Kitabı oku: «Gert - Unter Piraten»

Yazı tipi:

IMPRESSUM

Originalausgabe Mai 2020

Charakter und Zeichnung: Gert © Hansrudi Wäscher / becker-illustrators,

unter Zuhilfenahme von inhaltlichen Einfällen von Rasmus Jagelitz

Text © Harald Jacobsen

Copyright © 2020 der E-Book-Ausgabe Verlag Peter Hopf, Minden

Korrektorat: Andrea Velten, Factor 7

Redaktionelle Betreuung: Ingraban Ewald

Umschlaggestaltung: etageeins, Jörg Jaroschewitz

Hintergrundillustration Umschlag: © fyletto – depositphotos.de

ISBN ePub 978-3-86305-162-4

www.verlag-peter-hopf.com

Hansrudi Wäscher wird vertreten von Becker-Illustrators,

Eduardstraße 48, 20257 Hamburg

www.hansrudi-waescher.de

Alle Rechte vorbehalten

Die in diesem Roman geschilderten Ereignisse sind rein fiktiv.

Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten, mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre rein zufällig und unbeabsichtigt.

Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Verarbeitung und die Verbreitung des Werkes in jedweder Form, insbesondere zu Zwecken der Vervielfältigung auf fotomechanischem, digitalem oder sonstigem Weg, sowie die Nutzung im Internet dürfen nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages erfolgen.

INHALT

VORWORT

PROLOG

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

DREIUNDZWANZIG

VIERUNDZWANZIG

HARALD JACOBSEN

VORWORT

Kaum ein Jahr, nachdem Walter Lehning die aus Italien übernommenen Streifenhefte als »Piccolos« erfolgreich an den Westdeutschen Kiosken etabliert hatte, versuchte er sich ab Herbst 1954 an einem weiteren ungewöhnlichen Format: Die »Kolibris«, Ausgaben etwa in Vokabelheftgröße, schilderten, wiederum auf 32 Seiten und meist 1-2 Bildern pro Seite, weitere spannende Comic-Abenteuer in Fortsetzungen.

Neben Lizenzausgaben (»Falkenauge«, »Der schwarze Reiter«) war hier auch Hansrudi Wäscher, der sich in dieser Zeit immer mehr zum Erfolgsgaranten und »Mann für alle Fälle« des Verlags entwickelte, von Anfang an mit einer neuen Serie vertreten: »Jörg« hieß zunächst die Reihe, die, für ihre Entstehungszeit, ziemlich realistisch in einer der düstersten Epochen Deutscher Geschichte, dem 30-jährigen Krieg, angesiedelt war. Eben dieser Realismus war es aber auch, der das baldige Ende dieser Serie besiegelte – denn so etwas musste in den 1950er Jahren die gefürchtete »Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften« auf den Plan rufen! Also wurde »Jörg« schon mit Heft 20 abgebrochen, ohne dass das Versprechen des Untertitels, »vom Trossbuben zum General«, auch nur annähernd eingelöst werden konnte …

Allerdings starteten Wäscher und sein damaliger Co-Texter Rasmus Jagelitz dann auch ebenso schnell und nahtlos eine Nachfolgeserie: »Gert« hieß der Lübecker Junge, der auf abenteuerliche Weise in den Besitz einer Schatzkarte gelangte und den Schatz dann schließlich, nach großen Gefahren und 24 Kolibri-Heften, bergen konnte. Ein Grundplot, den die Autoren ganz offensichtlich einem der wohl bekanntesten Abenteuerromane aller Zeiten, Robert Louis Stevensons »Treasure Island«, entlehnt hatten.

Diese Anlehnung und das Ausweichen das unverfänglichere Seefahrt- und Piratengenre wurde der Reihe des Öfteren angekreidet, meines Erachtens jedoch völlig zu Unrecht: Denn einerseits ist es eben nur das Grundmotiv, das »Gert« mit der »Schatzinsel« gemeinsam hat, die einzelnen Handlungsabläufe und Charaktere sind ganz eigenständig gestaltet und mindestens ebenso spannend wie im Buch des berühmten Schotten. Das fängt damit an, dass Wäscher / Jagelitz ihre Geschichte in eine andere Zeit verlegen und auf den populärsten deutschen Seeräuber aller Zeiten, Störtebeker, Bezug nehmen. Zudem bekommt einen gleichaltrigen Gefährten, den dicklichen und etwas ungeschickten Peter, der dem Ganzen eine Humor-Dimension hinzufügt, sowie einen »großen, starken Freund«, den Matrosen Steffen, an die Seite gestellt – kluge Entscheidungen, die vielfältigere Interaktionen und packende Wendungen ermöglichen. Die Auseinandersetzungen auf dem Schiff, während der Reise zur Schatzinsel, stellen bei dieser Version sicherlich den erzählerischen Höhepunkt dar.

Vor allem aber, und das darf man nicht unterschätzen, markiert »Gert« m. E. den Wendepunkt in Wäschers Werk, an dem er endgültig davon Abstand nahm, historisch exakt verortete Geschichten erzählen zu wollen, und sich stattdessen ganz auf die Schilderung fiktiver, purer Abenteuer zu konzentrieren, deren Grenzen nur noch von seiner aber eigentlichen grenzenlosen Fantasie gebildet wurden. Aus meiner Sicht war das eine goldrichtige Entscheidung, denn genau darin lag seine Stärke, die ihn bis heute als Comic-Autor so unvergleichlich macht! So betrachtet, nimmt der »Gert« schon ein wenig von dem vorweg, was die HRW-Fans einige Jahre später an Serien wie »Nick«, »Tibor«, »Falk« oder dem »Sigurd« der Großbände begeistern sollte!

Vielleicht aber kommt dieser Reiz, diese Spannung der für Wäscher-Verhältnisse kleinen Serie in der vorliegenden Roman-Fassung, die von Profi-Autor Harald Jacobsen glänzend adaptiert wurde und mit der Verleger Peter Hopf seinem Ziel, zumindest den ganzen »Lehning-Wäscher« in dieser Form zu publizieren wieder ein Stück näher kommt, sogar besonders gut zur Geltung: Vor den Lesern liegt nicht mehr und nicht weniger als eine schnörkellose, packende Piratengeschichte, die auch 65 Jahre nach Entstehen der Comic-Vorlage nichts von ihrem Charme eingebüßt hat.

Viel Vergnügen damit!

Ingraban Ewald

März 2020

PROLOG

Diese Geschichte spielt zu der Zeit, als es noch Seeräuber gab und man von Dampfschiffen nichts wusste. Auf der Erdkugel gab es noch manches Land und manche Insel, die keines Menschen Fuß je betreten hatte. Damals lebte in Lübeck ein Junge von 13 Jahren, Gert Randolf, der, wenn er es nur irgendwie einrichten konnte, am Hafen war. Dort schaute er dem bunten Treiben zu. Sein sehnlichster Wunsch war, auch einmal auf einem großen Schiff zu fahren, viele Abenteuer zu erleben und endlich als geachteter Kapitän heimzukehren.

EINS

Eines Tages, als Gert gerade wieder einmal müßig am Hafen das bunte Treiben betrachtete, ereignete sich ein seltsamer Vorfall. Er pfiff leise vor sich hin und beobachtete die Schauerleute, die eines der Schiffe entluden.

»He, Junge. Kannst du mir eine Gefälligkeit tun? Willst du?«, rief ein Mann vom Oberdeck.

Gert schaute hinauf zum Rufer. War er gemeint? Sein Herz raste vor Aufregung. Tatsächlich. Der elegant gekleidete Herr schaute ihm direkt in die Augen.

»Ja, gern. Kann ich aufs Schiff kommen?«, erwiderte er.

»Meinetwegen«, lautete die lapidare Antwort des Rufers.

Gert eilte zur Planke, wartete dort eine Lücke bei den geschäftigen Schauerleuten ab und war dann mit wenigen Sätzen auf dem Oberdeck. Dort stand ein hochgewachsener Mann mit einem gezwirbelten Oberlippenbart, der Gert aus funkelnden Augen forschend musterte.

»Wie heißt du?«, fragte er.

»Gert Randolf.«

Der prüfende Blick schüchterte Gert zwar ein wenig ein, aber er hielt stand.

»Also gut, Gert! Ich bin der Kapitän dieses Schiffes und heiße Stürmer. Wir sind vor ein paar Stunden aus England gekommen«, sagte er.

Sie mussten einem Schauermann Platz machen, bevor der Kapitän weitersprechen konnte.

»Hier habe ich eine sehr wichtige Nachricht für einen Freund von mir. Da ich das Schiff nicht verlassen will, ehe die Ladung gelöscht ist, suche ich einen schnellen, verlässlichen Boten, der sich in Lübeck auskennt«, sagte er.

In seiner Rechten hielt Kapitän Stürmer einen Umschlag, der mit einem Wachssiegel versehen worden war.

