Kitabı oku: «Die Vereinigung der Kraft»
Hans-Peter Vogt
Die Vereinigung der Kraft
(Master of the Animals)
Reihe: Die Macht des Tunnels, Band 4
Real-utopischer Roman / Fantasy - Abenteuer
Deutsche Ausgabe / für ebook überarbeitet / alle Rechte vorbehalten / ISBN 978-3-942652-49-0
© vogt multimedia verlag, Dr. Hans-Peter Vogt, Erlenweg 18, 64354 Reinheim / Umschlagentwurf und ebook-Optimierung © vogt multimedia design
Das gedruckte Buch ist erschienen unter dem Titel "Dennis und der Herr der Tiere". Sie können das im Internetshop bestellen unter http://www.fahrrad-dvd.de, direkt beim Verlag unter www.vogt-multimedia-verlag.de oder in jedem Buchladen.
Inhaltsangabe
Cover
Titel und Impressum
Inhaltsangabe
Einleitung
Kapitel 1. Para. Der Herr des Dschungels
Kapitel 2. Paras Ankunft in der Neuzeit
Kapitel 3. Im Dienste der Stiftung
Kapitel 4. Das Wiedersehen von Vater und Sohn
Kapitel 5. Der Kampf gegen die Mafia
Kapitel 6. Sommer in der heiligen Stadt
Kapitel 7. Intermezzo in Berlin
Kapitel 8. Heilende Hände
Kapitel 9. Das Zentrum der Quechua Indianer
Kapitel 10. Ausgrabungen und Gold
Kapitel 11. Noch ein Intermezzo
Kapitel 12. Gräber, Könige und Rituale
Kapitel 13. Das Zentrum der Quechua (2)
Kapitel 14. Der König der Tiere
Anhang (A) Klima und Landschaft
Anhang (B) Die handelnden Personen im Buch
Anhang (C) Städtenamen, Seen, sonstiges
Anhang (D) Der Autor
Einleitung
Dieses Buch spielt sowohl in der Gegenwart, wie auch in der Vergangenheit. In Berlin, in Bolivien und in Peru. Es ist der vierte Band der Reine „Die Macht des Tunnels“, der hier das Leben und die Erlebnisse von zwei hochbegabten jungen Männern beschreibt, Vater und Sohn.
Der Berliner Dennis entwickelt schon früh übernatürliche Fähigkeiten. Sie ermöglichen ihm unter anderem die Sprache der Tiere zu verstehen und mit ihnen zu sprechen. Er kann auch die Zeit und den Raum überwinden. Er gibt solche Fähigkeiten an seine Kinder weiter.
In diesem Band 4 werden die Abenteuer der vorgherigen Bände fortgesetzt. Dennis kümmert sich zunächst um das Zentrum für Musik in Berlin und dann um die Ausgrabungen in Peru und das von ihm geplante indianische Zentrum. Auf abenteuerliche Weise findet er nun seinen ältesten Sohn Para wieder, der vor 2400 Jahren gestorben ist und durch einen Zeitsprung in der Neuzeit landet.
Normalerweise ist so ein Zeitsprung psychisch nicht zu verkraften, aber Para hat Glück. Er landet in einem abgelegen Bergtal, in dem er schon einmal mit seinen Eltern war. Heute gehört dieses Tal seinem Vater. Er erkennt das Tal wieder, und er findet dort eine Indiofamilie, die ihn aufnimmt und ihn langsam auf diese neue Zeit vorbereitet. Sie stellt schon bald eine Verbindung zu Dennis Frau Alanque her, eine Indianerin, die in einem der Nachbartäler eine Ausgrabung leitet….
Kapitel 1. Der Herr des Dschungels
1.
Als Dennis damals von den Speeren der Karancula Krieger getroffen wurde, hatte die Sonnenkönigin gewütet. Sie vergaß alles, was Dennis sie gelehrt hatte. Sie nahm an den Karancula Kriegern grausame Rache. Sie verschonte selbst die von den Karancula unterdrückten Indiovölker des Urwaldes in Mittelamerika nicht. In einem neun Monate dauernden Feldzug vernichtete sie alles, was sich ihr in den Weg stellte.
Basuna, der weise Minister der Sonnenkönigin sagte nichts. Er wusste: So hätte das der Thénnis nie gemacht. Er hätte mindestens die Buschvölker verschont. Aber mit der Sonnenkönigin war nicht zu reden. Sie war in infamer Weise brüskiert worden. Sie wollte ein Mahnmal ihrer Macht setzen.
Basuna hätte sich selbst in Gefahr gebracht, wenn er etwas gesagt hätte.
2.
Die Buschindianierin Polia, die zweite Geliebte von Dennis, hatte in einer Audienz mit der Königin über den „Thénnis“ gesprochen. Sie würde in ihr Dorf zurückkehren. Sie würde ihre beiden Kinder mitnehmen und sie würde der Königin nicht in die Quere kommen. Faroa, der treue Diener von Dennis würde sie begleiten. Alle andern Diener würden frei sein, so wie sich Dennis das einmal gewünscht hatte. Sie würden die Schule der Thé in eigener Regie und in Gedenken an den Thénnis weiterführen.
Polia nahm nur einen Beutel Gold und Edelsteine, ein paar Decken und Felle, zwei Lamas, Proviant und einen Sack mit Speer- und Pfeilspitzen, sowie einen großen Pack langer Messer für ihr Dorf mit. Alles andere übergab sie der Königin.
Die Königin war großzügig gewesen. Sie hatte Polia gestattet, die Straße durch den Dschungel zu benutzen, der sonst für die Buschindianer ohne Begleitung durch die Thé verboten war. Sie hatte Polia ein goldenes Sonnensymbol mitgegeben, das sie auf Verlangen vorzeigen konnte, um zu zeigen, dass sie in der Gunst der Königin stand. Sie würde den Schutz der Thé Krieger erhalten, sollte das notwendig sein, und Polia würde das Recht haben, sich in den Dörfern mit Nahrung zu versorgen.
Die Reise dauerte über einen Monat. Polia trug ihr kleines Mädchen. Faroa trug ihren Sohn Para, der immer noch unaufhörlich plapperte. Manchmal setzte er Para auf eines der Lamas. Es war wie ein Wunder. Wenn Para mit den Tieren sprach, waren sie gehorsam, und liefen wie von alleine mit.
Para lauschte auch den Vögeln und den Affen im Wald neben der Straße. Manchmal breitete er die Arme aus und begann seinen Singsang, der bald in ein fröhliches Zwitschern überging. Papageien kamen herangeflogen und setzten sich auf Paras ausgestreckte Arme. Para lachte und zwitscherte. Er trällerte und gluckste mit den Vögeln um die Wette.
Manchmal ahmte er den Ruf der Affen nach. Es gab Stunden, da wurden sie von ganzen Affenfamilien begleitet, die neben der Straße von Baum zu Baum sprangen und die kleine Gruppe begleiteten.
Einmal kam ein ganzer Schwarm von Bienen. Es waren Tausende dieser großen, gefährlichen Bienen, die sich von Fleisch ernähren. Heute werden sie Killerbienen genannt. Aber Para stieß seltame girrende und kaum hörbare Laute aus. Die Bienen umschwärmten die Gruppe eine Weile, aber sie griffen nicht an. Die Lamas wollten zunächst die Flucht ergreifen, aber Para hatte sie mit wenigen Worten und ein paar freundliche Klappsen zur Ruhe gebracht. Die Bienen folgten der Gruppe etwa 20 Minuten, dann flogen sie davon.
Faroa kannte diese Bienen. Sie hatten seinen Vater getötet. Er konnte es kaum fassen, was da eben geschehen war. Natürlich kannte er Paras Vorliebe, mit den Tieren zu sprechen, aber so etwas hatte er noch nie erlebt. Er hatte in diesen 20 Minuten eine Todesangst wie selten zuvor. Er sah, dass Para völlig ruhig, fröhlich, ja glücklich schien. Para hatte nicht die Unbeschwertheit eines nichtsahnenden Kindes gezeigt, sondern er hatte sich ganz bewusst und mit klarem Instinkt auf die Bienen eingelassen, sie akzeptiert und auf seine eigene geheimnisvolle Weise beschwichtigt.
Die Folge dieser Erlebnisse war, dass auch die kleine Vera begann, die Töne und Laute von Para nachzuahmen.
Überraschend für Faroa hatte auch Polia in dieser Situation keine Angst gezeigt. Als Faroa sie darüber begann auszufragen, nickte sie ihm freundlich zu. „Ich habe gelernt, den Fähigkeiten von Dennis zu vertrauen. Para hat diese Fähigkeiten geerbt. Ich beobachte das schon lange. Ich habe Para mit den Bären sprechen sehen. Ich habe Para mit Lamas, Vögeln und Affen sprechen sehen. Ich weiß, dass er sich oft zurückgezogen hat, um mit Ratten und Mäusen zu reden. Warum sollte ich Para nicht auch bei den Bienen vertrauen?“
Faroa, der so etwas wie ein väterlicher Freund war, erkannte, dass Para göttliche Fähigkeiten hatte.
Die Reise war lang. Polia und Faroa waren in der Tradition der Indios erzogen. Also blieb es nicht aus, dass die beiden Vertrauten von Dennis bald begannen, das Nachtlager miteinander zu teilen. Polia und Faroa hatten ein neues Leben vor sich. Ein Leben, in dem Dennis nur noch in der Erinnerung und in seinen Kindern fort lebte. Sie mussten sich diesem neuen Leben stellen. Es war nur natürlich, dass Faroa begann, die Stelle des Ehemannes und Vaters für die Kinder einzunehmen. Vieles verband Polia und Faroa. Sie stammten aus demselben Dorf. Sie hatten beide die heilige Stadt kennengelernt. Sie hatten gelernt eine Gruppe von Menschen zu führen und sie hatten gelernt, sich in der großen Stadt zu behaupten.
„Dennis hätte das so gewollt“, sagte Polia irgendwann einmal. Damit war das Thema für sie abgeschlossen.
3.
Auf dem langen Weg wurden sie ein paar mal von Kriegern der Thé angehalten, die dort patroullierten. Sie konnten sich ausweisen und durften ungehindert weiterreisen.
Para nahm alles mit großen Augen und all seinen Sinnen auf. Es war ähnlich, wie damals bei der Reise mit Dennis und der Karawane der Händler. Das Reisen gefiel ihm.
Als sie dann die große Straße verließen und in den dichten Urwald eindrangen, war Para zunächst aufgeregt und begann dann alles noch viel intensiver zu betrachten. Das hatte er noch nicht gekannt.
Die Geräusche, das eigentümlich gedämpfte Licht, die Blumen und die Schmetterlinge in den Wipfeln. Das Surren, flattern und gurren erregte Para. Als sie abends Rast machten, machte er neue Erfahrungen. Es gab hier Insekten, die er nicht kannte. Spinnen, Käfer, große rote Ameisen, Würmer. Er betrachtete. Er befühlte. Er sah ihnen zu und er begann seltsame Laute auszustoßen.
Para war noch zu klein um richtig zu sprechen. Er konnte sich mit seiner Mutter unterhalten, aber es war eine Kleinkindersprache.
Man kann nicht sagen, ob es eine Kindersprache war, mit der er sich nun mit all diesen Tieren begann zu unterhalten. Vielleicht hatte er so etwas wie einen „Babybonus“, der Tiere veranlasst, Jungtiere zu beschützen. Manche sagen auch „Welpenschutz“ dazu. Doch würde sich schnell zeigen, dass es viel mehr war. Denn eigentlich akzeptierten nicht alle Tiere einen solchen „Babybonus“. Für manche Tiere war das eine willkommene Einladung, um das Baby zu fressen.
Als erstes machte Para die Erfahrung mit einer kleinen aber sehr giftigen Schlange. Sie war nur einen halben Meter groß, schwarzgelb und züngelte. Faroa bemerkte davon glücklicherweise nichts.
Para betrachtete sie eine Weile, dann begann er hohe, fast unmerkliche Zisch- und Pfeiff-Laute auszustoßen. Die Schlange kroch auf ihn zu. Sie züngelte und erfasste seinen Geruch. Als Beute war Para viel zu groß. Eine Gefahr schien er auch nicht zu sein. Die Laute verwirrten die Schlange. Para bückte sich, streckte seine Hand aus und die Schlange begann auf seine Hand zu kriechen und sich um seinen kleinen Arm zu wickeln. Para fipste weiter.
Er hatte sich ein Stück vom Lager entfernt. Als Polia ihn rief, zuckte der Kopf der Schlange in ihre Richtung. Feindselig. Aber Para fipste weiter. Die Schlange beruhigte sich und Para setzte sie wieder auf den Boden. Dann ging er zu Polia zurück.
Er erzählte von der Schlange, aber er kannte das Wort nicht. Schlangen hatte er zuvor nie gesehen. Langsam begriff Faroa, was Para da gesehen hatte. Es war eine Natterart und ihr Biß war tödlich. Er schnappte sich eines der langen Messer und ging ein Stück in den Wald, aber die Schlange war fort.
Als sie schließlich in ihrem Dorf ankamen, wurden sie mit großem Erstaunen begrüßt. Es hatte sich noch nicht bis hierher rumgesprochen, dass Dennis tot war.
Es war ein großes Hallo und es gab an diesem Tag ein Fest für die Heimkehrer, an dem viel getanzt und gesungen wurde und bei dem sie auch den toten Gott ehrten, der von ihnen gegangen war.
Für Para war alles neu. Der Dschungel, das Lager, die neue Familie, die Hunde. Er war aufmerksam, er war freundlich. Er ging auf die fremden Menschen zu, die nun seine Familie werden sollten. Mit den Hunden nahm er sofort Kontakt auf.
Sie schnupperten zunächst an ihm. Sie kannten ihn nicht, aber die Hunde merkten schnell, dass dieser kleine Junge kein Feind war. Er roch wie ein kleines Kind. Para hatte „Welpenschutz“.
Schon bald begann Para mit den Hunden zu sprechen. Es war kein Gebell oder Gekläff. Es war seine eigene Sprache, die sich bald mit winseln und wuffen mischte. Er fasste die Hunde an, die sich das sonst nicht gefallen ließen. Er befühlte ihre Ohren und Schnauzen. Er wuffte und winselte. Die Hunde nahmen seine Hände in ihr Maul und sie schleckten ihn ab. Sie nahmen ihn in ihre Familie auf. Sie würden ihn beschützen.
Polia sah das alles. Sie hatte immer ein waches Auge auf ihre Kinder. Sie lächelte. Sie stupste Faroa an und machte eine Kopfbewegung in die Richtung von den Hunden. Faroa sah zu Para. Er wollte etwas sagen wie „Hunde sind Hunde“, er meinte damit, dass man ihnen befehlen müsse, aber Polia sah ihn an und lächelte. Sie nahm seine Hand. „Para macht das auf seine Weise.“
Den andern Krieger der Péruan sahen dieses Spiel zwischen Para und den Hunden, aber es war nicht ihr Sohn. Es war nicht ihre Aufgabe, sich da einzumischen, und sein Großvater, der Takilada des Dorfes sah in die Runde. „Para ist einer von uns, aber er hat die weißen Haare und die blauen Augen seines Vaters.“
Alle wussten, was der Takilada damit meinte. Para war der Sohn des Thénnis. Er war ein Sohn Gottes.
4.
Para lebte sich schnell ein. Im Grunde war die Familie der Buschindianer nicht viel anders, als seine bisherige Familie der Knechte und Mägde in der großen Stadt. Es gab andere Kinder. Die Erwachsenen waren freundlich, manche Frauen hatten dicke Bäuche.
Auch mit den andern Kindern schloss er schnell Freundschaft. Sie hatten ihn zunächst scheu und argwöhnisch angesehen, aber sie hatten auch gesehen, dass Para von dem Dorfältesten mit großem Respekt behandelt wurde. Vor dem Dorfältesten wiederum hatten sie großen Respekt. Er war der Anführer des Dorfes. Keines der Kinder hätte es gewagt, dem Takilada zu widersprechen. Sie wären von ihren Eltern oder ihren größeren Geschwistern sofort zur Ordnung gerufen worden.
