Kitabı oku: «DER HAUSFRAUENMANN»
1 PROLOG
16. Dezember 1997,dreiundzwanzig Uhr achtundzwanzig.
Das Klingeln seines Handy´s ließ sein, „Unser Job ist durch keinen Computer...,“ im Lärm der Kneipe verhallen. Er riss den Apparat mitsamt der Ledertasche von seinem Gürtel, pulte ihn umständlich heraus, drückte im letzten Moment, bevor das fünfte „Freude schöner Götterfunken“ den Anruf auf seine Mailbox umgeleitet hätte, die grüne Taste, presste das Gerät an sein rechtes Ohr und hielt mit der anderen Hand sein linkes zu. Seine Augen weiteten sich, das Blut wich aus seinem vom Bordeaux geröteten Gesicht und mit jetzt aschfahlen Wangen, ein leicht dümmliches Grinsen auf den Lippen, schrie er in das Telefon: „Was? Oh Gott. Ich komme sofort.“ Monika und Bernd schauten ihn erschrocken an, aber er brachte keinen zusammenhängenden Satz heraus: „Oh Gott, oh Gott. Zahl für mich später, ein Taxi, oh Gott, ich muss los,“ Florian drängte sich durch die gerade in die Kneipe hereinbrechende Clique und war verschwunden.
Der Taxistand lag keine 200 Meter entfernt, doch als er um die Ecke bog, glaubte er, sein Herz bliebe stehen: leer, kein Mietwagen war zu sehen. Er suchte in seinem Kopf nach einer Telefonnummer, ohne Erfolg. Die schneidende Kälte, es war der 16. Februar, und die abendlichen Temperaturen hatten den Gefrierpunkt weit unterschritten, ließ ihn seinen Jackenkragen hoch schlagen. Sein Wintermantel hing zufrieden in der Wärme der Kneipe.
Als er sich gerade in Panik zur Umkehr entschlossen hatte, näherten sich die zwei Scheinwerfer eines Linienbusses, er verharrte zwischen Hoffen und Verzweiflung und dankte dann
seinem Herrgott, es war der 9o8er, nur 4 oder 5 Stationen und er war an seinem Ziel. Seine Sorge und Verzweiflung weckten ungeahnte Sprinterqualitäten in ihm und er schaffte es, durch die sich gerade wieder schließende Tür in sein Gottesgeschenk zu springen, ließ sich erschöpft nach Atem ringend auf die nächste Bank fallen, und seine Gedanken jagten dem Bus voran zu Charlotte in die Klinik. Angst überkam ihn. War etwas schiefgegangen? Mit zittrigen Händen bedeckte er seine Augen und versuchte sich zu beruhigen.
„Guten Abend, ihren Fahrausweis bitte,“ durch seine gespreizten Finger beobachtete er die beiden unauffälligen Lederjacken, die ihn mit ihrer Aufforderung in die Gegenwart zurückgeholten.
Sie meinten ihn, kein Zweifel. Er wollte zu einer ausführlichen Erklärung seiner Lage ansetzen, als er in seinem linken Auge das Krankenhaus vorbei fliegen sah. Mit wirrem Blick suchte er den Halteknopf, die beiden Kontrolleure weiterhin ignorierend, entdeckte ihn in Augenhöhe direkt neben einem von Muskelmassen prall ausgefüllten Ärmel der einen Lederjacke, über dem jetzt aus einem fleischigen, aber eigentlich zu kleinem Kopf mit stoppelkurzen Haaren eine für den massigen Körper viel zu hohe, ungeduldige Stimme erneut seinen Fahrausweis forderte.
„Notfall, ich muss ins Krankenhaus,“ Florian drückte mit aller Kraft seinen Daumen auf die Haltetaste, „höherer Notfall, übergesetzlicher Notstand sozusagen, sie verstehen meine Herren.“ Damit drängte er sich an seinen beiden sturen Herausforderern vorbei zur hinteren Türe. Die zwei Lederjacken, von denen eine dem Fahrer „lass die Türen zu, Paul,“ zurief, kamen gemächlich und bedrohlich auf ihn zu. Der Bus stand, aber die Türen blieben geschlossen.
Florian ergriff eine hilflose Wut und er schrie: „Meine Frau, verdammt, ich muss zu ihr, sie ist in der Klinik, ein Notfall, das müssen Sie doch einsehen,“ aber seine Häscher näherten sich, süffisant grinsend, unaufhaltsam. „Sie lassen mir keine andere Wahl,“ und mit schnellem Griff legte er den Schalter oberhalb der Türe auf „Hand“, zischend entwich die Pressluft, und ehe noch einer der verdutzten Kontrolleure reagieren konnte, zerrte Florian die Türe auf und verschwand in der Dunkelheit.
Am Eingang der Klinik, die er im gestreckten Galopp erreichte warf Florian einen Blick zurück und sah die Rücklichter des Busses im Dunst des gerade einsetzenden leichten Schneefalls verschwinden und mit ihm offensichtlich seine beiden Peiniger. Die Straße war menschenleer.
Er hastete an der Rezeption und einer vor sich hin träumenden Schwester vorbei, bog gleich darauf links ab und sprang, immer zwei Stufen auf einmal bewältigend, in die dritte Etage, schwang die Tür eines endlos scheinenden Ganges auf, bog in der Mitte in einen anderen Gang rechts ab, kollidierte dabei mit einer zierlichen Thailänderin, registrierte, völlig idiotisch, den Kontrast des dunklen Teints mit dem strahlend weißen Schwesternkittel, stoppte abrupt vor Zimmer 343, klopfte sacht und vorsichtig, dabei seinen Atem unter Kontrolle bringend, drückte, da er ein „Herein“ vermeinte gehört zu haben, die Klinke leise herunter und steckte seinen Kopf in das Zimmer.
Bleich und erschöpft lag Charlotte in ihrem Kopfkissen. Das fahle Licht der Nachttischlampe verlieh ihr etwas Gespenstisches. Florian näherte sich ihr auf Zehenspitzen, fast lautlos, streichelte ihr sanft die Wange und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn. Dann kniete er sich vor das Bett, hob sacht die Bettdecke und konnte es nicht fassen, was sie machte, machte sie hundertprozentig: Der Bauch war weg.
"Ist alles gut gegangen, ich meine ist es, sie gesund?" er schaute sie gespannt an. Die Schwangerschaft hatte ihren spröden, etwas harten Gesichtszügen eine Weichheit und Sinnlichkeit verliehen, die ihn jeden Tag aufs Neue verwundert und seine Liebe zu ihr vertieft hatte. Sie strich ihm sanft über die hohe Stirn, "ja, mein Lieber, Mutter und Kind sind wohlauf, gesund und glücklich," ein amüsiertes Lächeln spielte um ihre Lippen. Mit einem tiefen Seufzer befreite er sich von seiner Angst.
Miriam, ihr Wunschkind, hatte ohne Komplikationen und mit bemerkenswerter Eile das Licht der Welt erblickt.
2 Drei Jahre später, im letzten Jahr des 2. Jahrtausend.
Szene 1
Aische, der Ersatzbabysitter, klingelte pünktlich um halb acht. Jasmin, die normalerweise auf Miriam aufpasste, war auf Klassenfahrt. Seine Tochter rannte hinter Florian her zur Tür, versteckte sich dann aber schüchtern hinter seinen Beinen. Aisches Vater war Türke und Florian hatte schon ein Kopftuch oder, noch schlimmer, einen Shador befürchtet, aber grundlos. Eine weiße Kunstpelzjacke und Jeans, die in dicken Fellstiefeln verschwanden, umhüllten ein gewaltiges junges Mädchen. Obwohl erst 17, hatte sie den Leibesumfang einer italienischen Mama nach 20 Jahren Pasta essen und einem halben Dutzend Kindern. Eine Plastiktüte mit Chips und anderen Schlankmachern baumelte an ihrem wulstigen Handgelenk.
"Hallo, komm rein, Du bist sicher Aiske, oder, Du verstehst doch deutsch?"
"Aische! Klar, isch bin doch hier gebore," der hessische Dialekt war nicht zu überhören, "und des isch die Mira, gell?"
Sie hatte nicht nur die Körperfülle einer italienischen Mama, sondern auch deren Talent, mit Kindern umzugehen. Miriam verlor rasch ihre Zurückhaltung und nach 10 Minuten hörte er vergnügtes Lachen aus dem Kinderzimmer.
Erstaunlicher Weise.
Seit ihrem 3. Geburtstag besuchte Miriam den Kindergarten und der Unterhaltungswert dort schien bedeutend höher, denn in den letzten 14 Tagen benahm sie sich zu Hause ihren Eltern gegenüber reichlich widerborstig.
Florian griff erleichtert zum Telefon und bestellte das Taxi, der Tisch im "Taormina", dem besten Italiener in der Stadt, war für halb neun reserviert, weder Charlotte noch Florian hatten Lust, den Abend mit San Pellegrino zu bestreiten.
Er ging ins Wohnzimmer zum Getränkeregal, wählte nach kurzem Zögern einen Carlos Primero und trank ihn langsam und genussvoll aus. Er fühlte sich ausgezeichnet und bewunderte sich selbst: Das Abenteuer eines neuen Lebens lag vor ihm.
"Du siehst bezaubernd aus, dieser seidene Hosenanzug macht Dich noch verführerischer, wir sollten uns noch ein wenig um Flo kümmern," damit nahm er Charlotte, die endlich, wenn auch schweren Herzens, dem Badezimmerspiegel den Rücken gekehrt hatte, in die Arme und ließ seine Fingernägel zart über die Haut ihres weit ausgeschnitten Rückendekolletees kreisen.
"Jetzt nicht, das Taxi kommt doch jeden Moment."
"Das muss halt warten."
"Ja, mit laufender Uhr."
"Genau, dann wissen wir endlich, was ein Quickie wert ist."
"Und der Babysitter?" Sie versuchte sich zu befreien, aber Florians Hand war tiefer gerutscht und streichelte inzwischen sanft über ihren Po.
"Der sagt dem Taxifahrer Bescheid, dass er warten soll."
"Du bist völlig verrückt. Bitte." Aber ihr Widerstand schwand, und Florian streifte ihren linken Träger herunter, als die Türglocke läutete.
Szene 2
"Du hier nix Rosen verkaufen, raus!"
Im Eingang des "Taormina" stieß Florian mit einem ambulanten asiatischen Blumenhändler zusammen, den der kroatische Kellner gerade aus der Tür des italienischen Lokales wies.
"Moment," Florians multikulturelles Mittelstands Gewissen mischte sich ein, "was kostet eine?"
"Funf DM."
Er zählte die Blumen rasch durch, drückte mit einem "stimmt so" dem verdutzten Inder fünfzig Mark, der nicht minder verdutzten Charlotte den ganzen Strauß in die Hand: "Für meine Liebe."
Eine leicht Röte überzog noch immer Charlottes Gesicht, als sie an ihren Tisch kamen, an dem Frank und Dorothea bereits warteten.
"Wir haben schon mal auf Eure Kosten einen Campari getrunken," Frank erhob sich und hauchte Charlotte zwei Küsse auf die Wangen, "ich sag ja immer, Kind und Pünktlichkeit, impossible."
"Die Taxe kam nicht, tut uns leid," 48,80 Mark zeigte die Uhr, als sie eingestiegen waren, wobei jedoch der größte Teil der Summe auf Charlottes nun wieder bezauberndes Aussehen entfiel, "versuch doch dem Fahrer Eure Getränke in Rechnung zu stellen," Florian gab Dorothea die Hand, schob Charlottes Stuhl zurecht, und schlug Frank zur Begrüßung leicht auf die Schulter, "mit Miriam gab es überhaupt keine Probleme."
"D'accord, aber wer nachts ganze Blumenläden aufkaufen kann, für den sind die läppischen Getränke doch nur ein paar Sous."
Neben seinem Zynismus war Franks hervorstechender Charakterzug der Geiz, er würde nicht im Traum auf die Idee kommen, seiner Labs, seiner Lebensabschnittsbegleiterin, wie er Dorothea stets titulierte, auch nur eine einzige Rose zu kaufen.
"Ich bin eben ein sozialer Mensch, aber Du ja kein Sozialfall, oder?" Florian nahm neben Charlotte Platz.
"Wenn ich an meine Steuerabzüge denke, bin ich da nicht so sicher, und davon leben ja unsere lieben ausländischen Gäste. Wenigstens beim Abendessen sollen sie mich in Ruhe lassen."
Als Florian ihm vorhielt, in seinen Kritiken würde er doch immer begeistert über Stücke mit Minderheitenproblemen schreiben, ob das hier seine gelebte Toleranz sei, stöhnte er nur auf: "Mon ami, heute nichts über Theater, s'il vous plait, schon das Wort stimmt mich depressiv. Ich habe gestern die Premiere von Frank Wedekinds "Marquis von Keith" über mich ergehen lassen müssen, das Ergebnis kannst Du am Montag in der Zeitung lesen.“ Er war Kritiker der einzigen Zeitung der Stadt und besaß dadurch ein gewisses Meinungsmonopol, das er schamlos ausnutzte. "Merde, sag ich Dir, nichts als merde. Seid froh, dass Ihr Euch das nicht mehr antut."
Gegen Ende der Schwangerschaft hatten Florian und Charlotte ihre bis dahin regelmäßigen Theaterbesuche eingestellt; sie hatte plötzlich jedes Interesse daran verloren und Florian hatte sich dem gefügt. Dabei war es bis heute geblieben.
"Entschuldigt die Verspätung, aber die Jungs waren einfach nicht ins Bett zu kriegen," Monika und Bernd, der bis gestern noch Arbeitskollege von Florian war, begrüßten die Runde und nahmen auf den zwei freien Stühlen Platz.
"Na wenigstens eine, die meine Theorie bestätigt," Frank konnte es sich nicht verkneifen.
Florian erhob sich und schlug leise mit dem Messer an sein Glas: "Keine Rede, seid beruhigt. Nur damit Frank nicht den ganzen Abend verzweifelt darüber grübelt, wie er den ungeheuren Betrag für 2 Camparis aufbringen soll, die Getränke gehen auf mich, wir feiern schließlich das Ende meines versklavten Arbeitnehmerdaseins."
"Tres bien, und wer übernimmt das Essen?" Frank schaute in die Runde, Scherze dieser Art waren von ihm durchaus ernst gemeint, und Dorothea, die dies wusste, warf schnell ein: "Wenn es nur eine Minestrone ist, würde ich mich bereit erklären, Deine Rechnung zu übernehmen."
"Du wolltest ja auch Essen gehen, mir wäre ein gemütlicher Abend vor dem Fernseher lieber gewesen, der erste freie Samstag seit zwei Monaten," und damit wandte er sich an Florian: "Ich hoffe, Du weißt das zu würdigen."
Charlotte übernahm die Antwort für ihren Gatten: "Mon cher Franc," sie konnte seine frankophile Angeberei nicht leiden und sprach nun mit leichtem französischen Akzent, "es ischt uns allen eine extraordinaire Freude, diese Abend in Deine Gesellschaft verbringe su durfen."
Sie und Frank hatten seit ihrer Schwangerschaft ein gespanntes Verhältnis, nicht ernsthaft, aber beständig. Sie hielt ihn für einen verantwortungslosen Egoisten und sagte es ihm bei jeder passenden Gelegenheit. Er hatte sie daraufhin einmal eine hysterische Mutterkuh genannt, und das verzieh sie ihm bis heute nicht.
"Hast Du jetzt nicht doch ein bisschen Schiss," Bernd reichte dem Kellner die Karte, die Bestellungen waren aufgegeben, "ich meine, Dein Job war ja nicht der schlechteste."
Florians Chef, der alte Vielhaber, war der gleichen Meinung wie Bernd und konnte es nicht fassen, als ihm sein bester Grafiker kündigte. Er hatte versucht, ihn mit verschieden Angeboten zu halten, mehr Geld, flexiblere Arbeitszeit, halbe Tage, aber Florian hatte nur bedauernd abgelehnt und auch gestern auf die letzten Worte seines Arbeitgebers: "Und wenn Ihnen die Decke auf den Kopf fällt, Sie sind jederzeit wieder herzlich willkommen," nur mit einem mild lächelnden Kopfschütteln reagiert.
"Ach was, endlich mein eigener Herr," Florian glättete eine Falte im Tischtuch, "jetzt wird nur noch für die Kunst gelebt."
"Und der Herr Künstler ist auch sicher, dass ihm genug einfällt?" Frank saß zwischen Monika und Dorothea und hatte leichte Mühe, sich an dem Gespräch zu beteiligen. Die Frauen waren bei ihrem Lieblingsthema, den Kindern. Dorothea konnte nur theoretisches Wissen beisteuern, da Frank sich strikt weigerte, Vater zu werden und ihre diesbezüglichen Wünsche stets mit dem gleichen zynischen Satz konterte: Du weißt, Cherie, ich mag kleine Mädchen, aber erst wenn sie 16 sind.
„Keine Sorge, Monsieur Kritik, Ideen sind reichlich vorhanden. Zwei Wochen Technik üben, kleine Stillleben, einige Etüden und dann geht es los," und Florian erzählte, womit es losgehen würde: die alten Griechen, das Tantalus Geschlecht mit seiner barbarischen Familienchronik mit der heutigen Welt zu kombinieren. Ihm schwebten da ganze klare Bilder vor dem geistigen Auge, Bilder, die so noch nie gemalt worden waren, einmal abgesehen von seinem Kollegen Goya. Aber der war ja nun schon länger tot. "Man muss einfach den ersten Schritt tun, alles andere kommt dann von ganz allein. Wer nichts wagt, der nichts gewinnt, oder?" Florian lehnte sich genüsslich zurück, seine Ausführungen hatten ihm gefallen.
