Kitabı oku: «Die Hummerzange»
Hansjörg Schertenleib
Die Hummerzange
Ein Maine-Krimi
Roman
Kampa

Für Brigitte.
Love, life, wife.
Well I’m older now
And still runnin’ against the wind
Against the wind.
Bob Seger
1 Welle und Berg
Corinna Holder fuhr aus dem Schlaf, weil ihr im Traum ihr toter Mann Michael erschienen war und sie sich vor Schreck verschluckte. Sie blieb mit offenen Augen liegen, sah Michael aber trotzdem weiterhin vor sich: Er trieb in einem See dicht am Ufer auf dem Rücken und starrte sie an. Sie stand auf, schlüpfte in das bestickte Jeansgilet, das er ihr letzten Sommer auf dem Bluesfestival in Rockland gekauft hatte, und trat auf das Deck ihres Schlafzimmers im oberen Stock. Das Meer im Hafen von Seal Harbor war spiegelglatt, der Himmel ohne Wolke. Die Sonne hatte den Morgennebel verbrannt, der in letzter Zeit manchmal bis mittags über dem Wasser stand und in die Buchten und Nadelwälder von Spruce Head Island kroch. Die Hummerboote waren längst ausgelaufen, für die Kanus und Kajaks der Sommergäste und Touristen war es noch zu früh. Nur der Lärm der Kühlaggregate der Lastwagen und Lagerhallen von Norwood Lobster und der Gestank des Köders für die Hummerkörbe störte die morgendliche Idylle. Seit sich der Bestand erholt hatte und die Fischer mehr Hummer denn je aus der Penobscot Bay holten, wurden die Lastwagen rund um die Uhr beladen. Im letzten Jahr hatten die Arbeiter die Köder nur donnerstags aufgetaut, aber diesen Sommer stand der Gestank Tag und Nacht über der Insel.
Auf dem Deck des Nachbarcottage auf der anderen Straßenseite, das in den letzten vier Jahren drei Mal den Besitzer gewechselt hatte, saß David Byrd, ein Anwalt aus Louisiana, und sah mit dem Fernglas aufs Meer hinaus. Vielleicht hielt er nach Robben Ausschau, vielleicht nach Seevögeln, vielleicht betrachtete er die Kammlinien der Inseln Norton und Whitehead, die sich eine Seemeile entfernt aus dem Wasser erhoben und Seal Harbor vor dem offenen Atlantik schützten. Es dauerte verblüffend lange, bis David Corinna entdeckte. Er setzte das Fernglas ab, stand auf und winkte ihr zu. Als sie zurückwinkte, wandte er sich erneut dem Meer zu. David und sein Partner Jeff hatten sich bei Norwood Lobster und bei Mitgliedern des Selectboard von Spruce Head Island über den Lärm und den Gestank beschwert, waren aber mit der Erklärung abgewimmelt worden, es gebe keine Lärmschutzbestimmungen für die Insel, man könne nichts für sie tun. Also waren David und Jeff von Tür zu Tür gezogen und hatten Unterschriften gesammelt. Bis auf die Angestellten von Norwood Lobster hatten alle Bewohner von Spruce Head Island unterschrieben, geändert hatte sich bislang trotzdem nichts.
Corinna trat ins Schlafzimmer, zog das Gilet aus und legte es sorgfältig auf den Quilt, den sie im vorletzten Herbst in einem Kurs im Hotel Pemaquid genäht und im Schlaf ans Fußende des Bettes gestrampelt hatte. Michaels T-Shirt, das sie am Tag seiner Beerdigung vor neun Monaten aus dem Wäschekorb geangelt, seither als Pyjama getragen und nie gewaschen hatte, faltete sie zusammen und schob es unter ihr Kissen. Er hatte das blaue Shirt, auf das eine Palme und die Zeile »The Mountain and the Wave« gedruckt waren, vor Jahren auf einer Irlandreise gekauft.
Das Fenster des Badezimmers ging Richtung Fichtenwald hinaus, darum hatte das Licht in dem Raum einen grünen Ton, was ihr das beruhigende Gefühl gab, sich im Wald zu befinden. Sie duckte sich unter dem Spiegel weg und schaufelte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Seit Michaels Tod ertrug sie ihr Spiegelbild nur selten. Was konnte sie nicht sehen, wovor hatte sie Angst? Der Gedanke, sie könnte den Spiegel zerschlagen, schoss ihr durch den Kopf, gleichzeitig wusste sie, dass das zu dramatisch war und nicht ausdrückte, was sie empfand. Sie schlüpfte aus ihrem Höschen, warf es in den vollen Wäschekorb und betrat die Duschkabine. In ihren Ohren summte es, und ihr war leicht schwindlig, aber bis jetzt hielten sich die Symptome ihres langsamen Xanax-Entzuges in Grenzen: Sie hatte ab und zu Kopfschmerzen und Schweißausbrüche, war unsicher und schreckhaft und bewegte sich gelegentlich am Rand einer Panikattacke, aber sie hatte bisher weder Krämpfe noch Herzrasen oder Sehstörungen gehabt. Es war ihr gelungen, ihren täglichen Konsum von fünf, sechs Xanax auf eine, höchstens zwei zu reduzieren. Wer brachte einem bei, wie man trauerte, wie man alleine mit sich war und sich selbst aushielt? Sie drehte das Wasser auf und ließ es, die Stirn gegen die kühlen Fliesen gelehnt, über sich prasseln und stellte sich dabei vor, nackt im Wald zu stehen und einen Platzregen zu genießen.
Auf der Treppe hatte Corinna plötzlich den Geruch von verbranntem Menschenfleisch in der Nase. Ihr wurde schwarz vor Augen, und sie musste sich hinsetzen. Der Polizeipsychiater hatte ihr beigebracht, dass sie den Geruch und die Bilder verdrängen konnte, indem sie sich auf ihren Atem konzentrierte, sich leer machte und zu einer Hülle wurde, in der es keine Erinnerung gab, keine Bilder aus der Vergangenheit und keinen Blick in die Zukunft, einzig und allein die Gegenwart: Corinna stand nicht als Kriminalpolizistin in einem ausgebrannten Einfamilienhaus im Kanton Aargau in der Schweiz und beugte sich über vier Leichen, sie saß auf der untersten Stufe ihres Cottage in den Vereinigten Staaten von Amerika auf Spruce Head Island in Maine und sah durch die verglaste Tür am anderen Ende des Wohnzimmers aufs Meer hinaus. Corinna Holder, 57 Jahre alt, 175 Zentimeter groß, 62 Kilo schwer, kastanienbraun gefärbte schulterlange Haare, ein grünes und ein braunes Auge, Sternzeichen Skorpion, athletisch, obwohl sie nie Sport trieb, verwitwet, vorzeitig im Ruhestand, trockene Alkoholikerin, nun abhängig von Benzodiazepin.
Sie blieb sitzen, bis sich ihr Herzschlag beruhigt hatte. Dann ging sie in die Küche, füllte das Spülbecken randvoll mit eiskaltem Wasser und tauchte ihr Gesicht bis zum Haaransatz hinein, ohne die Augen zu schließen. Auch dazu hatte ihr der Polizeipsychiater geraten. »Das kalte Wasser bringt Sie auf einen Schlag in die Gegenwart zurück!« Jetzt klang das Summen in ihren Ohren wie das Rauschen eines Flusses. Sie blieb so lange sie konnte unter Wasser, richtete sich auf und trat auf das untere Deck hinaus. Die Luft war frisch, der Wind kam vom Meer. Um den Lärm von Norwood Lobster auszublenden, machte sie die Augen zu und lauschte dem streitsüchtigen Kreischen der Möwen, die um die Fischabfälle auf dem betonierten Pier kämpften, hörte aber trotzdem das Warntuten der Gabelstapler, mit denen die Arbeiter die Plastikboxen mit dem fangfrischen Hummer in die Kühllastwagen luden, die mit laufenden Dieselmotoren warteten. Als sie die Augen öffnete, war der Atlantik eine grellblitzende, in tausend Stücke zerborstene Fläche, die im Takt ihres Pulses schaukelte.
Sie wusste, dass sie etwas frühstücken sollte, hatte aber keinen Appetit, nicht einmal auf einen Kaffee. Vielleicht aß sie später eine der sündhaft teuren Biobirnen, die sie im The Market in Rockland gekauft hatte, und trank ein Glas Leitungswasser aus eigener Quelle, dessen Geschmack sie auf vage, aber angenehme Weise an ihre Kindheit erinnerte.
Sie war vor sechs Wochen, am 12. Juni, auf Spruce Head angekommen. Da der Swiss-Flug LX 52 aus Zürich erst nach 20 Uhr in Logan landete und die Fahrt nach Spruce Head Island vier Stunden dauerte, hatten Michael und sie immer in Boston übernachtet, bevor sie anderntags mit einem Mietwagen weitergereist waren. Letzten Sommer hatten sie bei Shepards Car in Rockland einen gebrauchten Dodge Caliber gekauft, der in der Garage ihres Cottage stand, und Corinna hatte sich entschieden, kein Mietauto zu nehmen, sondern das erste Mal mit dem Bus nach Maine zu reisen.
Sie hatte in Boston in einem schicken Hotel im Financial District übernachtet, fünf Gehminuten von der South Station entfernt, wo sie am nächsten Mittag in einen Bus der Concord Lines gestiegen war. »Wollen Sie wissen, was das Beste an New Hampshire ist?« Der Mann, der sie das gefragt hatte, hatte zwei Reihen schräg hinter ihr gesessen. »Dass es hier an der Küste nur zehn Meilen breit ist!«
Kurz hinter Portsmouth waren sie über die gewaltige Piscataqua Bridge gefahren, Michaels Lieblingsbrücke. Die ersten zwei Stunden bis Portland waren wie im Flug vergangen, dafür hatte der Rest der Reise kein Ende nehmen wollen. Als Corinna nach beinahe fünf Stunden endlich am Fähr- und Busterminal in Rockland aus dem Bus gestiegen war, war sie erschöpfter als nach dem Transatlantikflug. Der Taxifahrer, der sie nach Spruce Head Island gebracht hatte, hatte Michael und sie schon einmal gefahren, als sie im Primo schlecht und teuer Italienisch gegessen und zu viel getrunken hatten.
