Kitabı oku: «Czernin oder wie ich lernte, den Ersten Weltkrieg zu verstehen»

Yazı tipi:

Hans von Trotha

Czernin

oder wie ich lernte,

den Ersten Weltkrieg

zu verstehen

Roman


© Dittrich Verlag ist ein Imprint

der Velbrück GmbH, Weilerswist-Metternich 2020

Lektorat: Diethelm Kaiser, Markus Lorenz

Satz: Gaja Busch

Umschlaggestaltung: Guido Klütsch

Printed in Germany

ISBN 978-3-947373-17-8

eISBN 978-3-947373-49-9

Inhalt

Vorbemerkung

ERSTER TEIL

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

ZWEITER TEIL

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

DRITTER TEIL

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

VIERTER TEIL

3. April

4. April

5. April

6. April

7. April

8. April

9. April

10. April

11. April

12. April

13. April

14. April

15. April

16. April

17. April

18. April

FÜNFTER TEIL

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Anhang

Zitatnachweise

Auswahl verwendeter und zitierter Publikationen

Dank

Vorbemerkung

Der folgende Text ist eine literarische Fiktion. Allerdings gibt es sowohl für einen Großteil der auftretenden Figuren als auch für zahlreiche Elemente der Handlung das, was man gemeinhin historische Vorbilder nennt. Darüber hinaus sind Dokumente integriert, die Historiker als Quellen bezeichnen würden, Texte also, die der Autor nicht erfunden, sondern übernommen hat. Diese sogenannten Quellen sind gewissenhaft wiedergegeben; allerdings wurden sie, bisweilen stark, gekürzt, ohne dass die Kürzungen im Text ausgewiesen wären. Verwendet wurden ausschließlich Dokumente, die bereits publiziert sind, in öffentlichen Archiven jedermann jederzeit frei zugänglich sind oder sich im Besitz des Autors befinden. Das gilt für als solche gekennzeichnete, aber auch für diktierte, vorgelesene, gekabelte oder anderweitig, zum Beispiel in Dialogen, zitierte Dokumente. Der jeweilige Fundort ist in einem Anhang nachgewiesen. Besonderer Dank gilt in diesem Zusammenhang dem Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien und seinen hilfsbereiten und kompetenten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. In diesem Archiv werden viele der zitierten Dokumente verwahrt.

»Bevor sich ein Gewitter unter Blitz und Donner entladet, spielen sich ganz bestimmte Vorgänge in der Atmosphäre ab. Die Elektrizitäten scheiden sich, und das Gewitter ist das Resultat einer gewissen, nicht mehr haltbaren atmosphärischen Spannung; ob wir diese Vorgänge an äußeren Zeichen erkennen können oder nicht, ob uns die Wolken mehr oder weniger drohend erscheinen, ändert nichts an dem Faktum, dass die elektrische Spannung bestehen muss, bevor das Gewitter ausbricht.«

Czernin, Im Weltkriege

ERSTER TEIL
1

Die Sucht, die ihm noch in den Adern wohnte, wollte ruhiggestellt werden. Er versuchte, es sich als Belohnung zu verkaufen, dass er es endlich tun würde. Dass er seinen Mut zusammennehmen, zu Fiona gehen, ihr sagen würde, wie sehr er sie liebte. Nein. Nochmal. Wie er sie begehrte. Auch nicht. Brauchte. Er würde sie umarmen, ihren Duft einatmen und sie mitnehmen. Das war der Plan. Wenn, geiferte die Sucht in ihm, du das hinkriegst. Schaffst es eh wieder nicht. Und falls doch – wäre das nicht ein schöner Grund, die rote Schachtel Gauloises, die da in der Küchenschublade …

Nur der Sprung aus dem Bett konnte die Vollendung des Gedankens verhindern. Max stieg in die Filzpantoffel, griff den rot-weiß gestreiften Schlafrock und stürmte, die Bewegung, mit der er den Schlüssel im Vorbeifliegen von der Wand pflückte, war ihm längst zur zweiten Natur geworden, aus der Wohnung. Kalte Feuchtigkeit stieg das Treppenhaus hinauf. Sie staute sich in der kleinen Kammer auf dem Absatz. Max verbot sich, etwas anderes zu denken als die Tageslosung. Heute. Fiona. Ausrede keine.

Erleichtert sprang er die halbe Treppe in drei Sätzen hinauf, hängte den Schlüssel an den Nagel und machte sich daran, den Ofen einzuheizen. Dass er sich dabei in seiner zweiten Berliner Saison immer noch so ungeschickt anstellte, ärgerte ihn maßlos. Im Chor mit den anderen Ofenheizern verbreitete er die idiotische Mär, Kachelöfen würden diese besonders schöne Wärme abgeben, die alle Mühe wettmache. Dabei hätte er das Ding jeden Morgen zusammenschlagen können. Erst recht, seit er nicht mehr rauchte. Er zischte rhythmisch mehrmals Scheiße. Das half immer ein bisschen. Außerdem war er überzeugt, dass der neongrüne Anzünder zwischen seinen Fingern ihn auf die Dauer ernsthaft vergiftete.

Er hätte anrufen sollen. Aber vormittags rief Max damals niemanden an. Er floh vor der Kälte in die Küche. Dort war unter dem Fenster ein einfacher Gasofen installiert. Bevor Max in die Duschkabine steigen konnte, die zwischen Herd und Waschbecken stand wie eine ausgemusterte Telefonzelle, musste er warten, bis sich das Wasser aufgeheizt hatte. Das dauerte genau eine Zigarette lang. Er setzte die Kaffeemaschine in Gang und meinte, den süßen Schwindel des ersten morgendlichen Zugs zu spüren. Beim Zähneputzen war ihm, als kratze er Nikotin von der pelzigen Zunge. Er stellte sich unter den schwachen Wasserstrahl, der sich nur mit viel Feingefühl im Umgang mit dem Plastikregler auf eine akzeptable Temperatur festlegen ließ. Fast wach, einen Becher Kaffee in der Hand, ging er ins Zimmer, zog sich an und kontrollierte den Ofen. Der war aus.

Eine stechende Mixtur giftiger Flüssigkeiten kroch die Blutbahnen langsam aufwärts, nistete sich als schwindelnder Druck unter der Schädeldecke ein. Max warf die eiserne Ofentür zu. Als Echo kam ein dumpfes Geräusch zurück. Aus Verachtung unterließ er jeden weiteren Versuch und zog einen zweiten Pullover über.

Max wärmte die Hände am Kaffeebecher. Die heiße Flüssigkeit schmeichelte der nikotinentwöhnten Kehle. Er trat ans rechte der beiden Fenster. Er sah durch die kahle Krone der Hofkastanie hindurch die Brandmauer, auf die er schon so oft eine glückliche Zukunft projiziert hatte. Auf dem Dielenboden stand das blaue Plastiktelefon mit den schwarzen Tastenwürfeln. Die Nummer hätte er auswendig gewusst. Er nahm nicht wahr, wie der Vormittag verging, der Mittag, dann der Nachmittag. Am Ende war es nach Mitternacht, als er den grauen Mantel aus dem Secondhandladen anzog, in dem man die Kleider nach Kilogramm bezahlte. Er stieg die mit lindgrünem Linoleum belegten Treppenstufen hinunter und durchquerte den stillen, dunklen Hof. Draußen hielt er sich links. Die lange, gerade Straße dort unten führte unter einer Reihe von gusseisernen Brücken hindurch zu Fiona. Es war nicht weit. Aber er kam nie an.

Es fühlte sich an wie ein Traum, nicht einmal ein angenehmer. Es war die mangelnde Übereinstimmung mit dem Gewohnten, vielleicht auch das gedrosselte Tempo. Da waren Menschen, überall. Ein fremder, beißender Geruch lag auf der Szene.

Über dem träg fließenden Menschenstrom prangten in weißen Lettern weithin sichtbar die Schriftzüge Felix Teichgräber Combo und Sei immer auf dem Hut. Jemand musste beides kopfüber auf die erste der Brücken gemalt haben. Und niemand machte sich die Mühe, die Schriftzüge wieder zu entfernen. Die Brücken spannten sich über den Weg zu Fiona. Für gewöhnlich fuhren hier abends lediglich vereinzelt Autos mit überhöhter Geschwindigkeit. In dieser Nacht aber zog sich sämig ein nicht endender Fahrzeugkonvoi unter der Felix Teichgräber Combo Richtung Fiona. Auf den Trottoirs, auch auf der Fahrbahn, ungefährdet, weil es kaum Bewegung gab, quoll es. Fremde Menschen umarmten einander. Manchmal erwischte es auch ihn. Die Masse schien in die Richtung zu fließen, in die er hatte gehen wollen. Wie Meereswellen können aber auch sehr viele Menschen eine Art Unterstrom entwickeln, der Einzelne zurückwirft. Zumindest kam Max nicht voran. Selbst angesichts der Ausgelassenheit um ihn herum gab er seine Zurückhaltung Fremden gegenüber nicht auf. Er fragte nicht, was los sei. Die Fäuste in den Taschen, den Oberkörper nach vorn gebeugt, stemmte er sich wie gegen einen Sturm. Noch bevor er die erste Brücke erreicht hatte, gab er auf und, so zumindest war später die Erinnerung, ließ sich zurückspulen. Mit gesenktem Kopf stieg er die Treppe zu seiner Wohnung hinauf. Der Stolz, in diesem Moment nicht geraucht zu haben, sollte ihm für immer bleiben.

Als die Stille nicht mehr auszuhalten war, schaltete er den Fernseher ein, ein winziger Apparat mit Zimmerantenne und entsprechend unzuverlässigem Empfang. Er sah in Schwarz-Weiß, was er gerade auf der Straße erlebt hatte. Es dauerte Minuten, bis ihn erreichte, was da in sein Zimmer übertragen wurde. Die Mauer war gefallen. An diesem Tag, er schämte sich des Gedankens erst später, rissen sie sogar die Mauer ein, um ihn aufzuhalten.

Als er wieder draußen stand, waren auch die Nebenstraßen geflutet. Auf dem Fahrdamm bewegte sich im Schneckentempo eine endlose Reihe von Wartburgs und Trabants, gehüllt in Schwaden süßlichen Gestanks. Max fühlte sich falsch. Da war kein Unterschied zu den Bildern im Fernseher. Nur lauter war es. Und der Gestank. Die Freunde hatten einer nach dem anderen angerufen und auf den Anrufbeantworter gesprochen. Ob er mit auf den Ku’damm käme. Da sei sonst was los. Oder zur Bornholmer oder zur Warschauer oder zur Invalidenstraße. Pauls Stimme hatte sich überschlagen. Max lehnte an der dunkelgrün gestrichenen Haustür, klemmte im Eingang, als hätte er sich zu verstecken. Er dachte an Boris, den einzigen seiner Freunde, der regelmäßig nach Ost-Berlin fuhr, und an das kleine geheime Depot unter seiner Matratze. Boris hatte nicht angerufen.

Zweimal waren sie in seine Wohnung eingebrochen. Beim ersten Mal dachte er noch, es sei ein Junkie auf der Suche nach etwas Verwertbarem gewesen. Beim zweiten Mal war klar, was sie suchten, weil sie es fanden. Sie waren hinter den Zeitschriften von Boris her. Der hatte Freunde im Osten. Die Zeitschriften stammten aus dem literarischen Untergrund am Prenzlauer Berg, 1900 und so. Boris schmuggelte sie in den Westen. Da er die Stasi fürchtete, was Max für Hysterie hielt, teilte er die Trophäen in kleine Stapel auf, die er bei Freunden deponierte. Obwohl sie sie da gefunden hatten, steckte Max sie weiter unter die Matratze. Er hätte nicht gewusst, wohin sonst. Seine Wohnung, sein Leben überhaupt, war so schrecklich übersichtlich.

Irgendwann löste sich dieser Mann aus der Menge. Er hatte einen Hut tief ins Gesicht gezogen. Die Hände steckten in den Taschen eines hellen Mantels.

»Ottokar von Andersleben?«

Das ungeschützte »Ja« war der Überraschung geschuldet Schließlich kannte kaum jemand seinen richtigen Vornamen. Seit er denken konnte, hatte er sich dagegen gewehrt. Er hatte es kurz mit Otto versucht, aber das war kaum besser. Die Familie bestand darauf, ihn Kary nennen zu wollen, wogegen er sich heftig und irgendwann mit Erfolg verwahrte. Er wusste nicht mehr, wie er auf Max gekommen war. Für ihn war Max das Gegenteil von Ottokar. Die drei Silben klangen in seinen Ohren wie ein schweres Echo aus einer düsteren Zeit. Und Max wollte leben, jetzt.

Auf das »Ja« hin zog der Fremde eine Hand aus der Manteltasche, darin ein Briefumschlag.

»Passen Sie gut darauf auf. Sie werden ihn suchen.«

Der Dialekt passte nicht nach Berlin. Max betrachtete das Kuvert in seiner Hand, raues DDR-Papier. Als er wieder aufsah, hatte die Menge den hellen Mantel schon wieder verschluckt. Kein Hut weit und breit. Trugen sie im Osten keine Hüte?

Der Umschlag war nur zugesteckt, nicht geklebt. Max spürte etwas Hartes. Ein Schlüssel, klein und flach, blauschwarz beschlagen. Die Räute war grob gearbeitet, ohne Loch. Sie bildete eine Art Trapez. Der Schlüssel hatte zwei Bärte. Max stand da und sah der schwellenden Menge zu. Er überprüfte, ob außer dem Schlüssel nichts in dem Umschlag war, keinerlei Nachricht, und ließ ihn fallen. Den Schlüssel steckte er in sein Portemonnaie. Da rief jemand in der Menge, an einem der Grenzübergänge werde geschossen.

2

6. Juni 1924

Meine liebe Maritschy und meine lieben Kinder.

Wenn Ihr diese Zeilen lesen werdet, werdet Ihr unter dem Eindruck meines Todes sein. Es wird Euch gewiss recht wund um’s Herz sein und meine arme Maritschy wird ein gewisses Gefühl der Verlassenheit haben. Meine erste Bitte an alle meine Kinder ist, gut für meine Maritschy zu sein; helft Euerer Mutter über eine böse Stunde hinüber und helft ihr auch weiter, wenn sie hoffentlich recht lange noch bei Euch bleibt; sorgt dafür, dass sie niemals das Gefühl der Verlassenheit erhält.

Meine zweite Bitte an meine Kinder ist: behaltet Euch untereinander lieb. Seid immer brüderlich und geschwisterlich, helft Euch gegenseitig. Ganz besonders empfehle ich Euch allen, meine Kinder, meine kleine Toja. Wenn ich bald sterbe so verliert sie ihren Vater sehr, sehr jung sie bleibt schutzlos zurück & sie bedarf des Schutzes. Ich habe sie nicht lieber gehabt, wie Euch anderen, meine lieben Kinder, nur anders habe ich sie stets betrachtet, weil sie noch so klein und so allein war. Ihr alle seid gemeinsam aufgewachsen, mit noch relativ jungen Eltern, – meine kleine Toja ist so spät gekommen dass sie ohne Geschwister gross gezogen wurde und bereits mit alternden Eltern. Ihr wart alle aus dem Haus, sie allein war geblieben & sie war der Sonnenschein meines Alters. Wenn Ihr manchmal an mich denkt, so denkt dabei immer an unsere Toja und vergeltet ihr was Ihr mir schuldig zu sein glaubt.

Von Euch meine lieben Buben hoffe ich dass Ihr ganze Männer werdet. Ich hinterlasse Euch nicht viel; ich hätte gerne mehr für Euch erarbeitet, nach den financellen Schicksalsschlägen in Böhmen, – es ist nicht viel was ich Euch hinterlassen kann, aber es ist genug wenn Ihr arbeiten gelernt habt. Merkt Euch dass nur die Arbeit das Leben lebenswert macht. Und nun, Gott beschütze Euch alle, vergesst mich nicht ganz, aber seid bald wieder lustig und geniesst Euer Leben. Verzeiht mir wenn ich ungerecht war, – ich habe Euch alle sehr, sehr lieb gehabt. Alle –

Euer Vater

3

Zugfahrten dauern zu lang, ganz egal, wie lang sie dauern. Trotzdem war klar, dass er fahren würde. Großmama hatte so anders geklungen. Da lag etwas in der Luft. Der Körper begreift das vor dem Verstand.

Ist es dringend? Ja.

Wichtig?

Ja.

Und so saß er im Zug von Berlin an den Bodensee, wobei man auf der Transitstrecke durch die DDR besonders mühsam nicht vorankam. Es war ja nicht mehr Transit, weil nicht mehr die DDR, offiziell, seit einem halben Jahr. Aber natürlich war es immer noch Transit. So schnell ging das nicht. Von wegen Jetzt wächst zusammn, was zusammengehört. Was heißt das schon, zusammengehören? Es kommt vor, dass Länder auseinanderfallen oder sich neu zusammensetzen. Man nennt das Geschichte. In Jugoslawien fing es gerade an. Da ging es extrem grausam zu. Finsterste Tragödie war das. Da sperrten Christen Moslems in Moscheen und Moslems Christen in Kirchen und sprengten sie in die Luft. Verglichen damit war der Mauerfall eineinhalb Jahre zuvor, kein Schuss war gefallen, fast schon eine Farce gewesen. Deutschland war inzwischen vereinigt. Fiona und Max waren es nicht.

»Es gibt alles immer zweimal«, pflegte Großmama zu sagen, »einmal als Tragödie und einmal als Farce.« Wahrscheinlich wusste sie nicht, dass das Marx war. Für Max war es eh Großmamas Regel. »Unser Leben war die Tragödie«, fügte sie gern hinzu, »eures ist die Farce.« Dabei lachte sie ihr warmes Lachen.

Sie waren beide die Jüngsten. Wir zwei Jüngsten, das war die stehende Wendung, mit der sie ihre Verbundenheit beschworen. Sie wussten, wie es war, nur erzählt zu bekommen, was andere erlebt hatten. Den Letzten beißen die Hunde. Der Jüngste zu sein, war für Max eine Schlechtwetterwolke, die über ihm mit ihm zog. Nur wenn er Arm in Arm mit seiner Großmutter auf dem Kanapee saß, war es ein Glück.

Großmama war krank und blind. Seit Jahrzehnten wurde sie immer kränker, seit Jahren immer blinder. Ihr Körper beantwortete Abschiede mit schrittweisem Rückzug. In letzter Zeit verstanden die Ärzte ihren Körper immer weniger. Da stellte sie die Arztbesuche ein. Das galt auch für den Kirchgang. Dabei war sie ausgesprochen gläubig. Ihr Glaube war eine große heilige Melange aus Liebe und Zorn, vor der sich Priester ebenso in Acht zu nehmen hatten wie bigotte Tanten.

Das Taxi arbeitete sich die Kiesauffahrt zu dem Forsthaus am Waldrand hoch. Großpapa hatte es Anfang der Fünfziger im Stil der Zwanzigerjahre gebaut, als er nach der Flucht bei einem Cousin, der im Nachbardorf in einem Barockschloss residierte, die Stelle des gefallenen Forstmeisters antrat. Max bezahlte den Fahrer und drehte den schmiedeeisernen Knauf. Die hölzerne Tür war so gut wie nie abgeschlossen. Und wenn, lag der Schlüssel gleich links daneben im Rahmen des kleinen Speisekammerfensters. Das wusste jeder, der es wissen wollte. Im Flur hatte Max eine Erscheinung. Sie ließ ihn erschrocken zusammenzucken. Er nahm an, dass es sich bei der zerbrechlich zierlichen Dame mit graublondem, dauergewelltem Haar, die mit einem vollen Aschenbecher in der Hand durch den fensterlosen Raum huschte, um Fräulein von Grün handelte.

Großmama verbrachte ihre Tage auf einer Gartenliege, die mit aufgerichtetem Rückenteil im Salon vor dem Kamin aufgestellt war. Sie hatte dem Drängen ihrer Töchter nachgegeben, eine Betreuung im Haus zu dulden. Bedingung war, dass die Person Status und Bezeichnung einer Gesellschafterin erhielt. Wurden die Damen nicht von Großmamas energischer Ungeduld und der aus ihr resultierenden Ungerechtigkeit in die Flucht geschlagen, beschied sie jeweils nach kurzer Zeit, dass es besser sei, getrennte Wege zu gehen. Voller Verachtung weniger den Personen als ihrer Rolle gegenüber nannte Großmama die Damen kollektiv den Transit.

Fräulein von Grüns Stern war längst im Sinken begriffen. Ihr Äußeres war genau so, wie Großmama es beschrieb, obwohl sie sie nie gesehen hatte. Ob sie auch Vorzüge habe, hatte Max gefragt. Sie raucht, war die Antwort. Vor allem aber schien sie viel zu reden und das vorzugsweise über Gott und, schlimmer, über Jesus und Maria. Nehmt sie mir weg, drohte Großmama, sonst werd ich noch Atheistin.

»Bist du’s?«, hörte Max die immer leicht tremolierende Stimme durch offene Türen.

»Na, mein Lieber, wie war die Fahrt?«

»Lang.«

Goßmamas Lächeln verriet verständnisvolle Milde der Ungeduld, die die kurze Antwort zum Ausdruck brachte.

»Du siehst gut aus«, sagte Max, während er den seit je so vertrauten Geruch einsog.

»Das freut mich für dich«, gab sie zurück, und nach einer kurzen Pause, die den Effekt beider Pointen erhöhen sollte: »Im Gesicht fehlt mir ja auch nichts.«

Wie blinde Augen nicht nur strahlen, sondern ein Gegenüber sogar anstrahlen konnten, blieb Großmamas Geheimnis. Ihre Stimme war weich, ihr zielloser Blick ein Meer von Herzlichkeit, wenn sie lachte. Sie konnte auch scharf sein. Dann wurde sie spitz und eindimensional. War sie wirklich wütend, entfuhr ihr ein Himmeldonnerwetterparaplui! Dann war Deckung dringend geboten. Fast immer trug sie eine gemusterte Arbeitsschürze ohne Brustteil über dem Rock, wenig elegant, aber an Großmama sah sie aus wie das Accessoire zu einem teuren Dirndl. Die Schürze hatte zwei Taschen. In ihnen trug sie mit sich, was sie den Tag über brauchte. Pillen, Taschentücher, Kamm, Feuerzeug, eine Schachtel HB, manchmal einen Brief, aus dem sie sich vorlesen ließ.

Der Raum lag in beigem Halbdunkel. Max ging mit seiner Großmutter zum Kanapee hinüber, vor dem missproportioniert ein lederbezogener Tisch mit gekreuzten Holzbeinen stand, ein Erbstück aus einem großen Landhaus im Salzkammergut. Kaum saßen sie, griff Großmama in eine der Schürzentaschen. Max nahm ihr das Feuerzeug aus der Hand und führte es an die HB. Die fast volle Schachtel und das Feuerzeug legte er auf dem Ledertisch ab. Dann hakte er sich bei ihr unter und stieß mit dem linken Fuß den Tisch von sich, um mehr Platz für die Beine zu haben. Arm in Arm saßen sie da und schwiegen.

»Warum wolltest du, dass ich komme?«, fragte Max irgendwann.

Statt zu antworten, beugte sich Großmama vor, um die Zigarette in dem runden Zinkaschenbecher wieder auszudrücken, nach dem sie zuvor mit der linken Hand getastet hatte.

»Lass uns rübergehen. Du hast bestimmt Hunger.« Verschwörerisch die Stimme senkend fügte sie hinzu: »Ich habe den Transit gebeten, uns etwas hinzustellen. Kochen kann sie nicht. Aber etwas hinstellen, das wird sie vielleicht schaffen.«

Leichtfüßig glitt Großmama übers Parkett, die rechte Hand hüfthoch zum Schutz vor möglichen Hindernissen. Neben der Tür stand ein hölzerner Tisch mit geschwungenen Beinen, auf dem in unterschiedlichen Rahmen Fotos ihrer Enkelinnen und Enkel aufgereiht waren. Als Eingeweihter konnte man der Ordnung der Bilder entnehmen, welche von Großmamas Töchtern zuletzt zu Besuch war. Seit eine damit angefangen hatte, war es ihnen allen zur Gewohnheit geworden, jeweils die eigenen Kinder in die erste Reihe zu bugsieren. Max sah zahlreiche durchweg blonde Cousinen und Cousins, dazwischen zweimal sich selbst. Unter dem Tisch stand eine edle, offensichtlich ältere Aktentasche. Max hatte sie noch nie gesehen.

»Na, wer steht in der ersten Reihe?«

Sie glaubten alle, Großmama wisse nichts von der regelmäßigen Umgruppierung ihrer Enkel. Max war erleichtert. Es passte besser zu seinem Bild von ihr. Die Tasche war ein Fremdkörper. Wie war sie hierhergekommen? Ihm war gerade zum ersten Mal bewusst geworden, dass Großmama nicht sah und die Haustür nie abgeschlossen war. Jederzeit hätte ein Fremder hereinspazieren, die Enkel durcheinanderbringen, etwas mitnehmen oder auch etwas abstellen können.

Auf dem Esstisch standen zwei Gedecke, Brot, Wurst, Käse, ein paar Tomaten, eine halbe aufgeschnittene Gurke, ein Krug Milch. Max griff nach der langen Zugfahrt mit Appetit zu, während Großmama lustlos an einer Scheibe Graubrot kaute, auf der sich blass ein wenig Butter verlor. Essen langweilte sie.

»Ich möchte, dass du einige Dinge an dich nimmst.«

Der abrupte Einsatz war Max unangenehm.

»Sachen vom Papa.«

»Was für Sachen?«

»Weißt du noch, du hast einmal gesagt, wenn ich sterbe, möchtest du die metallene Kiste haben, die im Gastzimmer unterm Bett steht.«

»Nein. Das weiß ich nicht mehr.«

»Aber ich.«

»Was ist in der Kiste?«

»War.«

»War?«

»Ich habe sie nicht mehr.«

»Was war in der Kiste?«

»Papiere. Vom Papa. Sie sind verteilt worden. Aber das Wichtigste existiert ja eh nicht mehr.«

»Das Wichtigste?«

»Der Zettel.«

»Was für ein Zettel?«

»Das Ehrenwort. Wir haben es immer den Zettel genannt. Das sagt dir nichts, hm? Du kennst die Geschichte wirklich nicht?«

»Nicht wirklich, fürchte ich.«

Unscharf dämmerte ihm etwas. Von dem Zettel war immer mal wieder die Rede gewesen, mit gedämpften Stimmen, wie man von einem unehelichen Kind spricht oder von einer heimlichen Geliebten. Max hatte nie nach der Geschichte gefragt. Das Geraune unter Erwachsenen war ihm unangenehm gewesen. Großmama atmete so tief durch, wie ihre geschundenen Lungen es zuließen.

»Du weißt, dass dein Urgroßvater eine der umstrittensten Persönlichkeiten seiner Zeit war?«

»Nein.«

»Er war Außenminister beim letzten Kaiser von Österreich.«

»Das weiß ich. Der letzte Außenminister der Monarchie, oder?«

»Na ja, nicht ganz, aber fast. Bald nachdem er gestürzt war, war es auch mit der Monarchie vorbei. Er ist über eine Affäre gestürzt.«

»Mit einer Frau?«

»Nein.«

»Mit einem Mann?«

»Ich bitte dich. Eine politische Affäre. Sie nennen sie die Sixtus-Affäre, Es war eine Tragödie. Furchtbare Missverständnisse. Am Ende stand der Papa gegen den Kaiser. Und gegen die Kaiserin. Das vor allem. Der Papa gegen die Kaiserin, die Kaiserin gegen den Papa. Dabei ging es immer nur um das Eine.«

»Um das Eine?«

»Frieden.«

»Ach so.«

»Der Zettel war der Beweis, dass Papa im Recht war. Ein falsches Ehrenwort.«

»Wer hat ein falsches Ehrenwort gegeben?«

»Der Kaiser.«

»Wem?«

»Dem Papa.«

»Oh.« Und was habe ich damit zu tun? Das hatte Max fragen wollen. Heraus kam: »Wo ist der Zettel jetzt?«

»Sie haben ihn bekommen. Sie werden ihn verbrannt haben.«

Großmama war ernst und fremd.

»Moment mal«, versuchte es Max, »ganz langsam. Wer sind sie?«

»Es gibt Papiere. Ich habe sie nie gesehen. Aber ich glaube, sie sind hinter ihnen her.«

»Großmama, es ist nicht ganz einfach, dir zu folgen.«

Max wollte verstehen, damit es vorbei wäre.

»Sie nennen ihn den Totengräber der Monarchie.«

»Wer?«

»Sie hassen ihn.« Großmama streckte den Rücken durch. »Dabei steht ganz außer Frage, dass Papa bis zu seinem letzten Atemzug Monarchist war. Unsere Familie hat seit dem Rudolf von Habsburg dem Kaiserhaus gedient. Die Initialen der böhmischen Kaiser zieren unser Wappen. Und niemand, am allerwenigsten der Papa, wäre auf die Idee gekommen, dem Kaiserhaus untreu zu werden. Dass das Ende seiner Karriere von furchtbaren Irrtümern und Missverständnissen bestimmt war, war ihm die größte Qual.«

Sie machte eine lange Pause, bevor sie weitersprach.

»Papa starb ganz plötzlich. Er bestand darauf, dass ich, obwohl ich noch zu jung war, in der Faschingssaison in die Gesellschaft eingeführt werde. Im April war er tot. Davor hat er mir Kuverts gegeben. Ich solle sie aufheben. Warum ich?, habe ich gefragt. Frag nicht, hat er gesagt. Ich habe die Sachen nicht angeschaut. Ich dachte, ich hätte viel Zeit. Es war ja eh alles verloren.«

Max war, als hörte er im Nebenraum ein Geräusch.

»Ich habe die Sachen in Papas Aktentasche gesteckt. Dabei habe ich gesehen, dass irgendwelche Papiere vom Thronfolger Franz Ferdinand dabei waren. Papa hatte diese schöne Aktentasche. Er hat sie fast immer bei sich gehabt. Einmal ist er mit ihr sogar in die Berge gestiegen. Ich habe gefragt, Papa, warum nimmst du die Tasche mit auf den Berg? Er hat getan, als habe er es nicht gehört. Als wir dann fliehen mussten, fünfundvierzig, da habe ich die Tasche völlig vergessen. Wir hatten solche Angst. Ganz idiotisch waren wir aus Angst vor den Russen. Da gehen einem die blödesten Sachen im Kopf herum.«

»Sie steht drüben.«

»Ja.«

»Woher hast du sie?«

Großmama spielte mit dem angekauten Stück Brot, als erwäge sie, ihm noch eine Chance zu geben. Dann ließ sie es auf den Teller fallen, den sie beiseiteschob. Sie stützte die Ellenbogen auf die Tischkante, verschränkte die Hände und legte das Kinn darauf. Sie atmete geräuschvoll ein, stockend aus.

»Kaiser Karl soll demnächst wieder einmal seliggesprochen werden«, stieß sie hervor.

Max wurde immer ratloser. Je mehr sie sagte, desto weniger verstand er. Da war eine Kiste, die nicht mehr da war, ein Zettel, den jemand verbrannt hatte, eine verlorene Tasche, die wieder aufgetaucht war, eine Affäre, in die sein Urgroßvater verwickelt gewesen sein sollte. Und jetzt sollte ein Kaiser seliggesprochen werden, wieder mal.

»Es gibt Leute«, fuhr Großmama fort, »einflussreiche Leute, die wollen das. Lange schon. Erst muss er seliggesprochen werden, dann kann er ein Heiliger werden. Und das wollen sie. Es wird bald so weit sein. Deswegen sind sie wieder aktiv.«

»Wer? Wer will das?«

»Verehrer. Anhänger der Dynastie. Die Familie. Die Kaiser-Karl-Gebetsliga.«

»Die was?« Max wollte lachen, mit vollem Mund wurde eine Art Prusten daraus.

»Lach nicht. Das sind ehrenwerte Leute. Diese Menschen glauben an das, was sie tun. Und die Nazis haben sie ins KZ gesteckt.«

»War dieser Kaiser Karl so fromm? Ist das nicht absurd?«

»Es steht mir nicht zu, das zu beurteilen. Und dir schon gar nicht. Es geht nicht darum, wie die Heiligen gelebt haben. Die Frage ist einzig und allein, ob Gott durch einen Menschen auf der Erde wirkt. Das erkennt man daran, dass das Beten zu ihm erhört wird. Das ist ein Heiliger. Nur das. Bei Kaiser Karl war es schon einmal so weit. Kurz davor war es. Das war 1950. Dem Vatikan ist der Lebenswandel der Heiligen egal. Den Gläubigen aber nicht. Die wollen die reine Weste. Da glaubt sich’s besser. Wir beten halt lieber zu Heiligen, die so gelebt haben, wie wir es selbst nicht schaffen. So ist sie, die arme kleine Menschenseele. Der Zettel war ein Makel, ein Fleck auf der Weste. Deswegen haben sie ihn gewollt. Und sie haben ihn bekommen.«

»Wie?«

»Sie sind stark. Sie bekommen, was sie wollen.«

»Wer sind sie?«

»Ich weiß es nicht. Es sind andere als damals. Ich kenne sie nicht. Aber ich spüre sie. Als seien sie hier gewesen.«

Quälend langsam breitete sich Gänsehaut über Max’ Körper aus.