"Aber auch nicht seinen Job verliert," Frank hatte sich gegen Monika durchgesetzt, die sich zurückgelehnt hatte und sich nicht mehr an dem Frauengespräch beteiligte, nicht wegen Frank, sondern weil die beiden, Dorothea und Charlotte, sich jetzt über die ab übermorgen wieder gemeinsame Firma unterhielten.
"Du bist einfach zu negativ, mein Lieber," Florian beugte sich zu Frank vor," deshalb schreibst Du auch nur Verrisse."
"Du verwechselst negativ mit realistisch. Sonst wäre es doch besser, Bernd würde seine kreative Begabung, die er in seiner Mansarde austobt, zu seinem Beruf erklären."
Bernd, der die Ironie nicht verstand, meinte, das sei ja nun nicht zu vergleichen, eher könne er, Frank, da er doch eigentlich ein Schreiber sei, einen Roman verfassen.
"Genau," schaltete sich Florian wieder ein, "heute schreibt doch jeder."
"Das kommt schon noch, warte es ab. Oder meint ihr, Florian ist der Einzige mit künstlerischen Ambitionen hier am Tisch?"
"Na wunderbar," Florian lächelte Frank freundlich an," da hab ich einen guten Tipp für Dich: Mach Doro ein Kind, warte drei Jahre und Du hast genug Zeit für Deine Träume." Dorothea unterbrach kurz das Gespräch mit Charlotte und schaute Frank gespannt an.
"Ach weißt Du, ein Schriftsteller braucht Ruhe, eine inspirierende Umgebung, Toskana oder Bali, aber kein Babygeschrei und Einwegwindeln. Aber merci für den Tipp."
Bevor Florian eine treffende Antwort fand kam der Kellner und brachte die Getränke. Zum Anstoßen auf sein neues Leben hatte Florian Pro Secco bestellt. Der Kellner öffnete geräuschlos die Flasche, was Florian mit einem bedauernden "Ooh" quittierte, er wollte heute die Korken knallen lassen, und schenkte ein. Sie stießen auf ihn an, zuletzt Charlotte und er: "Auf uns und unsere Abmachung," er blickte sie zärtlich an, "auf das alles so kommt, wie wir es uns wünschen."
Das Essen war hervorragend gewesen und der Wein hatte die Zustimmung und den heftigen Zuspruch selbst des Kritikers gefunden, kein Wunder, er musste ihn nicht bezahlen. Zwei Flaschen Montepulciano und eine Flasche Pinot Grigio für die Weißweintrinker hatte Florian der Gesellschaft spendiert, und inzwischen tranken sie in ausgezeichneter und unterschiedlich alkoholisierter Stimmung Grappa und Sambuca.
Frank hatte den Tisch mit Anekdoten aus dem Theater unterhalten, keine Pointe konnte ihm bösartig genug sein, und er wandte sich nun an Florian: "Was sagt denn eigentlich Milram dazu, dass sie jetzt von einem Hausmann durchs Leben geführt wird?"
"Miriam, sie heißt Miriam, langsam könntest Du es kapiert haben," Charlotte konnte den ewig gleichen Kalauer nicht mehr hören.
"Pardon, mon cher, aber immer kommt mir der verdammte Frühlingsquark dazwischen," außer den Eltern hatte er die Lacher auf seiner Seite.
"Vielleicht die ersten Anzeichen von Alzheimer?" Florian versuchte zu kontern.
"Aber er hat doch recht," völlig unerwartet meldete sich Bernd zu Wort, der bis jetzt noch nicht viel zur Unterhaltung des Abends beigetragen hatte, "Miriam is wirklich ein blöder Name, das wird sie Euch später bestimmt übel nehmen. Konntet ihr nix vernünftiges finden?" Er lachte als einziger über seine Bemerkung und griff zu seinem Grappa Glas.
"So wie Du mit Peter und Paul, wirklich sehr originell," Florian verspürte plötzlich eine Wut auf Bernd, ausgerechnet den Kritiker musste er unterstützen. Aber zugleich ärgerte er sich über sich selbst, er hatte sich damals mit "Sandra" nicht gegen Charlotte durchsetzen können.
Er sah seinen Freund böse lächelnd an: "Wenn es nach Dir gegangen wäre, würde sie bestimmt Melanie heißen, oder?"
Bernd versprühte den Grappa, den er gerade genüsslich die Kehle herunter rinnen lassen wollte, über den Tisch und verschluckte sich, bekam einen Hustenanfall, und sein Gesicht verfärbte sich puterrot, nicht nur wegen des drohenden Erstickungstodes.
"Wieso denn Melanie," Monikas Augen wurden zu kleinen Sehschlitzen, und trotz Bernds Sprechunfähigkeit wiederholte sie die Frage, jetzt schon etwas schriller, "ich hab Dich was gefragt, wieso Melanie?" Bernd flüchtete sich in weiteres Husten, Florian blickte arglos in die Runde, die beiden Frauen sahen erstaunt und der Kritiker amüsiert auf Bernd und Monika.
"Was ist mit Melanie," sie fixierte Florian, "was hast Du damit gemeint?"
"Aber Moni, er ist doch ein großer Fan von Melanie Griffith, dass weiß doch jeder, nur Du anscheinend nicht," Florian glaubte eine Lösung gefunden zu haben und strahlte sie an.
"Klar, und ich liebe Antonio Banderas, verscheissern kann ich mich selber," ihre Stimme reichte nun weit über die Runde hinaus, einige Köpfe drehten sich zu ihnen um, "los, raus damit," ihre Augen bohrten sich wieder in ihren hilflos ins Nichts stierenden Gatten.
"Wer-ist-diese-Melanie??" Sie betonte jedes Wort.
Außer Bernds Husten blieb es stumm am Tisch.
"Wahrscheinlich vögelt er eine Melanie in seiner Mansarde," sie boxte ihrem Mann in die Rippen, "stimmt das, oder nicht."
"In der Mansarde hab ich nur die dicke Berta," mühsam brachte Bernd mit hoher Stimme diesen sinnlosen Scherz zwischen seinem Röcheln hervor.
"Ich sag Dir eins," und jetzt füllte Monikas Stimme bereits das ganze Lokal, "wenn es da eine Melanie gibt, ich beiss Dir die Eier ab," ihr reichlicher, von den übrigen nicht wahrgenommener Weinkonsum, hinderte sie, ihren leicht ordinären Charakter zu zügeln, "und da kannste Gift drauf nehmen, erst das linke und dann das rechte."
Um die Ernsthaftigkeit ihrer Drohung zu untermauern, wollte sie mit der Faust auf den Tisch hauen, traf aber die noch nicht leere Rotweinflasche, die im Kippen erst den Kerzenständer umriss und anschließend die Vase mit den roten Rosen ins Wanken brachte. Florian griff blitzschnell zu und rettete die Blumen, stieß dabei aber Charlottes Rotweinglas um, das auf dem Aschenbecher zersprang. Zwei Rotweinbäche bewegten sich langsam aber stetig auf Frank zu und brachten damit die Hose des Kritikers in Gefahr, der dem Ganzen aber fasziniert und immer noch amüsiert zusah, während Dorothea und Charlotte vor Schreck aufgesprungen waren.
Ihr Tisch war zum Mittelpunkt des ganzen Lokals geworden.
Zwei Kellner eilten mit Servietten herbei, um ein noch größeres Unglück zu verhindern.
Monika, selber erschrocken über ihre Tat, saß zurückgelehnt auf ihrem Stuhl und blickte mit einem leicht blöden Grinsen von einem zum anderen.
Nachdem man das Chaos beseitigt und sich wieder alle beruhigt hatten, nur Bernd hüstelte immer noch leicht in seine Serviette, jeden Blickkontakt mit seiner Gattin meidend, ergriff Frank, den der ganze Vorfall scheinbar köstlich unterhalten hatte, wieder das Wort: "Ich bin ja von lauter Berühmtheiten umgeben, dem Geliebten von Melanie Griffith, der Liebhaberin von dem Tonio Banderas und dem herausragenden Kollegen von Francisco Goya, Florian Schmidtlein. Ähh, Herr Maler," seine Aussprache war etwas schwer geworden, "dürfte ich Sie um eine kleine Skizze bitten, vielleicht ein Strichmännchen." Damit schob er Florian seinen Notizblock hinüber, den er aus seinem Anzug gezogen hatte, "jetzt kann ich mir Sie ja noch leisten, hoffe ich."
Florian nahm die Herausforderung an, skizzierte kurz Franks große Nase mit der Nickelbrille, übertrieb sein fliehendes Kinn, karikierte seine Lockenpracht.
"Geschenkt," mit einer lässigen Geste schob er den Block zurück, "davon kannst Du Dir bald Dein Haus auf Bali kaufen, Dein Roman wartet ja da auf Dich."
"Na, ich bin vielleicht ein Glückspilz. Branco, noch eine Runde, auf meine Rechnung," das hatte noch keiner hier am Tisch je erlebt, Frank musste ziemlich betrunken sein. Außer Monika, die seit ihrem Ausbruch nur noch debil vor sich hin grinste, aber einem weiteren Schnaps nicht abgeneigt war, lehnten die Frauen ab, "na, noch vviieer Grapppaa, Branco!"
Szene 3
Aische schlief auf der Couch vor dem Fernseher, während Miriam sich gerade den Sexfilm auf Sport I neugierig anschaute. Sie hatte die Fernbedienung in der Hand und den Mund voller Chips. Charlotte war entsetzt. Aische wachte auf, wusste nicht genau, wo sie war, schaute die beiden an, als wollte sie sagen, was macht ihr denn hier, kam dann langsam zu sich und wurde verlegen.
„Isch musch eingeschlafe sein, Miriam wollt unbedingt noch fernsehe, isch hab nich gewuscht, was isch mache sollt, aber kaum waren Sie ausem Haus, da hat sisch de Miriam unmöglisch benomme.“ Florian beruhigte sie, händigte ihr das Geld für die Heimfahrt und ihren Sitterlohn aus und bestellte ein Minicar für sie.
Nachdem Charlotte Miriam ins Bett gebracht hatte, verschwand sie im Bad. Florian hatte sich noch ein Pils zum Abschluss eingeschenkt und ließ sich auf der Couch von dem Sexfilm in eine angeregte Stimmung versetzen. Er zog sich aus und wollte ihr folgen, aber ein Blick auf „Flo“, seinem besten Stück, ließ ihn davon absehen, er hatte zu viel getrunken.
Anfangs hatte sie ihn zärtlich und belustigt Florinchen getauft, aber ihm hatte die Verkleinerung seines nicht unwichtigen Teils missfallen, und sie war zu Flori übergegangen, um ihn dann auf Flo zu reduzieren, was sie zu einigen Wortspielen in Gegenwart von Freunden aber auch von Unbekannten inspirierte, wie zum Beispiel, „mich juckt der Flo,“ “ich könnte Dir einen Flo in den Pelz setzen,“ oder „ich glaub, mich könnt ein Flo beißen,“ und dergleichen mehr, ihre Phantasie war da sehr ergiebig. Oft hatten sie sich mit einem dieser unverfänglichen Sätze auf Party´s oder Gesellschaften ganz öffentlich verständigt, um dann kurz hintereinander in Badezimmern oder auch auf engen Toiletten zu verschwinden und sich rasch zu vergnügen. Aber das war vor Miriams Geburt.
Er ließ das Badezimmer links liegen, fiel ins Bett mit dem beruhigenden und berauschenden Gedanken, dass er noch viele solcher Abende und Vergnüglichkeiten mit Charlotte vor sich habe.
Ein Trugschluss, wie sich herausstellen sollte
Szene 4
"So ein Mist, mein erster Arbeitstag und ich komme zu spät. Nur weil Du zu geizig bist, eine neue Batterie zu kaufen." Charlotte konnte es nicht fassen.
Ein Grönland Tief hatte sich schon am Sonntag mit einem Temperatursturz angekündigt, in der Nacht seine weiße Fracht abgeladen und den Winter zurückkehren lassen. Florian musste den Passat, den sie nach der Geburt von Miriam gegen den Golf GTI eingetauscht hatten, von turmhohen Schneemassen befreien, aber jetzt streikte die Batterie.
"Was is eine Battetie, Mami?" Miriam stand in ihrem weißen, wattierten Anorak neben ihrer Mutter und schaute sie neugierig an.
"Nimm den Bus, ich besorg eine neue und heute Abend alles wie vereinbart," sie hatten ausgemacht, er fährt sie morgens zur Arbeit, bringt auf der Rückfahrt Miriam zum Kindergarten und holt sie abends wieder ab.
„Wer weiß, wann der jetzt kommt," zu dritt, in unterschiedlicher Laune, stapften sie durch den Schnee. Die Haltestelle lag nicht weit entfernt, in derselben Richtung wie der Kindergarten.
"Genau so habe ich es mir vorgestellt, aber Du weißt ja immer alles besser. Ich habe Dir vorige Woche schon gesagt, die Batterie macht es nicht mehr lange, aber nein, mein Herr Gatte ist ja immer schlauer."
"Mit dem Bus kommst Du bei dem Wetter auf jeden Fall sicherer ins Büro."
"Na wunderbar,“ schnaubte Charlotte, „dann muss ich Dir wohl noch dankbar sein, dass ich jetzt eingekeilt zwischen stinkendem Pöbel im Bus fahren darf."
„Was is Pobel?“ Miriam ließ mit jedem Schritt den Schnee auffliegen.
„Frag Deinen Vater.“ Aber Florian verzichtete auf eine Antwort.
An der Haltestelle hatte sich eine Menschentraube gebildet, noch keinem Bus war es gelungen, bis hierher vorzudringen. Charlotte versuchte verschiedene vollbesetzte Taxis anzuhalten, ohne Erfolg. Ihre Laune passte sich der Außentemperatur an.
Schon den ganzen Sonntag war sie unausstehlich gewesen, hatte fortwährend lamentiert, sie habe nichts zum Anziehen, und hatte Stunden vor dem Spiegelschrank im Schlafzimmer verbracht. Auf Florians Frage, ob sie morgen ein Casting beim Film habe, sauste ein Stiefel auf ihn zu, dem er geschickt auswich. Er hatte mit Miriam das Arbeitszimmer in sein neues Atelier umgebaut, der Computer musste Platz machen für die Staffelei, seine geliebte alte Staffelei, die er sorgsam verpackt aus einer Ecke des Kellers hervorholte. Die alten Farben waren eingetrocknet, was er sehr ärgerlich fand, er würde sich morgen neue besorgen müssen.
Nach einer Viertel Stunde näherte sich, völlig überfüllt, der 315er. "Ich ruf Dich an, wann ich fertig bin," Charlotte, die vorwurfsvoll schweigend ihre missliche Lage akzeptiert hatte, drückte Miriam einen flüchtigen Kuss auf die Wange und schaffte es, sich als eine der Wenigen in den Bus zu quetschen.
"Mami is heute böse, nich?"
"Nein, sie ist nur ein bisschen aufgeregt, das ist heute Abend vorbei." Sie kämpften sich durch den Schnee, Miriam kletterte auf jeden zusammen gekehrten weißen Haufen, und er hatte Mühe, sie trotz Gummistiefeln mit trockenen Füßen im Kindergarten abzuliefern.
Mit Brötchen für sein zweites Frühstück und der Zeitung unterm Arm öffnete er die Wohnungstür, zog die nassen Schuhe aus, setzte frischen Kaffee auf, öffnete die Hähne über der Badewanne und wanderte durch die Wohnung, die ihm jetzt jeden Tag bis 14.00 Uhr alleine gehörte.
Sein Traum war ein renovierter Altbau mit Parkettboden, aber Charlotte war von dieser begeistert gewesen, und so waren sie eingezogen. Es war eine geräumige 4- Zimmer Neubauwohnung mit einem großen Balkon und zwei kleineren Zimmern für den Nachwuchs, wovon eins Miriam belegte und das andere jetzt sein neues Atelier war. Im Wohnzimmer setzte er sich in den alten französischen Lehnstuhl, den Charlotte mit in die Ehe gebracht hatte, ein Souvenir eines Frankreichurlaubs vor seiner Zeit. Die einzige Antiquität, die sie besaßen, mehr ein Dekorationsstück, denn er wurde nie benutzt. Er schloss die Augen und atmete tief aus: "Endlich!" Er konnte es immer noch nicht fassen und beglückwünschte sich selber zu seinem Mut, sich nur noch der Kunst zu widmen. Er schlenderte in sein Atelier, frisch gewachst stand die Staffelei gegenüber dem Fenster. "Born to be wild" singend, swingte er sich in ein selbstverliebtes, ausgelassenes Tänzchen, kehrte in die Küche zurück, schmiss seine Kleider auf den Stuhl, goss sich nackt eine Tasse Kaffee ein und machte es sich mit ihr und der Zeitung in der Wanne bequem. Er schlug das Feuilleton auf und suchte Frank´s Kritik, als das Telefon läutete.
Er überlegte kurz es zu ignorieren, aber dann gewann die Neugierde die Oberhand, und er stemmte sich hoch. Zu heftig, die Kaffeetasse auf dem Rand kam ins Rutschen und versank im Badewasser, ein dunkelbrauner Fleck breitete sich aus. Er hatte noch versucht, sie aufzufangen, dabei aber die Zeitung kurz ins Wasser gedrückt, schlaff und triefend hing sie nun in seiner Hand. "Mist, verdammter," er stand auf dem Vorleger und griff nach seinem Bademantel, Franks Theaterkommentar ließ er auf den Boden platschen. Er lief in den Flur, aber kurz bevor er das Telefon erreichte, sprang der Anrufbeantworter an. Er hob den Hörer ab und schaltete die Maschine aus. "Schmidtlein, hallo." Aber er war zu spät.
