Kitabı oku: «Die 55 beliebtesten Krankheiten der Deutschen»
Hans Zippert
Die 55 beliebtesten Krankheiten der Deutschen
Im Selbstversuch getestet
– FUEGO –
– Über dieses Buch –
In Deutschland gibt es mehr Krankheiten als Einwohner. Denn in diesem Land herrscht das Prinzip von Angebot und Nachfrage. Die Menschen erwarten einfach, dass ihnen Ärzte, Krankenkassen und Wissenschaftler eine möglichst breite Palette an Krankheiten anbieten. Krankheiten sind wichtig für die Persönlichkeitsbildung, denn wir unterscheiden uns oft nur durch unsere Krankheiten voneinander. Krankheiten geben dem Leben oft erst einen Sinn. Deshalb sind die Deutschen gerne krank. Dabei haben sie oft einfach nur einen Knall oder nicht mehr alle Tassen im Schrank. Dann gründen sie eine Selbsthilfegruppe und kämpfen solange, bis Tassen rezeptpflichtig werden und nur noch in der Apotheke zu bekommen sind. Es gibt erstaunlicherweise nur eine Form der Gesundheit, aber über 122 Millionen verschiedene Krankheiten. Ein Leben reicht nicht aus, um die alle mal bekommen zu haben. Hans Zippert hat deshalb die 55 beliebtesten Krankheiten am eigenen Leib ausprobiert. Lesen Sie seine spannenden Erfahrungsprotokolle und dann wissen Sie, welche Krankheit sich für Sie wirklich lohnt und von welcher Sie besser die Finger lassen. Ein unersetzliches Nachschlagewerk und Pflichtlektüre für alle Deutschen, die wissen wollen, welche Krankheit am besten zu ihnen passt.
Anamnese
Grundsätzlich kann jeder Zustand, in dem man sich gerade befindet, als Krankheit gedeutet werden. Nicht immer ist gleich ein Name dafür zur Hand und oft passiert es, dass übereifrige Wissenschaftler zuerst ein Medikament entwickeln und die dazu passende Krankheit ist noch gar nicht entdeckt. Dieses Buch gibt einen Überblick über die 55 gängigsten Krankheiten, die in Deutschland auftreten können. Es zeigt keinerlei Heilungsmöglichkeiten auf, weder allopathische noch homöopathische. Es handelt sich nur um die Selbsterfahrungsberichte eines Mannes, der schon viel Leid gesehen und erlebt hat. Ich muss es wissen, denn dieser Mann bin ich.
Dass dieses Buch überhaupt existiert, ist auch das Ergebnis einer Krankheit. Ich kann nämlich nichts wegwerfen. Vor allem keine Texte, die ich irgendwann mal geschrieben habe. Das ist nichts Ungewöhnliches, denn jeder Satz, der in Büchern steht, wurde schon mal geschrieben, sonst könnte man ihn ja gar nicht lesen, es sei denn, jemand erfindet ein Buch, das erst im Moment der Lektüre entsteht. Das vorliegende Werk enthält jedenfalls zum größten Teil Texte, die zuerst im Internet, auf den Blogseiten der Zeitschrift Cicero zu lesen waren. Weil ich aber erst einmal im Leben jemand getroffen habe, der diese Blogeinträge überhaupt gelesen hatte, bekam ich Angst, dass ich die Texte möglicherweise nur für diese eine Person geschrieben haben könnte und sie irgendwann komplett in den Tiefen des Netzes verschwinden würden und beschloss, sie in einem Buch zu versammeln. Ich hatte schlicht Angst, sie könnten verloren gehen, der Fachausdruck dafür lautet: Verlustangst.
Als ich mit meiner Textsammlung bei der letzten Buchmesse vor die Verleger trat, erklärten sie mir übereinstimmend, dass niemand ein Buch kaufen würde, in dem nur Kolumnen gesammelt sind, vor allem, wenn es sich um Kolumnen handelt, deren Leserzahl sich nicht messen lässt. Weil sie vielleicht gar nicht messbar ist. Aber auch sonst interessiert sich außerhalb von Zeitungen niemand für Kolumnen.
Das muss so sein, weil es jeder sagt. Vor einigen Jahren, als ich noch kein eigenes Buch veröffentlicht hatte, aber eine tägliche Kolumne in einer großen überregionalen Tageszeitung schrieb, dachte ich, dass es ja schade wäre, wenn die alle nur im Altpapier landeten und konzipierte eine Art Best-of-Sammlung. Ich kannte damals allerdings keinen Verleger und deshalb ließ ich mir von Freunden den Spitzenagenten Herrn Jessen empfehlen. »Ruf Jessen an!« war geradezu eine Zauberformel der damaligen Zeit. Dieser Jessen hatte einem Kollegen mit einem ziemlich schwer verdaulichen Werk einen ungeheuren Vorschuss und einem anderen mit einem komplett unausgegorenen Roman eine ebenso gigantische Vorauszahlung besorgt. Jessen würde also auch für meine Kolumnensammlung problemlos mindestens 30.000 Euro raushandeln. Ich hatte nichts weiter zu tun, als ihn einfach anzurufen und anschließend gleich meinen Anlageberater. Also rief ich Jessen an, nannte meinen Namen und erklärte ihm, was ich vorhätte. Er fragte nur kurz: »Kolumnen? Können Sie vergessen. Verkauft sich nicht.« Und damit war das Gespräch und meine literarische Karriere beendet.
Es dauerte einige Jahre bis ich mich von diesem Jessenschock erholte, aber ich hatte meine Lektion gelernt und die lautete: Niemals darf der Leser sofort merken, dass er es nur mit veralteten Kolumnen zu tun hat. Deshalb nannte ich das Buch, in dem die Kolumnen aus der Tageszeitung versammelt waren, nicht »Das Beste aus Zippert zappt«, sondern »Das Weltwissen der 48jährigen«. Ein Supertrick, dem tausende von Lesern auf den Leim gingen, Jessen sei Dank.
Das gleiche Verfahren kommt nun ebenfalls in diesem Werk zur Anwendung. Es handelt sich zwar auch nur um eine Sammlung von Kolumnentexten, aber man erkennt es nicht sofort. Ich selber merke es ja kaum. Das liegt an dem brillanten Titel: »Die 55 beliebtesten Krankheiten der Deutschen«. Kaum war mir dieser Titel eingefallen, zeigte ich ihn auf der Buchmesse meinen Verlegern. Die Texte waren immer noch die selben, aber plötzlich rissen sich zwei Verlage gleichzeitig um das Buch. Ich genoss den Vorgang, tauchte mehrmals am Tag am Hanser-Stand auf, wedelte mit meinen Manuskripten und marschierte wieder zur Edition Tiamat. Ich fand es einerseits berauschend, dass zwei Verlage mein Buch herausbringen wollten, fühlte mich andererseits deprimiert, weil sie ja nur an dem Titel interessiert waren, der aber immerhin auch von mir stammte. Man muss sich jedoch klarmachen, dass die meisten Bücher auf diese Weise entstehen. Jemand hat einen dicken Packen von verschieden langen Sätzen beisammen, die werden zwischen zwei Buchdeckel gepresst, damit sie nicht mehr wegkönnen und vorne klebt man dann einen Titel drauf, der möglichst interessant klingt. Also: »Die Angst des Tormanns beim Elfmeter« oder »Kritik der reinen Vernunft« oder »Fräulein Smillas Gespür für Schnee«. Eigentlich würde das schon reichen, man müsste gar kein Buch mehr dazu schreiben, das verdirbt meistens nur den schönen Titel.
