Kitabı oku: «Der versäumte Frühling»
Hans Scherfig
Der versäumte Frühling
SAGA Egmont
Der versäumte Frühling
Aus dem Dänischem von Ruth Stöbling nach
Det forsømte forår
Copyright © 1989, 2018 Hans Scherfig und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711842805
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 2.0
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1. Kapitel
Vor etlichen Jahren starb im Kopenhagener Viertel Østerbro ein älterer Mann, nachdem er einen Malzbonbon zu sich genommen hatte.
Er hatte eine Schwäche für Malzbonbons und schon seit vielen Jahren regelmäßig welche gelutscht, ohne dabei irgendwie zu Schaden gekommen zu sein. Er trug ständig eine kleine ovale Blechschachtel bei sich, und wenn er im Hals ein Kribbeln verspürte oder eine kleine Anregung brauchte, nahm er sich einen Bonbon. Er zerkaute ihn nie, sondern lutschte ihn und ließ den Saft langsam durch die Kehle rinnen. Und dabei war ihm nie irgend etwas passiert.
Eines Tages aber ging es schief, der Bonbon wurde sein Tod. An einem schönen, lauen Abend Anfang Juni, als auf der Uferpromenade Langelinie Flieder und Goldregen blühten. Er hatte gegen halb acht seine Wohnung in der Classensgade verlassen, um wie gewöhnlich auf Langelinie spazierenzugehen. Seine Frau sollte gegen halb neun den Abendtee für ihn fertig haben. Doch er bekam keinen Tee mehr. Er sah auch seine Frau nicht wieder. Zum letztenmal ging er die Treppe hinunter und ahnte dabei nicht, daß er nie mehr die marmorierten Felder an der Wand zählen und den besonderen Geruch des Hauses wahrnehmen würde.
Der Abend war mild, obgleich es noch nicht so warm war, daß er es für angebracht gehalten hätte, ohne Mantel auszugehen. Auf seinen wollenen Schal hatte er allerdings verzichtet. Am Jachthafen setzte er sich auf eine bestimmte Bank, blickte über das Wasser und besah sich die Leute. Er kannte die meisten Einwohner von Østerbro vom Sehen und wußte, wer sie waren.
Auf dem Sund kreuzten flaggen- und wimpelgeschmückte Segelboote, man sah die Hafenfähre und einige Ruderboote, die eine Wettfahrt veranstalteten. An seiner Bank kamen junge Mädchen vorbei, die schöne Beine hatten und luftige Sommerkleider trugen. Er schaute ihnen durch die Goldrandbrille nach und dachte bei sich: So leichtbekleidet müssen sie sich doch erkälten. Daß die Menschen aber auch nie klüger werden! Und er warf einen Blick auf die Ruderer, die sich in ihren langen, schmalen Booten nach den Kommandos ihrer Steuerleute abmühten. Halbnackte, behaarte Menschen. Reiner Wahnsinn, sich zu dieser Jahreszeit unbekleidet auf das Wasser zu wagen! Die holen sich doch eine Lungenentzündung! Sie spielen ja geradezu mit ihrem Leben! Dabei wußte er nicht, daß sein Leben schon in wenigen Stunden vorbei sein würde.
Bekümmert blickte er den kleinen Motorfähren nach, die auf dem blauen Wasser dahintuckerten. Und er errechnete, daß sie unverantwortlich überladen sein mußten. Bestimmt waren auch nicht für alle Fahrgäste Schwimmwesten vorhanden – einfach skandalös! Da mußte wohl erst ein Unglück passieren, bevor bestimmte Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden. Bis dahin verhält man sich aber gleichgültig. Wie hierzulande so üblich.
Die Abendluft am Wasser dünkte ihm ein wenig rauh. Ihm fehlte nun doch sein wollener Schal. Er räusperte sich und holte die kleine ovale Blechschachtel mit den Malzbonbons aus der Tasche. Suchte sich einen besonders gleichmäßig geformten Bonbon aus und steckte ihn in den Mund.
Er kam ihm gleich etwas bitter vor. Doch bei Malzbonbons kann es sein, daß sie anfangs einen bitteren Geschmack haben, ohne daß es etwas zu bedeuten hat. Das vergeht. Deshalb lutschte er kräftig daran, schob ihn mit der Zunge weiter in den Mund und biß ihn durch, obgleich er das sonst verwerflich fand. Und gerade das sollte ihm zum Verhängnis werden. Der bittere Geschmack verstärkte sich nur noch. Der Bonbon schmeckte wie Metall. Als hätte er die Schachtel im Mund. Er beschloß, den Bonbon zu opfern, spuckte ihn aus und nahm einen neuen, der so schmeckte, wie er sollte.
Plötzlich schauderte ihn leicht, und er stand auf, um nach Hause zu gehen. Ihm wurde übel. Schüttelfrost und Brechreiz stellten sich ein. Der neue Malzbonbon schmeckte auch nicht so recht und wurde ausgespuckt. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, und er bekam Magenschmerzen. Die Brille war auf einmal wie beschlagen, er sah die ganze Uferpromenade nur noch verschwommen. Der Hafen und die Straße, die Dornenhecke und der Flieder, die Fahnen, die Radfahrer und die Ruderer – alles drehte sich ihm vor Augen. Er mußte sich an einem Baum festhalten. Die Leute sahen den gutgekleideten Herrn mit Goldrandbrille und Spitzbart an, hielten ihn für betrunken und wunderten sich. Um ihn bildete sich ein Auflauf. Ein Polizist mit weißen Handschuhen kam herbei.
„Was geht hier vor? Sehen Sie lieber zu, daß Sie nach Hause kommen!“ Dann merkte er jedoch, daß der Mann krank war.
„Ich wohne Classensgade Nummer 44 … Ich muß nach Hause“, sagte der Kranke. Aber er kam nicht mehr nach Hause. Denn nun trat ihm Schaum vor den Mund, und Krämpfe setzten ein. Der Polizist schickte einen der Neugierigen, nach einem Krankenwagen zu telefonieren, während er selbst den Hilfebedürftigen stützte.
„Das war der Malzbonbon … Ich glaube, das war der Malzbonbon. Er schmeckte bitter“, sagte der Herr mit Goldrandbrille später im Krankenwagen. Und der Polizist merkte sich das, um es in den Bericht aufzunehmen.
Kurz nach seiner Einlieferung ins Städtische Krankenhaus verschied der ältere Herr. Die letzten verständlichen Äußerungen, die er von sich gab, waren irgend etwas von Malzbonbons und der Satz „Agnosco fortunam Carthaginis“, den der lateinkundige Arzt mit „Nun erblicke ich Karthagos Schicksal“ übersetzte.
2. Kapitel
Der Tote hatte Papiere bei sich, die ihn als den dreiundsechzigjährigen Studienrat C. Blomme, wohnhaft Classensgade 44, auswiesen. Seine Frau wurde benachrichtigt, und alles, was in solchen Situationen getan werden muß, wurde getan.
Die Ärzte erklärten, der Tod sei durch ein alkalisches Gift hervorgerufen worden, das eine Lähmung des motorischen Nervensystems herbeigeführt habe, wodurch es zu einer Art Starrkrampf gekommen sei. Infolge der Lähmung der Brustmuskulatur sei dann der Tod durch Ersticken eingetreten.
Bei der später vorgenommenen Obduktion stellte man im Mageninhalt Strychnin fest. Auf Grund der merkwürdigen Umstände dieses Todesfalles wurde die Mordkommission benachrichtigt. Die Polizei leitete die Untersuchung ein. Was der Sterbende über den Malzbonbon gesagt hatte, war nicht in Vergessenheit geraten. Im Mantel des Toten fand man die kleine ovale Blechschachtel mit den weiter oben beschriebenen Malzbonbons. Die Schachtel wurde mit sterilen Geräten geöffnet. Hände in Gummihandschuhen nahmen vorsichtig die Bonbons heraus. Die Blechschachtel samt Deckel und jeder einzelne Bonbon wurden gründlich analysiert, mikroskopiert und durchleuchtet. Aber in keinem Bonbon ließ sich auch nur eine Andeutung von Gift feststellen. Nicht einmal mit Hilfe der Spektralanalyse gelang es, in der Schachtel oder in den Bonbons irgendein Gift nachzuweisen.
Man konnte in Erfahrung bringen, wo Studienrat Blomme die verhängnisvollen Malzbonbons oder den Malzextrakt-Brustzucker, wie die offizielle Bezeichnung dafür lautete, gekauft hatte. Das ganze Geschäft wurde auf den Kopf gestellt und der Besitzer und die Verkäuferin beinahe chemisch untersucht. Es fand sich jedoch nicht einmal die Spur von Strychnin. Die Nachforschungen wurden sowohl in der Bonbonfabrik als auch in dem Betrieb, der die Blechschachteln herstellte, fortgesetzt und in den unwahrscheinlichsten Verästelungen weitergeführt. Nirgendwo entdeckte man Strychnin.
In Studienrat Blommes Wohnung gab es ebenfalls kein Strychnin. Und er schien sich auch niemals für Gifte interessiert zu haben, wenn man von jenen absieht, von denen in der Geschichte der römischen Kaiser berichtet wird. Suetonius, Tacitus, juvenal und Petronius füllten seinen Bücherschrank, und der friedfertige Studienrat hatte an den grausigen Schilderungen, die in einer für seine Familie unverständlichen Sprache geschrieben waren, seine Freude.
Ein kleiner, stiller Mann mit Goldrandbrille und Spitzbart. Ein Mann mit bescheidenen Gewohnheiten und einer maßvollen Lebensführung. Ein Mann mit klassischer Bildung, dessen Wohnung braune Reproduktionen antiker Statuen schmückten. Sonntags besuchte er oft die Abgußsammlungen des Kunstmuseums und erklärte seiner Familie die weißen Gipsfiguren. Abends ging er gern auf Langelinie spazieren. Seinen Schülern brachte er gewissenhaft die lateinische Grammatik bei. Mit ängstlicher Sorgfalt pflegte er seine schwächliche Gesundheit. Sein einziges Laster war die Schwäche für Malzextrakt-Brustzucker. Am Abend saß er in seiner kleinen Stube in der Classensgade und las die römischen Historiker im Original. Und die lateinische Sprache erschloß ihm eine andere Welt. Die Welt Tiberius‘, Caligulas, Neros und Messalinas. Mit ihren Intrigen und Giftmorden und absonderlichen Perversitäten.
Doch Strychnin gab es in seiner Wohnung nicht. Niemand hatte Grund zu der Annahme, daß er einen seiner eigenen Malzbonbons vergiftet hatte oder auf andere Weise Selbstmord begehen wollte. Und niemand stand im Verdacht, ihm nach dem Leben getrachtet zu haben.
