Kitabı oku: «Wilhelm Dilthey»

Cover
UTB 3486
Eine Arbeitsgemeinschaft der Verlage
Böhlau Verlag · Wien · Köln · Weimar
Verlag Barbara Budrich · Opladen · Farmington Hills
facultas.wuv · Wien
Wilhelm Fink · München
A. Francke Verlag · Tübingen und Basel
Haupt Verlag · Bern · Stuttgart · Wien
Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung · Bad Heilbrunn
Mohr Siebeck · Tübingen
Nomos Verlagsgesellschaft · Baden-Baden
Orell Füssli Verlag · Zürich
Ernst Reinhardt Verlag · München · Basel
Ferdinand Schöningh · Paderborn · München · Wien · Zürich
Eugen Ulmer Verlag · Stuttgart
UVK Verlagsgesellschaft · Konstanz, mit UVK/Lucius · München
Vandenhoeck & Ruprecht · Göttingen · Oakville
vdf Hochschulverlag AG an der ETH · Zürich
Hans-Ulrich Lessing
Wilhelm Dilthey
Eine Einführung
BÖHLAU VERLAG KÖLN WEIMAR WIEN · 2011
Impressum
Hans-Ulrich Lessing ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Dilthey-Forschungsstelle und apl. Professor an der Universität Bochum.
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
ISBN 978-3-8252-3486-7 (UTB)
ISBN 978-3-412-20667-3 (Böhlau)
© 2011 by Böhlau Verlag GmbH & Cie, Köln Weimar Wien
Ursulaplatz 1, D-50668 Köln, www.boehlau-verlag.com
Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.
Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig.
Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
Satz: synpannier. Gestaltung & Wissenschaftskommunikation, Bielefeld
Druck und Bindung: AALEXX Buchproduktion GmbH, Großburgwedel
Gedruckt auf chlor- und säurefreiem Papier
Printed in Germany
ISBN 978-3-8252-3486-7
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Cover
Impressum
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Einleitung: Warum Dilthey?
1 Wilhelm Dilthey: Basisdaten zu Leben und Werk
2 Das Projekt einer philosophischen Grundlegung der Geisteswissenschaften: die Einleitung in die Geisteswissenschaften
3 Philosophie des Lebens
4 Die Konzeption einer deskriptiven oder Strukturpsychologie
5 Hermeneutik
6 Die späte Philosophie der Geisteswissenschaften: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften
7 Die Weltanschauungslehre
8 Stichworte zur Rezeptions- und Wirkungsgeschichte
Anhang
Kurzbiographie
Literaturverzeichnis
Personenregister
Backcover
Für meine Töchter Ann-Kathrin und Kirsten
Vorwort
Mit der vorliegenden Einführung in das umfangreiche philosophische Werk Wilhelm Diltheys, die als Resultat einer jahrzehntelangen Beschäftigung mit Dilthey und seinem Denken im Jahr seines 100. Todestages erscheint, verbinde ich die Absicht einer ebenso elementaren wie kompakten Präsentation seiner zentralen Theorien, Thesen und Begriffe, von denen man mit guten Gründen annehmen kann, dass sie, insbesondere auch für die zukünftige Auseinandersetzung um Wesen, Funktion und Methodologie der Geisteswissenschaften, von bleibender Bedeutung sein werden.
Im Zentrum der hier vorgelegten Darstellung von Diltheys Philosophie, die den gewagten Versuch unternimmt, auf knappem Raum die wesentlichen Inhalte seines aspektreichen philosophischen Denkens zu vergegenwärtigen, steht sein Lebensprojekt einer umfassenden (lebens-)philosophischen Grundlegung der Geisteswissenschaften, die Dilthey auch – im Anschluss an Kant – als die Aufgabe einer „Kritik der historischen Vernunft“ bezeichnet hat.
Das Buch bietet keine systematische Auseinandersetzung mit Diltheys Philosophie, keine Entwicklungsgeschichte und keine Systematisierung des diltheyschen Denkens, sondern den möglichst textnah angelegten Versuch einer konzentrierten Darlegung seiner philosophischen Grundgedanken und -motive unter Berücksichtigung der Hauptetappen seiner Theorieentwicklung, wobei Vereinfachungen nicht immer zu vermeiden waren.
Wegen des beschränkten Umfangs des Buches, bei dessen Ausarbeitung auf einige Vorarbeiten zurückgegriffen werden konnte, musste auf eine Vorstellung von Diltheys biographisch-geistesgeschichtlichen und philosophie- und literargeschichtlichen Arbeiten ebenso verzichtet werden wie auf eine eingehendere Beschäftigung mit seinen poetologischen,
[7] Seitenzahlen der gedruckten Ausgabe
ethischen und pädagogischen Schriften. Aus demselben Grunde unterblieben Hinweise auf die Forschungsliteratur und eine kritische Diskussion abweichender Interpretationsansätze. Die Primärliteratur und wichtige Titel der deutschsprachigen Sekundärliteratur sind im Literaturverzeichnis zusammengestellt.
Zitiert wird aus Diltheys Gesammelten Schriften (GS) unter der bloßen Angabe der (römischen) Band- und der (arabischen) Seitenzahl, aus der Vorrede zur Einleitung in die Geisteswissenschaften mit kleingestellten römischen Seitenzahlen, aus dem ersten Band von Diltheys Briefwechsel, aus dem Jungen Dilthey und aus dem Briefwechsel Dilthey-Yorck unter den Siglen „BW I“, „J“ und „B“. Hervorhebungen im Text werden durch Kursivierung wiedergegeben.
Februar 2011
Hans-Ulrich Lessing
[8]
Einleitung: Warum Dilthey?
Wilhelm Dilthey (1833 – 1911) zählt – neben Friedrich Nietzsche und Edmund Husserl – zu den wichtigsten deutschsprachigen Philosophen der zweiten Hälfte des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts. Sein Name ist eng mit den Geisteswissenschaften, der Hermeneutik und der Entwicklung einer nicht-naturalistischen, „verstehenden“ Psychologie verbunden. Seine entsprechenden Thesen und Theorien werden in den einschlägigen Debatten noch immer diskutiert, und sein Werk, das in einer umfangreichen Ausgabe vorliegt, hat mittlerweile eine kaum mehr zu überblickende Anzahl von Forschungsarbeiten veranlasst. Auf zahlreichen Kongressen und Kolloquien hat man sich mit seinen Gedanken auseinandergesetzt. Seine Texte wurden in fast alle Weltsprachen übersetzt; so gibt es inzwischen amerikanische, französische, russische, japanische und portugiesische Ausgaben seiner Werke sowie eine Fülle von Übersetzungen ins Italienische. Dilthey ist also – obwohl ein Autor, der im 19. Jahrhundert verwurzelt ist – ein Philosoph, dessen Werk noch lebendig ist, immer noch zu denken gibt und zu Interpretation, Auseinandersetzung und Fortführung herausfordert.
Dilthey vertritt eine historisch-hermeneutische Philosophie des Lebens, und die Grundbegriffe seiner Philosophie sind neben „Leben“, „Erleben“ und „Erlebnis“ vor allem „Verstehen“, „Struktur“, „Zusammenhang“; hinzukommen im Spätwerk die Begriffe „Ausdruck“, „Lebensbezug“, „Wirkungszusammenhang“ und „objektiver Geist“. Sein reiches Lebenswerk umfasst Bücher und Schriften zu fast allen Disziplinen der Philosophie, insbesondere zur Erkenntnistheorie und Logik, zur Ethik, Ästhetik, Psychologie, Pädagogik und Poetik sowie darüber hinaus zur Philosophie- und Geistesgeschichte und zur Literaturgeschichte.
Aus seinem Werk ragen drei Lebensprojekte heraus, die ihn über weite Strecken seiner wissenschaftlichen Biographie in Atem gehalten haben,
[9] Seitenzahlen der gedruckten Ausgabe
ein biographisches, ein systematisch-philosophisches und ein geistesgeschichtliches.
Am Beginn von Diltheys Laufbahn steht, nach kirchen- und philosophiegeschichtlichen Forschungen, die Beschäftigung mit Leben und Werk des protestantischen Theologen Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, die in der großen Schleiermacher-Biographie Leben Schleiermachers kulminiert, deren erster (und einziger) Band 1870 erschien. Diese Lebensgeschichte, die zugleich eine sehr fundierte und fulminante Geistes- und Kulturgeschichte der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Deutschland bietet, war angeregt durch die Beteiligung an der Edition des Schleiermacher-Briefwechsels, die Dilthey nach dem Tod des Herausgebers allein weiterführte. Aus der Einleitung zum ersten vom ihm edierten Band der Briefe, die Dilthey wegen des Einspruchs der Schleiermacher-Familie nicht publizieren durfte, erwuchs der Plan zu einer umfangreichen Biographie, die ihn – auch nach der Publikation des ersten Bandes – mit Unterbrechungen jahrzehntelang beschäftigte, ohne dass es ihm gelungen wäre, den immer wieder angekündigten zweiten Band fertigzustellen. Die umfangreichen Materialien zu diesem Band wurden erst Jahrzehnte nach seinem Tod aus dem Nachlass herausgegeben.
Das nächste große Projekt, das Dilthey fast sein ganzes wissenschaftliches Leben beschäftigen sollte – ebenfalls ohne zum Abschluss zu kommen –, war eine „Kritik der historischen Vernunft“, wie Dilthey in (kritischem) Bezug auf Kant sein Großprojekt einer umfassenden philosophischen Grundlegung der Geisteswissenschaften gelegentlich auch nannte. Verwirklicht werden sollte dieses Unternehmen mit seinem auf zwei Bände angelegten philosophischen Hauptwerk, der Einleitung in die Geisteswissenschaften, dem – wie der Untertitel lautet – „Versuch einer Grundlegung für das Studium der Gesellschaft und der Geschichte“. Der erste, vorbereitende Band der Einleitung wurde 1883 veröffentlicht. Obwohl Dilthey in den folgenden Jahren für den geplanten zweiten Band, der die eigentliche Grundlegung enthalten sollte, schon größere Partien in Aufsatzform publiziert und umfangreiche Manuskripte verfasst hatte, konnte der Band von ihm ebenso wenig abgeschlossen werden, wie der zweite Band der Schleiermacher-Biographie. Auch in diesem Fall wurden
[10]
erst aus dem Nachlass wichtige systematische Teile der Grundlegung im Rahmen der Gesammelten Schriften (= GS) veröffentlicht.
Das dritte Großprojekt Diltheys sind seine Studien zur Geschichte des deutschen Geistes. Diesem Unternehmen, das auf einen frühen, nicht realisierten Buchplan zurückgeht, zu dem schon ein Verlagsvertrag abgeschlossen war, wandte sich Dilthey nach 1900 zu. Unmittelbarer Auslöser war wohl das zweihundertjährige Jubiläum der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, aus dessen Anlass Dilthey zwei große wissenschafts- bzw. akademiegeschichtliche Aufsätze publizierte. Diese Beschäftigung mit der Geschichte der Berliner Akademie wuchs sich in der Folge zu einem umfangreichen Projekt einer Geschichte des deutschen Geistes aus, die neben der wissenschaftlichen, philosophischen auch die literarische und musikalische Entwicklung in Deutschland umfassen sollte und für die in Diltheys zahlreichen literarhistorischen Abhandlungen schon viele Vorarbeiten bereitlagen. Doch trotz seiner immensen Produktivität – der entsprechende Nachlassteil umfasst mehrere tausend Manuskriptseiten – gelang es Dilthey auch in diesem Fall nicht, das Werk zum Abschluss zu bringen. Teile daraus wurden in den Bänden III und XII der GS sowie 1933 in einer Einzelpublikation veröffentlicht.