Es gibt übrigens keine Möglichkeit, dieses Buch zu reklamieren oder Schadensersatzansprüche zu stellen, weil Sie dachten, es handele sich um 1-A- Non-Kolumnen-Ware, und nun merken Sie, dass das gar nicht stimmt. An keiner Stelle wurde Ihnen nämlich garantiert, dass es sich um ein kolumnenfreies Werk handelt. Tun Sie einfach so, als ob nichts wäre und lesen Sie weiter. Aber lassen Sie sich Zeit. Nehmen Sie sich höchstens 4 bis 5 Krankheiten auf einmal vor, erholen Sie sich anschließend ein wenig und setzen Sie die Lektüre am darauffolgenden Tag fort.
Verwahrlosung
Während ich mir zuhause unter High-Tech-Einsatz mit allerlei Spezialbürsten für Brückenreinigung und Zahnfleischtaschenentleerung den Mundraum reinige, kommt unterwegs ein höchst zweifelhaftes Objekt namens Reisezahnbürste zum Einsatz. Das ist jedenfalls die Bezeichnung unter der die Bürste in meiner Familie firmiert. Es scheint mir eher unwahrscheinlich, dass die Reisezahnbürste in diesem Jahrtausend gekauft wurde, wenn ja, dann ganz zu Anfang, als man noch mit D-Mark bezahlen konnte. Wahrscheinlicher aber ist, dass die Bürste mindestens die DDR erlebt hat. Besagte Bürste ruht in einem von meinem Sohn im Waldorf-Kindergarten getöpferten Gefäß in einer schlecht beleuchteten Ecke des Bades und wartet auf ihren Einsatz. Irgendwann wird sie vollkommen überstürzt, weil das Taxi schon wartet, in ein geschmacklos gemustertes Reisenecessaire geworfen, das ich immer mit hochrotem Kopf bei der Gepäckdurchleuchtung ausleere, und dann hat die Bürste ihren großen Auftritt in einem luxuriösen Hotelbadezimmer in Arosa oder Teneriffa. Und irgendwie sehe ich sie dann zum ersten Mal wirklich und ich begreife: allein die Anwesenheit meiner Zahnbürste senkt den Wert der betreffenden Immobilie um 25 Prozent.
Seit Jahren starre ich in den Hotels dieser Welt erschüttert auf diese erbarmungswürdige struppige Erscheinung und schwöre mir, sobald ich zuhause bin, eine neue mit allen Schikanen zu erwerben. Die Bürste verstößt längst gegen die Genfer Konvention für biologische Waffen. Die Borsten sind eingebettet in eine zentimeterdicke Schicht aus uralten Zahnpasta-Ablagerungen. Archäologen dürften erstaunliche Entdeckungen machen. Würde man DNA-Proben entnehmen, könnte man mir mit Sicherheit sämtliche unaufgeklärten Verbrechen der letzten zwanzig Jahre anhängen. Die Borsten selber streben in alle nur denkbaren Richtungen auseinander und scheinen ständig auf der Flucht vor meinen Zähnen zu sein. Jedesmal sage ich mir, dass es das letzte Mal sein wird, dass ich mit dieser Bakterienschleuder hantiere und jedesmal ist sie wieder dabei. Widerstand hat keinen Sinn, wir gehören einfach zusammen. Und mit meiner Zahnbürste habe ich inzwischen mehr erlebt, als mit jedem anderen Menschen. Darauf sollte ich eigentlich stolz sein. Reinhold Messner hat vielleicht alle Achttausender in einem Jahr bestiegen, aber ich habe mir mit der gleichen Bürste zwanzig Jahre lang auf vier Kontinenten die Zähne geputzt. Ohne Sauerstoffgerät. Und überlebt!
Krebs
Vor einigen Wochen hatte ich Krebs. Keine großartige Geschichte, das kommt bei mir öfter vor. Tropft die Nase, schmerzt das Knie oder der Ellenbogen, immer denke ich zuerst an Krebs. Gehe ich zum Zahnarzt, bin ich innerlich schon darauf gefasst, dass er einen kindskopfgroßen Tumor in der Mundhöhle entdecken wird. Ich überlege mir, ob ich nach einer Kieferamputation noch in der Öffentlichkeit auftreten könnte. Oder ob ich es vielleicht sogar sollte. »Der erste Roman eines kieferlosen Schriftstellers« würde mein Verlag stolz auf den Buchumschlag drucken lassen. Natürlich nur, wenn ich einen Roman schriebe, aber was soll man auch sonst tun ohne Kiefer. Der Zahnarzt schaute lange und konzentriert in meiner Mundhöhle umher, aber er konnte den Tumor nicht finden. Er stellte jedoch fest, ich hätte »das Zahnfleisch eines starken Rauchers«. Das war keineswegs als Lob gemeint. Da ich nie geraucht habe, vermutete er die Ursache für meine Parodontose im Magen-Darmbereich und empfahl mir den Besuch einer Reihe von Kollegen anderer Fachgebiete. Unter anderem sollte ich unbedingt in eine Schlauchschluckerei gehen, um eine Magenspiegelung zu machen. Da in meinem beruflichen Umfeld in letzter Zeit auffällig viele Personen an Krebs gestorben sind, war mir klar, was man bei mir finden würde. Ich dachte daran, dass ich ohne Haare sicher noch viel unvorteilhafter wirken dürfte, was meine Kinder wohl mit meiner Plattensammlung machen und wie wohl der Neue aussehen könnte, den meine Frau nach meiner Einäscherung kennenlernen würde.
