Kitabı oku: «Wassergeld»

Yazı tipi:

Harald Schneider

Wassergeld

Palzkis vierter Fall

Zum Buch

LAND UNTER Weihnachtszeit in der Vorderpfalz. Ausgerechnet während der Weihnachtsfeier der Kriminalinspektion Schifferstadt wird Katastrophenalarm ausgelöst: Bei Altrip wurde der schmale Deich durch eine Explosion beschädigt. Teile des riesigen, direkt am Rhein gelegenen Campingplatzes „Auf der Au“ sind überflutet. Glücklicherweise gibt es nur wenige Verletzte, da sich kurz vor Weihnachten kaum noch Menschen auf dem Platz befinden.

Doch dann kündigt ein Erpresserbrief mit einer Forderung in Millionenhöhe weitere Attentate an. Und als Kommissar Reiner Palzki auch noch ein toter Schiffsführer auf dem Gelände der Schifffahrtsgesellschaft Rheingüter GmbH im Ludwigshafener Kaiserwörthhafen gemeldet wird, droht die Lage zu eskalieren. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt …

Harald Schneider, Jahrgang 1962, lebt in Schifferstadt in der Metropolregion Rhein-Neckar. Der Betriebswirt arbeitet in einem Medienkonzern im Bereich Strategieplanung. Bekannt geworden ist er als Autor von Rätselkrimis und Detektivgeschichten für Kinder und Jugendliche. Seit 2008 veröffentlicht er auch Kriminalromane für Erwachsene. „Wassergeld“ ist der vierte Band seiner Serie um den beliebten Schifferstadter Kommissar Reiner Palzki.

Impressum

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung / Korrekturen: Daniela Hönig /

Doreen Fröhlich, Katja Ernst

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: aboutpixel.de /

hitzacker XI © Sven Brentrup

ISBN 978-3-8392-3492-1

Karte


Vorbemerkung

Du glaubst die ganze Welt ist dein,

Es lacht der Mund zu jeder Stund,

das kranke Herz, es wird gesund;

Komm, ich lade dich ein:

Einmal zum Rhein!

Willi Ostermann

*

Für die Mitarbeiter der Wasserschutzpolizei Ludwigshafen

*

Im Anhang befinden sich die vier Gewinnergeschichten des Rheinpfalz-Leo-Sommerkrimiwettbewerbs 2009.

1. Die Weihnachtsfeier

Es hätte so ein schöner Tag werden können.

Meine letzten irdischen Atemzüge hatte ich mir angenehmer vorgestellt. Seit Minuten rang ich verzweifelt um eine lebensnotwendige Mindestmenge an Sauerstoffmolekülen. Mein Röcheln und Stöhnen schien niemand zu bemerken. Trotz winterlicher Temperaturen lief mir der Schweiß in Bahnen über die Schläfen. Mit letzter Kraft konnte ich meinen Kopf nach rechts drehen: Würde sie sich erbarmen und mich vor dem Erstickungstod bewahren? Hatte sie überhaupt begriffen, dass ich gerade eine Nahtoderfahrung durchmachte? Verzweiflung stieg in mir hoch, als sie nur ärgerlich den Kopf schüttelte.

»Mensch, Reiner«, knurrte meine Frau Stefanie. »Einmal im Jahr werde ich wohl von dir verlangen dürfen, dass du eine Krawatte anziehst.«

Mit meinem linken Zeigefinger versuchte ich, meinen Kehlkopf von dem unsagbaren Druck zu befreien und keuchte ihr entgegen: »Bei Pauls Taufe wäre ich fast über den Jordan gegangen!«

Stefanie schüttelte erneut, immer noch recht verärgert, den Kopf. »Paul ist inzwischen sieben, falls du das vergessen hast. Es ist beschämend, dass man einem Mann, der bald 50 Jahre alt wird, die Krawatte binden muss, weil er das nicht selbst fertigbringt.«

Aufgebracht erwiderte ich: »Jetzt übertreib mal nicht so schamlos. Bis zu meinem 50. dauert es noch eine Weile. Außerdem werden Männer nicht alt, sondern nur reif.«

»Dann lerne endlich Krawatten zu binden, das hat nämlich auch etwas mit Reife zu tun«, konterte sie bissig. »Du hast deine Krawatte jetzt seit zehn Minuten an, andere Männer tragen sie den ganzen Tag.«

Schicksalsergeben konzentrierte ich mich wieder auf den Straßenverkehr. Meine Frau und ich waren unterwegs zur Weihnachtsfeier der Schifferstadter Kriminalinspektion. Die Feiern in den vergangenen Jahren waren immer recht ausgelassen gewesen. Nicht selten zogen wir zu später Stunde, tanzend auf den Bierzelttischen, in unserem Sozialraum eine wilde AC/DC-Party ab. Seit diesem Jahr war damit Schluss. Als ehemaliger kommissarischer Dienststellenleiter habe ich ungefragt einen neuen Chef vor die Nase gesetzt bekommen. Kriminaloberrat Klaus Pierre Diefenbach, der wegen seiner Initialen von allen nur KPD genannt wurde, war wegen einiger Verfehlungen vom Ludwigshafener Präsidium nach Schifferstadt aufs Land strafversetzt worden. Seit er das Regiment übernommen hatte, ist nichts mehr, wie es war. Sein Leitspruch war ›Ein Chef, der bewundert wird, ist ein guter Chef‹. Er wurde zwar mit Sicherheit von niemandem bewundert, bildete sich allerdings stets das Gegenteil ein. Zum Fiasko entwickelte es sich, als bekannt wurde, dass KPD ein wahrhaftiger Gourmet war und eine Haute Cuisine für ihn Mindeststandard bedeutete. So kam es, dass alle seine Untergebenen einen Knigge- und Kochkurs aufgebrummt bekamen, damit auf KPDs Weihnachtsfeier nichts schiefging. Sämtliche Bürgermeister des Landkreises, den Landrat und ein halbes Heer an Journalisten hatte er in das Dreisternerestaurant Tullas Erben nach Limburgerhof eingeladen. Für uns bedeutete das neben der mörderischen Anzug- und Krawattenpflicht eine mindestens zweistündige Selbstbeweihräucherungsrede von KPD.

Selbstverständlich freute ich mich, dass Stefanie neben mir saß. Heute Mittag hatte meine Schwiegermutter unsere beiden Kinder Paul und Melanie mit zu sich nach Frankfurt genommen. Erst übermorgen, am Sonntag, wird sie die beiden zurückbringen. Stefanie, die seit zwei Jahren von mir getrennt lebte, blieb dieses Wochenende bei mir. Wir freuten uns auf zwei ruhige und entspannte Tage. Es galt, Zukunftspläne zu schmieden. Kurzfristige – denn in einer knappen Woche begannen die Weihnachtsferien, sowie mittelfristige – denn Stefanie war im fünften Monat schwanger. Ich war mindestens so glücklich wie Stefanie. Selbst die mangelhafte Sauerstoffzufuhr konnte daran nichts ändern. Im neuen Jahr würde Stefanie wieder nach Schifferstadt ziehen. Der genaue Zeitpunkt war noch unklar, denn für Paul und Melanie war der Umzug mit einem Schulwechsel verbunden. Ins Auge gefasst hatten wir im Moment Anfang Februar, unmittelbar nach den Halbjahreszeugnissen.

Das Restaurant, das ich in meinem bisherigen Leben noch nie betreten hatte, tauchte im diffusen Scheinwerferlicht auf. Es war kurz vor 19 Uhr und fast stockdunkel. Ein feiner Nieselregen hing seit Stunden in der Luft und dämpfte das Licht der wenigen Straßenlaternen. Dieses ungemütliche Bild entsprach dem typischen Winter in der Rheinebene: nass, matschig, eklig. Wer hier kein Rheuma bekam, dem war nicht mehr zu helfen.

Als hätte ich es im Kniggekurs gelernt, hob ich den Regenschirm über meine Frau, während wir durch eine Pfützenlandschaft auf das Restaurant zugingen. Stefanie überprüfte nochmals den Sitz meines Anzugs und meinte süffisant: »Bis auf den Taillenbereich passt der noch ganz gut!«

Glücklicherweise erspähte ich in diesem Augenblick meinen Lieblingskollegen Gerhard Steinbeißer. Seine weibliche Begleitung stellte er uns als Katharina vor. Stefanie und ich waren uns mit einem Blick einig, dass wir diesen Namen nicht in unserem Langzeitgedächtnis abspeichern bräuchten. Gerhard genoss sein Leben und seine Lebensabschnittsgefährtinnen wechselten regelmäßig.

Der große Nebensaal des Restaurants war weihnachtlich geschmückt. Sicherlich hatte KPD bei der Auswahl der Accessoires lange geplant. Mich berührten solche Details nicht im Geringsten, nur durch deren immense Vielfalt fielen sie mir heute überhaupt auf. Für mich lautete die wichtigste Frage des Abends: ›Wird es Bier geben oder nur Wein?‹

»Wollen wir wetten, wie lange KPDs Rede dauern wird?«, unterbrach mich Gerhard bei meinen existenziellen Gedankengängen.

»Ich habe gedacht, dass aus unserer Dienststelle niemand mehr mit mir wetten will, hat sich daran etwas geändert?«

Während Gerhard laut herausprustete, sah mich Stefanie fragend an. »Warum will niemand mehr mit dir wetten?«

»Also, das ist so, Stefanie. Auf der Dienststelle werden bei wichtigen Ereignissen wie zum Beispiel Fußball-Länderspielen kleine Einsätze verwettet. Und du weißt ja, dass ich es mit Fußball nicht so habe. Jedenfalls war es bei der letzten Europameisterschaft. Jeder setzte einen Euro auf seinen persönlichen Titelfavoriten. Na ja, ich habe halt auf Brasilien als Titelgewinner gesetzt.«

»Auf Brasilien?«, unterbrach mich Stefanie verwundert.

»Ja ja, genau. Als Begründung gab ich an, dass man auch mal einem Außenseiter eine Chance geben sollte.«

Als Stefanie mich sprachlos anstarrte, ergänzte ich: »Seitdem habe ich bei meinen Kollegen Ruhe mit dem ganzen Fußballzeug.«

»Er hat sich damit als erstklassiger Fußball- und Geografiespezialist geoutet«, warf Gerhard ein. »Wir haben ziemlich lange darüber gelacht.«

Ein zartes Glöckchenbimmeln ließ uns aufhorchen. Erst jetzt in der eintretenden Stille überflog ich die anwesenden Personen. In der vorderen Hälfte des Saales mit direkter Anbindung an das gewaltigste Buffet, das ich je gesehen habe, saß die geladene Prominenz. Personenmäßig schien sie mächtiger zu sein als die Gruppe der Beamten, die an den hinteren Tischen Platz genommen hatte.

Das Glöckchen bimmelte ein zweites Mal. KPD, dessen Anzug wahrscheinlich mehr gekostet hatte als mein letzter Urlaub, stand auf. Zwei Restaurantmitarbeiter schleppten ein Stehpult herbei. Unser Dienststellenleiter beugte sich etwas vor und wuchtete einen schweren Packen Papier aufs Pult. Den vorderen Teil der Anwesenden, der gerade begonnen hatte, zu applaudieren, schien das Redemanuskript zu schockieren: Der Applaus erstarb binnen einer Zehntelsekunde. Das nicht Beifall klatschende Fußvolk, zu dem ich selbst zählte, dachte geschlossen an Fahnenflucht.

Unser Chef hatte davon nichts bemerkt. Er zelebrierte ein Lächeln, das sogar seine Weisheitszähne freilegte.

»Liebe Anwesende«, begann er seine Ansprache. »Bevor ich im ersten Teil meiner Rede die geladenen Gäste kurz vorstelle, möchte ich mich für Ihr zahlreiches Kommen bedanken. Wie Sie bestimmt …«

Weiter kam er nicht. Direkt vor dem Restaurant hatte irgendjemand ein Sondersignal eingeschaltet. Das Martinshorn übertönte KPDs Rede mit Leichtigkeit. Mein Kollege Gerhard schaute mich feixend an, so als wäre ich der Urheber dieses Coups. Alle Kollegen amüsierten sich nach Kräften, nur unser lieber Vorgesetzter war außer sich. Er tobte mit hochrotem Kopf. Eines stand fest: Für dieses Attentat würde mindestens ein Kopf rollen.