Seine Frau betrauerte den Verlust ihres Mannes, und die drei erwachsenen Töchter trauerten ebenfalls. Seine Kollegen und Bekannten zeigten aufrichtige Teilnahme. Er hatte keine Schulden, keine heimlichen Geliebten, keine kostspieligen Laster. Er litt auch nicht unter enttäuschtem Ehrgeiz. Er war weder finanziell erpreßt noch bedroht worden, noch war er Wucherern in die Hände gefallen.
Sein Tod auf der Uferpromenade war in mystisches Dunkel gehüllt und blieb rätselhaft. Keine noch so gründliche polizeiliche Untersuchung konnte irgendeine Erklärung erbringen. Und so wurde Studienrat C. Blomme begraben.
3. Kapitel
Viele Jahre nach Studienrat C. Blommes Tod auf der Uferpromenade trafen sich einige Herren in einem Restaurant. An einem schönen, warmen Juniabend, an dem genau wie damals Flieder und Goldregen blühten.
Die Herren kamen die mit roten Läufern belegten Treppen herauf und gaben Mantel, Schal und Regenschirm an der Garderobe ab. Einige sogar Überschuhe – trotz des schönen Wetters. Es waren Menschen, die sehr auf ihre Gesundheit achteten.
Die meisten fuhren mit dem Auto vor, einige kamen mit der Straßenbahn. Nur einer kam zu Fuß.
Aus dem ganzen Land waren sie angereist, um sich an diesem Sommerabend zu treffen, auch wenn sie sich im Grunde genommen nicht mehr kannten. Sie hatten sich seit vielen Jahren nicht gesehen und sich inzwischen sehr verändert. Sie hatten Brillen, Bäuche und Bärte bekommen. Sie waren glatzköpfig geworden, und ihre Haarfarbe hatte gewechselt. Sie waren hager und runzlig oder dick und rund geworden. Sie hatten sich geradezu bis zur Unkenntlichkeit verändert.
Sie schüttelten einander so herzlich die Hände, daß die Manschettenknöpfe rasselten. Und sie duzten sich leicht geniert, weil sie nicht immer wußten, mit wem sie eigentlich sprachen, und sich deshalb erst vorstellen und sich zu erkennen geben mußten.
Alle waren dreiundvierzig Jahre alt. Männer im besten Alter. Reife, erfahrene Männer auf der Höhe ihrer Schaffenskraft. Und sie waren Männer, die ihren Mitmenschen gegenüber mit Verantwortung, Befugnissen und Macht ausgestattet waren. Vielbeschäftigte Männer, deren Zeit kostbar war. Sie hatten vieles zurückstellen müssen, um diesen Abend gemeinsam verleben zu können.
Die Herren waren festlich gekleidet. Geschniegelt und gebügelt, mit Frack und weißer Hemdbrust. Einige trugen Miniaturorden im Knopfloch.
Nur einer hatte einen gewöhnlichen Anzug an. Einen blankgewetzten Anzug, dessen Ärmel und Hosenbeine viel zu kurz waren. Er trug einen sonderbaren, dünnen, langgezogenen roten Binder und merkwürdige, ausgetretene, absatzlose Stiefel. Er hatte ungeschnittenes Haar und einen schwarzen Vollbart. Mürrisch begrüßte er die anderen und betrachtete sie kurzsichtig durch eine sehr kleine, altmodische Brille. Er glich keinem der anderen, und doch gehörte er zu ihnen. Man hatte auf sein Kommen Wert gelegt. Und man behandelte ihn freundlich und mit Herzlichkeit und schützte ihn fürsorglich vor eventuellen Beleidigungen von seiten des Bedienungspersonals.
Das in Hellrot gehaltene Restaurant mit seiner Seidentapete, den vergoldeten Wandleuchten und der bronzefarbenen Beleuchtung war eine Stätte, die die häusliche Ungemütlichkeit mit der Eleganz des Gesellschaftslebens vereinte.
In einem Nebenraum war die Tafel gedeckt, mit Kerzen, Blumen, dänischen Fähnchen und sinnreich aufgestellten Servietten. Der Oberkellner umkreiste den Tisch, um sich einen Überblick zu verschaffen und sich davon zu überzeugen, daß auch alles seine Richtigkeit hatte.
Die Herren boten sich gegenseitig Zigarren an und streiften dann die Asche an künstlerisch geformten Porzellanaschenbechern und keramischen Gebilden mit biblischen Motiven ab. Sie lachten und redeten lautstark über vergangene Tage, frischten alte Erinnerungen auf. Und sie unterhielten sich in einer seltsamen Freimaurersprache, die für Uneingeweihte nicht zu verstehen gewesen wäre.
Einige Herren bildeten ein Komitee, sie eilten geschäftig mit Listen hin und her und kreuzten jeden Ankommenden darauf ab.
Endlich war man vollzählig. Neunzehn Herren. Anwälte, Ärzte, Wissenschaftler,Geschäftsleute, Lehrer, Richter sowie ein Geistlicher und ein Offizier.
Unter ihnen war auch ein Mörder. Ein Mann, der viele Jahre zuvor Studienrat C. Blommes Malzbonbon vergiftet hatte.
4. Kapitel
Die Wachtparade zog durch das Krankenhaus. Ein Auftritt großen Stils, der Tag für Tag mit wunderbarer Präzision ablief.
Der Chefarzt schritt zuerst mit seinem Stab die Front ab, dann setzte sich die Stubendurchgangsprozession in Bewegung.
Von Station zu Station verkündete Glockengeläut die Ankunft der Parade, so daß alles für diesen feierlichen Augenblick bereit war.
Die Stationsschwestern hatten mit glattgestrichenen Schürzen Aufstellung genommen. Die jungen Schwesternschülerinnen standen stramm. Die Patienten versuchten, so gut es ging, im Bett strammzuliegen. Die Laken waren glattgezogen, die Bettdecken in die vorgeschriebene Form gebracht. Nichts durfte verknautscht sein oder unvorschriftsmäßige Falten haben. Kein Patient durfte in dieser Zeit um das Becken bitten. Während der Parade hatte man sich alles zu verkneifen. Den Patienten war es auch verboten, in der feierlichen Stunde des Stubendurchgangs zu sterben.
Der Chefarzt trug eine ruhige und würdige Miene zur Schau. Schon als junger Arzt hatte er sorgfältig den Gesichtsausdruck seines Vorgängers studiert, und er wußte, daß die jungen Ärzte des Gefolges nun auf seine Miene achtgaben. Eine Hand steckte in der Kitteltasche. Mit der anderen machte er kleine Gesten, die von den Pflegerinnen und den darauf trainierten Krankenschwestern verstanden und befolgt wurden.
Kein Patient wagte es, den Chefarzt direkt anzusprechen. Fragen und Antworten wurden durch Zwischeninstanzen vermittelt. Dabei konnte es zu Mißverständnissen kommen, die zu korrigieren jedoch im höchsten Maße ungehörig gewesen wäre.
Der Chefarzt hieß Thorsen. Aber einen Chefarzt spricht man nicht mit seinem Namen an. Ungebildete Elemente unter den Patienten wurden darüber belehrt, daß man ihn auch nicht mit „Herr Doktor“ oder gar nur mit „Doktor“ anreden dürfe und daß auch das „Sie“ unzulässig sei. Jeder Gebrauch eines Pronomens in Verbindung mit einem Chefarzt ist verpönt. In der Anrede und bei Erwähnung seiner Person hat es immer nur „Herr Chefarzt“ zu heißen, und ein Verstoß gegen diese Regel kann die ernsthaftesten Folgen haben.
Wenn die Visite vorbei ist, zieht sich der Chefarzt zurück. Der Zauberbann, der über den Krankenzimmern gelegen hat, ist aufgehoben. Die sich in arger Bedrängnis befindenden Magenpatienten läuten fieberhaft, und die Schwesternschülerinnen stürzen mit den Becken herbei.
Die Arbeit des Chefarztes ist aber noch nicht getan. Er rast im Auto zu seiner Privatklinik, wo andere Patienten auf ihn warten. Sie haben die gleichen Krankheiten wie die im Krankenhaus. Und auch die Behandlung ist die gleiche. Doch Etikette und Umgangsformen sind anders. Hier kann die Anrede „Sie“ gebraucht werden. Und auf das Gesicht des Chefarztes ist ein Lächeln getreten, als befände er sich unter Gleichgestellten.
Chefarzt Thorsen hat einen anstrengenden Arbeitstag. Er ist auch Professor und muß sich um seine Studenten kümmern und Vorlesungen halten. Und er darf sich nicht einmal ein Zeichen von Müdigkeit anmerken lassen. Die Vorlesungen müssen lebendig und mit witzigen Bemerkungen gewürzt sein, und die Studenten geben sich interessiert und lachen eilfertig, wenn der Professor einen Witz macht.
Doch der Chefarzt hat auch noch seine Privatpraxis, die Zeit und Geduld, lange Gespräche und taktvolles Verständnis erfordert. Hier ist abermals ein anderer Gesichtsausdruck erforderlich. „Vertrauen zum Arzt, das ist das allerwichtigste“, hat Professor Thorsen einmal in einem Interview gesagt. Mitunter kann es angebracht sein, beide Hände des Patienten zu ergreifen und ihn freundlich und verständnisvoll anzublicken. Der Arzt soll ein Freund sein, dem man sich anvertraut. Und er soll ein diskreter Beichtvater sein.
Dazu kommen noch die vielen anderen beruflichen und ehrenamtlichen Verpflichtungen. Leitungssitzungen, Kongresse, Vorträge, „Domus Medica“ – das Haus der dänischen Ärztevereinigung –, Redaktion einer Wochenzeitschrift, Zeitungspolemik und so weiter. Außerdem hat ein Arzt noch ein Privatleben, eine Frau und Kinder, und er muß auch Geselligkeit pflegen.
Vielleicht würde allein schon die Stellung eines Chefarztes das Leben eines Mannes ausfüllen. Und vielleicht wird Professor Thorsen auf Grund von Überanstrengung schon zeitig sterben. Aber seine zahlreichen Ämter hat er freiwillig übernommen. Sie sind Voraussetzung, um Karriere machen und sich einen hohen Lebensstandard leisten zu können. Der Professor ist ein im ganzen Land bekannter Mann. Bewundert und beneidet von allen Kollegen.
Er ist noch jung. Er ist erst dreiundvierzig Jahre alt. Und er ist einer der neunzehn festlich gekleideten Herren, die sich an einem Juniabend treffen.
Einem milden, stillen Sommerabend, an dem auf Langelinie Flieder und Goldregen blühen, genau wie viele Jahre zuvor, als ein älterer Studienrat ins Städtische Krankenhaus eingeliefert wurde und dort starb, weil er einen vergifteten Malzbonbon zu sich genommen hatte.