Dass Corinna es nicht schaffte, allein im Cottage zu bleiben, noch nicht, hatte sie gewusst, sobald sie die Tür hinter sich ins Schloss gezogen hatte. Sie hatte den Schlüssel für den Dodge aus der obersten Schublade der Kommode im Flur genommen und war auf der Stelle nach Rockland zurückgefahren. Sie war drei Nächte im Rockland Harbor Hotel geblieben, in einem Zimmer in der dritten Etage, von dessen Balkon sie über den Fährterminal mit dem Glockentürmchen und die tanzenden Masten der Segelschiffe hinweg auf den fast eine Meile langen breakwater sah. Die Befestigungsmauer aus Steinquadern schützte Rocklands Hafen. Sie hatte viele Stunden auf diesem Balkon verbracht, den Fähren nach North Haven und Vinalhaven nachgeschaut und versucht, damit klarzukommen, dass sie nie wieder mit ihrem Mann hier in Maine sein würde. Michael war tot.
Sie hatten das Cottage vor vier Jahren als Ferienhaus gekauft, es aber bereits im zweiten Jahr um einen kleinen Anbau mit Gästezimmer samt Bad erweitern lassen und sich versprochen, sich früher pensionieren zu lassen, um das ganze Jahr auf Spruce Head Island leben zu können. Und dann war Michael ums Leben gekommen.
Die ersten Nächte nach der Rückkehr aus dem Hotel hatte Corinna auf dem Sofa im Wohnzimmer und im Gästezimmer geschlafen, dann hatte sie es endlich geschafft, in ihr gemeinsames Schlafzimmer im oberen Stock zu ziehen. In den ersten Tagen war sie wie ein Geist von Zimmer zu Zimmer gewandelt, hatte sich immer wieder um die eigene Achse gedreht und tief eingeatmet, als sei sie einem Duft auf der Spur, für den sie bislang nicht die Nase gehabt hatte. Michaels Zimmer hatte sie nur ein einziges Mal betreten: Die Vorhänge waren geschlossen, und sie zog die Tür hinter sich zu. Weshalb hatte ich nicht geweint, fragte sie sich, habe ich nicht begriffen, was geschehen ist? Das hier war das Zimmer ihres toten Mannes, sein Stuhl, sein Tisch, sein Bett, auf dem er sich mittags manchmal ausgeruht hatte. Auf dem Fenstersims lagen mehrere Vogelfedern und eine Muschel. Das Badetuch, das über der Stuhllehne hing, war steif vom Salz des Meeres; sie legte es sich um die Schultern und bemerkte das Gehäuse eines Apfels, das neben dem Laptop auf dem Tisch lag. Sie nahm es in die Hand und schnupperte daran. Als sie begriff, dass das braun verfärbte und vertrocknete Fruchtfleisch den Abdruck von Michaels Zähnen zeigte, ließ sie es zu Boden fallen, warf das Badetuch ab, zog sich aus, stieg nackt in Michaels Bett und verkroch sich unter seiner Decke. Der Schmerz in ihr platzte wie eine überreife Frucht. Das Gewicht, das aus ihrer Brust nach unten rutschte, zwang sie, die Knie anzuziehen.
Würde es ihr helfen, wenn sie an Gott glauben und mit gutem Gewissen beten könnte? Ein Mensch, der trauerte, machte anderen Menschen Angst, das wusste sie. Trauer löste oft kein Mitgefühl aus, sondern Furcht oder gar Abscheu. Sie hatte sich vor der Trauer ihrer Mutter, die die lebenslustige, offene Frau nach dem Krebstod ihres Mannes in eine deprimierte, in sich gekehrte Greisin verwandelt hatte, ebenfalls gefürchtet wie vor einer ansteckenden Krankheit. Sie hatte jeden in den Abgrund gerissen, der den Fehler beging, sich in die Nähe ihrer Mutter zu wagen.
Corinna war immer noch leicht schwindlig, das Summen in ihrem Kopf dagegen war verstummt. Auf einmal hatte sie das unangenehme Gefühl, sie würde beobachtet, und schaute sich vorsichtig um: David Byrd stand im Schatten, den das Dach seines Hauses auf sein Deck warf, und hatte den Feldstecher auf sie gerichtet. Als er begriff, dass sie ihn entdeckt hatte, ließ er das Glas sofort sinken und verschwand im Haus.
2 Eine Fahne aus Blut
Corinna war längst am Teich vor David Byrds Haus vorbeigegangen, als sich die Frösche doch noch meldeten: Ihr kehliges, metallenes Quaken riss sie manchmal mitten in der Nacht aus dem Schlaf. Wie nur konnten derart kleine Tiere einen solchen Lärm veranstalten? Die Luft über dem Asphalt flirrte, als wäre Benzin verschüttet worden, Wölkchen trieben Richtung Festland. Die Rockledge Road führte in eine Senke, aus der man nicht aufs Meer sehen konnte, in der die Luft jedoch deutlich wärmer war. Seit Corinna allein war, ging sie schneller; Michael hatte ihr immer vorgeworfen, sie gehe provozierend langsam und zwinge ihm ihr Flaniertempo auf. Seit er tot war, ging sie so schnell wie möglich, als wäre es lebenswichtig, keine Sekunde zu vertrödeln. Dabei hatte sie keine Ahnung, was sie mit der gewonnenen Zeit anfangen sollte.
Der Hund, der ihr auf der Straße entgegentrottete, gehörte der älteren Frau, die jedes Mal verschämt grüßte, wenn sie sich begegneten, aber nie stehen blieb, um sich mit ihr zu unterhalten. Sie zog das rechte Bein nach, ihr rechter Arm wirkte leblos; offenbar hatte sie einen Schlaganfall erlitten. Corinna strich dem braunen Labrador über den Kopf, als sie an ihm vorbeiging; die Frau, die einen Sonnenhut trug, nickte und senkte den Blick.
Corinna blieb auf der Rockledge Road, die in den Fichtenwald führte. Die Sonne, die durch die Baumkronen fiel, stellte Lichtsäulen zwischen die Stämme, die dem Wald eine geheimnisvolle Tiefe gaben. Vor ein paar Tagen war sie fast auf eine grüne garden snake getreten, die sich aus dem Unterholz geschlängelt hatte, darum ging sie in der Mitte der Kiesstraße, die mit Schlaglöchern durchsetzt war. Sie roch das Meer, der Himmel hatte die Farbe von nassem Zement angenommen. Sie ging manchmal in der Privatbucht der Familie Shofestall schwimmen; das kühle Wasser des Atlantiks vertrieb den Xanax-Schwindel und gab ihr die Gewissheit, am Leben zu sein. Dank Michaels Offenheit und Charme hatte Judy Shofestall ihnen bereits in ihrem ersten Sommer auf der Insel erlaubt, was eigentlich den Einheimischen vorbehalten war: Sie durften in der Bucht mit dem geschützten Sandstrand sein, wann immer sie wollten, es sei denn, die Shofestalls badeten selbst.
Nach etwa dreihundert Metern kam Corinna an dem Autowrack vorbei, das die Zufahrt zu einem Haus markierte, das auf einer Lichtung stand und offensichtlich niemals fertig wurde. Dieses Jahr war ein Teil des Daches abgedeckt und mit Plastikbahnen geschützt, der neue Anbau war nicht verschalt, und die Isolationsmatten lagen frei. Das Chaos auf dem Grundstück schien beständig größer zu werden. Abfall türmte sich an immer neuen Stellen auf, ausrangierte Maschinen- oder Motorenteile wuchsen wie Geschwüre zwischen den Bäumen. Corinna wusste nicht, wer in dem abgelegenen Haus lebte, sah in ihrer Vorstellung aber einen mageren Mann vor sich, der mit seinen Hunden redete und eine Brille mit verschmierten Gläsern trug. Im Erdgeschoss des Hauses stand ein Fenster offen, jemand übte auf einer Gitarre wieder und wieder den gleichen Griff.
Das Tor zum Grundstück der Shofestallers stand offen, was jedoch nicht bedeuten musste, dass sie tatsächlich am Strand waren. Corinna würde bis zur Stelle weitergehen, an der eine Zufahrt von der Rockledge Road zur Bucht hinunterführte. Von dort konnte sie sehen, ob der Pick-up der Shofestalls am Strand parkte: Sie fuhren immer mit dem Auto an den Strand, dabei stand ihr Haus keine halbe Meile entfernt. Plötzlich hatte Corinna die übermächtige Ahnung, etwas stimmte nicht. Sie begriff nicht sofort, was sie stutzig machte: Sie war nicht allein. Sie schaute sich um, konnte aber niemanden entdecken und ging nach kurzem Zögern ein Stück in den Wald hinein. Der Erdboden war trocken, federte aber dennoch nach. Zwischen Bäumen aufgespannte Spinnennetze glitzerten, die Kronen der Fichten wogten hin und her, obwohl Corinna nicht den Hauch eines Windes spürte. Der Wald war dicht und finster und erinnerte sie in nichts an die hellen und lichten Mischwälder ihrer Kindheit in der Schweiz. Sie blieb stehen und hielt den Atem an. Jetzt hörte sie deutlich, dass sich in ihrer Nähe ein Mensch oder ein Tier durch den Wald bewegte. Zweige knackten, Äste brachen. Sie kniff die Augen zusammen und schaute sich angestrengt um, sah aber niemanden, nicht einmal einen Schatten. Die Geräusche wurden leiser und entfernten sich in westlicher Richtung.
»Bereue nicht, was du getan hast, bereue, was du nicht getan hast.« Wie oft hatte sie seit Michaels Tod an seinen letzten Satz gedacht, mit dem er aus ihrer Eigentumswohnung in Aarau gestürmt war. Bereute er, etwas nicht getan zu haben? Oder galt sein letzter Satz etwa ihr? Bereute sie, was sie getan hatte? Hatte sie etwas verpasst, was sie hätte tun sollen?
Sie ging parallel zur Straße durch den Wald. Als ihr bewusst wurde, wie vorsichtig sie auftrat, als dürfte sie keine Geräusche machen, fing sie an, ungestüm auf den Boden zu stampfen und in die Hände zu klatschen. Sie nahm einen Ast in die Hand und zerbrach ihn. Das trockene Knallen klang wie der Schuss einer Spielzeugpistole. Bald standen die Bäume so dicht, dass kein Durchkommen mehr war, und sie musste auf die Straße zurückgehen. Als sie die Zufahrt zum Strand erreichte, blieb sie stehen und spähte durch die Bäume auf die Wiese, die in den Strand überging: kein Pick-up. Die Tür des Schuppens, in dem die Shofestalls letzten Sommer ein Hochzeitsfest gefeiert hatten, war geschlossen. Sie ging die Zufahrt hinunter; bevor sie auf den Sand trat, schlüpfte sie aus den Turnschuhen. Der Strand war leer, sie war allein.
