Kitabı oku: «Einschnitte»
Harald Rosenløw Eeg
Einschnitte
Saga
1. Kapitel
Alles war ganz still.
Das Einzige, was wir hören konnten, war der Frost. Wir saßen im Kreis, die Köpfe gesenkt. Versuchten den Blick auf die Finger, im Schoß gefaltet, zu konzentrieren. Die Kerzenflamme flackerte in einem schwachen Luftzug und unsere Schatten tanzten gespensterhaft an den Wänden. Wir saßen auf einem Eisblock und jeder atmete die Luft der anderen ein. Keiner konnte sich rühren. Ich fühlte, wie mir der Schweiß den Rücken hinunterlief, obwohl die Luft kalt wie ein Spiegel war.
Wir waren verwirrte Magneten in einer Eisenhöhle und wussten, dass es fürchterlich wehtun würde.
Wir saßen in der Eishockeybude, der kleinen Baracke, in der wir uns aufwärmten, wenn es draußen auf dem Eis zu kalt wurde. Das Dach senkte sich jeden Tag ein wenig mehr, die Fenster waren ganz grün vom Schwitzen und die Türen klammerten sich mit rostigen Scharnieren fest. Wir saßen um eine kleine Kerze, die den vierten Sonntag im Advent überlebt hatte, und warteten darauf, dass jemand den Mut haben würde. Es hieß jetzt ... oder erst nächstes Jahr. Wir wussten, wenn einer es tat, mussten es alle tun. Der Frosthauch aus unseren Mündern vermischte sich mit dem Ruß der Flamme, die sich streckte und jedes Mal, wenn ein Luftzug die Bude durchfuhr, eine Rauchwolke losschickte.
Ich war matt und durchgefroren. Ich fummelte am Reißverschluss herum und ließ die anderen glauben, dass ich anfangen wollte. Aber ich wartete. Jede Minute war wie eine Stunde. Jede Stunde wie ein Jahr.
Und natürlich war es Roger, der anfing. Ein kleines Aufblitzen in der blauen, wattierten Weste und er saß mit einem Schlittschuh in der Hand da. Die Kerze flackerte und ich hoffte fast, sie würde ausgehen, denn wir hatten keine Streichhölzer mehr. Mitten im Kreis lag eine Colaflasche. Roger wog den Schlittschuh in seiner Hand und schaute durch uns alle hindurch. Arnor verkroch sich in seiner Head-Jacke. Sein Stirnband rutschte ihm über die Augen. Jarle starrte Roger an.
„Nun ist es also so weit“, sagte Roger.
Ich glaube, wir alle schlossen die Augen, als er mit der Schlittschuhkufe auf das Glas hieb. Ein Klirren stach in die Ohren. Die Colaflasche lag in mehrere Scherben zerbrochen vor Roger. Arnor hielt sich die Wange, die Augen weit aufgerissen. Es sah aus, als wollten ihm die Pupillen auslaufen. Jarle hob eine große Glasscherbe auf.
„Bitte schön, Blutsbrüder“, sagte er und deutete auf die zerbrochene Flasche. „Es wird langsam spät.“
Und da saßen wir. In der Eishockeybude. Direkt hinter Gressbanen. In Tønsbergs kältester Aufwärmhalle, an einem der letzten richtigen Wintertage. Jeder mit einer Glasscherbe in der Hand. Scharf, dreieckig und bleischwer. Am Rand meines Stücks sah ich ein paar Kringel von der Schrift. Wir wollten Blutsbrüder werden.
Es würde wehtun. Wir wollten uns jeder mit seiner Glasscherbe in die Hand schneiden und dabei auf ein gefrorenes Stück Schokolade beißen. Dann wollten wir alle unsere Wunden aneinander reiben, damit das Blut sich mische. Und so wären wir Blutsbrüder. Jarle hatte uns versichert, dass wir keine Narben bekommen würden.
„Man muss nur anfangen“, sagte Roger. Seine Hand sah fast blau aus und er konnte nicht ganz verbergen, dass sein Kinn zitterte, während er sprach.
Arnors Zähne klapperten und die eine Hand schien an seinem Gesicht festgeklebt zu sein. Roger atmete schwer aus und sogar die Kerze flackerte nicht mehr, als er langsam die Glasscherbe auf seine Handfläche drückte. Er hielt einen Moment lang inne.
„Die Schokolade.“
Er nahm zwei Rippen und schob sie zwischen die Kiefer. Dann richtete er sich ein wenig auf und drückte die Scherbe in seine Hand. Sein Gesicht zog sich zusammen. Der blonde Pony fiel ihm in die Stirn. Ich hielt meine Glasscherbe krampfhaft fest und wollte sie um nichts in der Welt loslassen. Wir warteten. Ich schaute Roger an.
„Ich krieg’s nicht hin“, sagte Roger und lehnte sich zurück.
Alle sahen ihn an.
„Es ist einfach zu kalt. Ich schaff es nicht.“
„Wer soll’s dann machen?“, fragte Arnor fast erleichtert.
„Vielleicht der Älteste“, sagte Roger. Grinste dabei in die Ecke, in der Ole Henrik ganz still gesessen hatte.
Ich sah nur Schatten auf seinem Gesicht. Konnte das Eis draußen zwischen den Banden springen hören. Er war mein Bruder. Er war zwei Jahre älter als Roger, Arnor und ich.
Ole Henrik beugte sich steif vor. Er lächelte, als hätte er es die ganze Zeit gewusst. Immer war er es, der alles in Ordnung brachte. Er schob sich zwei Schokoladenstücke zwischen die Zähne, schloss den Mund und legte das Glasstück an seinen Handrücken. Es war eine viel kleinere Scherbe und es sah aus, als wollte er versuchen an seiner Hand zu schnitzen. Er kniff die Augen zusammen und murmelte etwas, die Zunge schlug gegen den Gaumen. Seine Finger krümmten sich um das Glasstück. Der Blick wurde flach und die Augen zogen sich nach oben wie bei einem Chinesen, der Kiefer arbeitete sich durch den Kopf und ich konnte es in seinem Nacken knirschen hören.
Wir hörten ein Knacken. Ein merkwürdig trockener Laut, als ob wir über gefrorene Pfützen gingen und das Eis nicht hielt. Der Ärmel von Ole Henriks Thermojacke war hochgeschoben und ein langer Schnitt lief gezackt den Unterarm hinauf. Ein kleines Stück des Arms war geöffnet wie mit einem Dosenöffner. Brennende Eishockeyhandschuhe schlossen sich um meinen Magen. Ole Henrik sah auf seinen Arm hinunter. Er sagte nichts. Schaute wieder auf. Sein Blick versuchte zu mir hinüberzugleiten, er war glänzend wie zwei Fünfer und schwer wie Gewitterwolken. Die Haare fielen ihm wie zerfetztes Dunkel ins Gesicht. Ich hatte ihn nie so gesehen, so klein, allein und sprachlos. Der Donner rollte und die Wangen brannten. Es gelang ihm nicht mehr, den Blick von seinem Arm abzuwenden. Ole Henrik kippte langsam auf die Seite. Roger mühte sich ab ihn aufrecht zu halten. Arnor saß bewegungslos da, die Augen weit aufgerissen. Ole Henriks Hand war eine weiße Klaue, die sich um die Glasscherbe schloss. Mir war kalt, ich hatte Angst und begriff gar nichts.
„Verdammter Scheiß, verdammter Scheiß, verdammter Scheiß“, flüsterte Jarle leiser als das Glaubensbekenntnis.
Da öffnete Ole Henrik den Mund und die Baracke begann zu schmelzen. Ruß fiel die Wände hinab, das Dach sank um zwanzig Zentimeter.
„Scheiße“, sagte Roger und das war das erste Mal, dass ich ihn fluchen hörte.
Der Skispringer stolperte am Absprungkopf und ich spürte, wie jeder Würstchenbiss mir ganz oben im Hals feststeckte. Ich hielt mir die Augen zu. Ole Henriks Mund war voller Blut. Es sah aus, als hätte er versucht eine Flasche Ketschup zu essen ohne den Deckel abzuschrauben. Ein winziges Stück seiner Zunge, ganz am Rand, hing schaukelnd herunter. Ole Henrik starrte uns an, Groschen begannen aus seinen Augen zu tropfen.
„Guck nicht runter“, sagte Roger. Ole Henrik fing an zu husten. Dicke, rote Tropfen klatschten auf den Boden. Er hielt sich den Bauch. Jemand versuchte aus der Baracke rauszukommen. Ole Henrik hustete wieder und Klumpen und Schleim liefen ihm aus dem Mund. Die Zungenspitze klebte an seinem Kinn. „Keine Panik, das ist nur die Schokolade!“, schrie Roger und deutete auf den Blutmatsch.
„Schokolade?“, fragte Arnor. Ich glaube, er war es, der versuchte rauszukommen.
„Er hat sich in die Zunge gebissen“, sagte Roger.
Überall war Blut. An den Wänden, an denen Ole Henrik sich abgestützt hatte. Auf seiner Jacke. Auf der Kerze.
„Wir müssen ihn rausbringen“, sagte Roger endlich. Er packte Ole Henrik an den Schultern und schob die Tür auf. Eine Blase frischer Luft drang herein und verhinderte, dass ich mich übergab. Ole Henrik schüttelte den Kopf.
„Wir müssen dir raushelfen“, sagte Roger, „du hast dir ’n bisschen auf die Zunge gebissen.“
Ole Henrik sah Roger an und ging hinaus.
Roger hielt Ole Henrik fest, während Jarle und ich Schnee auf die Flecken schaufelten, der immer wieder von neuen Blutstropfen bedeckt wurde. Ich hörte Arnor auf der anderen Seite der Baracke eklig husten.
„Wir brauchen Hilfe“, sagte Roger.
„Wirklich?“, fragte Jarle.
„Verdammt noch mal, wie kann man nur so viel bluten!“ Roger fluchte wieder.
„Was sollen wir sagen?“, fragte Jarle. Er war auf die ganze Sache mit der Blutsbrüderschaft gekommen, und dass danach nichts mehr wie vorher sein würde, dass wir dann sogar stärker miteinander verbunden wären als normale Brüder.
„Okay“, sagte Roger. „Wir müssen alle die gleiche Geschichte parat haben. Können wir nicht behaupten, er hätte leider ganz fest in die Schokolade gebissen, dabei die Zunge zwischen die Zähne bekommen und sich deshalb mit der Glasscherbe am Arm verletzt?“
„Was sollen wir nur sagen?“, jammerte Jarle. Er wohnte am nächsten und ihm war klar, dass er es war, der Hilfe holen musste.
„’n anderer Vorschlag?“, fragte Roger. Ich hörte, dass Arnor immer noch spuckte. „Okay“, fuhr Roger fort, „er ist gestolpert, als er dein Taschenmesser in der Hand hatte, Jarle. Er wollte es auf keinen Fall im Schnee verlieren und hat versucht es festzuhalten. Dabei hat er sich mit dem Messer in den Arm geschnitten.“
Totenstille.
„Hast du gehört?“, fragte Jarle Ole Henrik. Ole Henrik starrte Jarle an.
„Kein besserer Vorschlag?“, fragte Roger.
„Ob die das schlucken?“ Arnor zweifelte.
Jarle war bereits auf dem Weg zum Haus hinunter.
Sie schluckten es. Jarles Vater, Hausmeister bei der Volksbibliothek, wickelte ein Handtuch um Ole Henriks Arm und presste eins auf seinen Mund. Er setzte sich sofort ins Auto und fuhr ihn zum Notarzt. Von dort rief er Vater und Mutter an.
