbeutet, die meisten aus Gold, etliche aus Silber. Es gibt Krüge aus Zinn, Pfannen und Töpfe, Rüstungen und Schwerter, und Stoffe aus Leinen und Wolle, und sie haben dreißig Leibeigene dabei, Männer, junge Frauen und Kinder, die von der Fahrt übers Meer, den Wind, der Seekrankheit und dem Durst ausgezehrt und elend aussehen.
In diesem Herbst gibt es ein großes Freudenfest.
Endlich kann man Thor, Odin und Freya gebührend huldigen, und sie hängen fünf der Männer in die Steelen und opfern sie den Göttern bei lebendigem Leib.
Für die Nordmänner ist das ein Teil ihres Glaubens, und auch die 5 Leibeigenen dürfen sich nicht beklagen. Viele ihrer Landsleute waren von den Nordmännern erschlagen worden. Sie selbst waren gefangen genommen worden, und sie dürfen nicht darauf hoffen, jetzt ein glückliches Leben zu führen. Wer weiß. Vielleicht ist der Tod der fünf Geopferten sogar besser, als jahrelange Knechtschaft.
Für Alf ist das dieses Mal nicht mehr so schlimm.
Er lebt jetzt seit über einem Jahr bei den Nordmännern, und im Alter von drei oder vier Jahren passt man sich schnell an eine neue Umgebung an. Alf ist auf dem besten Weg, einer der Nordmänner zu werden.
Dieses Herbstfest ist auch deshalb etwas Besonderes, weil sich fünf Paare das Ja-Wort geben. Die jungen Männer waren mit Erfolg und Ruhm wiedergekehrt. Man würde sich über den langen Winter von ihren Taten erzählen, und die Mädchen liegen in den Armen der jungen Männer, die sie lieben, und die sich das erste Anrecht auf einen Sitz im Rat verdient hatten.
Die Hochzeitsrituale werden oben auf dem Hochplateau durchgeführt, noch bevor die fünf jungen Gefangenen verbrannt werden und so ist dieses Opfer gleichermaßen ein Opfer an den großen Gott Odin, an den Kriegsgott Thor und an Freya, die als Göttin der Liebe gilt. Sie würde die Paare von nun an beschützen, wenn man dieses Opferbündnis immer wiederholen würde.
Das Fest ist eine Mischung aus überschäumender Freude und Bluttat, aber für die Nordmänner ist das ganz nach ihrem Geschmack. Ein überschäumendes Fest aus Tanz, Ekstase, Liebe, Völlerei, Besäufnis und Blut.
Der Festakt wird mit einer Liebesnacht irgendwo da im Dunkel der Nacht gekrönt, bei der vielleicht die ersten Kinder dieser neuen Ehen gezeugt werden.
Alf darf nur als Zuschauer bei diesem Fest teilnehmen, denn er ist immer noch ein kleines Kind, aber er nimmt dieses neue Ereignis tief in sich auf.
In der Nacht liegt er an der Brust der Amme und auch er genießt dieses Gefühl aus weicher Wärme, das ihm da entgegenströmt.
Was Alf nicht mitbekommt, das ist, dass in dieser Nacht drei der jungen Mädchen geschwängert werden, die von den Männern als Leibeigene mitgebracht worden waren.
Auch das ist für die Nordmänner typisch. Die Leibeigenen haben zu dienen, auf welche Art auch immer. Sie sind das Eigentum der Krieger, mit dem man nach Belieben verfahren kann.
Hätte man in der Zwischenzeit das Dorf überfallen, wäre mit den Frauen und Kinder der Nordmannen genauso verfahren worden. Heute mag das brutal klingen, aber damals machte man sich darüber keine Gedanken. Das ist das Recht des Siegers, und der Besiegte muss sich fügen.
Auch Josefa war eines Tages in die Gefangenschaft geraten, und es war ihr nicht anders gegangen, als den jungen Mädchen jetzt.
Sogar Alf profitiert davon. Nur weil Josefa schwanger geworden war, hatte sie genug Milch, um ein Kind zu stillen. Ihr eigenes drittes Kind hatte sie inzwischen abgestillt, um ganz für Alf da zu sein. Hagan hatte das von ihr verlangt, und Josefa hatte sich fügen müssen. Davon Hatte Alf natürlich keine Ahnung. Er war nur der Nutznießer dieser Regelung.
Kapitel 4. Kindheit bei den Nordmännern
4.1.
In Hagans Familie wird die Schmiedekunst innerhalb der Familie weitergegeben. Es ist eine Arbeit, bei der man Helfer braucht.
Es gibt einen Ofen, in dem Holz verbrannt wird, und einen Blasebalg aus Holz und Leder, um die Flammen zu schüren.
Es gibt einen gewaltigen Amboss, der ist ein Familienerbstück. Hagan weiß nicht einmal, wie alt der ist.
