Kitabı oku: «Die große Illusion»

Yazı tipi:



Hans von Trotha

Die große Illusion

Ein Schloss, eine Fassade und ein Traum von Preußen


Nachrichten von der Website

Vorspiel auf dem Theater

Ceci n’est pas un château?

Bauten und Botschaften

Nation und Nationalismus

Kontrafaktische Architektur

Wenn Residenzen reden könnten

Resonanzraum Stadt

Feuilleton

Berlin – Wachstum und Abriss

Sehnsucht, Unlust, Camouflage

Rückkehr nach Preußen

Noch ein Palast

Ein Wettbewerb und seine Verlierer

Gewölbte Hohlräume

Pomp and Circumstance

Restaurative Romantik

Ein Kreuz ist ein Kreuz ist ein Kreuz

Volk und Wissenschaft

»Fight the Building«

Nachweise

Zitierte Literatur

Nachrichten von der Website

»Berlin, 8. März 2020. Am Mittwoch Vormittag brach gegen 10:00 Uhr im Schlüterhof des wiederaufgebauten Berliner Schlosses ein Feuer aus. Dichte schwarze Rauchwolken zogen durch Berlin Mitte. Auf der Baustelle des Humboldt-Forums war ein Kocher für Gussasphalt in Brand geraten. Das Feuer breitete sich aus und griff auf einen zweiten Kocher über. Durch die Hitzeentwicklung explodierte auch eine Gasflasche. Als Folge des Brandes sind am Portal I des Gebäudes deutliche Rußspuren zu sehen. Nach Aussage der Berliner Feuerwehr wurde ein Arbeiter mit Verdacht auf Rauchvergiftung behandelt. Weitere Personen kamen nicht zu Schaden. Im Einsatz waren rund 80 Kräfte. Die Bauarbeiten werden planmäßig fortgesetzt.«

»Auf die Kuppel des weitgehend fertiggestellten Berliner Schlosses ist am Freitag, den 29. Mai 2020 mit hohem technischen Aufwand das Kreuz aufgesetzt worden. Somit entspricht die rekonstruierte Schlosskuppel dem Erscheinungsbild von 1853 bis zur Sprengung durch die DDR im Jahr 1950. Das 17,4 Tonnen schwere Ensemble aus Balustrade mit acht Engeln sowie Dach aus Palmwedeln mit Reichsapfel und dem Kreuz erhöht das nun nahezu fertiggestellte Bauwerk auf 68 Meter. Das heikle Unterfangen zog sich bis in die Abendstunden und wurde von hunderten, teilweise applaudierenden Schaulustigen begleitet.«

Zwei Meldungen, an die sich die eine oder der andere vielleicht erinnern wird, von denen uns die eine im Folgenden nicht, die andere sehr wohl noch beschäftigen wird. Was sie von anderen Meldungen rund um Deutschlands vielfach so genannte größte Kulturbaustelle unterscheidet, ist ihre Quelle. Sie sind unter den Überschriften Brand im Berliner Schloss/Humboldtforum und Wiederaufrichtung des Kuppelkreuzes auf dem Berliner Schloss online abrufbar (Stand Februar 2021), und zwar auf der Website Preussen. de – Die offizielle Seite des Hauses Hohenzollern und dort unter der Rubrik Neuigkeiten. Aktuelle Ereignisse um das Haus Hohenzollern. Dessen Vorstand, Prinz Georg Friedrich von Hohenzollern, Urenkel Kaiser Wilhelms II., hat den Bau des Humboldt Forums mit einer vorgeblendeten Nachschöpfung der historischen Barockfassade des Berliner Schlosses und der Mitte des 19. Jahrhunderts hinzugefügten Kuppel schon zu einem früheren Zeitpunkt als »lohnende Investition« bezeichnet. »Über die Entscheidung, die historische Mitte Berlins in dieser Form aufzuwerten, freue ich mich sehr«, sagte der Prinz 2007 der Leipziger Volkszeitung. Bei dieser Gelegenheit gab er übrigens auch zu Protokoll, dass er ein politisches Mandat »derzeit nicht« anstrebe. (Berliner Morgenpost, 24.7.2007)

Vorspiel auf dem Theater

Wäre jemand nach hundertjährigem Dornröschenschlaf zu jenem Zeitpunkt wieder aufgewacht, zu dem dieser Essay erscheint, sie oder er hätte wahrscheinlich nicht schlecht gestaunt über die sogenannte Berliner Republik des Jahres 2021: Das Schloss und der Prozess. Als habe Franz Kafka Pate gestanden, erhitzten, neben anderen, zwei Debatten die Gemüter, in denen es am Ende, wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise und aus jeweils ganz anders gelagerten Gründen, aber dann eben doch um die Hohenzollern ging, die ehemalige deutsche Herrscherdynastie.

Da ist die mit enormem Aufwand nachgeschaffene Fassade einer Hohenzollern-Residenz als städtebauliche Kernaussage des wichtigsten Kulturprojekts der demokratischen Bundesrepublik; da ist ein Historikerinnen- und Historikerstreit, in dem die Vorzüge des deutschen Kaiserreichs gegen die Warnungen vor einer heiklen Diskursverschiebung ins Feld geführt werden, die nationalistischen Tendenzen in die Hände spielen würde; und da ist ein über lange Zeit diskret bis geheim behandelter drohender Rechtsstreit: die Republik gegen die ehemalige Herrscherdynastie, beziehungsweise umgekehrt – oder, wie es Jan Böhmermann in einer legendär gewordenen Folge seiner Sendung Neo Magazin Royale im Jahr 2020 formuliert hat:

»Unter uns – so schrecklich das Gebiss von Alexander Gauland ist, das ist nicht das größte Verbrechen, das wir Deutschen in unserer Geschichte begangen haben. Wer ein bisschen im Geschichtsunterricht aufgepasst hat oder nachts mal bei n-tv hängengeblieben ist oder bei Phoenix, dann kennt man das: Krieg hier, Völkermord da, na ja. Deutschland halt. Wir haben halt, historisch, wir haben ein bisschen Scheiße gebaut, um es mal wissenschaftlich auszudrücken. Wir haben Scheiße gebaut. Verständlich, dass heutzutage viele sagen: Ey Deutschland, du hast Scheiße gebaut! Wir wollen entschädigt werden. Die Juden, Sinti und Roma, die Länder Polen und Griechenland, das Volk der Herero aus der ehemaligen deutschen Kolonie ›Deutsch Südwest Afrika‹ – der erste Völkermord Deutschlands, an den Herero! Das war unser erster Völkermord, noch unter dem Kaiser. Alle wollen entschädigt werden. Die Liste ist unglaublich lang. Und die deutsche Haltung ist meistens von offiziellen Stellen: Hmm, interessant. Ist natürlich sehr schrecklich. Können wir nachvollziehen, aber Ihr kriegt natürlich gar nichts. Also Ihr nicht, Ihr Opfer Deutschlands! Aber ein Mann, der gibt nicht auf. Der will entschädigt werden. Gut, der ist jetzt nicht unbedingt ein Opfer, aber trotzdem: Er will entschädigt werden von Deutschland und geht deswegen dahin, wo es wehtut. Denn er hat – Eier aus Stahl! Es geht um Dich: Georg Friedrich Prinz von Preußen.«