5. Kapitel
Ein Zuhälter und Gewalttäter ist zu vier Jahren Gefängnis verurteilt worden. Ein abgestumpftes, ungehobeltes Individuum, das sich mit dem Urteil einverstanden erklärte und vor dem schaudernden Richter übertrieben höflich dienerte. Und im Gerichtsbericht einer Zeitung war dann sogar zu lesen, daß der Verurteilte die Zuhörer noch frech anlachte, als er abgeführt wurde. Pomadisiert, blaß, aufgeschwemmt, wattierte Schultern.
„Ein geradezu widerlicher Typ“, sagt Richter Ellerstrøm zum Referendar.
Richter Ellerstrøm ist dreiundvierzig Jahre alt. Sehr groß, mit länglichem Gesicht, blondem, aufwärts gekämmtem Haar und einem Schnurrbärtchen.
Er mißt die Gefängnisstrafen so zu, wie es das Gesetzbuch vorschreibt, und diktiert sein Urteil mit dünner, unsicherer Stimme. Seine langen Hände spielen nervös mit dem Federhalter. Er weiß nie, was er mit seinen Händen anfangen soll. Doch er beißt sich nicht mehr auf die Nägel. Das hat ihm seine Mutter abgewöhnt.
„Jetzt, da du Richter geworden bist, mußt du endlich mit dieser häßlichen Angewohnheit aufhören“, sagte sie. „Ein Richter kann doch nicht dasitzen und im Gerichtssaal an den Nägeln kauen. Was sollen denn die Verbrecher denken!“
Und der Richter hat genug Charakterstärke bewiesen, ihre Ermahnung zu befolgen.
Seine Mutter bewohnt eine ziemlich große Wohnung in der Gegend des Ostbahnhofes. Als ihr Sohn noch ein kleiner Junge mit Matrosenanzug und Kniestrümpfen war, wurde sie geschieden. Sie behielt das Kind, und sie hat es noch. Und sie hält jeden schlechten Einfluß von ihm fern und wacht mit rührender Sorgfalt über seine Gesundheit und sein Wohlbefinden. Fortwährend heißt es: „Jetzt mußt du essen.“ – „Jetzt mußt du dich ausruhen.“ – „Ich habe dir reine Unterwäsche und ein sauberes Taschentuch hingelegt.“
Zwischen den beiden besteht ein rührendes Verhältnis. Wenn sie abends auf Langelinie spazierengehen, sehen ihnen die Leute wohlwollend nach. Sie ist klein und beleibt, und er muß ein wenig vornübergebeugt gehen, damit sie sich auf seinen Arm stützen kann.
Und er erzählt ihr von seiner Arbeit und von den sonderbaren Personen, die er auf der anderen Seite der Schranke zu sehen bekommt. So wie an diesem Tag den Zuhälter und Gewalttäter.
„Wirklich ein unheimliches Individuum. Zu allem imstande.“
„Schrecklich!“ sagt die Mutter entsetzt. „Daß so einer bloß nicht einmal auf den Gedanken kommt, dich zu überfallen! Du mußt mir versprechen, vorsichtig zu sein, Edvard. Komm ihnen bloß nicht zu nahe!“
„Zwischen uns ist doch die Schranke. Und die Polizisten. Es besteht also keine Gefahr. Obwohl es schon vorgekommen sein soll, daß ein Richter im Gerichtssaal überfallen wurde.“
Edvard ist jedoch nicht der Mann, der Angst hat. Seine Mutter ist nur allzugern bereit, den Mut ihres Sohnes zu bewundern und sich wegen seines gefährlichen Berufs zu ängstigen. Und er neckt sie ein wenig, wenn er ihr ausmalt, wozu ein Gewalttätiger imstande sein kann.
Edvard Ellerstrøm mag es vielleicht ein bißchen schwerfallen, einen Zuhälter zu begreifen. Aber er hat ja sein Examen und kennt sich in den Gesetzen aus. Er hat sieben Jahre lang juristische Vorlesungen gehört, und Repetitoren haben sein Gedächtnis trainiert und ihm Stichworte und Mnemotechnik eingepaukt. Er weiß, mit welchem Strafmaß Zuhälterei und Gewalttätigkeit zu belegen sind, und falls er es vergessen haben sollte, kann er das Gesetzbuch zu Hilfe nehmen.
Er schickt Prostituierte in Gefängnisse und Anstalten. Er mißt Dieben und Herumtreibern die ihnen gebührenden Strafen zu. Man kann von einem Richter doch wohl nicht verlangen, daß er selbst einmal ausprobiert hat, wie es ist, ein Herumtreiber zu sein.
Frau Ellerstrøm ist ein wenig bekümmert, daß ihr Sohn in so viel Häßliches Einblick bekommt. Er, der zuvor nur gute und gesittete Menschen kennengelernt hatte.
Sie weiß allerdings nicht, in was er Einblick bekommt, wenn er die Zeitschrift des Reichsgerichts liest. Und sie weiß auch nichts von den seltsamen Büchern, die ihr Sohn heimlich liest. Er liest sie unter der Bettdecke, beim Schein einer Taschenlampe, damit sie nicht sieht, daß bei ihm noch Licht brennt, und ihn eventuell bei seinem Vorhaben überrascht.
Er ist dreiundvierzig Jahre alt. Und er wird sich am Abend mit etlichen gleichaltrigen Herren treffen.
Die Haushilfe hat schon sein gestärktes Manschettenhemd auf dem Bett bereitgelegt. Und Frau Ellerstrøm bindet ihm die Krawatte. Er muß sich zu ihr hinabbeugen, damit sie das kann.
„Du darfst nicht so kitzeln!“ sagt er und kichert.
„Aber sie muß doch ordentlich sitzen“, entgegnet sie. „Es sieht scheußlich aus, wenn eine Krawatte schief sitzt. Hast du deinen Hals auch ordentlich gewaschen? Hier ist ein sauberes Taschentuch! Und komm auch nicht so spät nach Hause! Denk daran, daß du morgen schon um neun Uhr im Gericht sein mußt. Du weißt, du brauchst deinen Schlaf. Sonst bekommst du wieder diese furchtbaren Kopfschmerzen.“ Sie träufelt ein wenig Eau de Cologne auf sein sauberes Taschentuch. „Hier stehen deine Schuhe. Das Mädchen hat sie geputzt. Jetzt hättest du doch beinahe vergessen, sie anzuziehen, und wärst in Hausschuhen losgegangen. Hast du den Haustürschlüssel? Steckt er auch nicht in der anderen Hose? – Also dann, auf Wiedersehen, mein Junge. Amüsier dich gut. Und paß schön auf dich auf!“
6. Kapitel
Eine Schar junger Mädchen fährt auf Rädern die Landstraße entlang. Sie tragen alle die gleichen gelben Blusen und grünen Halstücher. Sie sind rank und schlank und unbefangen und singen beim Fahren: „Frank und frei, Jugend voran!“
Das ist die J. A. der Gemeinde. Ein neugegründeter Verband, der, falls die Rechnung aufgeht, im Laufe der Zeit zu einem ernsthaften Konkurrenten des Sportvereins werden soll.
„J. A. – welch herrlichen Klang hat doch dieser Name!“ schreibt Pfarrer Nørregaard-Olsen in der Kirchenzeitung. J. A., das bedeutet Jugendabteilung. Das sind junge Mädchen, die zum Konfirmandenunterricht gehen und nur schlecht nein sagen können, wenn der Pfarrer darauf dringt, daß sie dort Mitglied werden. Die gelbe Uniform kostet acht Kronen. Das ist für einen Landarbeiter oder Häusler viel Geld. Die Eltern der J. A.-Mädchen sind über diesen Verband nicht gerade begeistert. Es kommt vor, daß manche die teure Uniform nicht bezahlen wollen und auch nicht damit einverstanden sind, daß ihre Tochter dort eintritt.
Doch dann sucht die Pfarrersfrau sie auf und redet ihnen ins Gewissen und gibt sich schlicht und einfach.
„Natürlich ist das freiwillig. Aber wenn Anna sich nun einmal damit einverstanden erklärt hat und sich auch schon hat eintragen lassen, dann kann sie jetzt doch wirklich nicht kommen und ihr Wort brechen. Ein Wort ist schließlich ein Wort. Und acht Kronen sind wahrhaftig nicht zuviel. Wenn nicht anders, können sie ja auch ratenweise bezahlt werden.“
Es ist gar nicht so einfach, sich gegen die Pfarrersfrau, die so freundlich und geradezu ist, zu behaupten. Ihr Schwager ist Eigentümer des Sportgeschäfts, das die J. A.-Uniformen herstellt. Und ihr ist wohl auch an einem guten Umsatz gelegen.
Die J. A. hat in der Kirchenzeitung eine eigene Rubrik, wo mitgeteilt wird, wann Treffen, Nähzirkel, Basare, Ausflüge, Sommerlager und Zusammenkünfte mit J. A.-Kaffee und J. A.-Kringel im herrlichen alten Garten des Pfarrhofs stattfinden. Die Eltern werden aufgefordert, den J. A.-Mitgliedern ein paar Kaffeebohnen und selbstgebackenen Kuchen mitzugeben. Davon bleibt immer etwas übrig, was dann dem Pfarrhaushalt zugute kommt.
„Und deshalb bitten wir Gott, daß er unsere Zusammenkunft segne.“
Mit dem neuen Pfarrer hat ein neuer Geist in der Gemeinde Einzug gehalten. Er ist voller Initiative und Rührigkeit. Am Sonntag werden die J. A.-Mitglieder in einer der drei Kirchen des Pfarrsprengels einen Aufmarsch veranstalten. Es ist ein prächtiger Anblick, wenn die Jugend frank und forsch in das Gotteshaus einmarschiert, um Seite an Seite mit den älteren Kirchgängern die Predigt anzuhören. Zwar ist noch gegen eine gewisse Lustlosigkeit zu Felde zu ziehen, gegen Gleichgültigkeit und Unverständnis, ja sogar gegen Widerwillen, aber das wird schon alles überwunden werden. Denn die Großen der Kirchgemeinde unterstützen den Pfarrer und seine Unternehmungen. Die Gutsbesitzer und Großbauern haben bis zu zehn Kronen zur Stützung der Kirchenzeitung gespendet und öffnen Pfarrer Nørregaard-Olsen ihr Heim.
Und der Geistliche ist selbst ein gastfreier Mann. Der große Pfarrhof bietet genügend Platz für Geselligkeiten. Und man kann es sich auch leisten. Die Frau des Pfarrers hat Geld mit in die Ehe gebracht. Man kann also standesgemäß leben.