Es gibt Tongefäße, in denen Eisen zum Schmelzen gebracht wird.
Es gibt Hämmer, Formen und Keile, um Rundungen oder Vertiefungen herzustellen, Zangen, um das heiße Eisen anzufassen, und es gibt einen gewaltigen Schleifstein. Auch der ist ein Familienerbstück.
Ungewöhnlich ist, und das kann sich niemand so recht erklären, dass Hagans Schwerter besonders hart und scharf sind. Nu ja, eine Erklärung hat man schon, aber nichts, was an eine wissenschaftliche Erklärung heranreicht. Hagan ist eben ein Seher. Einer, der mit den Göttern auf besonders gutem Fuß steht.
Mit dem Geschick alleine hat das tatsächlich nichts zu tun, und mit den Kräften eines Druiden auch nicht.
Es ist eine geologische Besonderheit. In früheren Jahren hatte es hier einen Süßwassersee gegeben. Es war eine Bucht mit einem anschließenden, etwa 500m tiefen Tal, das baumbewachsen war. Der Wasserfall kam hoch aus den Bergen. Er hatte in vielen tausenden von Jahren alles mögliche mitgeschleppt, was der Flusslauf auf seinem Weg fand. In diesem Fall waren das auch Spuren von Silizium und Mangan.
Diese Spuren hatten sich im Boden abgelagert.
Unter einer Schicht aus fruchtbarer Erde liegt eine dicke Schicht aus Sand.
Eisenerz wird irgendwo in den Bergen gefunden, die Männer kennen die Stellen genau, aber vieles von dem, was Hagan herstellt, das sind Waffen aus erbeuteten Schwertern, die er umarbeitet.
Diese Schwerter hatten ursprünglich nicht die Härte seiner eigenen Kunst.
Erz, das sie in den Bergen finden, das wird solange erhitzt, bis es eine glühende Masse ist.
Im weichen Sand, der unter der Erde freigelegt wird, da werden recht grobe Formen hergestellt, eigentlich nur Vertiefungen, die man mit Wasser formstabil macht. In diese Vertiefungen wird die glühend heiße Schmelzmasse hineingegossen. Sie verbindet sich an der Unterseite mit dem Sand und dem dort enthaltenen Silizium und Mangan und bildet mit dem Eisen eine Legierung.
Wenn dieses Eisen nun geglüht, gefaltet, mit Hämmern geschlagen, und wieder gefaltet wird, dann wird es immer wieder in den Sand gesteckt, zum langsamen abkühlen, und es verbindet sich immer aufs Neue mit den Spurenelementen des Siliziums und des Mangans.
Es ist eine Besonderheit dieses Tals. Es mochte einmal ein Zufall gewesen sein, dass Hagans Familie gerade hier siedelte, und begann nach Erz zu suchen und zu schmieden, aber genau das ist das Geheimnis von Hagans besonderer Schmiedekunst, und natürlich auch sein Geschick.
Er weiß davon nur vage, denn andere Schmiede üben ihr Handwerk im Grunde nicht anders aus als er, und sie haben nicht diese besonders harten Schwerter.
Diese Schwerter hatten Hagans Ruf innerhalb der Gruppe der Nordmänner herumgetragen. Er gilt als ein besonderer Zauberer, der seinen Schwertern und Streitäxten „Leben“ einhaucht.
Hagan wäre dumm gewesen, wenn er das nicht zu seinem Vorteil ausgenutzt hätte, und seine Familie hatte diese Kunst schon vor langer Zeit mit dem Nymbus der Zauberei verbunden. Der Druide und Schmied Hagan hat eben eine besondere Verbindung zu den Mächten im Himmel.
Eins ist allerdings an diesem Ruf, den Hagan besitzt, wirklich sein Verdienst. Seine Schwerter und Äxte sind besonders ausgewogen. Sie liegen gut in der Hand, und das beschert ihnen einen gewaltigen Vorteil Sie sind schnell. Hagan ist ein exzellenter Schmied.
Für Hagan war es ein Glückstreffer, dass er dieses weiße Kind gefunden hatte, das auf solch geniale Weise Feuer um sich erzeugen konnte, und Heilungen bewirkte, die kein anderer hätte tun können.
Es ist ein Beweis, dass Hagan selbst ein Auserkorener ist.
Zwei seiner Söhne helfen ihm in der Schmiede.
Es gibt viel zu tun.
Gerade eben war ein Drachenboot durch die schmale Fahrrinne gekommen und hatte darum gebeten, landen zu dürfen.
Sie haben eine ganze Ladung Schwerter, Äxte und andere Dinge aus Eisen an Bord, und bitten Hagan, er möge daraus seine verzauberten Schwerter und Streitäxte schmieden.
Sie sitzen lange zusammen, sie reden, sie trinken, und sie einigen sich auf einen Preis. Hagan braucht neue Knechte, denn er will ein zweites Drachenboot bauen.