Mutter umklammerte den Blumenstrauß, den sie für Ole Henrik gekauft hatte. Tränen, groß wie Dornen, rannen ihr über die Wangen. Vater setzte die ganze Zeit seine große, viereckige Brille auf und ab. Er putzte immer wieder die Gläser und sprach leise mit Mutter. Lächelte mir zu. Das kann jedem passieren, meinte er. Ein Unglück ist nun mal ein Unglück.
Und es hatte schlimmer ausgesehen, als es war. Ole Henrik bekam eine Naht mit fünf Stichen in den Arm, seine Zunge wuchs von allein wieder zu. Er hatte eine ganze Menge Blut verloren und musste die Nacht über im Krankenhaus bleiben. Aber ich konnte mir den Blick einfach nicht erklären, den Ole Henrik mir in der Eishockeybude zugeworfen hatte. Ich wusste nur, dass mehr darin war als die Angst vor fünf Stichen. Dass etwas darin war, das niemand von uns verstand. In mir kroch langsam die kalte Gewissheit hoch, dass wir nie Blutsbrüder werden würden.
So fing es an. Ole Henrik ließ die Glasscherbe nie wieder los.
2. Kapitel
Am nächsten Tag ging Mutter noch vor dem Gottesdienst zu Ole Henrik ins Krankenhaus. Und wie immer an diesen Sonntagen, an denen Vater Kirchendiener war, ging ich mit ihm eine Stunde früher als sonst in die Kirche.
„So“, sagte Vater.
Der Schnee begann zu schmelzen. Der Winter war eigentlich schon lange vorbei, das Eis auf dem Hockeyfeld weich und unzuverlässig. Der Schnee wurde gröber, sah eher aus wie Zucker. Ruß und Dreck formten gesprenkelte Muster auf dem Weiß. Die Sonntagsstiefel blieben stecken und an mehreren Stellen auf der Straße konnte man schon einen Flecken Asphalt sehen.
Ein Streichholz fiel zu Boden. Das Echo legte sich schwer auf meine Ohren. Das Echo in der Kirche. Ich schaute über die Stuhlreihen. Das Streichholz war ein schlaksiger Neger, der sich seinen dünnen, rabenschwarzen Nacken auf dem Steinfußboden gebrochen hatte. Der Kopf rollte fort. Vater sammelte den knochigen, toten Körper auf.
„So“, sagte er wieder. „So kannst du alle Kerzen mit einem einzigen Streichholz anzünden.“
Sieben Arme hielten jeweils eine Kerze. Zusammengebunden an den Ellbogen. Vater schlug die Bibel in der Mitte auf und ging um den Altar herum.
„Es hat eine Weile gedauert, bis ich das gelernt hatte“, sagte er. Setzte sich in die vorderste Stuhlreihe, der lange Körper sank zu mir herab. Er lehnte sich zurück. „Dazu war ziemlich viel Übung nötig.“
Er streckte mir zwei schrumplige Finger ins Gesicht.
„Siehst du?“, fragte er. Seine Brille rutschte auf der Nase.
Ich schaute seine Finger an. Die Nägel. Die Gelenke. „Narben“, sagte er. Ich wartete darauf, dass seine Brille weiter hinunterrutschte. Sah zwei kleine Spuren an seinen Fingerspitzen.
„Narben erzählen eine ganze Menge“, sagte er ernsthaft. „Alle Narben haben eine Geschichte. Siehst du meine?“
Ich nickte. Er betrachtete seine Finger.
„Das Streichholz war immer heruntergebrannt, bevor ich alle Kerzen angezündet hatte. Aber ich gab nicht auf. Oft schaffte ich es fast. Aber nur fast – das Streichholz brannte nach der sechsten Kerze ab und ich verbrannte mir die Fingerspitzen. Alles eine Frage der Technik. Der Kontrolle. Der richtigen Bewegungen.“
Er zündete in der Luft eine Kerze an mit Gesten wie ein mittelmäßiger Zauberer.
„Ich habe es einmal mit längeren Streichhölzern versucht. Mit einer anderen Sorte. Mit blauen Köpfen. Aber das war nicht erlaubt. Vater, also dein Großvater, hat mich getadelt. Nur die gewöhnlichen Nittedals-Hjelpe-Streichhölzer zählten.“
Er legte eine Streichholzschachtel zwischen uns. Eine ganz gewöhnliche Streichholzschachtel mit einem großen, dunklen Baum vor einem Sonnenuntergang darauf.
„Erst vor kurzer Zeit habe ich die Narben entdeckt. Ich habe mich ja damals oft verbrannt, habe aber nie darüber nachgedacht – bis vor kurzem, als ich mir morgens die Nägel schnitt. Die Narben waren immer da, aber ich habe sie nicht gesehen.“
„Hast du noch mehr Narben?“, fragte ich.
Er überlegte eine Weile.
„Nicht, dass ich wüsste“, antwortete er.
„Waren Großvater und du so wie wir jetzt in der Kirche?“, fragte ich.
„Ja, weißt du, ich hatte ja nur Schwestern, die sind dann mit meiner Mutter, mit Großmutter, gekommen, wenn der Gottesdienst anfing.“
„Und was ist mit Blutsbrüdern?“, fragte ich.
„Was?“, hakte Vater nach, das Gesicht auf eine Wand gerichtet.
„Ach, nichts“, sagte ich.
Vater lächelte und hängte einige Schildchen mit Zahlen untereinander an kleine Nägel in der gemauerten Wand. Große Schildchen für die Liednummern und kleine für die Strophen. Er verteilte die Gesangbücher und zündete die übrigen Kerzen an, lächelte freundlich und ordnete alles.
„Ole Henrik hat reichlich geblutet“, sagte ich leise.
Vater stapelte ein paar Stühle.
„Die sind unglaublich tüchtig in solchen Krankenhäusern“, sagte Vater. Er war zu spät gekommen, hatte all das Blut nicht gesehen. „Dein Bruder ist ein zäher Bursche. Er schafft es immer.“
Vater blieb stehen und schaute mich durch die dicken Brillengläser an.
„Das muss ziemlich wehgetan haben“, sagte ich und dachte an den glänzenden Blick, den Ole Henrik mir zugeworfen hatte. Ich sah den hölzernen Jesus an ein Kreuz genagelt über dem Altar hängen. Die Arme zur Seite ausgestreckt. Blut an den Händen. Die Dornenkrone wie ein gezacktes Stirnband um den Kopf. Schwarze Haare im Gesicht.
„Ein Unglück kann jedem zustoßen“, sagte Vater.
Ich hielt mich an den geflochtenen Kirchenstühlen fest. Die Stühle knarrten, wenn man sich bewegte. Langsam kamen die Leute herein. Mutter schlich sich zu mir heran und erzählte, dass Ole Henrik noch erschöpft, aber in guter Verfassung sei. Sie trug diesen riesigen Schal mit großen, grünen Blumen. Setzte sich weit hinten hin. Alles knarrte. Das Altersheim war geleert worden und die Kirche raffte das Leben an sich. Wir, die zur christlichen Sonntagsschule gehen sollten, wippten die Minuten, die wir beim Gottesdienst dabei waren, auf den Stühlen der ersten Reihe. Bereit in den Keller hinunterzustiefeln, wenn die Pfarrersfrau das Signal gab. Ich fühlte einen Ast auf der Schulter. Die spröde Hand des Alten in der Stuhlreihe hinter mir hatte sich aus dem Mantel geschoben und schlug auf meiner Schulter Wurzeln. Ein Hörapparat baumelte an seinem Ohr. Wie ein riesiger, batteriebetriebener Ohrring.
„Du wirst mal so groß wie dein Vater, mein Junge“, platzte es aus seinem Mund. Zwei andere Alte in der zweiten Reihe schliefen. „Ich habe erst nach der Konfirmation angefangen zu wachsen.“
Pfarrer Arne hieß uns willkommen. Der Kirchengesang wälzte sich mit zwei Tonnen Echo unter den Stühlen entlang. Ein Echo, das einen brechenden dünnen Negerhals, das herunterfallende Notenheft des Organisten und die leisen Worte ins Ohr des Nebenmannes auffing. Bevor die Predigt anfing, liefen wir an Frau Arnes Rockzipfel unter dem Schild „Wir gehen in die Sonntagsschule“ hinaus.
Im Keller zeichneten wir Brot und Fisch, Kain und Abel. Kain schlug Abel tot, Esau band sich Fell um die Arme, Jesus beruhigte den Sturm und ich ging in die Fünfte und sang wohl die letzte Strophe. Wir blätterten in den Heften, schielten ein bisschen zum Nachbarn und schaukelten eine halbe Stunde lang mit den Beinen. Die Sonntagsschulkarten wurden ausgeteilt. In diesem Jahr zeigten sie einen Baum, der mit Äpfeln gefüllt werden sollte, im letzten Jahr war es ein Netz gewesen, das mit Fischen gefüllt werden musste. Frau Arne klebte kleine Äpfel in unsere Bäume. Ein Apfel für jedes Erscheinen. Bei jedem fünften Apfel durften wir uns ein Kärtchen aussuchen. Ein Kärtchen mit einem Bild von Jesus mit Ring über dem Kopf, Sternen in den Augen und Lämmern im Arm, von Jesus beim Mittagessen mit den Jüngern oder von brennenden Johannisbeersträuchern. Es gab schöne Jesusse in bunten Farben. Sie sahen fast ein bisschen weibisch aus. Ich suchte mir an diesem Sonntag einen Jesus aus, der mit seinem Stab an eine Tür klopfte. Im Hintergrund schneite es dort in Israel – dachte ich, aber Frau Arne war ganz sicher, dass es keine Schneeflocken, sondern Sterne waren.
Wir warteten auf den absoluten Höhepunkt der Sonntagsschule. Wir warteten auf den Abschluss und „Wag zu widerstehn wie Daniel“. Wir sangen uns heiser über Daniel, den mutigen Daniel in der Löwengrube. Daniel war der Mutigste. Zusammen mit seinen Männern. Seinen Brüdern.
Stehe ein für ein heiliges Ziel,
zu Christus dich bekenne!
Steh in der Reihe fest wie Stahl
Und kämpfe wie Daniels Männer.
Wag zu widerstehn wie Daniel,
Hilfe dir vom Himmel kommt,
Setz dich ein für ein heilig Werk,
Sprich drüber, wie sich’s frommt.
Dann war es vorbei und wir taumelten in den Schnee hinaus. Sonntagvormittag. Ein bleischwerer Himmel platzte hinter den Hochhäusern auf. Wir waren durch den Behindertenausgang hinten aus der Kirche gekommen. Und das Unglaubliche geschah. Eine kleine Schneebö war vorbeigeweht, während wir unten in der Sonntagsschule saßen, und die allerletzte Schneeflocke landete nun sanft auf meinem Fausthandschuh, den ich ihr entgegenstreckte.
Der Himmel platzte in der Enggate. Der Schnee war so weiß und frisch, dass er fast ins Bläuliche überging. Wie die Seiten in dem kleinen Einführungsbuch der Sonntagsschule. Glänzend mit hellblauen Linien. Der Schnee bedeckte alles. Ich betrachtete meine Schneeflocke genau. Sah die gespreizten Äste. Genau wie die eines kleinen Baums. Alle Menschen sind verschieden, sagte die Pfarrersfrau immer, genau wie Schneeflocken. Keine Schneeflocke ist wie die andere. Kein Baum ist wie der andere. Die Luft war schwer. Ich hielt die absolut letzte Schneeflocke dieses Winters in der Hand. Es hatte auf das Kruzifix geschneit. Ich dachte an den Jesus auf dem Altar. Mit Blut an den Händen. Ich sah Ole Henrik in der Eishockeybude vor mir. Das Blut auf den Armen. Der Blick.
Wir liefen um die Kirche herum zum Haupteingang um auf unsere Eltern zu warten, die aus dem Gottesdienst kamen. Roger schleppte sich mit Arnors Sonntagsschulbeutel und einem dicken Tuschkasten ab. Ich blieb an der Kirchentreppe stehen.