Neben diesen Großprojekten finden sich in Diltheys Werk weitere wichtige Veröffentlichungen, die eine intensivere Beschäftigung lohnen, wie z. B. seine Hegel-Biographie Die Jugendgeschichte Hegel von 1905 und vor allem die Sammlung seiner wichtigsten literargeschichtlichen Aufsätze Das Erlebnis und die Dichtung, die 1906 erschien. Außerdem sind Diltheys ausgedehnte geistes- bzw. philosophiegeschichtliche Studien, die seit Anfang der neunziger Jahre in dichter Folge erscheinen, seine Abhandlungen zur Poetik und Pädagogik, seine späten Arbeiten zu einer „Philosophie der Philosophie“, wie er seine Weltanschauungslehre auch genannt hat, sowie insbesondere die 1910 veröffentlichte Schrift Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften, die sich an den ersten Band der Einleitung anschloss und Struktur und methodische Grundlagen der Geisteswissenschaften analysierte sowie das Problem der historischen Erkenntnis behandelte, von großer, dauerhafter Bedeutung. Aber auch im Fall des Aufbaus war es Dilthey nicht vergönnt, den angekündigten zweiten Teil dieser umfangreichen Abhandlung ab-
[11]
zuschließen; er starb, bevor er diese Absicht konkret in Angriff nehmen konnte. Insofern lässt sich durchaus mit einem gewissen Recht davon sprechen, dass über Diltheys Lebenswerk, das trotz vieler bedeutender Schriften letztlich ein großes Fragment darstellt, eine gewisse Tragik liegt, was Dilthey wohl auch gesehen und worunter er gelitten hat, wie gelegentliche Hinweise in seinen späten Texten belegen.
Während wichtige Teile seines Werkes insofern noch lebendig und „aktuell“ sind, als sie noch immer in den einschlägigen Debatten als Referenztexte dienen, auf die man sich affirmativ oder kritisch beruft, erscheint uns die Person Dilthey doch merkwürdig fremd und als eine Gestalt, die uns heute fern gerückt ist.
Diltheys Lebensspanne reicht vom Biedermeier bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs; als er geboren wurde, war Hegel zwei Jahre tot und Goethe gut anderthalb Jahre. In seine Lebenszeit fallen viele bedeutende, wenn nicht gar revolutionäre Entwicklungen in politischer, wirtschaftlicher, naturwissenschaftlich-technischer wie kultureller Hinsicht: die Märzrevolution von 1848, der preußisch-österreichisch-dänische Krieg von 1864, der preußisch-österreichische Krieg von 1866, der deutsch-französische Krieg von 1870/71, die Reichsgründung von 1871, der Wilhelminismus, die Gründerzeit, der rasante Aufstieg der Naturwissenschaften, der eine Fülle von Entdeckungen und technischen Entwicklungen mit sich brachte, sowie die Stilwechsel in Kunst und Literatur von der Spätromantik des Biedermeier über den Realismus zum Naturalismus und Impressionismus.
Wie kein zweiter repräsentiert Dilthey in seiner Biographie den Typus des deutschen Professors des 19. Jahrhunderts, der inzwischen nur noch eine historische Figur ist: fast sein ganzes Leben war der Forschung und Lehre sowie dem Austausch mit befreundeten Philosophen und Wissenschaftlern gewidmet. Nahezu alles wurde seinem rastlosen Arbeiten untergeordnet. Urlaube wurden zur Arbeit an begonnenen Forschungsvorhaben genutzt; seine Briefe, selbst an die Familie und die Braut, dienen fast immer auch dem Bericht über gerade anstehende Arbeiten oder dem Ausblick auf neue Projekte. Diese fast als eine Bessenheit zu bezeichnende Erfülltheit von seinen Forschungen und seine umfassende geisteswissenschaftliche Bildung werden treffend illustriert durch eine
[12]
köstliche briefliche Schilderung, die der junge William James in einem Brief vom 17. Oktober 1867 an seine Schwester von einer Begegnung mit Dilthey anlässlich eines Mittagessens bei dem mit Dilthey eng befreundeten Kunst- und Literarhistoriker Herman Grimm gibt und die Herman Nohl in einem Handbuchartikel über Dilthey wiedergegeben hat: „Ein weicher dicker Mann mit schwarzem Haar […] von ungewissem Alter zwischen fünfundzwanzig und vierzig Jahren, mit sehr kleinen grünen Augen. Er trug den obligaten Frack, hatte aber an exceedingly grimy shirt and collar and a rusty old rag of a cravat. Der Professor floß über von Informationen über alles Erkennbare und Unerkennbare. He is the first man I have ever met of a class of men, to whom learning has become as natural as breathing. Er sprach und lachte unaufhörlich bei Tisch, berichtete Frau Grimm die ganze Geschichte des Buddhismus, und ich weiß nicht, was von andren Punkten der Religionsgeschichte. Nach Tisch gerieten Grimm und der Professor in eine heiße Kontroverse über die primitive Form der Naturreligion. Ich bemerkte, daß die Antworten des Professors ziemlich müde wurden, als plötzlich sein dicker Kopf nach vorn fiel. Grimm rief, er solle lieber einen ordentlichen Schlaf im Sessel nehmen. Er stimmte eifrig zu. Grimm gab ihm ein reines Taschentuch, das er über sein Gesicht warf und augenblicklich einzuschlafen schien. Nach zehn Minuten weckte ihn Grimm mit einer Tasse Kaffee. Er erhob sich, erfrischt wie ein Riese, und fuhr fort, mit Grimm zu streiten über die Identität von Homer.“ (The Letters of William James. Edited by his son H. James. Vol. I. Boston 1920, 109 – 111; H. Nohl: Wilhelm Dilthey (1957), in: Ders.: Die Deutsche Bewegung. Vorlesungen und Aufsätze 1770 – 1830. Herausgegeben von O. F. Bollnow und F. Rodi. Göttingen 1970, 304.)
In stiller Arbeit entstand im Laufe der Jahre nicht nur ein höchst umfangreiches publiziertes Werk, das heute in der Ausgabe seiner Gesammelten Schriften greifbar ist, die 1914, kurz nach seinem Tod, vom Kreis seiner engeren Schüler begonnen wurde und 2006 nach der Edition von sechsundzwanzig, z. T. sehr umfangreichen Bänden zum Abschluss kam. Er füllte darüber hinaus in jahrzehntelanger harter, disziplinierter Arbeit mit seinen Manuskripten, Skizzen, Entwürfen, Plänen und Projektdispositionen seine Manuskriptschränke. Sein handschriftlicher Nachlass, dessen umfangreichster Teil im Archiv der Berlin-Brandenburgischen
[13]
Akademie der Wissenschaften (Berlin) aufbewahrt wird – ein kleinerer Nachlassteil befindet sich in der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen –, umfasst mehrere zehntausend Seiten, von denen nur ein Teil in den Nachlassbänden der GS veröffentlicht werden konnte.
Gute Gründe für eine intensivere Beschäftigung mit dem philosophischen Werk Diltheys wurden oben schon genannt: er ist eine bedeutende, philosophiehistorisch wichtige Gestalt der deutschen Philosophie des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts und hat eine große Rezeptions- und Wirkungsgeschichte, zu der so wegweisende Philosophen wie u. a. Martin Heidegger, Georg Misch, Helmuth Plessner, Erich Rothacker, Otto Friedrich Bollnow und Hans-Georg Gadamer gehören, die in unterschiedlicher Weise durch sein Werk zu Kritik und Auseinandersetzung oder zur (kritischen) Weiterführung seiner Denkmotive angeregt wurden.
Diltheys bedeutendste Leistung liegt zweifellos in seiner Philosophie der Geisteswissenschaften: Er hat als einer der ersten versucht, die Geisteswissenschaften als eine von den Naturwissenschaften unabhängige Gruppe von Wissenschaften philosophisch zu begründen und dabei entscheidende Einsichten in das Wesen geisteswissenschaftlicher Erfahrung und die Struktur der Geisteswissenschaften gewonnen.
Sein Ziel war es, ein „allgemeingültiges Wissen der geschichtlichen Welt“ (VII, 152) zu begründen bzw. die Bedingungen der Allgemeingültigkeit des geschichtlichen und kulturellen Verstehens zu erforschen. Die Geisteswissenschaften begreift Dilthey daher zunächst als Wissenschaften, die – wie die Naturwissenschaften – die allgemein anerkannten Kriterien der Wissenschaftlichkeit erfüllen, wie z. B. die Forderungen nach Allgemeingültigkeit und Objektivität. Während Dilthey somit einerseits den Wissenschaftscharakter dieser Gruppe der Wissenschaften der gesellschaftlich-geschichtlichen Wirklichkeit betont, hebt er aber auf der anderen Seite zugleich hervor, dass sie in erkenntnistheoretischer und in der Folge davon auch in methodischer Hinsicht von den Naturwissenschaften unterschieden sind.
Der Grund dafür liegt in der unaufhebbaren (ontologischen) Differenz von Natur und menschlicher Kultur sowie dem je verschiedenen (methodischen) Verhältnis, das wir als Forschungssubjekte zu diesen
[14]
beiden Bereichen der Wirklichkeit einnehmen. Die Natur, als ein Zusammenhang kausal bestimmter Prozesse, ist für uns – so Dilthey – eine „fremde Welt“, die für uns „stumm“ ist. Die kulturelle, geistige Welt dagegen, an der wir partizipieren, ist „unsere Welt“, sie spricht uns an, wir verstehen sie, sie ist für uns bedeutsam und sinnhaft. Der Natur können wir uns gleichsam nur „von außen“ nähern, die Kultur dagegen, die als menschliches Erzeugnis zugleich den Menschen formt – der Philosoph und Kulturanthropologe Michael Landmann wird für dieses Wechselverhältnis die prägnante Formel vom Menschen als „Schöpfer und Geschöpf der Kultur“ finden –, ist uns „von innen“ bekannt, vertraut und daher verständlich. Wir – und hier wird deutlich, dass Dilthey das so genannte „Vico-Axiom“ (F. Fellmann) paraphrasiert, wonach der Mensch nur das verstehen kann, was er selbst hervorgebracht hat – verstehen die kulturelle Welt, die „unsere Welt“ ist, weil wir sie (mit)hervorgebracht haben. Wir sind als Elemente dieser kulturellen Welt verwoben in die mannigfaltigen und komplexen Geflechte oder Netzwerke gesellschaftlich-geschichtlicher Wirklichkeiten, wie Sprache, Traditionen, Religion etc., die uns umgeben und prägen, an denen wir mitgestalten und weiterarbeiten und die für uns deshalb verständlich sind.
Außerdem ist Dilthey wichtig, weil er einer der Hauptbeteiligten der sogenannten „Verstehen-Erklären-Debatte“ ist, zu den Klassikern der Hermeneutik zählt und mit seiner Philosophie der Geisteswissenschaften den Versuch einer hermeneutischen Grundlegung der Geisteswissenschaften unternommen hat, die nicht nur einen wesentlicher Beitrag zur Philosophie der Geisteswissenschaften geliefert, sondern auch bedeutende Anstöße zur Begründung einer „hermeneutischen Philosophie“ gegeben hat. Dilthey hat das für die Geisteswissenschaften konstitutive Grundverhältnis von Leben, Ausdruck und Verstehen herausgearbeitet und den von Hegel übernommenen, aber von ihm anders gefassten Begriff des „objektiven Geistes“ in die Theorie der Geisteswissenschaften und damit auch in die Hermeneutik eingeführt und mit seiner Analyse der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit außerdem auch einen beachtlichen Beitrag zur Kulturphilosophie geleistet.
Weiterhin ist Diltheys Konzeption einer nicht-naturwissenschaftlich ausgerichteten, beschreibenden und zergliedernden, d. h. „verstehenden“
[15]
Psychologie von außerordentlicher Bedeutung, da er mit dieser eine Konzeption entwickelt hat, die aktuell wieder viel Resonanz erfährt und in der gegenwärtigen wissenschaftlichen Lage von besonderer Virulenz ist.