So nimmt er die Gelegenheit wahr, die ihm die Nordmänner bieten. Er würde diese Schwerter einschmelzen, aber Hagan ist vorsichtig. Von Alf erzählt er nichts. Wer weiß, ob nicht irgendjemand auf die Idee kommt, einmal heimlich einzudringen, um Alf zu entführen.
Alf ist mit seinen vier Jahren schon ein fester Bestandteil seiner Überlegungen, und er hat auch mit seinen Söhnen darüber gesprochen. Alf braucht den Schutz der Gruppe, so wie er selbst (mit seinen bescheidenen Mitteln) die Sippe beschützt.
4.2.
Auch in diesem Herbst schickt Hagan seine Männer und die Knechte zum Holz machen.
Dieses Mal verlangt er, dass die Männer nach geeigneten Bäumen Ausschau halten, um ein Boot zu bauen. Es müssen gerade und gesunde Bäume sein, möglichst ohne störende Äste. So etwas findet man in den Fichtenwäldern, die sich an der Küste und weiter oben in den Bergen breit machen.
Hagan stellt nicht nur Schwerter und Streitäxte her. Es gibt Messer, eine Art von Sicheln, Hacken, Lanzenspitzen, Spaltkeile, Arbeitsäxte und Beile, die besonders geeignet sind, um Bäume zu fällen, und mit Hilfe von Spaltkeilen in schmale Bretter zu zerteilen. Auch das ist eine besondere Kunst. Man schlägt mehrere, nein viele dieser Spaltkeile der Länge nach in einen Baumstamm, bis er der Länge nach auseinanderbricht. Das sind keine glatten Stücke, sondern der Bruch ist so, dass die Fasern des Baumes der Länge nach erhalten bleiben. Dann kann man die rohen Bretter stapeln, an der Luft trocknen, und später mit Äxten so glatt hauen, dass man geeignete Bretter für den Schiffsbau erhält. Genau das macht die Drachenboote so einzigartig, weil die einzelnen Holzfasern nicht verletzt werden.
Sägen kannten die Nordmänner damals nicht.
In den nah gelegenen Buchten und Tälern hatten die Männer mehrere solcher Holzlager errichten lassen, auf Vorrat. Holz braucht viele Jahre zum trocknen und irgendwann wird man diese Bretter mit dem Drachenboot abholen.
Holz fällen und fachgerecht zu zerteilen ist eine schwere Arbeit, und man braucht dafür die Hilfe von Knechten und Trägern.
Auch jetzt im Herbst, da werden sie geeignete Stämme spalten und zum Trocknen aufstapeln.
In einigen der Nachbartäler gibt es Pfade, wo man die Bretter von den Hochebenen (wenn auch mühsam) ins Tal bringen kann, aber das ist trotzdem eine anstrengende und lebensgefährliche Arbeit. Hagan braucht diese Helfer.
Im nächsten Jahr, da werden sie bereits die ersten getrockneten Bretter auf dem Seeweg in ihre Bucht holen.
4.3.
Als die anderen Nordmänner das Tal verlassen, macht sich Hagan an die Arbeit. Er wird den ganzen Winter zu tun haben und er wird sich damit eine Menge an Waren eintauschen können. Seine Sippe besteht nicht nur aus Kriegern. Sie handeln auch mit verschiedenen seltenen Waren, die ihnen das Leben einfacher machen.
Hagan beginnt den Jungen Alf mit in seine Schmiede zu nehmen und lässt ihn zuschauen.
Das ist ein Privileg, das keines seiner eigenen Enkelkinder genießt, aber Hagan hatte sich mit seinen Söhnen besprochen. „In diesem Kind steckt etwas Besonderes. Nutzen wir diese Verbindung zu den Göttern.“
Alf sieht in diese glühendheißen Lichter, und die Schläge der Hämmer tun ihm in den Ohren weh.
Er bittet Hagan um eine dicke Fellmütze, damit seine Ohren geschont werden. Das versteht Hagan. Der Lärm der Schmiede kann einen Mann taub machen.
Alf geht aber nicht jeden Tag mit in die Werkstatt, er schaut nur gelegentlich zu, er hält Abstand von diesen gefährlichen Funken und gewaltigen Hämmern und nimmt das langsam in sich auf, was er da sieht. Er hat genug andere Aufgaben.
Manche der Jungen „spielen“ mit solchen Waffen, die Hagan da herstellt. Es gibt einen richtigen Waffenübungsplatz. Daran hat Alf noch nicht wirkliches Interesse, aber er sieht, welche Geschicklichkeit viele der Krieger mit ihren Waffen haben. Die Streitäxte sind so schwer, dass Alf sie noch nicht hochheben kann. Die Männer können sie durch die Luft wirbeln, so dass sie einen Baumstamm in großer Entfernung treffen und in der Mitte spalten können.