Die Kirchentür ging auf und die Erwachsenen schoben sich wie eine träge Dachlawine heraus. Die Alten tasteten sich mit ihren Stöcken vor. Kinderwagen holperten die Treppenstufen herunter. Eltern grüßten und nickten sich zu. Pfarrer Arne stand wie ein schlechtes Beispiel im Türrahmen. Er gab allen die Hand. Schüttelte die alten Hände und tätschelte die jungen. Vater schlich sich mit einer Schaufel in der Hand vorbei. Er schob den Schnee fort, der die vereisten Steinplatten bedeckte. Träger alter Hüte und schlechter Hörapparate musterten Vater misstrauisch, bevor sie sich auf die frisch geräumten Wege wagten. Er streute nun Sand aus einem roten Eimer. Vater räumte pflichtbewusst auch die letzten Schritte zu einem wartenden Taxi. Ich blieb bei Arnor, seiner Großmutter und seinen Eltern stehen.
„Was habt ihr denn heute gemacht?“, fragte Arnors Mutter.
Arnor war etwas kleiner als ich und hatte immer blasse Haut. Sein Mund stand offen und seine Lippen glänzten. Die Ohren waren groß, abstehend und durchsichtig. Arnor blinzelte nie. Seine Arme waren hinter seinem Rücken verschwunden.
„Lass mal sehen“, sagte Arnors Mutter. Lächelte und zupfte ihn an der Schulter.
„Es ist nichts“, murmelte Arnor und zog die Hand aus dem Leim an seinem Rücken. Die Mutter drehte die weiße Tüte um. Sie erwartete ein Bild von Kindern zu sehen, die unter dem Stichwort „Wir gehen in die Sonntagsschule“ hintereinander herliefen. Arnors Mutter stieß Reifwolken aus der Nase. Sein Vater verbarg ein Lächeln in seinem Schal.
„Was ist das denn?“, fragte Arnors Mutter. Sie zog die andere Hand aus ihrer karierten Tracht hervor und deutete auf die Tüte.
„Das war Roger, der hat das gemacht“, flüsterte Arnor. Mit ein paar Tuschestrichen hatten die beiden Kinder vorn im Bild einen hässlichen Mittelscheitel bekommen, lange Haare an den Armen, Blasen im Schritt und teuflische Masken. „Kiss“ stand mit blitzenden S darunter. Großmutter Kongo starrte Arnor an, fünfzig abtrünnige Zulus im Blick. Unzählige Male hatte sie von dem halben Hundert afrikanischer Eingeborener erzählt, die am selben Tag vom rechten Glauben abgefallen waren. Großvater Kongo hatte früher als Missionar gearbeitet und acht Jahre gebraucht um eine kleine christliche Gemeinde im Missionsgebiet in Zululand zu gründen. An einem Nachmittag war ein alter Medizinmann aufgetaucht. Er hatte fünfzig getaufte Zulumänner überredet ihn auf eine Expedition zu begleiten, um den Geist irgendeines Vorfahren zu suchen. Das muss der Teufel in Menschengestalt gewesen sein, sagte Großmutter Kongo immer.
„Hast du das etwa gelernt?“, fragte Arnors Mutter. Ihre Tracht entfaltete sich in großen Karos.
„Wir haben gelernt, dass Gott alle Schneeflocken geschaffen hat“, antwortete Arnor. Seine Augen waren steingrau. Arnors Vater war damit beschäftigt, eins seiner Kinder zu hindern sich selbst ins Ohr zu beißen.
„Schneeflocken!“, schnaufte die Mutter. „Setz dich nicht wieder zu diesem Jungen.“
Die Familie Kongo, wie Arnor mit Nachnamen hieß, schlug den Heimweg ein. Auch Mutter und ich begannen unseren Aufstieg zum Sonntagsessen. Die Kongos bogen in die Saxildsgate ein.
„Wartet mal!“, rief jemand. Reidar kam in einer weißen Eisscholle neben Mutter und mir angeflogen. Sein Kopf stach aus seinem neuen Citroën hervor. Mutter bekam ein paar Schneeflocken auf die Wimpern. Die Scheibenwischer des Autos schoben die leichte Schneeschicht von der Windschutzscheibe fort.
„Ihr seid so schnell weggegangen“, sagte Reidar zu Mutter. Reidar war im Gemeinderat und wohnte allein in einem riesigen Haus unten in der Bøtgersgate.
„Ja“, sagte Mutter. Bürstete sich eine Schneeflocke vom Rock.
„Ole Henrik?“, quiekte er. „Geht’s ihm gut?“
Die Augen waren groß und weiß wie die Felgen seines Autos. Reidar rieb sich das Kinn und blies beim Ausatmen die Luft in die Wangen.
„Ja“, sagte Mutter. „Wir holen ihn heute Abend ab.“
Reidar schloss die Augen. Atmete auf. Er murmelte etwas vor sich hin. Fuhr sich mit der Hand über die starren Locken.
„Gott sei Dank, Gott sei Dank.“
Er sah Mutter an und ich hätte schwören können, dass in seinem Augenwinkel eine Träne hing.
„Ich wollte dich in vierzehn Tagen übers Wochenende in die Hütte einladen, sozusagen für die letzte Skifahrt in diesem Winter“, sagte Reidar.
Mutter erstarrte.
„Na, ich meine, euch alle zusammen“, fuhr er locker fort.
Mutter überlegte.
„Ich weiß nicht, ob das geht ...“
„Ach, natürlich geht das. Das ist auch gut für Ole Henrik, weißt du.“
Reidar schob den Arm aus dem Autofenster und kratzte Schnee vom Seitenspiegel ab. Vater holte uns ein und stellte sich neben das Auto.
„Ein schöner Gottesdienst war das. Ingrid hat gerade zugesagt, dass ihr in vierzehn Tagen mit in die Hütte kommt“, erklärte Reidar lachend, „die ganze Familie. Für Ole Henrik.“
Vater nickte.
„Ein schöner Gottesdienst“, erwiderte Vater und zog sich zurück.
„Dann ist das also abgemacht“, sagte Reidar. Mutter schien erleichtert. „Wir haben eine Verabredung!“, rief Reidar. Das Fenster glitt hoch und er bog in seine Straße ab.
„Zum Gottesdienst mit dem Auto“, murmelte Vater.
„Warum können wir uns nicht auch ’nen Citroën kaufen?“, warf ich ein.
„Französische Autos rosten“, sagte Vater.
Wir latschten in den Resten von einem Millimeter Neuschnee den Wergelandsvei hinauf. Ich lief etwas voraus. Mutter und Vater gingen eingehakt Arm in Arm. Sonst nie, nur von der Kirche. Vater ging eigentlich mit der Hand in der Tasche, aber so, dass Mutter ihren Arm um seinen legen konnte. So gingen die beiden die Straße hinauf, sie ein wenig zu ihm geneigt, mit nichts anderem in Händen als Vater. Als würde ein Besuch in der Kirche sie an etwas erinnern, was sie einst einander versprochen hatten.
Der Schnee knirschte und ich summte den Schluss von Daniels Männern. Alle Schneeflocken waren verschieden. Sie fielen vom Himmel herab und legten sich weiß auf die ganze Welt. Es schneite unter dem Himmel, als Jesus an die Tür pochte. Da war ich mir ganz sicher.
3. Kapitel
„Hier kommt der Champion!“, schrie Reidar. Er trug einen eng anliegenden Skianzug und hatte Skier mit einer modernen Bindung wie die Skisportler im Fernsehen. Er schoss davon, stieß die Beine wie ein Profi zur Seite aus. Die Sonne brannte und wir stakten in zwei Reihen vorwärts.
„Was für ein Wetter“, sagte Mutter matt.
Vater lief in Kniebundhosen und altmodischer Winterschirmmütze mit langen, langsamen Schritten. Er war fast so schnell wie Reidar, aber es sah aus, als stünde er auf den Skiern still. Mutter lief ruhig. Machte ab und zu eine Pause. Dann drehte Reidar sich um und lief zu ihr zurück. Lief mit ihr zusammen, bis sie Ole Henrik und mich erreicht hatten, die auf sie warteten. So ging es die ganze Zeit. Immer ruckartig in Schüben vorwärts. Nur Vater lief gleichmäßig ohne anzuhalten. Machte ab und zu mal einen Schlenker.
„Es ist gut, dass die Jungs mal ein bisschen Ski laufen können“, sagte Reidar.
„Ja.“ Mutter nickte und schälte eine Apfelsine. Der Saft rann über ihre Finger.
„Ole Henrik kann eine ganze Menge ertragen. Erinnerst du dich noch daran, als er sein Bein in die Speichen kriegte? Er hat überhaupt nicht geweint. Hat ganz still dagesessen, bis wir im Krankenhaus waren“, erinnerte sich Reidar.
Mutter blinzelte in das scharfe Licht. Ihr Mund war ganz schmal, als wünschte sie, dass er gar nicht da wäre.
„Hast du keine Sonnenbrille?“, fragte Reidar mich.
„Nein“, antwortete ich und überlegte, ob er jetzt total übergeschnappt war.
„Wie schade“, sagte er. Mutter sah mich bittend an.
„Los, lasst uns einen Sprunghügel bauen!“, brüllte Reidar.
Wir fanden einen kleinen Abhang. Ole Henrik und ich schnallten unsere Skier ab und bauten zusammen mit Reidar einen guten Absprung. Wir schoben Schnee zusammen und schwitzten in der Wärme. Die Sonne brannte vom Himmel und stach in unseren Augen. Wir aßen einige Schokoladenriegel, tranken Kakao mit Haut und machten mit der Schanze weiter.
Als wir anfangen wollten zu springen, schnallte Vater seine Skier an und verschwand mit elegantem Doppelschub in der Sonne. Er wollte nach Schneehühnern Ausschau halten. Reidar meinte, dass der Lodenstoff von Vaters Hosen sicher wahnsinnig kratze. Schließlich kletterten wir den Hügel hinauf. Fuhren los und landeten. Sprangen und fielen hin. Mutter hatte sich hingesetzt und schaute zu. Klatschte und verteilte Noten. Bat Ole Henrik vorsichtig zu sein. Reidar war in seinem Element. Er stellte alle möglichen Sportler von Jesse Owens bis Karl Schnabel dar. Mutter lachte. Wir fielen auf die Nase. Tauchten mit dem Kopf in den Schnee. Bogen Skistöcke und Beine. Reidar wollte, dass Mutter auch mal sprang. Sie wollte nicht. Reidar kündigte die beste Skispringerin der Welt an, schnallte sich die Skier ab und ging los um sie von der Tribüne zu holen.
„Ich weiß, dass du das kannst, Ingrid“, sagte Reidar und näherte sich ihr mit ausgestreckten Armen.
„Nun hör auf mit dem Quatsch“, erwiderte sie.
„Ich weiß, dass du das kannst“, wiederholte Reidar. Zog Mutter am Arm.
Zuerst wehrte sie sich. Ole Henrik und ich saßen auf dem Absprunghügel und schauten zu. Reidar begann mit Schnee nach ihr zu werfen. Sie warf mit Schnee zurück. Die beiden liefen in der Landegrube herum. Lachten und kämpften miteinander.
„Nun komm schon!“, rief Reidar. Er hatte ein Bein von Mutter zu fassen bekommen, sodass sie nach hinten fiel. Es war ganz still. Reidar beugte sich herab, wir reckten unsere Hälse. Dann hörten wir Mutter ein Kriegsgeheul ausstoßen und Reidar fiel auf die Seite. Es war ein wilder Kampf.
Sie hörten auf. Das Licht ritzte sich in meine Augenlider, sodass ich die Sonne sehen konnte, selbst wenn ich die Augen schloss. Vater stand neben der Landegrube und schaute auf Mutter und Reidar. Sie bürsteten sich den Schnee ab und suchten nach Wolken.