Einige weitere gute Gründe, warum sich eine intensive Beschäftigung (und Auseinandersetzung) mit ihm lohnt, lassen sich noch darüber hinaus anführen: weil er als Alternative zur Bewusstseinsphilosophie der Neuzeit (Locke, Hume und Kant) eine auf die Totalität der menschlichen Natur begründete „Philosophie des Lebens“ entwickelt hat und in seinen anthropologischen Überlegungen den Menschen als ein geschichtliches und gesellschaftliches Wesen herausgestellt hat; weil er durch seine literarhistorischen Aufsätze schulbildend geworden ist; weil er mit seinen biographischen Werken über Schleiermacher und Hegel glänzende Beispiele geistesgeschichtlicher Forschung geliefert hat; weil er nicht nur die geisteswissenschaftliche oder verstehende Psychologie, sondern auch die geisteswissenschaftliche Pädagogik inspiriert hat und weil er mit seiner Weltanschauungslehre wichtige Einsichten in den Lebensbezug der Philosophie vermittelt hat.
Schließlich ist Dilthey gerade in unserer heutigen Situation von unverminderter Aktualität, weil er zu einer Zeit, in der der Materialismus von Ernst Haeckel, Ludwig Büchner etc., der Positivismus und Empirismus von Auguste Comte, John Stuart Mill und Henry Thomas Buckle sowie die exakten Naturwissenschaften mit ihren Methodenkonzeptionen den Eigensinn der geistigen Welt – wie er sagte – „verstümmeln“ wollten, die Autonomie dieser geistigen Welt und die ihrer Wissenschaften zu retten versuchte. Gegenwärtig befinden wir uns in einer Situation, die derjenigen Diltheys gegen Ende des 19. Jahrhunderts verblüffend ähnlich ist: zahlreiche naturalistische Positionen, angefangen von der Hirnforschung über Repräsentanten der analytischen Philosophie bis zu Anhängern eines Neo-Materialismus, stellen mit großer Resonanz in den Medien die Annahme der menschlichen Willensfreiheit und damit die Souveränität der Person sowie die These einer Unabhängigkeit des Geistigen von Naturprozessen und folglich die der kulturellen Wirklichkeit radikal infrage. Diltheys Argumente gegen eine solche, heute im Trend liegende naturalistische Vereinnahmung bzw. Negation der geistig-kulturellen Wirklichkeit und sein Versuch der Begründung der
[16]
Geisteswissenschaften als eigenständiger, von den Naturwissenschaften unabhängiger Wissenschaftsgruppe können auch heute noch wichtige Impulse geben in einer Debatte, in der es um nicht mehr und nicht weniger geht, als um die uns alle betreffende zentrale Frage nach unserem Begriff des Menschen selbst.
[17]
1
Wilhelm Dilthey: Basisdaten zu Leben und Werk
Diltheys Leben verlief – von außen betrachtet – unspektakulär. Seine Lebensgeschichte entspricht auf geradezu frappierende Weise der typischen Biographie eines deutschen Professors der Geisteswissenschaften oder der Philosophie in der zweiten Hälfte des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts.
Wie viele andere bedeutende Gestalten der deutschen Geistesgeschichte entstammt auch Dilthey einem protestantischen Pfarrhaus. Sein Großvater war Pfarrer, seine Großmutter Pfarrerstochter, und Diltheys Vater, Maximilian Dilthey (1804 – 1867), war reformierter Pfarrer, Kirchenrat, Dekan und nassauischer Oberhofprediger. Diltheys Mutter, Maria Laura Dilthey (1810 – 1887), kam aus einem künstlerischen Haus und war Tochter des herzoglichen Hofkapellmeisters Johann Peter Heuschkel. Dilthey hatte drei Geschwister: seine Schwester Marie (1836 – 1891) lebte nach kurzer Ehe wieder im Hause ihrer Eltern, sein Bruder Karl (1839 – 1907) war Professor der Archäologie und klassischen Philologie in Zürich und Göttingen, und seine Schwester Lily (1846 – 1920) war verheiratet mit Diltheys Freund, dem Bonner klassischen Philologen Hermann Usener (1834 – 1905).
Wilhelm (Christian Ludwig) Dilthey wurde am 19. November 1833 in Mosbach-Biebrich am Rhein bei Wiesbaden im damaligen Herzogtum Nassau geboren. Dilthey besuchte ein Gymnasium in Wiesbaden und bestand 1852 die Reifeprüfung. Im Sommersemester 1852 begann er – dem Wunsch seines Vaters und der Familientradition folgend – ein Studium der Theologie an der Universität Heidelberg in der Absicht, ebenfalls den Beruf des Pfarrers zu ergreifen. Doch schon bald, das zeigen seine frühen Briefe, geht er auch philosophischen Interessen nach und hört bei dem später sehr bekannt gewordenen hegelianischen Philosophiehistoriker Kuno Fischer (1824 – 1907).
[19]
Nach drei Semestern in Heidelberg wechselt Dilthey zum Wintersemester 1853/54 an die Berliner Universität, wo er neben seinen theologischen Studien bei Karl Immanuel Nitzsch (1787 – 1868) und August Detlev Christian Twesten (1789 – 1876) u. a. auch Lehrveranstaltungen bei dem bekannten Philosophen Friedrich Adolf Trendelenburg (1802 – 1872), der Aristoteliker und entschiedener Hegel-Gegner war, dem Philologen August Boeckh (1785 – 1867) und dem Historiker Leopold von Ranke (1795 – 1886) besucht und die schon in Heidelberg vorgezeichnete Wendung zur Philosophie und Geistesgeschichte schon bald endgültig vollzieht.
In Berlin erhält Dilthey die entscheidenden Anregungen, die die Ausrichtung und Entwicklung seines Lebenswerks bestimmen sollten. Es gibt ein sehr schönes, ebenso autobiographisch wie wissenschaftsgeschichtlich aufschlussreiches Textstück, in dem Dilthey die geistesgeschichtliche Konstellation anschaulich schildert, die in der zweiten Hälfte der fünfziger und beginnenden sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts an der Berliner Universität herrschte. Dieser Passus findet sich in dem Nachruf auf seinen Freund Wilhelm Scherer (1841 – 1886), einen seinerzeit bekannten positivistischen Literaturhistoriker und -wissenschaftler. Sehr lebendig und eindringlich beschreibt Dilthey in diesem Text, in dem er auch die ihn prägenden Lehrer und Anreger nennt, die Situation, in der er sich und mit ihm viele andere Vertreter seiner Generation während ihres Studium befanden und die durch das Spannungsverhältnis zwischen der in Berlin traditionsreichen historischen Schule, dem neu aus Frankreich und England kommenden Positivismus und Empirismus sowie den rasch expandierenden Naturwissenschaften charakterisiert war: „An der Berliner Universität überwogen damals noch von ihrer Gründung her die Geisteswissenschaften. Auf Wilhelm von Humboldt, Fr. A. Wolf, Schleiermacher, Hegel, Savigny als ihre nächsten Vorfahren blickten die Gelehrten zurück. Berlin war noch der Sitz der historischen Schule. Die am meisten hinreißenden Vorlesungen waren die von Ritter und Ranke, in denen der universale erdumspannde Geist empirisch-historischer Betrachtung, wie er von den Humboldts zuerst vertreten worden war, am reinsten sich ausdrückte. Indem Trendelenburg durch die Erkenntnis und die Verteidigung des Aristoteles die Kontinuität der
[20]
philosophischen Entwicklung aufzuzeigen und zu wahren strebte, erschien seine Richtung mit der historischen Schule einstimmig. Berlin war aber auch zweifellos der Mittelpunkt der germanistischen Studien, denen sich Scherer gewidmet hatte. Hier lebte und arbeitete noch Jacob Grimm, zuweilen sah man wohl die schlichte unbeschreiblich imponierende Gestalt durch den Tiergarten schreiten oder vernahm ihn in der Akademie, niemand kann den Eindruck vergessen, der ihn dort über den Bruder sprechen hörte. […] Aber die Jüngeren, die sich zu Berlin in den sechziger Jahren zusammenfanden und sich da ganz anders, als es heute in der Reichshauptstadt möglich wäre, aneinanderschlossen, hatten nun auch ihr eigenes Leben. Ein so spröder und stolzer Zug durch das gelehrte Wirken von Trendelenburg, Müllenhoff, Droysen hindurchging: sie haben doch ihre Schüler niemals einengen wollen. Unter diesen herrschte der Geist einer veränderten Zeit. Die Erfahrungsphilosophie, wie sie Engländer und Franzosen ausgebildet haben, wurde ihnen durch Mill, Comte und Buckle nahe gebracht, und von ihr aus formten sich ihre Überzeugungen. Die aufstrebenden Naturwissenschaften forderten eine Auseinandersetzung mit denselben, wollte man zu festen Ansichten gelangen.“ (XI, 242f.)
Doch wurde – wie Dilthey zu verstehen gibt – seine anfängliche Aufgeschlossenheit oder gar Begeisterung für die moderne positivistisch-empiristische Erfahrungsphilosophie wieder relativiert oder zurückgenommen, denn die Beschäftigung mit der Romantik „regte freiere und der deutschen Wissenschaft gemäßere Betrachtungen über den Zusammenhang der Geschichte an, als Mill, Buckle und Comte gegeben hatten. Eine an Carlyle, Emerson, Ranke erzogene Vertiefung in große Persönlichkeiten lehrte ihre Rolle in der Geschichte anders beurteilen, als jene englischen und französischen Schriftsteller es getan haben.“ (XI, 243; vgl. auch V, 4)
Auf Drängen seines Vaters legt Dilthey im Oktober 1855 sein theologisches Examen in Wiesbaden und im folgenden Jahr in Berlin sein philologisches Examen ab. Es folgt eine mehrjährige Lehrtätigkeit an Berliner Gymnasien, während der er aber seine wissenschaftlichen Projekte weiterbetreibt, die er schon in der Spätphase seines Theologie-Studiums mit der Absicht verfolgt hatte, eine Universitätslaufbahn einzuschlagen. Dilthey beschäftigt sich in diesen Jahren mit dem Plan, „Kirchen- u.
[21]
Dogmengeschichte zum Studium der Geschichte der christlichen Weltanschauung im Abendlande zu verknüpfen“. (BW I, 548) Insbesondere widmet er sich den frühchristlichen theologisch-philosophischen Systemen und der Gnosis, und er will aus diesem Forschungsfeld ein Dissertations-Thema wählen.
Im Jahr 1859 beteiligt sich Dilthey, der sich schon seit einiger Zeit mit Schleiermacher und dessen wissenschaftlichen Nachlass beschäftigt hatte, an einer Preisaufgabe der Schleiermacher-Stiftung und gewinnt im Februar 1860 mit seiner großen Abhandlung Das eigentümliche Verdienst der Schleiermacherschen Hermeneutik ist durch Vergleichung mit älteren Bearbeitungen dieser Wissenschaft, namentlich von Ernesti und Keil, ins Licht zu setzen „den doppelten Preis“. (BW I, 549) Dieser bedeutende Beitrag zur Erforschung der Geschichte der Hermeneutik wird von Dilthey, obwohl er dazu gedrängt wird, nicht publiziert, sondern erst 1966 von M. Redeker aus dem Nachlass veröffentlicht, und zwar im Kontext des von Dilthey nicht vollendeten zweiten Bandes seiner monumentalen Schleiermacher-Biographie. (XIV, 595 – 787).
Das Preisgeld gibt Dilthey, der kurz zuvor seine Schultätigkeit aufgegeben hat, da sich seine wissenschaftlichen Ambitionen mit dem Schuldienst nicht vereinbaren lassen, die Möglichkeit, sich nun ganz auf seine Arbeiten, Projekte und Pläne zu konzentrieren. Er lebt nun mehrere Jahre als Privatgelehrter und freier Publizist in Berlin und veröffentlicht in dieser Zeit eine Fülle von Aufsätzen und Rezensionen, die zumeist anonym oder pseudonym erscheinen.
Seit 1857 publiziert Dilthey wissenschaftliche Arbeiten und engagiert sich bei der Edition von Schleiermachers Briefwechsel. Nach dem Tode des Herausgebers Ludwig Jonas übernimmt Dilthey die Herausgabe der Bände drei (1861) und vier (1864) der Ausgabe Aus Schleiermacher‘s Leben. In Briefen.
Zu Beginn des Jahres 1860 wendet sich Dilthey von der Beschäftigung mit den Kirchenvätern und den gnostisch-neuplatonischen Systembildungen ab und der ersten Periode der Scholastik zu. (Vgl. BW I, 133, 139) Sein Ziel ist es nun, ein Buch über den Ursprung der mittelalterlichen Philosophie zu schreiben. (Vgl. BW I, 152, 256) Aber auch dieser Plan lässt sich ebenso wenig realisieren wie der frühere. Aus der Einleitung zum
[22]
dritten Band der Schleiermacher-Edition, die er auf Druck der Erben Schleiermachers seinem Band nicht voranstellen kann, erwächst ihm der Plan zu einer umfangreichen Biographie Schleiermachers. (Vgl. BW I, 163) Eine schwere Augenerkrankung zwingt Dilthey für mehrere Monate, auf das Schreiben und Lesen zu verzichten. Er entscheidet sich daher kurzfristig, bei seinem Lehrer Trendelenburg mit einer „sehr oberflächliche[n] Abhandlung über Schleiermachers Ethik“ (BW I, 550) zu promovieren. Am 16. Januar 1864 promoviert er mit der Schrift De principiis Schleiermacheri (nur teilweise auf Deutsch publiziert in: XIV, 339 – 357) und habilitierte sich wenige Monate später, am 17. Juni 1864, mit der Untersuchung Versuch einer Analyse des moralischen Bewußtseins (aus dem Nachlass veröffentlicht in: VI, 1 – 55) und beginnt zum Wintersemester 1864/65 als Privatdozent für Philosophie an der Berliner Universität mit seinen Vorlesungen.
Mit Moritz Lazarus (1824 – 1903), dem Begründer einer Völkerpsychologie, der seinem Berliner Freundeskreis angehörte, hatte Dilthey schon früh intensive Gespräche über wissenschaftsphilosophische Probleme geführt. Spätestens ab 1862 befasst er sich auch mit einer „Art Wissenschaftslehre“ (BW I, 262; vgl. 265), die aber, wie viele andere frühe (Buch-)Pläne, die u. a. die „sociale und moralische Natur des Menschen“ (BW I, 320f.) und das Studium des Menschen und der Geschichte (vgl. BW I, 350, 386) zum Thema haben, Fragment bleibt. Auch seine erste Vorlesung im Wintersemester 1864/65 gilt dieser wissenschaftstheoretischen Thematik. Für die Vorlesung lässt Dilthey einen Grundriß der Logik und des Systems der philosophischen Wissenschaften drucken (1865; XX, 19 – 32), den man als Keimzelle seines späteren Unternehmens einer Grundlegung der Geisteswissenschaften ansehen kann.
Schon 1867 wird Dilthey als ordentlicher Professor der Philosophie an die Universität Basel berufen und hält dort seine Antrittsvorlesung über Die dichterische und philosophische Bewegung in Deutschland 1770 – 1800 (aus dem Nachlass veröffentlich in: V, 12 – 27). In Basel arbeitet Dilthey vornehmlich an seiner Schleiermacher-Biographie, beginnt sich aber außerdem in die aktuelle physiologische und physikalische Forschung einzuarbeiten und richtet sein Interesse erstmals verstärkt auf Anthropologie und Psychologie. Dilthey bleibt nur für wenige Se-
[23]
mester in Basel; schon 1869 wird er an die Universität Kiel berufen, an der er bis 1871 lehrt.
1870 veröffentlicht er den ersten Band seiner Schleiermacher-Biographie Leben Schleiermachers (um Partien aus dem Nachlass erweitert in GS XIII), an dessen zweitem Band er in den nächsten Jahren mit großer Intensität arbeitet, ohne ihn abschließen zu können. Immer wieder kündigt Dilthey seinem Verleger den baldigen Druckbeginn an (vgl. z. B. BW I, 802, 823, 830), kann aber sein sehr ehrgeiziges Projekt, das er schon früh als Belastung empfindet, nicht zum Abschluss bringen und bezeichnet schon vor Publikation des ersten Bandes sein Schleiermacher-Projekt, das ihn fast lebenslang begleiten sollte, als „Lebensplage“ (BW I, 510).
1871 wechselt Dilthey an die Universität Breslau, wo er bis 1882 lehrt. In seiner Breslauer Zeit, die zu den philosophisch fruchtbarsten Abschnitten seines Lebens gehört und für seine philosophische Entwicklung von kaum zu überschätzender Bedeutung ist, erarbeitet Dilthey wichtige erkenntnistheoretische und psychologische Konzeptionen und die Grundzüge seiner Philosophie der Geisteswissenschaften.
Nachdem Dilthey in den sechziger Jahren zahlreiche Rezensionen sowie populäre literaturgeschichtliche und biographischen Aufsätze, u. a. zu Schlosser, Schleiermacher, Schopenhauer, Novalis und Lessing veröffentlicht hatte, publiziert er während seiner Breslauer Jahre eine immense Anzahl von Rezensionen, Literaturbriefen, Berichten vom Kunsthandel und kleineren populären biographischen Skizzen und Aufsätzen (u. a. zu Voltaire, Richard Wagner, Balzac, Heinrich Heine, John Stuart Mill, Dickens, George Sand), die v. a. in der Publikumszeitschrift Westermann‘s Illustrirte Deutsche Monatshefte erscheinen und in den Bänden XV – XVII der GS dokumentiert sind. Außerdem veröffentlicht Dilthey 1875 nach einer Reihe von – nicht publizierten – Vorarbeiten mit der so genannten „Abhandlung von 1875“ Über das Studium der Geschichte der Wissenschaften vom Menschen, der Gesellschaft und dem Staat (V, 31 – 73) die wichtigste Vorstufe seines Hauptwerks Einleitung in die Geisteswissenschaften. Weiterhin veröffentlicht er 1877 unter dem Titel Über die Einbildungskraft der Dichter eine ausführliche Besprechung von Herman Grimms Goethe-Buch (XXV, 125 – 169). Dieser Aufsatz ist die erste Fassung von Diltheys berühmtem Goethe-Aufsatz, der später in
[24]
seinen literargeschichtlichen Sammelband Das Erlebnis und die Dichtung (XXVI, 113 – 172) aufgenommen wird.
1874 heiratet Dilthey die Berliner Rechtsanwaltstochter Katharina Püttmann (1854 – 1932), mit der er drei Kinder hat (Max, Helene und Clara, die später den Philosophen und Dilthey-Schüler Georg Misch heiratet). In Breslau schließt Dilthey vermutlich im Herbst 1873 Freundschaft mit dem Grafen Paul Yorck von Wartenburg (1835 – 1897), dem Enkel des berühmten preußischen Generals Ludwig Yorck von Wartenburg. Yorck, ausgebildeter Jurist und vielseitig interessierter Privatgelehrter, bewirtschaftet das Familiengut Klein Oels bei Breslau und wird – neben H. Usener – zum wichtigsten Freund und wissenschaftlich-philosophischen Gesprächspartner Diltheys, der mit ihm seine Veröffentlichungs- und Forschungsprojekte entweder bei seinen vielen Besuchen in Klein Oels oder brieflich erörtert. Der Briefwechsel zwischen Dilthey und dem Grafen (Briefwechsel zwischen Wilhelm Dilthey und dem Grafen Paul Yorck v. Wartenburg 1877 – 1897) ist zweifellos eine der wichtigsten philosophischen Korrespondenzen in deutscher Sprache und für das Verständnis der philosophischen Konzeptionen des „mittleren Dilthey“ eine unverzichtbare Quelle.
Am 22.7.1882 wird Dilthey (zum 1.10.1882) als Nachfolger Rudolf Hermann Lotzes an die Berliner Universität berufen; die Übersiedlung nach Berlin erfolgt Michaelis (29.9.) 1882. Bei dieser Berufung spielt die noch in Arbeit befindliche Einleitung eine bedeutende Rolle. Zur Unterstützung seines Anspruchs auf die Berliner Professur hatte Dilthey Teile des im Druck befindlichen ersten Bandes des Werks an die für Berufungsangelegenheiten zuständigen Beamten im preußischen Kultusministerium, Richard Schöne und Friedrich Althoff, geschickt und Absicht und Anlage seines Buches in Begleitbriefen ausführlich erläutert. (Vgl. den Brief an R. Schoene [vor 6. Juli 1882], BW I, 885 – 888, und Aus Konzepten zum sogenannten „Althoff-Brief“ [Mitte 1882], XIX, 389 – 392)
Im Frühjahr 1883 erscheint der erste Band der Einleitung in die Geisteswissenschaften im Leipziger Verlag Duncker & Humblot (GS I). Der Publikation war eine förmliche Zusage gegenüber dem Verleger der Schleiermacher-Biographie, Georg Ernst Reimer, vorausgegangen, wonach der eigentlich im Sommer 1882 beginnende Druck des zweiten
[25]
Bandes vom Leben Schleiermachers, der für die Veröffentlichung des ersten Bandes der Einleitung zurückgestellt worden war, sofort nach der Publikation, d. h. vor der Veröffentlichung des zweiten Bandes der Einleitung, beginnen sollte. (Vgl. Diltheys Brief an G. E. Reimer vom 13.3.1882, BW I, 874)
Mit Beginn seiner Berliner Lehrtätigkeit stellt Dilthey seine außergewöhnlich umfangreiche Publikationstätigkeit für Westermanns Monatshefte ein und veröffentlicht nun fast nur noch wissenschaftlich-philosophische Schriften. Er entwickelt eine große Produktivität, und in schneller Folge treten nun viele wichtige systematische und historische Schriften Diltheys an die Öffentlichkeit, die zum erheblichen Teil dem historischen und systematischen Kontext des geplanten, aber nie fertig gestellten zweiten Bandes der Einleitung angehören.
1885 erscheint in erster Auflage als Grundlage für seine philosophiehistorischen Vorlesungen sein Biographisch-literarischer Grundriß der allgemeinen Geschichte der Philosophie (6. Aufl. 1905 in: GS XXIII, 1 – 160). 1887 wird Dilthey als ordentliches Mitglied in die Königlich-Preußische Akademie der Wissenschaften (Berlin) aufgenommen (vgl. die Antrittsrede, V, 10 – 11) und gibt vom selben Jahr ab in Gemeinschaft mit Hermann Diels, Benno Erdmann und Eduard Zeller das Archiv für Geschichte der Philosophie (ab 1895 umbenannt in Archiv für Philosophie) heraus. Ebenfalls 1887 erscheint in der Festschrift für Diltheys Berliner Kollegen Eduard Zeller mit der Abhandlung Das Schaffen des Dichters (unter dem Titel Die Einbildungskraft des Dichters in: VI, 103 – 241), sein bedeutendster Beitrag zur Poetik. 1888 publiziert Dilthey seinen wichtigsten pädagogischen Text Über die Möglichkeit einer allgemeingültigen pädagogischen Wissenschaft (VI, 56 – 82). Im Jahr 1889 veröffentlicht er die beiden Aufsätze Archive für Literatur (XV, 1 – 16) und Archive der Literatur in ihrer Bedeutung für das Studium der Geschichte der Philosophie (IV, 555 – 575). Gewissermaßen als Folge seiner Forderung nach Literaturarchiven beschäftigt sich Dilthey mit den Handschriften Kants und konzipiert 1893 den Plan zu einer „monumentalen Kantausgabe“ (B, 170), der Akademie-Ausgabe von Kants Gesammelten Schriften, die Dilthey bis 1902 leitet und in die er einen nicht unerheblichen Teil seiner Arbeitskraft und -zeit investiert.
[26]
Im Sommersemester 1890 hält Dilthey seine (einzige) Ethik-Vorlesung, Ethik, in ihren Prinzipien und einzelnen Ausführungen dargestellt (Nachlassveröffentlichung unter dem Titel System der Ethik in: GS X), die er in einem großen Brief an Yorck detailliert vorstellt (B, 90 – 92) und als „Abschluß meiner systematischen Gedanken“ (B, 90) bezeichnet. Im selben Jahr veröffentlicht er die wichtige erkenntnistheoretische Abhandlung Beiträge zur Lösung der Frage vom Ursprung unseres Glaubens an die Realität der Außenwelt und seinem Recht (V, 90 – 135), die zum Umkreis des systematischen Teils des zweiten Bandes der Einleitung gehört, und 1891 beginnt die Reihe großer geistesgeschichtlicher Arbeiten Diltheys zu erscheinen, die ebenfalls dem Kontext des zweiten Bandes zuzurechnen sind: Auffassung und Analyse des Menschen im 15. und 16. Jahrhundert (1891/1892, in: II, 1 – 89), Das natürliche System der Geisteswissenschaften im 17. Jahrhundert (1892/1893, in: II, 90 – 245), Die Autonomie des Denkens, der konstruktive Rationalismus und der pantheistische Monismus nach ihrem Zusammenhang im 17. Jahrhundert (1893; in: II, 246 – 296), Der entwicklungsgeschichtliche Pantheismus nach seinem geschichtlichen Zusammenhang mit den älteren pantheistischen Systemen (1900; in: II, 312 – 390) und Die Funktion der Anthropologie in der Kultur des 16. und 17. Jahrhunderts (1904; in: II, 416 – 492).
1892 veröffentlicht Dilthey mit dem Aufsatz Die drei Epochen der modernen Ästhetik und ihre heutige Aufgabe (VI, 242 – 287) einen weiteren wichtigen Beitrag zur Ästhetik. Die berühmte programmatische Akademieabhandlung Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie (V, 139 – 237), die dem systematischen Zentrum des zweiten Buchs der Einleitung zugehört, wird von Dilthey 1894 veröffentlicht. Sie erfährt in einem Ende 1895 erscheinenden Aufsatz des – mit Dilthey befreundeten – Psychologen Hermann Ebbinghaus eine vernichtende Kritik, die ihn in eine tiefe persönliche Krise stürzt, die für die geplante Ausarbeitung des zweiten Bandes der Einleitung fatale Folgen hat. Die unter dem Titel Über vergleichende Psychologie (1895) geplante, aber nur verkürzt unter dem Titel Beiträge zum Studium der Individualität publizierte Fortsetzung der Ideen erscheint, ebenfalls als Akademie-Abhandlung, 1896 (Rekonstruktion der „Abhandlung von 1895“ in: V, 241 – 316). Die beabsichtigte umfangreiche Antwort auf Ebbinghaus‘ Kritik will Dilthey trotz wiederholter Anläufe
[27]
nicht gelingen. (Vgl. XXII, 337 – 345) Bis etwa Mitte 1896 arbeitet er an seiner psychologischen Konzeption weiter, bricht dann aber enttäuscht seine systematischen Arbeiten an der Einleitung endgültig ab und wendet sich wieder seiner Schleiermacher-Biographie zu, die er sich schon ab Mai 1896 wieder vorgenommen hatte. (Vgl. B, 214) Vom Dezember 1896 widmet er sich diesem Unternehmen intensiver und beginnt, nachdem er es jahrelang offenbar vernachlässigt hatte, wieder zu schreiben (vgl. B, 229, 234f., 239f.) und plant im Sommer 1897 eine Neuauflage des ersten Bandes der Schleiermacher-Biographie (vgl. B, 242), die aber erst gut ein Jahrzehnt nach seinem Tode zustande kommt.
In der achten Auflage von Friedrich Ueberwegs Grundriß der Geschichte der Philosophie veröffentlich Dilthey 1897 eine aufschlussreiche Übersicht meines Systems (mit Zusätzen aus dem Nachlass, in: VIII, 176 – 184, 265 – 266), die seinen systematisch-philosophischen Anspruch deutlich werden lässt.
Seit 1900 verfolgt Dilthey sein neues Großprojekt der Studien zur Geschichte des deutschen Geistes, die in mehreren Bänden eine Darstellung des deutschen Geisteslebens von der germanischen Frühzeit bis zur Gegenwart bieten und Literatur, Musik, Philosophie und Geschichte umfassen sollen. Dieses, nicht nur in Anbetracht seines fortgerückten Alters, sehr ehrgeizige Projekt geht zurück auf eine konkrete Absprache mit dem Cotta-Verlag über eine Geschichte des geistigen Lebens in Deutschland in der Neuzeit, die im Rahmen einer geplanten Bibliothek deutscher Geschichte erscheinen sollte. (Vgl. Diltheys Brief an Carl von Cotta vom 29. 12.1880 [BW I, 848 – 850] und den Verlagsvertrag vom 3.1.1881) Dieses Projekt, dem man auch Diltheys zahlreiche literaturgeschichtliche Arbeiten zurechnen kann, wird aber aus unbekannten Gründen nicht weiterfolgt.
Konkreter Anlass für das von der Jahrhundertwende ab verfolgte Projekt der Studien ist offenbar das Jubiläum der Berliner Akademie, an dem sich Dilthey mit dem Rundschau-Artikel Die Berliner Akademie der Wissenschaften, ihre Vergangenheit und ihre gegenwärtigen Aufgaben (1900; umgearbeitet vom Herausgeber in: III) beteiligt und der ihn in weitere wissenschaftsgeschichtliche Forschungen hineinzieht. In diesem Zusammenhang publiziert Dilthey noch zwei Abhandlungen in der Deutschen
[28]
Rundschau über Die deutsche Aufklärung im Staat und in der Akademie Friedrichs des Großen (1901; umgearbeitet vom Herausgeber in III) und Das 18. Jahrhundert und die geschichtliche Welt (mit wenigen Änderungen in: III, 207 – 268). Im Sommer 1901 stellt er die Rundschau-Artikel zu dem Buch Drei Epochen deutschen Geisteslebens. Leibniz – Friedrich der Große und die Aufklärung – Die Begründer der geschichtlichen Weltansicht zusammen, das – schon fertig ausgedruckt – von ihm aber vor der Veröffentlichung wieder zurückgezogen wird, da er, mit dem Inhalt des Werks unzufrieden, das Unternehmen breiter anlegen will. In den nächsten Jahren häuft Dilthey eine riesige Manuskriptmenge zu dieser Thematik an, in die er auch älteres Material integriert, von der nach Diltheys Tod aber nur wenige ausgearbeitete Aufsätze in Band XII der GS und dem Buch Von deutscher Dichtung und Musik (Leipzig und Berlin 1933, herausgegeben von G. Misch und H. Nohl) veröffentlicht werden können.
Neben diesen geistesgeschichtlichen Studien verfolgt Dilthey nach der Jahrhundertwende auch wieder intensiver seine Arbeiten zur Grundlegungsproblematik der Geisteswissenschaften. In diesen Zusammenhang gehört der im Jahr 1900 in der Festschrift für den Tübinger Philosophen Christoph Sigwart veröffentlichte wichtige Aufsatz Die Entstehung der Hermeneutik (V, 317 – 331; Zusätze aus den Handschriften, 332 – 338), dem für seine späte Philosophie der Geisteswissenschaften besondere Bedeutung zukommt. Der Publikation vorausgegangen waren die Akademie-Vorträge Über Hermeneutik. 1. Hälfte (Juni 1896) und Über die Hermeneutik von Baumgarten und Semler (Februar 1897).
Ab Anfang 1904 unternimmt Dilthey Arbeiten für eine geplante zweite Auflage der Einleitung (vgl. I, 410 – 426), die aber nicht realisiert wird, und beschäftigt sich seit Ende des Jahres in einer Reihe von Vorträgen in der Berliner Akademie wieder intensiv mit seinem Lebensthema, den Problemen einer philosophischen Grundlegung der Geisteswissenschaften, die aber nur zum geringen Teil in den Sitzungsberichten der Akademie veröffentlicht werden. Von Dilthey publiziert wird nur 1905 die Erste Studie zur Grundlegung der Geisteswissenschaften: Der psychische Strukturzusammenhang (VII, 3 – 23); die Manuskripte der übrigen Vorträge erscheinen – um Nachlassmaterialen ergänzt – in Band VII der GS.
[29]
Etwa ab Mitte 1902 hatte sich Dilthey auch mit dem frühen Hegel beschäftigt und veröffentlicht 1905 die Ergebnisse dieser Forschungen als Akademie-Abhandlung unter dem Titel Die Jugendgeschichte Hegels (IV, 1 – 187; Zusätze aus dem Nachlass: IV, 189 – 282; weitere Fragmente aus Diltheys Hegel wurden später von H. Nohl in den Hegel-Studien 1 [1961], 103 – 134, veröffentlicht). Im selben Jahr, mit dem Ende des Sommersemesters 1905, wird Dilthey von seinen Lehrverpflichtungen befreit.
Eine Sammlung seiner wichtigsten literahistorischen Arbeiten gibt Dilthey 1906 (erschienen kurz vor Weihnachten 1905) unter dem – berühmt gewordenen – Titel Das Erlebnis und die Dichtung heraus. Diese Sammlung, Diltheys erfolgreichstes Buch, enthält überwiegend ältere Aufsätze zu Lessing, Goethe, Novalis und Hölderlin, die von Dilthey umgearbeitet bzw. ergänzt werden (jetzt in: GS XXVI); schon Ende 1907 kann die 2. und 1910 die 3. Auflage ausgegeben werden.
In dem Band Systematische Philosophie der von Paul Hinneberg herausgegebenen Reihe Die Kultur der Gegenwart veröffentlicht Dilthey 1907 seine große Abhandlung Das Wesen der Philosophie (V, 339 – 416). Von Ende 1909 bis 1911 versucht Dilthey – nun mit Hilfe seines Schülers Eduard Spranger – die Schleiermacher-Biographie wiederaufzunehmen, und 1910 erscheint – wiederum als Akademie-Abhandlung – auf der Basis der seit 1904 vorgetragenen Studien zur Grundlegung der Geisteswissenschaften Diltheys letzte große Schrift, die die Grundlegung zum Thema hat: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften (VII, 77 – 188). Aber auch dieser letzte Versuch, die intendierte philosophische Grundlegung der Geisteswissenschaften doch noch – in allerdings im Hinblick auf Umfang und Konzeption weniger anspruchsvoller Form als die Einleitung – zu vollenden, bleibt Fragment: die geplante Fortsetzung des Aufbaus bleibt ungeschrieben. 1911, im Jahr seines Todes, schließlich publiziert Dilthey in dem von seinem Schüler Max Frischeisen-Köhler herausgegebenen, repräsentativen Band Weltanschauung. Philosophie und Religion die große Abhandlung Die Typen der Weltanschauung und ihre Ausbildung in den metaphysischen Systemen, mit der er seine in der Folge vielfach rezipierte Weltanschauungslehre der Öffentlichkeit vorlegt (VIII, 73 – 118; Zusätze aus dem Nachlass: VIII, 119 – 165). Sein letzter Text, den er nicht mehr abschließen kann, behandelt Das Problem der Religion (VI, 288 – 305).
[30]
Neben den von Dilthey selbst veröffentlichten Büchern, Abhandlungen, Aufsätzen und Rezensionen hat er noch eine große Zahl von – z. T. unvollendeten – Manuskripten sowie viele Fragmente, Skizzen, Dispositionen etc. verfasst, die zu einem großen Teil, aber längst nicht vollständig – zusammen mit ausgewählten Vorlesungsnachschriften – in den Bänden seiner GS veröffentlicht wurden. Nicht realisiert blieben u. a. ein Buch über Spinozas Theorie der Affekte (1871; vgl. BW I, 598f., 608, 619), ein großes Buch über die philosophisch-wissenschaftliche Entwicklung in Europa, das von ihm so genannte „zweite Buch“, an dem er etwa seit Mitte 1869 gearbeitet hat (vgl. BW I, 510, 518, 544, 634, 647, 722), sodann eine Aufsatzsammlung Dichter als Seher der Menschheit (Frühjahr 1895; rekonstruiert in GS XXV), ein Buch über Poetik und die Studien zur Geschichte des deutschen Geistes.
Dilthey starb am 1. Oktober 1911 während eines Urlaubs im „Haus Salegg“ in Seis am Schlern (Südtirol) an den Folgen einer Ruhr-Erkrankung; seine Beisetzung auf dem alten Friedhof in Biebrich fand am 7. Oktober 1911 statt.
[31]
2
Das Projekt einer philosophischen Grundlegung der Geisteswissenschaften: die Einleitung in die Geisteswissenschaften
Im Zentrum von Diltheys Werk steht das Projekt einer umfassenden philosophischen, d. h. erkenntnistheoretischen, logischen und methodologischen Grundlegung der Geisteswissenschaften. Dilthey hat dieses Unternehmen, das die Begründung der Autonomie der Geisteswissenschaften zum Ziel hatte, gelegentlich auch – in (kritischer) Anspielung auf Kants Transzendentalphilosophie – als eine „Kritik der historischen Vernunft“ bezeichnet. (Vgl. I, 116; vgl. auch I, IX und V, 9, VII, 115, 117, 191, 263, 278, 290, VIII, 264)
Seine philosophische Grundfrage lautet: Wie lässt sich die Objektivität geisteswissenschaftlicher Erkenntnisse sichern, und wie lassen sich die Geisteswissenschaften, also die Wissenschaften des Menschen, der Geschichte und der Gesellschaft (vgl. I, 5), als eine – und zwar nicht nur in methodischer Hinsicht – von den Naturwissenschaften unabhängige Wissenschaftsgruppe begründen?
Dieses philosophische Projekt kann man ohne Einschränkung als das Lebensprojekt Diltheys bezeichnen, es ist die einheitstiftende Mitte seines Werks und seines Denkens. Dieses Unternehmen hat ihn fast über sein ganzes wissenschaftliches Leben begleitet und nahezu beständig in Atem gehalten. In immer neuen Anläufen hat Dilthey versucht, die intendierte Philosophie der Geisteswissenschaften auszuarbeiten, ohne allerdings sein sehr ambitioniertes, weil wahrscheinlich zu weit gespanntes und zu anspruchsvolles Projekt einer Grundlegung vollenden zu können. Alle systematischen Arbeiten – aber auch viele seiner historischen Forschungen – beziehen sich direkt oder in einem weiteren Sinne auf dieses umfassende, allerdings nie zum Abschluss gekommene große Forschungsprojekt.
[33]
Mit den Problemen einer philosophischen Begründung der Geisteswissenschaften beschäftigt sich Dilthey in dem Zeitraum, der sich von seinen frühen Diskussionen mit dem Freund Moritz Lazarus bis zum Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften von 1910 erstreckt. Wichtige Stationen dieser Beschäftigung sind der „Grundriss von 1865“, die „Abhandlung von 1875“ und die Versuche ihrer Fortsetzung, die Breslauer erkenntnistheoretischen und psychologischen Forschungsmanuskripte, der erste Band der Einleitung in die Geisteswissenschaften von 1883 und die Nachlassmanuskripte zum systematischen Teil des zweiten Bandes, die Vorlesung Einleitung in das Studium der Geisteswissenschaften, Rechts- und Staatswissenschaften, Theologie und Geschichte vom Sommersemester 1883 (XX, 127 – 164), die Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie von 1894, die „Abhandlung von 1895“ Über vergleichende Psychologie, die Studien zur Grundlegung der Geisteswissenschaften von 1905 bis 1910 sowie Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften.
In Diltheys Theoriebildung lassen sich grob zwei Phasen unterscheiden: Die erste wird durch den Umkreis der Einleitung gebildet (ca. Mitte der siebziger Jahre bis 1896). Die zweite durch den Aufbau und die Texte, die in Vorbereitung oder in der Absicht der geplanten Fortsetzung dieser – unvollendet gebliebenen – Schrift entstanden sind (1904 – 1911).
Im Frühjahr 1883 erscheint der erste Band von Diltheys philosophischem Hauptwerk, der Einleitung in die Geisteswissenschaften, mit der er in der „mittleren Phase“ seiner philosophischen Entwicklung die von ihm angestrebte Philosophie der Geisteswissenschaften realisieren will. Das Buch trägt den programmatischen Untertitel: Versuch einer Grundlegung für das Studium der Gesellschaft und der Geschichte und ist das Resultat eines fast zwanzigjährigen Arbeitsprozesses; erste Entwürfe zu einer Theorie der Geisteswissenschaften reichen bis in die Mitte der sechziger Jahre zurück; sie sind in Band XVIII der GS dokumentiert.
Konkret ausgearbeitet hat Dilthey die Einleitung anscheinend in kurzer Zeit – nicht zuletzt wohl auch im Hinblick auf die in Aussicht stehende Berufung auf den Berliner philosophischen Lehrstuhl. In seinem Briefwechsel finden sich bis zum Sommer 1881 (vgl. BW I, 867f.) keine Hinweise auf das in Arbeit befindliche Werk; ebenso wenig gibt es au-
[34]
tobiographische oder sonstige einschlägige Notizen, Berichte o. ä., die Licht auf ihre Planung und ihren Entstehungsprozess werfen könnten, so dass die Genese der Einleitung nicht im Detail nachvollzogen werden kann. Offenkundig ist allerdings, wie die erhaltenen Druckfahnen belegen, dass Dilthey während des Drucks an Inhalt und Disposition der Einleitung z. T. noch erheblich gearbeitet hat.
Konkret verfolgt hat Dilthey das Buchprojekt der Einleitung vom Beginn der achtziger Jahre bis in die Mitte der neunziger Jahre, bevor er es im Jahr 1896, entnervt durch einen scharfen Angriff des Psychologen Hermann Ebbinghaus auf seine Konzeption einer deskriptiven Psychologie, die in seiner Grundlegung der Geisteswissenschaften eine fundamentale Rolle spielt, aufgab. (Vgl. dazu Kap. 8)
Obwohl das Werk also offenbar in relativ kurzer Zeit ausgearbeitet wurde, geht seiner Publikation eine jahrelange, z. T. sehr intensive Beschäftigung mit dieser Problematik voraus, die bis in Diltheys Studienzeit zurückreicht. Schon Mitte der fünfziger Jahre hatte ihn die Thematik einer umfassenden philosophischen Behandlung der Probleme der Geisteswissenschaften und das Thema der methodologischen Selbständigkeit dieser Wissenschaften, oder anders gesagt, die Frage des methodischen Status der Erforschung der geschichtlichen und gesellschaftlichen Wirklichkeit erfasst und seitdem nicht wieder losgelassen.
In einem seiner letzten Texte aus dem Spätsommer 1911, der Fragment gebliebenen Vorrede zu einer noch von ihm selbst geplanten Sammlung seiner systematischen Aufsätze, spricht Dilthey in einer Art autobiographischem Rückblick von dem „herrschende[n] Impuls“ in seinem wissenschaftlichen Werk und formuliert gleichsam sein philosophisches Lebensprogramm, „das Leben aus ihm selber verstehen zu wollen. Mich verlangte, in die geschichtliche Welt immer tiefer einzudringen, um gleichsam ihre Seele zu vernehmen; und der philosophische Zug, den Eingang in diese Realität zu finden, ihre Gültigkeit zu begründen, die objektive Erkenntnis derselben zu sichern, dieser Drang war für mich nur die andre Seite meines Verlangens, in die geschichtliche Welt immer tiefer einzudringen.“ (V, 4)
Die Ausgangslage für Diltheys Projekt einer Philosophie der Geisteswissenschaften war eine „Unsicherheit über die Grundlagen der
[35]
Geisteswissenschaften“. (I, XVI) Diese Grundlagenkrise wurde ausgelöst durch die schon erwähnte Konfrontation zwischen der an der Berliner Universität fest etablierten historischen Schule, der Diltheys Lehrer Trendelenburg, Ranke und Boeckh angehörten, und der französisch-englischen Erfahrungsphilosophie, also dem Positivismus und dem Empirismus, wie er insbesondere durch die Philosophen Auguste Comte und John Stuart Mill sowie den englischen Historiker Henry Thomas Buckle repräsentiert wurde.
Der junge Dilthey zeigt anfänglich durchaus eine gewisse Sympathie für diese erfahrungswissenschaftlichen Bestrebungen, erkennt aber doch schon bald die Mängel und problematischen Konsequenzen der Erfahrungsphilosophie und des Naturalismus. Diese führen nämlich, wie er wahrzunehmen glaubt, zu einer „Verstümmelung des Geistes“ (vgl. V, 3) bzw. der geschichtlichen Wirklichkeit (vgl. I, XVII u. a.), da sie, wie auch die französischen Aufklärungsphilosophen, versuchen, „den Geist als ein Produkt der Natur zu begreifen“. (V, 3)
Aus der kritischen Beschäftigung mit den positivistisch-empiristischen Ansätzen, denen er sich einerseits in ihrer Gegnerschaft zur spekulativen Philosophie verwandt fühlt, aber andererseits auch ihre Grenzen erkennt, bildet sich bei ihm der Plan zu einer allmählich Gestalt gewinnenden Theorie der Geisteswissenschaften. In vielen kleineren Manuskripten, Entwürfen, Skizzen und Rezensionen, wie z. B. den beiden kritischen Besprechungen von Buckles Hauptwerk History of Civilisation in England (2 Vol. London 1857 – 1861), setzt sich Dilthey mit der positivistischen Wissenschaftsphilosophie und konkurrierenden Unternehmungen, wie der Völkerpsychologie von Lazarus und Steinthal, auseinander und stellt dabei seine Kritik dieser Richtungen unter die Formel „Empirie nicht Empirismus“. (XVIII, 193)
Dieser Empirismus-kritische Impuls, der das Denken des jungen Dilthey in der zweiten Hälfte der sechziger und in den siebziger Jahren bestimmt, bildet ebenfalls das Fundament der Einleitung, die man auch als eine Gegenkonzeption zum sechsten Buch (On the Moral Sciences) von Mills Hauptwerk A System of Logic, Rationative and Inductive. Beeing a Connected View of the Principles of Evidence and the Methods of Scientific Investigation (2 Vol. London 1843; in deutscher Übersetzung von J. Schiel:
[36]
System der deductiven und inductiven Logik. Eine Darlegung der Principien wissenschaftlicher Forschung. Braunschweig 1849) lesen kann, in dem eine Einheitswissenschaft ohne methodologisch-erkenntnistheoretische Trennung von Natur- und Geisteswissenschaften, die Mill als „moralisch-politische Wissenschaften“ bezeichnet, postuliert wird.