Es geht um ein Gesetz aus dem Jahr 1994, das festschreibt, dass Enteignungen, die nach dem Zweiten Weltkrieg unter der sowjetischen Besatzung des Territoriums der späteren DDR in der Zeit von 1945 bis 1949 vollzogen wurden, nicht rückgängig gemacht, wohl aber zu einem späteren Zeitpunkt entschädigt werden sollten; bewegliche Güter seien zurückzugeben. Tatsächlich durften die Hohenzollern nach ihrer Absetzung eine große Zahl an Wertgegenständen und Immobilien als Privateigentum behalten. Dieser ausgesprochen milde Umgang der Juristen im Innenministerium der Weimarer Republik könnte damit zu tun haben, dass sich die entsprechenden Verhandlungen lang hinzogen, bis 1926. Da war das Vertrauen in die Institution der noch jungen Republik schon im Schwinden begriffen. Abgesehen davon, dass man im Berliner Innenministerium der Jahre 1918 bis 1926 mit einiger Wahrscheinlichkeit noch den einen oder anderen Monarchisten angetroffen haben dürfte.

Die im Einigungsvertrag in Aussicht gestellten Entschädigungen werden auf Antrag hin fällig. Es ist also durchaus eine politische, gesellschaftliche und nicht zuletzt historische Entscheidung, keineswegs eine Selbstverständlichkeit, wenn die Familie Hohenzollern sich hier als Erbin wertvoller Immobilien und Kunstgegenstände versteht, die ihr die Republik einst überlassen hat. Das ist durchaus von gesellschaftlicher Bedeutung, da die Restitutions-Regelung eine Klausel enthält, der zufolge der entsprechende Anspruch auf Entschädigung nicht geltend gemacht werden kann, wenn der damalige Eigentümer dem Nationalsozialismus »erheblich Vorschub geleistet« hat. Für die Auffassung aber, dass führende Mitglieder der Familie Hohenzollern dem Nationalsozialismus durchaus Vorschub geleistet haben, gibt es unter Historikerinnen und Historikern Argumente. Für die gegenteilige Auffassung auch. Hierzu verfasste Gutachten von vier Historikern wurden in der bereits erwähnten Folge von Jan Böhmermanns ZDF Magazin Royale geleakt und sind seitdem auf der Website Hohenzollern.lol einsehbar.

In der Sendung Kulturfragen im Deutschlandfunk hat der Historiker Eckart Conze im Interview seine Sicht der Dinge so dargelegt: »Wilhelm von Preußen, der Kronprinz, (…) war sehr erheblich verstrickt mit dem aufsteigenden Nationalsozialismus bereits vor 1933, aber auch dann nach dem 30. Januar 1933. (…) Das ist das Urteil des Historikers. Juristen folgen in diesen Dingen einer eigenen, einer juristischen Logik, der ich nicht vorgreifen kann. Aber man muss doch schon feststellen, dass die historische Logik, die historische Analyse überhaupt keinen Zweifel an der Tatsache zulässt, dass Kronprinz Wilhelm, aber im Übrigen auch sein jüngerer Bruder August Wilhelm, dem Nationalsozialismus erheblichen Vorschub geleistet haben.« (www.deutschlandfunk.de)

Conze ordnet den Umgang der Bundesrepublik Deutschland mit der Herrscherdynastie des Deutschen Reichs bis 1918 in eine Veränderung des gesellschaftlichen Klimas ein: »Dass die Hohenzollern derzeit so selbstbewusst und zum Teil auch offensiv ihre Forderungen erheben, hat auch etwas zu tun mit einem veränderten oder in Veränderung befindlichen geschichtspolitischen Klima, in dem die Geschichte dieses ersten deutschen Nationalstaats, des Kaiserreichs, doch in ein weicheres Licht getaucht wird seit einigen Jahren, in dem nicht die Kriegsgeburt dieses Reiches im Krieg gegen Frankreich, dieser aggressive Charakter des Nationalstaates, dann erst recht nach 1890 im Wilhelminischen Zeitalter, aber auch die autoritären Strukturen dieses Systems im Mittelpunkt stehen, sondern wo es Kräfte gibt (…), ein weicheres Bild zu zeichnen und dieses Kaiserreich als Nationalstaat anschlussfähig zu machen auch für die Bundesrepublik, des neuen Nationalstaats seit 1990.«

Die Rechtsprofessorin Sophie Schönberger bilanzierte Ende 2019 in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung: »Die Gespräche mit den Hohenzollern verstetigen einen Geburtsfehler der Republik. (…) Dieses zombiehafte Fortleben der Monarchie weit nach ihrem Untergang zeigt an, wie sehr die deutsche Republik bis heute daran leidet, dass sie bei ihrer Gründung nicht konsequent mit ihrem monarchischen Erbe gebrochen hat.«

Auf Deutschlandfunk Kultur ergänzte sie: »Die Verhandlungen mit den Hohenzollern zeigen am Ende, dass die Bundesrepublik in gewisser Weise noch ein ungeklärtes Verhältnis zur Monarchie hat.« Und sie sagte: »Der Schlossbau in Berlin ist ein hochsymbolischer Akt, der diese ganzen ungewöhnlichen Konflikte, dieses ganze Thema der Monarchie wieder ins Zentrum Berlins rückt, und zwar städtebaulich, aber auch höchst symbolisch. Die Idee kommt ja aus den neunziger Jahren aus einer Zeit, als die Monarchie oder zumindest der Glanz der Monarchie noch ein gewisses Revival erlebt hat in der Bundesrepublik. Diese Zeiten sind jetzt vorbei, und trotzdem wird gerade jetzt das Schloss in dieser Form neu aufgebaut. Das ist eine symbolische Entscheidung, eine große symbolische Entscheidung mit Strahlkraft, die man nicht alleine auf eine städtebauliche Entscheidung reduzieren kann, sondern die Monarchie wird auf einmal höchst symbolisch als neu erschaffenes Gebäude ins Zentrum der neuen Republik gerückt.«

Pünktlich zum 150. Jahrestag der Reichsgründung von 1871 im Januar 2021 ist diese Fassade fertig geworden. 50 Jahre zuvor, anlässlich der 100. Wiederkehr des Jahrestags der Kaiserproklamation im Spiegelsaal von Versailles im Januar 1971, gedachte SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein des Deutschen Reichs in einem Kommentar. Im Sommer 1970 war die Ostpolitik der SPD im Bundestag angenommen worden, im Dezember war Willy Brandt in Warschau auf die Knie gefallen. Im Januar 1971 schrieb Rudolf Augstein im SPIEGEL: »Mir scheint, das Deutsche Reich, 1870/71 gegründet, ist 1970/71 gestorben. Es war schon längst untergegangen, aber was in den Wünschen und Herzen der Menschen lebt, ist nicht tot. Seit eine frei gewählte deutsche Regierung Deutschlands Ostgrenzen und den zweiten deutschen Staat anerkannt hat, ist alle Luft aus den Illusionen heraus. 100 Jahre sollst du leben! Das Bismarck-Reich erst als Realität, dann als Reise in die Vergangenheit, dann als Illusion ist genau 100 Jahre alt geworden. Im Jahr 1970 ist es dahingeschieden.«

Im Jahr 2021 nun ist die repräsentative Mitte dieses Deutschen Reichs als architektonische Illusion wiedererstanden. Es hatte zahlreiche Bauverzögerungen gegeben, also könnte man von einem Zufall sprechen. – Aber kennt die Geschichte die Kategorie des Zufalls?