Die kleine Familie bezog eine der Hütten. Paras Urgroßmutter gesellte sich dazu. Sie begann einen Teil der Erziehung der beiden Kinder zu übernehmen. Vera war noch viel zu klein, um das alles mitzubekommen. Para akzeptierte die alte Frau sofort. Er spürte diese Güte, doch er akzeptierte auch, dass sie streng sein konnte. Es gab hier im Busch vieles, was er erst noch lernen musste.
Er sah Feuer, die den ganzen Tag und die ganze Nacht brannten. Er spürte die Hitze der Flammen und merkte, wie schmerzhaft diese Hitze sein konnte. Er sah das Wasser des Flusses. Er sah, wie sich das Dorf morgens und abends diesem Ritus des Waschens unterzog. Der Fluss war neu für ihn. Wasser machte Spaß.
Aber er sah auch die Blumen auf der Lichtung, die Lianen und Schlingpflanzen, die sich zum Wasser beugten, er sah bald auch die Fische und die Krokodile.
Er merkte sehr schnell, dass mit diesen Krokodilen nicht zu spaßen war. Er merkte, dass sie ihn verstanden, aber er merkte auch, dass sie ihn fressen würden. „Es ist ihre Bestimmung“, sagte Paras Großmutter. „Sie tun, was sie tun müssen. Sie wollen leben. Ein Leben ohne Fressen gibt es nicht.“
Para hatte sie lange angesehen. Er verstand, dass dies anders war. Tiere waren in ihrer Art unterschiedlich.
Was Para mit den Krokodilen nicht gelang, das gelang ihm mit den Fischen. Wenn er ins Wasser ging, dann versammelte er manchmal eine große Anzahl von Fischen um sich. Sie waren ohne Scheu, sie knabberten an seiner Haut. Es kitzelte und es tat gut. Die andern Kinder lachten und warfen sich in den Fischschwarm, so dass alle auseinanderstoben. Para konnte dann ernstlich böse werden.
Die Kinder lachten ihn zunächst aus, doch dann wurde Para richtig grob. Zunächst hatte er auf einen der größeren Jungen einschlagen wollen, der ihn ärgerte, doch er besann sich. Er fing an, hohe surrende Geräusche auszustoßen. Die Kinder lachten zunächst, doch dann begannen sie sich die Ohren zuzuhalten. Es waren unangenehme Geräusche. Bald wimmelte die Luft von großen Bienen, die sich auf die Kinder stürzten.
Die Erwachsenen sahen das und stießen Schreckensrufe aus. Die Kinder tauchten zum Schutz ins Wasser, aber sie konnten die Luft nicht lange anhalten. Wenn sie auftauchten, waren die Bienen sofort wieder da.
Dann waren die Bienen auf einmal weg. Para stand mitten im Wasser. Selbstbewusst und ohne einen einzigen Stich. Die Erwachsenen begannen ihn auszuschimpfen. Doch Para sah sie mit seinen großen Augen an. „Auch Fische muss man achten“, sagte er.
Es wurde an diesem Tag viel über dieses Ereignis geredet.
Der Takilada musste ein Machtwort sprechen. „Ist einem unserer Kinder etwas geschehen?“ fragte er. Die Kinder sahen sich an. Das wurde verneint. Es war unglaublich. Niemand hatte nur einen Stich bekommen.
Der Takilada sah Para an. „Du hast sie gerufen“, fragte er. Para nickte selbstbewusst. Dann begann er mit seinen wenigen Worten zu erklären, dass die Kinder lernen müssen die Tiere zu achten. Er wollte nur eine Warnung aussprechen. Er wollte zeigen: nicht alle Tiere lassen sich quälen. Killerbienen gehören nicht dazu.
Der Takilada sah ihn lange an. „Ich verstehe, dass du die Fische schützen wolltest. Aber wir leben von den Fischen. Wir essen sie.“ Wieder begann Para auf seine kindliche Weise zu erklären. „Jagen ist jagen“, sagte er auf seine Art. „Quälen ist quälen. Beides ist nicht dasselbe. Wenn wir jagen, um die Fische zu essen, dann ist das unsere Bestimmung.“
Der Takilada sah ihn lange an. Dann sah er in die Runde seiner Krieger und der Frauen und Kinder.
„Der kleine Para hat da etwas sehr kluges ausgesprochen. Gibt es irgendjemanden, der etwas dazu zu sagen hat?“
Einige der Dorfältesten meldeten sich. „Wir leben nach dem Gesetz des Dschungels“, sagten sie. Wir töten um zu leben. Aber wir achten die Tiere, die unser Leben sind. Unsere Kinder haben eine Dummheit gemacht, aber Para sollte lernen, dass wir seine Familie sind. Er sollte die Bienen lieber von uns fernhalten, statt sie auf uns zu hetzen. Wir verstehen, dass er eine Warnung ausgesprochen hat, aber so etwas darf nie wieder passieren.“
Die Dorfältesten hatten ausgesprochen, was richtig war. Para und auch die andern Kinder hatten einen Rüffel verdient. Die Kinder wurden an diesem Abend von ihren Eltern ermahnt.
Auch Paras Großmutter sprach an diesem Abend sehr ernsthaft mit ihm. „Wir sind deine Familie“, sagte sie. „Vergiss das nie.“
Para wachte in dieser Nacht auf und er weinte. Polia nahm ihn zu sich und beruhigte ihn mit ihrem warmen Körper.
Die andern Kinder hatten nun gehörig Respekt vor Para. Er wurde zunächst gemieden. Doch es zeigte sich bald, dass Para nicht der Typ war, um ein Außenseiter zu sein. Er nahm teil, wenn sie Blüten und Früchte sammelten. Er fing Fische, er stellte Reusen auf, er tat alles, was auch die andern Kinder auch taten, ohne sich anzubiedern. Sie vergaßen diesen Konflikt. Das Ereignis blieb in den Köpfen haften.
Es gab andere Dinge, die Para den Respekt der Gruppe verschafften.
Er hatte gelernt, mit den Affen zu reden. Er ließ sich zu guten Plätzen führen, in denen es Früchte im Übermaß gab. Er teilte diese Funde. Er begann mit den Schmetterlingen und Faltern zu reden. Selbst die gefährlichsten von ihnen akzeptierten ihn und sie taten ihm nichts.
Er lernte Heilkräuter kennen und ihre Wirkung und er ließ sich auch von den Tieren zeigen, wie sie Wunden und Infektionen behandeln.
Als er größer wurde, durchstreifte er mit seiner kleinen Schwester den Wald. Sie sammelten Kräuter, Beeren, Triebe und Rinden. Vera hatte ein großes Gespür für diese Kräuter. Sie sammelten, sie brühten auf, sie zermatschten. Sie entwickelten sich zu Medizinmännern des Stammes. Es gab bald kein Heilkraut und keine Giftpflanze, die sie nicht kannten und nicht anzuwenden wussten.
Sie waren für den Stamm eine große Hilfe. Die anfängliche Angst wich einer großen Bewunderung und Hochachtung für die beiden Kinder. Sie waren höchst ungleich. Vera verstand die Laute der Tiere, sie konnte sie nachmachen, aber es war Para, der wirklich mit all diesen Tieren sprach. Vera hatte diese Fähigkeit nicht, die Tiere zu beeinflussen.
Para lernte, ganz in den Tieren aufzugehen. Es geschah erstmals, als er mit seiner Schwester Beeren sammelte. Sie wurden begleitet von einer Horde von Affen. Para sprach mit ihnen, wie er immer sprach und plötzlich wurde er einer von ihnen. Er nahm ihre Gestalt an.
Vera sah ihn mit großen Augen an. Para begann mit den Affen zu turnen und in die Bäume zu klettern. Dann kehrte er mit einigen seltenen Blüten und Früchten zurück. Dann nahm er wieder die Gestalt des Menschen an. Vera fiel ihm um den Hals. Sie weinte ein wenig. Vor Schreck und vor Glück. Para war selbst überrascht und er bat Vera, nichts davon zu erzählen. Noch nicht.
Nun begann Para das öfter zu tun. Es gelang ihm, sich in die verschiedenen Tiere zu verwandeln. Selbst in Ameisen, Spinnen und Kröten.
Einmal begegneten sie einem Panther. Sie waren leichte Beute. Para rief die Affen zu Hilfe. Während die Affen den Panther ablenkten, beobachtete Para dieses riesige Tier. Dann begann Para zu fauchen. Er ging auf den Panther zu. Er nahm Drohgebärden an und dann verwandelte er sich plötzlich selbst in einen schwarzen Panther. Para griff an. Nicht wirklich. Er drohte. Die Affen schrien. Es war ein irres Spektakel. Die beiden Panther funkelten sich an, dann begann der andere Panther den Rückzug anzutreten. Para folgte ihm eine Weile, dann veränderte er seine Laute und wurde beschwichtigend.
Schließlich liefen sie eine Weile nebeneinander. Sie berochen sich. Der andere Panther sprang schließlich auf einen der Bäume und Para kehrte zurück zu Vera.
Als sie den schwarzen Panther erneut auftauchen sah, blieb ihr das Herz stehen vor Schreck, doch Para verwandelte sich zurück in seine Menschengestalt, und er ging auf seine Schwester zu. Er nahm sie in den Arm und beruhigte sie.
„Machen wir das noch einmal“, schlug er vor. Als Vera ihn ansah, verwandelte er sich wieder in einen Panther, aber diesmal sprach er in seiner eigenen Sprache. „Fass mich an“, bat er und Vera begann, ihm ins Fell zu greifen und die Stärke dieser Muskeln zu spüren, diese unbändige Kraft. Para verwandelte sich zurück.
„Wir müssen lernen, mit den Tieren zu leben“, sagte er. „Sie sind nicht gut und sie sind nicht böse. Sie sind Teile des Waldes, so wie die Früchte und das Wasser. Wir müssen lernen, sie besser zu verstehen.“
Vera nickte. Paras Fähigkeiten hatte sie nicht. Sie konnte sich gegen einen Panther nicht verteidigen, aber vielleicht würde sie lernen mit ihm zu leben. Sie konnte sich das noch nicht vorstellen, wie das gehen sollte. Aber sie nahm sich vor, die Augen und Ohren offen zu halten, um zu lernen.
Auch hier bat Para, dem Dorf zunächst nichts zu erzählen.
5.
Auf Dauer ließ sich das nicht geheim halten. Es gab Situationen, in denen Para seiner Familie beistehen und ihnen helfen musste.
So nahm er immer öfter Tiergestalt an und er lernte mit den Tieren des Waldes zu leben. So wie er mit den Menschen sprach, so konnte er die Tiere rufen und um ihre Hilfe bitten.
Er wusste, dass seine Familie von Fleisch lebt und von Früchten, die auch von den Tieren gegessen wurden. Es gab Konkurrenzsituationen. Aber Nahrung gab es im Urwald im Überfluss.
Para nahm an der Jagd nach Fleisch nicht mehr teil. Er überließ das den anderen Stammesmitgliedern.
Seine außerordentlichen Fähigkeiten begannen sich im Urwald herumzusprechen.
Immer öfter wurden er und Vera von anderen Stämmen um Hilfe gebeten, wenn es galt, kostbare Heilmittel zu finden und sie zuzubereiten. Para und Vera waren bald so etwas wie die heiligen Medizinmänner des Urwaldes. Obwohl sie noch Kinder waren, wurden sie von den Indianern der Péruan mit großer Hochachtung behandelt.
Para hatte nicht nur die Fähigkeiten Kräuter zu finden und sie zuzubereiten. Er entwickelte so etwas wie „heilende Hände“. Es geschah erstmals, als der Häuptling eines Nachbardorfes krank wurde. Niemand wusste, was er hatte. Die Dorfbewohner schickten nach Para und seiner Schwester.
Para setzte sich neben den Kranken. Er legte seine Hand auf die schweißnasse Stirn. Er legte sie ihm auf die Brust und die Arme. Er legte sie auf die Beine, die Füße und Genitalien des Mannes. Er lauschte und schwieg. Er schloss die Augen und hörte in den Kranken hinein. Dann gab er Vera die Anweisung nach einer bestimmten Sorte von Früchten und Blättern zu suchen. „Viele Blätter“, sagte er. „Viele Früchte“. Vera nahm einige der Frauen mit. Sie wusste, wo sie suchen musste.
Während sie in den Wald ging, legte Para seine Hände auf die Brust des Kranken und er begann zu summen. Ein leichtes Zittern ging durch Paras Körper, dann begann sich ein elektrisches Feld um ihn zu spannen. Blau und feingeädert.
Die Péruan sahen das Geschehen mit Entsetzen, aber sie wagten nicht einzugreifen. Para saß da. Das elektrische Feld spann sich zwischen seinen Händen und dem Brustkorb des Kranken. Dann begann sich die Hütte mit Ameisen zu füllen. Schwarze große Ameisen. Sie krochen auf den Körper des Kranken, sie krochen in die Nasenlöcher und die Ohren. Sie bedeckten den ganzen Körper wie eine zweite Haut. Tausende.
Die Péruan waren starr vor Angst.
Dann veränderte sich die Stimme von Para und die Ameisen verschwanden. Der Kranke war trocken. Der Schweiß und das Salz waren von den Ameisen aufgegessen worden. Sie hatten Schleim und Blut aus seiner Nase geholt und verzehrt und sie hatten den Kranken viele Male gebissen, so dass das Gift nun in dem Körper des Kranken wirkte.
Para saß weiter dort und sang. Mal weich und melodisch, mal abgehackt und zerstückt. Das elektrische Feld war immer noch da.
Als Vera kam, bereitete sie die Beeren zu. Sie brachte Para die Blätter, und Para bat, den Kranken ganz mit den Blättern zu bedecken. Er ließ die Hände unter den Blättern liegen. Der Schein des elektrischen Feldes leuchtete durch die Blätter. So saß Para die ganze Nacht. Er sang und brabbelte.
Am nächsten morgen schlug der Takilada die Augen auf. Para befahl, ihm vom Saft der Beeren zu trinken geben. „Kleine Schlucke“, bat er.
Er saß weiter neben dem Kranken und ließ ihn durch Vera ständig mit dem Saft der Beeren versorgen. Am Abend begannen sich seine Wangen zu röten. Er erhielt wieder den Saft der Beeren, und Para saß und wachte auch die zweite Nacht bei dem Kranken.
Am nächsten Morgen hatte der Kranke die Augen ganz offen. Er atmete ruhig. Er verlangte nach Wasser. Para befahl, die Blätter wegzunehmen und den Kranken abzutrocknen. Dann brach Para zusammen.
Vera versorgte den Kranken mit Wasser und dem Saft der Beeren. Sie befahl, Para zuzudecken und ihn schlafen zu lassen.
Am nächsten Morgen setzte sich der Takilada auf. Er sah die Menschen seines Dorfes an. Er atmete tief durch. „Ich fühle mich gut“, sagte er. Er stand auf. Er war noch ein wenig kraftlos, aber das war kein Wunder. Dann ging er zu Para. Er legte ihm die Hand auf die Schulter und sah Vera an. „Lass ihn schlafen“, bat sie. „Er hat viel Kraft verbraucht, um dir zu helfen.“
Para schlief drei Tage und drei Nächte lang. Dann wachte er auf und bat um Wasser. Er sah Vera an. „Der Kranke?“ Vera nickte ihm zu. „Es geht ihm gut. Besser als dir.“ „Dann lasst uns baden“, bat Para und das ganze Dorf ging an die Badestelle am Fluss. Para und der Alte waren noch etwas schlapp, doch das kühle Wasser tat ihnen gut.
