Kitabı oku: «Westfalengau»

Yazı tipi:

Hans W. Cramer

Westfalengau

Kriminalroman


Zum Buch

Drama in Westfalen Der 90. Geburtstag von Sabines Großmutter steht an. In der ländlichen Idylle am äußersten Rand des Dortmunder Nordens sind alle eingeladen. Ein fröhliches Fest beginnt. Doch die friedliche Atmosphäre trügt. Am nächsten Morgen ist das Geburtstagskind spurlos verschwunden. Die entsetzte Sabine recherchiert mit Hilfe ihrer Freunde Raster, Philo und Susanne. Es scheint, als drehe sich alles um ein verschwundenes Gemälde, das Sabines Urgroßvater gehört hat. Aber keiner weiß, um welches Bild es sich handelt. Furchtbare Dinge passieren. Die vier kommen mit ihren Ermittlungen keinen Schritt weiter. Fast ein Jahr später tauchen neue Hinweise auf. Aber wer ist der fremde Engländer, der ihnen seine Hilfe anbietet? Spielt das Deutsche Fußballmuseum in Dortmund eine wichtige Rolle? Und dann wird auch noch Sabine entführt. Schnell wird ihr klar, dass sie nicht lebend aus der Sache herauskommen wird …

Hans W. Cramer wurde im Bergischen Land geboren. Bereits mit 14 Jahren schrieb er erste Gedichte, Kurzgeschichten und Märchen. Trotz seiner Ausbildung zum Frauenarzt und der Arbeit in eigener Praxis, ließ ihn das Schreiben nie los. Seit 2013 werden seine Kriminalromane erfolgreich veröffentlicht. Mit seiner Familie lebt der Autor am südlichen Rand des Ruhrgebiets.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Johnny / stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-6812-4

Widmung

Für Frank Fischer

Schwager

Freund

Lehrer

Prolog

Dortmund-Hörde, September 1996

Er schrak zusammen, als das Telefon auf seinem Schreibtisch klingelte. So wie jedes Mal in den letzten drei Wochen. Innerhalb von Sekunden zeigten sich feine Schweißperlen auf der Stirn, und sein Herz begann zu rasen.

Es war ein herrlicher Spätsommersamstag. Die Temperaturen hatten am Nachmittag nochmals 23 Grad erreicht, und er hatte es tatsächlich geschafft, mit seiner Frau den Garten soweit in Schuss zu bringen, dass mit einem weiteren Beschnitt Ende Oktober alles winterfest sein würde. Redlich müde von der anstrengenden Arbeit lag sie jetzt sicherlich vor dem Fernseher im Wohnzimmer und war friedlich eingeschlafen.

Bei ihm war an Schlaf nicht zu denken. Seit dem ersten Anruf vor drei Wochen und diesen seltsamen Forderungen eines ihm fremden Mannes wuchs seine Unruhe von Tag zu Tag. Wenn er doch nur wüsste, was der überhaupt wollte. Mit feuchten Händen nahm er das Telefon von der Ladestation und drückte auf die grüne Taste. »Hallo?«

»Sie wissen genau, warum ich anrufe. Und dieser Anruf ist der vorletzte. Ich gebe Ihnen noch eine Chance, mir zu verraten, wo sich das Objekt befindet. Sollten Sie es wirklich nicht wissen – was ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann – kriegen Sie es, verdammt noch mal, raus. Ansonsten wird es Ihrer Frau an den Kragen gehen. Als Nächstes ist Ihre kleine süße Tochter dran und so weiter. Also: keine Spielchen mehr. Ich rufe Sie morgen um dieselbe Zeit erneut an und dann erwarte ich Antworten.«

»Warten Sie! Ich habe von solchen Dingen überhaupt keine Ahnung. Ich bin Arzt, das wissen Sie. Lassen Sie mich und meine Familie bitte in Ruhe. Sie fragen den Falschen! So glauben Sie mir doch endlich!«

Die Leitung war tot.

Zum wiederholten Mal überlegte er, ob er seine Familie oder die Polizei einweihen sollte. Es ging hier ja schließlich um eine massive Bedrohung. Aber seine Frau und seine Tochter würden sich nur ängstigen. Und die Polizei? Was könnte die schon ausrichten? Nein, er musste konsequent bleiben und noch mehr auf seine Familie achten. Es würde schon nichts passieren.

Am Montagmorgen saßen er und seine Frau am Frühstückstisch. Das Telefonat am Vorabend war wie angekündigt verlaufen: Keine Erpressungsversuche mehr, sondern die eiskalte Aussage, er müsse sich auf Konsequenzen einstellen.

Die Tochter war unterwegs zu einer Erstsemesterveranstaltung für Mediziner an der Uni Bochum. Er war stolz, dass seine »Kleine«, wie er sie immer noch nannte, wenn sie nicht anwesend war, in die Fußstapfen des Vaters treten wollte. Wer weiß? Vielleicht würde sie ja eines Tages die Praxis übernehmen? Im Moment war sie dabei, mit zwei Freunden aus Jugendtagen eine WG zu beziehen. Tja, die Kleinen wurden eben flügge. Sie würde ihm fehlen. Es war ihm schon schwergefallen, die anderen Kinder ziehen zu lassen. Aber gerade bei ihr tat es richtig weh. Ihr Verhältnis war mehr als einfach Vater und Tochter. Sie waren gleichzeitig beste Freunde und Kumpels. Er glaubte zu spüren, dass er für seine Tochter außerdem ein großes Vorbild darstellte. Was ihn natürlich auf der einen Seite mächtig stolz machte, auf der anderen Seite verspürte er ein wenig Angst, ob sie nicht zu viel in ihren Vater hineininterpretierte. Unwillkürlich stieß er einen leisen Seufzer aus.

»Was hast du?«, riss ihn seine Frau aus den Gedanken und biss beherzt in ihr Marmeladenbrötchen.

»Ach nichts, ist schon gut«, murmelte er.

»Ich fahr übrigens gleich zu IKEA nach Kamen. Brauchst du irgendetwas?«

Erschrocken wandte er sich seiner Frau zu. »Fährst du allein dahin?«

Überrascht sah sie ihn an. »Natürlich. Wer sollte denn mitkommen. Unsere Kleine ist nicht da, und du wirst ja wohl gleich in die Praxis müssen.« Sie lachte. »Machst du dir etwa Gedanken darüber, wie ich die Sachen ins Auto bekomme? Keine Sorge! Ich will nur ein paar Kleinigkeiten besorgen.«

»Ach, weißt du, ich glaube, ich habe heute Morgen gar nicht so viele Termine. Lass mich schnell anrufen, dann komme ich einfach mit. Was hältst du davon?«

»An einem Montagmorgen? Ich bitte dich! Was sollen denn die Patienten sagen? Sag mal, warum guckst du denn so besorgt? Ist irgendwas, was ich wissen sollte?«

»Nein, nein. Lass mich nur machen!« Damit stand er abrupt auf und verschwand im Arbeitszimmer. Nur wenige Augenblicke später erschien er mit einem strahlenden Grinsen auf dem Gesicht wieder in der Küche. »Alles klar! Ich komme mit«, verkündete er fröhlich. »Ich ziehe mich eben um.«

Nur wer ihn sehr gut kannte, hätte gemerkt, dass dieses Grinsen reichlich gekünstelt wirkte und etwas ganz anderes dahinter steckte. So wie seine Frau, die sich aber nur wunderte und keine Ahnung hatte, was das sein könnte.

Wenige Minuten später saßen sie in ihrem Suzuki Jimny, den sie für solche Einkäufe immer am liebsten nahm. Sie fuhren Richtung Schwerte, wo sie auf die A1 wechseln wollten. Der schnellste Weg nach Kamen, wie sie behauptete, obwohl er fand, dass man so einen Umweg in Kauf nähme. Er wäre über die B1 durch die Stadt gefahren. Vielleicht etwas längere Fahrtzeit, aber der kürzere Weg. Doch sie saß am Steuer und hatte damit das Sagen.

Gerade hatten sie das berühmte Waldlokal Freischütz passiert. Die Hörderstraße führte hier steil hinunter nach Schwerte.

»Schatz, entschuldige! Aber willst du nicht ein wenig langsamer fahren?« Besorgt sah er seiner Frau ins Gesicht, und was er dort zu sehen bekam, war die reine Panik.

»Die Bremsen, die Kupplung! Nichts geht mehr …«

Der blaue Jimny krachte in dem alltäglichen Stau vor der Kreuzung Heidestraße schräg auf einen Lieferwagen, sprang nach links auf die falsche Spur und stieß frontal mit einem Lkw zusammen, der sich den Berg hinaufquälte. Feuer züngelte aus dem Motorblock des kleinen Jeeps, und Sekunden später stand der ganze Wagen in Flammen.

Der Mann und seine Frau hinterließen fünf Kinder. Die Zweitjüngste wurde am frühen Nachmittag von der Polizei informiert und musste anschließend mit einem Schock in die Städtischen Kliniken eingeliefert werden.

1. Teil

Alles, was entsteht,

ist wert, dass es zugrunde geht.


Johann Wolfgang von Goethe

1. Kapitel

Dortmund, Juli, 2019

Ein Stück lauwarmer Apfelkuchen mit einem dicken Schlag Sahne und dem unvergleichlichen Duft nach Zimt, warmen Äpfeln und süßen Rosinen. Das war für sie ihre Großmutter. Dazu kamen 1.000 Erinnerungen an endlose verregnete Spielenachmittage, Reitausflüge auf viel zu breiten Pferderücken, Spaziergänge mit spannenden Erzählungen aus einer Zeit, als es in Deutschland noch Krieg gab, köstliche Rinderrouladen mit Kartoffeln, Erbsen und Möhren, sowie der besten Bratensoße, die jemals gekocht worden war.

Ein breites Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Viel zu lange hatte sie ihre Großmutter nicht mehr besucht, das letzte Mal zu Weihnachten vor über sieben Monaten, und heute wurde sie 90 Jahre alt.

»Sabine! Hast du meine guten Schuhe gesehen?«, schallte es aus Rasters Zimmer.

»Wie wäre es, wenn du mal im Schuhschrank nachschaust?«

»Wir haben einen Schuhschrank?«

Sabine musste lachen. »Ja, du Schlaumeier«, rief sie. »Das ist das vermackelte Ding im Flur, wo du immer deinen Schlüssel draufknallst.«

Wenige Minuten später kam ein unglücklich dreinschauender schlaksiger Mann in Sabines Zimmer. Raster hieß eigentlich Hans Schulz, wurde aber wegen seiner Rastalocken, die er sich als Jugendlicher in der Karibik hatte machen lassen, nur Raster genannt. »Muss ich denn wirklich mit? Ich kenne da doch keinen«, maulte er wie ein kleiner Junge.

»Bist du 40 oder gerade erst 14 geworden?«, fragte Sabine prompt. »Oma freut sich so sehr darauf, endlich meinen Freund kennenzulernen, und außerdem kennst du sehr wohl meine Schwester Hanna und ihre Tochter Klarissa. Was hast du dir da eigentlich angezogen?« Sabine wies mit einer fragenden Geste auf die Erscheinung, die vor ihr stand.

Raster hatte sich in einen viel zu kleinen Anzug gezwängt, der ihm wahrscheinlich zur Konfirmation gepasst hatte. Darunter trug er ein schief geknöpftes, zerknittertes weißes Hemd und eine Krawatte, deren Knoten höchstens einem Seemann alle Ehre gemacht hätte.

»Du brauchst dich für meine Oma nicht so, äh, schick zu machen«, prustete sie. »Mist! Jetzt muss ich meine Wimperntusche neu auftragen«, lachte sie und wischte sich die Tränen aus den Augen. »Nein. Mal im Ernst. Es reicht, wenn du saubere Jeans und ein vernünftiges T-Shirt anziehst. Meine Großmutter steht nicht so auf Konventionen.«

In diesem Augenblick wurde die Wohnungstür geöffnet, und herein kam der dritte Bewohner der Wohngemeinschaft im Dortmunder Kreuzviertel.

»Ach, ihr seid noch da?«, wunderte sich Philo, der in Wirklichkeit Friedrich Sachse hieß, wegen seiner Tätigkeit als Philosophiegeschichtsdozent von den meisten aber nur Philo genannt wurde. »Wie siehst du denn aus?«, fragte er seinen Freund. »Willst du etwa so auf den Geburtstag von Sabines Großmutter gehen?«

»Ist ja schon gut«, maulte Raster. Er hatte als IT-Spezialist und EDV-Nerd in all den Jahren einfach kein Gefühl für Äußerlichkeiten aufbauen können.

Sabine verabschiedete sich ins Badezimmer, um die verwischte Wimperntusche zu erneuern, während sich die beiden Männer in Rasters Zimmer um dessen Garderobe kümmerten.

Mitten in der typischen Aufwärtsbewegung mit der kleinen Bürste hielt Sabine inne und betrachtete ihr Spiegelbild. Was sie sah, gefiel ihr, zumindest äußerlich. Die kleinen Fältchen um Augen und Mund waren für eine 43-Jährige altersentsprechend und eher durch häufiges Lachen denn durch Sorgen entstanden. Und doch war ihr bewusst, dass sie die letzten Jahre gezeichnet hatten. Nicht nur, dass ihre dunkelblonden Haare zunehmend an den Ansätzen grau wurden, was sie noch mit stoischer Gelassenheit zu ignorieren versuchte. Nein, es waren die inneren Risse, die Narben hinterlassen hatten: Eine unglückliche Beziehung einige Jahre zuvor, die sie zutiefst verletzt hatte. Dann die späte Erkenntnis, dass ihre Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit einer überhöhten Verehrung ihres verstorbenen Vaters entsprang, den sie in ihrem Leben zu ersetzen versuchte. Diese Einsicht hatte tiefe Spuren hinterlassen. Denn nach und nach hatte sie begriffen, dass nicht nur ihre Beziehungsprobleme darauf zurückzuführen waren, sondern auch ihre Rastlosigkeit und Unbeständigkeit in ihrem Beruf. Nicht, dass sie als Ärztin unzuverlässig oder gar fahrlässig gewesen wäre. Im Gegenteil: Sabine arbeitete immer höchst professionell und akribisch. Doch die Tatsache, dass sie sich seit ihrer Facharztausbildung zur Internistin und Notfallmedizinerin nicht auf eine Festanstellung in einem Krankenhaus oder den Erwerb einer eigenen Praxis eingelassen hatte, sprach für sie mittlerweile Bände. Freie Jobs auf Rettungswagen der verschiedenen Anbieter in Dortmund, unregelmäßige Arbeitszeiten, immer die Möglichkeit, auch einmal nein sagen zu können, das war über Jahre hinweg ihr Credo gewesen. An sich nicht schlimm, aber mittlerweile war ihr bewusst, dass die Ursache dafür in einer inneren Unzufriedenheit und Fluchttendenzen zu suchen war, und das machte sie traurig.