„Keiner soll dich zwingen zu springen“, sagte Reidar leise und ging zu Ole Henrik und mir.
Mutter sagte nichts. Sie holte mehr Schokolade heraus und sah keinen von uns an.
Wir sprangen, bis es im Absprunghügel keine Elastizität und in unseren Beinen keine Federung mehr gab. Dann liefen wir in einer weiten Schleife zur Hütte zurück. Ich hatte Sandpapier unter den Augenlidern.
Mutter sorgte für das Mittagessen. Reidar hackte Holz und inspizierte die Skier. Er hatte seinen Skianzug ausgezogen und trug jetzt eine dicke Thermohose im gleichen Muster.
Ich schlief mit einem abgegriffenen alten Mickymaus-Heft im Schoß auf dem Sofa ein.
Ich wachte auf. Öffnete die Augen. Es knirschte. Ich schlug die Augen noch einmal auf. Und noch einmal. Stand auf und stieß gegen die Hüttenwand. Stieß mit dem Kopf direkt ans Holz. Fiel nach hinten um. Alles war weiß, als hätte ich ein Laken über dem Kopf. Ich fasste mir an die Augen. Sie waren offen und ich war blind. Mutter rief Reidar. Ich konnte nur zwischen weiß und noch weißer unterscheiden. Das Einzige, was mir blieb, waren die Geräusche – und ein Engel kam zu mir. Das Weißeste von allem.
„Er kann nicht gucken“, sagte Ole Henrik.
„Was?“, schrie Mutter auf.
„Er ist schneeblind“, sagte Reidar. Ich spürte ihn neben mir. „Es brennt, aber das geht vorbei.“
Meine Augenlider waren schwer wie Steine und rau wie Sandpapier. Die Farben kamen langsam zurück. Fischklöße wurden zu Frikadellen und der Engel zu Ole Henrik. Reidar schüttelte den Kopf, bekam aber nicht vollkommen seine Farbe zurück.
Ole Henrik und Reidar waren mitten in einem Duell auf Leben und Tod. Sie spielten „Mensch ärgere dich nicht“ und starrten einander tief in die Augen.
„Dieser Junge“, sagte Reidar. Er schüttelte den Kopf, dass ihm die braunen Locken in die Stirn fielen.
Ole Henrik hatte sich die schwarzen Haare nach hinten gekämmt. Seine Stirn war hoch und die Wangen eingefallen. Ole Henrik hatte das Pflaster abgemacht. Auf seinem Arm konnte ich die Narbe von der Eishockeybude sehen. Sie sah aus wie ein roter, gezackter Blitz an einem Himmel aus weißer Haut. Kleine Schorfstücke blubberten an der Oberfläche und die Stiche waren Schatten einer Himmelsleiter.
Ole Henrik saß da, ein Puzzleteil in der Hand. Ich strich mir über die Augenlider.
„Reib nicht“, sagte Reidar freundlich.
„Ein Unglück kann jedem zustoßen“, sagte Vater.
„Dein Bruder, der hat’s im Kopf“, sagte Reidar zu mir.
Ole Henrik schaute auf das Spiel. Draußen hatte der Mond einen Heiligenschein bekommen.
„Tausend Teile“, fuhr Reidar fort und wies auf das Puzzlespiel, das an der Wand hing. „Aus Venedig. Ich habe insgesamt zweimal Osterferien und einmal Winterferien gebraucht um es fertig zu kriegen. Venezia“, sagte er feierlich, wie in Schreibschrift.
„Venedig“, sagte Ole Henrik.
„Venedig, ja.“ Reidar lächelte. Die Buchstaben hingen immer noch zusammen. „Straßen aus Wasser. Die Brücken. – Wollen wir jetzt den Eiffelturm zusammenpuzzeln. Ihr und ich? Ja?“
Er schüttelte Ole Henrik und bekam vor lauter Eifer hektische Flecken im ganzen Gesicht. Ich versuchte dort oben um den Mond herum Vater zu entdecken. Aber sein Kopf stieß gegen ein Gewehr, das unter der Decke hing.
„Eintausendfünfhundert Teile. Ich hab’s hier liegen“, sagte Reidar.
Reidar und Ole Henrik kippten alle Teile auf den Stubentisch und ich hielt mir die Augen zu.
„Wir müssen mit etwas anfangen, was relativ einfach ist, mit dem Turm selbst oder den Touristen davor“, erklärte Reidar. „Dann machen wir den Himmel zum Schluss.“
Er rieb sich die Hände. Ich nahm ein Teil hoch. Es war natürlich weiß. Ole Henrik und Reidar suchten Teile mit dem Turm drauf. Ich betrachtete mein Teilchen vom Himmel. Eines von eintausendfünfhundert. Der Himmel über Frankreich, der Eiffelturm und Softeis. Das Teilchen hatte gleichmäßige, runde Ränder. Gewellt wie eine Qualle. Es war schön zu wissen, dass dieses eine Teilchen mit eintausendvierhundertundneunundneunzig anderen zusammenpasste.
„Reib dir nicht die Augen“, sagte Reidar zu mir. „Es ist besser, was in den Fingern zu haben.“ Er suchte unter den Teilchen.
Ole Henrik fand immer neue, die passten. Vater kramte herum. Mutter las eine Frauenzeitschrift aus Vorkriegszeiten. Die Kerzen brannten herunter und ich schlief mit dem Kopf in ihrem Schoß ein, mit Sand im Blick und einem Teilchen in der Hand.
Am nächsten Morgen gab es den Fernsehgottesdienst. Vater zündete sieben Kerzen nebeneinander an, als die Glocken läuteten. Er trug den Anzug, den er bei allen Gottesdiensten trug. Der Organist legte los. Gefolgt von der Gemeinde. Vater stimmte ein, viel lauter als Reidar. Stufe für Stufe kletterte der Pfarrer auf die Kanzel. Er mühte sich mit dem Gewicht des schwarzen Ornats ab. Als der Gesang verstummte, öffnete er die Bibel. Blätterte in ihr.
„Es steht geschrieben im zweiten Brief des Paulus an die Korinther. Fünftes Kapitel. Vers vierzehn bis einundzwanzig.“
Wir standen auf.
„Denn die Liebe Christi dringet in uns, da wir dafür halten, dass, wenn einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben. Und er ist darum für alle gestorben, damit die, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist.“
Der junge Pfarrer stotterte stundenlang mit grauer Zunge vor sich hin. Meine Gedanken flogen davon. Ich sah Tausende von Schneeflocken vor mir aus dem Himmel fallen. Ich probierte sie. Alle waren unterschiedlich. Ich dachte an Jesus. Er sah immer so jung aus. Ich überlegte, wie er nur so jung hatte sterben können. Ole Henrik saß da und strich sich über die Narbe an seinem Arm. Ich weiß nicht, ob er dem Pfarrer zuhörte oder wie ich träumte. Er saß mit geschlossenen Augen da und strich sich über den Arm.
Vater sammelte die Gesangbücher ein und stellte den Fernseher aus. Ole Henrik und Reidar hingen bereits wieder über dem Eiffelturm. Wühlten in den Teilen.
„Wirklich schön, so eine ganze Familie zu haben“, sagte Reidar. „Ich fühle mich fast wie ein Onkel.“
„Onkel ist bestimmt in Ordnung“, sagte Ole Henrik.
Reidar holte einen rotgrünen geflochtenen Weihnachtskorb hervor. Ein wenig angestaubt. Oft benutzt. Aus altem, glänzendem Papier geflochten. Noch blanker als die Seiten in der Bibel.
„Den hier“, sagte Reidar, „den habe ich von eurer Mutter gekriegt. Vor langer, langer Zeit.“
Vater verschwand durch die Tür. Ich fasste das glatte Papier an.
„Das muss aber schon sehr, sehr lange her sein“, sagte ich, denn solches Papier hatte ich noch nie gesehen.
„Vor eurer Geburt. Lange davor“, sagte Reidar. „Ich kenne eure Mutter ja schon seit unserer Jugend. Sie war schön, oh Mann. Und dieses Weihnachtskörbchen habe ich an einem ersten Sonntag im Advent geschenkt bekommen.“
Vor den Fenstern fuhr Vater mit dem vertrauten Doppelstockschub vorbei. Im Kirchendieneranzug.
Der Eiffelturm erhob sich auf dem Tisch. Wir puzzelten um die Wette. Die Teilchen fügten sich fein ineinander. Der Himmel wurde blau gemustert in Paris und schwarz kariert im Gebirge.
„Paris“, sagte Reidar in leisen, sorgfältigen Schnörkeln. „Paris!“
Das eine Bein des Eiffelturms, ein wenig Fußweg, eine Wolke und drei Touristen mit Fotoapparat fehlten noch.
„Paris. Champs-Élysées. Die Stadt der Liebe. Frühling in Paris.“
Reidar fand einen Wolkenfetzen, fügte ihn ein und setzte sich darauf.
„Mit seiner Liebsten gemeinsam durch den Triumphbogen gehen. Vom Eiffelturm hinuntergucken.“
„Und Citroën fahren“, sagte ich.
„Ja“, sagte Reidar auf seinem Wolkenfetzen am Himmel über Paris. „Mit der Liebsten im Citroën die ganze Champs-Élysées hinauffahren.“
„Wieso bist du eigentlich nicht verheiratet?“, fragte ich.
Ein dunkles Teilchen landete in Reidars Gesicht. Er schaute zu Mutter hinüber, als würde er sie viel besser kennen, als wir auch nur ahnten. Sie stand an der Küchenanrichte mit dem Rücken zu uns. Summte eine Melodie vor sich hin. Reidar strich über das glänzende Papier und bekam Wind in die Augen.
„Lasst uns mal weiterpuzzeln, damit wir fertig werden“, sagte er.
Es wurde draußen schon fast dunkel, als wir den letzten, oder um genau zu sein, den vorletzten Puzzlestein einfügten. Reidar und ich krochen unter den Tisch. Beide auf allen vieren. Mitten in dem großen Bild war ein kleines, graues Loch. Ein Fetzen der weißen Wolke hinter dem Eiffelturm war weg. Ein Teilchen von eintausendfünfhundert fehlte.
Reidar suchte unter den Flickenteppichen. Er leerte den Mülleimer. Mutter stand vor der Küchenanrichte, mit herunterhängenden Armen. Wir fanden es nicht. Suchten überall. Kratzten mit den Nägeln über die Bodendielen, pusteten alten Staub unter den Kommoden auf, zählten die Seiten aller Bücher. Mutter hatte fertig gepackt und Vater hatte die restlichen Vorräte hinausgetragen. Er saß mit den Zehen am Ofen.
„Wir müssen wohl langsam los“, sagte Mutter. „Die Jungs müssen morgen zur Schule.“
Die Hütte badete in weißem Licht aus einem Himmel, der die Sonne aus seinem Griff verlor, sie war hinter eine Bergspitze gerutscht.
„Ich habe es gefunden!“, rief Reidar schließlich. Er stand mitten in der Stube. Sah eigentlich gar nicht froh aus. Seine Locken hingen wie verbrannte Kartoffelringe herunter. Die Bartstoppeln in seinem Gesicht sahen aus wie Zeichenstifte.
Ole Henrik stand irgendwo zwischen Reidar und Paris. Vater ging vom Ofen weg. Ich sah einen Schatten von Schnee auf seinem Kopf. Reidar hielt einen Skistiefel in der Hand. Frisch geputzt, mit roten Streifen. Altes Modell. Es war Vaters Skistiefel. In der anderen Hand hielt er das Puzzleteilchen. Sollte zwischen Reidars Zeigefinger und Daumen trocknen.