Tatsächlich sind das aber keine Distanzwaffen. Man nutzt sie, um gegnerische Schilder und Rüstungen zu zerschlagen.
Eine der Aufgaben der Kinder ist es, Felle zu schaben, bis sie alle Haare verloren haben. Die Felle von Rentieren eignen sich besonders gut, um Riemen zu schneiden. Alf wird darin trainiert, mit einem scharfen Messer schmale gleichmäßige Streifen zu schneiden, aus denen man dann Stricke flicht. Alf ist erst vier, aber er hat in diesem einen Jahr bereits gelernt, dass hier alle mithelfen müssen, um das Überleben zu sichern.
Es gibt hier nichts geschenkt. Nahrung, Kleidung, Werkzeug, alles muss mühsam besorgt und hergestellt werden. Alles das, was man zum Leben dringend braucht. Zu Hause, da hatte er einfach in Aysas Imbiss gehen können und bekam Essen und Trinken. Er brauchte nur in die Kindergruppe zu gehen, und bekam Erziehung und Freundlichkeit. Hier muss man für all das etwas leisten.
Dabei erlebt Alf diese Gruppe wirklich als eine eingeschworene Gemeinschaft. Jeder im Dorf wird eingebunden. Auch wenn Knut und Ode ihn am ersten Tag herausgefordert hatten, weil er so fremd und neu war, so erlebt er jetzt ein ganz anderes Verhalten.
Gewiss, man neckt sich, man provoziert, man fordert heraus und man balgt. Das ist manchmal recht hart und gemein, aber man ist doch nicht aus Marzipan, man muss lernen, sich zur Wehr zu setzen und zu behaupten. All das geschieht eher spielerisch und die „stärkeren“ lenken oft von selbst ein, bevor ein Spiel ausufert. Es gibt schließlich Pflichten und Gemeinsamkeiten. Im Notfall würde man zusammenhalten, wie Pech und Schwefel.
Das war auch so gewesen, als die fremden Nordmänner durch die Bucht gekommen waren.
Die Jugendlichen vorn auf der Klippe, die hatten das Dorf sofort mit ihren Tonpfeifen gewarnt. Es gibt da eine Menge an unterschiedlichen Signalen, die Alf erst noch lernen muss.
Dann war die Gruppe als Wache dort auf der Klippe geblieben, während sich die Männer und die Frauen der Sippe heimlich bewaffneten, um sofort gegen einen möglichen Überfall gewappnet zu sein.
Die Gruppe war in friedlicher Absicht gekommen, aber es hatte auch schon andere Fälle gegeben. Im Notfall war man bereit, sich sofort und brutal zur Wehr zu setzen. Männer Frauen und Kinder. Jeder, der eine Waffe halten kann.
4.4.
Es gibt viele Arbeiten. Jodan und ihre Enkelkinder weisen Alf ein.
Das Haus muss sauber gehalten werden. Fleisch muss in Streifen geschnitten und getrocknet werden. Die Sehnen müssen herausgelöst werden, die Blasen und Därme werden als Schläuche genutzt, um Tee, Süßwasser und Bier aufzubewahren. Auf der Jagd oder auf dem Meer kann das lebenswichtig sein. Hirn, Leber, Herz, Lippen, die Zunge und die Augen gelten als Delikatesse. Selbst die Zähne, Klauen und Knochen der Tiere finden Verwendung. Es gibt große Gefäße aus Ton, in denen die Dorfbewohner kostbares Getreide aufbewahren, das man von Zeit zu Zeit zu Fladenbrot bäckt. Es gibt allerlei Blätter und Gewürze, die gesammelt, zum trocknen aufgehängt und sicher gelagert werden müssen.
Morgens, mittags und abends wird Tee gekocht. Es gibt Kleidung, die repariert werden muss. Kinder haben viele verschiedene Aufgaben. Oft unterschieden die sich nicht von den Aufgaben der Knechte und Mägde. Man sitzt zusammen, erzählt, singt und arbeitet. Im Sommer macht man das im Freien, bei Regenwetter und im Winter sitzt man in der großen Halle des Langhauses.
Alf bekommt auch mit, dass die Söhne von Hagan manchmal mit den Mägden Liebe machen, obwohl sie doch eine Frau haben.
Alf hatte seine große „Schwester“ Mona beim ersten Mal lange angesehen, und die sagte damals nur, „bei uns wird das so gemacht.“
Es ist allerdings nicht gestattet, dass die Knechte sich dieser Liebesdienste bedienen. Das ist ein Privileg der Herren dieser Sippe.
Weil es tabu ist, dass die Männer mit den unverheirateten Frauen und Mädchen der Sippe das machen, was sie mit den Mägden machen, ist das ein willkommenes Ventil, um den Frieden und die gegenseitige Achtung zu bewahren, auch wenn das zwischen Eheleuten schon mal einen heftigen Streit auslösen kann, wenn sich die Ehefrauen sexuell vernachlässigt fühlen.