Die J. A.-Mitglieder, die sich im Garten des Pfarrhofes versammeln und hier bei gemeinschaftlichem Gesang und Gebet und lustigen Gesellschaftsspielen gemütliche Stunden verbringen, und die Damen des Nähzirkels, die sich in den geräumigen Zimmern zu Andacht, Kaffee und mitgebrachtem Kuchen treffen, sind nicht die einzigen Gäste. Es finden auch kultiviertere Gesellschaften statt. Große Festessen, zu denen die Spitzen der Gesellschaft dieser Gegend in ihren blitzenden Autos vorfahren. Mit auserlesenen Gerichten, wohltemperiertem Rotwein, altem Sherry, guten Zigarren und gepflegter Unterhaltung.
Pfarrer Nørregaard-Olsen ist ein Geistlicher der neuen Zeit. Nicht so einer mit langer, sauer riechender Pfeife, Käppchen und salbungsvollen Reden. Er ist ein schlanker, durchtrainierter Mann. Ein Mann mit Organisationstalent und modernem Unternehmungsgeist.
Im Pfarrhaus gibt es schöne Möbel und vorzügliche sanitäre Einrichtungen. Alles verrät einen gediegenen Geschmack. Das Stubenmädchen trägt ein schwarzes Kleid und ein weißes Häubchen und Schürzchen. Es herrscht ein kühler, gebildeter Ton, der jede plebejische Zudringlichkeit auf Abstand hält.
Pfarrer Nørregaard-Olsen ist dreiundvierzig Jahre alt.
„Eigentlich müßte man seine gute alte Studentenmütze aufsetzen, wenn man heute abend in die Stadt fährt“, sagt er. Und er holt die Mütze von ihrem Platz oben auf dem Bücherschrank. Er trägt sie auch manchmal hier draußen auf dem Lande, wenn er spazierengeht oder mit dem Fahrrad einen Ausflug in die Natur unternimmt. Das sieht fesch und jugendlich aus. Und er ist ja auch noch ein junger Mann. Und zudem noch ein Sportler. Ein Pfarrer braucht doch wahrhaftig kein Trauerkloß zu sein.
Er setzt die Studentenmütze auf und singt mit hoher, klarer Stimme, daß man es in den zahlreichen Räumen des Pfarrhofes hört: „Im Schloß der Gedanken wohnt froh der Student, tralalalala …“
„Aber sie ist ja ganz verstaubt, sie muß erst ordentlich abgebürstet werden, bevor du sie aufsetzen kannst“, sagt die Pfarrersfrau und klingelt nach dem Stubenmädchen.
Und der Pfarrer singt: „Den Burschenhut bedeckt der Staub, domdomdomdomdomme – O Jerum, jerum, jerum, o quae mutatio rerum!“
Die gnädige Frau lacht. „Du bist ja völlig aus dem Häuschen!“
Die Kinder lachen auch, und der Vater singt weiter. „Doch warst du wirklich ein Student …,“
„Ja, du siehst wirklich noch aus wie ein Student“, stellt die gnädige Frau fest.
„Das will ich auch gehofft haben“, sagt ihr Mann. „Ach, es tut gut, die alten Burschen einmal wiederzusehen! So richtig herzerwärmend gut!“
Und er zieht seinen Gesellschaftsanzug und die Lackschuhe an, sucht sich im Garten eine Rose aus und steckt sie sich ins Knopfloch. Und singend startet er das Auto, um von seiner abgeschiedenen Landgemeinde zu dem Treffen in Kopenhagen zu fahren.
7. Kapitel
Im Frühstücksraum der Universität in der Studiestræde saß ein Mann mit Namen Mikael Mogensen.
Er saß dort schon seit fünfundzwanzig Jahren. Er hatte seinen Stammplatz in der Ecke am Büfett, wo der eingeschenkte Kaffee ausgegeben wurde. Durch das Fenster zur St. Pedersstræde konnte er die Zeiger der Kirchturmuhr verfolgen und so feststellen, daß draußen in der Welt die Zeit verging.
Wechselnde Generationen von Studenten verzehrten im Frühstücksraum ihre Butterbrote und tranken Kaffee dazu. Sie betrachteten Mikael Mogensen mit einer gewissen Ehrerbietung und respektierten seinen Eckplatz. Und die Studenten machten ihr Staatsexamen, und neue Jahrgänge erschienen und aßen Butterbrote und tranken Kaffee. Und keiner von ihnen konnte sich den Frühstücksraum ohne Mikael Mogensen vorstellen. The grand old man dieses Raumes. Vielleicht hatte er einmal irgend etwas studiert. Meistens lagen ein paar Bücher vor ihm. Doch in einer Vorlesung war er noch nie gesehen worden. Er hatte langes, ungepflegtes Haar, einen langen Vollbart und trug eine kleine altmodische Brille mit Metallgestell. Ruhe und Würde lagen über seiner Person.
Jeden Herbst kamen neue Studenten, und alte verschwanden. Jahrgang folgte auf Jahrgang. Die Gäste des Frühstücksraums veränderten ihr Aussehen.
Mikael Mogensen aber saß auf seinem anerkannten Platz in der Ecke beim Fenster. Unverändert und zeitlos. Und er trank Kaffee und verfolgte die Zeiger der Kirchturmuhr.
Die Nacht verbrachte er sicherlich irgendwo anders, aber sein eigentliches Zuhause war der Frühstücksraum, und wollte ihn jemand sprechen, dann mußte er ihn hier aufsuchen.
Und eben jetzt wollte man ihn sprechen. Zwei Herren mit Aktentasche, Mitglieder eines Komitees, erschienen eines Tages im Frühstücksraum und näherten sich Mikael Mogensens Ecke.
„Dieser Tisch ist besetzt, meine Herren“, sagte Mogensen. „Man legt Wert darauf, seinen Kaffee ungestört zu trinken und von der Unterhaltung und dem eventuellen Schmatzen fremder Leute verschont zu bleiben.“
„Aber wir sind keine Fremden. Erkennst du uns denn nicht, Mogensen?“
Er betrachtete sie kurzsichtig durch seine kleinen, in Blech gefaßten Brillengläser.
„Ich glaube nicht, das Vergnügen gehabt zu haben. Ich erinnere mich auch nicht, mit den Herren Brüderschaft getrunken zu haben, und würde es deshalb vorziehen, sofern diese Unterhaltung unbedingt weitergeführt werden muß, daß die unter gebildeten Menschen übliche Pluralisform der Anrede benutzt wird.“
Die Herren lachten. „Du bist immer noch der alte. Ein richtiges Unikum. Erkennst du uns wirklich nicht? Das ist Horn – Harald Horn –, und ich bin Knud Jørgensen.“
„Ach so. Dann muß man Sie wohl bitten, Platz zu nehmen“, erwiderte Mogensen. „Die Herren sind gar nicht so leicht wiederzuerkennen. Man hat sich einen Bauch zugelegt, Jørgensen. Und dem Literaten sind die Haare ausgefallen. Man liest mitunter im ,Morgenbladet‘ Ihre literarischen Absonderungen, Horn. Ziemlich mittelmäßig geschrieben. Aufsatzstil eines Musterschülers. Aber strebsam. Sehr strebsam.“
Die Herren lachten. Harald Horn ein bißchen gezwungen und mit rotem Kopf.
„Und womit beschäftigt sich Jørgensen? In Anbetracht der Entwicklung seines Bauches scheint es nichts Anstrengendes zu sein.“
„Ich administriere den Staat“, antwortete Jørgensen. „Ich bin, in aller Bescheidenheit, Ministerialrat im Innenministerium.“
„Das ist sicher eine Arbeit, für die deine Fähigkeiten ausreichen. Im Gegensatz zu Horns Gewerbe. Man las ein bißchen in seiner Doktorarbeit über die Adverbien in Holbergs Episteln. Ein interessantes Thema. Lebenswichtig und bedeutungsvoll.“
„Es kann schon von einer gewissen Bedeutung sein, wenn man auf diesem Wege dazu beiträgt, Holbergs Dänentum zu beweisen“, rechtfertigte sich Horn.
„Selbstverständlich. Laßt uns um Gottes willen Holbergs adverbiales Dänentum bis zum letzten Blutstropfen verteidigen! Literaturgeschichte ist sicherlich am besten, wenn sie national ist. Und ein nationaler Literat zu sein macht sich wohl auch besser bezahlt als Ministerialrat?“
„Bestimmt“, pflichtete ihm Jørgensen bei.
„Darf der Literat eine Tasse Kaffee oder ein Bier ausgeben?“ erkundigte sich Horn versöhnlich.
„Für mich bitte Kaffee.“
„Auch belegte Brote?“
„Ich ziehe Gebäck vor. Am liebsten eine sogenannte Medaille. Das sind diese runden Törtchen mit Cremefüllung und einem viereckigen Stück Konfitüre obendrauf. Sie werden übrigens auch immer kleiner.“
„Weißt du eigentlich, Mogensen, daß du nun schon seit fünfundzwanzig Jahren hier auf deinem Stuhl sitzt?“ fragte der Ministerialrat.
„Gewiß, das weiß man sehr wohl“ – und Mogensen blickte zur Uhr der St.-Petri-Kirche hinauf, die für ihn in all den Jahren die Zeit gemessen hatte. Er rechnete damit, noch mindestens weitere fünfundzwanzig Jahre hier zu sitzen. Er konnte nicht wissen, daß er vier Jahre später auf merkwürdige und unheimliche Weise sterben sollte. Aber das ist eine andere Geschichte.
„Du hast also in diesem Jahr Jubiläum“, fuhr Jørgensen fort. „Und insofern haben wir alle Jubiläum. Siehst du, und das ist auch der Grund, weshalb wir gekommen sind – um mit dir darüber zu reden. Wir möchten gern den fünfundzwanzigsten Jahrestag unseres Abiturs festlich begehen. Und wenn du nicht dabei wärst, würde es ja langweilig sein.“
„Man hält sein Abitur nicht für so wertvoll, daß es Anlaß zu einer Jubelfeier wäre. Und die Erinnerungen an die Schulzeit sind alles andere als angenehm.“
„Na, na, dieses Examen hat dir schließlich Zutritt zum Frühstücksraum verschafft. Außerdem könnte es doch auch ganz nett sein, die anderen aus der Klasse einmal wiederzusehen und zu erfahren, was aus ihnen geworden ist.“
„Zu erfahren, was aus ihnen geworden ist, wird ganz gewiß außerordentlich betrüblich sein.“
„Laß nun gut sein, Mogensen. Wir möchten gern, daß du dabei bist, wenn wir feiern. Und dann hast du auch eine ausgezeichnete Gelegenheit, deine giftigen Bemerkungen anzubringen.“
Mogensen bohrte den Teelöffel in die Medaille und kostete nachdenklich von dem viereckigen Stück Konfitüre.