Der erste feste Job als überqualifizierte ärztliche Krankenpflegerin im letzten Jahr war in einer Katastrophe geendet und hatte sie fast das Leben gekostet.

Sabine seufzte einmal tief, während sie das Bürstchen erneut über ihre Wimpern streichen ließ. Sie sollte sich nicht in Selbstmitleid verlieren. Immerhin war sie seit letztem Jahr mit Raster zusammen, den sie Jahrzehnte kannte und mochte, der für sie aber bis zu den einschneidenden Erlebnissen nur ein guter Freund gewesen war. Sie war glücklich, konstatierte sie für sich selbst. Und auch beruflich bahnte sich eine neue Herausforderung an: Ein niedergelassener Internist aus der Innenstadt hatte sie zu einem Gespräch eingeladen. Er wolle seine Praxis aus Altersgründen verkaufen und hatte von Doktor Sabine Funda als fachlich kompetente Kollegin gehört. Man würde sich in der nächsten Woche einmal zusammensetzen.

Sie beendete ihre gedankenreiche Aufhübschung und trat zeitgleich mit Raster und Philo in den Flur.

»Wollte Susanne nicht auch heute zurückkommen?«, fragte Sabine Philo, der seinem Freund imaginäre Schuppen von der Schulter klopfte.

»Ja, eigentlich schon. Aber die Ärzte in der Reha haben gemeint, dass sie dieses Wochenende noch zur Erholung in Bad Sassendorf bleiben sollte. Am Montag hole ich sie ab.«

Susanne, Philos deutlich jüngere Freundin, war bei den Ereignissen des letzten Jahres schwer verletzt worden und absolvierte gerade ihre zweite Reha-Maßnahme. Ein geistig verwirrter Mehrfachmörder hatte ihr, als er sich in die Enge getrieben fühlte, in den Rücken geschossen. Auch für sie wird sich vieles ändern, dachte Sabine traurig. Als Polizistin schon mit 25 Jahren berufsunfähig zu werden, war ein harter Schlag. Wie es mit ihr weitergehen sollte, stand noch in den Sternen, aber Philo kümmerte sich so rührend um sie, dass Sabine sich keine allzu großen Sorgen machte.

»Können wir?«, fragte sie ihren Freund, der sich offensichtlich in seinem neuen Outfit bestehend aus Jeans, T-Shirt und einfachem Sakko deutlich wohler fühlte.

Eine halbe Stunde später quälten sich Sabine und Raster durch den erwarteten Freitagnachmittagstau am Autobahnkreuz Dortmund-Nordwest.

»Wir hätten vielleicht doch durch die Stadt fahren sollen«, meinte Sabine mehr zu sich selbst als zu Raster.

»Macht doch nichts. So haben wir Zeit für uns.« Er stemmte die Füße auf die vordere Ablage und erntete dafür einen ärgerlichen Blick seiner Freundin, den er geflissentlich ignorierte. »Erzähl mir ein bisschen mehr von deiner Großmutter. Wie ist sie so, was hatte sie für ein Leben, wo wohnt sie überhaupt genau? Wir hatten noch gar keine Gelegenheit dazu«, bat er.

»Ach, ich weiß gar nicht, wo ich da anfangen soll«, meinte Sabine zögerlich. »Für mich war sie halt unglaublich wichtig, nachdem meine Eltern damals bei dem Verkehrsunfall ums Leben gekommen sind. Ich war oft bei ihr, wir haben uns unterhalten, vor allem natürlich über meine Eltern, aber auch Kindheitserinnerungen aufgefrischt. Die Ferien bei meiner Großmutter waren immer das Größte. Sie hat einen großen Gutshof in der Nähe von Holthausen, nördlich von Dortmund-Eving. Ein kleines Dorf mit zwei Kneipen, ein paar Handwerkern und sogar einer Tankstelle. Knapp drei Kilometer außerhalb liegt der Gutshof. Früher, ich glaube seit 1820 oder so, wurde dort intensiv Landwirtschaft betrieben. Durch die beiden Weltkriege ging dann alles den Bach runter, bis mein Urgroßvater den Hof wieder aufgebaut hat. Mittlerweile sind die Stallungen an einen Pferdebesitzer verpachtet, der wiederum zwei Ferienwohnungen vermietet. Der Reitbetrieb geht nach wie vor ganz gut, soweit ich weiß. Früher bin ich auch oft geritten.«

»Gut, das waren alles richtig wichtige Infos«, grinste Raster, »was ich aber eigentlich wissen wollte, war, wie sie so ist. Was ist sie für ein Typ?«

Sabine schwieg eine ganze Weile, während sie sich auf den mittlerweile etwas flüssigeren Verkehr konzentrierte. »Oma ist der beste, klügste und warmherzigste Mensch, den ich kenne«, brach es schließlich aus ihr heraus.

Raster wartete einen Moment, bis er sie fragend anschaute. »Aber?«

»Hast du das Aber tatsächlich gehört? Du bist doch sonst nicht so sensibel. Nein, im Ernst. Da ist nichts. Sowohl als Kind als auch später während des Studiums waren die Zeiten bei Oma immer die Highlights. Das Tolle war, dass ich schon früh mit fünf Jahren ein Nachbarmädchen kennengelernt habe, mit dem ich die wildesten Abenteuer erlebt habe.«

»Was denn für Abenteuer?«, fragte Raster neugierig.

»Na ja. Kleine Katzenbabys versorgen, Ponyreiten, auf Bäume klettern, Äpfel von den Bäumen stibitzen und solche Sachen halt.«

»Ach, diese Abenteuer. Ich verstehe«, meinte Raster und verdrehte die Augen.

Und natürlich gab es ein Aber, dachte Sabine. Doch wie sollte sie ihm davon erzählen, wenn sie es sich selbst nicht erklären konnte.

2. Kapitel

Brighton, Südengland, April 2017

Paul Fisher stand am Fenster der kleinen Wohnung im ersten Stock eines heruntergekommenen Hauses in der Portland Road. Er starrte durch das beschlagene Fenster auf die regennasse Straße, wo nur wenige Passanten, den Pfützen ausweichend, ihrem Ziel entgegen eilten. Wiederholt strich er sich mit beiden Händen über die Arme, um sich etwas Wärme zu verschaffen. Er trug einen dunkelgrauen, kratzigen Wollpullover und feste Bluejeans. Seine Füße steckten in ledernen knöchelhohen Boots. Trotzdem griff ihn die klamme Kälte der Wohnung mehr an, als ihm lieb war. Die meiste Wärme wurde durch den ständig röhrenden alten Kühlschrank produziert, der an einer Wand des nur karg eingerichteten Raumes stand. Außerdem juckte seine Narbe unterhalb des rechten Auges, was immer schon ein schlechtes Zeichen war. Die Narbe hatte er sich bei einer Kneipenschlägerei vor Urzeiten zugezogen. Sie war zwar klein, zog aber das rechte Unterlid ein paar Millimeter Richtung Nase, wodurch diese Gesichtshälfte immer traurig aussah, auch wenn die andere Seite lachte.

Der Coop-Laden gegenüber war mal wieder aus unerfindlichen Gründen geschlossen, stellte Paul in einem weit peripher liegenden Teils seines Gehirns fest, während seine Gedanken woanders ihre Bahnen zogen.

Was konnte er schon dafür, dass er hier gelandet war? An ihm lag es nun wirklich nicht. Es war ihm bewusst, dass er klug genug war, um etwas anderes als das hier, auf die Beine zu stellen. Aber welche Chancen hatte das Leben ihm denn gegeben? Ach was, das Leben; seine Eltern hatten ihm letztendlich das alles eingebrockt. Allen voran sein Vater, der alte Hurenbock. Eines Tages hatte es seiner Mutter gereicht, ständig Beweise für eine neue Schlampe zu finden, die er unbedingt hatte abschleppen müssen. Die Trennung war unvermeidlich. Aber damit hatte das Drama erst so richtig an Fahrt aufgenommen. Er selbst war damals gerade einmal zehn Jahre alt, sein neun Jahre älterer Bruder diente seit Kurzem in der Marine, und so war er dem, was kam, hilflos ausgeliefert. Sein Vater weigerte sich, Unterhalt zu zahlen, sodass die Mutter mit drei Putzjobs die kleine Familie erhalten musste. Die bisherige Wohnung konnte sie trotzdem nicht finanzieren, und so fanden sie sich schon bald in einem Drecksloch von Sozialwohnung in Preston wieder. Hier, im Preston Park, lernte Paul mit 13 seine erste Gang kennen, mit der er kleinere Unternehmungen startete, die am Rande der Legalität lagen. Aber was hätte er denn anderes machen können? Die Mutter wiederholte mantramäßig, dass sie alles tun würde, damit das Geld reiche, und sein Job wäre es, verdammt noch mal, alles dafür zu tun, dass er eine vernünftige Schulausbildung bekäme. Die Schule, ha! Es war einfach alles nur langweilig. Paul hatte schon früh gemerkt, dass der angebotene Stoff für ihn ein Klacks war. Das Wissen, dass er die schulischen Inhalte beherrschen könnte, reichte ihm völlig. Folglich wurden die Noten trotz Ermahnungen der Lehrer und der Mutter immer schlechter, bis er nach der elften Klasse mit einem miserablen Zeugnis die Comprehensive School beendete. Andere Dinge waren eben interessanter und spannender.

Er begann unter massivem Druck seiner Mutter eine Ausbildung in einer Autowerkstatt, wo er seine erste große Liebe traf: Sarah, Tochter seines Chefs und mit einer unersättlichen Lebensfreude ausgestattet. Sie schmiss das Büro der kleinen Werkstatt, pflegte die Kundschaft auf ihre unnachahmliche, charmante Weise, schäkerte und flirtete, wo es nur ging und verdrehte schlichtweg der gesamten Männerwelt die Köpfe. Eines Tages, Paul erinnerte sich noch gut daran, es war der Abend nach seinem 18. Geburtstag, ergab es sich dann, dass Sarah, die Sarah Dickinson, Tochter von Peter Dickinson und Schwarm aller normalfühlenden Männer, ihn, den schmächtigen Paul, zu einem Drink einlud. Danach ging es sehr schnell. Es waren die wunderbarsten Tage in Pauls bisherigem Leben. Vergessen waren die Kumpel im Preston Park, vergessen die kleinen und größeren Gaunereien. Es gab nur noch Sarah. Aber es waren eben auch nur Tage. Wenige. Denn nach genau zwei Wochen war alles vorbei. Ohne Angabe von Gründen wurde Paul von Sarah versetzt, und nur drei Tage später steckte ihm ein Kollege in der Werkstatt, dass sie mit so einem Typen aus der Innenstadt rumhängen würde.

Das war zu viel. Er schmiss die Ausbildung, zog von zu Hause aus und kroch bei seinem Freund Keith unter. Ab diesem Zeitpunkt begann die eigentliche kriminelle Karriere des Paul Fisher. Aber mal ehrlich: Was konnte er denn dafür?

»Werden die Reds es dieses Jahr schaffen? Was meinst du, Paul? Seitdem dieser Klopp Trainer ist, geht es echt spürbar bergauf!«

Jäh aus seinen Gedanken gerissen, drehte sich der Angesprochene seufzend um und betrachtete kopfschüttelnd seine drei Kumpel, die auf den Sofas der zerschlissenen Sitzecke herumlümmelten.

Rechts saß sein alter Freund Keith, ein Bein lässig über die Lehne des Sessels geschwungen. Wie immer cool und abgeklärt, eine halb abgebrannte Kippe im Mund, dünn wie ein Spargel und fast immer grinsend. Er war der Einzige, der aus der Zeit des Preston Parks übriggeblieben war. Genauso alt wie er, waren sie über all die Jahre – Paul dachte kurz nach, es waren tatsächlich schon 21 – unzertrennlich geblieben. Sogar das eine Mal, als Paul für zwei Jahre hatte einfahren müssen, hatten sie zusammen im Gefängnis verbracht.

Mit dem Rücken zu ihm, fragend das Gesicht Paul zugewandt, saß Simon. Ein dunkelhäutiger Typ, gerade einmal 23 Jahre alt, der erst seit wenigen Monaten bei ihnen war. Eigentlich ein ganz cleverer Bursche, wenn er nur nicht so viel reden würde, dachte Paul. Und vor allem fast ausschließlich über Fußball, es war zum Haareraufen.

»Lass Paul in Ruhe, Simon«, antwortete der Vierte im Bunde. »Er hat bestimmt noch wichtige Dinge durchzuspielen, bevor es morgen ernst wird, stimmt’s, Paul?« Ethan war klein, so schmal wie Keith, hatte aber eine ganz andere Körpersprache. Den Rücken immer krumm, machte er sich noch kleiner, als er sowieso schon war. Dazu kamen die fettigen Haare, deren größter Teil schräg auf seiner linken Stirn klebte. Auch die stets abgerissene Kleidung zeigte sein fehlendes Selbstbewusstsein. Wie er vor etwa einem Jahr zu ihrer Gruppe gestoßen war, konnte Paul kaum noch erinnern. Bei einem kleineren Coup war er zufällig da gewesen und hatte ihnen geholfen. Na, hoffen wir das Beste, dachte Paul besorgt. Morgen wird es sich zeigen. »Ist schon gut, Ethan. Lass Simon ruhig quatschen. Mir ist das vollkommen schnuppe, wer dieses Jahr Meister wird. Ich möchte nur, dass alles glatt läuft. Sollen wir noch einmal die einzelnen Schritte durchgehen? Keith?«

»Von mir aus. Dann komm aber her, sonst bekommt Simon eine Genickstarre. Schnapp dir ein Bier und setz dich zu uns.«

Paul tat, wie ihm geheißen. Nach dem ersten Schluck Lagerbier aus der Flasche begann er zum vielleicht 100. Mal, seinen Plan für den kommenden Tag zu erläutern. Eine gute halbe Stunde, einige Nachfragen und entsprechende Antworten später kam Paul zum Schluss. »Also, Leute. Nochmal das Wichtigste zum Mitschreiben. Völlig egal, was ihr in den Kassen vermutet, haltet euch nicht damit auf. Es geht ausschließlich um die Schließfächer. Ist das klar? Ich weiß zwar nicht, was wir dort finden, aber die Wahrscheinlichkeit, dass das wesentlich mehr ist als alles Bargeld, das die da vorrätig haben könnten, ist enorm. Mein Kumpel war da ganz sicher. Und wehe, einer von euch vergisst sein Spezialwerkzeug!«

»Ja, Papa. Wie oft denn noch? Alles klar. Jetzt lasst uns ein paar Bier zischen, und dann geht’s bald in die Falle, okay?«

Widerstrebend nickte Paul. Es musste einfach klappen. Die Chance war einmalig. Es hatte damit begonnen, dass er einige Monate zuvor in einem Pub in Worthing am Tresen auf sein Bier wartete. Warum er an diesem Abend in Worthing war, wusste er nicht mehr. Neben ihm standen zwei Anzugträger, die sich lautstark über ihre Arbeit unterhielten. Offensichtlich Banker, wie Paul dem Inhalt des Gesprächs entnehmen konnte. Er bekam sein Bier und wollte gerade an seinen Tisch zurückgehen, da schnappte er einen Satz auf, der ihn stutzig machte und ihn bewegte, am Tresen stehen zu bleiben.