„In den nächsten drei Tagen gibt es für den Takilada nur den Saft der Beeren und Wasser“, befahl Para. „Nachts wickelt ihr ihn in die Blätter ein. Er sollte am Morgen und am Abend baden. Das reinigt ihn vom Schweiß und den Ausscheidungen der Haut. Das Gift der Ameisen muss den Körper wieder verlassen. Das dauert noch ein paar Tage. Erst dann darf der Takilada wieder essen. Gebt ihm zuerst Obst. Später darf er etwas Trockenfleisch essen. Aber gebt ihm jeden Morgen etwas rohen Fisch und viel Wasser. Er braucht das.“
„Ich bleibe noch zwei Tage. Ich bin sehr müde. Wenn ich wach bin, werde ich weiter nach dem Takilada sehen."
Es war wie ein Wunder. Dem Takilada ging es von Tag zu Tag besser. Auch Para erholte sich und hatte nach zwei Tagen seine alte Kraft wieder. Er war erst acht und er hatte sich die Dankbarkeit und die Hochachtung des ganzen Dorfes verdient.
Dieses Ereignis sprach sich im Dschungel herum. Es wurde sogar bis in die heilige Stadt getragen.
Die Sonnenkönigin sprach mit ihrer Tochter darüber. Sie waren sich einig, dass Para die Kraft seines Vaters geerbt hatte, wenn alles das so stimmte, wie man ihnen das zugetragen hatte. Die Königin zweifelte nicht daran. Sie wusste längst, dass sich dort im Urwald am Amazonas etwas bedeutendes entwickelte. Sie hatte das Dorf von Abgaben verschont, aber sie hörte die Berichte der Handelskarawanen, die das Dorf in unregelmäßigen Abständen besuchten. Sie war recht gut darüber informiert, was dort geschah.
6.
Auch die älteste Tochter von Dennis und der Sonnengöttin hatte solche außerordentlichen Fähigkeiten wie Para. Auch sie war weißhaarig und blauäugig.
Fala hatte schon früh einen guten Kontakt zu allen Menschen am Hof. Sie konnte gut plappern und sie konnte gut zuhören. Sie konnte vermitteln und Frieden stiften. Sie hatte sehr früh einen Teil der Kraft von Dennis bekommen, damals auf dem großen Fest.
Schon in jungen Jahren kümmerte sie sich um die früheren Diener des Thénnis. Sie ermunterte sie mit der Schule fortzufahren und Vera nahm selbst an diesem Unterricht teil.
Bereits mit vier konnte sie alle diese Zeichen lesen, deuten und schreiben. Sie führte neue Zeichen ein. Manches vereinfachte sie, manches ergänzte sie. Sie hatte eine unglaubliche Auffassungsgabe und ein perfektes Gedächtnis. Sie konnte mit Zahlen umgehen und selbst schwierige Rechenaufgaben lösen. Es war ein Wunder.
Fala war stets offen. Sie lobte und sie kritisierte. Sie kannte keine Scheu und kritisierte auch ihre Mutter.
„Der Krieg damals, gegen die Karancula“, sagte sie, „da hast du Fehler gemacht.“ Die Dörfer des Busches haben unter den Karancula gelitten. Du hättest sie zu deinen Freunden machen sollen.“ Sie war vier, als sie das sagte. Woher sie das wusste, konnte sich niemand erklären. Nur Basuna hatte dabei gestanden und den Kopf gesenkt. Er hatte leise in sich hineingelächelt. Er wusste: Fala war die Tochter eines Gottes. „Götter wissen viele Dinge, die Menschen nicht wissen“, hatte Dennis einmal gesagt. Basuna erkannte Dennis in Fala wieder. Sie hatte dieselbe Art, auf Menschen zuzugehen, sie war großherzig, hellwach und mit einer Ausstrahlung, die auf die Menschen um sie herum wirkte, wie die wärmende Sonne am Morgen.
Auch er hatte schon sehr früh alle Berichte über Para gehört. Während Para und Fala ganz offenbar die göttlichen Fähigkeiten von Dennis geerbt hatten, waren die beiden andern Kinder zwar hellwach und begabt, aber sie hatten nicht diese unvergleichlichen Kräfte.
Palasque, der Bruder von Fala hatte sich schon früh dem Interesse an Waffen und Krieg verschrieben. Er spielte gern mit Dolchen, und übte mit der Palastwache. Basuna beobachtete das, und er beauftragte den Heerführer, sich um den Jungen zu kümmern.
Fala war ganz anders als ihr Bruder. Sie nahm an Besprechungen der Minister und der Hohepriester teil. Man konnte mit ihr reden und diskutieren. Sie gab sehr schlaue und gerechte Anweisungen. Sie begann die Beratungsstelle ihres Vaters einzunehmen. Außerdem hatte sie sich schon sehr früh um die Fortsetzung des Hochzeitsrituals gekümmert. Es war verblüffend. Sie hatte wirklich die Stelle ihres Vaters eingenommen. Sie konnte den Menschen in die Herzen sehen. Sie überließ die Trauung stets den Priestern, aber Fala übernahm alle Arbeiten, die vorher anstanden.
Dabei verlangte sie kein Geld. Sie wies es ausdrücklich zurück. „Ich bin die Tochter der Königin“, pflegte sie zu sagen. „Ich habe euch so zu dienen, wie ihr mir gehorchen müsst.“ Auch das war neu. Jeder andere wäre dafür verachtet, vielleicht sogar hingerichtet worden. Es war eine Ungeheuerlichkeit. Aus dem Mund von Fala klang das ganz selbstverständlich. Das Volk liebte Vera, und es begann die Beziehungen untereinander zu verändern. Es war wirklich, als wenn Dennis in Fala weiterlebte.
Die Sonnenkönigin bat Fala manchmal, sich etwas zurückzuhalten um die Hochachtung vor dem Hof nicht zu verwässern, aber Fala wehrte ab. „Ich werde nichts unternehmen, was deine Stellung untergräbt. Du bist die Herrscherin des Sonnenstaates. Ich bin nur deine Tochter.“ Es war wirklich so. Fala hielt sich daran. Sie ließ ihrer Mutter bei den Festen stets den Vortritt. Bei den Besprechungen mit Ministern und den Hohepriestern überließ sie ihrer Mutter stets das letzte Wort. Sie unternahm nichts, was ihrer Mutter schadete.
Nur manchmal, nach einer Sitzung kritisierte sie ihre Mutter unter vier Augen, und bat sie etwas zu überdenken, was sie für falsch hielt. Aber das blieb ein Geheimnis zwischen Fala und der Sonnenkönigin. Nicht einmal Basuna wusste davon.
Außerdem besprachen sich Fala und ihre Mutter oft vor wichtigen Entscheidungen. Manchmal wusste Fala keinen Rat, dann holten sie die Minister und die Hohepriester zu ihren Besprechungen. Fala wuchs in die Rolle der zukünftigen Herrscherin des Landes.
Als sie sechs Jahre alt war, unternahm sie ihre erste Reise. Sie begleitete eine Karawane weit nach Süden und kam mit neuen Eindrücken und Erkenntnissen zurück.
Sie nahm bald regelmäßig an solchen Reisen teil. Sie lernte andere Städte und Fürsten kennen. Sie hörte stets aufmerksam zu und sie ließ nichts zu, was die Stellung der Königin hätte schmälern können. Auf einer dieser Reisen wurde Fala von Basuna begleitet. Er erstattete der Königin Bericht. Er war voller Hochachtung für die diplomatischen Fähigkeiten von Fala.
7.
Als sich das Gerücht um die wundersame Heilung im Lande verbreitete, beschloss Fala ihren Stiefbruder aufzusuchen.
Sie erklärte das ihrer Mutter so. „Du hast mir einmal erzählt, dass du mit Polia eine Vereinbarung getroffen hast. Sie soll in ihr Dorf zurückkehren und den Erben deines Thrones nicht gefährlich werden. Ich sehe da keine Gefahr. Aber ich sehe da ein außerordentliches Talent, was wir uns zunutze machen sollten. Aus diesem Grund will ich meinen Stiefbruder kennenlernen. Ich werde eine Karawane begleiten, die mich in sein Dorf führt. Ich will keine Elitekrieger dabei haben. Ich kann mich selbst verteidigen, wenn es dazu kommen sollte.“
Die Königin besprach das mit ihren Beratern und sorgte für eine ausgesuchte Mannschaft der nächsten Karawane an den Amazonas. Alle Thé waren Krieger. Fala würde mehr Schutz haben als sie vermutlich brauchte.
8.
Die Karawane brauchte zwei Monate um das Dorf am Fluss zu erreichen. Es waren Händler. Also suchten sie jedes Dorf auf, um zu handeln. So lernte Fala vieles über die Sitten und Rituale der Buschindianer. Das war neu für Sie. Auch jetzt zeigte sie sich als die Tochter des Thénnis. Gewiss, sie war auch die Tochter der Königin. Sie konnte Befehle aussprechen, denen man gehorchen musste. Aber Fala zeigte nie Überheblichkeit. Sie ging auf die Menschen zu und lebte mit ihnen. Sie verbreitete Hochachtung. Hörigkeit ließ sie nur in Ausnahmesituationen zu. Sie hörte zu. Sie gab Ratschläge. Sie versprach Dinge an die Königin weiterzuleiten, die sie nicht selbst entscheiden konnte.
Als sie schließlich im Dorf von Polia und Para ankamen, wusste Fara mehr über die Péruan als ihre Mutter.
Die erste Begegnung zwischen Fala und Para war entscheidend. Sie standen sich gegenüber. Zwei blonde und blauäugige Achtjährige.
Para wusste natürlich, wer da vor ihm stand. Bei der Ankunft von Fala waren die Péruan vor Achtung auf die Knie gegangen und sie hatten die Köpfe gesenkt. Auch Para hatte das gemacht, wie alle.
Fala war durch die Gruppe gegangen und hatte Para befohlen aufzustehen. „Du musst Para sein“, sagte sie, und als Para nickte, nahm sie seine Hände und sagte, „mein Bruder.“
Para sah sie lange an. Er fühlte die Kraft in ihren Händen. Sie verband sich mit seiner eigenen Kraft und es begann sich ein Gespinnst von Lichtern um die beiden zu zeigen. Das Gespinnst entwickelte sich zu einem Sturm an Licht. So standen die beiden und sahen sich in die Augen und in die Herzen. Sie erkannten: Sie waren sich ebenbürtig und sie stellten für einander keine Gefahr da. Sie waren Bruder und Schwester. „Meine Schwester“, sagte Para stolz.
Fala blieb zwei Tage da, dann wollte die Karawane weiterziehen. Fala nickte. „Wie lange seid ihr unterwegs? Noch einen Monat? Gut dann holt mich hier wieder ab. Ich bleibe hier.“ Der Kaufmann war bestürzt. Das war mit der Königin nicht vereinbart. Aber Fala blieb eisern. „Wenn dir mein Wunsch nicht genug ist, dann befehle ich es dir. Die Péruan werden mich beschützen.“ Sie sah ihren Bruder an, der ihr aufmunternd zunickte. „Para wird mich beschützen.“
Der Karawane blieb nichts anderes übrig. Ein Bote wäre nicht rechtzeitig in die große Stadt gekommen. Sie mussten sich der Anweisung ihrer zukünftigen Königin beugen.
9.
Dieser Monat war für Fala ein Schlüsselerlebnis. Sie lernte nicht nur die Freundschaft der Péruan kennen, sondern auch ihre Fürsorge, ihre Offenheit und ihre Ehrlichkeit.
Para und Vera nahmen sie mit in den Busch. Sie sah zu, wie sich Para in wilde Tiere und Schmetterlinge verwandelte. Sie sammelte Kräuter und bereitete Tees und Aufgüsse. Sie nahm Fische aus und webte. Sie nahm all das mit offenen Augen und Ohren auf. Es war ihr Dorf. Nicht nur, weil sie die zukünftige Königin war. Es war ihre Familie. Sie lernte viel von Para. Einmal begleitete sie Para und Vera zu einem Krankenbesuch in ein Dorf, das drei Tagesmärsche weiter am Fluss lag. Para und Vera versorgten und bewachten sie. Sie machten es auch möglich, dass Fala nie krank wurde.
Dieser Krankenbesuch war für Fala ein einschneidendes Erlebnis. Der Indio war einem Krokodil zu nahe gekommen und hatte einen Arm verloren. Als sie in das Dorf kamen, war der Mann schon so gut wie tot. Zwar hatte die Medizin Entzündungen und Wundbrand verhindert, aber der Blutverlust und die Schmerzen hatten den Indio bewusstlos gemacht. Para wusste von den Boten, was passiert war. Er hatte unterwegs mit Vera verschiedene Kräuter gesammelt. Dann war er mit Vera in die Sümpfe gestiegen und hatte einige große Kröten mitgebracht. Sie hatten grüne Bäuche und große Warzen. Sie hatten sie auf Blätter gesetzt und in einen Beutel getan.
Als sie ankamen wollte Para sofort den Kranken sehen. „Keine Unterwerfungen“, befahl er den Indios. Dafür haben wir jetzt keine Zeit. Dann bat er Vera nach einer bestimmten Schneckenart Ausschau zu halten. „Nimm die Frauen des Dorfes mit“, bat er. Zu Fala gewandt sagte er, „du kannst mir helfen.“
Er richtete den Kranken mit Falas Hilfe etwas auf, aber der Indio blieb ohnmächtig. Er legte ihn wieder hin. Dann sah er sich die Wunde an. Der Mann hatte Fieber. Die Wunde sah aber gut aus. Dennis holte die Kröten aus dem Sack, drückte ihnen auf den Bauch, so dass große Mengen Schleim aus den Mündern quoll, er verteilte den Schleim auf der Wunde. Dann bat er um Wasser und wartete auf Vera.
Sie hatte sich beeilt. Sie hatten Schnecken gefunden, aber nicht viele. Para nickte. "Schick die Frauen noch einmal fort. Wir brauchen mehr." Dann verteilte er die Schnecken auf dem Körper des Kranken. Es war eine besondere Art. Eine Kreuzung aus Schnecken und Blutegeln. Sie bissen sich in die Haut und tranken das Blut des Opfers. Sie spritzten dabei ein besonderes Gift in die Blutbahn, das hochtoxisch war und das Blut verdünnte. Als die Frauen mit mehr Schnecken kamen, setzte Para auch diese Schnecken auf den Körper des Kranken. Dann bat er Vera eine bestimmte Sorte von Beeren und Wurzeln zu suchen. Vera wusste Bescheid. Sie nahm die Frauen wieder mit.
Als sie zurückkamen, hatte Para die Schnecken von der Haut entfernt. Sie waren groß und fett geworden.
Sie kochte die Beeren und die Wurzeln zu Tee. Dann warf sie die Schnecken in einen Topf und kochte sie ein.
Para richtete den Kranken erneut auf und flößte ihm etwas von dem Tee ein. Er schlug die Augen auf und Para bat ihn noch etwas zu trinken. Dann setzte er sich neben ihn und begann seinen Singsang. Er legte die Hände auf das Herz des Kranken und sang. Bald begann die Brust des Kranken gleichmäßig im Takt des Atems und im Schlag des Herzens auf und abzuschwellen.
Para warte eine Stunde, dann noch eine. Dann weckte er den Kranken auf. „Du musst essen und trinken“, sagte er. Er gab ihm etwas Tee, dann gab er ihm zwei Löffel von dem Schneckenmus. „Willst du mehr?“ Der Kranke nickte und bekam noch etwas Tee und Schneckenmus. Dann legte er sich zurück und schlief ein. Para legte erneut die Hände auf das Herz und sang.
Nach zwei Stunden wiederholte er die Behandlung. So ging das die ganze Nacht und den ganzen nächsten Tag.
Fala war todmüde, aber sie wachte die ganze Zeit neben Para und dem Kranken und sie beobachtete.
Am darauffolgenden Tag bat er erneut um diese Schnecken.