Er folgte den nassen Fußspuren auf dem Boden zurück ins Bad, betrachtete die hellbraune Brühe in der Wanne, hob die zusammen gepappte Zeitung auf und setzte sich an den Küchentisch. Aufs Baden verzichtete er.
"Junger deutscher Regisseur versucht sich an Wedekind!" mühsam kämpfte sich Florian durch die nasse Rezension. Kritik konnte er es eigentlich nicht nennen, es war eine sarkastische Verurteilung der ganzen Aufführung, durchsetzt mit zynischen Anmerkungen. Florian verstand sie nicht, das Stück war ihm unbekannt, und Frank half ihm auch nicht, es kennenzulernen. Die Schauspieler wurden allesamt vernichtend beurteilt oder verhöhnt, an Herrn Fentzeck lobte er zum Beispiel seine Fähigkeit, Radfahren zu können und ein Herr Plätzbär wurde für sein Geigenspiel erwähnt. Dem Regisseur legte er den Berufswechsel nahe und nur ein gewisser Herr Mittelweg schien sich behauptet zu haben.
„Gut, das er keine Ausstellungen kritisiert," Florian versenkte die Zeitung im Mülleimer.
Gegen zehn Uhr rief er den ADAC an. Es könne gut eineinhalb Stunden dauern, beschied ihm eine freundliche weibliche Stimme. Es gab anscheinend noch mehr geizige Autofahrer, die nicht auf ihre Frauen hörten. Das mache nichts, er habe Zeit. Er schnitt ein Brötchen auf und widmete sich seinem zweiten Frühstück.
"Wenn um 12 das Auto wieder läuft," überlegte er, "kann ich in Ruhe eine neue Batterie kaufen, die Farben besorgen und dann um 2 Mira abholen. Vielleicht mache ich heute Nachmittag eine kleine Skizze von ihr, die ich während der Woche vollende." Die Feigenmarmelade schmeckte ihm vorzüglich.
Der Pannenhelfer kam um Viertel nach eins. Seit 12 war Florian nur noch nervös zwischen Kaffeetasse, Atelier und dem Fenster unterwegs gewesen, hatte nochmals angerufen, der Fahrer sei unterwegs, erklärte dieselbe weibliche Stimme, die ihre Freundlichkeit allerdings während des Vormittags eingebüßt hatte. Er hatte sich dann selbst beruhigt, schließlich sei morgen auch noch ein Tag, und Übermorgen und Überübermorgen auch, wozu die Aufregung, Zeit besaß er im Übermaß.
Seine Werkstatt machte Mittagspause. Er fluchte leise vor sich hin und fuhr zum Kindergarten. Die ganze Stadt war ein einziges Verkehrschaos, er kam nur mühsam voran und fand dann keinen Parkplatz. Er parkte in der zweiten Reihe, schaltete die Warnblinker an und zog gewohnheitsmäßig den Zündschlüssel ab. Er trug seine Tochter auf dem Arm durch den Schnee, schnallte sie im Kindersitz fest und betätigte den Anlasser.
„Scheiße, nein, bitte nicht," aber seine flehentliche Bitte erreichte die Batterie nicht, sie war wieder leer. Er öffnete die Motorhaube und starrte ratlos die nun unnütze Energiequelle an. Damit waren seine technischen Fähigkeiten erschöpft. Resigniert hockte er sich wieder ans Steuer.
"Warum fähst Du nich, Papi, ich hab Hunge." Seine Tochter steigerte seine Hilflosigkeit und mit leicht nervösem Unterton erklärte er ihr: "Die Batterie ist doch krank, Mira, und muss sich ein wenig erholen." Er hoffte auf ein Wunder. Vergeblich. Mit einem wehleidigen Jaulen schaffte sie zwei Umdrehungen und verstummte. Er stieg aus, einen hilfsbereiten Autofahrer zu suchen. Der Erfolg ließ eine halbe Stunde auf sich warten.
Nachdem der Passat mit einem Überbrückungskabel wieder funktionstüchtig, seine Tochter durchgefroren und er ein wenig erleichtert war, lenkte er das Auto zu seiner Werkstatt. Sie verbrachten eine weiter Stunde in der Kälte, denn mittlerweile hatten sich alle unbelehrbaren Ehemänner auf den Weg zum Automechaniker gemacht. Um fünf kam er endlich mit einer weinenden und zitternden Miriam nach Hause. Mit zwei Rühreiern und Ketsch up stillte er ihren Hunger und trug sie ins Bett, aber sie war inzwischen völlig überdreht, wollte fernsehen, auf keinen Fall schlafen, er solle ihr eine Geschichte vorlesen, wo die Mami sei, sie wolle die Mami, er musste seine ganze Geduld aufbringen, sie nicht anzuschreien. Den Kauf der Farben verschob er auf Morgen. Das Telefon klingelte, es war Charlotte, er solle um halb sieben vor der Firma auf sie warten, früher sei es nicht möglich und was mit dem Abendessen sei. Irritiert schaute er auf die Uhr, zehn vor sechs. Er schnallte Miriam wieder in den Kindersitz und rutschte mit ihr zum nächsten Supermarkt, kaufte Avocados, Krabben, Spinat Nudeln, eine feine Käsesauce und eine Flasche Mumm, erreichte um zehn vor sieben Charlottes Büro, wartete mit der quengelnden Miriam bis fast halb acht, ehe seine Frau heraus hastete und fuhr die Familie nach Hause.
Charlotte war erschöpft und aufgedreht, darin glich sie ihrer Tochter. Sie erzählte begeistert von ihrem ersten Tag, es gäbe unglaublich viel zu tun, schon jetzt würden sich die Aufträge auf ihrem Schreibtisch stapeln, Herr Demut schien überglücklich, sie wieder auf seiner Gehaltsliste zu haben und auch die Kollegen hätten sie alle herzlich empfangen. Florian hörte nur mit einem Ohr zu, der wieder einsetzende Schneefall und der Abendverkehr beanspruchten seine volle Konzentration.
"Ein wunderbares Gefühl, endlich wieder gebraucht zu werden," Charlotte drehte sich zu Miriam um, "und wie geht es meiner Miri?"
Florian sah sie irritiert an, "aber Mia und ich brauchen Dich doch auch."
"Ja, aber das ist einfach nicht zu vergleichen, mein kleiner Grafiker." Florian hasste diesen Spitznamen und trat aufs Gas. Er riss das Steuer herum und lenkte den Wagen in einen Schneehaufen am Straßenrand, nur so konnte er einen Auffahrunfall mit dem plötzlich vor ihm bremsenden Auto verhindern.
"Pass doch auf, Du fährst wie ein Idiot," schrie ihn Charlotte an.
Seinen ersten Tag als freischaffender Maler hatte er sich anders vorgestellt.
Szene 5
Am Donnerstag begann endlich sein künstlerisches Schaffen. Nachdem er seine beiden Frauen abgeliefert hatte, fuhr er auf den Markt und kaufte zwei prachtvolle Äpfel. Seine ersten Modelle.
Er holte den Blumenständer aus der Diele, drapierte ihn mit einem grauen Samt Tuch und schob ihn unter sein neues Lebensmotto.
"NIEMANDES KNECHT UND KEINEM HERR."
In leuchtendem Rot und seiner schönsten Grafikerschrift hatte er den Satz auf die weiße Raufasertapete gemalt, darunter in schwarz den Autor: “SCHILLER“.
Er brauchte zwanzig Minuten, den grün melierten Granny Smith in die richtige Stellung zu platzieren. Seine neuen Farben, eine Flasche Terpentin, seine Palette und ein ganzes Sortiment von Pinseln lagen griffbereit auf dem kleinen Schreibtisch und eine leere, blütenweiße Leinwand stand auf seiner Staffelei.
Florian wünschte sich toi, toi, toi und stockte.
"Erst wenn Sie Äpfel malen, die Ihnen das Wasser im Mund zusammen laufen lassen, sollten Sie sich größeren Aufgaben zuwenden, meine Damen und Herren," die Forderung seines Professors auf der HBK stand zwischen ihm und seinem ersten Pinselstrich und ließ ihn schwer atmen.
"Na los, Künstler," munterte er sich auf, "zeig´s ihm."
Heute zeigte er es ihm noch nicht. Nach über zwei Stunden heftete er leicht enttäuscht das Ergebnis seiner Bemühungen unter Schiller an die Wand. Seinen Appetit regte es nicht an.
"Na ja, so leicht fällt eben kein Maler vom Grafikerhimmel," beruhigte er sich.
Grafik Design hatte er nur als Nebenfach belegt, sein Hauptstudium und Wunschfach war die Malerei gewesen, doch die Aussicht, als verkannter und verarmter Maler von der Geschichte ignoriert zu werden, hatte ihn einen Job in einer Werbeagentur annehmen lassen. Dort war er geblieben, seinen Malertraum hatte er auf später verschoben und dann war er ihm nach und nach abhanden gekommen. Charlotte hatte ihn, als sie nach einer Lösung für ihre weitere Lebensplanung suchten, wieder in ihm wach gerufen.
Er legte den zweiten Modellapfel auf den zweckentfremdeten Ständer, "Du wirst mein Meisterapfel," zwinkerte er ihm zu, nahm seinen Vorgänger, biss herzhaft hinein und wollte sich auf den Weg machen, Miriam abzuholen.
Das Telefon klingelte. Es war Bernd. Er habe schon die ganze Woche versucht ihn anzurufen, aber immer sei der verdammte Anrufbeantworter angesprungen, Florian müsse unbedingt mit Monika reden. Seit dem Essen letzte Woche mache sie ihm die Hölle mit Melanie heiß, er hätte zu Hause keine ruhige Minute mehr, er solle ihr sagen, dass es nur ein Scherz war und nichts dahinter.
"Mein Gott Bernd, jetzt erzähl ihr doch endlich die Geschichte, das ist doch über zehn Jahre her, ihr ward doch damals nicht mal verheiratet."
"Das geht nicht, das verzeiht sie mir nie."
"Bau Melanie Griffith aus."
"Das geht jetzt auch nicht mehr, ich hab alles kategorisch abgestritten und gesagt, ich würde keine Melanie kennen. Du musst mir helfen und die Sache auf Dich nehmen."
"Dann sag ihr, ich hätte was mit einer Melanie gehabt, aber eigentlich sei die in Dich verliebt gewesen, was ja fast stimmt." Aber eben nur fast. Während ihrer gemeinsamen Studienzeit war Bernd schon Monika versprochen gewesen, wie es so schön bei ihnen auf dem Dorf hieß. Sie kannten sich schon seit immer und waren sich dann auf den Dorffesten näher bis ganz nah gekommen, was die Scheunen der häuslichen Umgebung erleichtert hatten. Dem ausschweifenden und freizügigen Leben der Großstadt stand Bernd hilflos gegenüber und ließ es unbeteiligt an sich vorüberziehen. Nur jene Melanie Schlossknecht, die in dem Ruf stand und ihn auch ehrgeizig bestätigte, jeden zu kriegen, Florian nicht ausgeschlossen, hatte sich für 8 Tage in Bernd verliebt. Er konnte sein Glück nicht fassen, aber nach dem Ende fiel er in eine depressive Lethargie und stilisierte Melanie zur Liebe seines Lebens. Nur mühsam fand er zu Monika zurück, die von all dem nichts erfahren hatte, und ergab sich in seine Vorbestimmung.
"Ob die mir das glaubt, ich weiß nicht, sie merkt doch sofort, wenn ich lüge."
"Ist doch die Wahrheit, beinahe, sonst soll sie mich anrufen, ich werde es dann bestätigen. Und, wie läuft es im Büro?"
"Na ja, Du fehlst halt. Und bei Dir?"
"Gut, nein sehr gut, nein ausgezeichnet. Aber ich muss jetzt Mira abholen, bis dann."
Das Gespräch hatte seinen kreativen Misserfolg verdrängt, und vergnügt machte Florian sich auf den Weg.
Szene 6
„Noch einmal, Papi, bitte." Mindestens 25 oder 30 mal war er mit Miriam bereits den Abhang am Feldberg herunter gerodelt, aber sie konnte nicht genug bekommen. Nach dem Wetterbericht fürs Wochenende hatte Florian einen Schlitten gekauft und nach einem ausgiebigen Sonntagsfrühstück waren sie in den Taunus aufgebrochen. In der Nacht hatte der Schneefall nachgelassen und am Morgen einem strahlend blauen Himmel Platz gemacht.
"Jetzt machen wir erst eine Schneeballschlacht, ja," er formte ganz leicht eine kleine Kugel und warf sie vorsichtig in Miriams Richtung. Seine Tochter versuchte es ihm gleichzutun. Charlotte stand etwas abseits und blickte gedankenverloren den Abhang hinab. Früher hätte sie bei solch einem Ausflug die Kamera griffbereit gehabt und ganze Serien von Miriam oder ihm oder beiden geschossen, aber heute schien sie mit ihren Gedanken vollkommen woanders zu sein. Er versuchte sie mit einem Schneeball von hinten aus der Reserve zu locken, aber im selben Moment drehte sie sich um und ein weißer Fleck zierte ihre Stirn, die Sonnenbrille flog in den Schnee.
"Au, sag mal spinnst Du!", sie befreite ihr Gesicht und die Haare vom Schnee, "soll das vielleicht komisch sein?"
Er ging lachend auf sie zu, hob die Brille auf, entschuldigte sich und versuchte sie in die Arme zu nehmen, aber sie wich verärgert zurück.
"Warum drehst Du Dich auch um," er grinste unbeholfen. Charlotte schwieg.
"Jetzt vergiss doch einfach mal die Firma und rutsch mit Miriam den Buckel runter," aber auch dieser magere Scherz kam bei Charlotte nicht an.
"Mir muss bis Morgen was einfallen, ein griffiger Satz für eine Haftcreme, also lass mich bitte denken."
"Wie heißt sie denn?"
"Protomed."
"Klappert häufig dein Gebiss, hilft dir Protomed gewiss," nach kurzem Überlegen warf ihr Florian den Satz hin, schnappte sich Miriam und sauste wieder talwärts.
Er hatte Charlotte mit viel Mühe zu diesem Ausflug überreden müssen, denn die letzten beiden Wochenenden, vielmehr ihre ersten beiden als wieder berufstätige Ehefrau, oder sollte er sagen Karrierefrau, hatte sie hinter Akten versteckt im Wohnzimmer verbracht.
"Fahr nicht so dicht auf, wie oft hab ich Dir das schon gesagt, und bei den Straßenverhältnissen erst recht nicht." Florian saß trotz des Rums verkrampft auf dem Beifahrersitz.
"Fahr selber oder halt die Klappe," zischte ihn Charlotte an.
"Kein Alkohol am Steuer! Ich bin ja dafür den Hinweg gefahren."
In dem kleinen überfüllten Gasthof, in den sie eingekehrt waren, hatte er sich während der langen Wartezeit, weder Kellner noch Küche waren dem Ansturm gewachsen, die Zeit mit Grog und zwei Gläsern Rotwein, der weit unter seinem gewohnten Niveau war, die Zeit vertrieben und sich aufgewärmt. Und jetzt krochen sie in einer endlosen Kolonne mit all den anderen sonntäglichen Schneeausflüglern auf überfrierender Nässe in Richtung Autobahn.
"Mein Gott, ist das eine Hitze hier im Auto," Florian öffnete das Seitenfenster.
"Miriam hat ganz nasse Sachen, lass das Fenster zu. Mussten es denn gleich wieder drei Grog sein?" Charlottes Stimme wurde kalt und schmal.
"Wenn Du nur was zum Meckern hast." Florian kurbelte die Scheibe wieder hoch und das Gespräch verstummte.
Sie brauchten über drei Stunden für die Rückfahrt. Miriam war inzwischen in ihrem Kindersitz eingeschlafen und auch Florian waren dank des Alkohols einige Male die Augen zugefallen. Bei ihrer Ankunft war Charlottes Laune auf dem Tiefpunkt, mürrisch richtete sie ein paar belegte Brote, brachte Miriam ins Bett, versteckte sich eine halbe Stunde hinter dem ungelösten Gebisskleber und ging ins Bett.
Florian hatte sich noch zwei Gläser guten Bordeaux gegönnt und folgte ihr nun ohne große Hoffnung. Heute Morgen vor dem Aufstehen hatten sie mit wenig Leidenschaft ihre sexuelle Pflichtübung absolviert, und damit war die Ration für diese Woche erfüllt.
Charlotte wünschte gute Nacht und drehte sich ohne den obligatorischen Kuss um.
Er blätterte in seinem Buch über flämische Stillleben, aber schon nach wenigen Minuten raunzte sie ihn an: "Ich kann nicht schlafen, wenn Du liest. Du hast doch Morgen den ganzen Tag Zeit. Ich hab einen anstrengenden Tag vor mir, also bitte."
Müde von der ungewohnten Frischluft, mit sich als Vater zufrieden und der absoluten Sicherheit, morgen den Apfel seines Lebens zu malen, löschte Florian das Licht und glitt rasch in das Reich des Schlafs.
