Kitabı oku: «Der verschwundene Kanzleirat»

Yazı tipi:

Hans Scherfig

Der verschwundene Kanzleirat

Saga

Der verschwundene Kanzleirat Übersetzt vonRuth Stöbling Originaltitel Den forsvundne fuldmægtigCopyright © 1992, 2019 Hans Scherfig and und SAGA EgmontAll rights reservedISBN: 9788711842812

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

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Der Autor:

Der dänische Schriftsteller und Maler Hans Scherfig (1905-1979) erfreut sich in einer Heimat großer Popularität. Das liegt zum einen an seinen satirischen Kriminalromanen - die auch in mehrere Sprachen übersetzt wurden –, zum anderen an den großen Zeitromanen "Idealisten" und "Schloß Frydenholm", in denen Scherfig schonungslos die schmähliche Kapitulation der dänischen bürgerlichen Gesellschaft vor den deutschen Nazis beschreibt.

Bei GRAFIT sind außer dem vorliegenden Buch von Hans Scherfig bisher erschienen:

"Der versäumte Frühling", Krimi; "Schloß Frydenholm", Politthriller.

In Vorbereitung: "Der tote Mann", Kriminalroman.

Erster Teil
1

Anfang Oktober vorigen Jahres verschwanden in Kopenhagen zwei Männer. Ihr Verschwinden wurde der Polizei im Abstand von wenigen Tagen gemeldet. Sonst gab es zwischen den beiden Vermißten offensichtlich keinen Zusammenhang.

Der eine war ein Einsiedler und Sonderling, der in äußerst schwierigen finanziellen Verhältnissen lebte. Der andere ein Familienvater und Beamter, in jeder Beziehung gesichert und versorgt. Lebensweise und Charakter der beiden waren so verschieden wie nur denkbar.

Wenn die Polizei die beiden Fälle dennoch miteinander in Verbindung brachte, lag dies vor allem daran, daß es hier wie dort nicht möglich war, auch nur den geringsten Grund für das Verschwinden zu ermitteln. Ein anderer Umstand, der der Polizei auffällig erschien, war die Gleichaltrigkeit der beiden. Sie waren im selben Jahr geboren. Daß man dieser Kleinigkeit Beachtung geschenkt hatte, mochte wie ein Zufall aussehen, trug jedoch zur Aufklärung bei.

Es konnte ziemlich schnell ermittelt werden, daß zumindest einer der beiden Männer auf eine unheimliche und befremdende Weise Selbstmord begangen hatte. Aber es dauerte eine Zeitlang, bevor man herausbekam, welcher der beiden es war. Erst als der Abschiedsbrief des Selbstmörders eintraf, ließ sich die Identität des Toten feststellen, der auf dem Amager fælled gefunden worden war.

Daß die Polizei erst etliche Tage nach dem Selbstmord von diesem Abschiedsbrief Kenntnis erhielt, lag ausschließlich an dem Ordnungssinn und dem Pflichtgefühl eines Ministerialrats im Kriegsministerium. Man kann einem Beamten seinen Ordnungssinn nicht zum Vorwurf machen. Doch im vorliegenden Fall wurde aus diesem ungewöhnlichen Grund die Arbeit der Polizei und die Aufklärung der Affäre verzögert und erschwert.

Aber auch nachdem der erwähnte Abschiedsbrief bekannt war, blieb vieles dunkel und unerklärlich. Die Polizei brauchte fast ein ganzes Jahr, bis der Fall als endgültig geklärt betrachtet werden konnte. Man arbeitete in aller Stille mit dem vorliegenden, sehr dürftigen Material. Es war eine äußerst gewissenhafte und sorgfältige Arbeit, bei der kein noch so geringfügiger Umstand außer acht gelassen wurde. Einige anscheinend völlig bedeutungslose Hinweise, die die Polizei von Privatpersonen erhielt – vor allem von einem Friseur aus Nordseeland und von einem ehemaligen Oberstudienrat der Metropolitanschule –, erwiesen sich als von entscheidender Bedeutung.

Es war eine der schwierigsten Aufgaben, vor der die Polizei je gestanden hatte. Als das Ergebnis vorlag, rief es sowohl eine Sensation als auch allgemeine Bewunderung hervor. Und es hatte sicherlich seine Richtigkeit, wenn die Zeitungen schrieben, die Aufklärung dieses höchst sonderbaren Falles sei der vorbildlichen Organisation und der ausgezeichneten Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Abteilungen der Polizei zu verdanken.

In diesem Zusammenhang war sicherlich auch der neugeschaffene einheitliche Polizeiapparat von entscheidender Bedeutung.

2

Die erste Anzeige erhielt die Polizei von Frau Amsted.

Sie rief abends gegen acht im Polizeipräsidium an. Ihr Mann, Kanzleirat Teodor Amsted, war noch nicht aus dem Büro zurückgekehrt. Er pflegte sonst immer genau zwanzig Minuten nach fünf nach Hause zu kommen. Er war ein sehr pünktlicher Mann. Er verließ das Büro in dem roten Ministerialgebäude um fünf Uhr. Und für den Nachhauseweg bis zu seiner Wohnung auf Gammelholm brauchte er genau zwanzig Minuten. Er nahm stets den kürzesten Weg und behielt ein zügiges, gleichbleibendes Tempo bei.

Er legte darauf Wert, mitten auf die Gehwegplatten zu treten und die dazwischenliegenden Fugen zu meiden. Es war auch wichtig, daß er auf bestimmte Gullydeckel trat, die es auf seinem Weg gab. Und wenn es doch einmal vorkam, daß er, in Gedanken versunken, diese Pflicht vergaß, konnte er sich umdrehen, zurückgehen und fest auf den Gullydeckel treten. Er war ein Pflichtmensch und fühlte sich nicht wohl, wenn er versäumte, was er zu tun hatte.

Nur wenn das Wetter sehr schlecht war, fuhr er mit der Straßenbahn. Zeitlich gesehen machte das jedoch keinen Unterschied. Die Straßenbahnlinien lagen so unpraktisch. Er konnte nur zwei Haltestellen weit fahren. Er stieg bei dem Standbild Niels Juels aus und mußte dann die ganze Niels-Juelsgade und auch noch ein Stück die Herluf-Trollesgade hinuntergehen.

Frau Amsted hatte natürlich auch in der Dienststelle ihres Mannes angerufen. Und ein Regierungsassessor, der Überstunden machte, konnte ihr mitteilen, daß Kanzleirat Amsted bereits gegen zwei Uhr gegangen war. Er hatte einen Brief erhalten, der ihn offensichtlich stark beeindruckte. Der Kanzleirat war sehr nervös gewesen und hatte seine braune Aktenmappe und seinen Spazierstock vergessen.

Diese Auskunft verängstigte Frau Amsted sehr. Und nachdem Stunde um Stunde verging, wußte sie sich keinen anderen Rat, als die Polizei anzurufen.

Selbst wenn etwas Außergewöhnliches passiert war, hätte ihr Mann doch zu Hause anrufen können. Er hatte niemals Geheimnisse vor ihr gehabt. Ihre Ehe war vollkommen glücklich. Es war ganz undenkbar, daß einer von ihnen allein ausging. In den achtzehn Jahren ihrer Ehe waren sie unzertrennlich gewesen. Sie konnte sich überhaupt nicht vorstellen, wer ihrem Mann geschrieben haben mochte und warum der Brief an das Ministerium statt an die Adresse in der Herluf-Trollesgade gerichtet worden war.

Daß es eine andere Frau geben sollte, die er kannte und mit der er im Briefwechsel stand, ohne daß Frau Amsted etwas davon wußte, war völlig ausgeschlossen. Sie wußte alles über ihren Mann. In seinem Leben, in seiner Seele und an seinem Körper gab es nichts, was sie nicht kannte und kontrollierte.

»Ja, ja, warten wir erst einmal ab«, sagte man im Polizeipräsidium. Wenn er überfahren oder anderswie zu Schaden gekommen wäre, hätte man davon durch die Feuerwehr oder den Rettungsdienst Falck erfahren. Weder in den Krankenhäusern der Stadt noch der Umgebung war ein Verletzter eingeliefert worden, der Teodor Amsted hieß, oder irgend jemand, dessen Name unbekannt war.

Das beruhigte Frau Amsted jedoch ganz und gar nicht. Seit achtzehn Jahren war ihr Mann niemals später als zwanzig Minuten nach fünf zu Hause gewesen. Nur ein einziges Mal hatte er das Büro vorzeitig verlassen. Das war damals, als er ein Zahngeschwür bekam und die Schmerzen plötzlich so heftig wurden, daß er es nicht aushielt. Doch bevor er zum Zahnarzt ging, hatte er selbstverständlich zu Hause angerufen.

Der Brief an die Dienststelle war einfach unbegreiflich. Wer in aller Welt sollte ihm wohl schreiben?

Frau Amsted wußte, daß ihr Mann als sechzehnjähriger Gymnasiast höchst platonisch in eine Kioskverkäuferin verliebt gewesen war. Sie kannte sogar das Gedicht, das er für das junge Mädchen geschrieben hatte:

Dort sitzt du in des Kiosk engem Raum und bist durchs

Fenster frühlingshold anzuschaun.

Doch ich muß stehn in Schnee und Sturm hier draußen. Sie hatte ihm diese kleine Jugendtorheit längst verziehen. Wenn sie diese Episode ihm gegenüber dennoch einmal erwähnte, dann nur in scherzhaft neckender Weise, so daß er rot wurde und lachen mußte.

Nein. Er hatte keine Geheimnisse vor seiner Frau. Das Ganze war absolut unbegreiflich, wahnwitzig.

Frau Amsted hatte geweint. »Was mag bloß mit unserem Vati passiert sein? Was mag ihm zugestoßen sein?« wiederholte sie immer wieder.

Und ihr Sohn, der dreizehnjährige Leif, weinte ebenfalls und klapperte mit den Zähnen, als friere er. Es war ein schmächtiger, blasser Junge mit völlig weißem Haar.

Das Essen war schon mehrmals wieder aufgewärmt worden. Es gab Fleischklößchen in Selleriesoße. Für Leif gehörte Selleriesoße zum Widerwärtigsten, was er sich denken konnte. Mitten im Weinen empfand er plötzlich eine gewisse Befriedigung über den Aufschub des verhaßten Essens.

Diese Situation hatte überhaupt etwas sonderbar Wonnevolles und Prickelndes. Das Außergewöhnliche – die Sensation in einem sonst peinlich wohlgeordneten und regelmäßigen Leben.

Als das Essen endlich auf den Tisch kam, hatte die Mutter nicht die Kraft, ihn zu zwingen, seinen Teller auch leer zu essen. Sonst hieß es immer: »Wenn du nicht aufißt, wirst du nie groß und stark. Sellerie und Fleischklößchen sind das Gesündeste, was es gibt. Glaub mir, Leif der Glückliche hat seine Fleischklößchen in Selleriesoße immer aufgegessen!«

Leif der Glückliche – dieser berühmte Wiking und Seefahrer wurde ihm stets vorgehalten, wenn er seinen Teller nicht leer essen mochte oder seine Mathematikaufgaben nicht lösen konnte.

