Kitabı oku: «Die Schamanin»

Yazı tipi:

Hans-Peter Vogt

Die Shamanin

(der lange sanfte Weg)

Reihe: Die Wächter des Lebens, Band 6

Zukunftsroman, Fantasy, Utopie, Wirtschaftsroman und Familienepos

ISBN 978-3-942652-74-2

Deutsche Ausgabe

Ungekürzte Ausgabe / 1. Auflage 2019 / e-Book / alle Rechte vorbehalten / Vertrieb: Libreka / Empfohlen ab 18 Jahren / FSK 16 Jahre

© vogt multimedia verlag, Reinheim

Umschlagentwurf: © vogt multimedia design, Dr. Hans-Peter Vogt, Erlenweg 18, 64354 Reinheim

Verfügbar in über 1000 e-Book-Shops

Vormerkung

Wenn die inneren Werte einer Gesellschaft verloren gehen, dann sind nicht nur ganze Völker bedroht. Mahner sagen, die Welt braucht feste Regeln, um das Miteinander friedlich zu gestalten. Zukunft kann bedeuten, sich kritisch einzumischen und nicht unbedingt den bequemen Weg des Mainstream einzuschlagen.

Ein Buch über Ökologie, Umwelteinflüsse, dunkle Mächte, Weltwirtschaft, Banken, Geldverkehr, Macht, und Moral.

Die Geschichte spielt in der Zukunft. Die Personen der Handlung sind alle frei erfunden. Ähnlichkeiten zu lebenden Personen bestehen nicht.

Die meisten der erwähnten Institutionen gibt es wirklich, wie die UNESCO, die WHO, oder das Komitee für die Verleihung des Friedensnobelpreises, andere sind vom Autor geschaffen worden, um die Handlung in sich logisch zu gestalten. Beschriebene Länder, Städte und Flüsse gibt es wirklich, wie im Roman beschrieben. Einzige Ausnahme ist jene legendäre Königsstadt Ciudad del Sol in Peru. Das ist ein Phantasieprodukt. Auch die Mac Best Food Corporation und andere Familienunternehmen sind frei erfunden.

Inhaltsangabe

Titel, Autor, Impressum

Vorbemerkung

Index

Einleitung

Kapitel 1. Im Schoß der Familie

Kapitel 2. Die Shamanin

Kapitel 3. Chaos und Hoffnung

Kapitel 4. Der sanfte Weg

Kapitel 5. Das afrikanische Experiment

Kapitel 6. Die Neuordnung des Weltwirtschaftssytems

Kapitel 7. Alfs Rückkehr

Kapitel 8. Die Rückbesinnung auf das private Glück

Anhang:

Die handelnden Personen im Buch und weitere Informationen

Der Autor

Einleitung

Solveig wird im Jahr 2039 geboren. Sie ist eine der Enkelinnen von Leon, den Sie schon aus den Bänden 2-5 kennen. Ihre Eltern sind Leiter einer medizinischen Klinik in Peru, mit einem grenzüberschreitenden Ruf. Das prägt Solveig, die in einer kleinen Stadt von 40.000 Einwohnern aufwächst.

In dieser kleinen Stadt mit dem Namen Ciudad del Sol gibt es eine indianische Ausgrabungsstätte. Sie ist Weltkulturerbe und das beeinflusst Solveigs ganzen Denken und Handeln. Die 6.000 Jahre alte Geschichte ihres Volkes ist allgegenwärtig.

Als Nesthäckchen der Familie trägt sie zunächst nicht die große Verantwortung ihrer älteren Geschwister. Sie genießt Freiheiten. Sie macht sich ihre Gedanken. Sie entwickelt ihr eigenes Tempo und sie lacht gerne. Sie wächst in einer geschützten und behüteten Umgebung ohne Zwang auf. Sie lernt, Tiere und Menschen zu lieben und ihnen zu helfen.

Sie entwickelt schon bald große übersinnliche Kräfte, aber wie bei allen Mitgliedern ihres Clans hat sie ihre ganz eigene Entwicklung. Sie verinnerlicht schnell, was in der Familie als Demut bezeichnet wird. Sie lernt, dass sie ihre Kräfte nie missbrauchen darf, und sie setzt sich für das Allgemeinwohl ein. Sie sucht gleichzeitig einen gewaltlosen Weg zur Lösung von Konflikten.

Später studiert sie Human-und Tiermedizin und sie übernimmt eine Vorreiterrolle in ihrem Clan der Auserwählten. Hier beginnt die eigentliche Geschichte.

Nicht alles auf dieser Welt ist friedlich. Die Natur ist weitgehend außer Kontrolle geraten. Es gibt Riesentsunamis, die Wüsten breiten sich aus, die Polkappen sind längst abgeschmolzen. Es gibt unvorhersehbare Wetterphänomene, die man als Global Weirding bezeichnet. Es gibt neue Krankheiten und Epidemien. Milben, Käfer und viele Viren sind mutiert. Die ganze Welt ist nicht mehr dieselbe, wie im Jahr 2000.

Die Welt muss sich schützen, aber in einer solchen Situation drohen Verteilungskämpfe um Ressourcen, Bodenschätze, Energien und vor allem um Nahrung und Wasser. Es gibt ja nicht nur die Rechtsstaaten, deren Wirtschaften miteinander um Vorteile ringen, es gibt selbsternannte Autokraten und es gibt auch jene Mächte, die im Verborgenen agieren. Banden, politische und religiöse Verbindungen und die Clans der Mafia.

Die Firmen von Solveigs Familienclan haben schon längst sanfte Technologien entwickelt. Es gibt Meeresentsalzungsanlagen, Windkraftwerke und riesige Energieparks aus Solarpaneelen. Es gibt Wellenkraftwerke und Flugzeuge, die mit einer Mischung aus Solarenergie, Methangas und Wasserstoff sauber angetrieben werden.

All das hat die Klimaveränderung, die seit dem 2000 nachweisbar ist, nicht aufgehalten, sondern nur verlangsamt. Dabei hatte die Erde einige Jahrzehnte lang noch Glück gehabt. Ein unvorhergesehenes Phänomen war daran Schuld, das den Namen Maunder-Minimum trägt. Die Sonne hatte für einige Jahrzehnte ihre Strahlkraft ein Stück weit verloren. Ein Phänomen, das schon in früheren Jahrhunderten hin und wieder zu beobachten war. Im 30-jährigen Krieg fror die Ostsee sogar zu, so dass der schwedische König seine Truppe zu Fuß über das Eis zum Festland führen konnte. Nun, das ist lange her, und die Erde war rund fünfzig Jahre lang den Einflüssen dieses Maunder Minimums ausgesetzt gewesen. Seither ändert sich das Klima immer schneller, mit dramatischen Folgen.

In dieser Welt wächst Solveig auf. Sie entwickelt bald die besondere Fähigkeit, in andere Menschen hineinzusehen und sie zu steuern. Ihre Tante Chénoa konnte das schon besonders gut, und Solveig lernt das jetzt auch. Solveig lernt, diese Kräfte zu perfektionieren. Sie entwickelt auch diese besondere Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzudenken und sie zu lenken und zu steuern.

So kommt es, dass Solveig innerhalb der Familie spezielle Aufgaben übernimmt. Sie wird zum „Gewissen“ der Familie. Sie leitet bald die „Schule der Kids“, also der vielen leiblichen Kinder des Familienclans, die alle mehr oder weniger mit solchen übersinnlichen Kräften ausgestattet sind, wie Solveig selbst. Sie sorgt dafür, dass die Kräfte der Familie nicht missbraucht werden. Sie knüpft aber auch Verbindungen zu diversen Mafiachefs, um den Einfluss ihrer Familie zu mehren, und dann ist da noch dieses gewaltige Problem der inzwischen auf über 1 Milliarde angestiegenen Zahl von AIDS Kranken. Diese Krankheit hat sich zur Pandemie entwickelt.

Es zeigt sich bald, dass weitere Bedrohungen auf die Welt zukommen, die von Solveig viel mehr Einsatz von ihr verlangen. Sie reibt sich auf, bis sie kaum noch zum Schlafen kommt, und sie opfert ihr Leben dem Gemeinwohl, wie eine Art Mutter Theresa, immer im Bewusstsein, dass der Welt das Gleichgewicht abhanden gekommen ist.

In diesem Band geht es einmal nicht vordergründig um Action und um spannende Erlebnisse. Die Familie von Solveig sucht nach Wegen, um in dieser Welt zu überleben und ihre führende Rolle auszubauen, und sie sucht vor allem nach Konzepten und Strategien, die den Anforderungen einer globalen Welt gewachsen sind, und die gleichzeitig den Anforderungen von Moral und einer Ethik des Handelns zu genügen. Es ist ein sehr nachdenkliches Buch, das vom Leser verlangt sich in diese Welt hineinzuversetzen, die da in 50 Jahren sehr wahrscheinlich auf uns zukommt, weil wir über Jahrhunderte hinweg die Steuerungselemente vernachlässigt haben, um diese Welt nachhaltig vor Zerstörung und Ausbeutung zu schützen. Vieles wissen wir allerdings nicht. Es wird neue Bedrohungen geben, von denen wir erst in 5 10 oder auch 50 Jahren erfahren, teils wirtschaftlicher Art, teils militärisch, manches durch Radikalismus, und manches durch die immer größer werdenden Ströme der Menschen, die eine neue Heimat suchen, und durch ihr völlig andersartiges Wertesystem massiv die alten Gesellschaftsordnungen der Zufluchtsländer gefährden.

Das Volk der Cantara, das sich auf der Erde inzwischen vermehrt hat, aber stets unsichtbar im Hintergrund bleibt, hat aber auch ganz eigene Pläne mit dem Planeten Erde. Unabhängig vom Clan der Auserwählten - zu dem Solveig als Mutantin gehört - greift das Volk der Cantara immer mehr in das Geschehen ein.

Es gibt in diesem Buch zwar spannende Action, aber solche Beschreibungen treten völlig in den Hintergrund, weil dies nur einzelne Stationen in Solveigs Leben sind, die auf dem Weg zu einer mächtigen „Fürstin“ ist.

Diese Suche nach Überlebenskonzepten und der Kampf gegen Krankheiten prägt dieses Buch. Es geht aber auch um Wirtschaftskreisläufe und Überlebensstrategien. Im Hintergrund steht immer ein drohender dritter Weltkrieg, der alles verschlingen wird, wenn es nicht gelingt, die vielen widerstrebenden Interessen der mächtigen Clans dieser Erde konfliktfrei zu lösen.

Mit der Suche nach Lösungen gehen philosophische Betrachtungen einher. Es geht um eine globale Verantwortung für diesen Planeten und seine Bewohner, es geht aber zugleich um die soziale Verantwortung im Kleinen, in der Nachbarschaft und unter den Freunden. Es geht auch darum, wie ich mit meinen Feinden umgehe, wie ich Menschen einbeziehe und sie für eine Zusammenarbeit überzeuge. Es geht um die Bewahrung moralischer Werte, und es geht vor allem darum, solche Werte auch zu leben.

Tatsächlich wird Solveig in dieser Welt eine bedeutende Rolle einnehmen und die „Geschicke der Welt“ beeinflussen. Sie wird Trägerin des Friedensnobelpreises, aber auch dies markiert nur einen Eckpunkt auf ihrem Lebensweg.

Der Band ist ein biografischer Roman rund um diese einmalige Persönlichkeit. Es ist aber auch ein sozialpolitischer und zugleich auch ein ökonomischer und moralisch-ethischer Roman, weil die Beschäftigung mit solchen Themen die Gedankenwelt von Solveig auszeichnet und ihre Handlungen rechtfertigt. Solveig ist eine der großen Humanisten dieser Welt, wobei sie nicht durch die Entwicklung von Theorien, sondern durch praktisches und konkretes Handeln und konkrete Hilfe wirkt und Einfluss nimmt.

Dieser Roman versucht, sich an wissenschaftlichen Modellen zu orientieren,wie die Welt in 50 oder 100 Jahren aussehen könnte.

Was in diesem fiktiv ist, das sind die übersinnlichen Kräfte des Clans, zu dem Solveig gehört. In dieser Romanserie hat dieser Clan der Auserwählten seine Kräfte durch jenes legendäre Volk der Cantara erhalten, von dem ein Exemplar den weiten Weg durch den Weltraum zu unserem Planeten gefunden hat.

Über eins müssen wir uns klaren sein. Es wird wohl viel schlimmer kommen, wenn die Welt nicht endlich beschließt, wirkungsvolle Mechanismen durchzusetzen, um die Belastung der Natur radikal einzudämmen und die überall aufflammenden Konflikte zwischen mächtigen lokalen und nationalen Clans und der selbsternannten Eliten friedlich zu lösen. Hierzu gehören auch soziale Konflikte zwischen arm und reich. Das ist ein Thema, was Solveig besonders am Herzen liegt. Die Achtung vor dem Menschen erfordert nach der Überzeugung von Solveig die Versorgung mit Wasser, Nahrung, Arbeit, Kleidung und menschlicher Wärme.

Bei all solchen hehren Zielen müssen wir Menschen uns immer wieder eingestehen, dass wir nicht frei sind vor Fehlern. Auch Solveig ist das nicht, und sie stößt immer wieder an die Grenzen ihrer Kraft. Ihre Ehe zerbricht und sie setzt ihre Kinder durch ihre permanente Arbeitsüberlastung unter gehörigen Druck.

Kapitel 1. Im Schoß der Familie

1.

Solveig ist in einer kleinen Stadt in Peru geboren. Sie ist das vierte Kind von Clara und ihrem Mann Raoul, die in der kleinen Stadt Ciudad del Sol wohnen. Sie liegt in den nordöstlichen Anden Perus. In unmittelbarer Nähe ihrer Wohnung befindet sich auch die gemeinsame Privatklinik.

Raoul ist ein geschickter Unfallchirurg, der sich mit Knochenbrüchen oder Schnittverletzungen auskennt. Er hilft auch bei Risikoschwangerschaften, etwa, wenn ein Kaiser-schnitt nötig wird. Es gibt weitere Eingriffe im Bereich dessen, was man innere Medizin nennt, also etwa bei Gallensteinen oder einem Blindarmdurchbruch. Seine Frau Clara wiederum ist Allgemeinmedizinerin und Kinderärztin, und sie hilft auch bei normal verlaufenden Schwangerschaften. Clara ist außerdem Naturheilkundlerin, und sie gilt als geniale Heilerin, die bei Problemen helfen kann, wo die Schulmedizin sonst versagt.

Clara und Raoul stehen einer kleinen Privat-Klinik vor, mit vierzig Betten, 5 OP’s und sechs Behandlungszimmern. Es gibt mehrere Arzthelferinnen, zwei Assistenten und drei Hebammen. Ein Augenarzt, ein Internist und ein Urologe, die in derselben kleinen Stadt praktizieren, die haben Belegrecht, wenn es z.B. um Augenleiden oder Prostataprobleme geht.

In der kleinen Stadt, die bei Solveigs Geburt rund 40.000 Einwohner hat, da leben heute etwa 23.000 Indianer der Stämme der Aymara und der Quechua. Der Rest besteht aus spanischsprechenden Weißen.

Die Klinik liegt direkt im indianischen Viertel, und so ist es nur natürlich, dass sich die indianische Bevölkerung hier gerne behandeln lässt, zumal Raoul ein Indio ist, und Clara eine Mestizin. Aber Clara hat sich in ihrer Laufbahn den Ruf einer Wunderheilerin aufgebaut, und so gibt es auch viele weiße Patienten, die manchmal von weit her kommen, sogar aus den USA und aus den arabischen Ländern.

Auch wenn sich Clara den Völkern der Aymara und der Quechua besonders verbunden fühlt, gibt in dieser Klinik keine Bevorzugung.

Die Stadt wird von zwei etwa 8-10 Meter breiten Flüssen zerschnitten, die hier zusammenfließen, und sich zu einem gemeinsamen Strom vereinen, der ein Nebenfluss des Amazonas ist. Der größere der beiden Flüsse war in dem tiefen Tal zu einem See aufgestaut worden, und liefert das Trinkwasser der Stadt. Es gibt da aber auch Turbinen, die mit dem Elektrizitätswerk verbunden sind und der kleinen Stadt ihren Strom liefern, na zumindest einen Teil davon. Ein anderer Teil des Energiebedarfs wird über Solaranlagen, Biomasse und Erdwärmepumpen geliefert.

Trotz der langen Geschichte der Stadt und der Ausgrabung einer 4000 Jahre alten Königsstadt ist Ciudad del Sol eine junge und durchaus moderne Stadt.

Die größte Fabrik der Stadt liefert Nahrungsmittel, die über eine inzwischen gut ausgebaute Fernstraße bis nach Chile geliefert werden. Diese Fabrik gehört der Familie von Solveig, und Großvater Leon war es es auch, der dieser Stadt ein modernes Energiekonzept beschert hatte, wobei er viele Geldmittel in die Hand genommen hatte. Die Familie ist deshalb auch an dem örtlichen Elektrizitätswerk, am Wasserwerk, an der Müllentsorgung und am Biomassewerk beteiligt, das u.a. Biogas herstellt. Kurz gesagt, Solveig ist als Teil der wirtschaftlich führenden Familie dieser Stadt geboren worden, mehr noch, Solveigs Familie gehört das größte Wirtschaftsunternehmen Perus. Größer noch als all die Minengesellschaften, die z.B. Lithium abbauen, aber auch daran ist das Familienunternehmen mit 25 Prozent beteiligt.

Der See ist tief und das Wasser ist kalt. Es gibt einige wenige Stellen, wo man schwimmen kann, aber das ist nicht ungefährlich, weil es in dem See eine kräftige Strömung gibt. Wehe dem, der in den Sog der Turbinen gerät.

Unterhalb des Stausees mündet, wie gesagt, ein weiterer Fluss, der etwas schmaler ist. Aus der Luft sehen diese Wasseradern aus wie ein liegendes Ypsilon. Im oberen Teil des Dreiecks erhebt sich ein Berg bis auf 3450 Meter, und dort hatte man eine rund 4.000 alte Königsstadt entdeckt, die in der Zeit, als Solveig geboren wurde, zu etwa 70 Prozent ausgegraben war. Sie hat gewaltige Dimensionen von über 15 Kilometern Durchmesser.

Diese alte Königsstadt ist der zweite Lebensnerv der Stadt, denn man hatte in dieser Stadt nicht nur Mauern, Katakomben, Skelette, und Keramiken gefunden. Man hatte Münzen, Schwertknäufe, Schulterbleche aus Gold, Fingerringe, Halsketten und riesige Mengen an Silber, Gold und Edelsteinen, gefunden. Diamanten, Opale, Achate, Amethysten, Türkise, Aquamarine und viele mehr. Diese Funde hatte die beiden an der Ausgrabung beteiligten Staaten Peru und Bolivien reich gemacht. Sie hatten einen Teil der Funde an Museen gegeben, einen Teil hatten sie auf Auktionen, an der Börse und an Juweliere, an die Industrie (die stets Bedarf an Brillanten hat, um Schneidwerkzeuge herzustellen) und an Sammler verkauft. Die beiden Staaten hatten auch dafür gesorgt, dass diese Ausgrabung zu einem lebendigen Museum ausgebaut worden war. Es gibt hier Cafés, Restaurants, Ausstellungsgebäude, Seminare, Versammlungen und Events. Es gibt regelmäßig stattfindende Märkte und Animationen, Führungen und Vorträge.

Die Funde hatten nicht nur Peru und Bolivien reich gemacht, sondern auch die „Stiftung“, die der Familie von Solveig gehört, denn Großvater Leon war es, der damals diese antike Stadt als erster entdeckt hatte, und er hatte damals die Stiftung als dritten Partner in die von Peru und Bolivien gemeinsam gegründete Verwertungsgesellschaft eingebracht, und für kompetente Wissenschaftler und internationale Anerkennung gesorgt.

Solveigs Großmutter Mila ist die leitende Archäologin der Ausgrabung, und sie hat durch Vorträge und die Organisierung von Ausstellungen weltweit für Anerkennung gesorgt. Sie hat sogar Prokura in der Stiftung. Ja, nun. Solveigs Familie spielt in dieser Stadt eine bedeutende Rolle.

