Kitabı oku: «Die wilden Zeiten der Théra P.»
Hans-Peter Vogt
Die wilden Zeiten der Théra P.
(Rebel Years)
Reihe: Die Macht des Tunnels - Band 6
real-utopischer Abenteuerroman / Fantasy / Deutsche Ausgabe
Ungekürzte Ausgabe / überarbeitet für e-book / Empfohlen ab 15 Jahren / Alle Rechte vorbehalten / ISBN 978-3-942652-51-3
© vogt multimedia verlag, Dr. Hans-Peter Vogt, Erlenweg 18, 64354 Reinheim / Umschlagentwurf und eBook-Konvertierung: © vogt multimedia design
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Empfohlene Schriftsart: Verdana
Inhaltsangabe
Cover
Titel und Impressum
Inhaltsangabe
Einleitung
Zu den Erläuterungen im Anhang
Kapitel 1. Théras Einsamkeit
Kapitel 2. Der Sommer nach dem Beben
Kapitel 3. Im Schutz der Haremsfrauen
Kapitel 4. Théras Tal
Kapitel 5. Der Trek der Waisenkinder
Kapitel 6. Der Neuanfang
Kapitel 7. Leylas Hochzeit
Kapitel 8. Théra ist verunsichert und sucht nach neuen Lösungen
Kapitel 9. Zeit des Lernens und wilde Ausbrüche
Kapitel 10. Théras Rückkehr. Die Rückbesinnung auf ihre Wurzeln und neue Aufgaben
Kapitel 11. Théras geheime Kraft und die Eroberung Südamerikas
Kapitel 12. Der Griff nach der Macht
Anhang (A) Stammbaum/ die Familie von Théra
Anhang (B) Die handelnden Personen im Buch
Anhang (C) Städte, Seen, sonstiges
Anhang (D) Politisches...
Anhang (E) Karte der archäologischen Funde
Anhang (F) Der Autor
Einleitung
Théra ist in Peru geboren, und ihre Kindheit und ihr Bewusstsein sind ganz entscheidend von der Ausgrabung einer indianischen Hochkultur in ihrem Heimatort Théluan geprägt. Tatsächlich gab es in Peru früher unglaublich viele Hochkulturen, die bis ins Jahr 8000 vor Christus zurückreichen, wie aus der Zeichnung im Anhang hervorgeht. Dort seht ihr auch die Lage der fiktiven Stadt Théluan an der Süd-Ost-Grenze von Peru, sowie die Lage der von den Inkas geprägten Stadt Weltkulturerbestadt Cusco. Immer wieder kommt es im dichten Regenwald zu neuen und sensationellen Funden, und es ist durchaus möglich, dass einmal so etwas entdeckt wird, wie die hier beschriebene Königsstadt.
Dieser Band 6 handelt von der schwierigen Zeit der Pubertät und der Jugendlieben, der Rebellion, des Ausbruchs, der Selbstfindung und der Freiheit. In Peru ist das nicht anders als hier. Allerdings ist Théra geprägt von ihren indianischen Wurzeln und dem besonderen Zusammenhalt unter den Indianern Südamerikas. Théra ist die älteste Tochter des Deutschen Unternehmers und Abenteurers Dennis und der südamerikanischen Indianierin Alanque.
Théra ist jetzt gewaltig in der Pubertät und sie hat Geschwister, die jetzt auch bald in dieses schwierige Alter kommen. Jeder findet seine eigene Lösung.
Man schreibt inzwischen das Jahr 2022 und zu Beginn des Buches ist Théra knapp 14 Jahre alt.
Bei all ihren Aufgaben, die Théra im vorherigen Band zu bewältigen hatte, hat sich Théra immer wieder um die Sorgen und Nöte der anderen gekümmert. Dann kommt der Moment, dass Théra von allem Abstand nimmt. Sie will sich einmal intensiv um alle diese Vorgänge kümmern, die sie zu Beginn der Geschlechtsreife verwirren. Nicht nur der Körper verändert sich, es bilden sich Sehnsüchte, Wünsche und Blockaden.
Théra ist eingebunden in ein Netz von Kontakten, die sie nicht fallen lassen. Es kommt zwangsläufig zu wunderbaren Abenteuern. Théra ist aber bereits einbezogen in eine Fülle von Entscheidungen mit enormer Tragweite, und so ist es auch wieder ein wirtschafts- und sozialpolitisches Buch. Am Ende des Bandes hat Théra diese Phase der Selbstfindung hinter sich gebracht. Sie ist jetzt 19 Jahre alt und sie denkt in ganz anderen Dimensionen.
Auch wenn Théra im vorliegenden Band 6 die zentrale Figur ist, so ist das vorliegende Buch kein Mädchenroman, der mit den Gefühlen junger Mädchen spielt. Vielmehr ist Théra eingebunden in regionale und globale Strategien und Pläne. Sie selbst hat an dieser Entwicklung einen ganz entscheidenden Anteil.
Zu den Erläuterungen im Anhang:
Neben einem ausführlichen Namensregister gibt es im Anhang diverse Erläuterungen zu Landschaft und zum politisch-sozialen Umfeld.
Weil die Ausgrabung der indianischen Königsstadt für Théras Leben eine so große Rolle spielt, habe ich euch dort erstmals eine Grafik der verschiedenen Ausgrabungsorte von antiken Stätten in Peru eingefügt. Die hier wohl bekanntesten sind die Fundstätten rund um die alte Inka Hauptstadt Cusco, die heute Regionalhauptstadt ist. Auch andere, wie die Nazka-Kultur im Hochland von Peru werden hierzulande immer bekannter. Es ist eine Fülle von Funden, denn aus irgendeinem Grund haben sich in Peru seit Jahrtausenden immer wieder neue Hochkulturen herausgebildet, vergleichbar vielleicht mit den Kaiserreichen in China oder den Dynastien in Ägypten. Einzig die Königsstadt der Thé Krieger ist erfunden. Die anderen angegebenen Fundstätten gibt es wirklich. Das Buch ist nun mal kein historischer Roman, trotz all der Bezüge, die als Théras Wurzeln beschrieben werden.
Kapitel 1. Théras Einsamkeit
1.
In den letzten Monaten war es spannend und aufregend gewesen. Théra hatte viele Erlebnisse und Aufgaben gehabt, sie hatte die Gemeinsamkeit ihrer Geschwister genossen und sie hatte viel gelernt. Sie fühlte sich körperlich gesund, und die vielen Freunde waren da wie immer.
Alle ihre Aufgaben waren aber im Laufe des November schlagartig zurückgegangen. Ein neuer Lebensabschnitt hatte begonnen. Théra kehrte in ihre kleine Stadt mit dem Namen Théluan ins „Tal der Krieger“ zurück (wie das genannt wurde) und sie spürte plötzlich mit aller Macht die Veränderungen in ihrem Körper durch die einsetzende Pubertät.
Théra würde an Weihnachten 14 Jahre alt werden. Jetzt war es Mitte November und sie fühlte sich unerwartet leer und ausgebrannt.
Sie hatte in den vergangenen zwölf Monaten einen kleinen Busen, eine Taille und richtige Hüften bekommen. Ihr Gesicht hatte den kindlichen Ausdruck verloren, und sie merkte, dass sie noch immer weiterwuchs. Sie fühlte ein ständiges Ziehen in ihrer Brust. Ihre Stimme wurde voller. Die Proportionen veränderten sich laufend weiter. Die Regelblutung kam jetzt fast immer in den gleichen Abständen. Das war immerhin ein gutes Zeichen. Sie wusste das.
Innerlich war sie über den Sommer weiter gereift. Sie war ihren Altersgenossinnen weit vorraus, aber diese plötzliche Leere und Unsicherheit verwirrten Théra. Das war neu und das verunsicherte Théra nur noch mehr.
Sie bemerkte, dass sie den Jungen nachschaute. Es kribbelte in ihrem Bauch. Sie sehnte sich auf einmal nach einer Berührung und nach Zärtlichkeit. Sie wollte den Jungen gefallen. Das hatte es noch nie gegeben. Die väterliche Zärtlichkeit von Papa konnte ihr jetzt nicht mehr helfen.
Es nutzte Théra in dieser Situation nichts, dass sie von den Indios in ihrem Tal vergöttert wurde. Sie hatte in den letzten Jahren durch ihre „heilenden Hände“ viele Kinder der Gemeinde aus Indios gesund gepflegt, die in ihrem Tal lebten. Sie spürte, wenn in den Frauen das Leben wuchs. Sie hatte Trost gespendet, und sie hatte Menschen seelisch aufgebaut. Sie erweckte Vertrauen, und sie konnte wunderbar zwischen streitenden Parteien vermitteln. Sie hatte seit ihrer Kindheit Stück für Stück gelernt, die Gedanken anderer Menschen zu lesen und zu steuern, aber sie war sich immer bewußt, dass sie ein Teil dieser Gruppe aus Indios war. Papa pflegte stets zu sagen: “Wir sind Diener unserer Freunde”, und Mama war als Leiterin der archäologischen Ausgrabung nicht nur die Chefin eines Großteils der indianischen Bevölkerung in ihrer Stadt, sie war für die Indios wie eine fürsorgliche Mutter. Théra war in diesem Denken aufgewachsen.
Sie hatte Zugang zu Bereichen des Gehirns, die sich anderen normalerweise verschließen. Während normale Menschen nur knapp 10 Prozent ihrer Gehirnmasse nutzen, konnte Théra über 30 Prozent ihrer zerebralen Kapazität steuern, und das eröffnete ihr ungeheure Möglichkeiten. Sie konnte problemlos mehrere Dinge auf einmal und mit ganzer Kraft tun, also das, was man als die Fähigkeit zum Multitasking bezeichnet. Es ging nicht nur um Dinge, wie schulisches Lernen. Mathematik, Physik und Chemie fielen Théra leicht. Sie hätte ohne weiteres ein zweiter Archimedes oder Einstein werden können, aber ihr primäres Interesse lag nicht auf diesen Gebieten. Geografie, Biologie und Sternenkunde interessierte Théra schon mehr. Sie würde ohne Kompass jedes Ziel erreichen, indem sie sich nur nach dem Stand der Sterne und der Landkarte richtete.
Es waren vor allem die Sprachen, die Théra keinerlei Schwierigkieten bereiteten. Papa und ihr großer Bruder Para hatten ihr gezeigt, was Vater immer als “die Weltsprache” bezeichnete. Das war ein Gemisch aus Lauten, das sich an die jeweilige Landessprache der Runde anpasste wie ein Medium. Mit Hilfe der Weltsprache verstand Théra alles, was ein Chinese oder ein Marokkaner sagte, und umgekehrt. Diese Weltsprache floß in Form von Energie in die Köpfe der Gesprächspartner, so dass der Japaner in Théras Anwesenheit sogar verstehen konnte, was der Perser, der Inder oder der Norweger in seiner Sprache sagt, wenn Théra das nur wollte.
Sie konnte diese Weltsprache nahtlos in die Sprache der Tiere übergehen lassen, und dann mit Krokodilen, Schlangen, Käfern oder Vögeln kommunizieren, während sie sich gleichzeitig mit ihren Mitmenschen unterhielt und mathematische Gleichungen löste. Es war eine Fähigkeit, die es in dieser ausgeprägten Weise nur in Théras leiblicher Familie gab. Papa hatte das, und all ihre Geschwister hatten das auch. Es gab nur wenige Einschränkungen dieser Multitaskingfähigkeit, dann nämlich, wenn Théra sich mit ganzer Kraft in eine Art Hypnosezustand versetzen musste, um Heilungsprozesse bei schwierigen Krankheiten durchzuführen. Dies erforderte ihre volle Konzentration.
Bereits als kleines Kind hatte Théra von ihrem großen Bruder Para gelernt, sich in pure Energie zu verwandeln, und in die Körper und Gehirne anderer Menschen zu schlüpfen. Sie konnte sich dort umsehen, wie in einem Raum voller Gegenstände. Sie konnte Fehlfunktionen erkennen, Zellteilungen oder die Produktion von körpereigenen Stoffen stimulieren, und die Verbreitung von krank machenden Viren eindämmen.
Als erste in ihrer Familie hatte Théra die Fähigkeit entwickelt, das Denken anderer Menschen durch direkte Steuerung chemoelektrischer Impulse im Gehirn zu verändern, und dies auch von außen zu tun, indem sie verschiedene physikalische Formen von Energie bündelte, und in die Köpfe der Mitmenschen schickte. Théra musste nicht einmal mehr in unmittelbarer Nähe dieser Menschen sein. Hatte sie den Kontakt einmal aufgenommen, konnte sie diese Menschen auf große Distanzen hinweg steuern, wie ein ferngelenktes Auto.
Anfangs laugten diese Vorgänge Théra aus, so dass sie regelrecht krank davon wurde. Heute hatte sie einen Weg gefunden, solche Prozesse schonend und spielerisch zu steuern, ohne direkte Gefahr für ihr eigenes Leben. In diesen Dingen war Théra selbst in ihrer Familie ein Ausnahmetalent, aber manchmal war es notwendig einen extrem starken Energieaustausch vorzunehmen, dann brauchte Théra anschließend die Hilfe von Papa oder von ihren Geschwistern, um ihre verloren gegangenen Energiereserven wieder aufzufüllen.
Sie konnte ihre physische Form ändern und sich in Tiere verwandeln. Sie konnte für andere unhörbare akkustische Wellen aussenden und auch empfangen, und Théra hatte als erste in ihrer Familie gelernt, die Schwerkraft zu überwinden, indem sie sich auf Gegenstände konzentrierte, um sie zum schweben zu bringen. Nur mit Hilfe ihrer Energie konnte Théra einen Mehlsack anheben, ohne ihn anzufassen, einen LKW in voller Fahrt zum Stehen bringen, oder ein Feuer mit der Kraft ihrer Energie entzünden. Inzwischen konnten das andere in ihrer Familie zwar auch, so wie Théras kleiner Bruder Pesa oder ihre Schwester Clara, aber Théra war in diesen Dingen unübertrefflich, und diese Fähigkeiten nahmen von Jahr zu Jahr weiter zu.
Es war eine ungeheure Kraft, die ihr durch ihren Onkel Patrick geschenkt worden war. Einem Onkel, der irgendwo im Raum zwischen Leben und Tod schwebte, und den sie rufen konnte, wenn sie seine Hilfe braucht, egal, wo sie gerade war. Dieser Onkel war nur für Théra, für ihre unmittelbaren Geschwister und auch für ihren Vater sichtbar, und mit Théra schien Onkel Patrick besondere Ziele zu verfolgen.
Théra wusste nichts von komplizierten wissenschaftlichen Erklärungen dieses Phänomens, so es sie denn überhaupt gab, aber es war da. Théra sah die Auswirkungen ihrer Fähigkeiten. Von ihrem Vater hatte sie gelernt, diese Eigenschaften in den Dienst einer höheren Macht zu stellen, und sie als ein Geheimnis zu bewahren. Kein Wunder, dass Théra dank dieser enormen Intelligenz bereits in ihrer Kindheit zweimal eine Klasse übersprungen hatte.
Théra war immer noch ein menschliches Wesen, mit Gefühlen, Hoffnungen und Liebesbedürfnissen, aber sie galt den Indios als die Tochter der Sonne, genau so, wie schon ihr Name auf altindianisch hieß. Sie stand zwar irgendwie auf gleicher Stufe mit den Indios ihres Viertels und doch wieder nicht.
Jetzt veränderten die Hormone ihr ganzes Wesen, wie durch den Würgegriff einer unsichtbaren Faust. Es war bei Théra nicht anders, als bei anderen Jugendlichen. Trotz ihrer ungeheuren Kräfte war Théra ein Mensch aus Fleisch und Blut, und sie war diesem Wachstumshormon ausgeliefert, wie alle andern in ihrem Alter auch. Ohne die Liebe ihrer Familie wäre Théra nichts gewesen. Diese Liebe gab ihr Halt, auch jetzt, aber diesem Griff konnte sie sich nicht entziehen. Alles an ihrem Körper und ihren Gefühlen war im Umbruch. Sie entwickelte unbekannte Sehnsüchte und sie fühlte sich das erste Mal in ihrem Leben schutzlos. Es war zum Verrücktwerden.
Sie hatte gelernt, anderen zuzuhören, aber wer hörte ihr zu und wer half ihr in dieser neuen Herausforderung, die sich Pubertät nannte? Papa hatte ihr einmal gesagt, sie solle sich der neuen Aufgabe stellen und sie bereitwillig annehmen. Aber wie???
Papa, Mama, Théras großer Bruder Para und seine Frau Sofia waren immer da gewesen, wenn Théra sie brauchte, aber jetzt fühlte Théra sogar Scheu, sie anzusprechen. Auch das war neu.
Diese Scheu verwirrte Théra noch mehr. Sie sehnte sich nach einer Geborgenheit, die ein Mädchen in diesem Alter normalerweise durch eine beste Freundin oder auch einen festen Freund erhält. Mit Papa oder Mama konnte sie darüber nicht reden.
Wer hätte das in ihrem Tal sein können? Alle diese Indios waren ihre Freunde, aber alles schien auf einmal schwierig zu sein. Sie hatte ihre Naivität verloren, ungeniert auf die Leute zuzugehen, und sie ohne Hintergedanken anzufassen. Es gab wirklich niemanden, dem Théra sich in dieser Situation hätte anvertrauen wollen. Selbst mit ihrem großen Bruder Para und mit ihrem Lieblingsonkel Moses (der da drüben in dem Hotel der Familie als Chefkoch die Zubereitung von Speisen zelebrierte), getraute sich Théra nicht über diese Vorgänge zu reden, obwohl sie zu denen sonst immer gehen konnte.
Sie litt Höllenqualen und sie zog sich ganz zurück.
2.
Etwas war anders, als bei anderen Jugendlichen in ihrem Alter. Théra hatte keinen Grund, aufsässig zu sein gegenüber der altersbedingten Authorität der Erwachsenen, so sie denn sachlich gerechtfertigt war. Sie war sprachgewandt und konnte wunderbar argumentieren. Sie machte sich Gedanken über Zusammenhänge. Sie konnte eigene Fehler erkennen, und korrigieren. Sie konnte mit Kritik umgehen, und allein mit Worten konnte sie ihre Kommunikationspartner in der Sache überzeugen.
Durch ihre spezifische Herkunft als Tochter des großen Chefs (der den Indianern als von Gott gesandt galt) war sie stets anders behandelt worden, als andere Kinder und Jugendliche. Nicht nur gleichwertig, wie das bei den Indianern der Anden üblich ist, sie wurde hoch geschätzt.
Ihre Eltern und ihr großer Halbbruder Para (der wie ein zweiter Vater zu ihr gewesen war) hatten ihr alle erdenklichen Freiheiten gelassen. Théra hatte nie erlebt, dass sie gegen ihren Willen zu etwas gezwungen worden wäre, und wenn, dann wurde sie liebevoll korrigiert oder abgelenkt. Nun ja. Es hatte stets Regeln gegeben, und Théra hatte diese Regeln längst verinnerlicht.