»Es wird auch höchste Zeit, dass diese alten Fächer ausgetauscht werden. Wann soll das gemacht werden?«, fragte gerade der eine, dessen rotgeränderte Augen von mehr als einem konsumierten Pint Zeugnis gaben.

»Im nächsten Mai. Also ehrlich. Wenn ich etwas Wertvolles einlagern wollte, dann sicherlich nicht bei uns. Der Vertreter der Firma, die die neuen Schließfächer einbauen wird, hat mir gestern erst gezeigt, wie leicht man diese alten Dinger aus den 60er-Jahren aufbekommt.« Es folgte eine detaillierte Beschreibung der notwendigen Werkzeuge und des Verfahrens. Paul wollte seinen Ohren nicht trauen. Was waren das denn für Knalltüten? Wenn ihr Chef wüsste, was die hier in aller Öffentlichkeit breittraten, würden die beiden keinen Job mehr bei irgendeiner Bank in England bekommen. Er folgte dem einen der beiden nach der Sperrstunde zu seinem Haus, notierte den zugehörigen Namen und zwei Tage später wusste er, bei welcher Filiale in Worthing die beiden arbeiteten.

Paul hatte all seine finanziellen Reserven aufgebraucht und sich zwei Reihen der alten Schließfächer sowie vier der Spezialwerkzeuge bauen lassen.

Man musste, so hatte er es verstanden, einen flachen, vorne zu einer Art Haken gebogenen Stahlstab unterhalb eines Faches in den Schlitz einführen, um dann mit einer ruckartigen Bewegung nach rechts und zu sich hin eine Arretierung zu lösen. Wochenlang hatten er und seine drei Kumpel gefummelt, geübt, verbessert und weiter geübt, bis sie schließlich alle das Öffnen im Schlaf beherrschten. Die Probefächer waren mittlerweile fachgerecht entsorgt worden, und auch die Haken würden morgen auf Nimmerwiedersehen verschwinden.

Natürlich konnte Paul sich nicht sicher sein, dass sich der ganze Aufwand lohnen würde, aber Worthing war ein altes, nicht unvermögendes Städtchen. Viele wohlhabende Damen in fortgeschrittenem Alter waren hier nach mehrfachen Kuraufenthalten hängengeblieben, und deren Schmuck und Wertgegenstände mussten ja nun einmal sicher aufbewahrt werden. Also standen die Chancen nicht schlecht. Dazu kam, dass Paul im Laufe seiner Karriere diverse Hehler, Antikhändler und Schmuckspezialisten kennengelernt hatte, sodass er davon ausging, nicht allzu lange auf der erhofften Beute sitzen zu bleiben. Denn das war, wie er aus leidiger Erfahrung wusste, die gefährlichste Zeit.

Müde rieb er sich mit den Händen übers Gesicht und strich seine langen braunen Locken nach hinten. »Leute. Ich pack’s dann mal, und ihr haut euch jetzt auch aufs Ohr. Kein Bier mehr, verstanden? Ich will nichts riskieren, nur weil einer von euch morgen verkatert ist.«

3. Kapitel

Im Norden Dortmunds, Juli 2019

Nachdem sie Holthausen in nordöstlicher Richtung verlassen hatten, tauchten sie in eine ganz eigene Welt ein: weitläufige Wiesen mit Hecken und kleinen Baumgruppen. Hier und da eine Kuhherde mit Kälbern, die träge wiederkäuten und dem Auto hinterherschauten. Nach fünf Minuten Fahrt durch diese Idylle machte Raster ein Wäldchen aus, durch das das rote Dach eines stattlichen Gebäudes zu erkennen war. »Ist es das?«, fragte er.

»Das ist es«, antwortete Sabine, ohne etwas Stolz in ihrer Stimme verbergen zu können.

Sie bogen nach links in eine schnurgerade Allee ein, die beiderseits von alten Eichen gesäumt war. Nach 500 Metern öffnete sich der Blick auf ein hufeisenförmiges flaches Gebäude. In der Mitte befand sich eine überdachte Durchfahrt, hinter der man einen kiesbedeckten Innenhof erreichte. An der gegenüberliegenden Seite erhob sich der eigentliche Gutshof. Ein klassischer Herrensitz, eigentlich eher typisch für das Münsterland, das allerdings auch in Steinwurfnähe begann: breit mit mittiger Eingangstreppe, rotem Giebeldach und drei Etagen. »Die übrigen Gebäude beherbergen die Stallungen, die zwei Ferienwohnungen und Wirtschaftsräume«, erklärte Sabine ihrem Freund, während sie am rechten Rand des Vorplatzes den Wagen parkte. »Der Verwalter lebt auch im Haupthaus, da ganz links. Ist ein total netter Typ. Friedrich Ehlert heißt er, wird aber von allen nur Fritz genannt. Du wirst ihn mögen.«

Sabine und Raster schnappten ihre Taschen aus dem Kofferraum und steuerten auf die breite Freitreppe zu.

»Es scheinen ja schon einige Leute da zu sein«, meinte Raster und wies auf mehrere Fahrzeuge, die weiter links geparkt waren. In diesem Augenblick öffnete sich die reich verzierte Haustür, und heraus trat eine freundlich lächelnde alte Dame. Schlank und mit geradem Rücken hätte man sie auch als 70-Jährige durchgehen lassen können, wenn da nicht die unendlich vielen Falten und Fältchen in ihrem Gesicht gewesen wären. Sie trug ein nachtblaues elegantes Kostüm, das nicht so recht zu ihrem freundlichen und natürlichen Lächeln passen wollte. Das noch volle weiße Haar hatte sie zu einem akkuraten Dutt aufgesteckt.

»Ist das deine Großmutter?«, flüsterte Raster.

»Oma! Ist das schön, dich endlich wiederzusehen! Und alles, alles Gute zum Geburtstag!«, rief Sabine, ohne auf seine Frage direkt einzugehen, und sprang die Stufen hinauf, um ihrer Großmutter in die Arme zu fallen.

»Das ist sie ja wohl«, murmelte Raster und folgte seiner Freundin.

»Raster, darf ich dir meine liebe Oma vorstellen? Frau Lina Funda. Oma, das ist mein Freund Raster, ich meine Hans Schulz«, verbesserte sie sich.

Erneut öffneten sich die Arme der alten Dame, und ein warmes Lachen verschönerte aufs Neue das faltenreiche Gesicht. »Sie glauben gar nicht, wie froh ich bin, dass meine Sabine endlich jemanden gefunden hat. Und wen sie liebt, den mag ich schon mal erst recht. Ich bin Lina, darf ich auch einfach Raster sagen?«

»Selbstverständlich, gerne. Und auch von mir meinen herzlichsten Glückwunsch!«, antwortete Raster etwas unsicher.

»Jetzt kommt mal erst rein«, half ihm Lina über seine Verlegenheit hinweg. »Es sind schon fast alle da.« Sie dirigierte die beiden durch einen breiten Flur zu einer geschwungenen Treppe, die in die oberen Etagen führte, und neben der einige antike Stühle standen. »Lasst eure Taschen hier. Wir sitzen im Garten.«

Raster folgte Sabine und ihrer Großmutter durch eine hohe Tür hinter der Treppe in den rechten Flügel des Hauses. Sie betraten ein helles Wohnzimmer mit großen Fenstern und einer Terrassentür, die in den Garten führte. Der etwa drei Meter hohe Raum war geschmackvoll mit alten Möbeln eingerichtet, wobei Raster keine Ahnung hatte, aus welcher Epoche sie stammten. An den Wänden hingen, wie schon in der Diele, wertvoll aussehende Gemälde, die er aber nicht weiter einordnen konnte. Draußen, auf dem Rasen, war eine lange Kaffeetafel aufgebaut. Vergnügtes Geplapper von mehreren Menschen drang bis ins Wohnzimmer. Raster holte einmal tief Luft und trat dann hinter Sabine nach auf die Terrasse.

»Alles gut«, flüsterte sie. »Ist doch nur meine bucklige Verwandtschaft.«

Als ob mir das helfen würde, dachte Raster und bereute in diesem Moment, überhaupt mitgekommen zu sein. Wie gerne säße er jetzt zu Hause an seinem PC und tüftelte an kniffligen Fragen zur Entwicklung eines neuen Computerspiels.

Die Gespräche waren mit einem Schlag verstummt, als die Gesellschaft die beiden Neuankömmlinge bemerkte. Nur Hanna, Sabines jüngere Schwester, war aufgesprungen und eilte den beiden entgegen.

Na, wenigstens eine, die ich kenne, dachte Raster erfreut.

»Keine Sorge«, flüsterte Hanna ihm während der Begrüßungsumarmung ins Ohr, »die sind alle nur schrecklich neugierig, wen Sabine da mitgebracht hat. Alles ganz harmlos.«

»Ihr Lieben!«, hob in diesem Moment das Geburtstagskind an. »Sabine kennt ihr ja alle. Und das ist ihr Freund, Hans Schulz, aufgrund dieser unübersehbaren Haarpracht von allen nur Raster genannt. Nehmt ihn herzlich in eurer Mitte auf, denn wer meine Sabine glücklich macht, der gehört wahrlich zu uns.«

Applaus brandete auf, und spätestens in diesem Moment sehnte sich Raster nach irgendeiner Art Zeitmaschine, die ihn von hier wegbrächte.

»Komm, wir setzen uns. Dann erzähl ich dir, wer wer ist. Oma ist manchmal ein wenig pathetisch. Nimm es ihr nicht übel. Und die Leute da sind fast alle richtig nett.«

Nachdem sie die obligatorische Begrüßungsrunde vollzogen hatten, setzten sie sich auf zwei leere Stühle, die Gott sei Dank nebeneinanderstanden, wie Raster immer noch leicht nervös bemerkte. Sofort steuerte eine junge Frau mit weißer Schürze auf sie zu, die er vorher gar nicht wahrgenommen hatte. »Darf ich Ihnen Kaffee einschenken?«, fragte sie, eine Porzellankanne in der Hand haltend.

Beide ließen sich gerne bedienen und genossen schon bald den selbstgemachten Apfelkuchen, der Sabine ein ums andere Mal zum Schwärmen brachte. Nach den ersten Bissen hielt sie inne und legte ihre Gabel auf den Teller. »Also fangen wir mal an. Rechts von dir, die beiden Mädchen, müsstest du ja eigentlich kennen.«

Raster nickte. Klarissa, Hannas Tochter, und Lydia, ein Pflegekind von Hanna, das von seiner Mutter verstoßen wurde und dessen Vater im Gefängnis saß. Woran Raster, Philo und Sabine nicht gerade unbeteiligt waren. Beide standen am Anfang der Pubertät. Lydia hatte das Downsyndrom, machte aber in der Schule gute Fortschritte und war mit Klarissa ein Herz und eine Seele. Sie freuten sich riesig auf die Pferde, und die Urgroßmutter hatte ihnen für den Spätnachmittag einen kleinen Reitausflug versprochen, wie Klarissa Raster stolz berichtete.

»Dahinter kommen Hanna und ihr Freund Klaus. Den kennst du, glaube ich, noch nicht?«

Raster schüttelte den Kopf.

»Ist ein richtig Netter. Kommt super gut mit den Mädchen klar und wohnt wie Hanna auch in Herne. Ich wette, die ziehen bald zusammen. So, weiter im Text: Links von mir sitzen zwei befreundete Paare aus dem Dorf. Ich habe die früher zwar öfter hier gesehen, aber frag mich nicht nach den Namen. Uns gegenüber fangen wir mal ganz rechts an. Da ist zunächst Tante Frieda, Omas älteste Tochter. Sie ist schon lange verwitwet. Links neben ihr sitzt ihre Tochter Barbara, also meine Cousine.«

»Moment mal. Nicht so schnell«, fuhr Raster dazwischen. »Wie viele Kinder hat denn deine Oma?«

»Drei«, antwortete Sabine, »Frieda, mein Vater und Günter Funda. Der sitzt neben Barbara, mit seiner Frau Helga und dem Sohn Gernot. Die Fundas wohnen in Münster und Gernot in der Nähe von Dülmen.«

»Was macht der denn beruflich? Er sieht ein wenig ungepflegt aus, so ein bisschen wie ich früher.«

Sabine lachte. »Das kann schon hinkommen. Er ist arbeitslos und schlägt sich, soweit ich das mitbekommen habe, mit Gelegenheitsjobs durch. Ehrlich gesagt mag ich ihn nicht besonders. Aber wir hatten nie engeren Kontakt. Wenn ich mir das recht überlege, eigentlich keiner von uns. Weder meine vier Geschwister noch Barbara. Aber egal. Die Nächsten sind mein Bruder Ralf – den kennst du von meinem 40. Geburtstag – mit seiner Frau Sarah und dem Sohn Max. Und dann sind da noch mein Bruder Christoph mit Freundin Claudia. Ah, und da kommen die Ehrengäste.«

Oma Lina war aufgestanden und eilte einem Paar entgegen, das von einer weiteren Angestellten in den Garten geführt wurde. Dahinter folgte in gebührendem Abstand, dem Talar zufolge, der Pfarrer des Dorfes.

»Das ist der Bürgermeister von Brechten Hans Fleischhauer nebst Gattin Petra und Pfarrer Hilgenstock«, erklärte Sabine.

»Was hat denn der Bürgermeister um den Hals hängen?«, fragte Raster erstaunt, der eine solch breite und opulente Kette, geschweige denn bei einem Mann, noch nie gesehen hatte.

»Das ist die Amtskette, du Ignorant«, meinte Sabine. »Wird bei allen hohen Anlässen vom Bürgermeister getragen. Also auch beim 90. Geburtstag einer hochgestellten Persönlichkeit.«

»Wieso ist deine Großmutter eine hochgestellte Persönlichkeit? Okay, sie hat offensichtlich Vermögen, aber das heißt ja nicht automatisch, dass sie etwas Besonderes im politischen Sinne darstellt.«

Ein Schatten huschte über Sabines Gesicht, und kurzzeitig war ihr Lachen verschwunden. »Ich erkläre dir das später«, meinte sie nur und nahm einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse.

Raster war in Gedanken schon wieder ganz woanders und hatte die Veränderung im Gesicht seiner Freundin gar nicht mitbekommen. Er beobachtete interessiert die Küsschen links und rechts, die die Bürgermeistersgattin der Jubilarin auf die Wangen drückte. Gut, dass endlich jemand anderes im Mittelpunkt steht, dachte er erleichtert.