Szene 7
"Kannst Du das Kostüm in die Reinigung bringen, bitte, aber bis übermorgen muss ich es wiederhaben. Und vergiss nicht, Monika anzurufen und das Abendessen abzusagen." Sie musste ganz plötzlich für 2 Tage zu einem wichtigen Kunden nach München und war wegen dieser unerwarteten Aufgabe nervös.
Eigentlich hatte Herr Demut, ihr Chef bei „Pub-Re-Solution“, selber fahren wollen, diesen Auftrag aber dann überraschend gestern ihr anvertraut.
Zuerst war sie sprachlos gewesen, doch dann hätte sie ihn vor Begeisterung umarmen können, was sie aber unterließ. Sie mochte ihn, sein ruhiges, fast leises Auftreten, seine feine aristokratische Haltung, seine brillanten Ideen, die er dezent aber überzeugend vortrug, ein idealer Vorgesetzter. Er hatte nur einen Fehler.
Hektisch warf sie Florian, der, nachdem er Miriam in den Kindergarten gefahren hatte, gerade den Frühstückstisch deckte, das Kostüm über den Arm und wollte ins Bad. Er packte sie mit seiner freien Hand, ließ das Kostüm auf einen Stuhl fallen und zog sie in seine Arme.
"In dieser Seidenunterwäsche siehst Du unwiderstehlich aus. Ist das Deine Arbeitskleidung, um den Auftrag zu bekommen?"
Er küsste sie auf den Hals und ließ seine Hand unter dem Hemdchen verschwinden.
"Nicht, ich bin schon zu spät dran."
"Der Zug fährt in eineinhalb Stunden, und es wartet doch auch kein kostspieliges Taxi." Vorsichtig umkreiste sein Finger ihre Brustwarze, sie trug keinen BH, bei ihren kleinen festen Brüsten ein überflüssiges Kleidungsstück.
"Du musst mich vorher noch bei der Agentur vorbeifahren, mir fehlen noch Unterlagen," energisch zog sie seine Hand hervor und eilte endlich ins Bad. Resigniert packte Florian das Kostüm in eine Plastiktüte. Er schnitt Orangen auf, um frischen Saft zu pressen.
„Was ist denn eigentlich los, abends bist Du müde und morgens rufen die Akten, Flo rostet langsam ein," Florian lehnte in der Badezimmer Türe und grinste sie schief an, aber seine traurigen Augen widersprachen seiner nach Außen gezeigten Gefühlslage.
Charlotte streichelte ihm kurz und fahrig durchs Gesicht, "ich weiß, aber momentan ist alles ein wenig viel für mich, wenn ich aus München zurück komme, ja, versprochen."
Wenig getröstet zog er sich zurück, um seine Küchentätigkeit fortzusetzen.
"Er hat Dackelaugen," Charlotte griff zu ihrer Tagescreme, "wieso ist mir das früher nicht aufgefallen?" „Ist Dir doch,“ gab sie sich selbst zur Antwort und sie dachte an ihre erste Begegnung.
„Pub-Re-Solution“ hatte damals eine komplizierte Grafikzeichnung zu vergeben und sie war selbst zu dem Grafikerbetrieb „Vielhaber“ gefahren, um ihre Vorstellungen zu erläutern. Florian Schmidtlein, der im Ruf stand, eine Spitzenkraft zu sein, hatte sie als Mann nur am Rande wahrgenommen. Seine hohe Stirn, seine weichen Gesichtszüge mit dem treuen Hundeblick, sein kleiner Spitzbauch, den der weiße Arbeitskittel umspannte, all das hatte sie nur negativ bemerkt. Er war absolut nicht ihr Typ. Dazu seine Wortkargheit, er hatte keine Fragen gestellt, sondern nur mehrmals ein genuscheltes "mh,mh," hervorgebracht, das sie an der Richtigkeit ihres Herkommens zweifeln ließ. Das Ergebnis zwei Tage später hatte sie aber dann mehr als überrascht, und sie lud ihn spontan zu einem Abendessen ein. Nicht um ihn als weiteres Opfer ihrer flüchtigen Beziehungen, auf die sie sich seit der Trennung von Alexander vor fast drei Jahren nur noch einließ, zu benutzen, sondern weil sie fand, gute Leistungen müssten belohnt werden.
Das Abendessen verlief in ausgezeichneter Stimmung. Der wortkarge Grafiker entpuppte sich als Komiker. So viel hatte sie schon lange nicht mehr gelacht. Sein sanguinisches Temperament, seine spontane und unkomplizierte Art ließen ihre Unnahbarkeit und ihre nach außen gezeigte Kälte schmelzen, und sie empfand ein lange vermisstes Gefühl der Geborgenheit.
Sie entdeckte zwei lebhafte, lustige Augen, die Vertrauen einflößten und ein ausgeprägtes Kinn, das eine gewisse Sturheit, aber auch Willenskraft ausdrückte. Die Stirn hatte zwar schon eine übertriebene Höhe erreicht, was auch die nach vorne gekämmten Haare nur unzulänglich verbergen konnten, aber mit Glatzen hatte Charlotte, was die Leidenschaft und Ausdauer betraf, keine schlechten Erfahrungen gemacht, und so wischte sie diesen Einwand fröhlich beiseite, und als er dann, sie waren über Windelwerbung auf das Thema gekommen, mit Begeisterung von seinen beiden Nichten, den kleinen Töchtern seiner Schwester, erzählte, hatte sich der in allen Frauen wohnende uralte Instinkt gemeldet. Dieser kleine humorvolle Grafiker würde sich als Erzeuger, Ernährer und Beschützer ihrer Brut, also ihrer Kinder, bestens eigenen. Sie beschloss auf der Stelle, ihn und sich vorsichtig zu behandeln. Sie unterließ es schweren Herzens, ihn auf einen letzten Kaffee einzuladen, verabschiedete sich mit der Hoffnung auf ein Wiedersehen und beide gingen allein ins Bett. Zwei Tage später hatte er sich wieder bei ihr gemeldet. Zielstrebig und geschickt hatte sie die Beziehung vertieft und ihn dazu gebracht, was nicht allzu schwer war, denn sie merkte wohl, dass er von einem 7. Himmel in den nächsten stürzte, sie vor den Traualtar zu schleppen.
Und so war eine komplizierte grafische Zeichnung der Beginn ihrer Liebe geworden.
"Liebe?" Charlotte stutzte kurz, „aber wo war die Leidenschaft geblieben?“ doch dann schob sie das Thema beiseite. „München," vorsichtig legte sie ihren Lidschatten auf, "München ist meine Chance."
In den sechs Wochen, die sie jetzt wieder bei „Pub-Re-Solution“ arbeitete, hatte sie alle Skepsis und Zweifel, die ihr nach dem langen Zwangsurlaub entgegen geschlagen waren, mit großem Ehrgeiz und unbändigem Willen ausgeräumt, und dass ihr Chef sie nun zu diesen Verhandlungen allein nach München schickte, war ein Ausdruck des Vertrauens, das er in ihre Fähigkeiten setzte.
"Aber das ist erst der Anfang, meine Liebe," sie wählte ein kräftiges Dunkelrot für ihre Lippen, das gut zu ihrer blonden, kurzen Frisur passte, "Dein Weg führt steil nach oben." Sie wusste dass er steinig würde, aber das sollte sie nicht abhalten. Sie wollte mehr. Sie wollte unabhängig sein. Sie wollte ihr eigener Chef sein. Sie wollte die Macht.
Sie presste die Lippen aufeinander, um den Lippenstift gleichmäßig zu verteilen, und betrachtete sich im Spiegel, "Tja, mein kleiner Grafiker," sprach sie zu Florian, der davon nichts mitbekam, da er geduldig in der Küche an dem gedeckten Frühstückstisch auf sie wartete, "es ist nicht leicht, mit einer Erfolgsfrau verheiratet zu sein."
Es lag kein Mitleid in ihren Gedanken.
Szene 8
"Eigentlich wollte ich heute Abend in die Mansarde, muss ich dann eben verschieben, so um halb acht bei Rolf?"
"Das ist zu früh, Charlotte ist in München und Miri muss erst einschlafen, um neun?"
"Na gut, is ein bisschen spät, aber höchstens ne Stunde."
Florian legte zufrieden auf, er würde Charlottes Abwesenheit nutzen, um mal wieder einen Abend mit Bernd in seiner Stammkneipe verbringen zu können.
Vergnügt schlug er die Eier in die Schüssel, Omelett mit Marmelade hatte er für das Abendessen auserkoren.
"Wann holen wi die Mami ab," Miriam saß auf dem Küchenschrank und schaute ihm neugierig zu.
"Die Mami kommt heute nicht nach Hause, die Mami ist in München," mit einem Schwung setzte er die Pfanne auf den Herd, "heute Abend machen wir zwei es uns in der Küche bequem, und dann geht es ab ins Bett"
"Nein, nich in Bett, ich wate auf die Mami."
"Aber die Mami ist in München, die Mami kommt erst morgen wieder, aber ganz, ganz spät."
"Wo is die Munchen?"
"München ist eine große Stadt, ganz im Süden, noch viel, viel weiter als die Omi wohnt," vorsichtig goss er den Teig aus dem großen Schöpflöffel in die Pfanne, scharf zischend sprangen Tropfen des Öls auf den Herd.
"Mia est ins Bett, wenn die Mami kommt."
"Die Mami kommt heute nicht und die Mira geht nach dem leckeren Pfannkuchen ganz schnell ins Bett," er versuchte bestimmt zu klingen, hob sie von der Anrichte und setzte sie in ihren Kinderstuhl an den Küchentisch.
"Und jetzt zeigt der Papi Dir ein Kunststück." Er griff die Pfanne, schwang sie ruckartig nach oben, stoppte, das Omelett wirbelte in die Luft, sauste knapp an seinem Ausgangspunkt vorbei in die Tiefe und landete zerplatzend auf dem Fußboden. Miriam klatschte in die Hände: "Noch mal, Papi, noch mal!" Um Viertel nach acht konnte er endlich das Licht im Kinderzimmer löschen. Den zweiten Pfannkuchen hatte er, sich der Aufforderung seiner Tochter widersetzend, vorsichtig mit einem Teller gewendet und ihn ihr, inzwischen leicht nervös, in kleinen Happen in den Mund gestopft. Miriam hatte, um das Schlafengehen zu verzögern, nach jedem Bissen gefragt, "wo is die Mami," um sich dann selbst die Antwort zu geben: "Die Mami is in Munchen."
Er würde noch 10 Minuten warten müssen, bis sie einschliefe, und so schlenderte er ins Atelier, um sein OEuvre zu betrachten.
Drei Äpfel, die wenigen, welche die Qualifikation halbwegs bestanden hatten, hingen unter Schillers Satz: "Niemandes Knecht und keinem Herr."
Eine angefangene Stirnpartie, die er wegen mangelnder Geduld seiner Tochter hatte abbrechen müssen, stand auf der Staffelei und wartete seit einer Woche auf ihre Vollendung. Nicht viel, für nun fast eineinhalb Monate, aber jeden aufkommenden Zweifel an seinem Talent schob er schnell beiseite. Er spürte plötzlich den Wunsch nach einer Zigarette.
"Mia," wie ertappt fuhr er herum, "kann nich schlafen, lies Mia was vo, Papi." Seine Augen flackerten kurz, dann hatte er sich wieder in der Gewalt.
"Na gut, mein Schatz," er versuchte so ruhig wie möglich zu wirken, "was möchtest Du denn hören."
"Die Geschichte vom dicken, fetten Pfannkuchen.“
Florian schmunzelte und stapfte mit ihr ins Kinderzimmer.
Seine Unruhe übertrug er beim Lesen auf Miriam, die immer munterer wurde. Er fragte sie alle fünf Minuten, ob sie jetzt denn müde sei, was seine Tochter mit einem vergnügten, "nein, Mia nich müde," beantwortet und seine Nervosität steigerte, bis ihm endlich ein Trick einfiel. Er ging zu einer ganz langsamen, leisen und monotonen Sprechweise über. Mit Erfolg.
Um Viertel nach neun schloss er behutsam die Wohnungstür, nicht frei von Skrupel, sie alleine zu lassen, setzte sich wegen der Verspätung in den Passat und fuhr zu seiner Verabredung.
"Ich wollte gerade wieder gehen," Bernd schaute ihn missbilligend an, es war fast halb zehn. „Wann schaffst Du Dir endlich ein Handy an?“ „In diesem Leben nicht mehr.“
Inga saß bei ihm am Tisch: "Bernd hat mir erzählt, was Du riskiert hast, das finde ich ja ungeheuer geil," Florian mochte sie nicht, sie meinte alles besser zu wissen und überall mitreden zu können, "ich hab auch schon überlegt, den ganzen Scheiß hin zu schmeißen und mich meinem künstlerischen Talent zu widmen, und das werde ich auch. Du reißt Dir für die Firma den Arsch auf, aber selber haste nichts davon, das ist doch total beschissen." Sie war Sekretärin in einer Ex- und Importfirma, und Florian hatte nicht die geringste Ahnung, wo ihr künstlerisches Talent lag, vielleicht im Blockflöte spielen oder beim Sticken von Landschaften. Er verzichtete auf eine Anspielung und wandte sich an Bernd: "Und?"
"Na ja, es geht so, und bei Dir?"
"Bis jetzt alles wunderbar. Ehrlich. Es läuft nicht schlecht. Morgen muss ich schon wieder neue Leinwände kaufen." Er wischte mit der rechten Hand imaginären Schmutz vom Tisch und dachte an seine Äpfel, "wie läuft es denn in der Firma, kommst Du mit dem Neuen klar?"
Bevor Bernd antworten konnte, plapperte Inga wieder los: "Hast Du Dich denn schon um eine Ausstellung gekümmert, ich kenn da einen Galeristen, mit dem war ich mal kurz, na ja, eben so, mit dem könnte ich Dich mal bekannt machen, der ist immer an neuen Malern interessiert, wenn Du willst, null Problem." Sie grinste ihn Beifall heischend an.
"Danke, aber ich habe schon einen." Florian wollte mit Bernd reden.
"Wirklich? Das haste mir ja noch gar nicht erzählt," Bernd glaubte ihm, im Gegensatz zu Inga, die ihn misstrauisch anschaute.
„Äh, ist ja erst seit gestern," er beugte sich zu Bernd, "aber jetzt erzähl Du mal."
Sie vertieften sich in die Firma. Inga versuchte noch 2 oder 3 Mal sich einzumischen, merkte dann aber, dass sie überflüssig war und mit "ich muss dem Fred da drüben mal Guten Tag sagen," war sie weg.
"Der Fischer, Dein Nachfolger, also der geht mir unheimlich auf den Sack, aber wirklich," er würde ihn ständig kontrollieren, mit der Stoppuhr herumlaufen, prüfen, wie lange sie an den einzelnen Aufträgen säßen, alles würde protokolliert und analysiert, man käme sich vor, wie in einem Überwachungsstaat, "is keine gute Stimmung mehr, wirklich, bei Dir war es tausendmal besser," Florian nahm dies wohltuend zur Kenntnis, "aber der kriegt noch Ärger mit mir, das lass ich mir nicht mehr lange gefallen, aber wirklich." Er schaute auf die Uhr. Florian bestellte den zweiten Bordeaux und lenkte das Gespräch auf seine Malerei.
Aber seine Euphorie über seine Unabhängigkeit und seine Freiheit verlor sich rasch, und er kam ins Klagen: "Wer kann denn schon morgens zwischen neun und eins künstlerisch arbeiten, da fällt mir einfach nichts ein, ist doch auch logisch, oder? Und nachmittags muss ich mich um Mira kümmern, also bis jetzt...."
"Du entschuldige," Bernd hatte wieder verstohlen die Zeit kontrolliert, "aber ich muss los, fast halb elf, ich hab' Monika versprochen, um zehn sei ich wieder da."
"Weißt Du, nicht einmal der Apfel. .."
"Du musst halt Geduld haben, das kommt schon. Wir können ja ein andermal darüber reden, ich muss wirklich," er schlug ihm auf die Schulter, und Florian war mit seinen unausgesprochenen Problemen alleine.
"Geduld!" er lächelte sarkastisch vor sich hin, das hatte ihm Charlotte auch erklärt, oder vielmehr vor sich hin gemurmelt. Sie war vor ein paar Tagen mal kurz in sein Atelier gekommen, hatte einen flüchtigen und, wie Florian fand, zweifelnden Blick auf seine Äpfel und die Stirn ihrer Tochter geworfen, etwas von Geduld und Ausdauer gemurmelt und war zurück zu einem neuen Werbeblock vor den Fernseher geeilt. Er war ihr gefolgt und hatte, wütend über die gleichgültige Resonanz seiner Werke, vorsichtig protestiert: „In diesem Hause ist es unmöglich einen Film anzuschauen, dauernd zappst Du von einer Werbung zu anderen, das ist ja nicht auszuhalten."
"Schließlich ist das mein Job, von dem ihr alle lebt, Deine Äpfel können wir schließlich nicht essen," damit war für sie die Diskussion beendet. Er hatte sich dann demonstrativ mit einem Buch über Dekonstruktivismus neben sie gesetzt und den Fernseher keines Blickes mehr gewürdigt.
Nach dem dritten Bordeaux, der seinen Frust auch nicht beseitigt hatte, setzte er sich gegen halb zwölf ans Steuer und fuhr los. Er war plötzlich voller Sorge um seine Tochter, er hatte sie die ganze Zeit vergessen. Als der grüne Polizeiwagen an ihm vorbeifuhr, wurde er starr vor Schreck, "Bitte lieber Gott, das nicht." Aber sein Gebet wurde nicht erhört und eine rot leuchtend Kelle schob sich aus dem Beifahrerfenster. Er war mit einem Schlag nüchtern.