Festzuhalten ist, dass die Debatte um die Restitution von Kulturgütern an die Familie Hohenzollern ebenso wie die Debatte um vermeintliche oder tatsächliche Renationalisierungstendenzen in der Gesellschaft der Berliner Republik vor der monumentalen Kulisse einer frisch wiedererrichteten Hohenzollern-Fassade in der Mitte der deutschen Hauptstadt zur Aufführung kamen.

Wie konnte es dazu kommen?

Ceci n’est pas un château?

»Blendfassade: Nicht zu verwechseln mit Vorhangfassade oder Verblendern. Der Begriff Blendfassade bezeichnet eine dem Gebäude lediglich vorgeblendete Fassade, die entweder nicht Teil der Tragstruktur ist, so dass sie leicht entfernt und erneuert werden kann, oder die einen Eindruck vermittelt, der aus verschiedenen Gründen nicht zum dahinter befindlichen Gebäude passt. So kann die Fassade die Funktion oder die Struktur des Gebäudeinneren verschleiern.« (Wikipedia)

»Camouflage (französisch ›Verschleierung‹) steht für:

– militärische Tarnkleidung und -anstriche, siehe Tarnung

– eine Technik der Abwehr (Sozialpsychologie)«

(Wikipedia)

»Illusion. Im engeren Wortsinn ist eine Illusion eine falsche Wahrnehmung der Wirklichkeit. In einem weiteren Wortsinn werden auch falsche Interpretationen und Urteile als Illusion bezeichnet. (…) In der psychiatrischen Fachsprache wird unter einer Illusion eine Sinnestäuschung verstanden. In Fällen, in denen bei der Wahrnehmung wirklich Vorhandenes als etwas anderes erlebt oder für anderes gehalten wird, als es tatsächlich ist, wird von ›illusionärer Verkennung‹ gesprochen. Illusionen stellen damit eine verfälschte wirkliche Wahrnehmung dar. So wird z. B. ein Baumstumpf als eine sich hinkauernde Gestalt verkannt oder die zweidimensionale Abbildung eines Gegenstandes mit dem dreidimensionalen Gegenstand selbst verwechselt. Illusionen unterscheiden sich deutlich von Halluzinationen, die Wahrnehmungserlebnisse darstellen und damit wie Sinneseindrücke erlebt werden, obwohl sie auf keine entsprechende Reizquelle bezogen werden können. Als Wahn bis hin zur Wahnwahrnehmung wird dagegen nicht eine Wahrnehmung, sondern eine Fehlbeurteilung der Realität bezeichnet, sozusagen eine falsche Meinung darüber, die – ähnlich einer festen Überzeugung oder fixen Idee – mit einer von der konkreten Erfahrung unabhängigen Gewissheit vertreten wird. An dieser wird gleichzeitig mit unbeeinflussbarer, unerschütterlicher Sicherheit festgehalten, auch wenn sie im Widerspruch zur Wirklichkeit und selbst zur bisherigen eigenen Erfahrung einschließlich der von anderen Menschen und deren gesamten Denken und Meinen steht.« (Wikipedia)

»Ceci n’est pas un château.« (Schriftzug in goldenen Lettern über dem Haupteingang des Potsdamer Landtags, dessen Fassade die Barockfassade des zu DDR-Zeiten abgetragenen Potsdamer Stadtschlosses imitiert)

»Es ist kein ander Heil, es ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn der Name Jesu, zu Ehren des Vaters, daß im Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Kniee, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.«

(Schriftzug in goldenen Lettern über dem Haupteingang zum Humboldt Forum, dessen Fassade die Barockfassade des zu DDR-Zeiten gesprengten Berliner Schlosses imitiert)

Bauten und Botschaften

Es ist die größte Projektionsfläche Berlins. Und sie hängt nicht vor der Stirnwand eines Kinos, sondern mitten in der Stadt vor einem monumentalen Neubau. Dessen erster, in den Augen seiner Initiatoren wichtigster, für viele letzten Endes einziger Zweck war es ursprünglich, eine ganz bestimmte Fassade zu tragen – die nämlich, die er heute trägt. Was sich hinter dieser Fassade abspielt, also in dem Gebäude, das entsteht, wenn eine Fassade errichtet wird, war zunächst weder klar noch schien es wirklich wichtig. Hauptsache, das Gebäude würde stehen und aufgrund seiner Kubatur und seiner Fassade die Illusion erzeugen, es stünde dort nicht wieder, sondern noch.

Denjenigen, die diese Fassade unbedingt wiedererstehen lassen wollten, schließlich auch dem Deutschen Bundestag, der dies im Sommer 2002 mit großer Mehrheit beschloss und beauftragte, war das Projekt so wichtig, dass bei der Realisierung weder Kosten noch Aufwand gescheut werden sollten – dabei gab es immer noch keine Nutzung für das Gebäude. Hauptsache, die Fassade, diese Fassade würde entstehen. Warum? Welche Botschaft geht von dieser Fassade aus, dass sie für eine einflussreiche Lobby eine derartige Bedeutung bekommen konnte? Und – ist der Plan derer, die dieses Projekt propagierten, die diese Fassade unbedingt haben wollten, aufgegangen? Welche Botschaft sendet die Fassade jetzt, da sie realisiert ist? Oder – umgekehrt – was lässt sich auf sie projizieren?

Eine Fassade, schon gar die Fassade eines besonders großen Gebäudes und erst recht die Fassade eines besonders großen, vom Staat für die Mitte seiner Hauptstadt in Auftrag gegebenen Gebäudes ist immer ein Statement, ein Zeichen, eine Botschaft. Ganz gleich, wie ein Bau definiert wird, was er sein will oder sein soll, was man gern hätte, dass er wäre – er spricht zu uns. Und das tut er in der Form, in der er da ist, unmittelbar. Er beeindruckt uns, leitet unsere Gedanken, regt unsere Phantasie an. Vielleicht manipuliert er auch unsere Gefühle. Immer löst er Assoziationen aus. Die Geschichte hinter der Fassade, die im Vorfeld womöglich geführten Diskussionen, Alternativen, geschlossenen Kompromisse, Hoffnungen, Erwartungen, Befürchtungen, die vor der Realisierung damit verbunden gewesen sein mögen, vermittelt eine Fassade nicht, sobald sie einmal realisiert ist.