Die Schönheit der Bucht verschlug ihr jedes Mal den Atem: Eingefasst von Felsen wie von schützenden Armen, beschrieb der Strand eine perfekte Sichel aus ockerfarbenem Sand. Corinna legte sich lieber auf die rechte Felsschulter als an den Strand, weil sie von dort weit übers Meer sehen konnte. Links lag die Brücke, die Spruce Head Island mit dem Festland verband, geradeaus sah man über die gegenüberliegende Waterman Beach Road Richtung Norden, rechts auf den offenen Atlantik mit den Inseln Vinalhaven und North Haven. Corinna sprang barfuß auf die Felsen, nahm ihr Badetuch aus der Tasche, die sie in Round Pond bei einer Frau aus Durban gekauft hatte, die achtzig Jahre alt und wie ein Hippiemädchen gekleidet war, und breitete es auf dem Stein aus. Auf der Sandbank, die zwanzig Meter vor der Küste aus dem Wasser ragte, hockten Dutzende von Möwen, die sie misstrauisch beobachteten, jedoch sitzen blieben. Der Himmel war beinahe wolkenlos, bereit für den ersten Kreidestrich, ein erstes Wort auf einer geputzten Wandtafel.
Die Sonne brannte heiß auf den Felsen, weit draußen war ein Fischer, der allein auf seinem Boot arbeitete, damit beschäftigt, von Boje zu Boje zu fahren, die die Position seiner Hummerkörbe markierten. Der Wind trug die Musik, die er hörte, in Wellen ans Festland. Corinna ließ sich auf den Rücken sinken, schloss die Augen und hörte Fetzen des Bob-Seger-Songs »Turn The Page«. Schon als Teenager hatte Michael Seger geliebt und viele seiner Songtexte auswendig gekannt. So war er mit siebzehn zu seinem Spitznamen Bob gekommen. Manchmal hatte er mit der schwarzen Gibson Les Paul, die sie ihm zum 50. Geburtstag geschenkt hatte, zu den Songs gespielt und dabei das schüchterne und gleichzeitig selbstsichere Gesicht gemacht, in das sie sich viele Jahre zuvor verliebt hatte. Ihr gefiel Segers Musik erst, seit sie auf einem Konzert seiner Silver Bullet Band in Dortmund gewesen waren. Als sie nach den drei Nächten im Rockland Harbor Hotel in ihr Cottage zurückgekehrt war, hatte sie seine LPs Beautiful Loser, Against The Wind, The Distance und Live Bullet Tag und Nacht gehört und vor Einsamkeit und Verzweiflung geheult. Dann hatte sie die Langspielplatten auf den Dachstock über der Garage getragen und sich geschworen, sie nie mehr anzurühren.
Der Motor des Hummerbootes wurde lauter, die Rockmusik ebenso, aber Corinna blieb liegen und lauschte dem Flügelklatschen der Möwen, die sich in die Luft erhoben und flüchteten. Als das Motorengeräusch verklungen war und die Wellen, die das Boot verursachte, nicht länger gegen die Küste schlugen, stand sie auf. Sie würde von der Steinschulter auf die angrenzenden Felsen klettern und um die Landzunge herum bis zu der Stelle gehen, von der man direkt ins tiefe Wasser steigen konnte. Sie zog ihr Sommerkleid aus und schlüpfte in die Badeschuhe. Michael hatte sich geweigert, das Paar anzuziehen, das sie für ihn bei Walmart gekauft hatte. Lieber hatte er sich die Fußsohlen an den Steinen zerschnitten und war ihr mit rudernden Armen staksend wie ein Storch ins Wasser gefolgt. Ihr Bikini war ein Geschenk von ihm, sie hatten im Waterfront in Camden nachmittags eine Flasche Weißwein und frische Muscheln genossen; auf dem Rückweg zum Auto war ihm der Bikini in einem Schaufenster aufgefallen.
Die Sonne blendete Corinna, und sie ging vorsichtig um die Landzunge herum auf die Südseite der Insel. Nun spürte sie den Wind. Ein dicker Ast, bestimmt bei einem der Frühlingsstürme vom Stamm einer Föhre abgebrochen, knarzte, ein abgestorbener Zweig schien ihr zuzuwinken. Das Meerwasser, das sich in einer wannenförmigen Mulde angestaut hatte, war so warm, dass sie sich hineinstellte und, geblendet vom Licht, auf die weiße Fläche des Meeres hinausschaute. Das Wasser reichte ihr bis über die Knöchel; sie strich mit den Zehen über den fein geschmirgelten Stein, kratzte an den winzigen schwarzen Muscheln, die sich daran festgesaugt hatten. Schließlich hatten sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnt. Der Kondensstreifen eines Flugzeugs zerschnitt den Himmel, bestimmt unterwegs nach Europa.
Da sah sie den Mann.
Er trieb rücklings dicht am Ufer im Meer.
Corinna stieg aus der Mulde und trat so nahe wie möglich an den Mann heran. Er war tot. War es wichtig, eigene Grenzen zu überschreiten oder reichte es, sie zu erkennen und zu akzeptieren? Sie versuchte verzweifelt, so ruhig wie möglich zu atmen und sich darauf zu konzentrieren, was sie wahrnahm, und sich wichtige Details einzuprägen, statt zuzulassen, dass sich die Bilder des Vierfachmordes davorschoben, die von der Hitze des Feuers ausgelöschten Gesichtszüge, die verkohlten, in menschenunmögliche Verrenkungen gezwungenen Körper. Der schwere Körper des Mannes, nackt bis auf weiße Socken und hellbraune Shorts, war nicht aufgedunsen, er lag demnach noch nicht lange im Wasser. Natürlich fiel Corinna ihr Traum ein, der sie aus dem Schlaf geschreckt hatte: Michael, der tot im Wasser lag und sie anstarrte. War die Angst vor dem Tod ein Motor, der einen antrieb? Wie würde man leben, wenn das Leben kein Ende kennen würde? Sorgloser? Freier?
Jemand hatte dem Mann die Greifbacken einer Hummerzange durch die Augenhöhlen in den Kopf und damit ins Hirn getrieben. War er daran gestorben? Eine Blutfahne trieb um seinen Hinterkopf, ein hauchzarter verwehter roter Seidenschal. Die Zange saß ihm wie ein Insekt mitten im Gesicht, eine silberne Spinne.
Der Tote war groß und kräftig.
Der Tote war braun gebrannt.
Auf seinen rechten Oberarm war eine stilisierte Sonne mit gewundenen Strahlen tätowiert, darunter ein Wort, das sie nicht lesen konnte.
Corinna kannte den Toten.
Norman Dunbar.
Mit seiner Frau Tracy war sie befreundet.
Norman Dunbar gehörte das größte Anwesen auf Spruce Head Island.
3 Künstliches Lachen
Im Keag war die Zeit stehen geblieben; der Grocery Store sah aus wie der Laden im Dorf von Corinnas Großeltern im Appenzell Anfang der siebziger Jahre. Im hinteren Teil des Raumes standen eine Handvoll Tische, im vorderen Bereich befanden sich die Theke mit Kasse, die offene Küche, Kühlregale sowie Gestelle mit Lebensmitteln, Haushaltsartikeln und einem verblüffend guten Weinsortiment. Touristen verirrten sich nur im Sommer ins Keag; Corinna war von den Einheimischen lange behandelt worden, als wäre sie unsichtbar. Aber mittlerweile wurde sie selbst von den Lobsterfischern begrüßt, und Linda öffnete die Vitrine mit den Donuts, sobald sie zur Tür hereinkam.
Corinna setzte sich mit einer Tasse Kaffee und einem Zimtdonut an einen der Fenstertische und stellte erstaunt fest, dass ihre Hände zitterten. Die Angler standen wie üblich an der Stelle, an der der Weskeag River in die Bucht floss, über sich Möwen, die geduldig im Wind segelten und versuchten, den Männern die Fische von den Haken zu schnappen.
Nachdem sie den toten Norman Dunbar gefunden hatte, war sie nicht sofort zu ihrer Tasche gelaufen, um auf dem Handy die 911 anzurufen. Erst war sie ins Meer gestiegen und hatte sich seine Leiche aus der Nähe angesehen. Die Greifbacken der Hummerzange waren mit enorm viel Kraft und demnach Wut oder gar Hass durch die Augenhöhlen getrieben worden. Natürlich hatte Corinna den Toten nicht angefasst. Sie war vorsichtig unter ihm hindurchgetaucht und hatte sichergestellt, dass er auch auf dem Rücken keine Stich- oder Schusswunden aufwies. Was, wenn die Leiche von der Strömung erfasst und in den offenen Atlantik hinausgetrieben wurde, während sie zu ihrem Handy lief? Schließlich war sie trotz dieser Sorge aus dem Wasser geklettert und hatte den Notruf gewählt. Zwölf Minuten später tauchte ein Streifenwagen der Rockland Police auf der Zufahrt auf, nur drei Minuten später fuhr der Streifenwagen des Sheriffs von Knox County vor. Sie hatte Officer Coor und Deputy Walsh zum Toten Norman Dunbar geführt, doch wie der ganze Zirkus anrückte, bekam sie nicht mehr mit, weil sie zu dem Zeitpunkt bereits auf dem Polizeirevier in Rockland saß. Man nahm ihre Fingerabdrücke, fotografierte sie und klärte sie darüber auf, dass das Vernehmungszimmer nicht verschlossen und sie nicht verhaftet sei, man sie also nicht daran hindere, wenn sie gehen wolle. Ihre freiwillige Zeugenaussage helfe aber, den Fall aufzuklären. Befragt wurde sie von einem Detective namens Robinson, der wohl wusste, dass sie bei der Kriminalpolizei gearbeitet hatte, eine Kollegin also, sich jedoch nichts anmerken ließ. Um ihre nassen Haare und ihren nassen Bikini zu erklären, hatte sie gelogen und behauptet, sie habe den Toten beim Schwimmen entdeckt. Weder Officer Coor noch Deputy Walsh hatten sie darauf angesprochen. Wären ihr, wäre sie an den Fundort der Leiche gerufen worden, die nassen Haare und der nasse Bikini der Zeugin aufgefallen? Sie hatte eingewilligt, sich an die Auflage zu halten, Maine in nächster Zeit nicht zu verlassen und für allfällige weitere Fragen zur Verfügung zu stehen. Nach der Befragung durch den freundlichen, aber misstrauischen Detective war der Wunsch nach einem Donut so stark gewesen, dass sie nach South Thomaston ins Keag fahren musste.