„Man hat übrigens nicht das Geld, um es für einen solch törichten Zweck auszugeben, und man hat auch nicht die Absicht, sich wie ein Kellner auszustaffieren.“
„Ja, weißt du“, sagte Jørgensen, „natürlich gibt es einige, die … die also nicht so bemittelt sind … und deshalb haben wir auch … es ist so eine Art Fonds gestiftet worden … verstehst du … du sollst dich also als unser Gast betrachten. Du darfst das nicht als Beleidigung auffassen. Wir waren nur der Meinung … nicht wahr? … Wir sind ja alte Schulkameraden, nicht?“
„Das ist sehr nobel und mit einem Takt vorgebracht worden, der eines Ministerialbeamten würdig ist. Ihr wollt also für die Zeche der Armen aufkommen. Unglücklicherweise aber wirst du rot und windest dich förmlich vor Verlegenheit, wenn du dieses edelmütige Angebot unterbreitest.“
„Ach, laß doch das! Wir können also damit rechnen, daß du an unserer Zusammenkunft teilnimmst?“
„Man wird es sich überlegen.“
„Nein, dafür ist keine Zeit mehr. Die Gedecke müssen noch heute bestellt werden. Zum Teufel, wir wollen dich dabei haben, Mogensen! Wir können dich einfach nicht entbehren.“
„Man hat zumindest nicht die Absicht, sich Kellnergarderobe anzuziehen. Übrigens besitzt man auch gar nicht so eine Uniform. Aber vielleicht gibt es auch eine Stiftung, die für die Leihgebühren eines Fracks für die Unbemittelten aufkommt?“
„Das ließe sich gut machen. Ich wollte gerade sagen, daß in der Gothersgade ein Geschäft ist, wo man …“
„Danke. Aber man will nicht. Man ist nicht so närrisch, sich auszustaffieren. Falls man an eurem Fest teilnehmen sollte, kommt man in seinen eigenen Sachen.“
„Das ist doch völlig gleichgültig. Komm nur so, wie du bist. Hauptsache, du kommst.“
„Gut, so wird man kommen. Holt mich ab, wenn hier geschlossen wird.“
„Du wirst doch wohl selbst dorthin finden. Es ist …“
„Man interessiert sich nicht für Entdeckungsreisen.“
„Na schön, dann wirst du abgeholt.“
Und die Herren verabschiedeten sich und verließen den Frühstücksraum, während Mogensen aufstand, um sich am Büfett noch einen Kaffee zu holen.
8. Kapitel
Oberlehrer Axel Nielsen hatte mehr Grund als irgendein anderer, das Abiturjubiläum zu feiern.
Er war nun an derselben Schule angestellt, an der er sein Abitur gemacht hatte. Genau wie vor fast einem Menschenalter betrat er jeden Morgen kurz vor neun seine alte Schule. Und genau wie damals hatte er Angst, zu spät zu kommen, und auch sein Respekt vor dem Rektor war noch genausogroß.
Sein Leben war ein einziger Gang zur Schule gewesen. Nur ganz schwach konnte er sich an eine Zeit erinnern, da er nicht zur Schule gegangen war. Eine undeutliche Erinnerung an eine ferne, ferne Vergangenheit. Er spielte draußen in Nørrebro in einem Hof. Und da waren auch andere Kinder, mit denen er spielte. Damals wußte er noch nicht, daß sie nicht so fein waren wie er.
Sein Vater war ein braver Handwerksmeister, der es sich leisten konnte, seinem Sohn eine gute Bildung angedeihen zu lassen. Axels Spielgefährten waren Arbeiterkinder. Daß es zwischen ihnen einen Klassenunterschied gab, zeigte sich erst, als sie eingeschult wurden. Die Spielkameraden kamen in die Volksschule. Axel dagegen kam in eine Schule, für die Schulgeld bezahlt werden mußte. Und damit war zwischen den Kindern eine Grenze gezogen worden.
Er ging zwölf Jahre lang zur Schule. Und er war folgsam und fleißig und wurde gelobt und machte seinen Eltern Ehre. Die ersten fünf Jahre besuchte er eine Vorbereitungsschule.
Dann bestand er die schwere Aufnahmeprüfung für die höhere Schule, die sich aus vier Jahren Mittelschule und drei Jahren Gymnasium zusammensetzte. Und Axel war stets fleißig und strebsam und konnte schließlich sogar die Fleißprämie der Schule erringen.
Aber zwölf Jahre zur Schule zu gehen, das ist eine lange Zeit. Als seine gleichaltrigen Spielkameraden schon arbeiteten und auf eigenen Beinen standen, war er immer noch ein Schuljunge. Wenn sie Feierabend hatten und ein Bier trinken gingen, hatte er Schularbeiten zu machen. Wenn sie Geld verdienten, mit Mädchen ausgingen und sich verlobten, mußte er wegen einer Bemerkung nachsitzen. Wenn sie zu Generalversammlungen und politischen Veranstaltungen gingen und streikten, zitterte er wegen einer schlechten Zensur, die von Vater oder Mutter unterschrieben werden sollte. Als die anderen mit ihren Freundinnen zusammengezogen, mußte er einem Biologielehrer zuhören, der den Gymnasiasten kurz vor dem Abitur – ausgehend von der Bestäubung der Blumen – behutsam das Mysterium der Fortpflanzung erläuterte.
Und dann machte er das Abitur. Mit sehr guten Noten. An einem schönen Sommertag nach nächtlichen Paukereien und Angst und Durchfällen.
Anschließend ging er zur Universität – doch das war nur eine Fortsetzung des täglichen Gangs zur Schule. Wieder mußte er seine Aufgaben unter Aufsicht seiner guten Eltern erledigen, die sich seinetwegen aufopferten, damit er es zu etwas bringen und klüger und gebildeter werden sollte als sie.
Die Spielgefährten seiner Kindheit waren inzwischen schon verheiratete Arbeiter. Sie hatten Frau und Kind. Und ihren Kampf ums Dasein. Gewerkschaftsarbeit und Lohnkämpfe. Und sie waren politisch aktiv.
Axel durfte sonnabendabends in den Studentenverein gehen. Und sein guter Vater gab ihm zwei Kronen, damit er sich amüsieren und nach dem Vortrag vielleicht ein Glas Bier trinken oder auch ein junges Mädchen zu einem Glas Tee einladen konnte. Und zu rauchen war ihm auch erlaubt worden.
An der Universität sprach ein Professor der Medizin zu den neuen Studenten. Über Reinheit und Enthaltsamkeit. Wie man das Liebesverlangen unterdrücke, bis nach abgeschlossener Ausbildung die einzig Wahre in das Leben des Studierenden trete.
Arbeit und Sport seien vorzüglich geeignet, die Erotik niederzuhalten. Vor allem Sport. Und wenn man nachts von schlimmen Träumen und schlechten Gedanken geplagt werde, dann sei es das beste, sagte der Professor, aufzustehen und kalte Waschungen vorzunehmen.
Und jedesmal, wenn der Frühling kam und in den Parkanlagen Flieder und Goldregen blühten, kam auch wieder die Zeit der Prüfungsvorbereitung und der Prüfungsangst. Dann mußten Jahreszahlen gebüffelt werden. Wann Dichter geboren wurden und wann sie gestorben waren. Wann Werke geschrieben und wann sie veröffentlicht wurden.
Axel wäre am liebsten selbst Dichter geworden. Er hatte ganze Aufsatzhefte mit Gedichten vollgeschrieben. Heimlich, hinter dem Rücken der Eltern. Aber von der Dichtkunst kann man nicht leben. Man muß schon etwas Solideres in der Hinterhand haben.
Natürlich hätte er Dichtkunst studieren können. Literatur. Um dann Literaturwissenschaftler zu werden. Kritiker, Ästhet, das war schließlich fast ebensogut wie Dichter. Er hätte den Magister- und anschließend den Doktorgrad erwerben und wie sein Klassenkamerad Harald Horn Wissenschaftler werden können.
Doch das mußte er sich aus dem Kopf schlagen. Ein pädagogisches Studium, das zur Lehrbefähigung an höheren Schulen berechtigte, sei besser, meinten seine Eltern. Die Beamtenlaufbahn biete eine wesentlich sichere Zukunft, sagte die Verwandtschaft. Er könne ja trotzdem Dichter werden, so aber habe er wenigstens etwas Solides in der‘ Hinterhand, auf das er zurückgreifen könne. Hat man jedoch etwas Solides in der Hinterhand, macht man auch meistens Gebrauch davon.
Die höhere Lehrausbildung umfaßt drei Fächer, und er entschied sich für Dänisch, Deutsch und Geschichte, weil das immerhin einen gewissen Beigeschmack von Ästhetik und literarischer Einsicht hatte. Aber dazu gehörten auch Jahreszahlen, Zeittabellen und Grammatik. Übungen, Gedächtnistraining, Sprachgeschichte und Phonetik.
Und natürlich auch Literatur. Er las Liebesgedichte mit Fußnoten, Kommentaren, Anmerkungen und Worterklärungen. Er kannte Zahl und Namen von Goethes Liebschaften. Er hörte Vorlesungen über Sturm und Drang und über Romantik. Und er wußte über die Frauen Heinrichs VIII. und die Geliebten Christians IV. Bescheid.
Und während der Vorlesungen blickte er sehnsuchtsvoll zu einer Studentin hinüber, die ihm gefiel und die im Laufe der Zeit auch einmal die höhere Lehrbefähigung erhalten würde.
Und als die Zeit erfüllet war, bestand er sein Examen. In seinem Elternhaus auf Nørrebro feierte man ein Fest, und die ganze Verwandtschaft schickte Blumen und Glückwunschtelegramme.
Schließlich war nur noch eine einzige Prüfung zu bewältigen, das Pädagogikum. Damit war seine Ausbildung abgeschlossen. Nun war er reif und lebenserfahren genug, um neue Generationen zu erziehen und eine neue Jugend durch die lange Reihe der Examen zu führen.
Und endlich war auch die Zeit heran, da er eine Anstellung erhielt, Gehalt bekam und ein selbständiges Leben führen durfte. Nun konnte er einen Teil der Schuld an die guten Eltern zurückerstatten, die seinetwegen so viele Opfer gebracht hatten.
Und dann ging er abermals zur Schule, wieder in die alte, jetzt jedoch als Oberlehrer.