Ein Irrtum, wie die Blutprobe ergab.
Szene 9
Als Charlotte die Türe aufschloss, lag die Wohnung im Dunkeln.
"Hallo? Florian?" Nichts.
Sie schob die angelehnte Tür des Kinderzimmers auf, der matte Schein der Flurlampe hüllte ihre friedlich schlafende Tochter in ein fahles Licht.
"Das darf doch nicht wahr sein," sie deckte Miriam, die leise stöhnte, aber nicht wach wurde, vorsichtig wieder zu. Behutsam lehnte sie die Tür bis auf einen Spalt an und ging ins Wohnzimmer, es war leer, ebenso wie ihr Schlafzimmer. Charlotte schüttelte verständnislos und ärgerlich den Kopf, hängte ihren Mantel an die Flurgarderobe und ging aufs Klo.
Sie fand Florian in der Küche, vor einer Kerze und einer fast leeren Rotweinflasche. Ungläubig schaltete sie die Deckenlampe an und blickte in seine rot geäderten Dackelaugen. Während der zwei Tage in München hatten sie ihr nicht gefehlt.
"Sag mal, was denkst Du Dir dabei, ich warte am Bahnhof bis ich völlig durchgefroren bin, mein Herr Gatte sitzt stattdessen hier im Warmen und genießt seinen Rotwein," sie stemmte herausfordernd die Hände in die Hüften.
Florian schwieg.
"Würdest Du Dich bitte dazu äußern?" Florian wischte mit der rechten Hand den Tisch sauber und blickte stumm auf seinen Bordeaux.
"Soll ich eventuell morgen noch einmal nachfragen?" Wie sie dieses Schweigen hasste.
"Mir ist was Saudummes passiert," brummte er fast unhörbar.
"Etwas mit Miriam?"
„Nein, nein, nicht mit Mira, mit mir“
"Ja nun erzähl schon," sie setzte sich ihm gegenüber und stützte die Arme auf dem Tisch.
"Ja also, ich hab mich gestern noch mit Bernd getroffen," stockend begann er, sich mehrmals räuspernd, "bei Rolf, wollte ein bisschen quatschen, über die Firma und so," er nahm einen Schluck Rotwein, "und auf der Heimfahrt, ich hatte nur zwei Wein, also auf der Heimfahrt musste ich blasen." Er hatte dem Polizisten entgegnet, seine Tochter sei allein, er müsse dringend nach Hause, es wäre ein Notfall, seine Frau sei im Krankenhaus, aber diesmal gab es kein Entkommen. Der Beamte hatte kurz entschlossen den Zündschlüssel abgezogen und ihn in den grünen VW-Bus gebeten. Aber das erzählte er nicht.
"Das Röhrchen hat sich halt verfärbt, ich versteh das nicht, bei zwei Wein, aber die haben mir den Lappen abgenommen, schöne Scheiße."
"Keine Blutprobe?"
"Doch, natürlich, ich musste kurz mit ins Krankenhaus, das Ergebnis weiß ich natürlich nicht, aber den Wagen musste ich stehen lassen." Er verschwieg ihr die demütigende Behandlung
im Krankenhaus. Eine halbe Stunde hatten sie auf den Arzt warten müssen, er musste über eine Linie laufen, was ihm einigermaßen gelang, allerdings verfehlte sein Zeigefinger bei geschlossen Augen seine Nase um einiges. Dann entnahm der Arzt aus seinem Arm eine Kanüle seines alkoholisierten Lebenssaftes und er konnte endlich gehen.
"So Schmidtlein, jetzt kannste zu Deiner Tochter," damit hatte der schnöselige Polizist ihn entlassen.
"Wie kann man nur so leichtsinnig sein, man weiß doch, wie schnell das geht," Charlotte erhob sich, um sich einen Sherry aus dem Kühlschrank zu holen, drehte sich aber dann um, "konnte denn Jasmin so lange bleiben, hast Du sie wenigstens anrufen können." Florian sah sie dümmlich mit geöffnetem Mund an.
Er hatte Miriam um halb drei, als er endlich nach Hause gekommen war, schlafend vor dem laufenden Fernseher gefunden.
"Natürlich, ja klar doch," er wischte einen weiteren nicht vorhandenen Krümel vom Tisch, seine Stimme war ein wenig zu laut, "war kein Problem," er wollte Charlottes Eindruck über seine Leichtsinnigkeit nicht unnötig vergrößern, "bloß wie kommst Du jetzt morgens in die Agentur," hilflos sah er sie an. Charlotte trank im Stehen einen Schluck und blickte auf ihn herunter.
Ihre gute Stimmung, ausgelöst durch den erfolgreichen Abschluss in München, kehrte zurück und die Aussicht, die alleinige Verfügungsgewalt über den Passat zu besitzen, hatte auch etwas Verlockendes. Sie bräuchte abends nicht mehr so pünktlich zu sein, könnte länger arbeiten und wäre nicht mehr auf ihn angewiesen.
"Dich kann man auch keine Minute alleine lassen," sie strich ihm über die spärlichen Haare, "aber davon geht ja die Welt nicht unter." Er schlang seine Arme um ihre Taille, seinen Kopf drängte er an ihre Brust und zog sie fest an sich. Charlotte glaubte ein Schluchzen zu hören.
"Komm, lass uns ins Bett gehen," sie wiegte ihn ein wenig hin und her, "heute werden wir das Problem nicht mehr lösen."
Er tat ihr leid. Sich löste sich sanft von ihm und strich ihm über die Stirn: „ich geh kurz ins Bad“. Florian erhob sich,wankte unsicher ins Schlafzimmer und entledigte sich mühsam seiner Kleider. Er knöpft gerade seine Schlafanzugjacke zu, die Hose lag noch unberührt auf dem Stuhl, als Charlotte nackt ins Zimmer kam. Sie zog ihn in ihr Bett und gab seiner angeknacksten Psyche ein wenig männliches Selbstvertrauen zurück. Seit drei Wochen zum ersten Mal.
3 DIE WEGE GEHEN AUSEINANDER
Szene 10
„Wo steht denn der Wagen?"
In der Nähe der Kneipe"
"Na wunderbar, da komm ich ja schon wieder zu spät." Die gestern noch verständnisvoll und mitfühlende Charlotte war am nächsten Morgen wieder gereizt und nervös.
"Jetzt bleibt ja wohl alles an mir hängen," ihr war über Nacht klar geworden, dass der alleinige Besitz eines Führerscheines in der Familie auch erhebliche Nachteile mit sich brachte, "oder willst Du Miriam morgens zu Fuß in den Kindergarten bringen?"
Florian schaute sie entgeistert an, er hatte geglaubt, mit der nächtlichen sexuellen Tröstung auch eine Art Absolution empfangen zu haben.
"Ist doch eigentlich kein Umweg, Du kommst doch fast dran vorbei."
"Aber nur fast, und wer besorgt die Wasser und Bierkästen, wer tankt,. .“
"Na, Du fährst ja auch."
"Sehr komisch, weißt Du, wie schwer es ist, morgens einen Parkplatz zu finden?"
"Jetzt übertreib´ mal nicht, das müssen tausend andere auch."
"Die haben aber auch keine Männer, die den ganzen Tag mit Nichtstun verbringen."
Florian schwieg, legte sein angebissenes Toastbrot auf den Teller und widmete sich nur noch seinem Kaffee. Der Appetit war ihm vergangen, aber Charlotte war noch nicht fertig.
"Wahrscheinlich ist Dir das absichtlich passiert, zumindest unbewusst, um noch mehr Zeit mit Deinen abstrusen Äpfeln verbringen könne."
"Meine Äpfel sind nicht abstrus, vielleicht noch ein bisschen abstrakt, aber nicht abstrus," mehr brachte Florian nicht hervor und stierte auf seine Kaffeetasse, die sich langsam in seinen Augen in einen Blechnapf verwandelte. Sein Magen verkrampfte sich, ein Frösteln lief ihm den Rücken runter und ließ seine Knie zittern. Er schloss die Augen und verscheuchte mit einem heftigen Kopfzucken die plötzlich aufgetauchte Angst.
"Warum hat Du soweit gepakt, Papi?" Miriam ignorierte die Stimmung ihrer Eltern, die schweigend nebeneinander zu dem unfreiwillig abgestellten Wagen marschierten. Florian verschob die Antwort auf später.
"Pakst Du jetzt imme so weit?" Miriam ließ nicht locker.
"Warum antwortest Du Deiner Tochter nicht!" und damit wandte sie sich an Miriam, "Dein Vater parkt jetzt überhaupt nicht mehr, Dein Vater überlässt das Parkplatz suchen für eine lange Zeit Deiner Mami." Das war die Art zu sprechen, die er an ihr hasste, aber er blickte weiterhin stumm auf den Boden.
Unvermittelt setzte ein heftiger Regen ein. Charlotte öffnete rasch ihren Schirm und hielt ihn schützend über sich und Miriam. Florian ließ sie im Regen gehen. Er schlug seinen Mantelkragen hoch.
"Papi wid ganz naß, Mami."
Diesmal antwortete Charlotte ihrer Tochter nicht.
Der Wagen stand im Halteverbot und war mit einem Strafzettel geschmückt.
"Muss ich das jetzt schon bezahlen, oder geht das noch auf Deine Rechnung," Charlotte hielt ihm den aufgeweichten Zettel hin. Er steckte ihn in seine Manteltasche und zog wie ein Delinquent Schlüssel und Papiere hervor.
"Willst Du den Schirm, ich bin schon zu spät, ich kann Dich auf keinen Fall wieder nach Hause fahren," sie half Miriam in den Kindersitz. Er schüttelte nur den Kopf, Tropfen flogen aus seinen Haaren.
Charlotte nahm am Steuer Platz, Sitz und Spiegel brauchte sie nicht zu verstellen, sie und Florian waren gleich groß, und brauste mit einem Kavalierstart davon.
"Wie ein begossener Pudel," dachte Florian, und genauso fühlte er sich auch. Als er die Wohnung betrat, bildete sich ein kleiner See um seine Füße. Er hängte seine Sachen über die Badewanne, trank einen heißen Grog und rollte sich ins Bett, das er bis Mittag nicht mehr verließ.
Szene 11
Am Freitag verschaffte er sich Klarheit über die Folgen seines ungezügelten Bordeaux Konsums. Der Termin beim Anwalt war um halb elf. Die Kanzlei lag in der Innenstadt.
Selbstverständlich hatte Charlotte in ihrer Weitsicht und mit ihrem Hang zur Sicherheit eine Rechtsschutzversicherung abgeschlossen, darüber musste sich also keine Sorgen machen.
Rechtsanwalt Dr. jur. Manfred Kleinschmidt war ein äußerst korrekter Mensch, aber allem Anschein nach geizig. Das Mobiliar seines Büros versprühte den Charme der späten siebziger Jahre. Er selbst war klein, mit spitzem Gesicht, der obligatorischen Hornbrille und trug eine Fliege. Humor oder Freundlichkeit waren ihm fremd. Er bat Florian Platz zu nehmen. Als erstes musste er zwei Vollmachten unterschreiben, ehe sein nunmehr legitimierter Rechtsbeistand zur Sache kam.
"Nun Herr Schmidtlein," damit blickte Dr. Kleinschmidt auf seinen Notizblock, "die Blutprobe hat einen Wert von etwas mehr als 1,2 Promille ergeben, mit weniger als einem halben Jahr können wir da nicht rechnen."
"Gefängnis?" entfuhr es Florian, er dachte an seinen Frühstücks Blechnapf.
"Entzug der Fahrerlaubnis," Rechtsanwalt Dr. Kleinschmidt korrigierte das Missverständnis ohne jedes amüsierte Lächeln.
Florian atmete erleichtert auf und überlegte kurz, ob er sich ein Umweltabo der öffentlichen Verkehrsbetriebe zulegen sollte, wurde aber bei seinen Gedanken, der Katastrophe eine positive Seite abzugewinnen, unterbrochen. Sein Gegenüber erklärte ihm, dass zudem eine Geldstrafe auf ihn zukäme und dass er, Rechtsanwalt Dr. Kleinschmidt, alles unternehmen würde, den Prozesstermin so schnell wie es in seiner bescheidenen Macht stünde, zu beantragen. Er würde von ihm hören.
Nachdem Florian das Anwaltsbüro verlassen hatte, schlenderte er zunächst ziellos durch die Stadt, er hatte Angst vor dem Wochenende mit Charlotte. Er betrat ein Kaufhaus, wühlte in einem Stand mit Remittenden, sprühte sich ein wenig „Cool water“ aus einer Probierflasche ins Gesicht, streifte durch die Abteilung für Damenwäsche. Er unterdrückte den Wunsch, Charlotte einen gewagten Tanga zu kaufen, denn trotz des nicht erwarteten Beischlafs als Trost für seinen Führerscheinverlust vor zwei Tagen, musste er sich eingestehen, dass die erotische oder sexuelle Spannung seit Charlottes Eintritt in die stressgeplagte Geschäftswelt sich aus ihrer Ehe verabschiedet hatte. "Vielleicht Schiesser, feinripp, halblang," überlegte er, ahnte aber, dass eine solche humoristische Anspielung bei Charlotte kein Amüsement hervorrufen dürfte.
In der Zeitschriften Abteilung stieß er auf Frank, den Kritiker, er hatte ihn zu spät gesehen.
"Nach Neuestem on dit, hat sich der Künstler von allen weltlichen Dingen abgewandt, sogar seinen Führerschein abgegeben, um dem profanen Autofahren zu entgehen. Bien fait," Florian hatte es geahnt, „eine derart konsequente Entscheidung, hätte ich Dir gar nicht zugetraut."
"Ja, weißt Du, Die Kunst erfordert eben den ganzen Einsatz, mit Halbheiten kommt man da nicht weit," mit einem verkrampften Grinsen konterte Florian.
"D'accord, und Deine Frau unterstützt ja solche Exzentrik ohne zu klagen, wie man hört."
"Charlotte ist in dieser Beziehung wirklich einmalig."
"Exactement, sie kommt jeden Morgen ins Büro und mährt sich erst mal bei Doro über Dich aus, aber damit wird sie Deine sensible Künstlerseele natürlich verschonen."
"Genau, sie weiß, was ich brauche."
"Und Trinken kannst Du jetzt auch ohne Rücksicht auf Verluste."
"Ich wünsch Dir noch einen schönen Tag, Du Arschloch," damit drehte sich Florian wütend um und ließ einen erstaunten und zugleich amüsierten Frank stehen.
Er wollte nach Hause, in seine schützende Wohnung. Er sah auf die Uhr. Halb eins.
„Quatsch," murmelte er vor sich hin, "dann muss ich ja gleich wieder los, Mira abholen. Gönn´ Dir einen Kaffee."
Er fand einen freien Tisch im "Café Möricke" und bestellte einen Cappuccino, als die Bedienung sich abwandte, rief er ihr nach: "Und einen Cognac." Das war ihm noch nie passiert und erstaunt blickte er die Serviererin an.
"Noch was?"
"Nein, nein, einen Cappuccino und einen Cognac."
Er holte sich eine Zeitung, blätterte lustlos darin herum, überflog im Sportteil einen Artikel über einen Nationalspieler, der sich nicht entscheiden konnte, ob er für 8 Millionen nach England oder für 11 Millionen nach Italien gehen sollte.
"Na, die Probleme möcht ich haben," damit beendete er die Zeitungslektüre.
Der Cognac brannte in seiner Kehle, aber schnell breitete sich eine behagliche Wärme in seinem Magen aus.
"Eigentlich läuft es doch gar nicht so schlecht," vorsichtig trank er einen Schluck Cappuccino und wischte mit der Zunge den Milchschaum von seiner Oberlippe.
"Gut, die Sache mit dem Führerschein ist verdammt blöd, aber ich bin schließlich nicht der einzige, dem so was passiert, das war eben Pech. Davon geht die Welt nicht unter," Charlottes Satz fiel ihm ein, und er bestellte einen zweiten Cognac.
Gut, ihr Eheleben konnte man im Moment nicht als harmonisch bezeichnen, aber Krisen gab es schließlich in jeder Beziehung, „und wie heißt es doch so schön, in guten wie in schlechten Zeiten, und die guten kommen auch wieder, irgendwann wird ihr Stress in der Firma nachlassen und dann wird es wieder wie früher, jedenfalls fast wie früher," den aufkommenden Gedanken, dass nach Miriams Geburt die alte Leidenschaft nie wieder aufgeblüht war, schob er rasch beiseite. Der Cognac kam.
Gut, in den nun fast zwei Monaten hatte er seine Leinwände noch mit keiner künstlerischen Großtat gefüllt, aber das war nur eine Frage der Zeit, er spürte, dass der entscheidende Durchbruch unmittelbar bevorstand.
"Du musst Geduld haben, mit Druck gelingt Dir überhaupt nichts, Geduld. Das waren doch auch Bernd´s Worte gewesen. Und Charlottes. Na also!" Der Cognac passierte seine Kehle jetzt ohne Beschwerden.
Ärgerlich, dass er dem Kritiker in die Arme gelaufen war, "Aber von diesem Zyniker lass ich mir meine positive Grundstimmung doch nicht vermiesen."
Er stoppte das Cognacglas kurz vor seinen Lippen und ein beklemmendes Gefühle legte sich auf seine Brust.
"Positive Grundstimmung, ja, wenn ich Tantalus endlich in Bilder umsetzen könnte," er leerte das Glas mit einem deprimierten Seufzer.