Eine Schlauchschluckerei wird von einem sogenannten Internisten geleitet, der über gewisse Überredungskünste verfügen sollte. Meiner erklärte mir, es gebe zwei Methoden des Schlauchschluckens. Bei der einen würde er mir eine Beruhigungsspritze verpassen, ich würde augenblicklich in einen ganz angenehmen Dämmerzustand verfallen und den Schlauch ohne jeden Widerstand schlucken. Viele Patienten sagen, so erzählte er geradezu begeistert, sie hätten schon lange nicht mehr so gut geschlafen. Allerdings sei ich dann für etwa vier Stunden außer Gefecht gesetzt und müsse mit dem Taxi nach Hause fahren. Ich hatte aber noch zu arbeiten und war außerdem mit dem Fahrrad zur Schlauchschluckerei gefahren. Deshalb musste ich die zweite Methode in Erwägung ziehen, die er eher ruppig erklärte. Er würde meinen Rachenraum mit einem Spray betäuben, dann den Schlauch immer weiter in meinen Rachenraum einführen, bis der Schluckreflex einsetzte und ich das Ding praktisch ganz automatisch bis in den Zwölffingerdarm versenken würde. Die Prozedur sei natürlich von allerlei unschönen Würgereizen begleitet. Der Internist hatte selber noch nie einen Schlauch verschluckt, aber wenn er es müsste, so sagte er, würde er es wohl ohne Beruhigungsspritze tun. Das gab den endgültigen Ausschlag. Auf keinen Fall wollte ich mich vor diesem Mann als sediertes Weichei bloßstellen und sagte mannhaft: »Keine Spritze.«
Daraufhin führte er mich aus seinem gemütlich und geschmackvoll eingerichteten Sprechzimmer in einen anderen Raum. Zwei Assistentinnen warteten bereits auf mich, ich sah deutlich, wie sie den Mund verzogen, als sie hörten, ich wolle es »ohne« tun. Plötzlich hatten alle grüne Kittel sowie einen Mundschutz an und ich lag in unstabiler Seitenlage auf einem OP-Tisch. Dann sah ich zum ersten Mal den Schlauch. Er war schwarz wie eine Lakritzstange und hatte beinahe den Durchmesser eines handelsüblichen Gartenschlauchs. Es war ein kluger Schachzug des Internisten mich erst jetzt mit dem Ding zu konfrontieren, denn ich konnte nicht mehr weg. Eine Assistentin steckte mir ein Mundstück aus Plastik zwischen die Zähne, damit ich den Schlauch, der bestimmt teuer war, nicht zerbeißen konnte, und dann drückten mich beide mit aller Kraft auf die Liege. Weitere Einzelheiten will ich aussparen, ich kann nur sagen, dass zwei Assistentinnen ziemlich knapp bemessen sind, um einen konvulsivisch zuckenden und eruptiv würgenden Hypochonder ruhig zu stellen, aber es gelang ihnen irgendwie. Der Internist entnahm zwei Proben aus meinem Inneren, schaute sich gründlich im Zwölffingerdarm um und nach weniger als fünf Minuten war alles vorbei. Ich wurde für meinen Mut gelobt, die beiden Assistentinnen mussten ihre schweißnasse Kleidung wechseln. Der Internist teilte mir mit, es sei alles in Ordnung und gab den Schlauch in die Reinigung. Ich hatte den Krebs besiegt.
Warum ich das Zahnfleisch eines starken Rauchers habe, ist damit immer noch nicht geklärt. Vielleicht habe ich in meiner Jugend zuviele Folgen der Serie »Rauchende Colts« gesehen.
Verdrängung
Fast täglich findet man in Deutschland Mitgliedsausweise, die dann ihren ehemaligen Besitzern viel Ärger bereiten. Irgendwann stellt sich immer heraus, dass irgendwie jeder in der NSDAP war, u.a. Dieter Hildebrandt, Martin Walser, Udo Jürgens und Klaus-Jürgen Wussow. Meist wurden sie ohne ihr Wissen in die Partei aufgenommen. Dieter Hildebrandt sagte, möglicherweise hätte seine Mutter den Antrag für ihn unterschrieben, und ich glaube ihm das. Sicherheitshalber möchte ich schon jetzt meine Mitgliedschaften offen legen, bevor ich später in Erklärungsnot komme.
Ich persönlich habe nie die Mitgliedschaft in der NSDAP beantragt, soviel ist sicher. Sollte dennoch ein entsprechendes Dokument gefunden werden, dann war es meine Mutter oder die von Dieter Hildebrandt. Ich bin nie Mitglied einer Partei gewesen, das kann man mir nicht vorwerfen. Ich war allerdings zwei Jahre lang bei Verdi, weil ich hoffte, dass die mehr Lohn für mich erkämpfen würden. Sobald mir klar war, dass Verdi nichts für mich erreichen konnte, war der Klassenkampf für mich erledigt.
Sechs Jahre gehörte ich der »Prisoner Appreciation Society« an, der zweitgrößten Fernsehserienfangemeinschaft – nach Star-Trek natürlich. Diese Gesellschaft hat sich der Verehrung der 17teiligen Serie »The Prisoner« verschrieben, die bei uns »No.6« hieß. Patrick McGoohan spielte die Hauptrolle, und sollte irgendwann mal rauskommen, dass er ein verkappter Nazi gewesen ist, wäre ich natürlich dran.
Gespendet habe ich meist direkt in Hüte und Pappteller oder an Medico International. Einmal aber gab ich dem Ägyptischen Museum in Kairo hundert Dollar und übernahm dafür eine Tiermumienpatenschaft. Für das Geld bekam ich die Patenschaft für eine viertel Ibismumie übertragen und vor allem eine schöne Urkunde. Das könnte mir beim Jüngsten Gericht Probleme bringen, weil wir wahrscheinlich nicht auf der Welt sind, um unser Geld für den Erhalt von Tiermumien zu verschwenden. Mich hat damals aber vor allem das vollkommen Sinnlose der Spende begeistert.
Ich gehörte keinem Sportverein an, war niemals bei Greenpeace oder Amnesty International, aber auch nicht bei der Stasi, es sei denn meine Mutter hätte dort für mich irgendwas unterschrieben. Mitglied der evangelischen Kirche blieb ich immerhin, bis ich als Wehrdienstverweigerer anerkannt war.
Mit sieben Jahren abonnierte ich die Zeitschrift Max und Molly, die von Rolf Kauka herausgegeben wurde. Als der das Blatt einstellte, abonnierte ich Fix und Foxi, und zwar vor allem wegen der »IWM-Kartei«. IWM stand für »Ich weiß mehr« und ich befürchte, daraus kann man mir wohl doch noch einen Strick drehen. Denn eigentlich handelte es sich da um eine Art Stasi-Aufbauorganisation.
Obwohl eigentlich nur allgemein zugängliches Wissen aus Naturwissenschaft, Technik und Kultur vermittelt wurde, ging es wahrscheinlich darum, Agenten, Spione, Denunzianten und Informanten heranzuzüchten. »IWM« klingt ja nicht umsonst beinahe wie »IM«.
Unterschrieben hat den Fix-und-Foxi-Aufnahmeantrag übrigens meine Mutter.

Die meisten jugendlichen Straftäter sind vorher Kinder gewesen. Wissenschaftler sehen da durchaus Zusammenhänge.
Erektile Dysfunktion
Man liest und hört es fast täglich. Frauen wünschen sich einen Partner, der zuhören kann, gepflegte Hände hat, und er muss auch gut im Bett sein. Wenn ich so etwas lese, werde ich immer ganz traurig, denn ich bin nicht besonders gut im Bett. Das war ich eigentlich noch nie. Man hat mir schon geraten, zum Psychiater zu gehen, aber ich denke, das ist eher ein genetisches Problem: Auch meine Mutter ist nicht besonders gut im Bett.
Ich weiß nicht, woran es liegt, aber mich macht schon der Gedanke ans Bett nervös. Es gibt so viele mögliche Stellungen. Ich begreife nie, wie ich mich legen soll. Liege ich auf dem linken Arm, schläft mein linker Arm ein, liege ich auf dem rechten Arm, schläft der rechte Arm ein, liege ich auf dem Bauch oder Rücken, schlafe ich nicht ein. Und wohin mit dem Kopf? Ich weiß es bis heute nicht. Im häuslichen Bett liegen beispielsweise dutzende potentielle Kopfablagestätten bereit: eine Nackenrolle, ein Dinkelspreukissen, ein Kappokkissen, ein altes Daunenkissen, das wahrscheinlich komplett mit Milben gefüllt ist, die mich seit Jahren kennen, und ein sehr großes Schaumstoffkissen, das bei uns lange Zeit nur »das Sitzkissen« hieß. Inzwischen gibt es noch ein weiteres etwas kleineres großes Kissen, das ebenfalls eine Schaumstoffüllung hat, aber einen geschmackvolleren Bezug. Das gilt jetzt als das »richtige« und wird nur noch »das Sitzkissen« genannt, während das andere, das sogenannte »alte Sitzkissen«, nicht gerne im Bett geduldet wird.