»Vor zwei Wochen hat mich der Bürgermeister der Gemeinde besucht, in der unser Schloss steht. Es ist ja nicht klar, ob uns der große, am Ende doch auch ein bisschen elende Kasten nicht vielleicht wieder gehören wird. Übermorgen entscheidet das Gericht, ob die Enteignungen rückgängig gemacht werden. Ich weiß nicht, ob du das mitbekommen hast. Vielleicht bleibt ja auch alles, wie es ist. Es ist nicht gut, wie es ist. Aber vielleicht ist es gut, wenn es bleibt, wie es ist. Der Bürgermeister hat mich gefragt, ob die Dachrinnen am Schloss hergerichtet werden sollen. Der Rührende. Ich habe gelacht und gesagt, guter Mann, ich fürchte, das werden nicht wir entscheiden. Und sicher werden wir es nicht bezahlen, weil wir das gar nicht können. Er hat die Tasche mitgebracht. Er hat sie gefunden. Im Schloss ist seit vierzig Jahren das Bürgermeisteramt. Da hat hinter einem Schrank die Tasche gelegen. Jemand muss sie dort versteckt haben. Ich war es nicht. Glaube ich zumindest. Soweit er hat sehen können, habe das, was drin ist, mit dem Ort nichts zu tun. Da hat er sie mitgebracht. Ich habe sie befühlt und gleich wiedererkannt. Aber ich werde nie sehen, was für Papiere Papa mir gegeben hat.«

»Warte einen Moment.«

Es war einfach größer als er. Wie ferngesteuert stand Max auf, ging in den Salon hinüber, griff nach dem Aschenbecher, der Zigarettenschachtel und dem Feuerzeug. Auf dem Rückweg zögerte er kurz vor der Tür. Etwas Starkes hinderte ihn daran, nach der Tasche zu greifen. Zurück am Tisch, stellte er den Aschenbecher zwischen Großmama und sich und schob seinen Teller beiseite.

»Hier, der Aschenbecher. Ich darf doch, oder?«

»Du rauchst wieder?«

»Schon lang. «

Aufwühlend das Gefühl, nach zwei Jahren wieder den von dünnem Papier fest umwickelten Tabak vorsichtig zwischen die Rauchfingerspitzen der rechten Hand zu klemmen, die gierig erkannten, dass es nach all den Grissini, Stiften und Streichhölzern wieder ernst war, und ein neurales Trommelfeuer Richtung Gehirn abschossen. Bei geschlossenen Augen rauschte der erste Zug durchs System. Max spürte Adern, die zwei Jahre brachgelegen zu haben schienen. Als würden all die Tunnel, die die schlechte Laune in den Körper und die Seele gräbt, mit etwas Großem, Warmem, Schönem ausgefüllt. Den ersten Zug kriegst du nie wieder, dachte er, während der Körper von der giftigen Wärme durchschwemmt wurde.

»Nimmst du die Tasche mit?«

»Warum ich?« Ihm war schwindelig.

»Das hast du schon gefragt.« Großmamas blinder Blick war missmutig, dann mit einiger Mühe wieder liebenswürdig, blieb aber voller Ungeduld. Die Zweite zog Max schon wieder ganz routiniert aus der Packung. Der Schwindel ließ nicht nach, begann aber, sich angenehm anzufühlen.

»Wir zwei Jüngsten …« Der zärtlich verschwörerische Ton misslang.

»Ja schon …«, entfuhr es Max. Er hustete.

»Das ist es nicht. Es gibt eine echte Verbindung. Ich habe sie auch lange nicht gesehen. Aber wenn man nichts mehr sieht, dann sieht man solche Dinge. Vielleicht muss man auch einfach nur alt werden. Aber bitte.«

Max zuckte zusammen. Von allen rhetorischen Waffen in Großmamas gut ausgestattetem Arsenal war dieses giftgeschwängerte Aber bitte die schärfste, die aufs Äußerste verknappte Drohung mit dem Bruch.

»Es ist halt praktischer, wenn du sie jetzt nimmst. Und es wäre mir auch lieber. Aber natürlich musst du nicht.«

Der Ärger, dem es nicht recht gelang, sich zu formieren, führte eine verzweifelte Abwehrschlacht, ohne zu wissen, wer der Feind war und wo er stand.

4

»Czernin?«

Der Kaiser legte die Stirn in Falten. Seine blauen Augen hatten sich trotz einer Neigung zum Tränen ein vordergründiges, aber wirkungsvolles Strahlen bewahrt. Sie trübten sich vorübergehend ein, während er in einer imaginären Ferne Antwort auf die Frage suchte, die die Nennung des Namens in ihm aufgeworfen zu haben schien.

»Ach ja, das ist doch der, der nach meinem Tod Minister des Äußeren werden soll. Ja, der soll nur ins Herrenhaus kommen, damit er noch was lernt.«

Wenn es sich nicht vermeiden ließ, trafen sich der Kaiser und sein Thronfolger in den Sommermonaten in der Ischler Kaiservilla, wo Seine Majestät seit über sechzig Jahren die Saison zu verbringen geruhte. Also wird es wohl in Ischl gewesen sein. Im Jahr 1906 war das Städtchen zum Bad erhoben worden, aber nur ausgemachte Parvenus sagten Bad Ischl, wenn sie Ischl meinten. Die Villa war ein Hochzeitsgeschenk der Kaiserinmutter an Franz Joseph und Elisabeth gewesen, Sisi. Ursprünglich ein einfacher Quaderbau, wurde sie zur mehrflügeligen Anlage in einem gefühlten italienischen Stil ausgebaut. Minister und andere hochstehende Besucher betraten das Haus nicht über den Haupteingang, sondern durch eine kleinere Tür, die Zugang zu einer geschwungenen Treppe gewährte, über die man in einen Vorraum des Kaiserlichen Arbeitszimmers gelangte.

Das Arbeitszimmer selbst hatte etwas erstaunlich Bewohntes. Da stand eine Chaiselongue vor einem Kamin, darüber hing ein Spiegel. In einen ausladenden Sessel, rotes Leder, hatten sich die kaiserlichen Umrisse schon für die Ewigkeit eingebrannt. Naturgemäß war der wichtigste Ort im Raum der Schreibtisch, jene zwei Quadratmeter Furnierholz, auf denen die zuvor per Kurier aus Wien angelieferten und vom Kabinettsdirektor vorsortierten Akten studiert wurden. Neben dem Schreibtisch ließ sich eine Tür zu einem kleinen Balkon öffnen. Stets begab sich der Kaiser sehr früh morgens, bevor er sich an die Arbeit machte, auf diesen Austritt, um sich dem einzigen Thema zu widmen, das alle Menschen jederzeit beschäftigte und über das so viel gesprochen wurde wie über kein zweites, nicht einmal über die Liebe: das Wetter.

Im Wetter sah der Kaiser eine mythische Gewalt, der man sich durch Beobachtung, Einfühlung und Demut anzunähern vermochte. Einsetzender Nieselregen, sich lichtender Morgennebel oder ein Sonnenstrahl, der hinter einer Wolke hervorstach, stimulierten ihn. Er hatte im Lauf der Jahrzehnte mehr und mehr Verständnis für das Wetter entwickelt, bis er umgekehrt begonnen hatte, sich vom Wetter verstanden zu fühlen, sodass der morgendliche Schritt auf den Balkon den Charakter einer innigen Begegnung annahm, die die Anwesenheit eines Dritten schon aus Gründen der Diskretion ausschloss.

Ein Telefon suchte man im kaiserlichen Arbeitszimmer vergebens, während andernorts in Regierungsbezirken längst unentwegt ferngesprochen wurde. Leuchtete ihm die Funktionsweise eines Geräts nicht mehr unmittelbar ein, witterte Seine Majestät zwar nicht eingestandenermaßen Zauberei, aber doch einen unkontrollierten Zwischenraum, der womöglich allerlei Manipulationen zuließ.

Das sogenannte Ministertreppenhaus, durch das der Thronfolger zu seinem Onkel gelangte, war ein Trophäentempel. In der Mitte der sich zum Halbkreis wölbenden Wand prangte auf halber Höhe ein Keilerkopf, flankiert von Hirschen und Auerhähnen. Jede dieser Trophäen war von einer Reihe aus Gamsgeweihen eingerahmt. Diese Geweihreihen setzten sich an den Wänden des Hauses fort, schienen sich beständig vermehrt und irgendwann verselbstständigt zu haben, zogen in Linien und Bändern durch Gänge und Säle. Sensiblere Naturen mochten die Schüsse durch die Räume hallen hören, die all die Tiere getötet hatten. Hielt man sich länger in der Villa auf, waren einem die stummeligen Hörner bald nur noch widerborstig dekorative Wandteppiche. Sogar an die alle Vorstellungskraft übersteigende Anzahl auf Bretter montierter toter Gemsen konnte man sich gewöhnen.

Seine Kaiserliche Hoheit Erzherzogthronfolger Franz Ferdinand war auf Geheiß Seiner Majestät an diesem Morgen früh erschienen. Er mochte die Kaiservilla nicht, wie er Ischl und wegen lschl die Steiermark nicht mochte. Es war ein Glück, dass die sich in konzentrischen Wellen ausbreitende Abneigung nicht so weit ging, dass der Thronfolger am Ende ganz Österreich gehasst hätte, das er demnächst zu regieren haben würde. Er war nicht das, was man einen zugänglichen Menschen nennt. Er brüllte gern. Urteile fielen wie Axthiebe. Selten fielen sie gut aus. Sein Wesen war so kantig wie seine Erscheinung. Das Verhältnis zum Kaiser war gespannt. Nicht nur, weil der Alte sich weigerte, den Thron freizugeben. Als sein Nachfolger würde er die Dornenkrone, wie er sie nannte, schon lange genug zu tragen haben. Obwohl, manchmal hegte Franz Ferdinand Zweifel, ob es tatsächlich dazu kommen würde. Es gab zwei Ereignisse, die es verhindern konnten: der Untergang der Monarchie und das eigene Ableben. Wenn er ehrlich war, rechnete er beständig damit, dass das eine oder das andere eintrat. Dennoch hatte er im Wiener Schloss Belvedere die sogenannte Militärkanzlei, mit deren Leitung der Kaiser ihn widerwillig betraut hatte, zu einer Art Regierung im Wartestand ausgebaut, ein kleiner, feiner Apparat, dessen Räder wie die einer noch nicht aufs Gleis gestellten Spielzeuglokomotive schnurrend hohl drehten, die man aber jederzeit aufsetzen konnte, sollte es losgehen.

Was den Erzherzogthronfolger viel stärker marterte, war die verachtungsvolle Grausamkeit, mit der seine geliebte Frau, die Mutter seiner Kinder, am Hof kujoniert wurde. Sophie war nicht von königlichem Geblüt, lediglich eine Gräfin Chotek. Nach den strengen Regeln des aus Spanien importierten Habsburgischen Protokolls hätte der Kaiser dieser Mesalliance seine Zustimmung nicht gewähren dürfen. Er wollte auch nicht. Es war ein langer trotziger Kampf, den Franz Ferdinand gewann. Franz Joseph verzieh es ihm nie.

Sophie wurde anlässlich der Hochzeit zwar zur Fürstin Hohenberg erhoben, musste aber bei allen protokollarischen Gelegenheiten hintanstehen. Mit der unerschöpflichen Kraft wahrer Perfidie achtete Obersthofmeister Alfred Fürst Montenuovo darauf, dass ein engmaschiges Netz aus Schikanen etabliert wurde. So durfte der Fürstin nur ein Türflügel geöffnet werden. Im Theater war es ihr verboten, in der Hofloge zu sitzen. Beim Einzug in einen Saal hatte sie hinter der jüngsten Erzherzogin herzugehen. Sie durfte auch keine der Kutschen mit den vergoldeten Speichen besteigen, die selbst dann angespannt wurden, wenn ein Säugling im Erzherzogstand ausgefahren wurde. Mochte sie selbst diese fortwährende Demütigung einigermaßen tapfer ertragen, so war sie ihrem Gemahl, der auch noch feierlich schwören musste, dass seine Kinder ihm niemals auf den Thron folgen würden, ein nicht endender Albtraum. Im Geiste führte er penibel Buch, wer sich seiner Frau gegenüber wie verhielt. Für später.

Dem Kaiser wurde unentwegt zugetragen, die Clique um Franz Ferdinand, das Belvedere, arbeite gegen ihn. Er glaubte es, nicht ganz zu Unrecht. Es kam vor, dass Franz Joseph vorzeitig nach Ischl abreiste, nur um Franz Ferdinand aus dem Weg zu gehen. Wie eine lokale Gewitterwolke hing enorme Spannung über den Begegnungen. An diesem Tag war es überraschend ruhig zugegangen. Zum Abschluss der Audienz ersuchte der Erzherzog den Kaiser, er möge den Grafen Ottokar Czernin ins Herrenhaus berufen. Der gehörte zu den Menschen, die es über längere Zeit mit dem Thronfolger aushielten, ein Status, der wenige auszeichnete, um den sich allerdings auch nicht allzu viele bewarben. Es half, dass sie beide viel brüllten, dass die Familien ihrer Frauen verwandt waren und dass man in Böhmen, wo beide Grund besaßen, ein familiär-nachbarschaftliches Verhältnis unterhielt.

Am Thronfolger imponierte dem Grafen Czernin die Impetuosität, wie er sagte, zumal sie die seine noch übertraf. Er nannte ihn einen guten Hasser und sprach von der großen Unpopularität, deren er sich erfreue. Sie waren sich näher, als sie wussten. Manchmal stand der Graf Czernin rauchend im Garten des Belvedere zwischen den großen Parterrefenstern des Unteren Schlosses und sah den barocken Parkhügel hinauf zum prachtvollen Oberen Schloss, dem Versailles von Wien. Die Anlage wies jedem unentrinnbar seinen Platz im Gefüge zu. Czernin musste, während er tief eingezogenen Rauch ausatmete, still lachen bei dem Gedanken, die Schranzen sollten ihm etwas anhaben können. Es war, so glaubte der Graf Czernin, indem er den steil ansteigenden Mittelweg hinaufblickte, eine Frage des Baustoffamalgams, aus dem der eigene Charakter konstruiert war, ob man schranzenanfällig wurde oder nicht. Er war jung, als Spross eines alten böhmischen Geschlechts durch Erbschaft und Erziehung aber immer schon von altem Schrot und Korn. Er war unerbittlich, wenn er von etwas überzeugt war. Er konnte ebenso unangenehm sein wie charmant und abrupt zwischen beidem wechseln. Er ließ sein Gegenüber ungern ausreden, weil er meist schon vor dem Ende einer Rede wusste, worauf sie hinauslief. Manche legten es ihm als Falschheit aus, dass er unberechenbar und sprunghaft war. Sie konnten nicht wissen, dass er von den Sprüngen oft selbst überrascht wurde. Sie waren ein körperliches Phänomen. Er selbst litt noch mehr darunter als seine Umwelt. In der Familie hatten sie es von Anfang an gewusst: Er war zu Höherem berufen. »Du holst uns das Goldene Vlies«, hatte sein Vater gesagt. Immer und immer wieder hatte er es gesagt. Als er starb, schwor ihm sein Ältester am offenen Grab, sich diesen höchsten aller Orden zu verdienen.

Die Doppelmonarchie hielten Franz Ferdinand und Czernin für einen Patienten, mit dessen Behandlung rasch zu beginnen war. An dem Gleichnis konnten sie sich regelrecht berauschen, sich in Pestilenz-, Impfungs- und Amputationsszenarien ergehen, in denen das Blut nur so spritzte, Gliedmaßen wirbelten, Narben blieben und Nebenwirkungen in Kauf genommen wurden. In ihrer Nervosität und Rücksichtslosigkeit fühlten sie sich wie Ärzte, die ihre Diagnose längst gestellt und die Ärmel schon hochgekrempelt hatten, denen ein obskures örtliches Schamanentum jedoch verbot, mit der Kur zu beginnen.

Die Krankheit hieß Dualismus. Der Kaiser herrschte über ein Reich, aber über viele Völker, und das mit zwei Regierungen. Seit dem sogenannten Ausgleich von 1867 war der Kaiser von Österreich, auch damals war es längst dieser Kaiser gewesen, auch König von Ungarn. Das war reine Willkür, aber die Ungarn ließen sich nach einem Aufstand nur so wieder besänftigen. Seitdem gab es die Doppelmonarchie an der Donau. Von den mehr als fünfzig Millionen k.u.k. Untertanen waren kaum zehn Millionen Deutsche und kaum zehn Millionen Magyaren. Die Eliten dieser beiden Gruppen aber bestimmten. Je selbstbewusster sich eines der anderen Völker gerierte, desto schwieriger wurde das k.u.k. Zusammenleben. Es war eben nur das dünne Wasser der Donau, nicht dickes Blut oder der Rausch einer gemeinsamen Geschichte, was die Konstruktion zusammenhielt. Unter jeder politischen Frage klebte eine Stange Dynamit. Mal waren es die Ruthenen, mal die Slowaken, dann die Tschechen oder die Polen, die Italiener, die Kroaten, die Serben oder die Dalmatier, in Siebenbürgen piesackten die Ungarn die Rumänen, es gärte in Galizien und in Slowenien, vom frisch annektierten Bosnien ganz zu schweigen.

Franz Ferdinand und Czernin hatten für die Zeit nach Franz Joseph zunächst den Plan verfolgt, den Dualismus durch einen Trialismus zu ersetzen, Österreich und Ungarn als dritten Staat ein Königreich Jugoslawien hinzuzufügen, um den südslawischen Völkern eine Stimme zu geben. Inzwischen aber schwebte ihnen ein gleichberechtigtes Nebeneinander aller Völker der Monarchie vor. Statt zweier oder dreier Throne sollte es autonome Regierungen unter dem Schirm einer Zentralmacht geben, die sich um überregionale Interessen wie Finanzen, Armee und Außenpolitik kümmerte. Der aus dem Banat stammende Jurist Aurel Popovici hatte das in einem Buch schon einmal durchbuchstabiert. Dessen Titel war Name und Programm einer neuen Monarchie: Vereinigte Staaten von Groß-Österreich.

Das Problem war Ungarn. Popovicis Buch wurde dort sofort verboten, der Autor des Landes verwiesen, er lebte jetzt in Rumänien. Die Ungarn würden sich mit allen Mitteln sträuben. Wegen dieser Schlacht, die noch gar nicht begonnen hatte, die Franz Ferdinand aber, sekundiert von Czernin, längst schlug, hasste der Thronfolger Ungarn und alles, was mit Ungarn zusammenhing, naturgemäß auch die Sprache, die er erfolglos zu erlernen versuchte.

Czernin wusste, dass der Thronfolger ihn an diesem Tag dem Kaiser fürs Herrenhaus empfehlen wollte. Der Erzherzog hatte den Czernins zuvor die Ehre eines Besuchs auf ihrem nahe gelegenen Landsitz erwiesen. Es war verabredet, dass Czernin ihn am Parktor vor dem Hotel zur Post erwartete. Man wollte auf einen Lunch in die hiesige Hofkonditorei gehen, die in der Monarchie einen legendären Ruf genoss und einen hübschen Gastgarten am Fluss unterhielt.

Dauerte das Gespräch seinetwegen länger? Czernin trieb es auf und ab. Blitzte ein bekanntes Gesicht auf, drehte er sich weg. Er hatte bereits vier Zigaretten geraucht und ärgerte sich derart über die eigene Ungeduld, dass er sich die fünfte in einem Akt der Selbstbestrafung versagte. Während der Gedanke sich noch formierte, war das Streichholz schon auf dem Weg zum Tabak. Erschrocken trat Czernin die Zigarette in den Staub. Warten war von allem das Schlimmste. Dafür war er nicht gebaut. Er ertappte sich dabei, wie er nach Gründen suchte, Wildfremde anzuraunzen. Nicht einmal dazu fand sich ein passabler Anlass. Blieb ihm nur, doch noch eine Zigarette anzuzünden, um nicht ganz zermürbendem Nichtstun ausgesetzt zu sein.

Da kam der Thronfolger. Der Anblick war grotesk. Seine Kaiserliche Hoheit wurde von zwei Schatten verfolgt. Den einen warf die hoch stehende Mittagssonne kantig auf die abfallende Wiese. Der andere war braun, feinkariertes Hellbraun, und im Gesicht ein wenig bleich. Körperhaltung und Gesichtsausdruck der Mitleid erheischenden Figur spiegelten jene geprügelte Vorsicht wider, die sich einstellt, wenn jede Hoffnung auf Verständnis oder auch nur Milde versiegt.

Die verbogene Gestalt, die sich dem Erzherzog an die Fersen geheftet hatte, war Holubek. Holubek hatte sich diesen eng anliegenden Anzug, dessen Hosen dann zu hoch abgenäht worden waren, kaufen müssen, um den Posten als Detektiv zu bekommen, dessen Besetzung Franz Ferdinands Gemahlin verlangt hatte. Seit die Polizei immer öfter behauptete, Anschläge auf den Thronfolger vereitelt zu haben, fürchtete Sophie um das Leben des Vaters ihrer Kinder. Sie bestand darauf, dass er von einem Detektiv begleitet werde. Die Wahl fiel auf Holubek, der in der Armee und bei der Polizei gedient hatte und dem eine Furchtlosigkeit nachgesagt wurde, die ihm, sollte er sie je besessen haben, die Todesverachtung seiner unwirschen Klienten gründlich ausgetrieben hatte.

Czernin musste schmunzeln, und so war der Grant verflogen, als der Erzherzog vor dem Grafen stand. Da hielt auch der Detektiv an und mimte den verträumten Spaziergänger, der ziellos mal in diese, mal in jene Richtung schaut.

»Wie schön, dass Sie uns so freundlich begrüßen«, sagte der Erzherzog, wobei er das Wörtchen uns besonders betonte. »Aus dem gemeinsamen Mahl wird leider nichts werden. Die Audienz hat länger gedauert. Sie mussten warten.«

»Aber ich bitte Sie, Kaiserliche Hoheit. Bei diesem Wetter und bei dieser Luft, das ist doch nicht Warten, das ist Kur.«

»Ich glaube Ihnen kein Wort, Czernin.«

Die beiden Männer und ihre drei Schatten setzten sich in Bewegung, vorbei am Hotel zur Post Richtung Stadtmitte.

»Der Kaiser wusste genau, wer Sie sind, Czernin.«

»Kaiserliche Hoheit, das kann ich kaum glauben«, log dieser.

»Ja, er hat sogar, stellen Sie sich vor, gleich gesagt: Das ist doch der, der nach meinem Tode Minister des Äußeren wird.«

So weit waren nicht einmal die kühnsten Träume gediehen, die Czernins Eitelkeit zusammengesponnen hatte.

»Eure Kaiserliche Hoheit belieben zu scherzen«, sagte er dennoch artig, wohl wissend, dass Seine Kaiserliche Hoheit selten zu scherzen beliebte, schon gar nicht, wenn es um den Kaiser ging.

»Ich war selbst überrascht. Aber er fand es ja nicht schlimm. Er hat gelacht.« Czernin schwieg und genoss. »Und das mit dem Herrenhaus wird so gemacht. Seine Majestät haben gnädig zugestimmt. Sie sollen sich da mal schön hervortun, hat er gesagt. Oder etwas in der Art.«

Was hieß da Oder etwas in der Art? Wie konnte der Thronfolger darüber so wurstig hinweggehen? Es war doch wichtig, was Seine Majestät genau gesagt hatte. Das war etwas für die Geschichtsbücher. Trotz des Schattens, den die Ignoranz des Thronfolgers auf das Hochplateau des eitlen Glücks warf, über das der Graf Czernin stolzierte, blieb es doch ein prächtiger Sommernachmittag.

Da begab sich ein kleiner Tumult. Plötzlich schnelle Bewegungen und zwei kurze, trockene Rufe. Ohne dass er gewusst hätte, was geschah, sah sich der Thronfolger weggedrückt. Mit erhobenen Armen schob sich Holubek vor seinen Herrn und separierte ihn, mit ihm den Grafen, von einer alten Frau in gebückter Körperhaltung. Passanten blieben stehen. Die Alte hatte sich zielstrebig dem Thronfolger genähert, die Hände in die Taschen ihrer Rockschürze versenkt. Das hatte Holubek beobachtet. Vor seinem inneren Auge waren die Schürzentaschen voller Bomben und Pistolen. Das war sein Moment.

Die Alte beobachtete den Holubek’schen Einsatz mit verächtlicher Miene. Der Moment erstarrte zum Tableau vivant. Holubek stand mit ausgebreiteten Armen und hochgerutschter Anzugjacke vor Franz Ferdinand, der intuitiv die Hände im Nacken verschränkte, als böte diese Haltung Schutz, wovor auch immer. Es blieb der Alten vorbehalten, Bewegung in die Szene zu bringen. Langsam zog sie die Hände aus den Taschen, was Holubek sogleich zu Schrei und Sprung ansetzen ließ. Beides konnte er gerade noch aufhalten, als die Hände sichtbar wurden. Sie waren groß, weiß und leer.

»Danke, Holubek«, sagte der Thronfolger gerade so, wie man einen Hund lobt, der einen Stock apportiert. Der derart auf seinen Platz Verwiesene versuchte gar nicht erst, etwas zu erwidern, und bezog wieder Stellung als Schatten. Czernin und der Thronfolger übten sich in der Kunst des einen status quo ante wieder herstellenden Räusperns, das sich in Czernins vom Rauch aufgerauter Kehle zu einem trockenen Husten auswuchs. Gerade wollte der Erzherzog das Gespräch wieder aufnehmen, da traf ihn stechend dieser Blick aus zwei tiefschwarzen Augen. Unter ihrem grauen Kopftuch sah die Alte von unten herauf. Die Stirn in tiefe Falten gelegt, erdreistete sie sich, das Wort an die Herren zu richten.

»Sie haben ein Schicksal, und das ist nicht nur das Ihre.« Sie sprach mit einem angenehm warmen südslawischen Akzent. »Wenn Exzellenz sowie Exzellenz sich herabließen, mir Ihre linke Handfläche zu zeigen, könnte ich es bestimmen.«

Die beiden sahen sich an, erst unsicher, dann wie zwei Lausbuben, die sich auf einen Streich verständigt haben. Zu Holubeks Entsetzen, der sich nach erlittener Schlappe jedoch beherrschte. machten sie einen Schritt auf die Alte zu und schoben ihr die linken Handflächen vor die Augen. Blankes Entsetzen fegte über das zerfurchte Gesicht, nur für einen Augenblick, aber doch zu lang, als dass es den Herren hätte verborgen bleiben können. Sie fing sich rasch wieder, hob den Kopf, soweit ihr steifer Rücken das zuließ, sah den Grafen an, dann den Erzherzog.

»Sie werden nicht alt. Beide nicht. Jung sterben. Von Feinden gehasst, verfolgt bis in den Tod. Und darüber hinaus.« Bevor die Männer reagieren konnten, fuhr sie, Czernin fixierend, fort: »Sie werden Ihre Feinde kennen. Aber das wird Ihnen nichts nützen. Sie sind stolz. Und der Glücksmoment des höchsten Stolzes wird sich umkehren in einen vernichtenden Fluch, dem Sie nicht mehr entkommen werden.«

Sie ließen die alte Frau gewähren, die ihre schwarzen Augen jetzt wieder auf den Thronfolger richtete. »Und Sie werden einen Weltkrieg auslösen.«

Als sie aus ihrem tranceartigen Zustand zurückgefunden hatten, war die Alte verschwunden. Czernin hustete und fegte sich imaginären Staub von den Schultern. Der Thronfolger strich noch einmal die perfekt gebügelte Uniform glatt. Czernin griff nach seinem Zigarettenetui. Der Thronfolger bat ihn, ihm auch eine zu geben, bevor Czernin es ihm hätte anbieten können. Der erste Zug brachte sie zurück in die harmlose Gegenwart des sommerlichen Kurorts.

»Einen Weltkrieg«, sagte der Thronfolger.

»Nun, wenn Eure Kaiserliche Hoheit Kaiser sind und ein großer Krieg sich nicht vermeiden lässt, spricht es doch für die Souveränität Eurer Kaiserlichen Hoheit, dass Sie es sein sollen, der ihn auslöst.«

Das leuchtete dem künftigen Kaiser ein. In Wahrheit hatte sich gleich so etwas wie Stolz vor den Schreck geschoben. Zugegeben hätte er das natürlich nicht. Und so gab er vor, Czernins Äußerung als Scherz aufzufassen, den er mit gleicher Münze heimzahlte. »Und Sie müssen nur aufpassen im Glücksmoment des höchsten Stolzes, dass es Sie da nicht erwischt, wie?«

Jetzt konnten sie über den Vorfall lachen. Sie erwähnten ihn aber nie wieder. Und keiner von beiden erzählte es jemals seiner Frau.

5

»Ich habe lange gezögert. Ich weiß ja, wie du denkst.«

Max wandte sich ab, als wollte er demonstrieren, dass er mit alledem nichts zu tun hatte. Aber Großmama sah es eh nicht.

»Es geht um dich …«

Hastig stieß Max Rauch aus.

»Ich bin älter, als wir alle dachten, dass ich es je werde. Und die Narbe ist aufgebrochen. Die Seligsprechung wird kommen, dann der Heilige Karl. Ich glaube, es ist besser, wenn die Tasche nicht hier ist.«

»Hast du Angst?«

Da lachte sie schallend. »Du Lieber. Du hast ja keine Ahnung. Angst habe ich schon lang nicht mehr. Um euch vielleicht, um eure Zukunft. Aber doch sonst nicht.«

Wieder einmal war er gegen die Wand dieses großen Glaubens gerannt.

»Alter macht pragmatisch. Das ist alles. Sie wollen etwas. Ich dachte, mit dem Zettel sei es vorbei. Da muss aber noch etwas sein. Aber es ist nicht mehr meine Sache.«

Der Satz war eine veritable Drohung.

»Soll ich mir die Tasche ansehen?«, fragte Max. Dabei wusste er, dass er genau das nicht tun würde.

»Du wirst eines Tages wollen. Das wird der richtige Zeitpunkt sein.«

»Wer sind sie?«

»Tja, mein Lieber, wenn ich das wüsste. Damals war es die Familie. Das war einfach. Familie gegen Familie.«

»Und jetzt?«

»Die Familie ist es nicht. Das glaube ich nicht. Da ist eine große Kraft dahinter, fast so etwas wie eine kriminelle Energie.«

»Opus Dei!«

Sie lachte wieder, dasselbe zurücksetzende Lachen. Und sie rauchte immer noch nicht. Max zündete sich eine nach der anderen an.

»Erzähl mehr.«

»Meine erste Erinnerung ist fast die eines Wetterleuchtens, das ins Kinderzimmer gestürzt kommt, mich auf die Arme nimmt, mich durch den Raum wirbelt, dann wieder der Kinderfrau zuwirft und verschwindet. Das war Papa. Blitzartig, eilig, liebevoll, kaum gesehen, schon wieder weg.

Sein unerwarteter plötzlicher Tod im sechzigsten Lebensjahr hat eine Welle der Bestürzung und Trauer ausgelöst. Unbeschreiblich viele Menschen strömten durch unsere Wohnung, um ihn noch einmal am Totenbett zu sehen. Man hatte das Gefühl, dass auch für Wien und Österreich einer der letzten Menschen der alten Zeit gegangen war. Er starb am Abend des 4. April 1932. Vor dem Souper kam er noch schnell in Mamas Salon und sagte: Bitte wartet mit dem Essen nicht auf mich. Ich habe keinen Hunger, Ich gehe spazieren. Nach dem Essen kam er zurück, setzte sich an seinen Schreibtisch. Er arbeitete an einem Buch über Radetzky. Er las uns vor. Plötzlich sprang er auf, drückte beide Hände auf die Brust, stöhnte So ein Schmerz. Mein Herz!, machte zwei Schritte auf uns zu und fiel tot in den Fauteuil neben mir. Dank des Goldenen Vlieses, mit dem ja auf jedem Tisch die Heilige Messe zelebriert werden kann, wurde am nächsten Tag eine Messe an seinem Bett gehalten. Endlose Seelenmessen, dann die Überführung ins Salzkammergut, wo er begraben liegt.

Eine sehr blasse Erinnerung habe ich an eine große Kundgebung der Wiener Bevölkerung nach dem Frieden von Brest-Litowsk, also eine Dankkundgebung für den sogenannten Brotfrieden. Alle Straßen und Plätze um den Ballhausplatz einschließlich Volksgarten, Heldenplatz dicht gedrängt voll jubelnder, rufender, strahlender Menschen. Und Papa erschien immer wieder am Balkon des Außenministeriums, lachte, winkte, sprach ein paar Worte und verschwand.«

Max war froh über die Zigaretten. Es waren zwar nur HB, aber das war besser als nichts.