Oben auf der Spitze des Berges hatten die Archäologen einen Königspalast und eine Stufenpyramide gefunden, einen großen Platz und Befestigungen. Es gibt Reste einer antiken Stadtmauer, Türme, Kasernen für Soldaten, Tiefbrunnen, mehrere Marktplätze und sogar ein funktionierendes Abwassersystem. Die Tiefbrunnen waren seit alters her über Schächte mit dem See verbunden, so dass sie den Bewohnern der antiken Stadt schon damals frisches und kühles Wasser lieferten. Diese Stadt ist etwas Besonderes, und sie war längst als UNESCO Weltkulturerbe anerkannt.

Etwas Besonderes ist auch das Oster- und das Weihnachtsfest, das inzwischen jedes Jahr auf dem großen Platz unterhalb der Pyramide zelebriert wird. Für dieses Fest kommen Tausende, nur um dabeizusein. Es gibt in dem Open Air Museum auch spezielle Kindstaufen und indianische Hochzeiten für externe Besucher nach alten Bräuchen. Das ist einzigartig, und nur deshalb kommen manchmal die Menschen selbst aus Japan oder Australien, nur um so etwas einmal zu erleben.

Obwohl die Stadt weit weg von anderen großen Ansiedlungen liegt, ist sie durch diese antike Stadt weltberühmt geworden und wird jedes Jahr von mehr als eine Million Besuchern aufgesucht.

Unweit der alten Stadt hatte man deshalb einen kleinen Flugplatz gebaut und es gibt eine breite und komfortable Straße, die in die Provinzhauptstadt Cusco und in die peruanische Hauptstadt Lima führt, und eine weitere nach Süden, in die bolivianische Hauptstadt La Paz. Es gibt regelmäßige Busverbindungen und Sammeltaxis. Auf diesen Straßen fahren auch Lastwagen, die alles bringen, was man in der kleinen Stadt braucht.

Solveigs Familie ist an diesen Ausgrabungsfunden und Einnahmen beteiligt. Opa Leon hatte damals durchgesetzt, dass dort überhaupt Grabungen durchgeführt werden konnten. Die der Familie gehörige Stiftung hatte damals den Vertrag geschlossen, dass ein Drittel aller Einnahmen der Stiftung gehören müsse. Während die beiden Länder die Ausgrabung finanzierten, wobei sie auch Gelder der UNESCO dafür erhielten, reinvestierte die Stiftung von Großvater Leon und Großmutter Mila das eingenommene Geld seit Anfang an großzügig in Infrastrukturprogramme, in den Aufbau der Indiosiedlung, in eine leistungsfähige Wasserversorgung, das Elektrizitätswerk und den Fremdenverkehr. Genau genommen gehört der Familie ein Großteil der Stadt, und sie ist an vielen Unternehmen mindestens beteiligt.

Die vielen Besucher der Stadt müssen irgendwo schlafen. Sie müssen essen und trinken, und dies spült unglaublich viel Geld in die Kassen. Das größte Hotel der Stadt, mit 360 Betten gehörte der Familie von Solveig, und dort gibt es auch eine Sport-und eine Eventhalle mit regelmäßigen Konzerten von Weltrang. Hier waren schon die New Yorker Synfoniker aufgetreten. Jeder Künstler von Weltrang hatte sich hier bereits dem Publikum gezeigt, und die Besucher strömen von weither, um diesen Konzerten beizuwohnen, selbst aus Lima oder La Paz.

Die antike Stadt ist zwar das Herz der kleinen Stadt, die um dieses Zentrum herum entstanden war, und das alle Bewohner ernährt, aber ohne die übrigen Teile der lebensfrohen und pulsierenden Stadt würde das alles nicht so gut funktionieren, wie es tatsächlich funktioniert. Ciudad del Sol hat Weltruf. Vielleicht auch, weil regelmäßige Wanderausstellungen mit Funden der Ausgrabung den Namen der Stadt überall auf der Welt verbreitetet hatten.

Einige Teile der alten Königsstadt (die einmal mehr als 200.000 Einwohner hatte) sind abgezäunt und dort wühlen sich die Archäologen immer noch durch Berge von Erde, um alles ans Tageslicht zu bringen, was dort noch zu finden ist. Zwar glaubt man, inzwischen alle Geheimnisse über die alte Hochkultur gelüftet zu haben, aber man findet immer neue Reichtümer, die in die Staatskassen fließen und Artefakte, die noch weiteren Aufschluss über dieses antike Gesellschafts- und Wirtschaftssystem liefern.

Man hatte die alte Stadtmauer wieder restauriert, und das gesamte Areal war zusätzlich von einem hohen Zaun umgrenzt worden. Man hatte einen Großteil der Altstadt, die alte Wasserversorgung und die Kanalisation restauriert und natürlich den Königspalast und die Pyramide mit der Sternwarte. Es gibt ein Eingangstor mit mehreren Kassen. Es gibt ständige Führungen, damit die alten Bauwerke nicht durch unkontrollierte Besucherströme wieder zerstört werden. Innerhalb der antiken Stadt finden die Besucher gemauerte Straßen aus großen Felsquadern, und viele hundert Stufen hinauf bis zum Königspalast, den Katakomben und der heiligen Pyramide. Es gibt sogar Esel, auf denen man reiten kann, um diesen Aufstieg nicht selbst machen zu müssen. Für beste Unterhaltung ist gesorgt. Es gibt Animateure in antiken Uniformen mit Lanzen und Schwertern, und auf den Plätzen der früheren Kasernen kann man sich mit Pfeil und Bogen, mit Wurfspeeren und mit Steinschleudern üben. Für die Kinder ist das ein großes Erlebnis, aber nicht nur für die Kinder. Es wird Wert auf Authentizität gelegt, und nicht auf ein billiges Spaktakel. Dies ist man dem Ruf einer Weltkulturerbestadt schuldig.

2.

Gegenüber der antiken Königsstadt liegt ein weiterer Berg, der immerhin bis auf 3200 Meter Höhe aufsteigt. Dort liegt eine große Siedlung der Indianer, die einmal erdbebensicher gebaut worden war, drei Schulen, mehrere Hochhäuser und eine große Kirche, oben auf dem Gipfel des Berges.

Die meisten Indianer hatten die Gebäude längst gekauft, in denen sie seit Jahrzehnten zunächst zur Miete wohnten, und dort gibt es auch ein großes indianisches Kulturzentrum, mit Versammlungsraum, Läden, einem Restaurant und mit Rückzugsräumen. Es gibt mehrere Sportplätze, es gibt eine eigene Indianerpolizei, die aber eher wie eine Gruppe aus Sozialarbeitern organisiert ist, und die als eine Art Anlaufzentrale für Informationen gilt, und hier in diesem Viertel befindet sich auch die Klinik von Clara und Raoul.

Die Bebauung der Indianersiedlung zieht sich um den halben Berg und geht an ihrem unteren Ende über in diverse Handwerksbetriebe und Industriegebäude, die sich links und rechts des Flusses unterhalb der Stadt ausbreiten. Hier liegen auch das Elektrizitätswerk, das Wasserwerk, die Kläranlage, ein großes Sägewerk und diverse Märkte (Baumarkt, Discounter und ein Möbelladen). Es gibt Glaser, Heizungsbauer, Maurer, Elektriker oder Gärtner, und es gibt insgesamt zwei große Brücken, welche hinüber ins Verwaltungszentrum der Stadt führen. Dort gibt es Banken, Versicherungen, Makler und verschiedene Dienstleister, ein städtisches Krankenhaus, sowie das Rathaus und mehrere Praxen und Kanzleien, eine Großwäscherei, einen Busbahnhof, die Post, und mehrere Hotels.

Auf dem dritten (der Ausgrabung gegenüberliegenden) Berg liegt der große Hotelkomplex von Solveigs Familie mit Event-und Sporthalle, bevor die Bebauung in hunderte von Villen übergeht, wo die besserverdienenden Weißen wohnen. Oben, am Ende des recht steilen Berges liegt noch ein Golfhotel und ein Reitstall. Dort oben in dem Villenviertel findet man auch die Kirche der weißen Mittel-und Oberschicht.

Der Berg geht oben in eine Art Hochland über, das wellig ist und aus dem sich einzelne Bergkuppen bis über 4000 Meter erheben. Dort liegt der Golfplatz. Es gibt einen Gelände-Reitparcours und Anlagen zum Spring-und Dressurreiten. Es gibt hier oben auch riesige Flächen von Solarmodulen, die den nötigen Strombedarf der Stadt ergänzen, und dort oben auf der Hochebene liegt auch der kleine Flugplatz der Stadt. Die Straßen sind steil und man kommt dort nur mit geeigneten Fahrzeugen hinauf. Im Winter geht hier ohne einen Geländewagen gar nichts.

Oberhalb des höchsten Berges, auf dem die antike Stadt einmal gebaut worden war, senkt sich die Landschaft etwas ab und geht auch dort in eine Art Hochland über. Auf dieser Hochfläche liegt etwa 120 Km weiter aber auch jener Vulkan, der sich noch einmal 1.000 Meter über die Hochebene erhebt, und der einmal diese Königsstadt unter den Auswürfen von Vulkangestein und Asche begraben hatte.

Dort oben gibt es eine Pferdezucht und noch ein Hotel, das von interessierten Besuchern aus Basislager für Bergtouren im Hochland genutzt wird. Dort ist Naturschutzgebiet. Es gibt Ranger, die über das Gebiet wachen. Es gibt Führungen. Jenseits der großzügigen Koppeln für Pferde aus der Zucht von Solveigs Onkel Nakoma findet man seltene Tiere, wie Bären, Riesengürteltiere oder den Berglöwen, wilde Hunde, Condore und wilde Lamas. Diese Hochebene erstreckt sich bis zu den Bergketten, die man übersteigen muss, wenn man zum Titicacasee oder nach La Paz hinüber wandern will. Es gibt da einige Pässe, wo das möglich ist, und viel weiter im Westen gibt es auch Straßen, welche die Regionalhauptstadt Cusco mit dem berühmten Titicacasee verbinden, also jener riesige Hochsee, dessen Ränder schon bei den Inkas dicht besiedelt waren.

Nakoma, der ein Onkel von Solveig ist, der ist der Besitzer dieses Gestüts 20 Km südwestlich von Ciudad del Sol, und er hatte von der Regierung die Aufgabe erhalten, über dieses Naturschutzgebiet zu wachen. Er hatte dieses Gebiet einmal gekauft, mit der Auflage, hier für Ordnung und Einhaltung von Naturschutz und für den Erhalt der Arten zu sorgen. Der riesige Privatbesitz von über 25 tausend Quadratkilometern läuft bis hinüber nach Cusco und umfasst auch mehrere Seitentäler. Es gibt hier oben mehr als zwei Dutzend Ranger und es gibt Fremdenführer, welche die Besucher auf Pferden oder zu Fuß durch dieses Hochland führen. Bis auf einen kleinen Teil, der für die Zucht von Pferden genutzt wird, und wo die Farm und das hauseigene Hotel stehen, ist das komplette Gelände unbebautes Naturschutzgebiet. Allerdings gibt es hier oben einige Schutzhütten, die Solveigs Familie einmal angelegt hatte.

Solveigs Familie ist hier so etwas, was man anderswo die Familie des Patrons nennt. Obwohl es andere Reiche Familien in der Stadt gibt, ist Solveigs Familie der Schutzpatron der Stadt, ohne deren Wissen und Genehmigung nichts möglich ist. Anders als bei anderen Patrons achtet die Familie von Solveig allerdings auf ein großes Gleichgewicht unter den Kräften, unter ihrer Führung. Anders wäre das nicht denkbar gewesen, denn schließlich wohnen hier auch bedeutende Politiker und Wirtschaftsgrößen, zumindest mit Zweitwohnsitz, die sich einmal in Ciudad del Sol eingekauft hatten, bevor dieser ganze Hipe rund um die alte Königsstadt entstanden war. So ist denn auch das “Weiße Ciudad del Sol” ein Stadtteil der Reichen, mit einer eigenen Schule, nur für die Kinder der weißen Oberschicht. Nun ja. Inzwischen ist dieses Credo aufgeweicht, durch den Einfluss von Leon und seiner Tochter Chénoa, die bei der Geburt von Solveig die geschäftsführende Direktorin aller süd-und mittelamerikanischen Aktivitäten der Company ist, die der Stiftung gehören, und deren Sitz in Berlin liegt. Das ist weit weg, aber bei multinationalen Firmen ist das so.

Der Nordwesten Perus liegt ja in einer gemäßigten Klimazone, fern des Äquators. Es gibt es hier oben Berge, die auf über 6000 Meter aufsteigen. Früher lag auf den Gipfeln dieser Berge einmal ewiger Schnee, aber die globale Klimaerwärmung hatte diese Gletscher zum Schmelzen gebracht. In der Zeit, als Solveig geboren worden war, gab es dort nur noch vereinzelte Gletscher, welche die Berge auf der sonnenabgewandten Seite weiß leuchten ließen. Später fielen diese Gletscher dem Klimawandel ganz zum Opfer. Im Winter kann es hier oben dennoch sehr kalt werden. Manchmal 20 Grad Minus, und dann fallen immer noch Unmengen an Schnee, so dass die Besucher im Winter richtige Expeditionen mit Winterbiwaks und Schiern unternehmen können. Motorschlitten sind hier oben im Naturschutzgebiet untersagt, und auch die Jagd mit Schusswaffen ist hier verboten, aber die Ranger führen die Besucher immer wieder zu Fotoexkursionen, und solche Bilder von Bären, Riesengürteltieren, Pumas, Adlern, Geiern oder wilden Lamaherden sind äußerst beliebt. Von Frühjahr bis Herbst werden für diese Exkursionen hochgebirgstaugliche Pferde eingesetzt, die Nakoma da oben züchtet. Es gibt da eine robuste Hochland-Rasse aus kleinen ponyhaften Pferden mit dichtem Fell, die klettern können wie die Bergziegen, und es gibt eine äußerst edle Züchtung aus Mustangs und Arabern. Die Pferdezucht von Solveigs Onkel Nakoma hatte schon Weltruhm, als Solveig noch nicht geboren war.

Solveigs Onkel Nakoma und seine Frau Mercedes, die Tierärztin ist, die züchten auf ihrer Ranch aber auch Hütehunde. Eine wilde Kreuzung aus mehreren Rassen, wie z.B. anatolische Hirtenhunde, irischen Wolfshunden, bulgarischen Karakatschans, australischen Shephards, Border Collies, belgischen Schäferhunden und Bobtails.

Das sind richtige Arbeitshunde, und auf den Exkursionen im Hochland sind sie den Rangern ständige Begleiter, auch als Schutz vor Bären und dem Puma, der hier auch Berglöwe genannt wird.

3.

Ein Großteil der Einwohner arbeitet direkt oder indirekt für die Ausgrabung und für den Fremdenverkehr. Es gibt geschickte Handwerker, die indianische Kleidung herstellen und verkaufen. Es gibt Weber und Gerber. Es gibt Küchenhilfen und Bedienungen. Es gibt Fremdenführer und Seminarleiter. Es gibt auch eine große Wachmannschaft und es gibt die vielen indianischen Helfer der Archäologen, die da immer noch in dem noch unerforschten Gebiet der alten Königsstadt Meter für Meter freilegen. Natürlich gibt es auch die vielen Hotelangestellten, und auch die Wäschereien, die Banken und Versicherungen, Busunternehmen, Taxis und Makler leben vom Tourismus.

Die gesamte Stadt ist durch diese Ausgrabung geprägt. Mehr noch: eine ganze Region, denn die Wirtschaft der Stadt schafft auch in anderen Regionen Arbeitsplätze, ob im produzierenden Gewerbe, in der Dienstleistung, im Handel, in der bäuerlichen Produktion oder im Tourismus. Auch die Banken profitieren von diesem ewigen Kreislauf des Geldes.

Solveig ist also genau genommen „ein Kind dieser Ausgrabung“, denn diese bestimmt das gesamte Leben in der Stadt.

Solveig wohnt unmittelbar neben der Klinik ihrer Eltern in einem dreistöckigen kleinen Haus, das wie alle Häuser der Indios einmal erdbebenfest gebaut worden war und einen kleinen Garten hat. Sie ist zu dreivierteln indianischer Herkunft und zu einem Viertel weiß, aber sie hat in ihrer Kindheit gelernt, sich als eine Indio zu fühlen. Sie trug in ihren Kinderjahren indianische Kleidung und sie spricht die Sprachen der Aymara (Bolivien) und der Quechua (Peru), die sich in einigen Dingen unterscheiden.

Als sie noch sehr klein war, wurde sie von Mama stets in diesem Tuch herumgetragen, mit dem indianische Mütter ihre Babys am Körper tragen. Sie nahm dann unmittelbar an den Behandlungen teil, die ihre Mutter da mit ihren Patienten hatte. Sie wuchs in diese Klinik hinein. Es gab zwar ein Hausmädchen und ein Kindermädchen, aber auch ihre größeren Geschwister waren oft bei der Mutter in der Klinik. Bei den Indianern ist die Familie Teil des Lebens und des Arbeitens, und so bestand von Anfang an ein sehr enger und natürlicher Kontakt zu den Geschwistern, zu der Arbeit der Eltern und auch zu all den Patienten dieser Klinik.

Gewiss, es gab Arbeiten, da wurde Solveig nicht mit hingenommen, etwa zu Untraschalluntersuchungen oder zu Rönt-genaufnahmen, und auch nicht zu Operationen, wo es um klinische Sterilität geht, aber es gibt etwas Besonderes, und das kam von Solveigs Mutter Clara.

Clara hatte ihre geheimen Kräfte von Großvater Leon geerbt. Sie ist eine Heilerin, die in die Körper und die Gehirne fremder Menschen kriechen kann, um sich dort umzuschauen, und um dort heilende Prozesse zu stimulieren, und zu solchen Ausflügen nahm Clara ihre Kinder schon rechtzeitig mit. Die Kinder wuchsen praktisch in diese Kraft hinein, die man als Außenstehender meist als „heilende Hände“ bezeichnet.

Sie wurden aber auch Zeuge, wenn Mama allerlei Mixturen anwendete, die aus dem Urwald des Amazonas stammen. Manchmal springt Clara dorthin, um solche Heilmittel zu suchen, und sie nimmt dann meist auch ihre Kinder mit. Manchmal werden solche Heilmittel auch von Onkel Nakoma zur Verfügung gestellt, der dort oben auf dem Hochland sein Gestüt hat, und der auch als ein Heilkundiger gilt (auch wenn er diese Fähigkeit nur an Tieren ausübt). Er und seine Frau Mercedes besitzen dort oben neben ihrem Gestüt auch eine Tierpraxis, und die Kinder von Nakoma und Sofia (die schon groß waren, als Solveig geboren wurde), die assistieren ihren Eltern.

So wurden die vier Kinder von Clara bereits frühzeitig in all diesen Heilmitteln unterrichtet. Es gibt da Blüten, Pulver, Baumrinden, Wurzeln, Beeren, Tees, oder Extrakte von Tieren. Es gibt da zum Beispiel eine Kröte, die mehr als 20 cm groß werden kann. Sie erzeugt ein Sekret, das wie ein schaumiger eitriger Schleim aussieht, und das man auf stark entzündete offene Wunden streicht. Die Entzündungen gehen innerhalb weniger Stunden zurück und es bildet sich ein dicker Schorf. Die Wunde eitert nicht und das Fieber geht schnell zurück. Es ist ein Mittel, viel wirksamer als eine Tetanusspritze.

4.

Als Solveig noch klein war, lernte sie all diese Dinge von ihrer Mutter, von Onkel Nakoma, und auch von ihren größeren Geschwistern. Sie nahm dieses Wissen in sich auf, wie die Muttermilch in ihrer Babyphase.

Solveigs Mutter Clara kann bei vielen Leiden helfen, wo es sonst keine Hilfe gibt, und das hatte sich schon lange vor der Geburt Solveigs bis in die Nachbarländer herumgesprochen.