Bereits als kleines Kind hatte sie den Ameisen zugehört, und begriffen, dass es in jedem Staat Regeln gibt, die bestimmen, was die Aufgaben des einzelnen sind. Bei den Ameisen war das einfach, du wurdest entweder Späher, Krieger, Arbeiter oder Königin. Bei anderen Tieren war das komplizierter, etwa bei Mäusen, Andenkamelen, Adlern oder Fischschwärmen. Es gab da ein Netz aus genetisch gewachsener chemophysikalischer Energie, das solche Vorgänge steuerte, und mit jeder nach-wachsenden Zelle als Erbinformation an die Nachkommen weitergegeben wurde. Auch Bäume und Pflanzen verfügen über dieses weit verzweigte kommunikative Netz an Energie, das ihnen mitteilt, wann sie ihre Blätter entfalten, um neue Kraft zu tanken, oder wann sie in eine lebenserhaltende Starre verfallen.
Théra hatte Zugang zu diesem System aus Kommunikationstechniken, die man als genetischen Code des tierischen und pflanzlichen Lebens bezeichnen kann. Gleichzeitig war sie sich ihrer einzigartigen Macht bewußt. Ihre Kräfte erlaubten ihr nicht, sich gegen die elterliche Autorität zur Wehr zu setzen, die sie noch nie als belastend empfunden hatte. So weit ging diese neue Situation, die sich Pubertät nannte, nun doch nicht. Théra war sich im Klaren darüber, dass sie alle vor den Kopf gestoßen hätte.
Gefährlich war das auch, wenn sie ihre Kräfte mißbrauchen würde. Aber wer weiß schon, was alles passieren kann, wenn die Triebe beginnen, den Verstand zu überlagern. Das war es, was Théra bewegte, sich ganz in sich zurückzuziehen. Sie verstand nicht, was diese fremde Macht, die sich Pubertät nannte, mit ihr anstellte. Sie musste versuchen, diese Vorgänge in ihrem Körper zu ergründen, um sie anzunehmen und zu lernen, sie zu beherrschen.
3.
Noch etwas war anders, als bei anderen Jugendlichen. Die können sich in der Regel nicht vorstellen, dass ihre Eltern noch befriedigenden Sex miteinander haben, oder sie finden das voll eklig, wenn die Alten es miteinander treiben.
Vielleicht war das bei den Indianern in Théras Stadt kulturell bedingt anders als bei den spanischstämmigen Weissen, aber Théra war ein Sonderfall. Sie hatte es von klein auf gelernt, Energieströme zu lesen, Positive und Negative, Freude, Haß, Gleichgültigkeit. Sie wusste, wenn Menschen miteinander im Streit liegen, auch wenn sie das nach aussen hin zu verbergen versuchen. Sie hatte gelernt, dass ihre Eltern eine tiefe Liebe füreinander empfinden, und dass sie sich manchmal zurückziehen müssen, um diese Liebe zu pflegen und zu praktizieren. Manchmal hatte ihr großer Bruder Para, Onkel Bübchen oder Onkel Moses diese Pflegerolle übernommen, wenn Papa und Mama einmal ganz alleine sein wollten. Théra war dennoch nie ausgeschlossen worden, und als ihre Geschwister noch klein waren, hatte sie bereits die Rolle der älteren Schwester übernommen, um sich um die Geschwister zu kümmern, wenn Mama und Papa einmal für sich sein wollten. Es war ihnen allen in Fleisch und Blut übergegangen. Théra hatte ihre Geschwistern gelehrt, dass diese Form der Liebe in ihrer Familie tiefes Glück und Zufriedenheit auslöst, die sich wiederum positiv auf den Umgang der Eltern mit ihren Kindern auswirkt. Ein Sonderfall, gewiss, der vieles überflüssig macht, was andere Jugendliche von ihren Eltern trennt, oder was für sie ein mühsamer Prozess wird, auf dem Weg sich von den Eltern abzunabeln und erwachsen zu werden.
Théra war zwar in der Pubertät, aber sie brauchte diese Aufmüpfigkeit nicht, die für andere Jugendliche notwendig ist, um sich selbst zu finden. Dennoch gab es da diese Veränderung in ihren Gefühlen und in ihrer körperlichen Entwicklung zur geschlechtlichen Reife, wie bei jedem andern auch.
4.
Am 24. Dezember stellte sich urplötzlich eine neue Aufgabe, direkt in der Weihnachtsnacht, plötzlich und völlig unerwartet, und diesmal musste Théra wieder eingreifen, owohl sie gerade mit sich selbst beschäftigt war. Es ging noch einmal um das Überleben ihrer Familie. Diesmal hatte das nichts mit schicksalshaften Naturgewalten zu tun, wie einem Vulkanausbruch, sondern es hatte politische Hintergründe, und das ist in einem südamerikanischen Land nichts ungewöhnliches. Es war lange ruhig in Peru gewesen, aber jetzt war die Gefahr unmittelbar und zum Greifen nah.
Um das zu verständlich zu machen, muss ich ein wenig ausholen und die Ereignisse der letzten Monate zusammenfassen, selbst wenn ich einiges wiederhole, was im letzten Band bereits zu lesen war. Dieses Geschehen hatte ganz ursächlich mit dieser neuen Situation zu tun, die sich in der Weihnachtsnacht explosionsartig, und für alle überraschend, zur Bedrohung entwickelte.
Kapitel 2. Rückblick: Nach dem grossen Beben
1.
In den Monaten vor ihrem Zusammenbruch hatte Théra keine Zeit gehabt, um an sich selbst zu denken.
Erst war da dieses gewaltige Erdbeben, das ihre kleine Stadt erschütterte. Direkt im Anschluß ereignete sich dieser Vulkanausbruch, dessen pyroplastische Wolke die halbe Hochebene verbrannte. Die kleine Stadt, in der Théra mit ihrer Familie lebte, wurde nur einen glücklichen Umstand verschont. Fallwinde hatten diese Wolke in unbewohntes Gebiet gelenkt. Die einzige Verbindungsstraße zwischen der regionalen Haupstadt Cusco und ihrer kleinen Stadt Théluan war auf eine Breite von 1,5 Kilometern durch eine gewaltige Schlamm- und Gerölllawine verschüttet worden. Der ganze Abhang war ins Rutschen gekommen. Man hatte schweres Räumgerät einsetzen müssen, und man hatte die Strasse in diesem Abschnitt völlig neu bauen müssen, um die Versorgung der Stadt mit Lebensmitteln und Baumaterialien auf dem Landweg sicher stellen zu können. Lufttransporte mit Hubschraubern konnten nur die anfängliche Hilfe sicherstellen. Schon das war eine gewaltige logistische Meisterleistung.
Die Katastrophe hatte in der Region viele Menschenleben gekostet. In ihrer kleinen Stadt war nur durch Théras Gespür und Papas entschlossenes Eingreifen das Schlimmste verhütet worden. Der Staudamm war durch das Beben gerissen, doch der See war bereits vorher abgelassen worden. Die erdbebensicheren Wohnbauten von Théras Indioviertel hatten dem gewaltigen Beben widerstanden. Mehrere Hochhäuser, Banken, Einkaufsmärkte und viele Gebäude im Villenviertel waren allerdings eingestürzt. Die wirtschaftlichen Schäden in der Stadt waren immens. 350 Menschen waren allein in Théluan umgekommen. Auch die einzige Brücke über den Fluss war zusammengebrochen.
Viel schlimmer hatte es die Weltkulturerbe-Stadt Cusco getroffen, die auf der abgewandten Seite des Epizentrums lag. Dort waren über 15.000 Menschen gestorben. Eine ganze 350.000-Einwohner-Stadt war jetzt ohne ein Dach über dem Kopf, ohne Wasser und ohne Nahrung. Es war schlimmer, wie die Auswirkungen nach einem Flächenbombardement.
Théra hatte sich unmittelbar nach dem Ausbruch des Vulkans mit ihrer „zweiten Mutter“ Laura in Berlin kurzgeschlossen. Laura hatte als Geschäftsführerin der mächtigen „Stiftung zur Förderung unentdeckter Talente“ die nötigen Verbindungen, um eine weltweite Hilfsaktion zu starten. Während Papa in Peru die nationale Hilfe auf den Weg brachte, waren Théra und Laura in Berlin damit beschäftigt, die internationale Hilfe zu organisieren, soweit sie das konnten. Théras zweite Mutter Laura hatte sofort alle ihre Musikerfreunde um Mithilfe gebeten. Sie setzte sich mit dem Roten Kreuz, dem Technischen Hilfswerk, dem Fernsehen und mit politischen Organisationen zusammen.
Eine große Hilfe war die Unterstützung durch Théras Tante Fatima und die Hilfe von Théras Halbbruder Jens Faruk gewesen. Er hatte die Idee, dieses Lied zu komponieren, das in den Folgewochen überall auf der Welt zum Symbol für die Zerstörung und den dringenden Wiederaufbau der Region wurde, und alleine in den ersten zwei Wochen der Kampagne über 100 Millionen Euro in die Kassen des Hilfsfonds spülte.
Théra selbst war schon zwei Tage später wieder nach Peru zurückgekehrt. Dort hatte sie sich der Öffentlichkeitsarbeit gewidmet. Sie war zu diesem Zeitpunkt erst dreizehn Jahre alt, aber sie hatte diese besondere Gabe, um Menschen zu überzeugen. Sie trat im Fernsehen auf, sie sprach mit Zeitungen und dem Rundfunk. Sie holte ihre Schwester Clara zu Hilfe, die mit ihren blonden Locken und ihren blauen Augen in die Fernsehkameras weinte, und dann den Menschen Mut zusprach. Théra war in ihrer Familie nicht das einzige Ausnahmetalent.
Die blonde Clara hatte einen unglaublichen Erfolg bei den Menschen. Überall in Peru und in den Nachbaarstaaten wurde jetzt Hilfe organisiert. Viele Indios und viele Weisse schlossen sich zu einer wahren Bewegung für den Wiederaufbau zusammen. Cusco und Théluan waren immerhin nationale Kulturdenkmäler von internationalem Rang, und Cusco war darüberhinaus Provinzhauptstadt mit einer bis dato immensen wirtschaftlichen und religiösen Bedeutung.
Vor Ort waren eigentlich Théras Vater und ihr jüngerer Bruder Pesa die Initiatoren dieser Bewegung gewesen. Théra organisierte zunächst „nur“ die Öffentlichkeitsarbeit.
Die Stiftung erhielt das Privileg zur Verteilung der Hilfsgelder. Papa hatte Gelder für den Wiederaufbau von tatkräftiger Mithilfe abhängig gemacht. Keine Agonie, hatte er gefordert. “Spuckt in die Hande, packt an. Ihr könnt weinen, das Recht zur Trauer steht euch zu, aber ihr könnt auch arbeiten. Tut etwas für eure Zukunft.”
Théra und Clara baten über Fernsehen und Rundfunk überall um Mithilfe. So entstand eine regelrechte Euphorie des Wiederaufbaus.
Théras kleiner Bruder Pesa bewies sich als Praktiker und Organisator. Er und seine Indios aus der Siedlung, die in den letzten zwei Jahren so viel Spaß an Architektur und an Bauprojekten entwickelt hatten, organisierten die Hilfe vor Ort. Sie machten sich ihre Erfahrung zunutze.
Für alles, was das Bauen und Organisieren anbetraf, hatte der erst 10 Jahre alte Pesa ein unglaubliches Talent. Er hatte nicht die Fachkenntnis eines Ingenieurs, aber er war überzeugend und konnte Aufgaben zuteilen. Er hatte das richtige Gespür dafür, wer an welchem Platz gerade gebraucht wurde, denn auch er verfügte bereits über die geheimen Kräfte der Familie, wenn auch auf etwas anderen Gebieten als Théra und Clara.
Pesa wuchs in diese selbstgewählte Aufgabe regelrecht hinein. Er und seine vielen Freunde aus der Indiosiedlung sprachen sich für einen erdbensicheren Wiederaufbau aus. Sie halfen, wo sie konnten, durch eigene tatkräftige Mitarbeit, vor allem aber durch die Organisation der Hilfe durch andere. Die Bevölkerung der Region hatte bald einen eigenen Namen für sie gefunden: „Die Bau-Kids“. Nun ja. Eigentlich nannte man sie auf spanisch voller Hochachtung die „Grupo architectura del kids“.
Es war ein Phänomen. Die indianischen Kids im Alter zwischen sechs und achtzehn waren wie eine eingeschworene Gemeinschaft. Ihre Energie und ihre Fröhlichkeit wirkte ansteckend. Sie organisierten Lastwagen und Baumaterialien. Sie sprachen mit Hausbesitzern und Banken. Sie redeten mit den Obersten der Hubschrauberbrigaden und der Bodentruppen. Sie überzeugten Baufirmen und Handwerker. Wenn sich Widerstand zeigte, blieben sie freundlich, aber sie waren hartnäckig wie die Schmeißfliegen. Sie sprachen immer wieder vor, und sie hatten stets neue überzeugende Ideen.
Sie gingen mit Mauleseln und Werkzeugen hinauf auf die Hochebene und halfen den Indios beim Wiederaufbau ihrer zerstörten Häuser. Sie sprachen mit wohnungslos gewordenen Menschen. Sie redeten mit Jugendlichen, die nach den ersten Zerstörungen in Cusco angefangen hatten Leichen zu fleddern und in den Trümmern der Häuser zu wühlen, um zu plündern. Sie überzeugten diese Jugendlichen, beim Wiederaufbau mitzuhelfen. Sie setzten sich dafür ein, dass straffällig gewordene und von der Polizei aufgegriffene Jugendliche verschont wurden, wenn sie soziales Engagement zeigen. Sie initiierten in der zerstörten Stadt Cusco weitere solcher Hilfsgruppen aus Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.
Im Südosten Perus entstand eine aktive indianische Bewegung, die sich nicht nur um zivile Projekte und die Infrastruktur kümmerte, sondern eben auch für die notwendigen Reparaturen an den antiken indianischen Kultstätten. Es ging nicht nur um Wohnungen, Decken und Essen, es ging auch um die Bewahrung der historisch gewachsenen Kultur eines ganzen Kontinents. Plötzlich begann man das indianische Erbe der Inkas in Cusco und der Thé Krieger in Théluan ganz neu zu definieren. Dieses historische Erbe war es, was dieses Land so einmalig machte. Man konnte sogar von der Wiege der südamerikanischen Kultur sprechen. Die Zeugnisse dieser Hochkulturen durften nicht untergehen.
Die Schulen in der kleinen Stadt Théluan waren während des Bebens zum großen Teil zerstört worden. Während professionelle Baufirmen die Schulen wiederaufbauten (Gesetze und Verordnungen verboten es den Kids, dort mitzuhelfen), hatten die Lehrer die Schule unter Zeltdächern ins Freie verlegt. Einige von Ihnen hatten beschlossen, die Bau-Kids auf die Hochebenen und nach Cusco zu begleiten. Allen voran die neu eingestellten Polytechnik-Lehrer und die Betreuer aus der Indiosiedlung.
Auch in Cusco entstand ein völlig neues Lernsystem. Die Lehrer halfen den Kids bei ihrer Arbeit. Sie lebten mit ihnen zusammen in Zeltstädten und organisierten Verpflegung oder Transportmittel. Einmal am Tag zogen sich alle zurück und lernten gemeinsam. Bald nahmen auch die Kids aus Cusco daran teil. Sie besprachen Bauprojekte und lernten Pläne lesen. Sie lernten schreiben und rechnen an konkreten Projekten.
Weil die Gebäude der Stadt weitgehend zerstört oder einsturzgefährdet waren, entwickelten sich die mobilen Schulen unter freiem Himmel. Anderswo gibt es so etwas wie Projektunterricht. Dies hier war ein Lernen direkt im Alltag und unter den Bedingungen der durch das Erdbeben zerstörten Region.
In Cusco gab es fast nichts mehr. Kein Wasser, keine Nahrung, kein Haus, keine Matratze und an Kleidung nur das, was man auf dem Leib trug. Alles, was man zum Leben brauchte, musste erst einmal organisiert werden.
Es gab Berge von Schutt. Hunderte Verschüttete mussten mit Spürhunden mühsam aufgefunden werden. Tausende von Leichen mussten begraben, und die drohende Cholera-Gefahr musste gebannt werden. Der Ministerpräsident verhängte kurzerhand den Ausnahmezustand über die Region und erließ in Cusco ein nächtliches Ausgehverbot, das nur für Hilfskräfte mit Passierschein aufgehoben wurde. Wie gut, dass er das Militär in Bewegung gesetzt hatte. Ohne die Hubschrauber, die Lastwagen, das schwere Räumgerät und die disziplierte Hilfe des Militärs hätten die Überlebenden und Verletzten das nie geschafft. Théra hatte das alles hautnah erlebt.
Besser war das in Théras kleiner Stadt Théluan. Dort hatte das Militär unter der Leitung des Kathastrophenschutzes von Anfang an alles im Griff. Die Indianische Mehrheit der Stadt organisierte unter der Führung durch Théras Mutter eine flächendeckende Hilfe. Sauberes Wasser hatten sie genug, und ärztliche Hilfe wurde in eilig aufgebauten Zelten garantiert, die Théras Mutter Alanque zusammen mit einem Team aus Ärzten und Sanitätern aus Deutschland einfliegen ließ.
Aus dem Ausland trafen bald weitere Hilfsgüter und Spezialisten ein. Kleidung und Schuhe, Zelte, Decken, Suppenküchen, Wasseraufbereitungsanlagen, Medikamente, Stromgeneratoren, Säcke mit Mehl, Bohnen und Reis, Sanitäter, Ingenieure, Katasthrophenhelfer und Ärzte.
Die Baukids hatten viel zu tun. Zusammen mit dem Militär waren sie bei der gesamten Hilfe federführend. Auch das war nur möglich, weil sich der Ministerpräsident für diese Gruppe und den Wiederaufbau einsetzte. Er besprach sich mit seinen militärischen Beratern. Der Großteil des Wiederaufbaus würde zwar durch Pioniereinheiten, Baufirmen und professionelle zivile Gruppen erfolgen, die dem Kathastrophenschutz unter Théras Vater Dennis unterstellt wurden, aber die Hilfe der Baukids war so etwas wie die Seele des Wiederaufbaus.
Die Mithilfe der betroffenen Bevölkerung war mindestens genauso wichtig. „Wir wollen hier kein Gefühl von Hoffnungslosigkeit“, verkündete der Ministerpräsident über den Rundfunk. „Wir brauchen jeden, der zwei Arme und zwei Beine hat, um zu helfen“. Der Ministerpräsident war ein gewiefter Taktiker. Er würde gewinnen, wenn er sich als populärer Präsident des Volkes bewies und eine Vorbildfunktion einnahm. Er traf mit seiner Beschwörung mitten in die Volksseele. Er fand Unterstützung bei der Landeskirche. In Cusco waren auch alle Kirchen und das Kloster zerstört worden, wie schon in den Jahren 1650 und 1950 zuvor. Diesmal war aber alles anders, denn Théras Vater organisierte mit Billigung des Präsidenten die Hilfe mit Weitblick und Zivilcourage.
In der Schule der Kids gehörten Ausdruck und Sprachgewandtheit zum Unterricht. Man musste mit Erwachsenen verhandeln, sie um Mithilfe bitten, oder sie freundlich überreden. Es gab viele soziale Projekte, wie die Versorgung von Kranken und die Betreuung von Kindern, die bei dem Beben ihre Eltern verloren hatten.