4. Kapitel

Brighton, Südengland, April 2017

Paul beobachtete verstohlen seine drei Kumpel. Dies war eine äußerst gefährliche Zeit. Er wusste, dass von diversen Brüchen vorher. Wenn alles, wie in diesem Fall, so glatt lief, verbreitete sich schnell eine Art Euphorie in der Truppe, die zu Fehlern führen konnte. Mit verheerenden Folgen für alle.

Keith und Simon wirkten noch einigermaßen überlegen, während sie angefangen hatten, das Diebesgut aus den großen Sporttaschen zu sortieren. Aber auch sie kamen aus dem breiten Grinsen nicht mehr heraus. Ethan allerdings wirkte übermütig und fahrig. Entgegen seiner sonst so stillen Art juchzte er jedes Mal wie ein kleiner Junge auf, wenn er ein Stück aus seiner Tasche klaubte. Außerdem ging er nicht gerade sorgsam mit den Dingen um. Paul musste ihn im Auge behalten.

Im Wohnzimmer der Wohnung hatte sich ein saurer Schweißgeruch in die klamme Kälte gemischt. Ein solcher Überfall war immer mit Stress verbunden, und das merkte man deutlich. Aber es war perfekt gelaufen. Vonseiten der Bankangestellten hatte es kaum Widerstand gegeben. Die drei Notfallknöpfe hatten sie innerhalb weniger Sekunden entdeckt und dafür gesorgt, dass sich keiner in ihrer Nähe aufhielt. Der Filialleiter hatte ohne Zögern die schwere Tür zu dem Raum mit den Schließfächern geöffnet, woraufhin alles sehr schnell gegangen war. Die Spezialwerkzeuge taten, was sie sollten, und innerhalb von wenigen Minuten waren sämtliche Fächer geleert, in denen sie vermeintlich Wertvolles gefunden hatten. Auch der Rückzug war schon fast zu glatt gegangen. Eine Warnung an die Angestellten hatte ausgereicht, ihnen einen ausreichenden Vorsprung zu verschaffen. Keine Sirene ertönte, und so waren sie ohne Hast in ihrer Wohnung in Brighton angekommen. Der kleine Umweg über einen befreundeten Schrotthändler, wo sie den Zweitwagen geparkt hatten, hatte sie gerade einmal 15 Minuten gekostet. Das Tatfahrzeug war sicherlich längst zusammen mit den Spezialwerkzeugen zu einem koffergroßen Metallblock zusammengepresst worden.

Auf den ersten Blick sah die Beute vielversprechend aus. Pauls Einschätzung über den Inhalt der Schließfächer schien ein Volltreffer zu sein. Er konnte Dutzende Colliers, Armreifen, Ketten und andere Schmuckgegenstände ausmachen. Dazu kamen antik aussehende Kästchen, Reiseaccessoires und diverse Papiere wie Schuldverschreibungen, Wertpapiere und Dokumente, die er zu einem späteren Zeitpunkt sichten wollte. Dies konnte sich zu seinem bisher größten Coup entwickeln, dachte Paul. Wenn seine Truppe sich in den nächsten Wochen zusammenriss, und wenn der Verkauf über diverse Hehler wie geplant über die Bühne ging.

»Also, Leute. Erst mal: super Arbeit. Ich denke, wir können stolz auf uns sein. Mit ein bisschen Glück könnten wir für einige Zeit ausgesorgt haben. Aber«, Paul verschärfte seinen Tonfall, »das funktioniert nur, wenn wir uns exakt daran halten, was wir vorher besprochen haben. Ist das allen klar?«

Allgemeines Kopfnicken unterbrach kurz das Grinsen und Händereiben.

»Das heißt: Jeder begibt sich an seinen vereinbarten Ort. Wir verteilen uns und halten die Füße still. Ihr bleibt während der ganzen Zeit getrennt. Achtet darauf, dass ihr nicht zu viel trinkt. Ihr wisst, was dann passieren kann!«

»Paul. Jetzt lass doch nicht dermaßen den Schulmeister raushängen! Wir wissen Bescheid. Aber ein bisschen Feiern ist ja wohl erlaubt, oder?«, maulte Simon.

»Ihr wisst selbst ganz genau, was ich meine, Leute. Wenn einem von euch was rausrutscht, sind wir alle dran, und die ganze Arbeit war für die Katz. Und noch etwas: Es wird die Zeit kommen, dass ihr ungeduldig werdet. Ich weiß das. In zwei oder drei Wochen werdet ihr denken: Wo bleibt denn nur der alte Paul mit dem Schotter? Hat der sich etwa aus dem Staub gemacht? Und dann passieren Fehler. Glaubt mir, ich hab es selbst schon erlebt. Ihr müsst mir vertrauen. Anders funktioniert das nicht. Und es kann dauern. Einen solchen Haufen vernünftig zu verkaufen, geht nicht innerhalb von ein bis zwei Wochen.«

Ethan rutschte auf der Sessellehne herum, auf der er Platz genommen hatte. Seine Augen glitten unstet hin und her. »Aber du meldest dich ganz bestimmt bei uns, Paul?«

»Ich verspreche es.«

Die Vier beglückwünschten sich noch einmal zu ihrem gelungenen Coup, zogen ihre Jacken an, schnappten sich ihre privaten Taschen und verließen nach sehr unterschiedlichen Verabschiedungen jeweils im Abstand von einer halben Stunde die Wohnung. Die Euphorie war verflogen. Eine gewisse Ängstlichkeit und auch etwas Misstrauen ihm gegenüber hatte sich stattdessen breitgemacht. Paul spürte das deutlich. Aber anders ging es nun mal nicht.

Allein in der Wohnung machte er sich daran, eine erste grobe Kalkulation vorzunehmen. Er hatte genug Erfahrung, um bei den meisten Gegenständen den Wert in etwa einzuschätzen und den Hehleranteil abzuziehen. Nach gut zwei Stunden erhob er sich, strich sich über die Haare und pfiff lächelnd durch die Zähne. Grob kam er auf einen Reingewinn von 1.200.000 Pfund. Das wären dann 600.000 für ihn. Nicht schlecht. Aber zunächst einmal standen ihm anstrengende Wochen bevor.

Sein Blick fiel auf einen Briefumschlag, den er bisher übersehen hatte. Er sah alt und vergilbt aus. Das Format war ungewöhnlich und heutzutage sicher nicht mehr üblich. Der Umschlag war geöffnet, die Lasche nur wieder eingesteckt. Paul öffnete ihn vorsichtig und zog ein ebenfalls gelbes und fleckiges Stück Papier heraus. Der untere Rand schien abgerissen zu sein. Eine Seite war handschriftlich beschrieben, die Tinte gut erhalten. Aber entziffern konnte Paul zunächst nichts. Diese Schrift hatte er noch nie gesehen. Wort für Wort versuchte er, irgendetwas zu entschlüsseln, bis er schließlich drei Buchstaben fand, die mit ein wenig Fantasie das deutsche Wort »das« bedeuten konnten. Zumindest das »a« war ziemlich eindeutig, das »s« sah allerdings wie eine »1« aus. Paul war neugierig geworden. Ein alter deutscher Brief in einem englischen Schließfach? Er nahm sich vor, Nathan, dessen Familie aus Deutschland stammte, danach zu fragen.

5. Kapitel

Münster, Februar 1944

Alfred von Strelitz war auf dem Weg nach Hause. Er hätte, wie üblich, seinen Chauffeur bitten können, ihn zu fahren, aber er musste nachdenken. Außerdem war das Wetter an diesem späten Februartag so schön, dass er Lust auf einen Spaziergang verspürte. Er hatte seine Dienststelle in der Bismarckallee 5 verlassen und war in östlicher Richtung aufgebrochen. Eine knappe Stunde würde er schon brauchen, bis er seine Wohnung in der Diepenbrockstraße erreichen würde. Zumal er einen kleinen Umweg über den Bahnhof eingeplant hatte, um mit seinem Mitarbeiter, Untersturmbannführer Keller, den morgigen Tag durchzusprechen. Sie erwarteten nach langer Zeit mal wieder eine Lieferung aus dem Osten.

Von Strelitz war seines Zeichens Sturmbannführer bei der Allgemeinen Schutzstaffel, kurz SS genannt. Mit seinen 51 Jahren stand er noch sehr weit unten auf einer möglichen Karriereleiter, aber das war ihm eigentlich auch recht so. Ihm fehlte es sowohl an Ehrgeiz als auch an der für höhere Posten erforderlichen politischen Einstellung. Die Partei war ihm egal. Natürlich hatte er damals eintreten müssen, als man ihm diesen Posten angeboten hatte, aber er beschäftigte sich kaum mit parteiinternen Inhalten, und der große Krieg interessierte ihn nur insofern, als dass er hoffte, ihn zu überleben, und dass Deutschland möglichst bald den verdienten Sieg einfuhr. Er genoss das Privileg, in seiner Heimatstadt Münster arbeiten zu können, und ließ sich gerne von seiner Frau Ruth bekochen, was seinem Leibesumfang deutlich anzusehen war. Außerdem verbrachte er viel Zeit mit seiner 14-jährigen Tochter Lina, die für ihn trotz der fortgeschrittenen Pubertät sein kleines Mädchen blieb.

Nachdenken musste er, weil ihm eine Sekretärin in der Gauverwaltung gerade einen Brief überreicht hatte, den er überhaupt nicht erwartet hatte.

»Herr Sturmbannführer, ich habe hier ein Schreiben aus England für Sie«, hatte sie ihm diskret zugeflüstert. »Sie wissen, dass das ein eher ungewöhnlicher Vorgang ist, den ich eigentlich melden müsste. Die Poststelle hat ihn natürlich sofort geöffnet und den Inhalt überprüft. Aber es scheint sich nur um familiäre Angelegenheiten zu handeln. Seien Sie trotzdem ein wenig vorsichtig!«

Er mochte diese Belinda. Sie war stets umsichtig und bemüht, Aufsehen zu vermeiden.

Alfred wusste genau, von wem der Brief kam, und dass die Poststelle ihn gelesen hatte, machte ihm keine Sorgen. Aber trotzdem hatte er gerade heute, nach sechs Jahren, nicht damit gerechnet. Was konnte das bedeuten? Gutes eigentlich nicht. Natürlich waren die Zeiten unsicherer geworden. Schon seit drei Jahren fielen immer wieder Bomben auf die Stadt, aber dem Endsieg in absehbarer Zeit stand doch wohl nichts entgegen? Seine Gedanken wanderten 29 Jahre zurück, nach …

*

Ypern, Belgien, April 1915

So wie zigtausend andere hatte sich Alfred mit seinen 21 Jahren im Sommer 1914 begeistert für den Kriegsdienst gemeldet. Schließlich musste man den befreundeten Österreichern helfen, und dass der Russe den Serben zur Seite sprang, sollte ihn teuer zu stehen kommen. Wenn dann auch noch die westlichen Nachbarn, Belgien, Frankreich und sogar England und Kanada, sich gegen das Kaiserreich formierten, musste eben aus allen Rohren geschossen werden. Es hatte ihn an die Westfront nach Flandern verschlagen.

Längst war die Anfangseuphorie verflogen, zu viele Kameraden hatten ihr Leben verloren. Den Tränengasangriff der Franzosen hatte er mithilfe feuchter Tücher vor dem Gesicht überstanden und war nicht, wie einige seiner Mitstreiter, panisch aus den Gräben gesprungen, um dann brutal abgeschossen zu werden. Der französische Giftgasangriff war für die Deutschen eine wunderbare Begründung dafür, ihrerseits einen deutlich gefährlicheren Stoff, nämlich Chlorgas, einzusetzen. Alfred war das recht. Er wollte einfach nur weg hier. Von seiner Position aus konnte er beobachten, wie einige höhergestellte Kameraden Stahlflaschen mit dem Gas vorbereiteten. Es war mucksmäuschenstill. Der Gegner ahnte wohl, dass etwas bevorstand, und die deutschen Soldaten warteten gespannt auf die Wirkung der tödlichen Substanz. Die üblichen Feuergefechte waren jedenfalls eingestellt worden. Plötzlich sah man eine riesige gelblichweiße Gaswolke in Richtung der gegnerischen Gräben ziehen. In dem Moment, als sie den Feind erreichte, erschollen grauenhafte Schreie aus tausenden Kehlen. Männer stürzten aus den zur Falle gewordenen Gräben, in denen sich das Gas sammelte, rissen die Arme hoch, griffen sich an die Kehle und brachen zusammen. Ein grausiges Sterben hatte begonnen. Für Alfred und viele andere war jedoch dieser Moment wie Balsam für die geschundene Seele. Aber unerfahren und dumm, wie er war, blieb er nicht im Schutz des eigenen Grabens, sondern sprang mit einem Siegesgeheul heraus und feuerte mit dem Gewehr in die Luft. Die Befehle seines Hauptmanns, sofort zurückzukehren, hörte er nicht oder wollte er nicht hören. Für Alfred war der Krieg in diesem Augenblick vorbei, und das galt es zu feiern. Plötzlich nahm er vor sich Bewegungen wahr: Männer, die sich ihm in der einsetzenden Dämmerung mit dem Gewehr im Anschlag näherten. In diesem Augenblick passierten zwei Dinge: Ein weiterer Mann sprang auf ihn zu, brüllte: »Get down, immediately!«, und riss ihn von den Füßen. Gleichzeitig fielen zwei Schüsse, und Alfred verspürte einen fürchterlichen Schmerz in der linken Schulter. Einen Moment blieb er benommen liegen, nur undeutlich war ihm klar, dass der Engländer noch immer auf ihm lag. In der schnell einsetzenden Dunkelheit wurden beide in den englischen Graben gezogen und notversorgt. Sein Retter hatte eine Kugel ins Bein bekommen. Sie konnten gerade noch ihre Namen austauschen, dann wurden sie auch schon getrennt. Alfred kam in Kriegsgefangenschaft, sein Lebensretter, ein junger Soldat namens William Danning aus York, wurde vor Gericht gestellt und wegen »Feindsbegünstigung« zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt.

Von Strelitz hatte sich mittlerweile auf eine Bank vor dem Münsteraner Hauptbahnhof gesetzt. Er schwitzte leicht trotz der noch winterlichen Temperaturen und zog ein Taschentuch aus der Hosentasche, um sich das Gesicht trocken zu wischen. Außerdem spannte seine Uniform. Vielleicht war es doch nicht eine so gute Idee gewesen, zu Fuß nach Hause zu gehen. Er beobachtete ein paar Frauen, die über die Straße eilten. Die meisten waren einfach gekleidet, nur wenige hatten einen Hut auf. In der Hand trugen sie einen Korb mit den wichtigsten Dingen zum Überleben. Fast alle mussten den Gürtel zurzeit enger schnallen. Das ist so in Kriegszeiten, dachte Alfred. Die Frauen bewegten sich im Laufschritt. Man wusste von der Gefahr eines erneuten Bombenangriffs. Aber noch waren die Sirenen intakt. Die Warnung würde früh genug überall in der Stadt zu hören sein. Ein paar wenige Lkws brummten vorbei und hinterließen ihre stinkende Abgaswolke.