Was Solveig damals noch nicht wusste, das war, dass ihre Mutter den Indios in dieser Stadt und in weiter Umgebung als Gottesgeschenk gilt. Clara und Raoul waren Indios wie sie, und sie sorgen für ihre Quechua und Aymara Indianer. Es gibt sogar eine Krankenkasse, die den Indios in Peru eine kostenlose Behandlung ermöglicht. Solveigs Großvater Leon hatte das einmal eingeführt.

5.

Solveig ist das jüngste und letzte Kind von Clara und Raoul, und als Nesthäkchen genießt Solveig einerseits eine besondere Fürsorge, andererseits ist sie von Aufgaben freigestellt, die ihre größeren Geschwister haben. Die kleine Solveig schwebt in ihren jungen Jahren sozusagen in einem freien und sorgenfreien Raum.

Nun, zumindest, was den Schutz der Familie betrifft. Natürlich ist Solveig ein Kind ihrer Zeit, und sie ist – natürlich – all den klimatischen Veränderungen ausgesetzt, wie alle anderen Kinder ihrer Zeit. Allerdings ist Solveig 2040 geboren. Das ist eine Zeit, in der das Maunder Minimum dem Planeten Erde noch einen gewissen Schutz gewährt. Solveig ist also ein Kind der relativ gemäßigten Übergangszeit in die tropisch-klimatischen Zonen, die sich dann später entwickeln sollten.

Weil es in ihrer Familie üblich ist, die gesamte indianische Siedlung als ihre „Familie“ zu betrachten, wird Solveig schon früh zu Hausbesuchen mitgenommen, und sie lernt schon frühzeitig andere Familien und Kinder kennen. Spätestens seit sie in den Kindergarten geht, der nur zwei Straßen weiter liegt, beginnt Solveig regelrecht aufzublühen.

Nicht nur das Zentrum der Quechua und der Aymara ist ihr Zuhause, auch die vielen Häuser der Indios der Umgebung werden zu Solveigs zweitem Zuhause.

Solveig geht mit anderen Kindern. Sie spielt mit ihnen, sie wendet an, was sie von Mama bereits gelernt hat. Sie kann in fremde Körper hineinkriechen, und sie kann Stimmungen aufspüren und mit leichter Hand steuern. Es dauert nicht lange, da wird Solveig als kleiner Engel angesehen, der gute Stimmung verbreitet, Konflikte in sich zusammenfallen lässt, der Krankheiten aufspürt und der (anfangs noch mit Hilfe ihrer Mutter oder Geschwister) Heilungsprozesse stimulieren kann.

Solveig hat keine Scham, mit den anderen Familien zusammen Kartoffeln zu schneiden, Bohnen zu schnippeln, das Schiffchen beim Weben zu führen, oder bei diesen Gastfamilien zu schlafen, oft mit zwei anderen Kindern in einem Bett. Sie singt viel, sie ist fröhlich und unbeschwert. Mama kann sich über ihre Energieströme jederzeit drahtlos mit Solveig in Verbindung setzen und weiß so immer, wo Solveig gerade ist, wenn sie einmal nicht nach Hause kommt.

Manchmal schickt sie einen der Geschwister oder das Kindermädchen, um Solveig nach Hause zu holen, manchmal wird Solveig von einem Mitglied der Gastfamilie nach Hause gebracht, manchmal meldet sich Solveig einfach zu Hause ab und verbringt mal zwei Nächte in der einen, dann in der anderen Familie.

Clara weiß stets, wo sich Solveig gerade aufhält, und sie lässt Solveig diese Freiheit der Entscheidung zunehmend öfter. Auch Clara hatte als kleines Kind diese Freiheit einer langen Leine genossen. Es ist das Markenzeichen ihrer Familie.

6.

Solveig hat eine etwas ältere Cousine, mit dem Namen Clarissa (die Tochter ihrer Tante Chénoa), und die ist genauso neugierig und unternehmungslustig wie Solveig. Die beiden sind richtig dick befreundet, und sie machen sich oft einen Spaß daraus, die ererbten Kräfte gemeinsam anzuwenden. Das ist lustig und sie spüren dann stets, wie sich ihre Kraft durch die gemeinsame Anstrengung und Konzentration potenziert. Dieser Quantensprung an Kraftzugewinn ist ein tiefes Erlebnis.

Clarissa ist Tante Chénoas ältestes eigenes Kind, und weil Tante Chénoa innerhalb von Solveigs Familienclan eine führende Rolle hat, erzieht Chénoa auch ihre Tochter Clarissa in dieser Rolle.

Es gibt also einen großen Unterschied zwischen der Aufgabe von Clarissa als Tochter der “Chefin” des süd-und mittelamerikanischen Familienclans und der freien Ungebundenheit von Solveig als Nesthäckchen.

Tante Chénoa hatte den Bürgermeister der kleinen Stadt geheiratet, und der hatte schon fünf Kinder von seiner verstorbenen Frau. Weil aber Clarissa von diesen sechs Kindern die einzige ist, die über die Kraft von Solveigs Familie verfügt, hat sie innerhalb dieser Familie eine besondere Aufgabe, auch wenn sie die Zweitjüngste der Geschwister ist. Clarissa hat schon früh gelernt, Verantwortung zu tragen und Fürsorge zu zeigen. Das ist keine Last. Chénoa übt das mit Clarissa spielerisch ein, aber natürlich ist sie da, diese besondere Pflicht, die normalerweise eine größere Schwester hat, die ihre Mutter in der Erziehung entlasten muss. So ist das zumindest bei den Indianern Südamerikas.

Die Beziehung zwischen Solveig und Clarissa ist vielleicht deshalb auch so gut, weil sie sich gegenseitig inspirieren. Die verantwortungsbewusste Clarissa und die ungebundene Solveig. Sie machen daraus ein Spiel, und Solveig kann vieles völlig ungebunden in eigener Verantwortung weiterführen, während Clarissa schon wieder in irgendwelche Aufgaben der Familie eingebunden wird.

Für Solveig ist dieses Erleben der Freiheit der vielleicht entscheidende Impuls in ihrer Kindheit.

Tante Chénoa bekommt noch andere eigene Kinder, die für Solveig alle wichtig werden, aber die Freundschaft zu Clarissa, die ist für Solveig schon etwas Fundamentales und Besonderes.

7.

Als Solveig größer wird, wird auch ihr Radius größer.

Sie wird eingeschult, und sie wächst immer mehr in dieses Wissen hinein, Teil dieser gigantischen Ausgrabung zu sein. Dabei kommt ihr zugute, dass ihre Großmutter Mila die Leiterin dieser Ausgrabung ist. Es kommt ihr zugute, dass ihre Tante Apanache und ihr Onkel „Bübchen“ das große Hotel leiten, das auch diese Kulturhalle betreibt, in der über das Jahr verteilt hunderte von guten Gruppen auftreten, mal im Bereich klassischer Musik, mal im Bereich Tanz, Gospel, Rockmusik, Pantomime oder Zauberei. Solveig hat freien Zutritt zu solchen Aufführungen, die sie oft mit ihrer Freundin Clarissa besucht, und sie kann auch jederzeit in diesem Hotel sein, mal als Zuhörerin, mal aus Aushilfe in der Küche, oder bei den Zimmermädchen. Sie hat längst gelernt, gut zuzuhören, und in die Köpfe ihrer Mitmenschen zu kriechen, um Stimmungen zu erkennen, und um offene und ehrliche Gespräche zu stimulieren.

Sie besucht auch ihren Onkel Nakoma und seine Kinder immer öfter, dort oben auf der Hochebene. Ihr Radius wird einfach größer. Manchmal sitzt sie mit Clarissa im Zentrum ihres Viertels. Es gibt da Kindstaufen, Hochzeiten und Geburtstagsfeiern, wo sie gern gesehen sind. Sie singen und tanzen. Manchmal gehen sie hinüber in die ehemalige Königsstadt, wo immer interessante Events, Vorträge und Führungen veranstaltet werden.

Tante Chénoa, die hat ja eine besondere Rolle innerhalb ihres indianischen Viertels. Sie hat die alten indianischen Riten wiederbelebt. Sie wird oft befragt, bevor sich zwei Menschen das Ehegelübde geben, und sie gilt den Indios als ihre Hohepriesterin.

Peru ist ja ein katholisches Land, und Solveig war einmal katholisch getauft worden. In der Stadt finden übers Jahr verteilt mehrere Prozessionen statt. Weil das aber früher stets ein großer trauriger und jammernder Zug war, war das Interesse der Indios an diesen Prozessionen irgendwann nahezu erloschen, in dem Maße, wo sie ihr Selbstbewusstsein und ihre Lebensfreude wiedergewannen, die durch ihre Stellung als Teil der Ausgrabung und als Teil einer über 8.000 Jahre alten Kultur begründet war. Wie anders als bei den kirchlichen Prozessionen, ist das bei den rein indianischen Festen. Dort wird gelacht, getanzt und Musik gemacht. Das sind lebensfrohe Feste für alle. Selbst die Beerdigungen sind zwar zu Beginn still und in sich gekehrt, weil man mit Würde Abschied nimmt, aber sie werden dann laut und fröhlich. Chénoa hatte stets gesagt, „Während dieser Mensch zu Erde wird, wächst aus dieser fruchtbaren Erde ein neues Leben. Das ist ein Grund zur Freude. Es ist ein ewiger Kreislauf, der uns am Leben erhält. Wir vergessen diesen Menschen nicht. Wir halten die Erinnerung an ihn wach, den er gestattet dieses neue Leben. Lernen wir aus seiner Erfahrung.“

Bei den Indianern gibt es seit Jahren einen neuen alten Kult um die Wiedergeburt, und deshalb ist der Tod eines Menschen Teil eines Kreislaufs, von dem die christlich begründete Trauer sich völlig unterscheidet. Unter der Führung von Solveigs Tante Chénoa hatte sich die indianische Gemeinde in einem langen, zähen und unblutigen Kampf aus der früheren Abhängigkeit und Knechtschaft befreit und ihre eigene Kultur wiedergefunden. Nicht nur im Tal von Ciudad del Sol, sondern in ganz Peru und Bolivien. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass die kleine Stadt Ciudad del Sol die geistige Hauptstadt der indianischen Bevölkerung dieser beiden südamerikanischen Länder geworden war, auch wenn die politischen Zentren dieser beiden Staaten in den Millionenstädten Lima und La Paz liegen. Die Hauptstadt der Region, zu der Ciudad del Sol gehörte, die liegt wiederum in der Luftlinie etwa 200 Km von Ciudad del Sol entfernt. Die 350.000 Einwohnerstadt Cusco hat ihre eigene Bedeutung als Verwaltungszentrum und als Weltkulturerbe des früheren Inkareiches.

Nun. Die kleine Stadt Ciudad del Sol hat ihre Bedeutung durch die Entdeckung dieser gewaltigen Königsstadt der Peruche-Krieger erlangt, und durch den Clan von Solveigs Familie war sie zum geistigen Zentrum der südamerikanischen Indianer geworden. Solveig ist - als Teil dieses Familienclans - dazu bestimmt, spätere Führungsrollen zu übernehmen. Solveig wird durch ihre Eltern wie ein Freigeist erzogen, aber sie nimmt alle diese unterschiedlichen Ereignisse mit wachen Augen auf. Es gibt indianische Familien, wo gebetet und gefastet wird, aber durch den Einfluss von Tante Chénoa hatte sich das bereits mit den alten indianischen Riten gemischt, die einmal ganz von dem Sonnenkult geprägt worden waren, der damals das Leben in der heiligen Stadt der Könige bestimmt hatte.

Solveig nimmt an solchen Gebeten manchmal teil, aber sie ist davon nicht sehr beeindruckt. Die Hoffnung, die sich im christlichen Glauben manifestiert, die kann einem Menschen Kraft geben, aber ist auf nichts anderes gebaut als eben nur Hoffnung. Die Kräfte, die Solveig von Mama lernt, die sind hingegen konkret und wirkungsvoll, und auch die Indios ihres Viertels hatten längst verinnerlicht, dass die Kräfte dieses Familienclans eine reale Kraft sind, mit der man rechnen kann, und auf die man sich verlassen kann. Nicht umsonst ist Solveigs Tante Chénoa den Indianern wie eine Hohepriesterin erschienen. Sie gilt den Indianern als ihr geistiges Oberhaupt, deren Führung man sich bereitwillig unterwirft, weil sie Kraft und Freiheit vermittelt. Ganz anders als bei den herkömmlichen Patriarchen der christlichen Glaubensrichtung, die stets auf Unfreiheit und Knechtschaft abzielte, bis hin zur Versklavung und zur Zwangssterilisation. So etwas gab es in Peru und Bolivien schon nicht mehr, als Solveig geboren wurde. Solveigs Großvater Leon und ihre Tante Chénoa hatten dieses Verbot politisch durchgesetzt, und seit durch den Einfluss von Tante Chénoa ein Indianer auf dem Posten des Ministerpräsidenten sitzt, waren die Rechte der indianischen Mehrheit in Peru nicht mehr von denen der weißen Bevölkerung zu unterscheiden, zumindest nicht auf dem Papier.

Die indianische Bevölkerung zelebriert ihren neuen alten Glauben inzwischen. Es gibt im Zentrum der Indianer sogar einen kleinen Raum, der ausschließlich für den Sonnenkult gedacht ist, und von dem nicht einmal der katholische Priester etwas weiß. Die Indianer hatten diesen Raum einmal heimlich eingerichtet, um zu Chénoa zu beten und ihr zu danken, und selbst Chénoa hatte anfangs nichts davon gewusst.

Tante Chénoa hatte nun einmal alte Riten wieder belebt, die heute etwa bei indianischen Hochzeiten oder Beerdigungen wieder durchgeführt werden. Sie war es, die den Indios ihre kollektive Identität wiedergegeben hatte. Sie war es, die den Indianern in diesem Land wieder zu Rechten verholfen hatte. Sie war es, die erreicht hatte, dass die Indios in diesem Land endlich freien Zugang zu Bildung, Universitäten und zu allen Berufen haben. Es gibt inzwischen indianische Ingenieure, Ärzte, Wissenschaftler, Kaufleute, Piloten oder Provinzgouverneure, die hoch angesehen sind, aber dieser Prozess war noch nicht abgeschlossen, als Solveig noch klein war. Es war Tante Chénoa, die in diesem heimlichen Raum heimlich verehrt wurde, wie eine Göttin. Die Indianer wissen das. Die Weißen nicht. Chénoa gilt den Indianern Süd-und Mittelamerikas als ihre heimliche Königin, die sie beschützt und bewacht, aber darüber sprechen sie mit den Weißen nicht.

Die alten Gebräuche sind Teil eines kollektiven geheimen indianischen Wissens, das von indianischen Schamanen über Jahrhunderte bewahrt worden war, längst bevor Solveigs Großvater Leon die politische Bühne erstmals betreten hatte. In der Familie von Solveigs Großmutter Mila, da gab es dieses Denken, denn Großmutter Mila stammt aus einer Sippe, die im Nachbarstaat Bolivien 200 Jahre lang an Aufständen gegen die weiße Oberschicht teilgenommen hatte. Heute gehört dieser Zweig der Familie in Bolivien zu den führenden Familien. Mit anderen Worten, Solveig entstammt einer wirklich alten Familie, in der stets Wert auf Familientradition gelegt wurde, und die Kenntnisse historischen Wissens als erhaltenswert, und an oberster Stelle standen.

Es gibt bei den Indianern eine katholische (kirchliche) Trauung und oft auch eine zweite rein indianische, die von Solveigs Tante Chénoa nach alten Riten durchgeführt wird. Das ist der Kirche inzwischen bekannt. Chénoa unterstützt aber auch die Kirche großzügig, und so war ein seltsames Agreement zwischen dem katholischen Priester und Chénoa entstanden, das für den Priester und die indianische Gemeinde konfliktfrei ist. Solveig erlebt das in ihrer Kindheit zunächst nur unbewusst. Immerhin bekommt sie schon früh mit, dass es innerhalb ihrer indianischen Gemeinde Geheimnisse gibt, die auch gegenüber dem katholischen Priester stets gewahrt werden.

Für die kleine Solveig sind solche Stimmungen von Belang, weil sie diese feinen Schwingungen wahrnimmt, aber sie spürt keine Bedrohung. Die katholischen und die indianischen Riten hatten bereits angefangen sich zu vermischen. Ihre Familie hatte in der Stadt und in diesem Land längst eine Stellung, die unantastbar scheint. Für Solveig gibt es andere Dinge, die wichtiger sind, als eine mögliche Auseinandersetzung zwischen katholischer Glaubenslehre und den alten Schamanen der Indianischen Bevölkerung.

Onkel Nakoma nimmt Solveig mit in den Urwald, wo Solveig lernt, all diese Heilpflanzen selbst aufzuspüren. Sie hilft bei der Pferdezucht, und sie begleitet ihren Onkel von Zeit zu Zeit bei seinen Aufträgen in Übersee, die er als „Wunderheiler“ von bekannten Gestüten überall auf der Welt erhält. Onkel Nakoma ist ein weltweit gesuchter und gebuchter Therapeut, aber er ist besonders gerne in den arabischen Ländern unterwegs. Dort hat er seit Jahren einen festen Kundenstamm, und dort geht es wirklich um sehr wertvolle Rennkamele, Falken und Rennpferde. Er kennt alle dieser Scheichs und Emire persönlich, und dort lernt Solveig auch ganz andere Riten kennen. Es ist eine komplett andere Welt, als die Kultur in Südamerika. Es spielt dabei keine Rolle, dass in der arabischen Welt einen Kampf zwischen Schiiten und Sunniten stattfindet, denn Onkel Nakoma hat das Talent, von den einen und von den anderen akzeptiert zu werden. Manchmal vermittelt er, und er hat in den letzten Jahrzehnten schon so manch einen bewaffneten Konflikt zwischen den Kontrahenten verhindern können.

Inzwischen sind zwei der Kinder von Onkel Nakoma besser als ihr Vater, aber auch das ist in der Familie kein Thema. Sie assistieren Nakoma, aber sie nehmen auch eigene Aufträge an. Sie sprechen sich ab und sie machen sich gegenseitig keine Konkurrenz. Auch Solveig wird in der Heilkunst phänomenal gut. Schon im Alter von 14 Jahren übertrifft sie ihren Onkel in einigen seiner Fähigkeiten. Dies gelingt ihr unter anderem durch ihre besondere Beobachtungsgabe. Im Aufspüren und Heilen von Krankheiten ist Solveig ein Genie.

8.

Natürlich lernt Solveig auch alles andere in dieser kleinen Stadt kennen. Sie hat freien Zugang zum Rathaus, sie sitzt manchmal sonntags in der Kirche, sie kann jederzeit ins Sägewerk oder oben zum Golfplatz gehen, und Solveig hat als Mitglied ihrer Familie überall freien Zutritt. Sie ist einfach überall gern gesehen.

Unten, am unteren Rand der Stadt liegt auch diese Fabrik von Nahrungsmitteln, die der Familie gehört. Sie stellen dort Tiefkühlkost und Soßen in Flaschen her, rund um die Uhr. Es gibt dort Silos und es gibt einen großen LKW Ladeplatz. Die 40-Tonner können direkt an die Laderampe fahren, zum beladen oder zum entladen. Sie bringen stets frisches Gemüse und Fleisch und fahren wieder ab, voll bepackt mit Tiefkühlgerichten, Dosennahrung, oder mit Paletten voller Soßen.

Es gibt auch Ausgabestellen, wo man mit dem Kleintransporter hinfahren kann, um für die verschiedenen Küchen Lieferungen abzuholen, Verpacktes oder Frisches. Die Fabrik hat innerhalb der kleinen Stadt so etwas übernommen, wie ein Großmarkt und ein gewerblicher Discounter zu gleichen Teilen. Sie beliefert alle Hotels und Gaststätten der Stadt.