Innerhalb der Familie achtet man solche Regeln.
Die Knechte und Mägde sind rechtlos.
Es ist nicht so, dass die Leibeigenen herumgestoßen oder gar misshandelt werden. Sie sind ein Teil der Gruppe, solange sie sich an die Regeln halten und ihre Arbeit ordentlich machen.
Wenn sie den Herren keinen Grund geben, sie zu schlagen, dann wird dies auch nicht getan. In Hagans Familie gibt es so etwas wie Willkür nicht, und Strafen gibt es nicht, solange dafür kein Grund besteht.
Alf nimmt das alles auf. Nicht bewusst und nicht mit klarem Verstand. Er wächst in dieses Regelwerk der Sippe von Hagan hinein.
4.5.
Auch in diesem Winter schickt Hagan seine Männer mehrfach in die Berge, um zu jagen und um Holz zu machen.
In diesem Winter fällt noch mehr Schnee und das Dach der großen Halle ächzt. Schließlich muss Hagan zwei Männer mit langen Schiebern auf das Dach schicken, um den Schnee wenigstens teilweise vom Dach zu ziehen. Rings um das Haus türmen sich die Schneeberge und in diesem Winter nimmt Alf das zum ersten Mal ganz bewusst wahr.
Er hat sich etwas an die Kälte und die Kleidung gewöhnt, und es gibt zwischen den einzelnen Langhäusern der Sippe Trampelpfade, auf denen man gehen kann. Alf wäre in den Schneemassen unweigerlich versunken.
Im Haus ist es angenehm warm. Die Schneemassen wirken wie eine Decke, oder wie ein Iglu. Diese Langhäuser haben zwar Fenster, aber Glasfenster gibt es nicht. Stattdessen gibt es Klappläden, die im Winter einfach geschlossen werden. Im Haus ist es dann stockdunkel, wenn die Öllampen und Kerzen nicht brennen, die es im Hause Hagans gibt.
Für Öllampen benutzt man Tran von Fischen und Robben, das ist ein natürlicher Rohstoff, den man selbst herstellen kann. Die weiter im Norden lebenden Nordmänner gehen im Winter auf die Jagd nach Seehunden, Walrössern und Walen, und sie tauschen diesen wertvollen Tran gegen andere Dinge, die sie brauchen.
Auch Kerzen werden gegen andere Güter eingetauscht. Kerzen sind sehr kostbar. Einige der Nordmannen betreiben die Bienenzucht, und aus den Waben gewinnt man das kostbare Wachs für die Kerzen.
Dennoch ist es im Winter im Langhaus stets dunkel. Es ist eine lange Zeit des Wartens auf den Frühling, und im Winter, da pflegen die Männer die Liebe und machen neue Kinder.
Auch im Hause Hagans ist das nicht anders.
Weil man hier keine Geräusche verstecken kann, wächst Alf in dieses Geschehen buchstäblich hinein.
Manchmal weigert sich Jodan, ihren Mann mit ins Bett zu nehmen, wenn er von seiner Schmiedearbeit nach Hause kommt. Dann sagte sie, „du stinkst“, und sie schickt ihn zum Baden.
Dann muss im Eis ein Loch gehackt werden.
Manchmal zieht sich Hagan nackt aus, dann wälzt er sich schreiend im Schnee und reibt sich damit ab, bis er glüht. Erst dann kommt er zurück ins Haus.
Diese Nordmänner sind wirklich harte Burschen.
Alf wird immer noch von Josefa gestillt, und er lacht manchmal in die Kuhle dieser beiden Brüste hinein, wenn er die Liebesgeräusche von Jodan und Hagan hört. Einmal sieht er Josefa lange an und fragt. „Wenn das so viel Spaß macht, warum machst du das dann nicht?“ Josefa seufzt. „Wenn ich schwanger werde, besteht die Gefahr, dass meine Milch versiegt. Dann verliere ich den Schutz, den ich habe, solange du an meiner Brust trinkst.“
Alf sieht sie lange an, dann überlegt er sich, dass man da etwas unternehmen müsse.
Am nächsten Morgen, bevor Hagan zur Arbeit in seine Schmiede geht, da setzt sich Alf neben Hagan auf die Holzbank und nimmt seine Hand.
„Josefa ist wie eine Mutter zu mir“, sagt er. „Ich will sie nicht verlieren.“
Hagan sieht Alf lange an, dann nickt er. „Gut. So soll es sein. Josefa soll immer für dich da sein. Solange sie diese Aufgabe erfüllt, steht sie unter meinem Schutz.“
Alf drückt die lederne Hand und sieht Hagan dankbar an. Ohne dass er etwas dazu tut, fängt plötzlich sein Schein um ihn zu leuchten, und Hagan spürt eine seltsame Wärme in seinem Arm hinaufkriechen, so als wolle sie ihm Stärke geben, und er hat plötzlich das Gefühl, in diesen Jungen hineinsehen zu können. Kurz nur, einen kurzen Moment nur. Er schweigt betroffen, und legt dann die Hand auf den Arm des Jungen.