In der Zeitschrift Arch+ schrieb der Kunsthistoriker Adrian von Buttlar im Dezember 2020 angesichts des fertiggestellten Humboldt Forums, ihn überkomme ein »kafkaeskes Unwohlsein« darüber, »dass der von Anbeginn höchst umstrittene Gegenbau zur einstigen politischen Hoheitsmitte der DDR letztlich wie ein UFO in unserer zunehmend verunsicherten Gegenwart gelandet ist: Nach wie vor steht die alte rhetorische Frage im Raum: Was ist das eigentlich? Wer spricht hier mit wem auf welche Weise und über was?«

Auf den folgenden Seiten geht es um Botschaften: um Botschaften, denen wir ausgesetzt sind; um Botschaften, die ausgesandt werden wollen, und solche, die ausgesandt werden sollen; aber auch um Botschaften, die ausgesandt werden, obwohl das womöglich niemand beabsichtigt hat; um Botschaften, die sich hinter dem, was Menschen tun, bisweilen verbergen; auch um Botschaften, die Menschen hinter dem, was sie sehen, vermuten. Dieser Essay ist ein Versuch über eine Fassade. Es ist nicht die Analyse eines Architekturkritikers, auch nicht das Ergebnis von Forschungen eines Historikers, es sind eher die Gedanken eines Flaneurs, der sich einem Neubau in der Mitte der deutschen Hauptstadt annähert, der durch seine Erscheinung behauptet, etwas anderes zu sein als das, was er ist. Denn das ist die erste Botschaft, die dieser Bau aussendet, wenn man ihm unvoreingenommen begegnet. Und das bleibt irritierend.

Wirklich Neues ist von einer solchen Annäherung nicht zu erwarten. Wohl über keine Baustelle in Deutschland ist in den vergangenen drei Jahrzehnten so viel gestritten, berichtet, gesprochen und geschrieben worden wie über die, an deren Ende die Enthüllung der zur Debatte stehenden Fassade stand. Aber gerade weil sich dieser Vorgang über einen so langen Zeitraum erstreckt hat, wobei manches vielleicht in Vergessenheit geraten ist, manches womöglich auch in Vergessenheit geraten sollte, lohnt es sich, den Blick noch einmal auf einige der neuralgischen Momente der Debatten, auf ihre Geschichte, ihre Dynamik und ihre Ergebnisse zu lenken. Sind sie einmal vollendet, wird die Geschichte hinter den Gebäuden ja meistens schnell vergessen zugunsten der Botschaften, die sie dann in die Stadt und in die Welt senden. In diesem Fall sind die Diskussion um die Fassade und die Geschichte ihrer Entstehung aber ein wichtiger Bestandteil des realisierten Ergebnisses. Sie gehören zur Botschaft der Fassade und damit des Gebäudes, das diese Fassade abschließt. Vielleicht sind diese Diskussion und diese Geschichte, genau besehen, die eigentliche Botschaft – zumal die Botschaft, die diese Fassade ursprünglich aussenden sollte, als sie das erste Mal errichtet wurde, wohl niemand ernsthaft wiederholt sehen will. Oder etwa doch?

Es soll im Folgenden ausschließlich die Fassade befragt werden, nicht die Institution, die sich hinter ihr formiert, das sogenannte Humboldt Forum, das ein Konzept exekutiert, das nach anhaltenden Diskussionen für diesen monumentalen Kulturort beschlossen wurde, ein modernes Museum für die außereuropäischen Kulturen. Die Geschichte des Berliner Schlosses, das an der entsprechenden Stelle einmal stand, sowie der Institution Humboldt Forum, die an die Stelle dieses Schlosses gesetzt wurde, hat der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, einer der Gründungsintendanten eben jenes Humboldt Forums, im Jahr 2019 in einem bilanzierenden Vortrag vor dem Posener kunsthistorischen Institut nachgezeichnet (pressto.amu.edu.pl). Die Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss publiziert zudem auf ihrer Website vielerlei Texte rund um das Gebäude und die Institution. Unabhängig von diesen Darstellungen und den vielfältigen Debatten, ist Gegenstand der folgenden Überlegungen also nicht die Institution, die hier im Werden begriffen ist, sondern lediglich die Fassade, hinter der sich zu verbergen schon ihr Schicksal war, bevor die Idee eines Humboldt Forums überhaupt formuliert wurde.

Von Anfang an war in der Diskussion um die Fassade der ehemaligen Hohenzollern-Residenz bemängelt worden, dass deren Realisierung vollkommen unabhängig von der Nutzung eines hinter ihr entstehenden Gebäudes gefordert, forciert, schließlich erstritten wurde. Für die ursprüngliche Nutzung des Gebäudes, Herrschaftsresidenz der Dynastie der Hohenzollern erst als kurfürstliches, dann als königliches, schließlich als Kaiserschloss, bestand ja offenbar kein Bedarf. Zur Eröffnung des Humboldt Forums im Dezember 2020 erinnerte der Tagesspiegel an das Befremden zweier mächtiger Berliner Kulturmanager jener Zeit, in der ein Aufbau der Fassade diskutiert wurde, die beide qua Amt in die Entscheidungen involviert waren:

»Noch 2016 stellte, im Nachhinein, Peter-Klaus Schuster, von 1999 bis 2008 Generaldirektor der Staatlichen Museen Berlins, im Blick auf die Fassadenbefürworter irritiert fest: ›Keiner der Befürworter entwickelte eine überzeugende Idee, zu welchem Zwecke das von so vielen gewünschte Schloss wieder aufgebaut werden sollte (…)‹ Und Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, wunderte sich: ›Niemand fragte nach dem Zweck, vielleicht ein Hotel, eine Shopping-Mall, ein Konferenzgebäude (…) es war eine hilflose Diskussion, ohne Bezug zur historischen Dimension.‹« (Gerd Appenzeller im Tagesspiegel am 1.12.2020)

Die konsequente Trennung von Fassade und Gebäude mag ungewöhnlich erscheinen, ist aber im vorliegenden Fall Teil des Programms und führt auf die Spur der Besonderheiten dieses Bauprojekts und seiner Geschichte. Der Standort, an dem es erst erträumt, dann debattiert, dann entworfen, schließlich realisiert wurde, ist offenbar mit derart komplexen und widerstreitenden Botschaften aufgeladen, Projektionsfläche für so viele, so unterschiedliche Visionen, dass das Ergebnis ein Kompromiss geworden ist, den manche feiern, eben weil es ein Kompromiss ist, und der andere aus demselben Grund verstört oder auch empört. Denn die Botschaft, die von diesem Kompromiss ausgeht, variiert extrem, je nachdem wer die Empfängerin ist oder der Empfänger. Wie diese Botschaft ausfällt, hat nicht nur damit zu tun, welche gesellschaftlichen, politischen, weltanschaulichen Positionen eine oder einer vertritt, sondern auch damit, was und wie viel man über die Geschichte der Fassade weiß. Deswegen lohnt sich ein Blick zurück in die Zeit, in der diese Fassade von einer einflussreichen Gruppe offenbar als die angemessene Antwort auf eine historische, gesellschaftliche und städtebauliche Herausforderung für die Zukunft erschien: die Gestaltung der Mitte der gerade erst wiedervereinigten Hauptstadt des gerade erst vereinigten Deutschland.