„Ich habe es an deinem Skistiefel gefunden, Frank“, sagte Reidar zu Papa. „Unter der Sohle.“
Puzzleteilchen und Gesangbücher sausten durch die Luft. Das letzte Teilchen passte zu den anderen, aber wir passten nicht in die Hütte. Wir schnallten uns die Skier unter und stapften zum Parkplatz. Der Abend war noch dunkler als der, an dem wir angekommen waren. Die Luft war milder und der eine oder andere Schneefladen rutschte von den kleinen Bäumen vor uns auf die Loipe. Es war Quatsch, noch Winter spielen zu wollen, das hätte ich wissen sollen.
4. Kapitel
Roger sollte schlagen. Er hatte die beiden ersten Schläge verhauen. Auf der anderen Seite standen vier Mann in den Startlöchern und mussten rüber. Roger konzentrierte sich. Ich war draußen und hing am Zaun rum. Er schlug den Schläger auf die Erde, bevor er Schwung holte.
Der Schnee zog sich zurück und Schlagball löste Eishockey ab. Roger schlug mehrere Wohnviertel weit, wenn er gut traf, während Arnor lieber trickste und dann wie ein Verrückter rannte. Wenn wir bei Roger in der Nähe spielten, war manchmal auch seine Schwester dabei. Sie ging in die Neunte und war auf den Namen Carolina Henriette getauft, hörte aber nur auf ‚Car‘. Sie war lang und dünn, hatte kurze Haare und dicke, braune Sommersprossen. Direkt über dem Auge hatte sie einen dunklen Leberfleck, der sich bewegte, wenn sie lächelte. Ihre Arme hielt sie meistens vor der Brust verschränkt. Die Augenbrauen saßen dicht beieinander, als hätte sie immer ganz viele Geheimnisse zu verbergen. Sie war unglaublich sicher mit den Händen. Wenn du Pech hattest und eine Pflaume schlugst, saß der Ball wie festgeklebt in ihrer Hand. Dann ging’s direkt ins Aus. Klein Jonas wog das wieder auf. Er wurde immer als Letzter gewählt, denn er war eine leichte Beute. Keiner lief langsamer und kein Rücken war leichter zu treffen als der von Klein Jonas.
„Okay“, sagte Roger und Jarle warf den Ball in die Luft. Roger schwang das Holz, so fest er konnte, und landete den Treffer des Frühlings. Er traf den Ball mit der Schlägerspitze und vier Mann liefen bereits von der anderen Seite los. Roger wollte auch laufen, nachdem er den Schläger losgelassen hatte. Der Schläger sauste wie ein Bumerang durch die Luft und ich sah Frau Josefsen, der Nachbarin, direkt in die Augen, als sie in ihrer Küche den rotierenden Ballschläger auf ihr Fenster zukommen sah. Die Läufer hielten an und alle schauten in die Luft. Rogers Schwester stand da wie ein Pfahl. Die Farbe wich aus Frau Josefsens Gesicht und der Ballschläger traf drei Millimeter neben der Fensterscheibe auf die Hauswand.
Wir schwangen uns auf unsere Räder, bevor Herr Josefsen die Tür öffnen und seine Stimme erheben konnte. Wie die Weltmeister traten wir in die Pedale und überlegten uns, dass wir den Schläger wohl abschreiben konnten.
„Das sieht mir ähnlich“, keuchte Roger. „Habt ihr den Treffer gesehen? Und habt ihr auch die Alte gesehen?“
Wir stellten unsere Räder im Wald von Frodeåsen ab. Pirschten zwischen den Bäumen hindurch. Wir wollten uns zur Tønsberger Kirmes schleichen.
„Ich bin da mit jemandem verabredet“, sagte Carolina Henriette. „Ich komme mit euch und klettere über den Zaun.“
„Mit wem denn?“, fragte Roger.
Sie sah ihren jüngeren Bruder an, vorwurfsvoll und resigniert zugleich.
Wir gingen den Geräuschen im Wald entgegen. Rutschten eine Böschung hinunter und kamen an einer verlassenen Stelle, weit vom Eingangstor und den Wächtern entfernt, an den Zaun. Konnten drinnen die Karussells sehen. Das Popcorn riechen. Aber der Zaun war reichlich hoch und oben sah es nach Stacheldraht aus.
„Das wird kaum gehen“, sagte Arnor. „Wir alle da rüber?“
„Wir versuchen es“, sagte Roger. „Wer macht den Anfang?“
Keiner drängelte.
„Okay“, sagte Carolina Henriette. Warf sich in die Zaunmaschen. Wir streckten unsere Arme hoch, packten ihre Schuhsohlen und schoben Henriette, so gut wir konnten, hinauf. Sie mühte sich eine Weile ab. Kämpfte wie ein Fisch im Netz. Dann schob sie sich hinüber und landete im Heidekraut auf der anderen Seite.
„Gut, dass ich Hochsprung trainiert habe“, sagte sie lächelnd. Der Leberfleck verschwand fast in ihrem Haaransatz. „Der Nächste ...“
Wir sahen einander an. Es begann zu nieseln. Arnor zupfte ein wenig an den Zaunmaschen.
„Es kostet doch nur ’nen Zehner“, sagte Jarle, „und ich gehe sowieso mit meinen Eltern am Wochenende rein. Ich glaube, ich lasse es.“
Carolina Henriette zuckte mit den Schultern.
„Die Kirmes ist doch bloß Scheiße“, meinte Roger resigniert, „nur blöde Musik.“
„Na, dann haue ich ab“, sagte Carolina Henriette auf der anderen Seite. „Ich treffe mich mit Leuten aus dem Indianerdorf, und wenn ihr euch sowieso nicht traut ...“
Wir sahen sie den Abhang hinunterlaufen und zwischen den Karussells und Buden verschwinden. „Wollt ihr noch ’ne Runde?“, dröhnte es in gebrochenem Schwedisch aus einem Lautsprecher und hundert Mann im Looping schrien: „Ja!“
„Mit wem trifft sie sich denn?“, fragte ich Roger.
„Keine Ahnung“, antwortete er. Ich versuchte Carolina Henriette noch einmal zu entdecken.
„Guckt mal“, piepste Klein Jonas. Unten am Fuß des Abhangs stand Henriette vor einem Typen. Er war lang und zerzaust wie ein Weihnachtsbaum. Fransen an den Ärmeln und Federn im Haar.
„Wer ist das denn?“, flüsterte ich.
„Weiß ich nicht“, entgegnete Roger. „Kommt, wir hauen ab.“
An diesem Abend kam ich früher als sonst nach Hause. Es war ganz still im Haus. Mutter und Vater waren ausgegangen. Milde Luft zog durch die Räume. Ich blieb lange ganz still mitten im Wohnzimmer stehen. Spürte in allen meinen Gliedern Muskelkater. Es kribbelte in den Fingerspitzen. Ich schlich mich die Treppe hinauf. Schaute bei Ole Henrik hinein um sicher zu sein, dass er nicht da war.
Er zuckte zusammen. Starrte finster zu mir hinauf. Er saß vor seinem Bett auf dem Fußboden mit einem Bild im Schoß. Ole Henrik stand auf. Seine Haare waren so lang, dass er sie hinters Ohr schieben konnte. Sein Blick pikste wie Stecknadeln.
„Was machst du denn da?“, fragte ich schließlich.
Er öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Er setzte sich auf die Bettkante und gab mir das Bild. Es war ein vergilbtes, altes Foto von Mutter und Vater. Sie hatte noch mehr Locken und sein Gesicht war noch glatter.
„Was ist das?“
„Siehst du das nicht?“
„Mutter und Vater.“
„Genau.“
Er musterte mich mit Millimeterblick. Strich sich mit einer Hand über den Kopf. Ich verstand gar nichts.
„Ich möchte wissen, wer von beiden die schlechten Karten hat“, sagte er nachdenklich und schaute das Foto an.
„Wieso schlechte Karten?“
„Oft ist ein Teil in einer Beziehung schlechter dran als der andere“, erklärte Ole Henrik ganz selbstverständlich. „Einer wäre gestorben, ausgerastet oder total verrückt, wenn nicht der andere da wäre.“
Er legte das Bild in eine kleine weiße Schachtel.
„Sie sehen so anders aus. Ich möchte wissen, wie sie sich kennen gelernt haben.“
Aber es gibt Dinge, die man nie erfährt.
Ich konnte die Geräusche von der Straße hören. Der Nachbar war dabei, den Rasen zu mähen.
„Ich möchte wissen, wie man sich trifft, wie man sich wieder verliert. Wie Eltern zu Eltern und Kinder zu Kindern werden.“
„Ich weiß, wie das geht“, sagte ich.
„Ich habe gehört, wie Mutter und Vater miteinander geschlafen haben“, sagte er leise.
„Bist du verrückt!“
„Nein.“
„Das war in einer Nacht, in der ich nicht schlafen konnte. Meine Zunge tat so weh, jedes Mal wenn ich schlucken musste. Da haben sie es gemacht. Sie hatten die Tür nicht geschlossen. Im Wohnzimmer haben sie es gemacht.“
„Was?“
„Sie haben es im Wohnzimmer gemacht.“
„Wieso im Wohnzimmer?“, fragte ich.
Ole Henrik zuckte mit den Schultern.
„Und wie hat sich das angehört?“
„Ich glaube, das ist ziemlich wichtig, was da passiert ... genau im Augenblick der Empfängnis. So hörte sich das an.“
„Was da passiert?“
„Ich möchte wissen, wann sie einander verlieren“, sagte er ohne mir zuzuhören.
Ole Henriks Narbe hatte eine andere Farbe angenommen. Sie war eine schwarze Grindschlange, die sich den Arm hinaufschlängelte. Ich mochte sie nicht. Das Blut war getrocknet und gestorben.
„Wie geht es deinem Arm?“, fragte ich.
Ole Henrik strich sich Sterne durch das Haar. Den Kopf hielt er ein wenig schräg.
„Es sieht nicht so gut aus“, sagte er, „aber eine Narbe bedeutet wohl, dass man lebt.“
Mutter erzählte es eines Abends. Ihr Gesicht war blass und die Augen nass. Sie sprach mit leiser, ernster Stimme. Sie mussten mit Ole Henrik zu einer Untersuchung nach Oslo und ich sollte mir keine Sorgen machen. Die Ärzte hatten da was entdeckt, als sie ihm nach dem Unfall in der Eishockeybude Blut übertragen hatten. Mutter ließ die ganze Zeit eine Hand auf meiner liegen. Als ob ich mir wehgetan hätte. Mein Junge, sagte sie zu sich selbst und ich wusste nicht, ob sie mich oder Ole Henrik meinte. Mehr sagte sie nicht und ich fragte auch nicht.
Ich traf Ole Henrik im Badezimmer, als ich mir die Zähne putzen wollte. Er lächelte nur. Mit schmalen Augen. Und mir fielen dünne Linien auf, die von den Augen über seine Schläfen liefen. Als hätte er sich mit einer Sonnenbrille auf der Nase gesonnt.
„Gute Nacht, Viktor“, sagte er.
„Gute Nacht“, sagte ich, „bis bald?“
Er nickte.
5. Kapitel
Es war in dem Herbst, in dem die Slottsfjellschule nach den Ferien nicht wieder aufmachte. Sie wurde geschlossen und wir begannen mit der Sechsten in Byskog. Wir bekamen den Bauern in Werken. Ich weiß nicht, wie er wirklich hieß. Alle nannten ihn nur den Bauern und anscheinend war er damit einverstanden. Der Bauer war ein kräftiger Mann mit aufgekrempelten Hemdsärmeln genau wie Popeye. Sein Mund war ein wenig schief, als würde er sich sein Leben lang darauf konzentrieren, einen Nagel auf den Kopf zu treffen. In der ersten Werkstunde schlug er uns auf die Schultern.