»Das bin ich, Herr Kapitän!«, versicherte Gert eifrig.

Er musste einen weiteren forschenden Blick über sich ergehen lassen, bevor Kapitän Stürmer sich entschieden hatte.

»Nun gut! Hier hast du einen Schilling. Lauf und bring das Schreiben Herrn Stones, den du in der Hafenkneipe ›Zum Walfisch‹ findest«, erklärte er und überreichte Gert den Umschlag.

Der schob die Münze schnell in seine Hosentasche und ging von Bord. Gert eilte flink wie ein Wiesel an den geschäftigen Menschen im Hafen vorbei. Er kannte die Kneipe und wählte den kürzesten Weg dorthin. Er war glücklich, für einen Kapitän den Auftrag ausführen zu dürfen.


Wenig später erreichte Gert die Kneipe. Deftige Gesänge aus rauen Männerkehlen tönten bis hinaus auf die schmale Gasse davor. Gert wich einem Matrosen aus, der torkelnd durch die Eingangstür trat. Sein Herz hämmerte erneut in seiner Brust, doch dieses Mal mehr aus Angst als vor Aufregung. Gert hatte aber ein Versprechen abgegeben, also betrat er kurz entschlossen den verräucherten Gastraum. Sein Blick blieb an einem von der Decke baumelnden Schwertfisch hängen, während er wegen des beißenden Tabakrauches zu husten begann. Gert zuckte zusammen, als eine derbe Hand sich schwer auf seine Schulter legte.

»Hallo, was hat sich denn da für ein seltsamer Vogel zu uns verirrt?«, rief eine dunkle Männerstimme.

Gert fuhr herum und erwiderte den spöttischen Blick eines Mannes, der nach Matrosenart ein Tuch auf dem Kopf gebunden hatte.

»Komm her, sollst auch einen Schnaps haben«, rief ein anderer Mann mit einem Grinsen im Gesicht.

Gert hustete erneut.

»Gebt ihm Milch, Herr Wirt. Da kommt ein Säugling«, mischte sich der Matrose lautstark ein und ließ anschließend ein höhnisches Gelächter hören.

Weitere Gäste des ›Walfisch‹ schauten Gert mit verhangenen Augen an. Zum Glück hatte er sich mittlerweile ans Dämmerlicht gewöhnt, und der Husten war auch vorbei. Dafür setzte ihm der schwere Alkoholdunst sehr zu, sodass er kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. Trotzdem setzte Gert sich in Bewegung. Er kam jedoch nicht sehr weit, denn nach nur wenigen Schritten stellte sich ihm ein bärenstarker Matrose in den Weg. Er schaute aus tückischen Augen hinab in Gerts Gesicht, der mit flauem Gefühl in der Magengrube die breiten Schultern sowie die schwieligen Fäuste des Matrosen zur Kenntnis nahm.

»Was willst du hier, hm? Das ist ein Lokal für Männer und nicht für Babys«, sagte der Mann.

Es klang wie das bedrohliche Grollen eines nahenden Gewitters. Gert sammelte seinen Mut und gab Antwort.

»Ich soll diesen Brief hier Herrn Stones übergeben. Der Kapitän …«, setzte er an.

Bevor er zu Ende sprechen konnte, riss ihm der Matrose blitzschnell das Schreiben aus der Hand.

»So! Jetzt habe ich den Brief. Nun gib ihn doch Herrn Stones, wenn du kannst!«, höhnte er und feixte dabei herausfordernd.

Sein spöttisches Lachen traf Gert ins Mark. Eine wilde Wut erfasste den Jungen, der sich mit einem Satz auf den Matrosen stürzte. Seine Fäuste trommelten auf den Magen des viel größeren Mannes ein.

»Gebt das Schreiben her! Es gehört nicht Euch!«, brüllte Gert dabei.

Doch der Matrose wankte nicht einmal. Stattdessen verhöhnte er weiter aus vollem Hals die sinnlosen Bemühungen des Jungen.

»Das ist zum Lachen! Da will eine Maus einen Elefanten angreifen«, stieß der Matrose zwischen wieherndem Gelächter hervor.

Er war so von sich überzeugt, dass er triumphierend in die Runde schaute. Ehe der Matrose sich versah, sprang Gert hoch und griff sich das Schreiben aus der Rechten des Mannes.

»Herr Stones! Herr Stones!«, rief er und zwängte sich eilig zwischen den eng stehenden Tischen hindurch.

Gerts Blick huschte über die Gesichter der Gäste.

»Warte, Bürschchen!«, brüllte der Matrose wutentbrannt.

Er versuchte, dem Jungen zu folgen, doch Gert war wesentlich kleiner und flinker. Dennoch kam er ihm gefährlich nahe. Gerade als der Matrose seine Pranke nach der schmalen Schulter des Jungen ausstreckte, meldete sich ein Mann mit einer auffälligen Narbe an der rechten Wange zu Wort.

»Was gibt es? Hier bin ich«, sagte er.

Voller Erleichterung streckte Gert dem Mann das Schreiben hin.

»Mit Verlaub, Herr Stones. Ich soll Ihnen dieses Schreiben von Kapitän Stürmer überbringen«, stieß er aufgeregt hervor.

Dabei spürte er den heißen Atem des wütenden Matrosen in seinem Nacken und duckte sich unwillkürlich. Gert rechnete jeden Augenblick damit, dass er dessen grobe Faust zu spüren bekam.

»Treyser, lasst den Jungen in Ruhe! Ihr wisst doch, dass ich Eure derben Späße nicht mag«, wandte Herr Stones sich barsch an den Matrosen in Gerts Rücken.

Der brummte etwas Unverständliches, zog sich dann aber tatsächlich zu Gerts Erleichterung zurück. Stones schob den Jungen mit einer Hand vor sich her zu einer Tür im hinteren Bereich der Kneipe.

»Ah – Kapitän Stürmer? Ist er wieder hier? Warum kommt er nicht selbst?«, fragte er gleichzeitig.

Offenbar bemerkte er die Verwirrung bei Gert, denn er legte seinen Arm um den Jungen.

»Nun, egal. Komm, folge mir hier hinein. Ich will die Nachricht lesen. Vielleicht kannst du eine Antwort überbringen«, plauderte er weiter, während er den Jungen ins Hinterzimmer schob.

An der Tür wandte Herr Stones sich um, warf prüfende Blicke zurück in den Gastraum, bevor er sie schloss. Gert betrachtete die Regale an den Wänden, auf denen Flaschen mit Schnaps neben Trinkgefäßen lagerten. Durch ein schmales, vergittertes Fenster rieselte Tageslicht in den Raum. Nachdem Herr Stones die Tür geschlossen hatte, deutete er auf einen Stuhl vor einem aus massivem Holz gezimmerten Tisch.

»Hier sind wir ungestört. Setz dich. Ich will lesen, was es gibt«, sagte er.

Gert kam der Aufforderung nach und blieb stumm, während Herr Stones das Siegel am Brief erbrach und den Inhalt studierte. Sein wacher Blick huschte über die Zeilen, von deren Inhalt er jedoch kein Wort an Gert verriet. Kapitän Stürmer forderte Stones darin auf, sich den Jungen genau anzusehen. Er vermutete, dass Gert sich für einen nicht näher bezeichneten Zweck ausgezeichnet eignen würde. Der Kapitän wies Stones weiter an, den Jungen irgendwie gefügig zu machen und um Schlag neun Uhr am vereinbarten Treffpunkt zu erscheinen. Herr Stones faltete das Schreiben schließlich wieder zusammen und verbarg es unter seinem Wams.

»Der Kapitän hat mir eine sehr wichtige geschäftliche Mitteilung gemacht«, erklärte er vage Gert gegenüber.

Der erhob sich und machte Anstalten, das Hinterzimmer zu verlassen. Auch Herr Stones stand auf und hielt Gert mit einer Geste zurück.

»Willst du schon gehen? Warte doch! Du musst doch deinen Botenlohn bekommen«, rief er.

Gert schüttelte abwehrend den Kopf.

»Danke. Aber Kapitän Stürmer hat mir bereits einen Schilling geschenkt«, erklärte er.

Zu seiner Verblüffung lachte Herr Stones amüsiert auf.

»Einen Schilling?«, fragte er und lachte erneut.

Gert schaute Herrn Stones fragend an.

»Das ist wahrlich wenig. Nun ja, Stürmer ist ein Geizkragen. Ich will dir fünf blanke Goldstücke geben. Das ist mir die Nachricht wert«, sagte der.

Gert mochte sein Glück kaum fassen. Fünf Goldstücke? Das war ein kleines Vermögen für einen dreizehnjährigen Jungen wie ihn.

»Fünf Goldstücke? Oh … Danke, Herr Stones«, stammelte er fassungslos.

Doch da legte der Mann mit der Narbe seine Rechte auf den Oberarm von Gert und drückte ihn zurück auf den Stuhl.