„Willst du mich heute begleiten? Wir werden heute den großen Ofen anheizen, es wird sehr warm werden. Ich will Eisen schmelzen und Rohformen gießen. Du kannst mir dabei helfen.“
Alf sieht Hagan dankbar an. Das ist eine verantwortungsvolle Aufgabe. Keiner der anderen Enkelkinder hat diese Erlaubnis, und er sieht zu Knut und Ode und meint. „Ich weiß nicht, womit ich das verdient habe, aber ich werde dieses Wissen aufnehmen, so dass ich einmal genauso gut werde, wie euer Großvater. Dann könnt ihr mir helfen das Eisen zu schmelzen, wenn ihr wollt.“
Hagan sieht zu Alf, dann sieht er zu seinen Söhnen und beginnt schallend zu lachen. Ja, das ist der Geist, der in diesem Hause herrscht. Einer für alle und alle für einen.
Hagans Söhne stimmen in das Lachen ein und schlagen ihren Söhnen auf den Rücken, und sie rufen. „Einer für alle und alle für einen.“
Es ist ein Wahlspruch, der schon uralt ist und der von den Nordmännern gepflegt wird. Das sichert ihr Überleben in dieser rauhen Zeit.
4.6.
Bevor die jungen Männer im Frühjahr mit dem Boot aufs offene Meer hinausfahren, um wieder Beute zu machen, kommen die Nordmänner vom letzten Jahr, um ihre neuen Schwerter und Streitäxte abzuholen. Sie bringen wertvolle Dinge mit. Salz in kleinen Fässchen, Leibeigene, Perlmutt und Bernstein.
Ein solcher Tausch geht aber nicht ohne Prüfung und ohne ein lautes Fest ab.
Also zieht Hagan eine seiner Zaubershows ab, die er als Druide bestens beherrscht. Große Worte, Fackeln, Beschwörungen und Hand-in-Hand-Versprechen, dann werden die Schwerter und Äxte auf dem Übungsplatz ausprobiert und für gut befunden. Am Abend wird ein großes Feuer angebrannt und die Männer reden von zukünftigen Taten, essen gebratenes Fleisch und geben sich dem Bier hin, das heute in Strömen fließt.
Hagan hat seine Männer angewiesen, sich zurückzuhalten und das Betrinken nur vorzutäuschen. Hagan will für alles gewappnet sein. So ein Besäufnis endet manchmal damit, das der Sargdeckel für immer über dir zugemacht werden muss. Er hat auch vorn an der Bucht Wachen postiert.
Also sind Hagans Männer jovial und sie spielen die Betrunkenen und bleiben dabei hellwach. Am nächsten Morgen steigen die Besucher mit schweren Köpfen in ihr Drachenboot und fahren davon. Hagan befiehlt, auch die nächsten drei Tage höllisch vorsichtig zu sein. Die Besucher sind jetzt bestens gerüstet. Man kann ja nie wissen.
4.7.
Erst eine Woche später schickt Hagan die Männer mit den Knechten mit dem Boot in die Holzlager und sie holen die Bretter, die dort schon seit mehreren Jahren auf ihre Verwendung warten.
Die Knechte helfen beim einladen und beim rudern.
Hagan schickt in dieser Zeit einen seiner Männer auf eine vorstehende Klippe, von der man eine gute Sicht auf das offene Meer hat, um sicherzugehen, dass keine Gefahr droht.
Alles bleibt ruhig. Derzeit scheint keine Gefahr zu bestehen.
Erst nach dem Frühjahrsfest steigt die Gruppe der jungen Männer unter der Führung von Björre in das Drachenboot und fährt davon.
Die zurückbleibende Gruppe wird in diesem Sommer damit beginnen das neue Drachenboot zu bauen. Dann haben sie sogar doppelten Schutz.
4.8.
Alf wird in diesem Sommer fünf. Er nimmt jetzt seine Umwelt noch bewusster wahr und versteht immer mehr. Es sieht, wie die Männer die Bretter beilen, wie sie Böcke bauen, wie der Kiel gezimmert wird und wie die Streben links rechts an diesem Kiel nach oben wachsen. Er sieht, wie die Bretter gewässert werden, um sie biegsam zu machen, bevor die Planken angebracht werden können.
An diesem Rumpf gibt es keine Nägel. Jede einzelne Planke wird mit handgeschnittenen Holzdübeln befestigt. Diese Dübel werden sich später voll Wasser saugen und die Bretter unverrückbar miteinander verbinden.