Inzwischen waren auch einige Dienstwagen der SS vorbeigefahren, und die ihm bekannten Offiziere hatten ungläubig geschaut, dass er da so alleine vor dem Bahnhof auf einer Bank saß. Er meinte, bei manchen ein spöttisches Lachen bemerkt zu haben. Ihn interessierte das nicht.

Bis heute war ihm schleierhaft, warum William ihm damals das Leben gerettet hatte. Oft hatten sie in den 20er-Jahren bei diversen Besuchen darüber diskutiert, aber verstanden hatte Alfred es trotzdem nicht. Diese Art der Selbstlosigkeit war ihm zutiefst fremd. Sie waren Freunde geworden. Einmal, weil sie dieses einschneidende Erlebnis in Belgien verband, aber auch, weil sie eine gemeinsame Leidenschaft pflegten: Beide hatten nach dem Krieg Kunstgeschichte studiert. Keiner von ihnen hatte ein besonderes Talent für eigene Gemälde, aber beide liebten die Bilder der Renaissance und der Impressionisten.

6. Kapitel

Im Norden Dortmunds, Juli, 2019

Die Kuchenberge waren geschrumpft, der Kaffee war ausgetrunken. Wie in Westfalen üblich, war man zu einer Runde guten westfälischen Korns übergegangen, zumal eine der ältesten und größten Kornbrennereien hier ganz in der Nähe ansässig war. Entsprechend gab es einen Krämer Doppelkorn.

»Du musst jetzt sehr tapfer sein«, flüsterte Sabine Raster zu.

»Warum?«, fragte dieser zurück.

»Es beginnen die Festtagsreden. Das kann dauern.«

Raster schluckte und machte der jungen Kellnerin ein Zeichen, das Pinnchen noch einmal zu füllen. Eigentlich stand er überhaupt nicht auf Hochprozentiges, aber irgendwie musste das ja überlebt werden.

Als Erster kam Pfarrer Hilgenstock an die Reihe. Seine Ansprache war erstaunlich prägnant und kurz. Allerdings ließ er es sich nicht nehmen, mit einem spitzbübischen Lächeln darauf hinzuweisen, dass er Oma Lina, wie er sie nannte, gerne etwas öfter in der Messe sehen würde. Ansonsten hob er das hohe Alter und die herausragende Gesundheit der Jubilarin hervor und verband das selbstverständlich mit einem kurzen Dankgebet, das von den Anwesenden teilweise inbrünstig, teilweise peinlich berührt mitgetragen wurde.

Raster fiel auf, dass der Pfarrer in dieses Dankgebet auch die vielen Wohltätigkeiten einschloss, die die Familie des Geburtstagskindes für die Gemeinde geleistet habe. Er sagte jedoch zunächst nichts dazu.

Als Nächstes durfte Onkel Günter das Wort ergreifen. Seine Rede war deutlich länger, und Raster verspürte schon nach wenigen Minuten einen unsäglichen Drang, dem Korn erneut zuzusprechen. Wobei ihm ein Glas Bier viel lieber gewesen wäre. »Ich muss mal auf die Toilette«, raunte er Sabine zu. »Wo finde ich die denn?«

»Kannst du nicht noch ein bisschen warten? Jetzt kommt der Bürgermeister. Dann zeig ich dir alles.«

Raster rollte mit den Augen, ergab sich aber in sein Schicksal. Eigentlich musste er ja auch gar nicht. Letztlich war er jedoch froh, die Ansprache des Oberhaupts von Dortmund-Brechten nicht verpasst zu haben. Es wurde interessant: Fleischhauer lobte Lina Funda über den grünen Klee für ihr Engagement beim Bau des Kindergartens, der Grundschule, des Sportplatzes und so weiter. Und das sogar gegen den Widerstand ihres verstorbenen Gatten – Gott habe ihn selig. Diese Wohltätigkeiten hätten ja schon mit ihrem Vater, dem alten von Strelitz, begonnen, ohne den es Holthausen und Brechten in ihrer jetzigen Form wahrscheinlich gar nicht geben würde.

Raster kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. »Dann bist du ja eine richtig gute Partie. Ich wusste gar nicht, dass deine Familie so reich ist«, flüsterte er ein wenig verwaschen.

»Sch. Sei still! Ich will weiter zuhören.«

Da sähe man mal wieder, dass auch aus der dunkelsten Vergangenheit Gutes entstehen kann, endete gerade Bürgermeister Fleischhauer seine wirklich schöne Rede und prostete Lina zu. Alle Gäste erhoben ihre Gläser, und ein vielstimmiges Hoch-soll-sie-leben schallte über die Wiese, und die angrenzenden Koppeln.

»So richtig freut sich deine Oma aber nicht über diese tolle Ansprache«, sagte Raster.

Lina war auf ihren Stuhl gesunken und wirkte plötzlich kleiner als vorher. Gedankenverloren schaute sie auf ihren leeren Teller und schien gar nicht zu bemerken, dass Onkel Günter begeistert auf sie einredete.

»Raster, bitte! Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich dir das später erklären möchte. Nicht jetzt.« Sabine stand auf und verabschiedete sich von den Freunden aus dem Dorf, die aufbrechen wollten.

Die übrige Gesellschaft nutzte die freien Plätze, sich neu zu gruppieren, und Raster landete neben Cousine Barbara, mit der er ein angeregtes Gespräch über IT-Anwendungen führen konnte, da auch sie in der Branche tätig war. Die kleine Ungereimtheit hatte er schon bald wieder vergessen.

Sabine spielte mit Hanna, den beiden Mädchen und Max Krocket, und die übrige Familie hatte sich im kleineren Kreis zusammengesetzt und plauderte über dies und das. Die Mädchen wurden schließlich zu ihrer versprochenen Reitrunde abgeholt, und nach und nach wurden die ersten Jacken für die Damen herausgebracht. Es wurde kühler, und der Abend brach langsam an. Barbara entschuldigte sich bei Raster, sie hätte versprochen, bei den Vorbereitungen für das Abendessen zu helfen.

Einen Moment genoss es Raster, allein das mittlerweile ruhigere Treiben auf dem Rasen beobachten zu können. Verliebt schaute er Sabine zu, wie sie Max half, die Kugel durch ein schwieriges Doppeltor zu schlagen. Wie lange hatte er vergeblich darauf gewartet. Über 20 Jahre wohnten sie mit Philo zusammen in der WG in Dortmund. Alles hatte er versucht, Sabines Herz zu erobern. Mit Romantik, was ihm mehr schlecht als recht gelungen war, mit Coolness, was schon eher sein Ding war, aber so überhaupt nicht Sabines. Er hatte sein Leben für sie riskiert, als er damals nur für sie nach Afrika gereist war, um ihr die Augen zu öffnen. Er hatte sie mit seinem Körper vor einem drohenden Schuss geschützt. Aber all das hatte ihr Herz nicht für ihn geöffnet. Und was war es dann letztendlich gewesen? Raster musste unwillkürlich laut lachen, als er daran zurückdachte, und zog einige irritierte Blicke auf sich. Sein Geruch war es. Sein ihm ganz eigener Geruch. Plötzlich stimmte die Chemie. Alles war klar. Und was das Besondere war: Diese 20 Jahre, die sie miteinander verbracht hatten, waren ja nicht verloren. Nein, sie konnten darauf aufbauen. Sabine und er kannten sich so gut wie kaum ein anderes Paar, das frisch zusammen war.

Wie gut, dass Philo auch endlich seine Liebe gefunden hat, dachte er. Raster wusste, was für ein großes Paket sein Freund mit sich herumschleppte. Eine zutiefst traumatisierende Kindheit, bevor er mit seinen Eltern nach Dortmund gezogen war, hätte ihn ohne Weiteres in eine endgültige Einsamkeit werfen können. Zumindest was eine Partnerschaft anging. Aber in Susanne hatte er eine tolle junge Frau gefunden, die ihn genau da annahm, wo er war und wo er herkam.

Als Raster in seinen Gedanken bei diesem Punkt angekommen war, bemerkte er, dass sich Cousin Gernot aus dem Kreis der Verwandten erhoben hatte und sich suchend umblickte. Sein Blick fiel auf den allein Sitzenden, und schon machte er sich auf den Weg. Auf dem vom Kaffeegeschirr befreiten Tisch standen mittlerweile einige Gläser mit frisch gezapftem Bier. Gernot schnappte sich zwei und setzte sich mit einem schiefen Grinsen neben Raster. »Na, du siehst aus, als könntest du auch eins gebrauchen. Ich bin Gernot. Ein Vetter von Sabine. Und du bist also Raster. Hat Sabine doch noch einen abgekriegt.« Er lachte. »Nichts für ungut. Aber in unserer Familie war man eigentlich davon ausgegangen, dass Sabine für immer und ewig ein Mauerblümchen bleibt.« Gernot hielt Raster seine rechte Hand hin, die dieser etwas widerwillig schüttelte.

»Hallo, Gernot. Ja, da bin ich wohl für deine Familie zum Blumenpflücker avanciert.«

Gernot runzelte die Stirn. Man sah ihm deutlich an, dass er keinen Schimmer hatte, wovon Raster sprach. »Was machst du so beruflich?«, fragte er stattdessen.

»Ich bin in der IT-Branche tätig«, antwortete Raster kurz und musterte Gernot. Sein Kleidungsstil war tatsächlich dem seinen von früher nicht unähnlich. Nicht verdreckt, aber ungebügelt und lodelig, wie Sabine sagen würde. Er war unrasiert und, seinen Haaren zufolge, auch ungeduscht, was Raster an diesem speziellen Tag doch etwas merkwürdig fand. »Und du bist zurzeit in einer Art Selbstfindungsphase?«, fragte er sein Gegenüber.

Gernots Blick hellte sich auf, und seine Körperspannung nahm deutlich zu. »Ja, kann man so sagen. Ich stehe kurz vor der Selbstständigkeit.«

»Oh!«, heuchelte Raster Interesse. »Was hast du für Pläne? Erzähl!«

»Verschiedenes. Insbesondere aber will ich in Immobilien machen. Du musst wissen: Hier, im Norden Dortmunds bis rüber nach Dülmen, wo ich zurzeit wohne, gibt es einen unglaublichen Bedarf an hochwertigen Eigenheimen. Die Gegend ist ungemein beliebt. Du brauchst nur hier und da ein wenig Land von den Bauern abzwacken, und schon kannst du Millionen machen.«

»Aber braucht man dazu nicht ein gewisses Eigenkapital?«

»Na ja. Schon. Aber mal unter uns. Sieh dich doch um. Siehst du hier etwas anderes als brach herumliegendes Kapital? Wenn ich daran denke, was dieser Pfarrer und der Bürgermeister vorhin geschwafelt haben. All diese Spenden und Wohltätigkeiten.« Gernot zog das Wort zynisch in die Länge. »Alles Verschwendung, sag ich dir. Richtig investiert, kannst du mit dem Schotter meiner Familie ein Vermögen machen.«

»Und du meinst, dass du an dieses Vermögen deiner Großmutter einfach so rankommst?«, fragte Raster unschuldig.

»Vielleicht nicht sofort. Aber über kurz oder lang wird sich da schon was machen lassen.« Gernots Blick wurde misstrauisch. »Du glaubst mir nicht, oder?«

Raster lachte. »Doch. Wenn du das so sagst, wird es schon stimmen. Aber weißt du, mir ist Geld so dermaßen egal. Ich bin, glaube ich, der falsche Gesprächspartner für dieses Thema. Mach du mal dein Ding. Ach, übrigens, das Abendessen scheint fertig zu sein. Barbara winkt uns rein.«

Gernot wirkte ein wenig beleidigt, als ihn Raster allein zurückließ, sprang dann aber auf und folgte ihm ins Haus, wo sich die meisten Gäste im Wohnzimmer versammelt hatten und einen Cocktail oder einen Aperitif in der Hand hielten. Mittlerweile hatte sich der Gutsverwalter Fritz dazugesellt, der mit Oma Lina in ein angeregtes Gespräch vertieft war. Raster beobachtete den alten Mann mit seinem dunklen etwas altmodischen Anzug, den braunen, für den Anlass recht groben Halbschuhen und dem weißen Haarkranz. Auffallend war sein verschmitztes Lachen, das immer wieder aufblitzte, sowie seine schnellen Augenbewegungen. Trotz des intensiven Gesprächs, das er führte, schien er alles um sich herum aufmerksam zu beobachten.

7. Kapitel

Münster, Februar 1944

Er hatte mehrere Möglichkeiten: Entweder er ging nach Hause zu seiner Familie und verschob den Brief auf später oder er verdrückte sich in die Nische einer einsamen Gastwirtschaft, wo er in Ruhe lesen konnte, riskierte damit aber Ärger mit Ruth. Er entschied sich für die zweite Lösung. Noch länger warten konnte er einfach nicht.

Ein paar Straßen weiter Richtung Südosten kannte er eine kleine Spelunke, die für seine Zwecke gerade richtig war. Sie wurde so gut wie nie von Angehörigen der SS oder der Gauleitung besucht. Außerdem wusste Alfred, dass es dort einen Ecktisch gab, der in genau so einer Nische stand, wie er sich das vorstellte, und die ihn vor neugierigen Blicken schützen würde.

Der Tisch war frei. Er bestellte ein Bier und während er wartete, wanderten seine Gedanken zurück zu jener Zeit, als William und er ihre Geheimsprache entwickelten.

Das Ganze hatte mit einem Planspiel angefangen. Sie saßen in York in Williams Lieblingspub, hatten schon so manches Pint geleert und philosophierten über die Weltgeschichte. Hierbei benutzten sie alle möglichen Gegenstände auf ihrem Tisch, um Länder, Armeen und Grenzen darzustellen. Es war ein wüstes Hin- und Hergeschiebe von Gläsern, Salzfässchen, Tellern und Besteck. Immer öfter brachen sie in schallendes Gelächter aus, wenn sich zum Beispiel ein zierlicher Kaffeelöffel namens Belgien gegen den schweren Bierkrug Deutschland auflehnte. Schließlich hielt Alfred inne und wurde ernst.

»Wie wäre es, wenn wir aus diesem Spiel einen Code entwickeln würden, den nur wir verstehen? Wir sind uns doch beide darüber einig, dass es schon bald wieder Krieg geben wird.«

William nickte zustimmend. Die wirtschaftliche und politische Situation Ende der 20er-Jahre in Europa, vor allem aber in Deutschland, legte nichts anderes nahe.