Im Folgenden geht es um die Rekonstruktion einer Fassade als Rekonstruktion der Idee, die sie verkörpern soll. Es geht nicht um Polemik. Aber es geht schon um die Frage, was die treibende Kraft war und woraus sich die enorme Sicherheit, das überbordende Selbstbewusstsein und die Entschiedenheit der Beteiligten speiste, die dieses Projekt einer gigantischen Projektionsfläche als neuer Mitte einer wiedervereinigten Stadt vorangetrieben haben. Seine Rechtfertigung bezieht das Projekt nun daraus, dass es realisiert worden ist. Das heißt aber keineswegs, dass die Entscheidungen, die zu seiner Realisierung geführt haben, alle zwingend waren oder einleuchtend sein müssten oder auch nur für alle heute noch nachvollziehbar. Mit diesem Gebäude und dieser Fassade wurde künftigen Generationen eine andere als diese Gestaltung von Berlins Stadtmitte buchstäblich verbaut, sehenden Auges, denn auf diesen Aspekt des Projekts ist in der damaligen Diskussion immer wieder hingewiesen worden. Aber ganz offenbar war das das Ziel: eine Botschaft, die sich aus der Vergangenheit speist, soll in die Zukunft transportiert werden.

Ich bin kein Kunsthistoriker. Ich bin Historiker und Philologe. Daraus folgt ein Unterschied in der Betrachtungsweise der Dinge, schematisch gesprochen. Naturgemäß gibt es ungezählte Grenzgängerinnen und Grenzgänger, die eine solche Unterscheidung in der Praxis obsolet machen. Aber sie kann vielleicht helfen, unterschiedliche Herangehensweisen zu charakterisieren. Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker nehmen demnach in der Regel die Objekte in den Blick, die sie zunächst analysieren, an und für sich betrachten und dann, mehr oder weniger weit zurücktretend, in Zusammenhänge einordnen. Sie sind im Interesse der Erkenntnis Objektfetischistinnen und Objektfetischisten, deswegen erreichen sie im Umgang mit den Objekten oft eine enorme Tiefe und finden über die Objekte viel heraus, im doppelten Sinne: über das jeweilige Objekt als Gegenstand, aber auch weit über das Objekt hinausgehend über die Welt. Philologinnen und Philologen dagegen denken in Strukturen, in die sie Objekte, Ereignisse, aber auch Ideen einordnen. Das kann eine Sprache sein, ein Text, aber auch ein anderer Zusammenhang, eine andere Struktur, eine Stadt zum Beispiel, eine Gesellschaft, die Geschichte. Sie sind eher Strukturalistinnen, Strukturalisten als objektorientiert. Das einzelne Bild, im konkreten Fall die Fassade der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss (so der offizielle Name der Institution), entwickelt sein Potenzial als Untersuchungsgegenstand für philologisch geschulte Betrachterinnen und Betrachter erst als Teil von Zusammenhängen, also zum Beispiel als Moment in der Geschichte seiner Entstehung, als Baustein einer Mystifizierung, als politische Metapher, im Kontext der sich wandelnden Stadt oder der sich verändernden politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse oder auch als Projektionsfläche einer Illusion.

Nation und Nationalismus

La grande illusion. Die große Illusion. So hat der französische Regisseur Jean Renoir einen legendären Antikriegsfilm genannt, der, 1937 – also kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs – gedreht, eine Geschichte aus einer Epoche erzählt, die offensichtlich damals schon als längst untergegangen wahrgenommen wurde: die Zeit des Ersten Weltkriegs. Die Protagonistinnen und Protagonisten geben sich der Illusion hin, dass bald Frieden sei, vielleicht ja sogar dauerhaft.

Die große Illusion. So hat der bereits zitierte Historiker Eckart Conze eine Interpretation des Friedens von Versailles genannt, das Ende jenes Ersten Weltkriegs, der den Rahmen für die Handlung von Jean Renoirs Film liefert und der auch das Ende des deutschen Kaiserreichs bedeutete. Conzes Buch trägt den Untertitel Versailles 1919 und die Neuordnung der Welt. Es erschien 100 Jahre nach der für das 20. Jahrhundert so folgenreichen Proklamation eines Friedens im Spiegelsaal von Versailles, der Deutschland betreffende unter den sogenannten Pariser Vorortfrieden, die den Abschluss einer großen internationalen Konferenz in Paris markierten. Deren Protagonisten, und die wenigen Protagonistinnen (tatsächlich hatte die internationale Frauenwahlrechtsbewegung Delegierte nach Paris geschickt, um ihr Anliegen voranzubringen), gaben sich der Illusion hin, es sei möglich, aus widerstreitenden nationalen Interessen eine stabile internationale Ordnung zu schaffen.

Die Verkündung der Friedensbedingungen für das vernichtend geschlagene Deutschland ausgerechnet im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles bezog sich in einem Gestus triumphaler Revanche auf die Deklaration eines deutschen Nationalstaates an eben diesem Ort am 18. Januar 1871. Ein berühmtes Gemälde, das der Historienmaler Anton von Werner für den größten Saal im Berliner Schloss, den legendären Weißen Saal, auftragsgemäß anfertigte, hat die Szene in idealisierter Form festgehalten. Es ist zur Ikone des Ursprungs eines deutschen Nationalstaats geworden, der auf Betreiben und unter Führung Preußens entstand. Die Protagonisten gaben sich der Illusion hin, eine geeinte Nation könnte den Deutschen mehr Reichtum, mehr Einfluss und Macht, mehr Wohlstand, irgendwann – damit hatten sie es nicht ganz so eilig – vielleicht auch Frieden und ein gutes Leben unter den Bedingungen einer Moderne garantieren, deren umwälzende Veränderungen gerade spürbar zu werden begannen. Das Deutsche Reich, dessen Gründung Anton von Werners monumentales (4,34 mal 7,32 Meter) Gemälde im Berliner Schloss zelebrierte, sollte es nicht lang geben. Aus einem Krieg, dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71, war es hervorgegangen, in einem Krieg ging es auch zugrunde: 1918, am Ende jenes Kriegs, in dem Jean Renoirs La grande illusion spielt, war schon wieder Schluss mit dem Versuch, an das Heilige Römische Reich Deutscher Nation anzuknüpfen. Während Jean Renoir seinen Film schrieb und drehte, tobte innerhalb der deutschen Grenzen aufs Allerschlimmste gerade der sogenannte dritte Versuch.