Neben den Kissen gibt es noch diverse Oberbetten, die Namen wie »die dicke Winterdecke« oder »die Decke von deiner Mutter« tragen. Ich kann sie alle nicht voneinander unterscheiden, weil sie ja mit einem Bezug umhüllt sind, und es kommt regelmäßig zu unschönen Szenen, wenn ich mir versehentlich die dicke Winterdecke genommen habe und auch noch mit dem alten Sitzkissen im Rücken ein Buch lese.
Unser Bett ist außerdem an Kopf- und Fußende verstellbar, womit man wirklich die absonderlichsten Positionen einnehmen kann. Beispielsweise das Dinkelspreukissen unter die erhöht lagernden Beine geschoben und die Decke von meiner Mutter über den Kopf gezogen, der auf der Nackenrolle ruht, während man sich das Kappokkissen auf den Bauch gelegt hat.
Es sind hunderte von Schlafstellungen möglich, und jeden Abend erhebt sich außerdem die Frage, was liest man dazu? Also über welchem Buch möchte man in welcher Stellung einschlafen? Ich habe etwa 50 verschiedene Bücher in zwei Stapeln neben dem Bett gelagert, entscheide mich aber meistens für das oberste. Einmal habe ich versucht, ein Buch zu lesen, das auch wirklich zu Kissen, Decke und Körperposition gepasst hätte, das natürlich relativ weit unten im Stapel lag. Ich war aber schon zu müde, um alles wieder aufzuheben und neu zu stapeln, und am nächsten Morgen stolperte ich über die antiquarische Biographie von Alfred Brehm und riss im Fallen das Bügelbrett um, das eine unschöne Delle im Kleiderschrank hinterließ.
Zu meinem Leidwesen verfügt das Bett, in dem ich die meisten meiner Nächte verbringe, auch noch über eine Art Lehne am Kopfende, die sich irgendwie und mit einem angeblich ganz einfachen Handgriff schräg stellen lässt. Das sei dann, so wird mir immer wieder erklärt, »die Lesestellung«. Ich frage mich nur, wer in dieser Stellung und ohne »das alte Sitzkissen« lesen soll? Ich rutsche da jedenfalls immer ab.
Ich bin wirklich nicht gut im Bett, ich bin ein totaler Versager. Das Bett ist ein Ort voller heimtückischer Fallen. Es heißt ja auch, man liegt »im Bett«, aber »auf dem Sofa«. Da, auf dem Sofa übt man Kontrolle und Herrschaft aus. Dem Bett ist man ausgeliefert, man liegt drin und kann nur hoffen, dass alles gut geht. Auf mein Sofa lege ich mich dagegen völlig entspannt, schmiege meinen Körper an die Sofarückwand und stemme die Füße gegen die geflochtenen Seitenlehnen. Das Sofa ist zu kurz, um meinen Körper komplett ausgestreckt aufzunehmen, ich stoße überall auf Widerstand und habe damit sofort meine Idealposition gefunden. Da schlafe ich umgehend und problemlos ein.
Aber der Mensch wird leider nicht danach beurteilt, wie gut er auf dem Sofa ist. In unserer gnadenlosen Gesellschaft zählt nur, ob man gut im Bett ist. Wenn man gleich beim Kennenlernen einer Frau sagt, du ich hab im Bett Probleme, dann braucht man gar nicht erst vom Sofa anzufangen, dann ist die Beziehung beendet, bevor sie begonnen hat. Das Bett wird in unserer Gesellschaft vollkommen überbewertet. Es dominiert den Sprachgebrauch. Man wird zur letzten Ruhe gebettet und nicht gesofat, man geht mit den Hühnern ins Bett und nicht aufs Sofa und macht Urlaub in einer Bettenburg und nicht in einer Sofaburg. Aber in Hotelbetten wird es ja nicht besser. Grundsätzlich fühlt man sich beim Betreten von 95% aller Hotelzimmer so, als wäre man ein unerwünschter Eindringling. Alles ist unglaublich aufgeräumt und sauber. Vor allem das Bett haben speziell ausgebildete Kräfte so perfekt zurechtgezurrt, dass man glaubt, man könne sich nur mit dem Messer einen Weg unter die Decke erkämpfen. Die Decken von Hotelbetten sind nach einem vollkommen undurchschaubaren System übereinander geschichtet und vor allem in Frankreich derartig eng mit dem Restbett verbunden, dass man eigentlich kaum dazwischenpasst. Es ist, als wolle man es sich in einem Käse-Schinken-Baguette zwischen Käse und Schinken bequem machen und schläft dann doch irgendwie zwischen Butter und Salatblatt. Ähnliche Bettenkonstruktionen finden sich auch in spanischen, englischen oder kanadischen Hotels. Gerne würde man das Tuch, das ganz oben liegt und meist einen irgendwie krankheitskeimhaltigen Eindruck macht, möglichst weit weg schaffen, damit man nachts nicht die gefährlichen Dämpfe einatmen muss, die diesen Hoteloberdecken mit Sicherheit entströmen. Aber wenn man versucht, die obere Decke zu entfernen, stellt man schnell fest, dass die anderen alle auf geheimnisvolle Weise mit ihr verbunden sind und man schließlich überhaupt keine Decke mehr hat. Denn es ist unmöglich das Deckengeflecht wieder an seinem ursprünglichen Platz zu befestigen, und ohne Befestigung gleiten die Decken nach wenigen Minuten zu Boden. Wer beabsichtigt auf einem Hotelbett zu übernachten, sollte sich auf jeden Fall einen Schlafsack mitbringen.
Aber unter den Decken lauert die Hotelmatratze! Sie macht natürlich mit der Bettwäsche gemeinsame Sache. Eingeklemmt zwischen zwei so heimtückischen Gegnern die Nacht zu verbringen kann gefährlich sein. Die Hotelmatratze ist immer zu weich, zu hart oder zu durchgehend, meistens alles gleichzeitig. Schläft man nicht alleine, sollte man darauf achten, dass der Mitschläfer genau so schwer wie man selber ist, mit einer Toleranz von plus/minus 25g. Jede Bewegung des schwereren Schläfers wird durch die Hotelmatratze hundertfach verstärkt. Dreht er sich einmal um, wird man aus dem Bett geschleudert. Bewegt er sich längere Zeit nicht, dann schiebt die durchgehende Matratze den leichteren Schläfer unaufhaltsam auf den schwereren. Man sollte deshalb immer Karabinerhaken mit sich führen, um sich damit an der Wand zu sichern.
Abgesehen von Decken und Matratzen, gibt es noch viele andere Heimtücken. Es empfiehlt sich, den Kopfkissenbereich weiträumig abzusuchen, damit man das Schokoladentäfelchen auch wirklich aus dem Bett entfernen kann. Wer einmal mit einem Stückchen Vollmilch-Nuss das Bett geteilt hat, weiß wovon ich spreche.