»Wenn das wirklich so sein sollte, wird nämlich ein Kontakt für uns schwierig. Reisen werden unterbunden, selbst Briefeschreiben kann gefährlich werden«, fuhr Alfred fort. William hörte aufmerksam zu. »Wir könnten – ähnlich wie hier unsere Sachen auf dem Tisch – alle wichtigen Länder Europas und der Welt mit unverfänglichen Namen belegen.«

»Ja. Das ist gut. Und zwar, wenn ich englische Namen schreibe, wenn du deutsche schreibst.« William war Feuer und Flamme. »Nur. Was machen wir mit dem Inhalt? Es darf ja keiner verstehen, was wir eigentlich sagen wollen.«

»Wir schreiben einfach das Umgekehrte von dem, was wir meinen. Ein Beispiel: Du willst mir schreiben, dass Deutschland Russland angreifen will. Dann könnte das in etwa lauten: August hat sich unsterblich in Lenchen verliebt.«

»Weil August für Deutschland und Lenchen für Russland steht. Tolle Idee!«, begeisterte sich Alfred.

Und so ging es noch Stunden weiter, bis sie eine Familie entwickelt hatten, deren Mitglieder für alle entscheidenden Länder standen und jeweils einen deutschen und einen englischen Namen trugen. Außerdem legten sie noch einige Verben und Attribute fest, mit deren Hilfe sie das Gemeinte besser verdeutlichen konnten. Nur das mit der Sinnumkehrung ließen sie wieder unter den Tisch fallen.

»Ist das aber nicht reichlich unkonkret?«, fragte schließlich William seinen Freund. »Wir können uns so überhaupt nichts Persönliches mitteilen.«

»Das ist doch gerade das Fantastische«, antwortete Albert. »Der Code ist so ungenau und auch immer wieder anders, dass er nie geknackt werden kann.«

Vor sechs Jahren hatte der letzte Briefwechsel auf diese Art stattgefunden. Damals hatten sie sich über mögliche Angriffsziele Nazideutschlands ausgetauscht. Es war aber beiden deutlich geworden, dass Alfreds Parteizugehörigkeit bei aller bestehenden Freundschaft doch zwischen ihnen stand. Und jetzt lag ein weiterer dieser Briefe vor ihm auf dem schmierigen Holztisch in der schummrigen Kneipe. Daneben ein Glas lauwarmes Bier. Alfred fischte sich einen Zigarettenstummel aus der Innentasche seiner Uniformjacke, den er sich eigentlich für nach dem Abendessen hatte aufsparen wollen, und zündete ihn an. Dann endlich zog er das Papier aus dem geöffneten Umschlag und begann zu lesen.

Lieber Alfred,

so lange haben wir nichts mehr voneinander gehört. Ich hoffe inbrünstig, dass es dir gut geht.

Ich muss dir einiges, teilweise Erschütterndes aus meiner Familie erzählen, da du ja immer so viel Anteil nimmst. Dafür bin ich dir sehr dankbar.

Du erinnerst dich daran, als wir uns das erste Mal gesehen haben. Damals ging es ja bald mit Onkel John zu Ende. Ich weiß noch, wie traurig du warst. Vielleicht kannst du dich auch an John junior erinnern? Stell dir vor, dem geht es genauso schlecht. Dieselbe Krankheit, und wahrscheinlich wartet derselbe Tod auf ihn. Manche in meiner Familie haben es ja kommen sehen. So sagte Tante Jane zu mir: Junge, warte ab. Dem kleinen John wird es wie dem alten gehen. Woher sie das nur wissen konnte?

So, wie es aussieht, wird wohl Lewis zu John über die Themse fahren, wo er zurzeit bei Agatha wohnt. Aber ich denke, dann wird bald alles vorbei sein.

Ach, was ich dir noch sagen wollte: Tante Jane ist ja wirklich gut im Weissagen von Dingen. Sie lässt dir ausrichten, dass du unbedingt warme Sachen für dich und deine Familie besorgen sollst. Es soll ein extrem kalter Winter auf uns zukommen.

So viel erst einmal von mir. Denk an uns!

In tiefer Freundschaft,

Dein William

Geschockt legte Alfred von Strelitz den Briefbogen auf den Tisch zurück. Die Aussage des Schreibens war so einfach wie prägnant, sodass er nicht lange über den Sinn rätseln musste:

Deutschland würde, wie schon den ersten, auch diesen Krieg verlieren. Und das in absehbarer Zeit durch eine Invasion der Amerikaner über den Ärmelkanal in Frankreich. Außerdem ermahnte ihn William, etwas für sich und seine Familie zurückzulegen, da schwere Zeiten anbrechen würden.

Na dann prost, dachte Alfred und bestellte sich ein weiteres Bier und gleich einen doppelten Korn dazu.

8. Kapitel

England, Frühjahr 2017

Es war eine Sache, eine Bank auszurauben. Fünf große Sporttaschen mit Diebesgut quer durch Englands Süden zu transportieren, eine andere. Paul hatte das Problem mit seinem Lieblingshehler Nathan Weissman diskutiert. Schließlich waren sie übereingekommen, dass Paul zur Probe eine Tasche packen und den Rest fotografieren sollte. Die übrigen Sachen verstaute er in mehreren Schließfächern in Brighton und machte sich eine Woche nach dem Überfall mit seinem Wagen auf den Weg Richtung Norden. Drei Stunden später stellte er erleichtert fest, dass Nathan vorsorglich das schmale Tor neben seinem Antiquariat in der Linton Road im Londoner Stadtteil Bermondsey offengelassen hatte. Paul steuerte sofort den Wagen hindurch, parkte in dem engen Hinterhof und schloss das Tor wieder. Er war froh, dass er auf diese Weise nicht von neugierigen Nachbarn auf der Straße gesehen werden konnte.

Früher gehörte diese Gegend zu den Schmuddelecken der Stadt. Heute waren die Häuser renoviert oder neu gebaut, und es hatte sich eine äußerst attraktive Wohn- und Arbeitsgegend für die Mittelschicht etabliert. Nathans altertümlicher Laden wirkte daher etwas deplatziert, wurde aber von vielen Kunden landesweit hoch geschätzt. Hier fand man Sachen, die sonst nur schwer zu beschaffen waren. Die Preise waren human, und um die Herkunft der diversen Schmuck- und Antikgegenstände machte sich seine Kundschaft keine Gedanken. Die Polizei war des Öfteren in Nathans Etablissement aufgetaucht, da es immer wieder Hinweise auf Diebesgut gegeben hatte, doch erstaunlicherweise konnte nie ein einziges Stück gefunden werden, das aus dubiosen Quellen stammte. Und das lag hauptsächlich an der hervorragenden Vernetzung Nathans mit der örtlichen und sogar der Metropolitan Police, der er hin und wieder Hinweise auf wirklich böse Jungs gegeben hatte.

Sein Alter war für Paul ein Rätsel. Seit Jahren unverändert: klein und dürr mit einem minimalen Rundrücken, der ihn immer etwas unterwürfig erscheinen ließ. Dazu ein permanentes wissendes Lächeln in den hellen, wachen Augen. Paul schätzte ihn auf 65 bis 80 Jahren, was so viel hieß wie, er wusste es einfach nicht.

»Na, dann komm mal rein, junger Mann«, begrüßte ihn Nathan freundlich. »Wir haben uns ja eine Ewigkeit nicht gesehen. Wie geht es dir? Hab von der Sache im Süden gehört. Nicht schlecht, nicht schlecht.« Auch das gehörte zu den angenehmen Seiten des alten Mannes. Er sprach nie Worte aus, die in irgendeiner Weise verfänglich werden konnten. Der Name »Worthing« zum Beispiel. Die Stadt, in der der Raub stattgefunden hatte, musste nicht erwähnt werden. Wozu auch? Beide wussten genau, wovon Nathan sprach. Nicht, dass er Angst vor Wanzen hatte. Aber unnötige Risiken sollten vermieden werden, war einer seiner oft wiederholten Leitsprüche.

Sie befanden sich in einer Art Werkstatt im hinteren Teil des Geschäftes. An den Wänden und in den Regalen hingen und lagen alle möglichen Werkzeuge, deren Funktionen sich Paul nicht erschlossen. In der Mitte stand ein großer alter Holztisch, der normalerweise voll mit zu reparierenden Gegenständen, jetzt aber leer geräumt war.

»Na, dann zeig mal, was du Schönes mitgebracht hast.« Erwartungsvoll rieb sich Nathan die Hände.

Paul packte die Sachen, von denen er hoffte, eine repräsentative Wahl ausgesucht zu haben, auf den Tisch. Daneben legte er die Fotos der restlichen Beute und die gestohlenen Dokumente.

Nathans Augen wurden immer größer und größer, und plötzlich sprang er wie Rumpelstilzchen auf einem Bein um den Tisch herum und jauchzte wie ein kleines Kind. »Eieiei!«, rief er ein ums andere Mal. »A bisl un a bisl vert a fule shisl! Das hat sich ja wirklich gelohnt.«

»Was hast du da gerade gesagt?«, fragte Paul, der kein Wort verstanden hatte.

»Ach, das war nur so ein jiddisches Sprichwort. Heißt so viel wie: Ein Bisschen und ein Bisschen ergibt eine volle Schüssel.«

»Aha.«

Ohne den Blick vom Tisch abzuwenden, meinte er: »Nimm dir einen Kaffee, Paul. Steht in der Küche und ist noch einigermaßen frisch. Mach dir keine Gedanken wegen des Ladens. Der ist geschlossen. Wir sind ungestört. Hab Geduld. Das wird dauern.«

Paul lächelte. Er kannte Nathan gut genug, um zu wissen, dass nun eine Zeit kam, wo er, Paul, abgeschrieben war. Er holte sich einen Becher, setzte sich still auf einen Stuhl in der Ecke und beobachtete Nathan bei seiner Arbeit.

Dieser hatte sich einen großen Schreibblock, ein paar Instrumente und Fläschchen mit einer undefinierbaren Flüssigkeit sowie eine Waage und einen Laptop geholt. Methodisch ging er Stück für Stück durch, recherchierte im Internet, wog einzelne Teile und kritzelte immer wieder etwas auf seinen Block. Dann verglich er die Teile mit den Fotos, murmelte ein paar unverständliche Worte, schabte etwas von der Oberfläche eines Goldreifs ab und tröpfelte seine geheimnisvolle Flüssigkeit darüber. Dann wieder nahm er ein anderes Stück in die Hand und beäugte es durch eine Lupe, schrieb etwas.

Paul fielen langsam die Augen zu, und sein Kopf sank auf die Brust.

Plötzlich öffnete sich eine Tür in der Werkstatt, die Paul noch nie gesehen hatte, und herein kam: Sarah Dickinson. Seine alte Freundin und erste Liebe. Verführerisch lächelte sie Paul an und schritt mit schwingenden Hüften auf ihn zu. Viel an hatte sie nicht. Ein knappes Top und zu kurze Hotpants. Dafür war sie von oben bis unten mit Schmuck behangen. Glitzernde Ohrringe, ein dickes Diamantcollier, Goldarmreife, Fußkettchen und sogar eine Hüftkette, deren zentraler Saphir ihren schönen Bauchnabel zierte. »Ich bin ja damals so dumm gewesen, als ich dich verlassen habe, mein Liebster«, schnurrte sie, während sie immer näherkam. »Jetzt weiß ich, was für ein tolles Schnäppchen du bist. Nimmst du mich mit auf deine Jacht?«

Paul war bewusst, dass er einen reichlich dämlichen Gesichtsausdruck an den Tag legte. Sein Mund stand offen, und ein dünner Speichelfaden rann aus dem linken Mundwinkel. Aber er war nicht in Lage, etwas dagegen zu tun.

»Paul! Paul! Hallo, aufwachen! Ich bin fertig. Hast du gut geschlafen?«

Erschrocken fuhr Paul hoch und wischte sich den Speichel vom Mund. »Entschuldige, Nathan. Ich bin kurz eingenickt.«

»Von wegen. Du hast geschlafen wie ein Baby. Und deinem Gesichtsausdruck nach hast du außerdem schöne Träume gehabt.« Nathan lachte. »Also, pass auf! Du hast hier einen echten Schatz mitgebracht. Das ist, und ich übertreibe nicht, der größte Wurf in den letzten zehn Jahren. Natürlich lässt sich nicht alles so verkaufen, wie es hier liegt. Einige Dinge müssen umgearbeitet werden. Du verstehst schon. Aber insgesamt komme ich, abzüglich meines bescheidenen Honorars, auf gut 1,000.000 Pfund für dich. Was sagst du?«

Paul grinste. »Mach eins Komma zwei draus, und wir sind im Geschäft.«

Nathan überlegte nur kurz, nickte dann aber und hielt Paul seine Hand hin. Dieser schlug ein. Man war sich einig.

Für Paul war das in mehrfacher Hinsicht ein ganz entscheidender Vorteil. Einerseits freute er sich über die Summe, die er offensichtlich richtig geschätzt hatte, andererseits gewann er viel Zeit, da er sich nicht um weitere Hehler, nervenaufreibende Verhandlungen und gefährliche Transporte des Diebesgutes von A nach B kümmern musste. Das würde alles Nathan übernehmen.

»Ich habe da noch eine Kleinigkeit, Nathan, woraus ich nicht schlau werde. Wie ist dein Deutsch?«

Nathan vergaß für einen kurzen Augenblick sein ständiges Lächeln und zog die Stirn kraus. »Du weißt von meiner Geschichte, Paul? Oder? Hab ich dir doch erzählt.«

Paul nickte. Er wusste, dass Nathans Familie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft aus Nazideutschland fliehen musste. Nicht alle hatten es rechtzeitig geschafft.

»Deshalb mach ich nach wie vor um alles, was mit diesem Land zu tun hat, einen großen Bogen. Was ist es denn?«

Paul holte den vergilbten Briefumschlag aus seiner Jackentasche. »Lag in einem der Schließfächer«, sagte er und reichte ihn Nathan.

Dieser setzte seine Lesebrille auf und betrachtete zunächst nur den Umschlag. »Da ist keine Adresse drauf. Stammt der Brief aus Deutschland?«

Paul nickte. »Ich glaube schon.«

»Mit diesem Umschlag ist der aber nicht verschickt worden. Das ist ein alter englischer. Das Format war in den 30er- bis 50er-Jahren üblich. Stammt wahrscheinlich aus dem Norden. Siehst du hier diese kleine Signatur?«

Nathan wies auf drei kaum sichtbare eingepresste Buchstaben auf der Innenseite der dreieckigen Verschlussklappe. »Das ist die Signatur einer Papierfabrik in Leeds. Die gibt es übrigens heute noch. Na, dann schauen wir mal weiter.« Er öffnete den Umschlag und nahm vorsichtig das Blatt Papier heraus. Mit nach wie vor gerunzelter Stirn fing er an zu lesen. Einige Minuten später zog er sich einen Stuhl heran, setzte sich und las weiter. Er brauchte lange, bis er den Brief langsam auf den Tisch legte. Nathan nahm die Brille von der Nase und starrte kopfschüttelnd vor sich hin.