Dann werden die Sitzbänke eingebaut und die Vorkehrungen für die Ruder aufgesetzt. Eine rundum laufende stabile Umrandung mit Vertiefungen für die Ruder, nach oben offen, um die Ruder herauszuheben und bei Meerengen senkrecht nach oben zu halten, damit man nirgendwo anstößt.
Schließlich werden die hochgezogenen Planken an Kiel und Bug kunstvoll mit Drachenköpfen verziert. Das muss ein Drachenboot haben. Es ist eine uralte Legende, um den Kampf mit den Ungeheuern der Meere aufzunehmen, die dich verschlingen wollen.
Erst dann machen sich die Männer daran, die Ruder aus einem Stück zu beilen. Das ist eine hochpräzise Arbeit. Alf staunt. Die Männer sind wirklich Meister im Umgang mit ihren Beilen und Äxten. Er hätte das nicht gekonnt.
Alf sieht genau zu. Immer wieder war Regen in das Boot gelaufen. Das macht dem Boot nichts.
Es läuft voll und es tränkt die Planken, so dass sie weich und geschmeidig bleiben, vollgesogen mit Wasser, und ohne jede Ritze. Würde jetzt Wasser durch das Boot fließen, wäre das der Beweis gewesen, dass man nicht genau genug gearbeitet hatte. Dieses Boot ist dicht.
Erst ganz zum Schluss wird das Wasser aus dem Boot geschöpft und die Keile werden weggeschlagen, die das Boot auf den Böcken halten. Dann rutscht das Boot langsam und immer schneller ins Wasser und schwimmt in der Bucht. Das löst großen Jubel aus.
In der Mitte des Boots hat man verschiedene Querstreben angebracht, und nun wird noch ein Mast dort eingesteckt und mit Quermasten versehen. Das Segel würde man später anbringen.
Die Männer sind mit ihrer Arbeit zufrieden.
All das geschieht nicht ohne ständige Rituale und Beschwörungen. Man muss sicher sein, dass Boot den Kräften des Meeres auch gewachsen ist.
Hagan ist in seinem Element. Er ist der Druide und Seher. Er ist der Zauberer des Dorfes. Er entscheidet, ob das Boot überhaupt auf große Fahrt gehen wird.
Solche Boote brauchen zwar viel Arbeit, und die Dorfbewohner müssen während des Sommers auch Jagen, Kräuter, Beeren und Pilze sammeln, aber als die Abenteurer im Herbst von ihrer großen Fahrt zurückkehren, ist das Boot fertig.
Nun kann man gleich mehrere Ereignisse feiern. Die Rückkehr der Krieger, neue Ehen, neue Geburten und die Taufe des Bootes.
Auch diesmal zieht die Schar hinauf ins Tal des heiligen Hains und zur Feier der vielen Ereignisse und zur Besänftigung der Götter der Unterwelt, werden wieder fünf Leibeigene geopfert. Auch das geschieht nicht ohne die vorgeschriebenen Rituale.
Ohne den Zauberer des Dorfes geht nichts.
Alf begreift, dass er Gast im wichtigsten Haus des Dorfes geworden war. Mehr noch. Für Hagan ist er wie ein Sohn. Ein Schützling. An diesem Fest denkt Alf lange nach.
Das mit den Opfern macht ihm schon nichts mehr aus. Das sind einfach notwendige Rituale. Er hat auch vieles über die Götter der Nordmänner gelernt. Das ist eben so. Er selbst profitiert von diesem Glauben. Er wird seine Josefa beschützen.
4.9.
Inzwischen war Josefa wieder schwanger geworden. Alf war abgestillt worden, und er fühlt dadurch sogar eine neue Freiheit. Er hatte aus der Brust dieser Amme Kraft und Selbstvertrauen geschöpft. Jetzt ist er ein „großer Junge“. Das ändert nichts daran, dass er Josefa manchmal bittet, bei ihm zu schlafen und ihm ihre Wärme zu schenken. Josefas Bauch wird jetzt langsam rund, und Alf bestaunt auch das. Er liegt an diesem Bauch und genießt die Wärme.
Einmal liegt er sinnend neben ihr, und plötzlich beginnen seine Hände zu strahlen. Alf weiß nicht warum, er tut nichts dazu, aber er spürt ganz deutlich, dass dieses Kind, das dort in diesem Bauch wächst, sich nach seiner Energie ausstreckt, und Josefa spürt das auch. Sie stöhnt leise und lustvoll, und fragt später, „wie machst du das?“
Alf zuckt mit den Schultern. „ich weiß nicht. Darüber muss ich nachdenken. Bisher kommt das einfach, ohne dass ich das beeinflusse. Ich muss wirklich darüber nachdenken.“
In diesem Winter denkt Alf tatsächlich oft und intensiv darüber nach. Er kann den Dörflern bei Krankheiten helfen, er sieht diese Energieströme, die da entstehen und er sieht die Wirkung, aber er hat keinen Einfluss darauf, was da mit ihm geschieht.
4.10.