Was ihn bedrückte war, dass es ihm nicht gelang, die Visionen über das Griechen Geschlecht, die ihn vor seinem Austritt aus der schützenden Arbeitswelt begeistert hatten, künstlerisch umzusetzen. Er hatte damals große Zusammenhänge in seinem Kopf skizziert, Atreus und Thyest, zwei Brüder, die erst gemeinsam regieren, sich aber dann über den Ehebruch von Thyest mit Atreus Frau entzweien, und, nach weiteren gegenseitigen Gräueltaten, lässt Atreus die Söhne seines Bruders, also seine eigenen Neffen, ermorden und setzt sie dem Vater als Speise vor.
Das hatte ihn fasziniert, und er wollte Parallelen zum ehemaligen Jugoslawien, der Auseinandersetzung zwischen Christen und Moslems herstellen, großartige Bilder hatte er vor seinem inneren Auge gesehen, wollte die ewige Wiederholung der Geschichte anprangern, sein linkes Bewusstsein war wieder aufgewacht und hatte ihn noch mehr beflügelt, aber als er dann vor der leeren Leinwand gesessen hatte, war er unfähig gewesen, seine Visionen auch nur mit einem Pinselstrich zu realisieren.
"Wo sind sie hin," fragte er sich, "meine aufrüttelnden Meisterwerke," und als die Bedienung an seinem Tisch vorbeikam, zeigte nur mit dem Finger auf sein leeres Glas.
„Hohl," er schlug sich mit beiden Fäusten gegen die Stirn, "hier drinnen hohl, alles hohl." Zwischen seinem Kopf, seinen Visionen, und ihrer Umsetzung klaffte eine unüberbrückbare Lücke, nein, nicht dazwischen, vielmehr hatte sich in seinem Kopf eine beängstigende Leere eingenistet.
"Es ist ja auch ein verdammt langer Weg," sprach er leise zu sich, "vom inneren Auge über den Kopf durch den Arm und mit dem Pinsel auf die Leinwand, ein verdammt langer Weg."
Der Satz gefiel ihm. "Vom Auge durch den Arm auf die Leinwand," verkürzte er ihn, "na also, er funktioniert ja doch noch, der Kopf." Und als der dritte Cognac seinen verängstigten Magen beruhigt hatte, kam auch die alte Begeisterung zurück und stolz auf sich, den mutigen Schritt in die Eigenverantwortung getan zu haben, bestellte er die Rechnung.
Szene 12
"Morgen habe ich ein Abendessen mit dem Marketing Chef der Hamburger Brauerei, ein ziemlich wichtiges Gespräch, hätten sie nicht Lust, mich zu begleiten?" Klaus Demut, ihr Chef war an ihren Schreibtisch getreten und beugte sich zu Charlotte hinunter. Bei seiner leisen, feinen Art klang dies wie eine Entscheidungsmöglichkeit, aber Charlotte wusste, das es ein nicht abzulehnender Wunsch war.
"Aber gerne, das würde mich sogar sehr freuen." Ihre Aufgabe in München vor drei Wochen hatte sie zu seiner vollsten Zufriedenheit erledigt, der Vertrag war unterschrieben und nun bot sich die Gelegenheit, in eine neue große Entscheidung einbezogen zu werden. Herr Demut hatte die Angelegenheit vor ein paar Tagen kurz erwähnt, und soweit sie ihn richtig verstanden hatte, handelte es sich bei dem Projekt um einen Millionenauftrag, aber noch sei es nur eine unverbindliche Anfrage.
"Um 20.00 Uhr im "Palais", kommen Sie mit dem eigenen Wagen, oder soll ich sie abholen."
"Das wäre nett, wenn es für Sie keine großen Umstände macht, zurück nehme ich dann ein Taxi."
"Gut, also dann so gegen halb acht, ich freue mich auch," er lächelte sie an und war verschwunden. Es war ihr klar, dass sie auch als dekorative Beigabe benutzt wurde, sah aber vor allem die Möglichkeit, einen Abend lang der häuslichen Tristesse zu entfliehen.
Die Differenzen nach Florians Führerscheinverlust waren zwar wieder halbwegs beigelegt, aber es schwebte immer eine unausgesprochene Gereiztheit zwischen ihnen, bei der geringsten Kleinigkeit explodierte einer von beiden oder Florian zog sich schmollend in sein Atelier zurück. Charlotte hatte ihre Feierabende immer mehr in den Abend verschoben.
"Ich ermögliche ihm seinen Traum und der Herr Künstler ist beleidigt," dachte sie empört, "schließlich habe ich die ganze Verantwortung für uns drei, darauf kann er wohl Rücksicht nehmen, das ist ja wirklich nicht zu viel verlangt." sie spürte eine leise, brodelnde Wut in sich aufsteigen, "und wenn er mit mir schlafen will, dann soll ersich gefälligst ein bisschen anstrengen, der glaubt wohl, sein beleidigter Hundeblick würde mich anmachen, ha ha," sie öffnete auf dem Bildschirm des Computers ihre Agenda, um zu kontrollieren, ob sie morgen rechtzeitig die Firma verlassen könne, schließlich war das "Palais" ein exklusives Restaurants und sie würde sicherlich lange zwischen Badezimmerspiegel und Kleiderschrank pendeln müssen. Das Klingeln ihres Telefons unterbrach sie.
"Wir müssten uns vorher aber noch über ein paar Dinge unterhalten," Herr Demut war am anderen Ende der Leitung, "morgen habe ich keine Zeit, darf ich Sie heute noch auf ein Glas Wein einladen?"
Auch gegen einen zweiten abwechslungsreichen Abend hatte Charlotte keinen Einwand.
Szene 13
"Ich hab´s doch gewusst, es geht doch," Florian trat drei Schritte von der Leinwand zurück und begutachtete sein Werk. Endlich hatte er seine gedrückte Stimmung wegen des Führerscheinentzugs überwunden, sein verwundetes Ego hatte drei Wochen zur Genesung gebraucht, und heute Morgen hatte ihn ein Energieanfall überfallen.
Noch während des Frühstücks, dass er wie immer für die Familie hergerichtet hatte, war er demonstrativ in sein Atelier entschwunden, die Türe hatte er weit offen stehen lassen und sich auf einen Faltenwurf konzentriert, den er schon gestern Abend aus einem Bildband über Michelangelo ausgewählt hatte. Das Ergebnis fand Gnade vor seinen eigenen Augen.
"Ich werde es schaffen," er war sich plötzlich ganz sicher, "und es meinen hämischen Kritikern zeigen, ich hab doch nicht umsonst studiert," sein Herz hing immer noch an der Tantalus Geschichte. Mehrmals hatte er die Erzählung der Iphigenie in Goethes gleichnamigen Theaterstück gelesen, sich durch die alten Griechen gequält, doch eine zündende Idee war ihm nicht eingefallen und so hoffte er weiter auf eine göttlich Inspiration. Den Faltenwurf heftete er neben seine drei qualifizierten Äpfel unter Schillers Satz. Einen Galeristen würde er damit nicht begeistern können, aber er war glücklich, dass sein Talent ihn nicht verlassen hatte. "Das wäre ja noch schöner gewesen, wo sollte es auch hin verschwunden sein," befriedigt schenkte er sich in der Küche ein Glas Rotwein ein, zum ersten Mal seit Wochen empfand er ein Glücksgefühl, ja, er war fast von sich begeistert.
"Ich werde heute Abend ein köstliches Mahl zubereiten, einen exzellenten Bordeaux kredenzen und meine eigene Frau verführen," er sprach laut mit sich selbst, wie so häufig in den letzten Wochen, Folge seines zurückgezogenen Lebens.
"Auf ihr Wohl, Herr Maler," er prostete sich zu. "Waum laufen wi zu Fuß, Papi," der Kindergarten lag 15 Minuten entfernt, aber mit Miriarn dauerte der Rückweg, da er es hasste, einen leeren Kinderwagen vor sich herzuschieben, eine gute halbe Stunde und für den Heimweg benutzten sie gewöhnlich den Bus.
"Wir müssen noch einkaufen, Dein Papi kocht heute ein großes Menü."
"Mia will nich laufen," sie hockte sich auf den Boden und sah ihn herausfordernd an. Seufzend nahm er sie auf den Arm und marschierte los.
Zucchini Suppe, Tornados à la Rossini mit Naturreis und ein Zitronensorbet lautete sein Speiseplan, ein oder auch zwei Flaschen Rotwein und als Untermalung eine CD mit italienischen Liebesliedern, "und dann eine erotische Entspannungsmassage mit anschließendem Geschlechtsakt," er kicherte in sich hinein.
Er achtete nicht auf die Preise, ging geduldig auf Miriams Fragen ein und schrak an der Kasse auf, als die Endsumme erschien. "Ach was, für eine ordentliche Versöhnungsfeier darf man nicht auf den Pfennig sehen.“ Er hatte eher nicht auf die Mark geachtet.
"Ist das goße Mänü?" Miriam mampfte vergnügt ihre Spaghetti.
"Ja, mein Schatz, großes Spaghettimenü, und wenn die Mami kommt, geht es ganz schnell ins Bett," er wischte ihr mit dem umgehängten Handtuch das Kinn sauber.
"Wann kommt die Mami?"
"Ganz bald," auf der Küchenanrichte warteten die vorbereiteten Zutaten, die Zucchinisuppe köchelte sacht vor sich hin.
"Mami kommt imme spät, nich."
"Die Mami muss viel arbeiten und Geld verdienen, damit Mira ein großes Menü essen kann."
"Goßes Spaghettimänü, nich."
Um Viertel vor neun rief er in der Firma an, wurde aber nur von dem zentralen Anrufbeantworter begrüßt.
Um neun versuchte er es auf dem Handy. Sofort schaltete sich die Mailbox ein.
Um Viertel nach neun brachte er die protestierende Miriam ins Bett.
Um halb zehn wählte er Dorotheas Nummer, legte aber nach dem ersten Klingeln schnell wieder auf.
Um zehn löffelte er einen Teller Zucchini Suppe mit einem Stück Brot. Sie schmeckte ausgezeichnet, hob aber seine schlechte Stimmung nicht.
Um Viertel nach zehn packte er die Steaks in die Tiefkühltruhe, zum Eis.
Um halb elf, seine letzte Hoffnung resigniert aufgebend, stellte er das Fläschchen Massageöl, das er heute Nachmittag auch erworben hatte, in die hinterste Reihe des Badezimmerschranks.
Um viertel vor elf setzte er sich vor den Fernseher.
Um halb zwölf schrie er sie beleidigt an: "Wo bleibst Du denn, verdammt noch mal, ich warte mit dem Essen auf Dich und Du treibst Dich rum. Schon mal was vom Telefon gehört?"
"Ich muss morgen früher aus der Firma, ich habe ein wichtiges Abendessen mit einem wichtigen Kunden aus Hamburg, deshalb musste ich heute noch einiges vorarbeiten," Charlotte sah ihn kühl und beherrscht an.
"Wichtig, wichtig, alles ist wichtig in der Firma, aber in dieser wichtigen Firma war um halb neun niemand mehr, ich hab nämlich angerufen, also lüg mich nicht an."
"Ich war noch mit Klaus ein Glas Wein trinken."
"Muss man dazu das Handy abschalten?"
"Es war rein geschäftlich und in dem Lokal war Handyverbot," Charlotte behielt ihre Ruhe und stand gelassen in der Wohnzimmertüre.
"Bis jetzt geschäftlich," er blickte demonstrativ auf seine Uhr, "und mit Klaus," er gab dem Namen eine hochnäsige Betonung, "ihr seht Euch doch den ganzen Tag, aber da habt ihr wohl keine Zeit für 'geschäftlich' ."
"Bist Du etwa eifersüchtig," Charlotte konnte ein ungläubiges Grinsen nicht verhindern.
"Auf den, pah, aber vielleicht war es ja gar nicht Herr Demut."
"Jetzt hör mir mal genau zu, mein kleiner Grafiker," ihre Stimme wurde kalt und scharf, "wann und wie ich meine Arbeit mache ist allein meine Sache, und wenn es für meinen Job wichtig ist, arbeite ich auch eine ganze Nacht durch, Du hältst Dich da gefälligst raus. Du bist nicht mein Kindermädchen, klar!" Sie drehte sich um und verschwand im Bad.
"Ja, ja, Frau Wichtig," grummelte er wütend vor sich hin, "aber dass sie mir einen wunderbaren Abend mit Drei-Gang-Menü und anschließendem Geschlechtsverkehr versaut haben, dass ist natürlich völlig unwichtig."
Szene 14
"Und das ist Frau Schmidt, sie wird bei dem Projekt eng mit mir zusammenarbeiten, Herr Kraft." Herr Kraft, Marketing Chef der großen Hamburger Brauerei, war an ihren Tisch getreten, und nachdem die beiden Männer sich begrüßt hatten, stellte Klaus Charlotte vor. Sie reichte ihm die Hand, die er mit der seinen gefühlvoll und kräftig umschloss. „Sehr erfreut, was für bezaubernde Mitarbeiterinnen sie haben, Kompliment," er hielt ihre Hand weiterhin fest, seine wärme jagte ein wohliges Prickeln durch ihren Körper, und blickte ihr direkt, fast durchdringend in die Augen, was sie sofort angenehm verunsicherte, "dann werden wir ja in Zukunft öfter miteinander zu tun haben." Endlich ließ er ihre Hand los.
Die Herren nahmen Platz, Charlotte war sitzengeblieben, und der Ober brachte die schweren, ledergebundenen Speisekarten.
"Ein sehr angenehmes Ambiente für ein Arbeitsessen," Herr Kraft blickte kurz auf, nicht um den exklusiv ausgestatteten Saal zu betrachten, sondern um Charlotte ein strahlendes Lachen zu schenken. Sie lächelte charmant zurück und vertiefte sich dann in die Auswahl der Menüs. Sie überlegte kurz, "meinte er mich damit?" und hoffte, dass ihr keine Röte ins Gesicht stieg. Verstohlen schaute sie über den Kartenrand
und betrachtete ihn, Herr Kraft hatte sich wieder in seine Suche vertieft.
"Er sieht verdammt gut aus, das dichte schwarze Haar, an den Schläfen ganz leichte graue Strähnen, dunkelbraune Augen, wie alt mag er sein, zwischen 40 und 55 ist alles möglich."
"Ich nehme das Filetsteak," ihr Beobachtungsobjekt schlug die Speisekarte zu und Charlotte setzte ihre Suche nach einem Gericht rasch fort.
"Lammfilet mit Brokkoli," Charlotte reichte dem Ober die Karte. Klaus, er war Vegetarier, hatte sich für einen Salat entschieden und bestellte jetzt drei Aperitifs und eine Flasche Tinto Pesquera, ein spanischer Ribero del Duero, Reserva 91.
"Wir brauchen eine neue Idee, die alte Agentur managt seit 6 Jahren unsere Kampagnen und die innovative Kreativität kann nicht weiter optimiert werden, es wäre nicht uninteressant, ein völlig neues Konzept zu erwägen." Übergangslos begann Herr Kraft mit dem Geschäftlichen.
"Energische Dynamik, gefällt mir," Charlotte registrierte in Gedanken weiterhin Positives.
"Um zu den finanziellen Rahmenbedingungen zu kommen," beim Dessert schnitt Klaus das Thema an, "damit wir die Sache auch richtig kalkulieren können."
Die verschiedenen Möglichkeiten eines neuen Konzept waren erörtert worden, wobei Charlotte die Fähigkeiten ihres Chefs, Gedanken rasch aufzugreifen und in geniale Ideen umzusetzen, aufs Neue bewunderte. Klaus war ein Magier in seinem Beruf. Die Finanzen aber gingen sie nichts an und sie nutzte den Themenwechsel, entschuldigte sich und verschwand auf die Toilette.
"Nimm Dich zusammen," beschwor sie ihr Spiegelbild und zog ihre Lippen nach. Herr Kraft hatte sie im Laufe des Abends mehr und mehr verwirrt. Fasziniert von seiner selbstsicheren Ausstrahlung, hatte sie immer weniger zu dem Projekt beisteuern können, statt dessen hatte sie eine Erregung in ihrem Bauch gespürt, ein Gefühl, das sie seit Jahren, wenn sie genau überlegte, seit Alexander nicht mehr empfunden hatte. Der kleine Grafiker jedenfalls hatte es nie ausgelöst, "merkwürdig," wunderte sie sich, "dass mir das erst jetzt auffällt," und sie verglich Herrn Kraft mit Florian, ein unfairer Vergleich, wie sie sofort feststellte.
Sie hielt lange die Unterarme unter den voll aufgedrehten Wasserstrahl, legte etwas Rouge nach und schwebte, innerlich aufgewühlt, nach außen lässig und elegant, sich ihrer makellosen Figur bewusst, an den Tisch zurück.
"Nehmen sie auch einen Marc de Bourgogne? Das ist ein französischer Trester, sehr zu empfehlen," Herr Kraft stand auf, er wusste natürlich um seine Wirkung auf Frauen, "wenn sie nach Hamburg kommen, ihre ausgearbeiteten Ideen zu präsentieren, führe ich sie in ein Restaurant mit dem absolut besten Marc, so einen finden Sie nicht mal in Paris." Er schob ihren Stuhl sanft in ihre Kniekehlen und beugte sich zu ihr hinunter, sprach ganz dicht an ihrem Ohr, "das wird ein ganz besonderer Abend für sie werden."
Er provozierte eine flüchtige Berührung ihrer Haarspitzen.