Jedenfalls kommen die LKW’s hier 24 Stunden am Tag an und fahren wieder ab. Es gibt allein 20 Laderampen und die Ladezeiten sind kurz. Da gibt es ein Heer von Hubwagen, welche die Paletten rausheben. Dann werden die LKW mit Schläuchen unter Hochdruck ausgespritzt und gesäubert, mit einem Gebläse getrocknet und sofort wieder beladen, während die Kühlung auf vollen Touren läuft, bis die notwendige Transporttemperatur erreicht wird, die für Tiefgekühltes anders ist als für die Paletten mit den Soßen in Glasflaschen. Alles ist perfekt organisiert. Die Frischware kommt vielfach aus Chile, Rindleisch aus Argentinien, Huhn aus Chile, manchmal von ländlichen Kooperativen der größeren Umgebung, und die Fertiggerichte gehen überwiegend wieder zurück nach Bolivien, Argentinien und Chile.

Es gibt noch eine zweite und viel größere Fabrik in Cusco, die der Familie gehört, und die beliefert die Nordstaaten, wie Kolumbien, Venezuela, Äquador, Brasilen und Peru selbst.

Als Mitglied der Familie kann Solveig jederzeit in diese Fabriken gehen. Sie kann dort hospitieren, oder sich mit den Leuten vom Einkauf oder an den Garkesseln unterhalten. Solveig hat unbegrenzten Zugang zu verschiedenen anderen Unternehmen und Einrichtungen, wie etwa das Familienhotel, das Elektrizitätswerk oder das Klärwerk, was anderen zu Recht verwehrt wird, die nicht zu Solveigs Familie gehören.

So springt Solveig manchmal auch nach Cusco. Manchmal wird sie von Tante Chénoa mitgenommen nach La Paz, nach Santiago de Chile oder nach Mexiko City. Solche Reisen sind ein Leichtes für Solveig. Sie von der Familie diese einzigartige Fähigkeit ererbt, durch den Raum zu gehen, wenn der Zielort bekannt ist. Sie hat auch gelernt, jede Sprache der Welt innerhalb weniger Stunden oder Tage zu erlernen, wenn sie nur ihr „Gesumm“ anschaltet, diesen gewaltigen Energiestrom, der es ihr auch ermöglicht, die „internationale Sprache“ zu sprechen, die jeder auf der Welt verstehen kann, egal wo.

Sie hatte längst gelernt, sich in allen Tiersprachen zu verständigen, und sich sogar in Tiere zu verwandeln. Die Kräfte ihrer Familie erlauben ihr das. Sie muss diese Tiere allerdings schon kennen, um in ihre Seele zu kriechen, um ihren Geruch und ihren Charakter anzunehmen. Mit Lamas, Pferden, Hunden, Berglöwen oder Adlern geht das problemlos. Sie kann sich auch in die Tiere des Urwalds verwandeln. Ameisen, Blutegel, Spinnen, Affen oder Falter. In einen Elefant hätte sie sich nicht verwandeln können. Den kennt sie (noch) nicht, aber Elefanten sind ohne eine nahezu ausgestorbene Spezies. Sie werden wohl die nächsten 30 Jahre nicht überleben.

Solveig gehört also schon früh zu einer Elite von bevorzugten Menschen, aber sie ist sich dessen bewusst, dass diese Kräfte nur geliehen sind. Man kann sie jederzeit verlieren, wenn man gegen den Kodex der Familie verstößt, der von ihr verlangt, mit dieser Kraft sorgfältig umzugehen, und sie nie, wirklich nie zu missbrauchen, um eigene egoistische Vorteile zu bedienen. Auch das hat seit ihrer frühen Kindheit zu ihrer Ausbildung gehört. Im Zusammenspiel mit der etwas älteren Freundin Clarissa war dies oft das Thema ihrer Gespräche gewesen. Solveig hatte dies längst verinnerlicht, wie eine Art innere Uhr.

Weil sie eine besondere Gabe entwickelt hat, in andere Menschen hineinzuhorchen, wird sie jetzt auch von Tante Chénoa manchmal mitgenommen zu Konferenzen, egal ob in New York, London oder Peking. Oft ist auch Clarissa dabei, und das ist immer sehr lustig, weil sie darauf bestehen, etwas von diesen Städten zu sehen.

Solveig hat längst begriffen, dass ihre Familie da ein Netz an Firmen besitzt, die überall auf der Welt aktiv sind.

Naja. Eigentlich gehören diese Firmen nicht der leiblichen Familie von Solveig, sondern der Stiftung in Berlin, die aber wiederum zum großen Teil der leiblichen Familie von Solveig gehört. Es gibt noch andere Eigentümer, aber die gehören alle zu einer großen Familie aus Freunden.

Genau genommen ist das also alles „Familieneigentum“, doch auch die Indianer in Ciudad del Sol, die Mitarbeiter in den Fabriken oder die vielen Mitarbeiter in der Imbisskette, die der Familie gehört, die sind für Solveig ein Teil ihres Familienclans.

Es ist diese besondere Philosophie des Clans, eine Gemeinschaft zu bilden, in der jeder einzelne Rücksicht und Fürsorge für den anderen empfindet. Dies wird ganz konkret gelebt, ohne dabei an den eigenen Vorteil zu denken. Man ist Mitglied eines großen Clans aus Freunden, und es ist die Aufgabe, diesem Clan die eigenen übersinnlichen Kräfte auch zur Verfügung zu stellen.

Solveig hat das von Kindesbeinen an nicht anders erlebt. Es ist ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Oma Katharina (die in Berlin eine der Direktoren der Stiftung ist), die sagt stets dazu, „das ist unsere Aufgabe. Die Vision einer besseren Welt hält uns am Leben. Sie gibt uns Kraft und Ausdauer. Sie beflügelt uns, und sie sagt uns auch, dass wir uns stets erden müssen. Wir sind nur ein Teil dieser Familie und wir sind der Diener unserer Freunde.“

Oma Katharina (die zweite Frau von Opa Leon), die meint das ganz konkret, was sie da sagt, und sie forderte diese Hilfe auch ein.

Als Opa Leon sich dann in Vera neu verliebte, änderte da nichts daran, dass die freundschaftliche Beziehung zu Katharina in Berlin und zu Oma Mila in Peru erhalten blieb.

9.

Solveig hat längst gelernt, dass ihre Familie auf mehreren Kontinenten und in mehreren Ländern lebt. Es gibt da andere Kinder, und es gibt da Onkels und Tanten, die sich manchmal oben bei Onkel Nakoma treffen, um sich auszutauschen, um die gemeinsamen Kräfte zu üben und zu verbessern, oder auch nur, um sich gemeinsam der Pferdezucht zu widmen oder einmal zusammen auszureiten. Inzwischen ist auch ansatzweise so etwas entstanden, wie eine Art gemeinsamer Schule. Die Kinder der Familie treffen sich mal bei Onkel Nakoma, mal bei Onkel Fred in Mexiko oder bei Oma Katharina in Berlin.

Weil Solveig diese besondere Gabe entwickelt hatte, zuzuhören, in andere Köpfe hineinzukriechen und Verbindung zu anderen aufzunehmen, nur über ihre Ströme von Energie, hat Tante Chénoa sie gebeten, innerhalb der Schar der Kinder eine besondere Rolle zu spielen Es muss einfach gesichert werden, dass die weitverzweigte Familie nicht auseinandertriftet und stets an einem Strang zieht. Es geht um diese gemeinsame Vision und die damit verknüpfte Demut. Man muss sich als Familienmitglied einfach darüber im klaren sein, dass diese Kraft zerstörerisch sein kann. Man darf sie nicht missbrauchen, sonst läuft die Familie Gefahr, diese Kraft zu verlieren.

Anfangs übernimmt Solveig diese Aufgabe nur spielerisch, wie sich einzuüben. Sie knüpft Kontakte und sie hört zu. Sie gibt Anregungen und sie delegiert viele Aufgaben.

Solveig tastet sich an diese Aufgabe langsam heran, ohne Druck und ohne Eile. Selbst das ist bereits eine ihrer hervorstechenden Eigenschaften. Tante Chénoa sagt dazu „die Methode Solveig“, was sie damit meint, das ist, dass Solveig das praktiziert, was im ökologischen Anbau als „sanfte Methode“ gilt. Das Gleiche gibt es im Bereich Tourismus und industrielle Produktion. Sanft eben, unaufdringlich, und nachhaltig.

10.

Solveig hatte in ihrer Kindheit und Jugend wirklich Glück. Ihre Position als Nesthäckchen hatten eine besondere Gabe hervorgebracht.

Solveig hatte sich schon früh einen Namen als geniale Tierflüsterin gemacht und sie hätte ohne weiteres ihren Onkel Nakoma beerben können, aber er gab das Unternehmen an seine Söhne Raoul und Pedro weiter, die ebenso genial im Umgang mit Tieren sind wie der Vater.

Solveig will zu ihren Cousins keine Konkurrenz sein. Chénoa hat ihr bereits eine verantwortungsvolle Aufgabe übergeben, aber Solveig will auch eine abgeschlossene Ausbildung, die ihr Spaß macht. Sie war quasi in der Klinik ihrer Mutter aufgewachsen. Das war ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Solveig ist bereits geprägt. Sie beschließt, nach dem Abitur Humanmedizin und Tiermedizin zu studieren, Onkel Nakoma und seinen Kindern aber niemals Konkurrenz zu machen.

Weil Solveig aber schon mit 18 Jahren einen legendären Ruf unter Züchtern genießt, wird sie ihr Tätigkeitsfeld auf Gebiete verlegen, die von ihren Vettern nicht beansprucht werden.

Tante Chénoa hat ihr inzwischen geraten, sich um Russland und die angrenzenden Regionen zu kümmern. Dort gibt es sehr reiche Familien mit einem sehr wertvollem Pferdebestand. Viele dieser Familien sind in unsaubere Geschäfte verwickelt.

Überall gibt es solche Familien, die von geheimen Geschäften leben, die man allgemein als mafiös bezeichnet. Manche dieser Familien agieren völlig im Untergrund, andere haben ganze Regierungen okkupiert.

Chénoa sagte zu Solveig: „Die Mafia kannst du nur von innen heraus bekämpfen. Du musst ihre Strukturen und ihre Denkweise kennen, um sie beherrschen zu können. Denke immer daran, dass dies ein eigenes gesellschaftliches System ist, das im Verborgenen blüht. Was du nicht siehst, das kannst du nicht begreifen und auch nicht bekämpfen. Unsere Aufgabe ist es, dieses System sichtbar zu machen, so dass unsere Familie davon nicht bedroht werden kann.“

Solveig beherzigt diesen Rat. Sie nimmt Kontakt auf. Sie hört sich um. In den Ferien reist sie mit Chénoa in andere Länder. Sie beobachtet und sie sieht vieles, was ihr nicht gefällt. Sie beobachtet nicht nur, sondern sie beginnt diese Menschen „einzusummen“ und die Kinder dieser Familien auf ihre Seite zu ziehen.

Solveig greift dabei nie zu rigorosen Maßnahmen, sie ist in ihren Behandlungen sanft und nachhaltig. Sie pflegt die Tiere solcher Leute, die ihre Familie eigentlich von jeher bekämpft hatte. Sie greift nie in laufende Geschäfte dieser Familien ein, auch wenn sie vieles nicht gut findet. Sie sieht, sie hört zu, sie beobachtet und sie registriert. Sie wird nie ein Teil von Operationen dieser Gruppen oder Gangs, die sie aufsucht, um ihre wertvollen Pferde, Greifvögel, Keus oder Hunde zu behandeln, und wie durch ein Wunder kann sie es verhindern, von diesen Menschen vereinnahmt, oder gar bedroht zu werden, obwohl sie oft für konkurrierende Gangs arbeitet. Dabei gilt sie als verschwiegen und als zuverlässig. Wenn man nach Solveig schickt, dann ist sie da. Wenn man sie versucht, unter Druck zu setzen, setzt sie sich darüber hinweg. Wie sie das macht, das ist ihr Geheimnis. Nun ja. Chénoa kennt dieses Geheimnis. Es ist eben die „Methode Solveig“.

Solveig verdient längst eigenes Geld, bevor sie überhaupt damit beginnt Medizin zu studieren. Sie wird von einigen dieser Familien wegen ihrer heilenden Hände bereits gefeiert wie eine Shamanin.

Mit 18 beginnt Solveig ihr Studium in Lima und wechselte nach dem Vordiplom nach Deutschland. Dort gibt es eine kleine aber hochangesehene Fakultät für Medizin und Tiermedizin in Marburg. Solveig machte ihr Examen mit Bestnote. Der Professor bietet ihr an, in Marburg zu promovieren, aber Solveig lehnt dankend ab. Solche Ehren bedeuten ihr nichts. Sie geht zurück, um zunächst in der Klinik ihrer Mutter zu helfen. Sie klinkt sich in das heimische Leben wieder ein, und widmet sich parallel dazu weiter ihren Aufgaben als Tierheilerin.

Während der Semesterferien führt sie diese Arbeiten stets weiter, und sie führt auch die von Chénoa aufgetragene Aufgabe der Leitung der Kids durch. Leise, mit zarter Hand, nachhaltig und ohne jeden Stress.

Sie kann das wirklich gut. Solveig ist auf diesem Gebiet beeindruckend effektiv, und Chénoa bewundert diese Fähigkeit. Solveig ist Chénoa in vielen Dingen ebenbürtig.

11.

Solveig bekommt in diesen Jahren mit, wie die Familie in einem Cyberkrieg angegriffen wird. Sie begleitet die Maßnahmen, die ihre Tante Chénoa ins Leben ruft, um der Gefahr zu begegnen. Sie wird Zeugin von Gewalt. Immer wieder und immer wieder. Mal auf der einen Seite, mal auf der anderen.

Solveig hat auf ihre eigene Art der Entwicklung eine Anschauung vom Zusammenleben der Menschen, die auf Gewaltlosigkeit setzt. Sie spricht oft mit ihrer Tante Chénoa über dieses Thema und sie versucht stets, einen eigenen Weg zu finden. Sanft und nachhaltig. Vielleicht macht sie sich schuldig, weil sie immer wieder Zeugin von Unrecht wird, ohne das zu verhindern, aber sie weigert sich strikt, selbst durch rigorose Maßnahmen einzugreifen. „Gewalt erzeugt wieder Gewalt“, sagt sie. „An diesem Kreislauf will ich nicht teilhaben.“

Chénoa ist eine weise Frau, die das Potential ihrer Nichte schon früh erkannt hatte, und sie ermuntert Solveig auf diesem Weg fortzufahren. Wenn es gelingen würde, die Gedanken der Menschen auf breiter Basis nachhaltig zu beeinflussen, dann würde man viel mehr erreichen, als mit Gewalt. Ein solcher Weg braucht viel Zeit. Chénoa weiß das. Sie hatte diesen gewaltlosen Weg selbst beschritten, aber manchmal hatte sie auch schon zu drastischen Maßnahmen gegriffen. Dann war Blut geflossen.

12.

Solveig hat eine zwei Jahre jüngere Cousine mit dem Namen Elvira, die sich in Berlin offen gegen die Mafia gestellt hat. Auch Elvira hat aber einen sehr unkonventionellen Weg gewählt. Statt gegen die Mafia einen offenen Krieg zu führen, hat sie die Zusammenarbeit mit der Mafia gesucht, um sie besser kontrollieren zu können. Elviras erstes Ziel ist es, innerhalb von Berlin Ordnung zu schaffen. All die kleinen Ganoven und jugendlichen Gangs kann sie offen bekämpfen, die großen Mafiafamilien (die im geheimen wirken) müssen durch eine besondere Strategie eingefangen werden. Dort geht es um viel Geld und Macht. Ein Machtvakuum hätte die Stadt nur in ein neues Chaos gestürzt. So wird Elvira die heimliche Friedensrichterin in Berlin. Sie vermittelt zwischen den Mafiafamilien. Sie sorgt dafür, dass Berlin drogenfrei wird. Nun ja. Drogen werden zwar weiter konsumiert, dagegen kann sie wenig machen, aber sie untersagt den Verkauf von Drogen mit drastischen Maßnahmen, und die Mafiafamilien fügen sich, wie durch ein Wunder. Sie sorgt für eine Aufteilung der Märkte. Alles das geschieht unsichtbar für die Behörden, denn auch Elvira praktiziert diese Heimlichkeit und Unsichtbarkeit, die es in den Mafiafamilien gibt. Nur ein kleiner Teil ist sichtbar, das, was man öffentlich sehen darf. Elvira wird die heimliche „Königin“ von Berlin.

Das ist allerdings auch ein Weg auf schmalem Grat. Sinnbildlich mit der Mafia aus einem Teller zu essen, das macht mitschuldig, und Elvira hat für erbrachte Dienstleistungen von den Mafiabossen sogar eine Bezahlung gefordert. Sie musste das tun, um ihr Gesicht zu wahren, und als geheime Friedensrichterin anerkannt zu werden, aber Elviras Familie profitierte seit einigen Jahren finanziell indirekt von den Machenschaften der Mafia. Das ist in der Familie höchst umstritten. Opa Leon und Oma Katharina (in Berlin) hatten geseufzt und sie hatten gefordert, diese Gratwanderung genau, sehr genau zu beobachten, und immer wieder zu hinterfragen und zu kontrollieren.

Elviras Weg ist in der Familie nicht unumstritten. Der Tanz mit dem Teufel macht dich leicht zu seinem Komplizen. Nicht nur zum Mitwisser, sondern auch zum Mittäter. Manchmal schleichend, dafür aber umso effektiver und nachhaltiger, weil in solchen Fällen die natürlichen Abwehrantennen versagen, in kleinen und in großen Dingen, aber Solveigs Cousine Elvira hat Partei ergriffen. Sie mischt sich ein. Sie übernimmt Führungspositionen und sie beginnt zu steuern.

Es muss in dieser Zeit klargestellt werden, dass die Familie sich immer wieder in den Traditionen übt, die in der Familie als „Demut“ bezeichnet werden. Diese Kräfte, die sie als Familie haben, die dürfen nicht missbraucht werden. Die Achtung für Mensch und Natur ist oberstes Gesetz. Man darf nicht zum Täter werden.

In dieser Zeit bittet Chénoa ihre Nichte Solveig, das Gewissen der Familie zu überwachen, oder anders gesagt, die Einhaltung der ethischen Grundsätze zu garantieren. Niemand kann so gut in die Köpfe hineinkriechen wie Solveig, und Solveig wird die Beraterin ihrer Cousine Elvira, mit der sie von diesem Zeitpunkt an in ständigem Kontakt steht.

Auch Solveigs gewaltfreier Weg ist nicht unumstritten. Sie mischt sich nicht ein, obwohl sie von vielen Ungerechtigkeiten und Rechtsmissbräuchen weiß. Sie versucht stets langsam und schleichend Einfluss zu gewinnen. Sie sieht genau genommen zu, wenn Ungerechtigkeiten passieren, ohne sie zu verhindern. Was also ist der bessere Weg? Elviras oder Solveigs Lösung?

Ihre Tante Chénoa ist sich klar über diesen Konflikt des Gewissens, wie sie das nennt, aber auch Chénoa weiß nicht immer Rat. Das sind Grundsatzentscheidungen, die eine Einzelfallprüfung brauchen, und dich immer wieder in Gewissenskonflikte bringen können, wenn du deiner Umwelt nicht gleichgültig gegenüberstehst.

Als Mensch lädst du ständig Schuld auf dich, ob du nun etwas tust, oder nur zusiehst, ohne dich einzumischen. Man könnte sagen, „was soll’s, wenn ich immer Schuld auf mich lade, dann ist es doch egal, was ich tue. Dann kann ich nur an mich denken und mir den bequemsten und gewinnbringendsten Weg suchen.“ So denkt Soveigs Familie nicht. Schon Opa Leon hatte aktiv ins Geschehen eingegriffen und die Familie hat diese Vision, der man in vollem Bewusstsein verpflichtet ist.

Sowohl Tante Chénoa, wie auch Elvira und Solveig wissen, dass manchmal rigorose Maßnahmen beschritten werden müssen, um Schlimmeres zu verhindern.

Um es deutlich zu sagen. Solveigs Weg ist nicht besser als der von Elvira, aber Solveig ist der nachdenkliche und eher philosophische Charakter. Das ist eine wichtige Voraussetzung für ihre neue Rolle in der Familie als eine Art Supervisorin.