Das Wasser vor den Fenstern hatte jenen stahlblauen, für den Sommer viel zu kalten Farbton angenommen, den es bekam, bevor das Wetter umschlug. Ihre rechte Hand zitterte immer noch. Sie stand auf, schob sich den Rest des Donuts in den Mund und stellte sich ans Fenster. Drei Vögel jagten hintereinander über den Wasserspiegel, drehten vor der Brücke ab und stiegen steil in den Himmel. Die Sonne traf den Glockenturm der weiß gestrichenen Kirche am anderen Ufer und verwandelte ihn in eine blitzende Klinge. Ein Mann ging über die Brücke, die lange Angel geschultert. Das Budweiser-Neonschild, das über ihr im Fenster hing, knisterte. Corinna schluckte; es war nicht einfach, die Spirituosen im Regal beim Eingang zu ignorieren. »Ich will nicht trinken, ich muss!«, hatte sie Michael ins Gesicht geschrien. Er war aus ihrer Wohnung gestürmt, mit dem Auto weggefahren und nie mehr zurückgekehrt. Als sie das erste Mal bei einem Treffen der Anonymen Alkoholiker aufstand und redete, erfand sie eine nicht angebrochene Flasche Johnny Walker, die sie unter der Spüle verstecke, weil sie die bewundernden Blicke der anderen ehemaligen Trinker genoss. Sie beschrieb die stete Versuchung, die die Whiskyflasche bedeutete, wobei sie das Knacken im Ohr habe, das es gab, wenn man einen Verschluss das erste Mal aufdrehte und das Siegel brach.
Corinna trat an die Theke und schaute zu, wie Linda für eine ältere Frau einen Hummer aus dem Wassertank nahm und in eine Plastiktüte stopfte. Da die Frau den Zahlencode ihrer Kreditkarte vergessen und kein Geld bei sich hatte, musste sie anschreiben lassen. Die Frau ging langsam zu einem Truck vor dem Postamt, reichte die Tüte mit dem Lobster durch das offene Fahrerfenster und zündete sich eine Zigarette an.
»Eine Schachtel Marlboro, Linda.«
»Du rauchst?«
Corinna schüttelte den Kopf und vermied es, Linda anzusehen. Sie kam sich vor wie ein Schulmädchen, das von seiner Mutter beim Lügen erwischt worden war.
»Willst du sie etwa essen?«
»Ich fang wieder an.«
»Wann hast du aufgehört?«
»Vor vier Jahren, zehn Monaten und sechs Tagen.«
»Da zählt eine die Stunden«, sagte die Köchin und lächelte Corinna verschwörerisch zu, während sie Hamburger auf der Grillfläche wendete.
»Ich halte dich ganz bestimmt nicht auf«, sagte Linda und reichte ihr die Schachtel. »Du siehst aus, als könntest du etwas Nikotin brauchen.«
Das Funkeln der bernsteinfarbenen und glasklaren Spirituosen in ihrem Rücken war so verführerisch, dass Corinna verkrampft geradeaus starrte, während sie zahlte.
Als sie am Steuer saß und die Zigarette anstecken wollte, fiel ihr ein, sie hatte weder Streichhölzer noch Feuerzeug. Sie musste ins Keag zurück und unter Lindas Spott – »Du brauchst kein Feuer, du willst sie doch essen!« – ein Plastikfeuerzeug kaufen. Sie zündete die Zigarette an und fuhr los; sie schmeckte furchtbar. Corinna ließ das Fenster nach unten gleiten und warf die Zigarette nach einem weiteren Zug erleichtert auf die Straße. Zumindest mit dem Rauchen war sie durch. Die Schachtel zerknüllte sie und schmiss sie in den Fußraum vor dem Beifahrersitz.
Sie beschloss den Umweg über die Waterman Beach Road zu nehmen, weil sie von dort zum Fundort der Leiche hinübersehen konnte. Nach dem Lobster Buoy-Campingplatz führte die Straße über eine Kuppe, von der der Muscle Ridge Channel, Spruce Head und die zahlreichen anderen Inseln wie in einem Ferienprospekt ausgebreitet vor ihr lagen. Sie ging vom Gas und ließ den Wagen ausrollen: Lobsterfischer holten Körbe ein, brachten Körbe aus. Der Atlantik war unruhiger als am Morgen. Corinna hielt am Straßenrand, schaltete den Motor aus und nahm ihr Fernglas aus dem Handschuhfach. Sie stand perfekt: Ihr Blick ging über die Bucht hinweg zu der Stelle, an der sie Dunbar gefunden hatte. Sie zählte neun Polizisten in Uniform, die die Landzunge absuchten, sah das Blitzen der Fotoapparate und das Pulsieren der Warnlichter der drei Streifenwagen, die zwischen den Bäumen parkten. Waren die Forensiker und der Rechtsmediziner schon da? Woher waren sie angereist? Bangor oder Portland? Corinna kannte das Prozedere, die nervöse und angespannte, zugleich aber aufgedrehte, fast euphorische Stimmung, die am Fundort einer Leiche herrschte, wenn das große Besteck ausgepackt wurde. Sie spürte einen Stich im Magen, und ihr wurde bewusst, wie sehr sie ihren Beruf vermisste. Im nächsten Augenblick hatte sie den Geruch in der Nase, der die Bilder zurückbrachte, die ihr den Boden unter den Füßen wegzogen, und musste gegen den Brechreiz ankämpfen und die Augen schließen. Die schlimmste Aufgabe war gewesen, Angehörigen schlechte Nachrichten zu überbringen. An Wohnungstüren zu klingeln und in erwartungsvolle und ängstliche Gesichter zu blicken, ohne zu viel Mitgefühl oder Trauer zeigen zu dürfen, sondern gefasste Kompetenz und Ruhe auszustrahlen. Wusste Tracy schon, dass ihr Mann tot war? Wer hatte sie informiert? Corinna hatte Tracy vor sechs Tagen zum Flughafen Rockland gebracht, weil sie die Renovierung ihrer Maisonette in Boston beaufsichtigen wollte. War Tracy noch dort oder war sie nach South Carolina weitergereist, wo die Dunbars die meiste Zeit des Jahres in Myrtle Beach lebten? Hatte man ihr erzählt, wer die Leiche ihres Mannes gefunden hatte? Sie musste sich so rasch wie möglich bei Tracy melden.
Corinna ließ das Fernglas sinken. Tracy hatte letzten Sommer auf der Route 131 zwischen Saint George und Tenants Harbor eine Reifenpanne gehabt. Corinna hatte angehalten und sie bis Port Clyde mitgenommen, wo sie im Dip Net an einem Tisch direkt am Wasser eine Flasche Chablis getrunken, Austern geschlürft und den Sonnenuntergang genossen hatten und sich nach der zweiten Flasche von einem Taxi abholen lassen mussten. So hatten sie sich kennengelernt. Tracy war Michael unsympathisch gewesen: »Sie ist operiert, und ihr Lachen ist nicht echt.« Zu viert getroffen hatten sie sich nie. Corinna war Norman nur ein Mal begegnet, als sie Tracy in ihrem Haus an der Headland Road besuchte. Während Norman ihr die Hand schüttelte, war Corinna sein Credo eingefallen, das Tracy ihr verraten hatte: »Money talks, it says goodbye!« Er war auf dem Weg zum Flughafen gewesen, um den Flug nach Boston zu erwischen und danach nach New York weiterzureisen, »um aufzupassen, dass mein Geld auf keinen Fall auf Wiedersehen sagt«.
Und nun war Norman Dunbar tot. Ziemlich sicher umgebracht mit einer Hummerzange. Corinna startete den Motor und fuhr weiter, ohne noch einmal über die Bucht zu schauen.
4 Nachtlichter
Nach Einbruch der Dunkelheit setzte Corinna sich am liebsten auf das obere Deck, um zu telefonieren, unter sich das dunkle Meer und die Positionslichter der Hummerboote, die im Seal Harbor vor Anker lagen, hinter sich das Licht ihrer Nachttischlampe, das einen buttergelben Kreis auf ihr Bett warf. In Maine wurde es im Sommer viel früher dunkel, als sie erwartet hatten. Es war kühl geworden, hatte aber nicht wie vorhergesagt geregnet. Sie holte eine Wolljacke aus dem Schrank und warf einen Blick auf den Radiowecker: 19:20 Uhr.
Sie besaß weder Tracys Festnetznummer in Boston noch die ihres Anwesens in South Carolina und hatte den ganzen Abend ohne Erfolg versucht, sie auf dem Handy zu erreichen. Woher kam das Licht, das die Kabinenscheiben der Boote aufblitzen ließ? Hantierte jemand mit einer Stablampe herum? Noch einmal wählte sie Tracys Handynummer, wieder klingelte es endlos, ohne dass ihr Anruf auf die Mailbox weitergeleitet wurde. Kaum hatte sie auf- und das Telefon neben sich auf den Tisch gelegt, klingelte es.
»Tracy! Es tut mir leid, was …«
»Ma? Hallo? Bist du das?«
»Tom?«
Ihr Sohn Thomas lachte unbekümmert. Seine Stimme hatte zwar nichts mehr mit seiner Kinderstimme zu tun, aber er klang trotzdem eher wie ein Junge als wie ein Erwachsener.
»Tracy? Wer ist Tracy, Ma?«
»Eine Bekannte. Wie geht es dir?«
In der ersten Klasse hatte Thomas sie allen Ernstes gefragt, ob Dinge genau wie Menschen Wünsche hätten. »Wäre Wasser lieber trocken?« »Möchte eine Lampe leuchten?« »Stinkt ein Käse gerne?«
»Gut, Ma.«
»Kannst du nicht schlafen? Bei euch ist es halb zwei!«
»Ich habe lange gearbeitet. Charlotte ist nervös.«
»Nervös? Wieso?«
»Sie fliegt nicht gern. Wieso habt ihr kein Haus in Italien gekauft, Ma? Oder in Spanien?«
»Weil es uns in Maine besser gefällt, Tom! Die Küste ist traumhaft, das Meer sauber, die Wälder riesig, die Natur unverbaut, die Menschen in sich gekehrt, aber freundlich. Sie lassen dich in Ruhe.«
»Ist es nicht saukalt? So hoch im Norden?«
»Heute waren es 26 Grad, gestern 29. Und vorgestern 34. Zufrieden?«
»Gibt es überhaupt Wein bei euch? Oder muss Charlotte Bier trinken?«
»Witzig, witzig!«
»Und wie ist das Essen?«, fragte er ironisch.