Diltheys Entwurf ist vornehmlich getragen von der Absicht, der Arbeit der historischen Schule eine philosophische Begründung zu liefern und eine Logik und Methodenlehre der Geisteswissenschaften auszuarbeiten. Wie er rückblickend im Aufbau schreibt, stellte sich die Einleitung „auf die Tatsache der Geisteswissenschaften, wie sie besonders in dem von der historischen Schule geschaffenen Zusammenhang dieser Wissenschaften vorlag, und suchte deren erkenntnistheoretische Begründung.“ (VII, 117) Denn diese fehlende erkenntnistheoretische Begründung diagnostiziert Dilthey als die entscheidenden „inneren Schranken“ dieser Forschungsbewegung, die „ihre theoretische Ausbildung wie ihren Einfluß auf das Leben hemmen mußten“. (I, XVI) Denn „ihrem Studium und ihrer Verwertung der geschichtlichen Erscheinungen fehlte der Zusammenhang mit der Analysis der Tatsachen des Bewußtseins, sonach Begründung auf das einzige in letzter Instanz sichere Wissen“. (Ebd.)
Charakteristisch für die historische Schule, die von Wickelmann und Herder, über die Vertreter der romantischen Schule bis zu Niebuhr, Jacob Grimm, Savigny und Boeckh reicht und die klassische Phase der Geisteswissenschaften in Deutschland repräsentiert, ist in Diltheys Augen eine „rein empirische Betrachtungsweise […], liebevolle Vertiefung in die Besonderheit des geschichtlichen Vorgangs, ein universaler Geist der Geschichtsbetrachtung, welcher den Wert des einzelnen Tatbestandes allein aus dem Zusammenhang der Entwicklung bestimmen will, und ein geschichtlicher Geist der Gesellschaftslehre, welcher für das Leben der Gegenwart Erklärung und Regel im Studium der Vergangenheit sucht und dem schließlich geistiges Leben an jedem Punkte geschichtliches ist“. (I, XVI)
Während die historische Schule Wert auf die Betrachtung und Erkenntnis historischer Individualitäten legt und entwicklungsgeschichtlich denkt, versuchen demgegenüber der Positivismus und der Empirismus von Comte, Mill und Buckle, „das Rätsel der geschichtlichen Welt
[37]
durch Übertragung naturwissenschaftlicher Prinzipien und Methoden zu lösen“. (I, XVI)
Dilthey bestimmt seine konkrete Aufgabenstellung in seinem Buch durch diesen Konflikt zwischen der historischen Schule und dem Positivismus. Er will „das Prinzip der historischen Schule und die Arbeit der durch sie gegenwärtig durchgehends bestimmten Einzelwissenschaften der Gesellschaft philosophisch […] begründen und so den Streit zwischen dieser historischen Schule und den abstrakten Theorien […] schlichten“. (I, XVII) Im Zusammenhang mit diesem Grundproblem stehen aber auch Fragen, die nicht nur den Theoretiker, sondern auch den geisteswissenschaftlichen Praktiker interessieren, wie z. B. die nach dem Zusammenhang zwischen etwa historischen, ökonomischen und rechtswissenschaftlichen Aussagen: Wer gibt diesen Sätzen und Begriffen ihre Sicherheit? Reicht der Zusammenhang der geisteswissenschaftlichen Disziplinen in die Metaphysik zurück? Und wenn nicht, wo ist der „feste Rückhalt für einen Zusammenhang der Sätze, der den Einzelwissenschaften Verknüpfung und Gewißheit gibt“? (Ebd.)
Die erkenntnisphilosophische Position, die Diltheys Philosophie der Geisteswissenschaften zugrunde liegt, wird in der Einleitung nur grob skizziert, aber nicht wirklich ausgearbeitet, da sie im Mittelpunkt des zweiten Bandes stehen soll. Grundlage seiner Erkenntnistheorie ist der Rückgang auf den „ganzen Menschen […] in der Mannigfaltigkeit seiner Kräfte“ (I, XVIII), um dadurch den Intellektualismus und die Ungeschichtlichkeit der klassischen Erkenntnistheorien (Rationalismus, Empirismus, Transzendentalphilosophie) zu überwinden und so die Grundfragen einer Erkenntnistheorie der gesellschaftlichen und geschichtlichen Wissenschaften, die Dilthey im Übrigen in Absetzung von den tradierten erkenntnistheoretischen Ansätzen als „Selbstbesinnung“ bezeichnet, zu lösen. Die erkenntnistheoretische Basiskonzeption der Einleitung ist eine – wie er rückblickend im Aufbau schreibt – gegen „den Intellektualismus in der damals herrschenden Erkenntnistheorie“ (VII, 117) gesetzte „Philosophie des Lebens“. Ihre Grundkategorien sind der „ganze Mensch“ und das „Leben“, das „Erleben“ oder das „Erlebnis“.
Die Erfahrungswissenschaften der geistigen Wirklichkeit basieren auf der sogenannten „inneren Erfahrung“ bzw. auf dem „inneren Erlebnis“
[38]
(I, 9). Da jede Wissenschaft Dilthey zufolge Erfahrungswissenschaft ist und jede Erfahrung „ihren ursprünglichen Zusammenhang und ihre hierdurch bestimmte Geltung in den Bedingungen unseres Bewußtseins, innerhalb dessen sie auftritt“, besitzt, d. h. „in dem Ganzen unserer Natur“, findet Dilthey den „festen Ankergrund“ für sein Denken „ausschließlich in der inneren Erfahrung, in den Tatsachen des Bewußtseins“, d. h. in dem erkenntnistheoretischen Standpunkt, der die „Unmöglichkeit einsieht, hinter diese Bedingung zurückzugehen, gleichsam ohne Auge zu sehen oder den Blick des Erkennens hinter das Auge selber zu richten“. (I, XVII) Darüber hinaus zeigt sich ihm, dass die Selbständigkeit der Geisteswissenschaften von diesem Standpunkt aus die Begründung findet, die die historische Schule bedarf.
Diltheys Konzeption zufolge sollte das Gesamtwerk der Einleitung zwei Bände umfassen. Zahlreiche Dispositionen aus verschiedenen Jahren zeigen, dass Dilthey die Gesamtanlage der Einleitung immer wieder neu durchdacht und geplant hat. Hinweisen aus späterer Zeit zufolge sollte das Gesamtwerk sogar aus drei Bänden bestehen. (Vgl. u. a. B, 48)
Der veröffentlichte erste Band der Einleitung besteht aus zwei Büchern: Das erste, einleitende Buch („Übersicht über den Zusammenhang der Einzelwissenschaften des Geistes, in welcher die Notwendigkeit einer grundlegenden Wissenschaft dargetan wird“; I, 1 – 120) enthält in nuce eine Theorie der Geisteswissenschaften, die die für den zweiten Band vorgesehene umfassende Erkenntnistheorie, Logik und Methodenlehre der Geisteswissenschaften vorbereiten soll. Es stellt den Gegenstand der Untersuchungen, d. h. die Geisteswissenschaften, als Wissenschaften der gesellschaftlich-geschichtlichen Wirklichkeit vor. Dabei werden die Geisteswissenschaften vorläufig und tentativ als ein selbständiges, von den Naturwissenschaften unabhängiges Ganzes bestimmt. Weiterhin wird das Verhältnis von Geistes- und Naturwissenschaften erörtert sowie das Forschungsmaterial der Geisteswissenschaften und die für sie charakteristischen Klassen von Aussagen vorgestellt. Im Zentrum des Buches steht eine Analyse der verschiedenen Klassen der Geisteswissenschaften und der Versuch einer Bestimmung ihres systematischen Zusammenhangs, d. h. ihres Systems, das von der Psychologie als Grundwissenschaft zu den Klassen der systematischen Geisteswissenschaften reicht, sowie ein
[39]
Überblick über die methodischen Grundlagen der Geisteswissenschaften, d. h. ein Ausblick auf die geplante Methodenlehre. Abgeschlossen wird das Buch mit einer Kritik der Geschichtsphilosophie und der positivistischen Soziologie sowie einer zusammenfassenden Begründung der Notwendigkeit seines Vorhabens einer erkenntnistheoretischen Grundlegung.
Das zweite Buch („Metaphysik als Grundlage der Geisteswissenschaften. Ihre Herrschaft und ihr Verfall“; I, 121 – 408) enthält eine weitgehend historisch geführte Metaphysikkritik oder „Phänomenologie der Metaphysik“, d. h. eine umfassende Darstellung und Kritik der Metaphysik von den Vorsokratikern bis zur Entstehung der modernen Naturwissenschaften, einschließlich der Epoche einer metaphysischen Begründung der Geisteswissenschaften. Sie dient dem Nachweis, „daß eine allgemein anerkannte Metaphysik durch eine Lage der Wissenschaften bedingt war, die wir hinter uns gelassen haben, und sonach die Zeit der metaphysischen Begründung der Geisteswissenschaften ganz vorüber ist“. (I, XIX)
Über Diltheys Planung für den zweiten Band wissen wir – abgesehen von vielen Gliederungsentwürfen, die sich im Nachlass fanden – vornehmlich aus drei Quellen: seiner Dispositionsskizze in der Vorrede zum ersten Band, einem Brief an R. Schöne und den Konzepten zu einem Schreiben an F. Althoff, die er beide im Zusammenhang seiner bevorstehenden Berufung an die Berliner Universität verfasste. Demnach sollte der zweite Band, für den Dilthey um 1882/83 vier Bücher geplant hatte, einen geschichtlichen Teil und die eigene positive systematische Grundlegung der Geisteswissenschaften enthalten:
Das dritte Buch sollte die historisch-kritische Darstellung des zweiten Buches fortsetzen und „dem geschichtlichen Verlauf in das Stadium der Einzelwissenschaften und der Erkenntnistheorie nachgehen und die erkenntnistheoretischen Arbeiten bis zur Gegenwart darstellen und beurteilen“ (I, XIX). Diesen Teil seiner Konzeption hat Dilthey in großem Umfang durch seine umfangreichen geistesgeschichtlichen Studien der neunziger Jahre realisiert, die im Band II seiner GS zusammengestellt sind.
Die Bücher vier und fünf sollten dann „eine eigene erkenntnistheoretische Grundlegung der Geisteswissenschaften versuchen“. (I, XIX) Das vierte Buch („Grundlegung der Erkenntnis“), sollte in drei Ab-
[40]
schnitten („Die Tatsachen des Bewußtseins“, „Die Wahrnehmung der Außenwelt“ und „Die innere Wahrnehmung und die Erfahrung von seelischem Leben“) die Grundlagen einer Erkenntnistheorie der geisteswissenschaftlichen Erfahrung entwickeln. Ausgearbeitet, aber nicht publiziert hat Dilthey davon nur den ersten Abschnitt. Es handelt sich dabei um die erst aus dem Nachlass in Band XIX der GS publizierte große und mittlerweile in der Dilthey-Forschung als sogenannte „Breslauer Ausarbeitung“ bekannt gewordene erkenntnisanthropologische Untersuchung (XIX, 58 – 173), die – wenn man brieflichen Äußerungen Diltheys glauben darf – den ältesten Teil der Einleitung darstellt. (Vgl. BW I, 887) Den Gegenstand des zweiten Abschnitts hat Dilthey in seiner „Realitätsabhandlung“, der Studie Beiträge zur Lösung der Frage vom Ursprung unseres Glaubens an die Realität der Außenwelt und seinem Recht (1890) behandelt. Zum dritten Abschnitt liegen dagegen nur einige Skizzen und Fragmente vor, die ebenfalls erst in Band XIX der GS veröffentlicht wurden. (Vgl. XIX, 195 – 227)
Das fünfte Buch („Das Denken, seine Gesetze und seine Formen“) sollte die Logik und das sechste Buch („Die Erkenntnis der geistigen Wirklichkeit und der Zusammenhang der Wissenschaften des Geistes“) die Methodenlehre und das System der Geisteswissenschaften enthalten. Während vom sechsten Buch nur wenige Fragmente vorliegen, die in Auswahl ebenfalls im Band XIX publiziert wurden (vgl. XIX, 264 – 295), hat Dilthey zum Kontext des fünften Buches – neben einigen kleineren Texten – einen großen, ebenfalls erstmals in Band XIX der GS veröffentlichten Entwurf einer erkenntnistheoretischen Logik verfasst (Leben und Erkennen, ca. 1892 /93; XIX, 333 – 388), der deutlich macht, dass die in Band VII der GS aus dem Nachlass veröffentlichten späten Entwürfe zu einer lebensphilosophischen Kategorienlehre (Die Kategorien des Lebens; VII, 228 – 245) keine Neuentwicklung des Spätwerks darstellen, sondern auf Konzeptionen der frühen neunziger Jahre zurückgehen, womit sich diese „hermeneutische“ Kategorienlehre – zur Überraschung aller Dilthey-Experten – als ein Projekt des „mittleren Dilthey“ erweist.