Die Frauen hatten sich die Stelle gemerkt, wo sie die Schnecken gefunden hatten. Sie kamen bald zurück und Para wiederholte die Behandlung mit den lebenden Schnecken. Diesmal verwendete er sie nicht wieder. „Setzt sie wieder aus, bat er. Lasst sie am Leben. Wir haben ihnen zu danken.“
Dann erhielt der Kranke wieder Tee und Schneckenbrei. Am Abend ging es ihm schon viel besser. Am nächsten Tag richtete er sich auf. Im Laufe des Tages besserte sich sein Zustand zunehmend. Er bekam wieder Farbe im Gesicht.
Para hatte die Kröten mehrfach gemolken, und immer wieder von diesem Schleim auf die Wunde gegeben. Sie sah gut aus. Sie schloss sich. Es bildete sich eine Art dicker Schorf. Nun gab er dem Kranken auch feste Nahrung. Obst, Fisch und Fleisch.
Dann brach Para zusammen. Es war wie das letzte Mal. Er schlief zwei Tage und Nächte. Vera und Fala waren selbst todmüde, aber sie versorgten den Kranken weiter und schliefen zwischendurch abwechselnd. Sie baten, Para ganz in Ruhe zu lassen.
Als Para wieder aufwachte, ging er ans Wasser und nahm ein Bad. „Kein Wasser an die Wunde“, befahl er den Indios. „Lasst die Wunde heilen. Keine heftigen Bewegungen. Gebt ihm den Rest an Schneckenmus. Sucht neue Beeren. Kocht sie zu Tee. Sie sorgen dafür, dass sich neues Blut bildet. "Keine lebenden Schnecken mehr. Der Kranke soll nun normale Nahrung zu sich nehmen. Viel Fisch und Obst.“
Dann machte er sich mit Vera und Fala auf den Rückweg. Sie wurden von drei Jägern begleitet, um sie sicher zurückzubringen. Fala war neugierig. „Was war das mit den Kröten und mit den Schnecken“, fragte sie.
Para erklärte. "Der Schleim der Kröten hat ein Mittel, dass die Wunde reinigt und Entzündungen verhindert. Die Schnecken trinken das Blut und spritzen ein Gift in die Blutbahn, welches das Blut besonders flüssig macht. Der Kranke hatte viel Blut verloren. Er musste das Blut wieder zu sich nehmen, das die Schnecken aus ihm herausgesaugt haben. Deshalb haben wir ihm die Schnecken zum essen gegeben. Die Beeren regen den Körper an, neues Blut zu produzieren. Die zweite Ladung Schnecken hat Giftstoffe aus dem Blut gesaugt. Deshalb haben wir sie wieder freigelassen.“
„Wir Peruan kennen viele Rezepte und Heilmittel. Ich habe gelernt, sehr früh mit den Tieren zu sprechen. Sie haben mir gezeigt, dass es noch viel mehr Heilmittel gibt, als wir Menschen wissen. Ich bin froh, dass mir Vera immer zur Seite steht. Meine kleine Schwester ist mir eine große Hilfe.“
„Und warum hast du kein Geld genommen für deine Behandlung“, fragte Fala.
Para schüttelte den Kopf. „Wir haben hier alles, was wir brauchen. Wenn ich Hilfe brauche, dann sind die Peruan immer für mich da. Sie sind meine Brüder und Schwestern. Wenn ich die Hilfe der Tiere brauche, dann brauche ich sie nur zu rufen. Sieh nur…“
Er stieß einige Laute aus und streckte den Arm aus. Einige Schmetterlinge kamen und setzten sich auf seinen Arm. Sie hatten riesige Flügel, handtellergroß. Sie waren bunt und hatten schwarze behaarte Körper. Para redete mit ihnen. Sie schlugen die Flügel auf und nieder und wippten mit ihren Körpern, als wollten sie tanzen, dann erhoben sie sich wieder und flatterten davon.
Sie hatten für diese Reise zehn Tage gebraucht. Als sie zurückkamen, wartete die Karawane bereits auf sie. „Oh“, sagte Fala bedauernd.
Sie blieb noch zwei Tage, dann verabschiedete sie sich. Sie hatte Para und Vera liebgewonnen. „Sehn wir uns wieder“, fragte sie zum Abschied. „Wer weiß“, sagte Para. Als Péruan darf ich nicht in die große Stadt, aber du bist hier jederzeit willkommen. Wenn du mich brauchst, dann rufe nach mir.“
Sie umarmten sich zum Abschied.
Die Karawane war heilfroh, dass Fala wohlauf war. Sie hatten ihre Geschäfte abgeschlossen und sie marschierten auf schnellstem Weg zurück.
Fala war vier Monate weggewesen. Es wurde Winter als sie in der großen Stadt ankamen.
Die Königin atmete auf, als sie Fala gesund und munter wieder zurück sah. Sie hatte rote Wangen bekommen, und sie strotzte vor Kraft und Selbstbewusstsein.
Die Königin rief ihren Rat zusammen und ließ sich berichten.
„Para ist für uns keine Gefahr“ begann Fala. „Er ist glücklich dort im Dschungel des Amazonas, und er vollbringt wahre Wunder. Er ist ein großer Medizinmann.“ Sie schaute in die Runde. „Keine Angst. Er hat keine Ambitionen auf den Thron. Er hat kein Interesse an Macht. Er fühlt sich als Diener der Péruan, nicht als ihr Herrscher. Er ist so wie ich, und er ist der Königin sehr ergeben. Er ist mein Bruder und er steht unter meinem Schutz.“ Sie sah ihre Mutter an. „Dieses mal werde ich deine Stimme nicht abwarten. Wir können beraten, aber Para steht unter meinem Schutz. Ich will, dass ihr das alle respektiert.“
„Hat Para dir den Kopf verdreht“, wollte einer der Hohepriester wissen.
Fala wollte zunächst ärgerlich auffahren, doch dann besann sie sich. Das musste gefragt werden.
Sie wartete einen Moment, dann schüttelte sie energisch den Kopf. „Ihr habt mich erzogen. Ihr habt mich lange beobachtet. Ihr wisst, dass man mir den Kopf nicht verdreht. Ich habe ein sehr ausgewogenes Urteil. Um die Frage direkt zu beantworten: Ich habe Para sehr genau beobachtet. Ich habe ihn einen Monat lang studiert. Ihn und seine kleine Schwester Vera. Nein. Er hat mir nicht den Kopf verdreht und er ist auch keine Gefahr. Er ist ein wunderbarer Mensch, so wie viele Théluan und Péruan. Ich bin stolz, einen solchen Bruder zu haben. Vera ist seine kleine Schwester. Sie ist begabt, aber sie hat nicht die Kraft ihres Bruders. Vater hat seine Kraft nur an zwei seiner Kinder weitergegeben.“
Die Hohepriester und die Minister senkten die Köpfe. Ja. Palasque hatte diese Fähigkeiten nicht. Er entwickelte sich zu einem geschickten Kämpfer, die strategischen Fähigkeiten seiner Schwester hatte er nicht. Er würde nie ein großer Feldherr werden.
10.
Auch Palasque hatte von Para gehört. Palasque wurde als kleines Kind immer nur Pala gerufen. Er wollte Palasque genannt werden. Das klang nach mehr Hochachtung. Er hantierte liebend gern mit Waffen. Er war ein geschickter Kämpfer, aber er trieb sich mehr auf den Plätzen der Thé Krieger herum, als gut war. An den Dingen, die seine Schwester da tat, hatte er kein Interesse. Weiberkram. Er wusste, dass Fala die zukünftige Königin war, aber er begriff nicht, was sie da alles machte. Diplomatie war nicht seine Sache. Herzlichkeit war keine Sache der Krieger. Alle Versuche, ihn in einem andern Sinn zu beeinflussen, waren vergebens. Palasque war ein verlorener Sohn.
Leider war Palasque auf die Stellung seiner Schwester eifersüchtig. Er hatte nie diese hohe Anerkennung der Menschen erfahren wie seine Schwester, obwohl er als Kind genauso geliebt worden war wie Fala. Er konnte sich das nicht erklären, und als er nun von dem Jungen da in den Sümpfen hörte, gab es in seinem Herzen einen Stich.
Er war der Sohn der Königin. Ihm gebührte die Achtung. Nicht diesem Sohn einer hergelaufenen Péruan.
Je mehr er von Para hörte, desto mehr vertiefte sich diese Abneigung. In den Folgejahren hörte er immer wieder von den Erfolgen dieses Para. In Palasque wuchs die Eifersucht und die Abscheu. Er redete nicht darüber und so konnte sich dieses Gefühl immer mehr ausbreiten. Schon mit acht unternahm er Streifzüge mit den Théluan. Er baute sich eine eigene Truppe auf. Es gab Berichte über Grausamkeiten. Auch einige der Karawanen beschwerten sich.
Die Minister gaben das an die Königin weiter, aber sie war nicht geneigt, einzuschreiten. Sie sprach manchmal mit Palasque, aber der schwieg, oder redete die Sache klein.
Insgeheim dachte er sich: er würde das Reich anders führen. Mit harter Hand. Dann könnten sie das Reich bis zum großen Ozean ausbreiten. Dort hinter den großen schneebedeckten Bergen.
11.
Para wusste von alledem nichts. Er tat, was er immer tat. Freundlich und aufopferungsvoll. Seine Verwandlungskünste steigerten sich von Jahr zu Jahr. Seine Kenntnisse der Heilkräuter und die Kraft seiner Hände nahm stetig zu. Er entwickelte sich zur Legende. Manchmal unternahm er weite Reisen, um Kranke zu heilen und um seine Kenntnisse von Heilkräutern und ihrer Wirkung an andere weiterzugeben.
So wie seine Halbschwester Fala sich der Kunst des Lesens und Schreibens verschrieben hatte, und alles tat, um die Schulen zu stärken, so wurde Para zu einem Medizinmann und Lehrer für das Volk der Péruan.
Seine kleine Schwester begleitete ihn auf all seinen Reisen. Sie betete ihn an. Beide gemeinsam wurden von den Indios im Amazonasgebiet vergöttert. Auch Vera wurde immer geschickter. Die geheimnisvolle Kraft von Paras Händen hatte sie nicht.
Obwohl sie inzwischen die Sprache der Tiere gut verstand, hatte sie nicht diese Aura, um die Tiere in ihrem Sinn zu beeinflussen und zu steuern. Es machte ihr nichts. Sie war glücklich mit ihrem großen Bruder. Er war ihr Halbgott.
Ohne dass sie es wussten, wurden immer wieder Berichte über Para und Vera an den Palast geschickt. Die Königin wurde immer wieder unterrichtet und auch Palasque hatte inzwischen seine eigenen Spione.
Irgendwann hatte Palasque beschlossen, es reicht jetzt.
Er wusste, dass Para wieder auf einer Reise war und wann er in seinem Dorf zurückerwartet wurde. Palasque nahm eine Schar seiner Spezialtruppe und machte sich auf den Weg. Seiner Mutter sagte er schon lange nichts mehr über seine „Ausflüge“.
12.
Para war dreizehn Jahre alt, als er eine größere Reise in den Süden machte. Er ging mit Vera alleine. Er kannte die Peruan, er musste sich keine Sorgen machen. Er kannte die Tiere und fürchtete sich nicht.
Auch auf dieser Reise gab er viel seiner Kenntnis der Medizin an die Stämme der Péruan weiter. Er war glücklich. Es war ein gutes Leben.
Immer wieder spielten sie mit Schmetterlingen, mit Kolibris und mit den Affen. Er hatte keine Angst vor den Schlangen. Er kannte die schwarzen großen Ameisen und die Kröten und Echsen. Nur vor den Krokodilen nahm er sich acht. Dann gab es im mittleren Amazonas noch eine Fischart, die er mied. Sie hatten messerscharfe Zähne. Sie hatten immer Hunger und sie fraßen ihre Opfer bei lebendigem Leib auf. Aber er kannte die Gefahren des Dschungels.
Es war nur noch wenige Tage bis zu ihrem Dorf. Sie rasteten auf einer Lichtung, als die Affen begannen, Warnrufe auszustoßen. Para hörte, dass sich Menschen näherten, aber seine angeborene Vorsicht versagte in diesem Moment. Vor Menschen hatte er keine Angst.
Als die Krieger der Théluan aus dem Schatten der Bäume traten, erkannte Vera die Gefahr als erstes. Sie versuchte ihren Bruder zu warnen.
Die Théluan wurden angeführt von einem Jungen, der blond und blauäugig war, so wie Para selbst. Er stand grinsend von Para. „Ergreift sie“, befahl er. In diesem Moment wurde Para die Gefahr bewusst. Er stellte sich schützend vor seine Schwester. Einige Thé hatten die Schwerter gezogen. Der blonde Junge stand feixend vor ihm. Da verwandelte sich Para in einen schwarzen Panther um seine Schwester zu verteidigen. Er griff an. Mit einem Sprung hatte er den Jungen erreicht. Er zermalmte ihm mit einem Biss den Schädel, dann drehte er sich zu den Kriegern der Théluan um.
In diesem Moment wurde er von dem ersten Speer getroffen. Zwei weitere folgten unmittelbar danach und dann noch zwei. Sie drangen in seinen Leib ein, sie trafen seine Lungen und sein Herz.
In diesem Moment erfolgte ein gewaltiger Lichtblitz. Die Krieger der Théluan wurden umgeworfen, so heftig war die Detonation.
Als sie wieder aufblickten, war der Panther verschwunden. Die Speere lagen da, mit blutverschmierten Spitzen. Der Panther war fort.
In diesem Moment dämmerte es den Théluan, was sie da gemacht hatten. Sie kannten alle die Geschichte des Thénnis und von seinem geheimnisvollen Verschwinden. Sie hatten die grausame Rache der Königin an den Karancula erlebt. Wozu hatten sie sich bloß hinreißen lassen.
Sie verneigten sich vor Vera und baten sie um Vergebung. Dann hoben sie den Leichnam auf und folgten Vera in ihr Dorf.
Vera war tief verstört. All das ging über ihren Horizont.
Als die Krieger der Thé im Dorf ankamen, gab es Verwunderungsrufe. Der Takilada brachte sie zum schweigen und bat um Aufklärung. Die Krieger der Thé berichteten stockend und voller Bedauern. Vera schwieg. Sie stand unter Schock.
Der Takilada handelte.
Er befahl eine bestimmte Sorte von Blättern zu sammeln und alles an Tüchern zusammenzubringen, was da war.
Die Frauen schickte er, um eine bestimmte Sorte von Kröten zu suchen. Dann wurde der Körper komplett ausgeweidet und auch das Gehirn wurde entfernt. Er wurde kunstvoll mit dem Exkret der Kröten eingestrichen, mit Blättern bedeckt und mit Tüchern eng umwickelt. Es war eine Art der Einbalsamierung, die bei den Indios seit langen bekannt war. Dann wurde der Leichnam auf lange Stangen geschnürt und war reisefertig.
Der Takilada ließ es sich nicht nehmen, die Truppe zu begleiten. Er nahm Vera mit.
Sie liefen sehr schnell und schon nach drei Wochen kamen sie in die große Stadt. Vor den Toren blieben der Takilada und Vera zurück. Sie hatten keinen Zugang.
Die Kunde hatte sich schon verbreitet und die Menschen standen schweigend in den Gassen und ließen den Zug passieren.
Die Königin empfing den Zug im Beisein ihrer Minister und der Hohepriester. Dann ließ sie sich berichten.
Fala sah den Zorn der Königin und sie fragte nach dem Dorf. Als sie hörte, dass der Dorfälteste und Vera vor den Toren auf Befehle warten, gab sie ihrer Palastwache einen Wink: „Bringt die beiden her, aber behandelt sie gut.“
Die Krieger setzten sich sofort in Bewegung. Dann ging Vera zu ihrer Mutter. „Bitte“, sagte sie. „Höre den Takilada und Vera erst an.“ Sie sah den Zorn ihrer Mutter und versuchte sie zu beruhigen. „Denk daran, dass der Thénnis vier Kinder hatte. Jetzt sind wir nur noch zu zweit. Ich möchte meine Schwester nicht auch noch verlieren.“
Die Königin sah Fala an. Sie wollte explodieren, doch dann besann sie sich. Sie hatte längst eingesehen, dass sie damals mit der Strafaktion gegen die Dörfer in Mittelamerika einen Fehler gemacht hatte. Das sollte ihr nicht noch einmal passieren.