»Papa war zweifellos kein einfacher Charakter. Geistig bestimmt einer der hellsten Köpfe seiner Zeit, mit einer prophetischen Vorausschau, einem sechsten Sinn für die Zukunft, der ihm vielleicht mehr geschadet als geholfen hat. Er war sehr ehrgeizig, immer felsenfest davon überzeugt, im Recht zu sein, und er hatte eine Redebegabung, die selbst den größten Gegner in die Knie zwang. Viele Menschen haben ihn gefürchtet, ohne zu erkennen, dass er ein großes leidenschaftliches Herz hatte, das später tief verwundet an den Folgen der Sixtus-Affäre praktisch gebrochen ist. Er überzog seine lebhafte Gefühlswelt mit einem schwachen Hauch von Zynismus. Der hat viele verschreckt, und man musste ihn gut kennen, um zu wissen, dass das ein Schutz gegen den Andrang des inneren Vulkans war. Er hatte im Grunde immer irgendwie Angst, mit seinem Herzen und seinen Gefühlen durchzugehen. Aber offiziell galt nur Geradestehen, hab Acht, Mann sein bis ins Letzte. Einmalig war ja auch der Sprung in die diplomatische Laufbahn bei Papa.«

6

Wien. Es wird in Wien gewesen sein. Vielleicht war es aber auch im Gebirge, wo der Fürst eine Jagd und eine Villa genannte Sommerresidenz unterhielt. Die Vorstellung, dass das Gespräch hier stattgefunden hat, ist natürlich viel schöner. Hier mischt sich die Gegend schamlos in die Stimmung, an klaren ruhigen Sommersonntagen zum Beispiel oder während der Gewitter, wenn es im Felstal nur so kracht und donnert und die von allen Seiten eingesperrten Blitze die steinernen Wände, den dunklen Wald, die satten Wiesen und den tiefen See in unwirklichen Farben grell aufleuchten lassen.

An so einem Tag scheint aber die Sonne. Und so könnte man sich vorstellen, wie die Haustür der Villa hastig aufgestoßen wird und eine düstere Gestalt eilig den Weg Richtung Totes Gebirge einschlägt. Seine Wut, wenn man es so nennen will, es war ja ein komplexer Zustand, konnte dann von den kahlen Bergwänden oberhalb der nahen Baumgrenze zurückprallen. Oder es war schon später, vielleicht einer der großen Abende, an denen die Alpen glühten, und die Weiße Wand leuchtete orange. Sie nannten diesen Berg hier auch den Elefanten, weil er einen großen runden Rücken machte, dessen rechter Abhang wie ein Halbkreis ausgeschnitten war, sodass man, wenn man wollte, den Ansatz eines sich hebenden Rüssels darin erkennen konnte. Aus der Ferne wirkte das zerklüftete graue Gestein wie altehrwürdig gerunzelte Elefantenhaut. Ein Krater markierte das Auge. Das vor allem machte den Berg den Menschen zum Tier und zähmte die ewige Steinwucht ein wenig. Die Weiße Wand im Toten Gebirge stand mächtig und mahnend am Ende des Tals, das Ende der Welt. Da tat ein bisschen Zähmung ganz gut.

Auf dem Rückweg, wenn es wieder besser war, im Wasser spiegelnde lieblich bewaldete Hügel auf der anderen Seeseite seiner Befindlichkeit eher entsprechen, ein kleiner Berg, der aussah, als sei er noch nicht ganz erwachsen, als habe er noch eine Geschichte vor sich. Genau gegenüber stand die Villa des Fürsten.

Wenn das Gespräch hier stattfand, dann bestimmt im Arbeitszimmer im Erdgeschoss, holzvertäfelt, mit Fenstern an zwei Seiten, aufs andere Seeufer hinaus an der Längsfront und an der Schmalseite über das Wasser hinweg auf das Tote Gebirge mit dem alles überragenden Elefanten. Aug in Aug mit dem mächtigen Felstier saß der Fürst an seinem Schreibtisch, wenn er auf dem Land war.

Zum fürstlichen Anwesen gehörten neben der Villa mehrere kleinere Häuser. Hier wurden Gäste und Personal untergebracht, und ans älteste und schönste von ihnen, ein kleiner Stöcklhof mit weißem Verputz und zur Wetterseite hin einer der für die Gegend typischen Holzverschalungen, war die Küche angebaut worden, ganze siebzig Meter von der Villa entfernt. Das hatte sich nicht anders einrichten lassen, außerdem bannte es die Feuergefahr für das Haupthaus und nicht zuletzt die Lärm- und Geruchsbelästigung, die in den Sommermonaten und dann noch einmal in der Jagdsaison von einer umtriebigen Küche ausgingen, die bis zu dreißig Personen zu versorgen hatte. Die einzelnen Gänge mussten im Laufschritt, eine silberne Haube hielt die Wärme auf jedem Teller, zur Villa hinübergetragen werden. Es war ein Schauspiel, wenn auf das Kommando des obersten Kochs hin sechs, acht oder gar zehn Burschen in grünen Wämsern über weißen Hemden mit jeweils zwei überwölbten Tellern die Straße hinaufrannten, ein eiliger Pulk silberner Kuppeln, der sich in der Auffahrt zu einer Schlange formierte, um dann wie eine Ameisenstraße in der Villa zu verschwinden. So kam es, dass beim Fürsten immer ein wenig atemlos serviert wurde. Wer es erlebt hatte, übertrieb gern. Und diejenigen, denen dieses Vergnügen versagt blieb, stellten es sich, wie das so ist, noch exaltierter vor.

Der Fürst war ein Gigant der Monarchie. Sein Name stand, wo er stand, wie in Fels gemeißelt. Und er hatte seine Persönlichkeit auf die Bedeutung seines Namens hin entwickelt. Dabei hielt er sein Gegenüber stets mit suggestivem Charme in Schach. Solange es Männer wie den Fürsten gab, war die Monarchie nicht in Gefahr. Umgekehrt konnte, solange es die Monarchie gab, den alten Familien nicht viel passieren. Es war ein stabiles Gleichgewicht, zusammengehalten von einem knorrigen Geflecht aus Traditionen, das sich, über Jahrhunderte gewuchert, seit Jahrzehnten um die würdig erstarrende Erscheinung des Kaisers rankte. Den Kaiser, diesen Kaiser, schien es immer schon gegeben zu haben und folglich immer zu geben. Das war die Verabredung. Und wer fragt nach der Zukunft, wenn sich die Gegenwart schon anfühlt wie Vergangenheit?

Der Kaiser liebte seine Völker, und er liebte seine Ruhe. Deswegen liebte er den Frieden. Er war das letzte Staatsoberhaupt, das weitgehend schriftlich regierte, mit seiner Signatur unter zahllosen Anweisungen und Dekreten, die nach Konsultation von Beratern ausgefertigt wurden. So kam der Anwesenheit bei Hofe eine besondere Bedeutung zu. Und der Hof war da, wo der Kaiser war. Im Sommer war das Ischl. Von dort war es nicht weit zum Landsitz des Fürsten Kinsky.

Im Hochsommer pilgerten vor allem Verwandte und Gäste der Fürstin sowie Freunde der Töchter und Söhne des Hauses an den See. Während der Jagdsaison lud der Fürst. Er liebte die Pirsch. Zur Jagd gehörte das Warten auf dem Hochsitz, aber auch die gemeinsame Suppe im Wald, die Soiree danach. Das war Eintauchen in die Natur, nicht enden wollendes Schweigen, dann das ausgelassene Feiern. Der Schuss war die Katharsis, die Lösung der so lang gehaltenen Spannung, die Soiree das Pendant, grelles Lachen nach der Einsamkeit in Erwartung der Kreatur, die es auszulöschen galt. Das war grausam, aber kultivierte Grausamkeit, Zivilisation, nichts Rohes. Wie der Krieg. Der war ja auch kein wildes Hauen und Stechen, sondern Technik und Kultur. So manch einer warnte, die Technik überwöge im Krieg immer mehr die Kultur, und der nächste große Krieg würde eine Katastrophe für die ganze Zivilisation werden. Es sei schon doll, hörte man den Fürsten sagen, was sich die Pazifisten immer so ausdachten, weil sie den Krieg halt nicht mochten. Und er lachte sein verächtlich amüsiertes Lachen, kaum hörbar, dabei punktgenau vernichtend. Aber wer dachte hier schon an Krieg. Auch wenn es immer eine Beklemmung auslöste, die sich niemand eingestand, wenn die Schüsse der Jäger und die zwischen den Felswänden hin- und hergeworfenen Echos vom Tal Besitz ergriffen, jedes Mal ein wenig länger als erwartet.

Die Berge schienen das Tal vor allem zu schützen, was die Idylle hätte beschädigen können. In rhythmischer Regelmäßigkeit brachte sich die Welt in Form von Telegrammen in Erinnerung. Sofern sie die Villa des Fürsten als Adresse hatten, wurden diese von Amtsleiter Plochl persönlich besorgt. Das hatte Gründe. Da war zum einen die Neugier. Was, wenn nicht die Urenergie der Neugier trieb einen zum Dienst in der Telegrafie, einem Dienst, in dem man die Zwiesprache zwischen Mensch und Mensch besorgen durfte. War das nicht der eigentliche humane Dienst, neben dem des Priesters und dem des Arztes vielleicht? Außerdem konnten Botschaften eintreffen, die höchster Geheimhaltung unterlagen. Und schließlich waren diese Telegramme eine Herausforderung für den Telegrafisten, da in ihnen durchweg die Spitznamen derer verwendet wurden, deren akutes Schicksal sie in Abbreviatur verhandelten. Warum konnten sich diese Karys, Maritschys, Krickis, Witzis, Bellis, Mappls und Babys nicht bei ihren Vornamen rufen wie andere Christenmenschen auch? Es war oft ein Vabanquespiel, aus Gehörtem, Gewusstem und Gefühltem etwas zusammenzusetzen, wenn wieder ein Name auf eine der aus feinsten Punkten zusammengesetzten Linien einzutragen war.

Was den Trägerinnen und Trägern dieser Namen widerfuhr, war stets dasselbe. Wurde nicht eine Ankunft avisiert, so wurde sich verlobt oder gestorben. Bin überglückliche Braut von Soundso, hieß es dann oder Soundso declarirte und sehr glückliche Braut von Soundso. Brief unterwegs. Oder auch nur Mit Soundso verlobt. Zu den Annoncen aus der Welt der Liebe oder doch zumindest der Ehe gesellten sich die Depeschen aus dem Reich des Todes. Mama heute friedlich entschlafen. Oder Unser armes Lotterl gestern abend einem Anfall ihrer Krankheit erlegen. Da ging der Postmeister Plochl dann immer ein bisschen langsamer den Berg zur Villa hinauf.

Die Villa also soll Schauplatz des Gesprächs gewesen sein. Der Kaiser war längst für die Saison nach Ischl übergesiedelt. Es waren ruhige, beschauliche Tage. Außer dem Fürsten und der Fürstin werden ein paar Nichten und Neffen im Haus gewesen sein, die das Schwimmen, Segeln, Tennisspielen genossen und ausgelassene Abende reihum bei den am See ansässigen befreundeten und meist auch verwandten Adelsfamilien verbrachten. Zu den ungeschriebenen Gesetzen an den Ufern des Sees gehörte, dass, was immer hier bis zum Ende des Sommers auch vorgefallen sein mochte, in Wien als nicht geschehen galt.

Und Marie war da, die Jüngste. Sie hatte in diesem Sommer geheiratet. Der neue Name hatte nicht ganz den erhabenen Klang ihres bisherigen, war aber auch einer der respektablen der Monarchie. Marie Kinsky, genannt Maritschy – mit Ypsilon, das wusste der Telegrafist –, hatte vor wenigen Wochen, am 1. Juli dieses Jahres 1897, den böhmischen Grafen Ottokar Czernin von und zu Chudenitz geehelicht, Kary, auch mit einem Ypsilon, es gab auch einen mit i.

Marie war nach kurzen Flitterwochen an den See gekommen. Ihr frisch angetrauter Gatte hatte in Wien Angelegenheiten zu erledigen. Er hatte immer wahnsinnig viele Angelegenheiten zu erledigen. Den jungen Grafen also muss man sich zunächst auf der Zugfahrt von Wien nach Ischl vorstellen und von da weiter in die Berge bis zu dem der Villa nächstgelegenen Ort mit Bahnanschluss, wo Marie ihn mit dem Wagen abholen würde. Von dort war es nicht weit, immer den Fluss entlang, seiner Quelle entgegen.

Marie Kinsky war eine der besten Partien der Monarchie gewesen. Schön, reich, noch keine zwanzig, feinster Herkunft, intelligent, bescheiden und von einnehmendem Wesen. Jetzt war sie seine Frau. Er liebte sie tatsächlich, fühlte sich bei ihr auch körperlich überraschend geborgen. Und sie schien ihn ebenfalls zu lieben, auf ihre zurückhaltende Weise, die er nie wirklich ergründen sollte. Dazu war er zu impulsiv und zu schnell, zu grob vielleicht auch, zu eitel und zu sehr mit sich beschäftigt, am Ende auf jeden Fall zu ungeduldig. Das waren die Czernins immer schon gewesen.

Zugfahrten mochte er nicht. Sie dauerten zu lang. Immer wieder stand er auf, lief hin und her, soweit es die Bauweise der Ersten Klasse zuließ, ein nur notdürftig gezähmtes Tier in einem zu kleinen Käfig. Er rauchte viel und inhalierte tief. Wie der Süchtige süchtig ist und von seinem Gehirn wieder und wieder zum Gegenstand seiner Sucht zurückgetrieben wird, so ist der Ungeduldige ungeduldig, am meisten mit sich selbst.

Marie stand, wie verabredet, am Bahnsteig. Sie trug das Dirndl der Region, grünes Mieder, rosa Rock, veilchenfarbene Schürze. Es war das erste Mal, dass er sie als seine Frau wiedersah. Er war überrascht von ihrer Schönheit. Der Himmel war die ganze Zeit über tiefblau gewesen. Jetzt kündigten kleine Wolken ein aufziehendes Unwetter an. Das junge Paar, das sich da auf dem Perron umarmte, nahm davon keine Notiz. Er gab ihr einen Kuss auf die Lippen, wobei er seinen Hut mit der rechten Hand als Sichtschutz gegen ungebetenes Publikum vor die sich berührenden Münder hielt. Marie hakte sich unter. So gingen sie zum Bahnhofsgebäude hinüber, an dessen Straßenseite der Kinsky’sche Einspänner wartete. Ein livrierter Gepäckträger brachte den Koffer hinterher. Czernin selbst trug lediglich eine elegante Tasche aus edlem rotbraunem Leder unterm Arm. Es war eine besonders schöne Aktentasche, glatt und fein, in einem ungewöhnlichen, leicht länglichen Format. Marie hatte sie ihm zur Hochzeit geschenkt. Der Sattler hatte sich besondere Mühe gegeben mit all den offensichtlichen und auch einigen weniger offensichtlichen Fächern. Zu ihrer großen Freude hatte er die Tasche sofort adoptiert. Selbst wenn sie leer gewesen wäre, hätte sie ihm gut gestanden. Und man sah deutlicher, als ihm lieb sein konnte, wie wichtig ihm das war.

Czernin begrüßte Werner kurz, den Kutscher, einen jungen Burschen, der sich um den Fuhrpark, die Pferde und die Boote der Kinskys kümmerte. Czernin mochte ihn. Er war gradheraus, nicht unterwürfig, und kutschierte immer ein bisschen verwegen.

»Papa freut sich auf dich«, sagte Marie, als der Wagen mit einem Ruck anfuhr. »Er meint, er habe dir etwas Wichtiges zu sagen.« Nach einer kurzen Pause, in der er sie ratlos angesehen hatte, fügte sie hinzu: »Etwas, was dich freuen wird.«

Im Verhältnis zwischen ihrem Vater und ihrem Gatten musste Marie gelegentlich mäßigend auf beide einwirken, auf den bisweilen vulkanisch grummelnden Giganten ebenso wie auf den hochfahrenden, nervösen jungen Mann, dessen Stimmungseinbrüche schon begannen, legendär zu werden.

»Was mag das sein?«, fragte er. »Hat er irgendetwas gesagt?«

Sein Leben lang sollte er sich nach diesen wenigen Kilometern sehnen. Das kurze Stück bewegter Freiheit gewährte ihm eine Spur der Erfahrung von Ruhe. Er schloss die Augen, als sie den Ort am Friedhof vorbei verließen. Dann ging es flussaufwärts durch feuchten Mischwald, bis unvermittelt das Tal vor ihnen lag, darin der See. Mit diesem Blick öffneten sich die Herzen, selbst das von Czernin, jedes Mal weit.

Die Wellen stießen hektisch aneinander, trugen sogar kleine Schaumkronen. Wind strich böig durchs Tal. Wolken hängten sich vor einen weißlichen Himmel. Die Sonne, bereits schwächer geworden in der vorgerückten Nachmittagsstunde, bekam etwas Gleißendes. Czernin überlegte, was der Alte von ihm wollen könnte. Er hatte sich vorgenommen, mit dem Fürsten über seine Zukunft zu sprechen. Er hatte seinem Schwiegervater gegenüber schon einmal angedeutet, dass er in den diplomatischen Dienst gehen wollte. Davon abbringen lassen würde er sich nicht. Es war nicht Art der Czernins, sich von etwas abbringen zu lassen. Und er brachte mit, was man für die Diplomatie benötigte, sah man von Geduld und Selbstbeherrschung einmal ab, aber das waren in seinen Augen allenfalls diplomatische Tugenden zweiter Klasse.

»Na, mein Lieber, wie war die Fahrt?« Der Fürst empfing den Schwiegersohn in seinem Arbeitszimmer, das er halb ironisch seine Kanzlei nannte. Ich geh in die Kanzlei, mich ein bisschen konzentrieren, brummelte er gern nach dem Mittagessen oder auch, wenn ihm unangenehmer Besuch erwartet wurde, ein leicht zu durchschauender Euphemismus für den Mittagsschlaf. Wenn die kahlen Wände des Toten Gebirges bei Alpenglühen blutorange leuchteten oder wenn Gewitter durchs Tal fegten, dann schien das allein für den Blick aus diesem Zimmer aufgeführt zu werden. Für diese Schauspiele ihm zu Ehren und bisweilen für den Mittagsschlaf hatte der Fürst einen schweren Lederfauteuil mitten im Zimmer deponiert. Auf ihm nahm Czernin Platz. Draußen zogen sich Wolken zu dunklen Ansammlungen zusammen.

»Ach weißt du« erwiderte Czernin, »du kennst das ja. Im Zug mit all diesen Leuten, die jetzt so nach Ischl fahren. Und dann ist sie teilweise schon sehr lahm, diese Eisenbahn. So viel Stahl und Dampf, und dann kommt man doch nicht recht vom Fleck. Aber es geht einem ja immer blendend, wenn man hier ankommt, nicht wahr?«

Das fand der Fürst natürlich auch. Diese Ungeduld, dachte er, ich hätte sie wahrscheinlich auch, wenn ich sie nötig hätte. Oder vielleicht auch nicht. Er lächelte, während er das abwog, sein berüchtigtes Lächeln, gütig und dabei alles zermalmend. Die Wand, die dieser Mann war, bestand aus einem Material, das, über Jahrhunderte gewachsen, zahllose Inhaltsstoffe optimal amalgamiert hatte. Die Aussichtslosigkeit eines Angriffs auf des Fürsten Sicht der Dinge wurde offenbar, wenn er gänzlich abwegige Positionen vertrat, was des Öfteren vorkam, und das selbst erkannte, was schon seltener war. Dann konterte er ein auf der Sachebene nicht zu widerlegendes Argument mit einem rasch in den gepflegten weißen Bart gestoßenen »Aber, aber, aber«. Damit war die Diskussion für den Fürsten und mithin für die Welt beendet.

»Du willst sicher gleich mit Marie schwimmen gehen. Solltet ihr auch, bevor es losgeht. Ich glaube nämlich, da kommt noch etwas. Apropos schlechtes Wetter. Ich wollte dir erzählen, dass ich gestern ein kleines Donnerwetter hab machen müssen.« Ein Lächeln umspielte die Augen des Fürsten angesichts der gelungenen Überleitung. Czernin sah aus dem Fenster und erkannte nun auch, dass sich da etwas zusammenbraute. Dabei entging ihm, dass der Fürst seiner Bemerkung ein leises, von einem fast albernen Kichern begleitetes »wegen dir« hinzufügte.

»Ich hab den Goluchowski gesehen.«

Bei dem Goluchowski handelte es sich um Agenor Graf Goluchowski von Goluchovo, Minister des Kaiserlichen und Königlichen Hauses und des Äußeren. Goluchowski hatte dem Fürsten wenig entgegenzusetzen. Das war spätestens klar geworden, als Maries Bruder Karl in den diplomatischen Dienst aufgenommen wurde, ohne die Diplomatenprüfung absolviert zu haben, ein Präzedenzfall, der ohne ein Aber, aber, aber undenkbar gewesen wäre. Viel mehr wird aber auch nicht nötig gewesen sein.

»Und ich hab ihm gesagt, dass du ein großartiger Diplomat sein wirst und sicher mal Botschafter. Wirst du doch. Willst du doch?«

Jetzt war es an Czernins Miene, sich zu verfinstern – und das schneller, als es selbst der Himmel hier im Tal vermochte. Der Satz des Fürsten traf seine chronisch blank liegenden Nerven wie ein Schlag. Ein Impuls wurde freigesetzt, der durch den Körper raste, aufwärts, in den Kopf. Die Hände waren schweißnass, die Wangen rot.

»Schön, hat er gemeint, wenn der Herr Schwiegersohn uns unterstützen möchte. Undsoweiter. Wie der halt so daherredet. Und dann hab ich gefragt, wo er dich denn hinschicken will. Paris? London? Rom? Sind doch alles schöne Städte, nicht wahr?«

Nein, dieses Gespräch nahm keine gute Wendung, weder jenes, das hier stattfand, noch das, von dem es berichtete.

»Na ja, und dann hat er gesagt: Erst mal kommt ja die Diplomatenprüfung, und dann gibt’s ein paar Formalitäten und so weiter. Hat er gemeint.«

Da musste der Fürst lachen. Czernins Mund zuckte unter dem Schnurrbart.

»Nein, hab ich da gesagt, der Kary macht keine Prüfung. Das wäre also wirklich, ich bitte dich, das wäre ja sonderbar. Oder so etwas. Ich weiß nicht mehr genau, was ich gesagt habe.«

Im Grafen Czernin war die Hölle los. Schädeldruck, Schwindel, flackernde Pupillen. Er atmete beängstigend unregelmäßig. Das brachte einen wie den Fürsten nicht aus der Ruhe, schon deshalb nicht, weil er es nicht bemerkte.

»Na, und dann hab ich gesagt, dass der Karl das ja auch nicht gemacht hat und er ihn ja auch nach England geschickt hat, ohne den ganzen depperten Quatsch. Und da hat er gemeint, dass das eine ja der Sohn und das andere der Schwiegersohn – jedenfalls wollte er nicht.«

Wieder musste der Fürst lachen. Czernins Mund blieb waagerecht unter dem akkurat gestutzten Bart.

»Und da hab ich aber richtig und ordentlich, also nicht bloß sozusagen, sondern tatsächlich hier mit der Hand«, der Fürst hob die geballte Faust, »auf den Tisch gehauen«, er schlug theatralisch auf die Schreibtischplatte, »und hab gesagt: ›Was ist das denn für eine elende Protektionswirtschaft? Den einen nimmt man und den anderen nimmt man nicht!‹«

Pause. Draußen jetzt Dunkelheit, im Raum Stille, Czernin erstarrt. Der Fürst hielt es für einen angemessenen Nachhall seiner Pointe. Es war vernichtend. Er war gebrandmarkt, zum Günstling degradiert. Wie konnte er anderen, wie sich selbst je wieder in die Augen sehen. Vor allen, vor der Geschichte war er blamiert. Ewig würden sie sich das erzählen. Die Historiker würden darauf herumreiten. Die Druckverhältnisse in seinem Inneren gerieten in Aufruhr. Der Fürst lachte jetzt herzlich.

»Das Gesicht hättest du sehen sollen! Aber eingesehen hat er’s.«

Dieser Teil der Rede des Fürsten war womöglich länger, aber Czernin hörte nichts mehr, weil das Blut von innen gegen seine Ohren presste, er halb blind war und halb taub vor Wut und Erregung. Wie hier raus? Zwei schwitzende Hände krallten sich in weiches Leder. Der Fürst, die Ruhe selbst, steckte sich gelassen eine Zigarette zwischen die Lippen, woraufhin er, ein Bein lässig in der Luft, das silberne Etui in gönnerischer Geste dem anderen entgegenstreckte. »Magst eine, Herr Diplomat?«, fragte er jovial lächelnd in völliger Verkennung der Lage. »Wie wird man dich denn da jetzt nennen müssen?«

Da sprang Czernin auf. Ein rasselndes Geräusch entfuhr seinem Brustkasten. Zusammen mit der ruckartigen Bewegung gewährte das dem druckgeschundenen Körper Spielraum, den er nutzte, um, Halbsätze der Entschuldigung hervorstoßend, zu fliehen. Der Graf verschwand schneller, als der Fürst anfangen konnte, sich zu wundem. Letzterer sog genüsslich an seiner Zigarette, dachte kurz etwas wie Was ist denn mit dem los?, sah durchs Fenster, dass sich der Himmel weiter verdüsterte, mitten im Sommer, und war ziemlich zufrieden mit sich.

Wie ein Veitstänzer wirbelte der Graf Czernin auf dem staubigen Weg, eilte Richtung Totes Gebirge, zu aufgeregt sogar, um rauchen zu wollen. Da riss der Himmel auf. Hinter den Wolken zeigten sich die Felswände glühend in Orange. Er war ganz Wut, Erregung bis in die Haarspitzen, die Landschaft ein Spiegel seines Anfalls.

Als er stehen blieb, atmete er fast schon wieder regelmäßig. Der Druck wich. Die Muskeln erschlafften. Jetzt zog er das Zigarettenetui aus dem Jackett. Der erste Zug half, wie er langsam in den ganzen Körper strahlte. Czernin versuchte, sich davon zu überzeugen, dass nichts Schlimmes geschehen war. Dass er die idiotische Prüfung sowieso nicht hatte machen wollen. Dass es sehr freundlich war vom Fürsten. Doch immer wieder kroch der grantige Ärger hoch. In Zuckungen kehrte der Anfall zurück, wie Schluchzer eines bereits getrösteten Kindes, dessen erschütterter Leib sich der erlittenen Not in Schüben erinnert.

Auf dem Rückweg war es vorbei. Die Wolken zogen sich zurück. Der Himmel gönnte dem Tal doch noch einen schönen Sommerabend. Der Graf Czernin blickte über den See. Er sah, wie sich der kleine bewaldete Berg am anderen Ufer im glatten Wasser spiegelte. Der schaut ja aus, als habe er noch eine Zukunft, dachte der Graf Czernin. Und er lächelte fast bei dem poetischen Gedanken.

7

»Die Sommer verbrachten die Eltern immer in der Villa am See. 1903 kehrten sie aus Paris nach Wien zurück. Anlass war wohl, dass der Thronfolger auf Papa aufmerksam geworden war. Es ist dann eine große Freundschaft zwischen den beiden Männern entstanden, die wie füreinander geschaffen waren. Im Jahr 1913 wurde Papa als Gesandter nach Bukarest geschickt, Mama hat mir später immer wieder erzählt, dass sie mit einem unsagbar schweren Herzen Wien verlassen hat, mit dem sicheren Gefühl, die glücklichste Zeit ihres Lebens abgeschlossen zu haben. Was sich ja leider bewahrheitet hat. Nachfolgend traf ein harter Schlag nach dem anderen die Eltern.

Dass die Ermordung des Thronfolgers in Sarajevo nicht nur für die Welt, sondern ganz besonders auch für den Papa eine Katastrophe bedeutete, ist ja klar. Er verlor nicht nur den künftigen Kaiser, den Freund, den Mann, der die Zukunft in seinem Sinne und vielleicht zur Erhaltung der Donau-Monarchie bewältigt hätte. Der Erste Weltkrieg brach aus und damit der langsame, aber sichere Niedergang der Welt, in der die Eltern bis dahin gelebt hatten.

Der alte Kaiser Franz Joseph starb, und der junge Kaiser Karl berief Papa gleich ins Außenministerium. Da herrschten schon katastrophale Zustände. Das Land war am Verhungern, die Armee nicht genügend ausgerüstet, die Schlachten zum Großteil verloren. Papa wusste genau, dass, wenn überhaupt, nur jetzt noch etwas zu retten war. Und dafür hat er gekämpft und gelitten. Es kam zum Frieden von Brest-Litowsk mit Russland, dem sogenannten Brotfrieden, weil aus der Ukraine etwas an Getreide nach Österreich floss. Das war aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. An allen Fronten ging der Krieg weiter. Das Land stand vor dem Ruin. Dass in dieser Lage jeder nach dem Frieden schrie, ist ja wohl klar. Und dass all diese Bemühungen am Ende zum Eklat der Sixtus-Affäre führten, war eine menschliche Tragödie.

Die Kaiserin Zita hatte über ihre Brüder Sixtus und Xavier Bourbon-Parma die Möglichkeit, mit Frankreich Friedensverhandlungen zu beginnen. Papa war Feuer und Flamme für dieses Projekt, bestand nur darauf, dass jede Verhandlung mit Frankreich im Einvernehmen mit dem Bundesgenossen Deutschland geschehen müsse, umso mehr, als die Abtretung von Elsass-Lothringen eine der Bedingungen war. Kaiser Karl, sehr jung und in keiner Weise auf sein hohes Amt vorbereitet, schwankte in seinen Überzeugungen. Zwischen den willensstarken Einflüssen einerseits der Kaiserin und andererseits von Papa änderte er seine Meinungen täglich, sodass Papa ihn schließlich bat, ihm das schriftliche Ehrenwort zu geben, dass keinerlei Schritte hinter dem Rücken des Außenministers unternommen würden. Mit diesem Ehrenwort quasi in der Tasche hielt Papa dann seine große politische Rede über seinen Friedenswillen und erhielt sofort von Ministerpräsident Clemenceau die zynische Antwort: Der Lügner Czernin desavouiert sich selbst, natürlich gibt es Friedensverhandlungen hinter dem Rücken von Deutschland, und alles, was der Czernin sagt, ist gelogen. Papa verzweifelt, stürzte zum Kaiser, stellte fest, dass man tatsächlich ohne sein Wissen weiterverhandelt hatte, und demissionierte.

Ich habe Papa nur als gebrochenen Menschen gekannt. Ich war vier Jahre alt und verstand natürlich gar nichts, habe aber mit dem Instinkt des Kindes gewusst, dass da ein tiefes Leiden vorlag. Und so habe ich versucht, mich mit aller Gewalt gegen die Belastung zu stemmen, das Leiden aufzulösen, den Eltern so viel Freude zu machen wie möglich, aus Notwehr gegen das Schwere, das über uns lag.

Wenige Monate nach der Sixtus-Affäre endete der Erste Weltkrieg. Die einzelnen Staaten machten sich selbstständig, die Tschechoslowakei wurde geboren und Papa als Staatsfeind Nummer eins des Landes verwiesen. Das Gut in Böhmen durfte verkauft, das Inventar ausgeführt werden. Aber Schloss, Besitz, Gruft und sehr viel Czerninische Familientradition gingen in fremde Hände über.

Die Eltern, praktisch heimatlos, flüchteten in die Villa am See. Eigentlich waren das sogar vier Häuser. Aber unsere Familie mit Hauslehrern, Gouvernanten, Kindermädchen und Dienstpersonal füllte alle vier aus. Wir kamen uns ein bisschen vor wie Gulliver im Zwergenland. Aber für mich war es herrlich. Die Natur, die Einsamkeit, die Freiheit. Wir blieben die Jahre 1919 bis 1921 ganz dort. Für Papa eine harte Zeit, weil er von aller öffentlichen Tätigkeit abgeschnitten war. Die Nachrichten sickerten langsam durch. Es gab wenig zu essen. Er hatte viel zu viel Zeit für sein Temperament. Er tobte mit mir im Schnee herum. Wir rodelten die steilsten Hänge hinunter, liefen über den zugefrorenen See. Schulstunden wurden unterbrochen, wenn er reiten oder segeln wollte. Er stürzte ins Zimmer: Für heute ist es genug. Die Sonne kommt. Und alle Last des Alltags war für mich erledigt.

Im Jahr 1921, als meine älteren Geschwister einer nach dem anderen das Haus verlassen hatten und das allgemeine Chaos in der neuen Bundesrepublik sich langsam applanierte, zogen die Eltern nach Wien. Und so verbrachten wir immer die Zeit von November bis Mai in Wien und zogen für die Sommermonate an den See. Papa stürzte sich kopfüber wieder in die Politik, schrieb, kümmerte sich um alle Belange dieses neuen kleinen Staates, was ihm von vielen Standesgenossen sehr übel genommen wurde. Er galt als rot, weil er sich mit Leib und Seele den Problemen seines Volkes hingab. Mit seinem warmen leidenschaftlichen Herzen entging ihm keine Not und kein Elend. Immer wieder habe ich erlebt, wie er von der Straße weg hungrige Menschen zum Koch in unsere Küche geschickt hat, wie er versucht hat, ihnen Arbeit zu verschaffen. Und Reden hat er gehalten. Das war ja seine große Begabung. Legendär war der erste Auftritt vor dem Herrenhaus. Das Manuskript hat er hernach der Mama geschenkt, zusammengefaltet, in einem kleinen hellblauen Kuvert.«

8

Die Ehre der Aufnahme ins Herrenhaus war ungewöhnlich für einen noch nicht Vierzigjährigen, der sich kaum hervorgetan hatte. Mit entsprechendem Unmut wurde die Nachricht aufgenommen. Am 3. Juli des Jahres 1912 hielt der frisch Berufene seine sogenannte Maiden Speech. Die in der Luft flirrende Feindseligkeit stachelte ihn auf. Mitunter schwoll das Tuscheln zum Raunen, eine musikalische Untermalung des bisweilen schrillen Solos, das Czernin in der manierierten Pose des Virtuosen gab, die ihm stand, wenn auch nicht zustand. Er galt hier als Parvenu und Ehrgeizling, als einer, der nichts konnte, arrogant und eingebildet, alles Todsünden, wenn auch verbreitet im Reich der Politik. Sie waren allerdings unverzeihlich, wenn nicht ein gewisses Lebensalter erreicht war.

Die Zeitungen berichteten eher unaufgeregt über die Rede. Gegner nannten sie eine Anmaßung, im Ton vergriffen, einen mäßig originellen Leitartikel. Ganz konnten sich Zuhörer und Berichterstatter dem rhetorischen Charme des Neulings dann aber nicht entziehen. Der hatte als Auftakt, nicht ganz aufrichtig, aber geschickt, mit einem Glückwunsch an die Regierung zur gelungenen Wehrreform eröffnet. So nahm er Wind aus den gegnerischen Segeln, bevor er sein Redeschiff beherzt ins offene Meer der allgemeinen Politik steuerte. Da heuchelte er Mitgefühl. Diese Regierung habe es viel schwerer als jede andere, weil die Majoritäten von Fall zu Fall auszuhandeln waren. Er sah dabei einem degeneriert dreinschauenden Reichsgrafen in die Augen. Das machte er immer vor großem Auditorium. Wie ein Vampir verbiss er sich in ein Augenpaar, um darüber den Saal auszusaugen.

Czernin verwahrte sich, erstes Crescendo, gegen die verbreitete Ansicht, der Nationalitätenstreit habe auch die Armee erreicht. Die Armee war ein heikles Feld. Er betonte, dass das nie passieren dürfe. Und er hatte ein Patentrezept: eine einheitliche Kommandosprache. Und das konnte naturgemäß keine andere sein als Deutsch. Applaus. Der erste Applaus ist immer wichtig. Er lockert die Atmosphäre und gibt dem, der klatscht, die Möglichkeit, sich und den anderen zu zeigen, dass er da ist. Da fühlen sie sich besser. So ist sie, die arme, kleine Menschenseele. Man muss nur mit ihr umgehen können. Deswegen husten sie im Konzert, und deswegen provoziert ein guter Redner Applaus auf der ersten Seite seines Manuskripts.

Bosnien. Vier Jahre zuvor hatte Österreich Bosnien und die Herzegowina annektiert. Es war darüber fast zum Krieg mit Serbien gekommen. Österreich, so Czernin, habe jetzt die Aufgabe, aus den Bewohnern der neuen Provinz zufriedene Staatsbürger zu machen. Ja, die südslawische Frage, rief er mit Tremolo in der Stimme, sei die allerwichtigste Frage für die ganze Zukunft überhaupt. Aber – im Decrescendo steuerte er geschickt zu seinem Ceterum Censeo, das er immer schon mal vor großem Publikum hatte orchestrieren wollen – in Anbetracht der dualistischen Verfassung sei jeder Schritt in der Monarchie mit großen Schwierigkeiten verbunden. Er hielt sich zurück. Zumindest in der Wortwahl, nicht aber, was die schneidende Schärfe seiner Stimme und die Eiseskälte seiner zusammengezogenen blauen Augen anging. Er zeigte ihnen die Instrumente. Und sie verstanden. Der Versuch, dies im Gesicht des aufs Korn genommenen Reichsgrafen zu überprüfen, scheiterte allerdings, der war friedlich eingeschlafen.

Dann kam dieser Satz, den sie ihm nicht verzeihen würden. Er wusste es, als er ihn niederschrieb, und erst recht, als er ihn in einem zur Optimierung der Wirkung künstlich erzeugten kleinen Grantanfall, große Oper, ins Auditorium schleuderte: »Dieses immerwährende Ausweichen vor allen heiklen Fragen ist der Fluch der Monarchie.« Da waren sie empört. »Schwadroneur!«, hörte er aus dem Saal. Das ermunterte ihn nachzutreten. »Hätte man nicht seit Jahren und Jahrzehnten immer eine Politik ›von der Hand in den Mund‹ getrieben, so hätten sich die Dinge im Reiche nicht so kompliziert.« Die Pause jetzt nicht zu lang werden lassen. Schuld musste natürlich der Ausgleich von 1867 sein. Er durfte nicht überreizen. Er musste sie provozieren, die Stimmung durfte aber nicht kippen. So ein Saal ist ein wildes Tier. Der Dompteur darf sich keinen noch so kleinen Fehler erlauben, sonst springt die Bestie. Sie sollten sich aufregen, ihm dann aber applaudieren. In seinem Gesicht setzte sich dieses wenig angenehme Grinsen fest, das sich einzustellen pflegte, wenn die Dinge liefen, wie sie laufen sollten, und das er für ein Lächeln hielt.

Dass der sogenannte Ausgleich, also die Einigung zwischen Österreich und Ungarn von 1867, seine Mission nicht erfülle, liege an einer unklaren Fassung des Gesetzes, die daraus hervorgehe, dass der magyarische und der deutsche Text nicht ganz identisch seien. Generalpause. Warum klatschten sie nicht. Er hatte sich zurückgenommen, den Lanzenstoß spontan zum Nadelstich verdichtet, blitzschnell zugestochen. Das war große Kunst. Es klang harmlos, barg aber mehr Zündstoff, als die Ruthenen in ihren Wäldern zusammensammeln konnten. Vor der Brise des Stolzes über das eigene rhetorische Geschick segelte Czernin elegant zur nächsten Volte. Die Ausfälle gegen die aktuelle Finanzpolitik gingen im Geraune fast unter. Aber der lebhafte Schwung, mit dem Czernin seine rhetorische Apotheose vorbereitete, und die mitreißend an- und abschwellende Stimme nahmen das Publikum in Geiselhaft. Jetzt würde er ihnen noch einmal sagen, wie wichtig sie waren und wie sehr man zusammenhalten müsse, dann brauchte er nur noch die Lieblingsmetapher der Monarchie zu orchestrieren, das Wetter.

»Ich habe das Gefühl«, pianissimo, das sorgt für Ruhe, »dass draußen im weiten Reiche ein Zustand herrscht, der den österreichischen Gedanken, das österreichische Gefühl, den österreichischen Patriotismus oft in Gefahr bringt, von dem Gestrüpp des nationalen Chauvinismus erstickt zu werden.« Viel sagte er da nicht, aber es klang gut. Jetzt konnte er Druck machen. »Im Herrenhause«, kurze Pause nach dem Wort, das schmeichelte ihnen, »hat die österreichische Pflanze so tiefe und feste Wurzeln, dass kein Sturm und Gewitter sie entwurzeln kann.« Zweimal wurzeln, das war nicht schön, hatte er übersehen, aber für Ärger war jetzt keine Zeit. »Das Herrenhaus war stets der Hort und Hüter des österreichischen Gedankens, und es wird seiner Rolle stets treu bleiben, wenn es auch in Zukunft über große staatliche Interessen wachen wird.« Jetzt steigern. »Erhalten wir uns zwei Dinge: eine starke einheitliche schwarzgelbe Armee, und sorgen wir für eine gesunde, sparsame Finanzpolitik.« Schnell weiterreden. »Wenn uns das gelingt, brauchen wir keine Besorgnis zu haben, nicht für die Gegenwart und nicht für die Zukunft.« Und jetzt großes Orchester. »Da mag noch mancher Sturm und manches Gewitter kommen – …« Triumphmarsch »… und es in unserm alten Österreich noch so manchesmal blitzen und donnern –, es wird jeder dieser Kämpfe keinen andern Effekt haben als den, dass unser liebes Vaterland neu gekräftigt und neu gestärkt daraus hervorgeht.«

Das Protokoll verzeichnet lebhaften Beifall. Der Thronfolger gratulierte per Telegramm, was Czernin, ebenfalls telegrafisch, artig erwiderte.

Wollen meinen ergebensten Dank für das gnädige Telegramm anlässlich meiner Rede im Herrenhaus entgegennehmen. Meine Leistung war wohl eine sehr bescheidene, welche das Lob gewiss nicht verdient.

Der Erzherzog verstand. Es musste gut gelaufen sein. Czernin war offenbar zufrieden mit sich.

9

»Immer wieder werde ich nach den geheimen Plänen und Zielen von Papa gefragt. Ich glaube, sie haben nicht existiert. In einer Zeitung aus dem Ersten Weltkrieg, an die ich zufällig geraten bin, stand: Czernin hat sicherlich manchmal geirrt, aber niemals gelogen. Das ist ein großes, weises Wort. Denn Papa war vollkommen aufrichtig. Für ihn war Lüge die Hauptsünde. Das haben wir Kinder oft genug zu spüren bekommen.

Im Jahr 1950, als es die ersten Bestrebungen zur Seligsprechung Kaiser Karls gab, sollten wir das schriftliche Ehrenwort des Kaisers herausgeben. Wir haben das dann auch getan. Ich habe es oft genug gesehen, könnte zu jeder Stunde bezeugen, dass es existiert hat, ebenso wie meine Mutter, meine Geschwister und wohl auch einige alte Freunde von Papa. Aber die leben nicht mehr. Und der einzige geschichtliche Beweis über den Verlauf der Dinge existiert nicht mehr. Schwere Zeiten fordern eben ihre Opfer. Und Papa war ganz bestimmt eines der ihren.«

Großmama bewegte die Schultern, als wolle sie eine Verspannung lösen. Die Finger ihrer rechten Hand bedeuteten Max, dass sie rauchen wollte. Er gab ihr Feuer, sich auch. Da entfuhr Großmama noch dieser eine Satz:

»Vor einigen Jahren, ja, es ist schon eine ganze Weile her, da hatte ich in Vaduz ein längeres Gespräch mit der Kaiserin.«

Max hustete. Sein Oberkörper schnellte hoch. So spitz ragte die Geschichte in die Gegenwart. Jetzt kamen die Antworten auf all die Fragen, die er nicht gestellt hatte. Und Großmama ließ es nebenbei fallen, als rede sie vom Wetter.

Die Kaiserin, Zita, war damals gerade zwei Jahre tot. Fast siebenundneunzig Jahre ist sie alt geworden. Da ist ein Jahrhundert zu Ende gegangen in diesem Jahr 1989. Erst starb Zita, dann fiel die Mauer. Und dann kam die Geschichte wieder in Gang, gemächlich erst, wie eine rostige Landwirtschaftsmaschine, die nach langer Pause wieder in Betrieb genommen werden soll. Ist die Geschichte aber erst einmal in Fahrt, macht sie keine Gefangenen. Manche hat sie damals regelrecht überrollt. Als Max bei Großmama saß, konnte er noch nicht wissen, dass er einer von ihnen sein würde.

Zitas Tod war ein Ereignis. Sogar bei Großmama hatten damals welche angerufen, um ihr zu kondolieren, ausgerechnet ihr. Aber es war halt lang her. Und da können schon mal die Konturen verwischen.

Lange hatte Zita nicht nach Österreich gedurft. Karl hat nie auf den Thron verzichtet. Und Zita mochte es bis zum Schluss gar nicht, wenn man sie Exkaiserin nannte. Karl hat aus dem Schweizer Exil zweimal versucht, sich wenigstens den ungarischen Thron zurückzuholen. Da haben sie ihn nach Madeira verbannt. Wie bei Napoleon, den mussten sie auch immer weiter weg verbannen, bis er endlich Ruhe gab. Tragödie und Farce. Keiner hatte sie gewollt. Sie hatten kein Geld und acht Kinder. Die Jüngste wurde im Mai 1922 geboren. Da war der Vater gerade gestorben, an Entkräftung, und die Kaiser-Karl-Gebetsliga betete schon.

Das ganz große Schauspiel mochte sich die Republik aber dann doch nicht entgehen lassen, als zum letzten Mal eine Kaiserin starb. Nur der Bundeskanzler blieb weg. Seine Minister und der Präsident saßen in der ersten Reihe im Stephansdom. Das letzte Kaiserbegräbnis war 1916 gewesen, dann noch dieses eine Mal, am l. April 1989. Der kaiserliche Trauerwagen, sieben Jahrzehnte ungenutzt in der Schönbrunner Remise, frisch poliert, fuhr, von sechs Rappen gezogen, vom Stephansdom zur Kapuzinerkirche, zur Gruft wie 1916.

Zita war auch blind. Wahrscheinlich haben die beiden blinden Frauen für einen Moment die Wahrheit gesehen, als sie sich noch einmal begegneten. Und jetzt wollte Großmama sie an Max weitergeben.

»Du hattest ein Gespräch mit der Kaiserin?«

Großmama schien in dem Maß von aller Energie verlassen, in dem Max unter Strom geriet. Sie ließ die Schultern hängen und drückte ihre Zigarette aus.

»Ja«, stöhnte sie mehr, als dass sie es gesagt hätte, sie war kreidebleich, »aber lass mich jetzt schlafen gehen. Bitte. Ich bin todmüde.«

Für den kurzen Weg zur Treppe hakte sie sich bei Max unter.

»Arm in Arm mit dir, so fordr’ ich mein Jahrhundert in die Schranken.«

War das Schiller? Wallenstein. Oder doch Goethe? Für Max war es eh Großmama.

Er räumte den Esstisch ab, nahm die Zigaretten, leerte den Aschenbecher, stellte das Geschirr in die Spülmaschine, löschte die Lichter und zog sich in das kleine Gästezimmer im Erdgeschoss zurück, darin das hochbeinige Bett, unter dem die Kiste gestanden hatte, die er sich gewünscht haben soll. Er stellte sich ans Fenster und rauchte in die Nacht. Max sah in die düstere Idylle, suchte den nahen Waldrand, fand den Schuppen, der sich schwarz vor dem dunkelgrauen Himmel abzeichnete. Er dachte an Fiona, Er wollte sie küssen, mit ihr schlafen, ihr nah sein und dann, frei, glücklich, bei der ersten Zigarette danach, von Großmama erzählen. Und irgendwann vielleicht von Ottokar, dem Urgroßvater, und von seinem Zettel. Aber Fiona war nicht da.

10

Eine Gesellschaft hat sich zu einem als Soiree annoncierten Ereignis versammelt. Viele regierende Fürsten, die zu Soireen laden, gibt es nicht mehr. Die Flucht von Salons im Eingangsgeschoss des wuchtigen Schlosses ist hell erleuchtet und voller Menschen, die sich zur Begrüßung Wangen oder Hände küssen. In beiden Fällen wird nicht wirklich geküsst. Es wird schnell gesprochen, an Champagnerkelchen genippt, zu laut gelacht. Die Menschen, die hier versammelt sind, haben fast alle die gleiche Form des Überbisses. Das muss nicht hässlich sein. Sie haben alle mehr oder weniger dieselbe Erziehung erlitten. Sie kennen dieselben Geschichten und erzählen sie sich gegenseitig immer wieder. Die Anekdote ist hier die rituelle Form der Selbstvergewisserung. Sie stiftet Gemeinsamkeit, bezeugt Vergangenheit und bildet einen Grundstock für die Zukunft. Sie duzen sich. Sie heiraten sich gegenseitig. Sie sind verwandt. Der Begriff hat dabei eher zoologische als soziologische Bedeutung. Er ist weit gefasst, bestärkt nach innen und grenzt nach außen ab. Seit Jahrhunderten hören diese Menschen, sie seien etwas Besonderes. Seit Jahrzehnten sind sie es nicht mehr. Aber sie hören es immer noch. Das Schaf wirft seinen Pelz auch nicht ab, bloß weil es aufgehört hat zu regnen. Die Menschen hier sind nicht für diese Zeit gemacht. Deshalb bleiben sie gern unter sich. Das Gebäude, in dem sie tapfer zu wohnen vorgeben, obwohl es längst um sie herum abgerissen wurde, bekommt an diesem Abend noch einmal ein Dach. Das Spiel wird noch einmal Ernst. Alle sind gekommen. Selbst Großmama, blind, schwerhörig, schweratmig, obwohl sie geschworen hat, nie wieder irgendwohin zu fahren. Da liegt dieser unsichtbare Schleier der Erwartung über der Menge. Kinder kennen das vom Weihnachtsabend. Und dann. Lachen und Gemurmel verstummen. Als würde ein fröhlich loderndes Feuer langsam erstickt. Die Party gefriert zum Bild, ein gigantisches Tableau in satten Farben. Diener in Livree, weiße Handschuhe, schieben Türflügel aus dem Weg. Zwischen dem Fürsten und der Fürstin nähert sich langsam etwas winziges Schwarzes neben einem hochgewachsenen Herrn. Die Menge teilt sich. Fließende Seide raschelt. Abgesehen davon traut sich keiner, die atemberaubende Stille zu verletzen. Fürst und Fürstin schreiten hinter der sehr kleinen, von Kopf bis Fuß in Schwarz, schwarze Seide, schwarze Spitze, gehüllten Gestalt. Den linken Arm hat sie bei dem Herrn mit der großen Brille untergehakt. Mit der rechten Hand stützt sie sich auf einen schwarzen Stock mit silbernem Knauf. In einem historischen Zeremonien vorbehaltenen Schneckentempo bewegt sich das leise raschelnde, überaus würdige Quartett durch das Gemälde der Statisten. Was man hört, meint man nur zu hören. Als die Mitte des ersten Raums erreicht ist, wendet sich die Gruppe nach rechts. Sie hat jetzt die Flucht der Salons vor sich, verbunden durch geöffnete Flügelportale, ein langer, von Menschen gesäumter Gang. Sie schreiten ihn ab, die Menge teilend wie Mose das Meer. Der schwarze Gast ist das Ereignis. Die letzte Verbindung der Gegenwart in die Vergangenheit. Die Wirklichkeit zu dem, was die anderen zu spielen verdammt sind. Es dauert, bis der kleine verhüllte Gast am Arm des großen Herrn, gefolgt vom Fürstenpaar, die Stirnseite des letzten Salons und die Flügeltür erreicht. Die öffnet sich wie von Geisterhand. Viel kann man nicht erkennen. Das ist gut, wegen der Fantasie. Wie Wachhabende bringen sich Livrierte in Position. Sekunden bleibt es still. Der Schreck, der in der Ehrfurcht steckt. Dann fängt einer an zu klatschen. Applaus lodert auf. Keiner weiß so recht, warum. Aber sie klatschen, und indem sie klatschen, holen sie sich in die Gegenwart zurück. Der eigenhändig verursachte Lärm bläst wie Sturm ins Tableau. Klatschend wecken sie sich selbst und gegenseitig und erkennen, indem sie sehen, dass die anderen auch klatschen, dass der Traum kein Traum ist. Jetzt applaudieren sie sich selbst. Es wird wieder gelacht, getrunken, geküsst. Die Jungen suchen nach möglichst entfernten ebenso jungen Verwandten des jeweils anderen, bisweilen auch des eigenen Geschlechts. Schließlich ist jede größere Zusammenkunft einer Minderheit auch Heiratsmarkt. Und es muss ja nicht gleich Heirat sein. Die Älteren haben auch nur ein Thema. Es ist eines dieser Ereignisse, die schon in dem Moment, in dem sie stattfinden, den Rang einer kanonischen Anekdote erlangen. Der Rest ist Feinschliff. Einige Auserwählte hat Ihre Majestät, die Exkaiserin, sag das bloß nicht, zu sich befohlen. Sie wird freundlich gefragt haben. Aber der Ruf einer Kaiserin ist keine Einladung. Selbst Großmama ist gekommen, eine Tortur in ihrem Zustand. In dem kleinen Salon erwartet die Kaiserin die Lieblingstochter ihres ärgsten Feindes. Die hat eine Ausnahme gemacht. Sie hat das schwarze Kleid, den kleinen schwarzen Hut und den schwarzen Schleier irgendwo hervorgeholt, reinigen und herrichten lassen. Und nun geht sie, großgewachsen und kerzengrade, schwarz und verschleiert wie die Kaiserin, nur nicht klein, sondern groß, über den Läufer auf dem historischen Parkett. Wer führt sie? Sie sieht ja nichts. Wer immer es ist, er führt sie in den kleinen Salon am Ende der Suite. Die Türflügel öffnen sich lautlos, schließen sich lautlos. Und da sitzen sie, die kleine schwarzverhüllte Blinde und die große schwarzverhüllte Blinde. Sitzen sie da zehn Minuten? Eine Stunde? Ach, was ist Zeit?

11

Großmama kam ins Esszimmer herüber. Max umarmte sie. Der erste Schluck Kaffee half endgültig in den Tag hinüber. Er versuchte, sie zu überrumpeln.

»Was habt ihr gesprochen? Du musst mir das erzählen.«

Sie lachte. Sie wusste gleich, was er meinte.

»Ich muss gar nichts, mein Süßer. Schon lange nicht mehr. Und das geht euch einen feuchten Schmarrn an.« Das r rollte, nicht drohend, eher genüsslich. Das war nicht weniger endgültig.

»Iss. Ich hab sie extra geschickt, Semmeln holen.«

Wieder aß vor allem Max. Großmama nahm Pillen. Die Aprilsonne schien durch die Terrassentür. Da ließ sich gut schweigen.

»Nimmst du die Tasche mit?«, fragte sie schließlich.

»Warum ich?«

»Das hast du gestern schon gefragt.«

12

Bukarest, das war eine Bombe. Den Grafen Czernin erreichte die Nachricht per Telegramm am See. Der schwere Schreibtisch des Fürsten war der seine geworden, die Villa Kinsky die Villa Czernin, nachdem der Fürst siebzigjährig an den Folgen eines Reitunfalls verstorben war. Der Elefant thronte jetzt für Czernin im Toten Gebirge über dem See.

Es lag nahe, dass der Thronfolger hinter der Idee steckte, ihn zum Gesandten der k.u.k. Monarchie in Rumänien zu ernennen. Es war einer der brisantesten Posten, die das Ministerium des Äußeren derzeit zu vergeben hatte. Und Berchtold hatte bestimmt nicht als Erstes an Czernin gedacht.

Leopold Graf Berchtold von und zu Ungarschitz, Fratting und Pullitz war der Inbegriff des verwöhnten Adeligen. Aber er genoss das Vertrauen des greisen Kaisers. Als dieser vorschlug, ihn zum Minister des k.u.k. Hauses und des Äußeren zu ernennen, gab selbst der Auserkorene zu bedenken, er fühle sich dem nicht gewachsen. Weder dieses Gefühl noch die ihm so offensichtlich entsprechende Wirklichkeit hinderten den Kaiser allerdings daran, Berchtold zu berufen. Er war ein leuchtender Stern am Himmel der Wiener Gesellschaft, elegant, groß, blass, blasiert. Er sah jünger aus, als er war. Von Frauen verstand er etwas und von Pferden. Er hatte viele Freunde in Wien, darunter gewiss genügend Anwärter auf einen frei werdenden Gesandtenposten. Aber was sollte er tun, wenn der Thronfolger drängelte.

Die Aufforderung, nach Bukarest zu gehen, kam unerwartet, zumal Czernins Freundschaft mit Erzherzog Franz Ferdinand einen Rückschlag erlitten hatte. Dabei hatte er, ausgerechnet er, doch nur versucht, ausgleichend zu wirken. Aber der Loyalitätszwang im misanthropischen Reich der Grantigen war, wie Czernin lernen musste, kompromisslos.

Der mächtigste Vertreter des verhassten Ungarn, einer der einflussreichsten Männer in der Doppelmonarchie, war der Graf Stephan Tisza. Schon sein Vater war ungarischer Ministerpräsident gewesen, er selbst hatte das Amt in diesem Jahr zum zweiten Mal übertragen bekommen. Als leidenschaftlicher Kämpfer für ungarische Interessen war er der geborene Feind Franz Ferdinands und Czernins. Für den Erzherzogthronfolger personifizierte Tisza denn auch alles Übel dieser Welt. Czernin hingegen zeigte sich beeindruckt von dem kultivierten Grafen. In fast allen politischen Fragen waren sie sich denkbar fern, aber in der Person Tiszas erlebte Czernin den unerwarteten Glücksfall eines harten, aber intelligenten Gesprächspartners. Da wucherte ein krauses Gefühl der Sympathie. Czernin wollte von dem um zehn Jahre Älteren akzeptiert werden und, mehr noch, gemocht. Dazu kam, ganz aktuell, das Duell. Markgraf Georg Pallavicini hatte Tisza vorgeworfen, Zeugen in einem Gerichtsverfahren gegen seinen Vorgänger beeinflusst zu haben, wodurch erst der Weg ins Amt für ihn frei geworden sei. Ohne mit der Wimper zu zucken, forderte der Graf den Markgrafen zum Säbelduell. Es hieß, beide hätten Kopfverletzungen davongetragen. Czernin war voller Bewunderung.

Wäre da nicht etwas Melancholisch-Spöttisches um die Augen gewesen, der Graf Tisza hätte auf den ersten Blick als Preuße durchgehen können. Er war von einer für einen Ungarn untypischen Disziplin und Arbeitswut. Er lenkte sämtliche Aktenströme über seinen Schreibtisch, ohne je die Kontrolle darüber zu verlieren. Das machte ihn stark und gefährlich. Nichts von alledem verriet das sympathische Gesicht mit dem grau melierten Vollbart und der hohen Stirn, unter der, geschützt von rund gefassten Brillengläsern, wache Augen blitzten.

Seine Majestät hielt große Stücke auf seinen ungarischen Ministerpräsidenten, für den er nicht der Kaiser, sondern der Apostolische König war, eine Ehrenbezeichnung, die sich die ungarischen Monarchen einst durch besonderes Engagement bei der Christianisierung verdient hatten. Mit Blick auf die Zeit nach ihm selbst, vor allem aber weil er es leid war, sich die fortwährenden Schimpftiraden beider übereinander anzuhören, wollte der Kaiser eine Aussprache zwischen Franz Ferdinand und Tisza. Czernin bot Hilfe an.

Als Franz Ferdinand von den »Intrigen hinter meinem Rücken«, von diesem »satten Verrat« und der »Erzschweinerei« erfuhr, brach der Damm, der gerade bei ihm immer so viel zu halten hatte. Alles, was sich aufgestaut hatte, entlud sich über Czernin. Erwiderungen ließ der Wütende nicht zu, verfluchte die »am Busen genährte Natter«, schlug Türen, brüllte, dass es durch die zugeschlagenen Türen und durchs ganze Obere Belvedere zu hören war, und begab sich schnaubend, verraten und enttäuscht aufs Land, um bei der Familie Linderung zu suchen.

Des Grafen Czernin erste diplomatische Initiative schien auch gleich seine letzte gewesen zu sein. Niedergeschlagen verließ er das Belvedere. Die grotesk dicklippige Fratze in dem steinernen Torbogen, durch den er den Hof des Unteren Schlosses verließ, schien mit ihren zusammengekniffenen Augen seit zwei Jahrhunderten darauf gewartet zu haben, in diesem Moment hämisch auf ihn herunterzuschauen. Fehlte nur, dass sie gespuckt hätte. Es war Sommer. Czernin nahm den nächsten Zug nach Ischl. Die Familie war am See. Und er hatte nichts mehr zu tun.

In Wien hatte man hinter den Wolken noch eine Sonne erahnen können. Das Salzkammergut war vollständig in durchdringende Feuchte gehüllt. Es herrschte Schnürlregen, eine die Region in den Sommermonaten über Tage, mitunter auch über Wochen fest umschließende, mit nichts zu vergleichende Dimension von Feuchtigkeit, in der die Unterschiede zwischen Nebel, Niesel und Regen aufgehoben sind. Wo sonst Landschaft ist, ist dann Grau. Dieses Phänomen, gegen das kein wasserabweisendes Kleidungsstück und kein noch so heiteres Gemüt etwas auszurichten vermögen, gilt vielen als Quell jener Geisteshaltung, die die Österreicher den Grant nennen. In dieses Wetter gewordene Ungemach fuhr der Graf Czernin, gedemütigt und verunsichert, je weiter je tiefer. Der Ärger steigerte sich zum Selbsthass. Schließlich hatte Czernin den Anlass zu seiner Demütigung selbst gegeben.

Obwohl er hatte telefonieren lassen, stand Werner nicht mit dem Wagen am Bahnhof und der begossene Graf im Regen wie ein Pudel. Nach dem Wutstau im Zug geriet das zum Anlass für einen veritablen Ausbruch, der in der Selbstwahrnehmung immerhin die Symmetrie zum Erzherzog wiederherstellte. Allerdings hatte Czernin auf dem leeren, regennassen Perron nicht einmal einen Adressaten für sein Gebrüll. Das verhallte wie von Watte gedämpft im Schnürlnebel, registriert lediglich von einem verwunderten Stationsvorsteher, der sich in seinem Kontor versteckt hielt, bis der schäumende Graf einen Wagen gefunden hatte.

In den vergangenen Jahren waren sie eine Familie geworden. Nach der Geburt des Stammhalters war es kaum eine Enttäuschung, dass als Zweites eine, immerhin gesunde, Tochter geboren wurde. Danach meinte es das Schicksal besonders gut mit dem Patriarchen Czernin und schenkte ihnen drei weitere Söhne. Da war er dann so weit, sich noch einmal eine Tochter zu wünschen. Aber derart ließ sich das Schicksal dann doch nicht herumkommandieren.

Befragt nach seinen Erziehungsprinzipien, pflegte der Graf Czernin zu antworten: Streng, aber ungerecht. Damit kam er der Wahrheit näher, als ihm bewusst sein mochte. Die Kinder fürchteten ihn. Sie liebten ihn, wenn er auf seine eigene, unkonventionelle Weise für Unterhaltung sorgte, gelegentlich zu zynisch für Kinderseelen, aber das mussten sie eben ertragen. Er war loyal. Er war fürsorglich. Er liebte die Mutter seiner Kinder. Die Kinder vergötterte er. Deswegen war er streng. Sie mussten mit den Wechselfällen der Geschichte leben, die sich ihrer Kindheit als changierende Gemütslagen ihres Familienoberhaupts darboten. Und doch spürten sie ihn und seine Nähe. Er war sinnlich. Seine Nervosität, die impulsive Unberechenbarkeit waren ja eine Seite dieser aus der Art geschlagenen, nie ganz kultivierten Sinnlichkeit. Und alles Sinnliche ist Kinderseelen nah. Das Höchste war es, mit dem Vater im Gras zu liegen, leger zerbeulte Hüte auf den Köpfen, jeder einen Halm im Mund, den Blick in die Landschaft genießend, den sie teilten. Das Maß an Einverständnis, die Sicherheit, in die man sich da fallen lassen konnte wie in einen Haufen Heu, vermochte nur er ihnen zu geben, selten, nie vorhersehbar, aber wenn, dann war es ein Hauch von Seligkeit, der fürs Leben imprägnierte. Wenn er dann in dieses Schweigen den Arm hob und ihn dem Kind neben sich über die Schulter legte, dann war das Glück, für beide.

Jedes der Kinder hatte eine Alter und Charakter angemessene Strategie, dem heiligen Zorn zu entkommen. Als ihr Vater an diesem unheilgesättigten Schnürlregentag unerwartet in der Villa am See auftauchte, bedurfte es keiner besonderen physiognomischen Kenntnisse, um sogleich zu erfassen, dass es besser war, Abstand zu halten. Die fünf einigten sich auf den Wettbewerb, wem es gelänge, dem Papa in diesen Tagen am seltensten im Haus zu begegnen. Sie verloren allerdings bald den Spaß daran, weil der gebeutelte Graf sich in seinem Arbeitszimmer verschanzte, das für sie eh tabu war. Am dritten Tag schließlich rang sich Czernin einen Brief an den Thronfolger ab. So lange hatte er gebraucht, um sich zu sedimentieren, wie er es nannte. Der Blick war während der ganzen Zeit in die schmutzig nasse Watte gerichtet. Wo das Fenster sonst den Elefanten in Szene setzte, beschränkte sich der Ausblick auf eine deprimierend dreckige weiße Wand. Es war der letzte Tag im August des Jahres 1913.

