Kitabı oku: «Hypnose und Achtsamkeit in der Psychoonkologie»

Yazı tipi:

Michael E. Harrer

Hansjörg Ebell

Hypnose und Achtsamkeit in der Psychoonkologie

Mit Geleitworten von Herbert Kappauf und Norbert Loth

2021


Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags:

Prof. Dr. Rolf Arnold (Kaiserslautern)

Prof. Dr. Dirk Baecker (Witten/Herdecke)

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Prof. Dr. Jörg Fengler (Köln)

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Jakob R. Schneider (München)

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Prof. Dr. Dr. Helm Stierlin (Heidelberg)

Karsten Trebesch (Berlin)

Bernhard Trenkle (Rottweil)

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Prof. Dr. Rudolf Wimmer (Wien)

Prof. Dr. Michael Wirsching (Freiburg)

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Themenreihe »Hypnose und Hypnotherapie« hrsg. von Bernhard Trenkle Reihengestaltung: Uwe Göbel Umschlaggestaltung: Heinrich Eiermann Umschlagfoto: © Eigens – stock.adobe.com Illustration S. 69: Brigitte Pfurtscheller Redaktion: Markus Pohlmann Satz: Drißner-Design u. DTP, Meßstetten Printed in Germany

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

Erste Auflage, 2021

ISBN 978-3-8497-0394-3 (Printausgabe)

ISBN 978-3-8497-8336-5 (ePUB)

© 2021 Carl-Auer-Systeme Verlag und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg

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Inhalt

Geleitwort aus onkologischer Perspektive

Geleitwort aus hypnotherapeutischer Perspektive

1Worum es geht – eine Einführung

2Begleitung ein Stück des Weges: Die Geschichte von Frau S.

3Arzt, Patient und Krankheit – eine Dreiecksbeziehung

3.1Krebs: Fakten, Mythen und Metaphern

3.2Der Patient und sein individuelles Erleben

3.3Die Behandler in der Onkologie und ihre Rollen

4Therapeutisch wirksame Kommunikation

4.1Therapeutisch wirksame Kommunikation ist patientenzentriert

4.2Therapeutisch wirksame Kommunikation ist bedürfnisorientiert

4.3Therapeutisch wirksame Kommunikation ist beziehungsorientiert – Resonanz

4.4Therapeutisch wirksame Kommunikation fördert den Perspektivenwechsel von Vermeidungszielen zu Annäherungszielen

5Begleitung auf der ersten Wegstrecke: Diagnostik, Aufklärung und Therapieplanung

5.1Das Pyramidenmodell therapeutisch wirksamer Kommunikation im Überblick

5.2Individuelle Leidenserfahrungen als Ausgangspunkt und Basis der Kooperation

5.2.1Milton H. Erickson: Ein »verwundeter Heiler«

5.2.2Wege zur Diagnose

5.2.3Sturz aus der normalen Wirklichkeit

5.3Werte- und Bedürfnisperspektive

5.3.1Vier emotionale Grundbedürfnisse: Bindung, Autonomie, Kompetenz und Orientierung

5.3.2Normalisieren

5.3.3Teilemodelle, Ambiguitätstoleranz und weitere Bedürfnisse im Kontext des klinischen Dialogs

5.4Biopsychosoziospirituell orientierte klinische Praxis

5.4.1Erweiterung des biopsychosozialen zum biopsychosoziospirituellen Modell

5.4.2Pendeln zwischen Problemen und Ressourcen

5.4.3Ökologie und Resonanz

5.5Erste Pyramidenstufe – Diagnostik: Abholen, informieren und Halt geben

5.5.1Mit SPIKES, NURSE und WWSZ resonanzbasiert vorgehen

5.5.2Pacing und Leading als Grundlagen resonanzbasierten Vorgehens

5.6Zweite Pyramidenstufe – Perspektivenwechsel: Annäherungsziele statt Vermeidung, die Kraft von Suggestionen nutzen

5.6.1Zuversicht vermitteln – weg von Vermeidungszielen, hin zu Annäherungszielen

5.6.2Die Kraft der Suggestion und ihr Einsatz in der Psychoonkologie

5.6.3Placeboeffekte nutzen, Noceboeffekte minimieren

5.7Dritte Pyramidenstufe – Prinzip Kooperation: Dialog zweier Experten

5.7.1Wege zur Entscheidungsfindung

5.7.2Kooperation zweier Experten mit ihren jeweiligen Perspektiven

5.8Die Perspektive der Behandler

6Hypnose und Achtsamkeit in einer resonanzbasierten Onkologie

6.1Resonanzbasierte Medizin

6.1.1Die Metapher der Resonanz

6.1.2Drei Ebenen der Resonanz

6.2Hypnosystemische Aspekte einer therapeutisch wirksamen Kommunikation

6.2.1Das Menschenbild in der Ericksonschen Hypnotherapie

6.2.2Das Prinzip Kooperation und seine Umsetzung – Utilisation

6.2.3Systemisch-konstruktivistische Weltsicht

6.2.4Die narrative Dimension: Dazu fällt mir eine Geschichte ein

6.2.5Das Prinzip Selbstorganisation

6.2.6Bedingungen für Veränderungen der Selbstorganisation

6.2.7Der gemeinsame Blick auf das System

6.2.8Haltung von Nichtwissen, Offenheit und Vertrauen in Emergenz

6.3Hypnose und Ideomotorik in einer resonanzbasierten Psychoonkologie

6.3.1Überblick: Hypnose in der Psychoonkologie

6.3.2Hypnose als Zugang zu heilungsfördernden Zuständen

6.3.3Der Hypnotiseur, die Technik oder die Beziehung – was wirkt?

6.3.4Formen des Unbewussten

6.3.5Ideomotorik: Begriffsklärung

6.3.6Ideomotorik in der therapeutisch wirksamen Kommunikation

6.3.7Vertrauen in ideodynamische Prozesse fördern

6.4Achtsamkeit in einer resonanzbasierten Psychoonkologie

6.4.1Überblick

6.4.2Die Entstehung von Leiden aus Sicht der buddhistischen Psychologie

6.4.3Kultivieren eines inneren Beobachters

6.4.4Das Prinzip Gleichmut

6.5Hypnose und Achtsamkeit als Tandem

6.5.1Milton H. Erickson und Buddha im fiktiven Dialog

6.5.2Hypnose und Achtsamkeit in der therapeutischen Beziehung

6.5.3Aufmerksamkeitslenkung in Hypnose und Achtsamkeit

6.5.4Teilearbeit mit Hypnose und Achtsamkeit

7Begleitung auf dem langen Weg der Therapien

7.1Individuelle Leidenserfahrungen

7.1.1Disstress, existenzieller Disstress, Demoralisierung und Traumafolgen

7.1.2Veränderung von Selbstbild, Identität und Rollen

7.2Werte- und Bedürfnisperspektive sowie Behandlungsziele

7.3Vierte und fünfte Pyramidenstufe – Hypnose und Selbsthypnose

7.3.1Psychovegetative Umschaltung: Entspannung und Geborgenheit

7.3.2Arbeit mit inneren Bildern

7.3.3Suche nach »Was stattdessen« als Kernelement therapeutisch wirksamer Kommunikation

7.3.4Anleitung zur Selbsthypnose

7.4Begleitung auf dem Weg zu Wohlbefinden und Lebensqualität

7.4.1Unterstützung bei Schmerz

7.4.2Unterstützung bei operativen Maßnahmen

7.4.3Unterstützung während der Strahlentherapie

7.4.4Unterstützung während der Chemotherapie

7.4.5Unterstützung bei Müdigkeit, Schwäche und Erschöpfung

7.4.6Unterstützung bei Schlafproblemen

7.5Unterstützung von Selbstheilungskräften

7.5.1Wie entwickelt sich eine Krebserkrankung?

7.5.2Die Rolle des Immunsystems

7.5.3Spontanremissionen und Spontanheilungen

7.5.4Gefahren eines linear-kausalen, magischen Denkens

8Vom Überleben zum Leben – Heilung und Remission

8.1Individuelle Leidenserfahrungen

8.1.1Pendeln zwischen zwei Welten

8.1.2»Cancer survivors«

8.1.3Damokles-Syndrom, Progredienz- und Rezidivangst

8.1.4Wertewandel

8.2Werte- und Bedürfnisperspektive

8.3Psychotherapeutische »Begleitung ein Stück des Weges«

8.3.1Geschichte und Grundkonzepte der Psychoonkologie

8.3.2Auswirkungen psychosozialer Interventionen auf Lebensqualität und Lebenszeit

8.4Akzeptanz, Mitgefühl und Gleichmut

8.4.1Der zweite Pfeil

8.4.2Wege zu Gleichmut und Akzeptanz

8.4.3Mitgefühl und Selbstmitgefühl

8.4.4Hindernisse auf dem Weg zur Akzeptanz

8.5Innere Vielfalt und neue Identitäten kultivieren

8.5.1Teilemodelle als Landkarten der inneren Vielfalt

8.5.2Teilearbeit in der Psychoonkologie

8.5.3Persönlichkeitsanteile in Interaktion

9Begleitung auf der Wegstrecke im Falle eines Rezidivs und bei Progredienz

9.1Individuelle Leidenserfahrungen und Aufgaben des Patienten

9.1.1Trauer

9.1.2Depressive Zustandsbilder

9.1.3Zwischen Abschied und Engagement für das Leben

9.2Werte- und Bedürfnisperspektive

9.2.1Spirituelle und religiöse Bedürfnisse

9.3Zwischen Hoffen und Bangen

9.3.1Hoffnung

9.3.2Hoffen worauf? – Zwei Formen der Hoffnung

9.3.3Falsche Hoffnungen und die Perspektive der Behandler

9.3.4Posttraumatisches Wachstum

9.4Wohin soll die Reise gehen? Sinn als Orientierungshilfe

9.4.1Sinnorientierte Interventionen

9.4.2Das Buch des Lebens: Ein sinnstiftendes Narrativ entwickeln

9.4.3Dankbarkeit als Ressource

10Der letzte Teil des Weges

10.1Individuelle Leidenserfahrungen

10.2Werte- und Bedürfnisperspektive

10.3Advance Care Planning als Suche nach Wegen für den letzten Lebensabschnitt

10.4Begleitung mit Hypnose und Achtsamkeit in der letzten Lebensphase

10.4.1Hypnose zur Linderung von Symptomen in der Palliativmedizin

10.4.2Existenzielle Fragen, Abschied, Hoffnung und Sinn in hypnotischen Trancen

10.4.3Metaphern und Geschichten zu Tod und Übergang

10.5Die Perspektive der Behandler

11Grenzen

12Ein inneres Team kultivieren

Glossar

Literatur

Über die Autoren

Geleitwort aus onkologischer Perspektive

Auch wenn Zusammenhänge zwischen seelischem Erleben und der Entstehung oder dem Verlauf von Krebserkrankungen im Laufe der Medizingeschichte immer wieder beschrieben worden sind, ist die Psychoonkologie als interdisziplinäres wissenschaftliches Fachgebiet kaum 50 Jahre alt. Sie richtet ihre Aufmerksamkeit im klinischen Bereich weniger auf die Krankheit der Betroffenen, sondern auf ihr Kranksein, und dies mit der Zielsetzung, ein gutes Leben trotz, mit und nach einer Krebserkrankung wahrscheinlicher werden zu lassen. Ein Pionier der modernen Psychoonkologie, der Zürcher Psychiater und Psychoanalytiker Fritz Meerwein, schrieb vor 40 Jahren in seiner Einführung in die Psycho-Onkologie, dem ersten deutschsprachigen Lehrbuch des Fachgebiets (Meerwein 1981, S. 11):

»Psychologisch gesprochen spielt sich das Krebsleiden im sogenannten ›Selbst‹ der Patienten ab. Als Selbst wird die teils bewusste, teils unbewusste innere Vorstellung bezeichnet, die sich der Mensch im Verlauf seines Lebens von sich gebildet hat. Sie enthält den Niederschlag sowohl der guten wie der schlechten Erfahrungen, die seit frühester Kindheit im Umgang mit dem eigenen Körper, der eigenen Person, aber auch den wichtigsten Bezugspersonen des alltäglichen Lebens erworben worden sind. Die Qualität dieser Erfahrungen sowie die Fähigkeit, diese Erfahrungen zu verarbeiten und nutzbringend anzuwenden, bestimmen den Grad der Selbstachtung, über die ein Mensch verfügen kann. Seelisches Wohlbefinden ist ohne Besitz eines gewissen Ausmaßes solcher Selbstachtung nicht möglich.«

Inzwischen gibt es viele Psychoonkologie-Fachbücher, und zu etlichen durfte auch ich beitragen. Wie kaum ein anderes stellt jedoch das vorliegende Buch von Michael Harrer und Hansjörg Ebell, beides Ärzte und Psychotherapeuten, das »Selbst« der Krebsbetroffenen und gleichzeitig selbstreflexiv das der Therapeuten und damit die Patient-Therapeut-Beziehung in den Mittelpunkt – ohne überhaupt diese psychoanalytische Terminologie zu verwenden.

Beim Lesen wird durchgängig klar: Die beiden Autoren schöpfen aus dem reichen Erfahrungsschatz einer jahrzehntelangen patientenorientierten Praxis. Diese dekonstruieren sie mit Fallbeispielen, um modellhaft transparent zu machen, wie sie Patienten konkret helfen und professionell begleiten. Sie befassen sich dabei mit allen Aspekten von Krebserkrankungen: von der Krebsangst, der Diagnose und Aufklärung, behandlungsassoziierten Beschwerden, über Nachsorge und »Survivorship« bis zur psychoonkologischen Begleitung in der Palliativmedizin und Sterbephase.

Ein Buch mit dem Titel Hypnose und Achtsamkeit würden viele Ärzte vielleicht der Ecke im Buchladen zuordnen, in der esoterische Gesundheitsliteratur mit Patientenratgebern schmust. Dieses Buch sollte sich im Regal dagegen neben den klassischen Lehrbüchern der Onkologie, Schmerztherapie, Allgemeinmedizin, Krankenpflege und Psychotherapie platziert finden. Beim Lesen ist es genauso aufschlussreich wie erfrischend, wie die Autoren Hypnose und Hypnotherapie entmystifizieren, aufzeigen, dass es nicht um theatralische Manipulation geht, sondern um Anleitung zur Selbstermächtigung und Selbstwirksamkeit.

Suggestive Kommunikation findet häufig und überall im klinischen Alltag statt. Sei es das Stirnrunzeln des Arztes beim Blick auf ein Röntgenbild bei der Visite mit einem in den Raum gesprochenen »Sieht nicht gut aus!« oder die Autosuggestion einer Patientin: »Mein Immunsystem ist schon immer schwach.« Derartige negative Suggestionen und Autosuggestionen sind die Essenz von Nocebos. Andere Suggestionen und Autosuggestionen können dagegen nicht nur die Wirklichkeit anders erleben lassen, sondern diese auch klinisch relevant positiv verändern – nicht nur bei Ängsten, Schmerzen oder chemotherapieassoziierten Symptomen wie Übelkeit und Erbrechen.

Eine junge Frau kommt nach einer erfolgreichen Krebsbehandlung zu einer onkologischen Kontrolluntersuchung zu mir: »Ich konnte die ganze letzte Nacht nicht schlafen. Zwischendurch habe ich dann geträumt, dass ich vor dem Krankenhaus stand und würfeln musste, mit einem Riesenwürfel. Ich habe eine Drei gewürfelt. In der Schule früher war ich auch eine ›Dreierschülerin‹.« Im klinischen Alltag werden derartige – häufige – Narrative und innere Bilder meist als Small Talk ignoriert. Das vorliegende Buch sensibilisiert dafür, sie auch in der nicht psychotherapeutischen Begegnung diagnostisch und therapeutisch zu nutzen und durch Aufmerksamkeitslenkung oder Teilearbeit zu verändern.

Selbst ein todkranker Patient ist nie nur krank. Er hat auch gesunde Anteile, und seien es »nur« Erinnerungsbilder. Derartige Ressourcen werden von Ärzten und anderen professionellen Helfern oft gar nicht wahrgenommen. Dabei können sie von ihnen viel lernen und sie therapeutisch nutzen.

Das Buch thematisiert Werte- und Bedürfnisperspektiven im therapeutischen Prozess sowie Elemente der Salutogenese, beispielsweise Sinn als Orientierungshilfe. Diese Elemente überschneiden sich mit dem Konzept von Achtsamkeit im Verständnis von rezeptiver Aufmerksamkeit und nicht wertender Bewusstheit von momentanen Vorgängen und Erfahrungen. Die beiden Autoren beschreiben Hypnose und Achtsamkeit als Tandem. Dabei beziehen sie sich nicht nur auf die therapeutische Anleitung von Patienten zur Achtsamkeit, sondern auch auf die Achtsamkeit der Therapeuten in der hypnosystemischen Therapie.

Das Buch brilliert mit seiner klaren Didaktik, die den komplexen Inhalt sehr gut vermittelt und ein empathisches Interesse an und in der therapeutischen Begegnung weckt. Auch bei den Ausführungen zur Achtsamkeitsphilosophie des Buddhismus vermeidet es jegliches Missionieren, und bei der hilfreichen Übersicht über psychoonkologische Konzepte verzichten die Autoren auf ideologische Wertungen. Sie betrachten Therapie und jede hilfreiche therapeutische Beziehung, ob in der Chirurgie, der Strahlenmedizin, der invasiven Schmerztherapie oder der Allgemeinarztpraxis, als resonante, symmetrische Beziehung, in der Erstarrtes wieder lebendig schwingen und Sinnhaftigkeit schaffen kann.

Ich kann dem Buch nur möglichst breite Resonanz in der Medizin, nicht nur bei psychoonkologischen Experten wünschen. Für Letztere sollte es Basislektüre sein.

Herbert Kappauf Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

Geleitwort aus hypnotherapeutischer Perspektive

Michael E. Harrer und Hansjörg Ebell lösen sich in ihrer Darstellung weitgehend von einer Orientierung an Methoden – und seien es Hypnose und Achtsamkeit. Sie legen vielmehr Wert auf die Vermittlung der wesentlichen Elemente hypnotherapeutischer Kommunikation und beschreiben für die psychoonkologische Praxis eine Vielzahl von kreativen, prozessinduzierenden und -steuernden verbalen und nonverbalen Interaktionsformen. Diese Elemente sind lösungs- und heilungsorientiert und in einem hypnosystemischen Gesamtverständnis verortet, das darauf vertraut, dem Patienten innewohnende Ressourcen verwenden zu können. Auch aus Sicht der aktuellen Therapieforschung sind »therapeutisch wirksame Kommunikation« und eine gute, vertrauensvolle therapeutische Beziehung die wesentlichen Wirkfaktoren – und keineswegs irgendwelche »wirkmächtigen Techniken oder Methoden«.

Als erfahrene Hypnotherapeuten lieben beide Autoren die Arbeit mit Metaphern. Ihr Buch beeindruckt durch die gekonnte Umsetzung der Metapher des Teppichwebens. Auch die Fallgeschichten verdeutlichen diese handwerkliche Kunst und lassen sie lebendig werden. Mittels theoretischer und praktischer Querverbindungen und Verknüpfungen verweben die Autoren unterschiedliche Auffassungen von Krankheit und Heilung sowie von therapeutischen Ansätzen zu einem aktuellen, ganzheitlichen und »multimodalen« Behandlungskonzept für die Psychoonkologie. Zentral ist ihr Modell einer Pyramide therapeutisch wirksamer Kommunikation, deren Spitze das oberste Ziel der beiden Autoren bildet: die selbsthypnotischen Fähigkeiten und die Autonomie der Patienten zu fördern.

Die in diesem Buch verwendete Resonanzmetapher lädt zu einem Ausflug in die Welt der Physik und der Musik ein. Das menschliche Bedürfnis nach Wohlbefinden und Harmonie weist eher in Richtung Musik. Teppichweben und Musikhören sprechen wesentliche Sinneskanäle an und haben in mir die Idee induziert, mein Geleitwort ab hier hypnotherapeutisch als Symphonie zu konzipieren und zum Klingen zu bringen.

Der Begriff Symphonie bezeichnet Instrumentalwerke mit einer über die Jahrhunderte wechselnden Form und Besetzung. In diesem Fall wurde eine Symphonie für zwei Soloinstrumente – Hypnose und Achtsamkeit – komponiert. Ihr Hauptthema einer »resonanzbasierten und patientenzentrierten Psychoonkologie« klingt in unterschiedlichsten Variationen und Beispielen an. Auch wenn sich beide Instrumente zu ähneln scheinen, unterscheiden sie sich doch in ihrem Klangcharakter. Der im gekonnten Zusammenspiel entstehende zauberhafte Klang und die universelle Resonanz kann Wunder wirken.

Doch worauf gründet sich die dominierende Rolle dieser beiden herausragenden Soloinstrumente? Milton Erickson und Buddha repräsentieren im vorliegenden Buch die lange Geschichte der beiden Instrumente. Im Orchester zeitgenössischer tiefenpsychologischer, verhaltenstherapeutischer und systemischer Behandlungskonzepte spielen sie als tragendes Grundthema Melodien von den grundlegenden Haltungen zum Leben und Menschsein. Die Symphonie ist einer Patient-Behandler-Beziehung gewidmet, die mittels therapeutisch wirksamer Kommunikation gelingt.

Seit über 40 Jahren fasziniert mich das Phänomen Hypnose und speziell der hypnotisch veränderte Bewusstseinszustand in der psychotherapeutischen Begegnung. Beim Lesen des Buches tauchen in meiner Erinnerung viele in diesen Jahrzehnten mit Hansjörg Ebell gemeinsam erlebte Situationen auf: angeregte Gespräche und kollegiale Diskussionen auf Hypnosetagungen und internationalen Kongressen, in denen wir mit vielen geschätzten Kollegen und Kolleginnen engagiert um das Verständnis von Hypnose und ihrer therapeutischen Anwendung im Bereich von Psychotherapie und Medizin gerungen haben. Das vorliegende Buch ist eine gelungene Integration von Hypnose und Achtsamkeit – sowohl in der Theorie als auch in der Praxis – für den psychoonkologischen Bereich und bietet einen Kanon der wertschätzenden und hilfreichen Kommunikation für Patient und Behandler an.

Im wissenschaftlichen Bereich konnte man sich in den letzten Jahren mehr oder weniger auf die Definition von Elkins et al. (2015) einigen: »Hypnose ist ein veränderter Bewusstseinszustand mit einer fokussierten Aufmerksamkeit, reduziertem peripheren Gewahrsein und erhöhter Fähigkeit, auf Suggestionen zu reagieren.« Gut eingebettet in einen medizinisch-onkologischen Behandlungskontext reicht das differenzierte und gleichzeitig pragmatische Verständnis der Autoren für Hypnose von einem »zeitgenössischen Etikett für ein archaisches Heilungsritual« bis hin zu einem »heilungsfördernden (sozio)psychophysiologischen Zustand«.

Beim Lesen dieses Buches fand ich mich immer wieder in kreativen Trancezuständen wieder, wohl induziert durch die Fülle und Komplexität der hypnotherapeutischen Themen in ihrer Kombination mit psychoonkologischen Inhalten und der Fundierung der Achtsamkeit in der buddhistischen Psychologie. So möchte ich für dessen Lektüre jedem Leser gerne ein Wort von Milton Erickson mitgeben: »Enlightenment is always preceded by confusion« (Der Erleuchtung geht immer Verwirrung voraus).

Norbert Loth Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie e. V. (DGH)

1Worum es geht – eine Einführung

Ich (Michael E. Harrer, MEH) erinnere mich noch gut an den ersten Patienten, zu dem ich als frischgebackener psychoonkologischer Liaisonpsychiater »notfallmäßig« gerufen wurde. Vor ihm stand ein Tablett voller Infusionsflaschen unterschiedlicher Größe mit roten und klaren Flüssigkeiten, deren Verabreichung er verweigerte. Nachdem ich seine Bedenken verstanden hatte, konnte ich ihn dabei unterstützen, mit seinem Arzt einen neuen, für ihn passenden Behandlungsplan auszuhandeln. Aus einem späteren Gespräch ist mir ein Satz von ihm in Erinnerung geblieben: »Seit ich krank bin, höre ich wieder das Singen der Vögel.«

Inzwischen sind Jahrzehnte vergangen. Als mich Hansjörg Ebell fragte, ob wir gemeinsam ein Buch schreiben, in dem wir versuchen, unsere Erfahrungen in der Begleitung krebskranker Menschen weiterzugeben, war ich begeistert. Es ist recht umfangreich geworden, da wir uns die Aufgabe gestellt haben, viele Anregungen für die Praxis wie Fäden zu einem Teppich mit wiederkehrenden Mustern zu verweben.

Vier Kettfäden: Die Phasen im Verlauf der Erkrankung, das subjektive Leiden der Patienten, die Beziehungsdimension sowie eine therapeutisch wirksame Kommunikation

Das Weben eines Teppichs beginnt mit dem Aufspannen der sogenannten Kettfäden. Das sind jene Fäden, die auf einem Webstuhl in Längsrichtung verlaufen und sich durch das gesamte Gewebe ziehen. Als solche sehen wir in unserem Buch vier Themen:

Der erste, in der Mitte ausgespannte Faden strukturiert und gliedert. Er bezieht sich auf die zeitlich-biografische Dimension einer Krebserkrankung und die idealtypischen Phasen ihres Verlaufs. Dieser beginnt bei der Diagnostik, Diagnosemitteilung und Therapieplanung. Es folgt die Zeit der Therapie bis hin zur Heilung und einer notwendigen Neuorientierung als Überlebender oder »Survivor« (Abschn. 8.1.2). Die Krankheit kann aber auch chronisch verlaufen, und Rezidive sind jederzeit möglich. Wenn eine Krebserkrankung zum Tode führt, stellt sich die Aufgabe, Menschen in ihrer letzten Krankheitsphase zu begleiten, die dann auch zur letzten Phase ihres Lebens wird.

Inmitten einer hochgerüsteten Hightechmedizin und angesichts des Dominierens eines störungsspezifischen Denkens und Vorgehens auch in der Psychotherapie wollen wir die einzelnen Patientinnen und Patienten mit ihrem subjektiven Erleben und Leiden, aber auch mit ihren Sehnsüchten und Zielen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken. So durchzieht das Buch als zweiter Kettfaden die Beschreibung des subjektiven Leidens der Patientinnen und Patienten auf den unterschiedlichen Wegstrecken und mit den phasenspezifischen Bedürfnissen. Die stetige Erinnerung an die Bedürfnisbrille soll die Aufmerksamkeit der begleitenden Behandler umlenken: weg vom Fokus auf zu behebende Symptome und Störungen, hin zu bedürfnisorientierten Zielen.

Der dritte Faden ist ein Menschenbild, das Menschen als soziale und in Beziehungen eingebettete Wesen versteht. So sehen wir jede professionelle Interaktion als eine Begegnung zweier Menschen in ihren Rollen und mit ihrer persönlichen Geschichte. Die Anerkennung der Tatsache, dass beide daran beteiligt sind, bezeichnen wir als intersubjektive Sicht auf jedes Geschehen. Um den Blick auf die Beteiligung der Behandler, insbesondere der Ärztinnen und Ärzte, zu richten, diesen zu schärfen und zur Reflexion anzuregen, bekommt auch deren Perspektive ausdrücklich Raum.