»Was ist? Konntest du etwas entziffern?«

Nathan räusperte sich umständlich und sagte leise, mehr zu sich selbst als zu Paul: »Das ist ja ein Ding. Von so etwas habe ich noch nie gehört. Einfach unglaublich.«

9. Kapitel

Dortmund, Juli 2019

Die Tafel war festlich gedeckt. Großmutter Lina hatte das beste Geschirr und die edelsten Gläser aus den Schränken holen lassen. »Ich hatte ja erst an ein Buffet gedacht«, meinte sie in die allgemeine Runde. Aber so ist es doch viel gemütlicher. Die Einzigen, die heute springen müssen, sind meine lieben drei Helferinnen. Danke, dass ihr das für mich macht!«

Applaus brandete auf, als die jungen Frauen, die alle drei aus dem Dorf kamen, einen Knicks andeuteten.

»Die eine kenne ich noch von früher«, flüsterte Sabine Raster zu. »Das ist die Tochter von dem Pub-Besitzer im Dorf. Bei der habe ich damals manchmal gesittet.«

»Ihr habt einen Pub hier? Im kleinen Holthausen?« Raster wunderte sich.

»So ungewöhnlich ist das gar nicht«, antwortete Sabine. »Das sind Überbleibsel aus der Zeit der britischen Besatzung. Bis heute sind noch einige 1.000 Briten in Nordrhein-Westfalen stationiert. Und nicht wenige sind mit ihren Familien hier hängengeblieben. Ist ja auch viel schöner als im verregneten England.« Sabine lachte. »Nein, Scherz. Aber jedenfalls ist das die kleine Kim von dem Wirt. Die Kneipe gibt es, glaube ich, schon seit den 90er-Jahren.«

In diesem Moment wurde Sabine durch die erste Vorspeise unterbrochen. Es gab verschiedene Räucherfische mit unterschiedlichen Dips und Weißbrot. Dazu wurde ein eiskalter Sancerre von der Loire gereicht. »Für mich bitte nur Wasser«, bat Sabine, als eine der drei Kellnerinnen einschenken wollte.

»Sag mal. Das ist mir vorhin schon aufgefallen. Du trinkst ja heute keinen Tropfen Alkohol. Was ist los? Du bist doch nicht etwa …?« Raster brachte das Wort nicht über die Lippen.

Lachend antwortete Sabine: »Nein! Also nicht, dass ich wüsste. Mir war einfach nicht danach. Aber du hast vollkommen recht. Einen so guten Tropfen darf man nicht verschmähen.« Und damit winkte sie der jungen Frau, ihr doch ein Glas Wein einzuschenken.

»Habe ich euch eigentlich erzählt, dass bei mir eingebrochen wurde?«, fragte Lina in die kurzzeitig entstandene Stille hinein.

Entrüstet reagierte Günter als Erster auf diese Nachricht. »Aber Mutter, warum erfahren wir denn erst jetzt davon? Wann war das? Erzähl schon!«

»Ach, es ist ja nichts weiter passiert«, meinte Lina leichthin. »Vor knapp einem Jahr.« Sie überlegte kurz. »Ja, es muss im Oktober gewesen sein, nicht wahr, Fritz?«

Der Angesprochene nickte zustimmend, konnte aber nichts sagen, da sein Mund mit köstlichem Forellenfilet beschäftigt war.

»Ja, also. Fritz war wie immer als Erster auf«, fuhr sie fort. »Er weckte mich morgens ganz früh, ich sollte mir mal schnell was anziehen und runterkommen. Hier unten zeigte er mir Hebelspuren an der Terrassentür. Die haben sie aber offenbar nicht aufgekriegt. Dafür war das Fenster in der Speisekammer eingeschlagen. Da sind sie rein.«

»Was wurde denn gestohlen?«, fragte Barbara, die bekanntermaßen ein sensibles Wesen war und bei solchen Themen schnell Angst bekam. Hektische Flecken entstanden wie aus dem Nichts an Hals und im Dekolletee.

»Das war ja das Merkwürdige«, antwortete Lina. »Natürlich haben wir die Polizei gerufen. Die sind mit uns durch jeden einzelnen Raum gegangen. Es fehlte absolut nichts. Allerdings sind die Einbrecher in allen Räumen gewesen, was die Polizei anhand von Fußspuren nachweisen konnte. Stellt euch vor: Sogar in meinem Schlafzimmer sind sie rumspaziert, während ich geschlafen habe. Ist das nicht furchtbar?«

»Eine gruselige Vorstellung«, bestätigte Gernot. »Aber gut, dass nichts weggekommen ist.«

»Na ja. Offensichtlich haben die etwas Konkretes gesucht«, sagte Sabine nachdenklich. »Kein normaler Einbrecher macht sich solche Mühe, latscht durch das ganze Haus, lässt aber alles stehen und liegen, um dann wieder zu verschwinden. Allein, was hier unten an den Wänden hängt, ist doch ein Vermögen wert.«

»Hast du denn eine Ahnung, was sie gesucht haben könnten?« Raster fand es ein wenig komisch, diese alte, vornehme Dame, die er mal gerade einige Stunden kannte, zu duzen.

Lina schüttelte den Kopf. »Fritz und ich sind sogar zusammen mit der Versicherung die Listen aller Wertgegenstände durchgegangen. Nichts von alledem ist weggekommen. Weder Gemälde noch Schmuck oder Silber.«

»Merkwürdige Sache«, meinte auch Frieda. »Aber sollten wir nicht den Kindern erlauben, spielen zu gehen. Sie langweilen sich.«

Max, Klarissa und Lydia, die schon einige Zeit unruhig auf ihren Stühlen hin und her rutschten, riefen unisono »Au ja!«, und wurden entlassen. Sie waren, während die Erwachsenen ihren Fisch genossen, mit einer großen Portion Spaghetti Bolognese abgespeist worden.

Als Nächstes gab es ein feines Kressesüppchen mit Croutons, und anschließend konnten sie zwischen Schweinemedaillons in einer Champignonrahmsoße und Rinderfilet wählen. Für die Vegetarier Sarah und Christoph gab es Zucchinipuffer. Dazu wurden diverse Beilagen gereicht, und schon bald hörte man von dem einen und anderen ein zufriedenes Aufstöhnen.

»Aber der Höhepunkt kommt doch noch!«, rief Lina mit gespielter Empörung. »Meine selbstgemachte Zitronentarte aus Korfu.«

Alle außer Raster kannten dieses Zauberrezept, das Lina vor Jahren von einem Griechenlandurlaub mitgebracht hatte, und konnten nicht widerstehen. Selbst Raster, der kein Fan von Süßspeisen war, rollte begeistert mit den Augen, als er das letzte Stückchen von seinem Teller gekratzt hatte. »Wahnsinn!«, war sein kurzer, aber ehrlicher Kommentar.

Zwei Stunden später lag Sabine mit geschlossenen Augen in seinem Arm. Die Familie war auf die vielen Zimmer des Hauses verteilt worden.

»Wie geht es denn morgen weiter?«, fragte Raster träge und zog Sabine ein Stückchen näher zu sich heran.

»Ach, hast du das gar nicht mitbekommen?«

Raster schüttelte den Kopf.

»Wir sparen uns das Frühstück hier und fahren alle zum Brunchen nach Dortmund. Nur Oma bleibt hier. Das hat sie aber schon vor einiger Zeit angekündigt. Ihr wird das doch ein bisschen viel. Danach sitzen wir noch ein wenig im Garten zusammen, und ich weiß von Günter und Frieda, dass die dann nach Hause müssen. Meine Geschwister und wir bleiben noch bis Sonntagmittag. Ist das okay für dich?«

»Klar«, meinte Raster. »Deine Oma ist echt nett. Also für ’ne Oma.«

Sabine puffte ihn in die Seite. »Eh. Ich lass nichts auf meine Oma kommen.«

Zwei Minuten später richtete sich Sabine auf. »Sag mal, komische Sache das mit dem Einbruch. Findest du nicht auch?«

Doch von Raster kam keine Antwort mehr. Er träumte von einer riesigen Zitronentarte, die ganz Korfu bedeckte. Und er war der König von Korfu.

Am nächsten Morgen schliefen alle lange. Man traf sich erst um 10 Uhr vor dem Haus. Es war ein herrlicher Sommertag. Die Sonne schien von einem fast wolkenlosen Himmel, und die Temperaturen hatten angenehme 20 Grad erreicht. Sie verteilten sich auf so wenig Autos wie möglich und winkten Oma Lina zu, die die Gesellschaft von der Haustür aus verabschiedete. Auch Fritz stieg in einen der Wagen. Ursprünglich hatte er ja bei Lina bleiben wollen, die hatte ihn aber so gedrängt mitzufahren, dass er schließlich nachgegeben hatte. So oft kam er nicht in den Genuss eines Essens in der Stadt.

»Können wir Oma denn so ganz alleine hierlassen?«, fragte Barbara ängstlich ihre Mutter.

»Ganz alleine ist sie doch nie«, antwortete Frieda. »Da sind die Stallburschen, die Köchin, der Gärtner, und bald kommen schon die ersten Pferdemädchen zum Reiten. Mach dir nicht immer so viel Sorgen. Oma Lina ist schon erwachsen.«

Sie hatten einen großen Tisch bei Wenkers am Markt reserviert und genossen ausgiebig das reichhaltige Angebot. Es wurden zwei fröhliche Stunden, in denen sich Sabine etwas intensiver mit ihren beiden Brüdern unterhielt, was am Vortag zu kurz gekommen war. Raster plauderte mit Hannas Freund Klaus und musste feststellen, dass Sabine mit ihrer Einschätzung richtig gelegen hatte. Klaus war ihm auf Anhieb sympathisch.

Als es auf 13 Uhr zuging, klatschte Günter einmal in die Hände. »Leute, wir sollten Lina nicht noch länger warten lassen. Schließlich feiern wir ja ihren Geburtstag. Übrigens hat sie mir aufgetragen, für das hier«, er machte eine umfassende Geste über den abgegessenen Tisch, »vorzustrecken. Sie möchte uns einladen. Auf Lina!«

Alle, die noch einen Schluck Saft oder Kaffee hatten, hoben die Gläser oder Tassen und prosteten der abwesenden Oma zu.

Eine halbe Stunde später fuhren die Wagen auf den Kiesplatz. Die Kinder rannten sofort in den Garten, die Erwachsenen folgten etwas langsamer in Grüppchen und in Gespräche vertieft.

Fritz wollte Lina Bescheid geben, dass sie alle wieder da waren, und rief wiederholt ihren Namen, bekam jedoch keine Antwort. Mittlerweile hatten sich auch andere Familienmitglieder auf die Suche begeben. Die Angestellten im Haus wurden befragt. Keiner hatte etwas Ungewöhnliches bemerkt.

Und es blieb dabei: Oma Lina war spurlos verschwunden.

10. Kapitel

Münster, Februar 1944

Wie schon gesagt: Alfred war nicht gerade bekannt für übersprudelnden Ehrgeiz, eine unumstößliche Regimetreue oder auch überhaupt eine starke Motivation, was die Ausübung seines Berufs anging. Aber in Sachen Intelligenz und Vorsorge konnte man ihm nichts vormachen.

Daher vergingen nur wenige Minuten zwischen dem erschreckenden Erkennen der Dinge, die er dem Brief seines Freundes entnehmen konnte, und dem Beginn diverser Überlegungen.

Es kam ihm nicht einmal der Gedanke, an dem Wahrheitsgehalt zu zweifeln. Sein Freund war Engländer, gehörte im weitesten Sinne noch der Armee an und war aufgrund dieser beiden Tatsachen ihm gegenüber deutlich im Vorteil, was Tatsachenbeschaffung anging. Und dass William ihn übers Ohr hauen wollte, war ohnehin völlig undenkbar.

Welche Optionen hatte Alfred mit seiner Familie?

Er konnte versuchen, sich mit Ruth und Lina ins Ausland abzusetzen. Das Problem dabei war, dass die Chancen dafür erdenklich schlecht standen. Er müsste sich dazu falsche Papiere für die ganze Familie besorgen, was finanziell und logistisch seine Möglichkeiten sprengte. Und sollte es ihm doch gelingen, und sie würden dann an einer Grenze festgesetzt, drohte zumindest Zuchthaus, wenn nicht sogar mehr. Nein. Das kam nicht infrage.

Die zweite Option war, sich und seine Familie, so gut es ging, zu schützen, das Ende auszusitzen und sich vorher ein finanzielles Polster für die Zeit danach aufzubauen.

Nachdenklich kaute Alfred auf dem längst erloschenen Rest seiner Zigarette herum, bestellte gedankenverloren ein weiteres Bier, während langsam ein kühner Plan immer mehr Gestalt annahm.

11. Kapitel

Dortmunder Norden, Juli 2019

Nachdem das gesamte Haus, die Reitställe und der Garten durchsucht worden waren, trafen sich die Geburtstagsgäste im Wohnzimmer. Alle redeten durcheinander. Es wurde wild spekuliert, gerätselt und gefragt. Jeder hatte eine eigene Theorie, wo Lina sein oder was mit ihr passiert sein könnte.

Obwohl sie nun wirklich nicht die Älteste war, ergriff Sabine wie selbstverständlich das Kommando und verschaffte sich lauthals Gehör. »Leute, hört mal her. Wir sind alle aufgeregt und ratlos, was mit Oma Lina passiert sein könnte. Trotzdem müssen wir jetzt Ruhe bewahren, sonst kommen wir nicht weiter.«

»Du hast gut reden«, murmelte Gernot kaum hörbar. »Es geht ja schließlich nicht nur um Oma, sondern auch um das ganze Erbe.«

»Was soll denn diese bescheuerte Aussage?«, zischte Sabine in seine Richtung.

»Na ja«, antwortete Gernot mit einem trotzigen Unterton in der Stimme, »wenn Oma wegbleibt, ist das doch mit dem Erbe überhaupt nicht geregelt. Und dann?«

»Halt den Mund, Gernot!«, blaffte sein Vater Günter, und der Angesprochene zog beleidigt einen Schmollmund, verhielt sich aber ab nun ruhig.

»Wir sollten zunächst alle Angestellten, Reiter und überhaupt alle Menschen, die heute Vormittag auf dem Gut waren, zu uns bitten und befragen. Gleichzeitig könntest du, Raster, die umliegenden Krankenhäuser und Polizeistationen kontaktieren. Danach sehen wir weiter. Sie wird schon wieder auftauchen. Oma Lina verschwindet doch nicht einfach so. Fritz, sag mal, fährt sie eigentlich noch selbst einen Wagen? Ich habe sie das die letzten Male, als ich hier war, gar nicht gefragt.«

Fritz, der blass in einer Ecke stand und seine Mütze knetete, als könnte die etwas ausspucken, das ihm weiterhelfen würde, schüttelte den Kopf. »Nein. Den Führerschein hat Lina vor Jahren bereits abgegeben.«

»Okay. Dann organisierst du, dass alle Leute, die hier waren, zu uns kommen. Und du, mein Schatz, hängst dich ans Telefon, ja?«

Raster nickte und verschwand im Nebenzimmer, um in Ruhe zu telefonieren.