Ich interessiere mich gar nicht für den Grafen Tisza, ebensowenig wie für die ganze magyarische Gesellschaft. Diese magyarische Clique ist eine Pestbeule am Körper der Monarchie, und kein österreichischer Patriot kann daran zweifeln. Mein Gedanke bei dieser Audienz Tiszas unterscheidet sich in seinen Motiven auch sehr wesentlich von dem Gedankengange Sr. Majestät. Ich wünsche, dass Tisza einmal ordentlich der Kopf gewaschen wird und er einmal mit eigenen Augen sieht, dass noch ein stärkerer Wille für die Zukunft da ist als der seine. Nicht also, ihm zu helfen, sondern die Situation zu bessern, war mein Gedanke dabei, um dieser verderblichen Nationalitätenpolitik endlich zu steuern.

In seiner nervösen Unsicherheit unterstrich er viel und nicht immer das Richtige. Immerhin konnte Czernin davon ausgehen, dass das mit der Pestbeule dem Erzherzog gefallen würde. Er fand nie heraus, ob der Brief Franz Ferdinand beschwichtigte oder ob der sich zwischen seinen Rosenstöcken auch so beruhigt hatte. Er war gewarnt. So etwas passiert einem nicht zweimal. Da platzte die Aufforderung, als Gesandter nach Bukarest zu gehen, völlig überraschend in das Leben der Czernins.

Marie widerstand sowohl der Versuchung, dafür zu beten, dass aus Bukarest nichts wurde, als auch der Alternative, die darin bestanden hätte, die einflussreiche Verwandtschaft zu mobilisieren. Stattdessen würde sie sich fügen, so oder so. Schicksal war Schicksal. Es war nicht ihre Art, sich in den Lauf der Geschichte einzumischen.

Und so nahmen die Czernins die Vorbereitungen zur Übersiedlung in Angriff. Marie plante die Verlagerung des Haushalts und versuchte, die Kinder dem jeweiligen Alter entsprechend auf das vorzubereiten, was da auf sie zukommen mochte, auch wenn sie es selbst nicht wusste. Der Graf Czernin ließ sich unterdessen am Ballhausplatz über die politische Situation instruieren und traf seinen Vorgänger, den Prinzen Karl zu Fürstenberg. Den Kindern versprach er ein echtes Abenteuer. Er konnte nicht ahnen, wie sehr er dieses Versprechen halten würde.

13

»Es war im Sommer irgendwann. Komisch, dass man Sachen jahrelang übersehen kann. Ein paarmal habe ich mitbekommen, da draußen auf der Terrasse, wie du dich mit deinen Geschwistern gezankt hast. Du hast argumentiert. Gute Argumente, jedes endgültig für dich. Ich kenne das so gut. Diese flirrende Ungeduld. Die Stimme, die ein bisschen brüchig wird. Diese Verletzlichkeit. Ungeduld macht ja wahnsinnig verletzlich. Dann der Punkt, an dem es gerade noch nicht passiert. Ich habe richtig mitgelitten. Und da habe ich gewusst, dass es das ist. Dass du es bist. Die anderen merken das gar nicht. Und dann kippt es. Tränen in den Augen, ein richtiger Anfall, diese objektiv unangemessene Wut. Ich habe dich so gut verstanden. Dabei hatten die anderen so recht. So eine Explosion ohne Ursache, das ist schrecklich. Für den, der sie erleidet, viel mehr noch als für alle anderen. Und keiner versteht es.«

Was war das? Max fühlte sich wie nackt ausgezogen. Genau so war es, oft. Auch hier auf der Terrasse natürlich. Mit den Geschwistern sowieso. Aber er war sich immer ganz sicher gewesen, dass nur er wusste, wie das war.

»Das ist er.«

»Wer?«

»Der Czernin’sche Grant. Der ist sprichwörtlich. Ich hab den Papa vor mir gesehen. Und mich. Du hast ihn. Ich hab ihn. Der Papa hat ihn gehabt. Und er hat ihn von seinem Vater gehabt. Es gibt ihn halt. Andere Sachen gibt es auch.« Sie lächelte angestrengt und sah blicklos in den Raum. »Da kann man nichts machen. Ich weiß ja, dass du nichts erben willst. Aber das, was du bist, das hast du. Dich interessiert das nicht, weil du jung bist. Aber irgendwann wirst du es auch sehen.«

Dann war es, als wehte plötzlich ein kalter Luftzug durchs Zimmer.

»Ich habe noch eine Bitte.«

Max stellte das Frühstücken ein und ging zum Rauchen über. Großmama bemühte sich sichtlich, nicht angestrengt zu wirken. OK bedeutete nichts Gutes.

»Wolltest du nicht immer schon mal nach New York?« »Wie bitte?«

»Würdest du hinfahren? Tu es für mich. Der Flug ist bezahlt, das Hotel auch. Und natürlich gebe ich dir Geld.«

Max rauchte.

»Es ist eine große Bitte, ich weiß.«

Großmama holte Luft. Es rasselte.

»Es gibt eine Tagung. Sie machen ein Symposium über den Papa an der Universität. Endlich«, Großmamas blinde Augen leuchteten, »kümmern sich die Historiker um die Geschichte. Darauf habe ich gewartet. Ich habe sogar ein bisschen dafür gebetet. Natürlich kann ich nicht fahren. Aber sie haben geschrieben, ich soll jemanden schicken. Bitte. Es geht doch um die Wahrheit. Darum, wie es eigentlich gewesen ist.«

Department of History, University of New York. Der Dekan

New York, 21. März 1991

Durchlaucht,

im kommenden Monat, am 24. und 25. April 1991, veranstaltet das Department of History der University of New York ein Symposium in Gedenken an Ihren verehrten Herrn Vater, den Grafen Ottokar Czernin von und zu Chudenitz. Im Namen der University of New York erlaube ich mir als Dekan des veranstaltenden Departments, Sie zur Teilnahme an dieser Tagung unter dem Titel »Count Czernin and the Truth« einzuladen.

International renommierte Wissenschaftler haben ihre Teilnahme zugesagt. Es werden folgende Themen behandelt: »Der Privatmann Czernin« (Prof. D. Kaiser, Berlin), »Graf Czernin in Bukarest und am Ballhausplatz« (Prof. J. Johler, Hamburg), »Kaiser Karl, Kaiserin Zita und die Nachwelt« (Prof. A. Poher, Boston), »›Ich kenne keinen Unterschied zwischen Straßburg und Triest‹. Minister im Krieg« (N.N.), »Heiden? Verräter? Graf Czernin und Prinz Sixtus« (Dr. C. Sylva, Paris), »Ein nie gegebenes Ehrenwort?« (Prof. J. Roth, Salzburg), »Bausteine zur Biographie eines Unvollendeten« (Emil Ludwig, Berlin). Zum Abschluss sollen die Ergebnisse unter dem Titel »Count Czernin and the Truth« diskutiert werden.

Wir freuen uns auf diese längst überfällige Veranstaltung, ein Desiderat der Geschichtswissenschaft.

Durchlaucht, es wäre uns eine hohe Ehre, wenn Sie die Möglichkeit sähen, die Veranstaltung durch Ihre Anwesenheit zu adeln. Selbstverständlich sind Sie Gast der Universität. Besonders hilfreich wäre es darüber hinaus, wenn Sie Dokumente, die Ihren Herrn Vater womöglich entlasten und die sich vielleicht noch in Ihrem Besitz befinden, mit nach New York brächten. So könnten die Spezialisten die Originale gleich begutachten und in die Publikation zum Symposium aufnehmen. Sollten Sie sich selbst nicht in der Lage sehen, unserer Einladung Folge zu leisten, würden wir uns freuen, einen von Ihnen benannten Vertreter der Familie begrüßen zu dürfen, mit dem wir die Dokumente gemeinsam prüfen können.

Zum Schluss möchte ich noch höflich um Verzeihung wegen der Kurzfristigkeit dieser Einladung bitten. Diese hat organisatorische Gründe. Wir hoffen, dass dies Ihr Kommen nicht behindert.

Wir freuen uns darauf, gemeinsam mit Ihnen Licht ins historiographische Dunkel zu bringen, das Ihren geschätzten Herrn Vater bisweilen immer noch umgibt. Das gilt für seine Zeit am Ballhausplatz, natürlich für die Affäre Sixtus und die Jahre nach 1918, aber auch für die Zeit in Rumänien, über die wir bislang so gut wie gar nichts wissen.

14

Die Nachricht von der Berufung des Grafen Czernin auf den Bukarester Posten löste in Ungarn schrille Empörung aus. Das Verhältnis zwischen Ungarn und Rumänien war wegen Siebenbürgen mehr als gespannt, wo zweieinhalb Millionen Menschen rumänischer Muttersprache von der ungarischen Regierung systematisch unterdrückt wurden. Czernin hatte seinen Ruf als Magyaren-Fresser weg. Dass es hieß, die Berufung gehe auf den Thronfolger zurück, machte die Sache nur ärger.

Diese Ausgangslage verschaffte Czernin eine der seltenen Begegnungen mit dem Grafen Tisza. Der empfing ihn freundlich in seinem Wiener Büro, kam ihm bis zur Tür entgegen und wies ihn mit generöser Geste zu einem der hohen, gardinenverhangenen Fenster, vor dem zwei mit hellblauer Seide bespannte Kanapees und dazu passende Fauteuils zum Ensemble gruppiert waren.

Vier Pflaster drückten einen quadratisch geschnittenen Mullverband auf die rechte Schläfe. Tisza trug dieses Mal wie eine Auszeichnung. Es warnte weithin sichtbar, dass dieser Mann jederzeit bereit war, den Säbel zu ziehen.

»Graf Czernin, wie man schon Ihrer Maiden Speech im Herrenhaus hat entnehmen dürfen, befinden Sie sich im Stande der Kenntnis der ungarischen Verfassung.«

Das südöstliche Timbre verlieh der Stimme etwas Verführerisches. Genau besehen, war es eine boshafte Eröffnung. Czernin fand sie intelligent. Er erwiderte nichts.

»Nun, nach dieser Verfassung muss, das wird Ihnen nicht entgangen sein, die äußere Politik der Monarchie ausdrücklich im Einverständnis mit dem jeweiligen Minister des Äußeren und mit dem ungarischen Ministerpräsidenten geführt werden.«

Czernin war bereits gewarnt worden, dass Tisza diesen Passus der Verfassung allen Gesandten gegenüber fortwährend im Mund führte.

»Sie können sich vorstellen, dass wenig von dem vielen Schmeichelhaften, was Sie über das Königreich Ungarn und uns Ungarn gesagt und geschrieben haben, in Einverständnis mit dem Ministerpräsidenten als offizielle Politik der k.u.k. Monarchie wird gelten können.«

Czernin holte Luft. Tisza redete weiter.

»Wir können es kurz machen, Czernin. Wenn Sie den Posten antreten wollen, müssen Sie sich von diesen Positionen distanzieren.« Czernin holte wiederum Luft.

»Ad eins. Ad zwei: Ich bestehe darauf, dass sämtliche, und damit meine ich sämtliche, vor allem die geheimen Nachrichten, die in der Gesandtschaft eingehen, unmittelbar nach ihrem Eintreffen an mich übermittelt werden.«

Czernin musste die eingeatmete Luft durch die Nase entweichen lassen.

»Außerdem werden Sie keinen Schritt von irgendeiner Bedeutung tun, der nicht mit mir persönlich vorher, und ich betone: vorher, abgestimmt worden ist.«

Czernin setzte erneut an.

»Wenn diese Punkte klar sind und ich mit der Überzeugung aus diesem Gespräch herausgehen kann, dass Sie als Vertreter der Monarchie nichts tun, sagen oder auch nur denken werden, was der offiziellen Politik des Ballhausplatzes widerspricht«, Tisza machte eine Pause, in die hinein Czernin aber unmöglich etwas sagen konnte, sodass ihm nichts anderes übrig blieb, als wieder auszuatmen, »dann werden Sie nach Bukarest reisen. Und ich kümmere mich um die Meinung in Budapest.«

Sie holten gleichzeitig Luft.

»Sie nehmen Ihre antiungarischen, wie soll ich sagen, Positionen zurück. Das Wort Ausfälle würde, unter uns, die Sache wohl besser treffen. Und Sie handeln nach meinen Anweisungen. Dann liegen gedeihliche Jahre im Dienste der gemeinsamen Sache vor uns. Und das ist, sollte ich meinen, die k.u.k. Monarchie Österreich-Ungarn. Nicht wahr?«

Im Luftholen aus dem Takt gebracht, wusste Czernin nicht, ob er ein- oder ausatmen sollte, und hörte die letzten Worte mit angehaltenem Atem an. Als ihm die Schärfe der Anordnung und die Zumutung im Ton bewusst wurden, brachte ihn das doch zu sich selbst zurück.

»Exzellenz«, begann er. Mit der Atmung waren auch die Gedanken aus dem Tritt. Hätte er seinem aufsteigenden Ärger nachgegeben, hätte er alles kaputt gemacht, die diplomatische Karriere ebenso wie die Freundschaft zu Tisza. Dass beides lediglich in seiner überreizten Fantasie existierte, fiel ihm nicht auf.

»Ja, bitte?« Der Ungar genoss die Verunsicherung. Das ärgerte Czernin.

»Man wird schwerlich von einem Ehrenmanne verlangen können, dass er sich von seinen aufrichtigen Überzeugungen wegen eines Dienstpostens distanziere. Sie werden mir zugeben, Exzellenz, dass ein Mann, der dieser Aufforderung nachkäme, kein ernst zu nehmender Gesprächspartner für Exzellenz wäre. Das zumindest erlaube ich mir zu hoffen.«

Mit dem Atemrhythmus kehrte der Gedankenstrom zurück. Tisza sah weiter scheinbar freundlich drein, jedoch wurde der Blick matter, das Lächeln, es war nur eine Nuance, zur Fratze. Das signalisierte Czernin, dass er mit seiner Parade die rhetorischen Pläne seines Gegenübers glücklich durchkreuzt hatte. Er wollte das Gespräch aber auf keinen Fall unversöhnlich enden lassen.

»Davon unberührt, und das, Exzellenz, dächte ich, sollte uns beiden gleichermaßen selbstverständlich sein, ist das Faktum, dass ein Gesandter der k.u.k. Monarchie im Amte kein anderes Wort führt als das offizielle seiner Regierung. Ohne Frage ist der Gesandte verpflichtet, sich als Rad in die große Staatsmaschine einzufügen und loyal die Politik des Ballplatzes zu unterstützen. Eine einheitliche Politik wäre ja ganz ausgeschlossen, wollte ein jeder subalterne Beamte seine eigenen Ansichten, seien sie nun richtig oder falsch, ins Leben setzen.«

Tisza würde die Feinheit bemerken, dass er den Ballplatz, unter Eingeweihten die Kurzform für das Außenministerium am Ballhausplatz, in Anschlag brachte, nicht aber Budapest.

»Gut«, sagte der Ungar, »Sie werden mir also Ihr Ehrenwort als Ehrenmann geben, dass Sie keinerlei Anstrengungen unternehmen, um eine Politik in den Sattel zu heben, die als der Wien-Pester Linie entgegengesetzt betrachtet werden könnte.«

Czernin war versucht, dem spontan zuzustimmen. Da erinnerte sich der Körper noch vor den Gedanken des heiligen Zorns, mit dem der Thronfolger ihn überzogen hatte, als er nur ein Gespräch mit Tisza vermitteln wollte. Wie würde er reagieren, wenn Czernin Tisza ein Ehrenwort gab, das zum Inhalt hatte, seine und des Thronfolgers Pläne in der Politik nicht umzusetzen. Beinahe wäre er zum zweiten Mal in die gleiche Falle getappt. Czernin zuckte leicht mit den Schultern, um das Unwohlsein abzuschütteln.

»Exzellenz werden Verständnis haben für die höfliche Bitte meinerseits, die Zusage eines derartigen Ehrenwortes aufschieben zu dürfen, bis ich Gelegenheit hatte, dieses Vorgehen mit Seiner Kaiserlichen Hoheit, dem Erzherzogthronfolger, zu bereden. Die Zustimmung Seiner Kaiserlichen Hoheit vorausgesetzt, können Sie sich auf mich verlassen.« Dann entfuhr ihm noch »wie auf einen Freund«. Er biss sich auf die Lippen.

Tiszas falsches Lächeln verwandelte sich wieder in das warme Original. Er erhob sich, Czernin ebenfalls, als habe er die plötzliche Bewegung geahnt.

»Lieber Graf Czernin, das ist doch ein ausgesprochen vernünftiger Vorschlag. Sie sprechen demnach mit Seiner Kaiserlichen Hoheit und geben mir anschließend die Ehre eines erneuten Besuchs. Vorausgesetzt natürlich, Seine Kaiserliche Hoheit stimmt zu.«

»Habediehre, Exzellenz.«

»Habediehre.« Mit diesem zu einem einzigen gedehnten Wort verwischten Gruß verabschiedeten sich die Grafen voneinander. Daraus müsste sich doch etwas machen lassen, fand Tisza, als er die Tür hinter dem neuen Gesandten der Monarchie in Rumänien schloss.

Ende November 1913 übernahm Czernin die Geschäfte. Marie und die Kinder sollten Weihnachten folgen. Bis dahin hatte er Zeit, die Akkommodation zu perfektionieren, Personal und Hauslehrer zu engagieren und mit der Arbeit zu beginnen. Das Terrain war heikel. Auf dem Balkan lebten zahlreiche Völker, deren traditionelle Gebiete sich nicht mit denen der Staaten deckten, die hier entstanden waren. In Bewegung war die Landkarte geraten, als das Osmanische Reich zu zerfallen begann. Bulgarien, Serbien, Griechenland und Montenegro schlossen sich in einem Balkanbund zusammen, der im Herbst 1912 das Osmanische Reich angriff, um dessen europäische Provinzen unter sich aufzuteilen. Dieser Balkankrieg dauerte zwar nicht lange, dafür folgte ihm schnell ein zweiter. Es gab Streit bei der Aufteilung der Beute. Vor allem die Bulgaren, die wie die Rumänen von einem deutschen Prinzen regiert wurden, waren unzufrieden. Sie brachen den neuen Krieg vom Zaun. Allein gegen alle, mussten sie allerdings bald aufgeben und verloren im Frieden von Bukarest im August 1913 den größten Teil dessen, was sie im ersten Krieg gewonnen hatten. Gespielt und verloren. Und viele ins Elend gerissen. Die Balkankriege waren besonders grausam. Die Zivilbevölkerung schonten sie nicht. Im Gegenteil. Andersgläubige wurden zwangsbekehrt, Moslems in ihre Moscheen gesperrt und in die Luft gesprengt, christliche Siedlungen ausgelöscht, die Bewohner massakriert. Gewinner des Gemetzels war am Ende wieder Serbien, das sogleich zur Befreiung von Bosnien und der Herzegowina aufrief, die Österreich 1908 annektiert hatte. In Belgrad, Sarajevo und Mostar waren die Habsburger verhasster als Teufel, Pech und Schwefel. Und in Österreich hörte man jetzt immer lauter den Schlachtruf Serbien muss sterbien.

Als der Graf Czernin in Bukarest eintraf, sprachen sie alle noch von der Konferenz, zu der sich die Delegationen in der Stadt gedrängt hatten, um die Grenzen auf dem Balkan neu zu ziehen. Es war gar nicht so leicht, sich in den Bündnisaktivitäten zurechtzufinden, die Europa zusammenhielten wie dicke Hanfschnur eine aus der Form geratene Paketsendung. Über allem standen drohend zwei große Allianzen, das gegen Russland gerichtete Bündnis Deutschlands mit Österreich-Ungarn, die sogenannten Mittelmächte auf der einen und das gegen Deutschland gerichtete Bündnis Russlands mit Frankreich auf der anderen Seite. Italien neigte dem ersten zu, England dem zweiten. Und dann gab es da noch ein paralleles Universum, ein monströses Spinnennetz, an dem von einer immer unbekannten Zahl von Zuträgern und Emissären, Informanten und Ganoven unentwegt geheim gesponnen wurde, ein Kokon, der sich immer enger um die handelnden Nationen und Personen schnürte. Oft waren nicht einmal die eigenen Leute über die Verbindlichkeiten ihrer Regierungen informiert.

So wurde dem Grafen Czernin zu seiner Überraschung mitgeteilt, dass Rumänien der Monarchie in einem Geheimvertrag verbunden war. Der Vertrag bestand bereits seit 1883 und war mehrfach erneuert worden, Deutschland und Italien waren jeweils beigetreten, zuletzt im Jahr 1902. Niemand wusste, ob dieser Vertrag noch irgendetwas bedeutete. Czernin sollte es herausfinden.

Unmittelbar vor der Abreise wurde er noch einmal zu Seiner Majestät beordert. Der greise Monarch zeigte sich bestens informiert und betonte, wie wichtig das Bündnis mit Rumänien sei. Denn, so Seine Majestät zu Czernin: »Der Bukarester Friede ist unhaltbar, und wir gehen einem neuen Kriege entgegen. Gebe nur Gott, dass er am Balkan lokalisiert bleibt.« Er erwarte bald Bericht. Schließlich fragte Czernin noch, ob er einen Besuch des rumänischen Königs anregen solle. Der Kaiser seufzte und meinte, versonnen in den Park blickend, wo er nicht das herbstkalte Schönbrunn, sondern das warme, grüne Ischl zu sehen schien: »Die Besuche des Königs von Rumänien in Ischl sind stets recht mühsam für mich. Einem anderen gibt man ein Gewehr in die Hand und er ist für einige Stunden versorgt. König Carol will aber fortwährend mit mir sprechen.«

Die Walachei war sprichwörtlich für ihre rückständige Abgeschiedenheit. Aber Bukarest war frisch, auf balkanische Weise pulsierend, vielerorts Baustelle. Auf Czernin, der in der französischen Hauptstadt gelebt hatte, machte die Stadt den Eindruck, als habe ein preußischer Offizier Paris befohlen. Da wurde viel investiert, rasant und gewiss nicht immer legal gebaut. Dem Hohenzollern-König war daran gelegen, dass es schnell ging. Er wollte eine richtige europäische Hauptstadt. Deswegen hatten private Bauherren alle Freiheiten, was neben wilden Spekulationsgeschäften eine gewagte Mixtur der unterschiedlichsten Stile zur Folge hatte. Wo die Stadt fertig wurde, zeigte sie sich stolz, immer ein bisschen oberflächlich und over the top.

Der Empfang war trüb. Es war feucht. Niemand erwartete den Grafen Czernin. Rund um den Bahnhof waren die Straßen aufgerissen und unbefestigt. Es arbeitete zwar keiner, aber der Zustand war der einer Baustelle. Mit seinen feinen Reiseschuhen, die prall gefüllte Aktentasche unterm Arm, musste Czernin die matschige Piste überqueren, um zu einem Wagen zu gelangen. Jeder Schritt durch den Kot verursachte ein schmatzendes Geräusch und verteilte neue Spritzflecken auf der dunklen Hose. Na bravo, fabelhaftes Willkommen, dachte der Gesandte schlecht gelaunt.

Das Hôtel du Boulevard war traditionell das Quartier der unverheirateten Diplomaten aus Österreich-Ungarn, aber auch aus Deutschland und anderen Ländern. Czernin bezog hier für die Zeit, in der das Gesandtenappartement hergerichtet wurde, eine Suite. Überschwänglich wurde er von Frau Bork begrüßt. Helene Bork war eine Bukarester Institution. Zu Zeiten des russisch-türkischen Kriegs hierhergekommen, führte sie zunächst ein Geschäft für Handschuhe und Krawatten. Als die Pacht des Hotels Continental frei wurde, ließ sie sich die Gelegenheit nicht entgehen. Nach einiger Zeit wechselte sie aus Gründen, über die spekuliert wurde, ins Boulevard und heiratete einen Engländer namens Mister Bork, der allerdings, so hieß es, nie selbst aufgetreten war. Mutter Bork war das Zentrum einer Galaxie aus Informationen, deren Wahrscheinlichkeitsgehalt nie ganz gering war. Bisweilen erfand sie Tatsachen, um aus rein sportlicher Neugier deren Werdegang zu verfolgen. Sie wusste alles und mehr, und es war nicht leicht, ihr eine Information vorzuenthalten, in deren Besitz zu gelangen sie sich vorgenommen hatte. Konsequent war sie auch selbst Gegenstand widerstreitender Theorien, etwa wenn es um ihre Vermögensverhältnisse oder um ihr Alter ging. Sie war, so der Sprachgebrauch, auf den man sich geeinigt hatte, in ihren besten Jahren, das allerdings seit einer ganzen Weile. Rosig und eher fällig, drückte sie die Jüngeren der ihr Anvertrauten gern an ihren ausladenden Busen, wobei niemand als sie selbst sich die Herren anvertraute. Bei ihren Aktivitäten hatte sie stets auch das Wohl ihrer einzigen Tochter Betsy im Auge, eine nicht gerade schöne, aber frische blonde Frau, die ein anscheinend dann doch nicht ganz unbeträchtliches Vermögen zu erben versprach. Es gehörte zu Mutter Borks Lebenszielen, Betsy gut im Diplomatischen Corps zu verheiraten, was unlängst gelungen war, als ein italienischer Legationsrat, der im Übrigen Spielschulden gehabt haben soll, dem Druck nicht standhielt.

Missmutig sah sich Czernin im Foyer um. Hier sah alles aus wie Falschgeld, die Herrschaften, die auf den Fauteuils herumlungerten, eingeschlossen. Das also würde für die nächsten Wochen sein Zuhause sein. Noch einmal entfuhr ihm ein Na bravo. Bevor Frau Bork ihn in ein Gespräch verwickeln konnte, hatte er den Zimmerschlüssel gegriffen und war zu den Aufzügen geeilt. Die waren naturgemäß alle besetzt.

Ein dumpf blechernes Geräusch, das ein Klingeln darstellen sollte, kündigte die Ankunft einer Liftkabine an. Eine hässliche rote Lampe signalisierte, dass es die linke sein würde. Breitbeinig stellte sich Czernin vor den Lift und kehrte dem Foyer so viel Rücken zu wie möglich. Routiniert wurde das Gitter vom Liftboy zur Seite geschoben. Czernin setzte zum Sprung in die Kabine an, blieb aber wie angewurzelt stehen.

Im goldenen Käfig stand, schlank und kerzengrad, gehüllt in dunkelgrauen, an der Taille eng geschnürten Taft, blauschwarz glänzendes, anscheinend lockenloses Haar unter einem modisch roten Hut, ein Wesen, so überirdisch schön, so sinnlich und so unbeschreiblich, dass es ihn, der sonst so sehr auf seine Erscheinung achtete, in einer reichlich dümmlichen Pose erstarren ließ. die Beine breit, die rechte Hand hüfthoch mit dem Schlüssel in der Luft, als gebe es hier etwas aufzuschließen, die Kinnlade zur Brust herabgesunken. Hätte er sich gesehen, er wäre vor Scham vergangen. Er sah aber nicht sich. Er sah sie.

Und sie sah ihn. Das brachte sie zum Lachen. Nicht abfällig, vielmehr herzlich und vor allem wissend. Sie sah ihn, und sie sah, was geschah oder schon geschehen war. Sie sah einen attraktiven, sinnlichen Herrn der besseren Gesellschaft, etwas feucht, den gerade jener Schlag getroffen hatte, der die Männer eben manchmal traf. Vielversprechend blitzten die grauen Augen ihn an, nahmen die seinen gefangen. Sie waren tief, von einem strahlend hellen Grau, wie er es noch nie gesehen hatte. Wären da nicht der rote Hut und der erdbeerrote Mund gewesen, mit der vornehm blassen Haut, den schwarzen Haaren, den hellgrauen Augen und dem dunkelgrauen Kleid, hätte es eine Schwarz-Weiß-Fotografie in goldenem Rahmen sein können. Ewig hätte er so dastehen mögen und schauen. Sie aber trat aus dem Rahmen der Liftkabine in die farbige Wirklichkeit, auf ihn zu, blieb dicht vor ihm stehen, ganz kurz, er konnte ihr schweres Parfüm riechen, setzte sodann ihren Gang fort, wobei das Kleid wie aus Versehen seinen Anzug streifte. Was blieb, waren der Blick in den leeren goldenen Käfig, das sich entfernende Rascheln von Taft und der Duft. Als Czernin gerade den Lift betreten wollte, schloss sich dessen Tür vor seinem Gesicht.

15

Das Zugfahren hat der Teufel in einem Anfall von Czernin’schem Grant erfunden. Immerhin konnte Max auf der Rückfahrt rauchen. Also rauchte er und dachte an Fiona.

Warum hatte sie so gestrahlt damals? Es war in einem Proseminar bei den Historikern in München. Dafür, fand Max, hatte es sich gelohnt, ein paar Semester Geschichte zu studieren. Das Seminar war hoffnungslos überfüllt. Aus Langeweile fing Max an, die Gesichter einzeln durchzugehen. Weit kam er nicht.

Sie schien, sich selbst genug, durch eine fein ziselierte Linie abgehoben von der Welt, die sie umgab. Die braunen Haare glänzten seidig. Es traf ihn völlig unvorbereitet. Dunkle Augen, leicht mandelförmig, ihm war, als seien sie nicht gleich groß, was stimmte, was er aber unmöglich auf die Entfernung sehen konnte. Hohe Wangenknochen, Sommersprossen und dieser Mund, an den er unter aufsteigenden Glücksgefühlen selig seine Souveränität verlor.

Es dauerte drei Wochen, bis es Max gelang, sie anzusprechen, vier, bis sie sich zum Kaffee verabredeten, sechs, bis sie zum ersten Mal miteinander schliefen, jeweils vom Erstschlag an gerechnet. Das wochenlange Vorspiel löste sich in einer Vollmondnacht, von der sie beide keine Minute verschliefen. Wahrscheinlich war es diese Nacht, die es ihnen unmöglich machte, die Geschichte zu beenden. Oder es war schlicht der Umstand, dass sie füreinander geschaffen waren. Aber dann blieb sie doch bei ihrem Freund. Und Max war zu feige. Es war, als hätten sie sich in Schützengräben zurückgezogen. Zeit verging. Es gab Offensiven. Zum Beispiel fuhren sie für eine Woche nach Österreich in Großmamas altes Haus. Vom Balkon aus hatte man diesen unglaublichen Blick auf einen schmalen, langen See und eine Kette von Bergen. Von denen hieß einer Elefant. Fiona wollte das nicht glauben. Max liebte es, wenn sie so lachte.

Es war ursprünglich ein großes Anwesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die ersten Nebengebäude verkauft, Anfang der Achtzigerjahre das Haupthaus, die sogenannte Villa. Geblieben war das kleine Haus. Großmama hielt es um jeden Preis. Es war ihre Verbindung in eine andere Welt, nach ganz Zuhause, wie sie es nannte. Früher waren hier wahrscheinlich Zimmer für Dienstboten oder auch für Gäste eingerichtet. Auf einem alten Foto sah man, dass an das Haus die Küche angebaut war, obwohl die Villa fast hundert Meter entfernt lag. Irgendwie mussten die das Essen hinübergetragen haben, rennend wahrscheinlich. So stellte Max es sich zumindest vor. Diener in grünen Wämsern über weißen Hemden sah er im Geiste die Straße hinaufrennen, auf den Tellern kuppelförmige Deckel, die die Wärme hielten. Ausgerechnet hier, in diesem Haus, das ganz aus Vergangenheit gemauert war und wo jeder Stein, jedes Möbel, jedes Bild Geschichte atmete, wurde der Traum von der Gegenwart mit Fiona wahr. Für eine Woche.

Bei einem Abendessen in München verkündete sie wenig später: »Übrigens, ich gehe zum nächsten Semester nach Berlin.« Ihre Wangen glühten vor Begeisterung und vom billigen Rotwein. Sie glühten immer schnell. Da rief es aus Max: »Ach, das ist ja witzig, ich auch!«

Als Fiona an diesem Abend gegen halb elf schon aufstand und sagte, sie müsse jetzt gehen, ging Max auch, obwohl er eigentlich gern geblieben wäre. Es war Winter, und es lag Schnee. Sie gingen schweigend nebeneinander Richtung U-Bahn. Auf dem Bahnsteig würden sie sich trennen, die Bahn in unterschiedliche Richtungen nehmen. Sie schauten geradeaus oder auf den glitzernd weißen Boden. Max blieb stehen. Eine Haarsträhne fiel ihr über die Stirn. Sie war schön wie nie. Sie glühte immer noch und sah Max aus unterschiedlich großen braungrünen Mandelaugen an. Der machte einen Schritt auf sie zu. Sie wich zurück, um ihr Becken an einem metallenen Stromkasten abzustützen. Langsam bewegten sich ihre Gesichter aufeinander zu. Max machte den ersten Vorstoß, schob seine Zunge zärtlich zwischen ihre weichen Lippen, fand dahinter ihre, fleischig, ein wenig rau, die ihm eilig entgegenkam.