»Da hat einer vom Schichtdienst eine wirklich klasse Idee gehabt«, brüllte Gerhard zum Nachbartisch. »Der hat jedenfalls einen Orden verdient.«

Was jetzt passierte, war fast unglaublich. Zwei Kollegen in Uniform – zur Fraktion der wenigen Glücklichen gehörend, die von der Teilnahme an der Weihnachtsfeier befreit waren – stürmten in den Saal. Der Chef persönlich stapfte auf sie zu, als wollte er sie allein mit der Kraft seiner Gedanken ungespitzt ins Parkett hauen. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis die beiden armen Beamten zu Wort kamen. KPDs Gesichtsausdruck änderte sich blitzartig in eine Schreckensmiene. Er stand wie versteinert, unfähig zu reagieren. Die zwei Kollegen, im Umgang mit spontanen, polizeilichen Aktionen trainiert, übernahmen das Kommando. Einer schrie, um gegen das immer noch aktive Sondersignal anzukommen, in den Saal: »Alle Beamten haben sich sofort in der Dienststelle einzufinden. Vor ein paar Minuten wurde Katastrophenalarm ausgelöst. Südlich von Altrip ist der Deich gebrochen. Feuerwehr, Technischer Hilfsdienst, Sanitätsdienst und andere Organisationen sind ebenfalls alarmiert. In unserer Dienststelle in Schifferstadt wird die zentrale Einsatzleitung installiert. Alles Weitere erfahren Sie dort in 20 Minuten. Bitte beachten Sie: Hier handelt es sich nicht um die versteckte Kamera!«

Die beiden Beamten verließen den Saal und wenig später wurde das Sondersignal leiser. KPD stand immer noch mit offenem Mund da, während mehrere der prominenten Gäste, vermutlich die Bürgermeister aus

Altrip und den umliegenden Gemeinden teils mit, teils ohne Partner, aus dem Saal stürmten. Und auch wir, die eben in Dienst gesetzten Beamten, liefen bereits, jedoch ohne eine Panikstimmung zu verbreiten oder den schmalen Ausgang zu verstopfen, zu unseren Wagen. Gerhard hatte mir sofort angeboten, bei ihm mitzufahren, wenn Stefanie seine Katharina zu Hause abliefern würde. Meine Frau nickte zustimmend. Nach einem kurzen Abschiedskuss war die Weihnachtsfeier Vergangenheit. Und noch bevor wir den Parkplatz erreicht hatten, gehörte dieser auch meine Krawatte an.

2. Poldergeist

Das Wetter war noch unangenehmer geworden, da der Nieselregen in einen heftigen Graupelschauer übergegangen war. Diese angefrorenen Wassertröpfchen, die es bei uns in der Rheinebene bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt recht häufig gab, raubten jedem recht schnell die Orientierung. Mir war es egal, Gerhard fuhr.

Mein Kollege trommelte nervös auf dem Lenkrad herum. »Das hatte ja irgendwann einmal passieren müssen.«

»Was hätte irgendwann einmal passieren müssen?«, wiederholte ich fragend.

»Na, dass ein Deich bricht. Rund um Altrip gibt’s immerhin ein paar Kilometer von diesen Dingern. Und wie du wissen solltest, haben wir seit zwei Wochen steigendes Hochwasser, die Hochwassermarke 1 wurde gestern erreicht. Wenn das so weitergeht, und danach sieht es aus, wird in den nächsten Tagen auf dem Rhein die Schifffahrt eingestellt.«

»Das verstehe ich nicht. Die Deiche sind doch für das Hochwasser da. Oder habe ich in der Schule etwas verpasst?«

Gerhard zog sich seine Krawatte ebenfalls aus. »Ja, das stimmt schon. Aber eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Gerade die Altriper Gegend bis hin nach Waldsee und Rheingönheim ist bei Hochwasser immer potenziell gefährdet. Denke nur an das Jahr 1999. Da waren wir nahe dran, große Teile des Gebietes zu evakuieren, weil das Hochwasser an mehreren Stellen überschwappte, beziehungsweise von unten das Druckwasser in die niedrig gelegenen Felder drückte. Und das sogar ohne einen Deichbruch.«

Ich konnte mich gut daran erinnern. Äcker und Waldgebiete waren teilweise nur noch per Boot zu erreichen. Altrip, das im Innern eines Rheinknicks lag, war fast komplett von Wasser umgeben. Südlich und westlich von Altrip lagen mehrere Campingplätze von gigantischen Ausmaßen, zehntausende Camper konnte man hier jeden Sommer zählen. Aus polizeistatistischer Sicht waren diese Leute eine Katastrophe. Nicht nur, dass sich durch sie die Einwohnerzahl des Landkreises im Sommer beträchtlich erhöhte, es wurden hier stets überproportional viele Straftaten von Eigentumsdelikten bis hin zur Körperverletzung aktenkundig. Im Grunde müssten wir in der warmen Jahreszeit mehrere Beamte vor Ort nur für diese Camper abstellen, was personalpolitisch nicht durchzusetzen war.

Ich winkte ab. »Solange es nur Sachschaden gibt, ist mir der Deichbruch allemal lieber als die Weihnachtsfeier. Ein Abend ohne KPD ist ein guter Abend.«

Der Parkplatz unserer Inspektion war bereits gut gefüllt. Der Sozialraum noch viel mehr. In der Eile hatte man einfach die Stühle an der Rückseite gestapelt, um mehr Personen stehend in dem Raum unterbringen zu können. Hier trafen wir auch auf unsere Kollegin Jutta Wagner. Jutta war unser guter Geist, der alle Besprechungen organisierte und Protokoll führte. Ihr Organisationstalent war fulminant. Auch sie war eine der Glücklichen, die von der Weihnachtsfeier befreit war. Von KPD selbst wurde sie für diese Schicht zum Polizeiführer vom Dienst der Schifferstadter Kriminalinspektion befördert. Er hätte keine bessere Wahl treffen können. Jutta schien Frau der Lage zu sein. Die komplette Vorderfront inklusive der Fensterscheiben des Sozialraums war mit Flipchartpapier beklebt. Als sie uns erkannte, winkte sie kurz. Mehr Zeit blieb ihr nicht, da mehrere Personen gleichzeitig auf sie einredeten.

Es war chaotisch. Zwischen den Polizeibeamten der Kripo und unseren Kollegen von der Schutzpolizei wuselten leitende Rettungssanitäter, Feuerwehrleute und Leute von der Katastrophenschutzbehörde herum. Gerhard und ich hatten uns ins hintere Eck verdrückt. Dort gab es einen kleinen Nebenraum mit einer eingerichteten Teeküche. Mein Kollege hätte am liebsten sofort seinen geliebten Sekundentod angerührt, der sich aus annähernd 100 Prozent Kaffeepulver und einer homöopathischen Dosis Wasser zusammensetzte. Zu meinem Glück waren andere Kollegen schneller gewesen und hatten einen normalen Kaffee gekocht.

»Meine Damen und Herren«, vernahmen wir aus dem Sozialraum die Stimme unserer Jutta. Wir verließen die Küche und sahen, dass inzwischen per Beamer ein Luftbild der Altriper Region auf eine Leinwand übertragen wurde.

»Bevor wir zu den Einzelheiten kommen«, begann Jutta ohne Begrüßung, »zeige ich Ihnen zunächst die räumlichen Gegebenheiten auf dem Luftbild.« Mit einem Laserpointer deutete sie auf Altrip. »Sie sehen hier den Rhein, der von Süden kommend direkt hinter dem ufernahen linksrheinischen Altrip um 90 Grad nach Westen abknickt. Altrip ist über zwei Kreisstraßen zu erreichen. Einmal ist es die Kreisstraße 7 von Ludwigshafen, die in West-Ost-Richtung verläuft, zum anderen ist es die Kreisstraße 13, die vom südlich gelegenen Waldsee nördlich nach Altrip führt. Beide Straßen verlaufen mehr oder weniger parallel zum Rhein.«

Unsere Kollegin fuhr die Kreisstraßen mit ihrem Laserpointer nach. Das ganze Gebiet hatte etwa die Ausmaße eines Quadrates mit sechs Kilometer Kantenlänge. Nördlich und östlich bildete der Rhein die Grenze, im Süden lag Waldsee, im Westen Neuhofen und im Nordwesten der Ludwigshafener Stadtteil Rheingönheim. Das Ganze war ein großes Naturschutzgebiet, zumindest wenn man die hohe Besiedlungsdichte der Rheinebene als Maßstab berücksichtigte.

»Auf halber Strecke zwischen Waldsee und Altrip befindet sich der Campingplatz ›Auf der Au‹. Er liegt fast komplett westlich der K13. Östlich der K13, also auf der anderen Straßenseite, befinden sich ein paar weitere Parzellen sowie der einen Kilometer lange Marx’sche Weiher. Dieser Weiher ist im Osten durch einen Deich vom Otterstadter Altrhein beziehungsweise dem Rhein getrennt.«

Selbst von hinten konnten wir gut erkennen, dass der Otterstadter Altrheinarm just an dieser Stelle in den Rhein mündete.

Jutta sprach weiter. »Dieser Deich ist an drei Stellen gebrochen. Das Rheinwasser strömt seit etwa einer Stunde direkt in das Gebiet des Marx’schen Weihers. Das Tragische dabei ist Folgendes: Durch Druckwasser hat der oberirdisch autarke Weiher nach ein paar Tagen annähernd den gleichen Wasserstand wie der Rhein. Aus diesem Grund sind seit drei Wochen die etwa 100 Campingplätze rund um den Marx’schen Weiher geräumt. Doch das reicht nicht mehr. Die K13, die den Marx’schen Weiher von der großen Campingplatzanlage trennt, liegt geringfügig tiefer als der Deich und ist in der Stabilität nicht mit einem solchen vergleichbar. Das bedeutet, bedingt durch den plötzlichen Wasserdruck, ist jederzeit damit zu rechnen, dass der Campingplatz mit seinen 3.600 Parzellen überschwemmt wird. Unsere erste Aufgabe ist daher, die Anlage zu evakuieren. Wir rechnen zu dieser Jahreszeit mit höchstens 1.000 Bewohnern. Allerdings werden einige dieser Zeitgenossen und auch die, die gerade nicht dort wohnen, versuchen, ihre Campingwagen in Sicherheit zu bringen. Sie werden unseren Rettungskräften die Evakuierungswege verstopfen. Es ist folglich mit aggressivem Verhalten zu rechnen. Ein Notlager für die Camper wird zurzeit in der Sommerfesthalle Waldsee errichtet, die technische Einsatzleitung wird bei uns in Schifferstadt installiert. Der Landrat als erster Ansprechpartner für Katastrophen-Notfälle hat dafür grünes Licht gegeben. Funk für alle beteiligten Dienste wird in einer Stunde zur Verfügung stehen, die Relais werden gerade geschaltet. Von der Situation an den Deichbruchstellen liegen uns keine verwertbaren Informationen vor. Ob es Verletzte gibt, wissen wir auch noch nicht. Es ist bei den momentanen Licht- und Wetterverhältnissen sehr schwierig, an die betreffenden Stellen zu kommen.«

Jutta hatte die Situation im Griff. Fast so, als hätte sie Wochen Zeit gehabt, alles zu planen. Nachdem sämtliche Schritte für die Evakuierung besprochen waren, strömten die operativen Einsatzleiter der verschiedenen Organisationen zu ihren Einsatzorten und den dort wartenden Mitarbeitern in das Katastrophengebiet. Es waren jetzt noch etwa 20 Personen anwesend, für die in aller Eile Schreibtische, Computer und weitere Hilfsmittel angefahren wurden. Für Katastrophenfälle wurden in fast jedem Landkreis für die zentrale Kommunikation und Abstimmung die entsprechenden Geräte und Utensilien bereitgehalten. Da die Lagerung sowie weitere Details dieser vorbeugenden Maßnahme als VS-nfD, also als ›Verschlusssache – nur für den Dienstgebrauch‹, galten, darf ich die Einzelheiten nicht näher beschreiben.

Als stellvertretender Dienststellenleiter der Kriminalpolizei und aufgrund der Tatsache, dass KPD mutmaßlich noch weinend vor seinem Buffet in dem Restaurant stand, wäre es meine Aufgabe gewesen, die Kollegen zu koordinieren und in den Kampf mit den Campern zu schicken. Auch wenn für diese Dinge normalerweise die Schutzpolizei zuständig war, in solchen Notsituationen galt die Trennung als aufgehoben. Jeder Mann und auch jede Frau konnte gebraucht werden.

Ich kann meine Kollegin Jutta nicht häufig genug loben. Trotz des unsäglichen Stresses, den sie in der letzten Stunde erlitten hatte, kam sie lächelnd auf mich zu. »Ich denke, dir ist es nicht unangenehm, dass ich Jürgen beauftragt habe, die Koordination mit uns und der Schutzpolizei zu regeln. Du kannst folglich direkt mit Gerhard losfahren und dir ein Bild von der Lage vor Ort machen. Es wäre gut, wenn ihr beide euch zu den Stellen der Deichbrüche begeben könntet, wir haben zur Stunde immer noch kein klares Bild, wie es dort aussieht. Der Bagger, der als Erstes losgeschickt wurde, ist im Schlamm stecken geblieben. Das THW ist unterwegs, um das Gebiet auszuleuchten. Leider ist die Funkverbindung abgebrochen. Irgendwie scheint dort der Wurm drin zu sein.«

Gerhard und ich machten uns auf den Weg. Wir fuhren direkt in den Weltuntergang hinein. Zu dem Graupelregen war inzwischen ein ziemlich starker Wind gekommen. Das Mondlicht hatte nicht den Hauch einer Chance. Waldsee war wie ausgestorben. Das einzige Lebenszeichen waren die Glockenschläge einer Kirche, die martialisch verstärkt durch die Dunkelheit bellten. Am Ortsausgang wurde es plötzlich hell. Das Technische Hilfswerk hatte schnell reagiert und auf dem großen Parkplatz vor der Sommerfesthalle eine Flutlichtanlage installiert. Wir fuhren ohne anzuhalten weiter. Ein paar Meter weiter war die Straße gesperrt. Gerhard ließ seine Scheibe herunter. Bevor er etwas sagen konnte, wurde er bereits angeschnauzt: »Können Sie nicht lesen? Die Straße ist gesperrt. Sie dürfen hier nicht weiter.«

Dem Kollegen von der Schutzpolizei war deutlich seine Frustration anzumerken, bei diesem Wetter auf Posten stehen zu müssen. Wahrscheinlich musste er alle paar Minuten Camper zum Umdrehen bewegen, die noch schnell ihren Wagen von der Parzelle retten wollten. Gerhard zeigte ihm den Dienstausweis und der Kollege von der Straßensperre ließ uns passieren.

Die kurvenreiche Strecke war nicht angenehm zu befahren. Als wir in die Nähe des Campingplatzes kamen, ließ der Graupel etwas nach. Dadurch erhöhte sich die Sichtweite auf mindestens 50 Meter.

»Halt an«, sagte ich hastig zu Gerhard. »Schau mal nach links, da bewegt sich etwas.«

Unsere Augen benötigten einen Augenblick, um das Wohnmobil auszumachen, das kurz vor der Mündung zur Kreisstraße diagonal in einem Nebenweg festzustecken schien. Eine Person, eingehüllt in einen fledermausartigen Regenumhang, machte sich an einem der Vorderräder zu schaffen.

Gerhard parkte am Straßenrand, um die Rettungs- und Evakuierungskräfte nicht zu behindern. Bevor wir ausstiegen, schaltete er das Warnblinklicht ein. Unsere Neugier wurde sofort bestraft. Bereits mit dem ersten Schritt auf den nicht befestigten Nebenweg sanken wir knöcheltief ein. Die Situation erinnerte mich an den Schlamm im Rheingönheimer Wildschweingehege, in dem wir im Sommer einen toten Erntehelfer fanden. Die unbekannte Person im Fledermaus­cape war dabei, Fußmatten unter die Vorderräder zu legen, um ein Durchdrehen der Antriebsachse zu vermeiden. Sie bemerkte uns erst, als wir unmittelbar vor ihr standen. Mit der Taschenlampe, die ich aus Gerhards Dienstwagen mitgenommen hatte, leuchtete ich in das wild zuckende Gesicht von Doktor Metzger. Ausgerechnet hier musste uns dieser Notarzt über den Weg laufen.

»Was soll das?«, maulte er uns an. Seine langen feuerroten Haare fielen seitlich aus dem Regenumhang. »Nehmen Sie die Lampe weg, Sie blenden mich.«

»Guten Abend, Herr Doktor Metzger. Was machen Sie denn hier?«

Metzger schaute mich verwirrt von oben bis unten an. »Ach, Sie sind’s, Herr Palzki. Kommen Sie gerade von einem Kostümfest? Ich habe Sie noch nie in einem Anzug gesehen. Denken Sie, dass dies das richtige Outfit bei dieser Witterung ist?« Er stimmte in sein mir hinlänglich bekanntes Frankensteinlachen ein. »Was ist eigentlich da drüben los?« Er zeigte in Richtung Marx’scher Weiher, der allerdings von unserem Standort aus nicht zu sehen war. »Zuerst diese Explosionen, dann jede Menge Feuerwehr und der THW, jetzt sogar Sie. Ist mal wieder jemand über die Wupper gegangen? Ich meine natürlich über den Rhein!« Wieder dieses unmenschliche Lachen.

»Welche Explosionen?«, riefen Gerhard und ich fast synchron.

»Woher soll ich das wissen? Das ist schon fast zwei Stunden her. Erst dachte ich an ein Feuerwerk. Aber um diese Jahreszeit in dieser Gegend?«

»Was ist genau passiert?«

»Es hat halt gekracht. Mensch, Palzki, irgendetwas hat da fürchterlich geknallt. Zweimal, dreimal, keine Ahnung. Ich konnte nicht nachschauen gehen, ich hatte noch einen Kunden.«

Einen Kunden? Ich erschrak. Mit Kunden meinte Doktor Metzger üblicherweise Patienten. Ich vermutete eher Selbstmordkandidaten.

»Wo waren Sie, als Sie diese Explosionen gehört haben?«

»Na hier, in meiner mobilen Klinik. Bei dem Sauwetter gehe ich doch nicht freiwillig nach draußen.«

Ich starrte das Reisemobil an. »Wie nannten Sie das? Eine mobile Klinik?«

»Ja, ja«, nickte Metzger eifrig. »Wussten Sie nicht, dass ich hier wohne und arbeite?«

»Wie bitte? Sagen Sie jetzt bloß nicht, dass Sie hier Ihren Hauptwohnsitz haben und Ihre sogenannten kleinen Operationen in diesem Gefährt durchführen.«

»Doch, Herr Palzki, Sie haben es schon richtig verstanden. Ist selbstverständlich alles legal. Auch ein Gewerbe habe ich angemeldet. ›Mobile Gesundheitsberatung und Prophylaxe – Doktor Metzger‹. Die Geschäfte laufen gut. Selbst im Winter bin ich so gut wie ausgebucht. Auf dem Campingplatz gibt es immer etwas zu tun. Von kleinen Messerstechereien über Blinddarm bis zum Bypass. Das volle Programm eben.«

Ich musste unbeschreiblich dämlich aus der Wäsche geschaut haben. »Sie wollen doch nicht etwa sagen, dass Sie in diesem Wohnmobil als Arzt praktizieren? Dafür gibt’s doch mit Sicherheit keine Genehmigung!«

»Na ja, wie man es nimmt, Herr Palzki. Eine stationäre Arztpraxis würde hier mit Sicherheit nicht genehmigt werden. Meine mobile Gesundheitsberatung ist eine Marktlücke. Und eine Gesetzeslücke zugleich. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Sie wohnen doch in Schifferstadt im Neubaugebiet. Versuchen Sie dort einmal, eine Baugenehmigung für eine kleine Holzhütte zu bekommen. Das ist fast aussichtslos. Und wenn Sie es dennoch versuchen wollen, dann müssen Sie mithilfe eines Architekten einen förmlichen Bauantrag stellen, selbstverständlich mit Statik und Pipapo. Wenn Sie auf Ihr Grundstück aber einen Bauwagen stellen und ihn als Gartenhaus nutzen, brauchen Sie nichts dergleichen, solange Sie die Räder dranlassen. Dann ist es keine Immobilie, sondern ein Fahrzeug. Genauso ist es hier. Meine mobile Gesundheitsberatung ist genehmigt. Wenn mein Reisemobil an 360 Tagen im Jahr auf meiner Parzelle des Campingplatzes steht, ist das folglich in Ordnung. Ich kann ja, wenn ich will, jederzeit wegfahren. Somit ist das durchaus gesetzeskonform.«

Das war unglaublich harter Tobak für mich. »Sie haben tatsächlich eine Erlaubnis, in Ihrem Fahrzeug Operationen durchzuführen?«

Ich bemerkte, dass ich einen wunden Punkt getroffen hatte. Metzger wandte sich und war verlegen. Schließlich antwortete er: »Ich muss zugeben, manches lege ich durchaus individuell aus. Prophylaxe bedeutet für mich auch so etwas wie Vorbeugung gegen den Tod. Daher sehe ich Operationen als legitime Prophylaxe an. Als ehemals zugelassener Arzt darf ich selbstverständlich in Notfällen operieren. Alles andere wäre ja unterlassene Hilfeleistung. Bisher ging es in den meisten Fällen übrigens gut aus.« Und wieder das eklige Lachen.

Ich konnte es nicht fassen. Während mir das eben Gehörte durch den Kopf ging, erkundigte sich mein Kollege Gerhard: »Herr Doktor Metzger, wohin sind Sie eigentlich unterwegs? Die Evakuierung betrifft nur die sich hier aufhaltenden Menschen, Wohnwagen dürfen nicht mitgenommen werden.«

»Welche Evakuierung?«, fragte der Notarzt erstaunt. »Davon ist mir nichts bekannt. Ich habe einen Termin in Speyer bei einem Stammkunden, der von einer Leiter gefallen ist. Soll nichts Dramatisches sein, aber dummerweise bin ich in das Schlammloch reingefahren. Bei jedem Hochwasser die gleiche Scheiße. Das Grundwasser drückt nach oben und alles wird matschig. Ich überlege schon länger, meine Parzelle zurückzugeben und mich woanders niederzulassen. Und da bin ich nicht der Einzige auf diesem Platz, über 700 Stellplätze sind bereits unbesetzt. Sogar ein paar Bauern aus der Umgebung wollen ihr Gelände verkaufen, Angebote haben sie schon vorliegen. Wenn Sie mich fragen, würde ich das genauso machen, jetzt, nachdem der Polder gebaut wird. Irgendwann ist das alles ein riesengroßer See.« Metzger schimpfte noch ein Weilchen weiter, bevor ihm ein anderer Gedanke kam. »Äh, Sie haben von einer Evakuierung gesprochen. Klären Sie mich mal auf. Was ist denn passiert? Hat es mit den Explosionen zu tun?«

»Das könnte gut sein«, antwortete ich. »Der Deich ist an mehreren Stellen gerissen. Im Moment läuft der Marx’sche Weiher voll und wir rechnen damit, dass danach dieser Campingplatz dran ist.«

»Scheiße!«, schrie Metzger. »Mensch, gehen Sie mal zur Seite, ich muss mit meinem Reisemobil auf die Straße.«

Das hätten wir besser sein lassen. Der Arzt setzte sich hinter das Lenkrad und gab vorsichtig Gas. Gerhard und ich betrachteten die Befreiungsversuche von einer Seite des Wohnmobils aus. Es kam, wie es kommen musste. Die Vorderräder ruckelten über die Fußmatten, um danach erneut in den schlammigen Untergrund zu rutschen. Dreckfontänen spritzten uns entgegen und sauten uns, und was noch schlimmer war, unsere Anzüge ein. Auweia, das würde Ärger mit Stefanie geben. Doktor Metzger drückte gefühllos das Gaspedal nieder, was normalerweise ein tieferes Einsinken zur Folge gehabt hätte. Er hatte Glück. Unter dem Schlamm, der zum Großteil auf uns niedergegangen war, befand sich fester Untergrund. Metzgers Wohnmobil machte einen erneuten Satz und befand sich wieder auf dem Weg. Hupend und durch das Seitenfenster winkend fuhr er davon. Zwei Päckchen Taschentücher für unsere Säuberung waren alles, was Gerhard in seinem Dienstwagen fand.

Inzwischen war der Graupel wieder in Regen übergegangen. Im Schritttempo fuhren wir weiter in Richtung Altrip. Wir waren nicht mehr allein. Einige Streifen- und Krankenwagen waren während unseres Gesprächs mit Doktor Metzger auf der Kreisstraße vorbeigefahren und kurvten jetzt wahrscheinlich auf dem weiträumigen Campingplatz herum. Ich konnte mir gut vorstellen, dass bei diesem Morast nicht alle Fahrzeuge problemlos zur Straße zurückfinden würden.

Da der lang gezogene Marx’sche Weiher nur wenige Baumreihen vom rechten Straßenrand aus entfernt lag, konnte ich sein Ende gut erkennen. Etwa 200 Meter weiter knickte rechts die Rheinauen­straße ab. Sie führte um die kurze Seite des Weihers und mündete als Rampe für kleine Boote direkt im Wasser des Altrheins. Eine schmalere Verlängerung der Rheinauenstraße bildete den Deich zwischen Altrhein und Marx’schem Weiher. Die Deichkrone war asphaltiert und ausschließlich für Fahrräder und Fußgänger zugelassen. Kurz bevor die Straße einen Knick in Richtung Altrhein machte und als Rampe endete, stand rechts das Restaurant Rheinblick. Das Gebäude wirkte wie ein zu klein geratenes Wasserschloss. Mit Ausnahme des Zufahrtsweges war es komplett von Wasser umgeben. Der Deich, der den Altrhein und den Marx’schen Weiher trennte, ragte nach meiner Schätzung höchstens 1,50 Meter aus dem Wasser heraus. Gerhard fuhr auf den Rheinblick-Zufahrtsweg und parkte.

»Pass auf, wo du hintrittst«, warnte mich mein Kollege beim Aussteigen. »Hier gibt’s zwar keinen Matsch wie drüben bei Metzger, dafür aber sehr tiefes Wasser.«

In der Tat war neben der Deichstraße nur ein kleiner Teil der Böschung zu sehen, der Rest war Land unter. Wir liefen die Deichkrone entlang. Schemenhaft konnten wir in einiger Entfernung einen mobilen Kran ausmachen, an dessen Ausleger starke Strahler befestigt waren. Den dazu benötigten Dieselgenerator konnten wir deutlich hören. Einen Bagger, dessen Silhouette etwas seltsam auf uns wirkte, konnten wir ebenfalls ausmachen. Als wir näher kamen, erkannten wir, dass er mehr als zur Hälfte im Weiher versunken war. Untätig standen ein paar Männer an der 15 Meter breiten Deichbruchstelle herum. Ich zeigte meinen Ausweis. Nachdem er unsere Kleidung kritisch gemustert hatte, stellte sich einer der Herren als Franz Mangold vor.

»Haben Sie keine Schutzkleidung? Wir sind hier nicht im Büro!«, ereiferte er sich.

Ohne ihm darauf eine direkte Antwort zu geben, bat ich ihn, mir die Situation zu beschreiben.

Er deutete mit seiner Hand auf die starke Strömung, die in Richtung Marx’scher Weiher verlief. »Als wir hier ankamen, war der Bruch nur halb so breit. Die Strömung ist so stark, dass ständig weiteres Material des Deiches abgeschwemmt wird. Mit dem Bagger wollten wir eine kleine Barriere aufstellen, doch den hat’s sofort in die Fluten gerissen. Der Baggerführer konnte sich gerade noch retten.«

»Und was haben Sie als Nächstes vor?«, fragte ich wissbegierig.

»Solange es regnet und das Pegelniveau zwischen Altrhein und Weiher unterschiedlich ist, können wir nicht viel machen. Bis morgen Abend wird das bestimmt noch andauern. Dann müssen wir mit Lkws neues Deichmaterial anschaffen. Und das auf diesem kleinen asphaltierten Radweg. Können Sie sich vorstellen, wie lange das dauert? Jeder Lkw muss rückwärts über die Deichkrone fahren und dann abladen. Einer nach dem anderen. Überholen geht ja nicht.«

»Wie sieht’s an den anderen Bruchstellen aus? Es sollen insgesamt drei sein.«

»Ähnliches Bild. Den mittleren Bruch hat die Wasserschutzpolizei unter Aufsicht. Die kurvt da draußen mit ihrem Boot herum. Diese Stelle können wir erst reparieren, wenn die beiden äußeren wieder okay sind. Das wird wahrscheinlich Mitte nächster Woche sein.«

»So lange?«, fragte ich erstaunt.

»Sie haben ja keine Ahnung. Es reicht nicht, ein paar Tonnen Sand hinzukippen. Die würden sofort wieder wegschwemmt werden. Das Zeug muss verdichtet werden. Versuchen Sie mal, nassen Sand zu verdichten.«

»Wir haben eine Meldung bekommen, dass es vor zwei Stunden ein paar Explosionen gab. Wissen Sie davon?«

»Nur vom Hörensagen«, antwortete Herr Mangold. »Es muss aber nicht zwangsläufig hier geknallt haben. Der Camper, der uns das mitteilte, war ziemlich betrunken.«

»Können Sie uns etwas zu den Ursachen des Deichbruchs sagen?«

Er zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, so etwas wie hier habe ich noch nie erlebt. An drei Stellen gleichzeitig und das bei der Hochwassermarke 1. Vielleicht liegt ein Konstruktionsfehler vor, wer weiß?«

»Kann der Deich auch gesprengt worden sein?«

»Das würde ich verneinen. Warum sollte das jemand tun? Terroristisch lohnende Ziele gibt’s hier nicht. Ferner bräuchte man da schon eine Menge Sprengstoff und an so etwas ist nicht leicht ranzukommen. Das müsste eigentlich auch jemand gesehen haben. Es reicht schließlich nicht, den Sprengstoff auf den Deich zu legen. Da müssen Bohrungen gemacht werden, um das Zeug möglichst tief zu versenken. Sonst spritzt nur ein bisschen Sand in der Gegend herum. Aber wenn Sie möchten, können wir gerne einen Sprengstoffspürhund anfordern.«

Ich bat ihn, das möglichst bald zu tun. »Was meinen Sie, werden die Campingplätze hinter der Kreisstraße etwas abbekommen?«

Mangold starrte mich an. »Sie wollen von der Kripo sein? Dann sollten Sie wissen, dass die Evakuierung bereits auf vollen Touren läuft. Es ist nur eine Frage der nächsten Stunden, bis die Straße unter dem plötzlichen und ungeheuren Druck bricht. Wenn sich dann drüben noch jemand aufhält, hat er keine Chance mehr. Die Strömung wird alles mitreißen. Und am Deichbruch werden wir es auch spüren. Bevor nicht alles Land unter ist, brauchen wir mit der Reparatur nicht anzufangen. Das überflutete Gebiet wird annähernd die Größe des geplanten Polders haben.«

Ja, der Polder, dachte ich. Nordwestlich, direkt angrenzend an diese Campingplatzanlage und in direkter Nachbarschaft zu Altrip, wird ein 300 Hektar großes Überlaufbecken mit neun Millionen Kubikmeter Fassungsvermögen als Teil des rheinland-pfälzischen Hochwasserschutzkonzeptes gebaut. Die Bürger der umliegenden Gemeinden gingen seit Jahren auf die Barrikaden, hatten aber schlussendlich vor Gericht den Kürzeren gezogen. Gemeint war wohl: Gemeinwohl geht vor Gemeindewohl.

3. Ein teures Angebot

Wir verabschiedeten uns von Herrn Mangold und gingen, verschmutzt und durchnässt, wie wir waren, zurück zum Auto. Als wir die Kreisstraße erreicht hatten, sahen wir jede Menge Rettungsfahrzeuge, Streifenwagen und sogar einen Wasserwerfer parken. Als ob es hier nicht genügend Wasser gäbe. Entlang der Straße zum Marx’schen Weiher war alle 50 Meter ein Polizeibeamter postiert, der Zustand der Straße wurde anscheinend ständig beobachtet. In angemessenem Tempo fuhren wir zur Dienststelle zurück.

Jutta fand ich in ihrem Büro. Sie wirkte immer noch so frisch, als käme sie gerade aus der Dusche.

»Ich habe mich etwas zurückgezogen«, erklärte sie mir, nachdem sie einen skeptischen Blick auf meine Kleidung geworfen hatte. »Oben im Sozialraum geht es hoch her. Seit die Funkanlagen installiert sind, ist der Geräuschpegel explodiert. Im Moment scheint alles unter Kontrolle. Ein paar Camper machten Ärger und mussten in die Sommerfesthalle zwangsumgesiedelt werden. Die Helden haben Versteckspielen geübt, doch unsere Hunde haben gewonnen.« Sie lächelte. »Wie ist es euch ergangen?«

Bevor ich antworten konnte, kam Gerhard zur Tür herein. Freudestrahlend hielt er eine Kanne Kaffee in der Hand. »Ich habe uns mal schnell einen kleinen Koffeinschocker gebraut. Als Ersatz für die Weihnachtsfeier. Äh, Reiner, sei bitte etwas vorsichtig, er ist mir unter Umständen ein klein wenig stark geraten.«

Ups, diese ungewohnten Worte aus dem Mund meines Kollegen? Da war es vor dem Hintergrund meiner erhofften Lebenserwartung bestimmt sicherer, den Sekundentod dankend abzulehnen. Jutta schenkte sich und Gerhard ein und beide tranken das zähflüssige Schwarz mit Genuss. Ich überlegte, ob ich mir an unserem Kaltgetränkeautomaten eine Cola ziehen sollte. Doch wie ich mein Glück kannte, würde aus dem von Kollegen manipulierten Automaten bestimmt wieder eine dieser eklig schmeckenden Diätlimonaden poltern.

»Die Lage am Deichbruch ist sehr brisant«, erklärte ich Jutta und beschrieb ihr das gerade Erlebte.

Sie nickte eifrig. »Den Sprengstoffspürhund hat dieser Mangold bereits angefordert. Wir werden sehen, was dabei herauskommt. Die Evakuierung wird wahrscheinlich in dieser Nacht abgeschlossen sein. Was dann passiert, sehen wir morgen früh. Eventuell muss das überflutete Gebiet abgeriegelt werden, um Plünderer abzuhalten. Aber das soll nicht unser Problem sein. Dazu reicht die Schutzpolizei. Theoretisch könntet ihr zwei somit ins Wochenende gehen. Praktisch würde ich mir wünschen, dass ihr morgen früh nochmals reinkommt. Man weiß ja nie, was heute Nacht alles passiert.«

»Du willst uns jetzt heimschicken?«

»Ihr könnt auch gerne dableiben und den Funkverkehr mit anhören. Ob euch das etwas bringt? Zu Hause freuen sich eure Partner auf euch. Na los, auf was wartet ihr noch?«

»Was macht eigentlich KPD? Ist der wieder aufgetaucht?«, wollte ich zum Schluss noch wissen.

»Ja, der war kurz hier. Ich habe gesehen, wie er ein paar Gitterboxen voll Esswaren in sein Büro geschleppt hat. Morgen früh will er zusammen mit dem Landrat eine Pressekonferenz abhalten. Dabei weiß er am wenigsten von allen.«

Wir verabschiedeten uns von Jutta, und Gerhard fuhr mich heim.

*

Stefanie öffnete auf mein Klingeln die Tür. Ich hatte ihr vor meinem abendlichen Einsatz meinen Schlüssel gegeben. Entsetzt starrte sie mich an.

»Um Himmels willen! Wie siehst du denn aus? Ist mit dir alles in Ordnung?«

Ich nickte und versuchte krampfhaft zu lächeln.

»Ziehe deine Klamotten am besten gleich hier im Flur aus, dann versaust du nicht die Wohnung. Und hinterher gehst du sofort unter die Dusche. Wo hast du übrigens deine Krawatte?«

Ich zog den langen und zerknäulten Stofflappen aus meiner Jackentasche und gab ihn meiner Frau.

Sie unterließ jeden Kommentar, anscheinend war sie froh, dass ich heil heimgekommen war. Während ich duschte, machte sie mir ein paar Käsebrote. Ja, es war Vollkornbrot und verklebte meinen Gaumen. Ich erzählte ihr von dem Deichbruch und dass Gerhard und ich Doktor Metzger getroffen haben.

Nach dem Essen freute ich mich auf mein Bett. Doch das musste warten. Stefanie winkte mit einer Flasche Massageöl. Ich tat meine Pflicht als Ehemann und werdender Vater und vergaß selbstverständlich nicht, den leichten Bauchansatz zu massieren. Nein, nicht meinen – den von Stefanie. Der Rest des Abends wird unbeschrieben bleiben.

*

Meine Frau hatte Verständnis dafür, dass ich am nächsten Morgen wegen des Deichbruchs zur Inspektion musste. Es war zwar Samstag, aber immerhin war abzusehen, dass die Besprechung nicht sehr lange dauern würde. Danach wollte ich mit meinem ungeborenen Kind und der wunderschönen Frau, die ihm für neun Monate Obdach gewährte, nach Ludwigshafen zum Weihnachtsmarkt fahren.