Auch ein Karamelbonbon kann für Alpdrücken sorgen. Der Bücherstapel fehlt zum Glück, aber dafür gibt es meistens mehrere Schalter neben dem Bett, mit denen man das Deckenlicht aus- und das Bettenlicht anknipsen kann. Allerdings muss man dazu irgendeinen Hauptschalter in die richtige Position gebracht haben, der sich meistens im Eingangsbereich befindet, und dann geht das Licht am Bett oft auch nur an, wenn das Deckenlicht aus ist oder plötzlich leuchtet eine Stehlampe am anderen Ende des Zimmers auf oder der Fernseher beginnt zu sprechen. Es gibt Menschen, die alle nötigen Handgriffe wie selbstverständlich beherrschen und zwei Minuten später eingeschlafen sind. Ich bewundere diese Menschen, die gut im Bett sind. Ich sehe mich leider außerstande, den Kampf mit dem Hotelbett zu gewinnen. Nur allzu oft behält das Bett die Oberhand und ich sitze verzweifelt auf dem Boden und lese im Lichtschein der Minibar in der Hotelbibel: »Von dem Bett, das du bestiegen hast wirst du nicht herunterkommen, sondern du mußt sterben.« (2. Könige, 1,4)
Ich aber sage Euch, ich werde überleben, weil ich das Bett gar nicht erst besteigen werde, sondern gleich auf dem Sofa übernachte, das ich selbstverständlich immer dabei habe.
Erbkrankheiten
Als ich vor kurzem meine Steuerunterlagen gesichtet und nach Themengruppen sortiert in einem Ordner versammelt hatte, dachte ich unwillkürlich: so, jetzt kannst du sterben. Natürlich wurde mir sofort die peinliche Banalität, ja Dummheit dieses Gedankens bewusst, denn es hatte sich ja nur um die Steuer von 2006 gehandelt, die Unterlagen von 2007 harrten noch in einer krankhaft aufgeblähten Hängeregistratur ihrer Erledigung. Trotzdem ist das ein Gefühl, das in letzter Zeit sehr oft wiederkehrt, vielleicht liegt es am Alter, jedenfalls beruhigt mich oft der Gedanke, ich hätte meine Angelegenheiten geordnet hinterlassen. Potentielle Hinterbliebene könnten sich hemmungslos der Trauer hingeben und ich müsste mir nicht aus dem Jenseits würdelose Gespräche anhören: »… ach, wissen Sie, was das Schlimmste ist, er hatte ja noch nicht mal die Steuer für 2006 gemacht, das bleibt jetzt alles an mir hängen …«
Nein, solche Szenen will ich vermeiden, der Tod darf mich nicht mit Bergen voll ungeordeter Bewirtungsquittungen antreffen. Meine Familie soll einfach nur den Schmerz oder meinetwegen auch die Freude über mein Ableben auskosten dürfen. Tatsächlich muss man wohl eine Familie haben, um sich in derart schwachsinnigen Gedankenbahnen zu bewegen.
Es ist allerdings keineswegs so, dass mein gesamter Tagesablauf ein einziges memento mori carpe diem wäre. Ich bin durchaus in der Lage, den Abwasch zu erledigen, ohne danach zu denken: wenn ich jetzt stürbe, wären wenigstens die Töpfe sauber.
Aber ist denn nicht doch der Großteil unseres Lebens eine einzige Nachlassvorbereitung? Meine Mutter wirft in Erwartung eines baldigen Ablebens ständig größere Teile ihres Hausstandes in den Müll oder ich muss ihn in die Altkleidersammlung transportieren: »Damit ihr nicht so viel zum Wegwerfen habt.«
Das geht jetzt seit beinahe 15 Jahren so, demnächst wird meine Mutter 85. Vor kurzem warf ich zehn Jahrgänge der Zeitschrift Mojo ins Altpapier. Ich hatte sie getreulich gesammelt, weil sie ein hervorragendes Nachschlagewerk der Popmusik abgegeben hätte, aber in Ermangelung eines Registers war es dann doch nur ein Haufen Papier, der zuviel Platz einnahm. Nach der Entsorgung war ich zwar noch nicht zum Sterben bereit, aber erleichtert.
Dem Tode noch näher fühlte ich mich, als ich meine Platten endlich komplett alphabetisch geordnet hatte. Sogar die Sonderabteilungen »Brasilien«, »Frankreich« und »Bubblegum«. Nur ein kleiner Stapel von etwa fünfzig Platten macht mir Sorgen, in ihm stehen die Neuerwerbungen, die ich noch nicht oder nur einmal gehört habe. Ich ordne eine Platte nämlich erst dann endgültig ein, wenn ich sie zum zweiten Mal abgespielt habe. Diesen ungeordneten Haufen müsste ich meiner Tochter hinterlassen, denn ich schätze, dass sie sich halbwegs ernsthaft mit der Verwaltung dieses Nachlassobjekts beschäftigen würde. Vielleicht sollte ich es wie Peter Handke oder Ror Wolf machen und meine Plattensammlung schon zu Lebzeiten ans Literaturarchiv nach Marbach verkaufen, aber ich befürchte, die wissen in Marbach gar nicht, wer ich bin und deshalb muss ich das Ganze selber katalogisieren. Das steht mir nämlich auch noch bevor. Ich besitze einige Platten u.a. von Leo Kottke, aber auch von den Monkees doppelt, weil ich den Überblick verloren habe. So konnte ich mich anfangs zweimal freuen, musste mich am Ende aber auch einmal ärgern und mir Gedanken über Alzheimer machen. In Marbach würden kundige Archivare eingreifen. Wenn ich zweifelnd im Plattengeschäft stünde und überlegte, was ich eigentlich schon alles von Brinsley Schwarz habe, dann würde ein Anruf in Marbach genügen und eine heisere Fistelstimme betete mir vor: »Silver Pistol«, »Despite it all«, »Nervous on the road« und »Playing new favourites«. Ich bin fest davon überzeugt, dass alle Archivare in Marbach heisere Fistelstimmen haben.
Warum gibt es noch nicht ein »Archiv für literarisch so gut wie unbedeutende Autoren«? Irgendeine staatliche Stelle, die meinen Mist einlagert und mit Laufnummern versieht? Bis das geschaffen worden ist, bleibt leider noch dieses chaotische Resthäufchen, das ich, so gerne ich das auch tun würde, auf keinen Fall alphabetisch vorordnen kann, denn hier müssen die Platten so stehen, wie sie reingekommen sind, die neuen vorne, die älteren hinten, sonst verliere ich den Bezug zu ihnen.
Falls also der Tod demnächst vor der Tür steht, dann werde ich versuchen, noch ein bisschen Zeit rauszuschinden, um das Ordnungswerk zu vollbringen. In den folgenden Bereichen aber wird mich der Tod nicht unvorbereitet antreffen: Ich habe den Staubsaugerbeutel gewechselt, den gelben Sack entsorgt, die Winterreifen aufgezogen, das Wasser in der Heizung nachgefüllt, meine Publikationen an die VG-Wort gemeldet, den Tannenbaum abgeschmückt und an die Straße gelegt, alle Kugeln nach Farben sortiert in die entsprechenden Kästen eingeordnet und diesen Text fertiggestellt.

100 Prozent aller Personen, die ihren letzten Willen aufgesetzt haben, sind später gestorben. Das Verfassen von Testamenten gilt deshalb als Todesursache Nr. 1
Eitelkeit
Wenn es einem nicht so gut geht, wenn man sich klein, unbedeutend, überflüssig fühlt, wenn man schon weiß, dass man ziemlich verhauen aussieht, ohne dafür auch nur in den Spiegel gucken zu müssen, dann hat man wirklich starken Trost nötig. Da braucht man Zuspruch und aufbauende Worte. Wo aber sollen die plötzlich herkommen?