Sie küssten sich, wie sie sich nie geküsst hatten. Dieser Kuss würde entscheiden. Sie musste sich von ihrem Freund trennen. Max musste seine Unabhängigkeit aufgeben, die ja nichts anderes war als die Angst vor der Nähe, die er suchte. Sie würden gemeinsam nach Berlin gehen, als Paar. Alles war gut. Fiona küsste viel einfallsreicher als sonst. Max wurde eifersüchtig auf jemanden, den es da gegeben haben musste. Die Kraft, mit der sich ihre Finger immer fester in seinen Mantel krallten, verriet sie. Da nahm sie überraschend den Kopf ein wenig zurück. Die Lippen waren sich noch nah. Leise sagte sie: »Ich glaube, das ist nicht sehr vernünftig.«

Sie hatte es getan. Der Ball lag bei ihm, er musste ihn nur sacht berühren. Da standen sie, Lende an Lende. Es war still, wie es nur in Nächten bei Neuschnee still ist. »Ja«, hörte Max sich leise sagen, während sie sich voneinander lösten, »du hast recht.« Alles, selbst der flüchtige weiße Hauch, der die Worte begleitete, schien ihn in diesem Moment für seine grenzenlose Feigheit zu verachten. »Das ist es wirklich nicht.«

Schweigend sortierten sie sich und gingen zur Bahn. Glücklicherweise kam der erste Zug rasch. Es war ihrer. Sie küssten sich flüchtig auf den Mund. Weg war sie, vom U-Bahn-Tunnel aufgesogen. Auf dem grell beleuchteten Bahnsteig herrschte die gnadenlose Stille nach der verpassten Chance. Es war auch die Stille der Verachtung. Max steckte die Hände in die Manteltaschen, sah sein Spiegelbild undeutlich in der Scheibe des Fahrplankastens und schlug den Kopf gegen das Glas, nicht fest, aber oft.

16

Am 28. November 1913 setzte der neue k.u.k. Gesandte in Bukarest sein erstes Telegramm nach Wien ab, das von der Thronrede des rumänischen Königs berichtete. Pflichtschuldig erging auch Bericht an Budapest. Zwei Tage später erfolgte ausführlich Rapport über die erste Audienz bei Seiner Majestät König Carol I.

Bukarest, 30. November 1913. Ich habe in dieser ersten Audienz, welche über zwei Stunden dauerte, die Taktik verfolgt, Allerhöchstdemselben möglichst wenig zu widersprechen, weil mir vor allem daran liegt, einen möglichst wenig ungünstigen Eindruck hervorzurufen, damit ich jenen permanenten direkten Kontakt erreichen kann, welchen mein Vorgänger in so überaus kluger und geschickter Weise herzustellen verstanden hat. Ich war daher auch sehr erfreut, als Seine Majestät am Ende der langen Audienz ohne Zutun meinerseits die Aufforderung an mich richtete, »mich von keinem der Bukarester Politiker influenzieren zu lassen, sondern mich in allen mir wichtig erscheinenden Fragen direkt an ihn selbst zu wenden«.

Es war nicht nur kluge Taktik, die den Gesandten vor allem zuhören ließ. Des Königs Freude über einen adäquaten Gesprächspartner zeigte sich vor allem darin, dass er vom einmal ergriffenen Wort ungern wieder ließ. Da blieb Czernin viel Zeit, sich den Erzähler genau anzusehen, dem er im oberflächlich frischen Prunk des Bukarester Schlosses gegenübersaß. Er trug die Uniform eines Generals, eleganter französischer Schnitt, die Großmütter waren beide Französinnen gewesen. Am Kragen glänzte der höchste preußische Orden Pour le mérite. Der Kopf war nicht ganz so imposant, aber dafür einnehmender, als Czernin es aufgrund der bekannten Bilder erwartet hatte. Die Enden eines ondulierten Schnurrbarts überlagerten die am Kinn spitz zulaufende Fläche eines gepflegten Vollbarts. Man sah, hier wurde einiger Aufwand betrieben, um der Erscheinung jene Würde zu verleihen, die sie am Ende ausstrahlte.

Im politischen Teil der Audienz drehte sich das Gespräch, wenn man es denn so nennen wollte, vor allem um den Streit um Siebenbürgen und um die serbische Frage. Beides sei ja »kriegsentscheidend«, rutschte es dem Monarchen heraus, der, »O pardon«, im Grunde seines Herzens immer deutscher Offizier blieb. Darüber hinaus hörte der Gesandte Czernin vielerlei Geschichten. Das, stellte er mit leisem Entsetzen fest, war jetzt sein Beruf.

Als König Carol sich unvorsichtig in eine Zäsur geredet hatte, versuchte es Czernin mit einem Räuspern, um wenigstens darauf aufmerksam zu machen, dass er im Raum war. Da sagte Seine Majestät: »Wir müssen noch über unseren Vertrag sprechen.«

Czernin war perplex, aber auch verärgert angesichts der Überrumpelung. Er war sich sicher, dass der König dieses Ass die ganze Zeit über im Ärmel gelassen hatte, um es in einem Moment anekdotischer Dürre auszuspielen.

»Wissen Sie eigentlich, Exzellenz, wie geheim dieser Vertrag hier ist?«

Czernin, auf den rhetorischen Status derartiger Fragen eingestellt, deutete ein Kopfschütteln an.

»Haha«, machte da der König in der fröhlichen Aussicht, den Gesandten darüber aufzuklären. »Sehr geheim, Graf Czernin. Davon, dass es einen Vertrag zwischen Rumänien und Österreich-Ungarn gibt, wissen außer mir nur der Ministerpräsident und der Außenminister. Ich weiß, was Sie jetzt sagen wollen. Wir haben hier so häufige Regierungswechsel, dass das auch schon eine stattliche Zahl ist. Da haben Sie ja auch recht. Aber die müssen schwören, dass sie es für sich behalten. Es ist bekannt, dass die Ministerpräsidenten immer ganz gebügelt aus ihrer ersten Audienz beim König marschiert kommen. Was meinen Sie, was da für Geschichten kursieren, warum das so ist.«

Der König sah die Fassungslosigkeit im erbleichenden Gesicht seines Gegenübers und reagierte flexibel.

»Bei Gelegenheit, Exzellenz. Köstlich, sage ich Ihnen, ganz köstlich. Aber der wahre Grund, warum die so platt sind, sind Sie, lieber Graf Czernin, unser geheimer Verbündeter Österreich-Ungarn.« Der König wurde leiser. »Und wissen Sie, was das Beste ist? Reden dürfen sie darüber nur mit mir. So erfahre ich viel mehr von meinen Ministerpräsidenten, als ich sonst je hören würde. Und da bin ich Österreich-Ungarn immer schon herzlich verbunden, ohne dass der casus foederis bislang eingetreten wäre. Und Gott möge verhüten, dass es dazu kommt.«

Jetzt! Das wäre der Moment gewesen, schnell und direkt zu fragen, wie es um die Sache stand. Die Gelegenheit ergab sich so unerwartet, dass Czernin, Todsünde eines Diplomaten, einen Moment zu lang zögerte, zu viel Zeit brauchte, um zu seiner vom gelangweilten Zuhören erschlafften Spannkraft zurückzufinden. Da hatte der König längst wieder Fahrt aufgenommen.

Wut auf sich selbst gehörte zu den spitzesten Nadeln, mit denen sich Czernins Nerven malträtieren ließen. Er hasste sich für sein stümperhaftes Versagen. Er hätte es schaffen können. Auftrag erfüllt nach neunzig Minuten. Das war die Art von Meldung, die er und die Geschichte von ihm erwarteten. Und er verpasste seinen Einsatz, weil er gelangweilt war und nicht schnell genug zurück auf dem Quivive. Er war, gleich im ersten Gespräch, Opfer seiner Ungeduld geworden. Er verschränkte die Hände, drückte fest mit allen Fingern zu. Die Knöchel traten weiß unter der Haut hervor. König Carol hielt es für Konzentration.

»Haben Sie Bratianu schon getroffen?«, fragte der König. Gerade war der Liberale Ion Bratianu im Begriff, die Regierung des Konservativen Titu Liviu Maiorescu zu stürzen. Seine Majestät war überzeugt, dass Maiorescu ihm noch vor dem hiesigen, also dem orthodoxen Jahreswechsel sein Demissionsgesuch überreichen werde. Czernin kniff die Augen zusammen, hob die Mundwinkel und schüttelte den Kopf. »Nehmen Sie sich vor ihm in Acht. Vor allen, aber vor ihm besonders. Versprechen Sie mir das.«

Niedergeschlagen verließ der Gesandte das Schloss.

17

Zwei endlose Zugfahrten in zwei Tagen. Da hat jemand sein Konto ordentlich überzogen, dachte Max. Irgendwo da draußen im Dunkeln stand das Schloss. Es musste Thüringen sein. Oder Sachsen. Oder Sachsen-Anhalt. Osten jedenfalls. Transit. Hätte er nein sagen können? Natürlich. Er konnte immer noch nein sagen. Aber so sehr er auch nein sagte, er saß in diesem Zugabteil mit seinem fein grün-blau gestreiften Stoffkoffer aus den Fünfzigerjahren, den er bei seinen Eltern auf dem Dachboden gefunden hatte, und mit der alten Tasche. Er wollte beim Frühstück noch nein sagen, ich nehme sie nicht, da stach es ins Gedärm. Das war nicht Verdauung, das war Krieg, Stellungskampf Magen gegen Darm. Er hatte nicht gewusst, dass der Verdauungstrakt die Zeche zahlt, wenn man wieder mit dem Rauchen anfängt. Als er dachte, es sei vorbei, er konnte nicht wissen, dass nur Waffenstillstand war, sagte er sich in Großmamas Gästeklo, okay, ich nehme sie mit, schaue aber nicht hinein. Großmama hatte fünfzig Jahre nicht hineingeschaut. So lang konnte er sich Zeit lassen. Dann wäre er fünfundsiebzig. Ein gutes Alter, um sich mit Geschichte zu beschäftigen. Davor fünfzig Jahre frei.

Zwei Lederriemen, jeweils fünf fein gearbeitete Ösen, Schließen wie kleine Gürtelschnallen. Die Riemen waren offenbar einmal durchtrennt worden. Aber sie würden schon halten. Ihr werdet euch wundern, wie gut die halten, dachte Max. Er ließ die Tasche nicht los. Nickte er ein, schreckte er aus ungutem Halbschlaf hoch. So eine Tasche hat man ja viel mehr im Kopf als in den Händen.

Zweimal hatte Max schon viel Zeit auf dem zugigen Intercityklo verbracht, die Tasche auf dem Schoß. Im Abteil wollte er sie nicht lassen. Von unten, von den Gleisen zog es. In Fladen löste sich widerwillig Verdautes. Auf den Knien die Tasche, wie eine züchtige alte Jungfer. Aus Langeweile war die rechte Hand zu einem der Riemen geglitten, hatte schon begonnen, die Spitze unter der Schnalle anzuheben, da stauchte ihn der Zuglautsprecher regelrecht zusammen. Eine barsche Stimme kündigte den nächsten Bahnhof an.

Ob ihm aufgefallen sei, hatte Großmama gefragt, dass man das Schloss von der Bahn aus sehen könne. Es war ihm nie aufgefallen. Das Schloss war Großmamas Zuhause gewesen, kurz. 1932 hatte sie, noch keine achtzehn, ihr Vater war gerade gestorben, geheiratet, kam aus Österreich dorthin. Bis fünfundvierzig hat sie dann dort gelebt. Sie war zu österreichisch, das alles zu deutsch, und dreizehn Jahre waren zu kurz, als dass sie sich nach dem Tod von Großpapa wirklich als Erbin einer jahrhundertealten Tradition hätte fühlen können, die nicht die ihre war. Abgesehen davon waren das dreizehn Jahre, die es einem nicht gerade leicht gemacht haben, sich deutsch fühlen zu wollen. Aber das wäre in Österreich auch nicht viel besser gewesen. Während Großpapa bis zu seinem Tod die Rückkehr plante, war Großmama das Schloss eigentlich egal. Gesagt hätte sie das natürlich nicht.

Als die Mauer fiel, hatten sie Ausflüge ins Umland gemacht. Und Max hatte aufgehört zu rauchen. Ohne Zigaretten durch die DDR, das vergisst man nicht. Für Max blieb das, was sie die neuen Bundesländer nannten, immer mit der ungestillten Sucht nach Nikotin verbunden. Fiona war ein paarmal dabei. Sechzehn aufeinanderfolgende Sonntage waren sie ab November neunundachtzig, mal zu viert, mal zu fünft, mehr passten beim besten Willen nicht in den Silberpfeil, durch die Mauer gestoßen und gefahren, bis ein Ortsname versprach, etwas Wirklichkeit werden zu lassen, was bis dahin nur in ihrer Fantasie existiert hatte. Wie Wörlitz. Oder Fehrbellin. Oder Ribbeck. Oder der Stechlin. In alle Himmelsrichtungen sind sie gefahren. Jeden Sonntag eine fremde Welt, in der die Leute zu ihrer Überraschung fast dieselbe Sprache sprachen wie sie.

Sie sahen, wie westdeutsche Brauereien mit glänzenden Schildern und großen Sonnenschirmen die Gasthäuser ganzer Regionen kaperten. Einmal war Währungsunion. Da standen sie an den provisorischen Sparkassen Schlange, um DDR-Mark gegen D-Mark einzutauschen, zwei zu eins. Durch die Alleen rollten dunkle Autos, aus denen heraus ganze Dörfer aufgekauft wurden. Dem Verdacht waren sie im Silberpfeil nicht ausgesetzt. Im Gegenteil, der ramponierte französische Kleinwagen löste sichtlich Skepsis aus. Feindselige Blicke schienen zu fragen, wie man im Westen leben und freiwillig in etwas herumfahren konnte, was denen, die da grimmig herübersahen, das Gefühl vermittelte, mit ihrem Trabant ganz gut bedient zu sein.

Einmal fuhren sie ans Meer. Berlin liegt fast am Meer. Das hatten sie nicht gewusst in West-Berlin. Berlin liegt auch fast in Polen. Das würden die meisten in West-Berlin nie erfahren. Und es war ja auch nicht immer so. An der polnischen Grenze waren sie auch und haben über die Oder nach Küstrin geschaut, dort, wo sie die Reichsstraße 1 gekappt haben, die alte Krönungsstraße von Königsberg nach Aachen. Sie fuhren im morgendlichen Februarnebel über feuchte Pflastersteine unter kahlen Alleebäumen wie durch eine Schwarz-Weiß-Fotografie Richtung Oder, Polen, Königsberg und waren ganz feierlich. Auf dem Rückweg, der Nebel hatte sich aufgelöst und sie hatten Letschoschnitzel gegessen, war das dann auch wieder vorbei.

Eine der Fahrten ging zum Schloss. Seitdem gab es keinen Zweifel mehr, dass es tatsächlich existierte. Max hatte insgeheim immer gehofft, es sei bloß eine besonders lebhafte Erfindung oder wenigstens eine irgendwie überformte historische Stätte. Aber da stand es, feucht und gewaltig, auf einem Hügel über dem Fluss, mit dem kleinen schmalen und dem großen dicken Turm. Es sah erstaunlicherweise genau so aus wie auf den Bildern. Die Tore waren verrammelt. Lediglich eine Seitentür gab ein wenig nach, bevor eine Kette auch sie daran hinderte aufzugehen. Max sah durch den Spalt in einen großen Hof und dachte nichts. Sie hielten sich Schals vor die Münder, weil es so stank. Max befürchtete, sie würden alle krank.

Als er vom Klo ins Abteil zurückkam, war der Typ weg. Ein Nichtraucher im Raucherabteil, in einem fast leeren Zug. Max fand das merkwürdig. Kurz nach Ulm hatte er sich, blass und schwammig, so ein beiger Typ, grüßte nicht, ins Abteil gesetzt. Max saß am Fenster, er schräg gegenüber am Gang. Kein Gepäck, nichts. Er las auch nicht. Nicht einmal eine Zeitung hatte er. Saß da, schaute aus dem Fenster. Max schaute und rauchte, der Typ schaute und rauchte nicht. Jetzt war Max wieder allein. Er ließ die Tasche auf den Boden fallen, absichtlich. Eine Unbotmäßigkeit, ein Akt der Befreiung. Er feierte ihn mit einer Gauloise. Asche fiel auf die Tasche. Max wischte sie nicht beiseite, lehnte sich zurück, wehrte sich nicht mehr gegen die Müdigkeit, spann den Gedanken fort. Hinter geschlossenen Lidern loderte Feuer auf. Vielleicht war es auch eine Laterne.

18

Für den 3. Dezember hatte das Hofprotokoll die Übergabe des Beglaubigungsschreibens angesetzt. Das dabei entfaltete Zeremoniell wirkte so aufgesetzt bombastisch wie die Bukarester Architektur.

Neben König Carol und Königin Elisabeth residierten am Hof Kronprinz Ferdinand und Kronprinzessin Maria. Carol und Elisabeth hatten eine Tochter gehabt. Sie war im Alter von drei Jahren gestorben, ein Verlust, der die Mutter die Flucht in eine Welt hatte antreten lassen, die besser war als jene, in der sie sich tagtäglich bewegte. Bei der Besetzung der Position eines Thronfolgers war es zu handfesten Meinungsverschiedenheiten zwischen König und Königin gekommen. Beide hatten eigene Verwandtschaft im Auge. Die Wahl fiel schließlich auf einen Neffen des Königs, Ferdinand von Hohenzollern, der in Bukarest als weit weniger bemerkenswert galt als seine Frau Maria, Missi genannt, eine geborene Prinzessin Sachsen-Coburg-Gotha. Sie muss von berückender Schönheit gewesen sein, als sie in jungen Jahren in Bukarest einzog. Und sie war blond.

Während der Kronprinz seine Favoritinnen vorzugsweise aus dem Kreis der Offiziersgattinnen rekrutierte, betrachtete Kronprinzessin Maria das diplomatische Corps als ihr Revier. Aufgrund des häufigen Personalwechsels in dieser ansonsten interessanten Vorauswahl war eine langjährige Konstante dann doch ein Mann vor Ort, Prinz Barbu Stirbey, der allgemein als Vater von Prinzessin Ileana galt. Kronprinz Ferdinand hingegen hielt über Jahre der Gattin des Obersten Preban so etwas wie die Treue, einer ehemaligen Hofdame seiner Frau, die jene schon mal vorschickte, wenn es darum ging, die Standhaftigkeit einer aktuellen Eroberung auf die Probe zu stellen. Es war eine harte Probe.

Der neue Gesandte traf zunächst im Thronsaal auf den König und den Kronprinzen, überreichte die Beglaubigung und wechselte ein paar Worte mit den Herren, die für diese Zeremonie den Orden vom Goldenen Vlies angelegt hatten. Czernin konnte den Blick lange nicht von dieser Dekoration abwenden. Sodann wurde der Gesandte in einen kleineren Saal geleitet, wo die Königin und die Kronprinzessin ihn erwarteten. Auf beide war Czernin besonders neugierig. In Kronprinzessin Maria stand ihm das leibhaftige Pendant zur sagenhaften Fama überirdischer Schönheit und erotischer Unersättlichkeit gegenüber, eine Fallhöhe, die mathematisch Enttäuschung nach sich ziehen musste. Auch jetzt noch, gegen Ende ihrer Dreißiger, mochte eine sinnliche Ausstrahlung von der schlanken, selbstbewussten Frau ausgehen, die wohl etwas mit den hungrigen blauen Augen zu tun hatte. Czernin erreichte sie nicht. Umgekehrt legte die Kronprinzessin ein schwer zu übersehendes Desinteresse an den Tag. Da ihr die Übergabe eines Beglaubigungsschreibens vor allem als Musterung in eigener Sache diente, zog sie sich angesichts des unbefriedigenden Ergebnisses rasch zurück; Königin Elisabeth hingegen freute sich stets aufrichtig über die Begegnung mit einem Menschen. All die Liebe, die sie ihrem Kind nicht schenken durfte, hielt sie für die Welt bereit. Es rührte Czernin, wie die fast erblindete Dame, sie stand in ihrem siebzigsten Jahr, sich mühte, ein Gegenüber anzustrahlen, das sie allenfalls schemenhaft wahrnehmen konnte. Lange hielt sie seine Hand in der ihren.

Von ihr sprach man überall in Europa. Die geborene Prinzessin von Wied wirkte vielseitig in ihrem Land, das sie als Einzige am Hof tatsächlich als das ihre betrachtete. Im Krieg kümmerte sie sich um Verwundete und zeichnete andere, die es ihr gleichtaten, mit dem Elisabeth-Orden aus. Im Frieden gründete sie Schulen, um Bukarester Mädchen vor einem Leben auf der Straße zu bewahren. All dies tat sie als Königin Elisabeth. Ihre wahre Bestimmung aber fand sie in den Worten, mit denen sie Weiten schuf, in denen andere Gesetze walteten und die dennoch ebenso wirklich waren wie Tod, Krieg und Elend, nur schön. Unter dem Namen Carmen Sylva schrieb sie Versepen, Romane, Märchen, Gedichte und Erzählungen. Einer ihrer Gedichtbände war von der Académie francaise ausgezeichnet worden. Czernin hatte einige ihrer Bücher in der Hand gehabt, sich aber in der Regel auf seine alte Angewohnheit beschränkt, den ersten und den letzten Satz zu lesen. Marie las mehr. Sie verstand davon auch etwas. Die Versepen Sappho und Hammerstein waren nicht so ihre Sache, aber sie mochte den Märchenkreis Leidens Erdengang und die Gedichtzyklen Mein Rhein, Meine Ruh’ und Unter der Blume. Auch die Romane Feldpost und Deficit hatte Marie gelesen. In Arbeit war, das hatte der freundliche Buchhändler in Wien nach einem Blick in die Kataloge gesagt, eine auf fünf Bände angelegte Ausgabe der gesammelten Essays unter dem Titel Geflüsterte Worte.

Die Königin forderte den Gesandten auf, neben ihr in einer Ecke des Saals Platz zu nehmen, wobei sie ihr himmelblaues Gewand wellenreich um sich drapierte. Czernin sagte, wie sehr Marie sich darauf freue, Ihre Majestät kennenzulernen.

»Ihre Majestät oder Carmen Sylva?«, fragte sie, wobei sie zu laut lachte. »Vielleicht kann sie mir ja helfen, Ihre liebe Frau«, fügte sie in ernstem Ton hinzu. »Es gibt hier so viel zu tun. Wenn man die Mittel hätte, lieber Graf.«

Auch die Königin neigte dazu, das Wort zu behalten. Doch bei ihr wurde Czernin nicht ungeduldig. Ihm war, als lese er in einem fantastischen Roman, in dem jede Wendung jederzeit für möglich gehalten werden musste.

»Sind Sie reich, Graf? Unlängst fragte mich ein Neffe: Liebe Tante, wann wirst du dir endlich einen neuen Hut kaufen? Ich antwortete ihm: Ich habe gar nicht das Geld dazu. Hätte ich aber die dazu nötigen hundert Francs übrig, würde ich mir keinen neuen Hut anschaffen, sondern ich würde mit dieser Summe eine ganze Familie aus dem Elend retten.«

Gestik und Mimik waren theatralisch, wirkten aber wie gebremst.

»Graf«, die ernste Anrede begleitete einen erneuten Stimmungswechsel, »ist Ihnen aufgefallen, wie viele Blinde es hier in Bukarest gibt? Überall sieht man sie. Und sie sehen dich nicht. Wäre ich eine reiche Amerikanerin und hätte Millionen, ich würde Tausende von diesen unglücklichen Menschen glücklich machen.«

Eine angespannte Stille bemächtigte sich des großen, kalten Raums, stand dieses Schicksal derjenigen, die da sprach, doch offensichtlich unmittelbar bevor. Sie richtete sich auf, breitete die Arme aus und begann, kreisende Bewegungen mit ihnen zu vollführen, was ihr Gewand wieder in Bewegung versetzte. »Dieses Kleid ist wie das Meer. Und das Meer ist das Leben.«

Czernin bewunderte pflichtschuldig das Kleid und, um der Verlegenheit zu entkommen, mit einiger Überzeugung ein Bild, das hinter der Königin an der Wand hing, ein Seestück, das aus der Masse der mediokren Gemälde herausstach, die er im Schloss sonst gesehen hatte.

»Mein Meer. Ist es nicht herrlich?« Sie wandte sich dem Bild zu. »Wie schön, dass es Ihnen aufgefallen ist. In Konstanza im Hafen, da habe ich eine ganz kleine Villa. Die steht am Ende eines vorspringenden Kais. Sie liegt mitten im Meer.«

Die Königin stand direkt vor dem Bild, dessen beherrschende Farben Blau, Grau und Grün waren. »Das Meer lebt. Wenn es ein Symbol gäbe für den Begriff der Ewigkeit, so wäre es das Meer. Unendlich in seiner Größe und ewig in seiner Bewegung.«

Die alte Dame hob die Hände und berührte die dick aufgetragene Farbe. Czernin wäre fast aufgesprungen, um das Kunstwerk zu schützen.

»Ein trüber Tag mit Wind. Einer nach dem anderen kommen die gläsernen Wasserberge herangewälzt, überstürzen sich und brechen sich an dem felsigen Strande.«

Der Maler hatte bei der Ausarbeitung der Schaumkronen, in denen sich Grau und Weiß mit jenen Farben mischten, aus denen das Wasser sonst zusammengesetzt war, die Farbe dick auf die Leinwand aufgetragen, sodass man sie wohl tatsächlich erfühlen konnte.

»Und das Meer atmet. Flut und Ebbe sind seine Atemzüge. So arbeitet es Tag und Nacht, Jahr für Jahr, Jahrhundert für Jahrhundert. Es kümmert sich nicht um die vergänglichen Wesen, die sich die Herren der Welt nennen, diese Eintagsfliegen, die kommen und die wieder gehen, kaum dass sie gekommen. Denn das Meer hat Zeit. Auf tausend Jahre mehr oder weniger kommt es ihm nicht an.«

Da stand die alte Dame in ihrem blauen Gewand vor dem so lebendig auf die Leinwand gebrachten Meer wie eine Priesterin am Altar, berührte sacht die Farbe und sprach fest und pathetisch.

»Aber einmal, ganz plötzlich beginnt das Meer zu wandern. Eines Tages erhebt sich irgendwo aus dem Meere das Land. Seine Geburt hat revolutionären Charakter, Erdbeben, speiende Krater, stürzende Städte und sterbende Menschen – aber neues Land ist da.«

Czernin war sich nicht sicher, ob mit seiner Anwesenheit noch gerechnet wurde. Er begann, sich zu genieren. Ein Zeichen konnte er der Königin nicht geben. Unterbrechen durfte er weder die Königin noch Carmen Sylva. Da beschloss er, sich dezent zu entfernen. Zwischen den nackten Wänden hallten die Schritte, so vorsichtig er auch auftrat.

19

Dort, wo man das Schloss sehen könne, fahre der Zug langsam, hatte jemand Großmama erzählt. Max drückte das Gesicht gegen die Scheibe und wartete, dass sich tausend Jahre Familiengeschichte schwarz vor der dunkelgrauen Nacht abhoben.

Vergiftet war es, das Schloss. Dreckig und stinkend lag es inmitten einer Wüste, die sie das Chemiedreieck der DDR nannten. Es hatte schon gestunken, als die Familie noch dort lebte. Der Gestank entwich den Schornsteinen einer riesigen Chemiefabrik, die von den Nazis auf das beste Ackerland von Max’ Großvater gestellt worden war. Dächer, Pflanzen, Wiesen, alles war hier mit einer grauweißen Schicht überzogen. Die ersten Rosen aus seinem Garten rieb der Pfarrer jedes Jahr mit Essigsäure ab, bevor er sie der Organistin zum Geburtstag schenkte. Dann erst wurden die grauen Blätter grün und rot. Das Schloss war kontaminiert, überzogen von etwas Giftigem. Und man konnte nicht wissen, was darunter alles zum Vorschein kommen mochte. Und wie der giftige Rauch hatte auch die Familie die Gegend mit einer Schicht überzogen, jahrhundertelang. Alles überzogen und verseucht. Chemieverseucht, geschichtsverseucht, familienverseucht. Der Zug bremste ab.

Die Tasche, die vor ihm auf dem Boden lag, die musste er nicht aufmachen. Aber wenn so ein Schloss auf dich zukommt, dann ist das eine andere Geschichte. Und es war ja nicht mehr wie früher, dass der Älteste alles erbte und man als Jüngster fein raus war. Heutzutage musste man selbst dafür sorgen, dass sie einen in Ruhe ließen. Tasche ja, Schloss nein. Max schloss die Augen.

20

Es gab viel zu tun in Bukarest. Neben Gesprächen, die zu führen, Berichten, die zu verfassen waren, musste das Personal der Gesandtschaft auf Vordermann gebracht werden. Und Czernin machte einen zweitägigen Abstecher nach Sinaia, einem beschaulichen Ort in den südlichen Karpaten, oberhalb dessen König Carol seine Sommerresidenz Schloss Peles hatte errichten lassen. Es war ein Bauwerk, wie es dreißig Jahre zuvor modern gewesen war, hundertsechzig Zimmer, Türme, Balkons und viel Fachwerk. In den Sommermonaten zog der Hof hier heraus, gefolgt vom diplomatischen Corps. Von seinem Vorgänger übernahm Czernin das hübsche Haus, das er wohlwollend inspiziert hatte, um sich nicht nach einer anderen Immobilie umsehen zu müssen. Es handelte sich um eine der stilistischen Vorgabe der königlichen Residenz artig nacheifernde Villa mit turmartigem Erker an der Eingangsfront. Überdachte Balkons zur Straße wie zum Garten hin und braunes Fachwerk lockerten die Fassade auf. Czernin gab sich Mühe, das kleine Anwesen mit Maries Augen zu betrachten. Kinderseelen dagegen hielt er für entschieden zu bestechlich, um sie in Immobilienfragen zu berücksichtigen. Es gab einen Garten mit einer Laube, einer großen Wiese und einem wahrscheinlich schönen Blick auf die Berge, der allerdings von feuchten Nebeln verhangen war. Es war nicht die Villa am See, und die Aussicht würde nicht so prachtvoll sein wie die aufs Tote Gebirge und den Elefanten, aber es war eine passable Lösung. Selbst ein Gutteil des Mobiliars ließ sich übernehmen. Die Einrichtung war sommerlich, viel weiß lackiertes Holz, helle Tapeten mit unauffälligen Mustern und leichte Teppiche, während die Residenzwohnung in Bukarest mit schweren Fauteuils und Kanapees, dunklen Schreibtischen und dichten Volants möbliert wurde.

Zurückgekehrt aus den Karpaten, setzte Czernin die Serie der Antrittsbesuche fort. Für diesen Abend hatte der Österreichisch-Ungarische Klub geladen. Czernin eilte der Ruf voraus, ein verführerischer Redner zu sein. Überhaupt sprach man allenthalben von seiner überwältigenden Ausstrahlung. Man begrüßte, sofern man Deutschösterreicher war, seine Einstellung gegenüber Ungarn. Und es hieß, er habe nichts gelernt, keine Schule besucht, nie eine Prüfung gemacht, nicht einmal die Diplomatenprüfung. Letzteres allerdings galt als derart unwahrscheinlich, dass man auch alles andere ins neidgesäumte Reich der Nachrede verwies.

Czernin zwang sein Gesicht zu einer Art Lächeln. Er war spät dran gewesen. Der Zug aus Sinaia hatte Verspätung gehabt. Im Wagen hatte er die Rede überflogen. Es war nicht nur das übliche Gewäsch, sondern auch noch besonders lieblos zusammengestümmelt. Die Tage des Burschen, der das verzapft hat, sind gezählt, dachte Czernin, als er aus dem Wagenfenster in schummrig beleuchtete Straßen sah. Die Mitglieder des Empfangskomitees waren ganz eingeschüchtert von der Energie, mit der der Gesandte, noch voller Ärger, beinahe an ihnen vorbeigestürmt wäre.

Erstaunlich viele Menschen schoben sich durch die protzig überladenen Säle, nicht nur Herren. In Wien, dachte Czernin, wären nie so viele Damen auf einer so öden Veranstaltung. Hier galt offenbar einer wie er schon als Sehenswürdigkeit. Er betrat das kleine Podium und zog das Redemanuskript aus der Tasche. Irgendwie würde er sich daran entlanghangeln müssen. Er wollte gerade ansetzen, suchte im Auditorium nach einem Augenpaar, das ihm nach gewohnter Manier beim rhetorischen Aufschwung helfen sollte, da erwischte er unter den Gesichtern, grinsend, das Bürschlein, das den Text verbrochen hatte. Es war der Ärger gegenüber einem unbotmäßigen Kind, der den Gesandten durchschwemmte. Eine Ohrfeige, das wäre es jetzt gewesen. Er hüstelte, die Augen suchten nach einem anderen Gegenüber, das er stellvertretend für den Saal verführen konnte. Nicht nur die Augen, auch der Mund des Redners oder besser des Mannes, der eigentlich längst hätte begonnen haben sollen zu reden, standen weit offen, während sich sein Blick in die strahlend hellgrauen Augen verlor, derweil Hunderte von Augenpaaren auf ihn geheftet blieben.