„Hier werden wir arbeiten“, sagte er und bürstete sich Sägemehl aus dem Haar. „Hier werden wir hämmern. Hier werden wir polieren, hier werden wir malen. Und hier ...“
Wir aalten uns um fünf Nummern zu große Werkbänke herum und starrten den Lehrer mit der großen Strickweste und den wahnsinnig behaarten Armen an. Der Werkraum war riesig, mit niedriger Decke, die Werkbänke abgenutzt und hässlich. Der Bauer schritt zum Fenster.
„Und ...“, sagte er und riss eine große graue Persenning zur Seite. Staub und Sägemehl rieselten in einem Sonnenstrahl zu Boden. Eine gewaltige Maschine mit einem Holzklotz in der Mitte fesselte unsere Blicke.
„... wir werden drechseln!“
Er drückte auf einen Knopf. Der Holzklotz begann sich mit Getöse zu drehen und wir wichen drei Werkbänke zurück. Der Bauer holte etwas hervor, das aussah wie ein Schraubenzieher, nur gebogen und mit scharfem Blatt. Das hielt er an den rotierenden Holzklotz. Gelbe Späne wirbelten herum. Er stellte die Maschine ab.
„Die Drehbank!“, sagte der Bauer zufrieden und deutete auf die Maschine. Ein weicher Ring war in das Holz geschmolzen, dort wo er das Werkzeug angelegt hatte.
„Fühlt nur mal.“
Er fuhr mit dem Finger den sanften Bogen entlang.
„Wir wollen drechseln, alles soll weich und rund werden. Kerzenständer und Ballschläger. Das ist Werken! Aber ...“
Er hielt in der Bewegung inne, deutete noch einmal auf die Drehbank.
„Ihr müsst auf euer Haar aufpassen. Deshalb können Mädchen keinen Werkunterricht haben. Wenn sie mit den Haaren in die Maschine kommen, während die sich dreht ...“
Er zog seinen Zeigefinger über die Kehle und hinterließ einen gelben Strich von Staub und Sägemehl.
„... dann sieht es böse aus.“
Der Bauer stellte die Maschine wieder an und brüllte um sie zu übertönen.
„Ihr könnt euch das wohl vorstellen!“
Er nickte zu dem rotierenden Holzklotz.
„Da haare drin ... Diese kiste lässt keinen los, solange ich sie nicht abschalte. Und dann kann es zu spät sein.“
Er stellte die Maschine ab. Sie brummte ein paar Töne tiefer und stand schließlich still.
„Also“, sagte er, „keine Mädchen mit langen Haaren.“
Und dann sollten wir es mal versuchen. Alle. Einer nach dem anderen.
„Guckt nicht auf das Holzstück, das sich dreht“, rief er uns zu, wenn wir unsicher wurden. „Guckt auf das Werkzeug! So, ja. Dir wird nur schwindlig, wenn du aufs Holz guckst.“ Dann spürte ich seine behaarten Arme um mich, die dafür sorgten, das das Werkzeug ruhig in meiner Hand lag.
Arnor und ich taten in diesem Herbst etwas, was wir nach den Worten des Bauern nicht tun sollten. Es war so ähnlich, als würden wir den Werkraum mit Mädchen voll stopfen, denn wir fuhren nach ungefähr fünfzig Sommern in reinen Jungslagern in unser erstes gemischtes Ferienlager.
Wir kletterten in Kongos kleinen Renault. Es roch komisch. Arnors Mutter und Vater saßen vorn, Ole Henrik, Arnor und ich auf den Rücksitzen. Eng aneinander gerückt.
„Das wird spannend, was?“, sagte Arnors Vater. Zwinkerte uns im Spiegel zu.
„Spannend?“, fragte die Mutter nach.
Arnor saß zwischen Ole Henrik und mir. Schaute zum Dach hinauf.
„Nun ja, wie schnell kann man sich da verlieben“, sagte Herr Kongo und lächelte die Straße an. „Erinnerst du dich nicht mehr an früher, als wir jung waren?“
Arnors Mutter sah ihren Mann an. Ich entdeckte etwas Grünes in Herrn Kongos Auge.
„Wir sollten sie nicht dazu auffordern“, sagte sie.
„Erinnert ihr euch daran, wie ihr euch das erste Mal gesehen habt?“, fragte Ole Henrik plötzlich.
Arnors Mutter zuckte zusammen und schielte zu uns nach hinten. Ihre Augen schlugen wie Murmeln gegeneinander. Ihr Mund war rot und feucht. Ole Henrik sah ihr direkt in die Augen.
„Erinnerst du dich nicht mehr?“, fragte Arnors Vater. Schaltete runter. „Unser erster Kuss.“
„Unser erster Kuss“, sagte die Mutter und schloss die Augen. Sie befeuchtete ihre Lippen. Es war still.
„Ja, du hattest Glück“, sagte Arnors Vater mit einem Seufzer. Als handele es sich um etwas, womit er gar nichts zu tun hatte. Als ob alles vielleicht nur ein Missverständnis gewesen sei.
„Ich kriege, was ich will, Jan“, sagte Frau Kongo und betrachtete sich selbst in dem kleinen Spiegel auf der Rückseite der Sonnenblende.
Bis zur Abfahrt Stokke blieb es still. Ole Henrik hatte die Nase im Fensterspalt, dass die Tränen vom Wind auf den Asphalt geschleudert wurden, und Arnor fummelte an einem nicht aufgepumpten Schwimmreifen herum.
Onkel J. P. empfing uns wie immer. Alle Leiter wurden Onkel oder Tante genannt und Onkel J. P. war der Leiter aller Jungslager gewesen, an die ich mich erinnern konnte. Er war sozusagen der Vater des Lagers. Er war auch bekannt dafür, dass er einen an den kurzen Nackenhaaren zog, wenn man Blödsinn gemacht hatte.
„Jungs! Willkommen!“, brüllte Onkel J. P. und zog uns mit sich.
Das Lager befand sich zwischen Felsen am Fjord. Das Schülerheim lag direkt am Wasser. Es war eine flache, lang gestreckte Baracke mit Türen auf beiden Schmalseiten, sodass das ganze Haus wie ein enger Schlauch wirkte. Auf jeder Seite des Korridors lagen sechs kleine Zimmer mit Etagenbetten. Alle Zimmertüren führten auf denselben Flur. In dessen Mitte hing eine Schiebetür wie eine ausgepumpte Ziehharmonika.
Denn alles war anders im gemischten Lager. Irgendwie war es gar kein Sommer mehr. Es war fast Herbst. Die Kanus hingen in Spinnennetzen. Die Bäume bedeckten den Boden mit abgestorbenen Blättern. In den Fensterrahmen hingen keine Badehosen zum Trocknen. Die ersten Mädchen trafen wir vor dem Gruppenraum, in dem die Morgenandachten und Missionsstunden stattfanden. Eine ganze Gruppe von ihnen tänzelte über den Kies um sich anzumelden, voll bepackt mit Schlafsäcken und Taschen. Sie guckten verstohlen und kicherten. Ich sah eine Strähne blonden Haars, einen kleinen dunklen Mund und ein paar blaue Streifen, bevor ich in meine Plastiktüte mit Limonade und Knabberzeug abtauchte. Die Sonne schien zwischen den Bäumen hindurch und Arnor stand mit offenem Mund und offener Limonadenflasche da.
„Sollen wir mit denen zusammenwohnen?“, fragte er zweifelnd. „Hast du den Mund gesehen?“
„Red doch keinen Quatsch“, sagte ich. Die Mädchen hatten den Werkraum besetzt.
„Nun mal halblang“, sagte Ole Henrik. Er war schon einmal in einem gemischten Ferienlager gewesen. „Jungs und Mädchen schlafen in getrennten Zimmern.“
Als wir in unser Zimmer reinstürmten, lag im besten Bett, einem frei stehenden Oberbett mit guter Aussicht, schon einer drin, der Olav hieß.
„Wart ihr bisher noch nicht mal für ein Wochenende hier?“, fragte er Arnor und mich. Ole Henrik kannte er schon.
Ich rollte meinen Schlafsack aus. Arnor saß auf dem Hochbett dicht neben meinem und las die Merksätze an der Wand.
„Doch, im Jungslager, aber nicht übers Wochenende“, antwortete ich.
„Keiner von euch?“
Ole Henrik sagte nichts.
„Ich hab gedacht, ihr wolltet gern mal in einem Schlafsack auf der anderen Seite liegen, wenn ‚die Mauer von Jericho‘ geschlossen ist. Shit, man“, sagte Olav und drehte den Schirm seiner Mütze nach hinten.
„Die Mauer von Jericho?“, fragten Arnor und ich verwundert.
„Die Tür“, erklärte Olav. „Nach dem Schlafsignal wird jeden Abend die Schiebetür zugezogen. Sie trennt Jungs und Mädchen. Da hilft kein Gebet. ‚Die Mauer von Jericho‘ stürzt erst zum Frühstück ein.“
Er nickte Ole Henrik zu.
„Das muss schon ein richtiger Held sein, der da nachts durchkommt“, sagte Olav. „Ich hab’s versucht.“
„Wie James Bond?“, fragte Arnor.
Olav kaute den Namen wie Lakritzschnüre. „James Bond hat Kontaktlinsen. Rambo ist der Mann, der es schaffen könnte.“
Wir sahen Olav verwundert an.
„Habt ihr nie von Rambo gehört? Der in First Blood spielt. Der hätte ‚die Mauer‘ einfach zerstampft. Und mir den Weg zu Wendi und Lisa freigemacht.“
„Wer ist das denn?“, murmelte Arnor.
„Wenn ihr das fragt, habt ihr sie noch nicht gesehen“, stellte Olav fest.
„Kann sein“, bestätigte Arnor.
„Schwestern“, sagte Olav und wickelte sich einen Schal um seine Mütze. „Superweiber. Wendi hat dunkle Haare.“
„Braune Lippen?“, fragte Arnor.
„Hä?“
Olav hielt einen Moment lang inne. Rollte kurz die Augäpfel Richtung Nase und fuhr dann fort.
„Lisa. Ein Jahr älter. Blonde Haare bis zum Arsch – und was für ein Arsch. Hab sie im Osterlager kennen gelernt.“
Olav drosch noch einige amerikanische Phrasen und gemeinsam lachten wir über das Wiedersehen mit Onkel J. P. Olav ging in die siebte Klasse, hatte aber gerade ein Jahr in den USA verbracht und war deshalb noch ein Jahr älter.
Gemeinsam mit Ole Henrik verließ ich den Abendkreis. Der Mond war aufgegangen, der Himmel groß und offen. Der Mond hatte einen Glorienschein und ich spürte, wie die Nacht mich kalt in den Nasenlöchern kitzelte. Gruppen von Leuten waren auf dem Weg zum Schülerwohnheim. In dreizehn Minuten würde es das Signal zum Schlafen geben. Die Leitungsriege stand mit der Stoppuhr bereit.
„Findest du gemischte Lager irgendwie eindrucksvoll?“, fragte Ole Henrik.
„Arnor glaubt, er ist verliebt“, sagte ich.
„Wer glaubt das nicht in seinem ersten gemischten Lager?“ Ole Henrik nickte.
Ich trat ein paar Steinchen ins All.
„Willst du heute Nacht raus?“, fragte ich. „Olav meint, man könnte locker zu den Mädchen kommen, wenn man rausläuft und dann durch ein Fenster zu ihnen reinklettert.“
Der Mondschein malte schwache Streifen auf Ole Henriks Gesicht. Seine Augen ertranken in dunklen Seen.
„Ich kann nicht“, sagte er leise.
„Du kannst nicht?“
„Ich kann nicht so viel Blödsinn machen.“
„Wieso?“
Er fasste mich am Jackenärmel, während wir über den Rasen gingen. Über das Gras, das knisterte, wenn ich genau hinhörte. Seine Augen glänzten.