»Besser als du denkst, viel besser. Ihr werdet staunen! Wann kommt ihr genau?«
»Du weißt nicht, wann wir ankommen? Freust du dich überhaupt?«
»Und wie ich mich freue!«
»In elf Tagen, Ma! Charlotte macht sich Sorgen, dass wir den Anschluss in Boston verpassen.«
»Ihr verpasst ihn nicht.«
»Wieso habt ihr dann immer in Boston übernachtet, Ma?«
»Weil es den Nachmittagsflug nach Boston Anfang Sommer noch nicht gibt.«
Wieso erzählte sie Tom nicht, was heute passiert war? Sie schützte ihn immer noch, weil sie ihm nicht zutraute, mit schlechten Nachrichten umgehen zu können. Er und seine Freundin Charlotte waren mehrmals in den USA gewesen, abgesehen von New York aber noch nie an der Ostküste.
»Wie groß ist der Flieger nach Rockland noch mal?«
»Neun Plätze. Wenn Charlotte Glück hat, darf sie sogar neben dem Piloten sitzen.«
»Sie hat Flugangst, Ma!«
»Danach bestimmt nicht mehr, glaub mir!«
Sie erkundigte sich nach seiner Druckerei, die auf Sieb- und Steindrucke spezialisiert war und Künstler aus aller Welt als Kunden hatte, und nach Charlottes Arbeit als Assistenzärztin der Orthopädie am Kantonsspital Aarau. Sie wusste, dass ihr Sohn jedes Mal mit den Tränen kämpfte, wenn sie sich verabschiedeten, und trotzdem machte sie seine kippende Stimme wütend. Dass er als Junge eine Heulsuse gewesen war und sich nicht behaupten und durchsetzen konnte, hatte sie enttäuscht, und es war nicht einfach gewesen, sich einzugestehen, dass diese Enttäuschung mit ein Grund für sie gewesen war, kein zweites Kind zu wollen.
Sie blieb auf dem Deck sitzen, das Handy in der Hand, und sah auf den Hafen hinunter. In den Kabinen der Lobsterboote leuchteten in unregelmäßigen Abständen Navigationsgeräte auf, das Licht, das noch vor wenigen Minuten über das Wasser gewandert war, war erloschen.
Bevor Corinna sich schlafen legte, machte sie wie jede Nacht eine letzte Runde durch das Cottage, ein Ritual, das sie liebte und auskostete. War sie zwanghaft, wie Michael ihr scherzhaft vorgeworfen hatte? Sie schob die sechs Nachtlichter immer in dieselben Steckdosen, strategisch auf die beiden Stockwerke verteilt: eines in der Küche, zwei im Wohnzimmer, eines im Windfang, eines im oberen Flur, eines in ihrem Bad. Und ja, sie ließ immer die Rouleaus vor denselben vier Fenstern ganz und vor denselben zwei Fenstern zu Dreivierteln herunter. Aber war das zwanghaft? Wichtiger Bestandteil ihres Rituales war die Wahl der CD, die sie im Schlafzimmer abspielte. Seit Michaels Tod und dem Vierfachmord im Aargau brauchte sie Musik, um einschlafen zu können. Sie ging die CDs im Wohnzimmer durch, als ein Hund anfing zu bellen, wahrscheinlich David Byrds Labrador, sich jedoch schnell wieder beruhigte. Wo war der Hund, der nicht von Davids Seite wich, eigentlich heute früh gewesen? Sie hatte den Labrador dabei beobachtet, wie er Möwen hinterherjagte, die sich erlaubten, in »seinem« Garten zu landen und herumzuhüpfen. Was hatte ihn dazu gebracht zu bellen? Corinna entschied sich für Anouar Brahems Le Voyage de Sahar, die Michael und sie zusammen in Tunesien gekauft hatten. Sie machte das Wohnzimmerlicht aus, ging aber nicht sofort nach oben. Das war der schwierigste Moment des Tages, der Augenblick, wenn sie die Lichter löschte und sich auf den Weg ins Bett machte. Jene feine Linie, die den Tag von der Nacht trennte, das Licht vom Dunkel. Sie hatte sich angewöhnt, den Augenblick, wenn sie das allerletzte Licht löschte und damit die Dunkelheit endgültig zuließ, ganz bewusst wahrzunehmen und zu erleben. Bestimmte ihre Angst vor der Dunkelheit, die sie vor Michaels Tod nicht gekannt hatte, die Wahl der Rouleaus, die sie herunterließ, die Anzahl an Nachtlichtern, die sie einsteckte? Sie war nicht zwanghaft, sie war ängstlich. Sie hatte heute noch keine einzige Xanax genommen, aber dass ausgerechnet sie Norman Dunbar gefunden hatte, war Grund genug, nicht auf chemische Hilfe zu verzichten. Außerdem hatte sie ihr Psychiater ausdrücklich vor einem kalten und schnellen Entzug gewarnt und ihr empfohlen, sich vorsichtig aus der Sucht »davonzuschleichen«. Wie unsinnig und zugleich typisch, dass sie das Xanax aus schlechtem Gewissen versteckte! Ihre Mutter hatte ihre Martiniflasche in einer Kiste unter der Spüle aufbewahrt, eingewickelt in einen Lappen. Ein Versteck, das jeder in der Familie kannte, der Ehemann, beide Söhne, die Tochter. Corinna versteckte das Xanax im Wohnzimmer auf dem obersten Regal hinter den alphabethisch geordneten Büchern.
Sie trat im Dunkeln an das Bücherregal und schaute aus dem Fenster. In David Byrds Wohnzimmer brannte Licht, genauso in zwei Zimmern der oberen Etage. Wahrscheinlich war Jeff am Nachmittag angekommen. Sie hob die Hände vors Gesicht und bemerkte, dass sie zitterten. Eine Erinnerung aus einem früheren Leben stieg in ihr hoch: Sie und Michael lagen auf dem Rücken Hand in Hand in gelbem Dünengras und versuchten in den Wolken zu lesen. Das Donnern der Brandung war so laut gewesen, dass sie sich zuschreien mussten, was sie sahen: ein Haus, eine Frau mit Knollennase, eine Giraffe, ein Hase mit nur einem Ohr, eine Palme.
In Byrds Wohnzimmerfenster bewegte sich etwas, im oberen Stock ging ein Licht aus, eine Scheibe blitzte auf, ein roter Punkt erglühte und eine Gestalt lehnte sich ins Freie. Rauchte Jeff oder David? Ihr fielen die Marlboro im Auto ein. Ihr war klar, dass sie es nur hinauszögerte, endlich eine Xanax einzuwerfen. Sie nahm Die Pest und Der Fremde von Camus aus dem Regal, langte in den Raum dahinter, zog die Medikamentenpackung heraus, brach die zweite von vier Xanax ab und schob sie sich in den Mund. Gerettet! Wieso fiel ihr die Ironie, dass sie die Benzos ausgerechnet hinter Carlos Castanedas Drogenbuch Die Lehren des Don Juan bunkerte, erst heute auf? Sie hatte das Buch mit neunzehn gelesen und war restlos begeistert gewesen. Die Xanax, die sie aus der Schweiz mitgebracht hatte, waren fast aufgebraucht. Sie benötigte dringend Nachschub. Sie holte ihr Handy und schrieb Ray eine SMS, die nur aus dem Buchstaben B bestand, ihrem Kürzel für Benzos. Als sie letzten Herbst in ihrem Cottage angekommen waren, hatte Corinna erstaunt festgestellt, dass ihr Gartenschuppen mit einem fremden Vorhängeschloss zugesperrt war. Sie hatte das Schloss ohne Michael davon zu erzählen geknackt und nach kurzer Suche Gras und zwei Beutel verschreibungspflichtiger Medikamente gefunden, Opioide wie Morphin und Tramadol und das Benzodiazepin Xanax. Sie hatte das Vorhängeschloss zugedrückt und sich auf die Lauer gelegt. So hatte sie Ray kennengelernt. Corinna verzichtete darauf, ihn anzuzeigen, er besorgte ihr Xanax. Ray, einer der vielen Dealer der Gegend, Ray, der einzige Sohn des Lobsterfischers Andrew Marling, dem die drei größten Boote und viel Land auf der Insel gehörten und den alle nur »König von Spruce Head« nannten.
Sie stellte die Bücher von Camus zurück, schaute noch einmal aus dem Fenster, sah Zigarettenglut im oberen Stock von Byrds Haus aufleuchten und zuckte erschrocken zusammen, weil jemand kräftig an ihre Haustür klopfte. Oder hatte sie sich getäuscht? Sie blieb mit angehaltenem Atem stehen und lauschte, da wurde erneut an ihre Tür geklopft, sanfter als beim ersten Mal, dafür gegen das Glas des ins Holz eingelegten Fensterchens. Sie gab sich einen Ruck und ging langsam und mit vorsichtigen Schritten aus dem Wohnzimmer, als setzte eine schnelle Bewegung etwas in Gang, das sonst vielleicht gar nicht stattfand. Bevor sie in den Windfang trat, sah sie aus dem schmalen Fenster im Flur und bemerkte einen Wagen auf ihrer Einfahrt. Sie machte das Außenlicht über der Haustür an und spähte durch das Türfenster. Tracy riss die linke Hand vor ihr Gesicht, geblendet vom unerwarteten Licht, und schnellte nach vorn, als verlöre sie das Gleichgewicht. Corinna entriegelte die Haustür, machte sie auf und nahm Tracy in den Arm. Sie blieben umschlungen stehen, ohne etwas zu sagen. Corinna hielt die Augen vorerst geschlossen, musste sie aber öffnen, weil ihr schwindlig wurde. Sie strich Tracy wie einem Kind über den Hinterkopf. In ihren Ohren rauschte es laut. Oder war das das Meer?
»Schließt du bitte ab«, sagte Tracy heiser, machte sich von Corinna los und ging entschlossen ins Haus.
Corinna verriegelte die Haustür, schaltete das Außenlicht aber erst aus, nachdem sie noch einmal durch das Fensterchen gespäht hatte. Nichts, niemand. Die Rockledge Road war leer, menschenleer. Das Licht in Byrds Wohnzimmer war ausgemacht worden, nur ein Fenster im oberen Stock war erleuchtet.
»Soll ich Licht machen?«, fragte Corinna, als sie in ihr Wohnzimmer trat.
»Lieber nicht«, sagte Tracy. Sie saß vornübergebeugt auf dem Sofa, griff sich ein Kissen und fing geistesabwesend an, es mit beiden Händen zu kneten. »Du weißt, was passiert ist?«
»Natürlich weiß ich, was passiert ist, Tracy.«
»Von wem?«
»Hat man dir nicht erzählt, wer Norman gefunden hat?«
»Nein, Co, hat man nicht. Wieso fragst du?«
Corinna setzte sich neben Tracy, entwand ihr das Kissen und legte es vorsichtig neben sich aufs Sofa. Tracy trug Jeans, ein ärmelloses Oberteil mit tiefem Ausschnitt, hochhackige schwarze Mules, Ohrringe und eine goldene Halskette mit einem großen ovalen Anhänger. Einzig ihre zerzausten Haare erinnerten an das, was passiert war.
»Ich habe Norman gefunden.«
Tracy stand auf und lachte hysterisch, setzte sich aber gleich wieder hin, sah Corinna fassungslos an und schüttelte den Kopf.
»Du hast was?«
»Ich war schwimmen. In der Bucht der Shofestalls.«
»Hast du etwas mit Norms Tod zu tun?«
»Nein, hab ich nicht! Und du, Tracy?«
»Spinnst du? Jetzt könnte ich einen Schluck Alkohol brauchen.«
»Tut mir leid, Tracy.«
Was tat Corinna leid? Dass sie keinen Alkohol im Haus hatte? Dass sie Norman gefunden hatte? Ihre Kehle fühlte sich rau an.
»Hast du wirklich nichts da? Gar nichts?«
Corinna schüttelte den Kopf und legte Tracy beruhigend die Hand auf den Unterarm. Die Gleichgültigkeit, die ihr das Xanax verschaffte, war erschreckend umfassend.
»Soll ich dir einen Tee machen? Einen Kaffee?«
»Weshalb weine ich nicht?«, fragte Tracy und bewegte die Hand vor ihrem Gesicht, als würde sie ein Spinnennetz beiseitestreichen.
»Das hat nichts zu bedeuten, Tracy.«
»Ich müsste doch aber weinen?«
»Das kommt noch. Glaub mir.«
»Glaubst du an Gott?«
»Und du?«, gab Corinna zurück.
»Muss ich jetzt wohl, nicht?«
»Warst du in Boston?«
Tracy nickte und starrte Corinna an, beide Hände flach auf ihren Oberschenkeln.
»Hast du ein Alibi?«
»Du spinnst ja wohl«, sagte Tracy scharf und funkelte sie böse an.
»Ich war Polizistin, das weißt du doch. Hast du ein Alibi oder nicht?«
»Logisch hab ich ein Alibi! Ich war die letzten sechs Tage in Boston. Dafür gibt es einen Haufen Zeugen.«
»Haben sie dich hier vernommen oder in Boston?«
»Hier! In Rockland.«
»Weißt du, wie der Detective hieß?«
»Was spielt das denn für eine Rolle! Keine Ahnung! Es war eine Frau. Ziemlich jung.«
»Hast du ihn identifiziert?«
Tracy nickte und schloss die Augen, riss sie aber sofort wieder auf.
»Darf ich heute Nacht hierbleiben?«
»Natürlich. Das Gästezimmer gehört dir. Willst du duschen?«
Tracy schüttelte den Kopf, und Corinna begriff, dass sie genau die Art dummer und unnützer Fragen stellte, die man ihr nach Michaels Tod ebenfalls gestellt hatte, Fragen, die sie wütend und gleichzeitig traurig gemacht hatten und dafür sorgten, dass sie sich verschloss.
»Ich würd gern hier schlafen, auf dem Sofa. Wenn ich darf.«
»Was dagegen, wenn ich auch unten schlafe?«
Corinna deutete auf Michaels Musiksessel, in dem sie abends manchmal gemeinsam eingeschlafen waren, obwohl er eigentlich zu schmal war für sie beide. Michael hatte am liebsten mit den Kopfhörern Musik gehört, die sie in Zürich für ihn gekauft hatte; sie brachte es immer noch nicht fertig, sie aufzusetzen. Tracy nickte, schlüpfte aus ihren Mules und ließ sich leise seufzend auf die Seite sinken, beide Hände zu Fäusten geballt. Corinna blieb stehen, als wartete sie auf etwas, dann riss sie sich vom Anblick ihrer Freundin los, die ihre Knie an die Brust gezogen hatte, und ging nach oben, um Decken und Kissen zu holen.
5 Genetisch
Corinna fuhr aus dem Schlaf, setzte sich auf und schüt- telte den Kopf, um den Schwindel zu vertreiben. Die Digitaluhr des Fernsehers zeigte 3:34 Uhr. Die Fenster standen als milchfarbene Rechtecke in der Dunkelheit.
»Ich hab dir erzählt, dass wir uns schon lange betrügen, nicht?«
Tracy saß auf dem Sofa, die Beine unter sich gezogen, die Decke über den Schultern.
»Und? Was willst du mir damit sagen?«
»Machst du mir bitte einen Tee?«
Corinna hatte keine Lust aufzustehen, tat es aber doch. Sie hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten. In der Küche machte sie nur die Lampe über dem Gasherd an. Sie setzte Wasser auf, nahm zwei Tassen und den grünen Tee aus dem Schrank, den sie ebenfalls bei der Südafrikanerin in Round Pond gekauft hatte. Sie spritzte sich an der Spüle kaltes Wasser ins Gesicht und blickte in den Garten. Das Mondlicht lag als Schimmer auf der Erde, die Büsche und Bäume warfen lange Schatten. Den Hund bemerkte sie nicht sofort: Er hockte reglos in ihrem Garten und schien sie zu beobachten. Als sie die Hand hob, sprang er auf die Beine, schüttelte den Schädel und trabte davon. War es Davids Labrador gewesen? Kaum war er in der Nacht verschwunden, glitt auf der Straße ein Pick-up vorbei; sie konnte weder das Nummernschild erkennen noch wer am Steuer saß.
Etwas ist in Bewegung geraten, ging ihr durch den Kopf, etwas, was du nicht unter Kontrolle hast, wie Michaels Tod. »Deine Augen haben unterschiedliche Farben!«, war das Erste gewesen, was Michael zu ihr gesagt hatte, lange, unglaublich lange war das her. Er hatte ihre Hand genommen und auf sein Herz gelegt. Sie fühlte sich federleicht und von allem und jedem auf angenehme Weise distanziert. Gab es ein Problem, das sich nicht lösen ließ? Wem half es, wenn sie mit Xanax aufhörte? Ihr bestimmt nicht! Sie nahm ihr Handy, schirmte den leuchtenden Bildschirm mit der Hand ab, als müsste sie ihn vor Tracy verbergen, die im Wohnzimmer saß. Ray hatte sich noch nicht gemeldet. War er gar nicht auf der Insel? »Genetisch«, hatte sie Michael damals belogen. »Auch meine Mutter hat verschiedenfarbige Augen.« Ihr erster Satz zu Michael war eine Lüge gewesen, eine Lüge, die bald aufflog. Die Augen ihrer Mutter waren braun, die ihres Vaters ebenfalls. Weshalb log man? Hatte Michael ihr immer die Wahrheit erzählt? Den Anonymen Alkoholikern hatte sie nichts als Lügen aufgetischt, etwa die herzerweichende Geschichte ihres Lebens, die unausweichlich auf ihre Alkoholsucht hinauslief, und sich dabei brav jedes Klischees bedient, das sie in den Lebensbeichten der anderen Trinker gehört hatte. Das Lügen war ihr leichtgefallen, weil sie sah, was es bei den Frauen und Männern der Gruppe auslöste: Mitgefühl und Rührung. Ihre alkoholkranke Mutter und den langen und sinnlosen Kampf ihres Vaters gegen den Krebs hatte sie mit keinem Wort erwähnt.
Sie füllte die getrockneten Blätter in das Teeei, hängte es in die Kanne und goss das kochende Wasser darüber. Da ihr nicht gleich einfiel, wo sie das Tablett aufbewahrte, musste sie mehrere Schranktüren öffnen, bis sie es fand. Sie stellte die Tassen, die Teekanne und die Zuckerschale darauf, legte zwei Löffel daneben und ging zurück ins Wohnzimmer.
»Er hat nicht geschnarcht«, sagte Tracy und lachte. »Nie!«
Corinna nickte, stellte das Tablett auf den Couchtisch, setzte sich neben Tracy und unterdrückte ein Gähnen.
»Mir machte es nichts aus, wenn er mit anderen Frauen … du weißt schon. Ich bin ja selbst keine Heilige, nicht?«
»Und?«
»Chad findet das Ganze etwas problematischer.«
»Chad? Wer ist Chad?«
»Unser Housekeeper. Chad Wright.«
»Du hast ein Verhältnis mit eurem Housekeeper?«
»Ich bitte dich! Norm hat Chads Frau gevögelt. Sky.«
»Sky?«
»Eben! Sky. Lächerlich! Chad hat die beiden erwischt.«
»Hast du das der Polizei erzählt, Tracy?«
»Hab ich, ja! Er ist weg.«
»Chad ist weg?«
»Verschwunden, genau! Auch das hab ich der Polizei mitgeteilt.«
»Und seine Frau?«
»Sky sitzt in ihrem Haus, das uns gehört, und heult.«
»Wieso heißt jemand Sky?«, fragte Corinna, schenkte Tee in die Tassen und schob die Zuckerschale in Tracys Richtung.
»Wir sind in Amerika!«, sagte Tracy und schob den Zucker zurück.
Sie tranken schweigend, der Geruch des Tees füllte den finsteren Raum. Corinna fröstelte. Schließlich stand sie auf, legte sich auf Michaels Sessel und deckte sich zu. Tracy blieb sitzen, die dampfende Tasse in der Hand, dann legte sie sich ebenfalls hin.
»Ich liebe ihn trotzdem«, sagte sie nach einer langen Pause, »irgendwie. Er ist vielen nicht sympathisch, ich weiß, aber er ist ein guter Kerl. Ein guter Mann, glaub mir.«
Sie weinte, und Corinna überlegte aufzustehen, um sie zu trösten, blieb aber liegen und gab sich Mühe, nicht einzuschlafen.
»Morgen muss ich die Hunde abholen«, sagte Tracy, »im Zwinger.«
»Soll ich dich begleiten?«
»Wie bist du damit fertiggeworden, Co?«
»Mit Michaels Tod? Gar nicht. Es macht mich krank.«
»Immer noch?«
»Es ist doch erst neun Monate her, Tracy.«
»Du hast mir nie erzählt, was genau passiert ist.«
»Es war ein Unfall. Mehr gibt es nicht zu erzählen.«
»Norm hatte Feinde.«
»Haben wir das nicht alle?«
Tracy lachte spöttisch, aber es war ihr anzuhören, sie kämpfte mit den Tränen. Das Licht, das durch die Glastür zum Deck in den Raum fiel, machte die Konturen der Möbel weich und lag als Schimmer auf dem Fußboden.
»Leute, die ihn hassen. Richtig hassen.«
»Hast du die Namen der Polizei genannt?«
»Ja! Weißt du, wie er gestorben ist?«
»Ich hab’s gesehen, ja.«
»Schrecklich, nicht? Wer macht so was?«
»Jemand, der in hasste.«
»Eben. Sag ich doch.«
Corinna wartete darauf, dass Tracy weiterredete, dann begriff sie, sie war eingeschlafen. Es dauerte nicht lange, und Corinna sank ebenfalls in den Schlaf, fiel in die Tiefe, trudelnd wie ein Blatt, das sich vom Ast gelöst hatte und nun fiel und fiel.
6 Eine Handvoll Sommersprossen
Da sie nicht vorhatte, zu lange bei Tracy zu bleiben, fuhr Corinna mit ihrem eigenen Auto. Wie immer, wenn sie wenig geschlafen hatte, war sie schlecht gelaunt. Sie parkte neben Tracys SUV, stieg aus und warf die Autotür ins Schloss. Es nieselte.
»Kommst du?« Tracy stand vor der langen Treppe, die zu ihrem Haus in der Bucht hinunterführte, einem modernen Bau aus Holz, Naturstein und viel Glas. Von den drei lichtdurchfluteten Etagen hatte man einen Traumblick auf den Atlantik.
»Jetzt komm schon, es regnet!« Tracy klang ungeduldig, aber Corinna blieb stehen und betrachtete das Haus mit Doppelgarage, in dem das Haushälterpaar wohnte; bei ihrem ersten Besuch hatte sie es für das Wohnhaus der Dunbars gehalten.
»Vielleicht ist er ja wieder da.«
»Lass uns erst …«, sagte Tracy.
Aber Corinna hatte bereits mit der Faust gegen die lindgrün gestrichene Haustür geklopft. Tracy zögerte, trat dann aber doch unter dem Dach vor, unter dem sie vor dem Regen geschützt gewesen war.
»Ich werd sie rausschmeißen. Beide.«
»Hast du nicht gesagt, dass es dir nichts ausmacht?«
»Der Kerl ist verschwunden! Und sie hat mit meinem Mann gevögelt.«
Corinna klopfte noch einmal, legte die Hände vor das ins Türblatt eingelassene Fenster und versuchte ins Innere des Hauses zu spähen.
»Wann hast du sie das letzte Mal gesehen?«, fragte Corinna.
»Sky? Bevor ich nach Boston bin.«
»Und Chad?«
»Keine Ahnung.«
Tracy schlug mit der flachen Hand mehrmals gegen die Tür und trat einen Schritt zurück. Als sie realisierte, dass sie damit wieder im Regen stand, stellte sie sich unter das Vordach der Doppelgarage.
»Rausschmeißen würd ich sie nicht, Tracy.«
»Aber ich.«
»Wenn er zurückkommt, weißt du wenigstens, wo er ist.«
Irgendwo im Wald möhnte eine Motorsäge, deren Tonlage tiefer wurde, als ihr Sägeblatt ins Holz griff. Corinna sah in Gedanken honiggelbe Holzspäne wegspritzen. Gleich darauf war zu hören, wie ein Baum fiel: Äste ratschten durch Äste anderer Bäume, und ein Mann schrie eine Warnung. Das Aufschlagen des Stammes auf dem Waldboden war als deutliche Erschütterung zu spüren.
»Das Haus gehört uns«, zischte Tracy. »Ich geh hier rein, wann ich will!«
Sie zog einen Schlüsselbund aus der Tasche ihrer Jeans und öffnete die Tür neben den Garagentoren. In der linken Garage stand ein schwarzes Ford Mustang Cabrio, bestimmt Normans Wagen, die rechte war leer. In der Ecke waren Reifen aufeinandergestapelt, auf der Werkbank lag ein blauer Overall mit Flecken. Corinna folgte Tracy durch eine weitere Tür in den Flur des Hauses, wo ein offener Koffer am Boden lag, leer bis auf ein Paar Stoffschuhe mit Keilabsätzen aus Kork und ein Jeanshemd. Sie gingen durch eine Küche, die penibel aufgeräumt war, in ein großes und dämmriges Wohnzimmer. Tracy trat an die Fensterfront und riss mit einem entschiedenen Ruck die Vorhänge auf; die Glastür ging auf ein Deck mit Sicht aufs Meer. Auf dem Sofa lagen mehrere Wolldecken und Kissen, auf dem Couchtisch stand eine Tasse auf einem Untersetzer, daneben lagen ein Tiegel mit Hautlotion und ein silberner Ohrring.
»Ausgeflogen«, sagte Tracy.
Im nächsten Moment fiel im oberen Stock ein Gegenstand zu Boden. Sie hörten Schritte auf der Treppe und liefen in den Flur. Die Frau, die ihnen auf der Treppe entgegenkam, war barfuß, trug Shorts und ein tief ausgeschnittenes Top mit verdrehten Spaghettiträgern. Ihr Make-up war verschmiert, offensichtlich hatte sie geweint. Sie blieb auf der Treppe stehen, die Hände abwehrend in die Höhe haltend.
»Es tut mir leid, Tracy, ich kann Ihnen gar nicht sagen wie …«
»Spar dir den Mist«, sagte Tracy barsch. »Wo ist er?«
»Chad? Keine Ahnung. Weg!«
»Ich kann dich jederzeit rausschmeißen, Sky! Jederzeit!«
»Er war’s nicht. Bestimmt!«
Sky kam zwei Stufen hinunter, das Glöckchen an der Kette um ihre linke Fessel klingelte leise, und setzte sich auf die Treppe. Der grüne Lack auf ihren Zehennägeln war abgeblättert, den entzündeten Mückenstich am Knöchel hatte sie sich blutig gekratzt.
»Weißt du, wo Chad sich aufhält?«, fragte Corinna.
Sky schüttelte den Kopf und sah Corinna das erste Mal an, die sie von oben bis unten musterte. Sie war älter als ihr schlanker Körper und ihre straffen Oberarme vermuten ließen. Die Handvoll Sommersprossen, verteilt über Nase und Wangen, hatten wohl den einen oder anderen Mann um den Verstand gebracht. Ihr leicht verrutschter Blick verriet Sky. Corinna hatte lange genug im Drogendezernat gearbeitet, um einen Pothead zu erkennen.
»Wie lange lief das schon mit euch?« Tracys Stimme klang ruhig und beherrscht, aber sie wirkte trotzdem, als explodierte sie jeden Moment.
»Das hilft doch jetzt nichts«, sagte Sky.
Corinna konnte die Melodie, die im oberen Stock erklang, nicht sofort als Handyklingeln einordnen. Woher kannte sie die Melodie? Sky kämpfte mit gespannten Beinmuskeln dagegen an, aufzuspringen und nach oben zu laufen, um abzuheben.
»Willst du nicht rangehen?«, fragte Tracy.
Statt eine Antwort abzuwarten, drängte sie sich an Corinna vorbei, stieß Sky zur Seite und lief die Treppe hoch. Sky fiel beinahe vornüber, fing sich aber und wollte ihr nachlaufen, setzte sich dann aber wieder hin.
»Er ruft andauernd an«, sagte sie zu Corinna. »Er ist in Lowell bei seinem Bruder. Sagt er.«
»Glaubst du ihm?«
»Wo soll er sonst hin? Er war’s nicht.«
Sie hörten Tracys Stimme im oberen Stock, verstanden aber nicht, was sie sagte. Corinna spürte ihre verspannte Nackenmuskulatur. Ein untrügliches Zeichen, dass sie bald Kopfschmerzen bekam. Sie sehnte sich nach einer Xanax, nach Ruhe. Sky trug an jedem Finger ihrer linken Hand einen auffälligen Ring, an der rechten keinen. Was verriet der feine Schweißfilm auf ihrer Oberlippe? Dass sie nervös war, weil sie gelogen hatte? Dass sie dringend einen Joint brauchte? Dass sie auf Meth war wie viele in Maine?
»Es ging mir nur ums Geld«, sagte sie leise mit gesenktem Blick.
Corinna hatte gelernt, dass es manchmal am besten war, keine Fragen zu stellen, sondern einfach abzuwarten und zuzuhören. Sie setzte sich eine Stufe tiefer als Sky auf die Treppe, sah sie nicht an.
»Norm hätte uns sonst rausgeschmissen. Hat er behauptet.«
Tracys Lachen im oberen Stock klang zynisch und unecht. War es ein Fenster, das sie öffnete, oder eine Schranktür?
»Klingt billig, ich weiß. Stimmt aber trotzdem. Es gibt doch keine Arbeit hier. Norm zahlt gut. Und das Haus hier … das Haus …«
Skys Hand beschrieb einen Bogen durch die Luft, als erklärte das Haus, wieso man sich als attraktive Frau auf ein Verhältnis mit seinem viel älteren Arbeitgeber einließ. Dann fing sie an, sich an dem Mückenstich zu kratzen. Corinna packte Skys Hand und hielt sie fest. Sie war kalt.
»Norm ist kein schlechter Liebhaber. Ich meine …«
»Das hast du Chad hoffentlich nicht gesagt. Seid ihr verheiratet?«
»Seit drei Jahren. Er hat ihn nicht umgebracht.«
»Hat er sich mit Norm gestritten?«
»Logisch haben sie gestritten! Aber er hat ihn nicht umgebracht.«
»Hatte Norman Dunbar Feinde?«
»Allerdings!«, sagte Sky. »Hat doch jeder mit so viel Kohle.«
Tracys Stimme war verstummt, ihre Schritte kamen näher. Corinna gelang es aufzustehen, bevor sie auf der Treppe erschien. Tracy setzte sich zwei Stufen über Sky hin und drückte ihr das Handy in die Hand.
»Er stellt sich der Polizei, sagt er.«
»Er war’s nicht, sag ich doch.«
»Mal sehen. Er kommt jedenfalls zurück.«
»Dürfen wir blei…«
»Darüber muss ich erst mal schlafen«, unterbrach Tracy sie und stand auf. »Lass uns von hier verschwinden, Co.«
Corinna blieb bis um 15 Uhr bei Tracy, dann fuhr sie nach Hause. Ihre Laune hatte sich gebessert. Der schwache Druck, den sie hinter der Stirn spürte, war beinahe angenehm. Ein sanfter Schmerz, der sie wach hielt und an etwas Bestimmtes erinnern wollte. Bloß woran? Tracy hatte nicht wie befürchtet das Gespräch mit ihr gesucht, sondern ihre Gesellschaft. Sie hatten sich auf der untersten Etage in einen Raum mit hohen Fenstern auf Liegesessel gelegt, nahezu auf Höhe des Meeresspiegels, italienischen Kaffee getrunken, leise Gregory Porter gehört, kaum geredet und waren eingenickt.
Sie stellte den Dodge in die Garage, blieb aber hinter dem Steuer sitzen und checkte ihr Handy. Ray hatte sich immer noch nicht gemeldet. Sie war unruhig, fühlte sich alt. Sie hatten die Hunde vergessen; oder fuhr Tracy allein nach Camden, um sie in der Tierpension abzuholen? Corinna gähnte und dachte dabei plötzlich an ihren Sohn Thomas. Hatte sie ihm das Gefühl gegeben, er wäre nicht willkommen und sie freute sich nicht auf seinen Besuch? In der Schweiz war es zwar erst kurz nach 21 Uhr, aber sie würde ihn trotzdem nicht anrufen: Ihre Stimme würde ihren Zustand verraten. Sie schrieb ihm besser eine SMS.
liebster tom, kanns kaum erwarten, bis ihr endlich hier seid! freue mich! grüsse an charlotte! deine mam
Das Verlangen nach einer Xanax war ebenso stark wie es noch vor nicht allzu langer Zeit nach Alkohol gewesen war. Sie blieb im Auto sitzen, bis ihr bewusst wurde, dass sie in der Garage einschlafen würde, wenn sie sich nicht zwang, aufzustehen und ins Cottage zu gehen.
Im Haus trieb sie die Unruhe von Zimmer zu Zimmer. Sie räumte einen Schrank im Gästezimmer aus und wieder ein, holte den Staubsauger aus der Kammer hinter der Küche, schaltete ihn dann aber doch nicht ein, sondern machte sich stattdessen daran, Fenster zu putzen, hörte aber nach der ersten Scheibe wieder damit auf. Alle paar Minuten nahm sie ihr Handy in die Hand, um nachzusehen, ob Ray endlich auf ihre SMS reagiert hatte, bis sie es schließlich ins obere Badezimmer legte und sich im Wohnzimmer aufs Sofa setzte, allerdings sofort wieder aufstand, um den Geschirrspüler auszuräumen. Bis sie begriff, dass sie die Maschine gestern nicht gestartet hatte, war die Hälfte des dreckigen Geschirrs bereits im Schrank verräumt. Warum schrieb Tom ihr nicht zurück? Sollte sie versuchen, ihn anzurufen? Im Haus störte sie die Wärme, auf dem Deck der Wind, der Lärm und der Gestank von Norwood Lobster. Eine knappe Stunde hielt sie es aus, dann trat sie doch ans Regal, den Kopf gesenkt wie eine Büßerin, und zog die Romane von Camus heraus. Weshalb hatte sie die Bücher eigentlich nie gelesen? Sie schob sich die zweitletzte Xanax in den Mund und ließ sich aufs Sofa sinken. Sie dachte an Michael, an ihren letzten Streit. Sie wünschte sich, tot zu sein. Sie blieb liegen, ohne sich zu rühren. Sie wünschte sich, niemals zu sterben.
7 Moosehead Paper
Unter den Glasplatten, die die Tische im Roselyn be- deckten, lagen Poster von Bangkok, Pattaya und Chiang Mai. Michaels Lieblingstisch in der Fensternische mit dem Poster von Ko Samui, wo sie ihre Flitterwochen verbracht hatten, war frei. Corinna setzte sich so hin, dass die ausgeblichene Fotografie auf dem Kopf stand: »The Tropical Marvel of Thailand. Ko Samui«. Sie sah über die Camden Street auf eine Drive-thru-Filiale der Bangor Savings Bank. Sie liebte es, Kunden dabei zu beobachten, wie sie sich abmühten, ohne auszusteigen Geld zu ziehen, und meist viel länger dafür brauchten, als wenn sie ausgestiegen wären. Heute war der Schalter leer. Im Roselyn gefielen Corinna sogar die künstlichen Blumen, die überall im Lokal verteilt waren. Man sah ihnen auf den ersten Blick an, dass sie aus Plastik waren. Das Kunstleder der Sitzbank klebte an ihren nackten Beinen und quietschte, als sie sich nach Xu Ying umwandte, der mit einer Dose Diet Coke auf sie zukam, die Speisekarte unter den Arm geklemmt.
»Schön, dich zu sehen«, sagte Xu und stellte die Cola auf den Tisch. »Wie immer?«
»Wie immer, Xu. Danke!«
Corinna brauchte nicht in die Speisekarte zu sehen. Sie aß immer Crab Rangoon als Vorspeise und danach ein extra scharfes Massaman-Curry mit Chicken. Der Duft nach Fischsauce, der in der Luft schwebte, erinnerte sie unweigerlich an ihre Flitterwochen vor dreiunddreißig Jahren. Die Bilder, die sich ihr aufdrängten, waren schmerzhaft, gleichzeitig genoss sie sie. Michael liebte thailändisches Essen und hatte sich bei Xu Ying sofort beliebt gemacht, indem er ihn bei ihrem ersten Besuch mit einem chinesischen »Ni hao« begrüßte. Bei ihrem zweiten Besuch hatte ihnen der kleine Mann mit dem dünnen weißen Zopf, der ihm bis zur Hüfte reichte, erzählt, Michael sei der erste, wirklich erste Gast im Roselyn, der ihn als Chinesen erkannt und nicht für einen Thailänder oder Japaner gehalten hatte. Sie wusste nicht viel von Xu Ying, nicht sein Alter, ob er verheiratet war und Familie hatte, nur, dass er aus Sichuan stammte und seit Jahrzehnten in den USA lebte. Was wusste er von ihr? So wenig wie sie von ihm. Würde er sie nach Michael fragen?
Xu brachte die Vorspeise und auch den Hauptgang so schnell, als hätte man in der Küche gar nicht erst auf ihre Bestellung gewartet, sondern angefangen zu kochen, sobald man sie aus ihrem Auto steigen sah.
Lange blieb sie nicht sitzen; sie konnte nicht damit umgehen, allein in einem Restaurant zu essen, fühlte sich beobachtet und bemitleidet und konnte es nicht lassen, sich vorzustellen, was die anderen Gäste dachten. Sie gab Xu ein Zeichen, ihr die Rechnung zu bringen, und trank die Cola aus. Xu kam sofort auf sie zu, das Kunstledermäppchen, in dem die Rechnung steckte, in der Hand. Er trug Ledersandaletten mit feinen Riemchen, seine Füße waren lang und schmal wie die Füße einer Frau, seine Zehennägel schneeweiß, als wären sie lackiert.
»Du gehört von tote Mann auf deine Insel?«
Xus Englisch klang, als machte er sich bewusst über die Sprache lustig. Es war Michael schwergefallen, sein Englisch nicht nachzuahmen.
»Ja«, sagte sie.
Warum erzählte sie Xu nicht, dass sie die Leiche gefunden hatte? Xu hob unmerklich das Kinn, gleichzeitig senkte er den Blick.
»Du ihn gekannt?«
Auf der Camden Street wurde gehupt, ein Automotor heulte auf, und für einen kurzen Moment war aggressive Rapmusik zu hören.
»Du ihn gekannt?«, fragte Xu noch einmal.
»Ja«, sagte Corinna nach kurzem Zögern, »flüchtig. Norman Dunbar.«
Dann erzählte sie ihm, wie sie seine Leiche in der Bucht der Shofestalls gefunden und die Polizei alarmiert hatte und in Rockland vernommen worden war. Xu hörte ihr zu, ohne sie zu unterbrechen.
»Ich in Skowhegan in Fabrik gearbeitet, viele Jahre her. Norman Dunbar hat Fabrik gekauft.«
»Dann hast du ihn also auch gekannt?«
»Ich ihn nie gesehen.«
»Was für eine Fabrik war das?«
»Moosehead Paper.«
»Eine Papierfabrik?«
»Papierfabrik, ja. Am Kennebec River.«
»Norman Dunbar hat die Papierfabrik gekauft. Und dann?«
»Gekauft und kaputt gemacht.«
»Zerschlagen«, sagte sie.
»Kaputt gemacht. Moosehead Paper geschlossen. Keine Arbeit mehr für mich und andere in Skowhegan.«
»Wie lange ist das her, Xu?«
»Fünfundzwanzig Jahre.«
»Und danach bist du hierher nach Rockland gekommen?«
»Erst Nashua, New Hampshire, Restaurant von Onkel.«
»Und du hast Norman Dunbar auch hier in Maine nicht kennengelernt?«
»Nein. Zum Glück.«
»Du hast ihn nie gesehen?«
»Du mich verdächtigen?«
»Nein, Xu, natürlich nicht.«
»Das freut mich.«
»Ich stelle Fragen, mehr nicht.«
»Wie Polizistin«, sagte Xu und lächelte breit.
»Wie eine Polizistin, stimmt, Xu.«
»Aber ich muss zugeben, ich mich gefreut, als ich gehört habe, dass er tot ist. Du verstehen?«
Er sah sie mit unbewegter Miene an, legte das Mäppchen auf den Tisch und schob es in ihre Richtung.
»Ja, das verstehe ich, Xu. Es gibt ebenfalls Menschen, denen ich den Tod gewünscht habe.«
»Ich jetzt nicht fragen, ob diese Menschen noch leben. Ich muss arbeiten. Pass auf dich auf.«
»Danke, Xu.«
Er deutete eine Verbeugung an, legte ihr die Hand auf die Schulter und drückte sie, dann verschwand er in der Küche. Corinna saß bereits am Steuer, als ihr auffiel, dass Xu sie nie zuvor berührt hatte.
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