13.

Solveig besucht inzwischen alle die Familienmitglieder, die es da gibt. Es sind mittlerweile viele.

Die Kinder von Onkel Nakoma haben inzwischen eigene Kinder. Onkel Fred und Onkel Paco haben eine ganze Reihe Kinder. Ihr großer Bruder Ramon und Chénoas Sohn Ramon haben Kinder. Überall wachsen neue „Keimzellen“, teilweise sehr weit auseinander verstreut.

Solveig hört zu, sie betreut, sie koordiniert und sie übernimmt die Schulung der Kinder. Es gibt ja diese Treffen der Kids schon länger, um sich in den Kräften der Familie zu üben. Solveig perfektioniert diese Treffen jetzt, wie eine richtige „Ferienschule“, und sie fordert von den Kindern Demut ein.

Solveig macht das nicht alleine. Alle die wichtigen Mitglieder der Familie stehen an ihrer Seite. Die Familientreffen sind in ihren Beschlüssen eindeutig. Macht ist legitim, Machtmißbrauch nicht.

Solveig leitet in der „Schule der Kinder“ an, sie delegiert, sie übergibt Aufgaben an jugendliche Mitglieder und Kinder der Familie, sie beobachtet, koordiniert und schreitet ein, wenn es notwendig erscheint. Solveig kann sich in die Köpfe summen, wie keine Zweite. Sie übertrifft darin inzwischen sogar ihre Tante Chénoa, wenn auch nur im Rahmen kurzer Distanzen.

Innerhalb von fünf Jahren wird Solveig so etwas, wie „das Gewissen“ der Familie. Sie achtet auf die Einhaltung der Regeln. Sie lässt den Kindern der Familie alle erdenklichen Freiheiten, aber es gibt Dinge, die schlussendlich tabu sind. Der Mensch und die Natur sind heilig. Das ist ein ehernes Gesetz, und Solveig trainiert sich jetzt in der Steuerung von Gedanken über große Distanzen hinweg. Sie nimmt faktisch einen Geruch auf, wie ein Wolf, der seine Beute schon aus mehreren Kilometern riecht, oder wie ein Eisbär, der im Winter der arktischen Kälte sogar die Fähigkeit hat, die Robben unter der Eisschicht zu riechen. Sie beginnt solche Kontakte systematisch über lange Distanzen hinweg zu pflegen.

Solveig ist zum Hüter der Schule geworden, zum Lehrer der Kinder. Sie kann inzwischen problemlos zu jedem der Kinder über ihre Energieströme Kontakt aufnehmen, egal, wo sie gerade sind. Sie kann sie rufen. Sie kann mit ihnen drahtlos kommunizieren (ganz ohne Telefon) und sie kann ihre Gedanken lesen. Solveig ist ein sanfter Riese.

So wird Solveig wie ein Metronom, das den Takt und die Schnelligkeit des Takts vorgibt. Es bestimmt den Mittelpunkt des Pendels und den Grad des Ausschlags. Chénoa nennt Solveigs Aufgabe inzwischen am liebsten den „Wächter unseres Gewissens“. Solveig stellt eigenverantwortlich die Leitfäden auf und sie kontrolliert deren Einhaltung.

Schon einmal hatte die Familie schmerzlich erfahren, dass eines der Familienmitglieder all seine Kraft verlor, weil er die Spielregeln aufs Gröbste missachtet hatte. Diese Kräfte sind nicht da, um persönlichen Vorteil daraus zu ziehen.

Dabei weiß Soveig nichts von diesem Volk der Cantara, das auch in ihrem Kopf sitzt und sie anleitet. Nun, sie weiß, dass da irgendetwas ist, das man auch mit dem Begriff „Gott“ beschreiben könnte, und zu dem sie Kontakt aufnehmen kann. Gesehen hat sie dieses „Etwas“ noch nie, und sie weiß auch nicht, dass das Volk der Cantara Solveig aufgebaut hat, diesen neuen sanften Weg zu beschreiten. Sie muss das nicht wissen. Sie ist ein williges Werkzeug in den Händen der Cantara. Sie redet manchmal mit Chénoa darüber, aber die zuckt mit den Schultern. „Du weist, dass unsere Familie eine einzigartige DNA besitzt, die sie von fast allen anderen Menschen unterscheidet. Nenne das Evolution, wenn du willst. Offenbar ist uns dieses Denken angeboren, ebenso wie die Grundlage, solche Fähigkeiten zu entwickeln, wie wir sie haben. Du weist auch, dass niemand, der zu unserer Familie gehört, jemals ernstlich krank wird. Typhus, Scharlach, Pest oder AIDS. Wir sind dagegen immun, so seltsam das auch klingt. Offenbar hat die Natur eingerichtet, eine neue Gattung zu erschaffen, die fähig ist, den Klimawandel unbeschadet zu überstehen. Nehmen wir dieses Schicksal also dankbar an, und sorgen wir dafür, dass alles Erdenkliche getan wird, um unserer Welt ein Stück Gleichgewicht wiederzugeben.“

14.

Auf den Rat ihrer Tante Chénoa und ihrer Mutter Clara promoviert Solveig dann doch noch. Sie hatte im Urwald ein Mittel gefunden, das als Heilmittel geradezu genial ist, und sie hat darüber eine Abhandlung geschrieben. Kurz, aber präzise. In der Welt der Mediziner sind Solveig damit einige Türen geöffnet worden. Für Solveig hat sich das Medikament sogar als äußerst gewinnbringend erwiesen. Es wird synthetisch nachgebaut, und die Lizenzgebühren bringen Solveig regelmäßige Einnahmen, die sie finanziell unabhängig machen.

In der Welt der Pferdeliebhaber ist ihr Ruf längst unbestritten. Sie gilt als „die Mutter aller Tiere“ und als geniale Tierflüsterin. Dieser Ruf ist für Solveig viel wichtiger als so ein Titel. Sie weitet jetzt ihr Wirkungsfeld systematisch aus: in die USA, nach Russland, China, Burma und Pakistan, und in viele andere Länder, die von Clans geführt werden, die sich und ihren Kindern teure Gestüte und ein Leben im Luxus gönnen, bevor sie diese Kinder wieder in verantwortungsvolle Posten hieven, die der Familie noch mehr Geld einbringen werden.

Mittlerweile hat Solveig selbst eine Tochter. Sie hatte sich in einen Indio verliebt, sie hatten eine Weile zusammengelebt, aber der Vater ihrer Tochter war als Ingenieur stets unterwegs und auch Solveig war oft unterwegs.

15.

In den nächsten fünfzehn Jahren bewegt sich Solveig zunehmend aus ihrer kleinen und abgeschiedenen Stadt hinaus. Sie lernt andere Kulturen, andere Gesellschaften und andere politische Machtstrukturen kennen. Sie lernt, dass ihre kleine Welt zuhause zwar wohlgeordnet scheint, aber dass dieses große Ganze nicht so ist, dass man zufrieden mit sich und der Welt sein kann.

Sie hat ihre Mutter Clara, ihren Onkel Nakoma und ihre Tante Chénoa oft davon reden hören, aber jetzt sieht und hört Solveig vieles, was weit über das persönliche Maß an Betroffenheit hinausgeht.

Das sind nicht nur wirtschaftliche Ungleichgewichte und menschliche Defizite. Es gibt gewaltige neue Umweltveränderungen durch jahrhundertelangen Raubbau an der Natur. Ihre Familie arbeitet seit langem an Lösungsansätzen in diesen Bereichen. Sie stellen Sonnenkollektoren her, biologisch saubere Nahrung, Meerwasserentsalzungsanlagen und Wellenkraftwerke. Sie sind an neuen Technologien beteiligt, wie der Umstellung von Fahrzeugen vom Erdöl auf umweltverträgliche Energiearten.

Solveigs Blick schärft sich in diesen Jahren, und sie gewinnt die Überzeugung, dass nur der Weg der friedlichen Koexistenz all die bestehenden Probleme langfristig lösen wird.

Sie irrt, aber das weiß sie nicht. Die Cantara wissen das längst, und sie haben damit begonnen ihre eigenen Maßnahmen auf den Weg zu bringen, um eines der Grundübel zu beseitigen, die Bevölkerungsexplosion der Gattung Mensch, aber dazu kommen wir noch.

16.

Solveig hat längst auch gelernt, in jenes Zwischenreich einzutreten, das zwischen Leben und Tod existiert. Manche Menschen erleben das nur, wenn sie durch einen Unfall an diese Grenze stoßen, eintreten in dieses Reich und schließlich wieder zurück geholt werden, weil ihre Zeit noch nicht um ist.

Solveig kann bewusst in diese Zwischenwelt eintreten. Dort findet Solveig auch jenes unbekannte „Etwas“. Es hält seine unsichtbare Hand über den Familienclan. Er beschützt und wacht über sie. Zu ihm kann Solveig gehen, wenn sie nicht weiter weiß. Auch das hat sie von Mama Clara, Opa Leon, Onkel Nakoma und Chénoa gelernt. Sie hat vor allem gelernt, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg gehen, und für seine eigenen Taten gerade stehen muss. Sie kann immer nach dem Rat von Mama oder Tante Chénoa fragen, aber sie kann auch in diesen Tunnel gehen und mit diesen „Etwas“ Kontakt aufnehmen, wenn nichts anderes mehr hilft. Dieses „Etwas“ gibt ihr nicht immer klare Auskünfte oder Anweisungen. Dann muss sie darüber grübeln und nach dem Sinn suchen. Dieser Erkenntnisprozess, an dem dann oft mehrere Familienmitglieder beteiligt sind, der führt die Familie stets zu Lösungen, wenn sie einmal nicht weiter weiß.

Solveig macht sich manchmal Gedanken darüber, warum gerade ihre Familie mit diesen Energieströmen ausgestattet worden ist, aber das ist letztlich müßig, darüber nach-zudenken. Tante Chenoa hatte das einmal mit der Evolution erklärt, und das scheint eine nachvollziehbare Erklärung zu sein. Dieses „Etwas“ ist für Solveig so etwas, wie eine gemeinsame Energie aller Clanmitglieder, die sich in bestimmten Situationen zusammenschließt, um nach Lösungen zu suchen, auch über weite Distanzen hinweg.

Wer denkt schon an eine intelligente Gattung, die aus dem All zu uns gekommen ist. Dazu ist Solveig viel zu sehr Realistin.

Es ist ihre Familie, die mit dieser treuhänderischen Aufgabe betreut worden ist, wie ein Wächter, und Solveig ist genau genommen dankbar dafür.

Kapitel 2. Die Schamanin

1.

Schauen wir ein paar Jahre in der Zeit zurück.

Noch während ihrer Studienzeit ist Solveig einmal in Kasachstan unterwegs.

Es gibt dort in diesem dünn besiedelten Land einflussreiche Familien, die viele Rohstoffe und Transportwege kontrollieren. Gas, Uran, Gold, Mangan, Schwefel, Kupfer, Eisen, Zink, Salze, seltene Erden, aber auch Baumwolle, und sie haben dort im Grenzgebiet zwischen den Großregionen Russland, China, Indien und den muslimischen Ländern des Südens etwas zu sagen. Viele sonst verbotene Transporte werden quer durch das Land geführt, und im Bereich Internetbetrug haben sich die Familien einen großen Einfluss gesichert. Es gibt dort in Zentralasien viel Geld, aber nur konzentriert auf wenige Familien und Clans. Darüberhinaus gibt es viel Abhängigkeit und Armut.

Die „befreundete“ Sippe beherrscht das flächenmäßig neunt-größte Land der Erde aus dem Verborgenen.

Es gibt dort Wüsten, Steppen, waldreiche Gebiete und große Seen, darunter auch große Salzseen. Es gibt aber auch Gebiete, wo immer noch das Betreten verboten ist, seit hier vor etwa achtzig Jahren einmal mehrere hundert Atomtests durchgeführt worden waren, viele davon überirdisch. Ein Gebiet in der doppelten Größe Bayerns war damals völlig verstrahlt worden.

Solveig besucht eine Baumwollpflanzerdynastie. Sie besitzen Baumwollfelder, etwa in der Größe der Bundesrepublik Deutschland. Sie wohnen auf Landgütern in der Größe von Schlössern. Die Familie besitzt Immobilien in verschiedenen Städten, Transportfirmen, Banken und Minen, und sie leistet sich mehrere Gestüte und Falknereien. Das ist hier der Nationalsport der Reichen. Zumindest der traditionelle Teil der prestigeträchtigen Freizeitaktivitäten.

In der Familie ist es üblich, die Nachkommen in diesen überlieferten Traditionen der Nomaden zu unterrichten, auch wenn viele Mitglieder der Familie erfolgreiche Bänker, Anwälte, Ärzte oder Unternehmer geworden sind, die sich heute auch teure Autos, Flugzeuge und Yachten leisten, die in Luxussporthäfen im schwarzen Meer dümpeln, zu denen nur Wenige im Land Zugang haben.

Es ist eine eigentümliche Familie. Tradition vermischt sich mit Moderne, es gibt in der Familie IT Spezialisten, Ingenieure, Anwälte, Richter, hohe Staatsbeamte, Immobilienmakler und Wissenschaftler, ähnlich wie in Solveigs Familie auch. Ein Großteil der Einnahmen stammt aber tatsächlich aus illegalen Geschäften, und die Familie beherrscht ihn genial, diesen Spagat zwischen legalen und illegalen Geschäften. Es ist einfach, diese schwarzen Gelder zu waschen und in legales Geld zu verwandeln. Man muss das jetzt nicht im Detail ausführen. Solveig ist ganz im Groben über die Geschäfte informiert, weil sie von Chénoa und Elvira eingewiesen worden war, und weil sie sich bereits in einige der Köpfe der Mitglieder dieser Organisation gesummt hatte, aber sie mischt sich da nicht ein, getreu ihrem Motto der Unparteiigkeit.

Solveig ist unterwegs, um sich verschiedene Pferde und die kostbaren Greifvögel der Sippe anzusehen. Die Zucht und die Ausbildung von Adlern und Falken hat hier eine lange Tradition und diese Zucht ist berühmt. Reiche Araber zahlen dieser Familie für einen gut ausgebildeten Adler oder Falken problemlos zwischen 100.000 und 150.000 Euro. Aber auch im Land selbst pflegt man diesen Sport. Pferde gehören traditionell zum Image, auch wenn heute jeder reiche Kasache mindestens eine Luxuslimousine und mehrere teure Geländewagen und italienische Rennwagen in der Garage stehen hat. Stutenmilch gilt auch ihnen als eine Art Fitnesstrunk.

Der Termin war schon seit längerem ausgemacht.

Als sie am Flughafen ankommt, wird sie gebeten, sofort in einen bereitstehenden Helikopter umzusteigen. Die Familie sei sehr in Sorge, es sei eilig, und vielleicht könne Solveig helfen.

Diesmal geht es der Familie nicht um Pferde oder Greifvögel.

Eines der Kinder der Sippe war beim Reiten unglücklich gestürzt. Es war von vielen Pferdehufen getroffen worden. Es gab Brüche und innere Verletzungen. Das Kind sei auf die Intensivstation des Krankenhauses gebracht worden, aber es läge seit fünf Wochen im Koma. Die Klinik weiß keinen Rat mehr, die Ärzte in der eigenen Familie fühlen sich hilflos, und so hatte die Familie das Kind in einem lebensgefährlichen Transport „nach Hause“ geholt, statt es sinnlos in diesem Krankenhaus liegen zu lassen.

Es gibt einen eigenen Trakt, nur für das Kind, mit Ärzten, Pflegern, Krankenschwestern, einem Koch, und Helfern, die sofort springen, wenn sie gerufen werden.

Der Junge liegt unter einem Sauerstoffzelt, bleich und weggetreten. Er wird künstlich ernährt und er wird von Zeit zu Zeit künstlich beatmet, nur um sicherzugehen. Man lässt nichts unversucht. Die äußeren Wunden waren behandelt worden. Es hatte Blutgerinsel im Kopf gegeben, aber man hatte sich nicht getraut, das zu operieren, aus Angst, das Kind dann sofort zu verlieren. Die Blutgerinsel liegen wirklich an einer sehr sensiblen Stelle. Man hatte auch Ärzte aus dem Ausland konsultiert, aber die hatten abgewunken, trotz der königlichen Honorare, die man ihnen bot.

Wenn sie den Tod des Kindes verursachen würden, dann müssten sie um ihr Leben fürchten. Zumindest dachten sich das diese Kapazitäten, nachdem sie sich über die Familie kundig gemacht hatten.

Solveig kennt die Familie schon seit einigen Jahren. Sie sieht sich das Kind an, sie lässt sich die Röntgenbilder und Computertomografien zeigen, dann bittet sie um einen abgelegenen Raum. Sie springt sofort nach Südamerika zurück, und nimmt Kontakt zu ihrer Cousine Lara auf, die in Sachen Naturmedizin eine Ausnahmestellung innerhalb der Familie genießt, mehr noch als ihr genialer Vater Nakoma, Solveigs Onkel. Solveig bittet sie darum, einige ihrer pflanzlichen Sammlungen zur Verfügung zu stellen. Dann springt sie, bewaffnet mit einem großen Rucksack, zurück nach Kasachstan.

Sie sucht den Clanführer auf und bittet um ein Gespräch unter vier Augen.

Sie will wissen, ob er soviel Vertrauen zu Solveig hätte, dass er ihr das Kind für eine Weile anvertrauen würde, ohne Fragen zu stellen. Kein Sauerstoffzelt, aber einige Begleiter, Pferde, Jurten und ein Ausritt für mehrere Tage oder Wochen.

Der Clanführer sieht Solveig lange an. Er kennt ihre unvergleichlichen Fähigkeiten mit Tieren, deshalb hatte er sie schließlich hierher geholt, und er hatte auch viel über Solveigs Heilkünste an Menschen gehört. Solveig gilt als Kapazität, obwohl sie noch sehr jung ist.

Er schließt die Augen und atmet lange tief ein- und aus. Dann sieht er Solveig durchdringend an und beschließt, „du sollst alles haben, was du brauchst.“ Auch in seiner Familientradition hatte es in früheren Jahrhunderten Schamanen mit besonderen Fähigkeiten gegeben. Solveig ist mit solchen Fähigkeiten ausgestattet. Der Clanführer hat keinen Zweifel. Er hat zwar Angst um seinen Lieblingsenkel, aber wenn irgend jemand helfen kann, dann wahrscheinlich Solveig.

2.

Zwei Tage später bricht Solveig auf, begleitet von dem Vater des Jungen, von einem der großen Brüder, und von mehreren Knechten und Treibern.

Solveig hat sich ein großes Tuch geben lassen. Sie steigt auf das Pferd und lässt sich den achtjährigen Abay in das Tuch geben. Dann bricht die ganze Gruppe auf. Solveig trägt das Kind in ihrem Tuch. Das Pferd dirigiert sie nur mit ihren Füßen und leichten Zurufen. Sie benutzt nicht einmal einen Sattel.

Während des langsamen Rittes ist Solveig wie weggetreten. Sie hat ein Energiefeld um sich gebreitet. Sie summt und singt. Sie wiegt sich im Schritt des Pferdes. Auch das Pferd hat längst begriffen, dass es da eine wertvolle Fracht trägt, die es zu beschützen gilt. Tiere haben für solche Dinge ein feines Gespür, und dieses Pferd nimmt die feinen Schwingungen auf, die von Solveig und dem Kind ausgehen.

Mittags bittet sie darum anzuhalten. Sie lässt einen Tee zubereiten, aus den Kräutern, die sie mitgebracht hat, und benetzt die Lippen des Kindes damit. Sie führt einen dünnen Schlauch in den Magen und gibt ihm von diesem Tee. Sie selbst trinkt Wasser, das sie mit einigen anderen Kräutern zubereiten lässt, dann trinkt sie etwas Stutenmilch, und kaut auf mitgebrachten Blättern, die sie in eine Art Trance versetzen. Erst dann reiten sie weiter.

Sie reiten, bis sie einen kleinen klaren See erreichen, der in einem Talkessel liegt. Dort lässt Solveig die Gruppe anhalten, und sie bittet darum, die Jurten aufzustellen.