»Langsam, junger Mann. Noch hast du sie nicht. Erst wirst du mit mir ein Glas Rum trinken, wie das richtige Seeleute tun«, erklärte Herr Stones.

Für Gert tat sich ein Dilemma auf. Er hatte noch nie einen Schluck Rum getrunken, aber er wollte natürlich Herrn Stones nicht verärgern. Außerdem gehörte es ja wohl zum Leben eines Seemannes dazu, wie der Mann mit der Narbe eindeutig gesagt hatte. Also schluckte Gert seine Bedenken hinunter und ließ Herrn Stones gewähren.

*

Schon kurze Zeit später war der arme Junge so betrunken, dass er mit dem Kopf auf der Tischplatte den ungewohnten Rausch ausschlief. So bemerkte er nicht, wie Herr Stones ihm hinterlistig einen Beutel mit Geld in die Hosentasche praktizierte. Gert wurde erst wieder halbwegs wach, als Herr Stones die Tür des Hinterzimmers aufriss und sich in gespielter Aufregung an die anderen Gäste wandte.

»Hilfe! Hilfe! Diebe! Fasst ihn«, brüllte er aus Leibeskräften.

Gert rieb sich die Augen, suchte nach dem angeblichen Dieb. Doch außer ihm war nur noch Herr Stones im Hinterzimmer. Er stand verwirrt auf, versuchte sich einen Reim über diese Aufregung zu machen.

»Was schreit Ihr so? Was gibt’s?«, wollten die alarmierten Gäste wissen.

Als mehrere von ihnen ins Hinterzimmer kamen, deutete Herr Stones anklagend auf den völlig überrumpelten Gert.

»Da, dies saubere Bürschchen hat mich bestohlen! Mir fehlt ein ganzer Beutel Geld. Durchsucht ihn doch!«, beschuldigte der Mann ihn.

Schlagartig wurde Gert wieder nüchtern, erfasste die ungeheuerliche Anschuldigung voller Schrecken.

»Was soll ich sein? Ein Dieb?«, kam es heiser über seine Lippen.

Bevor er sich widersetzen konnte, packte einer der Matrosen den Jungen. Einer der anderen Gäste durchsuchte Gerts Taschen und hielt gleich darauf einen Beutel mit klimpernden Münzen in die Höhe.

»Tatsächlich! Da ist der Beutel«, rief er aus.

Gert starrte voller Unglauben darauf. Er verstand nicht, was hier gerade mit ihm geschah.

»O, du undankbares Geschöpf! Bestiehlst deinen besten Freund!«, brach es aus dem sichtlich erschütterten Herrn Stones hervor.

Für Gert brach eine Welt zusammen. Er, ein Dieb? Niemals!

»Glaubt mir, ich habe nicht gestohlen. Ich weiß nicht, wie das Geld in meine Tasche kommt!«, rief er voller Entsetzen.

Doch sein nach Hilfe flehender Blick traf nur versteinerte Mienen. Mit der Entdeckung des Beutels in seiner Hosentasche war für die Männer der Beweis seiner Schuld erbracht. Voller Scham senkte Gert den Kopf.

»O, dieser abgefeimte Lügner! Komm, sofort zur Wache mit dir!«, stieß Herr Stones hervor und packte den zutiefst erschütterten Gert am Arm.

Der ließ sich willenlos ins Freie führen. Erst, als sie dort in der Gasse vorm ›Walfisch‹ standen, drehte Gert sich voller Panik zu Herrn Stones um. Es war spät geworden. Im Schein einer Laterne schaute er seinem Peiniger ins Gesicht.

»Lasst mich, Herr Stones. Ich habe es wirklich nicht getan! Bringt mich bitte nicht zur Wache«, beschwor er ihn.

In seiner Panik bemerkte Gert nicht das triumphierende Aufleuchten in den heimtückischen Augen des Mannes. Für Stones war der Plan aufgegangen, und daher mimte er nun den Nachsichtigen.

»Hm – man sollte wirklich kein Mitleid mit dir haben, aber ich habe ein zu weiches Herz. Also gut. Wenn du mir einen Gefallen tun willst, werde ich von einer Anzeige absehen«, sagte er.

Ein heller Strahl der Hoffnung ließ Gerts Augen aufleuchten.

»O ja. Ich will alles tun, was Ihr verlangt. Aber bringt mich nicht zur Wache«, antwortete er sofort.

Herr Stones quittierte es mit einem zufriedenen Lächeln.

»Gut. Ich wusste, dass du ein vernünftiger Junge bist. Komm jetzt. Es ist gleich neun Uhr«, sagte er.

Gehorsam folgte Gert ihm durch das Gewirr von Gassen und vernahm gerade, wie die Uhr der Marienkirche neunmal schlug, als sie an einer kleinen Kreuzung anhielten. Aus dem Schatten eines großen Lagerhauses löste sich die Gestalt eines Mannes. Als er in den Schein einer Laterne trat, erkannte Gert ihn.

»Da seid Ihr ja«, stellte Kapitän Stürmer fest.

Nicht nur die anhaltende Betäubung durch den ungewohnten Alkoholkonsum, auch die tief empfundene Scham über den Vorwurf, ein Dieb zu sein, hinderten Gert am klaren Denken. Der Kapitän entzündete eine Handlaterne und hielt sie so, dass ein kleiner Spalt im Tor zum Lagerhaus erkennbar wurde. Vielleicht gerade breit genug, um einen Jungen von Gerts Statur hindurchgleiten zu lassen. Das große Gebäude lag ruhig in der es umgebenden Dunkelheit. Außer den beiden Männern und Gert ließ sich kein anderes Lebewesen in der Gasse blicken. Nicht einmal eine der vielen streunenden Katzen Lübecks.

»Höre, was wir dir jetzt sagen!«, verlangte Herr Stones.

Gert hob den Blick. Gleichzeitig drückte ihm der Kapitän die Laterne in die Hand.

»Hier! Nimm!«, befahl er.

Herr Stones deutete auf den Spalt am Tor.

»Du kletterst hier hinein. Das Lagerhaus gehört Kapitän Stürmer. Er hat aber leider seinen Schlüssel vergessen. Es besteht also keine Gefahr«, sagte er.

Gert hörte aufmerksam zu.

»Pass auf! Drinnen wirst du Fässer, Ballen und alle möglichen Waren finden. Die kümmern dich aber nicht. In einer Ecke stehen drei Kisten. Auf diese musst du achten. Eine davon trägt ein schwarzes Kreuz. Hier hast du ein Brecheisen. Öffne die Kiste damit«, befahl er Gert.

Der nickte und schaute dann zum Kapitän, der ihn am Oberarm gepackt hatte und sich zum Jungen hinüberbeugte.

»Ja, öffne diese Kiste. Darin wirst du ein in Segeltuch geschlagenes Paket finden. Dieses bringst du uns. Wir warten hier auf dich!«, sagte er mit gebieterischer Stimme.

Vermutlich lag es an der kühlen Abendluft, dass Gerts Sinne sich langsam klärten. Er ahnte auf einmal, dass hier etwas nicht stimmte.

»Aber … Nein!«, protestierte er daher.

Da packte ihn Herr Stones mit festem Griff an der Schulter und funkelte Gert warnend an.

»Keine Widerworte, Junge. Sonst melde ich dich der Wache. Du weißt, wie man Diebe zu behandeln pflegt. Nun rasch ans Werk!«, mahnte er mit kalter Stimme.

Gerts Widerstand brach umgehend in sich zusammen, und so drückte er sich mit der Laterne in der Hand durch den Spalt. Im begrenzten Schein davon versuchte er sich zunächst im Lagerhaus zu orientieren. Gert ging neben mehreren Kisten in die Hocke und suchte nach dem schwarzen Kreuz.

*

Gleichzeitig standen die beiden Männer im Schatten des Gebäudes und warteten auf die Rückkehr des Jungen.

»Ich will hoffen, dass der Junge den Diebstahl ausführt. Sollte er dabei erwischt werden, so sind wir beide außer Verdacht«, kommentierte Herr Stones mit einem harten Lachen die Situation.

Da legte Kapitän Stürmer seine Rechte auf die Schulter seines Kumpans.

»Das Paket enthält den Nachlass des Schiffszimmermannes der ›Anna‹, die vor fünf Jahren vor unserer Küste gesunken ist«, sagte er.

Herr Stones nickte mehrfach.

»Die ›Anna‹ war ein Seeräuberschiff unter Führung von Störtebeker. Irgendwo im südlichen Ozean hat er seine Schätze auf einer Insel versteckt, und das Paket, das der Junge uns bringen soll, enthält den Plan und die Seekarten«, rief ihm der Kapitän in Erinnerung.

»Wir wären gemachte Leute, wenn es uns gelänge, ein Schiff auszurüsten und den Schatz zu heben«, warf Herr Stones mit gieriger Stimme ein.