Damit war er auch in der Lage, die einzig Wahre zu heiraten. Die Pädagogin mit höherer Lehrbefähigung, die er in all den Jahren aus der Ferne geliebt hatte und die nun die gleiche Reife und Lebenserfahrung besaß wie er. Und nach einigen weiteren Jahren war es dann schließlich soweit, daß sie ein Kind erwartete und somit den Gedanken aufgeben mußte, weiter zu unterrichten und von ihrem Examen Gebrauch zu machen.
Er aber ging auch weiterhin zur Schule.
Nun war er dreiundvierzig Jahre alt. Und er freute sich aufrichtig, die alten Schulkameraden wiederzusehen, mit denen ihn so viele gemeinsame Erinnerungen verbanden.
9. Kapitel
Ein Polizeidirektor fuhr von Skjern in Westjütland nach Kopenhagen, um an der Jubiläumsfeier teilzunehmen. Ein nervöser und aufbrausender Mann, der im Zug fortwährend Zusammenstöße und Streitigkeiten mit den Mitreisenden hatte.
Vielleicht hatte er in seinem abgelegenen Polizeibezirk vor Langeweile schon fast den Verstand verloren. Vielleicht war er aber auch tatsächlich Alkoholiker, wie man in Skjern von ihm behauptete. Jedenfalls wollte er bei dem Fest dabeisein. Er wollte seine Schulkameraden wiedersehen, die ihm in all den Jahren so sehr gefehlt hatten.
Dies war eine Feier für Männer. Eine Feier, an der seine Frau nicht teilnehmen konnte. Ach ja, seine Frau. Seine Ehe. Sie bot den Einwohnern von Skjern immer wieder Gesprächsstoff. Sie war eine Tragödie und eine Komödie zugleich.
„Hyänen muß man ertragen können!“ pflegte er zu sagen, wenn er in der „Harmonie“ saß und mit dem Stationsvorsteher, dem Postmeister und dem Arzt Karten spielte und Grog trank.
Auf der Fahrt über den Großen Belt wurde er in einen heftigen Streit verwickelt. Es ging um einen Platz an einem der Tische an Deck der Fähre.
„Dieser Stuhl ist besetzt“, sagte ein Handelsreisender. „Da liegt mein Mantel, und da steht auch meine Tasche.“
„Das interessiert mich nicht im geringsten“, entgegnete der Polizeidirektor. „Die Tasche steht auf dem Fußboden, und der Mantel ist durchaus kein überzeugender Beweis dafür, daß der Platz besetzt ist.“
„Aber ich sage Ihnen ja, daß der Platz besetzt ist“, ereiferte sich der Handelsreisende.
„So, das sagen Sie mir? Ach, seien Sie doch so freundlich, Ihre Erläuterungen für sich zu behalten! Was bilden Sie sich denn ein, guter Mann!“
„Ich bin nicht Ihr guter Mann!“ schrie der Handelsreisende. „Dies ist mein Platz. Stehen Sie augenblicklich auf!“
„Was, Sie drohen mit? Sie drohen mir? Sie drohen mir? Sie sollen mich gleich kennenlernen, Sie Lümmel!“
„Wen bezeichnen Sie hier als Lümmel? Sie Flegel! Verschwinden Sie!“
„Soso, Beleidigungen! Beschimpfungen! Gewaltandrohungen! Unverschämter Kerl, Sie!“
Der Polizeichef griff nach seinem Stock und schwang ihn wild durch die Luft. „Bürschchen, ich werde dich Mores lehren!“
„Manche Leute wissen einfach nicht, wie man sich auf einer Fähre zu benehmen hat!“ entrüstete sich eine Dame.
Um die Streithähne hatte sich ein Auflauf gebildet. Ein hochaufgeschossener, schlanker Herr rief dem Polizeidirektor beschwichtigend zu: „Aber Rold! Rold! Bist du denn von allen guten Geistern verlassen? Komm doch her!“ Und er drängte sich durch die Menschenmenge und ging auf den tobenden Mann zu. „Sei bloß mit dem Stock etwas vorsichtiger! Hör zu, Rold! Alter Freund, hör endlich zu! Erkennst du mich denn nicht?“
Schließlich gelang es ihm, den sich sträubenden und protestierenden Polizeidirektor vom Kampfplatz fortzuziehen.
„Großartig! Wirklich großartig! Und so etwas soll man sich nun bieten lassen!“ schrie ihnen der Handelsreisende erbost nach.
„Pack!“ zischte ihm der Polizeichef auf dem Rückzug zu.
„Komm, laß uns in den Rauchsalon gehen“, schlug der hochgewachsene Herr vor. „Nun beruhige dich endlich. Wie konntest du dich bloß so erregen?“
„Ich war überhaupt nicht erregt!“ widersprach Rold. „Ich war die ganze Zeit über völlig ruhig. Seelenruhig. Aber anpöbeln darf man mich nicht. Ich laß mir von diesem Gesindel doch nicht alles bieten!“
„Setz dich hierher auf das Sofa. Dieser Platz ist viel schöner. Und wie steht es sonst?“
„Pu ha – ja – zuerst einmal guten Tag. Guten Tag, Hernild. Es ist eine wahre Wohltat, auf dieser Pöbelfähre einen anständigen Menschen zu treffen. Ja, das sind die Segnungen der Demokratie! Man muß sich damit abfinden, belästigt zu werden und sich von allem möglichen Ausschuß anschnauzen zu lassen.“
„Wie geht es dir sonst? Wie sieht es in Skjern aus? Du bist doch bestimmt auch unterwegs zu unserem Fest?“ „Ja, ich will zum Fest. Natürlich. Ich freue mich darauf, wieder einmal gebildete Menschen zu sehen. Pu ha – ja – wie soll es schon in Skjern aussehen? Ja, dort geht alles seinen geregelten Gang.“
„Und deine Frau? Wie geht es ihr?“
„Meiner Frau geht es ausgezeichnet. Ganz ausgezeichnet. Sie ist immer zufrieden. Wirklich eine prächtige Frau, sage ich dir. Eine prächtige Frau … Und du bist noch immer Junggeselle?“
„Ja, ich bin noch Junggeselle. Mit dreiundvierzig Jahren. Ach ja, so ist das.“
„Immer noch in Holstebro?“
„Ja, ja. In Holstebro am Storå.“
„Amtsrichter, nicht wahr?“
„Ja.“
„Viel Arbeit?“
„Hin und wieder ein paar Pfändungen. Eine sehr gemütliche Arbeit. In Holstebro sind die Leute friedlich.“
Die beiden Schulkameraden bestellten Kaffee.
„Und dazu einen Kognak, nicht wahr?“ sagte der Polizeidirektor.
„Nein, danke, ich trinke nie Kognak“, wehrte der Amtsrichter ab. „Ich mag lieber Buttercremeschnitten. Hier an Bord sind die Buttercremeschnitten ganz vorzüglich.“
„Siehst du manchmal einen von der alten Garde, Hernild?“
„Sehr selten. Holstebro liegt ja etwas abseits, auch wenn wir dort mit der Zeit jetzt recht gut Schritt halten. Aber wenn ich in Kopenhagen bin, besuche ich oft Amsteds.“
„Amsted, wohin hat es den eigentlich verschlagen? Er war doch auch Jurist.“
„Ja, er ist Regierungsrat im Kriegsministerium. In der XIV. Abteilung. Ich bin mit seiner Frau weitläufig verwandt. Sie ist eine geborene Masen. Und ihr Onkel, General Masen, ist ein Halbvetter meines Onkels Brackberg – von Brackberg. Das ist der, dem das Rittergut Munkedal in Südjütland gehörte. Er war übrigens ein großartiger Mann. Sein Vater war Amtmann, und dessen Vater wiederum war Chef des holsteinischen Kürassierregiments. Der Großvater wurde von Friedrich V. geadelt.“
Hernild erzählte und aß dabei Buttercremeschnitten. Und Polizeidirektor Rold probierte den Kognak der Fähre. Allmählich verbesserte sich seine Laune, und schließlich fühlte er sich sogar recht wohl.
10. Kapitel
„Ja, du hattest dich nach meiner Frau erkundigt“, sagte Rold. „Ihr geht es insofern auch ganz gut. Im Grunde genommen ist sie eine prächtige Frau. Und die Leute in Skjern glauben natürlich, daß mit ihr alles zum besten steht. Aber ganz so rosig sieht es nun doch nicht aus. Sie ist krank. Sogar sehr krank. Es ist einfach schlimm.“
„Was fehlt ihr denn?“
„Es muß etwas mit den Nerven sein oder sonst irgendwas. Weiß der Teufel. Unter uns: Sie ist total verrückt. Es ist einfach furchtbar. Nicht zum Aushalten.
Es fing damit an, daß sie fromm wurde. Weißt du, gegen Frömmigkeit habe ich natürlich nichts. Ganz und gar nicht. Im Gegenteil. Ich bin immer der Auffassung gewesen, daß keine Gesellschaft ohne Religion existieren kann. Denn nur auf der Grundlage des Christentums läßt sich eine Moral aufbauen. Aber meine Frau übertrieb es mit der Frömmigkeit. Sie ging abends ins Missionshaus ,Bethel‘ und verfiel noch auf etliche Sachen. Sie konnte plötzlich auf die Idee kommen, zu beten, laut zu schreien und ihre Sünden zu bekennen. Weiß der Kuckuck, es war richtig unheimlich. So etwas ist doch nichts für den Hausgebrauch! Und dann ging sie mit einemmal in sich und wollte nur noch in Reinheit und Keuchheit leben und all dies Gewäsch. Sie weigerte sich, mit mir zu schlafen, und verriegelte ihre Tür. Und das geht doch nun wirklich zu weit.
Mit der Zeit wurde es immer schlimmer. Sie verlegte sich auf Geisterbeschwörung und wurde Spiritist. Dann gewöhnte sie sich auch noch das Likörtrinken an. Man konnte es zu Hause einfach nicht mehr aushalten. Die Möbel machten sich schon selbständig.“
„Die Möbel?“
„Ja, wirklich. Sie ließen die Tische tanzen und veranstalteten noch mehr solchen Zirkus. Die Tische wanderten durch die Wohnung. Es war unerträglich!