Der vierte Faden ist jener der Kommunikation, die darüber bestimmt, wie diese Begegnungen verlaufen. Wir beschreiben die wünschenswerte Form des kommunikativen Austauschs mit unseren Patientinnen und Patienten als therapeutisch wirksame Kommunikation. Diese Bezeichnung ergibt sich aus der Annahme, dass sich jeder auch noch so kleine Austausch auf eine wohltuende, stärkende, vielleicht sogar heilsame – eben therapeutische – Weise auswirken kann. Therapeutisch wirksame Kommunikation sollte vier Kriterien erfüllen: Sie ist patientenzentriert und bedürfnisorientiert, sie regt zu einem Perspektivenwechsel an, und sie ist in eine bewusst gestaltete therapeutische Beziehung eingebettet.

Ein Pyramidenmodell beschreibt fünf Stufen der Umsetzung einer solchen therapeutisch wirksamen Kommunikation (Abschn. 5.1, Abb. 2). Die ersten drei Stufen betreffen den kommunikativen Alltag in der Onkologie. Sie beziehen sich darauf, wie Patientinnen und Patienten angemessen zu informieren sind sowie ein für sie passender Behandlungsplan erarbeitet und im weiteren Verlauf mit ihnen gemeinsam gestaltet wird – eine Aufgabe, wie sie sich auch beim eingangs erwähnten Patienten stellte. Die vierte und fünfte Stufe der Pyramide beschreiben die Möglichkeiten von Hypnose und Selbsthypnose im psychoonkologischen Kontext.

Drei methodische Schussfäden: Perspektivenwechsel, Hypnose und Achtsamkeit

Beim Weben eines Teppichs dienen Weberschiffchen dazu, die sogenannten Schussfäden quer zu den Kettfäden einzuweben. In unserem Buch sind es drei methodische Schussfäden, die gemeinsam mit den vier Kettfäden das Gewebe unseres Konzepts bilden: der Perspektivenwechsel, die Hypnose und die Achtsamkeit. Ihre Facetten bilden gemeinsam mit dem in ihnen enthaltenen Beziehungsangebot die Mittel und konkreten Vorgehensweisen, mit denen die Prinzipien einer therapeutisch wirksamen Kommunikation verwirklicht werden.

Mit Perspektivenwechsel meinen wir das durchgehende Prinzip, eine Umorientierung der Aufmerksamkeit der Patienten und Patientinnen anzustreben: vom Kämpfen gegen etwas zum Hinbewegen auf etwas zu, was ihnen im Leben wichtig und wertvoll ist und Sinn gibt – weg von Vermeidungszielen, hin zu Annäherungszielen; weg von der einengenden Fokussierung auf die Krankheit und ihre Symptome, hin zu einem Blick auf die gesunden Anteile und Ressourcen und auf das, was Gesundheit und Resilienz fördert. Ein weiterer Perspektivenwechsel ergibt sich durch das Kultivieren eines wohlwollenden »inneren Beobachters« im Rahmen der Achtsamkeitspraxis.

Bei derHypnose legen wir den Schwerpunkt darauf, zwei natürliche Fähigkeiten zu nutzen. Menschen können sich gleichsam selbst hypnotisieren. Das kann zu einengenden »Problemtrancen« führen, die sie wie das sprichwörtliche Kaninchen beim Anblick einer Schlange erstarren lassen. Auf der anderen Seite kann die Wirksamkeit von Suggestionen und Autosuggestionen dazu beitragen, sich eigenen Zielen anzunähern. Die zweite menschliche Fähigkeit besteht darin, Bewusstseinszustände einzunehmen, in denen sich Möglichkeitsräume erschließen, die im Alltagsbewusstsein nicht zugänglich sind. Alle Kulturen in der Geschichte der Menschheit haben Heilungsrituale entwickelt, um diese Räume zu öffnen. Getragen von einer Sicherheit gebenden und Zuversicht vermittelnden therapeutischen Beziehung wird es möglich, sich wieder dem zuzuwenden, was einem im Leben wichtig ist, guttut und Heilungsprozesse anregt. Bei der Anwendung von Hypnose heben wir insbesondere zwei Aspekte heraus: zum einen ideomotorische Phänomene, die dazu dienen, das Vertrauen in unwillkürliche Prozesse und das eigene Unbewusste zu stärken und zu nutzen; zum anderen die Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen, die Menschen in ihrer inneren Vielfalt und ihren oft widersprüchlichen Bedürfnissen abholt und begleitet. Hypnose wird als intersubjektiver Austausch verstanden, als Resonanzprozess der Wechselwirkung zweier Individuen – insbesondere auch mit ihren unbewussten Anteilen.

Achtsamkeit wird als Basiskompetenz von Therapeutinnen und Therapeuten beschrieben. Sie ermöglicht ihnen, sich ihren Patientinnen und Patienten in einem Zustand zur Verfügung zu stellen, der geprägt ist durch eine verkörperte und wohlwollende Präsenz und die Offenheit, sich in sie einzustimmen, einzufühlen und sich auf ihre Welt einzulassen. Im Kern der Achtsamkeitspraxis steht die Kultivierung eines inneren Beobachters, mit dessen Hilfe der Therapeut auch seine eigene Innenwelt und sein Handeln freundlich beobachtet und auf das Patientenwohl ausrichtet. Drei Facetten der Achtsamkeit sind in der Psychoonkologie für die Betroffenen von besonderer Bedeutung. Zum einen die Fokussierung auf den gegenwärtigen Moment, die in der Bemerkung des anfangs zitierten Patienten deutlich wird. Sie trägt bei aller Unsicherheit über die Zukunft zur Lebensqualität in der Gegenwart bei. Die anderen beiden Facetten, die Raum bekommen, sind Akzeptanz und Selbstmitgefühl.

Das Bild des Teppichwebens könnte fälschlicherweise eine lineare zeitliche Abfolge der einzelnen Fäden und Bausteine suggerieren. Meist sind mehrere, manchmal sogar alle Fäden gleichzeitig wirksam und bedingen einander. Als Metapher für diese Gleichzeitigkeit, Verwobenheit und wechselseitige Bedingtheit bietet sich ein Gleichnis aus der hinduistischen Mythologie an: Indras Netz. Es beschreibt ein unendlich großes Netzwerk von Fäden, das sich über dem Palast der Gottheit Indra auf dem Berg Meru ausspannt. In jedem Knotenpunkt des Netzes findet sich ein Juwel mit unendlich vielen Facetten, in denen sich alle anderen Juwelen widerspiegeln. Eine multiperspektivische Sicht, wie wir sie vermitteln wollen, hat stets mehrere dieser Facetten im Blick und was sich in ihnen spiegelt. Dadurch eröffnet sich die Wahl, welche man aufgreift. Im Sinne der Spiegelung begegnen wir den gleichen Themen stets auf neue Weise, wenn sie sich in unterschiedlichen Juwelen widerspiegeln und sich dabei weitere Bedeutungen enthüllen. Querverweise in diesem Buch sollen darauf aufmerksam machen und dabei helfen, diese Verbindungen zu knüpfen und ihnen nachzugehen.

Es bleibt Ihnen als Leserin oder Leser überlassen, wo und wie Sie in das Buch einsteigen. Wir vertrauen darauf, dass es Ihnen gelingt, die Fäden und Juwelen des Netzes immer umfassender zu einem für Sie persönlich sinnvollen Ganzen zu integrieren und mit Ihren eigenen Erfahrungen zu verknüpfen.

Für wen ist unser bunter Teppich gedacht?

Dieser Teppich passt auf den Boden eines Therapieraums, in dem Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten Menschen mit einer onkologischen Erkrankung begleiten. Er vermittelt Einblicke in die Psychoonkologie und deren Konzepte, aber auch in die Themen und Bedürfnisse der Betroffenen im Verlauf der Erkrankung, und er soll inspirieren. Unser Teppich soll einen guten Boden für alle Berufsgruppen bilden, die in der psychosozialen Onkologie tätig sind, sei es in der klinischenPsychologie, der Sozialarbeit, der Seelsorge, der Beratung oder in anderen Bereichen. Um Personen aus allen Herkunftsberufen den Zugang zu unseren Konzepten zu erleichtern, werden viele der Fachbegriffe in einem Glossar erklärt.

Wir wünschen uns sehr, dass sich Ärztinnen und Ärzte aus der Onkologie von unserem Beitrag angesprochen fühlen. Ihnen obliegt es ja, ihre Patientinnen und Patienten angemessen zu informieren, einen Behandlungsplan zu erstellen, die medizinischen Therapien durchzuführen und immer wieder an die individuellen Gegebenheiten anzupassen. Patienten sind auf eine gelingende Kommunikation mit ihren Behandlern angewiesen, die wiederum die Grundlage jeder psychoonkologischen Begleitung bildet.

Wir sprechen auch Hausärzte an, die krebskranke Menschen oft über viele Jahre begleiten; ebenso Pflegepersonen, die in ihrem unmittelbaren und kontinuierlichen Kontakt mit Patienten im stationären Bereich oder in der ambulanten Krankenversorgung an einer therapeutisch wirksamen Kommunikation interessiert sind. Vieles von dem, was wir vermitteln wollen, gilt nicht nur in der Onkologie, sondern auch bei anderen chronischen Krankheiten. Letztendlich sollen unsere Anregungen den kranken Menschen zugutekommen, und vielleicht finden auch diese in unserem Buch etwas Hilfreiches, und sei es, dass sie durch die Lektüre genauer herausfinden und klarer formulieren können, was sie sich von ihren professionellen Begleitern wünschen.

Unabhängig von ihrem beruflichen Hintergrund will das Buch all jene Personen erreichen, die sich sowohl konzeptuell als auch im konkreten Vorgehen einen Überblick über eine patientenzentrierte Onkologie verschaffen wollen. Es richtet sich an alle, die sich dafür interessieren, welche Möglichkeiten Hypnose und Achtsamkeit für die professionelle Zusammenarbeit mit lebensbedrohlich und chronisch kranken Menschen allgemein bieten.

Einladung zur Resonanz

Wir hoffen, Sie für die Komplexität begeistern zu können, die unserer multiperspektivischen und vernetzten Sichtweise innewohnt. Wer einfache, störungsspezifische Rezepte erwartet, wird enttäuscht werden. Wer sich von der Vielfalt der in diesem Buch anklingenden Sichtweisen und Möglichkeiten inspirieren lässt, kann im Vertrauen auf eigene kluge bewusste und unbewusste innere Anteile neugierig sein, was vom Angebotenen Resonanz auslöst und Ihnen in der Begegnung mit Ihren Patientinnen und Patienten im passenden Augenblick wieder einfällt.

Und damit sind wir bei der letzten Metapher, die unser Buch durchzieht und unser Denken prägt. Sie stammt aus dem Bereich der Musik: Resonanz. Resonanz bedeutet ein Schwingen auf derselben Wellenlänge, das Verbindung schafft. Resonanzerfahrungen in menschlichen Beziehungen und mit der Natur können verwandeln und Verstummtes wieder zum Klingen bringen. Sie sind heilsam und können beglücken – wie das Singen der Vögel. Für einen Patienten auf mitfühlende Weise präsent zu sein, sich auf ihn einzustimmen und mit ihm in Resonanz zu gehen, ist die Basis jeder Therapie und für sich allein schon heilsam. Menschen einzuladen, mit sich selbst in Resonanz zu sein, mit dem, was sie im Kern ausmacht und sie lebendig werden lässt, ist der Weg, den wir vorschlagen.

In diesem Sinne wünschen wir uns, dass unser Buch zu vielen gelingenden Resonanzerfahrungen beitragen kann.

Salzburg und München im Frühling 2021 Michael E. Harrer und Hansjörg Ebell

Anmerkung: Uns ist wichtig, zumindest in der Einführung ausdrücklich Leserinnen und Leser anzusprechen, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, Ärztinnen und Ärzte, Frauen und Männer aus allen Berufsgruppen, aber auch Patientinnen und Patienten, Klientinnen und Klienten. Wenn wir in der Folge das generische Maskulinum verwenden, dann tun wir das auf Wunsch des Verlags im Sinne einer leichteren Lesbarkeit.

Als Ärzte sprechen wir in diesem Buch von Patienten (und nicht von Klienten), auch um das mit der Krankheit verbundene Leiden zu würdigen (lat. patiens, dt. »erduldend, leidend«). Wenn wir handelnde und behandelnde Personen als Behandler bezeichnen, meinen wir Vertreter und Vertreterinnen aller in einer zeitgemäßen interdisziplinären onkologischen Versorgung beteiligten Berufsgruppen, deren Aufgaben und Themen sich überschneiden.

2Begleitung ein Stück des Weges: Die Geschichte von Frau S.

Frau S. wird unmittelbar nach der Geburt ihres ersten, gesunden Kindes mitgeteilt, dass sowohl die chirurgische Entfernung eines Eierstocks als auch eine anschließende Chemotherapie notwendig seien. Die letzten drei Monate ihrer Schwangerschaft muss die 35-jährige Patientin wegen vorzeitiger Wehen in der Universitätsklinik stationär behandelt werden. Sie muss strikte Bettruhe einhalten, weil die wehenhemmenden Medikamente die Leber so schwer belasten, dass sie abgesetzt werden müssen. Eine Zyste im linken Eierstock wird immer wieder mittels Ultraschall untersucht. Die häufigen Kontrollen, die von Frau S. als ausweichend erlebten Erklärungen und der besorgte Gesichtsausdruck des untersuchenden Arztes steigern ihre Ängste, es könnte sich um eine bösartige Gewebeveränderung handeln. In der bei der Entbindung mittels Kaiserschnitt entnommenen Gewebeprobe werden dann tatsächlich Krebszellen gefunden. Aus dem Verdacht wird Gewissheit. In einer Folgeoperation wird der betroffene Eierstock entfernt. Bei diesem Eingriff entleert sich Zysteninhalt in den Bauchraum. Darum wird eine anschließende Chemotherapie aus medizinischer Sicht für unbedingt erforderlich gehalten. Der erste Therapiezyklus erfolgt unmittelbar nach der zweiten Operation und löst bei Frau S. extreme Übelkeit mit Erbrechen aus.

Nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus ist Frau S. so erschöpft, dass es für sie unvorstellbar ist, den vorgesehenen zweiten und dritten Zyklus der Chemotherapie als ambulante Nachbehandlung zu überstehen. Ihre Befürchtungen werden dadurch genährt, dass sie im Aufklärungsgespräch daraufhingewiesen wurde, dass die Nebenwirkungen von Chemotherapien in der Regel mit jedem Zyklus stärker würden. Der psychoonkologische Konsiliardienst der Klinik empfiehlt ihr in dieser Situation dringend, psychotherapeutische Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Bei unserem ersten Gespräch in meiner Praxis (Hansjörg Ebell, HE) bekommen die Tragik und Dramatik ihrer Erfahrungen viel Raum: Anstatt nach der Geburt ihr Baby stillen und umsorgen zu können, findet der von der Patientin als »Horrortrip« erlebte stationäre Krankenhausaufenthalt nicht nur kein Ende, sondern setzt sich fort und steigert sich noch weiter. Insbesondere die Aussage des behandelnden Arztes, der ihr die Notwendigkeit einer Chemotherapie eindringlich klar machen wollte, hat Frau S. sehr verängstigt, aber auch wütend gemacht. Bei ihr ist sinngemäß angekommen, sie müsse zustimmen, denn sie wolle ja nicht, dass ihr Kind in vier Jahren nur noch ein Foto von ihr als Erinnerung hat.

Unabhängig davon, wie der genaue Wortlaut gewesen ist oder ob sie den Arzt »nur« falsch verstanden hat, überprüfen wir diese und ähnliche Aussagen in späteren Therapiesitzungen gründlich darauf, welche positiven und/oder negativen Botschaften darin enthalten sind. Nachdem Frau S. Ruhe und Stabilität wiedergewonnen hat, können viele negative Suggestionen bearbeitet und wie alte Munition entschärft werden. Aus hypnotherapeutischer Sicht ist entscheidend, wie die als starke Suggestionen zu betrachtenden Sätze bei der Patientin angekommen sind, und nicht, was genau gesagt wurde.

Frau S. fühlt sich in ihrer Überforderung und Verzweiflung verstanden und angenommen. Allein das führt zu einer spürbaren Beruhigung. Von der Notwendigkeit der vorgeschlagenen Chemotherapie ist sie überzeugt. So konzentrieren wir uns auf eine gemeinsame Suche danach, was ihr helfen könnte, die im zweiten Zyklus verabreichten Medikamente besser zu vertragen und zuversichtlicher in die Zukunft zu schauen trotz ihrer Erschöpfung und der schlimmen Erfahrungen im ersten Therapiezyklus. Frau S. setzt nun ihre Hoffnung darauf, dass die Infusionen auch die letzte Krebszelle, die bei der Gewebeentnahme »entkommen« sein könnte, erreichen und vernichten – auch wenn es dafür keine Garantie gibt.

Nichts ist ihr wichtiger, als möglichst bald in der Lage zu sein, sich um ihr Kind zu kümmern, das bisher vom Ehemann und ihren Eltern zu Hause liebevoll versorgt wird. Als Gegengewicht zu den in den letzten Monaten vorherrschenden Gefühlen von Ohnmacht und Hilflosigkeit macht sie in Hypnose und Selbsthypnose wohltuende und stärkende Erfahrungen.

Erste Hypnose: Nach wenigen Suggestionen, es sich auf ihrem gepolsterten Stuhl mit einer hohen Lehne möglichst bequem zu machen, sich zurückzulehnen und ihr Körpergewicht als angenehme Schwere zu genießen, lehnt Frau S. ihren Kopf zurück – und ihre Augen schließen sich.

»Einerseits wissen Sie, dass Sie hier und heute [Datum] in meiner Praxis sitzen, angenehm schwer auf diesem bequemen Stuhl, andererseits können Sie den Wunsch verspüren, dass Sie viel lieber ganz woanders wären, wo es Ihnen richtig gut geht, wo auch immer das sein mag – an einem Ort oder besser in einem intensiven Erleben oder einer Erfahrung, die Ihnen helfen kann. Eine Erfahrung, die Ihnen erlaubt, all das, was wir vorher auf der bewussten Ebene an Schwierigem und Herausforderndem ausführlich besprochen haben, für eine Weile weit hinter sich zu lassen, um endlich zur Ruhe zu kommen und Kraft zu schöpfen – insbesondere im Hinblick auf die demnächst anstehende zweite Chemotherapie.«

Ihr Gesicht wirkt entspannt. Frau S. atmet ruhig und regelmäßig.

»Wenn Sie nun immer tiefer eintauchen in ein Gefühl des Wohlbefindens und der Sicherheit nach diesen anstrengenden und herausfordernden Wochen, ja Monaten, können Sie jetzt – gespeist aus Ihren guten Erinnerungen – mit allen Sinnesqualitäten, mit dem, was Sie jetzt spüren, sehen und hören, vielleicht sogar riechen und schmecken, erleben, dass es Ihnen richtig gut geht. Je tiefer Sie eintauchen können in dieses intensive und gute Erleben, umso leichter könnte sich eine der beiden Hände anfühlen, während die andere sich immer schwerer, angenehm schwer, anfühlen wird.«

Beide Hände sind auf den Oberschenkeln bequem abgelegt. Die rechte Hand bewegt sich nun ein wenig, rutscht ein paar Millimeter zurück, am ehesten infolge der muskulären Entspannung in den Oberarmen und Schultern.

»Vielleicht kann die rechte Hand sich sogar so leicht anfühlen, dass sie zu schweben beginnt – ganz von allein, ohne Ihr aktives Zutun – als Zeichen dafür, dass Sie immer tiefer eintauchen in Ihr erholsames, gutes Erleben. Ein Erleben, das Ihnen erlaubt, nicht nur jetzt und hier und heute zur Ruhe zu kommen, sondern Ihnen auch gute Dienste erweisen kann, wenn Sie demnächst Ihre nächste Infusion bekommen und dann auf einer bequemen Liege liegen werden und sich ganz auf das konzentrieren können, was Ihnen guttut.«

Die Hand hebt sich ganz allmählich und ruckartig, wie durch ein Zahnrad angetrieben, einige Zentimeter nach oben und schwebt nun über dem Stoff der Hose.

»Solange Ihre rechte Hand mir zeigt, dass Sie innerlich gut unterwegs sind, werde ich nur noch wenige Vorschläge machen. Genießen Sie es.«

Um der Patientin zu signalisieren, dass ich weiter für sie und mit ihr da bin und um sie meiner Präsenz zu versichern, kommentiere ich etwa zehn Minuten lang nur ab und zu etwas, etwa einen tiefen Atemzug, mit »sehr gut« und verbinde das Geschehen mit Vertiefungssuggestionen. Aufgrund der anhaltenden Handlevitation – die Hand hebt sich allmählich immer weiter –, gehe ich davon aus, dass sie in einer optimalen Szenerie gelandet ist, auch wenn ich nicht weiß, in welcher.

Als ihre Hand beginnt, allmählich wieder zahnradartig abzusinken, fordere ich Frau S. auf, sich genügend Zeit zu nehmen für die Rückkehr ihrer Aufmerksamkeit ins Hier und Jetzt. Ich schlage vor, von dieser aktuellen, intensiven und guten Erfahrung all das zu erinnern, was wert ist, erinnert zu werden. Zugleich könne sie all das erst mal einem inneren »Archiv des Vergessens« überlassen, was dort besser aufgehoben ist, um sich ganz auf die Herausforderungen der kommenden Chemotherapie konzentrieren zu können. Nach einer kurzen angesagten Pause leite ich in normaler Stimmlage die Reorientierung ein:

»Und nun zählen Sie bitte selbst innerlich rückwärts von zehn bis null, ohne die Zahlen auszusprechen. Über neun, acht, sieben und so weiter … bis Sie … bei den mittleren Zahlen angekommen … bemerken, wie Sie sitzen … dass z. B. der Kopf ein wenig zur Seite geneigt ist und Sie ihn leicht bewegen können, um wieder ganz aufrecht zu sitzen … und spätestens bei den kleinen Zahlen atmen Sie mal tief durch … genau so … um sich dann zu recken und zu strecken wie nach einem erholsamen Schlaf … um bei eins die Augen zu öffnen und bei null wieder ganz da zu sein.«

Nachdem Frau S. ihre Augen geöffnet hat und mich anblickt, begrüße ich sie mit einem freundlichen Lächeln. Dann besprechen wir ausführlich ihre Erfahrungen in der Hypnose. Es habe sich angefühlt wie eine aktuelle, sehr lebendige Hier-und-Jetzt-Erfahrung. Sie berichtet, sie habe intensiv die Anstrengung und die Kraft erlebt, die sie von früheren sportlichen Aktivitäten, vom Laufen und vom Schwimmen, kenne. Anschließend habe sie sich – total erschöpft – ausgeruht.

Nach all dem, was die Patientin durchmachen musste, wobei sie ihre Kräfte verausgabt hatte, kann sie ihre nachvollziehbare, bis dahin als negativ empfundene Erschöpfung auf eine ganz selbstverständliche und natürliche Weise umdeuten, als positiv erlebten Ausgangspunkt, als Beginn von Erholung und Wiederauftanken. Dieses Erleben wird zu einem Wendepunkt und leitet einen Perspektivenwechsel ein: weg von der Vermeidung der unerträglichen Nebenwirkungen der Chemotherapie, hin zu ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten, sich stattdessen auf eine positive Imagination zu konzentrieren.

Ausgehend von dieser Hypnoseerfahrung entwickelt Frau S. ihr maßgeschneidertes, persönliches Selbsthypnoseritual: Während der Chemotherapie-Infusionen konzentriert sie sich auf die Vorstellung und das damit verbundene Erleben, dass sie »mit aller Kraft flussaufwärts schwimmt«. Ihr Einfall, diese Vorstellung zu nutzen, ist insofern genial, als »die starke Strömung, die körperabwärts vom Scheitel bis zu den Zehen deutlich zu spüren ist, das gleichzeitige Aufsteigen von Übelkeit oder gar Erbrechen unmöglich macht«. In ihrer Vorstellung sinkt sie am Ende dieser Anstrengung, »endlich am Ufer, an einem warmen Sandstrand angekommen, vor Erschöpfung in einen tiefen und erholsamen Schlaf«.

Zusätzlich unterstützend wirkt sich vermutlich aus, dass die Chemotherapie ambulant in der Praxis eines niedergelassenen Onkologen verabreicht wird. Das erspart ihr den erneuten Kontakt mit der Klinik, mit der die monatelangen Ängste, der Schrecken der Diagnose und die operativen Maßnahmen assoziiert sind.

Frau S. verträgt mithilfe dieser und ähnlicher Imaginationen den zweiten Zyklus der Chemotherapie wesentlich besser als den ersten. Dass sie den dritten Zyklus noch viel besser verträgt als den zweiten, erlebt sie als persönlichen Erfolg. Sie verbucht ihn als besonders groß, da sie die gleiche Medikation gegen die Übelkeit erhalten hat und ihre Erfahrungen der im Rahmen der Aufklärung gehörten Information widersprechen, die Nebenwirkungen würden mit jedem Zyklus zunehmen. Aus hypnotherapeutischer Sicht gelten derartige Informationen als potenzielle Negativsuggestionen (Nocebo, Abschn. 5.6.3).

Frau S. erringt diesen persönlichen Sieg mithilfe einer Bewältigungsstrategie, die auf ihren ureigenen Fähigkeiten beruht. Zugang zu diesen Fähigkeiten findet sie mit professioneller psychoonkologischer Unterstützung und angeleitet in Hypnose. Deren Umsetzung und Anwendung erfolgt dann autonom mittels Selbsthypnose.

Zum weiteren Verlauf: Auf die psychoonkologische Krisenintervention zu Beginn und auf die dargestellte Unterstützung bei der Bewältigung der Herausforderungen der Chemotherapie mit Hypnose und Selbsthypnose folgt noch eine weitere Phase der Begleitung. Im Zeitraum von etwa einem Jahr bearbeitet Frau S. in einer psychotherapeutischen Zusammenarbeit im eigentlichen Sinne verschiedene Therapieziele und Themen.

Diese Schilderung des hypnotherapeutischen Vorgehens am Beispiel von Frau S. erfolgt aus der Perspektive des mitbehandelnden ärztlichen Psychotherapeuten (HE), der sie psychoonkologisch »ein Stück ihres Weges« begleitet. Im Zentrum dieser Begleitung stand die von beiden anerkannte Notwendigkeit der medizinisch indizierten Krebstherapie.

Im persönlichen intersubjektiven Austausch zweier Menschen in den Rollen von Arzt und Patientin blieb es während der Behandlung über weite Strecken hin offen, wie »die Geschichte« langfristig ausgehen wird – insbesondere in der dramatischen Krisensituation, dem Anlass zur ersten Begegnung. Erst im Rückblick konnten bestimmte Entwicklungen erkannt, benannt und gemeinsam reflektiert werden.