Aus der Leitzentrale, die bis gestern unser Sozialraum war, drang nach wie vor babylonisches Stimmenwirrwarr durchs Gebäude. Anscheinend gab es noch viel zu tun.

Jutta sah nicht mehr so gut aus wie vor ein paar Stunden, sie musste die Nacht durchgearbeitet haben. Sie gähnte herzhaft mit weit geöffnetem Mund, als ich ihr Büro betrat.

»Entschuldige, Reiner. Guten Morgen erstmal.«

Jetzt sah ich auch Gerhard, der bereits am Besprechungstisch saß. Vor ihm stand eine Magnumtasse Sekundentod. Mein Kollege sah ebenfalls nicht gerade erholt aus.

»Guten Morgen, ihr beiden. Alles klar mit dir, Jutta?«

Sie gähnte erneut und sah mich mit großen Augen an. »Zwei Stunden konnte ich an meinem Schreibtisch ein kleines Schläfchen halten, mehr war nicht drin.«

Ich wunderte mich, wie man nach dem Genuss von Sekundentod überhaupt schlafen konnte.

»Waren die Camper so hartnäckig? Ist die Anlage evakuiert?«

»Zweimal ja. Fast ein Dutzend mussten wir vorläufig festnehmen, weil sie randaliert haben. Man hätte meinen können, es ginge um Leben und Tod. Dabei waren es nur ihre Campingwagen, die sie retten wollten. Na ja, reden wir von etwas Unerfreulicherem. Gerhard weiß es schon.« Ihre Mundwinkel fielen nach unten, mein Lieblingskollege saß regungslos da.

»Lass mich raten. Die Kreisstraße hat’s erwischt.«

Die zwei schauten mich an, als hätte ich einen Scherz gemacht.

»Dies zu erraten ist kein großes Kunststück«, meinte Jutta ironisch. »Kurz vor 4 Uhr ist das erste Wasser übergeschwappt. Die Campingplatzanlage ist gegenwärtig ziemlich feucht und das Wasser steigt und steigt. Altrip ist nur noch von Rheingönheim aus zu erreichen.«

Gerhard schaute trübsinnig in seine fast leere Tasse.

Jutta berichtete weiter. »Der Campingplatz ist aber nicht unser aktuelles Problem. Wir müssen inzwischen davon ausgehen, dass dem Deichbruch nachgeholfen wurde und das fällt eindeutig in unser Resort.«

»Die Explosionen?«, fiel ich ihr ins Wort.

Sie nickte. »Heute Nacht kam ein E-Mail rein. Hier ist eine Kopie. Wir gehen davon aus, dass es authentisch ist.« Sie überreichte mir ein Blatt Papier.

›Das War Erst Der Anfang. Wenn Unser Angebot Nicht Angenommen Wird, Löschen Wir Ludwigshafen Und Mannheim Aus. Das Angebot Befindet Sich Am Ortsschild Von Altrip.‹

Entsetzt las ich den Text. »Ist das wirklich ernst zu nehmen? Kann man die Herkunft feststellen?«

»Das ist freilich sehr ernst zu nehmen. Das Herausfinden des Absenders dürfte nicht einfach werden. Das E-Mail wurde über eine anonymisierte Verbindung und dazu noch über einen koreanischen Server verschickt. Wir haben das selbstredend sofort an das Landeskriminalamt weitergegeben. Doch die sind desgleichen sehr skeptisch, was die Recherche nach dem Urheber angeht.«

Ich ging das E-Mail erneut durch. »Das liest sich wie ein schlechter ›Tatort‹. Wie kommst du darauf, dass der Text echt sein soll?«

»Ganz einfach, mein lieber Reiner. Wir haben das sogenannte Angebot gefunden, so viele Altriper Ortsschilder gibt es nicht. Und der Inhalt lässt keinen Zweifel daran, dass er von den Terroristen stammt, die den Deich gesprengt haben.«

»Terroristen? Hier bei uns in der Vorderpfalz?« Ungläubig schüttelte ich den Kopf. »Wir sind nicht in Berlin, Jutta.«

»Du wirst es gleich begreifen. Das Motiv bleibt allerdings im Dunkeln. Diese Terroristen wollen 50 Millionen Euro haben. Ansonsten werden sie noch größeren Schaden in der Region anrichten. Die Sprengung gestern Abend soll nur eine kleine Kostprobe gewesen sein.«

»Eine kleine Kostprobe? Die haben an drei Stellen den Deich weggesprengt und das Leben vieler Menschen aufs Spiel gesetzt!«

»Genau!«, antwortete Jutta. »Die haben den Deich gesprengt und das ohne Probleme und ohne Zeugen. Wir müssen davon ausgehen, dass diese Gruppe ein mächtiges Gefährdungspotenzial darstellt. Das Geld soll bereits heute Nachmittag übergeben werden, wir haben folglich einen ziemlichen Zeitdruck. Die Details zur Übergabe liegen vor. Das Original des Erpresserschreibens wird zur Stunde im LKA untersucht. Eines steht bereits fest: Die ausgeschnittenen Buchstaben des Briefes stammen aus dem ›Trieri­schen Volksfreund‹, insbesondere aus einem aktuellen Artikel über die Verschwendungssucht beim Nürburgringprojekt.«

Sekundentod hin, Sekundentod her. Jetzt war ich soweit, mir eine Tasse einzuschenken. Glücklicherweise stand ein Beutel Milch auf dem Besprechungstisch.

»Okay, dann kriegen wir sie halt bei der Geldübergabe. Meines Wissens hat noch nie ein Erpresser eine todsichere Möglichkeit für eine Geldübergabe gefunden.«

»Da wäre ich mir für die Zukunft nicht so sicher«, mischte sich Gerhard ein. »Die wollen, dass die 50 Millionen Euro in eine Metallkiste gesteckt und an einem Hubschrauber befestigt werden. Der Hubschrauber muss auf einer bestimmten Frequenz ständig seine Position durchgeben und der Pilot erhält auf einer anderen Frequenz seine Instruktionen. Auf ein bestimmtes Kommando hin soll die Kiste dann abgeworfen werden.«

»Das funktioniert doch niemals!«, ereiferte ich mich. »Was ist, wenn es Trittbrettfahrer sind?«

»Das ist so gut wie ausgeschlossen. Letzte Gewissheit bekommen wir nachher. In dem Erpresserschreiben wird die genaue Mischung des Sprengstoffs beschrieben. Reste davon haben die Entenbobbys inzwischen bergen können.«

Ich kannte den Spaßausdruck für die Wasserschutzpolizei und wollte gerade etwas erwidern, als die Tür aufgerissen wurde. So zornig hatte ich KPD selten erlebt. Polternd setzte er sich zu uns an den Tisch.

»Denen hab ich’s aber gegeben!«, begann er ohne Begrüßung zu schelten. »Das Landeskriminalamt wird immer dreister. Nur weil wir hier einen kleinen Deichbruch haben, wollen die den Fall an sich reißen. Lächerlich, was die sich alles einbilden! Ich habe denen kräftig die Meinung gegeigt. Hier in meiner Dienststelle bewerte ich die Lage immer noch selbst. Solange ich ein guter Chef bin, können wir das allein regeln. Mit meinem Organisationsgeschick dürfte das eine leichte Übung sein.«

Fassungslos glotzten wir ihn an. Bevor einer von uns auch nur den Hauch einer Chance hatte, etwas zu sagen, fuhr er fort: »Selbstverständlich kommt kein Geld in die Kiste. Mit meiner Erfahrung schnappen wir die Spinner bei der Geldübergabe. Meine Herren –«, damit wandte er sich Gerhard und mir zu, »auf Sie warten die Kollegen von der Wasserschutzpolizei. Ich habe den Termin für Sie vereinbart. Die Beamten zeigen Ihnen die Deichbruchstellen von der Rheinseite aus. Anschließend wartet der Hubschrauber. Da wir bei uns im Hof wegen der Bäume keinen geeigneten Platz haben, wird er vor dem Gebäude der Wasserschutzpolizei landen. An diesem Ort wird auch die Metallkiste befestigt, geeignete Spezialisten sind unterwegs. Sie sehen, ich habe alles bestens organisiert. Sie brauchen fast nichts mehr selbst zu tun. Frau Wagner wird heute Abend während der Geldübergabe den Funkverkehr abhören und die Kollegen von der Schutzpolizei zum Abwurfort lotsen. Ich selbst habe leider keine Zeit. Wegen der ausgefallenen Weihnachtsfeier muss ich zu jedem Bürgermeister fahren und mich entschuldigen. Frau Wagner, Herr Steinbeißer, Herr Palzki – ich verlasse mich auf Sie!«

Mit diesen Worten war er wieder verschwunden.

»Das ist typisch KPD«, fasste Jutta zusammen. »Zuerst das Landeskriminalamt zusammenstauchen, das viel bessere Möglichkeiten hätte als wir, und danach die Fliege machen. So wie es aussieht, Reiner, bist du nun der Verantwortliche.«

Mein Rachen brannte fürchterlich, als ich die verbliebene halbe Tasse Sekundentod auf Ex hinabstürzte. »Dann wollen wir mal. Lasst uns diese Gauner schnappen, dann haben wir wenigstens einen freien Sonntag.«

»Siehst du das nicht vielleicht ein bisschen zu naiv?«, wandte Gerhard ein.

»Vielleicht. Aber zu Hause sitzt Stefanie und wartet auf mich. Los, lass uns fahren.« Als wir fast zur Tür draußen waren, fiel mir ein: »Jutta, was machst du jetzt eigentlich? Wer löst dich ab?«

»Machst du Witze? Selbstverständlich bleibe ich im Dienst. Die ganze Aktion muss koordiniert und überwacht werden. Wer sollte das übernehmen? Ich schau, dass ich da oben –«, sie zeigte mit der Hand in Richtung Sozialraum, der einen Stock höher lag, »nicht mehr gebraucht werde. Das dürften die Kollegen allein gebacken bekommen. Macht ihr euren Ausflug auf dem Rhein, bis heute Nachmittag wird der Hubschrauber startklar sein.«

Hubschrauber. Warum musste sie das nochmals erwähnen. Ich war bisher ein einziges Mal in so einem Ding gesessen und habe gekotzt wie bei meiner ersten Obduktion mit Dr. Hingstenberg. Ich versuchte, die Erinnerung daran zu verdrängen.

»Los, Gerhard, heute fahre ich.«

»Das geht auch nicht anders«, antwortete er. »Mein Wagen sieht aus wie nach der Rallye Paris–Dakar. Wenn wir damit bei der Entenpolizei auftauchen würden –«

Wir fuhren nach Ludwigshafen. Die Dienststelle der Wasserschutzpolizei befand sich seit noch nicht allzu langer Zeit in der Hafenstraße auf der Parkinsel. Die frühere Dienststelle musste der neu gebauten Rhein-Galerie weichen, einem riesigen und kontrovers diskutierten Einkaufszentrum direkt am Rhein, mit dem Ludwigshafen versuchte, die nach Mannheim flüchtende Kaufkraft in der pfälzischen Metropole zu halten. Die Dienststelle war nicht leicht zu finden. Nur ein Hinweisschild an der breiten Einfahrt eines Unternehmens zeigte uns, dass wir richtig waren. Im hinteren Bereich eines fußballfeldgroßen Parkplatz fanden wir einen freien Platz. In einer Ecke versteckte sich ein dreistöckiges Gebäude. Die Eingangstür stand offen. Anhand der Klingelschilder erkannten wir, dass neben der Dienststelle weitere Unternehmen in dem Gebäude ansässig waren. Im Treppenhaus konnten Gerhard und ich keine Hinweise auf unsere Kollegen finden. Also gingen wir nach dem Ausschlussverfahren vor. Alle vom Treppenhaus abführende Türen waren mit Firmenschildern bestückt. Die Sache war klar: Wir mussten einen Stock höher. Dort das gleiche Spiel. Als wir die Hälfte der Treppe zum dritten Stock nach oben gegangen waren, erkannten wir am Ende des Treppenaufgangs eine einzelne Tür, die wie ein Speicherzugang aussah. Verwundert blieben wir stehen.

»Haben wir etwas übersehen, Gerhard? Warst du schon einmal hier?«

Mein Kollege verneinte. »Von einem Keller habe ich auch nichts bemerkt.«

Ich schmunzelte. »Vielleicht arbeiten die Kollegen komplett auf dem Wasser? Ich habe sowieso nie ganz verstanden, was die so machen.«

Zu unserer Rettung wurde in diesem Moment die Speichertür geöffnet und ein uniformierter Kollege schaute heraus. »Wollen Sie zu uns?«, fragte er höflich.

»Wenn ich Sie so anschaue, stimmt die Richtung. Wir kommen von der Kripo Schifferstadt.«

»Ah, die Landratten. Wir warten schon eine Weile auf Sie. Kommen Sie hoch.«

Hinter der Speichertür erwartete uns eine ganz normale Dienststelle, die sich über das gesamte Stockwerk zog. Ein Mann mit mehreren Streifen auf seiner Uniform kam auf uns zu.

»Herr Palzki, Herr Steinbeißer, herzlich willkommen bei uns. Mein Name ist Heinz Strommeier. Ich bin der Dienststellenleiter der Wasserschutzpolizei Ludwigshafen. Kommen Sie bitte mit in mein Büro.«

Während wir ihm folgten, fuhr er fort: »Ich habe zwar gerade Besuch, aber das soll Sie nicht stören.«

Erstaunt blickten wir in das knabenhafte Gesicht von Dietmar Becker, dem Archäologiestudenten. Dieser Grobmotoriker mit seinem ausgeprägten Gewissen, das ihn bei der kleinsten Lüge rot werden ließ, tauchte seit Monaten stets unverhofft während meiner Ermittlungsarbeiten auf. Anfangs schien es noch zufällig zu sein, bis ich erfuhr, dass er nicht nur nebenbei als freier Journalist für Zeitungen arbeitete, sondern als Schriftsteller regionale Kriminalgeschichten schrieb. Die Verbrechen schienen ihn magisch anzuziehen. Trotzdem mochte ich ihn wegen seiner ehrlichen und offenen Art.

»Was machen Sie hier, Herr Becker? Ich habe schon fast Sehnsucht nach Ihnen bekommen.«

Herr Strommeier stand da, unfähig, etwas zu sagen.

»Hallo, Herr Palzki«, grinste mich der Student an. »Ich habe selbst erst vor ein paar Minuten erfahren, dass Sie einen Termin mit Herrn Strommeier haben.« Er schaute mich fragend an: »Hat es mit dem Deichbruch zu tun, von dem ich im Radio hörte?«

Der Chef der Wasserschutzpolizei fand seine Sprache wieder. »Oh, ich wusste nicht, dass Sie sich kennen. Herr Becker ist nur zufällig hier. Er will einen Artikel über unsere Polizeiarbeit schreiben. Viele Menschen wissen überhaupt nicht, was wir so den ganzen Tag treiben, daher habe ich ihm selbstverständlich Unterstützung zugesagt. Da wir samstags meist wenig Betrieb haben, habe ich ihn zu einer kleinen Fahrt auf dem Rhein eingeladen, um ihm unsere Aufgabengebiete plastisch vorzuführen. Dummerweise habe ich in der Hektik vergessen, den Termin zu verlegen.«

»Lassen Sie mal gut sein, Herr Strommeier. Becker und ich kennen uns ganz gut.«

Ein weiterer Beamter kam zur Tür herein.

»Darf ich vorstellen? Das ist Kollege Bernd Schliefensang, Polizeioberkommissar. Vor zwei oder drei Monaten wurde er von der Mosel an den Rhein nach Ludwigshafen versetzt.«

Wir schüttelten ihm nacheinander die Hand.

»Auf eigenen Wunsch«, ergänzte der langhaarige Schliefensang. »Ich wollte schon immer in der Stadt wohnen.«

Irgendwie sah er eigenwillig aus. Er trug Ohrringe. Gut, heutzutage musste man toleranter sein als früher. Dennoch machte er nicht gerade einen sympathischen Eindruck auf mich. Er hatte etwas Kinskimäßiges an sich.

»Chef, das Fax mit der Analyse ist da.« Er übergab Herrn Strommeier ein Blatt Papier.

»Sie wissen bestimmt Bescheid«, wandte er sich uns zu. »Letzte Nacht haben wir Reste des Sprengstoffs bergen können, eine Stange hatte nicht gezündet. Darum geht es in dieser Analyse. Ihre Kollegin, Frau Wagner, sagte mir vorhin am Telefon, dass sie mir das Ergebnis durchfaxen würde, sobald es vorliegt.« Er las den Text. »Aha, wie Herr Schliefensang nach dem Fund vermutet hatte. Es handelt sich um einen gelatinösen Sprengstoff. Gut gemacht, Herr Kollege.« Er nickte ihm anerkennend zu. »Als Sprengöl wurde Ethylenglykoldinitrat verwendet und als aromatische Nitroverbindung Trinitrotoluol und Ammoniumnitrat im Verhältnis 60:40. Das Gemisch war mit sieben Prozent Kollodiumwolle gelatiniert. Das LKA teilt ferner mit, dass dies mit den Angaben im Erpresserbrief übereinstimmt und die Herstellung keine Amateurarbeit war.«

Im Augenwinkel bekam ich mit, wie Dietmar Becker eifrig mitschrieb. »Herr Becker! Unterstehen Sie sich, die Zusammensetzung des Sprengstoffs irgendwo zu veröffentlichen. Oder wollen Sie in Ihren Romanen Anleitungen für einen Bombenbau geben?«

Der Student lief rot an. »Nein, natürlich nicht. Ist es wirklich wahr, dass der Deich absichtlich gesprengt wurde?«

Herrn Strommeier war die Situation sichtlich peinlich. »Ich glaube, wir sollten unsere Fahrt auf ein anderes Mal vertagen, Herr Becker. Sie sind leider in eine polizeiliche Ermittlung reingeraten, eine gefährliche dazu. Tut mir leid, bei der Polizei lässt sich leider der Tagesablauf nicht immer vorhersagen.«

Bei KPD schon, wollte ich antworten. Stattdessen sagte ich: »Lassen Sie mal, Herr Strommeier. Wir können den Studenten gerne auf unsere Fahrt mitnehmen. Das ist zwar auch bei der Kripo nicht üblich, doch irgendwie hat er in der Vergangenheit in manchen Dingen ein glückliches Händchen gehabt.«

Becker strahlte über beide Ohren und der Chef der Wasserschutzpolizei antwortete mit einem: »Wie Sie meinen, Herr Palzki.«

Schliefensang stand nach wie vor neben seinem Chef. »Das Boot steht bereit, Heinz.«

»Danke, Bernd. Dann wollen wir mal, meine Herren. Kollege Schliefensang wird Ihnen gleich eine Rettungsweste geben. Ohne Weste darf niemand an Bord mitfahren. Auch auf dem Wasser hat die Berufsgenossenschaft das Sagen.«

Zu fünft gingen wir nach unten. Auf der schmalen Seite des Gebäudes befand sich der künstlich angelegte Luitpoldhafen. Durch seinen Bau wurde die Parkinsel vor rund 100 Jahren zur Insel. Das knapp 20 Meter lange Polizeiboot mit dem blauen Rumpf und dem weißen Aufbau lag direkt neben der Kaimauer. WSP 17 stand am Bug.

Herr Schliefensang war kurz in der Kajüte verschwunden und hatte, als er zurückkam, drei Schwimmwesten in der Hand. Das Anlegen ging recht fix, der Tragekomfort ließ zu wünschen übrig. Verglichen mit dem einer Krawatte konnte ich aber nicht meckern. Der Motor des Bootes sorgte für eine ziemliche Geräuschkulisse. Der Schiffsführer drückte ordentlich aufs Gas.

»Die 850 PS unter der Haube machen sich deutlich bemerkbar«, meinte Herr Strommeier stolz. »Mit den beiden Turbodieselmotoren erreichen wir in der Spitze über 50 Stundenkilometer. Ich weiß, die Geschwindigkeit ist nichts im Vergleich zu Ihrem Dienstwagen, doch versuchen Sie mal mit ihm, auf dem Rhein zu fahren.«

Die Uferlinie des Luitpoldhafens zog in rasantem Tempo an uns vorbei. Die kalte Luft in der Kajüte ließ mich frieren. Strommeier entschuldigte sich, dass im Moment leider die Heizung ausgefallen sei. Dietmar Becker schien etwas grün im Gesicht zu werden. Im Nu hatten wir den Rhein erreicht und fuhren stromaufwärts. Auf Steuerbord, oder wie ich an Land sagen würde, rechter Hand, lag der überflutete Stadtpark der Parkinsel. Ganze Baumreihen standen mitten im Wasser.

»Schauen Sie sich jetzt diesen Gegensatz an«, rief mir Herr Strommeier zu. »Auf der Mannheimer Seite sehen Sie das Naturschutzgebiet der Reißinsel. Einmalig für diese dicht bebaute Region. Und wenn Sie jetzt Ihren Blick auf das Ludwigshafener Ufer lenken würden –«, er deutete mit seinem Arm nach rechts, »sehen Sie den größten europäischen Binnenumschlaghafen für Gefahrgüter. Denken Sie nicht nur an die Raffinerie, hier gibt es eine Vielzahl mittelständischer Unternehmen, die mit chemischen Gefahrgütern jeglicher Couleur handeln. Ich glaube, dass die Arbeiter nicht immer wissen, mit welchen gefährlichen Stoffen sie umgehen.«

Der Kontrast konnte nicht deutlicher sein. Eine Rheinbreite trennte ein Naturparadies von einem potenziellen Chemiegau.

Gerhard und ich fanden die Fahrt spektakulär. Aus dieser Perspektive wirkte der Rhein, zumal er Hochwasser hatte, gefährlich und unberechenbar. Nach kurzer Zeit kamen wir auch schon zu der Stelle, von wo aus normalerweise die Altriper Rheinfähre nach Mannheim ablegte. Bei dem momentanen Pegelstand musste sie aber eine Zwangspause einlegen und war am Ufer verankert.

»Jetzt passen Sie mal auf«, ertönte Strommeiers Stimme. »Auf der rechten Seite sehen Sie in wenigen Sekunden den offenen Durchgang zum Otterstadter Altrhein. Beachten Sie die starke Strömung und die Strudel, die aufgrund des Deichbruchs noch ausgeprägter sind als sonst.«

Im gleichen Moment wurde das Boot auch schon heftig durchgeschüttelt. Der Schiffsführer bog in einer Rechtskurve in den Altrheinarm ab. Mit offenem Mund betrachteten wir die Misere. Das Restaurant Rheinblick, dort, wo Gerhard und ich letzte Nacht geparkt hatten, war das einzige sichtbare markante Bauwerk. Der Rheindeich zum Marx’schen Weiher wirkte wie ein verlorenes und lang gezogenes Häufchen Erde. Deutlich konnten wir die Ausmaße der drei Deichbrüche erkennen. Jeder Durchgang war mindestens 20 Meter breit und noch immer strömte Wasser in rasantem Tempo nach. Von dem Bagger, den wir vor ein paar Stunden halb versunken gesehen hatten, war nur noch die in die Luft gestreckte Baggerschaufel zu erkennen. Weitere technische Geräte waren nicht mehr vor Ort. Zwei oder drei Beobachter der Berufsfeuerwehr Ludwigshafen konnten wir auf den Resten des Deichs ausmachen.

Bernd Schliefensang hatte sich zu uns gesellt. »So etwas habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Gut, an der Mosel hatten wir auch andere Verhältnisse. Aber trotzdem: Hier kann man deutlich sehen, wie mächtig Wasser ist. Es kann Monate dauern, bis das Hinterland wieder benutzbar sein wird.«

»Da kann ich gut verstehen, dass immer mehr Camper ihre Mietverträge kündigen«, waren die ersten Worte des blassen Studenten, seit wir auf dem Boot waren. »Die Kreisverwaltung als Eigentümer des Naherholungsgebietes prüft seit geraumer Zeit, ob sich das Gebiet noch wirtschaftlich genug betreiben lässt. Und jetzt, wo der Polder kommt, wird die Angst vor dem Wasser in den Köpfen der Leute nicht geringer.«

»Woher wissen Sie so genau Bescheid, Herr Becker?«, fragte ich ihn leicht verwundert.

»Sie lesen zu wenig Zeitung, Herr Kommissar. Ich habe über das Naherholungsgebiet Rheinauen eine Artikelserie in der Tageszeitung platzieren können. Ist noch nicht so lange her. Übrigens, der Betrieb und die Verwaltung der Campinggebiete obliegen seit den 60er-Jahren dem Verein ›Erholungsgebiet in den Rheinauen e. V.‹.«

»Mit dem Betrieb wird’s wohl so schnell nichts mehr werden«, lästerte Gerhard, den der Anblick ebenso wie mich schwer beeindruckte.

»Es ist ja nicht nur die Campinganlage«, plauderte der Student weiter. »Auch die landwirtschaftlich genutzten Flächen in der ganzen Umgebung sind betroffen. Denken Sie nur an den Polder. Ich weiß aus sicherer Hand, dass sich die Grundstückspreise in der Altriper Gegend im freien Fall befinden. Es gibt zurzeit ein wesentlich höheres Angebot als Nachfrage. Die Bauern können froh sein, überhaupt noch etwas für ihr potenzielles Seegrundstück zu bekommen. Wenn der Polder kommt, vermutet man eine weitere Steigung des Grundwassers. Irgendwann wird es nicht mehr möglich sein, die Felder landwirtschaftlich zu nutzen. Für die Kreisverwaltung des Rhein-Pfalz-Kreises könnte es eine Alternative sein, die ganze Campingplatzanlage an einen Investor zu verkaufen, der dann das alleinige Risiko trägt. Das sind aber noch interne Überlegungen, da auch die kreisfreien Städte Ludwigshafen, Speyer und Mannheim Mitglieder des Vereins sind. Aber intern ist es so, dass für strategische Entscheidungen der Landkreis das alleinige Sagen hat. Schließlich liegt das Gelände auf seinem Hoheitsgebiet.«

4. Eine perfekte Geldübergabe

Herr Strommeier hatte die ganze Zeit fotografiert. Er zeigte uns noch ein paar Details, bevor wir zurückfuhren.

Als wir wieder an Land waren, stand der angeforderte Hubschrauber bereits auf dem Parkplatz vor dem Gebäude der Wasserschutzpolizei. Anhand der Kennung ›D-HAYI‹ wusste ich, dass er zur rheinland-pfälzischen Hubschrauberstaffel ›Sperber‹ gehörte, die in Winningen bei Koblenz an der Mosel stationiert war. Ich war jedes Mal von seiner Größe fasziniert, wenn ich vor einem Hubschrauber stand.

Während Strommeier und Schliefensang sich verabschiedeten und ins Gebäude gingen, kam ein Beamter auf mich zu.

»Guten Tag, Sie müssen Reiner Palzki und Gerhard Steinbeißer sein. Mein Name ist Conrad Bienenfels, ich bin der Pilot. Die Funkanlage wird gerade eingestellt, in einer halben Stunde wird die Metallkiste gebracht. Wenn alles montiert ist, werden wir auf dem Parkplatz einen kleinen Test machen. Nicht, dass im Einsatz etwas schiefgeht.«

Ich dankte ihm für die Informationen und ließ ihn weiterarbeiten.

Dietmar Becker stand etwas abseits, bekam aber trotzdem alles mit.

»So, und was machen Sie den Rest des Tages?«, begann ich meinen Rauswerferdialog.

Er stotterte vor sich hin, ohne einen verständlichen Satz hervorzubringen.

»Sie haben doch sicher Verständnis dafür, dass wir Sie bei unserem Einsatz nicht mitfliegen lassen dürfen?«

»Ja, ja«, kam es endlich aus seinem Mund. »Die Frequenzen dürfen Sie mir nicht sagen, oder?«

»Herr Becker, ich bin froh, dass ich halbwegs weiß, was eine Frequenz ist. Erstens habe ich keine Ahnung, welche Frequenz benutzt wird, dafür haben wir schließlich Fachleute, zum Zweiten dürfte ich Ihnen diese nicht geben. Sie werden es im Radio hören, wenn wir die Gauner geschnappt haben. Und kommen Sie ja nicht auf die Idee, über die Geschichte einen Krimi schreiben zu wollen. Das funktioniert nämlich nicht, weil wir keinen Toten haben. Einen Krimi ohne Leiche wird kein Verlag drucken wollen.«

Nach einem kurzen Zögern verließ uns der Student.

Mir fiel im gleichen Moment etwas existenziell Wichtiges ein. »Du, Gerhard, ich müsste dringend Stefanie anrufen und Hunger habe ich auch.«

Gerhard schaute mich an, als wäre ich ein kleines Kind. »Dann ruf sie doch an. Wo liegt da das Problem?«

Ohne ihm zu antworten, ging ich zu meinem Wagen. Nach kurzer Suche fand ich das Handy in meinem Handschuhfach. Ich schaltete es ein, und – oh Wunder – es besaß noch genügend Restenergie, um eine Verbindung zustande zu bringen. Leider nahm Stefanie nicht ab. Wo sie wohl sein mochte? Ich musste sie dringend dazu überreden, sich endlich einmal ein Handy zuzulegen. Solch eine segensreiche Erfindung sollte heutzutage eigentlich jeder bei sich haben. »Was ist mit dir, Gerhard? Willst du deine Alexandra anrufen?« Ich hielt ihm stolz mein Handy hin.

»Katharina. Sie heißt Katharina. Ne, du, die ist um die Zeit arbeiten.«

»Deine Freundin arbeitet am Samstag? Wo ist sie denn beschäftigt?«

Gerhard zuckte mit den Schultern. »So genau habe ich sie das noch nicht gefragt. Was ist, wollen wir schnell etwas essen gehen? Als wir herfuhren, habe ich ein paar Meter weiter vorne an der Straße einen Imbiss gesehen.«

Dort, wo die Hafenstraße und die Parkstraße in einem spitzen Winkel aufeinandertrafen, befand sich ein einstöckiges Gebäude, das aus der Vogelperspektive wie ein niedergelegter Torbogen aussah. Das Halbrund bestand aus den für einen Kiosk typischen Fensterscheiben. Ich bestellte mir eine Currywurst, einen Cheeseburger, eine große Portion Pommes mit Mayo sowie eine Flasche Cola Light zur gesundheitlichen Abrundung meines in letzter Zeit etwas herausgewachsenen Profils. Gerhard beließ es bei kleineren Portionen. Während wir uns schmatzend unterhielten, bremste ein Wagen. KPD stieg aus und kam auf uns zu.

»Hier finde ich Sie also, meine Herren!«, begrüßte er uns vorwurfsvoll. »Wir haben in der Vorderpfalz die vielleicht größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg und Sie stehen friedlich vor diesem Etablissement und essen.«

»Ohne Mampf kein Kampf«, entgegnete ich ihm mit nicht ganz leerem Mund und dabei segelten ein paar Brocken Fleisch an ihm vorbei.

»Der Helikopter wird gerade präpariert und dabei stören wir bloß«, versuchte Gerhard, eine plausible Lösung anzubieten.

Unser Chef schaute auf die Uhr. »Da fällt mir ein, dass ich heute auch noch nicht zu Mittag gegessen habe. Frau Wagner ist zu beschäftigt, um sich um meine Lachsschnittchen zu kümmern.« Er drehte sich zu der muskulösen Dame um, die im Kiosk stand. »Würden Sie mir bitte die Speisekarte bringen?«

»Hä?«, kam es aus dem Innern des Häuschens. »Guck uff die Dafel do unne, do steht alles druff.« Sie zeigte unwirsch auf eine Tafel, die vor dem Kiosk auf dem Boden stand.

Unser Vorgesetzter registrierte höchstwahrscheinlich nur die Handbewegung, die Sprache dürfte ihm fremd gewesen sein. Er blickte auf das Speisenangebot.

»Ah ja«, meinte er nach kurzer Überlegung, »haben Sie das Rindersteak auch als Entrecôte Chauteau in very rare?«

Der Dame schienen die Augäpfel aus dem Schädel zu springen. »Die Fleschbrocke liegen seit heit morsche uff’m Grill. Was willscht dezu? Pommes un ä Bier?«

Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte sich die Dame um und knallte mit einer Plastikgabel ein Steak auf einen Pappteller. Als sie KPD das fertige Menü und die offene Flasche Bier hinstellte, wusste er nicht, dass er gemeint war.

»Was ist das?«, fragte unser Chef vorsichtig.

»Na, dei Esse«, antwortete die resolute Kioskbesitzerin und steckte sich eine Gauloises in den Mund.

Aus dem Augenwinkel heraus sah ich, wie sich Gerhard vor zurückgehaltenem Lachen fast einnässte. Auch mir erging es nicht viel besser. »Das haben Sie eben bestellt, Herr Diefenbach«, erklärte ich ihm möglichst steif. »Probieren Sie mal die knusprigen Pommes, die schmecken exzellent. Und das Bier ist immerhin Pilsner Brauart, ein Exportbier würde ich an Ihrer Stelle nicht anrühren.«

Pikiert wandte sich KPD von dem Pappteller ab. Nachdem er sichtbar mit seiner Fassung gerungen hatte, wurde er sachlich. »Ich habe heute Morgen mit dem Landrat konferiert. Er überlässt alles Weitere mir.« Stolz drückte er seine Brust heraus. »Der Landrat weiß halt um meine Fähigkeiten als Katastrophenmanager.«

Bisher hatte er immer nur seine eigenen Katastrophen gemanagt, dachte ich.

»Ich habe alles geplant. Während sich die anderen Hilfsdienste um den Deichbruch und die Camper kümmern, schnappen wir uns die Erpresser. Ich rechne mit einer deutschlandweiten Presse. Frau Wagner ist gerade dabei, diverse Fernsehanstalten und Presseagenturen anzurufen.«

Gerhard konnte das Gesülze nicht mehr ertragen. »Und wie sieht Ihr Plan nun aus, Herr Diefenbach?«

»Ach so, ja, der Plan. Herr Palzki wird nachher mit im Hubschrauber sitzen. Über die geforderte Frequenz wird ständig automatisch die per GPS gemessene Position des Hubschraubers durchgegeben. Sobald die Erpresser sich melden, wird Herr Palzki die Anordnungen auf einer anderen Frequenz an Sie und Ihre Kollegin Wagner weitergegeben, Herr Steinbeißer. Sie koordinieren dann den Einsatz unserer Fänger. Wir werden 20 Streifenwagen und 15 Zivilfahrzeuge in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg zur Verfügung haben. Herr Palzki wird auch alle anderen Besonderheiten, die eventuell während des Fluges auftauchen, per Funk an Sie, Herr Steinbeißer, durchgeben. Wir können uns keine Zeitverzögerung leisten. Egal, an welchem Punkt die Kiste abgeworfen wird, das Zielgebiet muss eine Minute später unter Kontrolle sein.«

So ein Mist, jetzt war es sicher. Ich musste in das fliegende Gerät steigen. Wenn das mal gut ginge.

»Was halten Sie von meinem Plan?« Wir nickten zustimmend und synchron. »Dann werde ich gleich wieder losfahren. Ich habe noch einen Friseurtermin. Die Pressekonferenz habe ich für morgen früh um 10 Uhr angesetzt. Staatsanwalt Borgia wird auch daran teilnehmen.«

Borgia, der hatte mir gerade noch gefehlt. Zum Glück hatten wir in diesem Fall keinen Tatort, an dem mir diese Witzfigur von Staatsanwalt über den Weg laufen konnte.

»Herr Diefenbach, können Sie mich nach Schifferstadt mitnehmen, wenn es Ihnen nichts ausmacht?«

Gerhard hatte recht, ich musste hierbleiben und wir waren in einem Auto gekommen.

»Von mir aus, steigen Sie ein«, antwortete KPD. »Wir fahren gleich los. Machen Sie es gut, Herr Palzki. Ich werde den Funkverkehr zusammen mit Frau Wagner und Herrn Steinbeißer verfolgen. Wir treffen uns anschließend bei der Festnahme der Ganoven. Ach übrigens, in der Kiste sind, wie ich bereits deutlich gemacht habe, nur alte Zeitungen. Das muss aber niemand wissen, ist das klar? Wie sollten wir auch 50 Millionen Euro in 500er- Scheinen so schnell auftreiben? Es gibt rheinland-pfälzische Wirtschaftsminister, die monatelang vergeblich versucht haben, an so viel Geld ranzukommen.«

Nachdem die beiden verschwunden waren, schaute ich mir das liegen gebliebene Menü an. Bier, selbst ein Pils, kam jetzt wirklich nicht infrage und durch die herrschenden Temperaturen war das Steak inzwischen genauso kalt wie die Flasche. Dummerweise hatte KPD vergessen zu bezahlen, was ich notgedrungen für ihn übernahm.