Während die Männer die Schlafkojen vorbereiten, summt und singt Solveig, die sich im Schneidersitz auf ein Fell gesetzt hat, das Kind in ihren Armen. Auch jetzt ist sie wieder völlig weggetreten. Das Energiefeld ist fest und weist jeden Eindringling von außen ab. Die Mitglieder der Reise wissen das schon. Es ist, wie eine undurchdringliche Mauer.

Solveig kann aber auch unvermittelt aus dieser Selbstvergessenheit auftauchen und klare Bitten oder Anweisungen aussprechen. Jetzt bittet sie um eine eigene Jurte, ein Stück getrennt von den anderen.

In dieser Nacht kommen die Männer nicht zum Schlafen. Solveig entfacht in der Jurte ein Blitzlichtgewitter, das so heftig wird, dass es zu Detonationen kommt. Der Donner rollt durch das Tal und die Pferde sind so unruhig, dass sie sich fast losreißen.

Der Vater trommelt die Mannschaft zusammen, sie gehen ins Freie und beginnen zu singen und sie beten zu Allah und zu Mohammed, seinem Propheten.

Erst am Morgen hört das Blitzlichtgewitter auf. Solveig tritt aus dem Zelt, bekleidet mit einem leichten Gewand, das nackte Kind auf den Armen, dann geht sie, wie in Trance, zum Ufer des Sees. Sie geht ins Wasser, bis sie mit dem Kind unter der Wasseroberfläche verschwunden ist.

Bei Allah, was hat sie vor? Der Vater hat Ängste, wie selten zuvor.

Plötzlich steigen heftige Blasen auf, sie hören ein Gurgeln, und Solveig schießt plötzlich aus dem Wasser, hängt sich im Sprung das Kind über die Schulter, das jetzt schreit, dann taucht sie wieder unter, um kurz darauf schnell an Land zu waten.

Sie legt das Kind auf eines der Felle, und macht Wiederbelebungsversuche. Sie drückt auf die Brust. Sie beatmete es durch den Mund, dann kommt ein Schwall Wasser aus der Lunge und noch einer und das Kind beginnt zu husten.

„Decken und ein Feuer“, befiehlt Solveig, „schnell.“

Dann setzt sie die Wiederbelebung fort.

Das Kind spuckt erneut Wasser, dann schlägt es die Augen auf. Die Männer stehen schon mit Tüchern und Decken bereit. Solveig lässt das Kind warm einpacken und trocknet den Kopf.

Sie verfällt in ihre „Weltsprache“, die der Vater des Jungen schon aus früheren Begegnungen kennt.

Das Kind atmet jetzt normal. Solveig will ihren Rucksack, sie richtet den Jungen etwas auf und gibt dem Jungen etwas von dem Tee, den sie gebraut hatte.

Der Junge hat die Augen offen. Er schluckt den Tee und dann sieht er sich in der kleinen Gruppe um.

„Vater, was machen wir hier?“

Erdem, der Vater, ist fassungslos vor Überraschung und Glück. Er fällt auf die Knie und schickt ein Stoßgebet zum Himmel.

Später sitzen sie um dieses Feuer und Solveig hält den Jungen auf ihrem Schoß, eingepackt in Decken, und sie summt fast unmerklich.

Solveig bleibt noch zwei Wochen an diesem See. Sie badet und schwimmt jeden Tag mit dem Jungen. Sie hilft ihm, seine Beine wieder zu gebrauchen, die nach den Wochen des Liegens an Kraft verloren haben.

Jeden Tag erhält der Junge jetzt von der frisch gezapften Stutenmilch, er bekommt Tee und Blütenblätter und Beeren, auf denen er kaut. Die Gesichtsfarbe wechselt von einem käsigen Weiß in ein zartes helles Braun mit roten Wangen.

Solveig setzt sich jeden Tag mit dem Jungen auf ein Pferd und reitet langsam um den See. Später wird das Tempo schneller.

Sie beginnt mit dem Jungen spielerisch um die Wette zu laufen und mit ihm zu balgen. Sie hebt mit dem Jungen Steine auf und stemmt sie, wie in einem Gewichtshebertraining.

Nachts spannt sie ihren Energiegürtel und entfacht ihr Feuer aus Energie.

Dem Jungen geht es von Tag zu Tag besser. Sie fangen Fische. Sie zünden Feuer an. Sie machen Wanderungen zu Fuß.

Nach zwei Wochen reitet der Junge selbständig auf einem der Pferde mit ihnen zurück, so, als wäre er nie krank gewesen.

3.

Der Vater des Kindes hatte bereits einen der Helfer zurückgeschickt, um zu berichten. Als sie jetzt in das schlossartige Anwesen der Familie zurückkehren, werden sie empfangen, wie bei einem Staatsempfang.

Manal, der Clanführer, würde nie vor einer fremden Person knien. Er begrüßt zunächst sein Enkelkind, dreht es mehrfach um die Achse, und als Abay dem Alten lachend Einhalt gebietet, nimmt der Alte Solveigs Hände, und er senkt minutenlang den Kopf. Das ist seine Form der Hochachtung, während die gesamte Sippe in tiefes Schweigen verfällt.

Seine Dankbarkeit zeigt er, indem er Solveig versichert, sie könne alles von ihm haben, was er ihr erfüllen könne.

Solveig hält seine Hände. Er spürt diese Wärme und sie bittet, „lass mich noch drei Wochen hier bleiben. Ich möchte sie mit dem Jungen verbringen und das tun, weshalb ich hierher gekommen bin. Abay kann mir dabei helfen. So habe ich ihn ständig unter Beobachtung.“ Sonst sagt sie nichts. Keine andere Bitte, kein Verlangen nach Geld. Nur die Fürsorge für den Jungen, die Pferde und die Greifvögel. Der Alte ist schwer beeindruckt. In den nächsten Tagen muss er erfahren, dass Solveig das ernst meint, was sie da gesagt hatte: „In unserer Familie gibt es eine lange Tradition“, und sie hatte hinzugefügt. „Freunde helfen Freunden, ohne lange zu fragen. Auch ihr habt in eurem Land so einen Brauch. Wenn ich einmal eure Hilfe brauche, dann werde ich euch darum bitten, aber erst dann. Jetzt aber lasst uns das tun, was wir auch sonst tun. Wir alle haben unsere Arbeit. Wir müssen unsere Familien versorgen.“

Abay scheint völlig genesen zu sein. Solveig kümmert sich um den Jungen, um die Pferde und die Greifvögel. Sie lässt ihn helfen. Sie beobachtet ihn und leitet ihn an. Sie summt das Kind ein und sie wird zur „Tante“ für den Jungen. Sie ist sich sicher, dass Sie hier Freunde fürs Leben gefunden hat.

Sie erhält ihr übliches Honorar und darf sich ein paar dieser struppigen Pferde aussuchen, die man ihr „gratis“ nach Peru schicken wird. Sie stellt keine Forderungen.

Manal hatte sich mit seinen Söhnen beraten. Zum Abschied überreicht er Solveig ein kleines Kästchen. Darin liegt eine Art Siegelring aus Gold.

„Du hast meinem Enkel das Leben wieder geschenkt. Du hast nicht um einen Gefallen und um Dank gebeten, sondern du hast uns weiter deine Hilfe uneingeschränkt zur Verfügung gestellt. Das ist etwas, was nur wenige Menschen wirklich können. Deshalb wollen wir dir etwas von uns geben, das dir einmal das Leben retten kann, wenn du in Not bist. Nimm es bitte von uns an. Wenn du in unseren Ländern unterwegs bist, dann trage diesen Ring. Er ist seit vielen hundert Jahren ein Zeichen unserer Familie. Er kann dir einmal sehr nützlich sein“, bekräftigt der Alte.

Solveig dankt und nickt, ohne den wahren Wert zu kennen, aber sie trägt diesen Ring nun regelmäßig, wie um sich immer wieder daran zu erinnern, dass sie eine Aufgabe hat, eine Vision.

Später sollte Solveig noch erfahren, dass der Ring viel mehr ist, als bloß ein Ring. Er ist das Zeichen einer geheimen Bruderschaft, die Verbindungen in viele Länder hat. Dieser Ring ist etwas Besonderes. Er trägt Zeichen, die Solveig als als einen Führer des Clans auszeichnen und die Inschrift bedeutet in etwa „Mutter der Sippe“. Solveig ist durch diesen Ring zu einer Art Ratgeber geworden, der bei wichtigen Entscheidungen hinzuzuziehen ist.

Was Solveig zu diesem Zeitpunkt auch nicht wusste, der Ring ist zwar eine Kopie, und es gibt mehrere Träger dieses Rings, aber das Original ist seit fast 1.000 Jahren in der Sippe dieses Clans weitergegeben worden. Solveig hatte die Rolle eines Clanführers erhalten, mehr noch, wie eine Art Königinnenmutter.

Für den Jungen Abay ist Solveig ab dieser Zeit so etwas wie eine ehrenwerte Tante. Manchmal ruft er sie auf dem Handy an, oder auch über das Tablet. Das sind sehr teure Gespräche, rund um den Globus. Manchmal braucht Abay den Rat von Tante Solveig und Solveig ist stets für Abay da, wenn er sie wirklich braucht.

Abay ist der Liebling seines Großvaters Manal. Vielleicht war diese Auszeichnung deshalb. Wer will das schon so genau wissen. Zumindest ist es sehr ungewöhnlich, dass ein solcher Ring an Außenstehende gegeben wird. Offenbar hatte Manal in Solveig mehr gesehen, als nur eine Schamanin. Die Zukunft wird zeigen, dass Manal sehr weise gehandelt hatte.

4.

Ein Jahr danach fliegt Solveig mit ihrem Onkel Nakoma in das unabhängige Königreich Bhutan, das weit oben, im Himalaya Gebirge liegt. Diesmal geht es weniger um Heilungen, sondern man will dort mit Nakomas Pferden eine neue Züchtung für den blühenden Extremtourismus im Himalayagebirge beginnen.

Die Südamerikanische Hochlandrasse, manchmal auch Indian Ponys genannt, die sind für diese Bergregionen wie gemacht, und sie sind gut zu führen. Anders, als die wilden Pferde aus der Mongolei und viel besser als die Mulis.

Der König des kleinen Landes hatte mehrfach Vertreter nach Peru geschickt. Sie hatten sich von Nakoma die Pferde vorführen lassen. Sie waren in den Anden geritten, bis hoch auf die Gletscher der Sechstausender, dort, wo immer noch ewigen Schnee liegt, und wo die Luft sehr dünn wird, und sie waren beeindruckt gewesen. Solche Berge gibt es in Bhutan auch. Berge, wo kein Geländewagen mehr hinkommt, und wo ein normales Pferd versagt.

Sie waren bevollmächtigt zu handeln und sie hatten Nakoma bereits zwei Dutzend dieser Pferde abgekauft.

Nakoma hatte die erste Lieferung begleitet. Die Pferde hatten sich bewährt und das Königshaus hatte ein neues Zuchtprogramm beschlossen. Nakoma soll jetzt helfen, das Programm erfolgreich zu gestalten.

Nakoma war in die Mongolei und nach Kasachstan geflogen und er hatte dort noch zwei Dutzend Pferde erstanden, die für eine Kreuzung geeignet scheinen. Auch diese Pferde hatte er persönlich nach Bhutan gebracht.

Jetzt ist er mit Solveig unterwegs, um die ersten Zuchtversuche einzuleiten. Sie werden zwei Wochen da bleiben. So ist das geplant. Das Programm wird viel Geld kosten, aber es soll der Grundstock für eine himalayataugliche Pferderasse in extremen Höhen sein.

Sie sind in einem der Gästehäuser untergebracht, die es im Palast gibt und in der dritten Nacht spürt Solveig, dass etwas Ungewöhnliches geschieht.

Die Nacht ist angenehm kühl. Sie hat das Fenster offen gelassen und sie erwacht. Irgendetwas passiert gerade. Sie springt mit ihren Kräften lautlos aus dem Bett und stellt sich ins Dunkel.

Dann spürt sie, wie zwei Augen ins Zimmer blicken, und weil es absolut ruhig ist, schwingen sich zwei Beine ins Zimmer und der Mann sucht sofort Deckung.

Solveig ist schon hinter ihm. Sie schickt ihm einen Bannstrahl, schaltet ihr Energiefeld ein, das den Raum matt erleuchtet und dreht den Mann um. Er ist schwarz gekleidet und trägt ein Schwert auf dem Rücken. Das Gesicht ist verhüllt.

Solveig blickt den Mann stirnrunzelnd an. Dann kriecht sie in seinen Kopf.

Sie tritt einen Schritt zurück, hebt den Bann auf und fragt ihn in ihrer Weltsprache. „Ich sehe, dass du nicht gekommen bist, um mich zu töten. Was willst du?“

Der Mann erwacht, wie aus einer Starre. Er neigt den Kopf, und fragt leise, fast flüsternd „Bist du die Frau mit dem Ring der Königinnen?“

„Der Ring der Königinnen?“

Der Mann nickt. „Der Ring, der aus dem alten Kasachstan stammt.“

Solveig nickt. Sie hält ihm ihre Hand hin und der Mann fasst die Hand und befühlt den Ring. Dann geht er vor Solveig auf die Knie.

Er senkt den Kopf, legt ihn dreimal auf den Boden und küsste ihr die Füße.

„Wir brauchen dich, Herrscherin. Mein Vater schickt mich. Ich möchte fragen, ob du mich für ein paar Tage begleiten willst. Ich habe gehört, dass du von deinem Onkel begleitet wirst. Sage ihm, dass du für ein paar Tage verreist, aber wecke niemanden sonst im Palast auf. Bitte“, fügt er hinzu.

Solveig bückt sich, hilft dem Mann hoch und sieht ihm in die Augen.

„Also gut. Warte einen Moment.“

Dann ist Solveig auf einmal verschwunden. Sie löst sich vor dem Mann in Luft auf. Fünf Minuten später ist sie wieder da, genauso wie sie verschwunden war, aus dem Nichts. Der Mann ist geschockt. Von solchen Kräften hatte er keine Ahnung gehabt.

Solveig hat keine Scham. Sie zieht sich ein paar feste Sachen an. Sie achtet darauf, dass die Kleidung genauso dunkel ist, wie die des Mannes und sie verhüllt ihr Gesicht mit einem schwarzen Seidenschal. Dann nimmt sie eine Umhängetasche und stopft ein paar Dinge hinein. Der Mann kann nicht sehen, was es ist.

„Lass uns gehen“, meint Solveig. Der Mann hält den Finger an den Mund und klettert aus dem Fenster. Solveig folgt ihm.

Es ist, wie eine Flucht. Der Mann hält sich immer im Schatten. Er ist lautlos, wie eine Katze, und er ist sehr schnell.

Sie müssen einige Mauern überklettern. Sie müssen über einige Dächer laufen, und sie kriechen durch Büsche.

Eine halbe Stunde später bleibt der Mann stehen und stößt den Schrei eines Vogels aus. Er wartet und in einiger Entfernung wird der Schrei erwidert.

Er hält wieder den Finger an den Mund und schleicht vorwärts.

Sie werden von fünf Männern und sieben Pferden erwartet. Der Mann flüstert. „Wir haben keine Zeit. Los jetzt.“

Sie führen die Pferde von Hand und halten ihnen die Nüstern zu. Solveig hört keine Hufe. Offenbar waren die Füße der Pferde mit Lumpen umwickelt.

Irgendwann hält der Mann an. „Dort unten, die Brücke. Wir müssen hinüber, aber sie ist immer bewacht. Der Fluss ist tief. Da kommen wir nicht rüber, ohne Lebensgefahr. Auf dem Hinweg haben wir einen viel längeren Weg nehmen müssen, jetzt drängt die Zeit. Einer von uns muss sich opfern und die Männer ablenken“, flüstert er.

„Warte“, sagt Solveig. Ihre Augen hatten sich längst an die Dunkelheit gewöhnt. Sie sieht dort Panzerwagen und Schwerbewaffnete. „Wieviele sind es?“ „Meist acht bis fünfzehn Mann. Ein Teil ist im Haus, ein Teil wird unter Büschen stehen, um die Brücke zu sichern.“

Solveig nickt, dann geht sie ein paar Schritte von den Männern weg. Sie schickt Energiestrahlen auf die Brücke, auf das Haus und auf die gepanzerten Fahrzeuge. Den Männern hinter ihrem Rücken stehen die Haare zu Berge.

Dann dreht sich Solveig um. „Kommt. Es gibt keine Gefahr mehr. Na los doch!!! Wir können nicht ewig warten.“

Sie führen die Pferde hinunter. Die Wachen stehen, wie erstarrte Salzsäulen. Einer der Männer geht zu einer der Wachen und macht mit der Hand eine Bewegung vor den Augen. Diese Augen sind starr und leblos. Er ist verblüfft, dann eilt er den Freunden nach.

Sie gehen auf der anderen Seite die Straße hinauf, bis sie zu einem Abzweig kommen, dann dreht sich Solveig um und löst den Bann. Auch sie hält jetzt den Finger an die Lippen. „Los jetzt.“

Sie gehen zwischen die Büsche, sie folgen dem Trampelpfad, der steil bergauf führt. Sie überqueren die Kuppe und setzen ihren Weg fort. Eine Stunde später meint einer der Männer. „Reiten wir.“

Sie nehmen den Pferden die Lumpen von den Füssen, stecken sie in eine der Satteltaschen, schwingen sich auf die Pferde und schnalzen mit der Zunge. Es ist unter den Bäumen stockdunkel, aber die Männer reiten wie die Teufel.

Das geht zwei Tage so. Mehre Male steigen sie ab und binden den Pferden die Lumpen wieder um die Füße, dann sagt der Anführer. Ab jetzt können wir die Pferde laufen lassen. Laufen lassen... Die Männer hetzen die armen Pferde fast zu Tode.

Solveig hat keine Ahnung wo sie ist. Aber bei diesem Höllentempo hatten sie sicher schon zweihundert Kilometer zurückgelegt, vielleicht dreihundert oder vierhundert oder noch mehr.

Sie kommen schließlich an einen Fluss und der Anführer ruft wieder den Ruf des Vogels. Dann wird auf der andern Seite ein Lichtzeichen gegeben.

Sie treiben die Pferde in den Fluss, lassen die Pferde eine Weile schwimmen und steuern dann ein flaches Ufer an, wo sie den Fluss verlassen. Solveig bemerkt, dass sie in den nächsten Stunden von vielen Augenpaaren begleitet werden.

Dann erreichen sie eine Art Dorf. Naja. Das ist wohl ein sehr geheimes Dorf. Jedes Gebäude ist durch Zweige und Bäume getarnt, und Solveig riecht den Geruch des Todes.

Die Männer rufen den Ruf des Vogels, dann tritt einer der Bewohner vor die Tür. Solveig erschrickt.

„Wartet“, befiehlt sie, „kein Körperkontakt.“ Sie baut ihr Energiefeld um sich und geht auf den Mann zu.

Die Symptome sind eindeutig. Diese Menschen sind an der Ruhr erkrankt. Wahrscheinlich sind schon einige gestorben. Sie schaltet das Feuer eine Stufe höher und fragt den Mann. „Ich sehe, du brauchst meine Hilfe. Sag mir mehr.“

Der Mann wirft sich auf die Knie. „Schluss damit“, befiehlt Solveig. „Ich will Antworten.“

Der Mann beginnt stockend zu erzählen. Ja, etwa 60 Männer seien schon gestorben. Es gibt aber auch Frauen und Kinder in dem Dorf. Viele sind bereits tot. Die Männer wissen nicht, was zu tun sei.