„Weißt du, Viktor, ich bin krank“, sagte er. Seine Stimme war trübe wie Matschpfützen.
Die schwarze Wolke, die ich in der Eishockeybude gesehen hatte, zog über den glänzenden Himmel in seinen Augen. Sie war groß und schwer und ich zitterte am ganzen Körper. Ich erkannte Ole Henrik nicht wieder. Seine Finger waren kalt wie Eis.
„Krank?“
Er ging schneller. Wir waren fast am Schülerheim angekommen.
„Ich fühle mich gesund, bin aber krank“, erklärte er.
Ich blieb stehen. Er hing an meinem Arm. Balancierte auf einem Fußballfeld.
„Wer sagt das?“
„Die Ärzte in Oslo“, murmelte er. Schüttelte den Kopf wie ein alter Mann. Die Falten auf seiner Stirn glätteten sich und das Gesicht war offen wie der Himmel.
Ole Henrik hielt den äußersten Zipfel meines Jackenärmels umklammert. Mit zwei Fingern. Er schaute nirgends hin. Hielt nur fest. Wir waren die Letzten draußen auf dem Rasen.
Wir waren inzwischen fünf in unserem Zimmer. Ein langer Besenstiel aus Larvik, den Ole Henrik kannte, war noch dazugekommen. Nachdem „die Mauer von Jericho“ die Welt geteilt hatte, rutschten wir unruhig in unseren Schlafsäcken herum. Ich dachte an Ole Henrik und nicht an die Mädchen.
„Hat keinen Zweck, es heute Nacht zu versuchen“, sagte Olav. „Die Leiter sind viel zu aufgedreht und darauf aus, uns zu schnappen. Wir lassen sie heute Abend einfach auflaufen und nehmen dafür morgen ‚die Mauer‘ in Angriff.“
Ein Leiter streckte seinen Kopf zur Tür herein. Er zählte unsere Arme und Beine, löschte das Licht und verschwand wie der heilige Geist. Unser Zimmer lag direkt an der Mauer. Neben unserem lag ein Mädchenzimmer. Ich dachte an das Mädchen, das jenseits der Wand lag, Seite an Seite mit mir. Ich meinte sogar Geräusche von ihr zu hören.
Olav plapperte vor sich hin. Er erzählte Geschichten und experimentierte mit verschiedenen Körperlauten. Er zog seine Wangen auseinander.
„So hört es sich an, wenn man Wendi und Lisa küsst“, sagte Olav. „Ein feuchter Kuss.“
Er schnalzte mit der Zunge und machte mehrere gurgelnde Geräusche. Wir lagen im Dunkeln und warteten auf den nächsten Auftritt. Irgendjemand fummelte am offenen Fenster herum.
„Wir lesen aus dem Hohelied“, sagte eine tiefe Stimme unten im Dunkeln. Ich glaube, ich konnte hören, dass er lächelte. Es war die Bohnenstange aus Larvik. Er hieß Arild.
„Was?“, fragte Arnor.
„Fuck, habt ihr noch nie was vom Hohelied gehört?“ Olav klang ehrlich erstaunt. „Was macht ihr denn so des Nachts im Lager, hä? Erzählt schweinische Witze oder was?“
„Ich hol eine Bibel“, sagte Arild unten.
Nackte Füße platschten übers Linoleum. Unsere Tür ging auf und der Hochspringer aus Larvik stand im Flurlicht.
„Augenblick“, sagte er.
Die Tür glitt wieder zu. Die Dunkelheit hatte kein Loch. Wir lagen da und warteten. Kurz darauf ging die Tür wieder auf. In der Öffnung stand Arild mit zur Seite ausgestreckten Armen. Das lange Haar hing über seinen Sommersprossen. Die Vorhänge im Zimmer wehten im Durchzug. Arild stand wie Jesus in der Tür. Er stand mitten im Flurlicht. Reservejesus, sagte Olav manchmal beim Fußball zu Arild, Baby Jesus.
Arild schloss die Tür hinter sich. Das Geräusch nackter Füße. Arild setzte sich mit einer Taschenlampe in der einen und einer Bibel in der anderen Hand auf die Matratze.
„Wie hast du das geschafft?“, fragte Arnor.
„Ich habe nur gesagt, dass wir bei uns im Zimmer ’ne Bibel brauchen“, antwortete Arild und blätterte in den klammen Seiten. Souveräner als mancher Pfarrer.
Olav fiel fast aus seinem Hochbett. Er hing mit dem Kopf nach unten, damit er das Licht sehen konnte.
„Soll ich lesen?“, fragte Arild. Er saß mit gekreuzten Beinen da.
„Ja“, antwortete Arnor.
„Go ahead“, sagte Olav.
„Das Hohelied Salomos“, las Arild mit klarer, weicher Stimme.
„Siehe, meine Freundin, du bist schön! Siehe, schön bist du! Deine Augen sind wie Taubenaugen hinter deinem Schleier. Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die herabsteigen vom Gebirge Gilead.“
„Komm zur Sache“, knurrte Olav. Sein Gesicht war dunkelrot, fast braun, weil er die ganze Zeit den Kopf runterhängen ließ.
„Ich mag das Ganze“, sagte Arild, „wart’s ab.“
Er las mit Hingabe. Die Taschenlampe bewegte sich nicht einen Millimeter in seiner Hand. Arilds Haare reichten fast bis zu den Fußknöcheln, als er sich über die Seiten beugte um besser sehen zu können. Er lächelte vor sich hin.
„Deine Lippen sind wie eine scharlachfarbene Schnur und dein Mund ist lieblich ...“
„Was ist eine scharlachfarbene Schnur?“, fragte Arnor.
„Was verdammt Rotes“, antwortete Olav.
„Dein Hals ist wie der Turm Davids, mit Brustwehr gebaut, an der tausend Schilde hangen, lauter Schilde der Starken.“
Eine kleine Pause, bevor Arild weiterlas.
„Deine beiden Brüste sind wie junge Zwillinge von Gazellen, die unter den Lilien weiden.“
Es war still. Dann brach Olav in Gelächter aus.
„Ich finde es scheißgut“, sagte Arild. „Da gibt’s gar nichts zu lachen.“
„Du erzählst doch von Wendi und Lisa“, prustete Olav. „Brüste wie Gazellen! Bei denen stimmen einfach die Formen!“
Arild hatte die Taschenlampe ausgeschaltet. Mir war ganz komisch im Kopf und ich konnte keine einzige Stimme sehen. Den Hinterkopf tief im Kissen und die Gedanken hoch unter der Decke. Ole Henrik sagte nichts. Ich versuchte mir auszumalen, wer wohl Seite an Seite mit mir lag. Überlegte, was Arnor wohl dachte. Dachte an den weiten Nachthimmel. Und an Ole Henrik. Die Gewitterwolke. Das war so eine Wolke, bei der man nie wusste, was sie bringen würde. Regen, Hagel oder nur einen Druck im Kopf und Gras, das so schrecklich juckte. Die Unterhaltung im Zimmer ebbte ab. Olavs Stimme war das Letzte, was ich hörte.
„Und? Was mache ich jetzt? Fallschirm springen, eine Kuh melken oder mir an die Eier fassen?“
Ich träumte vom Augenblick der Empfängnis.
Nicht einmal Fußball war wie sonst in einem gemischten Ferienlager. Es gab mindestens fünf Mannschaften auf dem Spielfeld. Die Jungs in der eigenen Mannschaft, die Mädchen in der eigenen Mannschaft, die Jungs in der anderen Mannschaft, die Mädchen in der anderen Mannschaft und Jungs und Mädchen an der Seitenlinie.
Man rief den Jungs in der Mannschaft „frei“ zu und verhöhnte sie reichlich, wenn sie nicht schossen oder danebentrafen. Einer rief den Mädchen in der eigenen Mannschaft „saustark“ zu, auch wenn sie in die Luft schossen oder den Ball ins eigene Tor rollen ließen. Die Jungs auf der anderen Seite wurden hart rangenommen, die Mädchen sanft. Und dann gab es da das Publikum, dem man gern zulächelte oder das herumblödelte, wenn aus der Hundertprozent-Chance nur eine Neunundneunzigprozent-Chance geworden war und man es geschafft hatte, das einsame eine Prozent zu treffen.
Arild war der Mann des Spielfelds. Zumindest eine ganze Weile. Er war Torwart. Das hätte mir eigentlich sofort klar sein müssen. Ein Bein an jedem Pfosten, einen Arm zu jeder Seite ausgestreckt, und das Haar nahm den Rest ein. Nicht ein Ball wickelte sich in die grünen Maschen hinter Arild.
„Der kriegt von oben Hilfe“, meinte Olav, der an der Seitenlinie stand.
Arilds Bibel lag neben dem rechten Pfosten. Ole Henrik feuerte Arild an. Ich war in der anderen Mannschaft und mühte mich ab ein Loch in die Null zu bohren, aber mit wenig Erfolg. Bis der Ball mir auf unserer eigenen Spielfeldhälfte vor die Füße fiel. Ich ließ ihn durch den Tunnel meiner Beine bis zu Onkel J. P. rollen, der auf der grünen Fläche herumsprang. Wie immer mit Schraubstollen und mit Eisen an den Spitzen. Arild stand weit draußen um einem möglichen Angreifer begegnen zu können. Er entschied die Sache gern im Mittelfeld. Nach dem Tunnel und Onkel J. P. steuerte der Ball Sindres Füße an. Ein großer Siebtklässler, der auf ein Jungeninternat in der Schweiz ging. Sindre flitzte geradeaus wie die Vestfold-Bahn, wenn sie drei Stunden Verspätung hat, und traf den Ball mit einem sauberen Schuss. Der Ball zischte schneller als eine Sternschnuppe über den blauen Himmel auf Arilds Tor zu.
Arild stand viel zu weit im Spielfeld. Er reagierte. Nicht zu spät, eher zu früh. Er drehte sich um und lief. In langen Schritten, elegant wie ein Gazellenkalb. Ungefähr zehn Meter vor dem Tor blieb er stehen. Ich versuchte den Punkt auszurechnen, wo die beiden aufeinander treffen würden, Arild und der Ball, aber alle Zahlen verhakten sich. Der Ball trudelte wie eine schlaffe Banane nach rechts. Arild hing in der Luft. Schwebte. Rückwärts die Arme hoch gestreckt. Wie ein Hochspringer, wie Jesus am Kreuz. Den Kopf nach hinten zum Tor gedreht, das er schützen wollte. Nur seine Haare waren in Bewegung. Der Ball hing wie eine Wolke in der Luft. Ich hoffte, dass es nicht stimmte, was ich da sah.
„Baby Jesus“, sagte Olav von der Seitenlinie aus.
Der Hochspringer setzte zur Landung an, aber es war kein Sprungkissen da. Arild nagelte die Hand um den Ball, eine Sekunde bevor sein Gesicht mit dem Holz verschmolz.
Onkel J. P. war als Erster bei Arild, der mit blutendem Gesicht am rechten Pfosten lag. Das Blut hatte schon mehrere Kapitel seiner Bibel eingefärbt.
„Das wollte ich nicht“, sagte Sindre, das schlechte Gewissen in Person.
Olav schob seine Mütze zurecht.
„Er hat den Ball gerettet, aber er hat’s nicht geschafft, sich selbst zu retten.“
„Ich glaube, ich muss einfach ihre Lippen küssen“, sagte Arnor, nachdem Onkel J. P. und einige andere Aufsichtspersonen Arilds Sachen gepackt und ihn ins Krankenhaus nach Sandefjord gefahren hatten. Getrocknetes Blut leuchtete rot vom Pfosten. Arnor hatte beschlossen Wendi zu küssen. Die mit den braunen Lippen.
„Küssen!“, flüsterte ich. „Küssen?“
„Ja.“
„Aber du kannst sie doch nicht einfach küssen!“
„Klar kann ich das.“
„Und wie?“, fragte ich fast verzweifelt.