Das Gelände der Wasserschutzpolizei war durch einen Sicherheitsdienst abgesperrt. Ich wunderte mich, dass man dafür keine Beamten der Schutzpolizei eingeteilt hatte, aber vielleicht gehörte das zu KPDs Plan. Ich zeigte flüchtig meinen Ausweis und wurde ohne weitere Fragen oder Kontrollen zum Helikopter durchgelassen. Nebenan stand ein Geldtransporter des privaten Sicherheitsdienstes.

Conrad Bienenfels kam auf mich zugelaufen. »Wir haben gerade den ersten kurzen Testflug hinter uns. Es lief alles glatt, trotz der schweren Kiste. Fünf Leute haben sie unter den Hubschrauber wuchten müssen.«

Die silberne Metallkiste hatte die Ausmaße einer Gefriertruhe und war mit breiten Gurten unter dem Hubschrauber an einem überdimensionalen Karabinerhaken befestigt.

»Das viele Geld«, sinnierte Bienenfels, »insgesamt 112 Kilogramm bestehend aus 500-Euroscheinen. Vielleicht sollte ich es riskieren. Haben Sie nicht Lust, ebenfalls auszuwandern, Herr Palzki?«

»Nein danke, Geld allein macht nicht glücklich. Was sind das eigentlich für Gummibänder, die um den Behälter gestrafft sind?«

»Das wurde bereits so angeliefert. Die Kiste ist zugeschweißt, damit sie sich in der Luft nicht versehentlich öffnet. Sonst hätten wir in der Vorderpfalz unser eigenes Konjunkturprogramm, wenn es auf einmal 100.000 Geldscheine regnen würde. Die verklebten Gummibänder sorgen dafür, dass der Kasten wasserdicht ist. Die Geldbündel selbst sind außerdem aus Platzgründen plastik-vakuumverschweißt. Es sieht zwar im Moment nicht nach Regen aus, aber man weiß ja nie, was sich da oben zusammenbraut.« Er schaute auf seine Uhr. »In einer Stunde geht es los. Sind Sie sehr nervös?«

»Nein, nicht die Spur«, log ich. »Unser Chef hat einen todsicheren Plan. Aber sagen Sie mal, haben wir heute mit vielen Luftlöchern zu rechnen?«

»Luftlöcher? Ich bitte Sie. Dafür fliegen wir viel zu langsam. Ein paar kleine Turbulenzen kann es schon mal geben, aber das ist nicht der Rede wert. Wird Ihnen beim Fliegen schlecht?«

Ich wiegelte lautstark ab. »Nein, mir doch nicht. Mich hat das nur so allgemein interessiert.«

»Glück gehabt. Im Sommer hatte ich einen dabei, der hat mir das ganze Cockpit vollgekotzt. Aber so etwas passiert nur Warmduschern.«

Die nächste Stunde verbrachte ich Kaffee trinkend bei Herrn Strommeier. Er wusste noch einiges über den Rhein und seine Deiche zu berichten. Es war alles hochinteressant, zumal es mich ein wenig von dem unmittelbar bevorstehenden Hubschrauberflug ablenkte.

Mit wackligen Knien, aber ohne mir etwas anmerken zu lassen, stieg ich zum verabredeten Zeitpunkt zu Herrn Bienenfels in das noch bodenständige Fluggerät. Das Tageslicht würde sich nicht mehr lange halten und ein kühler Wind zog auf. Zum Glück hatte es seit heute Morgen nicht mehr geregnet.

Schliefensang, Strommeier und weitere Beamte der Wasserschutzpolizei schauten zu, als Bienenfels den Helikopter einschaltete. Vorher hatte er mir noch gezeigt, wie ich mit dem Funkgerät umzugehen hatte.

»Unsere Position wird automatisch im Fünfsekundenrhythmus gefunkt, damit brauchen Sie sich nicht zu befassen. Sobald bei uns auf dem eingestellten Kanal eine Anweisung reinkommt, drücken Sie bitte auf diesen blauen Knopf und geben die Information über das Mikrofon an Ihrem Headset an Ihre Kollegen weiter. Das ist deshalb notwendig, weil wir nicht wissen, woher das Signal der Erpresser kommt und wie stark es sein wird. Daher könnte es passieren, dass Ihre Kollegen nichts mitbekommen würden. Ihr Vorgesetzter, Herr Diefenbach, fährt zweigleisig. Zum einen lässt er uns verfolgen, um die Geldübergabe zu vereiteln, zum anderen versucht ein kleines Spezialistenteam den Sender zu orten. Also denken Sie daran: Immer schön den blauen Knopf drücken, wenn Sie etwas durchgeben wollen. Das gilt auch für andere Auffälligkeiten. Aber keine Angst, ich sitze ja neben Ihnen.«

Ob dieser Plan wirklich auf KPDs Mist gewachsen war oder vielleicht doch auf Juttas? Egal, ich kannte nun meine Aufgabe und war auf das Schlimmste gefasst.

Erfreulicherweise musste der Pilot auf sein freischwebendes Gepäck aufpassen und daher langsam starten. Ein kleiner Ruck in etwa fünf Meter Höhe und der Metallbehälter pendelte frei in der Luft. Und genau dieses Pendeln übertrug sich auf den Hubschrauber.

»Hoppla, das wackelt ja ganz schön heftig«, meinte Bienenfels trocken. »Sie sind wirklich nicht anfällig für das Geschaukel?«

Ich konnte in diesem Moment unmöglich antworten. Mein Magen war kurz davor, sich aus meinem Rachen zu stülpen. Es war erfreulicherweise nur von kurzer Dauer, die Kiste stabilisierte sich aufgrund ihres Gewichtes sehr schnell. Noch nie war ich erleichterter darüber gewesen, dass Papier so schwer war.

»49,4828°N 8,4617°O«, schnarrte es ohne einen weiteren Kommentar aus dem Funkgerät. Bienenfels hatte mir bereits beim Start einen Notizblock in die Hand gedrückt.

»Schreiben Sie die Zahlen besser auf, bevor Sie die Koordinaten durchgeben«, sagte er mir, während er sie unabhängig von mir in eine Tastatur eingab. Etwas, das wie eine Landkarte aussah, leuchtete auf einem kleinen Monitor auf.

»Mannheimer Schloss«, murmelte er, während ich auf den blauen Knopf drückte und unser Ziel durchgab. Der Flug war kurz. Als wir das Ziel erreicht hatten, ließ Bienenfels den Helikopter in der Luft stehen. Unter uns befand sich die weitläufige Schlossanlage, die unter anderem die Mannheimer Universität beherbergte.

»Was soll das?«, überlegte der Pilot. »Wenn ich den Behälter an dieser Stelle loslasse, durchschlägt er das Dach des Schlosses.«

Mit »49,5496°N 8,4499°O« erschallte bereits die nächste Anweisung durch den Lautsprecher. Es schien eine männliche Stimme zu sein, doch das half uns nicht wirklich weiter.

»Es geht in den Norden von Mannheim, in den Stadtteil Sandhofen«, sagte Bienenfels, nachdem ich die Zahlen meinen Kollegen weitergefunkt hatte.

»Hoffentlich hat Ihr Vorgesetzter auch daran gedacht, die hessischen Behörden mit einzubeziehen. Nicht weit nördlich von Sandhofen beginnt Hessen.«

Da würde ich nicht drauf wetten, dachte ich mir. Inzwischen war es dunkel geworden. Den künstlich beleuchteten Stadtteil von oben zu betrachten, hatte etwas Attraktives an sich, es nahm mir sogar ein Stück meiner Flugangst. Hin und wieder konnte ich einen Streifenwagen entdecken. Wir flogen in ungefähr 50 Meter Höhe über die Häuser der Vorstadt. Direkt über einer breiten Straßenkreuzung schienen wir unseren Zielpunkt erreicht zu haben, der Hubschrauber blieb in der Luft stehen.

»Na, was ist da jetzt passiert?«, fragte Bienenfels sich selbst. »Ich kann nicht ewig in der Luft hängen bleiben. Das ist ein dämlicher Ort für die Geldübergabe, das kann doch niemals –«

»49,4059°N 8,4861°O«, lautete die nächste Botschaft. »Es geht wieder zurück in den Süden. Die bisherigen Ziele waren anscheinend nur Kontrollpunkte der Gauner. Moment mal, wissen Sie, wo der nächste Zielpunkt liegt?« Anscheinend hatte er keine Antwort von mir erwartet, denn er gab sie selbst. »Direkt am Marx’schen Weiher. Na, dann viel Spaß. Ich hoffe, dass Ihre Kollegen nicht nur Streifenwagen haben, sondern auch ein paar schnelle Boote.«

Klar, das musste die Lösung sein. Die Geldübergabe war in dem evakuierten Gebiet geplant. Wenn die Erpresser schnell genug sind und einen Ort gewählt haben, der nur schwer mit einem Wagen zu erreichen ist, würde KPD seinen Plan vergessen können.

Ich drückte den blauen Knopf. »Wir fliegen zum Marx’schen Weiher. Bitte alle Einsatzkräfte zusammenziehen. Ich denke, dass die Campingplatzanlage das Zielgebiet sein wird.«

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, wie sehr ich mich täuschen sollte.

Wir flogen währenddessen wieder über den Rhein in die linksrheinische Pfalz und dann der Länge nach über Ludwigshafen. Dunkel lagen die Altriper Rheinauen unter uns. Ein leicht diffuses Licht, das sich aus einem kaum wahrnehmbaren Mondlicht und dem gestreuten Kunstlicht der Rhein-Neckar-Region zusammensetzte, zeigte uns aus der Vogelperspektive die wahren Ausmaße der Überschwemmung, während wir höchstens 20 Meter über den Baumwipfeln dahinflogen. Die Bäume und die Dächer hunderter Wohnwagen schauten wie kleine Inseln aus dem riesigen See. Noch immer schien Bewegung in dem Gewässer zu sein, wie wir deutlich an den Wellenbewegungen ausmachen konnten.

»Mit einem Boot können die den schweren Behälter bestimmt nicht fortschaffen. Da bräuchten die Gauner einen Kran. Davon abgesehen, ginge die Kiste sofort unter, wenn wir sie hier ausklinken würden.«

Nachdenklich sagte ich: »Was ist, wenn wir den Kasten auf einem Rheinschiff absetzen sollen?«

»Ja, das würde gehen. Aber wie soll so ein Schiff nach der Lösegeldübergabe auf die Schnelle verschwinden? Wir sind hier nicht im Bermudadreieck.«

»49,4370°N 8,5078°O«, kam in diesem Moment die nächste Anweisung aus dem Lautsprecher.

»Verflixt, es geht noch weiter. Hm, das muss ganz in der Nähe sein.« Während Bienenfels die Daten eingab, funkte ich diese parallel an die Einsatzleitung in Schifferstadt.

»Das gibt’s doch nicht, der Punkt liegt mitten im Rhein. Vielleicht haben Sie doch recht mit Ihrer Vermutung, Herr Palzki.«

Wir flogen über Altrip hinweg zum Fluss. Als wir die Koordinaten erreicht hatten, befanden wir uns ein Drittel der Rheinbreite vom Mannheimer Ufer entfernt direkt über dem Wasser. Ich achtete besonders auf dort schwimmende Frachter oder andere Schiffe. Ich konnte keine sehen, obwohl es durch die Beleuchtung des Mannheimer Großkraftwerks an dieser Stelle etwas heller war.

Bienenfels hielt sein Spielzeug wieder in der Luft und wir warteten ab, wohin die Reise als Nächstes ging.

»Kiste ausklinken und sofort entfernen«, schallte es uns entgegen. Bienenfels sah mich fragend an. Auch ich wusste nicht, wie wir uns verhalten sollten. Gab es bei der Eingabe der Koordinaten vielleicht einen Fehler, einen Zahlendreher oder so etwas?

»Na los, ausklinken, wir beobachten euch.«

»Okay, lassen Sie die Kiste ab.«

Bienenfels drückte einen Hebel und wir machten einen Satz nach oben. Eine Sekunde später hörten wir das Aufklatschen des Behälters auf dem Wasser. Er ging sofort unter.

Ich drückte den blauen Knopf. »Wir haben eben die Kiste abgelassen, sie ist sofort im Rhein versunken. Schiffe oder andere verdächtige Dinge befinden sich nicht in der Nähe. Wir drehen ab und fliegen zum Landeplatz zurück.«

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Litres'teki yayın tarihi:
23 aralık 2023
Hacim:
252 s. 5 illüstrasyon
ISBN:
9783839234921
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