Viele der Indiomädchen aus Théras Viertel hatten sich dieser Gruppe spontan angeschlossen. Sie gingen in die zerstörten Krankenhäuser und sie organisierten Kinderbetreuung unter freiem Himmel. Sie gingen zu überlebenden Indios und weißen Schülern, brachten sie dazu, eigene soziale Gruppen zu bilden und hielten die Kommunikationsverbindungen aufrecht.
Man brauchte für diese Aufgaben in Cusco viel neues Wissen. Die Lehrer lernten in dieser Zeit mindestens genauso viel, wie die Schüler. Es war eine gewaltige Zweckgemeinschaft.
Théras Onkel, der Ministerpräsident des Landes, hatte in einer öffentlichen Ansprache an die Solidargemeinschaft aller Peruaner appelliert. Er hatte um jede erdenkliche Hilfe gebeten. „Manchmal müssen wir die bürokratischen Hürden überwinden, wenn schnelle Hilfe geboten ist“, hatte der Ministerpräsident gefordert. Das war natürlich auch eine indirekte Aufforderung an alle Abzocker, sich da jetzt einzumischen (auch wenn der Ministerpräsident das so nicht wollte), aber Dennis war sehr rigide, um unberechtigte Ansprüche abzuwehren, und die Schar der Krisengewinnler möglichst klein zu halten. Ganz war der organisierte Betrug in dieser Situation allerdings nicht zu verhindern, zumindest nicht in Cusco.
Während Théras Vater Dennis und viele Helfer die Hilfe in Cusco mit Absicherung durch das Militär organisierten, hatte Théras Mutter Alanque die Aufgabe übernommen, den Wiederaufbau in Théluan zu überwachen. Als Leiterin der Ausgrabung und als Direktoriumsmitglied der Stiftung besaß sie die nötige Position, um sich Gehör zu verschaffen. Dennis schlug sie als stellvertretende Leiterin des Katastophenschutzes vor. Alanque hatte längst einen guten Draht zum Ministerpräsidenten des Landes, und der hatte bestimmt: „Sie organisieren das jetzt. Ich weiß, Sie können das. Wenn es Probleme gibt, dann rufen Sie mich an. Auch die Pioniere und der zuständige Oberst in Ihrer Stadt werden Ihnen unterstellt. Sie haben die zivile Leitung für den Wiederaufbau in Théluan und die Versorgung der Menschen mit Trinkwasser und Nahrung. Die Stadt ist unser wichtigstes Aushängeschild für die Weltöffentlichkeit. Machen Sie was aus der Situation.“
Der Oberst der ursprünglich zum Schutz der Ausgrabung bestellten Brigade arbeitete seit Jahren vertrauensvoll mit Théras Mutter zusammen. Alanque bildete aus ihren indianischen Arbeitern zwei Gruppen. Eine musste die Schäden in den freigelegten Arealen der historischen Ausgrabung begutachten und beheben, die andere wurde eingesetzt, um in der Stadt mit anzupacken.
Schnell hatten die Zeitungen und das Fernsehen des Landes dieses Théma aufgegriffen und sie berichteten mit bewegenden Bildern über diese tatkräftige Jugendgruppe aus Buben und Mädchen, die Zerstörungen und den Wiederaufbau. Aus New York kamen etliche Vertreter der UNESCO angereist, um sich die Zerstörungen am Weltkulturerbe in Cusco und Théluan anzusehen. Sie waren so beeindruckt von der Arbeit der „Grupo Architectura del Kids“, dass sie für den sachgerechten Wiederaufbau der Weltkulturstätten sofort eine Summe von zwei Millionen Dollar auftrieben, obwohl die Kassen ziemlich leer waren.
Viele Architektur- und Ingenieurstudenten schlossen sich Pesas und Alanques Gruppe an. Die freiwillige Arbeit wurde ihnen in ihrem Studium als Praktikum anerkannt. Lehrerstudenten, Schwesternschülerinnen und andere konnten ein freiwilliges soziales Jahr absolvieren, das ihrer Ausbildung gutgeschrieben wurde und sich in den Zeugnissen positiv niederschlagen würde. Die schwere Winterarbeit würde sogar doppelt honoriert werden. Der Ministerpräsident hatte sich eigenhändig dafür eingesetzt.
Die „Grupo Architectura del Kids“ war schon lange keine ethnische Gruppe von Indios mehr. Viele weiße Jungen und Mädchen waren jetzt Teil dieser Bewegung für den nationalen Wiederaufbau Südost-Perus, wie das in den Zeitungen genannt wurde.
Über den Winter würden viele Arbeiten klimabedingt weitgehend eingestellt werden müssen. Dann begann die wirklich harte Arbeit um das langfristige Überleben der obdachlos gewordenen Menschen. Im Frühjahr würde Pesas Organisation diese erfolgreiche Projektarbeit dann fortsetzen.
Auch in der kleinen Stadt Théluan würde die Schule in Zukunft nicht mehr das sein, was sie einmal war. Diese Erfahrungen der Schüler waren Gold wert, und die Lehrer nahmen sich vor, die gemeinsamen Erfahrungen über den Winter in einem Buch zusammenzufassen, um das „Lernen im Projekt“ - wie sie das nannten, als Idee für andere Schulen anzuregen.
Viele obdachlose Kinder aus Cusco wurden über den Winter von Familien in Théluan aufgenommen. Die Siedlung der Indios wuchs schlagartig um 800 Kinder und Jugendliche an. Jede Familie nahm mindestes ein Kind auf, damit es ein Dach über dem Kopf hatte. Eine wahre Herausforderung für Eltern, Lehrer und Schüler.
2.
All das hatte auch einige Unruhe im Land ausgelöst. Die Indios fanden plötzlich Gehör. Der Ministerpräsident setzte sich für sie ein. Man sprach über die soziale Lage. Die Fernsehsender verbreiteten immer wieder eine indianerfreundliche Stimmung, ja Bewunderung. Das war nicht normal.
Die Weißen beherrschten in Peru das politische und wirtschaftliche Geschehen. Nicht alle spanischstämmigen Weißen waren mit dieser Entwicklung einverstanden. Es gab wichtige Männer und Frauen, für die Indios immer noch als „unwertes Leben“ galten, oder jedenfalls als Volk, das der herrschenden weißen Kaste an Intelligenz und Machtstreben weit unterlegen war. Indios konnte man benutzen. Sie leisteten Garten- und Hausarbeit, man konnte sie in die Bergwerke schicken und körperlich gefährliche Arbeiten verrichten lassen, und man konnte ihnen den Job jederzeit wieder wegnehmen. Die Indios machten das Geldverdienen einfacher, solange sie keine politische Stimme und keine Interessenvertretung hatten. Es hatte in der Vergangenheit sogar Zwangssterilisationen gegeben, um diese Bevölkerungsgruppe zu dezimieren.
Man wollte Schürfrechte und Land, aber man wollte den Indios nichts für die Nutzung ihres Landes zahlen, für das es nicht einmal eingetragene Rechte gab, sondern nur einen historischen Anspruch, der nicht einmal in den Grundbüchern stand. Dann war jedoch diese historische Stadt entdeckt worden, und die Großgrundbesitzer hatten nicht einmal die Möglichkeit gehabt, sich daran privat zu bereichern, weil die Stiftung von Théras Eltern dort alles kontrollierte und für eine vertragliche und gerechte Verteilung der Funde zwischen den Staaten Peru, Bolivien und der beteiligten Stiftung aus Berlin sorgte.
An solchen Katastrophen wie diesem Erdbeben konnte man viel Geld verdienen. Hilfgelder konnten unterschlagen werden. Man konnte überteuerte Serviceleistungen berechnen, man konnte minderwertige Baumaterialien verwenden und teuer verkaufen. An so einem Unglück konnte man mit etwas Geschick sehr reich werden. Leider machte ihnen der Ministerpräsident einen Strich durch die Rechnung. Das Militär hatte strikte Anweisungen. Fast alle Hilfsgelder liefen über diese Stiftung in Théluan und an diesen Direktor der Stiftung (Théras Vater Dennis) war nicht ranzukommen. Er galt als unbestechlich. Jedes einzelne Angebot und jede Rechnung wurde genau geprüft und die Arbeit und die Zusammensetzung der Baumaterialien wurde überwacht. Deutsche Gründlichkeit mochte ja etwas Positives sein, aber in dieser Konstellation fand man das als lästig.
Der Ministerpräsident des Landes war der führende Kopf der konservativen Partei, aber der gegenwärtige Kurs des Ministerpräsidenten war ihnen zu indianerfreundlich. Er kollidierte mit den egoistischen Gewinninteressen einiger wichter Familien. Eine konservative Volkspartei zu sein, bedeutet ja nun nicht, dass man auch eine Politik für die Indios in diesem Land machen musste. Jedenfalls konnte man doch nicht von der weißen Elite verlangen, dass sie ihre ererbten Privilegien der ungezügelten Bereicherung einschränken oder gar aufgeben müssten. Der Ministerpräsident stellte jetzt offensichtlich einige ihrer innersten Werte auf den Kopf, auch wenn sie sachlich noch nie zu rechtfertigen gewesen waren.
Einige dieser Familien hatten sich in Théluan sogar Grundbesitz gesichert. Sie hatten von dem Bauboom profitiert, manche als Makler oder als Finanzdienstleister, aber sie hatten in den letzten Jahren auch zusehen müssen, wie die Indios in dieser kleinen Stadt immer selbstbewusster wurden. Da musste man gegensteuern. Man wollte die Ausgrabung der „Heiligen Stadt“ in Théluan nicht unbedingt behindern. Sie lieferte ungeheuer viel Geld in die Staatskasse, aber die Familien wollten an diesem Ausgrabungsboom kräftig mitverdienen. Es gab da viele potenzielle Möglichkeiten, wie Leiharbeit, Unterschlagung oder auch Diebstahl. Nur blöd, dass diese Stiftung von Dennis ein Machtfaktor war, an dem man in Théluan nicht vorbeikam. Diese Stiftung musste aus der Sicht dieser Leute eine andere politische Richtung bekommen. Dieser Dennis und diese Leiterin der Ausgrabung, diese Indianerin Alanque mussten weg. Man hatte bereits mehrfach versucht, sie zu verunglimpfen, indem man ihnen Unsauberkeiten in der Abrechnung und illegale persönliche Bereicherung vorwarf, aber das hatte nichts geholfen. Aus dem Nachbarland Bolivien (einem Land, das von der Beteiligung an der Ausgrabung in Théluan genauso profitierte, wie Peru selbst) hatte es lautstarke Proteste gegeben. Der peruanische Präsident hatte sich durch die Vorwürfe aus dem eigenen Land sogar angegriffen gefühlt, und er hatte diese Unterstellungen schließlich unterbunden. Dem Landesrechnungsamt lagen Beweise vor, dass die Stiftung korrekt abrechnete.
Dieser Präsident hatte sich in den Augen dieser Ultrakonservativen zu weit aus dem Fenster gelehnt. Er war nicht mehr tragbar. Auch er musste weg.
Während der Wiederaufbau organisiert wurde, entstand eine wirklich gefährliche politische Bewegung. Sie war anfangs zahlenmäßig relativ klein, aber sie war mächtig, weil sie viel altes Geld vertrat. Es gab immer mehr Minister, hohe Beamte, Militärs, Polizisten, Richter, Journalisten und Fernsehleute, die jetzt den heimlichen Widerstand gegen diesen Ministerpräsidenten und gegen Dennis Stiftung organisierten. Popularität hin, Popularität her. Diese Art von Volkstümlichkeit wollten sie nicht mehr länger dulden.
Alles war schlimmer geworden mit dieser unseligen Heirat zwischen Sofia (der Tochter des Ministerpräsidenten) und diesem Mischling, diesem Para, der als Sohn von Dennis galt. Das war ein falsches Signal gewesen. Mochte der noch so geschickte Hände mit der Zucht und mit der Heilung von Pferden haben. Man hätte das verhindern müssen.
Ein Putsch dieser Ultrakonservativen hätte zu diesem Zeitpunkt diese ganze Solidargemeinschaft in Théras Tal in ernste Schwierigkeiten gebracht und nicht nur das. Die Drahtzieher scheuten nicht vor Mord und Totschlag zurück, wie das oft so ist, und sie warteten auf einen günstigen Zeitpunkt, um loszubrechen und die Macht im Land zu übernehmen. Ein einzelner Mord würde da nicht helfen, obwohl man solche Pläne bereits in der Schublade hatte. Dennis, Alanque und dieser Para standen bereits im Fadenkreuz. Killer waren bereits angeheuert. Man musste diese Sache nur noch gut organisiert durchziehen.
Die Bewegung rekrutierte sich aus Mitgliedern der konservativen Volkspartei. Der Widerstand gedieh heimlich, und die Gruppe gewann immer mehr (weiße) Anhänger, die im Untergrund schwerbewaffnete Milizen bildeten, und versuchten, neue Anhänger beim Militär und in der Polizei zu rekrutieren.
Sie hatten den Ministerpräsidenten lange gestützt. Er war ja durchaus kein Mann der Milde. Er hatte seine Karriere mit Weitsicht, mit Härte und Durchsetzungsgefühl geplant und organisiert. Dieser Präsident war ein gewifter Taktiker, und ein gefährlicher Mann mit vielen Verbindungen und viel Unterstützung bei den wichtigsten Militärkommandanten. Man musste vorsichtig sein.
Die Bewegung wollte die Partei nicht spalten. Sie wollte die Macht in einem Staatsstreich übernehmen, und es schien notwendig zu sein, dies bald zu tun. Man würde versuchen, die Macht mit einem Schlag und mit brutaler Gewalt an sich zu reißen. Man musste nur noch einige führende Militärs und Polizeichefs überzeugen, dann würden sie ihren Überraschungsangriff starten, und dann würden sie alle die Gegner mit einem großen Rundumschlag niedermachen. Man würde jedoch damit warten, bis die ausländischen Pressevertreter das Land wieder verlassen hatten, die nach dem Beben in der Region Cusco zu Hunderten herumschwirrten wie die Schmeißfliegen, um ihre Bilder zu machen.
3.
Als Erste hatte die Frau von Théras großen Halbbruder Para damals die Gefahr durch die Ultrakonservativen erkannt. Das war bereits, als sie Para geheiratet hatte. Para war ein Mestize (der Sohn einer Buschindianerin und eines Weißen) und Sofia hatte bemerkt, dass viele Parteifreunde ihres Vaters mit dieser Hochzeit nicht einverstanden waren. Das galt vielen als „Rassenschande“. Dabei war diese Einstellung völlig verlogen. Die weiße Elite hatte durchaus keine Bedenken, ein Indianermädchen zu schwängern, aber für weiße Frauen der gesellschaftlichen Elite galt es als Tabu, einen Indianer oder einen Mestizen zu heiraten. Das gehörte sich einfach nicht. Sofia hatte sich über dieses Tabu hinweggesetzt. Sie hatte sich über dieses “Gefühl” (denn anfangs war es nur ein Gefühl) mit ihrem Mann und mit ihrer Mutter besprochen, aber es dauerte, bis der Ministerpräsident des Landes über einige sichere Erkenntnisse verfügte. Die Gegner waren sehr vorsichtig. Viel wusste er nicht, und er kam mit seinen Nachforschungen nicht weiter.
Einige Wochen nach dem Beben hatte sich Sofias Vater schließlich vertraulich an Dennis gewandt. Vielleicht könne der in dieser Angelegenheit helfen. Das war vielleicht gerade noch rechtzeitig. Nach einem langen Gespräch im Familienkreis über die drohende Gefahr im Lande hatte Théra die Initiative ergriffen. Sie setzte sich dafür ein, dem Onkel beizustehen, und Théra nahm sich eine Auszeit, um diese Hilfe zu organisieren. Im Nachhinein gesehen, war es Théras Entschlossenheit, die ihrer Familie letztlich das Leben rettete.
Sie bat ihre Geschwister um Unterstützung. Ihre Schwestern Clara und Eva, ihre Brüder Pesa und Nils und ihre Halbschwester Ana Théla. Sie hatten alle diese übernatürlichen Fähigkeiten, die auch Théra hatte. Vielleicht nicht alle, aber doch die meisten. Nur Raoul Pelé war noch zu klein, und Théras kleiner Bruder Pesa entschuldigte sich. Er war fest in die Organisation der Grupo Architectura del Kids eingebunden. Er war unabkömmlich, aber er würde sich vorsehen.
Noch während Théra sich im Fernsehen für den Wiederaufbau einsetzte, und noch während ihr Bruder Pesa all diese Bautrupps in Gang setzte, widmete sich Théra bereits ihrer selbstgewählten Geheimaufgabe.
Théra und Ihre Geschwister setzten ihre Verwandlungskünste ein und sie fanden auf einem drei Monate dauernden „Feldzug“ heraus, dass da ein Putsch vorbereitet wurde. Sie mussten lernen, dass ihre Familie als Feind dieser Menschen galt. Sie fanden heraus, wer zu dieser innerparteilichen Opposition gehörte.
Théra und ihre Geschwister hatten das nicht ganz ohne die Hilfe und Erfahrung von Papa und ihrem großen Bruder Para zu Wege gebracht, aber die beiden Erwachsenen leisteten ihnen in dieser Sache nur Starthilfe, und halfen hin und wieder bei der Analyse von Fakten und Daten. Dennis und Para hatten ohnehin mit dem Wiederaufbau alle Hände voll zu tun. Sie vertrauten Théras Instinkt.
Sofia und ihre Mutter (die Frau des Ministerpräsidenten) waren für Théra eine grosse Hilfe. Sie hatten einen Anfangsverdacht. Sie nannten Namen. Sie kannten Orte, wo sich solche Leute gewöhnlich treffen. Golfclubs, Offiziersclubs, Presseclubs, Tennisclubs, einige Privatwohnungen und die Hinterzimmer einiger Cafés in der Hauptstadt.
Die ganze Spionageaktion war aber letztlich ganz die Angelegenheit der Kinder. Sie waren die Aktivisten bei diesem „Feldzug“. Es war ihr „Gesellenstück“.
Sie verwandelten sich in Tiere. Sie hörten Telefongespräche mit, sie wohnten, unsichtbar für ihre Gegner, geheimen Versammlungen bei. Sie fanden Bankverbindungen heraus, sie hörten, dass der Putsch an Ostern stattfinden sollte, wenn alle Verbindungen hergestellt sind, und wenn alle in der Kirche sind, oder bei den Prozessionen mitlaufen. Sie verrieten schließlich die Köpfe der Bewegung an Théras Onkel. Es war eine lange Liste von Namen.
Es war letztlich Glück, dass der Onkel sich Théras Argumenten beugte, auf sie hörte, und seine Geheimpolizei anwies, dieses Problem schnell und zügig zu lösen. Es war Glück, dass der Leiter dieser Behörde, ein Generaloberst Fernando Méndes auf der Seite des Ministerpräsidenten stand, und die Aktion so lange geheimhielt, bis sie zuschlugen.
4.