Als der Takilada und die kleine Vera schließlich vor der Königin standen, hatte sie sich beruhigt. Sie war ganz Königin.
Sie ließ von dem Takilada berichten, aber der konnte zu dem Tod ihres Sohnes nichts sagen. Er war nicht dabei gewesen. Dann unterzog sie Vera einem Verhör.
Vera weinte. Sie erzählte alles, was sie wusste. Von dem plötzlichen Überfall, von dem feixenden Jungen mit den weißen Haaren, von den Théluan, die mit Schwertern auf sie eindrangen, von Para, der sich vor sie gestellt hatte und sich in einen Panther verwandelt hatte, um sie zu beschützen. Sie erzählte vom Tod des Jungen und dem großen Lichtblitz und dem plötzlichen Verschwinden des Panthers.
Die Königin schwieg lange. „Und es ist nichts übriggeblieben? Kein Zeichen? Nichts?“ Vera schwieg, dann schüttelte sie den Kopf und weinte. „Nichts“, presste sie heraus.
Der Fall war klar. Fala ging zu ihrer Mutter und legte ihr die Hand auf den Arm. „Lass sie laufen“, bat sie und mit einem Kopfnicken zu den Théluan, die mit gesenkten Köpfen und schuldbewusst da standen, meinte sie. „Lass auch die Thé laufen. Sie haben nur auf Befehl meines Bruders gehandelt. Sie konnten nicht anders. Dann aber haben sie das Richtige getan. Sie haben Vera am Leben gelassen und den Leichnam zurückgebracht.“
Die Königin überlegte lange. Dann wandte sie sich an den Takilada und Vera.
„Gut. Euch wird nichts geschehen. Ihr könnt in euer Dorf zurückkehren. Ihr steht weiter unter meinem Schutz.“
Zu den Théluan gewandt, sagte sie. „Ihr habt es verdient, dass man euch hinrichtet. Alle. Ihr hättet mich von dem Vorhaben meines Sohnes unterrichten müssen. Jetzt ist es zu spät. Aber meine Tochter hat für euch um Gnade gebeten. Geht in eure Kaserne zurück. Eure Waffen lasst ihr hier. Meine Tochter wird in einigen Tagen in die Kaserne gehen. Sie wird die Neuorganisation der Truppe befehligen. So etwas wird nie wieder passieren.“ Sie sagte das mit Nachdruck. Dann gab sie ihnen einen Wink. „Entfernt euch jetzt. Meine Palastwache wird euch begleiten.“
Dann sah sie Vera lange an. „Ich habe einen Sohn verloren. Du hast einen Bruder verloren. Meine Tochter hat gleich zwei Geschwister verloren. Das war absolut unnötig. Wir müssen überlegen, was wir daraus lernen.“ Sie winkte Fala zu sich und begann leise mit ihr zu sprechen.
Dann wandte sie sich wieder an Vera. „Meine Tochter fühlt sich einsam. Sie will dich nicht als Schwester verlieren. Sie hat dich kennengelernt und sie liebt dich. Sie bietet dir an, dass du zu uns in den Palast ziehst. Nicht als eine Sklavin, nicht als ihre Dienerein. Sie möchte eine Schwester haben.“
„Es steht dir frei, das abzulehnen und in dein Dorf zurückzukehren. Vielleicht bist du noch zu klein, um das entscheiden zu können. Sprich mit deinem Großvater.“
Vera schwieg lange, dann ging sie langsam auf Fala zu. Sie streckte die Hände bittend aus und Fala nahm die Hände von Vera.
„Ich liebe dich.“ sagte Vera. Wenn du willst, dass ich hier bleibe, dann bleibe ich bei dir. Aber ich würde mich alleine fühlen, ohne meine Familie. Ohne Polia und Faroa. Ich habe gehört, dass sie damals in der großen Stadt gewohnt haben, mit anderen. Ich habe gehört, dass sie eine Schule gegründet haben. Para hat mich stets mitgenommen. Wir haben mit den Péruan gelebt und wir haben ihnen unsere Kenntnisse von Heilkräutern weitergegeben. Es wäre schön, wenn wir diese beiden Schulen miteinander verbinden könnten.“
Fala spürte den Strom von Wärme, der von ihren Händen zu Vera floss. Sie sah sie lange an, dann sah sie ihre Mutter an. „Darf ich das entscheiden“, bat sie.
Die Königin sah kurz zu ihren Ministern und den Hohepriestern, dann nickte sie. „Du bist die zukünftige Königin. Es wird Zeit, dass du weitreichende Entscheidungen triffst.“
Fala atmete tief ein. „Dein Vorschlag gefällt mir gut. Bleib hier. Wir schicken den Takilada in dein Dorf zurück, um Polia und Faroa zu rufen. Ich werde es einrichten, dass ihr euer früheres Haus wieder beziehen könnt, mit all den Dienern, die heute nach dem Wunsch des Thénnis freie Menschen geworden sind und die unsere Schule leiten.“
13.
Para war zwar in einem Lichtblitz verschwunden, aber er war nicht tot. Als er aufwachte, war er nackt bis auf sein Piri Piri (*).
Er lag in einem von Schnee bedeckten Tal. Es war bitter kalt. In einiger Entfernung sah er Lamas und Maulesel, die im Schnee scharrten und nach Nahrung suchten.
Außerdem gab es eine Hütte aus Stein und Holz. Sie rauchte. So etwas hatte er noch nie gesehen.
Er schüttelte sich. Um nicht zu erfrieren, verwandelte er sich kurzerhand in ein Lama mit einem dichten Winter-pelz. Auch Maulesel hatte er noch nie gesehen. Das hatte es in seiner Welt nicht gegeben.
Wo war er hier?
Er sah sich weiter um. Dort, dieser Wasserfall, der jetzt überall von Eiskristallen glitzerte, hatte er den nicht schon einmal gesehen?
Langsam, ganz langsam kam die Erinnerung an dieses Tal zurück. Er war damals noch sehr klein gewesen. Er konnte sich an seinen Vater, an die Bären und den Puma erinnern und auch an die Goldklumpen, die er gefunden hatte. Damals war es Sommer gewesen. Jetzt sah das Tal ganz anders aus. Auch der See war verschwunden.
(*) Das Piri Piri ist aus Leder und bedeckt bei den Buschindianern das Glied der Jungen und Männer als Schutz vor Insekten
Kapitel 2. Paras Ankunft in der Neuzeit
1.
Para hatte keine Ahnung, dass er 2300 Jahre später „wiedergeboren“ worden war. Er würde bald merken, dass vieles anders war, als in seinem bisherigen Leben.
Er ging zum Wasser und trank einige Schlucke der winterkalten Flüssigkeit. Es schmeckte anders als das Wasser des Flusses, den er kannte.
Dann spürte er, wie hinter ihm eine Tür aufging. Er drehte den Kopf. Ein vielleicht vier Jahre altes Mädchen sprang heraus und rief etwas ins Haus.
Para verstand, was sie sagte, aber er hatte diesen Dialekt noch nie gehört.
Er sah, wie das Mädchen zu einigen flachen Gebäuden laufen wollte, dann stutze es. „Papa“ rief sie, „da steht ein fremdes Lama.“ Sie kam auf Para zu und stellte sich vor ihn hin. Dann streckte sie die Hand aus und begann das Lama zu locken. Dann kamen ein Mann und ein Junge in Paras Alter aus dem Haus gelaufen. Auch sie waren bekleidet. Es war irgendwie indianisch, aber diese Tracht kannte Para nicht.
Der Mann kam auf ihn zu und wollte ihn anfassen. Para scheute zurück. „Ho Ho“, sagte der Mann, „ich tu dir nichts. Wo kommst du denn her?“ Er befahl seinem Sohn nach den Spuren zu sehen, doch der rief bald nach seinem Vater. „Papa, komm doch mal her. Guck dir das an.“
Die Fußspur des Lamas ging unmittelbar in eine Spur aus nackten Menschenfüßen über, die zu einer zusammengedrückten Schneestelle führte. Dort hörte die Spur auf. Sie war aus dem nirgendwo gekommen.
Der Mann schaute sich die Spur an, dann schaute er zu seinem Sohn und zu dem Lama. „Hier geht etwas seltsames vor“, meinte er. „Geh und hol mal einen Arm voll Heu.“
Der Junge rannte zu einem der flachen Gebäude und kam tatsächlich mit Heu zurück. Wo dieses Heu herkommt, gibt es vielleicht mehr davon, dachte sich Para. Er folgte dem Jungen in den Stall. Es gab dort wirklich einen großen Berg Heu. Es duftete, wie Heu eben duftet.
Was dann geschah, war sehr merkwürdig. Das Lama kroch in diesen Heuhaufen, bis es verschwunden war. Das kleine Mädchen kicherte.
Dann kam der Kopf eines blonden Jungen zum Vorschein. Der Vater streckte unwillkürlich seine Hand nach seinem Sohn aus, um ihn zurückzuhalten. Das Mädchen rief. „Das Lama hat sich verwandelt.“
Der Mann verschloss die Tür, dann fragte er in der Sprache der Quechua Indianer: „Wer bist du?“
Er sah zunächst nur ein verdutztes Gesicht, dann begann der Junge einen Singsang aus Worten, die der Mann verstand. Er hatte das schon einmal gehört, bei Dennis, den er immer den Thénnis“ nannte. Auch seine Tochter erkannte das sofort. „Er singt wie der Thénnis“, sagte sie. Sie sah, wie der Junge stutzte. „Der Thénnis“ fragte er in seinem Singsang.
„Ja“, antwortete die Kleine. „Wir leben hier im Tal des Thénnis“.
Der Junge überlegte einen Moment, dann kam er aus dem Heu herausgekrochen.
„Puh“, rief das Mädchen, „der ist ja ganz nackt.“
„Wartet mal“, sagte der Mann, „wo ist das Lama hin?“
Der Junge lächelte. Dann gab es so etwa wie ein Lichtgeflacker und das Lama stand vor ihnen.
Das war für den Jungen zu viel. Er riss die Tür auf, und der Junge und das Mädchen waren fort. Sie schlugen die Tür hinter sich zu und rannten zum Haus.
Para verwandelte sich zurück. „Verzeih, wenn ich dich erschreckt habe. Ich bin vom großen Fluss. Dort brauchen wir nichts als…“ er sah an sich herunter… „als unser Piri Piri.“
Jetzt sah auch der Mann, dass der Junge einen Lederköcher um seinen Penis trug. Er nickte.
„Ich bin Perino. Das waren zwei meiner Kinder. Ich wohne hier im Tal. Es gehört mir nicht, es gehört einem Mann, der dieselbe Haarfarbe hat, wie du. Auch er hat blaue Augen und spricht denselben Singsang wie du. Ich habe das noch nie vorher gehört. Nur von ihm und von dir. Es ist nicht meine Sprache, aber ich verstehe dich. Was sind das für Laute?“
„Ich habe sie von meinem Vater gelernt. Er war der Thénnis im großen Reich der Théluan.“
„Er war der Thennis…“, fragte Perino verwundert.
Der Junge schaute ihn an. „Ja kennst du den Thénnis nicht? Jeder kennt den Thénnis.“
„Ich kenne einen Mann mit diesem Namen“, antwortete Perino.
Es dauerte jedoch eine Weile, bis beide merkten, dass sie von derselben Person sprachen und noch eine Weile länger, bis Para begriffen hatte, dass er in einer anderen Zeit „wiedergeboren“ war. Inzwischen zitterte Para vor Kälte.
„Du frierst“, meinte Perino. Er hatte längst bemerkt, dass all seine Kinder vor dem Stall standen und durch die Ritzen sahen und lauschten. „Bringt dem Jungen mal Kleidung und ein paar Socken und Sandalen“, rief er durch die Tür. Er hörte aufgeregtes Gewisper, dann entfernten sich wohl einige der Kinder. Bald danach klopfte es zart an die Tür. Perino machte die Tür einen Spalt auf und fasste nach der Kleidung.
„Vielleicht kennst du das nicht“, sagte er. „Vielleicht sollte ich dir helfen.“ Das Ankleiden war etwas umständlich, dann wurde Para von Perino ins Haus geführt. Er zitterte immer noch und die ganze Schar Kinder folgte ihnen.
Das kleine Mädchen hüpfte zu Para, nahm seine Hand und schaute zu ihm auf. „Kannst du auch mit den Hühnern sprechen, so wie der Thénnis?“
2.
Perino hörte das und er fragte: „Hast du nach den Hühnern und Gänsen gesehen?“ „Oh, das hab ich vergessen. Ich mach das gleich.“ Dann schaute sie den fremden Jungen an und fragte ihn, „kommst du mit?“
Perino wollte etwas sagen, doch der Junge beugte sich zu Julia hinunter, strich ihr leicht über die Wange und fragte: „Zeigst du mir, was Hühner und Gänse sind?“
Die älteren Jungen grinsten. Wie konnte man so blöd sein, um nichts von Hühnern und Gänsen zu wissen.
Perino überlegte einen Moment. ob er dem Jungen trauen konnte? Dann schickte er seinen Ältesten mit.
Julia hatte immer noch Paras Hand umfasst, jetzt hüpfte sie hinaus und zog ihn hinter sich her.
Hinter dem Haus waren etliche Ställe. Sie gingen hinein. Jetzt begann sich Para zu erinnern. Rebhühner hatten sie damals in der großen Stadt gehabt. Die hier sahen ganz anders aus.
Julia zeigte ihm stolz ihre Hühner. Sie strich ihnen über die Federn. Sie hielt ihnen Körner in ihrer offenen Hand hin, aus der die Hühner pickten, ohne ihr weh zu tun. Dann zog sie Para zu den Nestern und begann einige Eier einzusammeln. Auch daran erinnerte sich Para. Eier hatten sie damals auch gegessen.
Gänse hingegen kannte er gar nicht, und Gänse können Fremden gegenüber sehr feindselig sein.
Perinos Ältester war in Paras Alter. Er hieß Pedro, und er war mit Tieren aufgewachsen. Er hatte die Lamas und Maulesel schon oft selbständig zu der Ausgrabung geführt. Er kannte auch die Eigenheiten der Gänse. Was er jetzt sah, verwunderte ihn zutiefst.
Para war Julia in die Ställe gefolgt. Die Gänse hatten zunächst ein Geschrei angestimmt, weil sie Para nicht kannten. Sie hatten die Hälse gestreckt und die Schnäbel in die Position gebracht, um zuzuschnappen.
Der fremde Junge hatte sie nur kurz angesehen, dann war er in ein Summen verfallen, das sich zu einem Singsang steigerte. Pedro sah, wie die Gänse die Köpfe zurückzogen, sie schnatterten noch ein bisschen, dann beruhigten sie sich. Sie waren aufmerksam und schienen dem Fremden zuzuhören. Dann kamen sie langsam auf ihn zugewatschelt, zupften an seiner Kleidung und an seinen Händen, umringten ihn, hoben und senkten die Köpfe, wie als würden sie mit ihm sprechen, schnatterten ein bisschen, dann ging der Fremde mit ihnen tiefer in den Stall und sie folgten ihm.
Auch Julia hatte das ganze aufmerksam beobachtet. „Siehst du. Er redet mit ihnen“, sagte sie zu ihrem Bruder. Dann ging sie zu den Futtertrögen und füllte sie auf. Sie nahm wieder die Hand des Fremden und sah ihn von unten bewundernd an. „Zeigst du mir das“, bat sie.