»Ja. Aber nur, wer den Plan hat, kann Hoffnung haben, den Platz zu finden«, sagte Kapitän Stürmer.

*

Im Lagerhaus war Gert endlich bis zu den drei Kisten vorgedrungen, die er suchen sollte. Im Schein der Handlaterne entdeckte er das schwarze Kreuz und atmete erleichtert auf. Er stellte die Laterne auf einer Tonne ab, nahm die Brechstange zur Hand und versuchte, den zugenagelten Deckel aufzuhebeln. Es war viel schwerer als erwartet, sodass Gert seine Anstrengungen deutlich verstärken musste. Die Muskeln seiner Arme begannen bereits zu brennen, und der Schweiß lief ihm in die Augen, als plötzlich der Deckel mit einem knirschenden Geräusch aufsprang. Schwer atmend ließ Gert das Eisen fallen und begann, den Inhalt der Kiste zu durchwühlen. Dann fand er das Gesuchte und richtete sich auf. Da ist das Paket, nun will ich schnell zurück zum Kapitän, dachte er voller Erleichterung. Gerade als Gert zur Laterne greifen wollte, tauchte neben einem der Kistenstapel eine Gestalt auf. Erschrocken fuhr Gert zurück und ließ dabei das Bündel fallen.

»Halt! Was tust du da? Wie kommst du in mein Lagerhaus?«, wollte der Unbekannte wissen.

Mit einem schnellen Satz war er heran und umklammerte mit eisernem Griff das rechte Handgelenk des Jungen.

»Wer bist du? Was hast du in meinem Lagerhaus zu suchen?«, verlangte der Mann erneut nach einer Antwort.

»Ich sollte … ich dachte … dieses Paket …«, stotterte Gert voller Panik.

Die dunklen Augen des herrschaftlich gekleideten Mannes funkelten ihn verärgert an.

»Was? Rede endlich deutlich!«, forderte er drohend.

Gert kämpfte mit den Tränen. Am liebsten wäre er zu Hause bei seinen Eltern. Doch er fand die erforderliche Kraft, um nach dem Bündel zu greifen und es in die Höhe zu halten.

»Herr Stones und Kapitän Stürmer, die draußen warten, haben mich hierhergeschickt, um aus der Kiste dieses Paket zu holen. Sie sagten, das Lagerhaus gehört Herrn Stürmer, der den Schlüssel vergessen hatte. Er brauchte aber das Paket augenblicklich«, erklärte Gert mit immer sicherer werdender Stimme.

Der Unbekannte hatte mittlerweile seinen Griff gelöst und lauschte aufmerksam den Worten des Jungen. Im blakenden Licht der Handlaterne glitzerte seine Halskette, die auf einen gewissen Wohlstand hindeutete.

»Ich kenne keinen Stones und keinen Stürmer. Dieser Speicher gehört mir, und du bist der abgefeimteste Einbrecher, der mir je untergekommen ist«, stieß der Mann hervor.

Gerts aufkeimende Hoffnung verflog sofort wieder, und erneut packte ihn eine Mischung aus Wut und Scham. Bevor er etwas erwidern konnte, packte der Mann ihn am Kragen und stieß Gert in einen verschließbaren Verschlag.

»Marsch! Hier hinein mit dir. Ich will mich inzwischen mit den Burschen befassen, die nach deinen Worten draußen warten«, sagte er dabei.

Gert kämpfte um sein Gleichgewicht, und als er es gefunden hatte, wandte er sich zur offenen Tür um.

»Glauben Sie mir doch. Ich sage die Wahrheit!«, flehte er.

Der Mann musterte den Jungen mit ausdrucksloser Miene.

»Das will ich feststellen«, erwiderte er dann knapp.

*

Vor dem Lagerhaus warteten Stones und Stürmer unterdessen immer noch auf die erfolgreiche Rückkehr Gerts. Plötzlich fuhr Stones mit gefurchter Stirn herum. Er hob mahnend eine Hand in die Höhe.

»Stürmer. Ich höre Stimmen. Gert ist entdeckt worden. Wir müssen uns aus dem Staub machen«, stieß er hervor.

Als die beiden Männer sich zur Flucht abwendeten, kam Hansen mit erhobenem Degen angerannt. Aber Stürmer und Stones verschwanden gerade noch rechtzeitig in der Dunkelheit.

»Schnell fort, eher er uns entdeckt«, raunte Stürmer im Laufen seinem Kumpan zu.

Hansen bemerkte die Schatten zwar noch, musste aber schnell die Verfolgung aufgeben. Er konnte die Gestalten nicht mehr erspähen. Er nahm den Degen herunter und kehrte zum Tor an seinem Lagerhaus zurück. Im schwachen Schein des Mondes untersuchte er es, so gut es ging. Durch diesen Spalt scheint der Junge eingestiegen zu sein, dachte er bei dessen Anblick. Möglich ist’s immerhin, dass er die Wahrheit spricht. Nun, wollen sehen. Ich werde ihn zu seinen Eltern bringen, fasste er innerlich einen Entschluss und kehrte zurück ins Innere des Schuppens. Wenig später brachte Kaufmann Hansen, der wahre Eigentümer des Lagerhauses, Gert zur elterlichen Wohnung.

*

Kurz darauf stand ein am Boden zerstörter Gert vor seinem Vater, einem angesehenen Bürger der Stadt.

»Sie bringen meinen Sohn? Was hat er wieder angestellt?«, fragte der den Kaufmann.

Hansen erzählte, was vorgefallen war. Gert stand mit gesenktem Kopf zwischen den Männern. Kaum hatte der Kaufmann seinen Bericht beendet, wandte der Vater sich mit erboster Miene an seinen Sohn.

»Und was hast du dazu zu sagen, Gert?«, wollte er wissen.

Stockend und ab und zu vom Schluchzen unterbrochen, berichtete Gert auch ihm wortgetreu seine Erlebnisse. Vor Scham wäre er am liebsten im Boden versunken, aber er beschönigte nichts. Als er alles gebeichtet hatte, wartete Gert mit erneut gesenktem Haupt auf die Reaktion seines Vaters.

»Schicken Sie den Jungen jetzt zu Bett, Herr Randolf. Er hat’s nötig«, empfahl der Kaufmann.

Gert schaute verwundert zu seinem Vater, der sich nach kurzem Überlegen dem Vorschlag anschloss.

»Also geh zu Bett, Gert. Wir sprechen uns morgen!«, sagte er.

Nachdem der Junge den Raum verlassen hatte, setzten die beiden Männer sich an den Tisch, um zu beratschlagen.

»Gehen Sie mit Ihrem Sohn morgen nicht zu streng ins Gericht, Herr Randolf. Ich glaube, Gert ist da in ein Abenteuer verwickelt worden, das unsere ganze Aufmerksamkeit erfordert«, erklärte Hansen.

Das Licht der Kerzen tanzte im Rücken von Gerts Vater, sodass die Schatten auf dem Tisch lebendig zu sein schienen. Er betrachtete den Kaufmann verwundert.

»Wie das?«, bat er um mehr Auskunft.

»Hören Sie zu! In diesem Paket befinden sich Seekarten und ein Plan, die den Weg zu einer unbekannten Schatzinsel weisen. Es heißt, auf der Insel sollen die Schätze Störtebekers vergraben sein«, sagte Hansen.

Er bemerkte den Anflug von Zweifeln im Gesicht seines Gegenübers.

»Ich erwarb eine Kiste mit diesem Paket vor Jahren auf einer Versteigerung, ohne zu ahnen, was sie enthielt. Später entdeckte ich die Sachen, ohne sie jedoch verwerten zu können«, sprach er schnell weiter.

»Und weiter?«, hakte Gerts Vater weiterhin zweifelnd nach.

»Nun, das ist klar. Irgendwelche Leute sind hinter diesen Plänen her. Euer Sohn war dumm genug, sich dafür missbrauchen zu lassen«, schloss Hansen seinen Bericht.

Im Gesicht von Gerts Vater arbeitete es. Ganz offensichtlich versuchte er, sich einen Reim auf diese Geschichte zu machen. Da erhob der Kaufmann sich und nahm das Bündel wieder an sich.

»Ich will versuchen, die Kerls zu fangen. Ihr Sohn ist allerdings der Einzige, der sie gesehen hat und genau beschreiben kann. – Also, Gute Nacht und bis morgen!«, verabschiedete er sich.

Gerts Vater hatte sich ebenfalls erhoben und streckte dem Kaufmann seine Hand hin.

»Gute Nacht! Und seid auf den nächtlichen Straßen vorsichtig!«, mahnte er zum Abschied.

*

Kurz darauf eilte Hansen mit dem Paket in der Hand durch die verlassen daliegenden Gassen Lübecks. Plötzlich stürzten zwei Gestalten auf den völlig überraschten Kaufmann zu. Sie packten seine Arme und bedrohten ihn mit einem massiven Holzknüppel.