»Äh, Sabine?« Günter, Frieda, Helga und Barbara näherten sich zögerlich.

»Ja?«

»Es tut uns schrecklich leid. Aber wir müssten so langsam aufbrechen.«

»Aber wir hätten doch auch sonst noch zusammen im Garten gesessen. Ich meine mit Lina«, antwortete Sabine erstaunt.

»Ja schon«, druckste Günter. »Aber weißt du, diese ganze Aufregung. Das ist nichts für Frieda und Helga. Und ehrlich gesagt, kann Barbara damit auch nicht so gut umgehen. Ihr macht das schon. Ich bin mir sicher, dass Lina bald wieder auftaucht.«

»Verstehe. Wir können ja im Moment nicht viel machen. Also, passt auf euch auf. Wir halten Kontakt, ja?«

Dankbar zogen sich die vier zurück, hatten noch einen kurzen Austausch mit Gernot, wie Sabine aus den Augenwinkeln beobachten konnte, der sie aber kopfschüttelnd abwies, bevor sie den Raum und das Haus verließen.

Sabine ging zu ihren Geschwistern, die mit den ängstlich zusammengekuschelten Kindern auf einem Sofa saßen. »Ich finde, ihr solltet auch fahren«, meinte sie. »Für die Kinder ist das eine unnötige Aufregung. Die brauchen euch gerade jetzt. Da habt ihr gar keine Zeit, uns bei der Suche zu helfen. Fritz, Raster und ich kümmern uns schon.«

»Bist du dir wirklich sicher?«, fragte Hanna, und auch Ralf und Sarah schauten sie fragend an.

»Ich bin ganz sicher«, bekräftigte Sabine und zwang sich zu einem Lächeln, obwohl ihr überhaupt nicht danach war.

Nachdem Raster, der mit einem Kopfschütteln von seinen Telefonaten zurückgekehrt war, und Sabine die Verwandtschaft verabschiedet hatten, die mit deutlich sichtbarem schlechten Gewissen das Gut verließ, begannen sie mit der Befragung der Angestellten und Reiterinnen. Einer nach dem anderen trat ein, doch keiner hatte etwas gesehen oder gehört. Weder Lina, die das Haus verlassen hatte, noch irgendwelche Fremden, die das Haus betreten hätten. Frustriert bedankten sich Raster und Sabine bei allen und schauten sich verunsichert an.

»Polizei?«, fragte Raster.

»Dazu ist es noch zu früh«, kam es aus einer Ecke des Wohnzimmers.

»Gernot? Du bist noch da?« Erschrocken wandte sich Sabine ihrem Cousin zu. »Ich dachte, du bist nach Hause gefahren?«

»Ach was«, entgegnete dieser und kam betont lässig näher. »Ich hab’ zurzeit sowieso nichts zu tun. Da kann ich euch auch helfen, nach Großmutter Lina zu suchen.«

»Na gut, wie du willst«, meinte Sabine und klang nicht sehr begeistert. »Die Polizei rufe ich trotzdem an. Lina ist ja schließlich nicht irgendwer.«

Raster und Gernot beäugten sich misstrauisch und schwiegen, während sie auf Sabine warteten.

»Sie kommen«, verkündete Sabine, als sie wieder ins Zimmer trat. »Es wird zwar noch etwas dauern, aber, wie ich gedacht habe, ist denen Lina Funda so wichtig, dass sie frühzeitig etwas unternehmen wollen.«

»Okay«, meinte Gernot, der mittlerweile unruhig im Wohnzimmer hin und her tigerte. »Und was sollen wir in der Zwischenzeit machen?«

»Ich würde vorschlagen, du schaust dich im Bad von Oma um, ob ihre Diabetesmedikamente noch da sind. Die braucht sie dringend. Wenn sie die nicht dabei hat, haben wir, nein, hat sie ein echtes Problem. Und bei der Gelegenheit guckst du dich allgemein in ihren Räumen um, ob dir irgendwas auffällt, das uns einen Hinweis geben könnte. Raster und ich machen das Gleiche im Rest des Hauses, okay?«

»Großmutter hat Diabetes?«, fragte Gernot überrascht.

»Ja. Wusstest du das nicht? Schon seit vielen Jahren. Und wie gesagt: Sie braucht dringend ihre Medikamente. Eines heißt Metformin, den Namen von dem zweiten weiß ich nicht mehr. Die beiden stehen aber immer zusammen im Bad. Schau bitte gründlich nach.«

Gernot nickte und verschwand.

»So. Und wir beide machen mal eine ausgiebige Hausbegehung. Komm, wir fangen in der Küche an.«

Nachdem die beiden den Keller, die Küche, das Esszimmer und die oberen Etagen gründlich begutachtet hatten, ohne etwas Verdächtiges gefunden zu haben, standen sie schließlich wieder im Wohnzimmer und schauten sich um.

»Moment mal«, meinte Raster nach einer Weile. »War die Terrassentür schon offen, als wir heute Morgen gefahren sind?«

»Das weiß ich, ehrlich gesagt, nicht genau. Aber Lina kann sie ja in der Zeit, in der wir weg waren, geöffnet haben.«

Nachdenklich ging Raster zu der Tür, zog sie auf und schaute in den Garten. »Was ist hinter dem Garten?« Er wies auf die Randbegrenzung des Grundstücks, an der eine Reihe Ginsterbüsche standen.

»Ein Wirtschaftsweg«, antwortete Sabine. »Du meinst …«

Raster trat auf die Terrasse und begutachtete die Rasenfläche vor sich. »Guck mal hier, Sabine! Haben wir gestern irgendetwas von drinnen nach draußen geschleift? Mit einem Abstand von vielleicht 15 Zentimetern?«

Sabine schüttelte den Kopf. »Das sieht tatsächlich so aus, als wäre eine Person über den Rasen geschleift worden. Das könnten Abdrücke ihrer Absätze sein.«

»Und auf dem Weg da drüben hat ein Wagen gewartet. Deswegen hat im Hof keiner etwas mitbekommen«, ergänzte Raster leise.

»Ich ruf sofort noch einmal die Polizei an. Die sollen sich gefälligst beeilen und das alles hier untersuchen.«

In diesem Moment kam Gernot zurück ins Wohnzimmer.

»So, wie ich das sehe, ist Oma Lina freiwillig verreist. Warum auch immer. Es fehlen jedenfalls die Medikamente, es ist keine Zahnbürste im Bad, und wenn ich ihren Kleiderschrank beurteilen soll, was ich wirklich sehr ungern tue, fehlen dort auch einige … Dinge. Ihr wisst schon, was ich meine.«

Ratlos guckte Sabine zu Raster. »Das verstehe ich nicht. Du etwa?«

Raster schüttelte langsam den Kopf, während er unablässig Sabines Cousin in die Augen schaute. »Nein. Das verstehe ich auch nicht. Lasst uns auf die Polizei warten.«

12. Kapitel

Ägypten, Soma Bay, Cambridge, England, 2017

Müde rollte Paul das Glas mit etwas, das man ihm als Mai Tai angepriesen hatte, zwischen seinen Händen. Er mochte diese süße Plörre nicht, und außerdem fehlte ihm der Rum, der eigentlich wichtigster Bestandteil seines Lieblingscocktails sein sollte. Aber so ist das nun mal bei all inclusive, dachte er frustriert, während er dem Kellner winkte, um sich ein Bier zu bestellen.

Wieso fühlte er sich nur so verdammt einsam und traurig? Es war doch alles glatt gelaufen: Nachdem er das restliche Diebesgut geholt und Nathan übergeben hatte, war er bereits zwei Tage später mit einem Koffer und 1,200.000 Pfund wieder aus London verschwunden. Seine Mitstreiter wurden von ihm über einen verschlüsselten E-Mail-Account informiert und zu einem Treffpunkt in Kent gelotst. 600.000 Pfund wurden verteilt und lösten Freudenstürme aus. Weitere Ermahnungen, Stillschweigen beizubehalten, wurden ausgesprochen, dann gingen alle wieder ihrer Wege. Paul hatte sich spontan zu einem Urlaub entschlossen – was für ihn äußerst ungewöhnlich war – und seinen Freund Keith gefragt, ob er ihn begleiten wolle. Dieser hatte aber abgesagt, da er mit seiner neuen Freundin nach Schottland fahren wollte. Da es Dezember war und Paul unbedingt Wärme brauchte, buchte er kurz entschlossen zwei Wochen im Caribbean World Resort in Ägypten. Und hier saß er nun an der Jamaica Poolbar zu Beginn seiner zweiten Woche und ertrug zum zigsten Mal das immer gleiche Repertoire der beiden Sängerinnen, die für die Unterhaltung am Abend sorgten. Nicht gerade toll, aber auch nicht die Ursache seiner trüben Gedanken. Was war nur mit ihm los? Wie konnte man sich unter so vielen Menschen so einsam fühlen? Voller Neid und Sehnsucht dachte er an seinen Freund Keith, der wahrscheinlich mit einem Glas Single Malt vor dem bollernden Kamin in einer Berghütte in den verschneiten schottischen Bergen saß.

Paul nahm sein halbvolles Bier und verließ die Bar. 100 Meter weiter setzte er sich auf einen Liegestuhl am Poolrand und genoss die Stille und die Dunkelheit, die ihn hier umfingen. Irgendetwas nagte an ihm. Etwas, das aus der Tiefe an die Oberfläche wollte und sich langsam, aber sicher seinen Weg brach. Er steckte sich eine Zigarette an und lehnte sich zurück. Denk nicht drüber nach, lass es einfach kommen, ermahnte er sich und schaute in den faszinierenden Sternenhimmel, der sich über ihm spannte.

Plötzlich fiel ihm der Brief wieder ein, den Nathan für ihn übersetzt hatte. Sie hatten nicht genau herausbekommen, wann der Brief verfasst worden war. Aber es musste ziemlich bald nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen sein. Leider fehlten auch die Unterschrift und damit der Absender. Es machte den Eindruck, als sei der Brief jemandem aus der Hand gerissen worden, wobei der unterste Teil verloren gegangen war. Ein ehemaliger deutscher Offizier schrieb einem Freund William in England. Er bedankte sich, offenbar zum wiederholten Mal, für die Rettung im Ersten und eine Warnung vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Weiterhin erklärte der Deutsche, dass es ihm gelungen sei, ein sehr wertvolles Gemälde zu beschaffen. Und dann kam das Unfassbare: Der Schreiber vermutete, dass er mit dem Bild als Grundstock ein reicher Mann werden könnte. Sollte ihm das gelingen, wäre er oder seine Familie jederzeit bereit, William und dessen Familie unter die Arme zu greifen, wenn es ihnen einmal finanziell schlecht ergehen sollte.

»Wie kann man nur so selbstlos sein?«, murmelte Paul vor sich hin. »Das grenzt ja schon an Dummheit!«

Oder lag er da falsch? So wie er sich einschätzte, wäre er nie auf die Idee gekommen, jemand anderen an seinem Vermögen teilhaben zu lassen. Dankbarkeit her oder hin. Aber vielleicht war genau das sein Problem. Seit er seine Mutter verlassen hatte, hatte er nur an sich gedacht, die Schuld immer nur bei anderen gesucht. Sein ganzes verkorkstes Leben, der Gefängnisaufenthalt mit Keith, die Unfähigkeit, eine dauerhafte Beziehung aufzubauen, seine Laufbahn als Krimineller. Für all das hatte er immer anderen, vor allem seinen Eltern, die Schuld gegeben. Aber war das fair? Gut, seine Kindheit war nicht gerade perfekt verlaufen. Aber das gab es bei vielen Menschen. Hatten die sich alle so entwickelt wie er? Gab es nicht auch aus seinem früheren Umfeld einige, die etwas aus ihrem Leben gemacht hatten und nicht so ein Arschloch geworden waren wie er?

Paul richtete sich auf und warf die heruntergebrannte Zigarette in einen Aschenbecher, der neben seiner Liege stand. Er war erschrocken über die Ehrlichkeit und Klarheit, mit der diese Fragen plötzlich in ihm auftauchten. Auf der einen Seite schmerzten die Antworten wie heiße Messer, die in seinen Eingeweiden herumgedreht wurden, auf der anderen Seite merkte er, dass es ihm besser ging als noch eine halbe Stunde zuvor. Er nahm sich vor, in den verbleibenden Tagen weiter schonungslos ehrlich darüber nachzudenken. Und wenn das hieß, dass er ein neues Leben anfangen müsste, dann war das eben so. Aber dieser alte Paul, das spürte er deutlich, war Geschichte. Er empfand regelrecht Lust darauf, Begriffe wie Dankbarkeit, Verantwortung und Selbstlosigkeit in seinem Leben Raum zu geben. Ein noch fremdes Gefühl, irgendwie irreal. Zudem mochte er gar nicht daran denken, was das für die Rückschau auf sein bisheriges Leben bedeuten würde. Aber er wollte es wagen.

Außerdem interessierte ihn die Geschichte von diesem Gemälde und der dazugehörigen Familie. Ein alter Nazi und so selbstlos? Wie passte das zusammen? Ob es Nachkommen dieses Offiziers gab? Würde das Gemälde noch existieren? Paul beschloss, ein wenig zu recherchieren.

So oder so ähnlich war der Urlaub in Ägypten abgelaufen, wenn er sich daran zurückerinnerte. Die Wahrheit sah allerdings anders aus. In Wirklichkeit dauerte es Wochen, bis er sich an den Gedanken gewöhnt hatte, seine kriminelle Laufbahn zu beenden. Und auch heute noch ertappte er sich ein ums andere Mal dabei, dass er auf seine anstrengende Arbeit bei dem Kfz-Mechaniker in Cambridge, bei dem er untergekommen war, fluchte. Wie viel einfacher wäre es, mit einem kleinen, gut durchdachten Coup an Geld zu kommen. Natürlich besaß er noch einen Großteil seines Anteils von dem Banküberfall. Aber es war ihm auch klar, dass er damit nicht ewig über die Runden kommen würde. Genau in solchen Momenten malte er sich ein Bild von seiner Zeit in Ägypten, dachte an die Einsamkeit, die er dort empfunden hatte, und die neuen Werte, die durch den Brief erstmalig in seinem Leben eine gewisse Bedeutung erlangt hatten. Also hielt er durch und machte weiter als rechtschaffener Kfz-Auszubildender. Vielleicht könnte er sich ja eines Tages den Traum von der Selbstständigkeit erfüllen. Und vielleicht konnte er seiner Mutter eines Tages etwas zurückgeben für das, was sie für ihn getan hatte. Er wollte jedenfalls alles daransetzen.

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25 mayıs 2021
Hacim:
273 s. 6 illüstrasyon
ISBN:
9783839268124
Yayıncı:
Telif hakkı:
Автор
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