Die erste und vordringlichste Botschaft der Fassade, um die es hier geht, ist die Aufforderung zu einem Blick in die Vergangenheit des Orts, an dem sie wiedererrichtet wurde, und des Gebäudes, zu dem sie früher gehörte. Es war das Residenzschloss der Könige von Preußen, nach der Einigung Deutschlands zum Nationalstaat 1871 der deutschen Kaiser.

Auch der Einigung zu einem deutschen Nationalstaat hat der Historiker Eckart Conze ein Buch gewidmet. Es erschien im Herbst 2020 mit Blick auf die 150. Wiederkehr der Reichsgründung im Januar 2021. Conze gab ihm den Titel Schatten des Kaiserreichs. Die Reichsgründung von 1871 und ihr schwieriges Erbe. Es schildert den Vorgang der Einigung Deutschlands und verfolgt die Debatten, die diese Einigung im Lauf der folgenden eineinhalb Jahrhunderte auslöste, geprägt von den und manchmal auch prägend für die politischen und gesellschaftlichen Fragen, die die Zeit jeweils bewegten. Dabei wird deutlich, dass diese Einigung, also die Einigung zum deutschen Kaiserreich in der Form, in der es nach 1871 real existierte, als »Kriegsgeburt«, als kleindeutsche Lösung (also ohne Österreich), als Revolution von oben, unter der Dominanz Preußens, gegen den Willen vieler Beteiligter (vor allem der süddeutschen Staaten), unter Ausschluss jedweder parlamentarischen Beteiligung, schließlich als autoritärer Zentralstaat alles andere als »alternativlos« war. Der Begriff, den Bundeskanzlerin Angela Merkel im Zusammenhang mit der Euro-Rettungs-Krise zur seither viel zitierten Chiffre dafür machte, dass es bisweilen unnötig sei, politisches Handeln logisch zu erklären und nachvollziehbar zu begründen (was bei der Namensfindung für eine rechte Fundamentalopposition, die Alternative für Deutschland, eine Rolle gespielt haben dürfte), fällt nicht nur bei Eckart Conze, sondern auch in anderen Darstellungen der Ereignisse von 1871, etwa in Christoph Jahrs ebenfalls im Herbst 2020 erschienenen Buch Blut und Eisen, dessen Untertitel die Rolle Preußens für die Reichseinigung von 1871 so fasst: Wie Preußen Deutschland erzwang. So anachronistisch die Anwendung des Begriffs alternativlos in seiner politischen Bedeutung von 2010 auf die komplexen politischen Verhältnisse im Europa des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist, so kommt sie doch nicht von ungefähr: Hat doch eine nationalistische Geschichtsschreibung viel darangesetzt, das Gegenteil zu behaupten, also darzulegen, dass die Einigung Deutschlands unter der strammen Führung Preußens immer das Ziel der Geschichte gewesen sei – mithin also eben doch alternativlos.


Anton von Werner, Die Proklamation des deutschen Kaiserreichs. Fassung für das Berliner Schloss, enthüllt am 22. März 1877.

Öl auf Leinwand, 4,34 × 7,32 m, Kriegsverlust; nur als Schwarz-Weiß-Fotografie erhalten.

Eckart Conze erzählt die Geschichte der Einigung Deutschlands zum Kaiserreich nicht nur um ihrer selbst, sondern vor allem um der Konsequenzen willen, die sich aus ihr ergeben haben. Dabei hat er mit seinem Buch, das er eine »geschichtspolitische Intervention« nennt, eine Debatte innerhalb seiner Zunft ausgelöst, die auch in den Feuilletons ausgetragen wurde. Einerseits hatte das mit dem Jahrestag zu tun, der 150. Wiederkehr der Reichsgründung, die nicht zuletzt wegen Anton von Werners stets im Bildgedächtnis der Deutschen präsenten Gemälde immer gleich ein Bild erzeugt und damit verbunden Emotionen. Der lebhafte Streit um Conzes »Intervention« ist aber auch eine Folge davon, dass sich über eine intensive, zum Teil auch öffentlich diskutierte Beschäftigung mit dem 19. Jahrhundert, ein neues, differenziertes Bild des deutschen Kaiserreichs, des ersten Nationalstaats der Deutschen, ergeben hatte, immer wieder angeregt durch Jahrestage (etwa 100 Jahre Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 2014 oder 100 Jahre Frieden von Versailles im Jahr 2018, aber auch der 200. Geburtstag Otto von Bismarcks, des wichtigsten und umstrittensten deutschen Politikers im 19. Jahrhundert, ohne den es das deutsche Kaiserreich zu diesem Zeitpunkt und in dieser Form nicht gegeben hätte, im Jahr 2015).

Eckart Conze macht im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts in dem seit 1990 wieder zum Nationalstaat vereinten Deutschland eine »Renationalisierung, ja einen neuen Nationalismus« aus, »der außenpolitische Bindungen, nicht zuletzt in Europa, infrage stellt und innenpolitisch und gesellschaftlich einer völkisch bestimmten nationalen Identität das Wort redet«. Der Historiker spricht von »Dynamiken der Renationalisierung« und resümiert: »Unkritisch und offensiv bekennt sich ein neuer Nationalismus zur preußisch-deutschen Nationalgeschichte und stellt die Berliner Republik in ihre schwarz-weiß-rote Tradition.«

In verschiedenen Repliken wurde Conze vorgeworfen, die neuen Forschungsergebnisse zum 19. Jahrhundert nicht genügend zu würdigen und einseitig auf die »Schatten des Kaiserreichs« zu verweisen, ohne die gesellschaftlichen Fortschritte jener Epoche ausreichend zu berücksichtigen. So befand die Historikerin Birgit Aschmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung:

»Conzes Bild des Kaiserreichs folgt einer historiographischen Pendelbewegung, auf die er selbst eingeht. Hatte die deutsche Geschichtsschreibung bis in die fünfziger Jahre hinein ein weithin positives Bild der Jahre zwischen 1871 und 1914 gepflegt, das sich vom Nationalsozialismus und der ungeliebten Weimarer Zeit abhob, kehrte sich seit den sechziger Jahren mit den Thesen des Hamburger Historikers Fritz Fischer und der ›Bielefelder Schule‹ die Blickrichtung um. Fortan galten auch und gerade die gesellschaftlichen Strukturen des Kaiserreichs als ursächlich für den Ersten Weltkrieg und den Nationalsozialismus. In umfangreichen Forschungsprojekten versuchten Historiker nun, die Deformation des kaiserzeitlichen Bürgertums als Ursache der Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts dingfest zu machen. Letztlich aber scheiterte dieses Vorhaben, erwiesen sich doch das Kaiserreich als weniger undemokratisch und der Westen als weniger vorbildlich als gedacht. Fortan konzentrierte sich die Erklärung des Nationalsozialismus, erst recht des Holocausts, auf den Ersten Weltkrieg und Weimar, während die vom politisch-moralischen Erklärungszwang befreite Historiographie des neunzehnten Jahrhunderts ein vielschichtigeres Bild der deutschen Gesellschaft und Kultur entwickelte.« (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9.1.2021)