Szene 15
Seit über eineinhalb Stunden lag Florian wach im Bett und lauschte auf ihre Rückkehr.“Ein Arbeitsessen! Bis elf, ja, von mir aus auch bis zwölf," er warf einen kurzen Blick auf den Digitalwecker, "aber bis kurz nach zwei, dass ich nicht lache." Danach war ihm allerdings gar nicht zumute. Er rollte sich zusammen und stellte sich schlafend.
"Sie hat getrunken und nicht zu knapp," wütete er, als er hörte, wie Charlotte mit einem Knall die Wohnungstür ins Schloss fallen ließ.
"Schläfst Du schon?" sie trat auf Zehenspitzen ins Schlafzimmer, nur mit Slip und einem seidenen Top bekleidet. Ihr Hosenanzug, von dem Herr Kraft meinte, er stehe ihr wunderbar, lag auf dem Wohnzimmersessel. Als Florian nicht reagierte, wiederholte sie die dämliche Frage etwas lauter.
"Mein kleiner Grafiker, was ist denn los," das gute Essen, der vorzügliche Wein, der noch vorzüglichere Marc und vor allem die Begegnung mit dem vorzüglich gutaussehenden Herrn aus Hamburg hatten ihre Hormone beflügelt und sie war nun nicht abgeneigt, sich mit ihrem Gatten von dieser Erregung zu befreien.
"Will mich denn der Flo heute nicht mehr stechen," sie schlüpfte unter seine Bettdecke, "oder schläft er schon?"
Ihre Hände tasteten nach seiner Schlafanzughose.
"Ich habe wohl das Recht, auch mal früh ins Bett zu gehen, ich war gerade eingeschlafen, verdammter Mist," damit wälzte er sich auf die andere Seite, ihr den Rücken zukehrend, "aber auf mich wird hier ja keine Rücksicht genommen." Er stellte sich wieder schlafend.
"Oh diese Männer," dachte Charlotte, "man sollte sie ihren Müttern zurück an die Brust schicken, damit sie sich dort ausschmollen können," sie kroch in ihr Bett, rollte sich zusammen und ihre Hand verschwand zwischen ihren Schenkeln. Sie konnte ein heftigeres Atmen nicht ganz verhindern, dann schlief sie rasch ein.
Florian glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Wut, seine Unfähigkeit zu reagieren, Hilflosigkeit und Erniedrigung steigerten sich zu einem explosiven Gemisch, er bekam einen Ständer, wollte sich gerade auf sie stürzen, als er an ihren nun gleichmäßigen Atemzügen bemerkte, dass sie längst im Reich der Träume weilte.
Er schlich aufs Klo, sich zu revanchieren. Keuchend stand er vor dem Waschbecken, sah im Spiegel Tränen über seine Wangen laufen, aber Flo schaffte trotz seiner verzweifelten Bemühungen keine Befreiung. Frustriert holte er sich sein Bettzeug und richtete sich für die Nacht seine Schlafstatt im Wohnzimmer auf der Couch. Er konnte lange nicht einschlafen.
Szene 16
"Und vielen Dank noch für den reizenden Abend," der Marketing Chef aus Hamburg rief aus seinem Hotel an, "und ich hoffe, das wir uns bald in Hamburg sehen werden. Ich freue mich schon. Bis dann."
Mit einem zufriedenen und geschmeichelten Lächeln legte Charlotte langsam den Hörer auf, blickte versonnen auf ihren Schreibtisch und schaute in die Augen ihrer Tochter, die sie aus dem rahmenlosen Bildhalter anlachten. Sofort kehrte sie in die Realität zurück. "Worauf lass ich mich da ein," dachte sie, "du kannst doch nicht alles aufs Spiel setzen wollen." Sicher, der kleine Grafiker war unausstehlich zu ihr, aber das würde ja nicht ewig anhalten, sie hatten schließlich eine kleine Tochter, ein gemütliches Zuhause, keine Sorgen, und doch konnte sie das Bild des gut gewachsenen und charmanten Werbemanagers nicht vertreiben, "ach was, Hamburg ist schließlich weit und hat ein kleiner Seitensprung nicht schon mancher Ehe gut getan?" sie spielte mit dem Brieföffner, zeichnete unsichtbare Kreise auf ihre Schreibunterlage.
"Hör auf," rief sie sich zur Ordnung, "ausgetobt hast Du Dich nach Alexander genug, die Zeiten sind vorbei," und sie nahm sich vor, Klaus zu bitten, sie nicht nach Hamburg zu schicken, er solle das selber erledigen. Schließlich war sie eine treue Ehefrau. Sie hatte Florian noch nie betrogen.
Das Telefon riss sie aus ihren Überlegungen, ihr Chef, Herr Demut bat sie auf einen Moment zu sich.
"Das war ja ein sehr angenehmer und interessanter Abend, gestern, ich möchte mich nochmals ganz außerordentlich bei Ihnen bedanken, dass Sie mitgekommen sind, Charlotte. Aber Sie hätten heute ruhig etwas später kommen können, Sie waren ja bis fast zwei im Einsatz," aber das war für Charlotte ein abwegiger Gedanke, pünktlich und korrekt, wenn auch ziemlich müde, war sie heute morgen wie immer in der Agentur erschienen.
"Ich fand den Abend auch sehr anregend, nochmals vielen Dank für die Einladung." Sie setzte sich, seiner Handbewegung folgend, Klaus gegenüber.
"Diese Kampagne geht weit über unser bisheriges Auftragsvolumen und wenn es uns gelingt, in diese Dimension vorzustoßen, dann wird das für uns völlig neue Perspektiven eröffnen," Herr Demut blickte aus dem Fenster und machte eine kleine Pause. "wie ich gestern schon erwähnte, möchte ich, dass Sie intensiv mit mir an dem Projekt arbeiten, oder vielmehr ich mit Ihnen, denn ich werde Ihnen die Leitung übertragen," er schaute sie direkt an und Charlotte richtete sich überrascht aber auch stolz auf.
"Fein, das freut mich," stammelte sie.
"Und wenn es ein Erfolg wird," jetzt machte Herr Demut eine Spannungspause und Charlotte hielt gleichfalls die Luft an, "wenn es ein Erfolg wird, werden Sie in Zukunft an den Projekten, die Sie leiten, prozentual beteiligt sein."
"Ja, aber das ist ja Wahnsinn," entfuhr es ihr," ganz toll, wirklich, vielen Dank."
"Das bedeutet natürlich, dass Sie demnächst öfter nach Hamburg fahren müssen, ich hoffe, Ihr Mann hat nichts dagegen."
Mit einem etwas zu energischen: "Bestimmt nicht," löschte sie ihre eigenen Bedenken aus.
Szene 17
Das Frühstück war in schweigender und eisiger Atmosphäre verlaufen. Den ganzen Vormittag brachte Florian nichts zu Stande und schlurfte in seinem grau-grün gesteiften Bademantel durch die Wohnung, ein undefinierbares Gefühl im Bauch. Dumpf brütend hockte er vor einer jungfräulichen Leinwand, hoffte seine Wut und seine Verzweiflung in künstlerische Produktivität umzusetzen, aber nichts geschah.
Mit geschlossenen Augen wartete er auf eine Eingebung, aber seine Gedanken kreisten immer wieder um die letzte Nacht und lähmten jegliche Kreativität. Er setzte sich Kaffee auf und verlängerte ihn mit einen kräftigen Schluck Cognac in die halbvolle Tasse, aber auch das bewirkte keine künstlerische Eruption. Das einzige was sich immer mehr belebte, war seine ohnmächtige Wut.
Er griff wahllos in seine Farben, erwischte eine Tube chromoxydgrün, schraubte mit zittrigen Händen die Kappe ab und quetschte mit aller Kraft den Inhalt auf seine leere Leinwand. Er schmiss die Tube auf den Boden und drückte seine Hand in die langsam nach unten laufende Farbe, hielt mit der linken die Leinwand fest und begann, erst langsam, dann wilder das Grün über das Papier zu schmieren. Immer wütender kreiste seine Hand, er steigerte sich in einen Rausch und verlor die Kontrolle. Schließlich trat er drei Schritte zurück, schaute hitzig auf seine grüne Phase und schrie: "Führerscheinentzugsfalle." Ging auf sein erstes intuitiv gemaltes Werk zu und mit einem Schlag bohrte er seine Faust durch das Leinen, nahm den Rahmen und schleuderte ihn durch das Atelier gegen die Wand. Er traf Miriams skizzierte Stirnpartie.
Wie in Zeitlupe löste sich das Bild von der Tapete, segelte hin und her schwingend nach unten und landete neben dem Papierkorb. Das brachte ihn zur Besinnung. Vorsichtig hob er die Zeichnung auf und stellte sie auf die Staffelei. Vor seinen Augen vervollständigte sich das Gesicht seiner Tochter, er sah die blonden Locken, die lachenden Augen, ihre weichen Züge und das Kinn mit dem Grübchen, wie er sie in Erinnerung hatte. Mit beiden Händen bedeckte er sein Gesicht, drückte seine Fingerspitzen auf die Augen und atmete tief durch. Dann fiel sein Blick auf die Uhr.
Mit Terpentin reinigte er sich rasch und oberflächlich die Hände, zog sich an und verließ hastig die Wohnung.
Ungeduscht und unrasiert erreichte er den Kindergarten eine halbe Stunde zu spät. Er nahm die verzweifelte und weinende Miriam hoch, murmelte, "Papi musste noch dringend telefonieren, mein Schatz, aber das kommt nicht wieder vor, ganz bestimmt." Er trocknete ihre Tränen und stieg mit ihr in den Bus.
Er setzte seine Tochter auf den Schoß, schaukelte sie ein wenig und summte ihr dann ganz leise ein Lied ins Ohr. Miriam klammerte sich an ihn und strich mit ihren kleinen Händen über seine stoppelige Wange. Er drückte sie fester an sich und konnte nur mit Mühe weiter singen, seine Augen begannen zu schwimmen.
Gegenüber saß eine kleine dralle Frau, mit schlecht sitzender Kaufhausperücke und rosigen Fettbäckchen. Florian nahm sie nur verschwommen wahr, glaubte aber ein verständnisvolles und wohlwollendes Lächeln zu erkennen. Er war froh, das er aussteigen musste und trug Miriam vom Bus und in die Wohnung. Den Nachmittag widmete er ausschließlich seiner Tochter.
Beim Zähneputzen nach dem Abendessen, versuchte er ihr die Situation zu erklären.
"Schau mal, Mira, die Mami und der Papi haben es gerade ganz schwer miteinander, die Mami muss viel arbeiten und ist immer ein bisschen gereizt, aber...“
"Ich hab die Mami lieb," mit vollem Zahnpastamund war sie kaum zu verstehen.
"Ja, natürlich."
"Und den Papi auch."
"Ja, aber weißt Du, im Moment ist es zu Hause nicht so, wie es sein sollte, aber bald ist es wieder wie immer."
"Ich hab die Mami lieb und den Papi lieb."
"Und ich hab Dich auch ganz, ganz toll lieb," er ließ sie mit einem Schluck Wasser den Mund ausspülen."
"Und die Mami hat Mia auch ganz, ganz toll lieb, nich?"
"Ja, mein Schatz, die Mami hat Dich auch ganz lieb."
"Und die Mami hat Dich nich lieb?"
"Doch, doch, die Mami hat mich auch lieb und ich hab die Mami lieb, und beide haben wir Dich lieb." Er beendete seine Rechtfertigungsversuche, trug sie ins Bett und las ihre die Geschichte, "Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hatte" vor. Als Charlotte nach Hause kam, ausnahmsweise etwas früher, "wahrscheinlich muss sie sich von gestern erholen," dachte er grimmig, verließ Florian wortlos die Wohnung.
Szene 18
"Auch mal wieder da?" außer Rolf, dem Wirt, ein wuchtiger Typ mit Glatze, dessen riesiger Schnauzbart genauso stolz seine Oberlippe überwucherte wie sein Bauch seinen Hosenbund und der gerade lethargisch die Tische mit sauberen Aschenbechern versorgt hatte, bevölkerten nur einige wenige Gäste das Lokal.
"Na, der Künstler muss auch mal ausspannen," Florian wischte mit seiner Hand die Theke sauber.
"Ein Bordeaux?"
"Logo," aber dann änderte er seine Bestellung, "nee, gib mir ein Pils und ´nen Klaren." Er wollte sich betäuben. "Ärger?" fragte Rolf in seiner mundfaulen Art
"Ne, Durst," Florians Lachen klang nicht sehr überzeugend.
Er kippte den Schnaps hinunter und das Pils gleich hinterher.
"Noch mal dasselbe, Rolf."
Die Kneipe füllte sich langsam, einige kannte er vom Sehen oder von Tresen Gesprächen, als er noch mit Bernd nach der Arbeit ab und an ein Bier trinken gegangen war.
Er war beim gewohnten Bordeaux angekommen, als ihn sein Nebenmann an der Theke, dessen Namen er mal gekannt hatte, der ihm aber trotz heftigen Grübelns nicht einfiel, in ein Gespräch zog. Es war das Übliche, über Sport und Politik kamen sie zu Nebensächlichem. Sein Nachbar, dessen Name ihm nach einer Stunde immer noch ein Rätsel war, wusste zu jedem Thema Bedeutendes in seinem breitesten Hessisch beizusteuern und ließ Florian kaum zu Wort kommen, wofür der ihm dankbar war, denn er hatte keine Lust zu reden. Er lauschte mit einem Viertel Ohr den Vorzügen einer Solaranlage und phantasierte über die Partnerin des Dauerredners, vielleicht war der Dialekt aber auch Unbeweibt und die Kneipe der einzige Ort, wo er Zuhörer fand und über "wer hört mir zu Hause eigentlich noch zu", landete er mit seinen Gedanken wieder bei Charlotte, obwohl er doch hergekommen war, um sich abzulenken.
„Hey, dass man Dich auch mal wieder hier sieht,“ Britta küsste ihn rechts und links auf die Wangen und strahlte ihn an, „Du lässt Dich ja gar nicht mehr blicken, was ist denn los?“
Glücklich, der Sonnenenergie zu entrinnen, rückte er ein Stück beiseite, zog sie zwischen den Namenlosen und sich an die Theke und begann, der Alkohol beflügelte ihn, von seiner neuen Berufung zu erzählen.
Er kannte Britta schon länger als Charlotte, sie hatte ihn immer als Frau gereizt, aber aus einem nun nicht mehr zu erklärendem Grund war es nie zu mehr als einer kurzen heftigen Partyknutscherei gekommen. Sein Gehirn arbeitete zweispurig; während er stark übertreibend seine Malerei pries, suchte ein anderer Teil seines Kopfes fieberhaft nach der Möglichkeit, sich mit Britta heute an Charlotte zu rächen, legte all seinen Charme, zu dem er noch fähig war, in seine Erzählung und schlug mitten in der Tantalus Geschichte vor, es sich hinten in einer Ecke bequem zu machen.
„Ich bin nur kurz hier, warte auf Dirk, wir wollen noch ins Kino, der neue Woody Allen.“ Seine Energie fiel in sich zusammen, er plauderte noch ein bisschen, eher oberflächlich, und hatte nicht mal Lust zu fragen, wer Dirk sei.
„Bist Du der häuslichen Hölle entronnen?“ Dorothea stand vor ihm. Frank war in Frankfurt bei einer Theater Premiere und war schon früh in die Mainmetropole aufgebrochen, um ungestört mit einem Kollegen aus Berlin reden zu können, wie er Dorothea mitgeteilt hatte. Florian bestellte sich einen neuen Roten und bugsierte Franks Freundin in jene Ecke, in der er mit Britta seine Rachepläne verwirklichen wollte. Am Tresen war es mittlerweile unmöglich, ein intimes Gespräch zu führen, doch fast alle Tische waren unbesetzt.
„Was meinst Du mit Hölle, was hat Charlotte Dir denn erzählt?“ er war froh, auch wenn er zum Ablenken hergekommen war, endlich jemanden zu finden, mit dem er sein Problem erörtern konnte, insgeheim hatte er auf Bernd gehofft, doch Dorothea war sogar interessanter, er hoffte so etwas über Charlotte zu erfahren.
„Das war doch nur ein Scherz, nichts hat sie erzählt.“
„Frank hat auch letztens so Andeutungen gemacht, also sag schon.“
„Frank kannst Du nun wirklich nichts glauben, Du weißt doch, wie er ist. Ich kann eh nicht lange bleiben, er ist in Frankfurt und ich muss ihn gleich vom Bahnhof abholen, der Starkritiker ist mal wieder zu geizig, sich ein Taxi zu leisten. Heute Abend war in Frankfurt die Premiere von „Heldenplatz“ von.., ach hab ich vergessen.“
„Nun lenk nicht ab, die Premiere interessiert mich nicht, sag schon, was Charlotte Dir über uns erzählt hat, ich wollte Dich schon längst mal anrufen, bin aber nie dazu gekommen, die Zeit läuft mir im Moment einfach davon,“ sein gestriger ängstlicher Rückzieher fiel ihm ein.
„Na ja, sie lässt halt manchmal die eine oder andere Bemerkung fallen,“ Dorothea wollte wirklich nicht zwischen die Fronten geraten, Charlotte war ihre Freundin und hatte nicht nur einmal ihr Herz bei ihr ausgeschüttet. Florian sollte seine Probleme mit seinen Männerfreunden diskutieren.