Frau Amsted räumte den Tisch ab, ohne die übriggelassenen Selleriestücke auf Leifs Tellerrand zu beachten. Sonst waren es gerade diese letzten kalten Bissen, die der Junge auf Biegen und Brechen in sich hineinzwingen mußte. Als er noch kleiner war, hatte er einmal einen ganzen Abend lang einen Essenrest im Mund behalten. Es war ihm einfach unmöglich gewesen, ihn hinunterzuschlukken. Er bewahrte ihn stundenlang in der einen Backentasche auf, und die Eltern wunderten sich über seine Schweigsamkeit. Als er den zähen Klumpen ins Taschentuch spucken wollte, wurde es entdeckt. Und dann gab es einen Heidenspektakel. Ihm wurden sowohl Leif der Glückliche als auch die vielen armen Kinder vorgehalten, die sich über das gute Essen gefreut hätten. Und wenn er sich weiter so betrage, würde man ihn einmal hungern lassen! Das muß herrlich sein, dachte Leif. Er machte sich nichts aus Essen.

An diesem Abend wurden auch die Schulaufgaben vergessen. Seine Mutter hörte ihn sonst immer in Geschichte und Geographie ab. Um Mathematik und Deutsch mußte sich der Vater kümmern.

Es waren aufreibende Kämpfe, die Abend für Abend in der Herluf-Trollesgade ausgefochten wurden. Dafür gehörte Leif jedoch zu den Besten der Klasse. Auch wenn es Tränen kostete. Sein Vater hatte ebenfalls zu den Besten der Klasse gehört. Und das hatte damals auch Tränen gekostet. Der Vater war in dieselbe alte graue Schule am Frue Plads gegangen, in die Leif ging und in die auch sein Großvater gegangen war. In der Familie Amsted hielt man auf Tradition.

Frau Amsted trat immer wieder ans Fenster und sah auf die dunkle, menschenleere Herluf-Trollesgade hinab. Dabei mied sie mit Bedacht die Stelle, wo der Teppich immer zuerst so abgetreten wurde.

Es regnete. Undes stürmte, daß das Thermometer vor dem Fenster klirrte. Man hörte die Straßenbahnen auf Kongens Nytorv. Und vom Hafen drang das Tuten der Dampfer herüber.

Es roch noch immer nach Sellerie. Und das gemusterte Linoleum hatte auch einen starken Eigengeruch. »Aber Linoleum läßt sich so leicht sauberhalten«, sagte Frau Amsted.

Die große Uhr auf dem Büfett tickte laut und deutlich. Wenn sie schlug, fuhr Frau Amsted jedesmal erschrocken zusammen. »Nein! – Und er ist noch nicht da. – Halb zehn! – Immer noch nicht . . .«

3

Die andere Vermißtenanzeige ging erst ein paar Tage später bei der Polizei ein.

Eine Dame aus der Rosengade – Frau Møller – teilte mit, ihr Untermieter Mikael Mogensen, der in einer zur Wohnung gehörenden Bodenkammer lebe, sei seit drei Tagen und Nächten nicht zu Hause gewesen. Sie vermute deshalb, daß ihm ein Unglück zugestoßen sei.

Er schulde ihr fünfzehn Kronen – die Miete des letzten Monats –, falls er flüchtig sein sollte, ersuche sie die Polizei, ihn ausfindig zu machen oder ihr zu gestatten, sich durch einen eventuellen Verkauf seiner Hinterlassenschaft schadlos zu halten.

Fünfzehn Kronen waren übrigens für die Bodenkammer, die sie Mikael Mogensen überlassen hatte, ein reichlich happiger Mietpreis. Die Kammer hatte nicht einmal eine richtige Tür, sondern nur eine aus Latten, durch die man vom Gang aus hineinsehen konnte. Und Möbel gab es auch nicht. Mogensen schlief auf dem Fußboden – auf einer Lage alter Zeitungen und mit einer alten schwarzen Mappe unter dem Kopf. In einer Ecke lag ein großer Stapel Bücher. In einer anderen ein Stapel Zeitungen. In der dritten Ecke befand sich die »Küche«, das heißt ein lebensgefährlicher Primuskocher, eine Bratpfanne, eine Kasserolle, Spiritus und Petroleum.

Mogensen war ein Original, er war im ganzen Viertel bekannt, vor allem unter den Kindern. Er hatte langes, ungeschnittenes Haar und einen Vollbart. Er trug ständig einen sehr alten, zerschlissenen Mantel und unter dem Arm eine abgegriffene schwarze Mappe. Niemand wußte, was sich in dieser Mappe befand, und man stellte deshalb die ausgefallensten Vermutungen an.

»Aber er war ein ruhiger und bescheidener Mann«, sagte Frau Møller. »Er konnte nicht mal einer Katze ein Haar krümmen.« Sie wollte wissen, daß er aus gutem Hause stamme und studiert habe. Aber irgend etwas müsse in ihm zerbrochen sein, und deshalb habe er es auch nie zu etwas gebracht. Er sei kein Trinker und triebe sich auch nicht mit Frauen herum. Er sei in keiner Beziehung ausschweifend. Ganz im Gegenteil, er sei der reinste Asket.

Er lese immer in dicken Büchern. Auch ausländischen, die sie, Frau Møller, nicht verstehe. Und er drücke sich gewählt und gebildet aus. Er hätte es weit bringen können, wenn er nur gewollt hätte. Aber irgend etwas müsse ihm zugestoßen sein, wodurch er so wunderlich geworden sei.

Bei den Bewohnern der Straße war er beliebt. Wenn er einem von ihnen begegnete, zog er höflich den Hut. Die kurze Straße glich einem Provinzstädtchen, wo jeder jeden kennt. Es war eine kleine, in sich abgeschlossene Gesellschaft. Die Leute hielten sich an ihre Straße und gingen nur selten und ungern in andere Gegenden.

Es waren meist kleinbürgerliche Menschen, die Pech gehabt hatten. Gescheiterte Existenzen. Schiffbrüchige, die in dieser Straße gestrandet waren. Sie war gleichsam eine Insel der toten Schiffe. In der Rosengade gingen jedoch auch dunkle und nicht ganz geheure Dinge vor sich. Sie war zwar kurz, hatte dafür aber viele Hinterhäuser, Seitenflügel und dunkle Höfe.

Dort gab es vier, fünf heimliche Kneipen, wo man auch noch nach der Polizeistunde Rotwein trinken konnte. Es gab ein Bordell, in dem die Paare in Kojen übereinander lagen. Es gab eine weise Frau, die unheimliche und verbotene Eingriffe vornahm. Und dort wohnte die Frau mit dem schwarzen Regenumhang, die ganz für sich allein mit einem großen Hund lebte.

Dort gab es auch mehrere Prostituierte unterschiedlichen Alters. Die blonde Dame aus dem Eisladen war um die Sechzig. Sie stammte noch aus der alten Zeit, als die öffentliche Prostitution noch nicht verboten war. Die kleine Maja dagegen war erst neun Jahre. Aber sie verdiente mehr als die dicke blonde Dame. »Ein nettes und wohlerzogenes kleines Mädchen«, sagten alle in der Straße. Sie knickste höflich und hielt jedem, der hineinoder hinausging, die Haustür auf. Sie hatte sehr blanke Augen. Und manchmal bekam sie epileptische Anfälle.

Mogensen grüßte sie höflich. Er hielt sich für sich und kümmerte sich nicht um das, was in der Straße vor sich ging. Er war ein Gentleman. Die geheimnisvolle Mappe unter dem Arm, schritt er in seinem alten, zerschlissenen Mantel und mit löchrigen Stiefeln würdevoll durch die Straße. Etwas vornübergebeugt, ein bißchen kurzsichtig und reichlich schmutzig, doch voller Ruhe und Würde. Und wenn er jemandem begegnete, zog er feierlich seine alte, schmierige Mütze.

Er redete zwar so merkwürdig und gebrauchte Worte, die Frau Møller und die anderen Bewohner der Straße nicht recht verstanden, doch dahinter steckte bestimmt nichts Schlechtes.

Deshalb war Frau Møller auch nicht der Meinung, Mogensen könne etwas Ungesetzliches getan haben und müsse sich aus diesem Grund versteckt halten. Und die fünfzehn Kronen, die er ihr für Miete schuldete, konnten gewiß auch nicht der Grund für sein Verschwinden sein. Er war ihr schon öfter für einen oder auch für zwei Monate die Miete schuldig geblieben. Aber nicht des Geldes wegen hatte sie der Polizei sein Verschwinden angezeigt. »So eine bin ich nicht. Ich bin doch kein Unmensch. Aber natürlich muß alles seine Ordnung haben, und unsereiner muß ja auch leben. Fünfzehn Kronen sind schließlich viel Geld.

Aber ich hab zu Mogensen gesagt: ›Ich weiß, daß Sie ein ordentlicher Mensch sind, Mogensen. Sie wollen mich nicht betrügen. Mir ist um meine fünfzehn Kronen nicht bange. ‹«

Und Mogensen hatte erwidert: »Das haben Sie auch nicht nötig. Dieser Betrag wird Ihnen im Laufe der nächsten Woche gezahlt werden, Frau Møller.«

Wenn es dann doch noch zu einem kleinen Streit zwischen ihnen gekommen sei, dann nur deshalb, weil sich herausstellte, daß Mogensen viel Geld hatte. Und damit, so meinte Frau Møller, sei ja wohl die Voraussetzung für die Mietstundung hinfällig geworden. Besonders, da Mogensen das Geld auf eine so unvernünftige und sinnlose Weise ausgab. Wenn man an einem einzigen Abend über tausend Kronen buchstäblich nur so rausschmeißt, kann man es sich nicht erlauben, die Miete schuldig zu bleiben. Das hatte ihm Frau Møller vorgehalten, und das hatte ihn gekränkt.

»Es ist außerordentlich bedauerlich«, hatte er entgegnet, »daß man offenbar nicht mehr auf eine Absprache bauen kann, Frau Møller. Ich habe ausdrücklich gesagt: nächste Woche. Und damit waren Sie einverstanden. Inzwischen gedenke ich das Geld für Zwecke zu verwenden, die ich für passend erachte.«

Und als sie ihm weitere Vorwürfe über das viele Geld gemacht hatte, das er so sinnlos vergeudet habe, hatte er die harten und verletzenden Worte fallen lassen: »Sie sind eine ungebildete Person, Frau Møller! Ein Mann wie ich kann sich mit Ihnen in kein Streitgespräch einlassen. Ich hege in hohem Maße Geringschätzung für Sie!«

Und das hatten viele Fremde mit angehört und darüber gelacht. Fau Olsen aus dem Eiskeller hatte ihm sogar zugerufen: »Das ist richtig, Mogensen! Geben Sie es ihr!« Und das in Frau Møllers eigener Stube! Das waren die letzten Worte, die sie von Mikael Mogensen gehört hatte.

Am nächsten Tag war er verschwunden. Das merkwürdige Fest, das so viel Geld gekostet hatte, war gleichsam sein Abschiedsfest gewesen.

4

Am 10. Oktober – einen Tag nachdem Frau Amsted das Verschwinden ihres Mannes angezeigt hatte, wurde auf dem Amager fælled ein entsetzlicher Fund gemacht.

Ein Soldat, der an dem Scharfschießen der Armee auf dem Fælled teilgenommen hatte, stieß auf die grauenvoll verstümmelten Reste eines Menschen, der buchstäblich in tausend Stücke gesprengt worden war.

Der Soldat hatte zusammen mit anderen den Befehl erhalten, nach einer Granate zu suchen, die beim Aufschlag nicht detoniert war und außerordentlich gefährlich werden konnte, wenn sie Kindern oder anderen Unkundigen in die Hände fiel.