Der Junge kniete sich nieder. „Das ist ganz einfach“, sagte er in seinem Singsang. Er streckte die Hand aus und summte. Die Gänse kamen noch einmal, und knabberten an seiner Hand. „Du kannst sie anfassen“ sagte er und Julia strich ihnen mit ihrer kleinen Hand über die Hälse und über die Federn.
„Versuch mal, mein summen nachzumachen“, meinte Para und Julia versuchte es. Für Pedro klang das genauso wie Paras Gesang. Dennoch war etwas anders. Er konnte es nicht beschreiben. Auf Julia hörten die Gänse nicht.
„Die andern warten“, sagte er. Julia hob den Kopf. „Oh ja“, meinte sie schuldbewusst, „die Eier.“
Sie gingen wieder ins Haus und Pedro nickte seinem Vater zu, es sei alles in Ordnung.
3.
Para erinnerte sich dumpf an die Häuser in der heiligen Stadt. Das hier war anders. Er sah das Feuer des Kamins, er sah, dass hier alle auf engem Raum zusammenwohnten. Er wurde herzlich aufgenommen. Diese Indios waren ganz anders, als die Indios in seinem Dorf. Aber sie hatten dieselbe Herzlichkeit. Para bat um Informationen und er musste selbst auch erzählen.
Es war schon alles sehr verwunderlich. Nicht nur für Para, sondern auch für diese Indios.
Als er gefragt wurde, wie er hierher gekommen sei, überlegte Para lange. „Ich weiß es nicht“, sagte er. Das letzte an was ich mich erinnere, ist, dass ich von mehreren Speeren getroffen wurde. Er hob sein Hemd hoch und zeigte den Indios seinen Rücken. Er hatte dort fünf große, rote und ganz frische Narben. Dann war es wie eine Art Traum. Ich hatte das Gefühl zu fliegen und bin hier aufgewacht. Da draußen vor euerm Haus.
Was ihn interessierte, war der Thénnis. „Mein Vater ist gestorben, als ich noch ein kleiner Junge war. Wie kann es sein, dass er jetzt hier lebt?“
Das wusste Perino auch nicht zu beantworten, aber im weiteren Gespräch erfuhr Perino, dass Para als Kind in der heiligen Stadt gelebt hatte. Er schüttelte den Kopf. „Es gibt hier eine Ausgrabung. Dort wird eine sehr alte und große Stadt ausgegraben. Ich kann mir das alles nicht erklären. Was mich stutzig macht, das ist, dass ihr beide dieselbe Sprache habt, du und der Thénnis.“
„Und kann ich den Thénnis sehen“, fragte Para. Perino schüttelte den Kopf. Im Moment nicht. Er ist nach Europa gereist und kommt erst wieder, wenn es wieder warm wird. Aber die Frau des Thénnis wohnt bei der Ausgrabung. Wir können dich dorthin bringen.“
Für Para waren das Informationen, die er nicht verstand. Was ist Europa? Was ist eine Ausgrabung und warum hatte der Thénnis eine neue Frau?
„Ich kann mir das alles nicht erklären“, sagte Para. „Darf ich eine Weile hier bei euch bleiben? Ich habe viel nachzudenken und ich sollte erst mal dieses Tal hier erkunden. Ich bin ein Peruan. Ich darf nicht in die heilige Stadt.“
Das verstand wiederum Perino überhaupt nicht, aber er lud Para ein zu bleiben, sehr zur Freude seiner kleinen Tochter.
4.
Para blieb drei Wochen da. In dieser Zeit erkundete er das Tal. Er stieg auch hinauf auf die Hochebene. Er lernte dort die Adler kennen, und er lernte sich in einen Adler zu verwandeln. Er flog über das Tal und weitete seinen Radius aus. Er lief auch in die Wälder hinein und nahm Kontakt auf zu Rehen, Füchsen und Wildschweinen.
Er nahm die kleinen Kinder von Perino mit zu den Hühnern, den Gänsen und den Ziegen (die er früher auch nicht gekannt hatte), und zeigte ihnen, wie sie die Laute der Tiere nachmachen. Die größeren nahm er mit in den Wald und zeigte ihnen die Laute der Schweine, der Wiesel und der Füchse. Jetzt verstanden auch sie, was der Thénnis damals gemeint hatte, als er behauptet hatte, dass er mit den Tieren sprechen könne. Sie sahen, dass sich Para in einen Hirsch verwandelte. Sie sahen ihn inmitten der Wildschweine, ohne dass ihm etwas getan wurde.
Er war für Perinos Kinder wie ein Wunder. Sie lernten in diesen drei Wochen, dass man mit Wildtieren im Einklang leben konnte. Die Kleinen vergötterten Para, die Großen bewunderten seine Fähigkeiten und lernten von ihm. Er hatte eine Art, die jede Art von Streit oder Aggression bereits im Keim erstickte.
Perino sah und hörte sich das alles an. „Du bist ein Geschenk für uns“, sagte er. „Ich sehe, dass du der Sohn des Thénnis bist. Er hat uns immer aufgefordert, unsere alte indianische Tradition nie zu vergessen. Genau dasselbe zeigst du jetzt meinen Kindern. Ich bin die sehr dankbar dafür.“
Durch die Verwandlungskünste von Para, begannen die Eltern die alten Mythen und Geschichten der Indianer wieder aus der Vergangenheit ihres Gedächtnisses zu befreien. Es gab viele davon und sie begannen zu erzählen.
In dieser Zeit erfuhr Para auch, dass die heilige Stadt heute in Trümmern lag. Er verstand das nicht ganz, aber dann konnte er sicher gefahrlos dorthin gehen und die neue Frau des Thénnis kennenlernen.
5.
Nach drei Wochen machte er sich auf den Weg. Perino schickte Pedro und Claudio mit. Sie beluden ein halbes Dutzend Maulesel mit Körben in denen sie knapp 50 lebende Gänse und Hühner mitnahmen, dann verließen sie das Tal.
Pedro und Claudio kannten die störrischen Tiere. Es war nicht immer leicht, sie zu führen. Doch diese Wanderung war einfacher als je zuvor. Pedro und Para gingen vorneweg, die Maulesel folgten Para, folgsam wie Hunde. Manchmal wechselten sich Pedro und Claudio an der Spitze der kleinen Karawane ab.
Am Übergang vom Tal zum Wald der Anden gab es keinen Schnee mehr. Der Weg war gut zu laufen. Es war eine Art Wildpfad, der durch die vielen Karawanen zwischen dem Tal und der Ausgrabung ausgelaufen und verbreitert war.
Als sie zu dem Fluss kamen, der in die große Stadt führte, folgten sie dem Ufer lange bergauf. Dann kamen einige Häuser und das Sägewerk, das auch jetzt im Winter in Betrieb war. Para erschreckte sich ein wenig, aber er nahm das als Zeichen einer geänderten Zeit. Sehr verwundert war er, als er schwerbewaffnete Patrouillen sah. Er hatte noch nie Gewehre, Tarnuniformen und Pistolen gesehen. Die Uniformierten kannten Pedro und Claudio. Sie ließen sie durch.
Sie wateten durch den Fluss und stiegen jenseits der Fuhrt einen Weg hinauf zu einem großen Haus. Es gab hier (für Paras Verhältnis) viele Hütten und er sah vom Weg zu der Anhöhe auf die Ausgrabung hinunter. Er sah die Reste der Staumauer und der Umfriedung. Er sah die Grundmauern der zerstörten aber freigelegten Häuser. Er sah den Berg, auf dem verschiedene Arbeiter damit beschäftigt waren die Bäume zu fällen. Es war alles anders, als er das kannte, dennoch sagte ihm sein Gedächtnis und sein Instinkt, dass dies die Reste der heiligen Stadt sein mussten. Von der Pyramide und dem Palast der Königin sah Para nichts. Die Kuppe war bewaldet. Er konnte deutlich sehen, dass die Reste der Stadt dort am Fuß des Berges unter einer hohen Erdschicht gelegen hatten und gerade erst mühsam freigelegt wurden.
Er blieb immer wieder stehen und schaute hinüber. Er schüttelte traurig den Kopf. Wie war das alles bloß passiert.
Als sie zu dem großen Haus kamen, löste auch das großes Erstaunen aus. Glasfenster hatte Para noch nie gesehen. Es gab dort auf dem Dach seltsam schwarz glänzende Scheiben (er wusste nicht dass dies Sonnenkollektoren waren). Der Schnee war jahreszeitlich bedingt weitgehend weggeschmolzen, aber Claudio und Pedro hatten erzählt, dass sicher bald neuer Schnee kommen würde. Viel mehr.
Außerdem sah Para zum ersten mal in seinem Leben ein Auto. Ein Jeep stand da und ein großer Lastwagen wurde von mehreren Männern entladen. Para hielt Pedro an. „Was ist das?“ Pedro sah Para stirnrunzelnd an. Dann fiel ihm ein, dass Para das nicht wissen konnte, wenn er wirklich aus der Vergangenheit gekommen war. Er erklärte, aber er sah, dass Para das nicht wirklich verstand und er beneidete Para in diesem Moment nicht. Es musste schwer sein, all diese neuen Dinge zu sehen und zu begreifen.
Dann sah Para zum ersten Mal einen schwarzen Mann. Er hielt erschreckt inne. Er kam gerade aus dem Haus und er blieb kurz stehen, als er die kleine Karawane sah. Dann rief er Pedro und Claudio in spanisch etwas zu, was Para nicht verstand. Die beiden riefen in derselben Sprache zurück. Sie lachten und schienen keine Angst vor diesem seltsamen Wesen zu haben.
Para war sehr verwirrt. Dann schienen Pedro und Claudio von ihm zu sprechen und der Fremde kam auf sie zu. Para versuchte sich auf diese Sprache einzustellen. Der Fremde kam heran. Er war wirklich schwarz. Aber er sah aus wie ein Mensch. Er streckte Pedro und Claudio die Hand hin und schüttelte sie. Dann streckte er die Hand zu Para aus.
Para sah auf die Hand und dann sah er die aufmunternden Blicke von Pedro und Claudio. Er nahm die Hand und fühlte erschrocken den Händedruck. Er sah, dass ihn der Fremde freundlich anlachte und er nahm diese Laute in sich auf.
Dann rief der Fremde in einer anderen Sprache „Bübchen, komm doch mal her“ und einer der Männer am Lastwagen sah herüber, ließ einen Sack fallen und kam zu ihnen. „Ihr kommt ja gerade recht“, rief Bübchen. „Und sie haben einen Neuen mitgebracht“, meinte Moses. Bübchen wandte sich zu Para und fragte auf spanisch „Aha. Und wer bist du?“ Auch er streckte ihm die Hand entgegen.
Für Para war das alles zuviel. Er atmete tief durch, dann verfiel er in seinen Singsang. Moses und Bübchen sahen sich an. „Er spricht eure Sprache nicht“, sagte Pedro. Dann fingen sie an, auf diesen Singsang zu achten und erkannten bald Worte, die sie begriffen. „Mann“, sagte Bübchen, „hast du das schon mal gehört? Hol doch mal Alanque her.“
Moses lief zum Haus und kam bald darauf mit der hochschwangeren Alanque zurück.
Sie hörte schon von weitem diesen Singsang und kam auf Para zu. Sie hörte eine Weile zu, dann fragte sie ihn auf indianisch. „Kannst du mich verstehen?“ Sie sah dass Para nickte. „Ich kenne diese Laute“, sagte sie zu Bübchen. „Dennis hat sie oft gebraucht.“ Sie sagte das in spanisch und Para lauschte dieser Stimme nach.
„Du kennst den Thénnis“? fragte er in seinem Singsang.
Alanque sah ihn einem Moment erstaunt an, dann bat sie Bübchen und Moses, „führt die Tiere hinters Haus. Gebt den Maultieren zu fressen und bringt die Hühner und die Gänse in den Stall.“ Sie winkte Pedro und Claudio zu sich und sagte auf indianisch. „Ihr drei kommt mit ins Haus.“
Sie führte sie in die Küche. Dort nahm sie Brot, Speck und Eier aus einem Schrank, setzte eine Pfanne auf und sagte: Ihr werdet Hunger haben. Während ich euch was koche, erzählt mal. Ich hab auch noch Suppe da. Wollt ihr was davon?“
Alanques Suppe war berühmt. Pedro und Claudio stimmten sofort zu. „Du solltest das probieren“, sagten sie zu Para. Dann begannen sie sehr unzusammenhängend zu erzählen.
Alanque verstand, dass dieser Fremde mit der komischen blonden Topffrisur aus dem Nichts aufgetaucht war. Dass er mit den Gänsen und den Wildschweinen sprechen konnte, und dass er sich in einen Adler oder in einen Hirsch verwandeln konnte. Sie war inzwischen fertig, holte Teller, Gabel und Löffel und deckte den Ecktisch für das Personal.
„Flunkert ihr nicht ein bisschen?“ fragte sie und wünschte guten Appetit. Claudio und Pedro griffen sofort zu. Sie stürzten sich auf die Suppe. Para sah sich das an, dann befühlte er den Teller, roch an der Suppe, hielt die Hand über die heiße Brühe, nahm einen Löffel in die Hand und führte ihn probehalber in die Suppe. Alanque sah, dass das alles neu für ihn war. Irgendwas musste an der Geschichte stimmen. Dann füllte der junge den Löffel, wie er es bei Pedro gesehen hatte, und führte ihn zum Mund. Es dauerte eine Weile, bis er begriffen hatte, dass er die heiße Brühe essen konnte ohne sich den Mund zu verbrennen, aber er machte das sehr geschickt. Alanque sah ihm zu und studierte ihn aufmerksam.
Irgendwann ging die Türe auf und ein Mädchen kam herein. Sie sah kurz auf die Gruppe, dann sagte sie Alanque, der Lastwagen sei nun leer. Sie hätte die Lieferanten schon bezahlt. „OK, meinte Alanque. In 3 Wochen sollen sie wieder hier sein. Sie haben die neue Bestellung schon. Schick sie zurück, dann komm zu uns.“ Das Mädchen verschwand. „Das war meine Schwester“, sagte sie zu den drei Kindern.
Sie tischte nun die Eier, den Speck und das Brot auf, dann fragte sie Para. „Erzähl du mir, ob das alles stimmt, was die beiden da erzählt haben.“ Para schwieg und aß. „Er sagt nie etwas, wenn er isst“, meinte Claudio. „Heb dir deine Frage auf. Vielleicht können wir etwas Wasser haben.“
Alanque holte Wasser und wartete ab. Inzwischen war Alanques Schwester zurückgekommen. Aber erst nachdem der Fremde gegessen und getrunken hatte, nahm er seinen Singsang wieder auf. „Ich habe gehört, dass du den Thénnis kennst“ und als Alanque nickte, fuhr er fort, „ich weiß nicht, ob wir von demselben Thénnis sprechen. In meinem Volk war das ein Gott, der in Menschengestalt zu uns gekommen war. Meine Mutter hatte die Ehre, seine Liebe zu gewinnen. Sie hat ihm zwei Kinder geboren. Para und Vera. Wie ich höre, bist du die Frau des Thénnis und wie ich sehe, trägst du ein Kind unter deinem Herzen.“ Er sah sie lange an, dann stand er auf, bewegte sich auf sie zu und legte seine Hände auf ihren Leib. Er tat das so selbstverständlich und ohne falsche Absicht, dass Alanque ihn gewähren ließ. Sie sollte das nicht bereuen.
Sie spürte die Wärme seiner Hände. Sie bemerkte, wie sich ihr Kind begann zu bewegen. Es war, als wenn es im Fruchtwasser auf diese Wärme der Hände zuschwamm. Dann sah sie ein Leuchten um diese Hände, dass sich zu einem hellen Schein ausweitete. Sie merkte, wie sich die Hände ihres Kindes und die Hände dieses Jungen durch die Bauchdecke berührten und wie ein Wärmestrom durch ihren Körper fuhr. Sie spürte, wie ihr Kind im Bauch diese Wärme aufsaugte.