Der Ministerpräsident schickte seine Geheimpolizei in der Nacht des 24. Dezember aus. All die politischen Gegner in seiner eigenen Partei wurden verhaftet. Geheime Waffenlager wurden ausgehoben. Es gab keinen Haftbefehl und keinen richterlichen Erlass. Niemand wusste genau, was da passiert. Sie kamen mit Hubschraubern und schnellen Geländewagen. Überall im ganzen Land kreuzten plötzlich die schwarzen Garden in Begleitung von Mannschaftswagen und gepanzerten Fahrzeugen auf. Planen wurden zurückgerissen. Schwerbewaffnete sprangen heraus und stürmten Gebäude. Sie nahmen Menschen mit, sogar in Théras kleiner Stadt Théluan. Sie hatten gewartet, bis sich die Familien nach dem Kirchgang, nach den weihnachtlichen Gesängen und den Geschenken schlafen gelegt hatten. Dann hatten sie zugegriffen. Sie traten Türen ein. Sie zerrten Menschen aus ihren Betten. Sie rissen Telefonleitungen aus der Wand und beschlagnahmten Mobiltelefone und Laptops. Sie nahmen Schlüssel, Aktenordner, Notizbücher, Geld, Scheckkarten und Sparbücher mit. Sie waren brutal und untersagten jeden Hilferuf, oder gar die Einschaltung eines Anwaltes unter Androhung von Schlimmerem. Auch einige hohe Militärs und Geheimdienstoffiziere wurden Opfer dieser Maßnahme.
Die Garden besetzten zu gleicher Zeit und in derselben Nacht die Rundfunk- und Fernsehsender, und sie verhängten eine totale Nachrichtensperre. Mit den Gerüchten verbreitete sich die Angst. Ein aufständischer Oberst ließ in aller Eile eine Panzerdivision auf den Präsidentenpalast zurollen, aber die Aktion war spontan und unkoordiniert, und sie wurde blutig zerschlagen. Kampfhubschrauber mit Luft-Bodenraketen, und Bodentruppen mit panzerbrechenden Waffen kamen dem Präsidenten zu Hilfe. Einige Gebäude wurden in Brand geschossen, darunter der Justizpalast, aber auch die 10 Panzer gingen in Flammen auf, und die eilig zusammengetrommelte Truppe aus aufständischen Infanteriesoldaten wurde eingekreist, und musste sich schließlich nach heftigen Verlusten ergeben. Auch in anderen Städten kam es zu Scharmützeln, das Kriegsrecht wurde landesweit ausgerufen, und die Zivilisten gingen in Deckung.
Der Ministerpräsident hatte seinen Angriff minutiös vorbereitet. Anders als sonst vielleicht üblich, hatte er seine politischen Gegner nicht heimlich hinrichten lassen, und auch nicht für immer ins Gefängnis geworfen, wie man das in solchen Konflikten sonst manchmal tut. Er stellte sie kalt und isolierte sie politisch und wirtschaftlich. Sie wurden verhört. Sie wurden bedroht. Sie wurden geschlagen. Alle ihre Güter wurden beschlagnahmt, Gelder, Firmen, Landbesitz, aber sie wurden später wieder auf freien Fuß gesetzt. Nicht sofort, nein. Die Aktion dauerte ihre Zeit. Die Verschonung der Gegner war für ein südamerikanisches Land sogar höchst ungewöhnlich. Die linksliberale parlamentarische Opposition wurde sogar ganz in Ruhe galassen.
Was würde jetzt kommen?
Nach Rücksprache mit seinen engsten Mitarbeitern hatte der Ministerpräsident zwar das Leben der Gegner verschont, aber er hatte ein striktes Ausreiseverbot verhängt. Diese Leute sollten im Ausland keine Unterstützer mehr finden. Sie würden die nächsten Jahre unter strengen Auflagen leben, Meldepflichten einhalten und ständig beobachtet werden.
Wie leicht hätte die ganze Aktion ins Leere laufen können, durch Verrat oder durch Untreue.
Die wichtigsten Generäle des Landes hatten sich auf die Seite von Théras Onkel gestellt. Der Ministerpräsident hatte sie davon überzeugt, dass der gegenwärtige Kurs ihres Landeschefs dem Land in den nächsten Jahren noch viel Nutzen bringen würde. Viele neue Firmen hatten sich bereits in Peru niedergelassen, und das Ansehen Perus auf der politischen Weltbühne war durch die Ausgrabung in Théluan und die Unterstützung durch die UNESCO enorm gestiegen. Dieses Kapital wollte man nicht verspielen. Schließlich vertrat der Ministerpräsident immer noch konservative Werte und er lockte mit Pfründen. Er galt zwar inzwischen als wirtschaftsliberal, aber er war einer von ihnen, und durch ihre Unterstützung war er den Generälen zu neuem Dank verpflichtet. Das machte sie mächtiger als zuvor. Zunächst schien danach die Gefahr eines neuerlichen Putsches gebannt. Man würde sehen, ob sich daraus eine neue Bedrohung entwickeln würde. Die Militärkommandanten profitierten direkt. Sie bereicherten sich an den eingezogenen Vermögen der Inhaftierten. Das war kriminell, aber es geschah mit dem Wissen und der Billigung des Ministerpräsidenten. Trotz dieser Bestechung war das Ganze eine Aktion auf Messers Schneide.
Plötzlich schien die politische Situation des Landes sicher und stabil. Zumindest vordergründig.
Der Ministerpräsident konnte seiner Tochter Sofia endlich das Versprechen abgeben, die Indios in diesem Land Stück für Stück mit den gleichen Rechten auszustatten, die auch die Weißen haben. Nicht sofort, denn das würde unmöglich sein, dies den Generälen gegenüber durchzusetzen, aber Stück für Stück, und das würde noch einiges an taktischem Vorgehen erfordern, um die mächtige Kaste der Generäle nicht doch noch gegen sich aufzubringen.
Vielleicht war es sogar ein Glück, dass dieses Beben und der Vulkan den Südosten des Landes so schwer in Mitleidenschaft gezogen hatten. Erst das Beben hatte diese gewaltige Solidargemeinschaft ermöglicht, die während des Sommers auf Initiative von Théras kleinem Bruder Pesa entstanden war. Erst die Folgen des Bebens hatte diese ultrakonservative Bewegung zu einer Einheit geformt und sie zusammengeschmiedet. Aber es waren letztlich mehrere glückliche Umstände, die den Putsch der Ultrakonservativen verhindert hatten.
5.
Es war Théra gewesen, die ihrem Onkel all die Namen der Personen gegeben hatte. Es war Théra gewesen, die dem Onkel sagen konnte, an welche Generäle er sich wenden durfte, ohne die Gefahr, hintergangen zu werden. Ohne Théras Hilfe wäre die Aktion nicht denkbar gewesen.
Diese völlig überraschende militärische Operation war es allerdings auch, die Papa und Théras großem Bruder Para große Sorgen bereitete. Sie waren zwar grob informiert worden, dass etwas passieren wird, und sie hatten sich schon selbst vorbereitet, auf ihre Weise einzugreifen, aber sie hatten gehofft, dass der Ministerpräsident das Richtige unternimmt. Sie waren aber wirklich nur sehr grob informiert worden. Irgendetwas ging da hinter ihrem Rücken vor, und diese plötzliche Gewalt und diese Ungewissheit waren äußerst bedrohlich. Man muss wissen, woher der Wind weht, um sich wirksam schützen zu können.
Jetzt zeigte sich, dass die übergrosse Vorsicht des Ministerpräsidenten auch Gefahren in sich barg.
Als Dennis und seine Freunde die ersten Gerüchte hörten und die Panzerfahrzeuge in Théluan sahen, da waren sie sofort in Alarmstimmung und beriefen den Familienrat ein. Es wurden Wachen ausgeschickt, um alle Truppenbewegungen zu melden und die Indios notfalls in die Berge zu schicken.
Der Ministerpräsident war selbst für Dennis nicht zu erreichen. Die politische Säuberungsaktion konnte auch für die Familie in ihrem Tal gefährlich werden.
Papa hatte in den letzten Jahren zwar viele Dinge zusammen mit dem Ministerpräsidenten in Bewegung gesetzt, aber diese Gewalt war beängstigend. Was war, wenn der Onkel solche Geheimgarden auch gegen ihre Familie sandte, owohl sie durch die Heirat von Sofia und Para miteinander verwandt waren? Was war, wenn irgendein Oberst nicht linientreu war und seine Leute gegen Théras Familie in Stellung brachte? Was war schließlich, wenn die Situation kippte und der Onkel plötzlich selbst Opfer einer Intrige wurde, und andere sich solcher Mittel bedienten, um die Chance auf einen Zweiten reaktionären Putsch zu nutzen? Von Mama wussten sie, dass so etwas in Südamerika jederzeit möglich war. In jeder Krisensituation kriechen die Ratten sinnbildlich aus ihren Löchern, um sich zu bereichern.
Noch während die Aktion lief, beschloss Dennis, in Zukunft Informanten und Vertrauensleute in wichtige Positionen in der Hauptstadt zu schleusen, um rechtzeitig gewarnt zu werden. Die Zukunft ihrer ganzen Stadt würde davon abhängen, aber das würde dauern. Man brauchte jetzt Informationen. Jetzt musste man handeln, und Théra erklärte sich sofort bereit dazu. Sie verfügte über einen seltenen Instinkt.
Théra setzte sich dafür ein, dass der Onkel (mit aller Vorsicht) mehr Vertrauen verdiente. Der Onkel war es, der in diesem Land vieles ermöglicht hatte, was „ihre Familie“ in den letzten Monaten und Jahren geleistet hatte. Nach dem großen Beben und dem gewaltigen Vulkanausbruch hatte er dafür gesorgt, dass das Militär uneigennützig half. Er hatte dafür gesorgt, dass all die Studenten und Krankenschwestern kamen, um den Erdbebenopfern zu helfen. Er hatte dafür gesorgt, dass die Verwaltungen unbürokratisch halfen, und er hatte mitgeholfen, dass die in solchen Situationen unvermeidliche Korruption weit hinter dem zurückblieb, was man hätte erwarten dürfen.
Anderswo hätte das Militär die Überlebenden vielleicht ausgeplündert, und es hätte sich an den Hilfslieferungen bereichert. Es hätte Zigarette rauchend zugesehen, wie die Menschen auf offener Strasse krepiert wären.
Ohne die Hilfe des Militärs hätte es nach diesem Beben viel mehr Elend und Not gegeben. Es wären Seuchen ausgebrochen. Menschen hätten verhungern müssen. Théra rechnete es dem Onkel hoch an, dass er sich in dieser schwierigen Situation auf die Seite der Opfer gestellt hatte.
Théra glaubte nicht daran, dass der Onkel seine Garden unerwartet gegen Théras Familie schicken würde. Sie schüttelte den Kopf.
Sie sah die Besorgnis im Blick von Papa, Mama und Para. Sie verstand, was sie bedrückte, und sie beschloß, sich noch einmal einzumischen. Pubertät hin, Pubertät her. Es ging ums Überleben. Sie setzte sich sofort mit ihrer Tante in Verbindung, mit der Frau des Ministerpräsidenten. Während Dennis, Para und Alanque bereits Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, vergingen die ersten Tage nach Weihnachten jedoch ruhig und scheinbar ohne konkrete Gefahr.
Als Théra sich zwei Tage nach diesen Vorfällen mit ihrer Tante traf, da hatte ihr diese starke Frau mit viel Geduld zugehört. Dann hatte sie Théra erklärt, dass sie mit aller Vorsicht Vertrauen in den Ministerpräsidenten haben könne. Théra hatte die Hände der Tante gehalten. Sie war in ihren Kopf gekrochen und sie hatte gesehen, dass die Tante die Wahrheit sagte. Vielleicht würde einmal eine Situation eintreten, die alles veränderte, aber im Moment schienen ihre Familie und ihr Tal sicher zu sein. Die Tante war auf ihrer Seite, und dass die Tante nicht wusste, was da geschah, das war nicht anzunehmen. Sie hatte immer das Vertrauen ihres Mannes genossen.
Théra war beruhigt und sie teilte Papa und ihrem großen Bruder Para später mit, was sie gesehen hatte. Sie würden dennoch vorsichtig sein. Vielleicht war der Auftrag für ein Attentat auf ihre Familie ja nicht mehr zu verhindern gewesen.
An diesem zweiten Weihnachtsfeiertag geschahen für Théra zwei wichtige Dinge.
„Ich soll dir von meinem Mann ausrichten, dass er dir zu großem Dank verpflichtet ist“, sagte die Tante. „Durch deine Hilfe hast du einen offenen Bürgerkrieg verhindert. Es lässt sich nicht genau sagen, was passiert wäre, wenn wir deine Namensliste nicht gehabt hätten. Aber so viel ist sicher: wenn diese Leute massiv losgeschlagen hätten, dann hätte es Tausende von Toten gegeben. Mein Mann musste überraschend angreifen, um uns zu schützen. Er hat mir versichert, dass er diese Leute verschont. Er will ein Zeichen für Vertrauen setzen. In den letzten Jahren haben sich viele Indios auf die Seite meines Mannes gestellt. Wichtige Teile des Militärs halten ihm die Treue. Sie hätten sich den geplanten Putsch der ultrakonservativen Gegner nicht gefallen lassen. Das hätte in unserem Land Mord und Totschlag gegeben. Ich weiß von den Umsturzplänen an Ostern. Danach wären wir wohl alle nicht mehr am Leben, unsere gesamte Familie nicht, und auch viele unserer politischen Freunde.“
Sie sah Théra direkt an. „Ich spreche jetzt nicht nur von der Familie meines Mannes. Ich spreche auch von deiner leiblichen Familie, schließlich sind wir durch die Heirat von Sofia und Para miteinander verwandt. Für mich bedeutet das sehr viel. Vergiss das nicht.“
Sie fuhr fort: „Théra. Wir haben dir viel zu verdanken. Ich, mein Mann, meine Kinder, das ganze Land. Mein Mann möchte, dass du das weist. Er wird nie öffentlich Stellung dazu beziehen, weil er niemandem mitgeteilt hat, woher diese Liste stammt. Das bleibt unter uns. Aber mein Mann sagt, dass du von ihm jede Unterstützung bekommen kannst, die du dir wünschst. Es gibt jedoch ein paar Einschränkungen. Mein Mann wird sich nicht einseitig auf die Seite der Indios stellen. Er ist der Präsident aller Peruaner. Er hat gesagt, du sollst das wissen. Ich darf dir das sagen. Mit meinem Mann kannst du jetzt nicht sprechen. Er ist vorübergehend untergetaucht, zu seiner Sicherheit, und er koordiniert alle Maßnahmen von einem geheimen Ort, den nicht einmal ich kenne.“
Nach einer Gedankenpause fügte sie hinzu: „Ich meine, er ist wirklich der Präsident aller Peruaner. Auch der Leute, die jetzt verhaftet worden sind. Wir werden sie verschonen. Wir werden ihnen die Macht und die Geldmittel entziehen. Als Freunde werden wir sie jedoch nicht gewinnen. Niemals. Da müsste schon ein Wunder geschehen.“ Sie seufzte.
Théra nickte. Was die Tante sagte, klang für Théra sehr vernünftig. Sie atmete tief durch. „Wir werden noch oft miteinander sprechen, wenn du mir das erlaubst. Vielleicht als Tante und Nichte, vielleicht auch, weil du die First Lady bist, und ich ein kleines besorgtes Mädchen bin.“
Die Tante lachte Théra offen an. „Egal wie du das nennst. Du bist hier immer willkommen. Vergiss nicht, ich bin deine Freundin, aber man weiß nie so genau, wo der Wind einmal herweht.“
Dann kam das zweite wichtige Statement der Tante: „Jetzt will ich dir noch was privates sagen. Du bist ein taffes Mädchen. Aber du bist jetzt in einem Alter, wo du mit deinen Gleichaltrigen bald Probleme haben wirst. Nicht nur, weil du durch die Hormone verwirrt wirst, sondern auch, weil du etwas Besonderes bist. Ich spüre das. Du weist, dass ich meine Tochter liebe, aber es wäre schön gewesen, auch noch so eine Tochter zu haben, wie du das bist. Du sollst wissen, das du immer zu mir kommen kannst. Auch mit deinen privaten Sorgen.“
Théra nickte, aber sie vertraute sich der Tante in der Sache Pubertät nicht an.
Auch ihre übersinnliche Kraft konnte ihr da nicht helfen. Sie war ja gerade eine der Ursachen, dass sich Théra mit Gleichaltrigen nicht mehr auf der gleichen Wellenlänge unterhalten konnte, die sonst beste Freundinnen untereinander auszeichnet.
6.
Niemand, der nicht zu Théras engster Familie gehörte, hatte bemerkt, dass Théras Berliner Geschwister Eva und Nils überhaupt in Peru gewesen waren. Nicht einmal Onkel Bübchen und Moses wussten davon, obwohl die sonst in alles eingeweiht wurden, was die Familie betraf.
Théra, Clara und die Kinder von Para waren nach der Operation in ihre kleine Stadt Théluan zurückgekehrt. Eva und Nils sprangen nach der Geheimoperation direkt nach Berlin zurück, denn auch sie hatten diese Kraft, den Raum zu überwinden, wie alle Kinder von Dennis und Para.
Die Kinder von Dennis hatten in diesem Sommer erstmals gemeinsam und wie eine eigenständige Geheimorganisation gehandelt. Sie hatten erlebt, was das Bündeln ihrer Kräfte bewegen kann. Sie würden das nächste Mal noch organisierter und noch sicherer vorgehen. Egal, welche Aufgabe sich dann stellte.
Sie hatten sich in Gefahr begeben und sie waren als Sieger aus der Situation hervorgegangen. Diese Erfahrung stärkte das Selbstbewusstsein.
Das Wissen um die Aufdeckung der Verschwörung blieb allerdings ein Geheimnis von Théras Familie und verließ diesen Kreis nie. Auch der Ministerpräsident verriet nie, wie er an diese wichtigen Informationen herangekommen war. Die ganze Geheimniskrämerei war sogar ein richtiger Schritt. Er schützte Théras Familie vor möglichen Racheakten.
Immerhin war Dennis so vorsichtig, dass er eine Gruppe von zwanzig absolut zuverlässigen Indios damit beauftragte, ihre Augen und Ohren offenzuhalten, und seine Familie rund um die Uhr zu bewachen, bewaffnet mit Walkie Talkies.
Théra dachte nach diesem Vorfall lange über Macht nach. In ihrer Familie gingen sie pfleglich mit ihrer Kraft um. Papa hatte stets von ihnen gefordert, ihre Macht nie zu missbrauchen. Langsam erkannte Théra, dass Macht eine dunkle Seite und eine Sonnenseite hatte.
So beschlossen Théra, Papa und Para die Ultrakonservativen weiter zu überwachen und sie würde auch ihren mächtigen Onkel von Zeit zu Zeit überprüfen. So viel Macht in einer Hand konnte nur gut gehen, wenn diese Macht nie missbraucht werden würde. Erstmals erhielt Théra eine vage Ahnung von Politik. Das ist ein Théma, das Jugendliche ihres Alters sonst überhaupt nicht interessiert. Bewusstes politisches Handeln war für Théra zu diesem Zeitpunkt noch viel zu abstrakt und viel zu weit entfernt. Théra hatte einfach aus dem Bauch heraus gehandelt, und sie hatte die richtige Eingebung gehabt.
7.
Der ganze Monat Dezember war für Théra nicht schön gewesen und auch ihr 14. Geburtstag war für Théra kein schönes Erlebnis. Die Pubertät und die Reaktion des Onkels auf den drohenden Putsch hatten Théra zugesetzt.