Da sprach ich mit Robert Riege, du kennst ihn ja, dieser Arzt, mit dem wir zur Schule gegangen sind.“
„Aber der ist doch gar kein Arzt. Er hat es nie bis zum Doktor gebracht. Er fiel schon gleich zu Anfang durch.“
„Ja, ich weiß, ich weiß. Doch er hat dann später irgendwo in Deutschland seinen Doktor gemacht. Zuerst war er Masseur. Dann wurde er Chiropraktiker. Und als das mit der Psychoanalyse aufkam, verlegte er sich darauf.“
„Uff!“
„Ja, uff, das kannst du laut sagen. Bist du über die Psychoanalyse einigermaßen im Bilde?“
„Ich habe ein paar Zeitschriften gesehen, die diese Leute herausgeben. Wir hatten welche in der Gerichtskanzlei. Sie wurden am Kiosk beschlagnahmt. Wirklich starker Tobak. Sehr starker Tobak. Das läßt sich schlecht wiedergeben.“
„Aber Riege meinte, das würde helfen. Sie habe Komplexe, sagte er, und sei gehemmt. Und dann begann er sie zu analysieren. Das mußte hinter verschlossenen Türen vor sich gehen. Selbst mir durfte sie nicht erzählen, was sie dort trieben und worüber sie sprachen. Es mußte alles äußerst geheimnisvoll ablaufen. Aber dafür bezahlen, das durfte ich. Und, verdammt noch mal, es war nicht gerade billig!“
„Ja, so etwas ist bestimmt sehr teuer.“
„Darauf kannst du dich verlassen. Riege ist ein ganz Gerissener. Der hat keine Hemmungen.“
„Hast du nie in Erfahrung bringen können, was sie denn so anstellten, wenn er sie analysierte?“
„Nein, niemals. Und das wäre mir auch verflucht egal, wenn es wenigstens geholfen hätte.“
„Hat es denn nicht geholfen?“
„Nicht die Spur. Es wurde eher noch schlimmer.“
„Vielleicht liegt es daran, daß Ihr keine Kinder habt. Möglicherweise fehlt ihr ein Kind. Vielen Frauen bekommt ein Kind sehr gut.“
„Das habe ich Riege auch gesagt. Aber er erklärte mir, daß sie kein Kind wolle. Und damit habe sie ganz recht, behauptet er. Ein Kind würde sie nur in ihrer individuellen Entwicklung hemmen.“
„Seltsam.“
„Ja, das ist sehr seltsam.“
„Hat Riege sie zumindest dazu bringen können, daß sie mit dem Likörtrinken aufhört?“
„Aufhört? Riege sagt, solange man auf etwas Lust hat, darf man nie aufhören. Sie darf also ganz einfach nicht damit aufhören. Im Gegenteil, sie muß weitermachen. Sie muß ihren Trieben völlig freien Lauf lassen. Um gar keinen Preis darf sie gehemmt werden! Und deshalb bleibt sie bis in den hellen Vormittag hinein im Bett liegen und trinkt lila Bols.“
„Das ist ja entsetzlich! Hast du diesen Riege nicht rausgeworfen?“
„Nein, nein. Das geht nicht. Wenn die Behandlung abgebrochen wird, würde sie den Verstand verlieren, sagt er. O ja, er ist gerissen.
Und dann redet er ihr alles mögliche ein. Er hat ihr bewiesen, daß ich ein Sadist bin. Und nun rennt sie in der Stadt herum und erzählt allen: ,Mein Mann ist ein Sadist. Sie können vielleicht verstehen, daß es nicht gerade ein Spaß ist, mit ihm verheiratet zu sein.‘“
„Mein Gott! Wäre es da nicht besser, ihr würdet euch scheiden lassen?“
„Nein. Das ist völlig ausgeschlossen. Eine Scheidung ist in Skjern ein unerhörter Skandal. Denk an meine Stellung. Ich muß auf meinen Ruf achten. Wir würden ins Gerede kommen. Ein Polizeidirektor kann nicht geschieden sein. Ich wäre dann in meiner Position unmöglich. Und übrigens bin ich ein prinzipieller Gegner von Scheidungen. Das führt nur zu Verantwortungslosigkeit und moralischer Zügellosigkeit. Nein, Hyänen muß man ertragen können!“
„Aber das wird doch einmal ein Ende haben? Wie lange mag denn so eine Analyse dauern?“
„Analyse? Davon ist jetzt überhaupt nicht mehr die Rede. Nun sind sie auf etwas ganz Neues verfallen, auf die sogenannte vegetative Therapie. Das hat etwas damit zu tun, daß man sich entspannt und niemals etwas tut, wozu man keine Lust hat. Man bekommt Hemmungen, wenn man sich selbst Zwang antut. Schon die geringste Selbstbeherrschung richtet einen nicht wiedergutzumachenden Schaden an. Und das ist natürlich für meine Frau gerade das richtige! Sich nicht beherrschen müssen! Wenn man zum Beispiel Mayonnaise mag, dann soll man auch Mayonnaise essen. Denn man soll sich ja seinen Trieben völlig hingeben, predigt Riege. Sich bloß nicht beherrschen!
Unser Hausarzt hat festgestellt, daß meine Frau zu dick wird. Er hat ihr geraten, sich beim Essen etwas zu mäßigen. ,Sich mäßigen?‘ sagt Riege, ,das ist ja das allerschlimmste. Man darf sich niemals Zurückhaltung auferlegen.‘ Und deshalb schickt sie nun, wenn sie auf Mayonnaise Appetit hat, das Mädchen los und läßt sich ein halbes Pfund holen, und dann liegt sie im Bett und stopft das Zeug in sich hinein, futtert es direkt aus dem Papier und wird dabei mit jedem Tag fetter. Sie zum Aufstehen zu bewegen ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Sie liegt im Bett und entspannt sich. Sie war schon immer ziemlich träge, aber jetzt ist sie völlig unbeweglich und ungehemmt. Wir müssen zwei Mädchen haben, die sie bedienen. Und die beiden haben, weiß Gott, keine Zeit zum Entspannen. Die haben den ganzen Tag über stramm zu tun. Ein teures Vergnügen. Ein sehr teures.“
„Furchtbar! Und Riege läßt sich seine Behandlung wohl auch gut bezahlen?“
„Ja, das kannst du mir glauben! Ich mag gar nicht sagen, was er bekommt. Und obendrein noch die Reisekosten …“
„Kommt er denn von Kopenhagen zu euch?“
„Nein, er wohnt in Århus. Da hat er eine vegetative Klinik. Und von dort aus unternimmt er seine Reisen. Also muß man auch noch die Kosten für Benzin und so weiter bezahlen.“
„Das ist ja ein starkes Stück!“
„Mich wollte er auch von meinen Hemmungen befreien. Wenn wir uns beide behandeln ließen, sagt er, bekämen wir Rabatt. Aber davor soll mich der Himmel bewahren! Ich kann meine Hemmungen einfach nicht entbehren. Uff, ich hab direkt Angst vor ihm. Was er sich auch vornimmt, er findet bei allem die merkwürdigsten Sachen heraus. Und alles sei nur pure Liederlichkeit. Die normalsten Dinge haben für ihn eine liederliche Bedeutung.“
„Ich halte das alles für Unsinn.“
„Das mag ja sein. Aber es ist schlimm genug. Denn es ist nicht gerade ein Vergnügen, wenn die Frau den ganzen Tag über im Bett liegt. Und sich mit Mayonnaise vollstopft und dazu Likör trinkt.“
„Trinkt sie denn richtiggehend?“
„Ja, sie trinkt lila Bols – und ißt Mayonnaise dazu. Für die ist Likör bloß süßes Zeug. Daß er auch Prozente hat, will sie nicht wahrhaben. Und man dürfe ihr nicht widersprechen, sagt Riege. Sie braucht den Likör als Ersatz für Erotik.“
„Wirklich sonderbar.“
„Für mich ist das zumindest sehr unangenehm. – Und dann die Schlafzimmertür, die sie immer und ewig verschlossen hält. Das ist für mich sehr schwer. In Skjern gibt es ja nicht so gewisse Damen. Deshalb muß ich ab und zu bis nach Aalborg fahren. Aber das geht auch ins Geld. Und wenn man eine Frau hat, ist das schließlich ja nicht der Sinn der Sache. Wie kommst du denn damit so in Holstebro zurecht?“
Der Amtsrichter bekam einen roten Kopf.
„Ich, hm – in dieser Beziehung ist mein Bedarf nicht gerade übermäßig groß. Ich bin ja Junggeselle. Und das ist wohl mehr eine Sache der Gewohnheit.“
„Es ist eine wahre Wohltat, darüber mal zu reden“, sagte der Polizeidirektor. „Gut, daß man sich bei einem alten Freund aussprechen kann. Zum Wohl, Alter! Du mußt uns mal in Skjern besuchen. Das ist wirklich ein hübsches Städtchen. Die neue Anlage ist recht schmuck geworden. Und meine Frau würde sich bestimmt freuen, dich kennenzulernen.“
„Vielen Dank für die Einladung.“
Die Fähre näherte sich Korsør. Man nahm vor der Gangway Aufstellung. Denn nun galt es, im Zug einen guten Platz zu erwischen.
„He! He! Sie dahinten! Drängeln Sie nicht so! Das ist doch die Höhe! Ein Skandal!“ ereiferte sich der Polizeidirektor.
11. Kapitel
In dem in Hellrot gehaltenen Lokal warteten die Herren, daß das Festessen beginnen sollte. Sie lachten, tauschten alte Erinnerungen aus und strichen die Asche ihrer Zigarren an künstlerischen Keramikgebilden ab, auf deren Boden biblische Gestalten abgebildet waren.
Neunzehn Herren waren erschienen. Das war eine ganze Menge. Mehr als erwartet.
Wer fehlte denn eigentlich?
Der Dicke ist nicht da. Dygesen. Der Klasse dicker Knabe, wie ihn Studienrat Blomme so spaßig zu nennen pflegte. „O feister Crassus! Habe die Güte, uns die Lektion zu übersetzen!“ Sie können allesamt Studienrat Blommes Stimme nachahmen. Dabei ist Studienrat Blomme seit vielen Jahren tot. Gestorben an einem vergifteten Bonbon. Auf niederträchtige und abstoßende Weise ermordet. Und der dicke Dygesen ist im Osten. Irgendwo auf der anderen Seite des Erdballs herrscht er über Scharen von Kulis. Sein Fernbleiben ist also entschuldigt. Er hat es nie zu einem Staatsexamen gebracht. Er wandte sich dem praktischen Leben zu und wurde Geschäftsmann. Und dort drüben in der Hitze soll er ganz mager geworden sein.
Auch Hurrycane ist nicht erschienen. Ach ja, Hurrycane. Ursprünglich hieß er Hansen, dann nahm die Familie jedoch den Namen Hurrycane an. Darunter machte man es nicht. Und daß Hurrycane nicht gekommen ist, dazu läßt sich nichts sagen. Dort, wo er nun sitzt, sind eiserne Gitterstäbe vor dem Fenster. Die Einladung wird wohl kaum zu ihm gelangt sein.