Es war, als habe sie, nur für ihn, in poetischer Anspielung an ihre erste Begegnung die Farben vertauscht. Die Nähte des tiefblutroten, hochgeschlossen Kleides waren anthrazitfarben abgesetzt, ebenso dunkel der Kragen. Über dem vielen Rot tiefschwarz das volle Haar in seinem seidigen Glanz. Dazwischen leuchtete das Gesicht, in dem alle Vornehmheit der Welt bereit war, jederzeit schamlos in Sinnlichkeit umzuschlagen.

»Benötigen Exzellenz ein Glas Wasser? Wasser für Seine Exzellenz!«

Der Gesandte zerknüllte gerade sein Redemanuskript und stierte mit offenem Mund in die Menge. Man brachte ein Glas. Der Schluck kalten Wassers half. Die Hitzigkeit von Czernins Gemüt folgte den Gesetzen simpler Kartenspiele. Eine Karte bestimmte das Ganze, bis eine andere sie stach. So war er von genervter Hetze in Ärger verfallen, vom Ärger in Langeweile, von der Langeweile zurück in den Ärger und jetzt in diesen Zustand eines gewissen Aufruhrs der Triebe, dem er lieber keinen Namen geben wollte. Ein Schluck Wasser gegen diese grauen Augen.

»Meine hochgeehrten Herren«, konnte er jetzt einigermaßen fest vorbringen, wobei er weiter in die Augen schaute. Die schauten, lachend, zurück. »Gestatten Sie mir, Ihnen zunächst für den überaus freundlichen Empfang zu danken und den Wunsch auszusprechen …« Bei dem Wort Wunsch legte sie den Kopf schief, als wolle sie fragen, was da wohl zu erwarten sei. »… dass mein Verhältnis …« Er stockte, räusperte sich, setzte wieder an: »… mein Verhältnis …« Sie lachte. »… zu der Kolonie stets ein inniges bleibe.« Nur weiter, schnell weiter, irgendetwas. »Ein jeder, der wie ich zum ersten Mal …« Es gelang ihm einfach nicht, den Blick von den grauen Augen zu lösen. Und ihr schien es diebisches Vergnügen zu bereiten, es ihm schwer zu machen. »Ein jeder, der wie ich zum ersten Mal …« Da tuschelten die Ersten. Das sollte das faszinierende Rednertalent sein? Raunend begann Unruhe, sich in den Sälen auszubreiten. »… zum ersten Mal …« Das Haus. Das Haus als Metapher für das, worum es geht. Das funktioniert immer. »… das Haus …« Sie lachte. Er sah die weißen Zähne und das rosa Fleisch zwischen den roten Lippen. Das war frech. Den Anflug von Ärger vermochte er geschickt umzuleiten. Er riss sich los, sah an ihr vorbei auf den Marmorkamin, der sich hinter ihr auftürmte, darüber ein großer, golden gefasster Kristallspiegel in dem er immerhin nur noch das Abbild ihres Rückens sehen musste. Besser als die Augen. »… dieses schöne Gebäude betritt, wird wohl gleich mir … unter dem Eindruck … stehen, welch prachtvolles Werk Sie, meine Herren, hier in so kurzer Zeit aus eigener Kraft geschaffen haben.« Er hatte die Kurve gekriegt. Versiert glitt er, etwas weich in den Knien, weiter. »Und wird die Energie bewundern, mit der Sie Ihre Sache gefördert haben.«

Auch das Publikum schien erleichtert, dass da einer wenigstens flüssig sprach.

»In diesem Gebäude ist eine große politische Idee verkörpert, eine politische Idee von großer Tragweite: die Lehre, die wir alle beherzigen sollten in unserem gemeinsamen Vaterland, die Lehre von der gemeinsamen friedlichen nationalen Arbeit.« Und so weiter und so weiter. Czernin langweilte sich selbst bei dem, was er da sagte. Aber er war froh, dass er es sagen konnte. »Dieses schöne Haus steht nunmehr unter dem Schutz der beiden so innig befreundeten Monarchen.« Er knüllte die Blätter endgültig zusammen. »Es steht vor allem unter dem Schutz des edlen weisen Monarchen, der über dieses schöne Land herrscht, der nach schweren Zeiten böser Krisen die größten Triumphe seiner staatsmännischen Weisheit gefeiert hat, unter dem brausenden Enthusiasmus seiner ganzen Völker, unter der neidlosen aufrichtigen ehrlichsten Bewunderung unsrer ganzen Monarchie.« Und der Gesandte brachte ein dreimaliges Hoch auf König Carol aus. Da traute er sich, noch einmal hinzusehen, nicht zu den Augen, nur zum Rücken im goldenen Rahmen. Aber der Spiegel war leer.

21

Max wollte in derselben Stadt leben wie Fiona. Sie war ihm ein Zuhause, die Erinnerung an eine gute Zukunft. Also zog er von München nach Berlin, trotz der verpatzten Nacht. Das Bild von sich allein auf dem Bahnsteig wurde er nie wieder los. Der Bahnsteig. Max hob die schweren Lider. Berlin. Die Wimpern streiften die Scheibe, dahinter diffus gelbes Licht, vor ihm das weiße Schild mit den schwarzen Lettern. Berlin, darunter Zoologischer Garten. Unter dem Schild, das Schild entlang, lief, sollte er seinen Augen trauen, sie. Wie ein Filmausschnitt. Träumte er? Wieso waren sie überhaupt schon da? Max stand auf, eilig, stolperte über etwas, das auf dem Boden lag, vergaß fast den Koffer. Berlin. Zoologischer Garten. Alles aussteigen. Dieser Zug endet hier. Max nahm die Rolltreppe, stürmte sie, Entschuldigung, jaja, Entschuldigung, hinunter in die Halle. Das war Schicksal. So ist es, wenn sich Linien kreuzen. Alles hat seinen Moment. Das war seiner. Ihrer. Zusammen nach Kreuzberg. Und dann würde Max Fiona nie wieder loslassen. Nicht noch einmal.

Er raste aus der Halle. Draußen, gleich gegenüber der schwingenden Eingangstür, tat sich das unterirdische Gewölbe der U-Bahn auf. Hier war es heller, nicht so fahl und gelblich. Der Bus, schoss es ihm durch den Kopf. Natürlich, der 19er-Bus. Der Kurfürstendamm war nicht weit, nur ein kleines Stück die Straße hinauf, da fuhr die Linie 19. Sie fuhr so gern im Doppeldecker die großzügig breiten Straßen entlang. Da waren sie sich einig. In Berlin ankommen hieß, am Bahnhof Zoo aussteigen, über den Damm und oben vorn im 19er nach Kreuzberg. Also wieder hinauf, hinaus, bei Rot über die vierspurige Straße, der Koffer schaukelte mal am rechten, mal am linken Arm. Über die nächste Straße, auch bei Rot. Jetzt nur noch über den Damm. Der 19er fuhr an ihm vorbei in die Haltestelle ein. Eine kleine Traube vor der Fahrertür, sie mittendrin. Max stieg als Letzter ein, zog den Koffer hinter sich her. Im Bus immer nur oben vorn. Da hatte man die Welt vor sich. Gab es einen schöneren Ort für diesen Moment? Fast kitschig. Aber das Leben darf das. Tatsächlich, da saß sie, vorn links. Das Gesicht war in der Scheibe nicht zu erkennen, zu schmutzig das Glas, zu diffus das Licht. Max ging die drei Schritte vor, setzte sich auf die mit orangefarbenem Stoff bezogene Bank. Er drehte ihr, den Mund schon offen, das Gesicht zu. Sie sah ihn entgeistert an, er nicht minder entgeistert zurück. Wie konnte er diese Frau für Fiona halten? Eine lächerliche Reizung der Fantasie. Ein Traum, was sonst?

22

Zu Weihnachten kam die Familie. Der Orientexpress hatte wie immer Verspätung. Warten auf Marie und die Kinder war nicht so schlimm wie Warten sonst. Und schließlich fuhr er heran, der schwere eiserne Zug. Trotz der vielen Reisen blieb Czernin gefangen von dem Bild der schwarzen ungestümen stählernen Masse, die eine enorme Kraft zum Stillstand zwang, wogegen sie sich mit aus Nüstern und Ventilen gestoßenen Wolken zu wehren schien. Vielleicht berührte ihn der Anblick so sehr, weil er darin die beiden Seiten erkannte, die ihn im Widerstreit bisweilen aufzureiben drohten, die Kraft, die weiter drängte, und die enorme Konzentration von Energie, die er immer wieder aufzubringen hatte, um sie im Zaum zu halten.

Der Dampf verzog sich und gab das Bild seiner fünf ihm über den Asphalt rufend und lachend entgegenstürmenden Kinder frei. Czernin kam es vor wie eine Filmaufnahme, in zu langsamer Geschwindigkeit auf dem Apparat gespielt. Der Moment hätte ewig währen dürfen. Ja, der wäre es gewesen. Czernin juchzte laut, als er das erste der Kinder hochhob, woraufhin die anderen die gleiche Behandlung einforderten. So warf er alle fünf nacheinander in die Höhe, juchzte jedes Mal, verlor dabei den Hut, der den Bahnsteig entlangrollte. Dann hob er, in Schwung und Übermut geraten, juchzend auch die Mutter in die Höhe, während die Bagage um den Hut kämpfte. Der Älteste, der den Wettbewerb naturgemäß gewann und die Trophäe auf dem jugendlich schönen Kopf trug, war schon fünfzehn, das Mädchen keine zwei Jahre jünger. Noch ein Moment, dann wäre sie fast Frau. Er hätte doch gern noch eine Tochter gehabt. Zwischen all den Energiebündeln, denen die Natur die Aufgabe eingepflanzt hatte, sich zu nehmen, was zu bekommen war, um dann herauszufinden, ob sich nicht noch mehr erkämpfen ließ, Maritschy. Man sah ihr nicht an, dass sie fünf Kindern das Leben geschenkt hatte. Sie hatte selbst etwas von ihrer Mädchenhaftigkeit bewahrt, als weigere sie sich, angesichts der an ihr zerrrenden Jugend die letzte Erinnerung an die eigene preiszugeben. Czernin wurde leicht ums Herz, weil wieder familiäre Umstände eintraten.

Die Kinder waren zwischen allerlei Geheul begeistert vom neuen Zuhause. Das fremdländische Flair legte sich wie Zuckerguss auch über Gegenstände und Verrichtungen des Alltags, die man sonst kaum wahrnahm. Marie taxierte sie auf die Folgen hin, die sie für ihr Leben haben würden, und kam zu einer nüchterneren Bilanz. Aber Leben hieß, sich arrangieren. Und Czernin versprach ihr einen glücklichen Sommer. Er wusste, die kleine Villa in Sinaia war ganz nach ihrem Geschmack.

Über die Weihnachtstage versuchte jeder nach seiner Façon, sich an die neuen Räume und Wege, an die Gegenstände und Gerüche sowie an die Menschen, die jetzt mit ihnen den Haushalt teilten, zu gewöhnen. Czernin hatte einen besonders großen glitzernden Baum in die Halle der Gesandtschaft hieven lassen, um Heimweh prophylaktisch zu begegnen. Diplomatie war Prävention. Sie feierten ein vom Fremden verzaubertes Fest. Das verdrängte Maries sorgenvolle Überzeugung, die schönste Zeit ihres Familienlebens hinter sich zu haben. Sie war auf der Zugfahrt nagender geworden, je unausweichlicher sich der Orientexpress in den Balkan hineingearbeitet hatte. Das Gefühl kehrte mit Macht zurück, als sich alle nach den Feiertagen daranmachten, in der Fremde zu Hause zu sein.

In der Gesandtschaft war man zum Jahreswechsel mit der Ablösung der Regierung beschäftigt. Der erfahrene König hatte recht behalten. Ministerpräsident Maiorescu demissionierte am 30. Dezember. Jetzt herrschte erst einmal Stillstand, solange sein Nachfolger Bratianu die vielen zu vergebenden Posten vergab und die damit einhergehenden Angebote sichtete.

Czernin musste herausfinden, wie es um den Vertrag stand. Der König wich aus. Bei seiner letzten Audienz hatte der Gesandte scheinbar arglos den Vorschlag gemacht, das Bündnis bekannt zu machen und von den Parlamenten ratifizieren zu lassen. Die Geschwindigkeit, in der die Farbe aus dem Gesicht des Königs wich, war bei allen geschraubten Beteuerungen der beste Beweis, dass der Vertrag nicht mehr war als ein inhaltsloser Fetzen Papier. Das herausgefunden zu haben, war allerdings gewiss nicht das diplomatische Meisterstück, das die Welt von Czernin erwartete.

Die ganz große Chance kam ausgerechnet in Person des ausgewiesenen Österreichverächters und Ungarnhassers Nikolai Filippescu, eines exponierten Vertreters des Bukarester politischen Sumpfes. Bei ihm schienen Fäden aus den unterschiedlichsten Richtungen zusammenzulaufen. Er bat den k.u. k Gesandten, über den er sich schon vielfach lästerlich ausgelassen hatte, um ein Gespräch, streng vertraulich, an geheimem Ort. Was dieser Filippescu zu sagen hatte, verschlug Czernin den Atem.

Sie saßen im einzigen Zimmer einer Jagdhütte vor den Toren Bukarests, einem feuchten, modrig stinkenden Raum, der notdürftig von einem undichten Kanonenofen mit Wärme versorgt wurde. Niemand durfte von der Zusammenkunft erfahren. Vor der Tür, es hatte am Morgen zu schneien begonnen, warteten die Fahrer in den Wagen. Sie kannten sich. Da aber ihre Herren als verfeindet galten, zogen sie es vor, einander zu ignorieren. In Hut und Mantel saßen die Feinde auf dreibeinigen Holzschemeln in der Nähe des Ofens und beäugten sich misstrauisch.

Filippescu eröffnete die Partie.

»Sie haben ein Problem. Ich habe die Lösung.«

Czernin kam sich ein wenig deplatziert vor mit dem Pelzkragen, den Gamaschen und der feinen rotbraunen Aktentasche, die er unnützerweise auch hierher mitgenommen hatte.

»Es würde mich wundernehmen, wenn es Sie störte, wenn ich rauchte.«

Der verkorkste Satz verriet Nervosität. Czernin holte das silberne Etui aus der Innentasche des gefütterten Mantels, klappte es auf, nahm eine Zigarette heraus und klopfte mit ihr aufs Etui, das er schon wieder wegstecken wollte, als Filippescu mit einer Bewegung signalisierte, er wolle auch.

»Siebenbürgen.« Mit dem Wort, an dem Czernin den matt farbigen Klang mochte, hatte Filippescu ein Problem allenfalls benannt, gewiss keines gelöst.

»Ihr gebt uns Siebenbürgen. Wir geben euch Rumänien.«

Jetzt wäre Czernin an der Reihe gewesen. Aber zu diesen ebenso dürren wie wirren Worten fiel ihm nichts ein.

»Siebenbürgen inklusive. Sie verstehen.«

Eine Ahnung durchzuckte den Gesandten. Er saugte hastig an der Zigarette.

»Ganz richtig. Sie haben mich ganz richtig verstanden.«

Hatte er etwas gesagt?

»Rumänien vereinigt sich mit Siebenbürgen. Und das ganze Rumänien, mit Siebenbürgen, vereinigt sich mit der k.u.k. Monarchie. Man kann ja an ein Verhältnis denken, wie es Bayern zum Deutschen Reich hat. Das biete ich an. Jetzt.«

Czernin war sprachlos.

»Die Brüder in Siebenbürgen haben das Recht, sich mit ihrem Land zu vereinigen. Ohne diese Vereinigung wird es nie einen echten Frieden geben zwischen den Ungarn und den Rumänen. Vielleicht zwischen den Ländern, nie zwischen den Menschen. Aber wir können das große Rumänien unter die schützenden Flügel der großen Monarchie geben. Wir können das.«

Czernin rauchte längst wieder. Er war außer sich. Das war die Lösung. Für Siebenbürgen, für Rumänien, für Österreich. Und für ihn der Durchbruch. Der erste Triumph. Er, Graf Ottokar Czernin, war der Pate einer Volte, die die Landkarte Europas schlagartig veränderte. Als Czernin sich wieder im Griff hatte, stand er auf.

»Ich werde mich melden.«

Draußen war die Welt weiß verschneit und weit.

Tisza war außer sich. Wutentbrannt eilte er nach Wien und stellte den ahnungslosen Kaiser. Bis zu diesem war die kühne Vision des Großdiplomaten in Bukarest noch gar nicht vorgedrungen, Minister Berchtold hatte die Idee erst einmal für sich behalten, weil er sie für nicht besonders realistisch hielt. So erfuhr Seine Majestät von dem Vorschlag in der wutverzerrten Version, in der der Ungar ihn ein für alle Mal zertrümmert wissen wollte. Der Kaiser zögerte keinen Augenblick, sich hinter seinen ungarischen Ministerpräsidenten zu stellen.

»Wie blöd kann man sein?« Czernin dachte es natürlich nur. »Ohne dass es weh tut.« Vielleicht sagte er es halblaut in seinem Arbeitszimmer oder, wenn die Wut zu sehr in ihm aufheulte, auch zu Hause vor sich hin. In Pest, am Ballhausplatz, in Schönbrunn, Idioten allenthalben. Er wünschte ihnen einen großen Krieg an den Hals, jetzt, ohne sich Rumäniens sicher zu sein, ohne die Beziehungen zu Bulgarien als möglicher Alternative ausgebaut zu haben. Da würden Deutschland und Österreich-Ungarn ganz schön bleich aussehen. Dann würden sie sich danach sehnen, sie hätten auf ihn gehört. Aber bitte. Er hatte ihnen die Lösung auf dem Silbertablett präsentiert. Und sie mussten sie ausschlagen. Imbezile! Marie bat, er möge vor den Kindern nicht so viele von den kräftigen Ausdrücken verwenden. Sie nahm die schlechte Laune mit der ihr eigenen Demut hin. Das war nicht immer leicht. In der letzten Zeit hatte sie immer wieder ein Unwohlsein verspürt, sich sogar übergeben müssen. Dabei hatte sie sich an das scharfe Essen eigentlich gewöhnt. Es war auch nicht weiter schlimm, zumal sie ansonsten ausgesprochen vergnügt war.

Der Gesandte weilte gerade in Konstantinopel bei Botschafter Markgraf Pallavicini, als der Ruf Tiszas einging, Czernin möge sich umgehend in Budapest einfinden. So reiste der gleich weiter in die Höhle des Löwen und machte sich auf einiges gefasst. Jedoch, wiederum empfing Tisza ihn freundlich, wenn auch die Worte, mit denen er den Vorstoß Czernins zu Staub zertrat, an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen.

Nach Beendigung des Gesprächs begleitete Tisza seinen Besucher zur Tür. Bevor er zur Klinke griff, hielt er Czernin sacht am Ellenbogen fest. In seinem Blick hätte man lesen können, dass ihn etwas drückte.

»Eins noch, Czernin, und nehmen Sie es mir nicht übel. Nehmen Sie es als Zeichen der Freundschaft.«

Sie hatten wahrlich genügend unangenehme Dinge besprochen. Was konnte da noch Grund für eine derart verschämte Unsicherheit sein?

»Am Ballhausplatz hat man sich, wie soll ich sagen, noch nicht an Ihren … Ton gewöhnt.«

An seinen Ton gewöhnt?

»Also, wie soll ich sagen. Ihre Berichte fallen auf.«

Das war ja auch das Mindeste. Sie waren gut.

»Man echauffiert sich manchmal ein wenig. Verstehen Sie?«

Czernin verstand kein Wort.

»Es fiel das Wort unbotmäßig.«

Es fiel das Wort unbotmäßig?

»Es ist ja nur ein Hinweis, Czernin. Machen Sie sich nicht zu viel daraus. Es könnte aber sein, dass Sie sich Scherereien ersparen, wenn Sie, ach, wenn Sie sich einfach an die Form halten und insgesamt ein wenig … nun ja … Also, mit der Apodiktik müssen Sie ein bisschen aufpassen, Czernin.«

Als Tisza realisierte, dass der andere trotzig weiter so tun wollte, als verstünde er nicht, gab er sich einen Ruck.

»Mein Gott. Wenn Sie meinen, der Vertrag zwischen uns und Rumänien ist nur noch ein wertloser Fetzen Papier, dann ist das vielleicht korrekt, man kann es aber auch in anderen Worten sagen, nicht wahr? Einfach in ein paar anderen Worten.«

Czernin war längst dunkelrot angelaufen. In seiner Kehle rasselte es. Dafür hatten sie Zeit. Damit beschäftigte sich Wien. Sie wollten, dass er sich verstellte, einen der Kriecher aus ihm machen, die sie selbst waren.

»Ich verstehe, Exzellenz«, sagte er schmallippig, »Sie legen mir die Demission nahe. Und ich werde sie selbstverständlich einreichen, sobald Bukarest erreicht ist.«

»Um Gottes willen, bloß nicht! Nur ein bisschen Zurückhaltung, das ist alles. Vielleicht ein bisschen länger überlegen, ein bisschen langsamer schreiben. Das kann doch nicht so schwierig sein. Aber sonst bleib, wie du bist, um Gottes willen. Wir brauchen Leute wie dich. Wir haben nicht viele. Das weißt du so gut wie ich. Reiß dich halt ein bisschen zusammen. Das ist alles. Aber bleib vor allem, wie du bist.«

Stephan Tisza hatte ihn, per du, seiner höchsten Wertschätzung versichert. Angesichts dieses Ereignisses konnte Czernin dessen Anlass leicht verdrängen. Im Zug dachte er nicht über die Idioten am Ballhausplatz nach, schon gar nicht über die Demission, nicht einmal darüber, dass die Fahrt so lange dauerte. Er war erfüllt von Freundschaft und wild entschlossen, sich dieses Hochgefühl nicht von ein paar Wiener Trotteln eintrüben zu lassen. Das bisschen Selbstbeherrschung, da hatte Stephan Tisza schon recht, war er der Geschichte schuldig.

Zu Hause angekommen, strahlte er immer noch wie ein frisch verliebter Knabe. Seine eigene Rosigkeit erfüllte ihn so sehr, dass er die Maries nicht bemerkte. Am Ende des Soupers fiel es ihm dann doch auf.

»Was schaust du so?«, fragte er.

»Es gibt noch etwas anderes als die Diplomatie, Lieber«, sagte Marie. Sie saßen am großen Esstisch. Die Kinder waren im Bett. Vor ihnen standen Dessertschalen, aus denen sie gerade eine köstliche Charlotte gegessen hatten. Sie hatten von Fürstenberg einen wunderbaren Koch geerbt. Er stammte aus Komotau in Böhmen und verstand es, die österreichische, die böhmische und die balkanische Küche perfekt zu amalgamieren. Wenn der Hausherr gut gelaunt war, kündigte er gern an, seinen Koch als Inkarnation des reformierten Kaiserreichs in Wien öffentlich zur Schau zu stellen.

»Ich weiß«, grummelte Czernin.

»Ich weiß, dass du das weißt. Aber es gibt etwas, das weißt du noch nicht.«

»Was ist schon wieder passiert? Eines der Kinder?«

»Hm. Wenn man so will, ja.«

»Welches?«

»Das weiß ich noch nicht.«

»Was soll das?« Wenn er etwas hasste, waren es Andeutungen.

»Wer hat was angestellt?«

»Vielleicht wird es ja noch ein Mädchen. Wie du es dir immer gewünscht hast.«

Marie stand auf, legte die Serviette auf der weißen Tischdecke ab und ging lachend auf ihn zu. Er blieb sitzen, öffnete die Arme. Sie setzte sich auf seinen Schoß und sah ihm in die Augen. Sanft streichelte er ihren Bauch.

»Es ist ein Mädchen«, flüsterte er, »ich spür’s.«

23

Wie konnte er diese Frau für Fiona halten? Vor Scham hätte Max sich in Luft auflösen wollen. Er starrte durch die verschmierte Scheibe in die Nacht. Der Bus fuhr unter den eisernen Brücken hindurch. Max griff nach dem Koffer, stolperte die Treppe hinunter. Da stand er im Dunkeln in der feuchten Luft und sah der beleuchteten 19 auf dem Bus hinterher. Ein Abgrund tat sich unter ihm auf. Fiona war nicht das Einzige, was er vermisste.

Es half nicht, einfach stehen zu bleiben, aber es verzögerte. Er stellte den Koffer ab, um sich eine Zigarette anzustecken. Wann hatte er die Tasche zum letzten Mal in der Hand gehabt? Im Bus? Im Zug? Er war durch den Bahnhof gerannt. Da hatte er den Koffer in der Rechten, mit der Linken die Türen aufgestoßen. Er versuchte, die Erinnerung an den Moment zu zwingen, in dem er die Tasche zum letzten Mal gesehen hatte. In der Wohnung schlug er die Nummern der Fundbüros im Telefonbuch nach, Stadt und Bahn. Beide waren nicht mehr besetzt.

Etwas vom Thronfolger, hatte Großmama gesagt. Was sonst in der Tasche war, würde er nie erfahren. Irgendjemand wusste es jetzt. Vielleicht hätte Max endlich verstanden, wie ein toter Erzherzog einen Weltkrieg auslösen konnte. Das war ihm immer ein Rätsel gewesen. Jetzt, wo die Tasche weg war, fand er es albern, dass er nicht hatte hineinschauen wollen. Plötzlich interessierte ihn brennend, was drin war. Spätestens jetzt hätte er eh wieder angefangen zu rauchen, dachte er wahrscheinlich zum zwanzigsten Mal seit dem Vorabend. Im Fenster leuchtete sein Spiegelbild bei jedem Zug hinter orangener Glut auf. Schwarz stand die Kastanie vor der kahlen Brandwand. Irgendwo da draußen war die Tasche. Die Geschichte, die in ihr steckte, würde ein Geheimnis bleiben, für immer.

Max flüchtete ins Bett. Auf dem Anrufbeantworter konnte keine Nachricht sein, er hatte ihn nicht eingeschaltet. Er hätte auch so zu Enzo gehen können. Dass Paul und die anderen dort saßen, war mehr als wahrscheinlich. Aber was hätte er ihnen erzählen sollen? Familiengeschichten behielt er für sich, fern von den Freunden. Er hielt das so, und zwar eisern, seit sie ihn im Kindergarten ausgelacht hatten, als er einmal sagte, er würde jetzt jausnen gehen. Danach hatte er das Wort nie wieder benutzt, ja, er hatte versucht, es nicht einmal mehr zu denken. Hier die Freunde, da die Familie. Hier der Kaffee, da die Jause. Dazwischen der Rubikon. Der Styx. Die Spree. Er zog sich die Decke über den Kopf. Die Donau.

Mit der Tasche war es wie mit einer Flaschenpost. In Not aufgegeben, nach Jahrzehnten angeschwemmt, aber noch ungeöffnet. Vielleicht war sie einfach noch nicht angekommen, nicht angekommen genug. Der Gedanke ließ unter der Decke die Illusion zu, es sei am Ende alles schon irgendwie in Ordnung. Aber das Gefühl, dass etwas Großes bevorstand, blieb. Etwas Großes, nicht unbedingt etwas Gutes.

24

Frühling in Wien. Gab es etwas Schöneres, als dabei zu sein, wenn die Stadt ihr Innerstes nach den letzten Zuckungen der Wintersaison nach außen kehrte, um dann an einem nicht vorherzusehenden Tag im Mai in voller Pracht wieder ganz sie selbst zu sein? Maritschy und die Kinder kamen mit. Sie hatten alle Sehnsucht nach der Hauptstadt. Und Marie sollte sich von den besten Spezialisten untersuchen lassen. Czernin hatte von ganz neuen Methoden bei der Durchführung von Geburten gehört. Das musste alles geprüft werden für seine kleine Tochter. Man wohnte im Palais Kinsky in der Herrengasse. Mehrmals begegnete Marie auf der Straße ihrem dahineilenden Mann, die prall gefüllte Aktentasche unterm Arm. Sie war erst amüsiert, dann doch erschrocken angesichts der finsteren, gehetzten Gestalt.

Die Stadt stand in flirrender Frühlingsluft. Die Atmosphäre war nervös. Vor drei Wochen hatte Ministerpräsident Graf Stürgkh den Reichsrat vertagt. Er regierte jetzt per Notverordnung, de facto ein autoritäres Regime. Die Presse wurde rigide zensiert. Czernin imponierte das alles. Und er fand es aufregend. Im Innern nagte giftige Anspannung an der Monarchie, außen war sie von Feinden umstellt.

Während die Herren am Ballhausplatz nichts von Unbotmäßigkeit verlauten ließen, wäre jede Hoffnung, die Turbulenzen über dem Belvedere könnten sich verzogen haben, Augenwischerei gewesen. Jemand hatte dem Thronfolger hinterbracht, dass da auf dem Balkan gefährliche Allianzen geschmiedet würden, dass der Graf Czernin und der Graf Tisza jetzt die dicksten Freunde seien. Da schäumte der Erzherzog wieder, wie er nur schäumen konnte, und ließ Czernin unumwunden wissen, was er von so viel Treulosigkeit und Undank hielt. Der fand sich zum zweiten Mal in derselben Falle.

Für gewöhnlich wurde Czernin im Oberen Belvedere empfangen, dem prachtvollen Barockschloss mit seinen üppigen Wandgemälden, das dem Thronfolger als Wohnung diente. Die Militärkanzlei war im sehr viel schlichteren Unteren Schloss untergebracht. Zwischen den Bauten entfaltete sich die berühmte Gartenanlage, mit der Wien hundertfünfzig Jahre zuvor auf Versailles geantwortet hatte. Franz Ferdinand genoss es, am frühen Morgen den zentralen Weg in die Kanzlei hinunterzuschreiten. Dann sah er unter sich Wien liegen, bald seine Hauptstadt, dahinter die Hügel des Wienerwaldes, dann der Horizont.

Es war gezielte Demütigung, dass der Erzherzog den Grafen am Vormittag in die Räume der Militärkanzlei bestellte. Das bedeutete nichts Gutes, war andererseits als Aktion schon so exponiert strafend, dass sich der Disput abkürzen ließ. Franz Ferdinands Ungeduld war denn auch noch größer als sein Ärger. Er brüllte ein wenig, Czernin wand sich ein bisschen. Schon zur Jause sollte Czernin ins Obere Schloss kommen. Gesprochen wurde ausschließlich über Politik. Der k.u.k. Generalstabschef Conrad von Hötzendorf drängte den Kaiser zu einem Präventivkrieg gegen Serbien. Und er war nicht allein. Eine einflussreiche Kriegspartei intrigierte in der Stadt. Auch Graf Berchtold, der Außenminister, gehörte ihr an.

Beim abendlichen Diner im familiären Kreis zu Ehren des Königs von Württemberg, eines Schwagers von Franz Ferdinand, war der Balkan das Thema. Man sprach über die internationale Hetze gegen den Thronfolger. Dessen Pläne für die südslawischen Länder machten ihn den Serben wie auch den Russen zum Erzfeind. Er blieb dabei, dass er den Krieg gegen Serbien nicht wollte. »Nehmen wir sogar den Fall«, sagte er, »dass kein anderer uns stört, wir in aller Ruhe mit Serbien abrechnen. Was hätten wir davon? Nur einen Haufen Diebe und Mörder und Halunken mehr und ein paar Zwetschgenbäume. Also noch mehr Gesindel, den Verlust von so und so viel Soldaten und einige Milliarden Kosten. Der günstigste Fall aber, dass niemand uns behindern würde, ist mehr wie unwahrscheinlich.«

Wenige Wochen später hielt ein bosnischer Serbe, Gavrilo Princip, Student, gerade mal neunzehn, die Geschicke Europas in der Hand, nicht lange, nur ein paar Sekunden. Länger dauert es nicht, aus nächster Nähe zwei Schüsse aus einer FN Browning PK Kaliber 9 mm abzugeben. Der Rückstoß riss dem Schützen die Hand hoch, sodass eine Kugel in ihren Unterleib, die nächste fast einen Meter höher in seinen Hals eindrang.

25

Das Urteil war endgültig. Als Max den Silberpfeil aufs Trottoir vor dem Philosophischen Institut lenkte, waren es noch vier Minuten, bis sie es verkündeten. Gesprochen war es, er kannte es nur noch nicht.

Die Tasche war er wieder los. Da folgte das Urteil auf dem Fuß. Als sei das eine die Strafe für das andere. Es war Ironie der Geschichte, dass sie das Urteil gerade an diesem Tag verkündet hatten. Als hätten sie es auf ihn abgesehen. Du bist nicht einmal bereit, die kleine Tasche zu nehmen? Na warte, dann geben wir dir ein ganzes großes, verfallenes, stinkendes Schloss zurück. Mit werweißwieviel verseuchtem Boden drumherum. Und tausend Jahren Geschichte drin. Er würde gleich aus dem Radio erfahren, ob er weiterleben durfte wie bisher, oder ob er ein geerbtes, gebrauchtes, ein mit Geschwistern zu teilendes, fremdes Leben zu leben hatte. Kalte Wut stand bereit, sich auszubreiten.