„Das muss sich von allein ergeben“, sagte er. Ganz ruhig.
„Mit Olav in der Nähe?“
„Wenn’s sein muss“, entgegnete Arnor und schaute mit grünem Blick über den Fjord. „Obwohl es viel einfacher wär, wenn er überhaupt nicht auf der Welt wäre.“
Ich blickte in die Sonne, die mit einem Felsen draußen im Wasser zusammenstieß. Die Wellen überspülten die Steine. Abwechselnd blau und rot. Der Abend des zweiten Tages kündigte sich an. Jemand rief uns. Wir liefen alle zum Zaun. Zu dem hohen Zaun um El-Mabets Apfelbaumgarten, der an das Gelände des Ferienlagers grenzte. In den wir nicht hineingehen durften. Wendi stand auf der anderen Seite des Zauns, im Apfelbaumgarten von El-Mabet, die Hände auf dem Rücken. Sie sagte nichts, aber ihre Lippen waren geöffnet. Sie hatten die gleiche Farbe wie der dunkle Apfelbaumgarten.
„No, man“, sagte Olav leise, „El ist verrückt.“
Wendi stand still hinter den Pfeilern des hohen Zauns. Olav, Arnor, Lisa und ich schauten zu ihr hinüber. Alle hatten von El-Mabet gehört – oder von El, wie die meisten ihn nannten. El war Einwanderer. Er lebte schon seit vielen Jahren in Norwegen und besaß diesen Apfelbaumgarten, in dem er fantastische Äpfel züchtete. Viel bessere als die, die man mit ein bisschen Glück von einem der Bäume auf dem Gelände des Ferienlagers schütteln konnte. Aber genauso berühmt wie seine guten Äpfel waren seine iranischen Jagdmethoden.
„Fragen, dann vielleicht schenken. Aber klauen, dann ich dich kriegen.“
„Über diesen Zaun würde ich kein einziges Mal klettern“, erzählte Olav. „Ein Kumpel hat den Arsch voll Schrot gekriegt, noch ehe er überhaupt richtig drüben war. Ich kapier gar nicht, dass sie noch nicht tot ist“, meinte er und nickte zu Wendi hinüber. Dann wandte er sich an Lisa: „Er beobachtet deine Schwester bestimmt mit einem Nachtsichtgerät. El ist verrückt. Der bringt Leute für seine Äpfel um. Ich glaube, da kommt nicht mal Rambo ran. El ist sicher der Einzige, der Rambo besiegen kann.“
Die Sonne hatte Totalschaden und wir konnten Wendi nur noch mit Mühe und Not erkennen. Vor den dunklen Bäumen im Hintergrund. Sie bewegte ihre Arme. Löste eine Hand vom Rücken und griff in die Zweige. Wir hörten ein „Knack!“, als sie ihre Zähne in den Apfel pflanzte. Das gelbe Fruchtfleisch leuchtete. Der Apfelbissen sank in Wendis Bauch.
Nach dem dritten Biss hing Arnor am Zaun.
„Fuck“, sagte Olav leise. „Das hätte ich aber nicht gemacht.“
Arnor kletterte. Krallte seine Hände in den Maschendraht. Zog die Beine hinauf. Bezwang „die Mauer von Jericho“. Als er oben saß, wellte sich das Gitter und er sprang auf der anderen Seite hinunter. Landete direkt neben Wendi. Die beiden verschwanden in der Dunkelheit. Auf der anderen Seite des Zauns. Sein weißer Pullover erlosch.
„Er wird erschossen“, meinte Olav. „Alle mit weißen Klamotten werden erschossen.“
Wir übrigen gingen zum Abendkreis. Anscheinend vermisste keiner der Leiter Arnor. Und Wendi. Onkel Yngvar legte mit seiner Wandergitarre los, er gab den Ton an. Wir saßen mit den Nasen in den Gesangbüchern da und husteten, so gut wir konnten. „Halleluja, meine Seele ist frei“ kam dran und „Nur ein Tag“. Yngvar versuchte energisch die Versammlung mitzureißen, aber wir steckten nun seit fast zwei Tagen zusammen und viele konnten den Blick nicht von ihren Nachbarn abwenden. Da gab es lange Wimpern und lautes Kichern, Herzklopfen und Lungenentzündung. Die Kerzen brannten von unten nach oben ab und die Lampe über dem Kreuz leuchtete scharf und hell.
Onkel J. P. begann mit der Predigt und zehn Leute schliefen augenblicklich ein. Die nächtlichen Aktivitäten hatten zugenommen und man musste auf neue vorbereitet sein. Olav sank auf seinem Stuhl hinter einem Riesenkerl aus Sande ganz in sich zusammen. Mit der Mütze im Schoß und glatt herunterhängenden Haaren. Er starrte mit geschlossenen Augen an die Decke.
Onkel J. P. sprach über das Heilige. Gott war heilig. Das Heilige war etwas, dem wir nicht zu nahe kommen durften. Kam man ihm zu nahe, musste man sterben. Ich fühlte mich einen Augenblick lang genauso müde wie die alten Leute in der hintersten Reihe der Kirche bei mir zu Hause. Mir fielen die Augen zu.
Onkel Yngvar und Tante Elin brachten mit ein paar Tönen wieder Leben in die Versammlung. „Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth“. Dann kam der wirklich ernste Teil. Onkel J. P. sagte, dass alle, die wollten, dass für sie gebetet werde, vortreten könnten. Wir sangen ein paar ruhige Melodien und drei Mädchen mit schwerem Blick und vollkommen gleichen Zöpfen knieten sich vor J. P. Alle anderen taten, als sängen sie, während wir doch nur damit beschäftigt waren zu überlegen, was da vorn wohl vor sich ging. Die Rücken dreier kniender Mädchen.
„Letzte Chance“, verkündete Onkel J. P. ernst. Und alle atmeten auf.
Da stand plötzlich Ole Henrik auf und ging langsam nach vorn. Er wirkte so unglaublich friedlich. Seine Augen waren fast geschlossen und die Haare alle nach hinten gestrichen. Es schien, als bemerkte er keinen von uns, am wenigsten J. P. Er lächelte in die Luft, als ob er jemanden sähe, den er kannte. Dann kniete er sich hin und genau in dem Moment, als J. P. anfangen wollte zu beten, begann Ole Henrik plötzlich zu reden. Ziemlich laut und mit dem Rücken zu uns. Ein unverständliches Gebrabbel. Einige fingen an zu lachen, aber als sie den Ernst auf den Gesichtern der Leiter sahen, gelang es ihnen aufzuhören. Ole Henrik brabbelte weiter. Schaute zur Decke. J. P. guckte verwirrt zu.
„Das ist Zungenreden“, flüsterte Olav mir zu.
„Was?“ Ich war wie gelähmt.
„Dein Bruder redet in Zungen“, sagte Olav. „Geil, was?“
Ich begriff nichts.
„Er ist heilig“, erklärte Olav und warf mir ein schiefes Lächeln zu. Dann kicherte er leise. „Schade, dass Arild nicht hier ist. Er kennt so was. Ich habe das schon mal in einem anderen Ferienlager erlebt. Total crazy.“
Olav beugte sich über Lisa und grinste.
„Total crazy, man.“
Arnor kam gerade noch rechtzeitig ins Schülerheim zurück um sich als Letzter in die Zahnputzschlange schmuggeln zu können. Onkel J. P. guckte in unser Zimmer und zählte uns durch, als Arnor sich gerade die rote Bürste ins Maul schob. Olav stand als Erster in der Reihe. Er drückte seine Armmuskeln minutenlang gegen den fleckigen Spiegel. Holte tief Luft und presste die Unterarme unter die Rippen. Ole Henrik schüttelte den Kopf. Er rollte Arilds Bettzeug zusammen. Arnor sah mich an. Olav inspizierte ganz lautlos in der Ferne seine Ohrläppchen.
„Wir waren uns so nah“, flüsterte Arnor und zeigte es mir mit den Fingern. „Es fehlten wohl nur fünf Zentimeter.“
„Wieso nah?“, fragte ich.
Arnor hob eine Augenbraue. Sie klebte direkt unter seinem Haaransatz. „Wir haben uns bei der Hand gehalten. Unter den Bäumen. Tief drinnen im Apfelbaumgarten. Wir waren uns so nah, es fehlten wohl nur drei Zentimeter.“
„Drei Zentimeter“, wiederholte ich leise.
Olav putzte seine Zähne ohne Zahnpasta.
„Drei Zentimeter. Drei Zentimeter fehlten mir um Wendi zu küssen. Und dann stand El da.“
Olav putzte seine Zähne ohne Bürste mit der Zahnpasta auf dem Finger.
„Er hat nur die Vorhänge aufgezogen. Einen Riesenscheinwerfer angeworfen und wir standen da. Er hat ‚Licht!‘ gebrüllt und mit einer Lampe herumgefuchtelt. Da war es gelaufen, wenn du weißt, was ich meine. Wir sind wie die Blöden weggerannt“, sagte Arnor und schloss den Mund.
„Und El?“, fragte ich. „Hat er geschossen?“
„Nein. Hat er nicht. Ist nicht mal hinter uns hergerannt. Ich weiß nicht, wo er geblieben ist.“
Arnor zog die Bürste über die Lippen. Spiegelte sich in Olav. Arnor hatte Stacheln auf dem Kopf und einige Zentimeter extra im Nacken. Olav betrachtete seine Muskeln. Arnor ließ sich die Haare immer genau so kurz schneiden, dass es ihm gelang, sie zu Hause bei seinen Eltern mit Wasser zu legen. Sobald er aber aus der Tür war, kämmte er sie mit Gel nach oben. Seine Augen waren grün und er blinzelte nie. Olav legte sich leise ins Bett. Kroch mit einer Tüte Kartoffelchips in die Koje.
„Wendi“, flüsterte Arnor mir zu. „Ich fahre nicht nach Hause. Ich bleibe noch ein Jahr im gemischten Lager.“
Ich schüttelte den Kopf. Drehte mich um und sah direkt in Ole Henriks Augen. Sein Haar war zerwühlt, die Augen rot und der Nacken noch von Onkel J. P.s Hand gebeugt.
„Sag Mutter und Vater nichts von dem Abendkreis“, sagte Ole Henrik leise.
Arnor putzte sich die Zähne und murmelte etwas von drei Zentimetern.
„Nein?“
„Versprichst du das?“
„Ich verspreche es“, sagte ich und schob die Karte, die ich in der Sonntagsschule bekommen hatte, in seine Hand. Die mit Jesus und dem Schnee im Hintergrund. Sie war abgegriffen, aber es war das Beste, was mir einfiel.
„Das war blöd mit Arild“, sagte ich.
Ole Henrik nickte. Er legte die andere Hand auf meine Schulter, zwinkerte mit beiden Augen und verschwand in seinem Hochbett. Ole Henrik war heilig und hatte ab und zu die größte Gewitterwolke der Welt in seinem Blick. Das war ziemlich viel auf einmal.
Niemand versuchte „die Mauer von Jericho“ zu überwinden. Irgendwie fehlte die Stimmung dafür. Arnor strahlte Zufriedenheit aus. Als wüsste er, was er in ein paar Wochen zum Geburtstag bekommen würde. Er strich sich über die Lippen. Seine Ohren waren an den Rändern ganz rot und standen wie zwei Warndreiecke zu beiden Seiten ab.
„Das traut sich bestimmt sonst keiner“, sagte Olav und schlief ein.
Ich war überzeugt davon, dass Wendi und Lisa nicht Wand an Wand mit mir lagen. Da lag sicher nur so eine langweilige Viertklässlerin aus Holmestrand mit roten Haaren und dicker Brille.
Und es wurde Nacht und es wurde Morgen am dritten Tag.
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