»Das Paket her!«, forderte Kapitän Stürmer.

Er drückte den überrumpelten Mann gegen eine Hauswand, sodass Hansen sich nicht wehren konnte.

»Nimm das Paket, Stones. Ich halte ihn!«, stieß Stürmer hervor.

»Halunken!«, brüllte der aufgebrachte Hansen.

Seine Stimme brach sich an den Wänden der Nachbarhäuser. Stones entriss Hansen das Paket und setzte sich in Bewegung.

»Komm, Stürmer. Ich habe die Pläne!«, rief er dabei.

Der Kapitän versetzte Hansen einen harten Fausthieb aufs Kinn und folgte Stones. Mit langen Schritten tauchten sie in die Schatten einer Gasse ein. Doch so leicht wollte der Kaufmann sie nicht entkommen lassen.

»Wartet. Ich kriege euch noch!«, rief Hansen ihnen nach.

Er nahm die Verfolgung auf, doch er kam nur bis zu einer Gabelung. Dort stieß Hansen mit einem betrunkenen Matrosen zusammen, der seinen Weg kreuzte.

»He!«, lallte der erschrockene Mann.

Hansen hielt seinen Degen in der Hand und funkelte den Matrosen wild an.

»Pass doch auf!«, fauchte er.

Durch diesen Zwischenfall hatte er Stones und Stürmer aus den Augen verloren.

»Entschuldigung! – Nichts für ungut«, sagte der ernüchterte Matrose mit einem Blick auf den Degen.

Anschließend beeilte er sich, dem sichtlich wütenden Kaufmann zu entkommen. Hansen sah ein, dass eine weitere Verfolgung keinen Sinn mehr machte. Die Diebe waren längst im Gewirr der dunklen Gassen abgetaucht. Hansen schob den Degen zurück in die Scheide. Ich muss die Pläne wiederbekommen, und dabei soll mir morgen Gert helfen, dachte er über seine Möglichkeiten nach.

ZWEI

Am nächsten Tage waren Stones und Stürmer im Hinterzimmer des ›Walfisch‹ dabei, die Pläne zu sichten. Stones tippte mit seinem Zeigefinger auf einen Punkt der Karte.

»Soviel ich diesem Plan entnehmen kann, muss der Schatz an dieser Stelle liegen«, sagte er.

Kapitän Stürmer kraulte seinen Kinnbart und schaute dabei nachdenklich auf die Karte.

»Woraus schließt du das?«, wollte er dann wissen.

»Störtebeker sprach im Gefängnis, als ich während seiner letzten Stunden bei ihm war, stets von einem großen Baum, in dessen Nähe ein Graben sei. Genaues wollte er nicht sagen. Das Geheimnis seines Schatzes wollte er mit zur Hölle nehmen«, antwortete Stones.

Er hielt die Karte hoch und deutete erneut auf den Punkt, an dem er den Schatz vermutete.

»Hm«, murmelte Kapitän Stürmer nur, da er offensichtlich nicht überzeugt war.

Als er sich sogar erhob und Anstalten machte, den Raum zu verlassen, sprang Stones ebenfalls auf. Er legte seine Rechte auf die Tür und hielt den Kapitän so davon ab, zu gehen.

»Höre, Stürmer. Du bist Kapitän. Du kannst ein Schiff nach diesen Karten zu der Schatzinsel führen. Ich als letzter Genosse Störtebekers kenne die Insel. Sind wir erst einmal dort, so beginnt meine Aufgabe. Die Beute teilen wir. Sie wird uns zu wohlhabenden Bürgern machen. Es gilt jetzt, eine Mannschaft anzuheuern, der wir das Ziel unserer Reise natürlich nicht verraten«, beschwor Stones den zaudernden Kapitän.

Schließlich gab Stürmer seinen Widerstand auf.

»Topp. Ich bin dabei«, sagte er.

Laute Stimmen und das Geräusch eines umfallenden Stuhles aus dem Gastraum ließen Stones alarmiert herumwirbeln.

»Was ist da draußen los?«, fragte er.

»Der Wirt schlägt Lärm. Das ist das Zeichen für Gefahr«, stieß Stürmer hervor.

»Wo sind sie?«, hörten sie eine wütende Männerstimme aus dem Gastraum rufen.

*

Sie gehörte dem Kaufmann Hansen, der alles daransetzte, um die Pläne wiederzubekommen. Er hatte sich am Tag nach Gerts Ergreifung von dem Jungen zum ›Walfisch‹führen lassen. Als sie den Gastraum betraten, stieß er auf den Wirt, der sich ihnen in den Weg stellte.

»Halt! Nicht weiter! Dies ist ein Lokal für anständige Seeleute«, stellte er fest.

Doch da hatte Gert bereits die Tür entdeckt. Er packte Hansen am Arm und deutete darauf.

»Hier, in diesem Zimmer hinter jener Tür war ich mit Herrn Stones zusammen«, rief er.

Doch da schleuderte der Wirt einen unbesetzten Stuhl zur Seite und baute sich mit vor der Brust verschränkten Armen vor der Tür auf.

»Mach Platz! Wir wollen uns einmal das Zimmer ansehen«, forderte Hansen.

Doch der Wirt bewegte sich keinen Millimeter zur Seite.

»Hierin ist nichts Besonderes, meine Herren!«, behauptete er abweisend.

Doch auf sein Wort wollte der Kaufmann sich nicht verlassen. Mit einem blitzschnellen Griff zog er seinen Degen.

»Oh!«, stieß der erschrockene Wirt hervor und wich eingeschüchtert zur Seite.

Kaum hatte Hansen die Tür mit einem wilden Ruck aufgestoßen, fiel sein Blick auf das Fenster im Hintergrund.

»Ah, Gert, sieh, da entwischen zwei durch das Fenster«, rief er.

Gert war so voller Abenteuerlust, dass er keine Furcht verspürte und am Kaufmann vorbei ins Hinterzimmer eilte. Er spähte durchs offene Fenster und wandte sich aufgeregt an Hansen.

»Herr Hansen, schnell. Sie haben Angst vor uns!«, rief er aus.

Das musste er nicht zweimal sagen. Der Kaufmann war mit einem großen Sprung im Freien und nahm, mit dem Degen in der Hand, bereits die Verfolgung auf. Im Laufen drehte er sich zu dem Jungen um, der soeben die Beine übers Fensterbrett schwang.

»Komm Gert, wir verfolgen sie!«, drängte Hansen zur Eile.

*

Die Fliehenden schauten mit besorgten Blicken zurück.

»Verdammt, da werden wir gejagt wie die Hasen«, beklagte sich Stones.

Doch der Kapitän hatte einen kleinen Vorsprung und etwas entdeckt.

»Schnell! Da liegt ein Boot«, rief er.

Sie jagten über den Steg, an dessen Ende ein Beiboot festgemacht hatte. Beide Männer sprangen hinein, Stones löste das Tau, und Stürmer griff zu den Rudern. Langsam entfernte sich das Boot vom Anleger. Nicht schnell genug für Stones, der immer wieder ängstliche Blicke über seine Schulter warf.

»Leg dich in die Riemen, Stürmer. Auf dem Wasser sind wir gerettet«, feuerte er den Kapitän an.

Mittlerweile hatten Hansen und der Junge das Ende des Stegs erreicht. Hilflos mussten sie mit ansehen, wie die Verfolgten mit dem Beiboot entkamen.

»Haha! Auf Wiedersehen, meine Herren! Der Hafen ist groß. Sucht uns, wenn Ihr Lust habt«, verhöhnte sie einer der Männer.

»Ah – jetzt sah ich den Mann genau. Er trug eine Narbe. War das Stones?«, wandte Hansen sich an Gert.

Der nickte zustimmend mit grimmiger Miene.

»Ja! Hatte ich nicht erzählt, dass er eine große Narbe hat?«, antwortete er.

Der Kaufmann schüttelte den Kopf.

»Nein! Aber nun weiß ich, wer das ist. Der Mann mit der Narbe ist ein Seeräuber von der Besatzung Störtebekers. Vor Jahren gelang es ihm als Einzigem, aus dem Gefängnis zu entfliehen und so der Hinrichtung zu entgehen«, sagte er.

Gerts Augen glänzten vor Aufregung, als Hansen den Namen des berüchtigten Seeräubers nannte.

»Die Polizei war lange Jahre hinter ihm her, ohne ihn je zu erwischen. Du bist da in eine sehr dumme Geschichte hineingeraten, Gert«, sprach Hansen weiter.

Er wirkte sehr besorgt.

Doch Gert spürte eine tiefe Entschlossenheit in sich aufsteigen.

»Oh, ich bin nicht feige! Ich werde die Kerls noch fangen! Gestern Nacht in Eurem Lagerhaus war es in der Tat unheimlich. Aber am Tage …«, versicherte er dem Kaufmann.