Thema des ersten Bandes der Einleitung ist eine fundamentale Analyse der Struktur der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit sowie der erkenntnistheoretischen und methodischen Struktur und des Zusam-
[41]
menhangs der Wissenschaften dieser Wirklichkeit sowie der Methoden, mit deren Hilfe sie diese Wirklichkeit erforschen.
Dilthey verfolgt nach eigener Aussage mit der Einleitung die Absicht einer Einführung in das Studium der Geisteswissenschaften, und zwar durch eine Erörterung ihrer Grundlagen und Methoden, und er will mit seinem Buch für diejenigen, die sich mit Geschichte, Politik, Rechtswissenschaft, politischer Ökonomie, Theologie, Literatur oder Kunst befassen, etwas Ähnliches leisten, was verschiedene Autoren seit Francis Bacons Novum organum (1620) für das Studium der Naturwissenschaften geleistet haben. Sein Buch „möchte dem Politiker und Juristen, dem Theologen und Pädagogen die Aufgabe erleichtern, die Stellung der Sätze und Regeln, welche ihn leiten, zu der umfassenden Wirklichkeit der menschlichen Gesellschaft kennen zu lernen, welcher doch, an dem Punkte, an welchem er eingreift, schließlich die Arbeit seines Lebens gewidmet ist“. (I, 3)
Geisteswissenschaften definiert Diltheys als „die Wissenschaften, welche die geschichtlich-gesellschaftliche Wirklichkeit zu ihrem Gegenstand haben“ (I, 4), sie sind – anders gesagt – die „Wissenschaften des Menschen, der Geschichte, der Gesellschaft“. (I, 5)
Wichtig zum Verständnis von Diltheys Theorie der Geisteswissenschaften ist somit der Hinweis, dass er unter Geisteswissenschaften nicht – wie heute üblich – primär die interpretierenden Wissenschaften, wie die Philologien, die Geschichtswissenschaften oder die Theologie, versteht, sondern vielmehr das ganze Spektrum jener Wissenschaften, die die kulturell-gesellschaftlich-geschichtliche Wirklichkeit untersuchen, also auch – und sogar vornehmlich – die Soziologie, die Politik-, die Rechts- und die Wirtschaftswissenschaften, d. h. die Wissenschaften, die heute unter den Sammelbezeichnungen „Sozialwissenschaften“ oder „Handlungswissenschaften“ zusammengefasst werden. Und in seiner Analyse dieser Wissenschaften zeigt sich – unerwartet für den „Hermeneutiker“ Dilthey –, dass das Konzept des Textes nicht das Paradigma des geisteswissenschaftlichen Objekts darstellt und die Methode der Textinterpretation nicht das Paradigma der Erkenntnis der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit ist. Dementsprechend steht die Interpretation von Texten, die man üblicherweise als „Kerngeschäft“ der Geisteswissenschaften be-
[42]
greift, und deren Methodologie, die Hermeneutik, nicht im Mittelpunkt der Einleitung. Sie wird erst im Spätwerk zum Thema seiner Analyse.
Mit seiner Einleitung verbindet Dilthey offenbar Erwartungen, die über bloß wissenschaftsphilosophische hinausgehen, zeigt er sich doch von der wachsenden Bedeutung der „Wissenschaften der Gesellschaft“ gegenüber den Naturwissenschaften überzeugt. Denn sie sind in Diltheys Augen Seismographen gesellschaftlicher Veränderungen und besitzen daher eine eminent praktisch-politische Relevanz. Den Grund dafür sieht Dilthey in folgendem: „Die Erkenntnis der Kräfte, welche in der Gesellschaft walten, der Ursachen, welche ihre Erschütterungen hervorgebracht haben, der Hilfsmittel eines gesunden Fortschritts, die in ihr vorhanden sind, ist zu einer Lebensfrage für unsere Zivilisation geworden.“ (I, 4)
Den endgültigen Begriff der Geisteswissenschaften, der sie als ein Ganzes definiert, sowie die definitive Abgrenzung dieses Ganzen von den Naturwissenschaften soll im zweiten Band der Einleitung vorgelegt werden. Das erste Buch versteht Dilthey als eine Art Propädeutik, die vorläufig und einführend die Bedeutung des Ausdrucks „Geisteswissenschaften“ und die Tatsachen benennt, auf die sich eine Abgrenzung dieser Wissenschaftsgruppe von den Naturwissenschaften gründet.
Dabei verdient festgehalten zu werden, dass Dilthey den Begriff „Geisteswissenschaften“, der durch ihn und sein Werk Karriere macht, durchaus nicht ohne Vorbehalte verwendet. Für die Verwendung dieses Begriffs spricht in Diltheys Augen aber einmal, dass er durch die Schielsche Übersetzung der Millschen Logik weite Verbreitung gefunden hat und dadurch gewohnt und allgemein verständlich geworden ist, und zum anderen, dass dieser Begriff im Vergleich zu Alternativen wie „Kulturwissenschaften“, „Sozialwissenschaften“ etc. der am wenigsten unangemessene ist. (Vgl. I, 6)
Das entscheidende Motiv, warum man üblicherweise diese Wissenschaften der menschlich-gesellschaftlich-geschichtlichen Wirklichkeit, also der Kultur im weitesten Sinne, als Einheit begreift und von denen der Natur abgrenzt, reicht „in die Tiefe und Totalität des menschlichen Selbstbewußtseins“. (I, 6) Denn der Mensch findet in seinem Selbstbewußtsein „eine Souveränität des Willens, eine Verantwortlichkeit der Handlungen, ein Vermögen, alles dem Gedanken zu unterwerfen und
[43]
allem innerhalb der Burgfreiheit seiner Person zu widerstehen, durch welche er sich von der ganzen Natur absondert“. (Ebd.) Mit einem Wort Spinozas bezeichnet Dilthey diese nur durch innere Wahrnehmung gegebene unabhängige geistige Welt innerhalb des Reichs der Natur als „imperium in imperio“. (Ebd.; vgl. auch I, 385 und 388) Von dem Reich der Natur als „Zusammenhang einer objektiven Notwendigkeit“ unterscheidet der Mensch so ein „Reich der Geschichte, in welchem, mitten in dem Zusammenhang einer objektiven Notwendigkeit, welcher Natur ist, Freiheit an unzähligen Punkten dieses Ganzen aufblitzt“. (I, 6) In diesem Reich der Geschichte bringen die „Taten des Willens […] durch ihren Kraftaufwand und ihre Opfer […] wirklich etwas hervor, erarbeiten Entwicklung, in der Person und in der Menschheit“. Dies steht im Gegensatz zu dem „mechanischen Ablauf der Naturveränderungen, welcher im Ansatz alles, was in ihm erfolgt, schon enthält“. In der Natur findet sich so nur die „leere und öde Wiederholung“. (Ebd.)
Grundbedingung einer solchen Unterscheidung von Natur- und Geisteswissenschaften ist die Annahme der Möglichkeit einer so genannten „inneren Erfahrung“, die der äußeren, d. h. sinnlichen, Erfahrung gegenübersteht, selbstständig ist und nicht auf diese zurückgeführt werden kann. Durch die Differenzierung zweier Erfahrungsweisen lassen sich zwei Tatsachenkreise voneinander abheben: dem durch die Sinne gegebenen und nur aus diesem durch „denkende Verknüpfung“ entstandenen „Material“ gegenüber steht „ein besonderer Umkreis von Tatsachen […], welche primär in der inneren Erfahrung, sonach ohne jede Mitwirkung der Sinne, gegeben sind“ (I, 8f.), die „alsdann aus dem so primär gegebenen Material innerer Erfahrung auf Anlaß äußerer Naturvorgänge formiert werden, um diesen durch ein gewisses, dem Analogieschluß in der Leistung gleichwertiges Verfahren unterlegt zu werden“. (I, 9) Dadurch entsteht ein – wie Dilthey schreibt – „eigenes Reich von Erfahrungen, welches im inneren Erlebnis seinen selbständigen Ursprung und sein Material ist, und das demnach naturgemäß Gegenstand einer besonderen Erfahrungswissenschaft ist“. (Ebd.)
Diltheys Theorie der Geisteswissenschaften, die in der Einleitung nur skizziert, aber nicht wirklich ausgeführt ist, basiert somit auf der cartesianischen Grundannahme, dass der Mensch als Lebenseinheit in doppelter,
[44]
nicht aufeinander zurückführbarer Perspektive betrachtet werden kann: durch das „innere Gewahrwerden“, d. h. die innere Erfahrung, erscheint er als ein „Zusammenhang geistiger Tatsachen“; hier erscheint die gesamte Außenwelt im Bewusstsein gegeben, und alles, auch die Naturgesetze, stehen unter den Bedingungen des Bewusstseins und sind von ihnen abhängig. Durch die sinnliche Anschauung, die äußere Erfahrung, wird der Mensch demgegenüber als ein „körperliches Ganzes“ erfahren. (I, 15) Dadurch ergeben sich zwei verschiedene, „nicht ineinander aufhebbare Standpunkte für die wissenschaftliche Auffassung“: der Standpunkt der Transzendentalphilosophie und der Standpunkt des Naturforschers. (Ebd.)
Zu den in innerer Erfahrung gegebenen Tatsachen tritt nun das (psychologische) Verstehen, das Dilthey im Rahmen des Projekts der Einleitung strikt nach dem Schema des Analogieschlusses denkt: äußeren Vorgängen oder Objekten wird durch ein dem Analogieschluss gleichwertiges Verfahren das durch die innere Erfahrung zugängliche Material unterlegt. (Vgl. I, 9) Dieses – man könnte sagen – „lebensweltlich-elementare“ Verstehen erfüllt noch keine im strengen Sinne methodische Funktion, sondern erwirkt eine sozusagen gegenstandskonstitutive Leistung für die Geisteswissenschaften, das heißt, die Gegenstände der Geisteswissenschaften werden im Zusammenspiel von innerer Erfahrung (bzw. Erlebnis) und Verstehen allererst konstituiert oder „erzeugt“. Erst auf der Basis der so vollzogenen Konstituierung der Objekte geisteswissenschaftlicher Forschung, die sich – und das ist wesentlich für Diltheys Ansatz – auf der Grundlage der eingespielten gesellschaftlichen und geschichtlich vermittelten Lebenspraxis vollzieht, können sich dann die spezifischen geisteswissenschaftlichen Methoden, also z. B. auch das kunstmäßige Verstehen (die Auslegung und Interpretation), etablieren und ausbilden, von denen aber im ersten Band der Einleitung bemerkenswerter Weise keine Rede ist.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.