Es war ein Gefühl, das Angst machen konnte. Die beiden Jungen sahen staunend zu, Alanques Schwester hatte sich zuerst einmischen wollen, aber sie sah wie sich Alanques Gesichtszüge entspannten und sie den fremden Jungen glücklich anschaute. Sie verstand das nicht, aber sie traute sich nicht, einzugreifen.
Dann ebbte das Licht ab, der Junge nahm die Hände von Alanques Bauch und sagte in seinem Singsang. „Deinem Mädchen geht es gut. Es ist gesund, und es ist die Tochter eines Gottes. Pass gut auf sie auf. Sie ist meine Schwester. Ich werde sie immer beschützen“, und Apanache dachte kritisch: „Woher wollte dieser Junge das wohl wissen?“
Alanque fasste seine Hände. „Deine Mutter heißt Polia, und du bist Para?“ Der Junge nickte. „Dann reden wir von demselben Mann. Dein Vater ist der Vater meines ungeborenen Kindes. Ich weiß, dass der Thénnis aus der Vergangenheit gekommen ist. Er hat es mir erzählt. Ich weiß, dass er der Geliebte und der Berater der Sonnenkönigin war, und dass er deine Mutter immer als seine wirkliche Frau betrachtet hat. Ich weiß, dass er dich geliebt hat, und er hat mir Geschichten über dich erzählt, als du noch sehr klein warst. Kannst du dich an eine Reise mit dem Thénnis erinnern?“
„Du meinst die Reise in das Tal des Wasserfalls? Wo wir den großen Bären und den Jaguar getötet haben? Wo ich mit dem Bärenkind gespielt habe?“
Alanque sah ihn an. Es gab keinen Zweifel. Das war Para, der Sohn des Thénnis.
Sie warf einen Blick zu ihrer Schwester. Sie sah die Fragen in ihrem Gesicht. „Es gibt keinen Zweifel“, sagte sie zu Apanache. Ich habe die Geschichten der Wiedergeburt zuerst nicht glauben wollen, als Dennis mir das zum ersten Mal erzählt hat. Ich habe gelernt ihm zu glauben, und ihm zu trauen. Wir Indios haben eine lange Geschichte. Es wird Zeit, dass wir sie ausgraben und wieder beleben.“
Apanache sah ihre Schwester stirnrunzelnd an. Sie sagte nichts.
„All das bleibt unter uns“, bat Alanque. Zu Pedro gewandt meinte sie. „Dein Vater darf das wissen, aber zu den Soldaten sagst du nichts. Zu keinem der Weißen.“ Sie sah auch zu Claudio und zu Apanache. „Haltet euch daran. Das ist ein Geheimnis zwischen uns Quechua und Aymara. Wir bewahren es, aber wir reden mit den Weißen nicht darüber. Nur Bübchen, Moses und der kleine Spanier dürfen das wissen.“
Sie ließ Pedro und Claudio schwören. „Ihr wisst was ein Schwur ist. Es ist ein heiliger Eid. Wenn ihr den verletzt, dann verliert ihr den Schutz der Quechua Geister. Es ist der Schutz, den wir Indianer in der heutigen Zeit mehr brauchen als je zuvor. Es wird Zeit, dass wir wieder ein Volk werden. Mit der Hilfe des Thénnis und mit der Hilfe seines Sohnes, von Para, werden wir das vielleicht schaffen.“
Pedro und Claudio hatten gesehen, wie sich Para in einen Adler und in andere Tiere verwandelt hatte. In diesem Moment von Alanques eindringlicher Ermahnung begannen sie die lange Tradition ihres Volkes erstmals zu begreifen. Indianische Götter sind anders als die Götter der Weißen. Dieser Para hatte die Fähigkeiten eines Gottes. Sie würden sich an diesen Schwur halten und sie würden ihren Vater bitten, ihnen von den indianischen Bräuchen zu erzählen.
Para würde hier bleiben. Pedro und Claudio würden am nächsten Morgen aufbrechen. Sie würden die Tiere mit Mehl, Mais und Gerste beladen und auch die leeren Käfige wieder mitnehmen. Mehl, Mais und Gerste waren Vorräte, die sie für den Winter brauchten. Sie würden in diesem Winter den langen Weg noch ein paar mal machen.
6.
Es hatte sich eingebürgert, dass alle Indios, die den Winter über hiergeblieben waren, und auch alle Wachleute, morgens und abends zum Essen in das Hotel kamen. Man hatte die Tische in dem großen Saal alle zu einer langen Tafel zusammengestellt. Hier trafen sich auch alle zu ihren Schulstunden. Seit Dennis Abreise verbrachten sie hier jeden Tag einige Stunden, um zu Lernen.
Alanque hatte schnell gesehen, dass die Wachleute Defizite im Schreiben hatten. Viele der Quechua konnten weder schreiben noch lesen. Für Bübchen und Moses war die Schule ein gute Möglichkeit, um ihr spanisch zu vervollkommnen. Es wurde auch rechnen geübt und anderes. Wenn die Wachleute ihren Dienst verrichteten, kamen die Quechua oft in kleinen Gruppen zusammen und sie begannen die alten Geschichten der Indianer hervorzukramen. Alanque half ihnen dabei. Aus ihrer Kenntnis der Geschichte und der Ausgrabung konnte sie vieles beisteuern.
Für Alanque gab es diverse Aufgaben. Die Ausgrabungen des Sommers mussten aufgearbeitet werden. Manchmal kamen die Archäologen aus Lima oder La Paz. Die Aufgaben für die nächste Zeit wurden besprochen und auch verschiedene Planungsteams kamen und sie übernachteten gern in Dennis Hotel.
Die Behörden hatten erkannt, wie wichtig es ist, in der hier bald entstehenden Stadt für Straßen, Kanalisation, Wasser, Licht und Wärme zu sorgen. Im Winter konnten keine Landvermessungen vorgenommen werden, aber man würde im Frühjahr damit beginnen.
Da der Minister und der Anwalt der Regierungspartei inzwischen selbst etliche Grundstücke erstanden hatten, hatten sie auch ein großes Interesse daran, dass sich die Stadt bald in ihrem Sinn entwickelte. Um optimale Gewinne zu machen, muss es eine intakte Infrastruktur geben. Viele weitere Grundstücke waren bereits verkauft oder reserviert. Man würde im Frühjahr auch beginnen, die Straße zu verbreitern und zu asphaltieren.
Obwohl das Hotel den Winter über nicht voll besetzt war, waren ständig zahlende Gäste da. Ursprünglich hatte Alanque die Köche über den Winter entlassen wollen, doch sie hatte das aus einer Art Eingebung nicht getan. Das machte sich jetzt bezahlt.
Alanque war nicht nur die Leiterin der Ausgrabung, sie war auch die Vertreterin der Stiftung und sie war in Dennis Abwesenheit die Chefin des Hotels. Also tat sie alles, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Es tat gut, dass Bübchen, Moses und der kleine Spanier im Untergrund der Berliner U-Bahn Wirtschaftsrechnen gelernt hatten. Sie waren Alanque eine große Hilfe.
Preise mussten verglichen und ausgehandelt werden, die Lohnkosten, die Kosten für Nahrungsmittel und die Wäscherei. Schließlich hatte man damals in Ermangelung einer Kanalisation einen unterirdischen Tank für Fäkalien gebaut, der regelmäßig ausgepumpt und gesäubert werden musste. Tankwagen brachten die Exkremente weg. Auch die Sache mit dem Trinkwasser war immer zu überwachen. Sie entnahmen das aus dem Fluss und es gab diverse Filter. Das Trinkwasser wurde stets abgekocht. Sie hatten einen großen unterirdischen Gastank, der von Zeit zu Zeit befüllt werden musste. Das Hotel erwirtschaftete im Winter keine Gewinne, aber die Verluste blieben vergleichsweise gering.
Für die Verköstigung der Soldaten und der Quechua Arbeiter nahmen sie nur wenig Geld. Dennis hatte das so gewollt, um ihnen zu zeigen, dass sie Teil einer Familie sind, die sich um das Erbe Perus bemüht. Auch für die Hütten in denen die Quechua und die Soldaten wohnten, nahm Dennis nur wenig Geld. Ihr Lohn wurde durch die Regierungen von Peru und Bolivien gezahlt. Damit hatte die Stiftung nichts zu tun.
Das Hotel hatte sich über den Winter zu einem Zentrum für die Ausgrabung entwickelt.
Auch wenn die Hütten der Indios und Soldaten inzwischen mit einem Kamin ausgestattet waren, so war das Hotel doch das einzige Haus, das ständig beheizt wurde. So war es nur verständlich, dass sich die Arbeiter und die Soldaten hier besonders gern aufhielten.
Alanque war als Gastgeberin ähnlich angenehm, wie Dennis. Sie war verbindlich, freundlich und höflich, aber sie konnte auch ernsthaft böse werden, wenn etwas nicht in Ordnung war. Dennoch hatte sie eine Art, zu vermitteln und auf die Menschen zuzugehen, so dass es fast nie zu Streitigkeiten kam.
Außerdem war Alanque eine schöne Frau. Man konnte ihr kaum etwas abschlagen. Weil sie hochschwanger war, hatte sie noch mehr die Unterstützung der ganzen Crew. Trotz der Schwangerschaft nahm sie sich nie zurück. Sie wurde von ihren Leuten geliebt.
7.
Mitte Dezember war dann die Familie von Alanque angereist. Sie kamen in zwei Autos. Vater, Mutter, Geschwister, ein Schwager und eine Schwägerin. Sie würden da sein, wenn Alanque ihr Kind zur Welt brachte. Wenn schon der Vater des Kindes nicht da sein konnte, dann würde wenigstens die ganze Familie da sein.
So kam es, dass Para eine ziemlich große und lebhafte Gruppe vorfand, in der ständig irgendetwas passierte. Er wurde schnell in die Geheimnisse der Küche und der Schule eingeweiht. Sein Singsang wurde von allen verstanden und nun begann auch Para, die Sprache der Indios und der Weißen zu lernen. Er machte dabei gewaltige Fortschritte. Bübchen und Moses staunten „Bauklötzer“. Der kleine Spanier war ganz aus dem Häuschen, in welch kurzer Zeit Para die Sprache erlernte.
Manchmal stahl sich Para heimlich davon. Nur Alanque wusste davon.
Er verwandelte sich in einen Adler und flog hoch über das Tal und die Ausgrabung. Er flog über die Straße und in Richtung des immer rauchenden Vulkans. Er nahm die Veränderungen der Luft auf, er spürte, wann es Schnee geben würde und wann die Luft klar und eisig war. Manchmal erhob er sich frühmorgens und flog in die aufgehende Sonne. Es war ein wunderbares Gefühl.
Er flog manchmal auch in Richtung des Regenwaldes und zweimal verwandelte er sich in einen Affen und sammelte Kräuter und Beeren, die er in eine kleine Umhängetasche steckte. Er würde sie vielleicht brauchen.
Als Weihnachten kam, wurde es Zeit für die Geburt des Kindes. Mehrfach war eine Hebamme gekommen. Sie hatte mit Alanque trainiert und sie untersucht. An Weihnachten blieb sie ganz da, denn das Kind würde nun sehr bald kommen.
Para hatte Alanque die Hände immer wieder auf den Bauch gelegt. Manchmal hatte er sie gestützt und ihren Rücken massiert. Er war erst Dreizehn. Alanque fand das alles sehr natürlich und Para gab Alanque wichtige Tipps für die Geburt. Manches wusste sie schon von der Hebamme, manches war anders. Immer, wenn Para die Hände auf ihren Leib legte, spürte sie dieselbe Wärme, die sie auch durch Dennis Hände erfahren hatte. Das Kind in ihrem Bauch streckte sich nach diesen Händen aus. Sie merkte, wie es die kleinen Finger versuchte durch die Bauchdecke zu schieben, sie sah die kleinen Wölbungen, die von den Händen im Innern auf der Bauchdecke entstanden und sie merkte wie das Kind diese Wärme in sich aufnahm.
An Weihnachten ging Para in die Küche. Er hatte die Beeren und die Kräuter gut aufbewahrt. Nun brühte er einen Tee auf, ließ ihn abkühlen und brachte ihn zu Alanque. „Trink das“, sagte er. „Es wird dir gut tun.“
„Was ist das“, wollte die Hebamme wissen. „Ich kenne den spanischen Namen nicht, aber es ist ein Tee, den die Indiofrauen am Amazonas trinken, bevor sie ihr erstes Kind zur Welt bringen.“ Die Hebamme sah die Beeren an. Sie kannte sie nicht. Es waren verschiedene Sorten, schwarze, rote und gelbe. Alanque sah sie bittend an. „Ich werde das trinken. Vertrau Para.“ Die Hebamme wusste, dass es im Amazonasgebiet alle erdenklichen Heilkräuter gibt, aber sie kannte diese Beeren nicht.
Als dann am zweiten Weihnachtsfeiertag das Kind kam, war die Hebamme erstaunt, wie schnell das ging. Alanque hatte natürlich Geburtsschmerzen wie alle Frauen, aber sie kam damit wunderbar zurecht. Para saß neben ihr. Er hatte die Augen geschlossen und hielt ihr die Hand. Er ließ die Hebamme machen. Er hätte das auch gekonnt. Anders und viel besser als die Hebamme, aber er sagte nichts. Sie machte das gut.
Auch mit der Nachgeburt gab es keine Probleme. Als das Kind abgenabelt war und auf dem Bauch der Mutter lag, suchte es sofort nach der Brust. Alanque merkte, wie die Milch einschoss und das Kind trank.
Para lächelte.
Die Hebamme machte das mit dem abnabeln und ihren sterilen Vorschriften anders, als Para das gemacht hätte, aber er sah, dass sie sehr geübt war und jeder Handgriff saß. Er sah, dass Alanque volles Vertrauen zu der Hebamme hatte und er fand das richtig.
Während die Familie sich um Alanque und das Neugeborene versammelte, verzog sich Para in die Küche und braute einen Sud aus den Kräutern.
Später am Tag ging er zu Alanque. „Du hast Blut verloren“, sagte er, „trink das. Es wird dir helfen.“ Auch jetzt vertraute sie Para. „Ich habe in meiner Zeit am großen Fluss viele Kräuter gesammelt“, erklärte er. „Ich galt als großer Medizinmann und ich wurde als der Herrscher des Urwaldes angesehen. Du und dein Kind. Ihr steht unter meinem Schutz. Vergiss das nie.“
Es war seltsam. Alanque vertraute diesem vielleicht 12-jährigen Jungen, der wie ein Erwachsener sprach, und der nicht einmal wusste, wie er hierher gekommen war. Dann streckte Para die Hand zu dem Neugeborenen aus und es ergriff einen seiner Finger mit der Hand um sich daran festzuhalten.
Instinktiv wusste Alanque, dass dies mehr war, als nur ein Greifreflex. So beschloss Alanque, das Kind Théra zu nennen.
„Das ist ein guter Name“, sagte Para. „Die Tochter der Sonne.“
7.
Alanque hatte eine wunderbare Familie. Sie hatte fünf Geschwister. Apanache war die Jüngste von ihnen und sie war 17. Sie würde bald die Schule abschließen.
Apanache hatte sich sofort in das kleine Mädchen verguckt und sie kümmerte sich rührend um ihre Schwester und um ihre Nichte. Aber nicht nur Apanache. Es war eine typische Aymara Familie, auch wenn die Familie nicht das Los der armen Indios auf dem Land teilte, sondern zu Wohlstand gekommen war. Sie pflegten eine indianische Tradition, wie es einmal der Ur-Ur-Ur-Großvater der Familie vorgemacht hatte, als er damals an der Befreiung des Landes von den Spaniern teilnahm. Sie hatten immer versucht die Traditionen der Indios aufrechtzuerhalten. Das war einer der Gründe, warum Alanque damals Archäologie studiert hatte und anfing, sich mit Ausgrabungen zu beschäftigen.