Zu seinem Verdruss reagierte Hansen nur amüsiert.

»Soso! Du willst die Burschen festnehmen, was der Polizei in fünf Jahren nicht gelang? Ach, komm nach Hause«, sagte er.

Doch er hatte Gerts Entschlossenheit unterschätzt.

»Ich bleibe noch hier am Hafen!«, erwiderte er.

DREI

Drei Tage vergingen, in denen Gert im Hafen umherstreifte. Er dachte wieder einmal angestrengt darüber nach, wie er den Mann mit der Narbe ausfindig machen könnte. Da tauchte ein vertrautes Gesicht zwischen gestapelten Ballen auf.

»Hallo Gert«, rief der Junge.

»Hallo Peter«, freute sich Gert über das Treffen mit einem Freund.

Als er ihn in sein Abenteuer einweihte, weiteten sich Peters Augen vor Staunen.

»Und darum muss ich Stones und die Pläne finden«, schloss Gert seinen Bericht.

»Und ich helfe dir dabei!«, versprach der rundliche Peter sofort.

Offenbar war es ihr Glückstag, denn kurze Zeit später entdeckte Gert den Mann mit der Narbe tatsächlich.

»Da, Peter, dort – Er ist’s!«, machte er seinen Freund auf Stones aufmerksam.

Am Heck eines Schoners war sekundenlang das Gesicht Stones’ erschienen. Reaktionsschnell schob Gert seinen Freund aus dem Sichtfeld.

»Schnell hinter die Ballen, damit er uns nicht sieht«, raunte er.

Aus ihrem Versteck spähte Gert hinüber zum Schoner.

»Es ist die ›Santa Maria‹. Nun wissen wir, wo er steckt«, entzifferte er den Namen.

Gert zog sich ein Stück zwischen die Ballen zurück und wandte sich an Peter.

»Wo Stones ist, sind auch die Pläne. Wir müssen auf das Schiff und versuchen, sie zu erbeuten. Willst du?«, fragte er seinen Freund.

Der zögerte keine Sekunde.

»Ja. Machen wir einen Plan«, stimmte Peter zu.

Durch einige Kisten und Ballen verdeckt und vom Schiff aus nicht zu sehen, schauten die beiden Freunde an die Stelle, wo eben noch der Gesuchte aufgetaucht war.

»Dem Kerl will ich heimzahlen, was er mir eingebrockt hat!«, schwor Gert.

In seinen Augen leuchtete die Entschlossenheit auf. Er deutete hinüber zu einem der Anleger.

»Komm Peter, dort unten liegt das Boot meines Onkels«, sagte er.

Sein Freund folgte ihm hinaus auf den Steg. Doch es lag ein Hauch von Zweifel auf dem rundlichen Gesicht.

»Dürfen wir das Boot denn nutzen?«, fragte Peter.

Gert war jedoch fest entschlossen, seinen Plan umzusetzen.

»Natürlich! Mein Onkel sieht es zwar nicht gern – und wir müssen aufpassen, dass uns der Hafenmeister nicht erwischt«, versicherte er daher.

Schließlich erreichten die beiden Jungen den Platz am Anleger, auf den Gert gedeutet hatte.

»Da liegt das Boot!«, stieß er hervor.

Er wandte sich zu Peter um und legte seinem Freund die Hand auf die Schulter.

»Ich gehe zuerst hinunter und binde das Boot los. Du bleibst oben und gibst acht, ob jemand kommt«, sagte Gert.

Der nickte zustimmend und verfolgte dann gebannt, wie sein Freund gleich darauf mit geübten Griffen den Knoten löste. Peter warf immer wieder prüfende Blicke in die Runde, doch niemand schenkte den beiden Jungen Aufmerksamkeit. Kurz darauf legten sie vom Kai ab und ruderten hinaus ins Hafenbecken. Doch mittlerweile hatte Gerts Onkel das Verschwinden seines Bootes bemerkt. Leider zu spät. Er rannte über den Steg und schaute verärgert hinaus zu den Jungen im Boot.

»He, hallo! Kommt zurück!«, rief er aus Leibeskräften.

Gert und Peter waren aber so in ihre Aufgabe vertieft, dass sie den Onkel nicht bemerkten. Der stützte sich schwer atmend auf einen der Ballen ab und schüttelte drohend seine Faust in ihre Richtung.

»Die verdammten Bengels haben doch wieder mein Boot stibitzt. Na warte, wenn ich Gert erwische«, knurrte er voller Grimm.

Auf dem Wasser hatten die Jungen sich die Aufgaben im Boot aufgeteilt. Während Gert die Riemen bediente, behielt Peter die Pinne im Griff.

»Wohin soll ich eigentlich steuern?«, fragte er.

»Zur ›Santa Maria‹ natürlich. Wir gehen längsseits«, erwiderte Gert verwundert.

Dann warf er einen Blick über seine Schulter in Richtung des Schoners.

»Ich hoffe, dass wir irgendwie an Bord kommen«, sagte er.

Gert nahm seinen Kopf zurück und legte sich nochmals kräftig in die Riemen. Peter peilte sorgsam die Bordwand des Schoners an.

»Langsam jetzt! Ich sehe eine Strickleiter«, warnte er seinen Freund.

Da die Matrosen des Schiffes an Backbord beschäftigt waren, bemerkte niemand, wie das Boot mit den zwei Jungen an der Steuerbordseite anlegte. Peter lenkte es geschickt bis an die herabhängende Strickleiter. Gert ergriff sie mit der Linken und zog sie zu sich.

»Die kommt uns wie gerufen. Ich klettere hoch. Binde das Boot an der Strickleiter fest und folge mir!«, sagte er, wobei er seine Stimme dämpfte.

Peter stabilisierte unterdessen das schwankende Boot, indem er sich mit seiner Linken an der Bordwand des Schoners abstützte. Gert nahm die ersten Stufen der Leiter in Angriff, während sein Freund das Boot festmachte. Erst danach folgte er seinem Freund. Im Schatten der Bordwand kletterten sie schnell, aber leise nach oben. In Höhe der Reling schob Gert vorsichtig seinen Kopf ein kleines Stück darüber hinaus und spähte übers Deck. Ah, kein Mensch ist zu sehen. Das ist gut, stellte er für sich fest. Er sprang behände an Deck, und kurz darauf folgte ihm auch Peter. Als sie nebeneinander standen, warf Gert seinem Freund einen triumphierenden Blick zu.

»Komm, niemand sieht uns!«, sagte er.

Sie liefen los und erreichten schon bald eine offen stehende Tür zu einem Niedergang.

»So – was nun?«, fragte Peter ratlos.

Doch Gert war voll in seinem Element. Ihn hatte wieder einmal das Abenteuerfieber gepackt.

»Da hinein!«, stieß er hervor und trat zur Tür.

*

Peter hielt sich dicht hinter seinem Freund. Ein herrlicher Duft traf ihre Nasen.

»Hier riecht es aber gut …«, murmelte Peter erfreut.

Sie eilten einige Stufen hinab und sahen sich unverhofft in der Kombüse wieder, der Schiffsküche. Peter strich sich über den Bauch, und in seinen Augen leuchtete es auf.

»Hm… Hier gibt’s was zu essen …«, kam es stockend über seine Lippen.

Er bemerkte ein offenes Glas auf einem Tisch und nahm es hoch.

»Oh! Meine Lieblingsmarmelade!«, stieß er begeistert hervor und tauchte seinen Zeigefinger ein.

Gert verdrehte gereizt die Augen.

»Ja, ja. Aber Stones werden wir hier nicht finden«, erinnerte er seinen Freund an den eigentlichen Grund ihrer Anwesenheit.

Peter probierte von der Marmelade.

»Och – mir ist’s egal«, erwiderte er genüsslich schleckend.

Dabei machte er eine ungeschickte Bewegung und warf einen Korb voller Eier auf den Boden. Mit einem satten Geräusch zerplatzten viele auf den Planken. Erschrocken starrte Peter auf das Malheur.

»Oh – weh!«, entfuhr es ihm.

Plötzlich legte Gert eine Hand auf Peters Brust.

»Still, ich höre jemanden kommen!«, raunte er.

Sein gehetzter Blick entdeckte ein Versteck.

»Los, hier unter die Treppe!«, trieb Gert seinen Freund an.

Durch den Lärm aufmerksam geworden, erschien der Koch. Seine hohe Mütze warf einen Schatten an die Wand an der Treppe.

»Was geht hier vor?!«, rief er.

Dann fiel sein Blick auf die aufgeplatzten Eier am Boden, und er verharrte mit einem Fuß auf der untersten Stufe der Treppe.

»Da soll doch gleich … Meine schönen Eier! Das war sicher wieder die Katze des Kapitäns«, schimpfte er.