Die über viele Jahre gesammelten Erfahrungswerte sowie eine prinzipielle Zuversicht des Therapeuten (HE) im Hinblick auf die Fähigkeiten und Möglichkeiten von Menschen in extremen Belastungssituationen waren für beide Seiten hilfreich, auch wenn sie ein gutes Ergebnis keineswegs garantieren. Für Frau S. war die Weichenstellung wichtig, dass im Behandlungssystem einer Universitätsklinik endlich – nach Monaten – psychoonkologische Kompetenz hinzugeholt wurde. Vermutlich hätte Frau S. die ambulante Chemotherapie auch ohne psychotherapeutische Unterstützung »irgendwie« überstanden. Es bestand allerdings das Risiko einer schlechteren Prognose für den Fall, dass sie die Therapie nach dem ersten oder zweiten Zyklus wegen der – trotz entsprechender Medikation – unerträglichen Nebenwirkungen abgebrochen hätte.

Die Beziehung des Psychoonkologen zum überweisenden verantwortlichen Onkologen war kollegial und anerkennend, insbesondere nachdem sich die Verträglichkeit der Chemotherapie auf beeindruckende Weise verbesserte. Die in diesem Fall gelungene und höchst wünschenswerte wechselseitige – die Patientin einschließende – positive Verstärkung und Unterstützung ist allerdings eher nicht die Regel.

Jahre später besuchte Frau S. mich zu einem Nachgespräch, um das ich sie gebeten hatte. Dabei hob sie drei Punkte hervor, die für Sie damals besonders hilfreich waren: die erstaunliche Intensität der positiven Erfahrungen in Hypnose und Selbsthypnose, die Unterstützung beim Verstehen und Einschätzen der Bedeutung von Befunden und Aussagen der Ärzte und die Klärung wichtiger Themen und Konflikte bei ihrer Rückkehr in eine »neue Normalität«.

Die Geschichte der Begleitung von Frau S. verdeutlicht einige für uns wesentliche Punkte:

•Sie zeigt, dass eine psychoonkologische Begleitung die Durchführung von medizinischen Maßnahmen unterstützen oder gar erst ermöglichen kann. Sie gibt auch Einblicke, welche Rolle dabei ein hypnotherapeutisches Vorgehen in unterschiedlichen Settings spielen kann: im Rahmen einer Krisenintervention, in der Begleitung bei der Bewältigung der Krankheit und der Therapie, aber auch in einem psychotherapeutischen Setting im eigentlichen Sinne. Dabei ist vorauszusetzen, dass das Therapiekonzept dem aktuellen Stand des onkologischen Wissens entspricht, dass es erforderlich und sinnvoll ist und dass der Patient dem Vorgehen zustimmen kann.

•Zum anderen veranschaulicht das Beispiel, wie mit einem hypnotherapeutischen Vorgehen ein den Patienten zunächst nicht bewusstes individuelles Potenzial erschlossen und therapeutisch wirksam wird. Indem die Betroffenen mit ihrem höchst subjektiven Erleben, ihren ureigenen Fähigkeiten, Möglichkeiten und Ressourcen mit einbezogen werden, wird jedes Behandlungskonzept wesentlich ergänzt und bereichert. Es öffnen sich Möglichkeitsräume, die dazu beitragen, aus einem objektiv angemessenen auch ein subjektiv zufriedenstellendes Gesamttherapiekonzept zu machen.

•Persönliche Hindernisse und Schwierigkeiten von Betroffenen zu bekämpfen führt oft in Sackgassen bis hin zum Abbruch der Therapie. Werden diese Hürden stattdessen als Herausforderungen angenommen und ernst genommen, lassen sich in der Regel gemeinsam Möglichkeiten finden und individuelle Lösungswege entwickeln. Ein derartiges Vorgehen führt immer weiter, als wenn die Bedürfnisse der Betroffenen übergangen, ihnen etwas aufgezwungen wird oder ihre Erfahrungen nicht angemessen berücksichtigt werden. In der Onkologie werden wir immer wieder an Grenzen stoßen: an die individuellen Grenzen der Patienten, die Grenzen der Behandler, die Grenzen der Medizin und an jene existenziellen Grenzen, die das Leben setzt. Es lohnt sich immer, gemeinsam zu erkunden, wo genau diese verlaufen.

3Arzt, Patient und Krankheit – eine Dreiecksbeziehung

Der Titel des Klassikers von Michael Balint (1957/2019), Der Arzt, sein Patient und die Krankheit, beschreibt die in der Krankenbehandlung entstehende Dreiecksbeziehung. In der Onkologie wird die Behandlung heutzutage allerdings nicht mehr von einem einzelnen Arzt geleistet, sondern von einem multiprofessionellen Team von Behandlern, das sich im Idealfall gut vernetzt. Jeder Patient ist einzigartig und nur vor dem Hintergrund seiner Lebensgeschichte und seiner aktuellen soziokulturellen Einbettung zu verstehen. Meist hat auch er ein »Team« von Angehörigen, Bekannten, Selbsthilfegruppen, komplementären Mitbehandlern etc. um sich.

3.1Krebs: Fakten, Mythen und Metaphern

Unter Krebs wird eine Vielfalt höchst unterschiedlicher onkologischer Erkrankungen verstanden. So ist auch jeder Krebs auf seine Weise einzigartig – in seinen genetischen Charakteristika und Biomarkern, in seiner Lokalisation, seiner Wachstumsgeschwindigkeit und Ausbreitung sowie in seinem Ansprechen auf die zur Verfügung stehenden Therapiemöglichkeiten.

Wenn Menschen an Krebs erkranken, sind sie kein unbeschriebenes Blatt. Sie verfügen über ein mehr oder weniger bewusstes, oft schwer in Worte fassbaresVorwissen über die Erkrankung, das sich aus unterschiedlichsten Quellen speist. Meist mischen sich Fakten mit Mythen und Metaphorischem, mit individuellen Erfahrungen und Erzählungen aus der Familie und dem Freundeskreis sowie mit Informationen aus digitalen Medien. Die so entstandenen Annahmen prägen die ersten Bedeutungsgebungen und Erwartungen, die Patienten mit ihrer Krebsdiagnose verknüpfen.

Krebs ist sehr häufig. In Deutschland erkranken jährlich etwa 500.000 Personen neu an Krebs, bei über 230.000 Menschen war die Erkrankung im Jahr 2018 die Todesursache. Da mit zunehmender Lebenserwartung Krebserkrankungen immer häufiger werden und Krebs dank verbesserter und neuer Therapieoptionen immer mehr zu einer chronischen Erkrankung wird, ist mit einer Zunahme von Krebserkrankungen zu rechnen – trotz aller Bemühungen um Prävention und Früherkennung.

Im Gegensatz zu gesunden Zellen vermehren Krebszellen sich ungezügelt. Unter Laborbedingungen können sie nach der Entnahme den an Krebs Erkrankten um Jahrzehnte überleben. Diese unkontrollierte Vitalität kann das Leben bedrohen (Mukherjee 2012). Krebszellen können umgebendes gesundes Gewebe infiltrieren und zerstören, Organgrenzen durchbrechen und Metastasen bilden.

Trotz aller Möglichkeiten der modernen Medizin zur wirksamen Behandlung kann jede Krebsdiagnose als existenzielle Bedrohung erlebt werden – unabhängig von der medizinischen Prognose, der Malignität der Krebszellen und der Dynamik ihrer Ausbreitung im Organismus. Wenn sich die unvermeidliche Tatsache unserer Sterblichkeit nicht mehr beiseiteschieben lässt, sind wir mit der Endlichkeit der menschlichen Existenz konfrontiert. Es sind die eigenen Zellen, die durch unkontrolliertes Wachstum und ungebremste Verbreitung »bösartig« werden und letztlich das Leben kosten können. Oft ruhen Krebszellen über Jahre oder Jahrzehnte und bleiben im Verborgenen, bis sie sich in körperlichen Symptomen äußern. Oder – was oft noch mehr verunsichert – sie werden durch Zufall oder bei einer Vorsorgeuntersuchung entdeckt. Die mit Krebs verknüpften Vorstellungen sind oft geprägt von Assoziationen hilflosen Ausgeliefertseins, von Schmerzen und Leiden durch die Erkrankung selbst oder durch belastende Therapien.

Der Wunsch, das Unberechenbare und »Böse«, das im eigenen Körper wächst, zu kontrollieren, nährt die Suche nach dessen Ursachen. Die Neigung oder Prädisposition, an Krebs zu erkranken, kann in den Genen vererbt werden, oder ein bestimmter Lebensstil kann die Krebsentstehung begünstigen. Nicht selten fühlen sich Menschen durch eine Krebserkrankung für ein Risikoverhalten und ihre ungesunde Lebensführung bestraft. Schuld- und Schamgefühle werden oft auch von ärztlicher Seite geschürt, sei es durch den Hinweis auf Risikoverhalten wie übermäßige UV-Licht-Exposition bei Hautkrebs, Rauchen bei Lungenkrebs, Alkoholabusus, ungesunde Ernährung und Übergewicht, Bewegungsmangel oder wechselnde Sexualpartner, versäumte Früherkennung oder durch zu späte Inanspruchnahme diagnostischer Maßnahmen.

Bei Krebserkrankungen leben Teile des Organismus auf Kosten des Ganzen und können dessen Untergang herbeiführen. Dieses Charakteristikum führt in nichtmedizinischen Kontexten zur metaphorischen Verwendung des Begriffs »Krebsgeschwür« als Inbegriff des Schädlichen und Bösartigen.

So trägt vieles dazu bei, dass es keineswegs selten noch als Tabu erlebt wird, über Krebs zu sprechen. Das erschwert die Kommunikation zwischen den Erkrankten und ihrem Umfeld, aber auch mit den Behandlern. Auf der anderen Seite scheint sich oft alles nur noch um die Erkrankung und die mit ihr verbundenen Bedrohungen und Folgen zu drehen. Nach dem ersten Schock wird für den Kampf gegen den Krebs mobilisiert.

Der Kampf und Krieg gegen den Krebs ist wohl die wirkmächtigste Metapher im Bereich der Medizin. Indem Richard Nixon 1971 den »Krieg gegen den Krebs« (»war on cancer«) ausrief, erklärte der damalige US-Präsident der Krankheit gewissermaßen den Krieg. Fünfzig Jahre später weiß man sehr viel mehr über die Komplexität seiner Entstehung, sodass die Illusion eines endgültigen Sieges der Medizin über den Krebs unsinnig erscheint. Dem einzelnen Patienten kann der Mythos des Kampfes allerdings ein Gefühl von Würde, von Selbstachtung, Stärke und Kontrolle verleihen. Den Kampf aufzunehmen und aktiv zu gestalten befreit aus der Opferrolle. Auch wenn der Betroffene den Kampf verliert, kann er sich als tapferer und mutiger Kämpfer fühlen, der nie aufgegeben hat. Auf der anderen Seite kann der Kämpfermythos auch dazu führen, dass eine Verschlechterung der Krankheit auf mangelnden Kampfgeist zurückgeführt und somit als eigenes Versagen erlebt wird. Unhinterfragt kann sich der Mythos auch dahingehend auswirken, dass sich Patienten innerlich oder von außen gedrängt fühlen, aussichtslose und zugleich Leid bringende Kämpfe zu führen. Und selbst wenn die Krankheit überwunden wird, bleibt der Tod letztlich unvermeidlich. Kriegsmetaphern rufen Bilder des Kampfes zwischen dem Guten und dem Bösen hervor, zwischen Mächten des Lichtes und der Finsternis, zwischen Leben und Tod. Sie produzieren Sieger und Verlierer, maximal herrscht für eine gewisse Zeit Waffenstillstand.

Vorstellungen von Kampf und Krieg führen nicht selten zur symmetrischen Eskalation: Je größer die dem Feind zugeschriebene Bedrohung wird, desto gewaltvoller und radikaler werden die Waffen. So besteht die Gefahr, im Kampf gegen die Krankheit den Patienten als ganze Person zu vergessen. Körperteile werden in Operationen geopfert, Chemotherapien und energiereiche Strahlen werden in maximal tolerierbarer Dosis verabreicht, wobei oft erhebliche Schädigungen gesunder Zellen in Kauf genommen werden müssen. Viele Therapien sind invasiv und nebenwirkungsreich und beeinträchtigen die Lebensqualität. Manche – wie beispielsweise Knochenmarktransplantationen bei Leukämien – beinhalten sogar das Risiko, an den Folgen der Therapie zu sterben, das Auftreten weiterer Krebserkrankungen zu fördern und die Lebenserwartung insgesamt zu verkürzen. Obwohl der Preis hoch ist, wird er angesichts eines möglichen Gewinns bezahlt. Ob sich die Opfer lohnen, stellt sich im Einzelfall erst im Nachhinein heraus. Jeder Betroffene kann diese Frage nur für sich selbst beantworten.

Neben Kampf und Krieg finden sich rund um Krebs auch noch andere Metaphern. Die Metapher der Reise betont den prozesshaften zeitlichen und oft chronischen Verlauf einer Krebserkrankung. Der Mythos erinnert an die Heldenreisen der Antike, die Suche nach dem heiligen Gral oder an Entwicklungsgeschichten von Helden auf der Suche nach Weisheit. Auch krebskranke Menschen können sich als Helden erleben, die sich im gefährlichen Land von Krankheit und Tod oder in unbekannten Innenwelten wiederfinden und eines Tages gereift heimkehren. Manche Patienten vergleichen die Erfahrung des Überlebens der Erkrankung und der Therapie mit einer Neu- oder Wiedergeburt, der die Chance eines Neubeginns innewohnt.

Mythen und Metaphern wirken integrierend und sinnstiftend, indem sie helfen, Unbekanntes durch Analogien mit Bekanntem zu verstehen und Erfahrungen in ein größeres Ganzes einzuordnen. Sie sind Quellen von Symbolen, Bildern und Geschichten. Hypnotherapeutisch und systemisch (»hypnosystemisch«) geprägte Begleiter achten auf die Bilder und Metaphern des Patienten und auf deren Auswirkungen, also darauf, ob sie ihn befähigen und stärken oder einschränken und schwächen. Sie schlagen dem Patienten auch neue Bilder und Metaphern vor und geben Impulse, die zur positiven und heilungsfördernden Gestaltung seiner individuellen Wirklichkeit beitragen und inneren Frieden und Wohlbefinden möglich machen. In der Achtsamkeitspraxis übt man, immer wieder innezuhalten, um die Auswirkungen der inneren Bilder zu erkennen und im Beobachtermodus beispielsweise zu bemerken, wenn sich eine übermäßige Identifikation mit dem »Kämpfer« auf unheilsame Weise auswirkt.

3.2Der Patient und sein individuelles Erleben

Wenn heutzutage in der Onkologie von einer personalisierten Krebstherapie gesprochen wird, dann sind damit in der Regel Vorgehensweisen gemeint, bei denen die Tumorzellen eines Patienten molekularbiologisch untersucht werden. Dabei wird nach bestimmten Biomarkern gefahndet, um die Krebszellen an den veränderten Stellen zielgerichtet anzugreifen (»targeted therapy«).

Wenn wir in der Psychoonkologie und einer biopsychosoziospirituellen Praxis von einer individualisierten und maßgeschneiderten Therapie sprechen, so ist damit etwas weit Umfassenderes gemeint. Bei der Begleitung von Patienten mit Krebserkrankungen wird nicht nur der Tumor, sondern der ganze Organismus und die ganze Person mit ihren Bedürfnissen und Werten und in ihrer soziokulturellen Einbettung wahrgenommen und berücksichtigt. Die Geschichte der Krankheit und die Erfahrungen des Krankseins werden als Teil der Geschichte eines erkrankten Menschen verstanden. Die Bedeutung, die er seiner Erkrankung gibt, wird auf dem Hintergrund seiner aktuellen Lebensphase und Situation gesehen. Sie ist auch von jenen Geschichten geprägt, die in seiner Familie über Krebs erzählt werden und wurden, wie Verwandte oder Bekannte mit ihrer Krankheit umgegangen sind, wie sie mit ihr gelebt haben oder gestorben sind.

Eine auf den ersten Blick paradox erscheinende Frage ist bei chronischen Erkrankungen von großer Bedeutung: Wie viel Krankheit verträgt Gesundsein (Ebell 2017a)? Wie kann es also gelingen, dass sich Menschen trotz einer Krebserkrankung – selbst wenn sie fortschreitet – als erstaunlich gesund erleben? Auch diese Frage ist nur höchst individuell zu beantworten. Die Vorstellung eines Gesundheits-Krankheits-Kontinuums bietet eine konzeptuelle Basis für ein »Sowohl-als-auch«. So zeigt die Perspektive der Salutogenese, der Erforschung der Frage, wie Gesundheit entsteht, Wege auf, neben aller Krankheit auch Gesundheit und Gesundsein zu fördern (Abschn. 4.4). Das Ausmaß an Krankheit, das sich mit dem Gesundsein eines Menschen verträgt, ist erstaunlich groß, wenn er über Eigenschaften verfügt, die man als Resilienz zusammenfassen kann (S. 49 f.), und es trotz der Krankheit möglich ist, Gesundheitsziele zu verfolgen.

Das subjektive Erleben und das mit der Erkrankung verbundene Leiden des Patienten werden maßgeblich von der aktuellenKrankheitsphase geprägt. Zunächst stehen meist Diagnostik und Therapie mit der Hoffnung auf Heilung im Vordergrund. Es kann auch ein Rezidiv diagnostiziert worden sein oder sich die Aufgabe stellen, sich mit dem bevorstehenden Sterben auseinanderzusetzen.

Therapeutisch wirksame Kommunikation trachtet danach, all dies zu berücksichtigen. Sie betont neben einer arzt- und krankheitszentrierten Sicht die Bedeutung der individuellen Wirklichkeit des Patienten und seines subjektiven Erlebens und Leidens und orientiert sich primär an seinen Bedürfnissen. Sie versteht Kommunikation als eingebettet in eine therapeutische Beziehung und deren gesundheitsfördernde Auswirkungen. Therapeutisch wirksame Kommunikation fördert einen mehrfachen Perspektivenwechsel:

•vom Kampf gegen die Krankheit hin zu dem, was stattdessen wünschenswert ist

•von dem, was nicht (mehr) möglich ist, hin zu dem, was möglich ist

•von der Einengung der Aufmerksamkeit auf die Symptome der Krankheit hin zur Förderung gesunder Anteile

•von der Fokussierung auf Probleme hin zum Suchen, Finden und Fördern von Ressourcen.

Die therapeutisch wirksame Kommunikation bildet den Kern unseres Vorgehens (Abschn. 4).

3.3Die Behandler in der Onkologie und ihre Rollen

Krebs als körperliche Erkrankung erfordert eine angemessene medizinische Behandlung nach den Regeln der ärztlichen Kunst. In der aktuellen Medizin ergeben sich diese Regeln aus der Praxis einer sogenannten evidenzbasierten Medizin (EbM). Wir beziehen uns dabei auf eine Definition, die unter EbM die Integration dreier Elemente versteht – der Expertise des Arztes, der Evidenz aus der Forschung und der Individualität des einzelnen Patienten (Sackett et al. 1996, S. 71; Übers. d. Verf.):

»Die Praxis der evidenzbasierten Medizin bedeutet die Integration individueller klinischer Expertise mit der besten verfügbaren externen Evidenz aus systematischer Forschung. Mit individueller klinischer Expertise meinen wir das Können und die Urteilskraft, die Ärzte durch ihre Erfahrung und klinische Praxis erwerben. Ein Zuwachs an Expertise spiegelt sich auf vielerlei Weise wider […] und in einem umsichtigen und mitfühlenden Erkennen und Berücksichtigen der Problematik des individuellen Patienten, seiner Rechte und Präferenzen bei der klinischen Entscheidungsfindung für seine Behandlung.«

Krebserkrankungen und ihre Therapien stellen Belastungen dar, die nicht selten die unmittelbar Betroffenen und die mitbetroffenen Angehörigen an ihre Grenzen bringen. Auch dafür gilt es im Rahmen der onkologischen Behandlung Unterstützung anzubieten.

Die alltägliche Kommunikation mit den Patienten stellt eine große Herausforderung für alle Beteiligten dar: Dazu gehören die Gestaltung auch kurzer Patientenkontakte, die Art und Weise der Vermittlung bzw. des Austauschs von Information oder die Entscheidungsfindung bei der Erstellung eines Gesamtbehandlungsplans und dessen prozessorientierte Modifikation. Diese Herausforderungen werden im Klinikalltag keineswegs immer optimal bewältigt. Dabei entsteht viel unnötiges Leiden, oft aus Zeitmangel. Aber auch viele zeitsparende Möglichkeiten therapeutisch wirksamer Kommunikation verstreichen ungenutzt.

Allein schon die Kommunikation der beteiligten Behandler untereinander ist eine anspruchsvolle Herausforderung. Ist höchste medizinische Qualität gefragt, können nur mehr sogenannte Tumorboards die Zusammenschau der Befunde und das Abwägen der zunehmend komplexer werdenden Therapieoptionen wie Operationen, Chemotherapie und anderer Formen medikamentöser Therapie sowie Strahlentherapien und deren Timing leisten. Das sind regelmäßige Fallbesprechungen von Teams aus Vertretern diverser medizinischer Spezialfächer. Der Therapievorschlag wird im Idealfall aufgrund der aktuellen Studienlage evidenzbasiert auf die Krankheit hin optimiert. Wer in einer Zusammenschau aller relevanten Fakten mit dem Patienten spricht, ihn bei seinen Entscheidungsprozessen berät und unterstützt, das Vorgehen mit ihm abstimmt und danach auch über den weiteren Verlauf den Überblick behält, ist dann oft nicht mehr so klar und eindeutig festgelegt.

Die moderne Onkologie handelt arbeitsteilig und multiprofessionell. Am erfolgreichsten ist die Behandlung, wenn es gelingt, die Vielfalt des Wissens der beteiligten Berufsgruppen und Personen und deren Austausch als Bereicherung zu erfahren. Vom Spezialisten bis zum Hausarzt, vom Strahlentherapeuten bis zum Psychiater, von Pflegepersonen, Sozialarbeitern, Seelsorgern bis hin zum Psychoonkologen. Es bedarf gelingender Kommunikation, die Beiträge aller zu integrieren und gemeinsam mit dem Patienten einen Gesamtbehandlungsplan zu dessen Wohl auszuhandeln.

Die Sehnsucht vieler Patienten nach einem »Halbgott in Weiß«, der alles kann und weiß, ist gerade in Zeiten der Not gut nachvollziehbar. Im Idealfall laufen alle Fäden bei einer möglichst kontinuierlich und verlässlich zur Verfügung stehenden Person zusammen. Im optimalen Fall wäre das ein Onkologe mit medizinischer, psychosozialer und kommunikativer Kompetenz. Das Beiziehen von Spezialisten aus den sogenannten Psychofächern, sei es ein Psychoonkologe oder Psychiater, wird von Patienten oft als zusätzliche Stigmatisierung und auf der Beziehungsebene als Abweisung erlebt. Manchmal berät der Hausarzt den Patienten; an einigen Tumorzentren gibt es Case-Manager. Nach positiven Erfahrungen schreibt der Patient auch nicht selten dem Psychoonkologen die Rolle zu, ihm bei Entscheidungen beizustehen und ihn zu beraten.

Bei jeglicher Behandlung ist die Bildung einer therapeutischen Allianz Voraussetzung für deren Erfolg. Dazu bedarf es dreier Säulen: einer Vertrauensbeziehung, einer Übereinkunft über die Ziele und einer Einigung über die Mittel der Behandlung (Bordin 1979). Auf die Einbettung der Behandlung und Kommunikation in Beziehungskontexte werden wir im Rahmen unseres Konzepts in den Abschnitten 4.3 und 6.5.2 ausführlich eingehen. Für die unterschiedlichen Ziele in der Onkologie und die zu deren Erreichung eingesetzten Mittel gibt es eine Vielzahl von Spezialisten. Die Delegation der Aufgaben an verschiedene Personen und Berufsgruppen führt dazu, dass Patienten die Behandlung oft als fragmentiert erleben, weil häufig einer nicht vom anderen weiß, Informationen fehlen und sich deren Zielsetzungen nicht selten widersprechen oder gar nicht explizit zum Thema gemacht werden. Das Aushandeln einer Übereinkunft über die im Gesamtbehandlungsplan einzusetzenden Mittel ist jener Bestandteil einer therapeutischen Allianz, der in der Onkologie wohl am häufigsten zu kurz kommt.

Von den Behandlern wird viel erhofft und erwartet. Die Vielfalt der Bedürfnisse von Patienten kann nur aus einer entsprechenden Vielzahl von Rollen heraus erfüllt werden. Die Annahme, es könne eine Person geben, die all diese aus Patientensicht wünschenswerten Rollen erfüllt, erscheint unrealistisch.

Da ist die Rolle des medizinischen Spezialisten, der die Diagnostik beherrscht und über Therapieoptionen Bescheid weiß und diesbezüglich berät oder auf Wunsch des Patienten sogar entscheidet. Diese Rolle sollte sich mit der eines Kommunikationsspezialisten verbinden, der die Informationen individuell angepasst verständlich und in »verdaulichen« Portionen vermittelt. Er sollte dialogfähig sein, sich empathisch in den Patienten einfühlen können und ihn aus dieser Einfühlung heraus individualisiert beraten können. Er sollte sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, Hoffnung und Zuversicht vermitteln und zugleich realistisch sein. Es sollte immer jemanden geben, der Lösungen für die ständig auftauchenden Probleme kennt oder der zumindest weiß, wer Ideen dazu haben könnte. Jemand sollte bei der Krankheitsbewältigung unterstützen und dem Patienten Erfahrungen von Selbstwirksamkeit ermöglichen, indem er ihn auch darin berät, wie dieser selbst zu seinem Wohlergehen beitragen kann. Wenn alles Mögliche getan, alles Lösbare gelöst und alles, was gesagt werden muss, gesagt ist, bedarf es einer professionellen, mitmenschlichen Präsenz (S. 171 ff.).

Diese vielen Rollen überfordern einen einzelnen Arzt. Zudem entsprechen sie kaum den Rollenbildern, die sich aus dem Selbstbild vieler Ärzte ergeben. Dieses ist in der Onkologie von den oben beschriebenen Mythen geprägt, vom Arzt als Kämpfer gegen den Krebs oder gar den Tod. Für manche Ärzte fühlt es sich an, als hätten sie selbst den Kampf verloren, wenn ihr Patient stirbt. In der klassischen Kampfmetapher gibt es nur zwei mögliche Ausgänge: Man wird zum Sieger oder Verlierer. In der modernen Krebsmedizin ist jedoch bei vielen Patienten, um in der Kriegsmetapher zu bleiben, ein länger dauernder Waffenstillstand ein angemessenes Ziel. Je ohnmächtiger sich Menschen fühlen, umso überlebensnotwendiger ist ein Erleben von Kontrolle. So wird in der Medizin viel getan, um Kontrollillusionen zu schaffen oder aufrechtzuerhalten. Dazu dienen auch Vorstellungen, Krebserkrankungen oder deren Therapie mit einfachen linear-kausalen Modellen erklären und beherrschen zu können.