Solveig dreht sich zu ihren Begleitern um. „Kein Körperkontakt. Sammelt alles was ihr habt an Bottichen. Kocht die Kleidung aus, aber fasst sie nur mit Stöcken an. Kocht die Bettlaken und Handtücher aus. Kocht das Trinkwasser ab. Stellt Zelte auf. Die Menschen müssen aus den Häusern raus. Gibt es genug zu essen? Gibt es irgendwo Toiletten? Fasst die Kranken nicht an. Sie sollen sich selbst in die Zelte schleppen. Stellt ihnen saubere Schüsseln mit abgekochtem Wasser vor die Zelte. Sie sollen versuchen, sich zu waschen. Frauen, Männer, Kinder. Kocht das Waschwasser ab, und auch ein zweites Mal, bevor ihr es wegschüttet. Keiner der noch Gesunden fasst die Kranken an. Kein Kontakt mit Speichel und Exkrementen. Ich will hier Sauberkeit, soweit das möglich ist. Jetzt bringt mir einige der Kranken aus dem Haus. Ich will sie mir ansehen, aber ich fasse sie nicht an.“

Ihre Befehle werden unmittelbar umgesetzt. Sie sieht sich die Kranken aus einiger Entfernung an, dann sagt sie. Ich muss noch mal weg. In zwei oder drei Stunden bin ich wieder da. Befolgt meine Befehle. Tut alles, was ich gesagt habe.“ Dann ist Solveig auf einmal verschwunden.

Vier Stunden später ist sie wieder da. Sie wird begleitet von zwei ihrer Cousinen und sie tragen große Rucksäcke. „Das sind Maria und Lara“, erklärt Solveig. "Mehr müsst ihr jetzt nicht wissen." Sie sehen nach den Bottichen und den Zelten. Sie haben sterile Handschuhe und einen Mundschutz dabei und sie werfen jetzt verschiedene Blüten, Beeren und Blätter ins Wasser. „Jeder trinkt das jetzt“, befiehlt Solveig, „egal wie schwach er ist. Der Tee wird mit einer Kelle geschöpft, die keiner der Kranken je anfasst. Merkt euch das. Ihr trinkt jeden Tag mindestens fünf Liter, bis euch diese Flüssigkeit zu den Ohren rauskommt. Gesunde und Kranke. Jeder benutzt seinen eigenen Becher. Niemand fasst den Becher eines anderen an.“

Maria packt einen der Rucksäcke aus. Da sind verschiedenfarbige Plastikbecher drin. „Achtet darauf. Vertauscht die Becher nicht. Wir werden sie später verbrennen. Wenn wir mehr davon brauchen, dann werden wir sie besorgen.“

Dann ziehen sich Solveig und Lara um. Sie beginnen die Kranken zu untersuchen. Es sind einige schwangere Mütter dabei. Viele der Kranken sind in einem katastrophal schlechten Zustand.

Sie bleiben insgesamt drei Wochen, und inzwischen wissen sie, dass sie irgendwo im Grenzgebiet zwischen Bhutan, Bangladesh und China sind. Wo genau, das weiß Solveig nicht.

Immer wieder kommen neue Männer ins Dorf, andere gehen. Solveig hatte schnell herausgefunden, was da geschieht. Diese Menschen leben vom Anbau von Mohn und von der Veredelung von Heroin.

Sie bauen das nicht selbst an. Dafür haben sie Leute. Sie organisieren diese Geschäfte, sie überwachen sie und sie transportieren die Ware. Es ist eine gut organisierte und gut bewaffnete Truppe.

Solveig hatte sich mit ihren Cousinen kurzgeschlossen. „Wir helfen, aber wir mischen uns in die Geschäfte nicht ein. Wir verhindern nichts und wir begünstigen nichts.“

Maria springt in dieser Zeit mehrfach nach Peru und kommt mit einem vollen Rucksack wieder.

Sie benutzen keine chemischen Medikamente. Sie wissen, wie man das Problem anders löst. Tatsächlich sterben noch einige Menschen. Nach etwa zehn Tagen tritt eine langsame Besserung ein. Nach drei Wochen scheint das Gröbste geschafft.

„Wir haben noch andere Aufgaben“, sagt Solveig. „Eine von uns wird hier bleiben. Wir wechseln uns ab, und wir sind in den nächsten vier bis sechs Wochen da, bis alle, die jetzt noch im Busch sind, sich zurückgemeldet haben, und bis die Krankheit endlich ausgerottet ist.“

Der Anführer der Truppe fällt vor Solveig auf die Knie. Er küsst ihr die Hand, an der sie den Siegelring trägt und nennt sie seine Königin.

Solveig weiß längst, dass sie der Frau und dem Kind des Mannes das Leben gerettet hatte.

„Ich möchte mit dir reden“, sagt sie, dann fordert sie ihn auf, sich mit ihr alleine zu setzen. „Erzähl mir von deiner Organisation.“

„Das solltest du eigentlich nicht wissen“ sagt der Mann, „aber du hast uns allen das Leben gerettet.“ Er schweigt einen Moment. „Viele Menschen in unseren Bergen können nur leben, weil sie Mohn anbauen und verarbeiten. Es spielt keine Rolle, in welchem Land sie leben. Es ist hier überall so, von Usbekistan bis hinunter nach Laos. In vielen Staaten der Umgebung gibt es Militärregierungen. Ein Anbau von Mais, Reis und anderen Dingen macht uns nicht satt. Die Weltmarktpreise sind so, dass wir verhungern würden. Die Abgaben an den Staat sind mörderisch hoch. Die Beamten und Militärs wollen bestochen werden. Was sollen wir also tun? Wir sind in den Busch gegangen. Nicht nur die Kämpfer, sondern ganze Dörfer von Bauern. Wir leben illegal und es gibt viele von uns. Hier in unserem Land und in vielen Nachbarländern. Es gibt einige gute Transportfirmen, das Geschäft floriert, und wir haben Freunde, die uns unterstützen.“

Er zuckt mit den Schultern. „Mir wäre es egal. Ich würde die Bauern auch Reis anbauen lassen, aber es geht nicht. So leben wir im Verborgenen. Wir wehren uns. Wir kämpfen gegen die Militärs. Wir machen uns unsichtbar, wie in China, in Burma, in Nepal, in Bangladesh, in Laos und in Sikkim. Selbst im Norden Thailands und in einigen wenigen Gebieten in Nord-Vietnam. Wenn es brenzlig wird, dann überschreiten wir die Landesgrenzen und suchen den Schutz von Freunden, bevor wir zurückkehren, und unsere Geschäfte wieder aufnehmen. Manchmal sind unsere Felder und Dörfer dann vermint und wir müssen Suchgeräte einsetzen. Manche Dörfer mussten wir ganz aufgeben, weil es einfach zu gefährlich wurde, diese Regionen zu betreten. Diese Minen sind mörderisch. Manchmal sind die Felder auch von Militärs übernommen worden und sie lassen dort Bauern Sklavenarbeit verrichten. Auch viele dieser Generäle leben vom Mohnanbau. Dann müssen wir um unsere Felder kämpfen oder sie aufgeben und uns woanders einen neuen Schlupfwinkel suchen.“

Solveig nickt. So ist es immer. Manchmal sind es solche Rebellenarmeen, manchmal geschieht dieses Geschäft offen unter den Augen von Regierungsbeamten, die sich die Taschen mit Geld voll stopfen. Die Weltwirtschaft muss verändert werden, unter deren Bedingungen all das möglich ist. Die politischen Strukturen in der Welt müssen verändert werden. Solange der persönliche Reichtum und die persönliche Macht das Geschehen auf der Welt diktieren, solange ändert sich an diesem System nichts. Ihre Familie hat noch viel zu tun. Vielleicht würde dieser Rebell selbst einmal General in einer der Regierungen werden und die Seite wechseln. Wer weiß.“

Solveig seufzt. „Nun sage mir eins“, meint Solveig. „Woher wusstest du von diesem Ring?“

Der Anführer lächelt. „Das wissen inzwischen viele Menschen. Ich will dir einmal eine Geschichte erzählen. Einst waren die Kasachen ein stolzes Volk. Auch die Perser, die Kirgisen und viele andere Völker, die hier leben. Gegen die Hunnen kamen sie nicht an. Sie wurden einfach überrannt. Damals gab es im Reich der Kasachen eine Königinnenmutter, die als äußerst weise galt. Sie machte sich auf den Weg um den Hunnenkönig Attila zu suchen und sie fand ihn.

Sie schaffte es, dass sie vor ihm niederknien durfte, und dass er ihr zuhörte. Wir waren einmal ein stolzes und mächtiges Volk“, begann sie. Jetzt sind wir besiegt von deinen Kriegern. Wie geht es weiter? Dein Volk besteht aus Reitern, die durch die Steppen ziehen. Sie brauchen Vasallen, so wie unser Königshaus. Mein Mann denkt immer noch, er könne mit dem Säbel gegen euch gewinnen. Sie lachte höhnisch. Manche Männer sind dumm und eitel. Sie begreifen nicht, wenn der Wind sich dreht. Wenn du erlaubst, werde ich wieder die Königin meines Landes, dann werde ich dir auf deinem Weg folgen. Ich werde dir Männer und Frauen geben. Ich werde dir Abgaben geben, aber lass uns soviel, dass wir leben können. Der jetzige König und seine beiden Söhne sollen nicht deine Sorge sein. Dieses Problem werde ich lösen.“

„Attila hörte ihr zu und dann nickte er. Wenn du das schaffst, dann setze ich dich als meinen Verwalter ein.“

„Drei Tage später war der König der Kasachen tot und auch die beiden Enkel der Königin. Sie wurde als neue Königin eingesetzt und diente dem Hunnenkönig als Vasall. Sie gab dem Hunnenkönig Männer für seinen Krieg und Frauen, die mit den Männern des Hunnenkönigs Kinder gebären, als Zeichen ihrer Unterwerfung. Du denkst vielleicht, wie schändlich und ehrlos. Sie hat ihren eigenen Sohn umgebracht und ihr Volk verraten, aber die Frau war taktisch klug. Sie redete mit den Anführern, die sie dem Hunnenkönig gab, und sie bat sie, sich den Kampfstil genau einzuprägen und am Leben zu bleiben. Sie selbst sorgte dafür, dass nur soviel Abgaben erfolgten, dass niemand in ihrem Land verhungerte. Sie sorgte für neue Kinder und sie waren das erste Land, das sich erfolgreich gegen die Söhne des Attila zur Wehr setzten. Sie wurden wieder ein freies Königreich. Das erlebte die Königin aber nicht mehr. Damals erhielt sie von Attila einen Ring, als Zeichen ihres Bündnisses. Es ist dieser Ring, den du jetzt an deinem Finger trägst. Nun, nicht nur du, es gibt noch ein paar andere, die würdig sind, diesen Ring zu tragen. Wir sind ein Geheimbund, und wir helfen uns gegenseitig, wenn wir in Not sind. Wir alle wünschen, uns irgendwann einmal zu erheben und diese Regierungen abzuschütteln, die unsere Völker unterjochen. Hier bei uns, und in vielen anderen Ländern. Das Heroin liefert uns die nötigen Mittel, um Truppen auszubilden und um Waffen zu kaufen. Wir wollen in Freiheit leben. Wir wissen nicht was kommt. Vielleicht gibt es sogar einen friedlichen Weg, aber wie der aussehen könnte, das weiß ich nicht. Egal wo du hinkommst, nach Persien, Armenien oder in einige Provinzen von China, überall wirst du unsere weitverzweigte Bruderschaft finden. Nicht alle sind Muslime, so wie wir. Es gibt Christen und Hindus, die sich mit uns verbündet haben. Wir wissen auch von den Programmen, die dein Großvater ins Leben gerufen hat. Wir wissen von der Bank für Kleinkredite. Wir wissen von den Stelzenhäusern. Wir wissen von Solarkraftwerken und Windrädern, die das Leben in vielen Regionen erst lebenswert gemacht haben. Wir wissen, dass deine Organisation kostenlos Saatgut verteilt hat und Brunnen gebaut hat. Wir wissen, dass ihr Regenwasser aufsammelt und es in Zisternen leitet. Wir wissen auch, mit welchem Widerstand manche Regierungen solchen Programmen begegnet sind und dass ihr sie überzeugt habt. Wir wissen davon, was ihr in der UNO und der UNESCO bewegt, in der WHO und in anderen Weltorganisationen.“

Er seufzt. „Es ist ein sehr langer und steiniger Weg in die Freiheit. Dein Großvater geht ihn seit vielen Jahrzehnten. Du sollst wissen, dass ihr in unseren Herzen lebt. Ihr seid uns ein Vorbild, aber wir konnten euren Weg bisher nicht gehen. Wir müssen unseren eigenen Weg finden. Wir produzieren Heroin. Wir wissen, dass eure Familie dagegen ankämpft, weil wir viele Menschen in euren Ländern damit krank machen, aber nicht wir sind es, welche die Welt in Unordnung gebracht haben. Einige von uns, die tun das, gewiss.

Aber auch wir brauchen mächtige Verbündete. Auf dieser Welt gibt es viel Licht und viel Schatten.“

Dann blickt er Solveig direkt an. „Jetzt weist du vielleicht, warum gerade du diesen Ring trägst. Nicht nur, weil du damals das Leben des Kindes gerettet hast, sondern, weil du als Mitglied deines Clans ein wichtiges Verbindungsglied zu unserer Welt bist. Es wird die Zeit kommen, wo wir uns einmal gegenseitig brauchen werden.“

Dann schweigt er lange und blickt sie sinnend an.

„Ich habe gesehen, dass du verschwinden kannst und dass du woanders wieder auftauchen kannst. Das wird mein Geheimnis bleiben. Du weist jetzt, wo du mich finden kannst. Vielleicht werden uns die Militärs hier einmal auffinden und wir werden weiterziehen, aber über die Freunde in Kasachstan wirst du uns immer finden.“

Auch Solveig schweigt. Sie ist tief betroffen. Licht und Schatten liegen wirklich nah beieinander.

Dann fügt der Mann, der sich Gua Mare Li nennt hinzu, „du und deine Familie… Ihr seid hierher gekommen, ohne lang zu fragen. Ihr habt uns das Leben gerettet. Wahrscheinlich wären wir hier alle krepiert. Wir hätten nicht einmal zu einem öffentlichen Krankenhaus gehen können, weil das unser Tod gewesen wäre. Ihr habt gearbeitet, bis zum Umfallen, und ihr habt euch selbst der Gefahr der Ansteckung ausgesetzt. Du weist, dass du immer auf uns zählen kannst?“

Er zieht einen Beutel aus der Tasche. „Wir haben Verbindungen in die Stadt. Wir haben Konten. Wir könnten dir Geld überweisen, aber unsere Existenz ist geheim. Du wirst keine nachvollziehbare Verbindung zu uns wünschen, nicht jetzt. Nicht unter diesen Umständen. Wenn du einverstanden bist, dann nimm diesen Beutel. Er macht ihn auf, greift hinein und holt einen kleinen glitzernden Gegenstand heraus. Es sind ungeschliffene Rohdiamanten, klar und rein, und er legt ihn in die Handfläche von Solveig. „Der Beutel ist voll davon. Nimm das, als Zeichen unserer Dankbarkeit. Sei dir sicher, dass du jederzeit auf uns zählen kannst, wenn du uns einmal brauchst.“

5.

Als Solveig zurückkommt nach Peru, da kümmert sie sich zuallererst um ihre Tochter (der Sohn war zu diesem Zeitpunkt noch nicht geboren worden), dann sucht sie ihre Tante Chénoa auf.

Es wird ein langes Gespräch.

Chénoa seufzt. „Da hast du einen Rebellen gefunden. Einen, der weiß, was er tut, und der mit dem Teufel tanzt, so wie wir auch. Es ist immerhin gut zu wissen, dass es noch mehr solcher Menschen gibt. Eines Tages werden sie dir die nötige Dankbarkeit erweisen. Dann werden wir sie darum bitten müssen, uns beizustehen.“

Chénoa schüttelt den Kopf. „Es kann sein, dass dieser Mann dich eines Tages wieder um einen Gefallen bittet. Es muss klar sein, dass der Mensch im Mittelpunkt unserer Überlegungen steht, und nicht irgendwelche politischen Abwägungen. Genau das ist auch das, was mir an der Methode von Elvira missfällt, obwohl ich sie stets gestützt habe.“

Solveig nickt. Sie gibt Chénoa den Beutel mit den Diamanten und Chénoa schüttet den Inhalt auf den Tisch. Sie pfeift durch die Zähne. „Gib das Alvarez, unserem indianischen Juwelier und Goldschmied. Wenn er die Steine schleift und in Goldschmuck einarbeitet, dann wird das sicher noch viel mehr bringen, als wenn du die Steine alleine verkaufst. Eins ist sicher. Dieser Mann hat sich als dankbar erwiesen.“

Alvarez prüft die Steine. „Die sind aber nicht aus Peru“, sagt er, und er sieht sie an. „Das ist eine seltene Qualität. Ich würde sagen, die stammen aus Nepal. Dort gibt es so etwas.“

Er wiegt und rechnet. „Ich würde dir für diese Steine 5 Millionen Euro geben. Aber ich habe nicht soviel Geld. Wenn du einverstanden bist, dann arbeite ich die Steine in Schmuck ein und wir verkaufen das in unserem Juwelierladen im Hotel. Das dauert insgesamt vielleicht zwei oder drei Jahre, aber der Gewinn wird noch etwas höher sein. Natürlich kannst du das auch in New York, Amsterdam oder London anbieten. Dort gibt es potente Aufkäufer, aber dort wird man dir unangenehme Fragen stellen.“

Solveig überlegt, dann gibt sie dem Mann 12 dieser Steine. „Schleife sie und arbeite sie ein. Wenn du mehr brauchst, dann sage Bescheid.“ Den Rest schiebt sie in den Beutel zurück.

So kommt es, dass in dem großen Hotel in Ciudad del Sol nun neben vielen antiken Stücken, teuren Uhren, Schmuck und indianischen Handarbeiten auch Ringe und Ketten mit diesen Steinen angeboten werden.

Da das Hotel stets hochkarätige Gäste beherbergt, sind die ersten Stücke innerhalb von zwei Monaten verkauft. Es gibt genug Industrielle, die das Hotel ansteuern und ihrer Frau oder der Geliebten solch ein Stück schenken wollen. Was sind schon 30.000 oder 100.000 Euro, wenn man eine geschickte Geliebte bei Launen hält, oder die Frau glücklich macht, die Mehrheitsanteile an dem Unternehmen hält, das du als Präsident oder als Geschäftsführer leitest.

6.

Es gibt noch andere solcher Vorfälle.

Der Staat New York war in den letzten Jahrzehnten von mehreren Flutwellen getroffen worden und er hatte schlimme Stürme erlebt. Die Klimaveränderung traf den nordamerikanischen Kontinent mit aller Wucht. Schon in der Zeit, wo das Maunder-Minimum noch aktiv war, hatte Nordamerika mit einer Vielzahl von Tornados zu kämpfen, und mit Orkanen, welche die Wellen peitschten, Sturmfluten verursachten und Häuser in sich zusammenstürzen ließen. Als diese Periode vorüber war, traf die Auswirkung der Klimaveränderung die USA mit voller Wucht. Dürren im Mittelwesten. Ein versiegender Golfstrom. Orkane von unermesslicher Wut, die ganze Küstenabschnitte verschlangen.

Viele der „Barone“ der Unterwelt verdienen an diesen Katastrophen. Versicherungen, die Leistungen entweder garnicht, oder nur kleine Beträge auszahlen, Baufirmen, die minderwertiges Material liefern, Immobilienpreise, die in den Keller rutschen, damit Grundstücke dann wieder günstig zurückgekauft werden können. Wenn die Lage sich einigermaßen beruhigt, werden die Gebäude vermietet oder verkauft. Es gibt viele Möglichkeiten, an solchen Unwettern zu verdienen.

Die großen Barone hatten ihre Wohnsitze schon längst von der Küste zurückgezogen. Zu gefährlich. Sie waren von den Küstenabstrichen weg gezogen, nach Harrisburg, nach Springfield, dort wo es ruhiger ist, oder gleich an die großen Seen in Cleveland, Michigan und Wisconsin, an den Ontariosee, den Eriesee, den Hudson See, oder den Michigan See. Dort bieten sie ihren Familien ein neues Zuhause. Es gibt dort Golf Clubs, Reitschulen, Ranches, Yachten. Die Geschäfte an der Ostküste laufen natürlich weiter, dort, wo die Menschen zurückblieben, die nicht genug Geld hatten, um ihren Wohnsitz zu verlegen. Auch die Banken und die Börse in New York blieb. Allerdings wurde New York zu einer Art Festung ausgebaut, geschützt von Hunderten von Deichen, Sperren und Schleusen. Selbst Miami war ins Landesinnere verlegt worden. Mit der Stadt waren auch die ganzen Spielkasinos umgezogen.