Auch in diesem Winter hat Hagan viel Arbeit. Die Männer hatten viele Waffen erbeutet und die müssen umgeschmolzen werden. Auch die eigenen Waffen der Krieger müssen nachbearbeitet und geschärft werden.
Alf wird in die Schmiede mitgenommen. Vielleicht haben Kinder ein besonderes Wahrnehmungsvermögen. Alf hat sich die einzelnen Schritte und Phasen genau gemerkt. Das Verfahren der Schmiedekunst Hagans ist in seinem Kopf.
Diesmal fragt Hagan, „du wirst langsam groß und du solltest deine eigenen Werkzeuge haben. Ein Schwert kannst noch nicht tragen, aber du solltest lernen, dich im Umgang mit Waffen zu üben. Du hast mit Stöcken geübt, aber Stöcke sind nur Stöcke. Man kann damit einen Mann töten, wenn man geschickt ist, aber gegen einen Krieger unter Waffen kommt ein Stock nicht an.“
„Was hältst du davon, wenn ich dir eine Waffe schmiede, die für deine Größe geeignet ist. In der Form eines Schwertes, aber in der Größe eines langen Messers?“
Alf sieht Hagan dankbar an. „Das würdest du für mich tun?“
Hagan nickt. „Fangen wir an“. Dann baut er mit Alf zusammen sorgfältig eine Form in den Sand.
Sie wird mit flüssigheißem Eisen ausgegossen.
Hagan wirft mehrere Schaufeln Sand auf den Guss und lässt die Masse abkühlen. Das dauert drei Tage. Dann holt er den Rohling aus dem Sand, prüft ihn, legt ihn ins Feuer, bis er weißglühend ist, und beginnt ihn zu bearbeiten.
Immer wieder und immer wieder. Er hämmert und faltet. Er glüht und wendet, und hämmert und faltet. Alf zählt schon lange nicht mehr mit.
Hagan gibt sich wirklich Mühe. Schließlich wird die Klinge geschliffen und der Griff wird mit Holz und Leder gefasst. Es war ein Dolch entstanden, schlank und dennoch kräftig. Einschneidig mit einem Rücken, weil das für Alfs Alter sicherer ist.
Mit leichter Wölbung und wunderbar ausgewogen.
Mehrfach hatte Hagan Alf das lange Messer in die Hand gegeben und ihm die Haltung erklärt, bevor er daran weiterarbeitete. Er scheint jetzt zufrieden zu sein. „Das ist eine gefährliche Waffe, auch wenn sie nicht zweischneidig ist. Du kannst damit zuschlagen und zustechen. Es ist eine Waffe und gleichzeitig ein Werkzeug, mit dem du Leder und Holz und viele andere Dinge bearbeiten kannst. Du kannst damit Fleisch schneiden und Knochen abschaben, zertrennen und Sehnen herauslösen. Du wirst das lernen, aber du brauchst Übung. Wir werden das üben.“
Er hält Alf das lange Messer mit beiden Händen hin und Alf zögert.
Er sieht Hagan dankbar und ehrfurchtsvoll an, dann versinkt er ganz in sich. Er schließt die Augen, er stellt sich vor, wie er das Messer in die Hand nimmt und wie er es durch die Luft wirbelt.
Er stellt sich vor, wie er zustechen würde oder Fell zerteilt. Dann beginnt er zu leuchten. Er hat die Augen immer noch geschlossen und er streckt jetzt langsam die Hände nach vorne, wie um das Messer von Hagan zu empfangen.
In diesem Moment schießen Funken aus seinen Händen.
Sie übertragen sich auf das lange Messer in Hagans Händen und plötzlich beginnt das Messer zu schweben. Es steig an, bis es Hagans Hände deutlich verlassen hat, dann bewegt es sich auf Alf zu, legt sich in die offenen Handflächen und Alf schließt die Hände.
Die eine Hand umfasst den Griff, die andere umschließt die Klinge. Plötzlich tropft Blut von Alfs linker Hand. Alf spürt das nicht.
Hagan steht völlig unter dem Bann dieses Ereignisses. Seine großen Söhne hatten die Köpfe gedreht und verfolgen dieses Schauspiel mit offenen Mündern. Das Blut tropft von Alfs Hand, und plötzlich beginnt auch die rechte Hand zu bluten, die den Griff umschlossen hält.
Alf hat immer noch die Augen geschlossen. Die Funken sprühen und plötzlich versiegt das Blut.
Alf öffnet die Hände, die noch voller Blut sind. Er öffnet die Augen und sieht zu Hagan. „Dieses Messer wird nie mehr mein Blut vergießen“, sagt er bestimmt.
Vor Hagans Augen beginnt das Blut zu trocknen und die Wunden in Alfs Händen verschließen sich. Alf steht vor ihm mit ausgestreckten Händen, die jetzt frei von flüssigem Blut sind.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.