Wer auf das falsche Verständnis von Gesprächstherapeuten, Pfarrern und Personal Coachern verzichten kann, der hat nicht viele Alternativen. Mutti wäre eine Möglichkeit, aber am praktischsten scheint es doch in solchen Fällen, wenn man E-Bay-Mitglied ist.
Dann ruft man einfach die Rubrik »Mein ebay« auf und schaut sich sein Bewertungsprofil an. Also, ich mache das regelmäßig und fühle mich hinterher jedesmal großartig. Mein Bewertungsprofil ist aber auch großartig: »100 Prozent positiv«. Das hat nicht jeder. 157 Bewertungen und alle positiv.
Im wirklichen Leben würde das bedeuten, dass die letzten 157 Menschen, denen man begegnet ist, einen alle gut gefunden haben. Was heißt hier gut, supergut natürlich, denn so urteilt man bei E-Bay über mich:
»Super! Perfekter E-Bay-Partner! Danke!« oder »ÄUSSERST EMPFEHLENSWERT – DANKE!!!« oder »Typisch E-bayer der Sonderklasse«, »Spitze! So macht E-Bay Spaß«, »Hat alles super geklappt« und »alles bestens, jederzeit gerne wieder, dankeschön«, »Alles super – nix lief schief – sowas nennt man positiv«.
Und es sind nicht nur Deutsche, die mich gut finden: »Excellent buyer, great communication«, »Smooth transaction«, »Great E-Bay-member«, »Très rapide sans soucis sans problème«, »je le recommande«, rufen mir meine ausländischen Bewunderer hinterher.
In diesen Lobeshymnen kann ich baden, keiner hält so große Stücke auf mich wie meine E-Bay-Partner und sie haben auch allen Grund dazu. Denn eigentlich finden diese ganzen vollmundigen Lobesredner nur eins an mir gut: dass ich so schnell mit der Kohle rüberrücke. Ich bin nämlich ausschließlich Käufer und bezahle sofort, ich beklage mich nie, selbst wenn die Schallplatte doch etwas mehr knistert, als es die Kategorie »mint« eigentlich vorschreibt. Mir geht es schon längst nicht mehr um die Ware, sondern ich bin süchtig nach Lob. »Danke für die perfekte Kaufabwicklung«, das ist es, was ich hören will, und auch »Turbozahlung – Spitze!«, baut mich wieder richtig auf.
Ich finde, so etwas sollte die Kirche auch einführen. Ein Bewertungsprofil zu Lebzeiten, damit man weiß, zu wie viel Prozent man schon im Himmel ist. Da liest man dann: »Äußerst empfehlenswerter Gläubiger« oder »Superbeter! Spitzenbüßer – so macht Glauben Spaß!« und natürlich: »Reuiger Sünder der Spitzenklasse – gerne wieder«.
Misstrauen
Regelmäßig wache ich mitten in der Nacht auf. Schweißgebadet natürlich, weil man mitten in der Nacht meistens schweißgebadet aufwacht oder von einem unerklärlichen Geräusch. Ich höre aber kein Geräusche, wenn ich welche gehört hätte, dann wären es Beißgeräusche gewesen. Die wären von den Gewissensbissen gekommen, die ich seit einigen Wochen habe. Ich weiß gar nicht mehr, wann es angefangen hat, ich schenkte der Sache nämlich zunächst keine Beachtung. Wahrscheinlich fing es so an: Immer wenn ich meine Emails aufrief, tauchte ein Banner auf: »Kein Scherz, Sie haben gewonnen. Schauen Sie sofort nach, um welches dieser Cabrios es sich handelt: Audi TT Roadster, BMW 3, Opel GT.«
Niemals habe ich auch nur den Versuch unternommen, diese Benachrichtigungen anzuklicken, weil ich dem Internet grundsätzlich misstraue, aber bestimmt erschienen sie über tausendmal. Ich rufe nämlich sehr häufig meine Mails auf, weil ich hoffe, verlockende Angebote von Verlegern, Filmproduzenten oder wenigstens Frauen zu bekommen. Meistens werde ich nur darüber informiert, dass ein neuer Film anläuft, dass bei Amazon CDs der Bee Gees billiger geworden sind oder dass ich mein Geschlechtsorgan in zwei Wochen um 40 Prozent verlängern könnte. Ich habe aber nur ein sehr kleines Arbeitszimmer, deshalb mache ich von diesem Angebot lieber keinen Gebrauch. Genau wie ich niemals nachgucke, welches der drei Cabrios ich gewonnen habe. Tausendmal hat man mir ein Cabrio angeboten und tausendmal habe ich es ausgeschlagen. Jetzt stehen irgendwo tausend Cabrios herum oder vielmehr dreitausend, denn die Gewinnspielveranstalter konnten ja nicht wissen, welches ich mir aussuchen würde. Bestimmt bin ich nicht der einzige, der ein Cabrio gewonnen hat und nicht nachguckt. Nehmen wir nur an, es sind in ganz Deutschland 1000 Menschen, dann stehen jetzt irgendwo drei Millionen Cabrios und warten, dass man mal nachguckt. Es werden täglich, stündlich mehr. Sie nehmen mit Sicherheit schon eine Fläche ein, die so groß wie das Saarland ist, wahrscheinlich ist längst das ganze Saarland von Cabrios bedeckt, ich weiß es nicht, ich war länger nicht mehr dort.
Warum bringe ich einfach nicht den Mut auf und schaue mal nach? Natürlich ist es Blödsinn, im November mit dem Cabrio durch die Gegend zu fahren, das wirkt lächerlich, vor allem im Saarland. Ich hätte trotzdem längst mal nachgucken müssen, sie schreiben ja extra es wäre »kein Scherz«. Wenn es ein Scherz wäre, dann hätten sie geschrieben »Ein Scherz: Sie haben gewonnen«. Aber das haben sie nicht geschrieben und deshalb muss es stimmen.
Wenn ich aber jetzt anfange, nachzugucken und es stellt sich raus, dass ich ein Opel Cabrio gewonnen habe, dann muss ich ins Saarland fahren, um mir meinen Gewinn abzuholen. Da führt man mich auf eine sehr hohe Aussichtsplattform und zeigt mir bis zum Horizont Cabrios. In allen Farben. Und hinter dem Horizont geht es weiter. Die Gewinnspielveranstalter sehen mich strafend an. »Und welcher ist meiner?«, frage ich schnell, um ihren Blicken zu entgehen. Sie deuten nach hinten, ganz weit nach hinten, ans Ende des Saarlands. Da steht mein Cabrio. Dann händigen sie mir meinen Wagenschlüssel aus und dazu noch drei Millionen andere Zündschlüssel, von den Cabrios, die vor meinem Cabrio stehen. Bevor ich an mein Cabrio herankomme, muss ich die erst alle wegfahren. Und das ist dann der Moment, wo ich schweißgebadet aufwache.