Die Familie blieb bis nach Neujahr, dann machten sie sich wieder auf den Weg nach La Paz.
In diesen Wochen hatte sich Bübchen in Apanache verguckt.
Sie war genauso hübsch wie ihre große Schwester und doch war sie ganz anders. Zierlich und etwa kokett und dabei ganz offen und ehrlich und auch sie fand Bübchen ausgesprochen nett.
Bübchen hatte bei den Kids gelernt, äußerst selbstsicher, ja souverän zu sein. Er war inzwischen sehr ruhig geworden, ohne je überheblich zu wirken. Er konnte sehr gut organisieren. Er konnte andere anleiten. Seltsamerweise nahm ihm nie jemand übel, wenn er kritisierte oder berichtigte. Er tat das auf seine ihm eigene freundliche Art, so dass man ihm nie böse sein konnte. Er hatte ein Gespür, etwas richtig zu machen und er war im Bereich des Wirtschaftsrechnens und der Buchführung richtig talentiert.
Obwohl Bübchen schon mit fünf Jahren zu den Kids gekommen war und nie in seinem Leben eine Regelschule besucht hatte, so hatte sich doch die Schule der Kids bezahlt gemacht. Sie war nachhaltiger als die Regelschule jemals sein würde.
Apanache hatte auch in der Schule der Quechua gesessen. Sie hatte das sehen wollen. Bübchen, aber auch Moses und der kleine Spanier hatten eine unvergleichliche Art, die andern zum Lernen zu motivieren, und sich gegenseitig zu helfen. Sie hatte das so noch nie vorher erlebt. Das war ganz anders als ihre Schule in La Paz. Es machte ihr Spaß. Sie sah, dass es allen Spaß machte. Es geschah nie, dass Bübchen irgendetwas aufzwang. Er lachte gern und viel und er steckte die andern damit an. Sie lernten gerne und fanden stets irgendwelche eigenen Themen.
Nach zwei Wochen war sie in Bübchen verschossen.
Die beiden zeigten sich das zunächst nur sehr behutsam, aber sie kamen sich nicht soweit näher, dass es zu Intimitäten kam. Sie standen oft vertraut zusammen. Sie merkten, dass ihr Atem dann schneller ging. Sie spürten das Knistern zwischen ihren Körpern, aber sie trauten sich nicht, mehr zu tun.
Bevor Apanache nach la Paz zurückfuhr, nahm Bübchen ihre Hand. „Ich möchte dich wiedersehen“, gestand er, „bald“. Da brach Apanache entzwei. Sie fiel ihm um den Hals und hielt ihn fest. So standen sie eine ganze Weile wie verzaubert.
Alanque stand in der Nähe. Sie sah ihren Vater an und sie lächelte. Sie wusste, dass Bübchen viel von Dennis hatte und sie verstand ihre Schwester.
9.
Leider war das Glück nicht von Dauer.
Als kurz nach der Abreise der nächste Lastwagen kam, gab es zwei neue Fahrer. Sie luden den Lastwagen ab, dann wollten sie mit Alanque sprechen. Bübchen führte sie zu Alanque.
„Jungs, geht’s um euer Geld?“ fragte Alanque. „Das hätte Bübchen euch geben können.“
„Klar“, sagte einer von ihnen. Sie öffnete ein Fach, nahm das Geld heraus und gab es ihm. „Stimmt so“, meinte sie. Er grinste. „Alles“, befahl er.
„Raus mit euch“, meinte Alanque. Der Mann lachte roh, dann hatte der andere Bübchen an den Haaren und hielt ihm einen Revolver an den Kopf. „Alles, hab ich gesagt“, meinte der Mann.
„Ihr kommt nicht weit“, drohte Alanque. „Das lass mal meine Sorge sein“, meinte der Mann. „Du hast doch da so einen kleinen Balg. Dem könnte was passieren.“
Alanque sah ihn mit Abscheu an. „Oder dem Bürschchen da…“ „Oder beiden“, lachte der andere. Er stieß Bübchen roh auf den Boden und kniete auf ihm. Bübchen war geschickt, aber er war kein Kämpfer. Er musste abwarten.
„Los jetzt, die Kohle“, meinte der Mann. Er zog seine Waffe und kam auf Alanque zu. In diesem Moment ging die Türe auf, und Para kam herein. Der Mann war sofort bei Alanque und hielt ihr die Waffe auf den Bauch.
Para blickte auf die Männer. Er hatte die Situation in einem Augenblick erfasst. „Tu, was er sagt“ bat er.
„Sehr vernünftig das Bürschchen.“ Der Mann öffnete die Kassette und steckte die Scheine in die Tasche. Wir wollen noch etwas anderes. Du wirst uns jedes Mal, bevor eine Lieferung abgeht, benachrichtigen.“ Alanque sah ihn an. „Du weißt schon. Steine, Diamanten, Gold. Das, was ihr ausgrabt. Wir werden dir noch sagen, wie und wo.“ Dann ging er zur Tür und mit einem blitzschnellen Griff hatte er Para die Waffe an den Kopf gedrückt. „Der da kommt mit uns. Als unsere Lebensversicherung.“
Alanque sah, wie Para ihr zublinzelte. Sie hob die Hände. „Also gut, also gut. Ich mache das.“
„Vergiss das nicht. Wir werden dein Bübchen da erst mal behalten und wir kommen wieder.“ Eine Schießerei wollten sie nicht riskieren. Sie hatten einen Auftrag zu erledigen.
Sie verschwanden durch die Tür und fuhren mit dem Lastwagen ab.
Alanque schaltete sofort. „Nicht aufhalten“, befahl sie. „Lass sie abhauen, dann können wir handeln.“ Insgeheim hoffte sie auf Para.
Alanque hatte sich nicht verrechnet. Die Männer hatten Para roh in den Lastwagen gestoßen, dann waren sie losgefahren. Para kannte die Strecke von seinen Flügen. Er wartete eine halbe Stunde ab. Der Lastwagen holperte über die Straße. Die Aufmerksamkeit des Fahrers und des Beifahrers war von der schlechten Straße abgelenkt. Da verwandelte sich Para in eine Spinne.
„Verflucht, wo ist er hin“, schimpfte der Beifahrer plötzlich. Der Fahrer sah zu ihm. Para war weg. Nur die Kleider lagen da. Er trat heftig auf die Bremse. Der Wagen kam zum stehen. In diesem Moment sprang ihn die Spinne von hinten an und biss ihm in den Nacken.
Bevor er mit der Hand nach ihr schlagen konnte, saß sie auf dem Beifahrer und biss zu.
Diese beiden Bisse waren tödlich. Die Gangster wurden innerhalb von zwei Minuten müde und schlapp. Die Sprache blieb ihnen weg. Der Fahrer löste den Fuß von der Bremse und der Wagen setzte sich in Bewegung und fuhr das leichte Gefälle hinunter, dann wurde er schneller und fuhr in der nächsten Kurve geradeaus gegen einen Baum. Die Körper der beiden Männer wurden abrupt nach vorne geworfen. Sie waren tot.
Para verwandelte sich zurück. Er nahm ihnen das Geld ab. Die Waffen ließ er da. Er hätte damit nichts anfangen können. Dann fand er eine Leinentasche und hängte sie sich um den Hals.
Er stieg aus, vergrub seine Kleidung, wurde zum Adler und flog zurück zum Hotel. Er landete direkt vor dem Eingang, verwandelte sich zurück und betrat das Haus.
Er war jetzt nackt und er platzte mitten in eine Versammlung, die aufgeregt beriet, was zu tun sei.
Moses sah ihn als erstes. Er stand auf. „Para“, sagte er. Alanque hatte mit dem Rücken zu ihm gesessen. Ihr Kopf fuhr herum, dann sprang sie auf und lief zu Para. Sie umarmte ihn.
„Alles gut“, meinte Para. „Sie sind tot. Beide. Man wird sie finden und es gibt keine Spuren. Leider war eine Kenda im Fahrerhaus. Sie haben das nicht bemerkt.“ „Eine Kenda“, fragte Bübchen. Para nickte. „Eine Spinne. Nicht sehr groß, aber sehr giftig. Sie haben Schaum vorm Mund.“ Dann gab er Alanque den Beutel mit dem Geld. „Wir sollten in Zukunft besser aufpassen“, meinte Para. „Andere werden kommen, und nun hätte ich gern was zum anziehen.“
Alanque gab Anweisung, nichts an Dennis weiterzugeben und sie organisierte die Wache neu. „In Zukunft will ich vorher eine Liste aller Fahrer. Es wird nur durchgelassen, wer bekannt ist.“ Außerdem befahl sie oben auf der Hochebene eine Wache aufzustellen. „Sie werden vielleicht über die Hochebene kommen“, sagte sie.
Die Wachen hatten sich gewundert, aber Alanque erklärte es so: „Als ich die beiden fremden Fahrer gesehn habe, da habe ich angefangen nachzudenken. Es ist nichts passiert, aber was, wenn doch etwas passiert wäre. Sie sind glatt durchgefahren, ohne Kontrolle. Wir haben hier die Aufgabe die Grabungsstätte zu bewachen. Man soll uns nicht den Vorwurf machen, dass wir schlafen.“
Das verstanden die Wachen. Sie wollten ihren Job nicht verlieren. Er war leicht und sie hatten es gut hier. Sehr gut.
An diesem Abend fragte Alanque Para unter vier Augen: „Du warst die Spinne?“ Para lächelte. „Ich habe dir gesagt, dass ich dich beschütze. Dich und meine Schwester.“
Die Fahrer kamen nie an. Der zweite Wachposten am Ende der Straße meldete, dass kein Fahrzeug durchgekommen sei. Also machten sich die Wachen auf den Weg. Sie fanden den Lastwagen mit kaputtem Kühler an einem Baum. Die beiden Fahrer waren tot. Sie untersuchten sie und fanden die kreisrunden Geschwulste rund um die Spinnenbisse. Sie fanden auch die Waffen. Das Geld war verschwunden.
Sie gaben die Meldung sofort über Walkie Talkie weiter. Ein Hubschrauber suchte die Umgebung ab. Sie fand keinen Plünderer. Der Wald war menschenleer. Das Geld war dennoch weg. Der Kommandant tobte. „Wie konnte das passieren?“ Sie fragten bei der Spedition nach. Sie fanden die eigentlichen Fahrer, die sich hatten bestechen lassen, um sich ein paar schöne und freie Tage zu machen. Die Sache wurde dem Minister gemeldet und er ordnete an, dass die Wachen im Winter nun verstärkt würden. Als er hörte, dass Alanque schon befohlen hatte, alle Fahrer anzumelden, nickte er. „Wir haben geschlafen“, meinte er. Dann begann er vorsichtige Erkundigungen nach den Hintermännern einzuleiten.
Die Kunde gelangte auch zu der lokalen Mafiaorganisation nach Lima, die den Auftrag erteilt hatte. Irgendwas war hier schiefgelaufen. Die Sache mit den Spinnenbissen nahmen sie den Berichterstattern nicht ganz ab, aber es konnte tatsächlich so gewesen sein. Sie hatten Vertrauensleute beim Militär. Nach einigen Tagen wussten sie, dass die beiden tatsächlich durch Spinnenbisse gestorben waren. „Scheiße“ sagte der lokale Mafiaboss. „Das nächste Mal werden wir vorsichtiger sein.“ Sie würden es wieder versuchen.
10.
Bübchen hielt nicht dicht. Er hielt es für seine Aufgabe, die Sache an „den Dicken“ in Berlin weiterzugeben. Er tat das sehr vorsichtig und über eine sichere Leitung in Cusco.
Er wartete eine Weile ab, dann behauptete er, sich einmal die berühmte Inkastadt Cusco ansehen zu wollen. „Ich hab das schon lange vorgehabt.“ „Mitten im Winter“, fragte Alanque.
„Klar“, meinte Bübchen. Er zückte eine Kamera. Ich werde mich von den Soldaten im Jeep hinbringen lassen. Die Ablösung bei den Wachleuten ist fällig. Dabei werde ich die nächste Lastwagenfuhre eigenhändig kontrollieren und auch mal mit den Kontrolleuren auf der anderen Seite der Straße reden. Außerdem hat mich Conny angerufen. Sie hat gesagt, dass sie und Armando sich mit einer Frau zusammengetan haben, die tanzt und singt. Ich soll mir mal ansehen, ob es in Cusco gute Möglichkeiten für Auftritte gibt.“ Das stimmte nun wirklich. Alanque wusste das.
So kam es, dass „der Dicke“ informiert wurde. Er hörte sich den Bericht in Ruhe an. „Was ein Mist“, sagte er, „ich hab so was kommen sehen. Ich brauch dir nicht zu sagen, dass ihr vorsichtig sein müsst. Ich könnte es nicht ertragen, wenn euch was passiert.“ Bübchen beruhigte ihn. „Keine Sorge. Der Minister hat schon reagiert. Alanque hat die Wachen angespitzt und wir haben Hilfe bekommen.“ Er erzählte kurz von Para. „Willst du mich veräppeln“, fragte „der Dicke“.
Bübchen lachte laut ins Telefon. „Liebend gerne, aber diesmal stimmt’s wirklich. Sobald Dennis da ist, werden wir ihn informieren. Er wird wissen, was zu tun ist.“ „Ich schick euch ein paar Leute rüber, als Unterstützung“, endete der Dicke.
11.
Bis März blieb alles ruhig.
Para flog die Hochebene des öfteren ab. Er konnte hoch in der Luft stehen und sah mit den scharfen Augen des Adlers jede Bewegung auf der Erde. Auch die Straße beobachtete er. Zu seinem Schutz befahl Alanque, dass auf Adler nicht geschossen wird. Auch nicht zum Spaß.
Para kontrollierte auch immer wieder über dem Tal des Wasserfalls. Manchmal sah er unten im Tal die Kinder. Sie sahen zum Himmel, wenn er seine krächzenden Schreie des Adlers ausstieß. Julia deutete stets zum Himmel hinauf. „Dort fliegt Para“, sagte sie. Die Jungen sahen sich zunächst ungläubig an, doch sie erfuhren auf ihrer nächsten Karawane, dass Julia Recht gehabt hatte. „Ich besuche euch manchmal“, erzählte Para. „Ich habe gesehn, wie Julia dem Adler zugewunken hat.“
Théra, die kleine Tochter von Alanque entwickelte sich prächtig. Sie hatte die dunklen Haare und die rehbraunen Augen ihrer Mutter. Para bemühte sich rührend um seine kleine Schwester. Vielleicht war es sogar sein Einfluss, dass sie nach den ersten zwei Wochen bis auf zwei Trinkpausen durchschlief und Alanque ihre Nachtruhe gönnte. Alanque war morgens stets frisch und ausgeruht und sie konnte sich bequem um alles kümmern. Tagsüber trug sie ihr Baby am Körper mit sich herum, in ein Tuch eingewickelt, wie es die Tradition der Indios ist. Manchmal übergab sie das Baby an Para, der ein unglaubliches Gefühl für das Kind hatte.
Alanque sorgte dafür, dass Bübchen, Moses und der kleine Spanier mal in der Küche, mal im Sägewerk, mal in der Verwaltung und mal beim Zimmerservice halfen. Sie kümmerte sich darum, dass die Freunde ihren PKW- und LKW-Führerschein machten. Sie schickte sie als Kontaktleute zu den Behörden in Cusco, und zum Einkaufen auf den Großmarkt. „Es ist wichtig, dass ihr einen Überblick habt, was wir hier machen, bevor ihr euch für eine spezifische Ausbildung entscheidet“, sagte sie zu den drei Freunden. „Wichtig ist, dass ihr eure Ausbildung dann auch wirklich zu Ende bringt.“
Bübchen telefonierte öfter mit Apanache. Sie steckte in ihren Schulabschlussprüfungen und konnte nicht weg. Sie versprach, wenn alles vorbei ist, würde sie kommen.
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