Nicht weit von der Stelle entfernt, wo der Wall des Kalvebod-Strandes Amager erreicht, bemerkte er in der Erde einen Trichter wie nach einer Explosion. Und zu seinem Entsetzen entdeckte er Stoffetzen und die blutigen Überreste eines Menschen, den es gleichsam weitum zerspritzt hatte.

Selbstverständlich wurde sofort die Polizei alarmiert und gemeinsam mit Sprengstoffexperten der Armee eine umfassende Untersuchung eingeleitet.

Die Explosion mußte von außergewöhnlicher Gewalt gewesen sein. Wenn niemand sie gehört oder gesehen hatte, dann wohl nur, weil die Armee gerade zu diesem Zeitpunkt ein Scharfschießen mit schwerer Artillerie durchführte. Und das Krachen der Explosion war deshalb vermutlich mit einem Kanonenschuß verwechselt oder für die Detonation einer Granate gehalten worden.

Der Anblick, der sich den Polizisten bot, war so grauenvoll, daß sich selbst die Mittagszeitungen einer ausführlichen Beschreibung enthalten mußten.

Die Experten stellten fest, daß der Verunglückte überall am Körper mit Dynamit gespickt gewesen sein mußte. Die Taschen, der Hut, die Schuhe – alles schien voller Sprengstoff gewesen zu sein. Ja, sogar im Mund mußte er Dynamit gehabt haben.

Unter diesen Umständen konnte von einer Identifizierung des Toten überhaupt keine Rede sein. Ein paar winzige graue Stoffetzen wurden zwecks gründlicher chemischer Analyse eingeschickt. Auch die Reste einer Taschenuhr wurden genau untersucht.

Merkwürdigerweise war diese Uhr nicht völlig pulverisiert, sondern nur beschädigt, als habe sie jemand gegen einen Stein geschleudert oder darauf getreten. Sie wurde in ein paar Meter Entfernung von dem Trichter gefunden, den die Explosion in die Erde gerissen hatte.

Es war sogar noch möglich, auf der Außenseite der Uhrkapsel einen Fingerabdruck zu erkennen. Und es ließ sich auch mit Sicherheit nachweisen, daß die Uhr Vier Minuten nach halb drei stehengeblieben war. Doch all das konnte natürlich nicht darüber Aufschluß geben, um wen es sich bei dem Verunglückten handelte.

Die Polizei ging mit bewundernswürdiger Gründlichkeit vor. Rings um den Unglücksort wurde die Erde umgegraben und durchgesiebt. Es wurden Gipsabdrücke von Fußspuren angefertigt. Es wurde Pulver verstreut, und es wurde fotografiert. Jedes Überbleibsel von Knöpfen und Münzen, Lederstückchen und ähnlichem – selbst das winzigste Teilchen wurde gesammelt und einer systematischen Untersuchung unterzogen. Alle Methoden der modernen Technik kamen zur Anwendung.

Es dauerte fast eine Woche, bevor das Ergebnis dieser Untersuchungen vorlag. Was die gefundenen Stoffreste anging, so wurde ermittelt, daß sie aus grauem, reinwollenem, doppelfädigem Kammgarn eines englischen Fabrikats bestanden. Es gelang sogar, auf der linken Seite des Stoffes die Reste eines Stempels als ein C. D. zu rekonstruieren, was als Chestertown-Deverill – jene bekannte englische Tuchfabrik – ausgelegt wurde. Es traf sich so glücklich, daß in Kopenhagen nur ein Schneidermeister den Alleinvertrieb dieses Qualitätserzeugnisses besaß. Und die Polizei unterzog seine Kundenkartei einer eingehenden Überprüfung.

Zu den festen Kunden des Schneidermeisters gehörte der verschwundene Kanzleirat Teodor Amsted.

Aber bevor die Polizei die Wohnung des verschwundenen Kanzleirats aufsuchen und einen Vergleich zwischen dem Fingerabdruck auf der Uhr und eventuellen Fingerabdrükken in seiner Wohnung oder im Büro vornehmen konnte, wurde sie von einem Brief des Vermißten unterrichtet. Einem Brief, den die XIV. Abteilung des Kriegsministeriums erhalten hatte.

Dieser Brief war ein Abschiedsbrief, in dem Teodor Amsted seinen unglückseligen Entschluß mitteilte.

Insofern war alles klar. Es sollte sich jedoch später zeigen, daß der Selbstmord des unglücklichen Kanzleirates noch von vielen dunklen Punkten umgeben war.

5

Wenn in der XIV. Abteilung des Kriegsministeriums gegen elf Uhr die Mittagszeitung eintraf, las sie als erster, ohne daß die anderen im Büro etwas dagegen einzuwenden hatten, der junge Assessor Hougaard, dessen Vater seinerzeit Ministerratssekretär gewesen war.

Nach beendeter Lektüre reichte er die Zeitung an Fräulein Lilienfeldt weiter, denn ihr Vater war Oberst, und damit kam sie in der Rangfolge gleich nach Herrn Hougaard. Und so ging dann die Zeitung weiter und wurde von allen in der Reihenfolge und Ordnung gelesen, die der Herkunft und dem Rang jedes einzelnen entsprach.

Die Post, die in der XIV. Abteilung des Kriegsministeriums einlief, wurde nach überkommenen und unantastbaren Regeln behandelt. Es waren Briefe sehr unterschiedlicher Art und Beschaffenheit. Und diese Briefe wurden nach einem ganz bestimmten System und in vorgeschriebener Reihenfolge geöffnet, sortiert, in das Posteingangsbuch eingetragen, mit einem Sichtvermerk versehen, gestempelt und dann gelesen. Manche Briefe betrafen die Verteidigung des Landes. Es waren Schreiben, die für die Sicherheit der Nation von Lebenswichtigkeit waren. Andere wiederum waren von untergeordneter Bedeutung, wie beispielsweise die Rechnung eines Glasermeisters, eine heueingesetzte Scheibe betreffend, da auf Grund mangelhafter Sorgfalt von seiten des Büropersonals beim Einhängen eines Fensterhakens bedauerlicherweise eine Fensterscheibe des Ministeriums zerbrochen war, als durch den Wind erwähntes Fenster zugeschlagen wurde.

Da waren Briefe und Bewerbungen sowie Vorschläge und Projekte, die an den Ministerialdirektor oder an den Verteidigungsminister weitergeleitet werden mußten. Da waren Schreiben, die vom Ministerialrat beantwortet werden konnten. Und dann gab es Briefe, die überhaupt nicht beantwortet zu werden brauchten, sondern die, nachdem sie einen entsprechenden Vermerk erhalten hatten und ihre laufende Nummer und ihre Posteingangsbezeichnung festgehalten worden waren, an den Absender zurückgingen.

Es gab ein besonderes Alphabet, ein System bestimmter Zeichen und Hieroglyphen, die der Ministerialrat mit rotem oder blauem Stift auf die Briefe schrieb und die dem Eingeweihten verrieten, wie mit dem betreffenden Schreiben weiter zu verfahren sei.

Deshalb ist es verständlich, daß ein Brief, der an die XIV. Abteilung des Kriegsministeriums adressiert ist, unvermeidlich eine Zeitlang liegenbleiben und einen gewissen Prozeß durchlaufen muß, bevor er gelesen und beantwortet werden kann.

Einen Tag nach Kanzleirat Amsteds Verschwinden kam mit der Morgenpost ein Brief, der an den Ministerialrat persönlich gerichtet war. Dank dieses Umstandes erhielt er ihn bedeutend früher als andere Briefe, die zur gleichen Zeit eingegangen waren. Aber auf Grund des speziellen und fest eingefahrenen Systems bei der Durchsicht der Post verging dennoch fast eine Woche, bevor ihn der Ministerialrat las.

Offenbar mußte ihn der Inhalt dieses Briefes ungewöhnlich stark beeindruckt haben. Seine Stimme war ganz heiser, als er Regierungsrat Degerstrøm in sein Privatbüro rief und ihn bat, Platz zu nehmen.

»Es ist etwas passiert. Etwas Unerhörtes und Ungebührliches – etwas, was die Ehre unserer Dienststelle, ja sogar . . . des Ministeriums betrifft.«

Regierungsrat Degerstrøm spitzte die Ohren.

»Ich betrachte es als meine Pflicht, Sie davon in Kenntnis zu setzen. Um so mehr, da ich überzeugt bin, daß es auf die Dauer einer breiteren Öffentlichkeit doch nicht verborgen bleiben wird. ― ― Kanzleirat Amsted ist tot!«

»Ist er tot?« Regierungsrat Degerstrøms erster Gedanke war zwangsläufig, daß nun er der nächste sei, der aufrückte, wenn der Chef einmal das entsprechende Alter erreicht haben würde. Hier im Büro warteten alle geduldig darauf, daß die Zeit verging. Nur mit Hilfe der Zeit konnte man auf der Rangleiter höher klettern.

»Er ist auf eine entehrende Weise gestorben. Er hat sich das Leben genommen. Ich halte hier einen Brief in der Hand, den er an mich persönlich gerichtet hat und worin er es für erforderlich hält, mir die Beweggründe für den Schritt, den er getan hat, mitzuteilen.

Zuerst schreibt er, daß man unter diesen Umständen nicht erwarten könne, ihn im Büro wiederzusehen. Die Schlüssel zu seinem Schrank und seiner Schreibtischschublade würde man in seiner Wohnung in der Herluf-Trollesgade vorfinden. Wenn er es dennoch für erforderlich halte, uns seinen Selbstmord mitzuteilen, liege das in dem besonderen Verfahren begründet, das er anzuwenden gedenke und das, wie er vermute, die Möglichkeit ausschließe, seine Leiche zu identifizieren. – Er hat sich selbst in die Luft gesprengt, indem er sich nicht nur die Taschen voll Dynamit gesteckt hat, sondern auch den Hut und den Mund.«

»Also ist er das ― der auf dem Amager fælled . . .«

»Ja, das ist er. Er ist derjenige, über den die Zeitungen so viel geschrieben haben. Und nun wird auch das Büro in Verbindung mit diesem Skandal genannt werden.«

»Du lieber Himmel!«

»Ja, das können Sie wohl sagen.«

»Das ist entsetzlich!«

»Ja.«

»Seine arme Familie!«

»Ja.«

»Das ist ja furchtbar!«

»Ja. Aber hören Sie weiter! Er beauftragt mich, das Geschehene so schonend wie möglich seiner Frau beizubringen. Was das Motiv seiner Tat betreffe, so könne er nur mitteilen, daß es nicht in seinen ehelichen Verhältnissen begründet liege noch in irgendwelchen erotischen Umständen überhaupt. Ein rein persönliches Unbefriedigtsein von seinem Wirken und seiner Leistung veranlaßten ihn . . .«

»Seinem Wirken? Seinem Wirken hier im Büro? – Aber wie ist es denn möglich, daß ihn das nicht befriedigt haben sollte?«

»Ja, das ist in hohem Maße unverständlich. Man hatte nicht den Eindruck, daß er für seine Arbeit hier ungeeignet oder daß er in irgendeiner Weise damit unzufrieden gewesen wäre. Aber er schreibt also in diesem – wenn man so sagen darf – Abschiedsbrief, daß seine Erwartungen an das Leben nicht befriedigt worden seien.«

»Das klingt völlig unbegreiflich.«

»Ja.«

»Vielleicht ist er plötzlich geisteskrank geworden?«

»Ja. Es gibt triftige Gründe für die Vermutung, daß Kanzleirat Amsted seine Verzweiflungstat in einem Anfall von geistiger Umnachtung begangen hat.«

»Ja . . . natürlich. Das ist die einzige Erklärung. Er ist krank gewesen.«

»Aber es ist eine peinliche Form von geistiger Umnachtung. Eine äußerst peinliche Form. Es wird nun meine traurige Pflicht sein, die Kriminalpolizei vom Empfang dieses Schreibens in Kenntnis zu setzen. Ich erachte es für notwendig, das telefonisch zu tun. Was danach unternommen werden muß, ist Sache der Polizei. Man darf jedoch leider nicht darauf hoffen, daß die Presse die wünschenswerte Diskretion an den Tag legen wird. Wir müssen befürchten, daß das Ministerium und unser Büro in Verbindung mit dieser peinlichen und bedauerlichen Angelegenheit genannt werden. Und ich betrachte es als meine Pflicht, Sie darauf vorzubereiten.«

»Das ist sehr bedauerlich.«

Regierangsrat Degerstrøm machte Miene, sich zurückzuziehen und die sensationelle Mitteilung des Chefs an das übrige Personal der Dienststelle weitergehen zu lassen. Der Ministerialrat hielt ihn jedoch zurück.