Michael Balint (2019) benannte es schon vor über fünfzig Jahren als »apostolische Funktion des Arztes«, wenn dieser glaubt, er besäße die Offenbarung darüber, was das Richtige für den Patienten sei, und es sei seine heilige Pflicht, die Unwissenden und Ungläubigen unter den Patienten zu diesem, seinem Glauben zu bekehren. Es besteht die Gefahr, dass unter dem Mantel einer evidenzbasierten Medizin, die sich ausschließlich auf die Ergebnisse kontrollierter Studien bezieht, diese apostolische Funktion im Selbstverständnis von Ärzten wieder bestärkt wird. Balint hat seine Warnung bezüglich der apostolischen Funktion des Arztes noch durch das Bild der »Droge Arzt« bzw. des »Arztes als Arznei« ergänzt. Seine Ehefrau – die Psychoanalytikerin Enid Balint (1969) – hat den Begriff der patientenzentrierten Medizin geprägt und sich um deren Integration in ein ansonsten krankheitszentriertes Vorgehen bemüht.

Psychoonkologen stellt sich die Frage, wie sie den Patienten dabei unterstützen können, Menschen zu finden, die die für ihn notwendigen Rollen ausfüllen, und welche der geforderten Rollen sie selbst einnehmen können. Das hängt selbstverständlich auch vom Quellenberuf der psychoonkologisch Tätigen ab. Eine Rolle, die sich für uns Autoren bewährt hat, ist die eines Reisebegleiters (Ebell 2008b).

Die gemeinsame Reise führt in ein unbekanntes Gebiet, in die einzigartige individuelle Wirklichkeit des Patienten. Auch wenn der Verlauf der Reise offen ist, gibt es Gründe, zuversichtlich zu sein. Bei der Reiseplanung und den notwendigen Entscheidungen wirken der Patient und sein Begleiter zusammen. Sind Berge zu erklimmen, weiß der Bergführer über die Wege Bescheid, die zum Gipfel führen. Er weiß um Möglichkeiten, schwierige Stellen zu passieren. Der Patient bestimmt, welche Ziele er erreichen und welche Gipfel er besteigen will. Dazu werden gemeinsam realistische Etappen- und Tagesziele formuliert. Oft ist der Weg allerdings im Vorhinein nicht klar. Von östlicher Weisheit inspirierte Reisebegleiter vertrauen darauf, dass sich im Laufe des Weges immer wieder neue Ausblicke und Perspektiven ergeben und der Weg beim Gehen entsteht.

Neben der Rolle des Reisebegleiters ist es oft Aufgabe des psychoonkologisch Tätigen, die Kommunikation der relevanten Beteiligten zu unterstützen und Dialoge zu ermöglichen. Oft geht es um eine ergänzende Sicht auf die Dinge, um neue Perspektiven, um einen neuen Blick, um wohlwollende Augen, um Zeugenschaft und Verständnis für das, was dem Patienten widerfährt. Oft ist gefragt, bei der Fokussierung der Spezialisten auf ihre jeweiligen Bäume, den Wald nicht aus den Augen zu verlieren. Oft geht es um einen gemeinsamen Blick, der über eine Momentaufnahme hinausgeht, und um ein daraus entwickeltes Feedback an den Patienten, einen Blick, der auch die Vergangenheit und Zukunft mit einbezieht: in der Rückschau die Erinnerung daran, was der Patient schon geschafft hat und welche Entwicklungen schon möglich waren. In der gemeinsamen Betrachtung, wo er im Moment steht, und dessen, wo die Reise insgesamt hingeht und welche nächsten Schritte in diese Richtung führen. Dabei gilt der Fokus immer dem, was dem Patienten selbst wichtig ist und bedeutungsvoll erscheint. Sich daran immer wieder zu erinnern, ist von zentraler Bedeutung, gerade, wenn die Zeit knapp ist oder knapp werden könnte.

Nicht zuletzt werden die Rollen und Handlungsspielräume der Behandler maßgeblich durch das Gesundheitssystem bestimmt, in dessen Rahmen sie arbeiten und das zunehmend von ökonomischen Gesichtspunkten geprägt wird. Kritische Stimmen sehen viele Entwicklungen in der Onkologie auch im Zusammenhang der negativen Einflüsse durch eine »Krebsindustrie« im Kontext einer umfassenderen »Gesundheitsindustrie« (Lauterbach 2015).

4Therapeutisch wirksame Kommunikation

In der Onkologie nimmt die Kommunikation zwischen allen Beteiligten einen zentralen Stellenwert ein. »Man kann nicht nicht kommunizieren« – lautet das erste Axiom Paul Watzlawicks (Watzlawick, Beavin u. Jackson 1967/2017), und es ist zu bedenken, dass der Empfänger letztendlich darüber bestimmt, welche Botschaft bei ihm ankommt, und nicht der Absender. Man sollte aber darauf achten, jede Kommunikation, jede auch noch so kleine Begegnung im klinischen Alltag, möglichst auf eine Weise zu gestalten, dass sie therapeutisch wirksam werden kann. Das ist unser Ziel und unsere Arbeitshypothese.

Therapeutische Kommunikation – wie wir sie verstehen – soll patientenzentriert sein, das heißt sich an die Person des Patienten richten und sich an seiner Erfahrungswelt, seinem individuellen Leiden, an seinem Wohl und seinen Bedürfnissen orientieren. Die dafür notwendige Perspektive fokussiert die Aufmerksamkeit auf das subjektive Erleben und das persönliche Kranksein des Patienten. Dies ist eine notwendige Ergänzung der behandlerzentrierten und insbesondere arztzentrierten Perspektive, bei der – krankheitszentriert – Symptome des Patienten und deren Erklärung im Rahmen der Krebskrankheit, deren Diagnose und Behandlung im Zentrum der Bemühungen der Behandler und ihrer Aufmerksamkeit stehen.

Eine therapeutisch wirksame Kommunikation muss eingebettet sein in eine intersubjektive Beziehung zweier Menschen mit ihren Rollen als Behandler bzw. Behandelter. Auf Therapeutenseite sind Mitgefühl und eine mitmenschlich gestaltete Professionalität auf Augenhöhe wesentlich für deren Gelingen. Die Metapher der Resonanz erscheint uns als geeignet, um sich der Komplexität dieser Kommunikation mit zwei grundverschiedenen Perspektiven auf dasselbe Thema anzunähern und um wesentliche Punkte zu beschreiben, die zu deren Gelingen beitragen können.

Therapeutisch wirksame Kommunikation zielt darauf ab, den Patienten in seiner Welt abzuholen und ihn zu begleiten. Sie wirkt verändernd, indem sie auf der Grundlage einer tragfähigen und entlastenden therapeutischen Beziehung auf unterschiedlichen Ebenen Zuversicht vermittelt und zu einem Perspektivenwechsel einlädt. Hypnose und Achtsamkeit sind gut geeignet, Erfahrungen zu vermitteln, in denen die Welt mit neuen Augen betrachtet und Dinge erlebt werden, die das Leben auch unter schwierigsten Bedingungen nicht nur aushaltbar, sondern darüber hinaus sinnvoll und lebenswert machen.

Um all diesen Zielen zu dienen, wirken hypnosystemische Verständnismodelle und Vorgehensweisen mit Elementen der Achtsamkeit – einander ergänzend – auf optimale Weise zusammen. In den folgenden Abschnitten werden wir die zentralen vier Elemente der therapeutisch wirksamen Kommunikation skizzieren und sie später auch in ihrer konkreten Umsetzung immer genauer beschreiben.

4.1Therapeutisch wirksame Kommunikation ist patientenzentriert

In der S3-Leitlinie »Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von erwachsenen Krebspatienten« einigten sich Experten darüber, die anzustrebende Form von Kommunikation als patientenzentrierte Kommunikation zu beschreiben (AWMF et al. 2014, S. 82):

»Patientenzentrierte Kommunikation bezeichnet ein kommunikatives Verhalten, das den Patienten in seiner aktuellen körperlichen und emotionalen Verfassung wahrnimmt, seine persönlichen Werte, Bedürfnisse und Präferenzen berücksichtigt und seine Selbstkompetenz, Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit fördert. [...]

Kommunikation mit Krebspatienten und ihren Angehörigen soll durch alle in der Onkologie tätigen Berufsgruppen patientenzentriert erfolgen. Sie soll sich an deren individuellen Anliegen, Bedürfnissen und Präferenzen hinsichtlich Information, Aufklärung und Beteiligung an Entscheidungen orientieren. Diese sollen wiederholt im Krankheitsverlauf, insbesondere in kritischen Krankheitsphasen (Diagnose, Rezidiv/ Progredienz), erfragt werden.«

Zur Abstimmung der Ziele und Aufgaben patientenzentrierter Kommunikation auf die besonderen Erfordernisse von Menschen mit Krebserkrankungen differenziert die Leitlinie sechs Funktionen der Kommunikation (ebd., nach Epstein a. Street 2007):

–»Fördern einer hilfreichen, ›heilsamen‹ Beziehung

–Austausch von Informationen

–Umgehen mit Emotionen

–gemeinsame Entscheidungsfindung zum weiteren Vorgehen

–Toleranz für Ungewissheit fördern

–Unterstützen von Selbstbestimmung, Kontrolle und Handlungsfähigkeit«

Diese sechs Funktionen patientenzentrierter Kommunikation bedingen einander zum Teil wechselseitig. Um wirksam zu werden, müssen sie ineinandergreifen. Man stelle sich die Situation einer Frau mit Brustkrebs vor, der empfohlen wird, nach der ersten Behandlung 5 Jahre lang einen Östrogenrezeptormodulator einzunehmen. Um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass sie dieser Empfehlung folgt, müssen mehrere Faktoren zusammenspielen:

Die Patientin sollte dem klinischen Team vertrauen, Informationen über Wirkungen und Nebenwirkungen erhalten haben, Wege kennen, mit ihren Zweifeln und Ängsten umzugehen, und die Unsicherheitsfaktoren verstehen, die jeder Behandlungsempfehlung innewohnen. Sie sollte auf die von ihr bevorzugte Weise in diese Therapieentscheidung einbezogen worden sein, und sie sollte sich jeden Tag daran erinnern, das Medikament auch wirklich zu nehmen.

Die Beziehungen zwischen diesen Funktionen sind komplex und wechselseitig:

•So wird die Patientin ihren Ärzten mehr vertrauen, wenn diese ihr die notwendigen Informationen auf eine passende Weise vermitteln. Das Vertrauen wird wiederum ihre Ängste mindern.

•Im Gegensatz dazu wird eine während des Informationsgesprächs sehr ängstliche Patientin Schwierigkeiten haben, Informationen aufzunehmen. Das wiederum wird sich voraussichtlich negativ auf das Vertrauen in die Behandlung und das Behandlungsteam auswirken.

In einer patientenzentrierten Kommunikation gelingt die Dreiecksbeziehung zwischen »Behandler«, Patient und Krankheit, indem sich die Beteiligten dem gemeinsamen Thema von Krankheit und dem mit ihr verbundenen Leiden zuwenden. Über das Teilen von Aufmerksamkeitsfokus, Absicht und Zielen entsteht Resonanz und damit Verbundenheit; es konstituiert sich ein Resonanzdreieck (S. 106). Im Gegensatz dazu führen nicht gelingende Kommunikation und fehlende Resonanz zur Entfremdung, einem Phänomen, das als »Entfremdungsdreieck« benannt wurde (Rosa 2016).

Im Beziehungsdreieck zwischen Behandler (z. B. Arzt), Patient und Krankheit finden sich oft auch destruktive Dynamiken, die als Opfer-Täter-Retter-Dreieck (Petzold 2021) beschrieben, erkannt und überwunden werden können. Wenn sich Patienten als Opfer ihrer Krankheit fühlen, werden Behandler zu Rettern. Werden zur Rettung sehr eingreifende und nebenwirkungsreiche Therapien notwendig oder bleiben die angekündigten oder erhofften Erfolge aus, werden die Retter als Täter und Therapien als Verfolgung erlebt. Um sich aus der Opferrolle zu befreien, beschuldigen Patienten nicht selten ihre Ärzte oder die Medizin. Indem Patienten zu Anklägern werden, geraten die ursprünglichen Retter in die Opferrolle. Diese Dynamik neigt dazu zu eskalieren, insbesondere wenn die Behandler dann ihrerseits zu beschuldigen beginnen oder zu immer nebenwirkungsreicheren Therapien greifen, um aus der Opferrolle heraus und wieder in die Rolle des Retters zu gelangen.

Ein Ausstieg aus den in diesem Dreieck wechselnden Rollen wird durch eine patientenzentrierte Kommunikation mit ihren oben aufgeführten Funktionen möglich – indem wieder die Bedürfnisse und Werte des Patienten in den Vordergrund gerückt werden. Indem er in seiner Autonomie, aber auch mit seinen Emotionen und in seiner Verletzlichkeit gesehen und respektiert wird und erstrebenswerte Ziele Vorrang gegenüber einer Rettung bekommen, die um jeden Preis erfolgen soll.

4.2Therapeutisch wirksame Kommunikation ist bedürfnisorientiert

Den Leitlinien, aber auch einer ärztlich-therapeutischen Grundhaltung entsprechend, sollte es selbstverständlich sein, sich an den Bedürfnissen des einzelnen Patienten zu orientieren. Menschen mit einer Krebserkrankung machen aber leider sehr häufig andere Erfahrungen. In unserem Modell empfehlen wir als eine der Brillen, mit denen wir Patienten betrachten, eine Bedürfnisbrille. Patientenzentriertheit ist garantiert, wenn es gelingt, die individuellen, aktuellen, mittelfristigen und langfristigen Bedürfnisse der Patienten, ihr Gesund- und Kranksein, im Auge zu behalten. Die Bedürfnisbrille ermöglicht auch einen einfühlsamen, verständnisvollen und konstruktiven Umgang mit Gefühlen. Diese können als Signale betrachtet werden, die auf Bedürfnisse hinweisen.

Da sich die Bedürfnisse im Verlauf einer Erkrankung verändern, werden wir bei den einzelnen Wegstrecken im Verlauf der Erkrankung immer wieder auch auf phasenspezifische Bedürfnisse eingehen und sie mit den auftretenden Gefühlen in Beziehung setzen.

Wir werden ein Modell der vier emotionalen Grundbedürfnisse vorstellen: Bindung und Verbundenheit, Autonomie, Kompetenz und Orientierung (Abschn. 5.3.1, S. 61 f.) Sie dienen als Raster zur Suche nach Unerfülltem sowohl bei Patienten als auch ihren Behandlern. Zugleich regt die Bedürfnisbrille zum Perspektivenwechsel an, zur Umfokussierung von Problemen und Symptomen auf Wünschenswertes und Ressourcen. Gemeinsam kann immer wieder nach Möglichkeiten gesucht werden, auf eine Balance der Bedürfnisse zu achten und die Spielräume zu deren Erfüllung zu bemerken und auszuschöpfen.

Die Bedürfnisorientierung bezieht sich auch und insbesondere auf die Art und Weise, wie Betroffene über ihre Krankheit informiert und in Entscheidungsprozesse einbezogen werden wollen. Diese Umsetzung wird anhand des SPIKES- und NURSE-Modells diskutiert (Abschn. 5.5.1). Die Bedürfnisorientierung bezieht sich nicht nur auf die angestrebten Ziele der Behandlung, sondern auch auf deren Prozessqualität. Sie bezieht sich schlussendlich darauf, auch das Lebensende – so weit wie möglich – den Bedürfnissen der Patienten und ihrer Angehörigen entsprechend zu gestalten (Abschn. 10.2, S. 334). In unserem Stufen- oder Pyramidenmodell bezeichnen wir das als die gemeinsame Erarbeitung und Einigung auf einen objektiv angemessenen und subjektiv möglichst befriedigenden Gesamtbehandlungsplan und dessen gemeinsame Modifikation je nach Krankheitsverlauf (Abb. 2, S. 53).

4.3Therapeutisch wirksame Kommunikation ist beziehungsorientiert – Resonanz

Kommunikation und Beziehung bedingen einander. Die Art und Weise der Kommunikation gestaltet die Beziehung; zugleich wird die Art der Kommunikation durch das Beziehungsangebot und die Haltung der Beteiligten beeinflusst. Eine evidenzbasierte Medizin fokussiert auf möglichst wissenschaftlich fundierten, nachgewiesenermaßen wirksamen Interventionen bei definierten Krankheiten und »Störungen«. Dabei bleiben Arzt und Patient als Personen und ihre Beziehung im bereits erwähnten Dreieck zwischen Arzt, Patient und dessen Krankheit (Kap. 3) zumindest konzeptuell unberücksichtigt. In unserem Plädoyer für eine resonanzbasierte Medizin wählen wir die aus Physik und Musik stammende Metapher der Resonanz für eine beziehungsorientierte Medizin: Ein Klangkörper schwingt in seiner Eigenfrequenz und bringt einen anderen zum Mitschwingen. Dessen Schwingung wirkt wieder auf den ursprünglichen Klangkörper zurück. Es entsteht Resonanz (Abb. 1).

Abb. 1: Spontane Skizze zu interpersonaler Resonanz (MEH 1995) mit »inneren Harfen«, deren Saiten in Resonanz miteinander schwingen

Das Bild des Klangkörpers macht deutlich, dass ein resonanzbasiertes Vorgehen auch einer körperlichen und emotionalen Resonanzbereitschaft und Schwingungsfähigkeit des Behandlers bedarf, einer bewussten, verkörperten Präsenz und der Bereitschaft, sich für eine begrenzte Zeit auf professionelle Weise als ganze Person zum Wohl des Patienten zur Verfügung zu stellen. Es bedarf darüber hinaus auch der Fähigkeit der Behandler, sich selbst immer wieder zu zentrieren und auf die persönliche Eigenschwingung einzustimmen. Diese eigene Erdung, Zentrierung und Einstimmung auf sich selbst ist Ausgangspunkt und Endpunkt des Zyklus, der als Trias von Präsenz, Einstimmung auf den Patienten und Resonanz beschrieben wurde (Siegel 2012; siehe S. 105 u. 174). Im Bereich der Achtsamkeit finden sich einfache Übungen, diese Fähigkeiten zur Präsenz zu kultivieren.

Präsenz ist charakterisiert durch eine Haltung grundsätzlichen Wohlwollens dem Patienten gegenüber und dem Wunsch, dessen Leiden so weit wie möglich zu lindern. In diesem Sinne beschreiben wir sie als mitfühlende Präsenz. Indem die Behandler ihre Patienten als Mitmenschen betrachten, begegnen sie ihnen auf Augenhöhe. Indem sie sich ihrer eigenen Endlichkeit bewusst sind, ist ihnen auch klar, dass sie letzten Endes »im gleichen Boot« sitzen. Zugleich sind sie sich der Rolle gewahr, aus der heraus sie die Begegnung mit ihren Patienten gestalten. Der Begriff einer mitmenschlichen und mitfühlenden Professionalität beinhaltet dieses Rollenbewusstsein. Auch dazu zeigt die Achtsamkeitspraxis Wege auf, indem sie einen »Metaarzt« (S. 182) kultiviert. Der Metaarzt achtet darauf, diese Intentionen und die mit ihnen verknüpften höchst anspruchsvollen Übungsfelder nicht aus den Augen zu verlieren. Dazu trägt auch eine Bewusstheit über jene Anteile seiner Gegenübertragung bei, die zwar in der Resonanz mit dem Patienten auftauchen, aber ihre Ursprünge in der eigenen Lebensgeschichte haben (S. 354 f.).

Gerade angesichts der existenziellen Bedrohung im Rahmen onkologischer Erkrankungen erscheint uns neben der Unterstützung der Patienten beim Kampf gegen die Krankheit und für all das, was das Leben lebenswert macht, die Rolle eines »Begleiters ein Stück des Weges« (Ebell 2008b) von entscheidender Bedeutung. Dessen Gegenwart führt Patienten aus Isolation und Entfremdung. Sie ermöglicht ihnen, aus Kampf- und-Flucht-Zuständen mit verständlichen Vermeidungszielen in Zustände größtmöglicher Sicherheit und Gelassenheit umzuschalten. Nur dann können realistische Hoffnungen auftauchen und angemessene Annäherungsziele angestrebt und erreicht werden. Denn nicht erst, wenn alles der Medizin Mögliche getan und alles Wichtige gesagt ist, wird die mitmenschliche Präsenz des begleitenden Arztes oder Therapeuten zu einer bedeutsamen Ressource für Gesundung und Heilung (Rousseau 2010; vgl. S. 171 ff.).

4.4Therapeutisch wirksame Kommunikation fördert den Perspektivenwechsel von Vermeidungszielen zu Annäherungszielen

Zentraler Bestandteil therapeutisch wirksamer Kommunikation ist ein Perspektivenwechsel. Wir verstehen darunter die Umorientierung des Patienten von Vermeidungszielen hin zu Annäherungszielen, eine Lenkung seiner Aufmerksamkeit von dem, was er nicht will, zu dem, was er anstrebt und ihm guttut. Die konkrete Umsetzung dieses Perspektivenwechsels durchzieht alle Anwendungen des Pyramidenmodells, er wird auf dessen zweiter Stufe näher erläutert (Abschn. 5.6).

Zur Umorientierung des Patienten müssen auch die Behandler den Fokus ihrer Aufmerksamkeit entsprechend verändern. Dazu bedarf es entsprechender handlungsleitender Konzepte. Die vier für uns dabei hilfreichsten Modelle sind:

•die mit der Salutogenese verknüpfte Vorstellung eines Gesundheits-Krankheits-Kontinuums

•das »beidäugige Sehen«, das neben den Problemen auch Ressourcen in den Fokus nimmt

•Resilienz

•das Konzept des Aufblühens und des posttraumatischen Wachstums.

Perspektive der Salutogenese: Gesundheits-Krankheits-Kontinuum und Kohärenzsinn

Krebserkrankungen stellen eine dichotome Kategorisierung in gesund oder krank radikal infrage. Das Erleben der Betroffenen schwankt zwischen gesund und krank, und oft fühlen sie sich gleichzeitig irgendwie krank und gesund. Oder das subjektive Gefühl, gesund bzw. krank zu sein, und die »objektiven« Befunde der Krankheit klaffen in die eine oder andere Richtung weit auseinander.

Diesem Erleben kommt am ehesten die Beschreibung eines Gesundheits-Krankheits-Kontinuums nahe (Antonovsky 1997). Gemäß diesem Modell bewegen wir uns zeitlebens zwischen den Extrempolen gesund und krank hin und her. Die Medizin versucht, Patienten vom Krankheitspol zu entfernen, indem sie die Krankheit und ihre Symptome bekämpft. Dies kann aber ebenso geschehen, wenn sich Patienten auf ihr Gesundsein konzentrieren. Der in unserem Modell angestrebte Perspektivenwechsel sucht nach allem, was dazu beitragen kann, sich dem Gesundheitspol anzunähern – und seien es »nur einige Millimeter«.

Als zentralen gesundheitsförderlichen Faktor fand Antonovsky (1997) eine überdauernde innere Haltung, die er als Kohärenzsinn (»sense of coherence«) bezeichnete, der sich aus drei Komponenten zusammensetzt: Verstehbarkeit (»comprehensibility«), Handhabbarkeit (»manageability«), und Sinnhaftigkeit (»meaningfulness«) – aus dem Gefühl zu verstehen, was vorgeht, dem Gefühl, die sich stellenden Herausforderungen handhaben zu können, und dem basalen Gefühl, dass sich ein Engagement lohnt und sinnvoll ist. In diesem Bereich gibt es Überschneidungen mit den Bedürfnissen von Kompetenz und Orientierung (S. 61 f.).

Beidäugiges Sehen: Ressourcen und Probleme in den Blick nehmen

»Gesundheitsziele« erfüllen subjektiv bedeutsame Bedürfnisse. Um sich ihnen anzunähern, gilt es, zieldienliche Ressourcen zu finden, zu aktivieren oder zu schaffen. Wir beschreiben den sich an Ressourcen orientierenden Perspektivenwechsel als beidäugiges diagnostisch-therapeutisches Sehen (Fürstenau 2002; siehe S. 68 f.). Dieses ermöglicht es auf flexible Weise, mit dem einen Auge die Probleme und gleichzeitig mit dem anderen Auge die Bewältigungsmöglichkeiten und Ressourcen zu sehen. Zwinkernd kann man das eine oder das andere Auge verschließen, um sich jeweils dem Blick mit dem anderen zu widmen. Man kann pendelnd zwischen beiden Perspektiven wechseln. Der gleichzeitige Blick mit beiden Augen aus unterschiedlichen Positionen macht Stereosehen und damit räumliches Wahrnehmen möglich. In einer biopsychosoziospirituellen Praxis können Probleme, vor allem aber auch Ressourcen, auf vier Ebenen gesucht und gefunden werden: der körperlichen, der psychischen, der sozialen (und kulturellen) sowie der spirituell-religiösen Ebene (Abschn. 5.4).

Resilienz

Zur Bewältigung unvermeidlicher Leidenszustände kann man die Resilienz stärken, spätestens, wenn man mit der Bekämpfung von Krankheit und Symptomen an seine Grenzen stößt. Insofern zielt die Psychoonkologie auch immer auf eine Stärkung von Widerstands- und Abwehrkräften, auf ein »Gedeihen trotz widriger Umstände« (Welter-Enderlin u. Hildenbrand 2016).

Aus einer bindungsorientierten neurowissenschaftlichen Sicht (»affiliative neuroscience«) beruht Resilienz auf drei Prinzipien (Feldman 2020): Der Plastizität (»plasticity«) im Sinne der Regulations- und Anpassungsfähigkeit, der Einbettung von Menschen in soziale Systeme (»sociality«) und der spezifisch menschlichen Fähigkeit zur Bedeutungsgebung (»meaning«), also der Fähigkeit, auch Widrigkeiten, Leiden und traumatischen Erfahrungen Sinn zu geben. Hierbei kommen Spiritualität und Religion eine bedeutende Rolle zu. Auf der neurobiologischen Ebene werden drei resilienzfördernde Komponenten beschrieben: die Synchronisierung biologischer und verhaltensbezogener Rhythmen (»biobehavioral synchrony«), das Oxytocinsystem und das »soziale Gehirn« (»affiliative brain«).

Synchronisierungsprozesse stehen im Mittelpunkt eines resonanzbasierten Vorgehens. Entspannung in einer Sicherheit gebenden therapeutischen Beziehung ist ein weiterer Eckpfeiler. Dabei werden über eine Aktivierung des Parasympathikus (Abschn. 7.3.1) und die Ausschüttung von Oxytocin Erholung und Heilungsprozesse möglich (Abschn. 8.4.3, S. 293). Von den vielen als resilienzfördernd erkannten Einflüssen stellen wir die Beziehungsfaktoren in den Vordergrund: Menschen, die verlässlich und wertschätzend für einen da sind, die Ressourcen und Potenziale erkennen, an einen glauben und zuversichtlich in die Zukunft blicken.

Posttraumatisches Wachstum und »Aufblühen«

Neben der Bekämpfung von Krankheit und der Förderung von Gesund-sein trotz der Krankheit beschreibt die positive Psychologie noch ein Phänomen jenseits von Krankheit und Gesundheit, das sie als Aufblühen (»flourishing«) bezeichnet. Es erscheint paradox, dass sich durch das Auftreten einer lebensbedrohlichen Krankheit neben allen Einschränkungen auch Freiheitsspielräume und Möglichkeiten eröffnen, die vor der Erkrankung undenkbar gewesen wären. Die Erinnerung an die Endlichkeit des Lebens setzt oft Kräfte frei, Dinge zu beenden oder neu zu beginnen. Seitens der Betroffenen kann sich entfalten und aufblühen, was bis dahin zurückstehen oder im Verborgenen bleiben musste.