Dabei war in diesem Jahr so viel geschehen. Man könnte jetzt mit viel Hoffnung und Elan in die Zukunft blicken. Théra hätte jetzt viele weitere Aufgaben übernehmen können. Vieles war durch diese Solidarbewegung nach den Beben in Bewegung geraten, was vorher gestockt hatte. Viele Projekte mußten jetzt sinnvoll begleitet und weitergeführt werden, aber Théra wollte in diesen Wochen einfach nicht mehr.
Eigentlich konnte man sie verstehen. Es gibt immer einmal einen Punkt, wo man keine Kraft mehr hat und wo man nicht mehr will. Rückzug ist völlig legitim.
8.
Bereits vor Weihnachten waren die Wiederaufbauarbeiten in Théras kleiner Stadt weitgehend abgeschlossen worden, auch die Straße nach Cusco war längst wieder befahrbar.
Oben auf dem Berg hatte man die Schuttberge der eingestürzten Hochhäuser weggeräumt. Dort entstanden jetzt erdbebensichere Wohnanlagen nach dem Vorbild der Indiosiedlung. Die Einkaufszentren waren zum Teil abgerissen worden, und sie waren schon bald wieder geöffnet worden, um die Versorgung der Stadt sicherzustellen. Auch die zerstörten Schulgebäude waren wiederaufgebaut worden.
Théras jüngere Schwester Clara kannte diese Einflüsse der Pubertät noch nicht. Sie hatte viel zu tun. Clara half bereits im November und Dezember bei der Neuorganisation der Schule, und sie widmete sich auch der Pferdezucht ihres Bruders Para. Auch die Pferde verlangten nach ständiger Pflege und Aufmerksamkeit.
Théras kleiner Bruder Pesa war im Spätherbst mit seinen Bau-Kids aus Cusco zurückgekommen. Die Gruppe hatte sich langsam wieder in den Schulalltag eingeklinkt. Die Erfahrungen des Sommers mussten verarbeitet werden. Schließlich brachten sie noch 800 Kinder aus Cusco mit. Sie hatten ihre Eltern verloren und die Schule der Indios platzte jetzt aus allen Nähten. Dennoch waren erstaunlicherweise alle voller Leben und voller Enthusiasmus.
Nur Théra zog sich wieder zurück in ihre Art von Schneckenhaus. Théra sah alles, aber sie engagierte sich nicht mehr. Sie hatte Augen für Jungs, aber sie sah bald, dass es niemanden gab, zu dem sie eine intime Beziehung hätte aufbauen wollen. Nicht hier in Théluan. Selbst bei den Mädchen gab es niemanden, mit der Théra über ihre Probleme hätte reden wollen.
So entschloss sich Théra kurz nach Neujahr, ihre Schwester Clara einzuweihen. Vielleicht nicht in alles, aber doch in einiges.
Clara hatte schon längst darauf gewartet. Sie hatte ihre große Schwester beobachtet. Sie hatte ein paar Mal mit Papa und Mama über Théra gesprochen, aber die hatten nur geseufzt. Die Pubertät sei eine schwierige Zeit, Clara würde das auch noch erfahren.
Clara war zwei Jahre jünger als Théra. Sie verstand vieles von Théras neuen Nöten nicht aus eigenem Erleben, aber sie konnte gut zuhören, und sie beobachtete Théra jetzt viel genauer als vorher.
„Wenn du nicht mit Papa, Mama oder Para darüber reden möchtest“, sagte Clara, “dann solltest du vielleicht mal den Rat von Aussenstehenden einholen. Ende Januar werde ich mit Para nach Dubai fliegen. Komm doch einfach mit. Überlass Para und mir die Sache mit den Pferden und dem Reitunterricht für die Jungen des Emirs, und kümmere dich einmal ausschließlich um die Mädchen des Harems und deine Seele.“
Sie fuhr fort: „Die Frauen dort sind doch in diesen Dingen der Liebe erfahren. Sie können dir vielleicht mehr darüber sagen, was dich gerade bedrückt. Vielleicht können sie dir sogar helfen.“
Théra dachte lange darüber nach, dann nickte sie langsam und vorsichtig. Diese Frauen hatten nicht Théras Kräfte, aber sie hatten in ihrem Land eine besondere Rolle. Vielleicht würde ihr diese Gemeinschaft aus Frauen helfen können.
9.
Auch Dennis hatte Théra den ganzen Dezember über beobachtet. Er hatte sie ein paar mal in den Arm genommen, aber Théra hatte sich angefühlt, wie ein Stück totes Holz. Er sah das wirre Feuer in ihren Augen. Helfen konnte er nicht. Dieses Problem musste Théra selbst lösen. Es war ihr Leben.
Er hatte sich mit Théras Mutter besprochen und Alanque hatte sorgenvoll geseufzt. Théra war verschlossen wie eine Festung.
Als Théra in der zweiten Januarwoche den Wunsch äußerte, mit nach Dubai zu fliegen, da nickte Dennis. Er besprach sich mit Para und Clara und bat sie darum, ihre schützenden Hände über Théra zu halten. Théra brauchte jetzt ein stabiles soziales Netz.
Er ahnte, dass ein Ausbruch bevorstand und er sprang für zwei Tage nach Berlin, um Laura und die Freunde zu warnen. In so einer Phase konnte alles Mögliche geschehen. Es war eine wirklich gefährliche Situation. Es durfte nie passieren, dass Théra aus irgendeiner Laune oder Enttäuschung ihre Kräfte missbrauchte. Dann wäre der Teufel los. Gerade Théra mit ihrer außerordentlichen Macht brauchte jetzt eine Schar von Freunden, die ihr den nötigen Raum gaben, um diese schwierige Erfahrung zu bewältigen, und die sie stets beobachteten würden und sofort zur Stelle waren, um sie aufzufangen.
Dennis betete zu seinem verstorben Bruder Patrick, er möge Théra in dieser schwierigen Phase beistehen.
Gott sei Dank war diese Putschgeschichte glimpflich an ihnen vorübergegangen. Dennis hatte über Neujahr mehrere Geheimtreffen mit Sofias Mutter und dem Ministerpräsidenten gehabt, und er fand Théras Erkenntnisse voll bestätigt. Von diesem Ministerpräsidenten drohte ihnen derzeit keine Gefahr, und von den Generälen offenbar auch nicht. Dennoch hatten sie Glück gehabt, und Dennis erhielt ständige Berichte seiner eigenen Schutztruppe. Diese geheime Überwachung durfte nie einschlafen, denn Dennis wusste aus Erfahrung, dass Rache meist “kalt gegessen” wird, dann nämlich, wenn man wieder in den Alltag eingeklinkt ist, und die natürliche Vorsicht versiegt.
Man konnte sich jetzt mit aller Vorsicht wieder seinen wichtigen Aufgaben widmen. Auch der geregelte Fortgang der Ausgrabungen in Théluan gehörte dazu. Diese archäologische Fundstätte spülte immens viel Geld in die Staatskassen. Gerade in Zeiten der Krise war das überlebenswichtig, weil dieser ständige Zufluss von Reichtum wirtschaftliche und politische Stabilität sicherte. Durch die Funde waren viele Infrastrukturmaßnahmen und Projekte überhaupt erst finanzierbar geworden. Schließlich strahlte die Ausgrabung der alten Königsstadt als kulturelles Symbol eine ungeheure Kraft aus, weit über die Grenzen Perus.
So hatte die mit der Ausgrabung verwobene Situation einerseits die Putschgefahr durch die Ultrakonservativen heraufbeschworen, andererseits hatte sie die Familie von Théra beschützt. Es gibt Menschen, die sagen: in jeder Krise steckt auch die Chance für einen Neuanfang.
Der Ministerpräsident wusste jedenfalls genau, was er an Dennis und Alanque hatte. Die beiden sicherten dem Land einen steten Strom an Reichtum, der sich für alle bezahlt machte. Zwar hatte sich die Stiftung vertraglich zusichern lassen, 1/3 der Funde für sich zu beanspruchen, aber diese Stiftung investierte einen Großteil des Geldes direkt oder indirekt in soziale Projekte und in Infrastrukturmaßnahmen. So bekam der Staat tatsächlich einen Großteil des Stiftungsanteils wieder zurück, obwohl der Stiftung Steuerfreiheit zugesichert worden war.
Dann war da noch diese ungeheure Werbewirkung. Ohne Dennis und seine Stiftung hätte es diesen Einfluss auf die internationale Meinung nie gegeben. Von überall her kamen Menschen, um sich diese Ausgrabung persönlich anzusehen. Sie spülten wiederum neues Geld in die Staatskassen. Auf Auktionen bei Christies und anderen Häusern erzielten die Funde immense Preise, und wenn Sammlungen aus der Ausgrabung auf Weltreise gingen, um in verschienenen Städten ausgestellt zu werden, dann bildeten sich dort lange Schlangen von Interessenten.
Es war einfach notwendig, diesen Dennis und diese Stiftung zu schützen, und der Ministerpräsident hatte alle wichtigen Generäle überzeugen können, diesen Schutz, wenn notwendig, auch mit militärischen und polizeilichen Mitteln zu sichern.
Kapitel 3. Im Schutz der Haremsfrauen
1.
Mitte Januar nahmen sich Théra und Clara in der Schule frei und sie flogen mit ihrem großen Bruder Para nach Dubai.
Wieder erfuhr Théra, wie weise dieser Emir war.
Bei der Begrüßung umschloß der Emir Théras kleine Hände mit seinen großen kräftigen Männerhänden und er seufzte, „ich glaube, dieses Mal brauchst du meine Hilfe.“
Seine Söhne hatten im Umgang mit den Pferden durch Théras Unterricht einen ganz neuen Stil entwickelt. Sie waren lockerer und souveräner. Sie achteten die Tiere mehr als vorher, und sie konnten auch den Menschen viel besser zuhören. Ihr Urteil war klarer und gereifter. All das waren Eigenschaften, die einen arabischen Herrscher auszeichnen. Der Emir war ein Mann von Ehre. Er würde Théra seine Hilfe gerne gewähren.
Dann hatte er nach seiner Lieblingsfrau geschickt und sie gebeten, sich um Théra zu kümmern. Sollten Clara und Para dieses Mal die Pferde und die Jungens übernehmen. Théra hatte sich seine Fürsorge verdient. Seine Frauen sollten einmal ganz für Théra da sein.
2.
Théra wurde im Harem des Emirs stürmisch und begeistert aufgenommen. Die gleichaltrigen Mädchen hatten sich durch Théras Vermittlung auf verbotenes Terrain vorwagen dürfen. Sie waren in die Männerdomaine eingebrochen, und sie hatten begonnen, die ausgemusterten Pferde zu pflegen und zu reiten, die aus irgendwelchen Gründen nicht in das ästhetische Zuchtprogramm passten. Mal gab es eine Blässe, die da nicht hingehörte, mal waren die Beine zu kurz oder das Fell ungleichmäßig. Sie wären unter normalen Umständen zum Schlachter geschickt worden, aber es waren gute Pferde. Théra hatte damals dafür gesorgt, dass diese Tiere unter dem Schutz der Mädchen leben durften.
Die Mädchen hatten dabei nie ihre traditionellen Pflichten vernachlässigt, oder gar vergessen, und die Mädchen waren durch diese neue Aufgabe innerlich „gewachsen“. Sie hatten Verantwortung übernommen, und sie waren selbstbewusst und stolz geworden, ohne die Demut und die Dankbarkeit zu verlieren, die Teil ihrer Erziehung war.
Die Rolle der Frau im Clan des Herrschers war die einer unsichtbaren Fee. Viele dieser Frauen hatten angesehene Berufe. Sie waren diplomierte Übersetzerinnen, studierte Ökonome und Anwältinnen. Sie waren in dem Clan des Herrschers dennoch unsichtbar. Sie lenkten viele Geschicke des Landes, aber sie hielten sich an die Traditionen.
Einige der Mädchen hatten also jetzt die Männerdomaine des Reitens für sich entdeckt. Sie fühlten sich glücklich und das war allein Théras Verdienst.
Es war kein Wunder, dass Théra aufgenommen wurde, wie in eine grosse Familie.
Théra und die Mädchen pflegten die aus der Zucht ausgemusterten Pferde. Sie wagten auch, in den frühen Morgenstunden weit hinaus in die Wüste zu reiten, und sich nach dem Sternenhimmel zu orientieren. Sie waren völlig allein. Nun ja, so gut wie. In einiger Entfernung folgten ihnen stets einige besonders ausgesuchte Beduinen, alles geschickte Reiter und unsichtbar wie Schatten, um über die Mädchen zu wachen. Der Emir liebte seine Mädchen viel zu sehr, um sie einer Gefahr auszusetzen, und er ließ sie keinen Moment aus den Augen.
Dennoch war für Théra in diesem Monat alles anders als früher. Théra hatte ihre Rolle als Lehrerin der Mädchen abgelegt. Es war eher so, dass sie jetzt von den Mädchen gestützt und umsorgt wurde, und sie war froh, dass sie nur von den Mädchen und den Frauen umgeben war, ganz ohne Männer.
In den heissen Tagesstunden wurde gebadet. Sie pflegten sich gegenseitig. Sie kämmten und flochten sich die Haare. Die Mädchen berührten Théras Körper, anfangs eher wie zufällig, später wurden die Berührungen gezielter. Sie streichelten und stimulierten Théra, die nach anfänglicher Scheu langsam anfing, diese Berührungen zu genießen.
Zwischen den verschiedenen Badegängen wurde immer wieder gelernt, getanzt und gesungen. Théra lernte sich zu bewegen. Sie lernte den Klang der fremden Instrumente kennen, und sie genoß es, sich im Takt zu drehen und die langen Gewänder und Seidenschals schwingen zu lassen. Das war ganz anders, als alles, was sie bisher an Musik und Tanz gesehen und gehört hatte.
Kein Mann hatte Zutritt zu diesem Harem. Es gab keine neugierigen Blicke. Die Frauen blieben unter sich. Es war traditionell, rhytmisch und melodisch. Die Frauen sangen über Themen, die sie nie einem Mann genannt hätten, sie lachten viel, und sie sangen auch über Themen, die für die Stimulation des Mannes gedacht waren. Es gab viele Facetten dieses Gesanges und des Tanzes. Théra war fasziniert.
Sie begriff schnell, dass die Mädchen Unterricht in Liebe erhielten. Sie lernten, was Männer mögen.
Darüber wurde im Harem ganz offen gesprochen. Jede der Frauen beherrschte ein breites Instrumentarium der Liebe, aber es war nicht jeder Frau vergönnt, die erste Frau des Herrschers zu sein. Darüber entschieden seltame Mechanismen und Launen. Manchmal wechselte das. Jede der Frauen wollte dieses Privileg verständlicherweise für sich beanspruchen, doch darüber entschieden der Emir und die anderen Ehemänner und auch das Geschick der Frauen. Manchmal entschied nur die Geburt eines männlichen Erben über die Rolle der Frau.
Obwohl die Frauen alle gebildet waren, so lebten sie alle in diesem System und erzogen auch ihre Mädchen in diesen Gedanken.
Die Sache mit dem Reiten änderte bei den Mädchen nichts an diesem System. Ein Bruch der Tradition wäre nicht hingenommen worden. Die Frauen achteten genauso streng auf die Respektierung ihrer Welt, wie die Männer.
3.
Théras Freundin Leyla war gerade 16 geworden. Sie würde im Sommer den Sohn des Emirs von Masquat heiraten, am Golf von Oman. Die Heirat war schon lange geplant. Schon mit sechs Jahren war Leyla versprochen worden. Es war ein großes und freudiges Ereignis, aber es war auch ein politisches Arrangement. Gesehen hatte Leyla ihren Bräutigam bisher nur aus der Ferne, bei Pferderennen oder bei anderen festlichen Anlässen. Der Bräutigam kannte sie nur verschleiert und hatte noch nicht mal ein Bild von ihr.
Als Théra das hörte, war sie ziemlich schockiert. Hier gehörte es zur Kultur des Landes. Als sie Leyla darauf ansprach, hatte Leyla gelacht und genickt. Es war ihre Pflicht, ihren Mann zu lieben und ihn die Liebe zu ihr zu lehren. Es war ihre Aufgabe, zu ihrem Mann zu stehen. Es spielte keine Rolle, ob sie sich körperlich gefielen. Wenn sie das richtig machte, dann konnte sie von ihrem Mann alles erbitten. Dann konnte sie die erste Frau des zukünftigen Herrschers sein, und hinter ihrem Mann die Geschicke des Landes lenken. Dazu gehörten Diplomatie, Aufopferung und Geschick. Liebe würde dann von selbst kommen - oder auch nicht. Das lag an ihr.
Leyla, die durch Théra das Reiten gelernt hatte, lud Théra zu dieser Hochzeit ein. Aber zunächst sollte Théra ihr bei den Hochzeitsvorbereitungen ein wenig helfen. Leyla zwinkerte Théra zu. „Du kannst viel lernen“, versprach sie.
Es war eine völlig andere Kultur und Théra war bereit, zu lernen.
Noch in diesem Monat würde ein großes Ereignis stattfinden. Ein Pferderennen, zu dem viele Gäste aus der arabischen Welt erwartet wurden. Die Frauen würden Théra mitnehmen.
4.
Während sich Clara und Para um die Heilung der Pferde kümmerten, lebte sich Théra langsam im Harem ein. Sie bekam es gar nicht mit, dass Para nach vier Tagen die Stadt verließ, um all die anderen Herrscher aufzusuchen. In den Emiraten, in Kuweit, in Saudi Arabien und Lybien. Sogar bis Marokko und Algerien führte ihn diese Tour.
Es waren Länder darunter, in die er Clara nicht mitnehmen konnte. Man hätte seine Autorität als Mann in Frage gestellt. Andere Länder waren dabei, da hätte er Clara gern mitgenommen, aber in diesem Januar musste Clara in Dubai bleiben. Die Rücksicht auf Théra gebot das.
Clara hatte indes viel zu tun. Sie trainierte die Jungs, obwohl nicht mehr so viel zu trainieren war wie früher, denn die Jungs machten das inzwischen richtig gut. Sie veränderte den Schwerpunkt des Lernens.
Clara zeigte ihnen, wie sich auf ihren Pferden noch leichter machen konnten und die Pferde ohne Peitsche und nur durch Zurufe und Korrekturen durch die Fersen noch besser dirigieren konnten. Sie übten auf dem hauseigenen Rennparcours, und sie stoppten die Zeiten.
Durch das Training gelang es in den nächsten 10 Tagen, die Zeiten um fast zwei Sekunden schneller zu machen, während die Pferde gleichzeitig geschont wurden und am Ende des Rennens immer noch fit und frisch schienen.
Eine Sekunde ist nicht viel, aber in dem rasend schnellen Tempo über die Zweimeilendistanz konnten das auf der Zielgeraden ein bis zwei Perdelängen sein. Zwei entscheidende Sekunden hatten die Jungs, um das Rennen für sich zu gewinnen.
Der Emir stand manchmal dabei und auch er ließ sich die gestoppten Zeiten zeigen. Er nickte anerkennend. Was er sah (und was langsam auch den Jungs des Emirs ins Bewusstsein trat), das war, dass sie auf den Pferden eine andere Haltung bekommen hatten. Offener, fast schon lässig leicht und doch angespannt und konzentriert.