Über Hurrycane spricht man nicht laut. Er ist ein Schandfleck für den Jahrgang. „Da war irgend etwas mit Betrug, nicht wahr?“ flüstert man. „Ja, und er hatte sowieso schon Bewährung“, kann Richter Ellerstrøm mitteilen. Das mit Hurrycane ist eine peinliche Geschichte. Er paßte eigentlich nie so recht zu ihnen. Er stand sich auch mit keinem aus der Klasse besonders gut. Immer war er derjenige, der von den anderen gehänselt wurde. So einen gibt es in jeder Klasse. Selbst wenn Hurrycane auf freiem Fuß gewesen wäre, würde es gar nicht einmal so sicher sein, daß er mit seinen Plagegeistern das Jubiläumsfest hätte feiern wollen.
„Ein paar von uns sind wohl schon tot? erkundigt sich Chefarzt Thorsen.
Nur einer ist gestorben. Aage Mørdrup, der wilde Mørdrup, der immer so wütend und ungebärdig wurde. „Ein übles Element“, nannte ihn der Rektor stets. Doch Mørdrup war eigentlich ganz in Ordnung. Und die Ärzte fachsimpeln über seine mögliche Todesursache.
„Es ist erstaunlich, daß sich nur einer von uns davongemacht hat. Das ist ein verdammt gesunder Jahrgang gewesen. Aber wenn wir das nächste Mal Jubiläum feiern, sind wir nicht mehr so viele!“
Thorsen und Riege haben sich nur kühl gegrüßt. Und sie vermeiden es auch, miteinander ins Gespräch zu kommen. Jeder verachtet die Arbeit des anderen. Ihr ironisches Lächeln soll zeigen, was einer vom anderen hält.
Es sind jedoch noch mehr Ärzte da. Dr. Møller und Dr. Nederby. Und sie sehen zu Thorsen auf, der von ihnen der Größte ist und die beste Karriere gemacht hat. Und die Mediziner unterhalten sich vertraulich über die seltsamen Wesen, die man Patienten nennt. „Sie sind tatsächlich seltsam.“ – „Ja, sie sind geradezu geistig unterbemittelt. Sagt man zu ihnen: ,Mach das und das‘, dann glotzen sie einen blöde an und machen gerade das Gegenteil. Da versucht man, ihnen ein bißchen über Vitamine einzutrichtern. Alles vergebens, sie wollen partout bloß Soße und Kartoffeln essen. Wenn man ihnen wenigstens ein bißchen Respekt vor der Zeit und der Arbeit des Arztes beibringen könnte. Aber nein, sie rennen einem zu den unmöglichsten Zeiten mit jedem Mist und Quatsch die Tür ein. Da kommt doch so ein Individuum zu mir und verlangt, ich solle ihm ein Attest ausschreiben, daß die Wände seiner Wohnung feucht sind. Für die Fürsorge. ,Guter Mann‘, sage ich zu ihm, ,ich bin doch kein Maurer! Ich kann für Ihre Wände keine Atteste ausstellen.‘ Er läßt jedoch nicht locker: Also, er meine, die Wohnung sei gesundheitsschädlich und er habe soundso viel Kinder und so weiter und so weiter. Und wenn der Herr Doktor eine Erklärung schreibe, bekäme er vielleicht eine gesündere Wohnung. Aber da frage ich, wie zum Teufel ich denn wissen soll, ob er nicht selber Wasser an die Wände gießt? Es muß ja schließlich eine Grenze dafür geben, womit man einen Arzt belästigen kann.“
Und die Mediziner tauschen Erlebnisse über die unglaubliche Unwissenheit und Dummheit der einfachen Leute aus. Und sie erzählen einander die witzigen Antworten, die sie bei passender Gelegenheit gegeben haben.
Aber auch der Oberlehrer weiß von dummen Schülern zu erzählen, denen die spaßigsten Übersetzungsfehler unterlaufen.
Und die beiden Reichsgerichtsanwälte können manches über die komischen Figuren erzählen, denen sie in ihrer Praxis begegnet sind.
Auch der Offizier hat einiges zu erzählen. Rekruten sind nämlich keinen Deut besser als Patienten. Bei einem Intelligenztest in der Kaserne erhielt man die unglaublichsten Resultate. Einfach phantastisch, wie dumm und unwissend Soldaten sind, selbst wenn es um die elementarsten Dinge geht.
Der Richter hat ebenfalls abnormen und merkwürdigen Geschöpfen gegenübergestanden, Geschöpfen, deren Existenz man einfach nicht für möglich gehalten hätte, die der Staat jahrelang ernähren und für die er an allen Ecken und Enden Sorge tragen müsse. „Natürlich sind sie unverbesserlich, aber leben müssen sie ja schließlich. Und für so etwas müssen wir Steuerzahler nun aufkommen!“
Es gibt schon sonderbare und unglaubliche Dinge in der Welt. Und die Menschen sind auch nicht so, wie sie sein sollten.
Fast alle anwesenden Herren haben gelegentlich Berührung mit der großen Masse seltsamer und niederer Individuen gehabt. Mit der Unterklasse. Dem unverständigen Mob. Menschen, die es nun einmal nicht anders haben wollen. Und über diese Menschen lassen sich viele kuriose Anekdoten erzählen.
Pfarrer Nørregaard-Olsen hat es zu Harald Horn gezogen.
„Du glaubst ja gar nicht, mit welchem Vergnügen ich deine Buchbesprechungen im ,Morgenbladet‘ lese. Sie sind so positiv, so fruchtbar, so kernig dänisch!“
„Das zu hören freut mich wirklich sehr. Ja, ich habe mich stets bemüht, der dänischen Eigenart eine Gasse zu bahnen. Dem typisch Dänischen. All dem, was in der Geschichte, in den Erinnerungen und Traditionen unseres Volkes tief verwurzelt ist. Es gibt ja so viele, die unsere Literatur flach und international machen wollen. Ich dagegen habe mir das Ziel gesetzt, für das Nationale einzutreten, für das Aufbauende, das Bekräftigende. Das echt Dänische. Das – wie du sagst – kernig Dänische.“
„Ich bin davon überzeugt, daß du damit ein bedeutungsvolles Werk vollbringst. In meiner Gemeinde lesen auch noch andere deine Feuilletons und Buchbesprechungen. Übrigens schreibe ich auch selbst ein wenig. In aller Bescheidenheit. Im Kirchenblättchen unserer Gemeinde. Und meine Frau ebenfalls. Kleine Gedichte, nette, anspruchslose Sachen. Innig und tief empfunden. Sie würde sich sehr freuen, wenn du ihre Sachen einmal lesen und deine Meinung dazu sagen würdest.“
Auch Oberlehrer Nielsen ist eifrig bemüht, mit Horn ins Gespräch zu kommen, um sich mit ihm über Literatur und über die Aufsätze seiner Schüler zu unterhalten und ihm von dem Artikel über den Dänischunterricht zu erzählen, den er einmal für die „Lateinschule“ geschrieben hat. „Vielleicht hast du ihn zufällig gelesen?“
Nein, das habe er leider nicht. Doch wenn Axel ihn noch haben sollte, würde er bei Gelegenheit gern einmal hineinsehen. Und sich dann entsprechend darüber äußern. Harald Horn weiß, daß der Oberlehrer gern Dichter geworden wäre. Genau wie er. Aber er für sein Teil ist zumindest etwas geworden, was davon nicht allzu weit entfernt ist. Schließlich ist es auch besser, über das zu schreiben, was andere geschrieben haben. Er liest alle literarischen Neuerscheinungen und weiß alles, was die Dichter gedacht und erlebt haben. Das ist fast ebensogut, wie es selbst gedacht und erlebt zu haben.
Polizeidirektor Rold ist in ein vertrauliches Gespräch mit Robert Riege vertieft. Und der sonst so aufbrausende Mann ist nun sanft und lammfromm.
Hernild betrachtet die beiden voller Verwunderung. Da hat der hitzige Polizeichef doch tatsächlich seinen Meister gefunden! Welch ein Respekt! Ob Riege hypnotisieren kann?
Hernild erörtert mit Amsted familiäre Angelegenheiten. Und man wundert sich wieder einmal darüber, daß man dadurch miteinander verwandt ist, daß Frau Amsteds Onkel, General Masen, ein Halbvetter von Hernilds Onkel von Brackberg ist. Und von Brackbergs Vater war Amtmann und Gutsbesitzer, und dessen Vater war Chef der holsteinischen Kürassiere, und dessen Vater wiederum wurde vom König geadelt.
„Ich bin ja gewissermaßen selbst ein bißchen adlig“, erklärt Hernild. „Also nicht nur durch die von Brackberg, nein, der Name Hernild soll ursprünglich Herr Nil oder Herr Niels – also Edelmann Niels – bedeutet haben.“ „Man weiß nicht, was es zu essen geben wird“, läßt sich Mogensen vernehmen. „Man macht darauf aufmerksam, daß man Vegetarier ist und keine Leichen verzehrt.“
Ministerialrat Jørgensen, der Mitglied des Festkomitees ist, beruhigt ihn.
„Es gibt eine Menge verschiedener Gemüsesorten. Spargel, grüne Erbsen, Champignons und so etwas. Und natürlich Kartoffeln. Du wirst schon vom Gemüse allein satt.“
„Danke“, sagt Mogensen.
„Prachtvoll, prachtvoll!“ lobt Pfarrer Nørregaard-Olsen und läßt die Asche seiner Zigarre in einen der mit biblischen Szenen bemalten Keramikaschenbecher fallen. „Das ist Kunst! Gediegene dänische Kunst. Sie hat in der Welt Berühmtheit erlangt.“
„Ja, wenn wir nur unserer Eigenart treu bleiben, können wir hierzulande schon etwas zustande bringen“, fügt Harald Horn hinzu.
Endlich kann das Festessen beginnen. Der Ministerialrat klatscht in die Hände. „Freunde! Wir gehen nun zu Tisch! Jeder kann sich setzen, wie er möchte.“
Hernild kommt das ein bißchen seltsam vor. In Holstebro richtet sich die Sitzordnung nach der Rangklasse. Wenn ein Amtsrichter zur neunten Rangklasse gehört, dann macht es keinen guten Eindruck, wenn er weiter oben sitzt als ein Polizeidirektor, der zur achten Rangklasse zählt. Aber hier in der Hauptstadt legt man darauf wohl nicht allzuviel Wert. Und im Grunde genommen spielt es ja auch keine Rolle. Doch wenn man schon einmal Rangklassen hat, dann kann man sich schließlich auch danach richten.
Man wendet sich dem angrenzenden Raum zu, wo die Tafel gedeckt ist und die Kellner schon mit den Platten bereitstehen. Pfarrer Nørregaard-Olsen setzt sich, nachdem er seine Zigarre in einem der biblischen Aschenbecher ausgedrückt hat, an die Spitze des Zuges. Und Mogensen bemerkt, daß der Geistliche seinen Zigarrenstummel Christus genau ins Auge gedrückt hat.
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