Es gibt jetzt auch diese neuen Kleinflugzeuge in der Form von Flundern, mit denen man bequem von dem neuen Wohnsitz nach New York, Boston oder Florida fliegen kann, im Handumdrehen. Die Familie von Solveig produziert diese Flieger in Spanien, in den USA und in einem Zweigwerk in Thailand. Sie fliegen nur mit Sonnenenergie und Wasserstoffzellen und können bequem auf dem Dach eines Hochhauses oder im Garten landen und starten.

Man muss nicht mehr in den ehemaligen Zentren der Macht wohnen.

Eine dieser Familien hat einen Landsitz in der Nähe der kleinen Stadt Alpena, etwa 600 Km von Chicago entfernt, direkt am Ufer des Lake Huron, und noch ein Landgut in der Nähe von Thunder Bay am Lake Superior. Man kann mit Booten von einem Landsitz zum andern fahren. Naja. Auch das sind etwa 600 Km, aber es gibt schnelle Sportboote, und auch die fahren inzwischen mit Solarstrom, Gas und Wasserstoffzellen. Es sind große Seen, dort im Nordosten der USA, an der Grenze zu Kanada, und man kann die Geschäfte leicht über Kanada abwickeln. Auch wenn die kanadische Polizei eine der härtesten Truppen ist, gibt es genug Polizeisergeanten oder Offiziere, die ein Auge zudrücken, oder die dich warnen, wenn der Scheck stimmt. Naja. Schecks gibt es schon lange nicht mehr. Ist nur so eine Redensart.

Es gibt verbotenen Grenzverkehr und die Familie hat einige sehr schnelle Boote und noch schnellere Kleinflieger.

Man hatte in den letzten Jahrzehnten auch neue Ölfunde in der völlig aufgetauten Baffin Bay vor Grönland gemacht. Es hatte ziemlich Streit gegeben zwischen Kanada, Dänemark, Russland und den USA, um die Bohrrechte. Schiffe waren gekapert worden. Es hatte Sabotage gegeben. Es war fast zum Krieg gekommen. Schließlich hatte man sich mehr oder weniger geeinigt und beutete die Ölvorkommen aus. Im Bereich des Schiffsverkehrs war das Erdöl als Energiequelle schon immer überlebenswichtig gewesen. Kein Übersee-Frachtverkehr ohne einen leistungsfähigen Diesel, und die großen Flotten von schwimmenden Hotelschiffen verbrauchen Diesel in gewaltigen Mengen, um in stürmischer See sicher und schnell durch die Wellen zu steuern. Es hat sich sogar ein reiner Katastrophentourismus entwickelt. Die USA waren noch nie ein Vorreiter in ökologischer Fortbewegung oder ökologisch vertretbaren Abbaumethoden. Das rächte sich jetzt, aber der ökologische Lernprozess in den USA ist schon längst auf einem Level, wo man freundlicherweise von Stagnation sprechen muss, und das trotz der vielen Fortschritte, die es in Teilen der Gesellschaft gibt, und bei denen die Familie von Solveig ein Vorreiter ist.

Auch die Familie von John Deer profitiert von diesen Ölfunden. Sie ist außerdem im Waffengeschäft und mischt bei den Gewerkschaften und im Geschäft illegaler Arbeitskräfte mit. Es gibt in der Familie eine fast militärische Struktur, mit Leutnants, Generälen und Fußvolk.

Auch hier ist es so, dass der Patriarch der Familie sich mehrere Gestüte hält. Man kann die Frauen, die Schwiegertöchter und die Mädchen der Sippe damit beschäftigen. Man kann die Kinder und Enkelkinder damit trainieren. So, wie ein schnelles Boot, ein Geländewagen, oder eines dieser Kleinstflugzeuge, sind auch Pferde oder Windhunde Statussymbole, die man sich gönnt. Dass man die Schwiegertöchter oder Töchter später mit lukrativen Geschäften im Bereich Beauty oder Immobilien versorgt, ist selbstverständlich. Gut dotierte Börsen-oder Hoteljobs sind genauso beliebt, wie Jobs bei illegalen Wetten, aber letztere sind eher die Domain von Söhnen und Schwiegersöhnen. Das Klima in diesem Metier ist rauh.

John Deer hat eine eigene Zucht und er lässt die Pferde bei Rennen mitlaufen. Er hat verschiedene kostbare Pferde-rassen und er besitzt auch zwei dutzend dieser Arans aus Solveigs Familie, jener besonderen Züchtung in der Araber und Mustangs die Hauptlieferanten dieser einmaligen Gene sind.

Auch wenn er eigene Pferde bei Rennen laufen lässt, so hindert ihn das nicht daran, Pferdewetten zu beeinflussen, Jockeys zu bestechen, zu dopen oder fremde Pferde krank zu machen. Es gibt viele Möglichkeiten, von solchen Wetten zu profitieren.

Solveig weiß das, aber das sind in Solveigs Augen verhältnismäßig „kleine Vergehen“. Es verlieren entweder Männer, die ohnehin genug Geld haben, oder „der kleine Mann“, der nur ein paar Dollar wettet.

Manchmal verdient „der kleine Mann“ sogar unverhofft von solchen illegalen Geschäften, wenn er zufällig auf das richtige Pferd setzt, und weil er keine Ahnung von Pferden hat.

Es gibt andere Dinge, welche schlimmer sind, als so etwas. Auch das gibt es in John Deers Familie, wie Schlägertrupps und Killerkommandos.

Wie auch immer. Solveig weiß längst davon. Sie kommt, um die Pferde der Familie zu behandeln. Sie kommt, als Vermittler zu ihrer Familie, und sie kommt, um der Familie von John Deer in die Köpfe zu kriechen, ohne das dies überhaupt wahrgenommen wird, nicht aber, um zu richten oder um zu streiten.

7.

Solveig ist seit 2064 mit einem Indio aus Cusco verheiratet. Er ist Ingenieur und er baut Staudämme und Großkraftwerke, und er ist ständig unterwegs. Solveig stört das nicht. Wenn sie ihn sehen will, dann genügte ein Anruf, und sie springt einfach über Nacht zu ihm, egal, wo er gerade ist, einzige Bedingung ist, dass sie schon einmal an diesem Ort gewesen sein musste. Das ist manchmal hinderlich, aber es ist nicht zu umgehen.

Solveig hatte einem kleinem Mädchen das Leben geschenkt, das dem Namen Christie Menothé bekommen hatte (die aus den Bergen der Péruche Krieger), und sie nimmt ihr kleines Mädchen fast immer zu ihrer Arbeit mit.

Christie ist jetzt fünf Jahre alt. Sie hat längst gelernt, die Sprache der Tiere zu verstehen und sie kann durch den Raum springen.

Solveig nimmt Christie auch zu John Deer mit. Christie würde dort einiges lernen können und sie ist mit Mama zusammen.

An einem dieser Vormittage ist Solveig im Stall, an den sich der riesige Superior Forest National Park anschließt.

Christie und zwei der Enkelkinder von John Deer schnappen sich an diesem Tag Ponys und sie reiten in den Wald. Sie können das gut und auch Christie kann das sehr gut.

Dann erhält Solveig plötzlich einen Energiestrahl. „Hilfe“ ruft Christie. „Mama, wir brauchen dich.“

Solveig kann diesen Energiestrom steuern und sie lässt sich beschreiben, wo Christie jetzt ist dann schnappt sie sich zwei der Pferde, und einen der Stallknechte und reitet los.

Der Stallknecht kennt die Lichtung, von der Christie gesprochen hatte und Solveig spornt den Stallknecht und die Pferde zu Höchstleistungen an.

Als sie sie Lichtung erreichen, ist es schon fast zu spät. Die achtjährige Kylie war von mehreren Wespen in den Hals gestochen worden. Der Hals ist zugeschwollen, so dass sie nur mit Mühe Luft bekommt. Schlimmer ist, dass Kylie in eine Art Schockstarre gefallen war. Sie leidet unter einer Allergie, die von dem Wespengift jetzt ausgebrochen war. Das Gesicht und die ganze Haut ist geschwollen und übersät von großen roten Flecken. Sie fiebert und sie japst nach Luft. Christie hatte dem Mädchen ihre Energie geschenkt, und das hatte dem Mädchen bisher das Leben gerettet. Mehr hatte Christie nicht tun können. Sie hat noch nicht die großen Kräfte ihrer Mutter.

Solveig lässt sich von dem Stallknecht ein Messer geben. Sie schneidet ein paar Zweige ab und dann macht sie einen Luftröhrenschnitt. Sie steckt die Zweige so hinein, dass das Blut abfließen kann und die Luft in die Lungen strömt, dann schickt sie Christie, den Stallknecht und Bob ein paar Meter weg. Sie entfacht ihr „bengalisches Feuer“, eine Flut aus Blitzen, so dass der Stallknecht die Kinder auffordern muss, Abstand zu halten.

Das dauert drei Stunden, dann ruft sie nach den Kindern und nach dem Stallknecht.

Der hatte versucht zu telefonieren, aber die Energiewellen hatten jeden Handykontakt unmöglich gemacht. Christie hatte ihn an der Hand genommen. „Mama macht das schon“, hatte sie gesagt, und zu ihm aufgesehen. „Hab keine Angst.“

Dann hatte sie den Stallknecht zu den beiden Pferden geführt, die völlig verschwitzt waren von dem Teufelsritt. Christie hatte Gras und Zweige gepflückt und befohlen, die Pferde gut trocken zu reiben. „Die gehen uns sonst ein“, hatte sie zu dem Stallknecht gesagt.

Als Mama schließlich ruft, schnalzt Christie mit der Zunge. Sie geht in Richtung der Lichtung. Die Pferde folgen ihr. Bob und der Stallknecht schließen auf.

„Was geschieht jetzt“, fragt Bob. „Wir reiten nach Hause“, sagt Christie, „Mama hat das Problem im Griff.“

Es ist tatsächlich so.

Das Mädchen hat die Augen offen. Die Holzstöckchen waren aus der offenen Wunde entfernt worden. Kylie hat keine Flecken mehr im Gesicht und das Mädchen atmet normal und die Wunde am Hals ist weg. Sie ist einfach weg.

Der Stallknecht sperrt den Mund auf. Das ist doch nicht möglich. Er tritt an Kylie heran und hebt leicht das Kinn an. Es gibt eine Narbe, kaum sichtbar, quer unter dem Kehlkopf, so als hätte Kylie vor einigen Jahren dort einmal eine Wunde gehabt.

Der Stallknecht sieht Solveig verwirrt an. Er merkt gar nicht, das er eingesummt wird. Dann steigen alle auf die Pferde und reiten zurück.

Die andern Stallknechte hatten im Herrenhaus Alarm geschlagen, als Solveig davongeritten war.

John Deer war in Detroit. Irgendwelche Geschäfte. Auch die Söhne waren weg. Nur die Frauen waren da und die Großmutter hatte sofort Anweisung gegeben, nach den Kindern zu suchen.

Als die kleine Gruppe jetzt im Hof auftaucht, kommt Marietta gelaufen, die Mutter der beiden Kinder.

Sie ist aufgeregt, doch sie wird plötzlich von einem Energiestrahl erfasst. Sie bleibt abrupt stehen. Die kleine Gruppe reitet heran. Bob und Kylie plappern schon wie ein Wasserfall.

Marietta lässt sich kurz berichten und sie sieht den Stallknecht an. Der zuckt nur mit den Schultern. „Was soll ich sagen? Es ist alles so, wie die Kinder erzählen. Ich habe meinen Augen nicht getraut.“ Er zeigt Marietta das Messer, an dem noch das Blut ihrer Tochter klebt. „Sehen Sie sich die kleine Narbe an. So etwas habe ich noch nie in meinem Leben erlebt.“

Marietta schickt den Stallknecht mit den Pferden weg, dann bittet sie alle ins Haus.

„Aber erst umziehen“, befiehlt sie ihren Kindern, sie zieht Solveig in den Salon und bittet sie sich zu setzen. „Wenn das so ist, dann haben Sie heute Kylie das Leben gerettet. Sie hatte schon immer diese Allergie. Wir haben sie schon oft gewarnt.“

Solveig lächelt. „Jetzt hat Kylie diese Allergie nicht mehr“, sagt sie mit Bestimmtheit.

Marietta blickt sie zweifelnd an und Solveig lächelt. „Bitte hören Sie ihren Kindern zu. Lassen Sie sich berichten, aber es gibt keinen Grund zur Sorge. Kylie ist gesund und ich werde jetzt wieder in den Stall gehen. Ich habe Arbeit. Meine Tochter wird mich begleiten. Sie kann mir ein wenig helfen.“ Sie steht auf, verbeugt sich leicht, und geht mit Christie hinaus.

Marietta ist völlig perplex, dann geht sie zu ihren Kindern und fragt sie aus.

John Deer kommt noch am selben Abend aus Chicago geflogen und lässt sich berichten. Er sieht Solveig stirnrunzelnd an und schüttelt den Kopf. „Sie sagen, dass die Allergie geheilt ist? Wieso das?“

Solveig nickt. „Jetzt ist es zu spät. Morgen früh, bevor Sie zu Ihren Terminen fahren, da werde ich Ihnen das zeigen.“

Am nächsten Morgen lässt Solveig von Christie ein paar Wespen rufen. Christie kann das gut. Eine dieser Wespen schickt sie zu Kylie auf den Arm. „Keine Angst“, sagt sie, dann sticht die Wespe zu und fliegt davon.

„Autsch“ sagt Kylie und reibt sich den Arm. „Warte“, rät Solveig, „nicht reiben“. Sie gibt ein wenig Spucke auf den Arm, die jetzt beginnt zu kühlen. Sie summt unmerklich und ihre Tochter Christie beginnt auf einmal zu lächeln.

„Spürst du, wie das kühlt“, fragt Christie, und Kylie nickt.

Es gibt keinen Ausschlag, es gibt kein Ringen nach Luft. Es gibt keine sonstigen körperlichen Reaktionen außer der kleinen, roten Beule am Arm. Der Schmerz des Wespen-stiches ist wie er immer ist in solchen Fällen, schmerzhaft.

John Deer hatte einschreiten wollen, aber er war wie durch eine unsichtbare Wand gestoppt worden. Er sieht seine Enkeltochter dort stehen. Es geht ihr gut und langsam glaubt er daran, was Solveig ihm gesagt hatte.

An diesem Morgen ruft er einige Ärzte an. Keiner kann sich das erklären. Einer spricht von Scharlatanerie. „Papperlapapp“, sagt John Deer. Ich habe das mit meinen eigenen Augen gesehen. Kylie ist von der Wespe gestochen worden und es gab keine Reaktion.“

Am Abend ist Kylie gesund, am nächsten Morgen und auch am übernächsten.

Jetzt ist John Deer überzeugt, dass ein kleines Wunder geschehen ist. Nein. Viel mehr. Solveig hat dieses Wunder vollbracht.

„Was kann ich für Sie tun“, fragt er, aber Solveig winkt ab. „In unserer Familie hilft man sich gegenseitig. Ich habe alles, was ich brauche, aber wenn ich einmal ihre Hilfe brauche, dann werde ich Sie um diesen Gefallen bitten.“ Das gibt es in John Deers Familie auch, das Erweisen solcher „Gefallen“. Er senkt zustimmend den Kopf, obwohl er es sonst war, der Gefallen erweist und auch einfordert. Solveig hatte die Situation umgekehrt, aber er ist sicher, dass Solveig nichts von ihm verlangen wird, was er ihr nicht bereitwillig geben würde.

Solveig macht ihre Arbeit fertig, dann fährt sie wieder fort, und Kylie beginnt nun von Zeit zu Zeit mit Solveig zu telefonieren. Immer, wenn sie etwas braucht, dann ist „Tante Solveig“ zur Stelle. „Tante Solveig“, wie Kylie jetzt voller Liebe sagt.

Seit dieser Zeit hat Solveig bei John Deer „einen Stein im Brett“, aber sie fordert nichts ein. Auch das kennt John Deer. Irgendwann einmal wird Solveig vor seiner Tür stehen und ihn daran erinnern, was er ihr versprochen hatte, und er wird ihr diesen Gefallen erweisen. Sie wird schon nichts verlangen, was er ihr nicht geben kann. Er ist sich sicher.

8.

Solveig nimmt ihre Tochter auch in andere Länder mit.

Europa, Australien, Asien. Christie lernt schnell, das diese Länder voneinander völlig unterschiedlich sind. In einem Punkt ist es überall dasselbe. Pferdebesitzer sind eine Art eingeschworener Gemeinschaft, mit ein und derselben Sprache. Mama hilft ihnen und sie genießt überall ihre Achtung. Diese Achtung überträgt sich auf Christie, und auch Christie entwickelt diese übermächtigen Kräfte der Familie in immer schneller werdenden Zyklen.

Als Christie dann einen kleinen Bruder bekommt, nimmt Mama auch Pablo Thémeron auf ihren Reisen mit, „den Jäger des Hochlandes“.

Pablo ist noch zu klein, aber Christie bindet ihre Tochter Christie bereits problemlos in ihre Arbeit ein. Weil sie als Mutter zweier Kinder nun in den Augen vieler ihrer Kunden eine richtige Frau ist, wird sie noch einmal mit anderen Augen angesehen.

Als Christie in die Schule kommt, bedauert sie fast, dass Mama sie nun nicht mehr so oft mitnehmen kann. Jetzt passiert das nur noch an vereinzelten Wochenenden oder in den Ferien, und in den Ferien gibt es ja auch oft diese Treffen der Kinder der Familie, zu denen sie hingeht, und zu denen auch Mama geht. Oft ist das oben auf der Ranch von Onkel Nakoma, manchmal aber auch in Berlin, in Thailand oder in den USA. Überall, wo es viele Kinder der Familie gibt. Mama ist in dieser „Schule der Familie“ wie eine Art Leitfaden.

Christie hat von ihrer Mutter schon früh gelernt, was es heißt, Verantwortung zu tragen. Auch in der Grundschule der Indiosiedlung lernt sie das, und sie lernt das auch bei den Treffen der Familie.

Manchmal nimmt Mama sie in den Ferien aber auch mit zu Behandlungen.

Zu Geheimtreffen der Mafiaführer, die Solveig von Zeit zu Zeit zusammen mit ihrer Cousine Elvira besucht, da nimmt Solveig ihre Tochter nicht mit, und auch nicht zu Treffen, die Chénoa und Solveig mit Wirtschaftsführern und einflussreichen Politikern hat. Noch nicht.

Es gibt Treffen, da bringt Solveig ihre beiden Kinder einfach irgendwo in ihrer Familie unter. Sie sind überall willkommen.

Am Anfang, als das passiert war, da hatte Christie manchmal geweint, und Solveig hatte ihr dann Geschichten erzählt, gesummt und gesungen, bis sie sich beruhigt hatte. Inzwischen weiß Christie, dass Mama immer wieder zurückkommt.

Manchmal besuchen sie Papa. Mal in Australien, mal in Afrika und mal in Asien. Christie kennt Staudämme. Einen Stausee und einen Staudamm haben sie in ihrem Tal ja auch, aber die Staudämme, die sie jetzt in anderen Ländern sieht, die sind gigantisch, und wenn sie im Bau sind, und wenn diese Erdmassen verschoben werden, bevor diese Mauern in die Höhe wachsen, dann sieht das noch gigantischer aus. Bei einem dieser Besuche war auch Christies kleiner Bruder entstanden. Damals konnte Christie die Energieströme noch nicht richtig zuordnen, aber Mama hatte sie anschließend in die Arme genommen. Sie hätte schon richtig gehört, hatte Mama ihr damals gesagt. Sie würde einen Bruder bekommen.

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22 aralık 2023
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9783942652728
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