„Nicht zu lässig leicht“, warnte er seine Jungs. „Behaltet immer den höchsten Spannungsbogen bei, aber überspannt den Bogen nicht. Ihr wollt schließlich ein Rennen gewinnen.“ Clara nickte bei diesen Worten. Genau das hatte sie den Jungs auch sagen wollen. Dieser Emir war wirklich ausserordentlich.
Dieses Rennen würde schon bald den ganzen Tag der nordafrikanischen Eliten ausfüllen. Sie würden alle zusammen nach Riad fliegen, dort fand jährlich einmal das größte Derby des Kontinents statt. Es war ein Fest der Ölmilliardäre. Alle, die Rang und Namen hatten, würden kommen, und sie würden ihre zahlreichen Onkel, Söhne, Neffen, Frauen und Nichten mitbringen, die sie für würdig erachteten, an diesem grandiosen Spektakel teilzunehmen.
Die Prämien waren gigantisch. Trotzdem traute sich kein europäischer Züchter an dieses Rennen heran. Züchter aus nichtarabischen Ländern wären auch gar nicht zugelassen worden. Überdies war die Hitze zu groß, die Araberpferde zu schnell, die Regeln rabiat, und die Söhne der Emire und Scheichs konnten es mit jedem Spitzenjockey aufnehmen. Manchmal winkte dem Gewinner auch eine besondere Prämie: die ein oder andere Tochter eines der Emire. Eine königliche Mitgift war selbstverständlich.
Die Preisgaben waren keine „normalen“ Töchter. Es waren Mädchen, die wegen ihrer besonderen Schönheit und Sanftmut gerühmt wurden. Mädchen, die keiner der Männer je gesehen hatte, außer tief verschleiert. Natürlich gab es Tricks. Manchmal zeigten die Mädchen - wie durch einen Zufall der Bewegung - einen kleinen Teil ihrer schlanken Fesseln. Unter den weiten Gewändern zeichneten sich manchmal die grazilen Bewegungen ab. Manchmal die leichte Wölbung des Busens oder der Schulter. Manchmal - wie konnte das nur geschehen - verrutschte der Schleier ein wenig. Ein ganz klein wenig nur, aber doch so, das man eine Schläfe oder eine Augenbraue sehen konnte oder sogar - welch ein Glück - einen kurzen Augenblick lang in die tiefbraunen Augen blicken konnte, bevor der Schleier von der grazilen Hand hastig wieder vorgezogen wurde. Nur die Frauen wussten um die Schönheit der Mädchen und sie strickten eifrig an Legenden, die sie über den Kontinent verbreiteten. So wurden Ehen gestiftet und Frieden untereinander gehalten. Nicht in allen Ländern gelang das, aber in den ölreichen Regionen Nordafrikas und der Sinaihalbinsel, da funktionierte das.
Davon wusste Clara nichts. Clara hatte andere Aufgaben. Théra hingegen wurde in diese kleinen Tricks eingeweiht. Es sind manchmal nur die Kleinigkeiten, die einen Mann zum Rasen bringen können, wurde ihr erklärt. Anders, als bei den europäischen Frauen. Dort - so war man sich sicher - fehlte jede Spannung und jeder Anstand. Théra und Clara wurde es indes hochangerechnet, dass sie stets auf das klassische Ritual geachtet hatten. Sie waren zwar nicht verschleiert, aber sie waren in Gegenwart der Männer immer verhüllt und sittlich gekleidet, und sie waren äußerst höflich. Das entsprach ganz der Sitte und dem Anstand der Araber.
In den Mittagspausen ruhte Clara ein wenig und genoss es, mit Théra und den Mädchen zu baden. Sie sah Théra also jeden Tag und Théra schlief ihr zuliebe in dem gemeinsamen Bett, das eher ein Matratzenlager war, voll mit weichen Kissen, und von einer Gaze umhüllt wurde, um die Mücken fernzuhalten.
Clara sah, dass die Mädchen des Emirs ihrer großen Schwester gut taten. Sie fühlte sich erleichtert. Es war eine gute Idee gewesen, Théra völlig zu entlasten und den Frauen des Harems zu überlassen. Clara hatte keine Ahnung, welchen Mächten sie Théra anvertraut hatte.
5.
Die Mädchen hatten in diesem Land als Jungfrau in die Ehe zu gehen, aber es gab durchaus einige Möglichkeiten, schon vor der Ehe Sex zu haben. Das war zwar verboten, es galt offiziell als unsittlich, doch es wurde bis zu einem gewissen Punkt geduldet, wenn es hinter hohen Mauern des Schweigens verborgen blieb. Küssen, Penetrieren und Schleier ablegen war strengstens verboten, aber warum sollten sich die Mädchen nicht schon vor der Ehe heimlich in der Liebe üben, um noch besser für die Ehe vorbereitet zu sein? Man musste nur aufpassen, dass nichts unsittliches passierte. Dann wäre der Ruf für immer dahin. Es gab strengreligiöse Länder, da wurden Mädchen für solche Dinge öffentlich aus der Gemeinschaft ausgestoßen und sogar zu Tode gesteinigt. Verbotene Dinge sind stets sehr gefährlich.
Es gab sogar Vorkommnisse, da wurden liebende Paare zueinander geführt und die Frauen erreichten schließlich, dass bereits bestehende Ehegelöbnisse der Partner gelöst wurden. Die Frauen hatten viel Macht, wenn sie listig und verschwiegen waren.
Das passierte nicht oft, doch hin und wieder passierte es. Die Frauen hatten da durchaus ihre Kontakte und Mittel, um so etwas in die Wege zu leiten.
Sie sahen Théras Nöte und sie besprachen sich heimlich. Théra stammte nicht aus ihrem Harem. Sie war nicht Teil ihrer Adelsfamilie. Sie stammte nicht einmal aus diesem Land. Da konnte man durchaus etwas lockere Regeln anwenden. Théra war eine Freundin und sie brauchte Hilfe.
Wenn sie da etwas einfädeln würden, dann durfte Théras Ruf auf keinen Fall leiden. Sie musste unerkannt bleiben und sie brauchte den absoluten Schutz der Gruppe. Nie durfte das Gerücht aufkommen, dass vielleicht sogar Leyla dieses Angebot gesucht hätte, um sich für die Ehe besser zu rüsten. Dann wäre die Heirat mit dem Sohn des Emirs von Masquat Vergangenheit.
Die Frauen des Harems waren erfahren in Intrigen und Schachzügen. Überall dort, wo die Regeln sehr streng sind, blühen die unerlaubten Dinge im Verborgenen. Die Frauen des Harems standen in einer Jahrtausende alten Tradition der Kenntnis verbotener Dinge. Sie hatten Königreiche kommen und gehen sehen. Sie hatten Ehen gestiftet, sie hatten fremde Heerführer bestochen und Ehemänner vergiftet. Sie hatten ihre Verbindungen. Sie reichten sogar bis nach Südafrika und nach Indonesien. Théra würde nie alleine sein. Sie würde stets Schutz haben, doch eine Verbindung zum Hof würde nie hergestellt werden können. Nichts würde herauskommen. Die Frauen, die Théra zur Sicherheit begleiten würden, hatte Théra nie gesehen und sie würde sie nie sehen. Niemand würde je ihre Gesichter kennen oder ihre Namen erfahren.
Auch Prostitution hatte es schon immer gegeben. Die Frauen des fürstlichen Harems hatten schon vielen Männern solche gewerblichen Liebhaberinnen vermittelt. Außerhalb und innerhalb des Palastes. Sie wussten, wo man solche Frauen findet, und wer von diesen Frauen „sauber und rein“ war. Diese Dinge blieben Geheimnisse der Frauen. Ihre bevorzugte Stellung am Hofe machte es ihnen leicht, Dinge zu tun, die anderen Frauen nicht möglich gewesen wären. Sie waren wirkliche Herrscherinnen. Sie traten nie öffentlich in Erscheinung. Sie waren Herrscherinnen der Nacht.
6.
Théra wurde langsam und vorsichtig auf dieses besondere Ereignis vorbereitet.
Dann kam der Tag, da wurde Théra gründlicher als sonst gebadet. Sie wurde mit wohlriechenden Seifen gewaschen und sie erhielt duftige Gewänder, über die später ein sittliches Übergewand gezogen werden würde. Sie würde am Nachmittag ruhen und abends noch einmal baden.
In dieser Nacht wurde sie von mehreren Frauen des Harems heimlich aus dem Haus gebracht. Es gab Hintertüren. Sie wurde einige Strassenzüge weiter geführt. Dort fanden sie eine leere Wohnung, in der zwei tief verschleierte Frauen warteten. Die Frauen des Harems verließen Théra, dann wurde ein geheimes Zeichen gegeben und Théra wurde von anderen Frauen abgeholt. Diese Zeremonie wurde noch zweimal wiederholt.
Schließlich wurde Théra in den Seitentrakt eines großes Hauses geführt. Die Frauen blieben dieses Mal bei ihr. Dann wurde eine Tür geöffnet.
7.
Es war ein saalartiger Raum. Es gab kostbare Teppiche, Kissen, Kerzen und viel gedämpftes Licht. In der Mitte gab es ein Podest mit einem riesigen Bett, um das Seidentücher von der Decke hingen, die sich in einem leichten Wind leise bewegten. Woher der Windhauch kam, war unklar.
Auf diesem Bett lag ein vielleicht 18-jähriger junger Mann in weisser Kleidung, das Gesicht unverhüllt. Théra kannte ihn nicht, aber er musste sehr reich sein, nach der wertvollen Einrichtung und den edlen Zügen des Gesichts zu schließen.
Die Frauen hatten sich beim Eintreten stumm verbeugt, dann verteilten sie sich und griffen nach verschiedenen Instrumenten, die - wie zufällig - im Raum standen. Sie begannen leise und melodisch zu singen und diesen Gesang mit Zimbeln, Glöckchen und verschiedenen Zupfinstrumenten zu begleiten. Es war wie eingeübt.
Zwei der Frauen geleiteten Théra in den offenen Raum. Sie begannen sich im Rhythmus des Gesanges zu bewegen und forderten Théra auf, es ihnen gleichzutun.
In dieser Nacht erlebte Théra zum ersten Mal die körperliche Liebe. Sie erlebte den Zauber, wenn Mann und Frau sich vorsichtig berühren. Der Junge war sehr geschickt und er entfachte in Théra ein Feuer nach Mehr. Sie empfand Lust und sie stöhnte, und sie spürte, dass auch der junge Mann Lust empfand.
Die Frauen waren immer dabei. Sie ließen Théra nie alleine, und bevor es zum Äußersten kam, wurde sie von den Frauen weggebracht. Nur zwei Frauen blieben da, und sie vollendeten, was Théra und der junge Mann begonnen hatten, aber davon bekam Théra nichts mehr mit.
8.
Als Théra in das Haus der Frauen zurückkam, wurde sie von einigen Frauen des Harems erwartetet. Die anderen Frauen zogen sich dezent zurück und jetzt waren die Frauen des Harems ganz für Théra da. Sie umsorgten sie, sie badeten sie und sie passten auf, dass Théra nicht in ein seelisches „Loch“ fiel. Später schliefen sie zusammen ein.
Als Théra am nächsten Morgen aufwachte, fühlte sie noch das Feuer der Berührungen in sich. Ob das immer so sei, wollte sie wissen.
Es sollte immer so sein, wurde ihr geantwortet, aber es ist nicht immer so. Ihre Aufgabe wäre es, Liebe und Glück zu einer Einheit zu führen, zu etwas ganz Besonderem. Théra dachte lange nach. Ob sie dieses Feuer wohl noch einmal erleben dürfe?
Die Frauen wiegten die Köpfe und warteten ab. Sie blieben den ganzen Tag bei Théra in diesem fremden Haus. Später spürte Théra, dass Besuch kam, und dann teilten die Frauen Théra mit, der junge Prinz wolle sie gerne wiedersehen.
Théra erlebte ihre zweite Liebesnacht. Aber auch in dieser Nacht brachten die Frauen sie weg, bevor es zum Äußersten kam.
Théra wusste, dass dies eine rein körperliche Liebe war. Sie kannte den jungen Mann ja gar nicht. Sie kannte nur seinen Körper, seine Haut, seinen Geruch, seine Zartheit und den Willen, der sich hinter diesem athletisch gebauten Körper verbarg. Sie verstand auch, was er ihr ins Ohr flüsterte. Sie hatte sich geschmeichelt gefühlt. Sie hatte nicht einmal ihr Gesicht zeigen dürfen, aber sie brannnte jetzt nach dieser Berührung.
In der Folgenacht wurde Théra entjungfert. Obwohl der junge Prinz zart und vorsichtig war, tat das sehr weh. Es war ein krasser Gegensatz zu dem vorherigen Gefühl der Zartheit. Ohne die Wollust, in die sie sich gesteigert hatte, hätte sie das nie geduldet.
Der junge Prinz war voller Rücksicht. Er war geduldig und liebevoll. Er hielt sie in ihren Armen und Théra weinte ein bisschen. Später begann er sie erneut zu streicheln. Théra hatte an diesem Körper Gefallen gefunden. Als sie zum zweiten Mal zusammenkamen, tat es schon nicht mehr ganz so weh.
Sie bleib in dieser Nacht bei dem Prinzen. Am Morgen wachte sie auf, weil die zarte Hand des Prinzen auf ihrer Haut ruhte. Sie schliefen zum dritten Mal miteinander, und dieses Mal tat es gar nicht mehr weh. Sie spürte die Lust. Sie spürte die Erregung des Prinzen und sie schrien gemeinsam, als sie den Höhepunkt ihrer Lust erreichten. Sie lagen noch eine Weile zusammen und sie schlief wieder ein.
Als sie wieder aufwachte, lag sie alleine im Bett. Nur die Frauen waren da - wie die ganze Nacht zuvor. Sie waren wie Glucken und sie brachten sie in das Haus zurück. Sie wurde von den Frauen des Harems und einigen der Töchter des Emirs empfangen, die den ganzen Tag bei ihr blieben, mit ihr badeten und ihre Seele pflegten.
In der Nacht wurde sie unerkannt in den Palast zurückgeführt.
Clara wunderte sich. Théra war schließlich drei Tage weggewesen, aber Théra schwieg. Die offizielle Version war, dass sie einen Ausflug gemacht hatte. Im Palast war nichts durchgesickert. Die Frauen waren wirklich wahre Meister der Verstellung und der Nacht.
9.
Früh am Morgen wurde Théra geweckt. Es war die Zeit, wo sie sonst immer aufstand, um nach den Pferden zu sehen. Heute hatte sie keine Lust. Das Ereignis brannte in ihr. „Komm“, bettelten die Mädchen, „lass uns ein wenig hinausreiten in die Nacht. Es wird dir gut tun.“
Théra rappelte sich auf. Sie nahmen die Pferde aus der ausgemusterten Pferdeschar, wie immer, und ritten ohne Sattel hinaus in die Wüste.
Die Mädchen hatten recht. Das war es, was Théra jetzt brauchte. Die Kälte der Nacht, der Luftstrom, der sich immer beim Reiten entwickelt, die flatternden Gewänder und die lebendigen warmen Körper der Pferde zwischen ihren Schenkeln. Sie spürte diese Pferde plötzlich ganz anders. Sie spürte das Leben, das zwischen ihren Beinen entstanden war. Sie genoß das Lachen der Mädchen und die scherzhaften Spiele und Kämpfe, die sich entwickelten, wenn sie um die Wette ritten. Sie musste nicht die Beste sein. Sie wollte nur noch ein Teil dieser Gruppe sein. Diese Mädchen waren wunderbare Geschöpfe.
Die Frauen waren den ganzen Tag rührend um sie besorgt. Théra hatte die körperliche Liebe entdeckt. Das andere konnten ihr die Frauen auch nicht geben. „Das entwickelt sich von selbst“, sagten die Frauen. „dann, wenn du am wenigsten daran denkst. Wenn Mann und Frau zusammen sind, dann ist diese körperliche Liebe wichtig für die Seele, die Erfüllung der Liebe ist sie nicht. Darauf musst du warten. Übe dich in Geduld. Das kommt, wie die Regenwolke am Himmel. Urplötzlich.“
In Théras Heimat hätte man das nie so gesagt, aber in diesem heißen Wüstenstaat war eine Regenwolke etwas seltenes und kostbares. Théra wusste plötzlich, dass sie mit ihrem Vater über die Liebe sprechen musste.
10.
Am nächsten Tag war alles in Aufbruchstimmung. Ein Teil des Harems würde den Herrscher auf seiner Reise begleiten und diesem einzigartigen Wettkampf beiwohnen, der sich in der Wüste von Saudi Arabien einmal im Jahr ereignete.
Es war selbstverständlich, dass Clara und Théra mitkommen würden. Para würde sie in Riad erwarten, wo er die Pferde des königlichen Gestüts für das Rennen fit machte.
Sie stiegen zusammen in die zwei Privatmaschinen des Emirs. Sie flogen nach Riad und wurden dort von riesigen Limousinen abgeholt, die alle klimatisiert waren. Dann fuhren sie auf einer breiten asphaltierten Strasse hinaus in die Wüste. Die Strasse spannte sich schnurgerade durch den Sand, vorbei an Sandbergen. Es gab keinen Schatten und nicht die Spur von Grün. Nur Sand und Steine.
Nach vier Stunden Fahrt kam die Karawane in ein Wadi. Théra staunte nicht schlecht. Mitten in diesem Tal gab es Dattelpalmen und Sträucher. Sie sah das Glitzern eines Sees. Sie sah hunderte von Zelten, die teils in dem Wädchen, teils außerhalb der Grünzone aufgestellt waren. Sie sah Abzäunungen, in denen diese wunderbaren Araberhengste hin- und herliefen. Sie waren aufgeregt. Sie scharrten mit den Hufen und schnaubten. Überall gab es Pfleger und Hilfen. Abseits stand eine ganze Karawane von teuren Geländewagen bereit. Der Lack glitzerte im Licht der Sonne.
Von einer Arena sah Théra nichts.
Sie hatte schon auf dem Herflug gemerkt, wie aufgeregt die Jungs des Emirs waren. Es ging um die Ehre.
Die Pferde waren längst von Helfern nach Riad geflogen worden, damit sie beim Rennen ausgeruht waren. Zwei der Söhne hatten die Pferde begleitet, um die zahlreichen Helfer zu beaufsichtigen.
Die Schar wurde in mehreren Zelten untergebracht. Es gab Männerzelte und Frauenzelte. Es gab viele „kleine Geister“, die wie selbstverständlich Wasser und Früchte brachten. Es gab Decken und Kissen. Als Théra das erste Mal in eines dieser mit Wimpeln und Fransen geschmückten Zelte trat, staunte sie. Das war ja wie ein Palast. Es gab einen Innenraum. Es gab mehrere abgetrennte Kammern. Es gab eine Feuerstelle, auf der ein Teekessel blubberte. Es gab kostbare Teppiche, die auf dem Boden lagen.
Théra spürte das kommende Ereignis. Das ganze Lager war wie ein Bienenstock. Die Erregung war greifbar. Sie fasste intuitiv nach Claras Händen, und sie tauschten einen ihrer Energiestrahlen aus. „Whow“ sagte sie.
Noch etwas war besonders. Théra und Clara mussten sich außerhalb des Zeltes verschleiern. In diesem Lager durfte keine der Frauen das Zelt verlassen, ohne die traditionelle Burka anzulegen, bei der nicht einmal ihre Augen zu sehen waren.