»Da ist noch etwas, von dem ich wünsche, daß das Personal davon Kenntnis erhält. In Anbetracht der vorliegenden Umstände kann von einer offiziellen Teilnahme an Regierungsrat Amsteds Beisetzung von seiten der Dienststelle selbstverständlich keine Rede sein. Falls einer der Angestellten den Wunsch haben sollte, gegenüber dessen hinterlassener Familie Anteilnahme oder Sympathie in Form von Kränzen, Blumen oder ähnlichem zu bekunden, hat das rein privat zu geschehen. Das Büro als solches sieht sich nicht zu Sympathiekundgebungen in der Lage, ebensowenig wie hier eine offizielle Sammlung oder dergleichen stattfinden kann.«

6

Ein Mann klingelt an Frau Amsteds Wohnungstür. Ein Mann mit Windjacke und mit Fahrradklemmen an den Hosenbeinen. Man erkennt in ihm gleich den Kriminalbeamten.

»Sie müssen schon entschuldigen, gnädige Frau. Ich bin leider gezwungen, Ihnen auf Grund des Vorgefallenen ein paar Fragen zu stellen.«

»Ja, bitte . . . ja . . . treten Sie ein. Aber Sie werden verstehen . . . ich bin sehr mitgenommen. Was uns widerfahren ist, das ist mehr, als ein Mensch ertragen kann. Und nun kommt auch noch die Polizei!«

»Ich bin mir natürlich im klaren, daß es für Sie peinlich ist. Aber ich werde mich so kurz fassen wie nur möglich.«

Sie gehen durch den sehr langen, dunklen Korridor.

»Bitte, nehmen Sie Platz. Sie dürfen sich nicht umsehen. Hier ist heute nicht aufgeräumt worden. Ich habe dem Mädchen freigegeben. Alles ist aus dem gewohnten Gleis geraten. Es ist einfach zuviel gewesen. Wenn ich gewußt hätte, daß Sie kommen würden . . . Sie müssen mir versprechen, sich in dieser Unordnung nicht umzusehen.«

»Daran dürfen Sie nicht denken. Ich werde mich schon nicht umsehen«, sagte der Kriminalist und sah sich im Wohnzimmer um, in dem peinlichste Ordnung herrschte.

Die Möbel waren altmodisch. Es waren Erbstücke aus Teodor Amsteds Elternhaus. Dinge, die er in den sechsundvierzig Jahren seines Lebens ständig vor Augen gehabt hatte.

Ein kleiner Mahagonisekretär. Ein Spieltisch mit doppelter, polierter Tischplatte, die aufgeklappt war, so daß sich die Figuren aus Meißner Porzellan darin zweifach spiegeln konnten. Ein ovaler Tisch mit einem weißen Deckchen und einer Kristallschale in der Mitte und eine kleinformatige Gedichtsammlung in Ledereinband. Das Klavier stand offen, wie in Dänemark so üblich, die Noten waren aufgeschlagen, als hätte gerade jemand gespielt.

»Oh, es ist grauenvoll. Grauenvoll! Wie konnte das bloß passieren! Ich kann es einfach nicht fassen. Mir ist, als würde ich träumen und bald aus diesem furchtbaren Traum erwachen. Wir waren ja so glücklich. Das kann ich Ihnen versichern. Wir waren so unendlich glücklich. In den achtzehn Jahren unserer Ehe sind wir nie auch nur einen einzigen Tag voneinander getrennt gewesen. Mein Mann konnte sich nicht einmal vorstellen, ohne mich irgendwohin zu gehen . . . darum ist das Ganze auch so unbegreiflich . . . er muß krank gewesen sein. Es muß ganz einfach in einer Art plötzlicher Geistesverwirrung geschehen sein! Glauben Sie das nicht auch? Ist die Polizei nicht ebenfalls dieser Meinung?«

»Ja. Ja, gewiß. Ist Ihnen an Ihrem Mann irgend etwas aufgefallen? War er nervös?«

»Nein, nein. Ganz und gar nicht. Er war immer so ruhig und ausgeglichen. Wir führten ein sehr regelmäßiges Leben. Ich sorgte stets dafür, daß alles um ihn her ordentlich und gemütlich war.«

»Und Sie haben auch nicht in allerletzter Zeit irgend etwas Auffälliges oder eine Veränderung an Ihrem Mann bemerkt?«

»Nein. Wie können Sie so etwas bloß annehmen! Sie hätten ihn kennen sollen. Er war sich stets gleich. Er war die Ordentlichkeit und Regelmäßigkeit selbst. Man kann wohl sagen, daß er ein Gewohnheitsmensch war. Von Veränderungen hielt er nichts. Alles mußte so stehen, wie es immer gestanden hatte. So geht es mir selbst auch. Wir waren uns immer einig.

Ach, er war so gut – unser lieber Vati. Er war stets so aufmerksam zu mir. Wie konnte er das bloß tun! Wie konnte er mich nur in diese Situation bringen! Was werden unsere Bekannten sagen! Und überhaupt die Leute! Die Zeitungen haben auch darüber geschrieben. Ich wage es beinahe nicht mehr, eine Zeitung aufzuschlagen.«

Frau Amsted hielt die Hände vor die Augen und weinte. Der Kriminalist wartete taktvoll, bis sie sich wieder gefaßt hatte.

»Es ist so unbegreiflich . . .so wahnwitzig! Wenn ich nur wüßte, warum! Und dann auf diese Weise . . .«

»Ja. Das ist wirklich sehr merkwürdig. Aus diesem Grund bin ich auch hier. Der Polizei ist manches unerklärlich. Da ist so vieles, was überprüft werden muß. Wir haben ja in Wirklichkeit nur sehr wenige Anhaltspunkte. Sie glauben also, die Reste seiner Uhr wiederzuerkennen? Und der Anzug, den der Tote anhatte, stammt von Schneidermeister Holm, bei dem Ihr Mann seine Sachen nähen ließ. Und dann gibt es schließlich noch diesen Brief. Sind Sie ganz sicher, daß er ihn auch tatsächlich selbst geschrieben hat? Daß es seine Schrift ist?«

»Ja, das bin ich. Den Brief hat er geschrieben. Das ist seine Schrift. Seine schöne, regelmäßige Schrift. Wer sollte ihn sonst geschrieben haben? Glauben Sie etwa, daß es ein anderer gewesen sein könnte? Ist die Polizei der Auffassung, daß er vielleicht gar nicht derjenige ist, der sich . . . der auf diese furchtbare Weise umgekommen ist?«

»Daran besteht leider kein Zweifel. Sie müssen ja seine Handschrift kennen. Und sie läßt sich ja letzten Endes mit anderen Briefen von ihm vergleichen. Wer sollte auch an einem gefälschten Brief Interesse haben? Merkwürdig ist nur, daß darin kein triftiger Grund angegeben wird. Es ist einfach unmöglich, für diese Tat ein Motiv zu finden.«

»Ja aber, wollen Sie damit sagen, daß es irgendwelche Zweifel geben könnte? Verstehen Sie mich recht, ich habe doch nun alles geregelt. Ich habe eine Annonce in die Zeitung gesetzt, ganz kurz und schlicht, so wie es ihm gefallen hätte. Und dann ist ja noch so vieles andere zu regeln. Ich muß auch an die Trauer denken . . . ich meine, an die Trauerkleidung. Sie wissen ja, was ein Todesfall alles so mit sich bringt. Als mein Schwiegervater starb, war es genauso.«

Durch die Flügeltür konnte der Kriminalbeamte ins Eßzimmer sehen. Es war sehr lang und ein wenig schräg. Ein Eckfenster ließ nur wenig Licht vom Hof herein. In dem dunkel getäfelten Zimmer stand ein Büfett aus Eiche. Auf dem Eßzimmertisch eine Nähmaschine. Daneben ein ausgebreitetes schwarzes Kleidungsstück. Über einem der Stühle mit hoher, gerader Lehne hingen einige Kleider.

Die Frau bemerkte seinen Blick. »Oh, Sie müssen diese Unordnung entschuldigen! Ich habe gerade genäht, als Sie läuteten. Das sind Kleider, von denen ich den Besatz abgetrennt habe. Sie sollen zur Färberei. Ich erwarte jeden Augenblick den Boten. Als Sie klingelten, dachte ich, er wäre es. Die Sachen sollen schwarz gefärbt werden. Aber sagen Sie mir, besteht Ihrer Meinung nach der geringste Zweifel daran, daß es mein Mann war, der . . . daß er tot ist?«

Sie packte den Kriminalisten am Arm.

»Sie müssen es mir sagen! Sie müssen es ehrlich sagen! Könnte es sein, daß er gar nicht tot ist? Daß er vielleicht umherirrt und das Gedächtnis verloren hat? Oder daß ihm irgend etwas anderes zugestoßen ist? Und daß ein ganz anderer draußen auf dem Fælled den Tod gefunden hat? Oder wäre es denkbar, daß er sich nicht selbst umgebracht hat? Daß ihn ein anderer . . . Daß er ermordet worden ist?«

7

Der Kriminalpolizist versuchte, sich behutsam aus ihrem Griff zu befreien.