Den Blick von den Verlusten hin zu den durch die Krankheit möglichen positiven Aspekten, ja Gewinnen, zu lenken, ist die vierte Form des Perspektivenwechsels, den wir anregen. Das Konzept eines posttraumatischen Wachstums weist in diese Richtung (Abschn. 9.3.4). Betätigungen, die zum Aufblühen führen, sind häufig dadurch charakterisiert, dass sie in einem gewissen Maße zur Erfüllung aller vier Grundbedürfnisse (Abschn. 5.3.1) beitragen und als sinnvoll erlebt werden.

Ein Aufblühen kann durch eine Erweiterung der Aufmerksamkeit und den damit verbundenen Aufbau von Ressourcen erklärt werden. Durch positive Emotionen angetrieben, kommen Prozesse in Gang, die sich als eine spiralförmige Aufwärtsbewegung beschreiben lassen. In Zuständen positiver Gefühlslagen erweitern sich die Aufmerksamkeit und die Wahrnehmung. Diese Öffnung ermöglicht es, wohltuende Aspekte der Realität, Ressourcen und neue Handlungsspielräume wahrzunehmen oder zu entwickeln, die ansonsten nicht zugänglich sind. Die Integration dieser Ressourcen führt wiederum zu positiven Emotionen und einer zunehmenden Weitung der Aufmerksamkeit. Selbstverstärkende Rückkopplungsmechanismen werden erneut zum Motor der Aufwärtsbewegung (Fredrickson 2004).

Sicherheit als Voraussetzung für einen Perspektivenwechsel in diesen vier Dimensionen

Ein Perspektivenwechsel wird möglich, wenn es gelingt, jene Sicherheit zu gewinnen, die zum Ausstieg aus dem über die Stressachse aktivierten psychophysiologischen Kampf-Flucht-Modus notwendig ist. Eine resonante, Sicherheit vermittelnde therapeutische Beziehung kann dazu beitragen. Die Bindungsforschung hat gezeigt, dass eine Aktivierung des Social-Engagement-Systems (Porges 2019; siehe S. 172) Explorationsverhalten und damit eine Umschaltung von Vermeidungs- zu Annäherungsprogrammen ermöglicht. Rituale der Suche nach Annäherungszielen erlauben in unserem Pyramidenmodell eine sehr konkrete, individuelle und der Situation angepasste Recherche und laden zu einem Perspektivenwechsel in den vier dargestellten Dimensionen ein.

5Begleitung auf der ersten Wegstrecke: Diagnostik, Aufklärung und Therapieplanung

Krebs entsteht nicht von einem Tag auf den anderen. Bei den häufigsten Tumorarten dauert es Jahre, bis sie sich klinisch manifestieren. Die für die Entscheidung über Therapiemaßnahmen erforderliche Diagnostik nimmt oft mehr Zeit in Anspruch, als es den Betroffenen lieb ist. Abklärung und Aufklärung sind als Prozess zu sehen, der Zeit braucht, um verstehen und verarbeiten zu können, was es bedeutet, an einer bestimmten Art von »Krebs« zu erkranken, und was auf einen zukommt.

Die ersten Kontakte mit dem Medizinsystem und die Anfänge der Geschichte der Krankheit sowie des kranken Menschen und seiner Behandler sind von besonderer Bedeutung, weil in dieser Zeit wesentliche Weichenstellungen erfolgen. Wenn man zum Patienten wird, wird einem schnell klar, welche Erwartungen, aber auch welche Rechte mit dieser Rolle verbunden sind. Etwa wie viel Information und Mitbestimmungsrecht einem zusteht oder ob relevante Angehörige von Anfang an einbezogen werden. Oft müssen Patienten erst herausfinden, wer ihnen als Ansprechpartner zur Verfügung steht und wer wofür zuständig ist. Wenn in dieser ersten, prägenden Krankheitsphase gravierende Enttäuschungen, Fehler und Missverständnisse vorkommen, kann sich das auf alle weiteren Stationen des Krankheitsverlaufs ungünstig auswirken. Es ist wie beim Zuknüpfen einer Jacke: Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht zu Rande. Auf der anderen Seite ist es von unschätzbarem Wert, wenn Patienten gerade in Zeiten größter Verunsicherung erleben, dass es nicht ausschließlich um die Krankheit, sondern auch um sie als Menschen geht, dass ihre Bedürfnisse und Wünsche berücksichtigt werden, dass sie gehört und verstanden werden, dass sie den Behandlern vertrauen und sich bei ihnen gut aufgehoben fühlen können.

5.1Das Pyramidenmodell therapeutisch wirksamer Kommunikation im Überblick

Die Nutzung und praktische Umsetzung unseres Pyramidenmodells therapeutisch wirksamer Kommunikation (Abb. 2) beginnt in der Zeit der Abklärung, Aufklärung und Therapieplanung und zieht sich durch alle weiteren Krankheitsphasen. Jede Interaktion in der Onkologie – jede noch so kurze Begegnung – beinhaltet ein großes therapeutisches Potenzial. Somit kann das Modell in den Bereichen aller an der onkologischen Diagnostik und Behandlung beteiligten Berufsgruppen genutzt werden. Einige der Prinzipien können sich auch im Kontakt mit Angehörigen oder im Umgang der Behandler mit sich selbst positiv auswirken.

Abb. 2: Pyramidenmodell mit den Stufen einer therapeutisch wirksamen Kommunikation – Übersicht

Das leidvolle subjektive Erleben des einzelnen Patienten bildet den Ausgangspunkt und den Gradmesser aller diagnostischen und therapeutischen Bemühungen. In unserem Modell bildet das allumfassende individuelle Sein des einzelnen Patienten den grundlegenden Boden, auf dem die Pyramide steht. Das Leiden im Rahmen des Krankseins umfasst nur einen bestimmten Ausschnitt dieses Bodens, in dem ihr Fundament verankert ist: die Leidenserfahrungen, die aus Anlass der onkologischen und psychoonkologischen Zusammenarbeit thematisiert und verhandelt werden.

Als didaktisches Modell zur Veranschaulichung der wesentlichen Aspekte therapeutisch wirksamer Kommunikation dient eine fünfstufige Pyramide, die auf dem gerade beschriebenen Fundament steht. Die beiden unteren Stufen integrieren die schon dargestellten Prinzipien therapeutischer Kommunikation von Patientenzentriertheit, der Beziehungs- und Bedürfnisorientierung und des Perspektivenwechsels (Kap. 4) mit den hypnosystemischen Prinzipien Pacing und Leading sowie der Suggestion. Die dritte Stufe betont den Dialog zwischen Arzt und Patient als Voraussetzung zum Aushandeln und Einigen auf einen Gesamtbehandlungsplan, der den Regeln der ärztlichen Kunst ebenso entspricht wie den Bedürfnissen des Patienten.

Hypnose und Selbsthypnose werden in diesem Kontext als eine besonders intensive Form der therapeutischen Kommunikation mit speziellen Techniken und Ritualen verstanden, die das Behandlungskonzept ergänzen. Beide bilden die Spitze der Pyramide. Die Selbsthypnose als Eigenaktivität des Patienten ist damit gleichsam das Tüpfelchen auf dem i.

Integriert eine therapeutisch wirksame Kommunikation darüber hinaus noch Prinzipien der Achtsamkeit, eröffnen sich zusätzliche Möglichkeiten, auf heilsame Weise zu kommunizieren. Die vielfältigen Aspekte des Pyramidenmodells therapeutisch wirksamer Kommunikation durchziehen das ganze Buch (vgl. Abb. 8, S. 102).

5.2Individuelle Leidenserfahrungen als Ausgangspunkt und Basis der Kooperation

Üblicherweise erklärt sich die Medizin (nur) für all das zuständig, was als krank definiert wird. Im psychischen Bereich wären das Leidenszustände, denen sich psychiatrische Diagnosen zuordnen lassen. In Ergänzung zu dieser oft als Stigmatisierung erlebten Betrachtungsweise wollen wir die Aufmerksamkeit auf das subjektive Erleben der Betroffenen lenken. Jenseits aller pathologiezentrierten Diagnosesysteme und dichotomisierenden Kategorisierungen wie pathologisch oder normal, wie krank oder gesund, wollen wir möglichst alltagssprachlich beschreiben, was Patienten erfahren, oft ohne es in Worte fassen zu können. Dies betrifft insbesondere die existenzielle Dimension im Erleben einer Krebserkrankung, die meist ausgeblendet wird, auch wenn sie im Hintergrund mitschwingt. Worte für das Erleben zu finden und es dadurch fassbarer zu machen und mit anderen Menschen teilen zu können, wirkt allein oft schon entlastend.

5.2.1Milton H. Erickson: Ein »verwundeter Heiler«

Das Menschenbild der Ericksonschen Hypnotherapie ist geformt durch den außergewöhnlichen und selbstwirksamen Umgang ihres Begründers Milton H. Erickson (1901–1980) mit seinen eigenen Krankheiten und Handicaps. Eine Episode prägte sein Leben und charakterisiert ihn und seine Besonderheit:

Als 17-Jähriger drohte eine Infektion mit dem Poliovirus (Kinderlähmung) auch Miltons Atemmuskulatur zu lähmen, was einem Todesurteil gleichkam. Bewegungsunfähig lag er in seinem Bett auf einer Farm im Mittleren Westen der USA. Er hörte mit, wie seinen Eltern vom Arzt eröffnet wurde, dass er wohl den Sonnenaufgang am nächsten Morgen nicht erleben werde – ihm sei nicht mehr zu helfen. Mit letzter Kraft bat er seine Eltern, sein Bett so zu positionieren, dass er beim Fenster hinaus nach Osten schauen konnte. Da es nicht möglich war, das Bett so weit zu drehen, richteten sie eine Kommode mit einem Spiegel so aus, dass sich darin das Fenster spiegelte, durch das er nach Osten schauen konnte. Das war dann der Fokus, den Milton die ganze Nacht hindurch bis zum Morgen im Auge hatte. Seinen Blick richtete er kontinuierlich in die gewünschte Zukunft mit dem Ziel, den Sonnenaufgang zu erleben (Klein 2010). Entgegen allen Erwartungen erlebte er den Morgen und fiel dann in einen langen, komatösen Schlaf.

Als er wieder erwachte, war er bis zum Hals gelähmt. In der folgenden Zeit setzte seine Familie ihn tagsüber in den Schaukelstuhl, in dem er stundenlang völlig bewegungslos saß. Der mit allen Fasern seines Körpers gespürte Wunsch, wenigstens aus dem Fenster schauen zu können, soll dazu geführt haben, dass sein Schaukelstuhl sich minimal bewegte. Milton Erickson begann daraufhin systematisch, mit der Erinnerung an das Spüren früherer Bewegungen mental zu arbeiten. So fokussierte er beispielsweise über Stunden seine ganze Aufmerksamkeit auf seine Hand und bemühte sich mit aller Kraft, sich so intensiv wie möglich an konkrete Empfindungen und Bewegungen zu erinnern. Beispielsweise daran, wie es ist, eine Heugabel in den Händen zu halten. Anfangs stellten sich minimale, völlig unkoordinierte, ruckartige Bewegungen ein. Mit der Zeit begannen sich seine Finger koordinierter zu bewegen, und die Kraft nahm zu.

Legendär ist die Kanutour, die er im folgenden Sommer allein auf einem Fluss mit vielen Staustufen unternahm. Zunächst war er auf Hilfe angewiesen, weil seine Beine weder sein eigenes Gewicht noch das Kanu tragen konnten. Er hatte sein Abenteuer mit Krücken begonnen, am Ende der Tour brauchte er sie nicht mehr. Er hatte wieder gelernt, ohne Unterstützung zu gehen.

Sein ganzes Leben lang übte und verfeinerte Milton Erickson seine Fähigkeit, Dinge zu nehmen, wie sie kommen, und das Beste daraus zu machen, auch bei weiteren großen gesundheitlichen und persönlichen Herausforderungen (vgl. Peter 1987). In seinen letzten Lebensjahren hielt er im Rollstuhl sitzend seine Lehrseminare trotz starker Schmerzen ab. Seine gesammelten Werke (in dt. Übersetzung: Rossi u. Erickson 2015) weisen ihn als einflussreichen Genius aus. Er hat nicht nur die zeitgenössischen Auffassungen von Hypnose geprägt, sondern trug auch zur Weiterentwicklung der Psychotherapie im Allgemeinen wesentlich bei. So gilt es beispielsweise heute in fast allen Schulen und Methoden als selbstverständlich, sich an Ressourcen zu orientieren und eine systemische Perspektive einzunehmen. Erzählungen über Erickson lassen Bilder vom Archetyp des »verwundeten Heilers« anklingen.

5.2.2Wege zur Diagnose

Wie Menschen auf die Diagnose einer Krebserkrankung reagieren, hängt von vielen Faktoren ab: welche Mythen sie über Krebs verinnerlicht haben, welche persönlichen Vorerfahrungen – insbesondere mit dem Schicksal von nahen Angehörigen – sie mit dem Thema verbinden und auch welcher Weg zur Diagnose geführt hat. In einem Extremfall fehlt ein vorbereitender Weg, nämlich dann, wenn es sich um eine Zufallsdiagnose handelt – wenn Menschen z. B. aus einem anderen Grund einen Arzt aufsuchen und bei ihnen dann völlig unerwartet eine Krebserkrankung diagnostiziert wird. In einem anderen Extremfall haben kranke Patienten eine lange Odyssee hinter sich, eine Reise durch das Medizinsystem, auf der die Suche nach einer Ursache von Symptomen lange erfolglos blieb. Diese Suche ist mit quälender Unsicherheit verbunden, nicht selten auch mit Enttäuschungen, Kränkungen oder der Angst, als Hypochonder dargestellt zu werden.

Im Fall eines Zufallsbefundes ist die Diagnose ausschließlich eine Katastrophe. Im anderen Fall oder nach Phasen langer Verunsicherung wird die Mitteilung ambivalent erlebt oder – bei allem Schlimmen – oft gar als Erleichterung empfunden, endlich zu wissen, was los ist. Es wird dadurch klarer, worauf man sich einzustellen hat und was die nächsten Schritte sind, mit denen man aktiv zur Bewältigung der Herausforderungen beitragen kann.

Der wohl häufigste Weg zur Diagnose beginnt bei der Entdeckung von Hinweisen auf eine Krebserkrankung, wie eines Knotens in der Brust oder eines wachsenden Muttermals. Die Zeit, die bis zum Aufsuchen eines Arztes verstreicht, hängt hauptsächlich vom subjektiven Krankheitskonzept des Betroffenen ab, also davon, wie er seine Symptome deutet, welche Krankheit er vermutet und was er mit ihr verbindet (S. 117 ff.). Beim Arztbesuch steht dann die Frage im Raum, ob es Krebs ist. Ob und wie diese Frage aufgegriffen wird, führt zu den ersten Weichenstellungen. Auf irgendeine Weise ist der Patient innerlich vorbereitet. Dort gilt es, ihn abzuholen.

Ein immer häufigerer Weg zur Diagnose führt über die sogenannte Krebsvorsorge, die aber in Wirklichkeit eine Maßnahme zur Früherkennung ist. Aufgrund dieser Fehleinschätzung darf es nicht verwundern, dass viele Menschen von einer Krebsdiagnose besonders überrascht werden, obwohl sie doch immer »brav« zur Krebsvorsorge gegangen sind. Wenn etwa bei einer Mammografie ein verdächtiger Befund erhoben und in dessen Folge Krebs diagnostiziert wird, ist das Erleben der Betroffenen auch wieder höchst ambivalent: einerseits der Schock, andererseits die Erleichterung, dass die Diagnose frühzeitig gestellt wurde, und die Erkrankung somit besser behandelbar ist, als wenn sie später erkannt worden wäre. Diese zweite Seite der Medaille wird häufig auch ärztlicherseits betont. Manchmal wird dabei übertrieben dargestellt, was für ein Glück es sei, die Diagnose jetzt schon gestellt zu haben. Das Leiden und die Einschränkungen, die Patienten durch die Therapie erfahren, können dabei ungehört und unverstanden bleiben.

Wie moderne Medizin gleichzeitig Fluch und Segen bedeuten kann, zeigt sich insbesondere in jenen Fällen, in denen einschneidende »therapeutische« Maßnahmen erfolgen, obwohl sich (noch) keine Krebserkrankung manifestiert hat. Auf diese Weise sind insbesondere jene Frauen betroffen, bei denen aufgrund des gehäuften Auftretens von Krebserkrankungen in der Familie genetische Untersuchungen auf ein erhöhtes Risiko hinweisen, in absehbarer Zeit an Krebs zu erkranken. Die Entscheidung von Frauen mit sehr hohem Erkrankungsrisiko, sich Brüste oder Eierstöcke entfernen zu lassen, um einer lebensbedrohlichen Krebserkrankung vorzubeugen, wird immer höchst zwiespältig bleiben.

In diesem Bereich offenbart sich auch die Problematik des medizinischen Krankheitsbegriffs, der sich durch die Zunahme der diagnostischen Möglichkeiten immer weiter ausdehnt. Die Berechtigung zur eingreifenden Behandlung speist sich aus einem – von einem genetischen Befund abgeleiteten – Konstrukt einer potenziellen Krankheit. Subjektiv fühlten sich diese Frauen bis zum Zeitpunkt der Mitteilung in der Regel gesund. Erst durch den Befund werden sie als (potenziell) krank definiert. Die therapeutischen Maßnahmen bringen Einschränkungen, und es fühlt sich eher so an, als würden die Betroffenen erst durch die Therapie krank (gemacht). Die Problematik, die sich durch das Auseinanderklaffen zwischen den immer subtileren diagnostischen Erkenntnissen der modernen Medizin und dem subjektivem Krankheitserleben ergibt, wird in diesem Beispiel besonders deutlich. Die Medizin behandelt Krankheitsbilder, aber nicht unbedingt das Leiden der Menschen und ihr unmittelbar erfahrenes Kranksein. In diesem Falle schafft sie Leiden, um ein potenzielles – als schlimmer eingeschätztes – Leiden zu verhindern.

5.2.3Sturz aus der normalen Wirklichkeit

In der im Alltag wirksamen und mit anderen Menschen geteilten »normalen« Wirklichkeitskonstruktion gilt stillschweigend die Übereinkunft, dass wir selbst morgen die gleichen sind wie heute und dass auch die Welt morgen noch die gleiche sein wird; dass wir – vielleicht etwas variierend je nach Alter – noch genügend Zeit haben werden, unsere Probleme zu lösen und unsere Wünsche zu erfüllen. Der Tod – oder genauer gesagt: der eigene Tod – hat in der normalen Wirklichkeit vieler Menschen keinen Platz. Diese sind sich der Tatsache in der Regel nicht bewusst, dass sie mit jedem Schritt, den sie tun, auf den eigenen Tod zugehen und er sie eines Tages unwiderruflich ereilen wird. Sie begegnen ihm ohne vorgegebene Handlungsanweisungen und letztlich allein. Im alltäglichen Lebensgefühl gibt man sich gerne der Illusion hin, sich selbst und die Welt einigermaßen im Griff zu haben. Man tut, was man immer tut.

Angesichts der Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit und dem eigenen Tod wird diese Illusion der »normalen Wirklichkeit« brüchig. Wenn eine Krebsdiagnose als mögliches Todesurteil empfunden wird, durchdringt die Realität des spürbar nahenden eigenen Todes den Schutzmantel dieser Wirklichkeitskonstruktion. Der bisher bewährten »Wirklichkeit«, die man mit anderen Menschen geteilt und gelebt hat, wird der Boden entzogen.

Oft schwindet die Todesbedrohung aus dem Bewusstsein, wenn Ärzte Hoffnung vermitteln, die Therapie anspricht oder man nach längerer rezidivfreier Zeit zuversichtlich ist, geheilt zu sein. In langen Nächten oder bei der Diagnose von Metastasen mit all den Assoziationen, die dadurch ausgelöst werden, wird die bisher erlebte Sicherheit, Geborgenheit und Planbarkeit des Lebens in vielen Fällen grundlegend erschüttert. »Der Sturz aus der normalen Wirklichkeit« (Gerdes 1984) bleibt als Erfahrung im Hintergrund, auch wenn Betroffene mit aller Kraft versuchen, die vertraute Wirklichkeit zu halten und möglichst viel Normalität wiederherzustellen.

Eine Krebsdiagnose wird oft als abrupter Schnitt oder Bruch in der Kontinuität des Lebens erfahren. Es fühlt sich so an, als ob nichts mehr so weitergehen könne wie bisher, nichts mehr im eigenen Leben normal ist (ebd., S. 22):

»Der Körper nicht, die Zukunftsaussichten nicht, das Zusammenleben oder Alleinsein nicht und auch die ungelösten Konflikte und das verborgene Unglück nicht. Auch die normale Vertröstung auf die Zukunft funktioniert nicht mehr – denn diese Zukunft wird es möglicherweise gar nicht mehr geben. Man ist plötzlich nicht mehr wie die anderen und steht deshalb allein vor dem eigenen Leben.«

Angesichts der schlagartig real gewordenen persönlichen Nähe des Todes werden wie unter einem Brennglas bislang verdeckte Konflikte und unerfüllte Sehnsüchte sichtbar. Oft wirkt die Krebsdiagnose auch wie der letzte Tropfen, der ein Fass zum Überlaufen bringt. Das Ungelöste und Unerfüllte wird deutlich und drängt in der vielleicht nur noch kurzen verbleibenden Zeit auf Lösung. Manches lässt sich klären und regeln. Oft sind konkrete Lösungen nicht möglich, etwa wenn wesentliche Träume im Leben unerfüllt geblieben sind und auch zukünftig bleiben müssen.

Das Aufwachen in der neuen Wirklichkeit kann zum Hinterfragen all dessen führen, was das bisherige Leben bestimmt hat. Angesichts der möglicherweise nur mehr beschränkten Zeit, die einem zur Verfügung steht, wirkt vieles sinnlos und leer. Das plötzliche Bewusstsein des Heideggerschen In-die-Welt-Geworfenseins, in ein Sein zum Tode, lässt Menschen ihre Grenzen erfahren. Sie fühlen sich aus der normalen Welt hinauskatapultiert. Auch wenn sie einkaufen und Straßenbahn fahren, fühlen sie sich oft nicht mehr als Teil der normalen Wirklichkeit. Sie empfinden sich als anders als die anderen, haben das Wichtigste nicht mehr mit ihnen gemeinsam: das unhinterfragte Vertrauen auf ein Morgen.

Ganz konkret sind Betroffene mit einer neuen Welt konfrontiert, in der sie sich erst zurechtfinden müssen – die Welt der Krankheit und der Medizin, mit einer neuen Sprache und mit Fachbegriffen, deren Bedeutung sie erst herausfinden müssen, mit Regeln, die sie erst lernen müssen. Die Welt engt sich ein; Entscheidungen müssen getroffen, Pläne müssen gefasst und dann auch umgesetzt werden. Der normale Ablauf des Alltags wird unterbrochen: durch die von außen vorgegebenen Termine, durch Krankenhausaufenthalte, durch all das, was plötzlich unumgänglich notwendig scheint. So ist das Umfeld der Patienten nicht nur durch die unerwartet auftauchende Bedrohung, sondern auch dadurch mitbetroffen, dass die Erkrankten ihre gewohnten Rollen nicht mehr im bisher üblichen und selbstverständlichen Maße ausfüllen können. Hohe Flexibilität bei allen ist gefragt.

5.3Werte- und Bedürfnisperspektive

Der Gesunde hat viele Wünsche, der Kranke nur einen – wird in einem Sprichwort behauptet. Das stimmt und stimmt zugleich auch nicht. In der Medizin wird häufig davon ausgegangen, dass alles dem Wunsch und dem Ziel unterzuordnen ist, die Krankheit zu besiegen und wieder gesund zu werden. So trifft es oft auf Unverständnis, wenn diagnostische Maßnahmen oder Behandlungen aufgeschoben oder unterlassen werden, weil dem Betroffenen etwas anderes wichtiger ist.

Eine resonanzbasierte Onkologie ist patientenzentriert und dadurch charakterisiert, dass sie die Werte und Bedürfnisse des individuellen Patienten in ihrem Vorgehen mitberücksichtigt. Zu einem befriedigenden Leben bedarf es der Erfüllung verschiedener unterschiedlichster Bedürfnisse. Somit geht es genauer gesagt um das Setzen von Prioritäten bei den in bestimmten Situationen und Krankheitsphasen erfüllbaren Bedürfnissen. Diese priorisierende Reihung muss letzten Endes der Patient selbst vornehmen; allerdings benötigt er dazu oft Entscheidungshilfen. So werden wir zu jeder Krankheitsphase die Werte- und Bedürfnisperspektive ergänzen, um ihre Bedeutung zu betonen und als Orientierung für die Behandler bei der Aufgabe, Patienten beim Herausfinden und Formulieren ihrer Bedürfnisse und deren Priorisierung zu unterstützen. Sich den Möglichkeiten der Realisierung von Werten und der Erfüllung von Bedürfnissen zuzuwenden entspricht wieder dem Perspektivenwechsel weg vom ausschließlichen Kampf gegen Krankheit und Symptome hin zur Förderung von Gesundheit und dessen, was Lebensqualität bedeutet und was sie erhöht (Abschn. 4.4).

5.3.1Vier emotionale Grundbedürfnisse: Bindung, Autonomie, Kompetenz und Orientierung

Ein für die Psychoonkologie gut brauchbares und überschaubares Modell ist jenes der vier emotionalen Grundbedürfnisse (Mende 2010):

•Das Bedürfnis nach Bindung erwächst aus der sozialen Einbindung von Menschen und ihrer wechselseitigen Abhängigkeit. Gerade nach dem Sturz aus der normalen Wirklichkeit bekommen Teilhabe und Gefühle von Zugehörigkeit und Verbundenheit besondere Bedeutung. Deren Abwesenheit bedeutet Ausgestoßensein, Alleinsein und Isolation. Es gilt, ein Unterstützungsnetzwerk zu aktivieren oder aufzubauen. Resonanzbasierte Kommunikation kann dieses Bedürfnis erfüllen, indem die durch Resonanz hervorgerufenen Erfahrungen ein Gefühl von Verbundenheit vermitteln. Diese Art zu kommunizieren betont den Dialog und sorgt damit auch für ein Gehört- und Verstandenwerden.

•Das Bedürfnis nach Autonomie ist neben der Bindung gleichsam der zweite Flügel, den Menschen brauchen, um fliegen zu können. Sie fühlen sich respektiert und in ihrer Würde geachtet, wenn auch ihr Bedürfnis nach Autonomie so weit wie möglich erfüllt wird. Gerade in der Onkologie fühlen sich Menschen oft dem Medizinsystem wie einer Maschinerie ausgeliefert, und vielfach sind sie es auch ganz real. So gilt es, sie bei der Ausweitung und Ausnutzung jener Spiel- und Möglichkeitsräume zu unterstützen, die ihnen bleiben – um diese autonom zu gestalten und zumindest soweit als möglich dem Grundbedürfnis nach Autonomie nachzukommen.

•Das Bedürfnis nach Kompetenz überschneidet sich mit jenem nach Selbstwirksamkeit und nach Handhabbarkeit im Sinne Antonovskys (S. 48). Zum Kompetenzerwerb trägt das Bewusstmachen, Aktivieren und Erwerben von Ressourcen bei. Kompetenz ist in Zeiten und Bereichen von besonderer Bedeutung, in denen Menschen sich von neuen Anforderungen überrollt und überfordert fühlen. Somit gilt es in der Onkologie, Patienten dabei zu unterstützen, Kompetenzen zur Bewältigung der vielfältigen Herausforderungen zu erwerben. Das beginnt bei der Fähigkeit, sich jene Informationen zu besorgen, die sie brauchen, und mit der Flut von zunächst unverständlichen Informationen umzugehen und sie zu bewerten. Das ist Hilfe beim Zurechtfinden im Medizinsystem. Das ist Unterstützung beim Klären, Formulieren und Kommunizieren von Bedürfnissen und bei deren Erfüllung in allen relevanten Systemen, in die der Patient eingebunden ist.

•Das Bedürfnis nach Orientierung überschneidet sich mit den Komponenten Verstehbarkeit und Sinnhaftigkeit des Kohärenzsinnes (S. 48). Wenn dieses Bedürfnis unerfüllt bleibt, melden sich Gefühle von Verwirrung, Orientierungslosigkeit und Sinnlosigkeit. In der Onkologie müssen sich Menschen plötzlich in einem völlig neuen Gebiet zurechtfinden, in dem vieles unverständlich ist und bleibt. Manches von dem, was im bisherigen Lesben Sinn gab, erscheint entweder sinnlos oder ist nicht mehr möglich. Somit ist Unterstützung bei Orientierung und Neuorientierung gefragt. Diese Neuorientierung betrifft insbesondere auch Themen der Identität: Wer bin ich in dieser neuen Phase des Lebens, und wie positioniere ich mich in der Welt?

5.3.2Normalisieren

Aus dem weiter oben erläuterten Sturz aus der normalen Wirklichkeit ergibt sich das Bedürfnis, so viel Normalität wie möglich zu leben, so gut wie möglich zu funktionieren oder zumindest die Fassade von Normalität zu bewahren. Nach diesem Verständnis ermöglicht nur die Normalität Teilhabe und Zugehörigkeit zur normalen Wirklichkeit aller anderen Menschen. Insofern ist Normalisieren eine wesentliche Hilfestellung.

Wir verstehen unter Normalisieren die professionelle Rückmeldung an Patienten, dass sie sich mit ihren Reaktionen auf die Erkrankung durchaus »im grünen Bereich« befinden bzw. dass ihr Verhalten oft der Anpassung dient und eine normale Reaktion auf außergewöhnliche Belastungen darstellt. Normalisieren gibt Orientierung, zumindest dahingehend, dass man nicht noch ein zweites Problem in Form einer pathologisierenden psychiatrischen Diagnose dazubekommt. Wenn auch als pathologisch zu klassifizierende Ausprägungen von Belastungsreaktionen vorkommen, bleiben sie aber eher die Ausnahme und sind oft durch psychiatrische Vorerkrankungen mitbedingt.

5.3.3Teilemodelle, Ambiguitätstoleranz und weitere Bedürfnisse im Kontext des klinischen Dialogs

Im Ursprung ist die Sehnsucht von Menschen, mit allen ihren Anteilen gesehen, gehört, verstanden und angenommen zu werden, wohl dem Bindungsbedürfnis zuzuordnen. So besteht die Kunst der Kommunikation oft darin, die unterschiedlichsten und naturgemäß widersprüchlichen Anteile der Patienten wahrzunehmen und zu würdigen: Das sind jene Anteile, die funktionieren, die Fassade aufrechterhalten und um jeden Preis als normal angesehen werden wollen. Das sind aber auch jene, für die nichts mehr normal ist, die sich als im Chaos versinkend erleben und in großer existenzieller Not sind. Und das sind nicht zuletzt jene Anteile, die den Alltag bewältigen können und wollen und möglichst konkrete Unterstützung bei dessen Neuorganisation brauchen. Wie in dieser Formulierung angedeutet, bieten sich Teilemodelle wie Ego-States oder das Modell des inneren Teams an, um der ständig wechselnden inneren Vielfalt gerecht zu werden. Die Übersetzung von Widersprüchlichkeiten, inneren Konflikten und Bedürfnissen in ein Teilemodell gehört zu den wesentlichen in diesem Buch vermittelten Grundkonzepten. Sie wird uns immer wieder begegnen, da sie sich in vielen Fällen als hilfreich erwiesen hat, innere Widersprüche zu ordnen und zu integrieren (Abschn. 8.5).

Die Konfrontation mit einer onkologischen Erkrankung bringt es mit sich, dass viele Sicherheiten und Eindeutigkeiten verloren gehen. So stellt sich die Aufgabe, mit Unsicherheit und Vieldeutigkeit bezüglich der eigenen Identität bzw. mit den »Teilidentitäten« umzugehen und damit möglichst gut zu leben. Um diese Aufgabe zu bewältigen und Unberechenbarkeit und Vieldeutigkeit gut auszuhalten, bedarf es eines hohen Ausmaßes an einer Fähigkeit, die als Ambiguitätstoleranz bezeichnet wird. Dabei kann sich unterstützend auswirken, sich einerseits auf den schlimmsten Fall vorzubereiten und alle Möglichkeiten seiner Handhabung zu durchdenken, andererseits auf das Beste zu hoffen. Im Pendeln zwischen den beiden Extremen gilt es, Schritt für Schritt und dem Lernprozess angepasst, das Gute zu sehen und anzunehmen und Zuversicht zu entwickeln. »Nicht länger warten« kann dabei eine hilfreiche Devise sein. Hierbei hilft die Achtsamkeit mit der erlernbaren Fähigkeit, den Fokus flexibel zu steuern.

Ungewissheit lässt sich aushalten, wenn das Bedürfnis nach Bindung erfüllt ist und das Gefühl vorherrscht, nicht allein zu sein, was immer auch kommen mag. Sie lässt sich aushalten, wenn das Bedürfnis nach Autonomie erfüllt ist oder der Patient zumindest ein Stück weit mitentscheiden und mitgestalten kann. Ambiguität ist auszuhalten, wenn das Bedürfnis nach Kompetenz erfüllt ist und Zuversicht besteht, handhaben zu können, was immer auch kommen mag. Sie ist auszuhalten mit einem Gefühl, dass es sich lohnt und Sinn macht, sich den Herausforderungen zu stellen. Mit dem Konzept der vier emotionalen Grundbedürfnisse im Hintergrund finden sich immer Möglichkeiten, die Ambiguitätstoleranz zu stärken.

In einem klinischen Dialog, der von einer wertschätzenden Beziehung getragen ist, werden weitere wesentliche Patientenbedürfnisse erfüllt (Engel 1992):

•etwas zu erkennen und, komplementär dazu, selbst erkannt zu werden

•etwas zu verstehen, selbst verstanden zu werden und sich verstanden zu fühlen

•sich selbst etwas erklären zu können, etwas zu wissen und etwas erklärt zu bekommen.

Die Erfüllung dieser Bedürfnisse stärkt Gefühle von Sicherheit, Vertrauen und Zugehörigkeit. Das Bedürfnis, zu verstehen und alles mit der Krankheit Zusammenhängende erklärt zu bekommen, wird am besten erfüllt von einem Arzt bzw. jenem Anteil eines Arztes, der die disziplinierte Neugier wissenschaftlichen Denkens verkörpert. Auf der Basis eines Vertrauensverhältnisses können Patienten oft darauf verzichten, alles genau bis ins Detail wissen zu wollen. Das Bedürfnis, auch in seiner Not gesehen, verstanden und ernst genommen zu werden, würde ein Behandler verkörpern, der sich dem Patienten aus einer Haltung mitmenschlicher Professionalität mitfühlend zuwendet. Bedenkenswert ist dabei die Unterscheidung zwischen verstehen (»understand«) und wissen (»know«). Sie begründet, warum sich ein Patient unverstanden fühlen kann, obwohl der Arzt mit Recht davon überzeugt ist, dass er ihm alles genau erklärt hat.

In diesem Dialog stellt sich in Zeiten der Digitalisierung bei vielen Patienten die Aufgabe, jene Informationen auf eine konstruktive Weise zu nutzen, die sie aufgrund umfangreicher Recherchen von »Dr. Google« aus dem Internet erhalten haben. In der Entscheidungsphase gilt es, die von den Patienten kommenden Impulse im Sinne ihrer Autonomie aufzugreifen und auf Augenhöhe zu diskutieren, andererseits die Patienten bei der Gewichtung der Informationen zu unterstützen und inmitten oft großer Verunsicherung wieder Orientierung zu ermöglichen.

5.4Biopsychosoziospirituell orientierte klinische Praxis

Onkologische Erkrankungen betreffen den ganzen Menschen und sein Umfeld. Bei der nahezu unendlichen Fülle von Informationen über den Betroffenen und seinen Kontext bedarf es der Orientierung, worauf der einzelne Behandler seine Aufmerksamkeit richten soll. Auf der biomedizinischen Ebene sind die Maßnahmen zur Diagnostik in der Regel recht klar. Beim Blick auf die Person wird – zumindest in der Theorie – das biopsychosoziale Modell mit seinen drei Ebenen zitiert (Engel 1992).

Für das notwendige kultursensible Vorgehen ist als vierte Ebene auch der soziokulturelle Hintergrund des Betroffenen und seines Umfelds zu berücksichtigen. Im Falle existenzieller Bedrohung muss in diesem Modell darüber hinaus die Sinndimension bzw. eine fünfte sogenannte spirituell-religiöse Ebene ergänzt werden – insbesondere als Ressource (Harrer 2001; Sulmasy 2002; Abschn. 9.2.1).

Exkurs: Miss Marple und das biopsychosoziale Modell

Der Schweizer Psychosomatiker Rolf Adler (2009) veranschaulicht das biopsychosoziale Modell anhand eines englischen Kriminalfilms. Der Film Der Wachsblumenstrauß – beruht auf einem Roman von Agatha Christie. Miss Marple und ihr Freund – der Bibliothekar Mister Stringer – ziehen durch die Straßen, um Geld für einen wohltätigen Zweck zu sammeln. Dabei kommen sie auch zur Türe des Herrenhauses des schwerreichen Mister Enderby. Sie öffnen die Haustüre und rufen nach dem Hausherren. Er erscheint im ersten Stock, fasst sich an die Brust, bricht zusammen, fällt die Treppe hinunter und landet vor den Füßen der beiden Bittsteller. Miss Marple muss erkennen, dass Mister Enderby tot ist. Sie steigt die Treppe hinauf, um zu klären, was genau passiert ist. Auf der Galerie öffnet sie eine Tür, woraufhin eine wilde, hässliche Katze über ihre Schulter springt und wieder verschwindet.

Miss Marple ist sofort klar: Es war Mord. Mister Enderby litt an einer chronischen Herzerkrankung (biologische Ebene) und hatte bekanntermaßen einen pathologischen Horror vor Katzen (psychische Ebene). Er wurde von einer Katze zu Tode erschreckt, die ein Besucher (soziale Ebene), wahrscheinlich einer der vier gierigen Erben, in böser Absicht in das Haus geschmuggelt hatte. Als Miss Marple den Todesfall auf der Polizeistation meldet und den zuständigen Inspektor über ihren Verdacht informiert, macht dieser sich über sie lustig. Er bleibt bei seiner festen Überzeugung, der Tod sei durch Herzversagen bedingt. So hatte es der Arzt diagnostiziert. Der Inspektor zeigt auch keinerlei Absicht, diesen Fall weiterzuverfolgen. (Er gibt sich mit der körperlichen Ebene zufrieden und sieht davon ab, psychische und soziale Informationen zu berücksichtigen.) Erst als es zu einem zweiten offensichtlichen Mord kommt, schaltet er sich – immer noch verärgert über Miss Marples Einmischung – in die Ermittlungen ein. (Das Ergebnis der Jagd nach dem Mörder soll hier nicht verraten werden.)

Miss Marple beharrt auf dem biopsychosozialen Modell im Sinne einer Top-down-Regulation (vom Gehirn gesteuerter körperlicher Reaktionsmuster): Mister Enderby war aufgrund seiner pathologischen Angst vor Katzen nicht dazu in der Lage, angemessen auf die unerwartete Begegnung zu reagieren. Der dadurch ausgelöste Stress aktivierte die Kampf-Flucht-Reaktion und das Selbstbewahrungs- bzw. Rückzugsmuster mit fatalen Auswirkungen auf sein Herz-Kreislauf-System. Auf der Organ- und Gewebeebene führte das über eine Durchblutungsstörung der Herzkranzgefäße und Sauerstoffmangel zu einer elektrischen Instabilität und schlussendlich zu Kammerflimmern und damit zum Tod.

Viele Ärzte erleben die Umsetzung des biopsychosozialen Modells mit seinen drei Ebenen bereits als Überforderung. Sie fragen nach der klinischen Relevanz und den praktischen Konsequenzen des Sammelns der Unzahl an Informationen, die sich in einem Patientengespräch gewinnen lassen und weitere Gespräche nach sich ziehen können. Vielfach geben sie den erhöhten Zeitbedarf beim Erheben auch von als relevant eingeschätzten psychosozialen Daten als Hindernis an.

In der Onkologie ist zumindest die Forderung nach einer mehrdimensionalen Diagnostik inzwischen allerdings unumstritten. Dabei geht es auch darum, nach sogenannten Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) auf der psychischen Ebene zu fahnden, um beispielsweise eine Depression zu diagnostizieren und einer Behandlung zuzuführen. Man zieht dazu einen Psychoonkologen oder Psychiater hinzu und gegebenenfalls auch einen Sozialarbeiter. Vielleicht wird noch ein Seelsorger gerufen – in der Sterbephase. Der zuständige Arzt – wenn es einen solchen gibt – würde dann im optimalen Fall die Konsiliarbefunde dieser Fachleute lesen. Es stellt sich allerdings die Frage, inwieweit sich der Patient als ganze Person wahrgenommen fühlt, wenn das biopsychosoziale Modell auf diese Weise interpretiert und seine Umsetzung auf viele Personen verteilt wird.

In einer integrierten – und nicht fragmentierenden – Form der biopsychosozialen Medizin und einer resonanzbasierten Onkologie würde umgesetzt, was Wolfgang Wesiack (von Uexküll u. Wesiack 1991), ein Pionier der psychosomatischen Medizin, als diagnostischtherapeutischen Zirkel beschrieben hat. Diese Sichtweise widerspricht dem, was normalerweise in der Medizin als Dogma gilt – man müsse zuerst eine Diagnose stellen, erst dann könne man eine Therapie verordnen: Vielmehr entfaltet schon allein die gemeinsame Suche danach, was bei einer Krebserkrankung besonders belastet, eine therapeutische Wirkung. Die gemeinsame Anstrengung trägt dazu bei, dass der Patient sich selbst besser versteht, Worte findet, um sein Leiden auszudrücken, und dann auch noch erlebt, verstanden zu werden (vgl. Maio 2020). Werden das gemeinsame Verständnis und die zugehörigen Schlussfolgerungen zudem in der Behandlungsplanung berücksichtigt, entspricht das der Praxis einer patientenzentrierten und resonanzbasierten Medizin.

Auch wenn es nicht sehr viel mehr Zeit kosten und langfristig sogar Zeit sparen würde, bestimmte Fragen zu stellen, verstreicht die Zeit der Abklärung diesbezüglich leider meist ungenutzt. Denn kommen wesentliche Vorinformationen schon vor der Diagnosemitteilung zur Sprache, kann in diesem Zeitraum die therapeutische Beziehung aufgebaut und gestärkt werden. In dieser frühen Phase könnte eine diesbezügliche Einstiegsfrage lauten: »Wir wissen es ja noch nicht. Aber falls eine Behandlung notwendig ist, was sollte ich von Ihnen als Person wissen, damit wir Sie gut behandeln können?«

5.4.1Erweiterung des biopsychosozialen zum biopsychosoziospirituellen Modell

In einer biopsychosoziospirituellen Praxis stellt sich die Herausforderung, aus der Fülle der Faktoren, die in komplexen Wechselwirkungen stehen, jene Informationen herauszufinden und ihnen Platz zu geben, die im Einzelfall von Bedeutung sind. Der Behandler kann von sich aus zunächst nicht wissen, welche das sind. Aber er kann beispielsweise die zuvor genannte oder andere Fragen stellen. Er kann auf Hinweise hören, die der Patient ihm gibt, sie aufgreifen und vertiefend nachfragen. Das hilft dabei, auszuwählen und zu fokussieren.

Biopsychosoziale Medizin bedeutet auch, den Menschen auf dem Hintergrund seinerBiografie zu verstehen. Wenn sich etwa starke Gefühle oder schwer nachvollziehbare Reaktionen zeigen, gilt es nachzufragen. Dazu bieten sich möglichst einfache Fragen an, wie z. B:

•Was macht es Ihnen so schwer, die Chemotherapie zu akzeptieren?

•Haben Sie schon Erfahrungen mit Operationen?

•Kennen Sie jemanden mit einer ähnlichen Erkrankung?

•Welche Erfahrungen haben Sie bisher mit Ärzten und anderem medizinischen Personal gemacht?

Im Kontext existenzieller Bedrohung und potenzieller Todesnähe stellen sich Sinnfragen und Fragen danach, was nach dem Tod kommt. Damit werden Fragen von Glauben, Spiritualität und Religion zum Thema. Viele Menschen beziehen aus diesem Bereich Kraft. So erscheint insbesondere im Bereich der Onkologie und der Palliativmedizin eine Erweiterung des biopsychosozialen Modells zu einem biopsychosoziospirituellen Modell notwendig (Abschn. 9.2.1).

Zur Klärung der Frage, auf welche Weise die verschiedenen Ebenen des biopsychosozialen Modells interagieren, haben die Stressforschung und die Psychoneuroimmunologie sehr viel beigetragen. Forschende aus diesem Gebiet fordern, die psychosoziale Ebene selbst dann zu berücksichtigen, wenn die Therapie nur auf die Beeinflussung des Krebswachstums abzielen würde (Ott et al. 2017). Aufgrund neuer Forschungsmethoden, die sich auf Prozess- und Einzelfallforschung beziehen, mehren sich die Hinweise, dass psychosoziale Faktoren – entgegen einer lange vertretenen Überzeugung – sehr wohl wesentlichen Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben können.

5.4.2Pendeln zwischen Problemen und Ressourcen

Eine Dimension des Perspektivenwechsels in der therapeutisch wirksamen Kommunikation besteht darin, in Gesprächen zwischen der Problemperspektive und der Ressourcenperspektive zu pendeln, um Probleme möglichst frühzeitig mit Ressourcen zu verknüpfen. Vor dem Hintergrund des biopsychosoziospirituellen Modells kann man sich sowohl beim Blick auf die Probleme als auch bei dem auf die Ressourcen auf alle vier Ebenen beziehen. Beidäugiges diagnostischtherapeutisches Sehen (Fürstenau 2002) würde dann bedeuten, die Patienten durch eine »quadrofokale Gleitsichtbrille« zu betrachten (Abb. 3).

Abb. 3: Quadrofokale Brille zum beidäugigen Sehen

5.4.3Ökologie und Resonanz

Die Ärztin, Psychotherapeutin und Musiktherapeutin Monika Glawischnig-Goschnik (2019, S. 284) bezieht auch noch die ökologische Ebene mit ein:

»In einer Resonance Based Medicine wird den verschiedensten Ebenen des biopsychosozioökospirituellen Modells gleichwertige und gleich gültige Bedeutung zuerkannt. Die Wahl der spezifischen und passenden Intervention wird vor allem von der Dringlichkeit einer Behandlungsoption abhängen und von den intersubjektiven Resonanz- und Entscheidungsprozessen zwischen Behandlerin und Patientin, also von den Subjekten der therapeutischen Beziehung. Im Laufe dieses Resonanzprozesses erschließt sich zunehmend die Komplexität, kann formuliert und nachgefragt werden, und anhand von Leitlinien, persönlicher Expertise und unerwarteten Resonanzen und Einfällen können von den Subjekten brauchbare Interventionsmöglichkeiten entwickelt werden.«

Glawischnig-Goschnik erinnert daran, dass wir als menschliche Wesen Teil des Ökosystems unserer Erde sind, eingebettet in die Natur mit ihren natürlichen Rhythmen. Sie betont die Kostbarkeit der Liebe zur Natur, zu unserer Welt und zur Freude am Lebendigen. Resonanzerfahrungen mit der Natur stehen auch in schweren Zeiten als wertvolle Ressource zur Verfügung, an die zu erinnern sich immer wieder lohnt.

Der sogenannte Metatherapeut (S. 182) wäre aus der Beobachterperspektive dafür zuständig, die auftauchenden Resonanzen wahrzunehmen und gemeinsam mit dem Patienten zu gewichten. Dabei achtet er auf eine angemesseneBalance zwischen dem Blick mit beiden Augen auf die vier Ebenen.

5.5Erste Pyramidenstufe – Diagnostik: Abholen, informieren und Halt geben

Das Medizinsystem stellt sich traditionell primär die Aufgabe, Ursachen und Erklärungen für das Leiden zu finden, aus denen sich Optionen zu dessen Heilung oder Linderung ergeben. Darum findet sich auf der ersten Stufe der Kommunikationspyramide Abklärung und Aufklärung. Ärzte suchen nach Krankheitsbildern, die sich mit den Symptomen und Befunden des Patienten in Einklang bringen lassen. Sie geben den Patienten jene Informationen, die diese brauchen, um sich auch selbst ein Bild von ihrer Krankheit machen und orientieren zu können. Der Prozess von Abklärung und Aufklärung verläuft in unserem Modell im Rahmen einer Halt gebenden therapeutischen Beziehung, die von therapeutisch wirksamer Kommunikation und Resonanz geprägt ist (Abb. 4).

Abb. 4: Pyramidenmodell mit den Stufen einer therapeutisch wirksamen Kommunikation – die erste Stufe

Unabhängig davon, auf welchem Wege sich der Verdacht auf eine Krebserkrankung ergibt, stellt sich den Ärzten die Aufgabe einer angemessenen Diagnostik. Die Befunde und Symptome eines Patienten müssen mit diagnostischen Kategorien in Einklang gebracht werden. Auch wenn das in der Praxis derzeit wohl nur selten berücksichtigt wird, sollte aus unserer Sicht schon das diagnostische Vorgehen patientenzentriert schrittweise erfolgen. Dass das Einverständnis von Patienten auch für die Diagnostik notwendig und sinnvoll ist, wird bei genetischen Untersuchungen offensichtlich. Der Nutzen einer routinemäßigen Erhebung von Tumormarkern ohne Verdachtsmomente wird kontrovers diskutiert, z. B. beim prostataspezifischen Antigen (PSA).

In einer Medizin, in der es darum geht, Krankheiten zu behandeln, erscheint es logisch, dass diese diagnostiziert werden müssen. Aus einer patientenzentrierten Handlungslogik, mit deren Hilfe das subjektive Leiden von Menschen verringert werden soll, steht im Gegensatz zu einer krankheitszentrierten Logik die Frage nach den Auswirkungen und Konsequenzen jeder einzelnen diagnostischen Maßnahme auf dieses Leiden im Vordergrund. Zumindest wenn die Auswirkungen der einzelnen Schritte nicht eindeutig klar und als günstig zu bewerten sind, müssten sie hinterfragt und mit dem Patienten abgestimmt werden. Wenn etwa frühzeitig klar ist, dass jemand keinesfalls dazu bereit ist, sich einer indizierten Therapie zu unterziehen, stellt sich dringend die Frage, welche diagnostischen Erkenntnisse unbedingt erforderlich sind und ob sie den Betreffenden eher glücklich oder unglücklich machen.

Ob sich Menschen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen unterziehen, hängt wesentlich von ihrem subjektiven Krankheitskonzept, vom Vertrauen in die Medizin und von der Beziehung zu ihren behandelnden Ärzten ab. Sowohl die von den Ärzten gegebenen Informationen als auch die zwischen den Zeilen vermittelte ärztliche Sicht beeinflusst alle drei Faktoren.

Versteht man Abklärung und Aufklärung als Prozess, gibt es immer wieder Möglichkeiten für Rückkopplungsschleifen im Sinne des diagnostisch-therapeutischen Zirkels. Die Reaktionen des Patienten auf erste Verdachtsmomente oder Befunde werden diagnostisch genutzt. Zugleich wirkt ein verständnisvoller, respektvoller und einfühlsamer Umgang mit diesen Reaktionen bereits therapeutisch.

Im Krankheitsverlauf ergibt sich immer wieder die Notwendigkeit, Nachrichten zu übermitteln: schlechte, manchmal weniger schlechte, manchmal auch gute. Ihre Vermittlung kann auf eine Weise erfolgen, die im besten Sinne gleichzeitig therapeutisch wirkt und diagnostisch in dem Sinn ist, dass sie neue Erkenntnisse über den Patienten und sein Umfeld bringt.

5.5.1Mit SPIKES, NURSE und WWSZ resonanzbasiert vorgehen

Rund um das Thema »breaking bad news«, Überbringen schlechter Nachrichten, gibt es umfangreiche Literatur und empfehlenswerte Fortbildungsangebote mit konkreten Übungsmöglichkeiten. Im gegebenen Rahmen setzen wir drei Modelle mit unserem Vorschlag eines resonanzbasierten Vorgehens in Beziehung:

•das SPIKES-Schema (Baile et al. 2000) im Hinblick auf Befund- und Diagnosemitteilungen

•das NURSE-Schema (Back et al. 2005) zum Umgang mit Emotionen

•das WWSZ-Schema (Langewitz 2011) für eine patientenzentrierte Kommunikation.

Exkurs: SPIKES, NURSE, WWSZ im Überblick

SPIKES-Schema zum Ablauf von Befund- und Diagnosemitteilungen

S – Setting: Das Gespräch sollte in einem möglichst ungestörten und angemessenen örtlichen und zeitlichen Rahmen erfolgen. Gegebenenfalls sind Angehörige und Vertreter anderer Berufsgruppen (z. B. Bezugspflegeperson) hinzuzuziehen.

P – Perception: Als Ausgangspunkt für das Gespräch dienen die Wahrnehmung und Einschätzung der aktuellen Situation durch den Patienten. Als erster Schritt muss diese erhoben werden

I – Invitation: Einholen der Einladung bzw. des Auftrags des Patienten, ihm jene Informationen zur Verfügung zu stellen, die seinem Informationsbedürfnis entsprechen, das es in diesem Schritt zu erheben gilt

K – Knowledge: Vermitteln von Wissen und Informationen auf eine diesem Auftrag und den Möglichkeiten, Bedürfnissen und Wünschen des Patienten angepasste Weise

E – Exploring Emotions, Empathy: Angemessene Berücksichtigung der Gefühle des Patienten und empathisches Mitschwingen (Resonanz)

S – Summary: Zusammenfassung und Ausblick. Rückversicherung, was beim Patienten angekommen ist.

NURSE-Schema zum Umgang mit Gefühlen des Patienten

N – Naming: Emotion identifizieren und als Vorschlag benennen

U – Understanding: Verständnis für die auftretenden Gefühle vermitteln

R – Respect: Rückmeldung im Sinne einer respektvollen und wertschätzenden Akzeptanz für die emotionalen Reaktionen. Rückmeldung, dass die Gefühle angemessen sind und es ebenso angemessen ist, sie zu zeigen und auszudrücken

S – Support: Unterstützung in allen möglichen Formen anbieten. Erheben und Aktivieren aufgabenbezogener vorhandener Ressourcen. Unmittelbares Angebot zusätzlicher Ressourcen bzw. Hinweis auf entsprechende Angebote

E – Exploring: Erforschen der Emotion durch genaueres Nachfragen.

WWSZ-Schema der patientenzentrierten Kommunikation

W – Warten, dem Patienten Raum geben, sich zu äußern; dazu Pausen entstehen lassen

W – Wiederholen des Gesagten

S – Spiegeln

Z – Zusammenfassen.

Bei der Umsetzung dieser didaktischen Schemata in die Praxis besteht im schlimmsten Fall das Risiko, dass die einzelnen Schritte herzlos abgespult und abgehakt werden. Das Konzept eines resonanzbasierten Vorgehens soll dieser Gefahr entgegenwirken, indem es dazu beiträgt, den Sinn dieser Kürzel vertieft zu verstehen, sie mit Leben zu füllen und mit Mitgefühl umzusetzen.

Zum SPIKES-Schema

Setting: Ein klarer und auch räumlich geschützter Rahmen des Gesprächs ist Grundvoraussetzung für Sicherheit. Ein angemessener zeitlicher Rahmen ist notwendig, um sich aufeinander einstimmen und auf einen Prozess einlassen zu können, Zeit zu haben, die Informationen ankommen zu lassen. In einem kontextbewussten Vorgehen wird man auch darauf achten, weitere für ein bestimmtes Thema relevante Personen möglichst frühzeitig mit einzubeziehen.

Perception: Das Erheben der derzeitigen Einschätzung des Patienten entspricht dem Prinzip des Abholens und würdigt die Bedeutung des subjektiven Krankheitskonzepts. Da viele Patienten im Internet recherchieren, sind auch diesbezügliche Detailinformationen zu berücksichtigen.

Invitation: Das Einholen der Einladung bzw. des Auftrags des Patienten, ihm die gewünschten Informationen zu geben, ist Ausdruck eines patientenzentrierten Vorgehens, ein Schritt, der selten explizit erfolgt. Zur Einladung gehört im Sinne der Bedürfnisorientierung auch die Klärung der diesbezüglichen Bedürfnisse des Patienten. Was ist ihm wichtig? Was genau will er wissen? Wie ausführlich soll die Information sein? Das Sichern einer grundsätzlichen und aktuellen Empfangsbereitschaft des Patienten ist Voraussetzung dafür, dass er mit den neuen Informationen in Resonanz gehen kann.

Knowledge: Die im vorherigen Schritt erfolgte Klärung des Auftrags gibt dem Arzt Orientierung, welche Informationen in welcher Ausführlichkeit gefragt sind. Sie werden möglichst in diesem Sinne vermittelt, in einer Sprache, die beim Patienten Resonanz findet.

Emotions & Empathy: Das Wahrnehmen der kognitiven und vor allem der emotionalen Reaktionen des Patienten durch den Arzt erlebt jener als empathische Einfühlung und Resonanz (»feeling felt«). Gefühle sind als Signale und Botschaften zu sehen, die es zu entschlüsseln gilt. Darauf geht das NURSE-Schema näher ein. Im Rahmen des SPIKES-Schemas sind Gefühle vordergründig auch als Signal zu sehen, bei der Vermittlung von Informationen zumindest kurze Zeit innezuhalten. Das Timing und der Rhythmus der Vermittlung bestimmen, ob Resonanz möglich wird und ob zwischen den Zeilen Vertrauen und ein Gefühl von Verbundenheit entstehen kann. Nur wenige Sekunden Pausen am richtigen Ort, ohne viele Worte, ein mitfühlender Augenkontakt – all das kann wesentliche Weichen stellen.

Summary: Das Zusammenfassen und der gemeinsame Ausblick bilden in diesem Schema die letzte Rückkopplungsschleife. Die Frage, was beim Patienten angekommen ist, enthält implizit auch die Frage, womit er im Gespräch in Resonanz gegangen ist, und welche weiteren Resonanzen dies in ihm ausgelöst hat. Der Ausblick auf die nächsten Schritte und das kommende Gespräch sichert eine weitere Feedbackschleife im Sinne des diagnostisch-therapeutischen Zirkels.

Zum NURSE-Schema

Die Schritte des NURSE-Schemas sind – pointiert formuliert – nur durch die Achtsamkeit des Behandlers und ein resonanzbasiertes Vorgehen zu verwirklichen.

Naming: Die Emotion eines Patienten benennen zu können ist ein höchst komplexer Vorgang. Es bedarf der differenzierten Wahrnehmung der verbalen und nonverbalen Äußerungen der Patienten und der Empathiefähigkeit aufseiten des Beobachters. Diese betrifft die kognitive Ebene, ein Wissen darum, welches Gefühl als natürliche Reaktion auftauchen könnte, und das interpretierende Hören des verbalen Ausdrucks von Gefühlen. Die Empathiefähigkeit bedarf zudem der Resonanzbereitschaft und Resonanzfähigkeit, um mit den Gefühlen des Patienten in Resonanz zu gehen, dieser Resonanz nachzuspüren und sie in Worte zu fassen. Dafür müssen ein entsprechendes Vokabular und eine angemessene Sprache zur Verfügung stehen. Das Benennen von Gefühlen gibt dann dem Patienten eine Rückmeldung darüber, dass eine Resonanz erfolgt ist. Dies schafft Sicherheit und ein Gefühl, gesehen und verstanden zu werden. Als Hilfe zur Disidentifikation verstanden (S. 162 f.), schafft das Benennen Abstand und macht fassbar, was im Patienten gerade vorgeht.

Understanding & Respect: Verständnis und ein respektvoller Umgang mit den auftauchenden Gefühlen gibt Sicherheit, fördert Vertrauen und erfüllt damit Beziehungsbedürfnisse. Wenn Gefühlen eine wertvolle Bedeutung zugemessen wird, gibt das Orientierung. Das Auftauchen heftiger Gefühle kann man in der Regel als Hinweis darauf auffassen, dass es um wesentliche Bedürfnisse geht. Angst bezieht sich in diesem Kontext auf die Zukunft, auf eine Bedrohung der Erfüllung von Bedürfnissen. Trauer kann signalisieren, dass Menschen dabei sind, von der Erfüllung bestimmter Bedürfnisse Abschied zu nehmen.

Support: Die naheliegendste Quelle für Unterstützung ist eine gegenwärtige, resonanzbereite und resonanzfähige Person als Gegenüber. Diese sollte dazu in der Lage sein, sich sowohl auf die Gefühle des Patienten einzustimmen und mit ihm in Resonanz zu gehen als auch sich selbst zu regulieren. Dies kann den Patienten im Sinne einer Co-Regulation (S. 173) bei seiner Emotionsregulation unterstützen: Gelingende Zyklen der Co-Regulation schaffen einerseits Vertrauen in die Beziehung, stärken andererseits aber ebenso das Vertrauen in die Selbstregulation. Das Erleben, die Fassung wiedergewonnen zu haben, nachdem man sie verloren hat, kann dazu ermutigen, sich auch in Zukunft auftauchenden Gefühlen zu stellen, anstatt sie unterdrücken und vermeiden zu müssen. Die Kenntnis des Rasters der emotionalen Grundbedürfnisse kann dabei helfen, passende Unterstützungsangebote zu finden: Geht es mehr darum, Bindung, Autonomie, Kompetenz oder Sinnerleben zu fördern?

Exploring: Der diagnostisch-therapeutische Zirkel macht klar, dass das diagnostische Explorieren nur künstlich von dessen therapeutischen Wirkungen getrennt werden kann. Insofern beginnt das Erkunden schon beim ersten Schritt dieses Schemas, beim Benennen. Die Reaktion des Patienten verdeutlicht, ob er sich verstanden fühlt und im Sinne eines » … ja genau« einen Augenblick innehalten, durchatmen und sich zurücklehnen kann. Er könnte beispielsweise aber auch rückmelden, dass es nicht Angst sei, die aufgetaucht ist, sondern nur eine Sorge, die sich gemeldet habe. Aus einer explorativen Haltung können unterschiedliche Möglichkeiten angeboten werden, ein Gefühl zu verstehen, etwa in Form der Übersetzung des dahintersteckenden Bedürfnisses in einen Wunsch. Aus diesem Wunsch ergeben sich dann Unterstützungsmöglichkeiten.

Zum WWSZ-Schema

Auch die im Akronym WWSZ formulierten Schritte einer patientenzentrierten Kommunikation sind nur auf der Basis einer wertschätzenden und mitfühlenden Präsenz des Behandlers wirksam.

Nachdem der Arzt dem Patienten seine Sicht der Dinge erläutert hat, muss er warten. In unserer Sprache sollte er Raum geben oder, genauer gesagt, einen Raum eröffnen, in dem der Patient mit dem Gehörten in Resonanz gehen kann. Ein Raum, in dem er nachdenken und nachfühlen kann, was das in ihm auslöst. Ein Raum, in dem Suchprozesse nach dem möglich sind, was für ihn bedeutsam und wichtig ist. Ein Raum, in dem der Patient Worte finden kann, um das auszudrücken, was in ihm vorgeht, was ihn beschäftigt und was er vom Arzt braucht.

Hat er Worte gefunden, kann der Arzt diese wiederholen. Er macht damit deutlich, dass der Patient in ihm Gehör, Resonanz und Verständnis gefunden hat. In einer Feedbackschleife kann der Patient rückmelden, ob das Wiederholte dem entspricht, was er ausdrücken wollte.

Spiegeln ist eine umfassendere Rückmeldung dessen, was beim Arzt angekommen ist bzw. auf der emotionalen Ebene in Resonanz gekommen ist. Das Gespiegelte soll bereichernd wirken und dem Patienten dabei helfen, sich selbst besser zu verstehen. Das kann auch dadurch geschehen, dass bestimmte Signale dem Patienten erst durch die Rückmeldung bewusst werden.

Das Zusammenfassen ist eine letzte die Resonanz bestätigende und sichernde Rückkopplungsschleife.

5.5.2Pacing und Leading als Grundlagen resonanzbasierten Vorgehens

Wenn man das Herstellen einer gemeinsamen Wirklichkeit auf den dialogischen Austausch von Informationen reduziert, kann man diesen Informationsaustausch als einen sich wiederholenden Ask-Tell-Ask-Kreisprozess (Back et al. 2005) beschreiben: Stelle eine Frage, gib die gewünschten Informationen, und frage dann erneut nach: Was ist angekommen? Wie ist es angekommen? Was ist noch offen?

Aus hypnotherapeutischer Perspektive dienen das umfassendere Konzept und die Techniken des sogenannten Pacing und Leading dem Abholen des Patienten in seinem Sosein. Umfassender insofern, als es vom Grundverständnis auf das Herstellen eines gutenRapports (frz. rapport für »Beziehung, Verbindung«) abzielt und damit explizit auch den Beziehungsaspekt betont. Von der Technik her ist es umfassender, weil es auch nonverbales Verhalten miteinbezieht.

Definition: Pacing und Leading

Die Begriffe Pacing und Leading bezeichnen das Kernelement hypnotherapeutischer Kommunikation. Beide Aspekte sind untrennbar miteinander verbunden und bedingen einander wie Henne und Ei oder Ein- und Ausatmen.

Pacing umfasst alle Aspekte, durch die der Therapeut sich mit dem Ziel der Resonanz auf den Patienten einstimmt, sein Verhalten auf mehreren Ebenen mit jenem des Patienten abstimmt und sich ihm angleicht (engl. pace für »Schritt, Geschwindigkeit«). Nonverbal passt er etwa seine Körperhaltung, Stimmlage oder seinen Atemrhythmus an den Patienten an. Er verwendet eine ähnliche Sprache und greift Schlüsselworte auf. Er holt den Patienten möglichst bei dessen Vorwissen, Vorstellungen und Werten ab.

Während es beim Pacing um ein vielschichtiges Verstehen und Spiegeln des Gegenwärtigen geht, fokussiert Leading primär auf etwas für den Patienten Neues. Entsprechende Vorschläge bzw. Suggestionen (engl.: suggestion; frz.: suggestion für »Vorschlag«) laden dazu ein, eine bestimmte Richtung einzuschlagen. Der Therapeut achtet auf die Auswirkungen seiner Leading-Schritte und vergewissert sich immer wieder im Anschluss durch Pacing, wie weit der Patient den gegebenen Impulsen gefolgt und mitgekommen ist. Er holt ihn nach jeder Veränderung wieder ab.

Insofern sind Pacing und Leading untrennbar miteinander verwoben. Leading basiert immer auf Pacing, und jedes Pacing enthält immer auch Aspekte von Leading. Denn Patient und Therapeut können niemals in allen Aspekten übereinstimmen. Insofern sind Pacing und Leading nur theoretisch-didaktisch voneinander zu trennen. Als zirkulärer Prozess treten sie immer simultan auf. Der Therapeut nimmt abwechselnd Pacing oder Leading in den Vordergrund, wodurch das jeweils andere in den Hintergrund tritt.

Gelingendes Pacing ist ein Prozess, in dem Verstehen und Verständigung wie von selbst geschehen. Pacing ist Ausdruck von Resonanz und stellt sie her. Ganz automatisch ahmen wir Bewegungen und Körperhaltungen von Menschen nach, auf die wir uns einstimmen und mit denen wir in intensivem Austausch sind.

Bei der Mitteilung von schlechten Nachrichten könnten beispielsweise in einer bestimmten Phase des Gesprächs die Beteiligten mit nach vorn geneigten Oberkörpern und hängenden Köpfen, kaum mehr atmend und verstummend zu Boden blicken. Niedergeschlagenheit und Schwere sind für alle spürbar. Alle sind mit ihr und miteinander in Resonanz. Es wirkt verbindend, dies für einige Augenblicke zuzulassen und gemeinsam auszuhalten. Das wäre ein Beispiel für Pacing.

Im Sinne des NURSE-Schemas könnte einer der Behandler in einem nächsten Schritt versuchen, ein Wort für das geteilte Gefühl zu finden, das im Idealfall durch ein Nicken bestätigt wird. Das wäre ein erstes Leading (engl. für »Führen«). Dann könnte der das Gespräch leitende Arzt im Sinne der Achtsamkeitspraxis beispielsweise seine Fußsohlen am Boden spüren, um sich wieder zu erden, einen tiefen Atemzug nehmen und dabei seinen Oberkörper aufrichten. Das wäre ein nonverbaler Leading-Schritt.

Bei einem guten Rapport folgt der Gesprächspartner ganz automatisch und verändert seinerseits die Körperhaltung. Anschließend trägt vielleicht auch ein bestätigender und ermutigender Augenkontakt weiter zur Co-Regulation bei und lässt das Erregungsniveau weiter sinken. Dadurch kann sich das zuvor eingeengte Aufmerksamkeitsfeld wieder erweitern und sich auch das weitere Vorgehen mit einer erhöhten Aufnahmebereitschaft auf Ressourcen und Lösungen richten.

In der Hypnose wird Pacing – das Abholen des Patienten – oft nur als Voraussetzung dafür gesehen, ihn möglichst effizient in Richtung seiner Ziele zu führen (Leading). Pacing in dieser Form auf seine Funktion als Voraussetzung für das Wirksamwerden von Suggestionen in Leading-Prozessen zu reduzieren, wird seinem Wert aber keineswegs gerecht. Vielmehr ermöglicht das spiegelnde Angleichen in körperlich-emotionalen Dimensionen eine Einfühlung im engen Wortsinn und damit Resonanzerleben.

Voraussetzung für Pacing ist die eigene Präsenz und die Zuwendung zum Patienten. Das wiederholte Abholen des Patienten in seiner Welt und seinem Wertesystem signalisiert Wertschätzung und Empathie. Pacing dient dazu, den Patienten zu verstehen und seinerseits von ihm verstanden zu werden, indem man sich ihm innerlich und äußerlich ähnlich macht (Weerth 2005). Pacing in diesem Sinne ist der Weg, um mit dem Patienten in Resonanz zu kommen.

5.6Zweite Pyramidenstufe – Perspektivenwechsel: Annäherungsziele statt Vermeidung, die Kraft von Suggestionen nutzen

Eine therapeutische Allianz kann geschmiedet und tragfähig werden, wenn einerseits eine vertrauensvolle Beziehung zum Behandler, andererseits eine Übereinkunft über die angestrebten Ziele und die dafür eingesetzten Mittel besteht (Bordin 1979). Das gilt für die Psychotherapie ebenso wie für alle anderen Therapieformen im medizinischen Bereich.

Auf der zweiten Stufe unseres Pyramidenmodells geht es darum, einen Perspektivenwechsel anzuregen (Abb. 5). In der Medizin richtet sich alle Aufmerksamkeit auf das, was bekämpft und beseitigt werden soll, auf die Krankheit und ihre Symptome, insbesondere bei Krebs. Die medizinischen Ziele dieses Kampfes sind Vermeidungsziele, das heißt, etwas Negatives soll möglichst vollständig beseitigt werden. Dabei hält jeder noch so kleine verbliebene Rest die Aufmerksamkeit weiterhin gefangen, was Stress und Leiden hervorruft oder aufrechterhält. Dem Geist der hypnosystemischen Therapie entspricht es jedoch viel mehr, lohnende Ziele zu finden – sogenannte Annäherungsziele – und sich Schritt für Schritt auf sie zuzubewegen, anstatt nur auf die Verringerung von Negativem zu achten. Um individuell angemessene Annäherungsziele zu ermitteln und sich ihnen anzunähern, nutzt die Hypnotherapie in ausgefeilten Vorgehensweisen ganz bewusst und gezielt die Kraft der Suggestion – im Kontext formaler Trancen, aber ebenso in der »Alltagskommunikation«. Diesem Schwerpunkt widmet sich der folgende Abschnitt.

Abb. 5: Pyramidenmodell mit den Stufen einer therapeutisch wirksamen Kommunikation – die zweite Stufe

5.6.1Zuversicht vermitteln – weg von Vermeidungszielen, hin zu Annäherungszielen

Die Aufforderung, nicht an den sprichwörtlichen rosaroten Elefanten zu denken, bewirkt in der Regel, dass man an nichts anderes mehr denken kann als an eben dieses ungewöhnliche Tier. Der Versuch, bestimmte Gedanken oder Dinge zu vermeiden, führt meist zum Gegenteil dessen, was angestrebt wird. Jede diesbezügliche Anstrengung bindet und verstärkt die Konzentration auf das zu Vermeidende – denn Energie folgt der Aufmerksamkeit. In der psychoonkologischen Begleitung liegt die Problematik darin, dass leidende Menschen ihr Leiden und dessen Ursachen verständlicherweise beseitigen und/oder vermeiden wollen. Mit diesem Anliegen suchen sie Hilfe.

Bei einer wirksamen Schmerztherapie kann das Denkmodell, Vermeidungsziele durch ursächliche Bekämpfung des Leidens zu erreichen, durchaus zum gewünschten Effekt führen. Das gilt sowohl für die Perspektive der Ärzte als auch der Patienten. Dass es aber auch hier weiterführen bzw. notwendig werden kann, Annäherungsziele zu finden, zu formulieren und zu verfolgen, wird unter anderem in unserer Patientengeschichte »Eiskühle – statt wie mit dem Arm über einen Kaktus mit tausend Stacheln fahren« (S. 204 ff.) ausgeführt.

In der Psychotherapie ist das Formulieren und Verfolgen von Annäherungszielen generell sinnvoller und erfolgversprechender (Grawe 2004). Es führt weiter, sich darauf zu fokussieren und in der Therapie zu lernen, mit einer definierten Herausforderung immer besser umzugehen, anstatt keine Angst mehr vor etwas Bestimmtem haben zu wollen. Um diesen Weg einzuschlagen und durch Leading-Schritte unterstützt gemeinsam zu gehen, ist es zuvor unabdingbar, das bisherige Leiden und die bisherigen Bewältigungsversuche zu würdigen (vgl. Brunner 2016).

Vermeidungsziele oder Antiziele sind nie nachhaltig und endgültig erreichbar. Selbst wenn ein Problem erfolgreich abgewehrt oder gar beseitigt werden konnte, bleibt immer offen, ob es nicht irgendwie doch wieder auftaucht. Man kann nie ganz sicher sein. Vermeidungsziele entspringen Erfahrungen von Angst und Leiden. Sie sind mit einer Aktivierung der Stressachse verknüpft, mit der Aktivierung von archaischen psychoneurophysiologischen Mustern von Kampf oder Flucht, von neuronalen Netzwerken, welche die menschliche Spezies und ihre Vorfahren im Rahmen ihrer Evolution entwickelten. Die Aktivierung des sogenannten Behavioralen Inhibitionssystems (BIS) führt zu einer Einengung der Aufmerksamkeit auf den Feind bzw. die Gefahr (Abb. 6; Näheres auf S. 223 ff.). Man ist dann ständig auf der Hut, sucht nach Hinweisen auf mögliche Gefahren, indem man permanent jene Felder abscannt, wo sie drohen. Das kostet und bindet Energie. Diese Einengung verhindert, dass wir Positives wahrnehmen.

Annäherungsziele sollten grundsätzlich erreichbar sein, auch wenn sie noch in weiter Ferne liegen, wie beispielsweise das Ziel, wieder ganz gesund zu werden. Eine Hinwendung zu Annäherungszielen darf keineswegs mit dem Motto »Denke positiv, und alles wird gut« verwechselt werden. Diese Verheißung ist kontraproduktiv und wird in der Regel zu Ent-Täuschungen führen, wenn sich die Aktivität auf das Wunschdenken beschränkt. Manchmal kann aber auch ein »unrealistisches« Hoffen und Wünschen zur Ressource werden.

Abb. 6: Annäherungsziele und Vermeidungsziele (modifiziert nach Brunner 2017)

Auf dem Weg zu Annäherungszielen ist es von wesentlicher Bedeutung, dass jeder kleine Schritt weiterführt: Ein Weg von tausend Schritten bis zum Ziel beginnt bekanntlich mit dem ersten Schritt. Dann folgt der nächste und wieder der nächste – wohin und über welche Umwege er auch immer führen mag. Ob man sich dem Ziel tatsächlich nähert (oder sich von ihm entfernt), lässt sich erkennen, wenn man Zwischenziele erreicht, oder daran, dass man selbst bei starken Schwankungen eine Tendenz in die gewünschte Richtung bemerkt. Wenn man sich kleinen oder großen Zielen nähert oder sie erreicht, tauchen positive Emotionen auf, insbesondere wenn die gewünschten Veränderungen die Erwartungen übertreffen oder sich überraschend schnell einstellen. Diese Erfahrungen sind mit der Aktivierung neuronaler Netzwerke des Belohnungssystems bzw. des Behavioralen Aktivierungssystem (BAS; Abb. 6; Näheres auf S. 223 ff.) verknüpft. Dessen Aktivierung erweitert das Aufmerksamkeitsfeld, wodurch auch jene Informationen, die auf Verbesserungen, Erfolge und die Erfüllung wesentlicher Bedürfnisse hinweisen, wieder wahrgenommen werden können. Damit steigen die Chancen, zur Ruhe zu kommen und Zufriedenheit zu empfinden – zumindest für eine Weile.

Eine zentrale Aufgabe für eine therapeutisch wirksame Kommunikation liegt darin, die Aufmerksamkeit des Patienten auf positive Ziele zu lenken und individuelle Assoziationsfelder für das Behaviorale Aktivierungssystem (BAS) zu erschließen. Dies ist dann schwierig und eine Herausforderung, wenn durch die Aktivierung der Stressachse der Einfluss des Vermeidungssystems (BIS) mit psychophysiologischen Kampf-Flucht-Mustern oder mit dissoziativen Tendenzen zur Bewältigung leidvoll-überwältigender Erfahrungen dominiert.

Wenn es aber zumindest zeitweise gelingt, die Aufmerksamkeit des Patienten auf positive Ziele zu lenken, können Vermeidungsziele – die »rosa Elefanten« – bereits ein Stück in den Hintergrund rücken. Menschen vermögen die Fokussierung auf die Gefahr zumindest für kurze Zeit loszulassen, wenn sie sich ausreichend sicher oder gesichert fühlen. Ein resonanzbasiertes Beziehungsangebot trägt genau dazu wesentlich bei.

Die Hypnotherapie1 stellt ein großes Repertoire an Möglichkeiten zur Verfügung, sich auf die Suche nach Annäherungszielen zu begeben, wie die Wunderfrage (de Shazer 1988): Stellen Sie sich vor, es ist ein Wunder geschehen. Woran würden Sie dies am ehesten merken? Man kann sich dann in Trance vorstellen, dass man das Ziel bereits erreicht hat, und es im Wortsinne hautnah erleben. Anschließend könnte man beispielsweise herausfinden, welche eigenen Fähigkeiten es einem ermöglicht haben, auf dem Weg zu diesem Wunder den letzten Schritt zu gehen, den vorletzten usw. zurück bis zum ersten, kleinen Schritt in diese Richtung.

Die Erfahrung, wohltuende Zielzustände erreichen zu können, stärkt die Selbstwirksamkeitserwartung und erweitert die Aufmerksamkeit. Mit dem Zugang zu positiven Assoziationsfeldern können weitere Möglichkeiten und Ressourcen wahrgenommen und oft auch realisiert werden. Eine nach oben führende, immer weiter werdende Spirale kommt in Gang (S. 43). Das im Perspektivenwechsel des Patienten weg von leidvollen hin zu stärkenden Erfahrungen liegende Potenzial wird auf den obersten Stufen der Kommunikationspyramide in Hypnose und Selbsthypnose noch weiter und vertiefend ausgeschöpft (Abschn. 7.3).

Die Fragen, die man stellen kann, um Annäherungsziele zu finden, lassen sich im Feld der lösungsorientierten Therapien vielerorts nachlesen (z. B. bei Willutzki u. Teismann 2013). Aus hypnosystemischer Sicht geht es darum, dem Patienten durch diese Fragen zu einer persönlichen Recherche zu veranlassen, die man gemeinsam dialogisch gestaltet, bis beide mit dem Gefundenen zufrieden sind. Es empfiehlt sich, diese Fragen in einem inneren Zustand zu stellen, in dem das Annäherungssystem bereits so weit aktiviert ist, dass der Patient bereit und in der Lage ist, entsprechende Suchprozesse in dieser Richtung zu starten. Manchmal gelingt eine Aktivierung des BAS allein schon durch die mittels Fragen erzielte Umfokussierung der Aufmerksamkeit (Abschn. 7.3.3).

Für viele Menschen – insbesondere für Ärzte, die ihre Aufgabe primär darin sehen, den »Krebs« zu bekämpfen – ist es nicht nur ungewohnt, Annäherungsziele zu formulieren. Sie sind durch ihren gewohnten Fokus auf Probleme und deren Bekämpfung oft auch selbst so eingeengt, dass ihnen diese Umfokussierung sehr schwer fällt. So werden vermutlich alle, die keinen Kurs für therapeutische Kommunikation besucht haben, Formulierungen verwenden wie »Das tut jetzt nicht weh!« oder »Sie brauchen keine Angst zu haben!«. Sie sind sich in der Regel nicht bewusst, dass die von ihnen geweckte Vorstellung von »Weh« und »Angst« ziemlich große rosa Elefanten sind. Wenn man mit den entsprechenden Konzepten vertraut ist, wird man mit dem Ziel der Umfokussierung der Aufmerksamkeit weg von »Weh« oder »Angst« anders fragen: »Wo wären Sie jetzt gerne?« oder »Was würden Sie am liebsten machen, wenn es Ihnen wieder besser geht?«

Die Einladung zu einer Hypnoseerfahrung könnte lauten: »Glauben Sie, dass Sie jetzt erleben können, was Sie am liebsten machen würden?«. Unabhängig davon, ob sich an Krankheit und Symptomen etwas verändern lässt, kann man dem salutogenetischen Konzept des Kohärenzsinns folgend auch erheben, was ein Gefühl von Handhabbarkeit und Verstehbarkeit fördern und dazu beitragen könnte, ein Gefühl dafür zu entwickeln, dass sich das Engagement lohnt. In einer Psychotherapie kann man zudem gemeinsam gründlich erforschen, was die Resilienz der Betroffenen fördert und, vor allem, was ihre Lebendigkeit weckt und sie zum Aufblühen bringt (S. 50 f.).

5.6.2Die Kraft der Suggestion und ihr Einsatz in der Psychoonkologie

In der Hypnotherapie ist ein Prinzip zentral handlungsleitend: das Prinzip Kooperation. In der praktischen Umsetzung dieses Prinzips lässt sich alles, was der Patient, aber auch der Therapeut in die Therapie mitbringt, auf irgendeine Weise zieldienlich einsetzen und nutzen – utilisieren, wie man das in der Hypnotherapie nennt (Abschn. 6.2.2). Unser Modell bezieht sich bei der Unterstützung von Veränderungsprozessen insbesondere auf zwei Punkte:

•Zunächst sei der zieldienliche Einsatz von Suggestionen genannt, wie er in der Regel mit Hypnose verknüpft wird. Utilisiert wird dabei die Suggestibilität des Patienten als Fähigkeit und Bereitschaft, Suggestionen anzunehmen und umzusetzen. Viele störungsspezifische »Tools« stellen das Wirkprinzip der Suggestion in den Vordergrund, als ob man nur die richtige Suggestion finden müsse, um ein Symptom zum Verschwinden zu bringen.

•Wir betonen darüber hinaus die Möglichkeit, in bestimmten Bewusstseinszuständen mithilfe unbewusster Prozesse individuelle Ziele und Lösungen zu finden. Dabei wird die Kreativität des sogenannten Unbewussten und das in ihm gespeicherte »Wissen« utilisiert sowie seine Kooperation gewonnen.

Ein hypnosystemisches Vorgehen vereint beide genannten Aspekte. Suggestionen im Sinne von Vorschlägen und Einladungen unterstützen Patienten dabei, Zugang zu ihren kreativen Potenzialen zu finden und diese zu nutzen. Der folgende Abschnitt widmet sich der Kraft und Macht von Suggestionen – unabhängig davon, ob sie im klinischen Alltag oder im Kontext eines Hypnoserituals erfolgen.

Für die Onkologie und insbesondere die Psychoonkologie ist entscheidend, dass die Suggestibilität von Patienten unter bestimmten Umständen erhöht und manchmal sogar extrem hoch ist. Dies kann auf mehreren Wegen erklärt werden: Ein Krankenhausaufenthalt mit einer Operation oder die Vorbereitung auf einen Eingriff rufen oft allein schon aufgrund der emotionalen Belastung Zustände hervor, die Kriterien einer Tranceerfahrung erfüllen. Auch Aufklärungsgespräche oder Visiten können als tranceinduzierende Rituale verstanden werden: Die Aufmerksamkeit ist dabei maximal auf die Aussagen bestimmter Personen fokussiert und eingeengt. Die Worte werden ihnen gleichsam vom Mund abgelesen. Diese Situationen sind zudem emotional hochgradig aufgeladen, und den die Aussagen treffenden Personen werden Autorität und Fachkenntnis zugeschrieben. Selbst in Zuständen von Verwirrung finden oft einzelne Sätze von Ärzten Zugang zum Patienten und brennen sich tief in dessen Bewusstsein ein oder entfalten als Suggestionen unbewusst ihre Wirkung. Das ist insofern erschreckend bzw. klinisch und therapeutisch relevant, als auch negative Aussagen von Ärzten suggestiv wirken können. Es besteht die Gefahr, dass Patienten den Suggestionen – so wie sie bei ihnen angekommen sind bzw. verstanden wurden (!) – im Sinne eines Nocebos oder gar einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung folgen (Abschn. 5.6.3).

Ein uns wichtiges Anliegen besteht darin, allen in der Onkologie Tätigen die Macht ihrer Worte bewusst zu machen, damit sie sorgsam mit ihren Aussagen umgehen. Die hypnosystemische Therapie kann mit ihrem Wissen und ihrem Vorgehen dazu beitragen, diese Macht der Suggestion sowohl zum Wohle der Patienten zu nutzen als auch einen möglichen Schaden durch Noceboeffekte zu minimieren.

Im deutschen Sprachraum ist der Gebrauch des Wortes Suggestion mit der autoritären Anwendung von Hypnose verknüpft und weckt oft Vorstellungen von Macht, Unterordnung und Gehorsam und damit auch Ängste vor Kontrollverlust. Dies sind allesamt Assoziationen, die im Kontext moderner Psychotherapie problematisch und im Hinblick auf die professionelle Hypnotherapie im psychoonkologischen Kontext völlig fehl am Platz sind. Die erstaunliche Wirksamkeit von Suggestionen wurde in den Anfängen der Hypnose und wird vor allem von Laien auch heute noch besonderen Kräften des Hypnotiseurs zugeschrieben.

Im Gegensatz dazu geht die moderne Hypnotherapie davon aus, dass die Fähigkeit, »von außen« gegebene Suggestionen umzusetzen, im Individuum zu lokalisieren ist, und betont die Kooperation zwischen Behandler und Patient auf Augenhöhe. Wenn im Bereich der Medizin in der klinischen Hypnose auch heute noch mit autoritären Formen der Hypnose gearbeitet wird, so »utilisiert« dies vor allem eine mit dem alten Bild der Hypnose verknüpfte Erwartungshaltung.

Die moderne Hypnotherapie vertritt daher ein anderes Verständnis von Suggestion. Es entspricht mehr dem, was das Wort »suggestion« im angloamerikanischen Sprachraum bedeutet: eine zurückhaltende Art der Kommunikation, die man am ehesten mit Anregung, Vorschlag oder Einladung übersetzen kann.

In einem umfassenderen Sinn verstehen wir unter Suggestion jede Form der Fokussierung von Aufmerksamkeit als Einladung, auf einen bestimmten Aspekt einer Erfahrung oder auf Möglichkeiten zu achten.

Bezogen auf unser Modell werden Suggestionen dann auf eine gesundheitsfördernde Weise wirksam, wenn sie wünschenswerte Ziele in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken und das Behaviorale Aktivierungssystem ansprechen und aktivieren. Insofern bildet die Formulierung von Annäherungszielen die Basis und den Ausgangspunkt für den positiven Einsatz der Kraft der Suggestion.

In der Literatur finden sich umfangreiche Hinweise und Anleitungen, Kommunikation auf eine Weise zu gestalten und Worte so zu wählen, dass sie ihre suggestive Kraft zum Wohle des Patienten entfalten können (Arnon 2016 u. a.). In der Medizin erfordert dieses Vorgehen ein radikales Umdenken, da die gewohnten Routineformulierungen Vermeidungsziele thematisieren und damit die Aufmerksamkeit genau auf die Probleme fokussieren, die man zu beseitigen sucht. Und die Energie folgt der Aufmerksamkeit.

5.6.3Placeboeffekte nutzen, Noceboeffekte minimieren

Das Placebo hat einen schlechten Ruf – zu Unrecht, wie wir im Folgenden zeigen wollen. In der Pharmaforschung ist es ein »Scheinmedikament«, das meist aus Milchzucker besteht und keinen aktiven Wirkstoff enthält. Äußerlich lässt es sich vom »Verum«, dem »wahren« Medikament mit dem Wirkstoff, nicht unterscheiden. In Doppelblindstudien dienen Placebos dazu, ihre Wirkung mit jener der zu prüfenden Medikamente zu vergleichen, um deren Überlegenheit zu beweisen. Denn nur dann werden Prüfmedikamente zugelassen. Das Studiendesign beruht auf der Annahme, dass es neben dem im Medikament enthaltenen Wirkstoff noch andere Faktoren gibt, die zu dessen Wirkung beitragen.

Einige dieser Faktoren werden als Kontextfaktoren zusammengefasst. Sie beinhalten das Klima und die Atmosphäre, in der das Medikament seine Wirkung entfalten soll, die Erwartungen des Patienten, Beziehungsfaktoren, aber auch Erwartungen des Arztes. Deshalb ist in Doppelblindstudien auch der Arzt »blind« dafür, ob er dem Patienten das Placebo oder das zu prüfende Medikament verabreicht. Die Psychotherapie hat die Bedeutung dieser »common factors« (Wampold Imel u. Flückiger 2018), der »unspezifischen oder allgemeinen Wirkfaktoren«, erkannt. So versuchen Hypnotherapie und eine resonanzbasierte Medizin genau diese Faktoren gezielt im Sinne der Patienten zu nutzen.

Nach der Logik der Pharmastudien wird der Placeboeffekt nach dem Ausschlussprinzip hingegen negativ definiert, nämlich als alle Wirkungen, die nicht auf den Wirkstoff zurückzuführen sind. Die Bezeichnung als »Effekt« eines Placebos ist insofern in sich widersprüchlich und eigentlich unsinnig, als es nicht das definitionsgemäß unwirksame »Scheinmedikament« sein kann, das wirkt. So wurde dafür plädiert, das Wort Placeboeffekt durch eine treffendere Bezeichnung zu ersetzen (Moerman a. Jonas 2002).

Positiv definiert sind Placeboeffekte therapeutische Wirkungen, »die aufgrund der Bedeutung zustande kommen, die eine Intervention für eine Person hat« (Walach u. Sadaghiani 2002, S. 333).

Diese Definition betont den Aspekt der Bedeutungsgebung durch den Patienten, aber ebenso durch die Behandler. In die gleiche Richtung weist die Forderung, den Placeboeffekt in »meaning response« umzubenennen – als Reaktion bzw. Antwort auf die Bedeutung, die der Patient dem Medikament oder einer spezifischen Intervention verleiht (Moerman a. Jonas 2002).

Neben der Bedeutungsgebung und den mit der Verschreibung und Einnahme eines Medikaments verbundenen Erwartungen tragen noch andere Faktoren zu dessen Wirkung bei. Verabreicht ein Arzt eine Substanz, impliziert das zumindest drei Dinge: Er versteht und weiß, woran der Patient leidet. Es gibt ein Mittel gegen das Leiden – und es wirkt nach der Einnahme. Allein schon diese in den Implikationen enthaltenen Suggestionen prägen das subjektive Krankheitskonzept (S. 117 ff.).

Auch klassische Konditionierung im Pawlowschen Sinn spielt eine Rolle. Erlebt ein Organismus wiederholt, dass die Gabe eines Medikaments zur Linderung eines Symptoms führt, reagiert er mit der Zeit allein auf den mit der Wirkung verknüpften Stimulus. In der Onkologie wird die Macht konditionierter Reaktionen bei der Gabe von Chemotherapien deutlich, wenn allein schon das Aufsuchen der Behandlungsräume oder ein Geruch, der mit einem bestimmten Gefühl im Bauch verknüpft ist, Übelkeit auslöst. Auch um solchen Konditionierungen vorzubeugen, ist es wichtig, schon von Beginn an Nebenwirkungen möglichst zu minimieren.

Wenn die Gabe einer Arznei oder die Anwendung einer Technik in körperlich spürbare – verkörperte – Handlungen oder gar in ein Ritual eingebunden ist, werden heilungsfördernde Reaktionen ausgelöst, die in der Evolution und unserer Kulturgeschichte entwickelt wurden. Diese organismischen Reaktionen werden als »self-healing response«, als Selbstheilungsreaktion, zusammengefasst. In der individuellen Lerngeschichte sind vielleicht Erfahrungen auch körperlich gespeichert (verkörpert oder »embodied«), etwa wenn der Schmerz durch das spürbare Pusten der Mutter auf das aufgeschürfte Knie plötzlich wie weggeblasen war. Daran erinnern Jahre später auch eine Behandlung durch einen mitfühlenden Menschen, eine verabreichte Arznei und schließlich »Worte als Arzneien« und ein wohlwollender Blick (Thompson, Ritenbaugh a. Nichter 2009).

Genau darin, in der Auslösung einer solchen »self-healing response«, im Triggern von Prozessen der Selbstheilung, liegen der Wert und die Bedeutung von Placebos oder genauer die Bedeutung des Wissens und der Nutzung jener Faktoren, die all das bewirken, was als Placeboeffekt beschrieben wird.

Beispiele für Selbstheilungskräfte finden sich auf vielen Ebenen: auf molekularer Ebene bei DNA-Reparaturmechanismen, beim Schutz des Zellkerns durch Pigmente vor Strahlung, in der Wirkung des Immunsystems bei der Abwehr von Infektionen und Krebs. In der Haut werden sie bei der Wundheilung offensichtlich. Selbstheilungskräfte zeigen sich aber auch bei physiologischen Selbstregulationsprozessen, bei der Heilung psychischer Wunden, interpersonal bei der Heilung von Kränkungen in einer Beziehung und auf der sozialen Ebene bei der Bekräftigung der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft in Heilungsritualen vieler Völker.

Der Unterstützung von Selbstheilungskräften bei Krebs widmet sich ein eigener Abschnitt dieses Buches (Abschn. 7.5). Bei der Frage nach einem näheren Verständnis von Selbstheilungskräften landen wir bei der Dynamik komplexer Systeme und deren Selbstorganisation (Abschn. 6.2.5).

Die Medizin tendiert allerdings immer noch dazu, die spezifischen Wirkungen von Interventionen zu überschätzen und die unspezifischen als Placeboeffekte abzutun. Das betrifft sowohl Medikamente und Operationen als auch die psychotherapeutische Behandlung.

Im Mittelalter wurde das Verhältnis zwischen Tradition und modernen Erkenntnissen mit Riesen verglichen, auf deren Schultern Zwerge stehen. Dieses Bild findet sich in den Fenstern der Kathedrale von Chartres. So könnte man auch die spezifischen Effekte mit Zwergen und die unspezifischen mit Riesen vergleichen (Walach 2001). Die Zwerge können nur so weit sehen, weil sie auf den Schultern der Riesen stehen. Es kann zwar sinnvoll sein, die Größe der Zwerge zu vermessen. Es ist aber kurzsichtig zu meinen, man erfahre bei dieser Messung etwas darüber, wie weit eine bestimmte Therapie reicht. Dazu muss man die Gesamtgröße kennen: Zwerg plus Riese. Nach unserem Verständnis macht das resonanzbasierte Vorgehen den Riesen aus. Und der Zwerg braucht den Riesen bzw. seine Schultern als Basis. Ohne ihn kann er nichts bewirken.

Es ist zu hoffen, dass sich die folgende Erkenntnis nicht nur in der Psychoonkologie immer mehr durchsetzt:

Bei jeder medizinischen Maßnahme tragen unspezifische Effekte wesentlich zu deren Wirkung bei.

Ein Fallbericht über den Placeboeffekt im onkologischen Bereich stammt aus den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts (Klopfer 1957):

Damals wurde eine neue Substanz namens Krebiozen in den Medien als Wundermittel angepriesen. Ein Patient mit einem fortgeschrittenen Lymphom und infauster Prognose setzte mit allen Mitteln durch, an einer klinischen Studie zur Erforschung dieser Substanz teilzunehmen, obwohl er die strengen Einschlusskriterien nicht erfüllte. Nach zehn Tagen schrumpften seine Tumore so sehr, dass seine Behandlung beendet werden konnte.

Zwei Monate später erfuhr der Patient jedoch, dass die Studie, an der er teilgenommen hatte, entmutigende Ergebnisse geliefert hatte. Kurz darauf wuchsen die Tumore erneut in lebensbedrohlicher Weise. Im Wissen um eine mögliche Placebowirkung informierte ihn sein Arzt, dass die erste Charge des in der Studie verwendeten Medikaments nicht in Ordnung gewesen sei und dass er nun eine wirksame Charge zur Verfügung habe. Der Arzt injizierte ihm eine Kochsalzlösung mit der Information, dass er jetzt frisches, intaktes Krebiozen bekäme. Daraufhin erfolgte wiederum eine dramatische Remission der Lymphome. Doch nachdem der Patient das endgültige Ergebnis der Studie erfahren hatte, dass sich das Medikament für die Behandlung von Krebs als wertlos erwiesen habe, verstarb er innerhalb kurzer Zeit an einem Rezidiv.

In Pharmastudien berichten Patienten, die das Placebo bekommen, nicht nur über erwünschte, sondern auch über unerwünschte Wirkungen. Dieses Phänomen benannte man in Analogie zum Placeboeffekt als Noceboeffekt. Erwartungen können somit auch schädliche Auswirkungen haben. Auch diese Erwartungen speisen sich aus den unterschiedlichsten Quellen. Es gilt, derartige Einflüsse zu minimieren, seien es nun Aussagen von Behandlern oder Informationen aus dem Internet oder Annahmen der subjektiven Krankheitskonzepte. Oft besteht nur die Option, bestimmte Aussagen zu relativieren, indem z. B. für die Formulierungen eines Arztes der Kontext oder eine mögliche gute Absicht beleuchtet werden. Am besten ersetzt man solche wirksamen Negativsuggestionen durch positive Suggestionen mit einem möglichst ausgeprägten Placeboeffekt. Der vornehmste Weg ist jener der Prophylaxe. Möge unser Buch also dazu beitragen, dass sich die Leser der Macht der Suggestion und der Kontextfaktoren bewusst werden und möglichst Aussagen und Handlungen unterlassen, die das Risiko eines Noceboeffekts beinhalten.

Darüber hinaus ist die folgende Grundregel zwischenmenschlicher Kommunikation zu beachten:

Für den Inhalt und die Interpretation einer Botschaft ist letztendlich das Empfängersystem entscheidend.

Bei aller Klarheit und Qualität einer ausgesandten Botschaft ist darum auf mögliche Missverständnisse zu achten, die als Nocebo wirken. Eine resonanzbasierte therapeutische Kommunikation beinhaltet gegebenenfalls auch Zuwendung und Angebote, für einen Austausch zur Verfügung zu stehen, der auf ein klar mitgeteiltes und somit geteiltes und möglichst gemeinsames Verständnis abzielt.

5.7Dritte Pyramidenstufe – Prinzip Kooperation: Dialog zweier Experten

In der Patientenversorgung folgen auf die Wegstrecke von Abklärung und Aufklärung in der Regel Entscheidungen über angemessene Therapiemaßnahmen und das weitere Vorgehen. So widmet sich die dritte Stufe der Pyramide der Entwicklung eines Gesamttherapiekonzepts auf der Basis einer therapeutisch wirksamen Kommunikation (Abb. 7).

Abb. 7: Pyramidenmodell mit den Stufen einer therapeutisch wirksamen Kommunikation – die dritte Stufe

Es gibt unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie diese Entscheidungen getroffen werden sollten, und unterschiedliche Wege, wie sie letztendlich zustande kommen. Der von uns präferierte Weg sieht diesen Entscheidungsprozess – dem hypnotherapeutischen Prinzip der Kooperation folgend – als Dialog zweier Experten auf Augenhöhe:

•Der Behandler ist dabei Experte für das Krankheitsbild – auf der Grundlage wissenschaftlich gesicherter Evidenz und klinischer Erfahrung.

•Der Patient ist der Experte für sein eigenes subjektives Kranksein.

Wir verstehen das gemeinsame Entwickeln eines Gesamtbehandlungskonzepts ebenso wie Abklärung und Aufklärung als einen Prozess, in dem immer wieder Anpassungen an die jeweiligen, sich stets verändernden Gegebenheiten notwendig sind.

5.7.1Wege zur Entscheidungsfindung

Aus rechtlichen und ethischen Gründen bedarf es zu jeder diagnostischen und therapeutischen Maßnahme der Einwilligung des Patienten. Der Weltärztebund hat zudem 2017 auf seiner 68. Generalversammlung das Genfer Gelöbnis – die moderne Form des hippokratischen Eides – überarbeitet. Darin wird der Respekt vor Autonomie und Würde des Patienten ausdrücklich ergänzt (Parsa-Parsi u. Wiesing 2017).

Patienten zu motivieren und zur Kooperation zu gewinnen ist die Voraussetzung für die in der Onkologie oft eingreifenden, langwierigen und aufwendigen Therapien. Beides erleichtert zudem den Therapieprozess und erhöht dessen Erfolgschancen. Zum Ausmaß, in dem Patienten in die Entscheidungsfindung einbezogen werden, lässt sich ein Kontinuum beschreiben:

•Am einen Pol steht das paternalistische Modell, bei dem der Arzt seiner »apostolischen Funktion« (Balint 2019) folgend das Für und Wider einer Therapie einschätzt und allein entscheidet.

•Den anderen Pol bilden Modelle des informierten Entscheidens, die auf der Basis der vom Arzt vermittelten oder aus anderen Quellen vorliegenden Informationen eine autonome Entscheidung des Patienten ermöglichen.

Am bekanntesten ist das Modell des »shared decision-making« (SDM), das im Deutschen als partizipative Entscheidungsfindung (PEF) bezeichnet wird. Fach- und indikationsspezifische Stellungnahmen unterstützen diese Entscheidungsprozesse, wie z. B. jene der multinationalen Initiative »choosing wisely« (Richter-Kuhlmann 2015). Letztere enthalten auch Hinweise darauf, auf welche Maßnahmen man nach heutigem Wissen verzichten kann.

Partizipative Entscheidungsfindung (PEF)

Partizipative Entscheidungsfindung (PEF; engl. shared decision-making, SDM) ist als interaktioneller Prozess definiert. »Es braucht zwei zum Tangotanzen«, ist ein Artikel zum SDM betitelt (Charles, Gafni a. Whelan 1997). PEF zielt darauf ab, dass Arzt und Patient eine gemeinsame, partizipative Entscheidung finden, die auf geteilten Informationen und der besten verfügbaren Evidenz beruht.

Im Rahmen dieses Prozesses unterstützt der Arzt seinen Patienten dabei, die Risiken und Vorteile unterschiedlicher diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen abzuwägen und dabei zu einer wohl informierten Entscheidung zu kommen. PEF stärkt das wechselseitige Verständnis und somit die Beziehung zwischen Arzt und Patient, indem sowohl Informationen als auch individuelle Präferenzen ausgetauscht werden, damit sie im Prozess des gemeinsamen Abwägens berücksichtigt werden können.

Das Modell der partizipativen Entscheidungsfindung postuliert, dass es im Interesse des Patientenwohls und einer von gegenseitigem Respekt getragenen Partnerschaft von Arzt und Patient liegt, gemeinsam zu entscheiden und gemeinsam Verantwortung zu tragen. Dies beinhaltet, die wesentlichen Informationen zu teilen. Es bleibt der Bereitschaft, dem Engagement und den kommunikativen Fertigkeiten des Arztes überlassen, die Präferenzen des Patienten herauszufinden – die Art der für ihn notwendigen und hilfreichen Informationen, der Vermittlung und deren Timing betreffend.

Der Arzt kann die Präferenzen des Patienten von sich aus nicht kennen. Er muss ausdrücklich nach ihnen fragen, um sein Angebot entsprechend anpassen zu können. In einer Feedbackschleife muss er darauf achten, wie seine Angebote ankommen, um sie gegebenenfalls zu modifizieren. Die Herausforderung besteht auch darin zu erkennen, wie viel Verantwortung der Patient selbst übernehmen will und kann und was er dem Arzt überlassen möchte. Nachdem der Patient über die gegebenen Therapieoptionen informiert ist und das Angebot, selbst zu entscheiden, bei ihm angekommen ist, hat er immer noch die Freiheit, seine Entscheidung an den Arzt zu delegieren. Auch das wäre eine Form von PEF, bei der die letzte Entscheidung beim Patienten liegt. Der Wunsch nach detaillierten Informationen und der Wunsch, die Entscheidung allein zu verantworten, gehen nicht immer parallel. Es gibt auch Patienten, die zwar genau informiert werden möchten, aber die Entscheidung lieber dem Arzt überlassen.

Partizipative Entscheidungsfindung bildet den Gipfel einer patientenzentrierten Medizin (Barry a. Edgman-Levitan 2012). Sie reduziert Angst und Depression, erhöht die Lebensqualität der Patienten und ihre Zufriedenheit mit der Therapie. Sie reduziert eine unangemessene Inanspruchnahme von Therapieoptionen im Sinne einer Übertherapie und trägt zur Berufszufriedenheit von Ärzten bei (Frerichs et al. 2016; Karnieli-Miller a. Eisikovits 2009).

Trotz dieser Vorteile und obwohl PEF als Goldstandard für eine qualitativ hochwertige Onkologie gilt, wird sie im klinischen Alltag nicht im wünschenswerten Maß umgesetzt. Entscheidungen werden in der Praxis eher nach dem paternalistischen Modell gefällt. In einer Studie an einer deutschen Universitätsklinik (Frerichs et al. 2016) zeigte sich: Bei klaren Präferenzen des Arztes für eine bestimmte Therapieoption bot er kaum Alternativen an. PEF kam insbesondere dann zum Tragen, wenn der Patient von sich aus den Wunsch nach mehr Partizipation äußerte. Vielfach scheinen die kommunikativen Fähigkeiten und die Zeit zu fehlen, Informationen angemessen zu vermitteln. Manche Teilnehmer der Studie berichteten trotzdem, wie wichtig es ihnen sei, sich Zeit zu nehmen und ihre Patienten nicht unter Druck zu setzen. Sie berichteten auch, dass es sich günstig auf den weiteren Verlauf ausgewirkt habe, wenn sie sich Zeit genommen hatten. Ein Teilnehmer sagte: »Ich würde schwören, wenn ich mir nur einmal die Zeit nehme, dann …« Ein anderer Teilnehmer ergänzte sinngemäß: »Dann laufen die Dinge einfach.« Die an der Studie teilnehmenden Ärzte waren sich darüber im Klaren, dass sie durch die Art der Information die Entscheidungen ihrer Patienten beeinflussen, ob sie ein bestimmtes Vorgehen wollen oder nicht. Diese Art von bewusster oder nicht bewusster bzw. expliziter oder impliziter Beeinflussung durch Suggestionen war schon Thema der Ausführungen zur zweiten Stufe unserer Pyramide der therapeutisch wirksamen Kommunikation.

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