Am nächsten Tag steigerte sich dieses fast unmerkliche Gesumm der Erregung noch. Neue Gruppen kamen.
Théra und Clara gestatteten sich, hinaus zu laufen zu den Gattern, um sich die Pferde anzusehen. Sie wurden von grimmig dreinschauenden Männern mit Krummsäbeln bewacht, die MP im Anschlag.
Die Mädchen durften sich den Gattern zwar nähern, aber sie hatten respektvoll Abstand zu wahren. Dennoch sahen sie, welche wundervollen Pferde hier versammelt waren. Sie wagten gar nicht daran zu denken, welche Werte da vor Ihnen standen. Das mussten hunderte Millionen von Dollar sein.
Der Geldwert war Théra und Clara jedoch egal. Sie pfiffen leicht und stimmten ihr Gesumm an. Sie sahen, wie die Pferde reagierten. Sie drehten die Köpfe, sie wedelten mit den Ohren und sie kamen langsam auf die Seite des Gatters, wo Théra und Clara standen.
Den Wachen war das zuviel. Sie drängten Théra und Clara ab und bedeuteten ihnen, den Platz zu verlassen.
Théra und Clara hatten schon genug gesehen. Das hier waren die edelsten Pferde, die sie je in ihrem Leben zu Gesicht bekommen hatten.
Am nächsten Morgen wurde Théra schon früh wach. Sie merkte, dass ein Teil der Pferde weggebracht wurde.
Dann wurden auch die Frauen wach. Sie wuschen sich und legten festliche Gewänder an. Manche weiss, manche schwarz. Verziert mit den Symbolen des Herrschers. Auch Théra und Clara erhielten solche Gewänder.
Von den Mädchen im Harem wussten sie, dass es mehrere Rennen gibt. Hengste, Stuten, gemischte Rennen, Dreijährige und Vier- bis Fünfjährige. Sie würden früh beginnen, diese Rennen, denn die Mittagshitze war unerträglich. Dann würde Siesta gehalten. Es würde Tee getrunken, geplaudert und ein wenig geschlafen. In den Abendstunden würde das Rennen weitergehen. Es würde insgesamt drei Tage dauern und dann in ein gemeinsames Fest übergehen.
11.
Die Geländewagen standen bereit, um die hochrangigen Gäste über die Sandberge zu fahren, dort wo der Parcours abgesteckt war.
Auch dort gab es Zelte und Sonnensegel. Sie waren entlang des Parcours aufgebaut, so dass man einen guten Blick auf das Geschehen hatte. Es gab einen Rundkurs und es würde zum Schluss einen mörderischen Ritt hinaus in die Wüste geben, bei dem es galt, verschiedene am Weg aufgestellte Trophäen einzusammel, sich abzujagen und dennoch als erster durchs Ziel zu reiten.
Théra erfuhr, dass es in diesem Jahr bei diesem letzten Rennen einen wahrhaft königlichen Preis zu gewinnen gab. Der Herrscher des Jemen, unten im Süden der Sinai Halbinsel, hatte eine Tochter, von der man sich wahre Wunderdinge erzählte. Sie war schön wie eine Rose, sie war sanft wie der Morgenwind, sie bewegte sich wie... nun ja. Sie musste das schönste Mädchen auf dem Globus sein, wenn man den Erzählungen Glauben schenkte. Die Mitgift war gewaltig und sie würde nur an den Besten der Besten der Reiter vergeben werden. Sie würden mit allen Tricks und all ihrem Geschick um diesen Vorzug kämpfen. Wehe dem Gewinner, wenn er dieses Geschenk nicht behandeln würde, wie eine Perle. Es ging um die Ehre und das Ansehen ganzer Dynastien. Man erwartete Glück und einen reichen Kindersegen.
12.
Die beiden ersten Tage waren spannend. Die Söhne der Emire, der Scheichs und Könige, der hohen Minister und Landesfürsten stritten um die Gunst, der beste Reiter zu sein. Es waren viele. Weil nicht alle dasselbe Alter hatten und nicht alle Pferde derselben Kategorie zuzuordnen waren, gab es viele einzelne Rennen. Es ging nicht um Geldpreise. Es ging um die Ehre. Es gab Wimpel, Ehrenzeichen und teure Geschenke, wie goldene und brillantbesetzte Uhren aus schweizer Fabrikation, schwere goldene Halsketten (die sehr begehrt waren), verzierte Decken, Dolche oder wertvolle Kamele.
Théra sah, dass sich die Jungs des Emirs hervorragend schlugen. Der neue Reitstil hatte sie feinfühliger und vor allem schneller gemacht. Sie sackten eine Reihe dieser begehrten Preise ein.
Sie sah Para mitten unter den Pferden. Sie sah ihn mit verschiedenen Kids reden. Nicht alle waren Söhne des Emirs. Er verteilte seine Aufmerksamkeit wie mit einer Gießkanne unter den verschiedenen Königreichen. Er war für alle da und er bevorzugte niemanden.
Die Frauen durften sich frei bewegen, aber sie mussten das mit Würde und Anstand tun. Sie blieben meist in der Gruppe zusammen und trafen sich mit den Frauen der anderen Herrscher zu einem Erfahrungsaustausch (wie sie das nannten). Théra bekam das nur am Rande mit. Sie spürte, dass sich die Frauen hinter den Rücken ihrer Männer über wichtige Dinge unterhielten. Sie spürte, dass es in jedem dieser Länder zwei Reiche gab. Das Reich der Männer und das Reich der Frauen.
Sie hatte auch bemerkt, wie die Frauen nachts das Zelt verließen, um zu ihren Männern zu schlüpfen.
Die Männer blieben unter sich. Sie führten Männergespräche. Théra hätte sich schon in ein Insekt verwandeln müssen, um zu hören, was die Männer miteinander redeten. Es mussten sehr wichtige Dinge sein. Dieses Fest war mehr, als nur ein Reiterfest. Es war ein Gipfeltreffen der mächtigsten Männer und Frauen der arabischen Welt. Hier wurde die Politik von morgen gemacht.
Am ersten Abend wurde Théra von ihrer Freundin Leyla angestupst. „Sieh nur, dort reitet Ali, mein Zukünftiger.
Théra ließ sich das Fernglas geben. Ali war ein schöner Mann. Vielleicht achzehn Jahre alt. Er hatte die ausdrucksvollen Züge, die viele Araber haben. Markant und willensstark.
Er wusste, wo die Gruppe der Frauen des Emirs stand, und vor dem Rennen erlaubte er sich einen kleinen Trick. Sein Pferd „brach aus“ und führte ihn zu der Gruppe der Frauen um Théra und Leyla. Er ließ das Pferd tänzeln, und verbeugte sich dann mit einem Lächeln zu der Gruppe der Frauen. Sie hatten alle diesen Schleier an, er wusste nicht, welche von Ihnen Leyla war, aber er wusste, dass Leyla unter den Frauen stand, und Leylas Schleier verrutschte wie durch einen Zufall ein wenig, so dass er ihr einen Moment lang in die Augen sehen konnte. Das war eines der Zeichen, die bei den Frauen bekannt waren. Ali wusste sofort, wer seine Zukünftige war. Er führte sein Pferd glücklich zurück in die Reitergruppe und er gewann dieses Rennen souverän, obwohl er umgeben war von anderen hervorragenden Reitern. „Was für ein Mann“ flüsterte Leyla, und Théra spürte, wie ein Schauer der Vorfreude über Leylas Körper huschte.
Auch am nächsten Tag gab es ein Rennen, bei dem Ali souverän gewann. Es gab zwei weitere Rennen, da spurteten die Pferde Kopf an Kopf mit einem anderen Reiter durch das Ziel. Es war kaum auszumachen, wer gewonnen hatte.
„Das ist Mustafa“, flüsterte Leyla. Er ist der jüngste Enkel des Herrschers von Algerien. Er ist kein wirklicher Prinz. Sein Großvater ist ein früherer Oberst und er herrscht seit vielen Jahren über dieses Land. Man erzählt sich, dass Mustafa in diesem Jahr die Prämie unbedingt gewinnen will.
Théra ließ sich das Fernglas geben und sie erkannte in Mustafa den jungen Mann, bei dem sie vor kurzem drei Nächste verbracht hatte. Sie stöhnte leise.
Leyla kicherte. „Meine Mutter hat mir erzählt, dass er deine Gunst erkauft hat, um für die erste Nacht mit Cennet gewappnet zu sein.“ Théra sah erschrocken auf, und Leyla fuhr fort. „Cennet heißt soviel, wie Das Paradies. Ich habe sie nie gesehen, aber alles was man über sie erzählt, ist wundervoll. Es ist eine Ehre, dass du diese Nacht mit Mustafa verbringen durftest“, flüsterte Leyla.
„Bezahlung“, raunte Théra. „Wieso hat Mustafa für mich bezahlt?“ „Sieh das nicht durch deine amerikanischen Augen“, bat Leyla. „Er hat eine sehr hohe Summe bezahlt und das ist eine sehr große Ehre. Er hat dafür bezahlt, dass er eine ehrbare Jungfrau von Stand in sein Bett nehmen durfte. Es gibt nicht viele, die da zur Verfügung stehen. Die Töchter der Herrscher sind tabu. Das macht die Auswahl etwas kompliziert. Wir haben Glück gehabt. Dein Verlangen und das Verlangen des jungen Mannes standen ganz zufällig in derselben Zeit zum Gebot.“
Théra war entrüstet. „Ich bin verkauft worden?“. Leyla schüttelte energisch den Kopf. „Nein. Unsere Frauen haben dich als ein Geschenk des Himmels vermittelt, und Mustafa hat sich für dieses Geschenk anschließend reichlich bedankt. Meine Mutter hat kein Geld verlangt, und Mustafa hat mit seinem Geschenk ausgedrückt, dass er hoch zufrieden war. Das ist eine sehr edle Geste. Du kannst dich glücklich schätzen. Ich wäre froh, wenn ich das erleben dürfte. Als Königstochter ist mir das untersagt. Ich spare mich für Ali auf.“
Leyla legte die Hand beruhigend auf Théras Arm. Sie überlegte einen Moment, dann fuhr sie verschwörerisch und sehr leise fort: „Du musst eins wissen. Die Frauen, die dich in ihrem Haus aufgenommen haben, sind eine besondere Kaste von ehrenwerten Liebesdienerinnen. Sie gelten als rein. Sie sind hoch gebildet und sie könnten Königinnen sein, wenn sie nicht alle ein besonderes Schicksal verbinden würde, das sie zu dem gemacht hat, was sie sind. Glaube mir. Es sind edle Frauen, die viele Geschicke unserer Länder beeinflussen. Sie haben einen sehr hohen Ehrenkodex. Sie haben sehr viel Macht. Vielleicht viel mehr, als ein Herrscher alleine und viel mehr, als die Frauen in unserem Harem. Sie kennen alle Herrscher der Islamischen Welt zwischen Afrika und Indonesien und sie teilen mit ihnen von Zeit zu Zeit das Bett, so wird erzählt.“
Leyla ergänzte leise: „Théra, du musst das wirklich für dich behalten. Diese Frauen sind geschickte Diplomaten und die Männer unserer Welt benutzen sie für Geheimbotschaften und für den Gedankenaustausch zwischen den einzelnen Staaten.
Völlig ohne Telefon und völlig unerkannt. Diese Frauen sind verschwiegen, wie der Tod. Es ist ein Geheimbund ausgesuchter Frauen. Es ist eine hohe Ehre, sich ihrer bedienen zu dürfen. Du wirst einige von Ihnen hier in diesem Lager wiederfinden, wenn du deine Augen ein wenig aufmachst. Wenn du sie einmal brauchst, dann können sie mehr für dich tun, als jeder andere in unserer Welt, und sicher auch viel mehr, als jeder in eurer Welt, und das sogar bei radikalen Islamisten, die ihr Gesicht verlieren würden, wenn das öffentlich bekannt werden würde. Namen kenne ich aber auch nicht.“
Dann bekräftigte sie noch einmal: „Versprich mir, dass du das für dich behältst. Ich erzähle dir das, weil du meine Freundin bist. Die Herrscher in unseren Ländern wissen davon. Die Haremsfrauen wissen das. Das einfache Volk weiß das nicht. Es ist ein Geheimbund und ich riskiere mein Leben, weil ich dir davon erzähle.“
Théra war erschrocken und völlig verblüfft. Was Leyla da eben erzählte, klang unglaublich. Mit dem Geschick, das Ihnen als Liebhaberinnen und Diplomaten zur Verfügung stand, waren diese Frauen die heimlichen Herrscherinnen zweier Kontinente? Théra fragte bei Leyla noch einmal nach und Leyla nickte ernsthaft.
„Das behältst du aber wirklich für dich“, flüsterte sie noch einmal. „Es ist ein Geheimnis, und es würde die Ehre unserer Männer verletzen, wenn darüber öffentlich gesprochen würde. Du müsstest diesen Palast sofort verlassen. Ich weiß nicht einmal, ob du das überleben würdest. Du bist meine Freundin. Nur deshalb habe ich dich eingeweiht. Zeige dich als ehrenvoll. Vater hat mir gesagt, dass du in deinem Land auch so etwas bist, wie eine zukünftige Königin.“
Théra blickte überrascht auf. „Wieso das? Ich bin doch nur eine kleine Indianerin, die gut mit Pferden umgehen kann.“ Leyla lachte leise. „Dein Bruder hat ein wenig geplaudert. In dir steckt viel mehr, als deine Fähigkeit mit Pferden. Genaues weiß ich nicht. Darüber hat Papa nicht mit mir gesprochen, und er weiß auch nichts genaues, aber Papa ist ein weiser Mann. Manche Dinge spürt er instinktiv. Er hat so etwas wie Ahnungen, und er kann in andere Menschen hineinsehen. Er sieht Dinge, die andere nicht einmal spüren.“
Das hatte Théra allerdings auch schon bemerkt. Solche Fähigkeiten verstand sie nur zu gut. Sie nickte, und begann sich ihre Gedanken zu machen. Eine letzte Frage hatte sie noch. „Wenn du verheiratet bist. Darf ich dich dann besuchen kommen?“ Leyla hakte sich bei Théra ein, was wegen der wallenden Gewänder gar nicht so einfach war. „Aber klar doch. Wir sind doch Freundinnen. Wir finden einen Weg.“
In diesem Moment spürte Théra so etwas wie einen warmen Strahl von Energie, der sich von ihr zu ihrer Freundin Leyla hinbewegte, und sie spürte, wie Leyla diesen Energiestrahl überrascht und fast erschrocken zur Kenntnis nahm.
Was die Frauen nicht öffentlich bewerkstelligen könnten, das würden sie im Geheimen tun. Plötzlich verstand Théra Leylas Welt um vieles besser. Sie dachte an die Geschichten mit den Ratten, die Papa ihr schon oft erzählt hatte. Diese wunderbaren Geschöpfe, die im Verborgenen leben und dort die ungekrönten Könige des Untergrunds sind. Diese Frauen hatten mindestens so viele Geheimnisse wie Théras Familie. Nur durch ihre geheimen Kenntnisse hatten sie eine fast unermessliche Macht, die sie nach außen nie zeigten.
Das Geheimnis bewahren zu können, war eines der wesentlichen Bestandteile dieser Macht. So und nicht anders war es auch in Théras Familie. Plötzlich verstand Théra ihre Freundin um vieles besser und sie war den Frauen noch dankbarer als zuvor. Es war eine Art Geistesverwandtschaft, das ihre Familie mit Leylas Familie verband, und es war ein gewaltiges Privileg, das Théra da genoß. Sie war Teil dieser Gruppe geworden. Vielleicht noch nicht ganz, aber sie war als Freundin akzeptiert worden. Als Freundin, die für Wert erachtet worden war, ein Geheimnis von enormer Tragweite ganz für sich zu behalten.
13.
Am Dritten Tag hatte sich die Erregung der Zuschauer und Teilnehmer gesteigert. An diesem entscheidenden Tag ging es um den höchsten Preis des Turniers.
Die Rennen am Vormittag schon zeigten eine Vorauswahl für die Teilnehmer des Schlussrennens. Mustafa und Ali gehörten bereits sicher zu den Teilnehmern der Auswahl.
„Was machst du, wenn Ali das Turnier für sich entscheidet?“ fragte Théra ihre Freundin. „Das wäre ein besonderes Glück und eine hohe Ehre.“ „Aber Ali würde Cennet heiraten.“ „Selbstverständlich“, flüsterte Leyla. „Du darfst an diese Dinge nicht mit euren westlichen Augen herangehen. Für Ali wäre das die höchste Ehre, die es in unseren arabischen Staaten gibt. Sie würde auf mich abfärben. Ich wäre dann die Frau des Gewinners dieses Rennens. Etwas schöneres gibt es bei uns nicht.“
Théra dachte lange nach. Dann dachte sie an Papa und seine beiden „Frauen“. Sie wusste, dass Papa beide seiner Frauen gleich liebte. Er hatte sie nie geheiratet, weil das in ihrer Welt nicht gestattet war, mit zwei Frauen gleichzeitig verheiratet zu sein. Die arabische Welt hatte einen anderen Ehrenkodex. Hier war das normal. Langsam begann sie zu verstehen. Solche Dinge werden den Völkern durch lange Traditionen vorgeschrieben. In ihrem Land wurden die Traditionen durch die katholische Kirche bestimmt. Im Land der Araber galten andere Werte.
Dann erinnerte sich Théra an die Geschichten, die ihr Papa von den Völkern der Péruan und der Théluan erzählt hatte. Auch die alte indianische Ordnung war ganz anders gewesen. Sie war nur durch die Spanier und die Portugiesen gestürzt worden. Plötzlich wurde Théra klar, dass sie als Nachkomme dieses Reiches der Théluan eine besondere Verpflichtung hatte. Sie musste dafür sorgen, dass die 6000 Jahre alten Traditionen der Indios wieder lebendig werden würden. Jetzt nach diesem gescheiterten Putsch war das erst recht notwendig.
Sie dachte ein wenig nach. Das würde vielleicht Kampf bedeuten. Die katholische Kirche würde sich das sicher nicht gefallen lassen.
Sie wachte aus ihren Gedanken auf, weil Jubel aufbrandete. Einer der Söhne des Emirs hatte das gerade zu Ende gegangene Ausscheidungsrennen für sich entschieden. Er war nun schon der Zweite von Leylas Brüdern, der an dem letzten entscheidenden Rennen teilnehmen durfte. Einem Rennen der Besten unter den besten Reitern. Das war das Verdienst von Théra und Clara gewesen. Sie hatten die Jungs so schnell gemacht. Leyla hakte sich spontan bei Théra ein und flüsterte ihr glücklich zu. „Vielleicht kommt die Blume der Blumen ja auch in unser Haus. Das wäre für Papa das höchste Glück.“
„Darf ich mit den beiden Jungs sprechen“, fragte Théra. Leyla zuckte mit den Schultern. „Sprich mit Mama. Sie wird Papa um Erlaubnis fragen.“
So kam es, dass Théra, Clara, die beiden Jungs, und drei der Frauen des Harems mit Ferngläsern bewaffnet auf die höchste Sanddüne stiegen und den Parcours absuchten. Er ging weit in die Wüste hinaus. Es würde ein Mörderritt werden. Sand, Steine, Felsen. Zwischendurch Stöcke mit Trophäen, manche am Boden. Bändchen, Kugeln, Wimpel.