»Nein, nein, gnädige Frau. Das meine ich alles ganz und gar nicht. Ich meine nur, daß so vieles unerklärlich ist. Wir können weder ein Motiv noch irgendeine Erklärung finden. Deshalb müssen Sie mir auch alles erzählen. Sie dürfen mir nichts verschweigen. Sie müssen gefaßt sein und Vertrauen zu uns haben. Was Sie der Polizei anvertrauen, erfährt kein anderer.«

»Ja aber . . . was soll ich Ihnen denn anvertrauen?«

»Sie dürfen nicht böse werden, wenn ich sehr direkt frage. Sie müssen mir völlig aufrichtig antworten. Sind Sie davon überzeugt, daß Ihr Mann nicht doch eine . . . außerfamiliäre Bekanntschaft hatte? Hegten Sie nie irgendeinen Verdacht?«

Frau Amsted blickte ihn starr an. »Muß ich mir solche Fragen tatsächlich gefallen lassen? Muß ich mir das wirklich bieten lassen? Hier in meiner Wohnung? In seiner Wohnung!«

»So dürfen Sie es nicht auffassen, gnädige Frau. Ich bin gezwungen, Fragen zu stellen. Ich muß alles wissen. Es ist im Interesse aller, daß Licht in das Ganze kommt. Und da ist ja dieser Brief, den Ihr Mann im Ministerium erhielt, kurz bevor er das Büro verließ, und der ihn offenbar in eine Art Affekt versetzte.«

»Ich kann Ihnen darauf nur antworten, daß es für meinen Mann keine andere gab als mich. Mich und Leif. Und sein Heim. Das füllte sein ganzes Leben aus!«

»Und Sie haben keine Ahnung, wer ihm diesen Brief in die Dienststelle geschickt haben könnte?«

»Nein, Überhaupt keine. Das ist mir völlig schleierhaft. Er hat mir nie etwas verheimlicht. Es gab nichts, was er mir nicht erzählt hat.«

»Aber es steht doch fest, daß zwischen diesem mysteriösen Brief und der Verzweiflungstat Ihres Mannes ein gewisser Zusammenhang bestanden haben muß. Es würde von entscheidender Bedeutung sein, wenn wir etwas über den Inhalt des Briefes erfahren könnten oder darüber, wer ihn geschrieben hat. Haben Sie nicht irgendwelche Vermutungen? Können Sie sich denn gar nichts denken?«

»Nein. Ich habe absolut keine Vermutungen. Das Ganze ist mir einfach ein Rätsel. Und über diesen Brief zerbreche ich mir immer wieder den Kopf. Er quält mich Tag und Nacht. Ich kann mir absolut nicht vorstellen, wer ihn geschrieben hat. Ich kann es nicht . . .«

»Wie war die finanzielle Lage Ihres Mannes? Hatte er Schwierigkeiten irgendwelcher Art?«

»Mein Mann gehörte nicht zu denen, die Schulden machen. Er hielt in jeder Beziehung auf Ordnung.«

»Hatte Ihr Mann eine Lebensversicherung abgeschlossen?«

»Ja. Warum fragen Sie danach? – Ja. Er war lebensversichert. Glücklicherweise hat er rechtzeitig daran gedacht, uns sicherzustellen. Er war in allem so ordentlich. Ich hatte natürlich schon Befürchtungen, daß die Versicherung jetzt nicht ausgezahlt werden würde . . . unter diesen . . . Umständen. Ich habe mir die Bedingungen durchgelesen. Sie sind ja so klausuliert. Aber unser Anwalt sagt, daß alles seine Richtigkeit habe. Ein prächtiger Mensch. Er hat zusammen mit meinem Mann studiert. Landgerichtsanwalt Lund-Jensen. Sie kennen ihn vielleicht?«

»Nein. Haben Sie die Versicherungspolice hier?«

»Ja. Sie liegt dort in der Kristallschale. Hier ist sie. Bitte, wenn Sie sie sehen möchten.«

Der Polizeibeamte sah sich das Schriftstück etwas näher an.

»Doch, sie scheint einwandfrei zu sein. Es ist nicht gerade eine kleine Summe, mit der Ihr Mann versichert war. Aber die Versicherung ist ja schon vor langer Zeit abgeschlossen worden. So daß dagegen bestimmt nichts einzuwenden sein kann.«

»Ja. Sie wurde abgeschlossen, gleich nachdem wir geheiratet hatten. Wir haben immer darauf gesehen, daß solche Dinge ihre Ordnung hatten. Falls einem von uns etwas zustoßen sollte. Nun sieht man ja, wie gut es war, daß man an die Zukunft gedacht hat. Und wenn wir schon in all den Jahren dafür bezahlt haben, dann hätte es gerade noch gefehlt, daß sie ungültig sein sollte, wenn wirklich einmal Gebrauch davon gemacht werden muß.«

»Wann haben Sie Ihren Mann geheiratet?«

»Vor achtzehn Jahren. Das war in dem Jahr, als er seine Anstellung bekam – gleich nach dem Examen.«

»Haben Sie Kinder? Wieviel?«

»Wir haben nur Leif. Den armen kleinen Leif. Ich habe ihn zu meiner Schwester geschickt . . . Frau Oberarzt Mörtel. In diesen Tagen ist das Haus hier ja nicht der richtige Aufenthaltsort für ihn. Bei alldem, was nun auf uns zukommt. Er hätte ja irgend etwas hören können. Natürlich weiß er, daß unser lieber Vati tot ist. Aber er soll nicht erfahren, wie das zugegangen ist. Aber auf die Dauer . . . Wie läßt es sich auf die Dauer vermeiden, daß er etwas erfährt? Oh, wie kann man nur den Menschen, die man liebt, so viel Sorgen bereiten!«

»Leben die Eltern Ihres Mannes noch?«

»Nein, sie sind tot.«

»Hatte Ihr Mann Geschwister?«

»Nein. Er war das einzige Kind. Genau wie Leif.«

»Wissen Sie, ob jemand in der Familie Ihres Mannes geisteskrank war?«

8

Frau Amsted hatte sich in ihren Stuhl zurückgelehnt. Sie hielt die Hände vor das Gesicht, als denke sie gründlich nach. Dann schüttelte sie den Kopf.

»Jemand in der Familie geisteskrank? Nein, nein! Wie können Sie so etwas auch nur vermuten? In der Familie Amsted! Wie können Sie nur eine solche Frage stellen!«

»Geisteskrankheiten können in den besten Familien Vorkommen.«

»Gewiß, aber in der Familie meines Mannes gibt es so etwas nicht. Auf gar keinen Fall! Der Vater meines Mannes war ein netter alter Herr. Wirklich nett und liebenswert. Er war auch im Ministerium, genau wie mein Mann. Er war Ministerialrat. Und meine Schwiegermutter war ja so tüchtig. Sie führte selbst ihren Haushalt, opferte sich völlig für das Heim auf. Und sie vergötterte ihren Sohn, Nein, nein . . . ich habe nie gehört, daß es in der Familie je etwas . . . etwas Anormales gegeben hat! Ein Onkel meines Mannes war Assessor am Reichsgericht. Ein anderer war Propst. Es gab auch einen Ministerialdirektor Amsted. Das war ein Vetter meines Schwiegervaters. Und der Bruder der alten Frau Amsted war General Masen. In dieser Familie waren alle sehr tüchtige Menschen.«

»Hat Ihren Mann in letzter Zeit etwas besonderes beschäftigt?«

»Nein. Seine Arbeit im Ministerium nahm ihn natürlich sehr in Anspruch. Er war äußerst sorgfältig und akkurat. Sogar hier zu Hause hat er sich manchmal mit ministeriellen Dingen beschäftigt. Ich verstehe mich natürlich nicht auf so etwas. Aber ich weiß, daß er seine Arbeit liebte und darin aufging. Ich habe nie gehört, daß er mit irgend etwas im Ministerium unzufrieden gewesen wäre oder daß er sich dort gelangweilt hätte. Deshalb ist das, was er in seinem Brief über sein ›Wirken‹ schreibt, das ihn nicht befriedigt haben soll, auch so gänzlich unbegreiflich. Ich habe ihn nie sagen hören, daß er zu irgend etwas anderem Lust gehabt hätte. Er kam ja aus einer Beamtenfamilie. Früher einmal – als Kind – wollte er wohl Dichter oder Forscher oder so etwas werden. Aber ich wüßte nicht, daß er sich je über die Lebensstellung beklagt hätte, die er erwählt hatte und für die er ja auch geradezu geboren war.

Am meisten aber schätzte er sein Heim! Er liebte es, zu Hause zu sein. Er half Leif bei den Schularbeiten, vor allem in Mathematik und Deutsch. Leif ist ja unser einziges Kind. Wir möchten gern, daß er es im Leben zu etwas bringt. Ihm fällt das Lernen mitunter etwas schwer. Als sei er in Gedanken ganz woanders. Als habe er viel zuviel Phantasie. Das wird sich gewiß noch geben. Der Rektor glaubt das ebenfalls. Es gebe so viele Kinder, sagt er, die eine etwas zu lebhafte Phantasie haben, aber das lege sich. Das gehe vorüber. Meinen Mann allerdings konnte das ziemlich nervös machen. Heutzutage müssen die Kinder ja so viel in der Schule lernen. Viel mehr als wir damals. Aber wenn man in der Welt vorankommen will, muß man schon unter den Ersten sein. Und wenn der Vater und der Großvater so tüchtige Menschen waren, ist das schon eine Verpflichtung. Das haben wir auch immer zu Leif gesagt: ›Leif, ein Amsted sein, das verpflichtet!‹ Meistens war es ein Donnerstag, wenn Leif seine Mathematikaufgaben erledigte. Dann saßen wir alle dort drinnen im Eßzimmer und plagten uns damit ab. Leif weinte. Auch ich war oft den Tränen nahe. Und mein Mann sprach zornig auf den Jungen ein. Es konnte recht spät werden, bevor wir fertig waren. Wir sagten stets zu Leif: ›Warum wartest du bloß immer bis zum letzten Augenblick! Du hast dafür die ganze Woche über Zeit, doch es muß bis Donnerstag auf geschoben werden!‹ Natürlich sind das alles nur Bagatellen. Sonst macht sich Leif in der Schule sehr gut. Im letzten Jahr kam er auf den vierten Platz. Das ist doch sehr schön, nicht wahr?«

»Ja, doch.«

»Sogar der Rektor sagte vor einiger Zeit zu meinem Mann: ›Leif ist ein tüchtiger Junge!‹Und darauf waren wir stolz!«

»Hatte Ihr Mann keine besonderen Interessen – von seiner Arbeit im Ministerium einmal abgesehen?«

»Nein. Sein Heim war sein ein und alles. Ja, und dann war da übrigens noch seine Briefmarkensammlung. Er hatte über sechstausend Marken . . . natürlich verschiedene. Er tauschte mit seinen Kollegen im Ministerium. Er hielt auch eine philatelistische Zeitschrift und stand mit Sammlern in der Schweiz und in Holland im Briefwechsel. Das beschäftigte ihn sehr. Er klebte nicht bloß gewöhnliche Marken in seine Alben. Ihn interessierten vor allem Viererblocks. Sie wissen, wenn vier Marken Zusammenhängen. Und außerdem Fehldrucke und Wasserzeichen und so etwas. Er saß dort drinnen am Schreibtisch und hantierte mit seinen Wasserzeichensuchern, Pinzetten und Zähnungsschlüsseln und wie das alles heißt. Dafür opferte er nicht wenig. Aber wenn es ihn nun einmal interessierte! Nicht wahr? Ich habe ja von diesen Dingen keine Ahnung. Das ist etwas für Männer. Ich war jedoch froh, daß er dieses Hobby hatte. Andere Männer haben oft Hobbys, die außerhalb des Zuhause liegen. Nicht wahr? Ich war froh, daß er ein Interesse hatte, das ihn ans Heim band.«

»Natürlich . . . Gab es sonst noch etwas, was ihn interessierte oder womit er sich beschäftigte?«

»Nein. Doch. Er las viel. In erster Linie natürlich Zeitungen. Und die Bücher, die man kennen muß. Die Neuerscheinungen, die so herauskamen. Und dann las er manchmal auch solche dicken Bücher aus der Bibliothek. Doch das hing sicherlich mit seiner Arbeit im Ministerium zusammen. Jedenfalls war es etwas über Militärwesen und Kriegstechnik und Napoleon und dergleichen. Ein paar Bücher liegen übrigens noch dort drinnen auf seinem Schreibtisch. Ich habe ganz vergessen, sie zurückzugeben. Es gab ja so viel zu tun. Ich befürchte, die Leihzeit ist schon überschritten. Das ist aber meine Schuld. Teodor nahm so etwas sehr genau.«

»Ja, ja. Ich muß leider auch einen Blick in die Papiere Ihres Mannes werfen. Das werden Sie sicher verstehen. Ich bringe bestimmt nichts in Unordnung. Sie können ganz beruhigt sein. Und das, was wir zu sehen bekommen, behandeln wir natürlich mit der größten Diskretion. Doch unter den gegebenen Umständen müssen wir ja versuchen, irgendeinen Hinweis zu finden . . . wenigstens die Andeutung einer Erklärung für das, was passiert ist.«

»Behüte! Das Herrenzimmer ist hier.« Frau Amsted öffnete die Tür. »Ich kann der Polizei ja nichts verbieten. Aber Sie könnten sich auch ebensogut damit begnügen, mich nach dem, was Sie wissen wollen, zu fragen. Mein Mann hatte vor mir keine Geheimnisse. Absolut keine. In seinen Schubläden gibt es nichts, was ich nicht kenne. Es gibt keinen Brief, den er mir nicht gezeigt hat. In seinem Leben ist nichts vorgekommen, wovon er mir nicht erzählt hat. Unser Zusammenleben war nicht wie das anderer Menschen. Das können Sie mir glauben. Wir waren einander alles. Alles!«

Der Kriminalist hatte das Herrenzimmer betreten und verschaffte sich einen flüchtigen Überblick. Frau Amsted pustete ein paar Staubkörnchen vom Schreibtisch.

»Sie müssen entschuldigen, daß hier nicht geheizt ist. Und heute wurde auch nicht saubergemacht. Hätte ich nur gewußt, daß Sie kommen! Wir pflegen sonst immer das ganze Haus noch vor elf in Ordnung zu haben. Aber jetzt ist alles aus der Bahn geraten. Es ist mir peinlich, daß Sie es so zu sehen bekommen. Was muß die Polizei bloß denken! Es ist mir ja so peinlich, daß ich dem Mädchen freigegeben habe.«

»Machen Sie sich deswegen keine Kopfzerbrechen, gnädige Frau. Hier sieht es doch sehr ordentlich aus. Auch wenn es anders wäre, würde es keine Rolle spielen. Hat jemand nach dem Tode Ihres Mannes den Schreibtisch berührt?«

»Nein. Es liegt alles noch so da, wie er es verlassen hat. Ich habe überhaupt noch nicht daran gedacht, hier aufzuräumen. Oh, es ist ja so unheimlich, wenn man jetzt seine Sachen berühren muß! Ich habe alles so gelassen, wie es war.«

»Das ist ganz ausgezeichnet.«

Der Kriminalist nahm ein paar dicke Bücher, die auf dem Schreibtisch lagen, etwas näher in Augenschein. Er las die Titel und nickte bedeutungsvoll.

»Hm . . . ja . . . das ist also das, womit er sich in der letzten Zeit beschäftigt hat. Hermann Keule: Über die praktische Verwendung der Nitrogelatine. James Brattfield: About Dynamite. Böckmann: Die Explosivstoffe.«

9

Die Möbel im Herrenzimmer waren aus rauchfarbener Eiche. Es gab tiefe Ledersessel und Rauchtischchen, auf denen Kupfergarnituren und Streichholzschachteln in Haltern standen. Die Wände waren braun und die Übergardinen einen Ton dunkler, so daß nur sehr wenig Licht hereindrang.

»Das war seine Höhle«, sagte Frau Amsted, »wo er es sich abends mit einem guten Buch so richtig gemütlich machen konnte, wenn Leif seine Schularbeiten fertig hatte und zu Bett gegangen war.«

Auf dem Schreibtisch stand ein Foto von Frau Amsted und Leif, so daß der Regierungsrat seine Familie ständig vor Augen hatte, auch wenn sie sich zufällig in einem anderen Raum der Wohnung aufhalten sollte. Ein ähnliches Foto stand auch auf seinem Schreibtisch in der XIV. Abteilung des Kriegsministeriums.

»Er mußte uns stets in seiner Nähe haben. Seine Gedanken waren immer bei uns.«

Der Kriminalist hatte mit der Durchsuchung des Schreibtischs begonnen. Er ging zügig und systematisch vor. Man sah, daß er diese Arbeit gewohnt war und keine Unordnung hinterlassen würde, Frau Amsted brauchte keine Befürchtungen zu haben.

Auf der Schreibunterlage mit geprägten Lederecken lag ein Bogen Papier. Der Polizeibeamte erkannte sofort die zierliche, leicht lesbare Schrift des Kanzleirates. Das war offenbar das letzte, was er in diesem Leben geschrieben hatte. Oder war der Abschiedsbrief vielleicht noch später geschrieben worden?

Der Kriminalist überflog das Geschriebene. Es enthielt keinen Hinweis auf ein Motiv für den Tod des Kanzleirates.

». . . wobei die Leitung darauf hinweisen möchte, daß eine Übertragung von Rechnungen von einem Finanzjahr auf das nächstfolgende nicht statthaft ist, da die in jedem Finanzjahr für den jeweiligen Zweck bereitgestellten Bewilligungen – um so mehr, da es sich bei diesen um recht ansehnliche Beträge handelt – so zugemessen sind, daß man von ihnen zwangsläufig einen Einfluß auf den Umfang der im Heeresballonpark ohnehin anstehenden Maßnahmen erwarten muß, für deren Durchführung sich im nächsten Finanzjahr eine Möglichkeit bietet, sofern das bestehende Verbot der Überschreitung von Bewilligungen eingehalten wird.«

Das war allem Anschein nach ein ministerielles Schriftstück, mit dem sich der Kanzleirat in seiner Freizeit beschäftigt hatte. Das war jene Arbeit, die er nach Meinung seiner Frau so leidenschaftlich geliebt hatte.

Ein kleines Rechnungsbuch enthielt Herrn Amsteds rein persönliche Ausgaben: 1 x Straßenbahn vom Büro nach Hause – 20 Øre, 1 Abendzeitung – 10 Øre, 1 Schachtel Zigarillos – 1 Krone, 1 Herbstblume – 10 Øre. Alles verriet Gewissenhaftigkeit und Ordnungssinn.

In einer Schublade lagen Mietquittungen, Gas- und Stromrechnungen, die Steuerkarte sowie andere Belege. Außerdem vier Lotterielose – ein ganzes Los und drei Viertellose. Hier lagen auch die Policen für die Feuer- und Einbruchsversicherung, die Unfallversicherung sowie die Pflichtversicherung für das Hausmädchen und die Waschfrau. Warum aber lag dann die Police der Lebensversicherung in der Kristallschale auf dem Wohnzimmertisch? Weshalb bewahrte der ordnungsliebende Mann sie nicht zusammen mit all den anderen Policen in der Schublade auf? Vielleicht hatte Frau Amsted sie dort hingelegt. Vielleicht hatte sie, gleich nachdem sie vom Tod ihres Mannes erfahren hatte, an die Lebensversicherung gedacht.

Im Schreibtisch fand der Kriminalist eine in Fächer unterteilte Schachtel mit Briefmarken. Er fand Briefpapier und gefütterte Umschläge. Einen Packen Briefkarten. Siegellack und Petschaft und übriggebliebene Weihnachtskarten.

Da gab es ein Tintenfaß aus Metall, eine kleine Fahnenstange aus Messing, einen Tintenlöscher aus grünspaniger Bronze, ein paar Zinnaschenbecher, eine silberne Zigarrenkiste und einen Messingständer für den Füllfederhalter. Und dann lag da noch eine eingetrocknete Hundepfote in Silberfassung. Sie hatte einmal zu dem rechten Vorderbein eines Dackels gehört, jenem Bein, mit dem er Pfötchen geben konnte. Diesen Hund hatte die Familie besessen, als der Kanzleirat noch ein Junge war. Und als das Tier starb, hatte er sich so darüber gegrämt, daß sein Vater, um ihn zu trösten, diese Pfote präparieren und einfassen ließ. Nun wurden damit Krümel und Radierrückstände von der Schreibunterlage gewischt.

Da gab es einen Kalender, in dem die Bridge-Abende eingetragen waren, und Mitgliedskarten verschiedener Vereine. Da standen Schachteln mit Visitenkarten, Reißzwecken, Büroklammern, Bleistiftanspitzern, Radiergummis und Tintenwischern.

Der Kriminalbeamte fand einen Briefbeschwerer in Form einer kleinen Granate und einen Miniatursäbel, der als Papiermesser benutzt wurde. Doch abgesehen von dem Briefbeschwerer und den sprengstoffwissenschaftlichen Werken auf dem Schreibtisch fand er nichts, was an Tod und Vernichtung denken ließ oder irgendeine Erklärung für den exzentrischen Selbstmord Kanzleirat Amsteds gab.

Nun kam der Wandschrank an die Reihe. Dort hatten die Briefmarkensammlung, die Kataloge und all die anderen philatelistischen Hilfsmittel ihren Platz. Außerdem ein Bankbuch über vierhundertfünfzig Kronen, ein Sparkassenbuch über zweitausendvierhundert Kronen und ein Schulsparbuch auf Leifs Namen über zweihundertsiebenundsechzig Kronen und fünfundsiebzig Øre – das mühselig verdiente Zensurengeld des Jungen. »Wenn er einmal Student ist, wird er über dieses Geld froh sein. Wir erziehen ihn zum Sparen. Lieber das Geld zur Bank bringen, als es rausschmeißen für Näschereien und Lakritze und wie das alles heißt. Und wenn er sein Versprechen hält und nicht raucht, bevor er zwanzig ist, bekommt er von seinem Vater einhundert Kronen!«

In diesem Schrank wurden auch die Papiere der Familie aufbewahrt: Tauf- und Konfirmationsscheine, Impfausweise, die Heiratsurkunde und andere Dokumente. Und dort lagen auch Amsteds Examenszeugnisse und sein akademischer Bürgerbrief sowie andere bedeutsame und ehrenvolle Schreiben, wie zum Beispiel eine handschriftliche Danksagung vom Chef des Hausherrn für eine Aufmerksamkeit aus Anlaß seines sechzigsten Geburtstages.

Auch alte Briefe wurden dort aufgehoben. Sorgfältig mit Gummibändern verschnürt. Briefe von Frau Amsted, geschrieben in den Ferien, wenn einige Tage der Trennung unvermeidlich waren, Briefe, in denen über Leifs Gesundheit und Betragen berichtet wurde. Keiner von ihnen enthielt auch nur eine Anspielung auf eheliche Verwicklungen oder irgend etwas anderes, was zu einem Selbstmord hätte führen können.

Es gab Fotos in Schachteln und Fotos in Alben. Alte Bilder von den tüchtigen Mitgliedern der Familie Amsted. Und Amateurfotos aus den Ferien und von Ausflügen. Leifs erste Schritte. Fotos aus der Schulzeit, auf dicke Pappe geklebt. Die Klasse in sinnreicher Aufstellung, mit einem verhaßten Lehrer in der Mitte. Und ein Foto von der ganzen Korona als Abiturienten, alle mit weißer Studentenmütze und einer weißen Nelke im Knopfloch.

Da lagen alte Erinnerungsstücke und kleine Souvenirs. Ansichtskarten vom Kullen, von den Düppeler Schanzen und vom Grejsdal bei Vejle. Ein kleiner lackierter Holzschuh mit einem Gruß vom Himmelbjerget. Ein merkwürdig geformter Stein. Ein Stückchen Bernstein. Alles Dinge, die nie hervorgeholt oder betrachtet wurden, die aber nun einmal in diesem Schrank lagen und deshalb auch dort liegenbleiben mußten.

Bei den Fotos fanden sich auch einige Zeitungsausschnitte. Unter anderem ein Nachruf auf den alten Amsted – Ministerialrat Valdemar Amsted; dem Nachruf zufolge mußte er als Mensch und Beamter gleichermaßen überragend gewesen sein. Es gab noch weitere Zeitungsausschnitte, die den Vater betrafen. Kurze Mitteilungen über Ordensverleihungen, seinen siebzigsten Geburtstag und über Neujahrsempfänge. Mit schöner Sohnespietät ausgeschnitten und für die Nachwelt aufbewahrt. Hier konnte Leif später einmal über seinen Großvater nachlesen. Über Teodor Amsted würde sich nun sicher eine ansehnliche Menge Zeitungsausschnitte sammeln lassen – aber die würde man ganz bestimmt nicht aufbewahren. Auf diese Weise erwähnt zu werden war nicht verdienstvoll.

Da gab es übrigens auch einen Zeitungsausschnitt über Ministerialrat Herluf Ohmfeldt, Kanzleirat Amsteds Vorgesetzten in der XIV. Abteilung des Kriegsministeriums. Es war ein Artikel aus Anlaß des sechzigsten Geburtstages dieses hervorragenden Beamten. Mit einem Bild von ihm. Wer aber mochte dem Ministerialrat mit Tinte Bart und Brille angemalt haben? War das Leif gewesen oder ein anderes Kind? Oder hatte es ein erwachsener geistesabwesender Mann getan? Der kriminalrat besah sich das Ganze etwas genauer. Quer über den Zeitungsausschnitt stand mit ordentlicher und zierlicher Schrift geschrieben: Bandit, Bandit, Bandit . . . Es war Kanzleirat Amsteds akkurate Schrift. Bestimmt hatte er das in Gedanken getan. Dennoch – der verstorbene Kanzleirat schien seinen Chef offenbar nicht geliebt zu haben.

Es wurde nichts in Unordnung gebracht. Der Kriminalist ging alles systematisch und fachgerecht durch, Schublade um Schublade. Alle Schränke und Fächer. Auch die Sachen im Kleiderschrank wurden durchsucht. Die grauen Kleidungsstücke aus dem vorzüglichen englischen Qualitätsstoff Chestertown-Deverill, dessen Alleinvertretung ein gewisser Schneidermeister Holm besaß. Ein paar Knöpfe wurden mitgenommen, um sie eingehend mit denen zu vergleichen, die auf dem Fælled gefunden worden waren. Und die Umrisse eines Schuhs des verstorbenen Kanzleirats wurden sorgfältig nachgezeichnet.

Der Kriminalist schrieb etwas in sein Notizbuch, räusperte sich und nickte bedeutungsvoll. Doch er hatte nichts gefunden. Er hatte nichts endeckt, was irgendwie eine bestimmte Theorie bestätigen konnte, für die der junge Polizist – ganz auf eigene Faust – Beweise suchte.

10

Das rote Gebäude auf Slotsholmen ist eine merkwürdige Stätte. Nichts an der Außenfront dieses Hauses verrät, wozu es eigentlich dient. Weder eine Aufschrift noch irgendwelche Schilder geben darüber Auskunft, was in seinem Inneren vor sich geht.

Das ehrwürdige, alte Gebäude steht mit einer Reihe anderer älterer und neuerer Bauwerke in Verbindung, die ursprünglich zu den unterschiedlichsten Zwecken errichtet wurden. Es ist ein riesiger Komplex. Ein Städtchen für sich, das schweigend und geheimnisvoll daliegt. Ein friedvoller Ort im Zentrum der Stadt. Eine kleine, isolierte Stadt inmitten der großen.

Auf den Dächern und Gesimsen nisten Unmengen von Tauben. Und wenn sich zu bestimmten Tageszeiten ein älterer Herr mit einer Tüte Erbsen in der Hand zeigt, flattern sie wie eine Wolke herbei. Sollte er sterben oder das Pensionsalter erreichen, werden die Tauben noch ein paar Tage zur üblichen Zeit herbeigeflattert kommen. Erst nach einer gewissen Zeit würden sie merken, daß es nun keine Erbsen mehr zu holen gab.

Aber es gibt noch andere Herren, die zu anderen bestimmten Zeiten die Tauben füttern. Und die Tauben leben und gedeihen und beschmutzen mit ihren Exkrementen die Gebäude, ungeachtet der wechselnden Generationen, die kommen und gehen.

Dieser Gebäudekomplex beherbergt Dänemarks Zentrale Verwaltung. Hier befindet sich der Lebensnerv des Reiches. Von hier strahlen jene Kräfte aus, die die ganze Gesellschaft in Schwung halten. Hier hat der Staat seinen Sitz.

An der Fassade nach Christiansborg zu hängt ein Schild: Nachtglocke des Generalstabes. Sollte der Frieden außerhalb der Bürozeit gebrochen werden, kann das Heer durch einen Zug an diesem Glockenstrang zu den Waffen gerufen werden.

Dies ist das einzige Schild an und in dem gesamten Komplex. Es gibt zahllose Eingänge und Türen, doch wohin sie führen, verrät weder eine Inschrift noch eine Tafel. Man sieht auch keine Schilder, Wegweiser, Richtungspfeile oder weisende Hände, mit deren Hilfe man sich in den vielen Gängen, Höfen, Treppen und Korridoren orientieren könnte.

Und es gibt offensichtlich auch keine Pförtner, Aufseher oder Wächter. Das Gebäude der Zentralen Verwaltung ist für ein und jeden offen und zugänglich. Die kostbarsten Geheimnisse des Reiches werden nur durch ein Yale-Schloß beschützt.

Im Innern des Gebäudes herrscht die vollkommenste Stille. Kein Laut dringt durch die vielen Türen. Kein Schreibmaschinengeklapper. Kein Schurren von Stühlen. Keine menschlichen Stimmen.

Ein einsamer Mann geht durch das Gebäude. Er durchwandert lange Gänge. Er steigt bedächtig viele Treppen hinauf. Er betrachtet forschend die geschlossenen Türen. Und manchmal bleibt er stehen und lauscht angespannt.

Ein Mann mit Windjacke und Fahrradklemmen an den Hosenbeinen. Es ist ein Kriminalpolizist, der ein bestimmtes Büro sucht. Er ist beauftragt worden, wegen Kanzleirat Amsteds Tod einige Auskünfte einzuholen. Und nun vertrödelt er seine Zeit mit Suchen. Für einen Kriminalisten ist das eine unangenehme Situation. Im Polizeipräsidium würden sie über ihn lachen, wenn sie ihn so sehen könnten.

Er hört eine Tür gehen. Ein Mann ist auf dem Gang erschienen und kommt auf ihn zu. Er ist der erste Mensch, dem er in diesem Gebäude begegnet.

»Entschuldigung, könnten Sie mir vielleicht sagen, wo die XIV. Abteilung des Kriegsministeriums ist?«

Der Mann bleibt stehen. Er trägt eine Alpaka-Jacke. Er muß hier aus dem Gebäude sein. Er sieht den Kriminalisten ein paar Sekunden lang mit seltsam leerem Blick an. Dann geht er langsam weiter.

»Die XIV. Abteilung des Kriegsministeriums?«

Keine Antwort. Der Mann geht weiter, ohne sich umzudrehen. Der Kriminalist schaut ihm nach.

Er setzt seine Suche fort. Er klopft an mehreren Türen, doch es bleibt still dahinter. Sein Blick schweift durch lange Flure, doch es ist niemand zu sehen.

Dann öffnet sich abermals eine Tür, und ein Mann tritt heraus.

»Würden Sie mir sagen, wo die XIV. Abteilung des Kriegsministeriums ist?«

Der Mann hört den Kriminalisten nicht. Er sieht ihn auch nicht. Er überquert den Korridor mit einem Papier in der Hand.

»Hallo! Sie da! Wo ist die XIV. Abteilung des Kriegsministeriums?«

Der Mann verschwindet auf der anderen Seite des Korridors durch eine Tür, die er hinter sich schließt.

Es ist wie ein böser Traum. Wie Odysseus Besuch im Reich der Schatten.

Der einsame Kriminalist irrt weiter durch das verhexte Gebäude. Er hat fast schon alle Hoffnung aufgegeben.

Doch da zeigt sich wiederum ein Mensch. Eine Frau mit Eimer und Schrubber kommt den Gang entlang. Offensichtlich eine Reinemachefrau. Der Kriminalpolizist spricht sie mit lauter Stimme an.

»Wissen Sie, wo das Kriegsministerium ist? Ich suche die XIV. Abteilung.«

Und diesmal erhält er eine Antwort. »Das Kriegsministerium – das ist höher. Ganz oben. Sie müssen dort den Gang links entlang, und dann ist es die dritte Tür rechts.«

»Danke. Herzlichen Dank. Das war sehr freundlich von Ihnen.« Er sieht sie dankbar an und eilt weiter.

Auf sein Klopfen bleibt alles still. Er öffnet die Tür und betritt einen sehr langen Raum, der durch Trennwände gleichsam in Zellen unterteilt ist.

In der ersten Zelle sitzt ein Mann am Schreibtisch und starrt vor sich hin. Wahrscheinlich ist er so eine Art Wächter. Er trägt eine altmodische goldene Lorgnette an einer schwarzen Schnur, einen sehr hohen Vatermörder und lose, gestärkte Manschetten, die ihm weit auf die Hände herabgerutscht sind.

»Guten Tag. Ist dies die XIV. Abteilung des Kriegsministeriums?«

Keine Antwort.

»Ich bin von der Polizei und muß im Zusammenhang mit einem Selbstmord einige Auskünfte einholen.«

Keine Antwort.

»Hallo! – Hören Sie denn nicht? Polizei!«

Noch immer keine Antwort.

Und nun entdeckt der Kriminalist, daß der Mann schläft. Der Mann schläft mit offenen Augen und aufrecht am Schreibtisch sitzend. Das ist eine Kunst, die zu erlernen er Jahre gebraucht haben muß.

Der Kriminalbeamte geht zur nächsten Zelle. Der Mann dort drinnen hat die Arme vor sich auf den Tisch und den Kopf auf die Arme gelegt, so daß sein Gesicht nicht zu sehen ist. Auch er schläft. Allerdings auf eine etwas gewöhnlichere Weise.

In der dritten Zelle sitzt ein Mann zurückgelehnt auf dem Stuhl, die Füße auf dem Schreibtisch. Doch er ist offensichtlich wach. Er liest ein Buch. Der Kriminalist mit seinem scharfen Blick erkennt sofort, daß es Stevensons »Schatzinsel« ist.

»Bin ich hier in der XIV. Abteilung des Kriegsministeriums?«

»Ja. Was wünschen Sie?« Der Mann läßt das Buch sinken und blickt den Kriminalisten unwillig an. Es ist der Sohn des Ministerratssekretärs.

»Polizei. Ich brauche einige Auskünfte über Kanzleirat Amsted.«

»Dann sprechen Sie besser mit dem Ministerialrat. Ich bin nicht kompetent, mich in dieser Angelegenheit zu äußern. Die Tür dort . . .« Und der Sohn des Ministerratssekretärs versenkt sich wieder in die Lektüre des spannenden Romans von Stevenson.