Birgit Aschmann wirft Eckart Conze vor, »aus purer Abwehrhaltung veraltete Bilder vom Kaiserreich einzufrieren. Natürlich gab es die ›Schatten des Kaiserreichs‹, also Militarismus, Nationalismus und Obrigkeitsstaat. Aber erst in Kombination mit der breiten kultur- und politikgeschichtlichen Forschung, die die gegenläufigen Phänomene von Pluralisierung, Demokratisierung, Rationalisierung und Emotionalisierung in Politik und Gesellschaft betont, ergibt sich ein ›vollständiges‹ Bild jener Epoche.«

In der Wochenzeitung DIE ZEIT konstatierte die Historikerin Hedwig Richter in einer »Replik auf Eckart Conze«: »Das Kaiserreich war moderner, als seine Kritiker glauben.« Sie meint: »Die Diskussion, die (Conze) angestoßen hat, kreist letztlich um die Frage: Darf man der deutschen Öffentlichkeit neuere Erkenntnisse über das Kaiserreich zumuten, die ein komplexeres Bild zeichnen? Oder relativiert das die deutsche Schuld am Nationalsozialismus?« Und: »Zweifellos: Militarismus, Antisemitismus und Kolonialismus prägten das Kaiserreich. Doch sie lassen sich erst angemessen analysieren, wenn man sie als globale Phänomene begreift.« Schließlich meint Hedwig Richter: »Die Deutschen erlebten damals, wie die US-Historikerin Margaret Anderson schreibt, ›Lehrjahre der Demokratie‹ (und nicht nur den Aufstieg völkischer Bewegungen). Das Parlament entwickelte sich gegen das Toben des oft verspotteten Kaisers zu einer maßgeblichen Instanz.« (DIE ZEIT, 20.1.2021)

Auf Deutschlandfunk Kultur kommentierte dagegen die Historikerin Christina Morina: »Ich glaube, in dem Bereich sind sich auch die Historikerinnen und Historiker inzwischen einig, dass das eine Epoche war, die zur Vorgeschichte des heutigen Deutschlands gehört, die aber sehr kritisch gesehen wird, die als Machtstaat, als autoritärer Machtstaat eben keine Traditionslinie ist, in die wir uns heute bewusst stellen, sondern eine Epoche, die Gott sei Dank überwunden ist. (…) Es gibt starke Demokratiebewegungen, die nicht wegen oder mit dem System des Kaiserreichs, sondern trotz dieses autoritär verfassten, dieser konstitutionellen Monarchie gewachsen sind, die selbstverständlich zu unserer demokratiegeschichtlichen Tradition gehören – da ist die Sozialdemokratie ganz vorne zu nennen, aber selbstverständlich auch die Frauenbewegung und andere liberale und liberaldemokratische Vereinigungen. (…) Ich weiß nur nicht, was Sinn und Zweck einer Diskussion ist, die versucht, daraus Bezugspunkte zu holen. Denn insgesamt glaube ich, in der Gesamtbewertung ist es eben ein Staat, der die Demokratie nicht als Ideal vertrat, sondern sozusagen als Zugeständnis ermöglichte, wenn es passte.«

Außerdem findet auch Christina Morina: »Zur Geschichte der Bundesrepublik gehört immer auch ihre Herausforderung von rechter, nationalistischer Seite. Das ist etwas, was gerade in letzter Zeit – deshalb ist eben, glaube ich, die Diskussion um die Relevanz der Reichsgründung und des ersten deutschen Nationalstaates heute auch wichtig –, was in letzter Zeit eben auch wieder stark zunimmt und inzwischen in der AfD auch eine parlamentarische Repräsentation hat, die es in der Geschichte der Bundesrepublik niemals zuvor gegeben hat.«

In der Süddeutschen Zeitung wunderte sich der in Cambridge forschende Historiker Oliver F. R. Haardt, »mit welcher Emotionalität die Debatte über 150 Jahre Kaiserreich hierzulande unter Historikerinnen und Historikern geführt wird. Denn das ist längst nicht bei jedem wichtigen historischen Jubiläum in Deutschland so. Die Diskussion zur 500-Jahr-Feier der Reformation war beispielsweise deutlich nüchterner. Das Kaiserreich scheint dagegen nach wie vor einen besonderen Nerv in der Zunft zu treffen.« (Süddeutsche Zeitung, 3.2.2021)

Ebenfalls in der Süddeutschen Zeitung schob Joachim Käppner unter dem Titel »Des Kaisers alte Kleider« nach: »Das wilhelminische Reich war nicht besser als sein Ruf. Im Gegenteil.« (Süddeutsche Zeitung, 17.3.2021)

Es mutet schon ein wenig bizarr an, dass eine solche leidenschaftliche Debatte unter Historikerinnen und Historikern über die Interpretation des deutschen Kaiserreichs mit ihren unmittelbaren Bezügen in unsere Gegenwart, zur Politik von heute und zur deutschen Gesellschaft der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts vor der gerade wieder fertiggestellten Fassade des Residenzschlosses der deutschen Kaiser aufglüht. Denn dieses neuerdings wieder so heftig diskutierte, umstrittene, vielschichtige, offensichtlich vor allem aber deutungsbedürftige Deutsche Reich spielt notgedrungen eine Rolle, wenn man vor der neuen Illusionsfassade des alten Berliner Schlosses steht.

In dem am Ende eines solchen Buchs üblichen Dank heißt es in Eckart Conzes Schatten des Kaiserreichs: »Dieses Buch, das Geschichte und Gegenwart zu verbinden sucht, gäbe es nicht ohne die Familie Hohenzollern.« Der Autor hat sich als Historiker und als Publizist immer wieder zu dem Konflikt geäußert, der zwischen dem Haus Hohenzollern, vertreten durch dessen Oberhaupt Prinz Georg Friedrich, und Institutionen der Bundesrepublik Deutschland um die Restitutionsansprüche der Familie entbrannt ist. Es ist, wie schon erwähnt, zumindest auf den ersten Blick und rein juristisch betrachtet, eine Konsequenz aus dem Einigungsvertrag von 1991. Es ist aber darüber hinaus auch eine sehr späte Auseinandersetzung der Demokratie mit ihrem monarchisch-monarchistischen Erbe. Als gäbe es da noch etwas zu klären. Aber – vielleicht gibt es da ja auch noch etwas zu klären? So wie Menschen, die ihre Pubertät nicht ausgelebt haben, mitunter später Dinge tun, die sie besser in jugendlichem Alter getan hätten, was aber, aus welchen Gründen auch immer, unterblieben ist. Hat die Bundesrepublik Deutschland, die zu Recht stolz ist auf ihre weltweit als vorbildlich wahrgenommene Demokratie, etwa ein ungeklärtes Verhältnis zur Monarchie? Steht dahinter gar die mehr oder weniger ausgesprochene Sehnsucht von Bewohnerinnen und Bewohnern eines in vielerlei Hinsicht ausgeklügelt demokratisch austarierten Föderationsstaatswesens nach einer zentralen Instanz, die entscheidet – und zwar qua Amt und Aura? Ist also auch diese Debatte womöglich nicht ein überfälliger juristischer Akt der Entschädigung, sondern auch »schwieriges Erbe«? Länder wie Frankreich oder Österreich haben den Bruch der demokratischen mit der monarchischen Tradition sehr viel klarer markiert als die deutsche Republik nach dem Ersten Weltkrieg. Muss man das ausgesprochen ausgeprägte Selbstbewusstsein der Hohenzollern gegenüber der Republik und das nicht ganz so ausgeprägte Selbstbewusstsein in umgekehrter Richtung womöglich in einem größeren Zusammenhang sehen, eine Entwicklung, die der Literaturwissenschaftler, Publizist und Professor emeritus der Stanford University Hans Ulrich Gumbrecht Ende 2020 in die Frage gemünzt hat: »Wie sollen wir Mitglieder der gebildeten Elite reagieren, falls sich herausstellen sollte, dass einer Mehrheit unserer Mitbürger bestimmte Formen sozialen und politischen Zusammenlebens vorschweben, die wir nicht mit gutem Gewissen als ›demokratisch‹ ansehen können?« (Süddeutsche Zeitung, 19.12.2020)