Théra ließ sich das Rennen erklären. Sie würden alle auf das Startzeichen losreiten. Alle in einer großen Linie. Dann würde sich das Feld verengen, um wieder auseinanderzulaufen. Es würde zu Rangeleien um die besten Plätze kommen. Im zweiten Drittel des Parcours standen zwei oder mehrere der Trophäen in derselben Entfernung, aber weit auseinander, damit das Feld sich ausanderzog. Mehrere Gruppen konnnten in einiger Entfernung zueinander parallel reiten und Trophäen absahnen. Dennoch würde um jeden Winpel gekämpft werden. Sie würden andere zu Fall bringen oder mit ihnen um Wimpel ringen. Es war ein Kampf mit Fäusten, Füssen, Körpern. Manche der Tiere würden sich die Beine brechen, andere würden zu Tode geritten. Es langte nicht, ein guter Reiter zu sein. Man musste Geschick, Mut und Taktik beweisen.
„Geschick und Taktik“, sagten Théra und Clara wie aus einem Mund. Théra sah Clara an und Clara gab ihr den Vortritt. Théra sah die Jungs an. „Ihr wollt beide die Trophäe?“ Die Jungs nickten. Deshalb waren sie da. „Gibt es Regeln? Dürft ihr euch gegenseitig helfen?“ „Naja, meinte die Jungs. „Es ist ein Kampf Mann gegen Mann. Wir dürfen uns helfen, aber es darf nicht zu offensichtlich sein, sonst verlieren wir unsere Ehre und müssen aus dem Rennen ausscheiden.“
Théra überlegte. „So wie ich diesen Parcours da sehe, geht es nicht nur um Geschick. Der Parcours wird euch alles abfordern, was ihr gelernt habt. Viele Pferde werden straucheln. Andere werden über gestürzte Gegner fallen. Einige von euch werden verletzt oder vielleicht sogar getötet werden. Es geht bei diesem Rennen auch um sehr viel Glück.“
Sie sah, wie die Jungen selbstbewusst nickten. Es war ein Parcours der Besten unter den Besten. Allah würde den Besten auswählen. Die Gewinner würden diesen Ruhm ein Leben lang mit sich tragen. Das war viel mehr als so eine läppische Olympiamedaille, die bei den Europäern oder den Amerikanern so viel galt. Das hier war ein friedlicher Wettkampf zwischen zukünftigen Herrschern, und sie waren ein Teil dieser Elite. Es entschied über den Einfluss ihres Landes in der Völkergemeinschaft der islamischen Staaten. Der Gewinner würde das Recht auf den Thron erwerben, selbst wenn er kein Erstgeborener war. Nur der Vater würde darüber bestimmen, wer letzlich der Thronerbe werden würde.
„Taktisches Geschick also“, sinnierte Théra. Clara mischte sich ein. „Das ist es doch, was wir euch in den letzten Jahren versucht haben beizubringen. Feingefühl für die Pferde, Mitdenken in jeder Situation, taktische Überlegungen und Demut.“ Sie sah, wie die Jungen ins Grübeln kamen. Théra ergänzte. „Wenn einer eurer Gegner etwas schneller ist - oder auch etwas glücklicher - dann dürft ihr ihm die Trophäe also abjagen?“ Die Jungen nickten. „Das ist so gewollt. Mann gegen Mann.“ „Dann“, sagte Théra, „ist es recht einfach, auf einen der vorderen Plätze zu kommen. Seht zu, dass die Pferde nicht stürzen. Einer von euch wird den schnelleren Gegner in einen Kampf um die Trophäe verwickeln. Der andere wird im selben Moment nach vorne preschen, um sich die nächste Trophäe zu sichern. Ihr könnt euch abwechseln. Tut so, als kämpft ihr gegeneinander. Seht zu, dass ihr all eure Trophäen behaltet. Lasst sie euch nicht abnehmen. Weicht Angriffen aus. Im letzten Drittel zeigt ihr, dass ihr erbarmungslos und mit Geschick gegeneinander kämpft. Im Ziel dürfte es dann kaum einem Gegner gelingen, mehr Trophäen zu haben, als ihr beide. Wenn ihr das geschickt anfangt, dann werdet ihr dieses Turnier zwischen euch beiden entscheiden.“
Die Jungs sahen sich an. Sie waren 18 und 16. Beide in einem Alter, wo man draufgängerisch ist. Sie hatten von Clara und Théra aber auch gelernt, ihre Pferde zu schonen. Das konnte diesen Ritt entscheiden. Sie sahen sich erneut an. Dann begannen sie über einige strategische Schachzüge zu sprechen. Wie sie am Beginn des Rennens ihre Ausgangsposition sichern, wie sich im Mittelfeld verhielten. Wenn es in das dritte Drittel ging, würden sie gegeneinander kämpfen, aber ohne sich zu verletzen. Théra und Clara nickten.
„Die Details überlassen wir euch. Ihr seid hier aufgewachsen. Es ist euer Rennen.“
„Lasst uns zurückgehen“, baten die Frauen. „Wir waren schon zulange hier. Es soll nicht mehr auffallen als nötig.“ Inzwischen brannte die Mittagssonne gnadenlos. Sie gingen langsam zu den Zelten zurück, um nicht zuviel Kraft zu verbrauchen, dort nahmen die Jungs als erstes ein Bad, um einen kühlen Kopf zu bekommen. Sie legten sich in den hintersten Winkel des Zeltes, und sprachen leise miteinander. Dann schlummerten sie ein.
Bevor das Rennen begann, nahm ihr Vater sie auf die Seite. „Ihr habt über das Rennen gesprochen? Gut. Helft euch, wo es notwendig ist, aber keine unerlaubten Tricks. Es geht um die Ehre unseres Landes.“
Die Jungs nickten. Genau darüber hatten sie lange geredet.
14.
Die Pferde spurteten auf breiter Linie los. Schon zu Anfang fingen einige der Teilnehmer an sich zu bekämpfen, um den Gegner aus dem Rennen zu schlagen. Die beiden Söhne des Emirs, Abdullah und Burak, hielten sich aus diesen Kämpfen geschickt heraus. Ali und Mustafa waren genauso geschickt. Sie ließen ein paar Mal ihre Gegner in eine Falle laufen. Eins der gegnerischen Pferde kam dabei zu Fall und brach sich das Genick.
In dieser Startphase gab es noch acht weitere Verletzte Pferde. Sie würden alle getötet werden müssen. Das Feld war um neun Teilnehmer kleiner geworden.
Nun ging es an die Erbeutung der Wimpel. Wieder waren Ali und Mustafa äußerst geschickt. Sie kannten ihre Stärke und die Stärke des Gegners. Sie traten nicht gegeneinander an. Sie ritten in zwei getrennten Linien. Sie würden den Kampf untereinander erst im letzten Drittel ausfechten.
Abdullah und Burak waren in einer Gruppe. Sie beherzigten Théras Rat. Während sich Ali und Mustafa durch Geschick, Schnelligkeit und Kampfgeist die Trophäen alle einzeln erkämpfen mussten, teilten sich Ali und Mustafa die Trophäen geschickt untereinander auf.
Sie würden diese Entscheidungsschlacht im letzten Drittel des Rennens suchen. Durch die gemeinsame Strategie hatten sie ihre Pferde geschont. Ali und Mustafa hatten indes schon im zweiten Drittel alles aus ihren Gäulen rausholen müssen, um besser zu sein, als die Mitbewerber in ihrer Gruppe und die waren alle hervorragende Reiter.
Dann kamen sie zu der Kehre. Vom Lager aus waren sie nur noch als kleine Punkte zu erkennen, selbst mit dem Fernglas. In der Spitze der Reitergruppe bewegten sich etwa zehn oder zwölf Reiter. Mehr war in der vibrierend heißen Luft nicht zu erkennen.
Als dann die Reiter zurückkamen, erkannten sie deutlich, dass Ali, Mustafa, Abdullah und Burak die Spitze der Gruppe bildeten. Dann wurde Burak von einem der anderen Reiter attackiert. Man sah das durch das Fernglas nicht deutlich, was dann geschah. Das Pferd des anderen Reiters stürzte. Sie sahen, wie Burak triumphierend einen Arm über den Kopf riss und einige der Bänder schwenkte.
Der Parcours wurde nun sehr eng. Nun ging es um jede einzelne Trophäe, um Schnelligkeit und Geschick. Es war durch die Ferngläser deutlich zu sehen, dass die Gegner sich nichts schenkten. Sie sahen aber auch, dass Abdullah und Burak einen anderen Reitstil hatten als ihre Gegner. Sie machten sich auf den Pferden leicht. Sie gewannen an Schnelligkeit und sie gewannen leicht die Oberhand. Sie vermieden den direkten körperlichen Kampf Mann gegen Mann und konzentrierten sich darauf, möglichst viele Wimpel zu ergattern.
Sie halfen sich jetzt nicht mehr. Manchmal gab es Rempeleien. Eines der Pferde geriet ins Straucheln, fasste sich jedoch wieder und rannte in unverminderter Schnelligkeit weiter. Abdullah hatte durch dieses Manöver zwei Pferdelängen verloren. Die Wimpel wurden jetzt unter den andern drei Reitern aufgeteilt. Manchmal war der eine schneller, manchmal der andere. Einige der Trophäen lagen am Boden. Man musste sich in vollem Galopp bücken, um sie vom Boden aufzuheben. Das war mehr als nur Reitkunst, das war lebensgefährlich.
Zum Schluß gaben die Pferde alles, um als Erster durch die Ziellinie zu reiten. Es war nicht auszumachen, wer der Schnellere von den drei Reitern war. Mustafa, Abdullah oder Burak. Nur die Zahl der Wimpel würde über den Sieg entscheiden.
Die Pferde waren verschwitzt und fast dem Tode nah. Para scheuchte die Helfer mit Worten und Gesten energisch beiseite, und befahl, die Tiere gemeinsam zu einem Abreibeplatz zu bringen, dann kümmerte er sich um die drei Pferde. Sie zitterten vor Anstrengung. Para wollte sie nicht verlieren.
Der Jubel war gewaltig, als die drei ins Ziel ritten. Dennoch war die Spannung groß. Drei hervorragende Reiter. Alle drei gleich schnell. Es war ein unglaubliches Rennen. Wer würde den Sieg davon tragen?
Als die Wimpel zusammengezählt wurden, ergab sich eine Differenz von nur einem Wimpel. So etwas hatten die Scheichs und Emire noch nie erlebt. So ein Kopf an Kopf Rennen. Jeder dieser drei Reiter würde als Gewinner nach Hause gehen, auch wenn nur einer von Ihnen die begehrteste aller Trophäen mit nach Hause nehmen durfte.
Wer würde der Glückliche sein?
Der saudische König machte es spannend. Er rief nach einem Mikrophon. „Wir haben hier drei Sieger“, begann er. „Einen ersten und zwei Zweite. Die Differenz beträgt nur einen Wimpel. Ich habe noch nie ein knapperes Rennen erlebt. Wir haben inzwischen Bilder der Zielkamera. Keiner der drei war nur ein wenig schneller als die anderen. Sie waren völlig gleich. So etwas hat es noch nicht gegeben. Alle drei sind Sieger. Ihnen allen gebührt die Ehre. Allerdings ist nur einer der Dreien auch der Gewinner der Trophäe des heutigen Abends. Ich schlage vor, dass die drei jetzt in ihr Zelt gehen und sich frisch machen. Ich möchte, dass sie sauber und gekleidet wie Herrscher wieder vor mir erscheinen, bevor ich meine Entscheidung bekannt gebe.“
Die Spannung wurde noch um einiges höher. Man tuschelte. Man trug die drei auf Händen zu ihren Zelten. Die Frauen eilten in die Zelte, um ihre Kinder zu waschen und zu erfrischen. Kleider wurden bereit gelegt. Teppiche wurden ausgerollt und eine Musikkapelle begann zu spielen.
Ein Podest wurde auf das Zielgelände getragen. Fackeln wurden angezündet, dann betrat die Braut das Gelände. Die Gespräche verstummten.
Sie war traditionell verschleiert und fürstlich geschmückt. Blumen, Goldbändchen, Schärpen und Schleifen. Während sie ging, blitzte ein goldener Schuh auf. Die Männer verfielen in ein andächtiges Aahh. Niemand würde sie sehen dürfen, außer ihrem Ehemann. Sie wurde begleitet von Frauen ihres Hofes, von ihrer Familie. Die Scheichs und Emire hatten sich alle in festliche Gewänder gehüllt.
Wer würde diese Schönheit für sich gewinnen?
Als die drei Sieger über die roten Teppiche schritten, begann ein Raunen. Die Spannung stieg und stieg. Es waren die Abkömmlinge dreier herausragender Familien. Ihnen allen gebürte Dank für diesen Abend und Lob für dieses phantastische Rennen. Sie galten schon jetzt als zukünftige Könige, auch wenn nur einer die Trophäe für sich beanspruchen durfte. Diese einzigartige Trophäe.
Als die Sieger versammelt waren, bat der Saudi die Perle aller Perlen zu sich. „Ich möchte hier eins betonen. Der Abstand zwischen dem Sieger und den beiden anderen ist geringer, als jemals zuvor in der langen Geschichte dieses Landes. Wir haben einen ersten und zwei zweite Plätze.“ Er wandte sich an Cennet.
„Jeder dieser drei jungen Männer wäre dir ein wunderbarer Ehemann. Jeder dieser drei jungen Männer ist es wert, dich als deine Frau nach Hause zu führen. Jeder ist gleich viel. Wir haben drei Sieger. Sie haben fair und mit Umsicht gekämpft. Dennoch ist einer ein ganz klein wenig besser gewesen, als die beiden anderen. Vielleicht war es Geschick, vielleicht war es Glück. Am Mut und an der Reitkunst hat es nicht gelegen. Da waren sich alle drei ebenbürtig. Es war Allahs Wille.“
Er hob die Hände zum Himmel. „Wir sollten Allah danken, dass wir dieses wunderbare Reiturnier ausrichten durften. Wir sollten Allah danken für unsere wundervollen Söhne und Töchter. Allah hat aber auch entschieden, wer die Blume der Blumen mit sich nehmen darf.“
Araber sind beredt, wenn es um wichtige Dinge geht.
„Ich möchte, dass sich unsere drei Sieger jetzt die Hände geben und sich ein feierliches Gelöbnis abgeben.“ Er führte die Hände der drei jungen Männer zusammen. „Schwört bei Allah, dass ihr in Frieden auseinandergeht. Unsere Geschäfte gehen besser, wenn wir in Frieden untereinander leben. Mir wäre es lieb, wenn ihr euch ewige Freundschaft schwören würdet. Die Freundschaft dreier Sieger. Aber das ist eure Entscheidung. Es ist euer Leben. Es ist aber nicht nur eure Zukunft, sondern auch die eurer Völker. Bedenkt das. Akzeptiert das weise Urteil Allahs.“
Burak dachte an Théra und ihre Ratschläge. Er dachte an seinen Vater, der sich schon immer für diplomatische Lösungen ausgesprochen hatte. Er senkte einwilligend den Kopf.
Auch Mustafa dachte an Théra. Er hatte alles gegeben, um die Blume des Orients mit nach Hause zu nehmen. Er hatte sich dafür fit gemacht. Würde er der Sieger sein? Noch einmal dachte er an Théra. Er wusste nicht, wer dieses geheimnisvolle Geschöpf gewesen war. Er hatte gespürt, dass sie in seiner Welt noch fremd war. Würde er den beiden anderen die Trophäe gönnen?
Langsam, ganz langsam begann er den Kopf zu senken und er gab sein Einverständnis.
Ali dachte an Leyla, deren Augen er gestern hatte sehen dürfen. Er wusste aus Schilderungen, dass sie eine sehr schöne Frau sein musste. Wenn er Cennet nicht gewinnen würde, dann würde er immer noch Leyla haben. Vielleicht war daran sogar etwas Gutes. Er müsste Leyla und Cennet nicht teilen. Im Sommer würde seine Hochzeit mit Leyla stattfinden. Die beiden Königshäuser waren schon jetzt in Aufregung.
Er senkte den Kopf und signalisierte seine Zustimmung.
„Allah sei gepriesen“, rief der saudische König bewundernd. „Wir haben nicht nur drei Gewinner, sondern wir haben hier drei aussergewöhliche junge Männer, deren Weisheit in die Geschichte unserer Länder eingehen wird. Allah sei Dank.“
Er sah ihnen direkt in die Augen. „Schwört, dass ihr in Frieden auseinandergeht und euch nichts nachtragt.“
Die drei jungen Männer sahen sich an. Sie hatten fair und hart gekämpft. Die Worte des Königs waren beredt und weise. Sie sahen sich noch einmal an und nickten sich zu, dann gelobten sie sich die Freundschaft. „Lasst uns diese Freundschaft umsetzen“, bat Ali. „Egal, was jetzt passiert. Lasst uns dieses Bündnis immer wieder erneuern. Ein Bündnis zwischen Siegern.“ Er sah, dass die beiden anderen nickten.
Der König sah Cennet an, und er schien zu fragen, „bist du bereit?“
Cennet deutete einen Hofknicks an, dann nahm der König ihre Hand in die Linke und die Hand Buraks in die Rechte. Er führte sie zusammen und sagte: „Wir haben heute ein Paar zusammengeführt, das würdig ist, dass Geschichten über dieses Turnier entstehen. Allah soll über die beiden wachen und sie ein Leben lang beschützen.“
Burak stockte der Atem.
Ali und Mustafa hielten die Luft an.
Die drei jungen Männer sahen sich an, dann griff Burak mit seiner Linken nach der Hand von Ali und forderte Mustafa auf, die Hände von Ali und Cennet zu nehmen um einen Kreis zu bilden.
„Im Angesicht von Allah und von Cennet, lasst uns noch einmal Treue und Freundschaft schwören, dass Cennet nie zwischen uns stehen wird.“ Er sah, dass Ali und Mustafa tief einatmeten. Sie sahen sich an, dann nickten sie. „Wir schwören bei Allah und bei Cennet.“ Das kam wie aus einem Mund.
Die Menge war atemlos. Selten hatte Théra eine solche Stille gehört. Dann brandete Jubel auf.
Die Hochzeit wurde noch am selben abend von einem Priester geweiht. Es war ein einzigartiges Erlebnis, das alle sonstigen Riten überflüssig machte. Eine Hochzeit, die direkt und unmittelbar durch den Willen Allahs herbeigeführt worden war.
Dann durfte Burak Cennet mit in sein Zelt nehmen.
Während Leyla ihrem Ali ausrichten ließ, sie liebe ihn für seine Großmut, schickte Théra eine Nachricht an Mustafa. Sie würde für ihn da sein, wenn er sie brauche.
Noch in derselben Nacht lag sie in Mustafas Armen. Die Frauen des Harems hatten ihr eingeschärft, in der Zeit ihrer Fruchtbarkeit nicht mit Mustafa zu kopulieren. Théra hielt sich daran, aber Mustafa war von einer seltenen Gabe. Er drängte sie nicht und genoß, was Théra ihm schenkte. Er hatte nicht die Liebe von Cennet errungen, aber dieses Mädchen hier schenkte ihm ihre Liebe freiwillig, wenn auch unter dem Vorbehalt, dass er sich an Vereinbarungen hielt.
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