Der erboste Koch machte einen weiteren Schritt in die Kombüse und trat ungeschickt auf. Sein Standbein verlor den Halt in der Pfütze am Boden, woraufhin der Mann mit wild rudernden Armen stürzte. Dabei stieß er gegen den Tisch, sodass gleich mehrere Behälter umkippten und nun auch noch ihr Inhalt aufs Deck floss.

»Halt – ich rutsche! Ach! O Gott!«, rief der Koch aus.

Mit einem lauten Plumps setzte er sich auf den Hosenboden, wobei ihm die hohe Kochmütze über die Augen rutschte. Die beiden Jungen konnten sich bei diesem Anblick das Lachen nicht verkneifen. Doch damit verrieten sie ihre Anwesenheit. Der Koch schob seine Mütze wieder zurück auf den Kopf und stemmte sich unerwartet schnell an der Wand in die Höhe. Er sah Gert, der als Erster die Flucht über die Treppe antrat.

»Teufel, was wollt ihr? Na, wartet!«, rief der Koch.

Seine erste Überraschung beim Anblick der beiden Eindringlinge verflog schnell und machte einer wilden Wut Platz. Blitzschnell flüchteten die Jungens hinauf aufs Deck.

»Halt, Diebe! Räuber!«, brüllte der Koch aus der Kombüse und alarmierte so die restliche Besatzung.

Gert übernahm an Deck wieder die Führung.

»Peter, da entlang!«, rief er.

Während die Jungs an der Reling entlangrannten, tauchte der wütende Koch an Deck auf. Er schwang eine Bratpfanne als Waffe und setzte den Eindringlingen nach.

»Jetzt habe ich euch, Burschen«, rief er.

Vor den Jungen wurde eine offene Luke sichtbar. Sie kam den Flüchtenden gerade recht. Mit einem gewagten Sprung landeten sie im Warenlager auf prall gefüllten Säcken. Gert raffte sich schneller wieder auf und zog seinen keuchenden Freund in die Höhe.

»Los, Peter, vorwärts!«, trieb er ihn an.

Sie suchten sich ihren Weg zu einem Aufgang.

»Dort die Treppe hinauf!«, rief Gert.

Doch dem rundlichen Peter lief bereits der Schweiß übers Gesicht, und seine Atmung ging schwer.

»Nicht so schnell, Gert, ich kann nicht mehr«, flehte er.

Doch mehr als ein mahnender Blick seines Freundes war nicht drin. Also folgte Peter ihm die Stufen hinauf.

»Ohje, ohje«, jammerte er dabei.

*

Der Koch und zwei inzwischen herbeigeeilte Matrosen sahen eben durch die Luke noch Peter und Gert verschwinden.

»Laufen wir zur Vorderluke – rasch! Dort kriegen wir sie«, rief der Koch.

Er rannte los, schwang weiterhin die Pfanne und schimpfte ohne Unterlass.

»Diese Halunken! Meine schönen Eier!«, brach es aus ihm heraus.

*

Unterdessen erreichten Gert und Peter wieder die Oberwelt, als sie plötzlich und unerwartet vor Stones standen. Mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen und Mund starrten die Jungen den Mann mit der Narbe an.

»Stopp! Keinen Schritt weiter!«, fauchte Stones.

Das ist doch der verdammte Gert, fuhr es ihm durch den Kopf. Auch Stones kämpfte mit den Folgen der unerwarteten Begegnung.

»Achtung, Peter. Das ist Herr Stones!«, warnte Gert seinen Freund.

Gleichzeitig näherten sich der Koch und die zwei Matrosen.

»Herr Stones, haltet sie!«, rief der Mann mit der hohen Mütze.

Der hatte mittlerweile seine Fassung wiedergefunden und starrte die Jungs grimmig an.

»Was habt ihr auf meinem Schiff zu suchen?«, wollte er wissen.

Die Jungs wurden von der Besatzung eingekreist. An Flucht war so nicht mehr zu denken.

»Die ›Santa Maria‹ ist Ihr Schiff?«, entfuhr es dem ungläubig staunenden Gert.

»Allerdings! Aber …«, setzte Stones zu einer Antwort an.

»Sie haben meine Eier zerschlagen, Herr Stones! Sie haben gestohlen …«, unterbrach ihn der aufgebrachte Koch.

Stones musterte die beiden Jungen, und dann blitzte ein hartes Grinsen in seinem Gesicht auf. Er wandte sich an den Koch und die anderen Matrosen.

»So, so! Das scheinen ja nette Burschen zu sein. Gebt ihnen eine Tracht Prügel, und dann jagt sie von Bord«, befahl er.

Gert musste ihr Scheitern einsehen. Zu dumm, dachte er, unser Plan ist vereitelt. Mit drohender Miene schaute Stones die eingeschüchterten Jungen an.

»Dass ihr euch ja nicht wieder hier sehen lasst – sonst Gnade euch Gott!«, warnte er sie eindringlich.

Damit wandte er sich ab und eilte umgehend in die Kajüte des Kapitäns, seines Freundes Stürmer.

*

»Nun? Was gibt’s?«, erkundigte der sich, als sein Kumpan eintrat.

Stones schloss sorgfältig die Tür und schaute den Kapitän mit besorgtem Ausdruck in den Augen an.

»Nichts Gutes! Der Bengel, der Gert, hat sich auf dieses Schiff geschlichen«, antwortete er.

Stürmer erhob sich von seinem Stuhl und forschte verwundert im Gesicht seines Kumpans.

»Ah – sollte er auf eigene Faust hinter den Plänen der Schatzinsel her sein?«, äußerte er seine Bedenken.

Stones plagten ähnliche Zweifel.

»Wahrscheinlich! Wir werden zwar mit den Kindern leicht fertig, aber trotzdem ist Vorsicht geboten«, ging er darauf ein.

Stones krauste die Stirn und schaute Stürmer fest in die Augen.

»Hast du die Pläne sicher verwahrt?«, fragte er.

Der nickte aus tiefster Überzeugung.

»Ja, keine Maus wird sie finden. Dort in der alten Rumflasche, die ich einfach auf dem Sims stehen habe, vermutet sie keiner«, erwiderte der Kapitän und deutete darauf.

»Vortrefflich. Darauf wollen wir einen Schluck Rum nehmen«, zeigte Stones sich sehr zufrieden.

*

Auf Deck sollte gerade die Bestrafung beginnen, als einer der Matrosen plötzlich innehielt. Sein prüfender Blick war an Peters Gesicht hängen geblieben.

»Du? Bist du nicht der Neffe des Hafenmeisters? Ich habe dich doch mit ihm schon öfter gesehen!«, stieß er hervor.

Peter erkannte ihre Chance und reagierte gedankenschnell.

»Ja, und das ist mein Freund Gert«, beeilte er sich zu versichern.

Da packte ihn der Matrose mit seinen schwieligen Fäusten am Kragen und zog den erschrockenen Jungen mit einem harten Ruck zu sich heran.

»Na, dann trollt euch! Ich will’s deinem Onkel nicht antun, seinen Neffen durchzuprügeln. Runter von Bord – aber schnell!«, fuhr er Peter an.

*

Das musste er den Jungs nicht zweimal sagen. Sie eilten über den Steg von Bord und blieben erst in Höhe einiger Ballen wieder stehen. Peter scharrte unruhig mit den Schuhen umher und starrte finster zu Boden.

»Was wird nur mein Onkel sagen, wenn er sein Boot nicht findet?«, plagten Gert ganz eigene Probleme.

Stumm setzten die Jungs sich in Bewegung, beide mit ihren jeweiligen Sorgen beschäftigt. So kam es, dass Gert zu spät den Mann an der Ecke eines Lagerschuppens bemerkte.

»Oh Gott. Da steht mein Onkel!«, stellte er überrascht fest.

Sein Freund starrte den Mann erschrocken an und machte keinen einzigen weiteren Schritt.

»Vielleicht gibt’s jetzt ’ne Tracht Prügel«, kam es heiser über seine Lippen.

Nur wenige Augenblicke später nahm dieser die beiden Jungs halb ärgerlich, halb lächelnd in Empfang.

»He, Gert und Peter. Kommt doch einmal näher! Wo habt ihr denn mein Boot gelassen?«, fragte er.

Die Jungs drucksten herum. Keiner wollte sagen, was passiert war. Doch Gerts Onkel wurde sehr wütend wegen ihrer Verstocktheit und bestand auf einer Antwort.

»Komm, mein Bürschchen. Hab ich dich endlich erwischt und deinen sauberen Freund dazu! Wo habt ihr mein Boot?«, fragte er nochmals.

Gert sah ein, dass er Farbe bekennen musste.

»Es liegt an der ›Santa Maria‹«, gestand er.

Sein Onkel hob verwundert die Augenbrauen an. Er verschränkte die Arme auf dem Rücken und musterte seinen Neffen eindringlich.