Seinen auf den ersten Blick provokant wirkenden Dank an die Familie Hohenzollern am Ende seines Buchs erklärt Eckart Conze folgendermaßen: »Die kontroverse öffentliche Diskussion über die Entschädigungsansprüche der Familie hat den letzten Anstoß gegeben. Es ist der Blick eines Zeithistorikers auf das Kaiserreich, geleitet von der Frage, welche Bedeutung der Nationalstaat von 1871 für die historische und politische Selbstverständigung der Deutschen nach 1945 hatte und bis heute hat.«

Vor allem zwei Debatten erscheinen Conze in diesem Zusammenhang alarmierend: die erwähnte um Restitutionsansprüche der Familie Hohenzollern und jene um den Bestseller Die Schlafwandler. Wie Europa in den ersten Weltkrieg zog des australischen Historikers Christopher Clark aus dem Jahr 2013, den viele als Plädoyer für eine deutsche »Kriegsunschuld« (Conze) gelesen haben, in Absetzung von einer in den vorangegangenen Jahrzehnten immer wieder von der Geschichtswissenschaft konstatierten »Kriegsschuld« Deutschlands – eine wichtige Voraussetzung für eine Geschichtsrevision, in der der deutsche Nationalstaat in einem deutlich freundlicheren Licht dastehen könnte, als er es nach 1945 weithin tat.

»Das Kaiserreich«, kolportiert Conze die Clark-Debatten von 2014, »werde in ein schlechtes Licht gerückt, es werde als autoritär und aggressiv charakterisiert, um das Deutschland des 21. Jahrhunderts zu treffen und es an einer selbstbewussten nationalen Politik zu hindern. Die 2017 erstmals in den Bundestag gewählte AfD plädiert für eine Außenpolitik, die sich an Bismarck orientiert, und beklagt in einem Parlamentsantrag, dass die ›gewinnbringenden Seiten der deutschen Kolonialzeit erinnerungspolitisch keinen Niederschlag finden‹. Zugleich wird darüber gestritten, ob der deutsche Völkermord an den Herero und Nama in den Jahren 1904 bis 1908 Entschädigungsleistungen rechtfertigt. Auch der Umgang mit Kunst und Kultur aus kolonialen Kontexten ist umstritten. Das zeigt nicht zuletzt die Diskussion über das im wiedererrichteten Berliner Stadtschloss der Hohenzollern beheimatete Humboldt Forum und seine Ausstellung.«

Hier begegneten sich zum Zeitpunkt der Eröffnung des Berliner Humboldt Forums Ende 2020 zwei Debatten, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben wollten: die Debatte um die Ausstellung innerhalb des Gebäudes, also seine Nutzung, und die Debatte um die Fassade. Während beide Debatten neu belebt wurden und dabei an Profil und Schärfe gewannen, wuchs jene in Sandstein gemeißelte Projektionsfläche aus dem Kellergeschoss der deutschpreußischen Vergangenheit in die Höhe, von der hier die Rede sein soll.

Dass die erwähnten Debatten also vor der just in diesem Moment fertiggestellten Hohenzollern-Schloss-Fassade stattfinden, mag man einen Zufall nennen. Aber die Geschichte kennt die Kategorie des Zufalls nicht. Gleichzeitigkeiten kann man feststellen, oder man kann sie ignorieren – was sich am schnellsten und einfachsten, vor allem aber unter Vermeidung jeglichen argumentativen Aufwands erledigen lässt, indem man die Kategorie des Zufalls bemüht, dessen wesentliche Aufgabe ja gerade darin besteht, Zusammenhänge zu leugnen. Und dass man in diesem Fall die Debatte um die Funktion eines Gebäudes (und seine Botschaften) und die Debatte um seine Fassade (und deren Botschaften) voneinander trennen kann und sogar trennen soll, ist eine Besonderheit dieses Baus und der eigentliche Gegenstand dieses Essays.

Unmittelbar nach der in fast jeglicher Hinsicht – außer im Ergebnis eines geeinten Staates – vollkommen anders gearteten, neuerlichen Einigung zu einem zweiten deutschen Nationalstaat im Jahr 1990 kam in konservativen Kreisen der Gedanke auf, das im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigte, nach Kriegsende notdürftig reparierte und dann im Jahr 1950 im Auftrag von Walter Ulbricht gesprengte Berliner Schloss (nicht Stadtschloss) wieder aufzubauen. Die Idee war auch zu DDR-Zeiten schon ventiliert worden, damals allerdings mit wenig Hoffnung auf Realisierung. Der Fall der Mauer und die schnell folgende Einigung änderten diese Lage und gaben dem Traum von einem neuen Hohenzollern-Schloss inmitten einer neuen demokratischen Hauptstadt Auftrieb. Die Vereinigung war das Momentum, das die Protagonistinnen und Protagonisten eines Schloss-Neubaus für sich nutzen zu können meinten. Sie gaben sich der Illusion hin, auf diesem Weg architektonisch eine Wunde heilen zu können, die die unheilvolle Dynamik der Geschichte des 1871 gegründeten deutschen Reichs und ihre schwerwiegenden Konsequenzen der deutschen Nationalseele zugefügt hatten, tiefe narzisstische Kränkungen, die mit einer historisierenden Fassade natürlich so wenig geheilt werden können wie ein Bruch mit einem Pflaster. Aber, um im medizinischen Bild zu bleiben: Eine Prothese sollte die Amputation vergessen machen. So sehen es die Kritikerinnen und Kritiker. Die Befürworterinnen und Befürworter einer Schlossfassadenrekonstruktion halten die Operation offenbar für gelungen. Wobei noch nicht ganz geklärt ist, wie es dem Patienten geht. Genau besehen, gibt es zwei Patienten: die Institution Humboldt Forum, die sich hinter dieser Fassade formiert, und die Stadt.

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