Tierliebe
Als das reizendste, anmutigste und perfekteste Wesen in Gottes Schöpfung kann zweifellos das Kaninchen angesehen werden. Es ist schön an Gestalt, von bescheidener Art, lebt vegetarisch und verhält sich vor allem ruhig. Es schleimt sich nicht an den Menschen heran wie der Hund und frisst auch keine kleinen Vögel, wie die völlig überschätzte Katze. Das Kaninchen lässt sich nicht von Rentnern durch die Straßen zerren, um auf öffentlichen Gehwegen seine Notdurft zu verrichten. Es ist nicht stachelig, glitschig oder giftig, es gibt sich weich, anschmiegsam und freundlich. Das Kaninchen sitzt in seinem Stall und beobachtet. Es beobachtet, frisst und pflanzt sich fort – wenn man ihm Gelegenheit dazu gibt. Sonst beobachtet und frisst es nur.
Man kann einen Menschen sehr gut danach beurteilen, wie er auf den Anblick eines Kaninchens im Stall reagiert. Sagt er »Mmmh, das ist aber ein leckerer Braten«, dann müssen wir mit diesem Subjekt keinen weiteren Kontakt mehr pflegen. Selbstverständlich lässt sich ein Kaninchen auch schmackhaft zubereiten, aber erstens produziert man sich nicht vor einem Kaninchen als Komiker und zweitens zeugt so eine Bemerkung von einer erschreckenden Herzensrohheit.
Ich muss es wissen, denn zwei Meter vor meinem Küchenfenster sitzt ein weißes Kaninchen. Es hat schwarze Augen, die von einem schwarzen Fellring umrandet werden. Wie das Kaninchen heißt, hat es mir nicht verraten – meine Tochter gab ihm den Namen Tinka, was eigentlich ein Pferdename ist, woraus man schließen kann, dass meine Tochter ursprünglich ein anderes Tier haben wollte. Doch wer weiß schon, wie Kaninchen wirklich heißen? Horst, Heinz, Erwin oder Joe, Jim oder Shorty? Merall, Chantal oder Senta? Vielleicht heißen sie auch Batz, Springer und Fellchen? Die Cree-Indianer nennen das Kaninchen Shwan-Sai-Te, das bedeutet soviel wie »Tier, dessen Namen man in Deutschland nicht kennt«. In China bezeichnet man das Kaninchen als »Shen-Take« was soviel heißt wie »Nr. 37 mit Reis oder Glasnudeln«.
Man weiß in Deutschland viel mehr über Wale oder Haie als über Kaninchen. Aber kein Pottwal würde jemals zwei Meter vor unserem Küchenfenster herumliegen und uns schöne Augen machen. Das Kaninchen aber schaut mir mit seinen tiefschwarzen Augen aufmerksam zu, während ich einen Apfel esse oder Zeitung lese. Sobald die Familie eine Mahlzeit einnimmt, fängt auch das Kaninchen an zu essen. Das zeugt von einem erstaunlichen Taktgefühl. Niemals schlingt das Kaninchen seine Nahrung geräuschvoll sabbernd in sich hinein wie ein Golden Retriever, es knabbert bedächtig vor sich hin. Mit einem stinkenden Pansen kann man ihm überhaupt keine Freude machen. Ein Kaninchen wirkt immer interessiert. Dabei mischt sich das Kaninchen aber nie ein, so wie es andere Familienmitglieder ständig tun, es stellt keine Fragen und macht auch keine unerwünschten Vorschläge, obwohl das Kaninchen höchstwahrscheinlich vieles besser weiß. Es kann mit zwei Ohren mehr als mit tausend Worten sagen. Es kann diese Ohren sogar unabhängig voneinander bewegen. Das Kaninchen ist auch keineswegs feige, es kann fauchen, beißen und kratzen. Das Kaninchen namens Tinka jagt Katzen, die vor seinem Stall herumlungern, einen heillosen Schreck ein, wir sind überzeugt, es könnte auch Hunde in die Flucht schlagen. Kaninchen sind für ihre Sprungkraft bekannt. Sie können Hindernisse überspringen, die ihre Körpergröße um ein mehrfaches übersteigen. Dafür hat das Kaninchen sogar seinen eigenen Leistungssport namens »Kaninhop«.
Tinka ist 10½ Jahre alt, sie wurde entgegen sämtlichen Empfehlungen alleine gehalten, hat einen relativ kleinen Auslauf und wurde nie geimpft. Sie bekommt sehr unregelmäßig zu fressen, manchmal wache ich nachts auf und überlege, wer ihr wohl zuletzt etwas gebracht hat, und sehr häufig bin ich nachts um drei nur mit einem Schlafanzug bekleidet durch den Garten gewankt und habe einem heißhungrigen Kaninchen Apfelschnitze und Brotkanten gebracht. Ich glaube, diese sehr unregelmäßige Versorgung hat mit zu seinem hohen Alter beigetragen. Das Tier wird quasi unter naturähnlichen Bedingungen gehalten, denn draußen gibt es ja nicht nur Kännchen, sondern manchmal eben gar nichts. Genau betrachtet habe ich in den letzten neun Jahren mehr Zeit mit dem Kaninchen als mit jedem anderen Familienmitglied verbracht. Tinka draußen in ihrem Stall und ich in meinem Laufrad vor dem Computer.
Das Kaninchen sollte ein Vorbild für unser ganzes Volk sein. Aber das deutsche Wappentier ist der Adler, ein vollkommen überschätzter Vogel, der sich hauptsächlich von Kaninchen ernährt. Ob ein Staat, der so viel auf seine pazifistischen Grundwerte hält, sich ausgerechnet mit einem aggressiven und brutalen Tier wie dem Adler schmücken sollte, bezweifele ich. Würde im Reichstag stattdessen das Bundeskaninchen hängen, wäre das ein ganz anderes Signal an die Völker der Welt.
Im Gegensatz zu seinen politischen Vertretern, bekennt sich das deutsche Volk entschlossen und eindrucksvoll zum Kaninchen. Es gibt allein 185.000 offiziell registrierte Mitglieder im Zentralverband Deutscher Kaninchenzüchter (ZDK). Kein anderes Volk auf der Welt hat sich so vehement der Aufzucht, Pflege und Veredelung dieses Tieres verschrieben. Etwa 2½ Millionen Kaninchen leben überirdisch in Ställen, Ausläufen und Transportboxen. Noch mal soviele ihrer wilden Verwandten leben unterirdisch und haben Deutschland mit einem komplexen System von Gängen und Schlafhöhlen untergraben. Diese architektonische Meisterleistung wird natürlich nirgendwo gewürdigt und Kaninchen erwarten das auch gar nicht.
Die ZDK-Mitglieder züchten über 70 anerkannte Rassen, darunter finden sich so fantastische Gattungen wie »Deutsche Riesenschecken«, »Weiße Hotot«, »Blaugraue Wiener«, »Sachsengold«, »Russen-Rex«, »Kastanienbraune Lothringer« und der etwas bedrohlich wirkende »Separator«. Ein Tier, das sich zu DDR-Zeiten bestimmt großer Beliebtheit erfreute. Wahrscheinlich kann das Kaninchen jede beliebige Gestalt annehmen. Über die »Deutsche Riesenschecke« lesen wir: »Das Mindestgewicht dieser großen Rasse liegt bei 5kg, das Normalgewicht über 6kg, ein Höchstgewicht gibt es nicht.« Eine 30t schwere Riesenschecke wäre also im Bereich des Möglichen, ein Tier, das ganz Ostdeutschland endgültig verwüsten könnte. Aber das Kaninchen zieht diese Möglichkeit nicht einmal in Betracht, weil es im Grunde seines Herzens friedlich ist. Durch die intensive Kaninchenzucht leistet Deutschland einen entscheidenden Beitrag zur Verbreitung des Weltfriedens. Würden alle Länder der Erde statt Waffen Kaninchenställe bauen, dann gäbe es auf der Welt möglicherweise endlich dauerhaften Waffenstillstand, auf jeden Fall aber sehr viel mehr Kaninchenställe.

Dank übertriebener Tierliebe erreichen manche Kaninchen eine mehr als stattliche Größe.
Polgarrhythmusstörungen
Gestern habe ich etwas getan, was ich eigentlich nie im Leben tun wollte. Es geschah bei Rewe, wo ich normalerweise Tomaten, Mozzarella, Butter oder Chips mit Essiggeschmack einkaufe. Aber gestern habe ich mir von dort einen Polgar mitgebracht. Der stand gar nicht auf meiner Einkaufsliste, aber weil er da so einladend im Kassenbereich lag und ich ihn noch nicht hatte, habe ich ihn gekauft.
Der Polgar war im Preis reduziert, anscheinend war sein Haltbarkeitsdatum abgelaufen und deshalb kostete er nur 2,50 Euro. Ich wäre ein Narr gewesen, da nicht zuzugreifen. Natürlich ist der Inhalt eines Polgar schon etwas älter, aber wie bei gutem Wein, wird er mit dem Alter nur noch besser.
Ich hatte zuhause übrigens schon fünf Polgars, aber den besaß ich noch nicht. Meine Familie war überrascht, als zwischen Lauch, Äpfeln, Ahornsirup und Zwieback der Polgar zum Vorschein kam: »Was hast du denn da gekauft?«, wollte mein Sohn wissen.
Ich antwortete: »Einen Polgar.«
Für einen Moment herrschte Schweigen, dann fragte meine Tochter: »Und was macht man mit dem Polgar?«
Ich griff nach dem Polgar und befühlte ihn von allen Seiten, dann öffnete ich ihn vorsichtig, schaute hinein und sagte: »Lesen.«
Wie bereits erwähnt, war es wirklich das erste Mal, dass ich im Supermarkt einen Polgar gekauft habe, aber ein alter Polgar ist qualitativ eine derartig hochwertige Ware, dass er selbst neben einem Stapel Melonen aus Spanien oder Kiwis aus Ungarn taufrisch wirkt. Ein Polgar gilt unter Kennern als ein vortreffliches Stärkungsmittel. Sie können Ihren Polgar natürlich auch in einer Buchhandlung kaufen. Allerdings gibt es da keinen frischen Lauch.
Tourette-Syndrom
Bevor ich als unamerikanischer Flugpassagier die Vereinigten Staaten betreten darf, muss ich die »Nonimmigrant Visa Waiver Arrival/Departure Form« in Großbuchstaben ausfüllen. Es ist ein sehr schmaler, engbedruckter Zettel, der einem schon optisch suggeriert, die USA seien eigentlich voll. Sie haben keinen Platz für größere Zettel, deshalb quetschen sie die kompliziertesten Fragen auf ein flugticketgroßes Papier. Als erstes möchte das amerikanische Justizministerium wissen, ob ich an einem meldepflichtigen körperlichen oder geistigen Gebrechen leide oder Drogen missbrauche. Gerne würde ich jetzt hinschreiben: »Kommt darauf an, wie Sie Drogenmissbrauch definieren«, doch man darf nur »YES« oder »NO« ankreuzen. Kein Mensch könnte diese Fragen so knapp beantworten. Die nächste Passage ist lang und kompliziert und es kommt das beunruhigende Wort »Trafficker« darin vor, über das ich lieber nicht nachdenken will, jedenfalls nicht, bevor ich die passenden Drogen dafür missbraucht habe. Es geht irgendwie darum, ob man jemals angehalten, ausgefragt oder verurteilt wurde oder die Absicht hätte, sich verhaften zu lassen. Am Ende steht nämlich die Frage: »Wollen Sie einreisen, um sich kriminell oder unmoralisch zu betätigen?«
Hat man mir etwa versehentlich das Formular für Michael Jackson ausgehändigt? Woher soll ich denn jetzt schon wissen, ob ich mich kriminell betätigen will? Sowas ergibt sich meistens im Laufe des Aufenthalts. Aber wenn man jetzt nur eine Frage mit »Ja« beantwortet, kann man sofort wieder zurückfliegen. Zum Glück ist die dritte Frage ganz einfach und verständlich formuliert, »Waren oder sind Sie beteiligt an Spionage- oder Sabotageakten; oder terroristischen Aktivitäten oder Massenmorden; oder waren Sie zwischen 1933 und 45 an Verbrechen beteiligt, die mit Nazi-Deutschland oder seinen Verbündeten zu tun hatten?« Was würde Günter Grass jetzt tun? Würde er lügen, nur um einmal das Empire State Building zu sehen? Wie kann ich sichergehen, dass ich nicht doch als Stasi-Spitzel gearbeitet habe, ohne es zu wissen? Und sind meine Texte möglicherweise nichts als ein einziger Sabotageakt gegen eine bessere Welt? An Nazi-Verbrechen war ich meines Wissens nicht beteiligt, aber woher soll ich wissen, ob ich nicht in einem früheren Leben Propagandaminister war. Zählt das auch? Ich lüge und antworte mit »No«.
Dann wollen die Behörden noch erfahren, ob ich mir jemals auf betrügerische Weise Zutritt zu den Vereinigten Staaten verschaffen wollte oder dabei erwischt wurde. Naja, genau genommen, bin ich ja gerade dabei, mir auf betrügerische Weise Zutritt zu den Vereinigten Staaten zu verschaffen und ich hoffe natürlich, dass ich dabei nicht erwischt werde. Dieser Fragebogen zwingt einen harmlosen Touristen ja regelrecht, zum Verbrecher zu werden. Allerdings hat er auch etwas Rührendes und zeigt, dass die Amerikaner ziemlich kindlichen Vorstellungen von Gut und Böse nachhängen. Sie gehen einerseits davon aus, dass hauptsächlich Kriminelle, Spione und ehemalige Nazis in die USA einreisen wollen, gleichzeitig scheint das Justizministerium aber fest an eine Welt zu glauben, in der alle Menschen immer die Wahrheit sagen, jedenfalls alle Nichtamerikaner. Denn wenn man etwas Falsches ankreuzt und ein Verbrechen nicht gesteht, macht man sich doppelt strafbar. Funktioniert bestimmt, denn das Problem bei Mohammed Atta, dem Attentäter vom 11. September, und seinen Komplizen war ja, dass sie gar nicht mehr dazu kamen, ihre Fragebögen abzugeben.
Man sollte diese Befragungen auch bei uns und am besten sogar auf jedem Inlandflug durchführen, dann wäre Deutschland bald ein Land ohne jedes Verbrechen – wie die USA. Natürlich müssten unsere Fragen etwas anders lauten: »Waren oder sind Sie als Hassprediger tätig? Haben Sie vor, dem Finanzamt falsche Angaben zu machen?« Und vor allem: »Planen Sie bei Ihrer Ankunft, den Müll nicht zu trennen oder waren Sie jemals in Aktivitäten verwickelt, in deren Verlauf eine Mülltrennung sabotiert wurde?«
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