Den Tag hatte Max zu zwei Dritteln im Bett, zu einem auf dem Klo verbracht. Ganz hatte sich der Körper noch nicht daran gewöhnt, dass er sich wieder nach Belieben mit Nikotin und Teer versorgen lassen konnte. Dass das Klo auf dem Treppenabsatz lag, störte Max dabei weniger als der erbärmliche Zustand der hohen, eng beieinanderstehenden Wände, die oberhalb der Spülung in achtzig Jahren keine verschönernde oder auch nur pflegende Zuwendung erhalten hatten. Je länger er da saß, desto unzweideutiger liefen sie zu den Mauern einer Zelle zusammen. Max zermarterte sich das Hirn. Was sollte er Großmama sagen? Vielleicht ein Inserat aufgeben. Finderlohn. Er dachte sich Strafen aus. Nach New York fahren zum Beispiel. New York als Strafe für die verlorene Tasche. Aber sie wollten ja Dokumente sehen in New York. Ob sie von der Tasche wussten?

Fiona hatte er immer noch nicht angerufen. Zu matt war er, zu durcheinander. Bei der Bahn versuchte er es immer wieder, auch beim Fundbüro. Am Ende war es das drängende Bedürfnis nach Normalität, das ihn hatte zur Universität fahren lassen, die Angst, die Außenwelt könnte sich irgendwann aufs Außenklo beschränken.

Da saß er, vier Minuten vor sechs, am Steuer des Silberpfeil und zündete sich eine Zigarette an. Auf dem Beifahrersitz lagen die Gauloises auf einer hellblauen Pappmappe mit der Aufschrift Gedächtnis und Erinnerung. Dass er zu früh war, verstand sich von selbst. Es war eine gleich doppelseitige Erblast. Sowohl die Familie seines Vaters als auch die seiner Mutter waren seit Jahrhunderten immer zu früh. Rechnete man all die Viertel- und halben Stunden zusammen, die Max als Kind mit den Eltern im Auto gewartet hatte, kamen wahrscheinlich Tage heraus. Die Eltern waren beide Flüchtlinge, beide Familien nicht nur geografisch, sondern auch sozial entwurzelt. Nicht nur Besitz und Heimat waren verloren, sondern auch jede sinnvolle Funktion in der Welt. Aber sag deinen Genen und deiner Erziehung, dass sie deplatziert sind. Die pfeifen dir eins.

Nie würde er die Sache mit dem Handkuss in der Stadthalle vergessen. Er wird zehn gewesen sein, vielleicht elf. Lange war ihm die Erinnerung nur peinlich. Inzwischen war ihm klar, dass es das Urerlebnis seiner existenziellen Deplatziertheit war. Die Erfahrung, dass er nicht dazugehörte. Im Rahmen einer großen Feier mit Bischof und Bürgermeister sollte er in der großen Veranstaltungshalle seines Heimatortes den Heiligen Martin spielen. Es gab zwar fünfzig oder sechzig Mitwirkende, aber Sankt Martin, das war schon etwas. Die Halle war voll. Tausend, vielleicht auch zweitausend Menschen saßen da, es war eine katholische Gegend. Seine Mutter führte ihn zu einer Verwandten, einer hochadeligen Tante, die hier zu den Honoratioren gehörte. Sie gingen auf sie zu. Das hieß, er würde sie begrüßen müssen. Ihm war schwindelig und abwechselnd heiß und kalt, während er sich der hochgewachsenen Frau näherte. Er wischte sich die Handflächen an den Hosennähten. Er würde sie mit einem Handkuss begrüßen müssen. Und zweitausend Menschen, die noch nie einen Handkuss gegeben oder bekommen oder auch nur gesehen hatten, würden zuschauen. Er versuchte, die Annäherung hinauszuzögern. Als ließe sich die Katastrophe so verhindern. Er überlegte, ob er ausreißen konnte. Schließlich beugte er sich über die wohlriechende altersfleckige Hand, bis seine Lippen sie fast berührten. Es war nicht diese Hand, komischerweise hatte Max die Hände alternder Damen immer gemocht, die den Ekel aufsteigen ließ, sondern das Wissen, dass er in diesem Moment ausgestoßen wurde, sich selbst ausstieß, indem zweitausend Augenpaare Zeugen dieses stigmatisierenden Rituals aus einer untergegangenen Zeit wurden.

In Wirklichkeit hat es natürlich kein Mensch gesehen. Aber wen schert die Wirklichkeit, wenn sich die Vorstellung deiner bemächtigt? Und in seiner Vorstellung ging ein unwilliges Raunen durch die Halle, ein anschwellendes Geräusch, das etwas Endgültiges zum Ausdruck brachte. Dieses Raunen, das es nie gegeben hat, ist Max nicht wieder losgeworden. Der Vormittag in der Stadthalle, der zum Triumph hätte werden sollen, wurde zu einem zweiten Schatten, der ihm durchs Leben folgte. Große Gefühle brauchen nicht unbedingt große Ursachen. Und die anderen verstehen dich nicht. Es ist wie eine Behinderung. Es ist ein Leiden. Und Großmama hatte es diagnostiziert.

26

So voller Grant Czernin war, so sensibel war er auch. Es waren zwei Seiten einer Medaille. Wie er vorhergesehen hatte, war Marie begeistert von der kleinen Villa in Sinaia, die ihr ein sommerliches Paradies wurde, ein Hort der Unbeschwertheit, der Ruhe und der Berechenbarkeit. Die Landschaft war, sobald sich der Schleier der Winternässe hob, spektakulärer als erwartet, allerdings auch fremder. Marie blieb sie immer ein wenig unheimlich. Aber sie hätte das nie gesagt.

Die Kinder hatten den Garten gleich in Reviere unterteilt, die jedes mit seiner losgelassenen Fantasie in Beschlag nahm, sodass, wer über das Grundstück wanderte, eine Reihe unterschiedlicher Universen zu durchqueren hatte. Czernin, der Feinnervige, der Stimmungsumschwünge anderer durchlitt, bevor die sich ihrer selbst bewusst waren, gehörte zu den wenigen, die die scharf gezogenen Grenzen erkannten. Die Kinder liebten ihn dafür und luden ihn immer wieder ein, jedes in seine Welt.

Wenn der Graf Czernin durch das Fenster mit dem Rundbogen aus seinem Arbeitszimmer in den Garten sah, erinnerte ihn das an seine große Arbeit. Wie diese Kinderreiche da draußen das Grundstück in feindliche Zonen zerteilten, so war die Monarchie ein in Reviere zerstückelter Garten. Mochte Kaiser Franz sein Reich als kunstvollen Park betrachten, den er umgestalten und an die Seite der ersten Anlagen Europas zu stellen gedachte, Czernin würde immer an den kleinen Garten in Sinaia denken, der Unwissenden so einträchtig unversehrt erschien und nur dem Eingeweihten offenbarte, wie viel Feindseligkeit da in Stellung gebracht war.

Mit dem Hof übersiedelte man im Sommer ganz nach Sinaia. In diesem Jahr, es war das Jahr 1914, war es Ende Juni so weit, eine fröhliche Zugreise gemeinsam mit anderen Gesandtenfamilien. Je höher der Zug sich in die Karpaten schraubte, desto ausgelassener wurde die Gesellschaft. Einer brauchte länger. Der Ärger, die Nerven und die Atemwege ließen den Grafen Czernin oft kränkeln, und es dauerte, bis er vollständig genas. Sein übersensibler Körper verlangte nach Ruhe, gegen seinen Willen. Kaum in Sinaia angelangt, hatte es ihn regelrecht gefällt.

Fiebernd, nervenzitternd, an der Grenze zu einem seichten Delirium, lag er und hörte wie von fern das fröhliche Geschrei aus den Universen seiner Kinder. In seinem angegriffenen Bewusstsein suchten die aufgefangenen Rufe vergebens nach Zusammenhang, scharfe Töne mit nicht enden wollendem Nachhall, der ihn immer wieder in kurze Phasen ungesund tiefen Schlafs begleitete. Maritschy und der Arzt hatten schon recht, auch wenn er das nicht einräumen würde. Er musste sich einmal ganz auskurieren. Für gewöhnlich stand er zu früh mit zu schwachen Nerven auf zu schwachen Beinen auf. Hier in Sinaia würde es vielleicht gelingen, ihn so lange im Bett zu halten, wie sein Körper brauchte, um wieder zu voller Kraft zu gelangen.

Die Saison hatte ihre Schatten vorausgeworfen, indem Tag für Tag Heerscharen von Politikern und Beamten, ja ganze Büros in den Sommer übersiedelten, sodass die Aktivität rund um den Globus peu à peu zum Erliegen kam. Czernin betrachtete den Vorgang der Korrosion aller Verwaltung der Zivilisation mit Häme. Ihm war die Art von Erholung, zu deren Zweck diese Unterbrechung veranstaltet wurde, nicht vergönnt, und so fehlte ihm jedes Verständnis für die allgemeine Sommerapathie.

In diesem Jahr quittierte er den Umstand, dass es war wie in jedem Jahr, mit Dankbarkeit und mit Fassungslosigkeit. Dankbar war er, weil er die Fäden der ein- und ausgehenden Berichte angesichts der Influenza, die bereits an ihm nagte, für ein paar Tage aus der Hand geben konnte. Er hatte seine Leute inzwischen ganz gut im Griff. Fassungslos war er, weil Europa in schwül-nervöser Spannung einer Sommerhitze entgegenhechelte, die sich jederzeit in einem gewaltigen Unwetter entladen konnte, dem man sich doch nicht mit einem Gin and Tonic in der Hand auf einem Lazy Chair aussetzen durfte. Er schüttelte den verschwitzten Kopf, zog das Nachthemd gerade, das ihm schon wieder als Wulst über die Lenden gerutscht war, und drehte sich auf die Seite. Vielleicht würde es schon jener letzte kranke Schlaf werden, aus dem man fast gesund erwacht.

Da ging die Tür auf. Ohne anzuklopfen, trat Marie herein, aufgeregt, wie gleich zu spüren war, fahrig, fast wie er.

»Bratianu ist am Telefon.«

Bratianu? Der Ministerpräsident wusste, dass die Influenza den Grafen erwischt hatte. Wahrscheinlich wollte er ihn mit einer Unwichtigkeit triezen, um sich dann an der unwirschen Reaktion zu delektieren.

»Er fragt nach dem Thronfolger.«

»Nach dem Thronfolger? Hier in Sinaia? Habe ich Fieber oder er?«

»Ob ihm etwas passiert ist. Und Sophie.«

»Passiert?«

»Es ist dringend, sagt er. Immerzu sagt er dringend. Und so aufgeregt.«

Aufgeregt war auch Marie, die, beeindruckt vom Zustand, in dem der bärbeißige Ministerpräsident sich am Telefon gezeigt hatte, nicht viel verstand, außer eben, dass etwas passiert sein musste. Czernin warf die Decke zur Seite, sprang aus dem Bett und stieg, so rasch sein Zustand es erlaubte, die rechte Hand am Geländer, barfüßig und mit wehendem Nachthemd die Treppe hinunter, ins Arbeitszimmer, wo auf dem Schreibtisch der Telefonapparat stand. Außer Atem von dieser plötzlichen Auferstehung und der kurzen, aber eindeutigen Überforderung des geschwächten Organismus, ließ er sich auf den Stuhl fallen und sah, heftig schnaufend beim Versuch, schneller zur Ruhe zu kommen, als der Körper das von selbst erreichte, durch das große Fenster in den Garten hinaus, dann auf den schwarzen Bakelithörer, der tot und unnütz neben dem Apparat lag. Als er seine Atmung unter Kontrolle gebracht hatte, nahm er den Hörer auf und hauchte mit aller Festigkeit, die er aufzubringen vermochte, die Worte »Hallo« und »Czernin« in die Muschel. Es klang erbärmlich.

Marie erschrak über das Bild, das ihr Kary abgab, gespensterbleich, unrasiert, im Nachthemd, die eine Hand am Hörer, die andere flach auf dem rechten Oberschenkel. Mit offenem Mund stierte er ins Leere, sagte schließlich mehrfach in unterschiedlichen Tonlagen »Nein« und »O Gott« und legte schließlich den Hörer mit zwei zitternden Händen auf die Gabel. Dann sah er Marie an. Die erschrak bis ins Mark über das, was sie sah, und über das, was sie hörte.

»Der Zug. Der Hofzug des Thronfolgers. Verunglückt. In Bosnien. Er und Sophie tot. Ob das stimmt.«

27

Gedächtnis und Erinnerung hieß das Seminar. Um sechs fing es an, also um viertel nach sechs. An der Universität zu früh zu sein, war natürlich besonders unangenehm. Normalerweise wäre Max ausgestiegen, schon damit keiner ihn sah, wäre in die Bibliothek des Philosophischen Instituts hinuntergestiegen und hätte so getan, als suchte er nach einem Buch. Dabei hätte er verstohlen neidische Blicke auf die anderen geworfen, die offensichtlich in vollem Bewusstsein, was sie taten, das taten, was sie gerade taten. Er tat immer nur so, als wüsste er es.

Aber Max blieb am Steuer seines nach diversen Karambolagen in unterschiedlichen Silbertönen changierenden Renault 4 TL sitzen. Die rechte Hand umklammerte den Plastikknauf der Pistolenschaltung. Mit der linken rauchte er. So wartete er auf das Urteil. Oder auf die 18-Uhr-Nachrichten. Was dasselbe war.

Nutzloses Warten gehört zum Schlimmsten. Es belastet den Gefühlshaushalt wie sonst vielleicht nur unerfüllte Liebe, kommt aber öfter vor. Entspann dich, sagte etwas in Max. Da schoss es ihm in aller Gnadenlosigkeit durch den Kopf. Sollten sie, also sollte das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe wirklich gegen die Regierung und gegen den Einigungsvertrag entschieden haben, also für die Familie, dann wäre ganz objektiv alles zu Ende, nicht nur in seiner überhitzten Fantasie. Er nahm die rechte Hand von der Schaltpistole, um eine Zigarette aus der Packung zu ziehen, während er mit der linken die Kippe in den Aschenbecher drückte. Schweiß hinterließ Kondensflecken auf dem Plastikknauf.

Max hatte partout keine Lust, jetzt ein anderes Leben anzufangen, noch dazu eines, in dem er sich mit seinen Geschwistern darum stritt, was man mit einem chemieverseuchten Renaissancekasten machen sollte. Halb Renaissance, halb Neorenaissance. Ein Albtraum. Bitte, behaltet den ganzen Scheiß. Er sagte es sogar halblaut vor sich hin. Ein Schweißtropfen suchte sich eine Bahn über die Stirn. Er schluckte, obwohl ihm schlecht war. Er musste husten, obwohl er rauchte. Er schloss die Augen. Aber auch das nützte nichts.

Sein Blick fiel auf die Digitaluhr, die ein Tankwart nach einer Reparatur aus Begeisterung für das anachronistische Fahrzeug in das rudimentäre Armaturenbrett eingebaut hatte. 17:59. Natürlich machten sie die Enteignungen rückgängig. Das ging ja gar nicht anders. Das wäre ein Skandal, kein Rechtsstaat mehr. Es wäre gegen jedes Recht, die Enteignungen anzuerkennen. Die Enteignungen aus der DDR-Zeit sollten rückgängig gemacht werden. Man konnte ja, was man immer als Unrecht gegeißelt hatte, jetzt schlecht für Recht erklären. Die meisten großen Besitztümer waren allerdings vor Gründung der DDR enteignet worden, unter der sowjetischen Besatzung fünfundvierzig bis neunundvierzig. Das zurückzudrehen war teuer, und es würde die Stimmung im Osten gründlich versauen. Grundbücher waren geschwärzt, die neuen Grenzen galten auch schon in der zweiten Generation. Also noch einmal eine Art Enteignung. War die gerechter? Max hatte sich geschworen, nicht darüber nachzudenken. Er drehte das Radio an. Die charakteristischen Pieptöne leiteten die Nachrichten zur vollen Stunde ein.

»Es ist achtzehn Uhr.«

Der harmlose Satz schlug hart an seine waidwunden Nerven.

»Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil.«

Die Stimme sagte Die Nachrichten, aber das war es, was sein alarmiertes Bewusstsein erreichte.

»Die zwischen 1945 und 1949 in der damaligen sowjetischen Besatzungszone Deutschlands …«

Wie viele Schweißdrüsen hat der Mensch eigentlich in den Händen?

»… vorgenommenen Enteignungen …«

Das klang so harmlos. Dabei hing davon jetzt alles ab. Ein Schub wollte alles Blut, das gleichmäßig verteilt durch seinen Körper hätte fließen sollen, auf einmal in den Schädel pumpen. Ein großes Rauschen durchschwemmte die Ohren.

»… Mit dieser am Vormittag in Karlsruhe verkündeten Entscheidung hat das Bundesverfassungsgericht die entsprechende Bestimmung im Einigungsvertrag bestätigt. …«

Wie jetzt? Zurück oder nicht? Konnte er den Einigungsvertrag auswendig?

»… Von den Enteignungen im Rahmen der damaligen Bodenreform sind rund achttausend Grundbesitzer und etwa viertausend Unternehmer betroffen. …«

Betroffen, das konnte man wohl sagen.

»… Einige von ihnen hatten vor dem Bundesverfassungsgericht geklagt. Die Karlsruher Richter verwiesen in ihrer Begründung unter anderem auf besatzungshoheitliche Richtlinien in der damaligen Zeit. Die Bundesrepublik Deutschland ist, wie der Gerichtspräsident und Vorsitzende des Ersten Senats, Herzog, erklärte, nicht zu einer vollen Entschädigung verpflichtet, muss aber eine gewisse Ausgleichsleistung gewähren.«

Endlich machte der Sprecher eine Art Pause. In dem kurzen Moment versuchte Max, die Bedeutung von vorgenommene Enteignungen, besatzungshoheitliche Richtlinien und nicht zu einer vollen Entschädigung verpflichtet zu sortieren.

»… Wie soeben gemeldet wird, hat sich Bundeskanzler Kohl für eine Verlegung des Sitzes von Regierung und Parlament nach Berlin ausgesprochen. …«

Wenn keine volle Entschädigung fällig war, wie es hieß, dann bedeutete das doch, dass überhaupt Anspruch auf Entschädigung bestand.

»… Der französische Außenminister Dumas hat in Libyen mit Revolutionsführer Gaddafi und PLO-Chef Arafat über die Lage im Nahen Osten nach dem Golfkrieg gesprochen. …«

Und Anspruch auf Entschädigung gab es doch nur, wenn man nichts zurückbekam.

»… Ein schwedischer Diplomat wird die Sonderkommission des UN-Sicherheitsrates leiten, die die Zerstörung der Massenvernichtungswaffen des Irak überwachen soll. …«

Spitze kleine Anfälle von Freude hielten sich bereit, von letzter Vorsicht noch gezügelt. Ich glaube, dachte Max, wir kriegen nichts zurück.

»… Der Wetterbericht der Freien Universität Berlin:«

Ich glaube, ich bin frei, dachte Max und konnte es nicht gleich fassen.

»Temperatur in Dahlem um zehn Uhr: sechs Grad. Westwind Stärke zwei. Heute Wechsel von starker Bewölkung und Aufheiterungen, später auch Schauer. Schwacher, westlicher Wind. Höchste Temperatur sieben bis elf, in Berlin zehn Grad.«

Erst jetzt kam Max auf die Idee, das Radio auszudrehen. Die Ruhe, in die hinein er geräuschvoll rauchte, fühlte sich gewaltig an. Er schob das Seitenfenster auf, durch das in Schwaden Qualm entwich. So also fühlte sich schwacher westlicher Wind an. Sieben bis elf Grad erschienen ihm als schönstmögliche Temperatur. In dieser heiligen Stimmung würde er den Teufel tun, weiter zu warten, um dann mit einem Haufen schwarz gekleideter Wichtigtuer über Gedächtnis und Erinnerung zu streiten. Er ließ den Motor an. Der samtene Klang der Freiheit brummte unter der zerbeult schimmernden Blechhaube des Silberpfeil, der, vor Selbstbewusstsein strotzend, auf die Fahrbahn und durch den Feierabendverkehr Richtung Kreuzberg glitt.

Keine Tasche, kein Schloss. West-Berlin, Hort der Freiheit. Gut, das mit der Tasche war nicht ganz sauber gelaufen, da gab es einen Abzug in der B-Note. Aber sie war weg. Das war die Hauptsache, Flaschenpost nicht angekommen. Und das Schloss behielten sie. Ein Schuss vor den Bug. Max hatte verstanden. Fiona anrufen. Mit dem eigenen Leben anfangen. Das war das Programm für den Abend. Oder für morgen. Am 21. April 1991, kurz nach sechs, begann für Max ein anderes Leben. Die Zukunft, dachte er.

28

Das Ende der Epoche kam mit einem Telegramm. Es erreichte Ischl am frühen Nachmittag und enthielt die Mitteilung, dass Seine Kaiserliche Hoheit Erzherzogthronfolger Franz Ferdinand und die in der Zwischenzeit zur Herzogin erhobene Sophie von Hohenberg an diesem Tage, es war der 28. Juni 1914, in Sarajevo von einem bosnisch-serbischen Studenten erschossen worden waren. Überbringer des Telegramms war Graf Paar, dem das Schicksal die Bürde des Todesboten vorbehielt. Sechzehn Jahre zuvor war er es gewesen, der die Nachricht vom Attentat auf Kaiserin Elisabeth überbrachte, Sisi. Langsam wie damals ging der Graf durch den Park der Kaiservilla, hielt die verheerenden, auf blasses Papier geklebten Buchstabenstreifen in dem gefütterten Umschlag so weit von sich, wie sein rechter Arm es erlaubte, stieg Stufe um Stufe an toten Gemsen vorbei die Ministertreppe hinauf. Jeder Schritt hallte dumpf.

Die Nachricht schoss binnen Stunden in Hunderten, bald Tausenden von Telegrammen kreuz und quer durch die Monarchie, durch Europa und die Welt. Auch der Postmeister Plochl trug sie in die Villa hinauf, in der sich Verwandte bereits für den Sommer eingerichtet hatten und die Ankunft der Rumänen erwarteten, wie die Czernins jetzt hießen. Wie alle, die die Nachricht lasen, auch die, an die sie gerichtet war, überkam Plochl gleich ein Gefühl.

»Entsetzlich! Der Allmächtige lässt sich nicht herausfordern! Eine höhere Gewalt hat wieder jene Ordnung hergestellt, die ich leider nicht zu erhalten vermochte.« Das soll ein erbleichender Kaiser zum Grafen Paar gesagt haben, nachdem er gelesen hatte, was dank der Telegrafie kurz nach ihm alle lasen. Auch sonst waren es nur wenige, die trauerten. Fürst Montenuovo war sogleich zur Stelle. Er wollte verhindern, dass Franz Ferdinand und die Herzogin von Hohenberg überhaupt nach Wien überführt und dort aufgebahrt wurden. Warum verschickte man die beiden nicht gleich nach Artstetten, wo Franz Ferdinand sich und seine Familie begraben wissen wollte? Das erschien selbst dem Kaiser zu hart. Immerhin sorgte Fürst Montenuovo dafür, dass der Sarg der Hohenberg auf seinem Katafalk exakt fünfunddreißig Zentimeter tiefer stand als der des Erzherzogs. Das war der vorletzte Dienst, den der Obersthofmeister seinem Kaiser in dieser Sache leisten konnte.

Europa war nervös und fiebrig. In Belgrad ging der russische Gesandte, ein Herr von Hartwig, zu seinem österreichisch-ungarischen Kollegen, kondolierte scheinheilig und fiel, noch in der feindlichen Gesandtschaft, tot um. Die Regierenden Europas rüsteten sich zur Reise nach Österreich, um dem Begräbnis beizuwohnen, sobald der Kaiser rufen würde. Der Gesandte Graf Czernin fuhr samt Familie von Sinaia nach Bukarest zurück. Es war nicht auszumachen, zu welchem Anteil die Influenza und zu welchem die entsetzliche Nachricht, die in ihm noch monströser rumorte als in einem gesunden Kopf, Ursache seines erbärmlichen Zustands waren.

Vor der Gesandtschaft formierten sich Schlangen von Besuchern, die sich ins Kondolenzbuch einschreiben wollten. Der Anführer der Großrumänischen Bewegung Take lonescu sackte in Maries Salon schluchzend zusammen. Die Trauer in Bukarest war sogar weitgehend echt. Nur der russische Gesandte Poklewski befand, dass es in keiner Weise begründet sei, um diesen Zwischenfall so viel Aufhebens zu machen. Für die Bemerkung erntete er Pfiffe. Man hatte hier auf Franz Ferdinand gesetzt, darauf, dass unter ihm, dem Magyarenfeind und Reformator, ein Großrumänien mit Siebenbürgen wirklich werden könnte. Gestandene Männer hatten feuchte Augen. Nicht, weil ein Mann ermordet worden war, den sie allenfalls einmal flüchtig gesehen hatten. Schon gar nicht, weil drei Kinder beide Eltern verloren hatten. Sie weinten, weil ihr Lebenstraum geplatzt war und sie sonst vielleicht nichts hatten. Oder weil die Anspannung, die der Doppelmord löste, um sie gleich von Neuem auszulösen, so stark war, dass Tränen sich anboten.

Der Kaiser rief nicht nach Wien. Es gab kein Staatsbegräbnis. Offiziell wurde das mit dem Alter und dem Gesundheitszustand des Monarchen begründet. Tatsächlich hatte die Kriegspartei in Wien kein Interesse daran, dass die Staatsoberhäupter Europas einander über dem Sarg des Thronfolgers, der für viele auch ein Verwandter war, in den Armen lagen. Aus dem Attentat ließ sich Kapital schlagen. Und Fürst Montenuovo wusste noch einen Grund, warum man auf einen Staatsakt besser verzichtete. Er warnte, welche Ehre man damit der Hohenberg angedeihen ließe. Und das wollte keiner.

So brach der Juli 1914 an, in dem in unzähligen Telegrammen kreuz und quer durch die Luft konsultiert, angefragt, gewarnt, geraten und gefordert wurde. Die glühenden Drähte befeuerten die Schwüle, die Europa würgte. Wie würde Wien reagieren?

Bukarest, 3. Juli 1914. Chiffre. Geheim. Ministerpräsident sagt mir, Sasonow erklärte ihm, im Falle eines Krieges zwischen der Monarchie und Serbien könnte Russland nicht ruhig beiseite stehen, sondern würde uns den Krieg erklären. Der k.u.k. Gesandte Czernin

Man ging davon aus, dass Serbien hinter dem Attentat steckte. Tatsächlich gab es gute Gründe anzunehmen, dass die Attentäter, Gavrilo Princip war nicht allein, und es war eher der Zufall, der die Gejagten vor die Mündung seiner Browning trieb, von serbischen Kräften mit Waffen versorgt und nach Bosnien geschleust worden waren. Als Bosnier waren die Mörder Untertanen der Monarchie. Wenn man aber unterstellte, dass der Anschlag in Belgrad vorbereitet wurde, wo die Täter an der Universität eingeschrieben waren, dass sie ihre Waffen von serbischen Offiziellen bekommen und dass serbische Grenzposten sie ins Land geschleust hatten, war es eine internationale Affäre. Die Kriegstreiber in Wien und nicht zuletzt die deutschen Verbündeten sahen endlich einen Anlass, gegen Serbien zu marschieren. Außenminister Graf Berchtold wurde aus Berlin regelrecht bedrängt, sich die Gelegenheit nicht entgehen zu lassen.

Die Militärs und nicht wenige Politiker im Deutschen Reich hielten Ausschau nach einem Anlass für den Krieg, den sie für unvermeidbar hielten, weil sie ihn wollten, um Deutschland als erste Macht in Europa zu etablieren. Endlich war Deutschland zur Nation geeint, seit siebzigeinundsiebzig. Heerscharen von Historikern und Dichtern machten sich daran, den Deutschen eine Nation und eine passende Geschichte zurechtzuschreiben. Es war die Hochzeit der Historie und des Historismus, der teutonischen Mythenbildung, der Germanenfeier und Glorifizierung deutschen Heldentums. Da war es an der Zeit, Deutschland einen angemessenen Platz in der Geschichte der Zukunft und auf der Landkarte zu sichern. Dazu brauchten sie den Krieg.

Noch vor dem Attentat hatte Graf Berchtold eine Denkschrift zum Thema der endgültigen Zerschlagung Serbiens verfasst. Sie wurde von einem Sondergesandten zum Verbündeten nach Berlin getragen.

Um so gebieterischer tritt an die Monarchie die Notwendigkeit heran, mit entschlossener Hand Fäden zu zerreißen, die ihre Gegner zu einem Netze über ihrem Haupt verdichten wollen.

Das Memorandum wurde am 5. Juli von Alexander Graf von Hoyos im Potsdamer Neuen Palais übergeben. Noch am selben Tag beriet sich Kaiser Wilhelm dort mit seinem Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg. Man beschloss, Deutschland werde Österreich-Ungarn beistehen, was auch immer es gegen Serbien unternehme.

»Haben Sie, das, Hoyos? Was auch immer …«

Man drängte Berchtold, hart zu reagieren. Schließlich planten Kaiser Wilhelm und sein Generalstabschef Helmuth Graf von Moltke bereits seit zwei Jahren eine Entscheidungsschlacht gegen Russland. Man wusste, der Verbündete Österreich-Ungarn – einen anderen hatte man leider nicht – wäre nur mit von der Partie, wenn es auf dem Balkan losging. Nur da hatte Österreich eigene Interessen. Am 6. Juli fuhr Graf Hoyos mit der Antwort im Diplomatengepäck nach Wien, die sie den Blankoscheck nannten.

7. Juli. Ein heißer Sommertag. Am Ballhausplatz tagt der Gemeinsame Ministerrat und berät über die Alternative Diplomatie oder Krieg. Unter dem Eindruck des Blankoschecks aus Berlin und mehrerer ihn begleitender Depeschen, die Österreich zum harten Schlag auffordern, lässt Berchtold ins Protokoll schreiben:

Dagegen sind alle Anwesenden mit Ausnahme des königlich ungarischen Ministerpräsidenten der Ansicht, dass ein rein diplomatischer Erfolg, wenn er auch mit einer eklatanten Demütigung Serbiens enden würde, wertlos wäre und dass daher solche weitgehenden Forderungen an Serbien gestellt werden müssten, die eine Ablehnung voraussehen ließen, damit eine radikale Lösung im Wege militärischen Eingreifens angebahnt würde.

So kalkulierte der Minister, aufgestachelt von der deutschen Rückendeckung, ein Ultimatum, das Serbien ablehnen musste. Dann konnte er marschieren, Serbien, aber auch Russland ein für alle Mal zurückdrängen, die südslawischen Völker der Monarchie dem serbisch-russischen Einfluss entziehen. Es war die Rettung.

Der russische Außenminister Sergei Sasanow warnte den serbischen Ministerpräsidenten Nikola Pašić, er solle Wien gegenüber Zurückhaltung üben. Auch Russland wollte Krieg, um sich auf dem Balkan auszudehnen, hatte es aber nicht so eilig, zumal man noch nicht so gut gerüstet war wie die anderen. Der britische Außenminister Sir Edward Grey äußerte Besorgnis über das Ausmaß der Serbenfeindlichkeit in Wien und bot Vermittlung an. Das bestätigte den deutschen Reichskanzler in der Einschätzung, England werde sich neutral verhalten. Allerdings würden die Briten mit allen Mitteln eine dominierende Stellung Deutschlands in Europa zu verhindern suchen. Da war man sich mit Frankreich und Russland einig, die wiederum in einem festen Bündnis zueinanderstanden. Frankreich wartete außerdem auf die Gelegenheit, Elsass-Lothringen zurückzuerobern, das es 1870 an Deutschland verloren hatte. Es gab keinen Grund für einen Krieg, aber alle hätten etwas davon gehabt, den Sieg vorausgesetzt.

Bukarest, 10. Juli 1914. Chiffre. Geheim. Im Laufe der Audienz entfuhr dem König die Äußerung, er habe im Gespräche mit Herrn Bratianu und Take Jonescu seine eigene Anschauung wiedergespiegelt gefunden: dass nach der Ermordung des Thronfolgers die Zukunft Österreich-Ungarns völlig dunkel sei und zu dem größten Pessimismus Anlass gebe. Seine Majestät hat mit diesem Ausspruch, der ihm offenbar gegen seinen Willen entschlüpft ist, übrigens nur das wiedergegeben, was hier alle glauben. Der k.u.k. Gesandte Czernin

Den Ballhausplatz versetzten die Berichte aus Bukarest, die jetzt geheim und verschlüsselt als lange Ziffernfolgen über den Draht kamen, in helle Aufregung. Je näher die Möglichkeit einer militärischen Aktion rückte, desto wichtiger war es zu wissen, mit wem man überhaupt verbündet war. Italien und Rumänien hatten zwar Verträge unterschrieben, blieben aber unsichere Kantonisten. Die Einschätzungen des Gesandten Czernin wurden nach der Lektüre umgehend neu chiffriert und nach Berlin weitergekabelt. Überwältigt von den Ereignissen und den letzten Auswirkungen der Influenza, war der Graf Czernin gerade dabei, seinen Eintritt in die Weltgeschichte zu verpassen.

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