11

Ministerialrat Ohmfeldt war damit beschäftigt, ein Rundschreiben über das Verhalten im Büro aufzusetzen.

Er arbeitete von Zeit zu Zeit solche Schreiben aus, die er dann durch die Tür ins Vorzimmer hinausreichte. Daraufhin zirkulierte das Schreiben unter dem Personal, das zum Nachweis dafür, daß es das Rundschreiben gelesen hatte, seinen Namen daruntersetzen und dann die gegebenen Instruktionen zur Kenntis nehmen mußte.

Wenn das Rundschreiben die Runde gemacht hatte, wurde es dem Ministerialrat wieder durch die Tür zurückgereicht, Und wenn es dann mit Datum, Stempel, Signatur, Journal- und Registriernummer versehen worden war, wurde es nebst einem Durchschlag ordnungsgemäß abgeheftet und aufbewahrt, so daß sich kommende Generationen noch nach Jahrhunderten jederzeit mit den Instruktionen für das Verhalten im Büro der XIV. Abteilung des Kriegsministeriums vertraut machen konnten, die der Leiter dieser Dienststelle von Zeit zu Zeit für sein Personal abfaßte.

Für die Ausarbeitung dieses Rundschreibens war fast der ganze Vormittag draufgegangen. Der Ministerialrat hatte etliche Varianten ausgearbeitet. Und nun war er bei der Reinschrift.

»In der vergangenen Woche wurde versäumt, den Haken des der Slotsholmgade zugewandten obersten Fensters nach dem Öffnen desselbigen in Funktion zu setzen, so daß das Fenster mit anderen Worten zuschlug. Soweit bekannt, ist dies bereits schon einmal der Fall gewesen, mit dem Ergebnis, daß die Scheibe auf Grund des durch den Wind verursachten fortwährenden Ranschlagens des Fensters zerbrach, wobei sowohl auf den Bürgersteig als auch auf die Fahrbahn Glasscherben hinabfielen. Obzwar man voraussetzen dürfte, daß alle hier in der Abteilung Beschäftigten jederzeit bestrebt sind, die erforderliche Vorsicht walten zu lassen und die beschriebene Vorrichtung in Funktion zu setzen, wenn aus irgendeinem Grund Anlaß zum Öffnen eines Fensters bestehen sollte, möchte ich dennoch daran erinnern, daß die XIV. Abteilung des Kriegsministeriums nicht nur für die sich aus dem Zerbrechen der Scheibe ergebenden Ausgaben haftet, sondern daß das Ministerium gegebenenfalls auch für Schadenersatzforderungen der durch herabfallende Glasscherben eventuell verursachten Beschädigungen oder Verletzungen Vorbeigehender oder Vorbeifahrender aufzukommen hat, wobei auch an die polizeilichen Bestimmungen im Hinblick auf offenstehende Fenster, die öffentlichen Wegen, Plätzen oder Straßen zugewandt sind, erinnert werden soll. Herluf Ohmfeldt«

Der Ministerialrat war über den Besuch der Polizei nicht sonderlich erfreut.

»Ich war der Meinung, alles Erforderliche getan zu haben, indem ich das Polizeipräsidium telefonisch von dem mir von Kanzleirat Amsted zugegangenen Brief in Kenntnis setzte, in welchem er von seinem befremdenden und bedauerlichen Selbstmord Mitteilung machte. Gleichzeitig damit wurde dieser Brief der Polizei auf dem Postwege – als Einschreiben – zugestellt. Ich kann nicht einsehen, daß wir hier im Büro in der Lage sein sollten, der Polizei irgendwelche Informationen zu geben, die zur weiteren Klärung der bedauerlichen Angelegenheit führen könnten.«

»Ich würde aber dennoch gern ein paar Fragen stellen. Wie konnte es geschehen, daß Kanzleirat Amsteds Brief, den er am selben Tag, an dem der Selbstmord stattfand, geschrieben und abgeschickt hatte, erst so spät gelesen wurde?«

»Das liegt in der Geschäftsordnung dieses Büros begründet. Unter normalen Umständen würde ein Schreiben an das Ministerium erst viel später gelesen werden, als es mit dem fraglichen Brief der Fall war. Wenn mir der Inhalt des Briefes von Kanzleirat Amsted trotzdem zu einem so frühen Zeitpunkt bekannt wurde, so lag das daran, daß der Brief an mich persönlich gerichtet war, was mich zu glauben berechtigte, daß sein Inhalt einen rein privaten Charakter hatte, was insofern ja auch zutraf.«

»Kanzleirat Amsted bekam an dem Tag, als er das Büro zum letzten Mal verließ, selbst einen Brief. Also an dem Tag, an dem er Selbstmord beging. Nach dem, was der Polizei mitgeteilt wurde, traf dieser Brief gegen vierzehn Uhr ein, und unmittelbar darauf verließ der Kanzleirat das Büro. Des weiteren wurde angegeben, dieser Brief habe Kanzleirat Amsted offenbar in einen gewissen Affekt versetzt, und deshalb besteht Grund zu der Vermutung, daß der erhaltene Brief in irgendeiner Weise mit seinem Entschluß, sich das Leben zu nehmen, in Verbindung gestanden haben muß.«

»Ja, zu dieser Annahme besteht sicherlich Grund.«

»Hat dieser Brief auch den üblichen Postweg des Büros durchlaufen? Ich frage das, weil es von Bedeutung ist zu erfahren, wieviel Zeit vom Absenden des Briefes bis zu seinem Eintreffen bei Kanzleirat Amsted vergangen sein mag.«

»Soweit ich unterrichtet bin, wurde der fragliche Brief Herrn Amsted durch Boten überbracht – vermutlich durch einen Boten vom Postkiosk. Der Brief ist nicht mit der Ministeriumspost eingegangen und hat deshalb auch nicht den üblichen Dienstweg genommen, sondern ist Herrn Amsted persönlich von dem Boten ausgehändigt worden. Darum kann auch zwischen seiner Absendung und seinem Empfang nicht viel Zeit vergangen sein.«

»Danke, das war eine sehr wichtige Information. Nun noch eine Frage, Herr Ministerialrat. Hat man hier im Ministerium irgendeine Vermutung, welchen Beweggrund Kanzleirat Amsted für seine verzweifelte Tat gehabt haben könnte?«

»Nein. Hier hat niemand auch nur im mindesten eine Ahnung von seinen Beweggründen.«

»Welchen Eindruck hatten Sie von Herrn Amsted? War er nervös und unausgeglichen? War er in letzter Zeit verändert?«

»Nein. Keineswegs. Kanzleirat Amsted war ein ruhiger und beherrschter Mann.«

»War er in der Dienststelle beliebt?«

»Ja. Kanzleirat Amsted war beliebt und wurde von uns allen geachtet.«

»Gab es nie Schwierigkeiten irgendwelcher Art? Zum Beispiel in Hinblick auf seine Arbeit?«

»Nein. Absolut nicht. Es bestand nie Grund, Kanzleirat Amsteds Arbeit zu kritisieren. Er war in jeder Beziehung sorgfältig, zuverlässig. Er war ein Ordnungsmensch. Tüchtig und gewissenhaft. Ein durch und durch korrekter und hervorragender Beamter.«

»Wie war Ihre persönliche Meinung von ihm?«

»Rein persönlich hatte ich von Kanzleirat Amsted den allerbesten Eindruck. Ich hegte sowohl für ihn selbst als auch für seine Gattin Hochachtung. Zu bestimmten Anlässen waren beide Gäste meines Hauses. Ich fand das Ehepaar außerordentlich ansprechend.«

»Gab es nie irgendwelche Reibereien?«

»Nein. Nie. Ich kann mich an keine einzige Gelegenheit erinnern, die Anlaß gegeben hätte, mit Kanzleirat Amsted unzufrieden zu sein.«

»Und kam der Kanzleirat mit seinen Kollegen gut aus?«

»Ja. Soweit mir bekannt ist, bestand zwischen ihm und den anderen Angestellten des Büros das beste Einvernehmen.«

»Und niemand hat auch nur die geringste Vermutung oder irgendeinen Verdacht, was die Ursache des Selbstmordes gewesen sein könnte?«

»Nein. Es ist uns allen völlig unverständlich. Meines Erachtens kann nur von einem krankhaften Anfall die Rede sein. Von Geistesverwirrung.«

In der XIV. Abteilung des Kriegsministeriums war nicht viel in Erfahrung zu bringen. Auch die Gespräche mit den anderen Beamten der Dienststelle brachten kein Licht in die Angelegenheit. Kanzleirat Amsteds Kollegen waren nicht in der Lage, den Angaben ihres Vorgesetzten etwas hinzuzufügen.

»Es gab nichts Auffälliges an Kanzleirat Amsted – auch nicht in der letzten Zeit. Er war tüchtig und korrekt. Niemand kann ihm etwas nachsagen«, erklärte Regierungsassessor Hougaard.

»Er war nett und aufmerksam. Ein Gentleman. Ein tüchtiger und kultivierter Mensch!« sagte Fräulein Lilienfeldt.

Es hatte keine Reibereien gegeben. Keine Feindschaft. Keinen Neid. Nichts, was darauf hindeutete, daß der Verstorbene mit irgend etwas im Ministerium unzufrieden gewesen sein könnte.

Die braune Mappe, die er an jenem folgenschweren Tag vergessen hatte, enthielt nur eine Morgenzeitung vom 9. Oktober und eine kleine Schachtel Zigarillos. Auch seine Schreibtischschublade und sein Schrank enthielten nichts, was für den Fall von Interesse gewesen wäre. Dort fanden sich nur Papiere rein dienstlichen Charakters.

Die private Kaffeetasse des Kanzleirates und das gerahmte Foto seiner Frau und seines Sohnes sollten ebenso wie seine Aktenmappe und sein Spazierstock der Witwe zugestellt werden.

Das einzige Bedeutungsvolle, was der Detektiv bei seinem Besuch in dem roten Gebäude in Erfahrung bringen konnte, war, daß der Brief, der Kanzleirat Amsted sichte lich in Affekt versetzt und ihn offenbar bewogen hatte, das Büro in größter Eile zu verlassen, durch einen Kioskboten zugestellt worden war.

Dem Kriminalisten fiel es verhältnismäßig leicht, den Kiosk zu ermitteln, in dem der Brief aufgegeben worden war. Es war der Kiosk auf Kongens Nytorv. Dort konnte man überdies die Quittung vorweisen, auf der Kanzleirat Amsted den Empfang eigenhändig bestätigt hatte.

Die Frau, die an dem betreffenden Tag im Kiosk Dienst gehabt hatte, war sogar in der Lage, sich an die Person zu erinnern, die den Brief im Kiosk aufgegeben hatte. Es war ein kleiner Junge gewesen.

Damit war man aber um keinen Schritt weiter. Der Junge konnte natürlich nicht der eigentliche Absender des Briefes sein. Seine Beschreibung paßte nicht auf Leif. Außerdem war Leif zu jenem Zeitpunkt in der Schule gewesen. Sicherlich war es irgendein Junge, den der Absender des Briefes für den Botengang bezahlt hatte, weil er selbst am Kiosk nicht gesehen werden wollte.

Wer war aber diese Person?

Der junge Polizist machte sich über den Fall so seine eigenen, privaten Gedanken. Es waren jedoch reine Vermutungen, und er würde sich hüten, darüber etwas im Polizeipräsidium verlauten zu lassen.

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