„Was für Bemerkungen hat sie wo fallengelassen?“
„Dass Du nicht recht vorankommst, dass es wohl schwieriger sei, als Du gedacht hättest und deshalb unzufrieden und gereizt wärst, kann man ja auch verstehen.“ Florian konnte nicht heraus hören, ob der letzte Halbsatz von ihr oder Charlotte stammte.
„Ich gereizt? So kann man es auch umdrehen.“ Es brach aus ihm hervor und ohne nach weiteren fallengelassenen Äußerungen Charlottes zu fragen, stellte Florian seine Sicht der ehelichen Situation dar.
„Seit sie wieder arbeitet, ist sie nicht mehr zu ertragen. Alles dreht sich nur noch um die Firma, Werbung vorne, Werbung hinten, keinen Film kann man sich im Fernsehen anschauen, ständig wird nach Werbespots gesucht, andere Themen gibt es in dieser Familie überhaupt nicht mehr. Miriam ist auch schon völlig überdreht, nörgelt ständig, will nicht ins Bett, schläft nicht mehr durch, steht nachts weinend im Schlafzimmer,“ das stimmte zwar fast, aber eben nur fast, denn all dies war erst ein- zweimal passiert, „und was unser Sexualleben betrifft, davon will ich lieber gar nicht reden.“
Er griff nach der Marlboro Packung, die vor Dorothea auf dem Tisch lag und zündete sich eine an.
„Seit wann rauchst Du denn wieder?“
„Was? Ach so, seit gerade!“ Ohne sich lange unterbrechen zu lassen, fuhr er in seiner Anklage fort. „Es ist ja schon seit der Geburt nicht mehr so, wie es vorher war, aber ich habe immer geglaubt, das wäre nur vorübergehend und gäbe sich mit der Zeit, aber seitdem sie arbeitet, läuft überhaupt nichts mehr, absolut tote Hose.“ Schau mal an, dachte Dorothea, nach außen immer heile Familie, aber alles nur Schein. Sie und der Kritiker waren da anders, sie führten weiß Gott keine Idealbeziehung, doch das wusste jeder, da sie ihre Schwierigkeiten in aller Öffentlichkeit austrugen. Und sie verglich den kleinen Grafiker, sie hatte die Titulierung von Charlotte übernommen, mit dem Kritiker. Vorzustellen, dass Frank sich anderen gegenüber so gehen ließ und seine intimsten Probleme offenlegte, schien ihr unmöglich, gleichzeitig bezweifelte sie, dass er überhaupt zu solchem Leiden ihretwegen imstande sei, und sie beneidete Charlotte wegen Florians Anhänglichkeit, oder sollte sie sagen Liebe. So mit ihren eigenen Betrachtungen beschäftigt, antwortete sie auf Florians Satz, den er jetzt auf dem Gipfel seiner Vorwürfe und seines Selbstmitleids ausstieß, „wenn Sie einen anderen hat, dann soll Sie es mir doch sagen, dann muss man damit umgehen, aber diese ständigen Zurückweisungen, dieses ständig sich Verweigern, das macht mich fix und fertig,“ nicht mit einem „also das glaub ich nicht,“ oder, „das wüsste ich doch,“ oder, „das hätte sie mir doch erzählt,“ sondern nickte nur geistesabwesend mit dem Kopf, und dieses mit dem Kopf nicken, löste in Florian eine furchtbare Wirkung aus. Sein Verdacht wurde bestätigt. Er griff nach einer zweiten Zigarette und wollte Dorothea gerade zwingen, ihm Genaueres zu erzählen, als sie aufstand, „Mein Gott, der Zug kommt in fünf Minuten,“ das war maßlos übertrieben, sie hatte noch gut eine halbe Stunde Zeit, aber das Gespräch wurde ihr unangenehm,„ich muss los, wir können ja ein anderes Mal weiter reden, ruf mich doch an.“ In der Hoffnung, dass er dies nicht Wahrmachen würde, verabschiedete sie sich eilig.
„Abendessen! Bis zwei! Wo in Teufels Namen gibt es bis zwei Uhr was zu essen, die verarscht mich doch, oder?“ Florian war der letzte Gast und redete, mühsam die Worte mit bordeauxschwerer Zunge formulierend, auf den schweigsamen, die Kneipe aufräumenden und nicht antwortenden Rolf ein.
„Ich bring nichts zu Stande, hah, meine Faltenwürfe und Stillleben könnte ich ohne Probleme an den Mann bringen und meine Tantalus Trilogie,“ er hielt mitten im Satz inne, Trilogie, er hatte nicht mal die Idee zu einem Bild, hatte er jetzt schon das Delirium tremens, tre, vom italienischen drei, er verstand endlich den Begriff, „egal, meine Tantalus Trilogie wird Weltklasse, sag ich Dir, Weltklasse.“ Er war kurz vor einer Ausstellung im Guggenheim Museum und die Neuentdeckung des 21sten Jahrhunderts, als ihn Rolfs Frage, „ne Taxe?“ wieder auf den mittlerweile arg schwankenden Boden der Trunkenheit zurück holte. Er schüttelte den Kopf und Rolf legte ihm die Rechnung hin: „Dreiundsechzig Mark vierzig.“
Szene 19
Am ersten Samstag im Mai holte er die Rinderfilets seines großen Verführungsmenüs aus dem Tiefkühlschrank. Er wollte eine Aussprache, seit der Unterredung mit Dorothea rechnete er mit dem Schlimmsten.
"Mia will auch goßes Mänü," sie saß in ihrem Stuhl und trommelte mit der Gabel auf den Tisch.
"Mein Liebling bekommt ein großes Reibekuchenmenü mit Johannisbeergelee," er lud seiner Tochter zwei Kartoffelküchlein auf den Teller und wollte ihr die Gabel abnehmen, aber Miriam umklammerte sie und jammerte: "Mami fütten, ich will die Mami."
Als Florian ihren Wunsch an Charlotte weiterleitete, die über den Akten der Hamburger Brauerei im Wohnzimmer saß und in Gedanken an der Alster weilte, stöhnte sie nur und wies gereizt auf die vor ihr liegenden Papiere.
"Ich kümmere mich die ganze Woche um sie, wenigstens am Wochenende könntest Du ein bisschen auf Deine Tochter eingehen," er lehnte vorwurfsvoll in der Wohnzimmertüre.
Mühselig und ächzend erhob sich Charlotte und folgte ihm in die Küche. Während er die Zucchini schnitt, beobachtete Florian Mutter und Tochter aus den Augenwinkeln, Charlotte saß mit dem Rücken zu ihm. Ihre Ungeduld mühsam unterdrückend, ermahnte sie Miriam ständig, "wackle nicht so mit dem Stuhl und konzentriere Dich auf das Essen," "Und jetzt der nächste Bissen, so, fein," "Und jetzt Schluck es runter."
Plötzlich war es Florian klar: "Nicht zu beanstanden und äußerst korrekt, aber kalt, liebenswürdig und ordentlich aber ohne wirkliche innere Zuneigung," und einige Zucchinistücke, die er gerade von dem großen Holzbrett ins kochende Wasser schieben wollte, landeten auf dem Herd. "Wie Olga, genau wie Olga," er klatschte die Steaks auf das nun leere Holzbrett.
Olga Richter, Charlottes Mutter, geborene von Stadelberg, stammte aus einer alten ostpreußischen Adelsfamilie, die nach dem Krieg verarmt in den Westen übergesiedelt war und einen kleinen Handelsvertreter weit unter ihrem Stand geheiratet hatte. Hans Michael Krüger hatte es zwar im Laufe der Zeit zu etwas Vermögen gebracht, sie besaßen eine Eigentumswohnung in Karlsruhe, aber das genügte nicht im Geringsten den Ansprüchen seiner adeligen Gattin, die ihre Unzufriedenheit durch eine arrogante Überheblichkeit und eine hochnäsige Kälte kompensierte.
Da es Charlotte einmal besser haben sollte, hatte sie ihr einziges Kind als "höhere Tochter" erzogen, und sie dank ihrer alten Verbindungen während ihrer jungfräulichen Mädchenzeit auf bedeutende Debütantinnenbälle geführt, dabei keine Gelegenheit ausgelassen, sie mit hochkarätigen Ehe Aspiranten zu verkuppeln. Charlotte hatte sich jedoch in ihrer pubertären Trotzphase dem allen widersetzt und ganz profan ihre Unschuld auf einem Rockkonzert im Gebüsch verloren. Aber die Kälte, die Arroganz und das Bewusstsein, etwas Besseres zu sein, hatte sie von Olga geerbt.
"Ich bringe Miri jetzt ins Bett," in nur knapp zehn Minuten hatte sie das große Reibekuchenmenü in Miriams Mund verschwinden lassen, "wann ist denn das Essen fertig?"
Florians neue Erkenntnisse über seine Gattin ließen seinen Magen rumoren. Am liebsten hätte er das Diner samt Aussprache abgesagt und sich in die Kneipe geflüchtet.
"So in einer dreiviertel Stunde," mit einem kräftigen Schlag ließ er den metallenen Fleischhammer auf ein zartes Lendensteak sausen.
Ein gutes Dutzend Kerzen tauchten das Wohnzimmer in ein warmes Licht, "Per Lucia", ein Erinnerungslied aus längst vergangenen, harmonischen Urlaubstagen, tönte leise aus den Boxen der Stereoanlage.
"Die Suppe war schon mal hervorragend," Charlotte nippte an ihrem Weinglas, Florian hatte sich bereits nach geschenkt. Bisher hatten sie nur über Nebensächliches geredet, keiner wollte den Anfang machen. Florian räumte die leeren Teller ab, servierte das Hauptgericht, und Charlotte erzählte nun ausführlich über das Brauereiprojekt, webte geschickt eine distanzierte Schilderung des Marketing Chefs ein und erwähnte auch, dass sie eventuell, das wäre aber noch nicht sicher, in Zukunft öfter nach Hamburg müsse. Florian hörte interessiert zu, zumindest erweckte er den Eindruck, nahm Herrn Kraft aber nur am Rande wahr.
Er brachte den Nachtisch und eine neue Flasche Bordeaux, Charlottes erstes Glas war immer noch halbvoll, nahm dann sein Rotweinherz in beide Hände und holte tief Luft: "Was ist denn eigentlich zwischen uns los, ich meine, so kann es doch nicht weitergehen."
"Es ist eben im Moment eine schwierige Zeit, aber die geht auch wieder vorüber, wir müssen uns eben beide mehr Mühe geben," Charlotte ließ ihr Eis unberührt und beobachtete ihn angespannt.
"Aber Du bist ja überhaupt nicht mehr vorhanden, in Deinem Kopf ist nur noch das Geschäft, Deine Karriere. Werbung über alles!" Obwohl er sich vorgenommen hatte, ruhig und sachlich zu bleiben, geriet ihm der Satz etwas zu laut.
"Und Du bist mit Deiner neuen Situation auch überfordert, aber das ist verständlich, wir müssen Geduld mit uns haben," sie sprach ruhig und gelassen.
"Geduld, wie soll ich das denn Flo beibringen, ich bin schließlich kein Neutrum."
"Das ist nun wieder typisch Mann, als wenn es nur darauf ankäme."
"Ach, als Karrierefrau stehst Du jetzt wohl über den Dingen, aber vielleicht genüge ich Deinen Ansprüchen nicht mehr," Florian betrachtete das langsam zerfließende Sorbet und fügte
hinzu: "oder es gibt da einen Besseren." Er fühlte sich durch Dorotheas Kopfnicken dazu berechtigt und beobachtete sie aus den Augenwinkeln, ängstlich ein Eingeständnis ihrer Schuld erwartend.
"So ein Quatsch," Charlotte gab ihre Gelassenheit auf und wurde aggressiv: "trink nicht soviel, dann hast Du auch keine Halluzinationen, und konzentriere Dich auf Deine Malerei. Bring endlich was zu Stande, dann bist Du auch ausgeglichener, aber gib nicht mir die Schuld."
"Ich bin doch kein Computer, der auf Knopfdruck produzieren kann. Ein Künstler," er glaubte in diesem Moment wirklich an dieses Wort, "ein Künstler braucht Ruhe, Konzentration und vor allem Inspiration, das heißt ein harmonisches Umfeld," ihr Wortwechsel wurde heftiger.
"Dafür bin ich doch wohl nicht verantwortlich," Charlotte sah ihn herausfordernd an, "oder soll ich Dir jetzt," sie ließ das Wort ironisch und genüsslich über ihre Lippen strömen, "INSPIRATION einflößen? Und Ruhe hast Du ja wohl den ganzen Morgen."
"Vormittags kann ich nicht malen, mein Gott, das kann Keiner, und ab eins muss ich mich um Deine Tochter kümmern."
Charlotte registrierte, dass er zum zweiten Mal heute Abend "Deine Tochter" sagte und konterte scharf und böse, dabei maliziös lächelnd: "Ich dachte immer es wäre unsere, aber klar, ich wäre mir an Deiner Stelle da auch nicht so sicher." Sie wusste sofort, dass sie zu weit gegangen war, erkannte es an seiner Reaktion, "Das war ein Scherz, mein kleiner Grafiker," sie versuchte es ungeschehen zu machen, aber Florians Gesicht wurde zu Stein, er verstummte und mit diesem kurzen Dialog war die Aussprache beendet. Der Rest des Abends wie auch der folgende Sonntag versanken in feindseliges Schweigen und die Lösung ihrer Probleme war in eine nebelige Ferne entschwunden.
Szene 20
Dorothea war schon den ganzen Tag verstört durch die Agentur gelaufen, mehrmals ohne Grund in Charlottes Büro erschienen, um dann endlich zu fragen, ob sie Lust habe, heute mit ihr chinesisch Essen zu gehen. Florian war ein erklärter Gegner von „Chinafraß“, wie er sich auszudrücken pflegte, während Charlotte der asiatischen Küche durchaus positiv gegenüberstand, aber sie war, wie immer, mit ihrer Arbeit im Rückstand. Doch ein Blick in Doro's Augen genügten, und sie wusste, dass sie nicht nein sagen konnte.
"Er ist im Moment mal wieder unausstehlich, ich ertrag das nicht mehr lange," eine Träne lief über Dorotheas Wangen, ihr blasser Teint, übersät mit Sommersprossen, war noch weißer, sie schüttelte ihre rotblonden langen Locken nach hinten und beugte sich über ihre Handtasche, um ein Taschentuch zu suchen. Sie hatten das "Shanghai" gewählt, es lag in einer Querstraße der Fußgängerzone und war wenig besucht. Ein Tisch in einer kleinen, mit Bambus ausgeschlagenen Nische war frei gewesen, abseits der übrigen Gäste. Die gedämpfte Atmosphäre ließ sie leise sprechen.
"Lass uns erst mal bestellen und dann erzählst Du alles in Ruhe und der Reihe nach." Die Kellnerin nahm lächelnd ihre Wünsche entgegen und verschwand wieder lautlos.
"Ich habe ihm gestern ganz ruhig und sachlich erklärt, dass ich nicht vor hätte, die Pille weiter zu nehmen, ab jetzt sei er genauso für die Verhütung zuständig," sie schnäuzte sich, "oder für die Folgen. Aber ich nehme diesen Chemiescheiß nicht mehr, und wenn er sich auf den Kopf stellt." Zur Bekräftigung schlug sie die flachen Hand auf den Tisch. „Er hat mich dann mindestens eine Minute mit zusammen gekniffen Augen und seinem herablassenden Lächeln schweigend angeschaut und dann in einem ziemlich gemeinen Ton erwidert: Jetzt hör mir mal ganz genau zu, écoute: Wenn Du unbedingt so ein Balg brauchst, dann such Dir jemand, der Dich schwängert, noch hast Du ja mit Deinen fast Vierzig eine gewisse Chance, einen Deckhengst zu finden, vielleicht nicht gerade Antonio Banderas, aber der muss es ja auch nicht sein, Hauptsache er hat einen fruchtbaren Schwanz. Aber zum letzten Mal und unwiderruflich, mit mir nicht, und damit Punkt und fin." Damit ist er aufgestanden, hat im Flur seinen Mantel angezogen und ohne sich noch einmal umzudrehen, die Wohnung verlassen.“ Dorothea griff wieder zu ihrem Taschentuch. "Um drei ist er nach Hause, hat sich gleich in sein Zimmer verzogen, obwohl ich noch auf war und nach 10 Minuten konnte ich schon sein Schnarchen hören."
"So ein Schwein, das glaubt man ja nicht," Charlotte fand ihre Abneigung gegen Frank bestätigt.
"Ich weiß nicht, ob der überhaupt etwas für mich empfindet, es funktioniert nur, wenn alles nach seinen Vorstellungen läuft, doch bei den geringsten Schwierigkeiten entzieht er sich oder versteckt sich hinter seinen zynischen Sprüchen. Ich bin es so leid, das kann ich Dir gar nicht sagen, am Liebsten würde ich meine Sachen packen und abhauen."
"Nun beruhige Dich erst Mal, das weißt Du doch alles nicht erst seit heute. Seit wir uns kennen, habt ihr doch diese Streitereien, habt Euch aber jedes mal wieder zusammengerauft. Oder? Du kannst natürlich mit zu mir, also zu uns," noch während sie es aussprach, zuckte Charlotte zusammen. Dorothea hatte ihr zwar ihr Treffen mit Florian erzählt, sie wusste also um den Zustand ihrer Ehe, aber wo sollte sie schlafen. Die Couch im Wohnzimmer war von Florian belegt, in Miriams Bett passte sie nur zusammengefaltet, es blieb nur das Ehebett. Charlotte fand das keine angenehme Lösung.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.