»An der ›Santa Maria‹? Was habt ihr auf diesem Schiff zu suchen?«, hakte er nach.

Nachdem der erste Widerstand überwunden war, fiel Gert das Sprechen deutlich leichter.

»Sei nicht böse, Onkel, aber lass dir erklären«, sagte er.

Die Miene des Erwachsenen entspannte sich zusehends. Der Onkel zog schließlich einen Tabaksbeutel aus seiner Tasche und stopfte gemächlich seine Pfeife. Selbst Peter erkannte, dass er sich jetzt nicht mehr allzu sehr fürchten musste.

»Na, dann erzähl mal. Ich will dabei eine Pfeife Tobak rauchen«, drängte der Onkel seinen Neffen.

Während er kleine Tabakwolken in den Himmel blies, schilderten Gert und Peter abwechselnd ihre Abenteuer. Schließlich waren sie fertig und warteten gespannt auf die Reaktion des Onkels. Der nahm die langstielige Pfeife aus dem Mund und schüttelte dabei ungläubig mit dem Kopf.

»Donner und Doria! Eine richtige Piratengeschichte – und das in unserem Hafen!«, brach es dann aus ihm heraus.

Gert fiel noch etwas ein.

»Und Kaufmann Hansen, dem die Pläne gehören, wollte die Polizei benachrichtigen, damit die Herrn Stones sucht. Der wird sicher versuchen, damit in See zu stechen, um die Schätze zu holen«, ergänzte er.

Die anfängliche Wut des Onkels war verflogen. Er schaute von Peter zu Gert und legte dann seinem Neffen die Rechte auf die Schulter.

»Ihr hättet nicht auf eigene Faust handeln sollen, sondern zur Polizei gehen müssen«, redete er ihm ins Gewissen.

»Was sollen wir jetzt machen?«, wollte Gert wissen.

Es widerstrebte ihm, dass Stones möglicherweise aus Lübeck entkommen konnte und die Pläne mit sich nahm.

Sein Onkel kniff nachdenklich die Lider zusammen, zog dabei an seiner Pfeife. Schließlich fasste er einen Entschluss.

»Wartet mal. Peters Onkel ist doch Hafenmeister. Er soll in seinem Buch nachsehen«, setzte er an, um dann kurz ins Grübeln zu verfallen.

»Hm. Die ›Santa Maria‹ fährt unter Kapitän Stürmer und sticht noch heute in See. Stürmer hat keinen guten Ruf. Man munkelt da so allerlei, ohne ihm allerdings etwas beweisen zu können – Hm!«, sprach er weiter, aber offensichtlich mehr zu sich selbst.

Gert und Peter zappelten nervös von einem Fuß auf den anderen. Der Onkel dachte noch eine Weile nach, bevor er mit den Jungs zum Hafenmeister ging. Dort mussten sie ihre Geschichte nochmals haarklein berichten, bis auch Peters Onkel umfassend eingeweiht war. Der rieb sich verwundert das Kinn, wobei die Feder an seinem Hut leicht wippte. Ähnlich wie zuvor Gerts Onkel durchdachte der Hafenmeister die Lage, bevor ein hartes Funkeln in seine Augen trat. Er wandte sich an die beiden Jungen.

»Habt ihr nach eurem Abenteuer noch Mut? – Ja? – Dann passt auf, was wir jetzt tun«, holte er sich ihre Zustimmung ein.

*

Zur gleichen Zeit stand Kapitän Stürmer auf dem Deck der ›Santa Maria‹ und winkte einen der Matrosen zu sich heran. »He, Treyser!«, rief er.

Als der Matrose am Achterkastell erschien, reichte der Kapitän ihm einen Schlüssel hinunter.

»Treyser. Da ist der Schlüssel zu meiner Kajüte. Mach sie klar Schiff, und nimm dir noch einen Jungen dazu«, befahl er.

»Jawoll!«, gab der Matrose gehorsam zurück.

Dann suchte Treyser sich einen der Schiffsjungen, ging mit ihm zur Kapitänskajüte und drückte ihm den Schlüssel in die Hand.

»So, mein Lieber. Jetzt bringst du die Kajüte des Kapitäns auf Hochglanz. Aber dalli, sage ich dir, sonst …«, erteilte er seine Anweisung, nicht ohne den Schiffsjungen ordentlich einzuschüchtern.

Dann wandte Treyser sich ab und verließ die Kajüte, in der sich der Schiffsjunge bereits an die Arbeit gemacht hatte.

»Ich warte draußen. In einer Viertelstunde komme ich nachsehen … und vergiss nicht, anständig Staub zu wischen«, setzte der Matrose hinzu.

Während Treyser sich faul auf Deck von der Sonne bescheinen ließ, arbeitete der Schiffsjunge im Schweiße seines Angesichts aus Angst vor Strafe. Zuerst ließ er einen Besen tanzen, dann nahm er ein Staubtuch zur Hand. Jedes Brett mit all seinen Verstrebungen wischte er sorgsam ab, um ja kein einziges Staubkorn zu übersehen. Dabei fiel sein Blick auf den Sims. Er schnappte sich den Abfalleimer.

»Was sollen die vielen leeren Flaschen? – Weg damit!«, entschied er und warf sie in den Eimer.

Da der Schiffsjunge am Gewicht der Rumflasche mit den Plänen erkannte, dass sie ebenfalls leer war, wanderte sie zu den anderen Flaschen. Gerade als er weitermachen wollte, tauchte plötzlich Treyser in der Tür auf. Sein zorniger Blick erfasste den Jungen, der den Matrosen ängstlich anstarrte. Dann bemerkte er den Abfalleimer mit den leeren Flaschen. Na, der Kapitän scheint einen guten Tropfen zu schätzen, ging es Treyser bei dem Anblick durch den Kopf.

»Los, wirf den Abfall über Bord, oder soll ich dir Beine machen?«, fuhr er den Schiffsjungen an.

Eilig sauste der los, um den Befehl auszuführen. So entging ihm, wie der Matrose sich an den Rumvorräten des Kapitäns ungeniert bediente. Treyser wischte sich über die Lippen und lobte innerlich den Geschmack Stürmers. Ah, ein besonders guter Stoff, den der Alte trinkt – schmeckt mir auch, dachte er zufrieden. Ohne dass er oder der Schiffsjunge es auch nur ahnten, fiel auch die Flasche mit den wertvollen Plänen ins Hafenbecken.

Kurze Zeit später gab Treyser den Schlüssel an Stürmer zurück.

»Herr Kapitän, melde, Kajüte klar! Hier ist Ihr Schlüssel«, sagte er.

»Danke«, erwiderte Stürmer gewohnt knapp.

Dann wurde seine Aufmerksamkeit auf eintreffende Besucher auf dem Deck gelenkt. Verwundert krauste Stürmer seine Stirn.

Nanu, was will der Hafenmeister mit den beiden Bengels an Bord?, fragte er sich.

»Guten Tag, Herr Kapitän«, grüßte Peters Onkel förmlich.

Die beiden Männer schüttelten sich die Hand.

»Guten Tag, Herr Hafenmeister! Was verschafft mir die unverhoffte Ehre? Ist etwas mit den Schiffspapieren nicht in Ordnung?«, fragte der Kapitän verwundert.

Doch der Hafenmeister schüttelte nur den Kopf und lachte Stürmer unbefangen ins Gesicht.

»Oh, keineswegs! Deswegen komme ich nicht, aber …«, setzte er an.

Er deutete anklagend auf die beiden Jungen, die sich anstrengten, ein betroffenes Gesicht zu zeigen.

»Seht euch diese beiden Schlingel an – mein ungeratener Neffe Peter und da sein Freund Gert«, sprach der Hafenmeister weiter.

Stürmer ahnte nichts Gutes, denn er hatte wegen der gestohlenen Papiere ein schlechtes Gewissen.

»Ja und?«, reagierte er gereizt.

Doch der Hafenmeister blieb weiterhin herzlich und schien das Unbehagen des Kapitäns überhaupt nicht zu bemerken.

»Die beiden haben das Boot eines Freundes benutzt, um sich heimlich an Bord eines Schiffes zu stehlen – bloß, um sich’s mal von innen anzugucken«, erklärte er.

Der Hafenmeister deutete auf Stürmer und lachte erneut laut auf. »Und dabei sind sie gerade auf das Eure gekommen«, sagte er.

Mit dem Daumen zeigte Peters Onkel in die Richtung der Jungen, die mit gesenkten Köpfen seinen Auftritt verfolgten.

»Ich bitte also um Entschuldigung für die Buben. Eine ordentliche Tracht Prügel bekommen sie schon noch. Aber ich möchte Euch bitten, mir das Boot wiederzugeben«, kam der Hafenmeister zum eigentlichen Grund des Besuchs auf dem Schoner.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺415,90

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
177 s. 13 illüstrasyon
ISBN:
9783863051624
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar