Kitabı oku: «Love and Crime»
Harley Barker
Love and Crime
Sammelband 1
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Teil 3
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Impressum neobooks
1
Harley Barker
Sammelband 1
Sarah Weber
Alter Postweg 31a
48477 Hörstel
Copyright by Sarah Weber
Covergestaltung:
Alle Rechte vorbehalten!
Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der offiziellen schriftlichen Genehmigung der Autorin!
Mein Name ist Harley Barker. Wieso ich wie eine Motorrad-Marke heiße?
Mein Vater hatte früher eine Phase, in der er unbedingt eine Harley haben wollte. Meine Mom hatte es ihm verboten. Als sie mit mir schwanger geworden ist und mein Dad noch immer nicht Ruhe gegeben hat, hat sie ihm vorschlagen, mich einfach Harley zu nennen.
Ja, es ist ein ungewöhnlicher Name. Doch mittlerweile habe ich mich an ihn gewöhnt. Mein ganzes Leben ist ungewöhnlich verlaufen in den letzten Jahren.
Deutschland. Die Vereinigten Staaten von Amerika.
In beiden Ländern bin ich groß geworden. Beide Länder sind meine Heimat und in beiden Ländern leben meine Familie und meine Freunde. Meine Mutter wohnt in Deutschland, während sich mein Vater in Florida befindet. Nach ihrer Scheidung bin ich mit meiner Mutter in ihr Heimatland gegangen und habe dort die Schule besucht und meine Ausbildung gemacht. Meine Ferien habe ich immer bei meinem Dad verbracht, und zwar vom ersten bis zum letzten Tag. Und, wenn ich ehrlich bin, hängt mein Herz auch mehr an diesem Land. Eigentlich kann ich nicht einmal genau erklären, wieso es so ist.
Dann kam der Punkt in meinem Leben, an dem ich mich entscheiden musste, in welchem Land ich die nächsten Jahre, vielleicht auch Jahrzehnte, verbringen will. Wo ich arbeiten und wohnen will. Und was soll ich sagen? Ich brauchte nicht zu lange darüber nachzudenken. Von Anfang an hatte für mich fest gestanden, dass es nur ein Land gibt, in dem ich meine berufliche Zukunft sehe. Und das sind nun einmal die USA.
Meine Mom war nicht sehr angetan davon, als ich ihr vor einem halben Jahr meinen Entschluss eröffnet habe. Lange habe ich das Gespräch mit ihr vor mir hergeschoben, da ich mir ihre Reaktion darauf bereits denken konnte. Sie hat sämtliche Bedenken vorgebracht, die ihr in den Kopf gekommen sind. Doch auch das hält mich nicht davon ab, zu meinem Dad nach Tarpon Springs zu ziehen. Schließlich habe ich die Schule beendet und bin der Meinung, dass es an der Zeit ist, ein neues Kapitel in meinem Leben zu beginnen. Und das beinhaltet nun einmal auch einen Tapetenwechsel.
„Entschuldigen Sie, Miss. Aber wir sind im Landeanflug. Schnallen Sie sich bitte an.“
Ich bin so sehr in meine Gedanken vertieft, dass ich erschrocken zusammenzucke, als eine der Flugbegleiterinnen mich leicht am Arm berührt. Eindringlich, und dennoch freundlich, sieht sie mich an. Ich brauche einen Augenblick, um wieder zu mir zu kommen. Meine Augen wandern zu dem hell leuchtenden Signal über meinem Kopf.
„Sicher, ich habe gerade nur …“, setze ich an. Doch noch bevor ich meinen Satz beenden kann breche ich ab. Schließlich geht es sie überhaupt nichts an. Außerdem bin ich mir genauso sicher, dass es sie nicht wirklich interessiert. Auch, wenn sie das wahrscheinlich niemals zu einem Gast sagen würde.
Deswegen lächle ich nur kurz und greife nach den beiden Gurtenden.
Es dauert noch einige Minuten bis die Maschine sich merklich senkt. Ich spüre, wie mein Herz schneller schlägt. Doch es liegt nicht daran, dass ich Flugangst habe. Ich habe die letzten Stunden sogar genossen und bin immer aufgeregter geworden. Schließlich fahre ich jetzt nicht zu Besuch zu meinem Vater. Nein, ich habe vor dort zu bleiben. Es ist eher so, dass ich endlich alles in Angriff nehmen kann, was ich mir vorgenommen habe. Und das ist eine Menge.
Wahrscheinlich kommt es mir deswegen wie eine Ewigkeit vor, bis das Flugzeug stehen bleibt und ich es endlich verlassen kann. Ich komme aber nur langsam voran, da sich noch unzählige Fluggäste vor mir befinden. Kaum kann ich die schmale Treppe nach unten gehen, werde ich von der warmen Sonne begrüßt, die über Florida scheint. Sollte ich noch Zweifel gehabt haben, dass die Entscheidung falsch gewesen ist, so sind sie spätestens jetzt verschwunden. Aber die hatte ich nicht, sodass sich ein zufriedenes Lächeln auf meinem Gesicht ausbreitet.
Mit großen Schritten folge ich den anderen und steige in den Bus, der bereits auf uns wartet. Ich lasse mich auf einen der vielen Plätze sinken und warte darauf, dass die Türen sich schließen und er zum Terminal fährt. Dort warte ich auf meine Koffer und mache mich auf den Weg durch den Zoll in die Eingangshalle. Mitten in der riesigen Tür bleibe ich stehen und schaue mich suchend um.
Mein Dad hat mir vor meinem Abflug noch eine Nachricht geschrieben, in der er mir fest versprochen hat, dass er mich abholen wird und in der Halle auf mich wartet. Auch nach wenigen Sekunden kann ich ihn nicht erkennen, was aber noch lange nichts bedeutet. Schließlich ist es hier voll, da die meisten anscheinend abgeholt werden. Zumindest macht es den Eindruck auf mich.
Um die Leute vorbeizulassen, die sich hinter mir befinden, gehe ich noch ein paar Schritte weiter. Doch auch hier sehe ich ihn nicht. Langsam runzle ich meine Stirn, da das so gar nicht zu ihm passt.
Mein Dad gehört so ziemlich zu den verlässlichsten Menschen, die ich kenne. Wenn er sagt, er holt einen ab, kann man davon ausgehen, dass es auch so ist. Doch das ändert nichts daran, dass er nicht auffindbar ist.
Die meisten würden sich jetzt wahrscheinlich Sorgen um ihn machen. Schließlich ist er ein Polizist und da kann ständig etwas passieren. Die mache ich mir aber nicht. Ich bin mir sicher, wenn es so gewesen wäre, hätte Monica, meine Stiefmutter, mir bereits geschrieben.
Ich will gerade zum dritten Mal über die Menge schauen, als ich spüre, wie mein Handy in der Hosentasche vibriert. Seufzend ziehe ich es heraus, da ich davon ausgehe, dass es meine Mutter ist. Sie meldet sich immer ziemlich pünktlich nach meiner Landung.
Dieses Mal hat sie wahrscheinlich noch mehr darauf gewartet, dass mein Flugzeug endlich landet, denke ich.
Als Kind fand ich das noch gut. In den letzten Jahren ist es eher nervig geworden, schließlich bin ich eine erwachsene Frau und in der Lage auf mich aufzupassen. Mir ist bewusst, wie viel es ihr bedeutet, sich an solchen Kleinigkeiten festzuhalten, deswegen werde ich es ihr nicht mitteilen. Zumindest jetzt noch nicht.
Doch ich erkenne, dass es nicht meine Mom ist, die mir da gerade geschrieben hat, sondern mein Vater. Ich kann aber nicht einschätzen, ob ich froh darüber sein soll, oder nicht. Es bedeutet, dass er nicht hier ist und ich mich mit meinen Koffern alleine abmühen muss. Um das zu wissen, muss ich sie nicht öffnen.
Ich hoffe, dass du einen guten Flug hattest. Leider schaffe ich es nicht, dich abzuholen, obwohl ich mich schon so sehr darauf gefreut habe, dich in deiner neuen Heimat zu begrüßen. Aber ich komme nicht aus dem Revier heraus. Es tut mir leid, dass du den Bus nehmen musst. Ich habe Monica geschrieben, damit sie dich abholt, sobald du da bist.
„Na ganz klasse“, entfährt es mir viel zu laut und in einem viel zu scharfen Ton, sodass sich ein paar von denen, die sich um mich befinden, zu mir umdrehen. Sie werfen mir irritierte Blicke zu, um die ich mich aber nicht kümmere. Ruckartig bleibe ich stehen und lasse den Kopf ein wenig hängen.
Ich bin schon öfters mit dem Bus nach Tarpon Springs gefahren und ehrlich gesagt hat es mich auch nie gestört. Aber nie hatte ich soviel mit, wie jetzt. Und das, obwohl ich vieles so geschickt habe und es erst noch ankommt.
Ich betrachte die Koffer, die sich vor mir auf dem Wagen befinden und verziehe ein wenig das Gesicht. Es sind zwar nur drei, aber sie sind so schwer, dass ich mir überhaupt keine Gedanken darüber machen musste, ob sie vielleicht zu schwer sind. Das konnte ich mir auch so schon denken. Doch ich habe keine Ahnung, wann meine Sachen ankommen werden und bis dahin brauche ich ein paar Klamotten.
So habe ich es mir nicht vorgestellt, doch nun sieht es anscheinend so aus, als würde ich zu meinem Einstand mit dem Kofferberg alleine klarkommen müssen.
Die Erkenntnis sorgt auch nicht dafür, dass es mir besser geht. Es ist viel eher das Gegenteil der Fall. Meine Laune sinkt weiter in den Keller. Mir ist aber klar, dass mein Dad es nicht böse meint. Mir ist klar, dass er viel zu tun hat und als Polizist sich auch nicht immer seine Arbeitszeiten aussuchen kann. Er macht mehr Überstunden, als man sich vorstellen kann. Außerdem bin ich durchaus in der Lage, mich in den Bus zu setzen und alleine zu fahren. Schließlich habe ich das schon ein paar Mal gemacht.
Deswegen straffe ich meine Schultern und suche mir einen Weg nach draußen. Direkt vor dem Eingang befindet sich ein riesiger Platz, auf dem überall Schilder aufgestellt wurden, für die verschiedenen Richtungen, in die die Busse fahren. Zielsicher gehe ich an den wartenden Bussen vorbei, die sich überall befinden. Mit großen Schritten halte ich auf den hinteren Teil zu, da der Bus dort steht, der nach Tarpon Springs fährt.
Ich weiß nicht genau, wann er fährt oder wie oft. Deswegen versuche ich so schnell wie möglich mit dem riesigen Wagen durch die Menschenmenge zu kommen, was nicht einfach ist. Doch kaum ist der Bus in meinem Sichtfeld aufgetaucht, gehe ich zu schnell um eine Kurve, sodass der Kofferwagen kippt. Ich versuche noch dagegenzuhalten, doch es bringt alles nichts. Er ist einfach zu schwer, sodass ich ihn nicht halten kann, sodass es nicht lange dauert, bis alle Koffer im Weg verteilt liegen.
Ich schaue sie an und denke darüber nach, ob ich sie nicht einfach liegen lassen soll. Schließlich steht da mein Bus. Doch ich bezweifle, dass ich meine Sachen wieder bekommen werde. Und alles neu kaufen möchte ich auch nicht.
„Scheiße“, murmle ich vor mir her. Am liebsten würde ich es laut herausschreien, doch das kann ich mir gerade noch verkneifen. Es würde ja doch nichts ändern.
Deswegen suche ich notgedrungen meine Taschen wieder zusammen. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass der Bus anfährt. Erschrocken richte ich mich auf und schaue ihm nach. Mein Herz schlägt so schnell, dass es ein wenig dauert, bis ich registriere, dass auf dem Schild des Busses gar nicht mein Ziel steht.
Ocala?, fährt es mir durch den Kopf, während ich den Bus anstarre, der sich immer weiter von mir entfernt. Und das nur, weil es mir so vorkommt, als würde sich der Name des Ortes gleich wechseln.
Doch genau das passiert nicht. Der Name bleibt dort stehen.
„Ähhhmmm“, sage ich nur völlig perplex. Ich komme mir selber wie eine Idiotin vor. Ich überlege, ob ich auch wirklich in die richtige Richtung gegangen bin. Doch ich bin mir ziemlich sicher, dass ich an genau der Stelle stehe, an der in den letzten Jahren der Bus abgefahren ist.
Ich beeile mich, um auch die restlichen Koffer wieder auf den Wagen zu heben. Ich setze mich wieder in Bewegung und gehe in die Richtung, aus der ich gerade gekommen bin.
„Scheiße, scheiße, scheiße“, fluche ich immer wieder, während ich an den Leuten erneut vorbeigehe, die mir vorhin schon im Weg standen.
Ich bin angepisst und das werde ich auch nicht für mich behalten. Mir ist es egal, für wie dämlich mich die anderen Leute halten. Von meiner guten Laune ist eh nichts mehr übrig.
Für den Bruchteil einer Sekunde ziehe ich es in Betracht, meinem Dad eine Nachricht zu schreiben, damit mich jemand anderes abholt. Doch den Gedanken verschiebe ich direkt wieder zur Seite. Ich bin erwachsen. Ich habe auch keine Lust darauf, dass er meinen Cousin schickt. Er ist auch Polizist und eine totale Nervensäge. Je länger ich ihm aus dem Weg gehen kann, umso besser ist es. Auch wenn ich mir darüber bewusst bin, dass ich das nicht ewig machen kann, schließlich wohne ich jetzt hier.
Außerdem braucht er nicht zu wissen, was hier gerade los ist. Er würde sich nur Sorgen machen und das muss er nicht.
Ich bin so sehr in Gedanken versunken, dass ich gar nicht merke, wie sich mir jemand in den Weg stellt. Beziehungsweise, ich bin mir sicher, dass die Person sich mir nicht mit Absicht in den Weg stellt, sondern ich ihn mehr oder weniger über den Haufen renne.
Überrascht hebe ich meinen Kopf und schaue in seine Richtung. Dennoch dauert es, bis ich wirklich realisiere, was gerade geschehen ist. Selbst dann bin ich noch immer nicht in der Lage, einen Ton von mir zu geben. Und das liegt nur an dem großen und breit gebauten Typen, der vor mir steht.
Ich kann mich nicht von ihm abwenden, egal wie oft ich mich ermahne, genau das zu machen. Obwohl ich eigentlich einen großen Willen habe, kommt es mir gerade so vor, als hätte ich überhaupt keinen. Aus einem Grund, den ich mir selber nicht genau erklären kann, bin ich nicht mehr der Herr über meinen eigenen Körper.
Ein sexy Grinsen hat sich auf seine Lippen geschlichen, während er mich von oben bis unten betrachtet. Er versucht nicht einmal, ein Geheimnis daraus zu machen.
„Wer hat es da denn so eilig?“, fragt er mich neugierig. Es scheint mir so, als würden sich seine Muskeln noch mehr anspannen, als sie es eh schon sind. Seine dunklen Tattoos kommen noch mehr zum Vorschein und ziehen mich regelrecht in ihren Bann, gleichzeitig lassen sie ihn aber auch gefährlich wirken.
„Ich habe es nicht eilig“, gebe ich genervt zurück. Außerdem kann ich den wütenden Unterton nicht aus meiner Stimme halten.
Und das scheint er auch zu merken, wenn ich seine hochgezogenen Augenbrauen richtig deute.
„Und wieso so sauer?“
Ich bin mir nicht sicher, ob er sich einen Scherz daraus macht, oder er es wirklich wissen will. Doch gerade ist mir das ehrlich gesagt auch egal. Ich habe nur im Kopf, dass ich jetzt wahrscheinlich ein oder zwei Stunden hier warten darf, bis der nächste Bus fährt.
Ich schließe die Augen und versuche mich so weit wieder zu beruhigen, dass ich mich nicht mit ihm streite. Denn er kann nichts dafür, dass mir die Koffer vom Wagen gerutscht sind und ich keine Ahnung habe, wo ich hin muss.
Erst, als ich sie wieder öffne, stelle ich fest, dass er abwartend und ruhig vor mir steht. Er macht keine Anstalten, sich von mir abzuwenden.
„Wieso so neugierig?“, fahre ich ihn dennoch schärfer an, als ich es beabsichtigt habe. Sofort beiße ich mir auch auf die Zunge, damit nicht noch mehr aus meinem Mund kommen kann.
Mir ist klar, dass es nicht gerade fair ist, wenn ich meine schlechte Laune an ihm auslasse. Und eigentlich will ich das auch gar nicht. Ich kann es aber auch nicht verhindern.
„Ich habe ein Gespür dafür, wenn jemand meine Hilfe braucht.“ Während er spricht, grinst er mich frech an. Ich kann gerade noch verhindern, dass ich genervt die Augen verdrehe. Das letzte, was ich jetzt gebrauchen kann, ist von einem Macho angegraben zu werden. Allerdings hat er Recht. Ich brauche Hilfe, um mich zurechtzufinden.
„Ja, ich könnte wirklich Hilfe gebrauchen“, erwidere ich deswegen. Dabei behalte ich im Kopf, dass er wohl genauso wenig wie ich weiß, wo der Bus abfährt.
„Heraus mit der Sprache“, fordert er mich auf.
„Ich versuche herauszufinden, von wo der Bus nach Tarpon Springs fährt.“
Kaum habe ich ausgesprochen kann ich erkennen, wie er mich ein wenig verwundert ansieht.
„Was gibt es denn in Tarpon Springs?“
„Ich wüsste zwar nicht einen Grund, was es dich angeht, aber dort wohnt meine Familie.“ Mehr sage ich nicht.
Einige Sekunden stehe ich so vor ihm. Ich kann das belustigte Funkeln erkennen, mit dem er mich bedenkt. Mein Verstand sagt mir, dass ich endlich nach dem Bus Ausschau halten soll. Deswegen schiebe ich mit großen Schritten den Wagen an ihm vorbei. Doch als ich mich mit ihm auf einer Höhe befinde, greift er plötzlich nach meinem Handgelenk.
Diese harmlose Berührung sorgt dafür, dass mir heiß wird. Ich nehme nur noch ihn wahr. Mir ist klar, dass meine Reaktion auf ihn gefährlich ist, doch ich kann es auch nicht verhindern. Beinahe kommt es mir so vor, als würde er mich gefangen halten. Auf eine gute Art und Weise.
„Der Bus fährt von dort.“ Er zeigt an mir vorbei nach rechts.
Kurz betrachte ich ihn, bevor ich es schaffe, mich von ihm loszureißen und seinem ausgestreckten Arm zu folgen. Und tatsächlich erkenne ich dort einen Bus, an dem Tarpon Springs auf der Anzeige steht.
Beinahe erleichtert darüber atme ich tief durch.
„Vielleicht sehen wir uns mal wieder.“
„Ja, vielleicht“, gebe ich nur zurück, obwohl ich selber nicht daran glaube. Das müsste schon ein sehr großer Zufall sein, wenn er mir noch einmal über den Weg läuft.
„Bye“, sage ich und gehe endgültig in die Richtung des Busses.
Während ich mich weiter von ihm entferne, spüre ich seine Blicke in meinem Rücken. Ich möchte einen letzten Blick auf ihn erhaschen. Doch auch, als ich mich in die lange Schlange einreihe, zwinge ich mich dazu, ihm weiterhin nicht zu beachten.
„Danke“, sage ich zu dem Busfahrer, nachdem er meine Koffer in den entsprechenden Stauraum geladen hat. Während ich einsteige, versuche ich ihn wieder auszublenden. Ich will diesen geheimnisvollen Typen aus meinem Kopf bekommen. Doch kaum gehe ich den Mittelgang entlang, schaue ich doch noch einmal zu der Stelle, an der wir uns unterhalten haben.
Doch nun ist er nicht mehr alleine. Drei Männer, die alle große Ähnlichkeit zueinander haben, stehen neben ihm. Angeregt unterhalten sie sich, bevor er noch einmal in die Richtung des Busses sieht.
Auch wenn mir klar ist, dass es total lächerlich ist, schließlich wird er mich kaum noch erkennen können, drehe ich mich schnell weg und suche mir einen freien Platz auf der anderen Seite.
Müde stecke ich mir die Kopfhörer in die Ohren und schließe meine Augen.
2
Die Fahrt von Orlando nach Tarpon Springs dauert zwei Stunden. Währenddessen versuche ich ein wenig zu schlafen. Doch ich bekomme keine Ruhe. Zum einen liegt es daran, dass ich mir wünsche in meinem Bett zu liegen, was eindeutig bequemer wäre, als mich aufrecht auf einem unbequemen Sitz zu befinden. Ich will mich unter eine dicke Decke kuscheln, anstatt meinen Kopf an eine harte Scheibe lehnen zu müssen und jedes Mal durchgerüttelt zu werden, wenn der Bus durch ein Schlagloch fährt.
Zum anderen trägt der Typ aber auch seinen Teil dazu bei, dass ich keine Ahnung habe, wie ich ruhiger werden soll. Er will mir nicht aus dem Kopf gehen, was ich aber vor allem auf seine geheimnisvolle Art schiebe. Wir haben uns nur oberflächlich unterhalten, und dennoch hat er es geschafft, sich in meine Gedanken zu schleichen.
Leise grummelnd drehe ich die Musik auf meinem Handy noch ein wenig lauter, wobei ich darauf achte es nicht zu übertreiben, um die anderen Fahrgäste nicht zu stören. Ich mache sie laut genug, dass ich die Unterhaltungen, die um mich herumgeführt werden, nicht mehr hören kann. Bringen tut es aber nichts. Deswegen starre ich hinaus und schaue mir die Landschaft an, an der wir vorbeifahren.
Als der Bus endlich ankommt, tut mir jeder einzelne Knochen weh. Da ich einen Platz am Fenster erwischt habe, konnte ich mich kaum bewegen, geschweige denn die Beine einmal ausstrecken. Erst dachte ich, dass das eine gute Idee wäre, nun bin ich mir sicher, dass es genau das nicht war.
Ja, die Ankunft in meinem neuen Leben war nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Doch ich habe nicht vor, mich davon runterziehen zu lassen. Ich habe mich schließlich nicht dazu entschieden, ins sonnige Florida zu ziehen, um mit schlechter Laune zu starten, auch wenn ich die vorhin hatte. Nein, ich werde nun in die hinterste Ecke verschieben.
Schnell verlasse ich den Bus und nehme meine Koffer entgegen, die der Busfahrer herausstellt. Ich entferne mich ein paar Schritte und schaue mich nach einem freien Taxi um. Doch bevor ich eines entdecken kann, taucht eine Person vor mir auf, die es schafft, dass sich ein glückliches Lächeln auf meinem Gesicht bildet.
Winkend steht meine Stiefmutter Monica neben ihrem Wagen und grinst von einem Ohr bis zum anderen. In ihrer kurzen Hose und ihrem engen Oberteil sieht sie ein paar Jahre jünger aus, als sie es eigentlich ist. Ihre roten Haare hat sie zu einem Zopf gebunden, sodass sie ihr nicht im Gesicht hängen. Leichtes Make-up erhellt ihre sonnengebräunte Haut.
„Hi“, rufe ich zur Begrüßung und gehe so schnell wie möglich zu ihr.
„Es tut mir so Leid. Heute herrscht ein totales Chaos. Obwohl, nein. Das geht schon seit ein paar Tagen so. Hätte ich gewusst, dass dein Dad keine Zeit hat, dich zu holen, hätte ich schon viel eher Feierabend gemacht und wäre zum Flughafen gefahren. Aber er hat mir erst vor einer Stunde Bescheid gegeben. Und da warst du schon unterwegs. Da brauchte ich mich auch nicht mehr auf den Weg zu machen.“
„Geht es ihm gut?“, erkundige ich mich. Ich muss zugeben, dass er zwischendurch schon schusselig ist und auch mal Dinge vergisst, wenn er viel um die Ohren hat. Aber so ein Verhalten kenne ich nicht von ihm. Deswegen mache ich mir nun doch ein wenig Sorgen.
„Ja, alles bestens“, antwortet Monica und winkt ab. „Er hat nur soviel um die Ohren, dass er kaum zum Essen kommt. Sie sind auf dem Revier zurzeit unterbesetzt. Und für diejenigen, die da sind, ist es einfach zu viel.“
„Oh“, sage ich nur. Als Polizist schiebt er öfters Überstunden, als es ihm lieb ist. Man sollte eigentlich meinen, dass er damit angefangen hat weniger zu arbeiten, als er älter geworden ist. Doch es kommt mir so vor, als wäre es eher das Gegenteil. Und ich bin mir sicher, dass auch Monica es bereits gemerkt hat.
„Es sind viele wichtige Fälle auf seinem Schreibtisch gelandet. Du kennst es ja. Er macht so lange, bis er sie abgearbeitet hat. Aber er ist erwachsen und lässt sich ja doch nichts vorschreiben. Deswegen versuche ich es erst gar nicht. Außerdem gehe ich mal davon aus, dass es kein Zustand ist, der ewig anhalten wird. Es wird auch wieder ruhiger werden.“ Während sie spricht umarmt sie mich und drückt mir noch einen Kuss auf die Wange.
Ich liebe die herzliche Art meiner Stiefmutter. Sie ist mit der Grund dafür, dass wir uns von Anfang an so gut verstanden haben. Ich gebe zu, als mein Dad vor vier Jahren meinte, dass er eine neue Freundin hat und sie heiraten will, war meine größte Befürchtung, dass es nur Ärger geben wird. Von solchen Geschichten habe ich mehr als genug gehört. Von der bösen Stiefmutter und den armen Kindern. Monica hat es sofort geschafft, mir die Angst zu nehmen. Und mittlerweile sind wir gute Freundinnen, worüber ich froh bin.
„Ich bin mir sicher, dass die Busreise nicht ruhig war und nach einem 13 Stunden Flug auch sicherlich nicht einfach“, murmelt sie und schaut zu ein paar älteren Frauen, die nur wenige Schritte von uns entfernt stehen und wie wild auf einen Taxifahrer einreden. Genervt verdreht er die Augen.
Die Gruppe war mir seit unserer Abfahrt am Flughafen bereits auch mehrere Male aufgefallen und das nicht unbedingt wegen ihrer leisen Gespräche. Zwischendurch haben sie es sogar geschafft die laute Musik zu übertönen, die aus meinen Kopfhörern kam.
„Ja, aber ich konnte mich beschäftigen“, erwidere ich und halte mein Handy ein Stück nach oben. „Ich habe Musik gehört und die Landschaft betrachtet. So konnte ich es ausblenden.“ Gleichzeitig nicke ich kurz in die Richtung der Frauen, was dafür sorgt, dass Monica leise lacht.
Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Die stechend grünen Augen des Mannes, mit dem ich vorhin zusammengestoßen bin, haben mich auch ein wenig abgelenkt. Allerdings bin ich schlau genug, um den Punkt für mich zu behalten. Schließlich bin ich nicht in die USA gekommen, um mir hier sofort einen Freund zu suchen und mich in eine Romanze zu stürzen. In erster Linie will ich beruflich erfolgreich als Friseurin sein und vielleicht sogar mein eigenes Geschäft eröffnen. Da hat die Liebe noch ein paar Jahre Zeit. So ist mein Plan und bei dem werde ich bleiben.
„Gestern Abend habe ich dein Zimmer soweit fertig gemacht, dass du nichts mehr machen musst“, eröffnet sie mir und verfrachtet einen der Koffer im Auto. „Ich kann mir vorstellen, dass du bestimmt jetzt keine Lust mehr dazu hast. Mir würde es nicht anders gehen.“
„Das hättest du nicht machen müssen“, wende ich ein, obwohl ich weiß, dass es nun auch nichts mehr bringt. Monica ist keine Frau, die sich von ihrem Vorhaben abbringen lässt, wenn sie es machen will. Noch ein Grund wieso wir uns so gut verstehen. Sie hat mich dazu ermutigt, dass ich meinen Weg gehen soll, auch wenn andere ihn vielleicht nicht gut finden.
In den letzten Jahren war ich immer gerne hier. Auch, wenn es immer nur während der Ferien war. Und genauso ist es auch jetzt. Es kommt mir vor, als hätte man mir eine riesige Last von den Schultern genommen, als ich das Flugzeug verlassen habe. Hier kann ich, ich selber sein. Und das war auch einer der Gründe dafür, dass ich mich dafür entschieden habe.
Klar, es fiel mir nicht leicht, meine Mutter und meine Freunde in Deutschland zurückzulassen. Aber ich lebe nur in einem anderen Land, nicht auf einem anderen Planeten. Auch wenn man sich nicht mal eben ins Auto setzen kann, um mich zu besuchen. Dennoch bin ich mir darüber bewusst, dass es nicht leicht werden wird. Doch ich bin gewillt es in Kauf zu nehmen.
„Danke, dass du mich abholst“, murmle ich vor mir hin.
„Das ist doch überhaupt kein Problem“, winkt sie ab und fädelt sich in den Verkehr ein, nachdem sie den Motor gestartet hat.
Die nächste halbe Stunde fährt sie schweigend durch die Straßen, bis wir das Wohngebiet erreicht haben, in dem sie mit meinem Dad wohnt. Unterschiedlich große Einfamilienhäuser stehen hier und Kinder spielen auf der Straße oder in den Vorgärten. Die Väter stehen daneben und waschen ihre Autos oder die Mütter sitzen auf der Veranda, unterhalten sich und lassen ihren Nachwuchs nicht aus den Augen. Vor manchen Häusern stehen kleine Vans, während andere Einfahrten leer sind.
„Es freuen sich alle aus der Nachbarschaft, dass du hier bleibst. Deswegen dachten wir uns, dass wir morgen ein kleines Grillfest veranstalten. Natürlich nur, wenn du auch Lust dazu hast.“
„Das wäre super“, antworte ich, auch wenn ich mir sicher bin, dass es nicht klein werden wird. Ich liebe die Grillfeste, die in der Nachbarschaft beinahe wöchentlich veranstaltet werden. Es gibt soviel zu essen, dass man am Ende des Abends noch einen ganzen Stützpunkt versorgen kann und es ist so laut, dass an Schlaf nicht zu denken ist, wenn man sich dazu entschließt, nicht anwesend zu sein. In den letzten Jahren habe ich die Erfahrung gemacht, dass das auch keiner will.
Wenn gefeiert wird, wird es auch richtig.
„Ich werde mir in den nächsten Tagen auch einen Nachmittag freischaufeln, sodass wir ein paar neue Dinge für dein Zimmer besorgen können.“
„Das brauchst du nicht“, erwidere ich und schüttle den Kopf. „Ich werde euch sicherlich nicht lange hier auf die Nerven gehen. So schnell wie möglich will ich mir eine Wohnung suchen, sobald ich eine feste Stelle habe“, erläutere ich ihr mein Vorhaben.
„Ach, jetzt hör aber mal auf. Wir sind beide froh, dass du hier bist. Das Haus ist für deinen Vater und mich alleine eigentlich viel zu groß. Deswegen nehme dir die Zeit, die du brauchst und komm erstmal an. Du wirst noch Zeit genug haben, dich um einen eigenen Haushalt zu kümmern“, erwidert sie und schließt den Kofferraum. Schnell zieht sie einen der Koffer hinter sich her und stellt alles in dem riesigen Eingangsbereich ab, nachdem sie die Haustür geöffnet hat.
„Willkommen zu Hause.“ Sie zwinkert mir einmal kurz zu, ehe sie in die Richtung der Küche geht und durch die Tür verschwindet.
Ich bleibe noch stehen und schaue mich um. Sofort erkenne ich, dass alles noch so aussieht, wie es vor einem Jahr der Fall war. Die hellen Wände und der ebenfalls helle Boden sorgen dafür, dass der Raum noch größer aussieht, als er es eh schon ist. Die großen Fenster, die sich rechts und links neben der Tür befinden, lassen das Sonnenlicht hinein. Im Kontrast dazu stehen die dunkelbraunen Möbel, für die sie sich entschieden haben. Alles in einem ergibt ein harmonisches Bild, sodass man sich hier direkt wohlfühlt.
So müde ich vorhin noch war, so fit bin ich jetzt. Ich stecke voller Tatendrang und will alles in Angriff nehmen, was ich mir vorgenommen habe. Deswegen greife ich mir ein paar meiner Taschen und gehe die offene Treppe nach oben.
„Fuck“, entfährt es mir, als ich in der geöffneten Tür zu meinem Schlafzimmer stehe und den Raum begutachte. Obwohl ich ja finde, dass der Ausdruck noch untertrieben ist. Man kann es nicht einmal als Schlafzimmer bezeichnen.
Jugendzimmer trifft es eher, denke ich und schaue mich prüfend um. Es sieht noch genauso aus, wie ich es vor einem Jahr verlassen habe. An den Wänden hängen Bilder von meinen Freundinnen und mir, die auf Ausflügen entstanden sind, die schon einige Jahre her sind. In einem der vielen Regale kann ich sogar noch Schulbücher erkennen, die ich nun aber sicherlich nicht mehr brauchen werde. Ich nehme mir vor, dass ich in den nächsten Tagen auf jeden Fall ausmisten werde.
Im Vorbeigehen werfe ich meine Taschen auf das Bett und lasse den Koffer davor stehen. Ich stelle mich ans Fenster und betrachte die Straße. Da es mittags ist, leert sie sich ein wenig. Ein paar Nachbarskinder verschwinden im Inneren ihrer Häuser, sodass es nur noch die älteren Kids sind, die draußen bleiben. Da ich in der Vergangenheit öfter auf die jüngeren Kinder aufgepasst habe, weiß ich aber, dass es nicht lange so sein wird. Direkt nach dem Essen werden alle wieder hinausstürmen und die Nachbarschaft unsicher machen. Das ist aber noch so ein Grund dafür, dass ich es hier so liebe. Mit meiner Mom habe ich in einem Mehrfamilienhaus gewohnt, was sich direkt an einer Hauptstraße befunden hat. Da haben die Kids nicht so viele Freiheiten wie es hier der Fall ist.
Mein Blick schweift weiter, wobei er an einem dunklen, teuer aussehenden, Geländewagen hängen bleibt, der ein paar Meter weiter am Straßenrand steht. Ich kenne die Autos, die sich in solchen Gegenden befinden. Und ehrlich gesagt sieht das nicht so aus, als würde es einem Anwohner gefahren werden.
Wäre das hier ein Film würde ich eher schätzen, dass er einem Verbrecher gehört. So ist es zumindest immer in den Filmen. Doch das hier ist so ziemlich die ruhigste Wohngegend, die man sich nur vorstellen kann.
Und trotzdem zieht dieser Wagen meine Aufmerksamkeit auf sich. Er steht im Schatten einer der vielen Bäume. Doch er ist hier so auffällig, dass das auch nichts bringt.
Ich bin so sehr auf ihn konzentriert, dass ich erschrocken zusammenzucke, als eine laute Stimme hinter mir ertönt. Ruckartig drehe ich mich auf der Stelle um und schaue die Person mit weit geöffneten Augen an, die mir da gegenüber steht.
„Was ist denn mit dir los? Du bist doch sonst nicht so schreckhaft“, stellt Katie fest, als sie mich aufmerksam betrachtet.
Katie ist meine älteste Freundin in den USA. Mittlerweile kennen wir uns schon seit Jahren und ich bin froh darüber, dass wir uns über den Weg gelaufen sind. Sie hat mir hier einiges einfacher gemacht.
„Ich war gerade nur in Gedanken“, erwidere ich und zucke mit den Schultern.
Sie sieht mich noch so an, als würde sie mir kein Wort glauben. Ich mache mich sogar darauf gefasst, dass sie weiter nachfragt. Doch zu meiner Überraschung macht sie das nicht. Stattdessen kommt sie näher und lässt sich auf die Bettkante sinken, wobei sie ihre Tasche neben sich auf den Boden stellt und ihr Rock von rechts nach links schwingt.
„Und? Wie war dein Flug? Sind dir heiße Typen begegnet?“
„Langweilig und nein“, antworte ich nur. Gleichzeitig gehe ich zu meinem Koffer und werfe ihn aufs Bett, um ihn zu öffnen.
„Du willst doch jetzt nicht wirklich anfangen, den auszupacken, oder?“ Ihre Stimme klingt beinahe entsetzt. Und auch ihr Gesichtsausdruck passt dazu.
„Ja, eigentlich hatte ich das vor.“
„Vergiss es“, bestimmt sie und schüttelt energisch den Kopf. „Dafür wirst du noch genug Zeit haben, schließlich wohnst du jetzt hier. Nun werden wir aber an den Strand fahren, dort essen und Spaß haben.“ Sie greift mit der einen Hand nach meiner Tasche und mit der anderen nach meinem Handgelenk. Ich habe nicht einmal die Chance, ein Argument vorzubringen, so schnell ist sie.
Auf der anderen Seite will ich das aber auch gar nicht. Insgeheim bin ich froh darüber, dass ich nicht hier drin sitzen muss. In den nächsten Tagen werde ich genug zu tun haben, sodass ich wahrscheinlich nicht sehr viel Zeit mit meiner Freundin verbringen kann. In den ersten Tagen habe ich noch einige Dinge zu erledigen. Deswegen lasse ich mich von ihr hinter sich herziehen, bis wir ihren Wagen erreicht haben.
Ein letztes Mal begutachte ich noch einmal den schwarzen Geländewagen, der noch immer da steht. Ich kann nichts gegen das unbehagliche Gefühl unternehmen, was sich in mir breit macht. Und normalerweise kann ich mich immer darauf verlassen. Deswegen rufe ich mir wieder in Erinnerung, dass hier nie etwas passiert. Deswegen hat mein Dad auch ein Haus in dieser Gegend ausgesucht. Schließlich hat er auf der Arbeit schon genug mit Verbrechen zu tun.
„Hast du schon Vorstellungsgespräche vereinbart?“, fragt Katie mich, als wir uns eine halbe Stunde später einen freien Tisch in der Strandbar gesucht haben.
„Drei Stück. Es sind völlig unterschiedliche Salons, sodass ich mich nicht wirklich darauf vorbereiten kann. Aber im Endeffekt wird es eh nur darum gehen, wie gut ich mit Haaren umgehen kann.“
„Das wird eh überbewertet. Ich bin der Meinung, dass man das antworten sollte, was einem als Erstes in den Kopf kommt. Ehrlichkeit und so. So habe ich auch meinen Job in dem Restaurant bekommen.“
Nachdenklich schaue ich sie an. Ich bin ehrlich, wenn ich sage, dass ich noch nie so genau darüber nachgedacht habe. Eigentlich bin ich auch derjenige, der es lieber auf sich zukommen lässt. In dem speziellen Fall habe ich aber versucht mich wenigstens ein wenig vorzubereiten. Heißt also, dass ich mich wenigstens über die Geschäfte ein wenig schlau gemacht habe. Es ist gut zu hören, dass meine Freundin anscheinend der gleichen Meinung ist, wie ich auch.
Ich will gerade den Mund öffnen, als ich auf die Straße schaue. Und was ich dort entdecke, überrascht mich. Der Geländewagen, den ich schon vor dem Haus meiner Eltern gesehen habe, steht auf der anderen Straßenseite, nur ein paar Meter entfernt. Mir ist bewusst, dass es mehrere davon gibt, schließlich ist es ein schönes Auto, und es dementsprechend nichts zu bedeuten hat. Auf der anderen Seite bin ich mir sicher, dass es der gleiche Wagen ist.
„Ich bin gleich wieder da“, erkläre ich und stehe gleichzeitig auf. Ich lasse den Wagen nicht aus den Augen. Ich habe keine Ahnung, wer sich auf der anderen Seite der Fenster befindet, doch ich habe vor, es herauszufinden. Und wenn es nur darum geht, meine aufgebrachten Nerven zu beruhigen.
„Wo willst du hin?“ Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass Katie mich irritiert ansieht. Doch die Erklärung muss warten.
Mit schnellen Schritten nähere ich mich ihm. Ich lasse nicht den kleinsten Zweifel daran, wohin ich will. Doch kaum komme ich in seine Nähe, wird der Motor schlagartig gestartet und der tiefe Ton des Auspuffs dröhnt in meinen Ohren. Er verschwindet mit durchdrehenden Reifen, so schnell, dass es nicht lange dauert, bis er aus meinem Sichtfeld verschwunden ist.
Ich hingegen bleibe mitten auf der Straße stehen und schaue ihm nach. In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Vorhin habe ich mir noch eingeredet, dass es ein Zufall ist. Nun bin ich mir da aber nicht mehr so sicher.
Verwirrt schaue ich ihm nach, auch als ich ihn schon längst nicht mehr sehe.
„Kannst du mir mal verraten, wer das war?“ Katie taucht neben mir auf und schaut ebenfalls in die Richtung, in die der Wagen verschwunden ist. Sie konzentriert sich auf mich.
„Ich habe keine Ahnung“, flüstere ich so leise, dass ich meine eigenen Worte kaum verstehen kann. Innerlich versuche ich mir noch immer einzureden, dass es ein blöder Zufall ist. Doch ich finde es schon merkwürdig, dass er einfach verschwunden ist. Und das ist ein Grund, den ich als Bestätigung für mein merkwürdiges Gefühl nehme. Schließlich würde das wohl kaum ein normaler Mensch machen.
Aber ich wünsche mir, dass ich mich getäuscht habe. Ich weiß nicht, an was mein Dad da genau arbeitet. Aber ich kann mir denken, dass die letzten Sekunden wahrscheinlich kein gutes Zeichen waren, wenn es wirklich mit ihm zu tun hat.
Ja, die meisten würden jetzt wahrscheinlich Panik bekommen. Bei mir ist es anders. Es ist eher das Gegenteil der Fall. Ich bin neugierig, wer es war.
3
Am nächsten Nachmittag sitze ich im Schneidersitz auf meinem Bett und betrachte den Inhalt des Schrankes, den ich vorhin angefangen habe einzuräumen. Noch immer liegen ein paar der Klamotten auf dem Boden verteilt. In den letzten Tagen war ich so sehr darauf konzentriert, mich wenigstens einigermaßen auf die Gespräche vorzubereiten, dass ich mir überhaupt keine Gedanken darüber gemacht habe, was ich anziehen soll. Das erste Gespräch ist bereits heute und danach direkt das Grillfest. Ich brauche also etwas, was ich zu beiden Terminen tragen kann, da ich nicht absehen kann, ob ich mich vorher noch umziehen kann.
Seufzend stehe ich auf und gehe noch einmal, zum gefühlt hunderten Mal, alles durch, was infrage kommen würde. Egal, ob es ein Rock und eine Bluse, oder ein Hosenanzug ist. Doch auch jetzt habe ich keine Eingebung, was das richtige Outfit ist. Außerdem wandert mein Kopf immer wieder zum Fenster und ich schaue hinaus. Ich will kontrollieren, ob der Wagen wieder da steht, wo er sich gestern befunden hat. Doch soweit ich das beurteilen kann ist er bis jetzt noch nicht wieder aufgetaucht.
Oder er befindet sich an einer Stelle, die ich von hier aus nicht im Blick habe.
„Mein Rat an dich: Zieh dir bequeme Klamotten an. Als Friseurin geht es nicht darum, dass du den ganzen Tag in so engen Klamotten da stehst, in denen du kaum atmen kannst. Und auch nicht darum, die höchsten Schuhe an den Füßen zu haben, nur um einen Kopf größer zu sein“, ertönt die Stimme von Monica hinter mir. „Sondern darum, dass zu tragen, was zwar gut aussieht, aber in dem man sich wohlfühlt.“ Mit vor der Brust verschränkten Armen steht sie in der Tür und lächelt mich an.
„Das Problem ist nur, dass ich mich in allen Sachen wohlfühle“, gebe ich zurück.
„Ich würde eine Jeans und ein normales Shirt oder Top empfehlen. Und Sneaker.“ Mehr sagt sie nicht, sondern dreht sich um und verschwindet genauso schnell, wie sie gekommen ist.
Ja, ich muss zugeben, dass sie recht hat. Schließlich stehe ich in dem Beruf die meiste Zeit und laufe hin und her. Die Erfahrung habe ich bereits in der Ausbildung gemacht. Ich bin mir nicht sicher, ob es das richtige Outfit für ein Vorstellungsgespräch ist. Trotzdem greife ich nach einer Jeans und einem schwarzen Shirt mit V-Ausschnitt, die ich mir schnell überziehe. Schnell mache ich mich fertig, da ich bereits spät dran bin.
„Kann ich deinen Wagen nehmen?“, frage ich Monica, als ich wenig später die Küche betrete. „Ich werde ihn auch nicht lange brauchen, sondern direkt danach wieder herkommen. Es ist ja auch das Grillfest nachher.“
„Nimm ihn ruhig und lass dir Zeit. Ich brauche ihn heute nicht mehr. Für die Feier habe ich alles hier, was ich brauche. Und sollte doch was fehlen, werde ich dir einfach eine Nachricht schreiben, damit du es mitbringst.“ Monica zieht die Schlüssel aus ihrer Tasche und wirft sie mir zu. Mit der rechten Hand fange ich sie auf, lasse sie jedoch sofort wieder fallen.
„Verdammt“, fluche ich und betrachte meine Handinnenfläche. Die Spitze des Schlüssels hat sich mir ins Fleisch gebohrt und eine schmerzende Stelle hinterlassen.
„Das tut mir leid“, entschuldigt Monica sich sofort und kommt zu mir.
„Das braucht es nicht. Wo auch immer das Fettnäpfchen ist, ich trete hinein. Was das angeht, bin ich ziemlich zielsicher“, seufze ich. Das war schon immer so und ich habe die Befürchtung, dass sich das auch nicht mehr ändern wird. Es ist trotzdem nervig und ich wünsche mir, dass es nur einmal nicht so ist. Bis jetzt habe ich noch nichts ausgelassen.
„Keine Sorge, ich bin mir sicher, dass sie dich lieben werden und alles glatt laufen wird. Du hast keinen Grund um nervös zu werden.“ Aufmunternd sieht sie mich an. Ich hingegen versuche meine Nervosität so weit in den Griff zu bekommen, dass ich mich überhaupt hinters Steuer setzen kann, ohne einen Unfall zu bauen.
Außerdem gefällt es mir überhaupt nicht, dass ich es anscheinend nicht für mich behalten kann.
„Viel Glück“, wünscht sie mir noch, als sie an mir vorbeigeht und zwinkert mir zu.
Bevor ich es mir anders überlegen und alles abblasen kann, hebe ich sie auf und verschwinde.
Der Friseursalon befindet sich mitten in der Stadt in einer Gegend, in der es immer voll ist. Schnell finde ich einen freien Parkplatz direkt vor dem Laden, was aber wohl eher ein Glücksfall ist.
Ich bleibe vor dem Laden stehen und betrachte ihn. Von außen sieht er klein und gemütlich aus. Vor dem Laden und in den Schaufenstern befinden sich bunte Blumen, die einladend wirken und gute Laune verbreiten. Dazwischen wurden Bilder von unterschiedlichen Frisuren und Haarfarben in Szene gesetzt. Sie zeigen mir, dass es vielleicht ein kleiner Laden ist, aber die Angestellten dennoch wissen, was sie tun.
Der Anblick lässt mich noch nervöser werden. Schnell schiebe ich in den hintersten Teil meines Körpers und straffe die Schultern. Ohne mir weiter den Kopf zu zerbrechen, was ich eh schon genug getan habe, öffne ich die Tür und gehe hinein.
Im Inneren befindet sich mir gegenüber eine kleine Theke, auf der sich auch eine riesige Pflanze befindet, die beinahe den halben Platz einnimmt. Auf der anderen Hälfte steht ein Computer-Bildschirm und daneben eine Tastatur. Rechts neben der Tür befindet sich eine kleine Warteecke.
„Hi, willkommen bei Sally. Hast du einen Termin?“, werde ich von einer Blondine begrüßt, die mich glücklich anstrahlt. „Ich bin Hannah.“
„Hi, ich habe ein Vorstellungsgespräch bei …“, beginne ich. Doch noch bevor ich ausgesprochen habe, strahlt sie mich begeistert an.
„Du musst Harley sein“, ruft sie aus und kommt um den Tresen herum. Ihre Stimme ist so laut, dass sich ein paar der anderen Frauen kurz in unsere Richtung umdrehen. Noch im selben Augenblick konzentrieren sie sich aber wieder auf ihre Arbeit. „Du bist für das Vorstellungsgespräch hier. Unsere Chefin ist hinten und geht gerade die neuen Bestellungen durch.“ Sie dreht mir den Rücken zu und entfernt sich ein paar Schritte. Kurz bleibe ich stehen und frage mich, ob ich ihr folgen soll. Doch ich suche mir einen Weg vorbei an allen.
Hannah hält auf eine Tür zu, die sich im hinteren Bereich des Ladens befindet, wobei sie ein paar Worte mit anderen Frauen wechselt, von denen ich annehme, dass sie Kolleginnen sind. Ohne vorher anzuklopfen, öffnet sie die Tür, nachdem wir sie erreicht haben, und tritt in den Raum.
„Sally?“, ruft sie. Nachdem ich hinter ihr stehen geblieben bin, schaue ich mich suchend um. Gleichzeitig stelle ich fest, dass er größer ist, als ich es erwartet habe. Ich habe mit einem kleinen Abstellraum gerechnet, doch das ist er definitiv nicht. Er ist nicht sonderlich hell erleuchtet, aber genug, dass man alles erkennen kann. Überall stehen geöffnete Kartons und in der Mitte sitzt eine ältere Frau, die ein Klemmbrett in der Hand hat.
„Ja?“, fragt sie, notiert noch etwas und hebt den Kopf.
„Harley Barker ist hier“, eröffnet ihr Hannah und zeigt in meine Richtung.
„Ahh“, ruft sie aus und kommt zu uns. „Ich bin Sally. Mir gehört der Laden. Zurzeit bin ich nicht sehr oft hier, da es einige Probleme gibt, um die ich mich kümmern muss. Es läuft halt nicht immer alles so, wie man das gerne haben würde. Deswegen herrscht hier auch ein wenig Chaos.“
„Hi“, erwidere ich nur. Ich habe mit so ziemlich allem gerechnet. Aber nicht damit, dass alle hier anscheinend eher freundschaftlich miteinander umgehen. Auf jeden Fall macht es bis jetzt den Eindruck auf mich.
„Ich werde verschwinden.“ Schwungvoll dreht Hannah sich um und lässt uns alleine.
Ein wenig unbeholfen bleibe ich an Ort und Stelle stehen und schaue Sally zu, wie sie noch ein paar Dinge aufschreibt.
„Du hast ein beeindruckendes Abschlusszeugnis von deiner Ausbildung bekommen. Das hat mir imponiert“, erklärt sie und sich neben den nächsten Karton und inspiziert den Inhalt.
Kurz bin ich zu überrascht von ihrem Verhalten. Doch schnell finde ich meine Sprache wieder.
„Ja, ich habe als kleines Kind schon gerne andere frisiert. Damals mussten meine Puppen herhalten“, erkläre ich. „Und ich habe meinen Freundinnen die Haare gemacht.“
„Sowas erkennt man sofort. Du gehörst hier hin. Das wusste ich von dem Augenblick an, als ich deine Bewerbung gelesen habe. Daran besteht überhaupt kein Zweifel.“
Ihre Worte überraschen mich genauso sehr, wie die gesamte Situation, in der ich mich befinde. Es ist merkwürdig, sich darüber mit ihr zu unterhalten. In den letzten Jahren hatte ich das eine oder andere Vorstellungsgespräch, als ich mir einen Nebenjob gesucht habe oder auch meine Ausbildungsstelle. Und keines lief auch nur ansatzweise so ab, wie das hier. Deswegen macht sich die Frage in mir breit, ob man das hier überhaupt als ein Vorstellungsgespräch bezeichnen kann. Ein wenig kommt es mir eher so vor, als würde ich mich mit meiner Freundin unterhalten, die ich schon ewig nicht mehr gesprochen habe. Auch, wenn es hierbei ums Geschäft geht.
„Wir sprechen hier alle sehr offen miteinander und wie eine kleine Familie, Hannah war ja schon ein gutes Beispiel. In den letzten Jahren habe ich die Erfahrung gemacht, dass man so Ärger aus dem Weg gehen kann, der sich früher oder später anbahnt. Außerdem war ich noch nie ein Fan von einem Angestellten und Chef Verhalten. Klar bin ich die Chefin, aber das macht mich nicht allwissend, was manche leider immer von sich meinen. Ich gebe zu, dass es Dinge gibt, die ich vorher mit den anderen bespreche, oder mir auch mal eine zweite Meinung einhole.“
„Ja, das habe ich vorhin auch schon gemerkt“, erwidere ich.
Sally macht den Mund auf und will weiter sprechen, als ein schriller Ton zu uns in den Raum dringt, den man überhaupt nicht überhören kann. Auch wenn ich ihn nur selten höre, so weiß ich doch, dass es die Alarmanlage eines Autos ist.
„Oh nein“, seufzt sie und richtet sich erneut auf. „Noch so ein Punkt, um die ich mich dringend kümmern muss, sobald ich die Zeit dazu habe. Die Elektronik von meinem Wagen spinnt. Deswegen springt die Alarmanlage immer wieder an. Er stand schon so oft in der Werkstatt, bis jetzt hat aber noch keiner das Problem gefunden.“ Mit großen Schritten geht sie an mir vorbei nach vorne in den Laden.
Mit großen Schritten folge ich ihr und sehe, dass sich auch ein paar Kunden aus dem Laden bereits vor dem großen Fenster versammelt haben und nach draußen schauen. Und auch auf dem Bürgersteig sind bereits ein paar Fußgänger stehen geblieben.
Auch wenn sich ein paar Menschen vor mir befinden, so erkenne ich doch, dass es nicht der Wagen von Sally ist, der da Alarm schlägt. Es ist meiner.
Eilig gehe ich zur Tür und trete hinaus in die warme Luft. Während ich die Distanz zum Auto überbrücke, ziehe ich den Schlüssel aus meiner Tasche um die Türen zu entriegeln und die Alarmanlage zu deaktivieren. Als ich auf die Fahrerseite gehe, erkenne ich aber den Grund dafür, dass sie angesprungen ist. Und das war sicherlich kein Fehlalarm.
Die Tür steht ein Stück offen und sogar ich kann erkennen, dass sie aufgebrochen wurde. Die Kratzer und das verbogene Metall lassen auch gar keinen anderen Schluss zu. Vorher sah er definitiv noch nicht so aus.
„Ist das dein Wagen?“, erkundigt sich Hannah, nachdem sie ebenfalls den Laden verlassen hat. Sie bleibt ein paar Schritte von mir entfernt stehen und hält sich die Ohren zu.
Eilig gehe ich zur Tür und trete hinaus in die warme Luft. Während ich die Distanz zum Auto überbrücke ziehe ich den Schlüssel aus meiner Tasche, um die Türen zu entriegeln und die Alarmanlage zu deaktivieren. Als ich auf die Fahrerseite gehe, erkenne ich aber den Grund dafür, dass sie angesprungen ist. Und das war sicherlich kein Fehlalarm.
Die Tür steht ein Stück offen und sogar ich kann erkennen, dass sie aufgebrochen wurde. Die Kratzer und das verbogene Metall lassen auch gar keinen anderen Schluss zu. Vorher sah er definitiv noch nicht so aus.
„Ist das dein Wagen?“, erkundigt sich Hannah, nachdem sie ebenfalls den Laden verlassen hat. Sie bleibt ein paar Schritte von mir entfernt stehen und hält sich die Ohren zu.
„Das tut mir leid“, murmelt Hannah und verzieht ein wenig das Gesicht.
„Muss es nicht. Es ist ja nicht deine Schuld.“
Kaum habe ich ausgesprochen, dringt bereits die laute Sirene eines Polizeifahrzeugs an mein Ohr, was wahrscheinlich von einem Passanten gerufen wurde. Suchend schaue ich in die Richtung, aus der der Ton kommt. Während ich mich noch immer bewege kann ich einen dunklen Wagen erkennen, der gerade um die Ecke biegt und aus meinem Sichtfeld verschwindet.
Schlagartig beginnt mein Herz schneller zu schlagen. Das Auto, was da gerade verschwunden ist, sieht genauso wie der Geländewagen aus, den ich gestern mehrere Male ausgemacht habe. Das ist ein Punkt, was mir schon ein wenig merkwürdig vorkommt.
„Mein Töchterchen. Seit gestern bist du in der Stadt und das erste Mal, dass ich dich sehe, muss natürlich bei einem Einsatz sein“, höre ich die Stimme meines Vaters. Der Ton, mit dem er spricht, klingt vorwurfsvoll. Man braucht nur einen Blick in sein Gesicht zu werfen, um zu wissen, dass er das nicht ist. Müsste ich raten würde ich eher behaupten, dass es ihn ein wenig amüsiert.
„Hi, Dad“, begrüße ich ihn. Ich versuche so gelassen wie möglich zu sein. Die Wahrheit sieht so aus, dass mein Herz noch immer so schnell rast, als würde es sich aus meiner Brust befreien wollen. Fettnäpfchen sind mir zwar nicht unbekannt, aber das ist doch schon neu.
„Was ist passiert?“
„Ich habe keine Ahnung. Es tut mir leid, wegen deinem Wagen“, erkläre ich.
„Mach dir deswegen keine Sorgen“, murmelt er und begutachtet den entstandenen Schaden. „Die Hauptsache ist, dass dir nichts passiert ist. Das kann man reparieren lassen.“
Es dauert, doch schließlich kommt sein Kollege hinzu. Er beginnt Bilder zu machen und ein paar Passanten zu befragen, während ich meinem Dad erzähle, was ich mitbekommen habe. Obwohl ich mir sicher bin, dass es ihm nichts bringt. Dabei behalte ich aber für mich, was ich beobachtet habe, bevor er angekommen ist. Ich habe das Gefühl, als wäre es besser. Vor allem deswegen, weil ich mich auch irren kann. Schließlich bin ich hier in den USA. Hier sind riesige dunkle Autos nichts Ungewöhnliches.
Während ich die Polizisten ihren Job machen lasse, stehe ich am Rand und schaue mich um. Dabei weiß ich aber selber nicht so genau, nach was ich eigentlich Ausschau halte.
Als ich mich abwenden und noch einige Schritte entfernen will, fällt mir jemand auf. Jemand, mit dem ich definitiv nicht gerechnet habe. Ich habe nicht einmal gedacht, dass ich ihn überhaupt wiedersehen werde. Weder jetzt noch sonst wann.
Der Typ vom Flughafen, schießt es mir durch den Kopf. Und wenn ich mich nicht irre, sind auch seine Freunde dabei, die ihn gestern auch begleitet haben.
Als er merkt, dass ich ihn wiederum bemerkt habe, grinst er mich schief an, dreht sich um und haut ab. Das alles geht so schnell, dass ich keine Zeit mehr habe, zu reagieren. Ich wüsste überhaupt nicht, wie ich reagieren sollte. Ich kann ihm ja schlecht hinterherrufen.
„Die Tür kann noch richtig verschlossen werden, was ein Wunder ist bei dem verbogenen Metall“, überlegt mein Dad, als er sich zu mir stellt.
Es dauert, bis ich mich wieder auf ihn und darauf eingehen kann. Noch immer starre ich auf die Stelle, an der er vorhin stand, als würde er jeden Augenblick wieder auftauchen. Ich rede mir ein, dass es einfach ein Zufall war, dass er da war. Auch wenn ich zugeben muss, dass es ein ziemlich großer Zufall gewesen ist. Wir sind uns ja nicht gerade zwei Straßen weiter das erste Mal über den Weg gelaufen.
Ungefähr so groß, wie die Tatsache, dass der Geländewagen immer wieder auftaucht.
„Du bist der Polizist“, erwidere ich nur, zucke mit den Schultern und stelle mich zu der wartenden Menge. „Ich habe keine Ahnung von solchen Dingen.“
„Es ist noch nie passiert, dass in hier ein Auto aufgebrochen wurde. Auf jeden Fall nicht, seitdem ich hier den Laden habe. Und den gibt es schon seit Jahren“, sagt Sally. Ich war so sehr auf die Geschehnisse konzentriert, dass ich gar nicht gemerkt habe, dass sie sich ebenfalls neben mich gestellt hat.
„Einmal ist immer das erste Mal“, gebe ich zurück. Nach außen hin scheine ich vielleicht gelassen zu sein. Nach innen sieht es aber ganz anders aus.
Der Schreck darüber, dass dies ausgerechnet mir passiert, sitzt tief, auch wenn es mich eigentlich nicht verwundern dürfte. Doch es gehört nicht zu den Dingen, mit denen man rechnet. Ich kann nicht einmal feststellen, ob etwas geklaut wurde.
„Schade, dass unser Gespräch unterbrochen wurde. Aber vielleicht können wir es ja fortsetzen, wenn du zum Probearbeiten kommst“, fährt Sally fort.
Kaum sind ihre Worte bei mir angekommen, drehe ich mich zu ihr um und schaue sie mit großen Augen an. Vorhin kam es mir noch so vor, als wäre der Einbruch ein Zeichen gewesen. Ein Zeichen, dass es mit dem Job nicht klappen soll und ich mich vielleicht auch noch nach einem anderem umsehen sollte. Doch nun freue ich mich darüber, dass es anscheinend doch geklappt hat. Auch wenn es nur eine Einladung zum Probearbeiten ist, so ist es doch ein Schritt in die richtige Richtung.
„Ja, das würde ich gerne machen“, gebe ich begeistert mein Einverständnis. Das Angebot zu bekommen habe ich nicht erwartet. Und würde es klappen, könnte ich mir sogar die anderen Gespräche in einer Woche sparen.
„Super, ich würde vorschlagen, dass wir das in drei Tagen machen. Da bin ich auf jeden Fall hier und kann dich ein wenig beobachten. Obwohl ich mir sicher bin, dass du das wunderbar machen wirst.“
Nachdenklich sieht sie mich an. Die Nervosität, die mich heute Morgen im Griff hatte, packt mich wieder. Dennoch nicke ich und verabschiede mich von ihr. Am liebsten würde ich mich noch einmal bei ihr für die Chance bedanken. Mir ist klar, wie bescheuert das ist. Deswegen versuche ich wenigstens die selbstbewusste Frau zu sein, die sonst in mir steckt.
„Das glückliche Strahlen kann nur heißen, dass es doch noch mit dem Job geklappt hat“, stellt mein Dad fest, als ich zu ihm gehe.
„Noch nicht, aber ich kann zum Probearbeiten kommen. Das ist auch schon einmal ein gutes Zeichen. Aber was ist nun mit dem Wagen?“, frage ich ihn und deute nach links, wo er steht.
„Du brauchst dir deswegen nicht den Kopf zu zerbrechen. Es ist alles dokumentiert und wir haben Fingerabdrücke genommen. Ich brauche nur die von Monica und dir zum Vergleich. Aber er wird gleich von einem Abschleppwagen geholt und in die Werkstatt gebracht werden, damit er wieder fertig gemacht werden kann.“
„Es ist nicht meine Schuld. Dennoch mache ich mir Gedanken, das wirst auch du nicht verhindern können. Schließlich hat Monica ihn mir anvertraut“, flüstere ich niedergeschlagen. „Mir ist das noch nie passiert.“
„Cindy wird dich nach Hause bringen, wenn du willst“, spricht mein Dad weiter. Schon vor Jahren hat er gekonnt überhört, was ich gesagt habe. In solchen Fällen ist ein Themenwechsel aber auch gut für mich. Sonst würde ich mir noch mehr Gedanken machen. Und früher oder später würde es nur dafür sorgen, dass ich auch meinen restlichen Verstand verliere.
Während er spricht, zeigt er auf eine Polizistin, die vielleicht zehn Jahre älter ist als ich. Sie spricht gerade mit einem der Männer, die sich am Rand befinden. Er steht vor ihr und redet wild auf sie ein. Er fuchtelt mit den Armen vor ihr herum, als würde er sich nur so Gehör verschaffen können. Cindy macht einen genervten Eindruck auf mich, sodass ich mich frage, ob er damit nicht eher das Gegenteil erreicht. Als ich gerade sagen will, dass sie das ruhig machen kann, wird sie von einem anderen Polizisten zur Seite gezogen und damit von ihm weggeholt.
„Nein, ist schon in Ordnung. Ich will keinen von euch von seiner Arbeit abhalten. Ich werde einen kleinen Spaziergang machen und noch bei Katie vorbeischauen, bevor das Grillfest startet“, winke ich ab. Eigentlich hatte ich vorgehabt, sofort wieder zurückzufahren, schon alleine deswegen, um noch ein wenig zu helfen. Nun muss ich mich aber erstmal auf andere Gedanken bringen und mich ablenken, was wiederum am besten mit meiner Freundin geht.
„Wenn sie nichts anderes zu tun hat, kannst du sie ja auch mitbringen“, schlägt mein Dad vor. „Je mehr wir sind, umso lustiger wird es.
„Bist du dir sicher, dass bei all unseren Nachbarn nicht schon genug da sind?“
„Eine Person mehr oder weniger, fällt auch nicht mehr auf“, lacht mein Dad.
„Ich werde sie fragen“, erwidere ich und drücke meinem Vater noch einen Kuss auf die Wange, ehe ich verschwinde.
4
„Ich wollte dich gerade anrufen“, verkündet Katie am Handy, nachdem ich es kurze Zeit habe klingeln lassen. Die Energie, die sie versprüht, ist nicht zu überhören. Und es ist egal, ob sie gerade arbeiten war oder nicht. Man kann sie auch mit einer Batterie vergleichen, die nie leer wird.
„Ich glaube, das kann man wohl als perfektes Timing bezeichnen“, erwidere ich. Während ich mir einen Weg über den Bürgersteig bahne, muss ich mehreren Gruppen ausweichen, die sich überall verteilt haben und anscheinend nichts mehr von ihrer Umgebung mitbekommen.
„Jetzt erzähl aber mal“, fordert Katie mich auf.
„Was?“, hake ich nach, obwohl ich mir bereits denken kann, worauf sie anspielt.
„Du machst es ganz schön neugierig. Wie lief das Gespräch?“, erkundigt sich meine Freundin in der nächsten Sekunde.
„Musst du arbeiten?“, weiche ich ihr aus, ohne im geringsten auf ihre Frage einzugehen. Der Verlauf meines Vorstellungsgesprächs ist nichts, was ich am Telefon berichten möchte. Das ist nun wirklich nichts, was man mal eben nebenbei erzählt. Ich ja nicht einmal eine Idee, wie ich ihr davon berichten soll, wenn sie mir gegenüber steht.
Klar, ich könnte es für mich behalten. Aber wenn sie es erfährt, wäre sie sauer auf mich. Und ich bin mir sicher, dass sie es erfährt.
„Ich habe gerade Feierabend gemacht.“
„Wir treffen uns bei Jones, holen uns einen Kaffee und während wir zu mir fahren, erzähle ich dir alles.“
„Wieso fährst du nicht mit dem Auto von deinen Eltern? Ich meine, von dir in die Stadt ist ja doch ein ganz schönes Stück.“ Ich höre die Verwunderung in ihrer Stimme. Allerdings bin ich mir sicher, dass das nichts im Gegensatz zu dem ist, was sie fühlen wird, wenn ich ihr berichte, was passiert ist. Ich will ihren Gesichtsausdruck erkennen, wenn ich ihr die Geschichte erzähle, deswegen halte ich jetzt auch meinen Mund und verliere kein Wort darüber.
„Wir reden nachher darüber“, gebe ich nur von mir und lege auf. Mir ist klar, dass mein Verhalten wahrscheinlich einen Haufen Fragen bei ihr aufwirft, die sie mir stellen wird. Mir würde es nicht anders ergehen. Doch das ist sicherlich keine Geschichte, die man mal eben schnell am Telefon erzählt.
Das Jones ist ein kleines Café, was sich zwischen zwei riesigen Geschäften befindet, sodass man es leicht übersehen kann. Um ehrlich zu sein bin ich auch ein paar Mal dran vorbeigelaufen, bis Katie mich darauf aufmerksam gemacht hat. Es ist unscheinbar, sodass man es kaum wahrnimmt. Und ich bin mir sicher, dass es den meisten so geht. Vor allem Touristen. In der gesamten Stadt gibt es keinen Kaffee, der besser schmeckt.
Als der kleine Laden endlich in Sichtweite kommt, habe ich mich so weit wieder im Griff, dass mein Körper nicht mehr zu zittern anfängt, wenn ich an den Wagen denke, der demoliert wurde, oder an den Geländewagen. Dennoch bekomme ich es nicht aus meinem Kopf. Und das vor allem deswegen, weil ich zu gerne wissen würde, wer dahinter steckt.
Das sind wohl die Gene meines Vaters, die da durchschlagen. Ich kann nicht einschätzen, ob ich das gut finden soll oder nicht, aber ändern kann ich es eh nicht.
Als ich den Laden betreten will, kommt Katie hinaus und drückt mir beim Vorbeilaufen einen Kaffeebecher in die Hand.
„Also? Wie war es? Ich möchte jedes Detail wissen.“ Neugierig betrachtet sie mich von oben bis unten, als würde sie so viel eher die Antwort auf ihre Frage bekommen.
„Du hörst dich an, als würde ich von einem Date kommen.“
„Ja, aber es ist genauso aufregend. Schließlich geht es hier um deinen Neuanfang in einer neuen Stadt. Je eher man die Jobfrage da geklärt hat, umso besser ist es. Es gibt schließlich noch andere wichtige Dinge, um die man sich kümmern muss.“
Im Stillen muss ich ihr recht geben. Und ich wäre auch glücklicher, wenn ich es bereits wüsste, ob es klappt oder nicht.
„Willst du erst die gute oder die schlechte Nachricht hören?“, sage ich also, bevor sie noch einen weiteren Versuch unternehmen kann, mehr aus mir herauszubekommen.
„Es gibt eine schlechte Nachricht?“ Mit großen Augen sieht sie mich an.
„Ja, die gibt es.“ Ich verziehe ein wenig das Gesicht.
„Ich möchte erst die gute hören“, überlegt sie. „Danach kann ich die schlechte besser verdauen.“
Mit kurzen Sätzen berichte ich ihr von dem Vorstellungsgespräch. Aufmerksam hört sie mir zu, auch wenn es da eigentlich gar nicht soviel zu berichten gibt. Und das bringt mich direkt zu meiner zweiten Geschichte. Ich berichte ihr einfach davon, der Vorteil ist, dass es nicht ihr Auto ist, das aufgebrochen wurde.
Während ich ihr davon erzähle, sieht Katie mich so an, als würde sie davon ausgehen, dass ich einen Scherz mache. Jedes Wort, was meinen Mund verlässt, ist auch mein Ernst. Obwohl ich mir wünsche, dass es ein Scherz wäre.
„Ach du scheiße“, entfährt es ihr, nachdem ich geendet habe. Geschockt schlägt sie die Hände vor das Gesicht und wendet sich nicht von mir ab. Ich sehe ihr an, dass sie keine Ahnung hat, was sie dazu sagen, beziehungsweise davon halten soll. Und mir geht es da nicht anders. Auch wenn ich es mittlerweile so weit verarbeitet habe, dass ich nicht mehr am Zittern bin, so geht es mir noch immer nah.
„Ja, so kann man es wahrscheinlich auch ausdrücken“, überlege ich.
„Und es hat keiner mitbekommen?“ Ungläubigkeit hat sich in ihre Stimme geschlichen. „Es konnte keiner einen Hinweis geben?“
„Mein Dad und seine Kollegen haben mit ihnen gesprochen. Was herumgekommen ist, weiß ich aber nicht. Er hat mir nichts gesagt.“ Ich zucke mit den Schultern. So gebe ich ihr zu verstehen, dass ich mich auch nicht näher damit auseinandergesetzt habe. Schließlich bin ich keine Polizistin und ich habe keine Ahnung, wie viel sie mir sagen würden. Außerdem muss ich zugeben, dass ich vorhin auch keine sehr große Lust mehr hatte, mich damit zu beschäftigen.
„Wow“, raunt Katie und geht neben mir her. Einige Sekunden ist sie ruhig. „Am helllichten Tag einen Wagen aufzubrechen zeugt von Mut. Alleine der Gedanke daran, dass man mich erwischen könnte, würde mich davon zurückschrecken lassen. Aber gut das keiner von uns auf so eine Idee kommen würde. Und noch besser ist es, dass du nicht in der Nähe warst. Ich bin mir sicher, dass du sonst versuchst hättest, ihn aufzuhalten.“ Kaum hat sie ausgesprochen bleibt sie neben ihrem Auto stehen und öffnet die Türen.
„Mut oder Dummheit“, gehe ich auf den ersten Teil ihrer Aussage ein. „Es kommt darauf an, von welcher Seite man es sieht“, murmle ich so leise vor mir her, dass ich meine Worte selber kaum verstehen kann. Mein Blick wandert von rechts nach links und wieder zurück. Nach der Geschichte habe ich das Bedürfnis sicherzugehen, dass nicht irgendwo eine Gefahr lauert und nur auf ihre Chance wartet.
Aber es ist nicht nur das. Ich habe das Gefühl, als würde man mich beobachten. Das hatte ich gestern bereits, jetzt ist es aber noch schlimmer. Ich kann es mir nicht genau erklären, zumal ich nicht weiß, wo es plötzlich herkommt. Doch ich habe es.
Katie sagt nichts weiter, auch wenn ich mir sicher bin, dass es da noch die eine oder andere Frage gibt, die ihr auf der Zunge brennt. Zumindest gibt es da ein paar, die mich interessieren würden und ich bin mir sicher, dass es ihr da nicht anders geht. Doch meine Freundin behält sie für sich. Und ehrlich gesagt bin ich froh darüber.
Während wir zu mir fahren erzählt Katie mir von ihrem Tag. Auf der Highschool hat sie aus der Not heraus in einem der vornehmsten Restaurants der Stadt als Kellnerin angefangen. Auf die Weise wollte sie ihre Familie finanziell unterstützen, die zu dem Zeitpunkt mit einigen Schicksalsschlägen leben musste. Und anstatt danach aufs College zu gehen ist sie dort geblieben. Ich muss zugeben, dass es für mich zu heikel gewesen wäre. Auch wenn ich nicht studiert habe, so habe ich wenigstens eine abgeschlossene Berufsausbildung, doch für meine Freundin hat es sich gelohnt. Seit dem letzten Jahr ist sie sogar die stellvertretende Managerin. Ich bin mir sogar sicher, dass sie einmal den Laden leiten wird.
„Dein Job ist sicherlich nicht leicht“, stelle ich fest, nachdem sie von den ganzen Katastrophen berichtet hat, die ihren Tag bestimmt haben.
„Nein, das ist er nicht. Aber ich mache ihn gerne und das ist die Hauptsache. Mehr ist für mich nicht wichtig.“ Katie stellt ihren Wagen an die freie Stelle, an der vorhin noch der von Monica stand. In den letzten Minuten hat meine Freundin es geschafft, mich abzulenken. Nun habe ich aber sofort wieder ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht besser auf ihren Wagen aufgepasst habe.
„Ihr kommt genau richtig“, werden wir von Monica begrüßt, die durch die Küche wirbelt, als wir eintreten. Als sie mich entdeckt bleibt sie ruckartig stehen. Mit großen Schritten kommt sie auf mich zu und bleibt dicht vor mir stehen. Unerwartet schließt sie mich in ihre Arme. „Dein Dad hat schon angerufen und mir berichtet, was geschehen ist. Ich bin nur froh, dass er wenigstens so lange gewartet hat, bis du das Auto verlassen hast. Ich will mir überhaupt nicht ausmalen was alles hätte passieren können, wenn du noch in dem Auto gewesen wärst.“ Erneut drückt sie mich fest an sich. „Aber jetzt wollen wir uns nicht länger darüber unterhalten, sondern uns an die Arbeit machen. Sonst werden wir bestimmt nicht pünktlich fertig.“
Kaum hat sie ausgesprochen, dreht sie sich bereits um und stellt sich wieder an die Arbeitsplatte, um Gemüse zu schneiden. Sie gibt mir nicht die Chance, noch mehr zu erklären. Deswegen ist es wahrscheinlich das Beste, wenn ich mich nicht weiter damit beschäftige. Es würde ja doch nichts an dem ändern, was geschehen ist.
Die nächste Stunde bereiten wir verschiedene Salate zu. Als sie endlich fertig sind, sind es so viele, dass sie den gesamten Esstisch einnehmen, der nicht gerade das ist, was man als klein bezeichnen kann. Alleine das Bild reicht schon aus, um meine Vermutung zu bestätigen. Am Ende des Abends wird eine Menge übrig bleiben. Die Sachen werden nicht weggeschmissen. Alles wird aufgeteilt und Monica friert ihre Ration ein.
„Lasst uns die Sachen rüberbringen. Ich bin mir sicher, dass du nach den letzten Stunden ein Bier gebrauchen kannst. So würde es mir auf jeden Fall gehen“, fordert Monica uns auf.
„Oh ja“, seufze ich und greife nach zwei Schüsseln. Auch die anderen beiden bewaffnen sich, sodass wir uns zusammen auf den Weg machen können.
Draußen versuche ich nicht so sehr auf meine Umgebung zu achten, sondern mich so zu verhalten, als wäre nichts geschehen. Ich bin mir sicher, wenn ich mir noch länger einen Kopf darüber mache, werde ich so schnell keine Ruhe finden. Und das ist, was ich überhaupt nicht gebrauchen kann. Schließlich muss ich in wenigen Tagen zum Probearbeiten. Und das ist wichtiger. Ich muss mich auch noch um eine Menge Papierkram kümmern.
„Harley, da bist du ja“, werde ich von unserer Nachbarin Mary begrüßt. Mit einem strahlenden Lächeln betrachtet sie mich ausführlich. „Du siehst wunderschön aus. In dem letzten Jahr bist du eindeutig erwachsen geworden. Ach quatsch, was sage ich da? Du bist eine Dame geworden. Eine Dame, der die Männer sicherlich zu Füßen liegen.“
Nicht zum ersten Mal heute muss ich an den Typen denken, dessen Namen ich nicht einmal kenne. Und dennoch kann ich nicht leugnen, dass er eine Wirkung auf mich hat, der ich mich nicht entziehen kann.
Um mich jetzt nicht von ihm ablenken zu lassen, konzentriere ich mich lieber auf Mary, die mich noch immer abwartend ansieht. Sie ist bereits älter, trotzdem fit. In der Woche hat sie meistens ihre fünf Enkel bei sich, damit ihre Töchter arbeiten gehen können. Und man merkt ihr an, wie viel Spaß ihr das macht. Die Kids halten sie jung und sie sind gerne bei ihren Großeltern. Deswegen finde ich es super, dass sie sich gegenseitig unterstützen.
„Es ist einiges geschehen“, erwidere ich und nehme das Bier entgegen, was mir ihr Mann Bert reicht.
„Bei euch jungen Leuten heißt es, dass ihr Abschlüsse macht und das Nest verlasst. Bei uns heißt es nur, dass die Enkel ein Jahr älter werden“, lacht er. „Aber so soll es sein. Wir haben unsere wilde Zeit hinter uns und genießen nun die Zeit mit unseren Enkeln.“
„Bei dir hört sich das so an, als würden wir sonst nichts machen. Als würde ich den ganzen Tag Socken stricken und du in der Zeitung lesen. Wir sind erst vor ein paar Tagen aus New York wiedergekommen und fahren in zwei Wochen schon wieder nach Washington“, weist sie ihren Mann mit einem strengen Ton an und verdreht die Augen ein wenig. Ich kenne die beiden gut genug, um zu wissen, dass sie es nicht böse meint, sondern sie sich einfach nur gerne aufziehen.
Und in gewisser Weise bin ich mir sicher, dass es einer der Gründe dafür ist, dass die beiden seit mehr als dreißig Jahren glücklich verheiratet sind. Sie nehmen das Leben so, wie es kommt und machen das Beste daraus. Sie streiten sich nicht wegen jeder Kleinigkeit, wie es bei anderen Paaren leider der Fall ist. Selbst Meinungsverschiedenheiten werden mit einer Prise Humor gelöst. Heimlich habe ich die beiden immer wieder beobachtet und kann daher sicher behaupten, dass ich genau das auch haben will.
Lachend entferne ich mich mit Katie ein Stück und schaue zu, wie immer mehr Nachbarn auf der Bildfläche erscheinen, die noch mehr Essen mitbringen. Es dauert nicht lange und die Tische, die zusammen gestellt wurden, sind so voll, dass es aussieht, als würden sie gleich zusammenbrechen.
„Ich wünschte, ich hätte solche Nachbarn. Mit denen man gemeinsam Spaß haben und sich unterhalten kann. Aber meine regen sich schon auf, wenn man zu spät nach Hause kommt und man die Tür ein wenig zu laut schließt. Du hättest mal mitbekommen sollen, was vor ein paar Wochen los war, als ich abends noch Einkäufe nach Hause gebracht habe. Der alte Finley stand so lange vor meiner Tür und hat wie ein Wahnsinniger die Klingel bearbeitet, bis ich sie völlig genervt und klitschnass vom Duschen, geöffnet habe. Und als ich ihn noch freundlich darauf hingewiesen habe, dass es auch reicht, wenn man einmal klingelt, hat er sich noch darüber aufgeregt, woher ich mir das Recht nehmen würde, ihm zu belehren, was er zu tun hat. Am nächsten Tag hat mein Dad die Klingel ausgeschaltet, sodass sie nur noch funktioniert, wenn ich das auch will.“ Während Katie spricht lässt sie die Schultern ein wenig hängen.
„So schlimm ist es bestimmt nicht“, erwidere ich.
„Du hast ja keine Ahnung. Ich versuche da raus zu kommen. Doch auch wenn Tarpon Springs eine Kleinstadt ist, so ist es nicht einfach, eine Wohnung zu finden.“ Katie sieht so aus, als wäre sie mit ihren Gedanken ganz woanders. Seit zwei Jahren wohnt sie nun schon in der Wohnung. Sie hat seitdem nicht ein einziges Wort darüber verloren. Nun sieht sie nicht so aus, als wäre sie dort glücklich.
„Lass dich nicht unterkriegen. Wir könnten uns ja gemeinsam eine Wohnung suchen. Unter anderem brauche ich vorher einen Job, sonst kann ich sie mir nicht leisten.“
„Mach dir deswegen keine Sorgen. Ich habe ihm gehörig die Meinung gesagt. Unter anderem auch, dass er sich ja nicht das Schlafzimmer in den ersten Raum legen muss, den er hat. Es ist ja kein Wunder, dass man alles mitbekommt. Ich bin mir sicher, dass er mir so schnell nicht mehr auf die Nerven gehen wird. Um genau zu sein hat er seitdem sogar einen großen Bogen um mich gemacht.“ Frech grinst sie mich an, sodass ich nicht anders kann, als leise zu lachen.
Von unserer Position aus beobachten wir, wie der Garten immer voller wird. Kaum haben alle ihre Hände geleert, kommen sie zu uns und begrüßen mich. Kurz unterhalte ich mich mit ihnen, bevor die nächsten zu uns kommen.
Ja, ich muss zugeben, dass es wohl keine Nachbarschaft gibt, die es mit meiner neuen in Sachen Herzlichkeit aufnehmen kann. Aber so habe ich sie von Anfang an kennengelernt. Offen und hilfsbereit. Es macht mich sogar ein wenig traurig, wenn ich daran denke, dass ich nicht lange hier sein werde. Früher oder später muss ich mir ja eine andere Unterkunft suchen.
Die nächsten drei Stunden unterhalte ich mich mit allen und erfahre den neusten Klatscht, wovon es eine Menge gibt. Sie haben vor allem aber anscheinend daran einen Narren gefressen, dass die Allisters vorhaben sich scheiden zu lassen. Am liebsten würde ich ihnen mitteilen, dass es eigentlich egal sein kann, auch wenn die beiden schon weit über 70 sind, doch ich habe keine Lust, in einem Streit mittendrin zu stehen. Deswegen lasse ich es sein.
„Wir haben kein Bier mehr. Ich werde eben rübergehen und neues holen. Falls mich jemand sucht, sag einfach, dass ich gleich wieder da bin“, verkündet mein Dad, als er neben uns stehen bleibt.
„Wir machen das schon“, erwidere ich und nehme ihm den Schlüssel aus der Hand.
Noch bevor mein Dad etwas erwidern kann, ziehe ich Katie bereits hinter mir her und verschwinde.
„Es klingt vielleicht gemein. Aber ich brauche eine Pause. Wenn ich noch mehr Tratsch höre, explodiert mein Kopf. Es waren doch ein wenig zu viele“, erkläre ich Katie, während ich durch das Gartentor gehe, was beide Grundstück miteinander verbindet. Zügig halte ich auf die Terrassentür zu, die sich ein paar Meter entfernt befindet.
„Haben wir vorhin das Licht angelassen?“, fragt Katie, nachdem wir den Flur betreten haben.
„Ich glaube, wir hatten es überhaupt nicht angeschaltet. Es war ja noch hell. Aber mein Dad ist erst später gekommen. Und der vergisst es öfters. Monica hat sich schon ein paar Mal darüber aufgeregt. Sie will Strom sparen und damit die Kosten reduzieren, was aber nicht so einfach ist“, erkläre ich ihr. Gleichzeitig gehe ich zum Abstellraum und öffne die Tür.
Bevor ich eintreten kann, höre ich ein leises Geräusch hinter mir. Es sorgt dafür, dass ich mich auf der Stelle umdrehe und zur Treppe sehe. In der nächsten Sekunde ist es ruhig, sodass ich kurz zweifle, ob ich mich nicht geirrt habe. Nach allem, was heute bereits geschehen ist, ist es vielleicht kein Wunder, dass meine Nerven ein wenig mit mir durchgehen. Doch aus dem Augenwinkel sehe ich, dass auch Katie sich umgedreht und sich in die Richtung gewandt hat, in der ich das Geräusch wahrgenommen habe.
„Was war das?“, fragt sie mich, als würde sie davon ausgehen, dass ich die Antwort darauf kenne. Aber so zeigt sie mir noch einmal deutlich, dass ich mich nicht geirrt habe.
Mir ist bewusst, dass sie darauf wartet, dass ich noch mehr sage, doch das mache ich nicht. Stattdessen gehe ich ein paar Schritte näher. Jedoch achte ich darauf, dass ich kein Geräusch mache, was mich verrät. Als ich die Treppe erreiche, schaue ich vorsichtig nach oben.
Zuerst kann ich nichts erkennen. Alles scheint ruhig zu sein und das Licht oben ist aus. In der nächsten Sekunde rennt eine schwarz gekleidete Person nach unten. Wobei das noch untertrieben ist. Er stürmt eher nach unten.
Da ich der Person im Weg stehe, muss ich einen Satz nach hinten machen, damit sie mich nicht über den Haufen rennt. Dabei stoße ich gegen die Wand. Auch wenn ich nach etwas suche, an dem ich mich festhalten kann, versuche ich einen Blick in sein Gesicht zu erhaschen, als er an mir vorbeirennt.
Die Person, wer auch immer sie ist, hat die Kapuze seines Pullovers so tief in sein Gesicht gezogen, dass ich nicht einmal das Kinn erkennen kann.
Er ist so schnell aus dem Haus verschwunden, dass ich keine Chance mehr habe, noch etwas von mir zu geben. Ich wüsste auch gar nicht, was ich von mir geben sollte.
Mit offenem Mund bleibe ich an Ort und Stelle stehen und schaue ihm nach. Die Tür steht weit offen und mein Verstand sagt mir, dass ich sofort meinem Dad Bescheid geben muss. Ich bin nicht in der Lage, mich zu bewegen. Ich bin gerade ja kaum in der Lage vernünftig zu atmen.
„Harley!“, höre ich meine Freundin laut rufen, noch bevor ich wieder zu mir gekommen bin. „Ist alles in Ordnung?“
Ich erkenne den besorgten Unterton in ihrer Stimme und am liebsten würde ich ihr zu verstehen geben, dass es mir gut geht. Doch der Schreck sitzt so tief, dass ich nicht in der Lage bin, ein Wort von mir zu geben.
Deswegen nicke ich nur und hoffe, dass es ihr reicht, während ich nach immer auf die Tür starre.
„Ich hole deinen Vater“, murmelt sie, nachdem sie mich noch einige Sekunden betrachtet hat. Doch nachdem sie ausgesprochen hat, macht sie noch immer keine Anstalten zu verschwinden.
„Mach das“, sage ich also, nachdem ich mich geräuspert habe.
„Bist du dir sicher, dass ich dich kurz alleine lassen kann?“ Noch immer sieht sie mich besorgt an.
„Ja, geh schon. Der Typ ist ja weg und ich komme schon klar. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er erneut hier auftaucht.“
„Okay“, sagt sie, macht aber nicht den Anschein auf mich, als wäre sie wirklich davon überzeugt. Ich wende mich ihr kurz zu und mache ihr so klar, dass ich auch ein paar Minuten alleine klarkomme.
Zögerlich entfernt sie sich ein Stück, bevor sie sich umdreht und den Weg, den wir vorhin hineingekommen sind, wieder hinausrennt. Kaum ist sie verschwunden schließe ich die Augen und lasse die Luft entweichen, die ich unbewusst angehalten habe. Gleichzeitig sinke ich gegen die Wand und schaue nach oben. Ich habe keine Ahnung, was mich dort erwartet. Doch ich will nur noch, dass der Tag vorbei ist. Denn die Einladung zum Probearbeiten war das einzig Gute, was mir heute passiert ist.
Zweimal in nur wenigen Stunden, denke ich zähneknirschend. Und alleine das reicht schon aus, dass ich sauer werde. Mir ist klar, dass ich öfters von einem Chaos ins Nächste stürze. Das ist nichts Neues für mich. Aber das ist selbst mir noch nie passiert und eigentlich habe ich auch nie daran gedacht. Und auch jetzt kommt es mir noch immer vor, als würde ich träumen. Mein wild schlagendes Herz beweist mir, dass es wirklich passiert ist. Egal ob es mir gefällt oder nicht.
5
„Harley?“, höre ich die laute und aufgebrachte Stimme meines Vaters aus dem Wohnzimmer nach mir rufen.
Ich bleibe auf der obersten Treppenstufe noch stehen und betrachte das Chaos, dass der Einbrecher hinterlassen hat. Türen stehen offen, die Schubladen der Schränke, die sich im Flur befinden, sind aufgerissen und der Inhalt wurde überall auf dem Boden verteilt. Sogar die Bilderrahmen liegen auf dem Boden. Ich bin zwar noch nicht von der obersten Treppenstufe weggekommen und habe deswegen zwar noch nicht in die Zimmer kontrollieren können, allerdings bin ich mir sicher, dass es da genauso aussieht.
„Hier bin ich.“ Ich versuche so normal wie möglich zu klingen. Die Wut hat mich mittlerweile fest im Griff und die konnte ich in der Vergangenheit auch schon nur schwer für mich behalten.
Es dauert, doch schließlich höre ich Schritte hinter mir auf der Treppe. Ich brauche nicht nachzuschauen, um zu wissen, dass es mein Vater ist, der da hinter mir stehen bleibt. Zum einen gibt es sonst keinen, der hier auftauchen sollte und zum anderen schlurft er immer über den Boden, sodass man ihn daran sofort erkennen kann.
„Oh Mann“, seufzt er, nachdem er stehen geblieben ist. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie er sich über den Nacken fährt und verzieht das Gesicht, als würde er Kopfschmerzen bekommen. Nach den letzten Stunden kann ich das Gefühl aber sehr gut nachvollziehen. Mir geht es nicht anders.
„Ich glaube, heute ist nicht unser Tag“, erkläre ich und sehe ihn kurz an, bevor ich mich wieder dem Chaos zuwende.
„Ich bin nur froh, dass euch nichts passiert ist.“ Mit diesen Worten umarmt er mich kurz und lächelt mich an. „Geh am besten zu den anderen und lasst euch den Abend nicht versauen. Ich rufe die Kollegen an. Sobald wir eure Aussagen brauchen, werde ich dich holen.“ Er macht einen Schritt zur Seite, sodass ich nach unten gehen kann.
Ohne ein weiteres Wort von mir zu geben, verschwinde ich. Ich bin so in meine Gedanken vertieft, dass ich mit Katie zusammenstoße, als ich das Wohnzimmer durchquere.
„Kannst du mir vielleicht mal erklären, was zurzeit los ist bei dir? Erst wird der Wagen aufgebrochen, mit dem du unterwegs bist und wenige Stunden später wird bei euch eingebrochen? Soviel Action bin ich von dir nicht gewohnt.“
Mir ist klar, dass sie gerne eine Antwort auf die Fragen haben will. Aber ehrlich gesagt würde ich die auch gerne wissen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es mit mir zu tun hat. Schließlich bin ich erst seit einem Tag in der Stadt. Und da werde ich wohl kaum genügend Zeit gehabt haben, um mich mit einem Kriminellen anzulegen.
Das kann ich also ausschließen.
„Ich weiß es nicht“, sage ich deswegen und zucke mit den Schultern.
Sie sieht mich so an, als würde sie mir kein Wort glauben. Doch es ist die Wahrheit. Und da es nichts mit mir zu tun haben kann, gehe ich davon aus, dass es um meinen Dad. Schließlich ist er Polizist und Monica hat ja selber gesagt, dass er zurzeit viel arbeitet.
„Ich weiß nicht, was hier los ist. Also entweder hat es mit der Arbeit meines Vaters zu tun oder es ist einfach nur ein Zufall“, erwidere ich.
„Zufall?“ Mit hochgezogenen Augenbrauen betrachtet sie mich. „Du glaubst doch wohl selber nicht, dass man das noch als Zufall bezeichnen kann. Wäre beides an verschiedenen Tagen passiert, hätte ich es vielleicht als Zufall bezeichnet. Aber nicht so“, stellt sie fest, während sie mir hinausfolgt.
Seufzend bleibe ich stehen und drehe mich in ihre Richtung.
„Selbst wenn es kein Zufall ist, ist es sicherlich nicht meine Aufgabe herauszufinden, was dahinter steckt oder wer. Das ist die der Polizei. Ich muss mich um ein paar andere Dinge kümmern, unter anderem einen Job zu bekommen. Und mit alldem habe ich schon mehr als genug zu tun.“
„Du bist nicht neugierig?“
„Ich gebe zu, dass ich schon ein wenig neugierig bin. Ich bin schließlich die Tochter eines Polizisten und habe auch seine Gene abbekommen. Aber das ändert nichts daran, dass ich nicht einmal wüsste, wo ich überhaupt anfangen soll. Und da ich Fettnäpfchen nur so anziehe, ist es das Beste, wenn ich mich raushalte.“
Kurz bleibe ich noch so stehen und schaue sie an. Ich sehe ihr an, dass sie noch etwas erwidern will. Doch ich bin froh darüber, dass sie genau das nicht macht. Bevor sie es sich noch anders überlegen kann, drehe ich mich um und gehe wieder auf die Party.
Wenn man mal davon absieht, dass ich noch einmal geholt werde, um meine Aussage zu machen, verläuft der Abend ruhig. Auf jeden Fall ruhiger als der restliche Tag. Doch das ändert nichts daran, dass ich wieder einmal das merkwürdige Gefühl habe, als würde mich jemand beobachten. Schnell rede ich mir ein, dass es nur daran liegt, weil ich von so vielen Menschen umgeben bin, die alle mit mir sprechen wollen.
Als ich spät in der Nacht endlich in meinem Bett liege, gehe ich die Vorkommnisse noch einmal durch. Die letzte halbe Stunde habe ich damit verbracht mein Schlafzimmer wieder aufzuräumen. Ich bin noch einmal alle Dinge durchgegangen, konnte aber nicht feststellen, was fehlt. Das Letzte, was ich will, ist, morgen früh sofort wieder daran erinnert zu werden, was geschehen ist. Ich bin mir nicht sicher, ob der Plan auch funktioniert.
Immer wieder habe ich die Sekunden vor meinem inneren Auge, als der Typ an mir vorbeigelaufen ist. Immer wieder versuche ich einen Anhaltspunkt zu finden. Etwas, an dem man ihn erkennen könnte. Doch da ist nichts. Und selbst wenn ich es finden würde, so wäre die Wahrscheinlichkeit doch sehr gering, dass man den Typen überhaupt ausfindig machen könnte. Denn das ist das einzige, was ich mit Gewissheit behaupten kann.
Dass es ein Mann war.
Die Statur kann unmöglich zu einer Frau gehört haben.
Auf dem Flur höre ich meinen Dad und Monica, die sich noch unterhalten. Um mich abzulenken, drehe ich mich auf die Seite und schaue aus dem geöffneten Fenster hinaus. Der Himmel ist klar, sodass man die Sterne leuchten sehen kann. Normalerweise beruhigt mich der Anblick, jetzt ist das aber nicht der Fall. Es dauert noch, bis ich endlich einschlafe.
Als ich am nächsten Morgen wach werde, tut mir jeder einzelne Knochen weh und mein Kopf dröhnt, als hätte ich in der letzten Nacht eindeutig zu viel getrunken.
Ein paar Minuten bleibe ich liegen. Gestern habe ich noch gehofft, dass ich heute die Geschehnisse des letzten Tages verarbeitet habe und nicht ständig daran denken muss. Doch der erste Gedanke, der sich nun in mein Gedächtnis schleicht, gilt dem Einbruch. Seufzend schiebe ich die Decke zur Seite, stehe auf und mache mich fertig. Gleichzeitig beschließe ich, dass ich mich bei meinem Vater erkundigen werde wie es aussieht, sobald ich ihn sehe.
Im Vorbeigehen greife ich nach meiner Handtasche, bevor ich nach unten gehe. Dort werde ich bereits vom Geruch von frischen Brötchen begrüßt.
„Setzt dich“, fordert Monica mich auf, nachdem ich die Küche betreten habe. Sie zeigt auf einen der Stühle.
„Ist alles in Ordnung?“, erkundige ich mich vorsichtig, nachdem ich prüfend den Tisch betrachtet habe. Auf ihm stehen Wurst, Käse und verschiedene Marmeladensorten. Außerdem Obst, was in Stücke geschnitten wurde.
„Ja, wieso sollte nicht alles in Ordnung sein?“, erwidert Monica. Sie dreht sich nicht ein einziges Mal in meine Richtung. Deswegen gehe ich leise zum Tisch und setze mich.
„Dir ist aber schon bewusst, dass du das nicht hättest machen müssen, oder?“, erkundige ich mich vorsichtig.
„Willst du nichts frühstücken?“
„Das meine ich nicht“, murmle ich vor mir her.
Verzweifelt suche ich nach den richtigen Worten, aber ich finde sie nicht. Ich glaube sogar, dass es sie überhaupt nicht gibt.
„Schon klar. Aber die Wahrheit sieht so aus, dass es schon ein wenig merkwürdig ist, wenn eine fremde Person das Haus durchsucht.“ Mehr braucht Monica nicht von sich zu geben. Ich kann mir auch so denken, was ihr durch den Kopf geht. Mir ging es in der letzten Nacht auch nicht anders.
„Soweit wir es gestern feststellten, wurde nichts geklaut“, fährt sie fort.
Ich weiß nicht, ob ich über die Nachricht erleichtert sein soll oder nicht. Wie sich herausgestellt hatte, wurde auch im Auto nichts geklaut. All das sorgt dafür, dass ich wieder an die Worte meiner Freundin denken muss.
Zufall.
Es ist nur ein Wort, doch es setzt sich in meinem Kopf fest. Ein paar Mal versuche ich es zur Seite zu schieben, doch es gelingt mir nicht. Gedankenverloren nehme ich meine Kaffeetasse in die Hand und will einen Schluck hinausnehmen. Doch kaum kommen meine Lippen mit dem heißen Getränk in Berührung, zucke ich zusammen und verschütte den Inhalt auf dem Tisch.
„Verdammt“, murmle ich.
„Ich glaube die Ereignisse von gestern haben uns alle ziemlich durcheinander gebracht.“
„Ich würde es eher auf meine Schusseligkeit schieben“, entgegne ich. „Aber so kann man es natürlich auch machen.“
Das leise Lachen meiner Stiefmutter dringt an mein Ohr. Es sorgt dafür, dass ich auch lachen muss. Und nachdem, was alles geschehen ist, ist das ehrlich gesagt eine nette Abwechslung.
„Und was hast du heute noch so schönes vor?“
„Ich muss gleich noch ein paar Unterlagen im Rathaus abgeben. Es amtlich machen, dass ich nun hier lebe.“
„Ich würde dir ja meinen Wagen geben, aber der wird noch die nächsten Tage in der Werkstatt stehen.“
„Das brauchst du nicht. Danach wollte ich nach einem Auto suchen.“
„Bist du dir sicher?“
„Ihr braucht eure Autos und wenn es mit dem Job klappt, werde ich früher oder später auch einen brauchen. Schließlich kann ich ja nicht immer zu Fuß gehen. Das würde auf Dauer doch zu viel Zeit in Anspruch nehmen.“
Monica sieht so aus, als würde sie davon ausgehen, dass ich es mir gleich anders überlege. Das mache ich nicht. Außerdem verschafft ein eigenes Auto mir ein wenig Unabhängigkeit. Doch das werde ich ihr nicht unter die Nase halten. Ich bin mir sicher, dass es die nächste Unterhaltung nach sich ziehen würde und das will ich gerade nicht.
„Haben die Polizisten gestern noch mehr gesagt?“, erkundige ich mich, nachdem ich mir nach dem Frühstück meine Tasche übergehängt habe.
„Bis jetzt habe ich noch nichts gehört. Vielleicht erfährt dein Vater heute ja etwas Neues. Wieso fragst du?“ Während sie spricht, dreht sie sich in meine Richtung.
„Ich bin nur neugierig“, murmle ich.
Schweigend frühstücken wir weiter. Doch es macht auch keiner von uns Anstalten sich zu unterhalten. Ich versuche all das zu verstehen, während Monica wahrscheinlich noch damit beschäftigt ist, alles zu verarbeiten.
„Ich werde mich jetzt auf den Weg machen. Sonst schaffe ich heute überhaupt nichts mehr. Wir treffen uns später bestimmt noch“, verabschiede ich mich von ihr, nachdem ich meinen Teller in die Spüle gestellt habe.
„Ja, und falls du von deinem Vater hörst erinnere ihn bitte daran, dass er noch beim Elektriker anrufen soll.“
„Mach ich“, verspreche ich ihr und verschwinde.
Während ich die Richtung der Stadt einschlage, kann ich nicht verhindern mich umzublicken. Doch weit und breit kann ich nirgends den dunklen Geländewagen erkennen. Oder sonst jemanden, der sich auffällig verhält. Ich wüsste auch gar nicht, was ich machen sollte. Als ich das erste Mal zu ihm hingegangen bin, war es eher eine Kurzschlussreaktion. Ich bin mir nicht sicher, dass ich mir das ein zweites Mal trauen würde.
Und obwohl ich nichts und niemanden erkennen kann, macht sich wieder einmal das Gefühl in mir breit, dass jemand in der Nähe ist. Es gibt nicht den kleinsten Grund dafür, doch ich werde es auch nicht los. Genauso wie gestern hält es sich beharrlich.
Um mich davon abzulenken, konzentriere ich mich auf meine Umgebung. Mittlerweile befinde ich mich in einer Gegend, in der es einige Geschäfte gibt. Mütter schieben Kinderwagen hin und her, während sie sich unterhalten. Ältere Leute sitzen vor den wenigen Cafés, die es hier gibt, und unterhalten sich.
Als ich das Rathaus erreiche bleibe ich stehen und betrachte es kurz. Es ist nicht sonderlich groß, aber das hier ist auch keine riesige Stadt wie Los Angeles oder New York. Vor dem Backsteingebäude befinden sich riesige Säulen, die bis zur dritten Etage hochgehen und dort den Balkon stützen. Auf der jährlichen Parade steht dort oben immer der Bürgermeister, zusammen mit dem Polizeichef der Stadt und ein paar anderen Politikern, und verfolgt von dort aus alles. Und ganz oben befindet sich ein riesiger Turm, der eine Uhr beherbergt.
Hundert Meter weiter rechts befindet sich das Polizeigebäude, in dem mein Vater arbeitet, und die Feuerwehr.
Immer zwei Stufen auf einmal nehmend gehe ich nach oben und will die Tür aufdrücken, als sie jemand auf der anderen Seite öffnet und sie mir beinahe ins Gesicht knallt. Ich kann schnell genug ausweichen, wobei ich das Gleichgewicht verliere. Bevor ich die Treppen hinunterfallen kann, greift jemand nach meinem Handgelenk und hindert mich so daran.
Es dauert, bis ich realisiere, dass es derjenige ist, wegen dem ich erst zur Seite gesprungen bin. Und bei noch genauerem Hinsehen erkenne ich, dass mir ein älterer Streifen-Polizist gegenüber steht.
„Sorry, ich habe Sie überhaupt nicht wahrgenommen“, entschuldigt er sich.
„Kein Problem. Ich ziehe das Pech förmlich an. Erst gestern wurde mein Auto aufgebrochen und in dem Haus meiner Eltern befanden sich Einbrecher“, erkläre ich und ziehe die Schultern ein Stück nach oben. So zeige ich ihm, dass es mich nicht stört. In gewisser Weise habe ich mich mittlerweile dran gewöhnt, dass mir ständig irgendein Mist passiert. Meine Ankunft hier war ja auch nicht unbedingt besser.
„Du bist die Tochter von Barker“, stellt er fest, nachdem er überlegt hat. Sein Gesicht erhellt sich merklich. „Ich bin Rayn Henderson.“
„Ja, die bin ich“, erwidere ich hingegen nur.
„Willkommen in Tarpon Springs. Ich hoffe, der heutige Tag wird besser als gestern.“ Mit einem frechen Grinsen auf dem Gesicht betrachtet er mich. Die Geste sorgt dafür, dass ich mir sicher bin, dass es mittlerweile die Runde gemacht hat und jeder darüber in Kenntnis gesetzt ist, was geschehen ist.
Eigentlich wollte ich nach meinem Termin hier meinem Dad noch einen Besuch abstatten. Unter den Voraussetzungen lasse ich es aber lieber sein.
„Danke“, gebe ich nur freundlich zurück und gehe an ihm vorbei. „Ich bin mir sicher, dass wir uns noch einmal über den Weg laufen werden.“
Henderson nickt einmal kurz, ehe er sich umdreht und ebenfalls verschwindet. Ich bleibe an Ort und Stelle stehen und schaue ihm nach.
„Aber glaube ich nicht, dass es ruhiger bei mir wird“, flüstere ich leise, ehe ich im Inneren des Gebäudes verschwinde.
6
Ich habe zwei Staatsangehörigkeiten. Zwei! Eigentlich sollte man meinen, dass es die Sache einfacher macht. Schließlich bin ich keine Einwanderin in dem Sinne. Dennoch sieht die Sache ein wenig anders aus.
Bereits vor ein paar Wochen habe ich einen Haufen Unterlagen zugeschickt bekommen, die ich ausfüllen musste, oder die ich ausfüllen lassen musste. Und nun sitze ich vor der Verwaltungsangestellten und schaue ihr zu, wie sie auf jedes zweite Dokument, zumindest kommt es mir so vor, ein Siegel stempelt und sich das nächste vornimmt. Zwischendurch habe ich sogar die Befürchtung, dass sie einen Grund dafür findet, nein zu sagen. Schließlich kann ich es nicht mal eben ein zweites Mal ausfüllen lassen.
Doch nach einer Stunde stehe ich endlich wieder draußen auf dem Bürgersteig und kann durchatmen. Ich hasse solche Gänge. Vor allem deswegen, weil sie immer Wörter benutzen, von denen ich mir sicher bin, dass ein paar darunter sind, die sie selber nicht verstehen, nur um sich wichtig zu fühlen. Und genauso geht es mir jetzt auch. Mein Kopf schwirrt, weil sich so viele Informationen darin befinden, dass ich sie gar nicht alle auf einmal verarbeiten kann. Aber die Hauptsache ist, dass alles nun durch ist und ich mir darüber keine Sorgen mehr machen muss.
„Was machst du denn hier?“, dringt die tiefe Stimme meines Vaters zu mir hindurch. Ich drehe mich in seine Richtung und erkenne, dass er mit zwei Männern, die vielleicht nur ein paar Jahre älter sind als ich, vor einem Wagen steht und sich unterhält.
„Nachdem ich vorhin beinahe von einem deiner Kollegen über den Haufen gerannt worden wäre, habe ich meine Unterlagen beim Rathaus abgegeben und bin nun ganz offiziell eine Einwohnerin von Tarpon Springs“, erkläre ich ihm, wobei sich meine Laune wieder ein wenig hebt.
„Das ist ja super. Dir steht nichts mehr im Weg.“ Freudig schließt mein Dad mich in seine Arme.
„Wen haben wir denn da? Habt ihr Mal wieder einen Verbrecher gefangen?“, ruft einer der Polizisten. Kurz schaue ich zu ihm, bevor ich mich in die Richtung drehe, in die er sieht.
Doch was ich da sehe überrascht mich. Einige Meter von mir entfernt steht der Typ, den ich am Flughafen gesehen habe.
„Was?“, entfährt es mir. Ich bleibe neben meinem Dad stehen und schaue ihn an, als wäre er ein Alien.
„Thomas ist nicht so gut auf Kopfgeldjäger zu sprechen. Die drei machen einen harten Job und waren uns schon öfters eine große Hilfe“, erklärt mir mein Dad.
„Kopfgeldjäger?“ Verwirrt ziehe ich die Augenbrauen nach oben.
„Ja, das sind die, die …“, beginnt er mir zu erklären.
„Ich weiß, was die machen“, unterbreche ich ihn und schüttle den Kopf.
Klar, er ist breit gebaut und er ist sicherlich niemand, mit dem ich mich freiwillig anlegen würde. Genauso wie seine Freunde. Doch damit habe ich auch nicht gerechnet. Nun erkenne ich aber die Waffe, die er an seinem Gürtel trägt, und die Handschellen, die sich auf der anderen Seite befinden.
„Die Jungs arbeiten für eine riesige Firma in Miami, die überall Außenstellen hat“, fährt er fort. So wirklich höre ich ihm nicht mehr zu. Noch immer verarbeite ich, dass ich mit einem Kopfgeldjäger zusammen gestoßen bin und keine Ahnung hatte. Ich war mir immer sicher, dass man sie sofort erkennen würde. Ich meine, man sie doch schon aus der Entfernung ausmachen können.
Die letzten Minuten haben mir das Gegenteil bewiesen.
„Na, Zane“, begrüßt mein Dad ihn, als sie an uns vorbeigehen. „Wen habt ihr jetzt wieder zurückgebracht?“
„Nur zwei kleine Fische. Aber auch die müssen sich an die Regeln halten“, erwidert er und sieht mich an.
Es kommt mir so vor, als würden sich all meine Sinne nur noch auf ihn konzentrieren. Es fällt mir schwer, mich nicht zu sehr von ihm einnehmen zu lassen. Um wenigstens ein wenig Desinteresse zeigen zu können, rufe ich mir in Erinnerung, dass mein Vater neben mir steht und zwei seiner Kollegen direkt hinter mir, die uns wahrscheinlich beobachten. Und es hilft, zwar nur ein wenig, aber besser als nichts.
Mit einem schiefen Grinsen auf den Lippen, was mein Herz schneller schlagen lässt, als wäre ich erst dreizehn, geht er an mir vorbei, steigt in seinen Ford Raptor und verschwindet, während seine Kollegen mit einem dunklen Geländewagen fahren.
Er sieht so aus wie der, der vor unserem Haus stand. Ich erkenne, dass der hier viel größer ist. Und auch wenn es mich erleichtert aufatmen lässt, so hat es mir doch einen kleinen Schrecken eingejagt.
Kurz bleibe ich noch so stehen und schaue ihnen nach. Doch als ich merke, dass mein Vater sich wieder auf mich konzentriert, reiße ich mich zusammen.
„Ich werde mich jetzt auch auf den Weg machen und mir noch ein paar Autos anschauen. Vielleicht ist ja etwas dabei“, verabschiede ich mich schnell von ihm. Ich winke seinen Kollegen noch zu, bevor ich mit großen Schritten an ihm vorbeieile. So schnell wie möglich will ich von hier verschwinden.
Ich spüre den Blick meines Vaters in meinem Rücken, bis ich um die nächste Ecke gebogen bin. Und auch, wenn ich gerade eigentlich in die falsche Richtung gehe, so ist es doch besser, als ihm eine Angriffsfläche zu geben.
Es dauert ein wenig, bis ich das erste Autohaus erreicht habe. Auf den ersten Blick erkenne ich, dass hier nichts für mich zu finden ist, was ich mir leisten kann. In der Ausbildung habe ich nicht sehr viel verdient. Und das, was ich zurücklegen konnte, ging zum größten Teil für den Umzug drauf, sodass nicht viel übrig geblieben ist.
Seufzend ziehe ich mein Handy aus der Hosentasche heraus, als ich das leise Klingeln höre.
„Ich habe nachgedacht“, begrüßt mich Katie aufgeregt.
„Worüber?“, frage ich sie, obwohl ich es mir bereits denken kann.
„All das, was gestern passiert ist“, erklärt sie, während ich weiter gehe.
„Ich bin ganz Ohr“, erwidere ich, auch wenn ich eigentlich keine Lust habe, mich schon wieder darüber zu unterhalten.
„Ich gehe mal davon aus, dass du dir keinen Ärger aus Deutschland mitgebracht hast. Deswegen kann es nur einen Grund für all das geben.“
Ich warte darauf, dass sie weiter spricht, doch das macht sie nicht. Katie liebt die dramatischen Pausen. Ich hingegen hasse sie. Und in dem Fall sogar noch mehr.
„Jetzt sag schon“, fordere ich sie auf, nachdem sie auch nach mehreren Sekunden noch nichts von sich gegeben hat.
„Es kann nur sein, dass du mit jemanden in Kontakt gekommen bist.“ Ich kann das Stöhnen nicht für mich behalten, was sich einen Weg meine Kehle hinauf sucht. Außerdem verdrehe ich die Augen, wobei ich aber froh bin, dass sie das nicht merkt.
„Ich habe die ganze Fahrt über mit niemandem gesprochen und ich habe nichts in meinen Taschen gefunden, die dort nichts zu suchen haben. Sonst hätte ich es schon längst entdeckt und meinem Dad gegeben. Und nein, mein Koffer wurde auch nicht vertauscht, falls das deine nächste Frage wäre.“
Es ist ruhig in der Leitung. Vor meinem inneren Auge kann ich beinahe sehen, wie sie das Gesicht verzieht und über meine Antwort nachdenkt. Sie sucht nach einer anderen Lösung für das Problem.
„Hör zu, ich freue mich darüber, dass du eine Lösung versuchst zu finden. Aber das musst du nicht. Ich bin mir sicher, dass die Polizei schnell herausfinden wird, wer es war. Und es wurde in beiden Fällen ja nichts geklaut.“ Die letzten Worte murmle ich mehr vor mir her, als das ich sie wirklich sage.
Während ich spreche, fällt mein Blick auf einen dunklen Geländewagen, der dem, den ich vor unserem Haus und in der Stadt beobachtet habe, verdammt ähnlich sieht. Sofort bleibe ich stehen, als wären meine Füße plötzlich mit dem Boden verwachsen. Er fährt gerade um eine Ecke und ist schon bald verschwunden. Doch genauso, wie ich mir vorhin sicher war, dass es nicht der Wagen war, so bin ich mir jetzt sicher, dass er es ist.
„Harley? Bist du noch dran?“, fragt mich Katie und zieht meine Aufmerksamkeit so auf sich.
„Ja“, murmle ich.
„Bist du dir sicher? Du scheinst plötzlich ganz woanders zu sein.“
„Erinnerst du dich noch an den schwarzen Geländewagen, der am Strand war?“ Meine Stimme klingt vorsichtig, doch meine Augen beobachten noch immer die Stelle, an die der Wagen verschwunden ist.
„Ja, es ist ja erst zwei Tage her“, antwortet meine Freundin.
„Er ist wieder da.“
„Was?“ Ihre Stimme ist so schrill, dass ich mein Handy ein Stück entfernt halten muss, da ich die Befürchtung habe, dass ich sonst einen Hörschaden bekomme. „Wo bist du? Ich komme sofort.“
„Musst du nicht arbeiten?“
„Nein, heute habe ich ausnahmsweise mal einen freien Tag. Dafür habe ich die letzten drei Wochen aber auch durch gearbeitet.“
„Genieße ihn. Du brauchst nicht extra zu kommen. Ich bin mir sicher, dass ich mich nur vertan habe. Schließlich gibt es zahlreiche Autos in der Stadt. Sie ist zwar nicht riesig, aber dennoch groß genug, damit hier mehr als zwei Autos herumfahren, die sich ähneln.“
„Du spielst die Detektivin und ich soll meine Auszeit genießen. Dir ist schon klar, dass das nicht sehr fair ist, oder?“
„Ich spiele nicht.“ Ich versuche meinen Einwand so laut und sicher wie möglich von mir zu geben. Aber sogar ich merke, dass das nicht klappt. Katie und ich haben uns in den letzten Jahren nicht sehr oft gesehen. Doch wir haben uns jeden Tag geschrieben und regelmäßig miteinander telefoniert. Deswegen bin ich mir sicher, dass sie durchaus merkt, dass ich mit meinen Gedanken eigentlich ganz woanders bin.
„Der Vater ist ein Cop und sie will mir wirklich vormachen, dass sie nicht spielt. Schick mir eine Nachricht und wir treffen uns da.“ Kaum hat sie ausgesprochen, legt sie auf. An dem Ton ihrer Stimme kann ich erkennen, dass es auch gar nichts bringen würde, wenn ich ein Argument dagegen vorbringe.
Deswegen schicke ich ihr meinen Standort, auch wenn ich mir sicher bin, dass es nichts bringen wird.
Dennoch muss ich zugeben, dass die letzten Sekunden wieder den Gedanken in mir heraufbeschworen haben, dass etwas nicht stimmt. Mein Verstand sagt mir, dass ich es nicht vor meinem Dad verheimlichen sollte. Aber ich will nicht, dass er sich Sorgen macht, wo wahrscheinlich nicht einmal ein Grund ist. Deswegen schiebe ich die Möglichkeit entschieden zur Seite.
Und sollte es doch so sein, kann ich es immer noch machen.
7
„Ich glaube, ich habe mich geirrt“, räumt Katie vorsichtig ein.
Überrascht über ihre Worte schaue ich sie an. Ich kann es nicht für mich behalten, doch das will ich auch überhaupt nicht.
„Wobei?“ Ich kenne die Antwort auf meine Frage, doch ich will sie aus ihrem Mund hören. Zusammen sitzen wir auf einer Bank direkt an der Straße und beobachten die vorbeifahrenden Autos. Doch obwohl wir uns nun seit zwei Stunden hier befinden, ist der Wagen nicht wieder aufgetaucht.
„Du hattest recht und ich habe übertrieben. Aber ich fand die Vorstellung cool, dass endlich mal etwas passiert. Ich liebe die Stadt, doch manchmal kann sie extrem langweilig sein, vor allem im Vergleich mit anderen.“ Sie verzieht ein wenig das Gesicht.
„Ich bin mir sicher, das noch mehr passieren wird. Und du wirst dich in der ersten Reihe befinden. Allerdings etwas, was vielleicht nicht ganz so abenteuerlich und auch gefährlich ist“, erwidere ich, greife nach meinem Kaffeebecher und stehe auf.
„Aber das ist doch gerade das, was den Reiz ausmacht.“
Ich lasse es mir nicht anmerken, doch innerlich muss ich ihr zustimmen. Auch wenn mir nicht gerade wohl ist, mich mit Verbrechern anzulegen.
Ich behalte es aber für mich. Stattdessen drehe ich mich um und gehe in die Richtung ihres Wagens. Schweigend folgt sie mir.
„Na gut, wenn wir hier schon nicht weiterkommen, werden wir uns jetzt auf die Suche nach einem Wagen für dich machen“, bestimmt sie.
„Bist du dir sicher, dass du nicht vielleicht den falschen Beruf gewählt hast? Für mich klingt das so, als wärst du bei der Polizei besser aufgehoben.“
„Nein, dann muss ich es ja machen. Und das wiederum würde dafür sorgen, dass es langweilig wird.“
„Privatdetektivin“, schlage ich vor.
„Ne.“ Katie verzieht das Gesicht und bringt mich so zum Lachen. Gleichzeitig muss ich aber auch wieder an Zane denken. Ich behalte es für mich, dass sie ja auch Kopfgeldjägerin werden könnte.
Als ich drei Stunden später mein Elternhaus betrete, habe ich noch immer kein Auto. Dafür hatte ich eine Menge Spaß mit meiner Freundin, wenn ich mal von den zwei Stunden absehe, in denen wir darauf gewartet haben, dass der Wagen wieder auftaucht. Obwohl wir uns nicht einmal einen Plan dafür zurechtgelegt haben, falls er doch wieder aufgetaucht wäre.
Da er das aber nicht ist, war es die Bestätigung für mich, dass ich es mir nur eingebildet habe. Gedankenverloren gehe ich in den Flur und will meine Schuhe ausziehen. Doch bevor ich so weit kommen kann, fliege ich über ein Hindernis, was mir im Weg steht. Ich schaffe es nicht mehr, mich festzuhalten, sodass ich der Länge nach auf den harten Boden falle und schmerzhaft das Gesicht verziehe.
„Verdammt“, fluche ich leise, während ich den Gegenstand begutachte, über den ich gestolpert bin.
Wie sich herausstellt, befindet sich an der Stelle, an der ich gerade noch gestanden habe, ein riesiger Karton.
„Harley“, ruft Monica und hilft mir wieder auf die Beine. „Ist alles in Ordnung?“
„Ja, ich war nur in Gedanken und habe ihn deswegen nicht bemerkt. Was hast du bestellt?“ Neugierig betrachte ich den Karton.
„Es sollte eigentlich eine Überraschung für deinen Vater werden. Der Werktisch ist doch schwerer, als ich es mir vorgestellt habe. Deswegen bezweifle ich, dass ich ihn alleine aufbauen kann. Ich bekomme ihn ja nicht einmal in die Garage.“ Nachdenklich sieht sie ihn an und seufzt. „Ich kann ihn ja schlecht hier drin aufbauen, damit er hier steht.“
„Komm, wir tragen ihn gemeinsam in die Garage. Ich habe heute eh nichts mehr zu tun“, schlage ich vor.
„Das wäre super.“ Monica klatscht begeistert in die Hände und strahlt mich an.
Die nächste Stunde sind wir damit beschäftigt, den Tisch aufzubauen. Er ist größer, als ich erwartet habe. Und deswegen ist es leider auch schwerer, als ich es erwartet habe, ihn hinzustellen. Es ist nicht das erste Mal, dass ich das mache. Normalerweise kann ich Möbel aufbauen. Der Tisch stellt mich vor eine Herausforderung.
Als wir endlich fertig sind, stehen wir beide mit verschränkten Armen davor und betrachten das Ergebnis.
„Ich bin stolz auf uns. Vorhin habe ich schon befürchtet, dass wir es überhaupt nicht mehr schaffen“, erklärt Monica begeistert.
„Ich hoffe, er hält auch“, wende ich ein. Ich kann nicht verhindern, dass ich ihn skeptisch betrachte.
Meine Stiefmutter dreht sich zu mir und lässt mich nicht aus den Augen.
„Mach mir keine Angst“, sagt sie schließlich und verzieht ein wenig das Gesicht. „Stell dir mal vor, wie doof dein Vater aus der Wäsche schaut, wenn er seinen Werkzeugkoffer darauf stellt und das Teil zusammenbricht.“
Vor meinem inneren Auge formt sich das entsprechende Bild, sodass ich nicht anders kann, als laut loszulachen.
„Sorry, ich habe nur laut gedacht“, erwidere ich und versuche sie, und auch mich, zu beruhigen. Schnell schaue ich sie entschuldigend an, bevor ich anfange das Chaos zu beseitigen, was wir verursacht haben.
„Das ist der beste Tisch, den ich finden konnte.“ An ihrer Stimme höre ich ihr an, dass sie sich selber nicht so sicher ist, ob er das ist. „Die anderen waren entweder zu klein oder nicht für das Gewicht ausgelegt.“
„Ich habe das nicht gesagt, damit du den Tisch anzweifelst. Ich habe da eher daran gedacht, dass wir ihn zusammen gebaut haben“, erkläre ich es ihr.
Kurz ist es ruhig, dann beginnen wir beide erneut zu lachen.
„Wenn dein Dad merkt, dass er wackelt, soll er es halt besser machen. In dem Fall wird er sich halt einfach die Zeit dafür nehmen müssen.“
„Was soll ich besser machen?“ Ruckartig drehen wir uns beide in die entsprechende Richtung. Sofort erkenne ich ihn und einen der beiden Polizisten, die heute Vormittag bei ihm standen.
„Denn da“, sagt Monica und zeigt auf den Tisch, den wir zusammen gebaut haben.
Mein Dad kommt ein paar Schritte näher und betrachtet ihn. Er dreht sich zu uns um und sieht uns auf eine Weise an, die ich nicht genau einschätzen kann.
Wenn er den Blick auch im Dienst hat, kann ich verstehen, wieso er so eine hohe Aufklärungsrate hat. Die Verbrecher gestehen bestimmt von alleine, wenn er sie so ansieht, denke ich.
„Ihr habt den gebaut?“
„Ja, nur für dich Dad“, flöte ich und sehe ihn an, als wäre ich noch ein kleines Kind.
„Ich danke euch. Das nenne ich wirklich mal eine Überraschung“, strahlt er in der nächsten Sekunde. „Jetzt kann ich endlich auch die letzten Kartons mit Werkzeug und Ersatzteilen sortieren.“ Mit den Worten zeigt er in eine der Ecken, wo sich die Kartons bereits stapeln.
Ohne ein weiteres Wort kommt mein Dad zu uns, drückt mir einen Kuss auf die Wange und Monica einen auf den Mund.
„Wir haben nicht damit gerechnet, dass du so früh wieder nach Hause kommst. Vor allem nicht nach den letzten Tagen“, erklärt sie. „Eigentlich wollten wir noch aufräumen.“
„Ich bin auch nur kurz da“, erklärt er und widmet sich wieder einem der Kartons, auf die er gerade noch gezeigt hat. „Ihr habt also noch ein wenig Zeit. Wenn ihr aber keine Lust mehr habt, lasst es liegen. Ich kümmere mich später darum.“
„Was suchst du denn? Vielleicht kann ich dir ja helfen“, erkundigt sich Monica, nachdem wir ihn schweigend betrachtet haben.
„Ich möchte mich für eine Stelle bei der Sondereinheit bewerben. Und ihr Mann wollte mir da helfen“, erklärt sein Kollege und sieht in meine Richtung.
Ich nehme mir die Zeit und begutachte ihn. Er hat eine Ausstrahlung, bei der bestimmt keine Frau Nein sagt, wenn er sie fragt, ob sie die Nacht mit ihm verbringen will.
Vor allem nichts im Vergleich zu Zane. Der Gedanke erschreckt mich ein wenig. Deswegen schiebe ich ihn so schnell wie möglich zur Seite und denke nicht mehr an ihn. Es würde eh nichts bringen.
Zane ist ein Mann, der Gefahr und Ärger mit sich bringt. Das habe ich sofort gewusst. Und nun, da ich erfahren habe, dass er Kopfgeldjäger ist, verstärkt sich die Annahme. Ich gehöre sicherlich nicht zu der Art Frau, hinter die er her ist.
Es dauert noch, doch schließlich kann ich hören, wie mein Dad etwas aus dem Karton zieht und einen zufriedenen Ton von sich gibt.
„Ich wusste doch, dass ich es noch habe“, ruft er. Gleichzeitig hält er einen dünnen Ordner hoch. „Ich bin mir sicher, dass du vieles noch von deiner Ausbildung kennst. Aber sicher ist ja bekanntlich sicher.“ Kaum hat er ausgesprochen ertönt der schrille Klingelton seines Handys. „Verdammt, ich hatte eigentlich gehofft, dass wir mehr Zeit haben, aber so wie es aussieht, hat das Labor bereits die Proben ausgewertet.“ Gleichzeitig hält er sein Telefon nach oben.
„Schade, aber ich bin mir sicher, dass wir uns bestimmt mal wieder sehen werden“, verabschiedet er sich von mir.
„Bestimmt“, erwidere ich und mache einen Schritt nach hinten, um die beiden vorbeizulassen. Kurz erhasche ich einen Blick auf meinen Vater. Und sein Gesichtsausdruck gefällt mir überhaupt nicht.
Er sieht mich an, als hätte er das geplant. Zumindest ist das der erste Gedanke, der mir in den Kopf kommt. Als würde er uns verkuppeln wollen.
Alleine die Möglichkeit, dass es so sein könnte, sorgt dafür, dass ich den Kopf schüttle, als er an mir vorbeigeht. Doch er tut so, als hätte er es nicht bemerkt, wobei ich mir sicher bin, dass er es hat. Er ist schließlich ein Cop. Schon alleine deswegen bekommt er mehr mit, als er zugeben will.
Ich will nicht verkuppelt werden. Wenn es passiert, passiert es einfach. Aber wie ich schon einmal festgestellt habe, hat das noch ein wenig Zeit. Zu der Zeit bin ich nicht auf der aktiven Suche nach einem Freund oder vielleicht sogar einem Ehemann. Gerade erst habe ich meine Ausbildung abgeschlossen.
Ich beobachte die beiden, wie sie zu dem Wagen meines Vaters gehen und schließlich verschwinden. Als sie verschwunden ist, entweicht mir die Luft, die ich angehalten habe.
„Dein Dad hat Jacob schon vor geraumer Zeit unter seine Fittiche genommen. Er ist ein guter Junge, der sich nur noch nicht ganz sicher ist, wo sein Platz bei der Polizei ist. Zumindest kam es mir bis jetzt so vor. Aber, dass er den Schritt nun wagen will, ist wohl ein gutes Zeichen“, erklärt Monica. „Ich bin mir sicher, dass er das schaffen wird. Dein Vater hat einen guten Ruf und ist über jeden Zweifel erhaben. Da würde es mich doch sehr wundern, wenn sie Jacob nicht dazu holen, wenn er eine Empfehlung von ihm hat.“
„Das ist ja alles schön und gut. Dennoch kannst du Dad mitteilen, wenn du ihn vor mir siehst, dass er mich nicht verkuppeln braucht“, erwidere ich.
Sie sieht so aus, als würde sie widersprechen wollen. Schnell scheint sie es sich anders zu überlegen.
„Er macht sich nur Sorgen, dass du vielleicht an einen falschen Typen geraten könntest. Und Jacob ist nun wirklich kein falscher Typ. Er hat sich alles hart erarbeiten müssen und weiß deswegen wie es ist, wenn man ganz von vorne anfängt. So wie es bei dir ja auch der Fall ist. In gewisser Weise könnte man also behaupten, dass ihr euch sehr ähnlich seit.“
„Aber ob das für eine Beziehung reichen würde?“ Meine Stimme klingt skeptisch. Und genau das bin ich auch. In meinen Augen gehört eindeutig mehr dazu. Dennoch bin ich nicht abgeneigt, Jacob näher kennenzulernen. Und wenn es nur darum geht, einen neuen Freund hier zu finden. Von denen kann man bekanntlich nicht genug haben.
„Selbst wenn es nicht so ist, lass deinem Vater die Vorstellung, dass es vielleicht ja werden könnte. Er will nur, dass du einen guten Start hier hast.“
Mir schwirrt der Kopf. Doch nach allem, was ich bis jetzt heute erfahren habe, ist das wahrscheinlich normal. Selbst bei den Autohändlern wurde ich mit Daten bombardiert, die ich mir unmöglich alle merken kann. Und ich bezweifle, dass ich sie mir alle merken muss, sodass ich überhaupt nicht mehr zugehört habe.
„Ich glaube, wir sollten langsam aufräumen“, sage ich also und zeige auf den ganzen Müll. Es ist mir egal, ob sie durchschaut, dass ich das Thema wechseln will.
Gerade ist mir alles lieber, als mich über mein Liebesleben zu unterhalten, oder das, was es vielleicht einmal werden könnte.
8
Während der nächsten zwei Tage versuche ich mich so gut es geht auf meinen Probearbeitstag vorzubereiten. Obwohl ich keine Idee habe, wie ich das machen soll, da ich keine Ahnung habe, was mich eigentlich erwartet. Deswegen ist es nicht einfach. An Katie und Monica probiere ich noch einmal unterschiedliche Frisuren aus. Außerdem versuche ich sie zu neuen Haarfarben zu überreden, wobei ich aber nicht soviel Glück habe. Da es nur ein Damensalon ist, brauche ich wenigstens meinen Dad nicht als Versuchskaninchen zu nehmen. Auch wenn ich zugeben muss, dass es mich schon ein wenig reizt. Mein Gefühl sagt mir aber, dass er ganz froh darüber. Er war noch nie einer von denjenigen, der gerne zum Friseur geht. Auch nicht zu seiner eigenen Tochter. Eigentlich lässt er sich nur die Haare schneiden, wenn es gar nicht mehr anders geht. Für ihn ist es verschwendete Zeit. Ich nehme ihm das nicht übel. Jetzt, wo ich hier wohne, muss er ja nicht einmal mehr das Haus verlassen, um eine vernünftige Frisur zu haben.
„Die werden dich lieben und dir sofort den Vertrag unter die Nase halten. Sie wären schön blöd, wenn sie es nicht machen“, begrüßt mich Monica, als ich morgens die Treppen herunterkomme.
Schnell ziehe ich mir meine Schuhe an, ehe ich mir ihr zuwende. Tief atme ich durch und straffe ich meine Schultern.
„Es wäre cool, wenn es gleich beim ersten Versuch klappen würde. Ich könnte die restlichen Gespräche absagen und mich um den nächsten Punkt auf meiner Liste kümmern.“ Ich tue so gelassen, wie es nur geht. Innerlich sieht es anders aus.
Ich bin nervös, obwohl das noch untertrieben ist. Gerade fällt mir kein anderer Ausdruck für meinen Zustand ein. Innerlich zittere ich, auch wenn man es mir äußerlich nicht ansieht. Mein Herz schlägt so wild, als würde es sich aus meiner Brust befreien wollen. Und mir ist schlecht.
„Hier ist dein Kaffee, damit du auch wirklich wach bist. Und nun mach´ dich auf den Weg. Nicht, dass du an deinem ersten Tag noch zu spät kommst.“ Sie zwinkert mir zu, als hätte ich den ersten Schultag an einer neuen Schule vor mir. Aber es kommt mir auch so vor.
Ein leises Lachen entfährt mir. Und auch wenn ich gedacht habe, dass es eh nichts bringt, so sorgt es dafür, dass sich meine angespannten Muskeln ein wenig lösen und ich mich besser konzentrieren kann. Ja, ein wenig kommt es mir so vor, als hätte man mir eine kleine Last von den Schultern genommen.
„Danke“, erwidere ich, umarme sie kurz und greife nach meiner Tasche, um das Haus zu verlassen. Draußen bleibe ich noch stehen, genieße die warmen Sonnenstrahlen auf meiner Haut und atme ein letztes Mal tief durch, bevor ich mich mit entschlossenen Schritten auf den Weg mache.
Als ich den Laden erreiche, herrscht dort Hochbetrieb, das kann ich sogar von außen erkennen. Alle Plätze sind belegt. Die Angestellten schwirren um die Kundinnen herum und zeigen ihnen verschiedene Farbproben und Bilder von Beispielen. Bevor ich es mir anders überlegen kann, öffne ich die Tür und mache einen Schritt hinein. Die Luft ist erfüllt von dem Geruch nach Haarfarbe, Shampoo und dem Gelächter der Frauen, die sich um mich herum befinden. Alle scheinen gute Laune zu haben und ausgelassen zu sein.
Ich schaue mir alles genau an. Gleichzeitig halte ich Ausschau nach Hannah, die ich im hintersten Bereich entdecken kann. Sie spricht gerade mit einer anderen Frau. In dem Moment, in dem ich nach ihr rufen will, dreht sie sich in meine Richtung.
„Hi“, begrüßt sie mich gut gelaunt, als sie mich entdeckt. Gleichzeitig teilt sie die Haare der Frau, die in dem Stuhl sitzt, in mehrere breite Strähnen, bevor sie Farbe großzügig verteilt.
„Guten Morgen“, erwidere ich und schaue mich noch einmal um.
„So läuft das hier immer ab. Ich kann mich nicht an einen einzigen Tag erinnern, bei dem es um diese Uhrzeit nicht so war. Der ganz normale morgendliche Wahnsinn“, erklärt sie und sieht sich einmal um. „Du könntest bei Mrs. Morrison anfangen. Sie kommt einmal im Monat. Normalerweise lässt sie sich die Haare nur schneiden und nur selten färben. Ihre Haare sind ihr heilig. Aber vorhin hat sie angedeutet, dass sie eventuell eine neue Haarfarbe haben möchte.“ Hannah zuckt mit den Schultern. „Dir geht jetzt wahrscheinlich durch den Kopf, dass sie total zickig ist, aber was das angeht kann ich dich beruhigen.“
Ich betrachte die Frau, auf die sie zeigt. Sie ist vielleicht zehn Jahre älter als ich. Sofort kann ich erkennen, dass sie sehr auf ihr Äußeres achtet. Ich schlucke und versuche so den Kloß aus meinem Hals zu entfernen, den der Gedanke mir bereitet, dass ich sie bedienen soll. Sofort kommen mir verschiedene Szenarien in den Kopf, was alles schiefgehen kann. Und je nachdem, was sie möchte, ist das eine ganze Menge.
Doch die schiebe ich schnell wieder zur Seite. Sie helfen mir kein Stück weiter. Ganz im Gegenteil. Sie lassen meine Nervosität wieder aufleben, was ich gerade aber nicht gebrauchen kann.
Nein, ich muss klar denken können, damit mir genau solche Fehler nicht passieren.
„Ist es wirklich in Ordnung, wenn ich das mache?“, erkundige ich mich ein letztes Mal. „Ich meine, ich arbeite hier nicht. Ist es da nicht ein wenig riskant das zu machen?“
„Du meinst wohl, du arbeitest hier noch nicht“, verbessert sie mich. „Das ist nur noch eine reine Formalität. Sally kommt erst in ein paar Stunden. Aber ich bin mir sicher, dass sie den Vertrag direkt mitbringt und ihn dich sofort unterschreiben lässt. Sie hat ein Händchen für Talente. Und würde sie an dir zweifeln, hätte sie dich nicht für heute eingeladen. Ich bin mir sicher, dass sie sich ein Talent nicht durch die Finger gleiten lassen wird. Das hat sie bis jetzt noch nie und ich kann mir keinen Grund vorstellen, wieso sie jetzt damit anfangen sollte.“
Hannah grinst mich frech an. Ich würde gerne erfahren, woher sie den Optimismus nimmt. Ich beschließe, dass ich mich ihr anschließen werde. Schließlich kennt sie ihre Chefin und wird daher wissen, wie sie arbeitet oder wonach sie ihre Angestellten aussucht.
„Bring deine Sachen einfach in den Aufenthaltsraum. Da vorne steht Daisy, solltest du ein Problem haben und ich kann gerade nicht, kannst du dich an sie wenden. Sie freut sich darauf, mit dir zusammenzuarbeiten.“ Sie zeigt in die Richtung einer weiteren Blondine, die nur wenige Schritte entfernt steht. Ich betrachte sie, bevor ich nicke und verschwinde.
Während ich meine Sachen im Aufenthaltsraum ablege, versuche ich meine aufgebrachten Nerven zu beruhigen, oder wenigstens zu überspielen. Außerdem wiederhole ich in meinen Gedanken immer wieder, dass ich nicht so einen guten Abschluss gemacht hätte, wenn ich es nicht könnte. Und das stimmt. Ich war eine der besten meines Jahrgangs. Ich würde jetzt nicht hier stehen, wenn Sally Zweifel hätte.
Deswegen verlasse ich den Raum wieder mit gestrafften Schultern und gehe mit großen Schritten auf die Kundin zu, die geduldig in ihrem Stuhl sitzt und dort wartet.
„Mrs. Morrison?“, frage ich sie, nachdem ich hinter ihr stehen geblieben bin und ziehe so ihre Aufmerksamkeit auf mich.
Mit einem freundlichen Lächeln auf dem Gesicht legt sie die Zeitschrift zur Seite und sieht mich durch den Spiegel an, wobei sie die Hände auf den Schoss legt.
„Ich bin Harley“, stelle ich mich ihr vor.
„Ich habe Sie noch nie vorher hier gesehen“, überlegt sie und verzieht das Gesicht, als würde sie darüber nachdenken. Sie wendet sich aber nicht von mir ab.
„Harley ist neu bei uns und eine der Besten, die man sich nur vorstellen kann“, erklärt Hannah, als sie kurz neben mir stehen bleibt.
Mir liegen die Worte auf der Zunge, dass ich das bestimmt nicht bin. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass es im Salon Frauen gibt, die eindeutig besser sind als ich. Schließlich bin ich gerade erst aus der Ausbildung heraus. Mir fehlt die Berufserfahrung. Außerdem bin ich mir sicher, dass es noch einiges gibt, was ich lernen muss. Es wird mir hier und jetzt nicht helfen.
„Auf geht's“, ruft Mrs. Morrison laut aus und zwinkert mir zu.
Gerade frage ich mich, wie viel sie mitbekommen hat. Wahrscheinlich ist es besser, wenn ich mir nicht weiter den Kopf darüber zerbreche. Es würde mich nur ablenken und das kann ich gerade nicht gebrauchen.
„Ich brauche ein wenig Abwechslung. Die Haarfarbe hängt mir mittlerweile aus den Ohren raus. Ich habe sie nun schon seit Jahren.“ Um ihre Worte zu unterstreichen, streckt sie die Zunge heraus und verzieht das Gesicht.
„Eher einen schlichten Ton oder einen auffälligen?“, erkundige ich mich. Ich kann mir gerade noch verkneifen leise zu lachen.
„Auffällig“, antwortet sie mir sofort, ohne weiter darüber nachzudenken.
„Wie wäre es mit rot?“, frage ich sie, während ich sie mir mit einem schrillen Rotton vorstelle.
„Nur wenn es der Ton ist, den die Frau auf dem Bild im Schaufenster trägt“, weist sie mich an.
„Das bekomme ich hin.“ Ich weiß genau, welchen sie meint. Bevor ich vorhin hereingekommen bin, habe ich das Bild selber noch betrachtet und kurzzeitig sogar überlegt, ob ich mir meine nicht auch in dem Farbton färben sollte. Ich muss zugeben, dass ich nicht mutig genug dafür bin.
Die nächsten zwei Stunden verbringe ich damit, ihr die Haare zu machen. Je mehr ich mich dem Ende nähere, umso nervöser werde ich. Sie macht zwar nicht den Anschein auf mich, als würde sie es schrecklich finden, doch so genau achte ich auch nicht auf ihren Gesichtsausdruck.
Als ich sie fertig habe, bleibe ich hinter ihr stehen und halte gespannt die Luft an, während ich den Spiegel von rechts nach links und wieder zurückbewege, damit sie alles begutachten kann. Endlose Sekunden vergehen, während sie sich aufmerksam betrachtet. Es dauert nicht lange, bis meine Lungen brennen, da ich den Atem angehalten habe. Doch ich bin nicht in der Lage zu atmen, egal wie oft ich es mir in Erinnerung rufen. Ich komme mir vor, als würde ich gerade in einer Prüfung sitzen. Und in gewisser Weise tue ich das ja auch.
Eine Prüfung, die über meine Zukunft entscheidet.
Wie Mrs. Morrison darauf reagiert, hängt davon ab, ob ich den Vertrag bekomme. Ich muss zugeben, dass ich ihn gerne haben würde. Es gefällt mir hier zu arbeiten. Alle sind lieb und hilfsbereit. Ich habe das Gefühl, als wäre das hier der richtige Laden, um die Erfahrung zu sammeln, die ich brauche.
„Sally“, ruft Mrs. Morrison in der nächsten Sekunde so laut, dass ich erschrocken zusammenzucke. Langsam, beinahe in Zeitlupe, drehe ich mich um und sehe Sally nur ein paar Schritte von mir entfernt stehen. Sie hat sich an eines der Waschbecken angelehnt und die Arme vor der Brust verschränkt. Ihr aufmerksamer Blick ruht auf den Haaren, die ich frisiert habe.
Wenn ich gerade schon nervös war, so fühlt es sich jetzt an, als würde ich sterben, und zwar nicht nur einen Tod. Tief in mir drin hatte ich gehofft, dass Mrs. Morrison schon lange verschwunden wäre, bevor Sally auftaucht. Nun frage ich mich aber, wie lange sie schon da steht und mich beobachtet.
Oder war sie die ganze Zeit über anwesend? Alleine der Gedanke reicht aus, dass mir wieder schlecht wird. Ich wollte mich sicher geben und zeigen, dass mir bewusst ist, was ich da mache. Die Wahrheit ist aber, dass ich es nicht immer wusste. Und ich bin mir sicher, dass man das auch genau gemerkt hat.
Langsam kommt sie näher und wendet sich nicht ab.
„Ich habe doch gesagt, dass sie es darauf hat“, verkündet Sally schließlich und lächelt stolz. Doch da ist noch etwas anderes. Etwas Überhebliches, was ich in ihrem Gesicht erkennen kann. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich mich nicht einfach nur irre.
„Ja, das hast du. Und wieder einmal hattest du recht. Ich würde gerne erfahren, woher du deine Talente nimmst, doch ich wünschte, dass ich auch die Gabe habe und die perfekten Angestellten mit nur einem Blick erkennen kann. Davon bin ich ganz weit entfernt. Deswegen könnte ich mir auch in den Hintern treten, dass ich immer wieder die bescheuerte Wette mit dir eingehe.“
Mein Mund öffnet sich. Doch da ich keine Ahnung habe, was ich eigentlich dazu von mir geben soll, schließe ich ihn wieder. Schweigend stehe ich daneben und versuche ihrer Unterhaltung zu folgen. Doch auch das kann ich nicht.
„Tja, Schwesterherz. Die einen können es und die anderen nicht.“ Sally strahlt regelrecht.
„Sie sind Schwestern?“, frage ich. Ich schaue zwischen den beiden hin und her und halte nach Gemeinsamkeiten Ausschau. Doch egal wie sehr ich es versuche, ich finde nichts.
„Ich bin die Ältere von uns beiden“, verkündet Mrs. Morrison und steht auf. „Sie geht nach unserer Mutter, während ich eher wie unser Dad bin.“ Sie greift nach ihrer Tasche und geht an mir vorbei. „Willkommen“, sagt sie noch, nachdem sie sich ein letztes Mal in meine Richtung gedreht hat. „Und wir sehen uns heute Abend.“ Mit den Worten verschwindet sie.
Ich hingegen bleibe stumm an Ort und Stelle stehen. Noch immer versuche ich zu verarbeiten, was hier gerade geschehen ist. Doch so wirklich kann ich es nicht. Langsam schaue ich zu den anderen, die anscheinend nichts davon mitbekommen habe. Sie kümmern sich um ihre eigenen Sachen und beachten uns überhaupt nicht.
„Wenn meine Schwester begeistert ist, bist du wirklich gut. Aber ich habe ehrlich gesagt nichts anderes erwartet.“ Während sie spricht geht sie an mir vorbei und bedeutet mir, dass ich ihr folgen soll.
„Soll ich das nicht aufräumen?“, erkundige ich mich.
Sally dreht sich kurz zu mir und schüttelt den Kopf, nachdem sie den Platz in Augenschein genommen hat. „Das kannst du später machen. Jetzt werden wir uns erst einmal um den Papierkram kümmern“, erklärt sie und geht weiter. „Ich bin immer froh, wenn ich das hinter mir habe. Ich bin keine von den Frauen, die Büroarbeiten liebt. Ich mache eher die anderen Sachen viel lieber.“
Während ich ihr folge, sehe ich Hannah, die mir zuzwinkert und glücklich strahlt. Gleichzeitig hält sie die Daumen nach oben. Ich hingegen kann es noch immer nicht glauben, das werde ich wahrscheinlich auch noch nicht, wenn ich den unterschriebenen Vertrag in meinen Händen halte.
Gemeinsam betreten wir den Aufenthaltsraum, wo Sally plötzlich stehen bleibt, sodass ich in sie hineinlaufe.
„Sorry“, murmle ich, während ich mein Gleichgewicht wieder suche und einen Schritt nach hinten mache.
„Was machen Sie hier?“, fragt meine Chefin mit energischer Stimme. Ich hingegen schaue verwirrt an ihr vorbei. Doch kaum kann ich in den Raum blicken, entdecke ich einen großen und gefährlich wirkenden Mann, der neben dem Tisch steht und meine Tasche in der Hand hält. Ohne darüber nachzudenken, mache ich einen Schritt an Sally vorbei und auf ihn zu. Ich verspüre keine Angst oder so. Nein, ich will meine Tasche wieder haben.
Er ist nicht so breit gebaut wie Zane, dennoch hat er etwas Furchteinflößendes an sich. Und in gewisser Weise erinnert seine Statur mich an den Typen, der in unser Haus eingebrochen ist.
Der Gedanke erschreckt mich. Er sorgt dafür, dass ich wie angewurzelt stehen bleibe. Mein Blick wandert zu der Tasche, die er noch immer in der Hand hält. Ich will sie wieder haben, aber nicht so sehr, dass ich mich auf ihn stürzen werde. Das ändert aber nichts daran, dass ich keinen Zweifel daran lasse.
„Was zum Teufel wollen Sie von mir?“, fahre ich ihn genervt an. Ich kann es nicht für mich behalten, doch ich will es auch gar nicht. Er kann ruhig wissen, dass es mir mittlerweile gehörig auf die Nerven geht. Doch das ist nur die eine Seite. Die andere sieht so aus, dass ich es auch gar nicht für mich behalten kann.
Ausdruckslos sieht er mich an. Ein wenig kommt er mir so vor, als würde er darüber nachdenken, welchen Schritt er unternehmen soll. Als ich schon die Hoffnung habe, dass er sie mir einfach gibt und verschwindet, und mir vielleicht noch eine Erklärung abliefert, dreht er sie herum und verteilt den Inhalt auf dem Tisch.
In mir brennen sämtliche Sicherungen durch. Noch bevor Sally mich zurückhalten kann, eile ich auf ihn zu, um sie ihm aus der Hand zu reißen. Es ist vielleicht nicht meine beste Idee, aber ich habe auch keine Lust, mich von ihm auf der Nase herumtanzen zu lassen.
Bevor ich ihn erreichen kann, springt er zur Seite und rennt an uns vorbei hinaus in den Laden. Noch bevor ich überhaupt ansetzen kann, um ihn zu verfolgen, hat er ihn verlassen.
Davon lasse ich mich nicht aufhalten. Mit großen Schritten eile ich ihm hinterher, während er in einen Wagen steigt. Um genau zu sein steigt er in den Wagen, den ich nun schon ein paar Mal bemerkt habe. Ich habe noch nicht einmal einen Fuß auf die Straße gesetzt, als er bereits weg ist. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn ich ihn wirklich zu schnappen bekommen hätte.
Am liebsten würde ich einen lauten Fluch von mir geben, der eindeutig nicht jugendfrei ist, als ich nach hinten gezogen werde.
„Hey“, rufe ich und versuche die beiden Arme abzuschütteln, die mich festhalten. Es dauert, bis sie so weit nachgegeben haben, dass ich mich umdrehen kann. Dennoch sind sie so fest um mich geschlungen, dass ich mich nicht entfernen kann.
Als ich die Person erkennen kann, die sich vor mir befindet, kommt es mir so vor, als würde ich mich in einem Traum befinden. Beziehungsweise, ich bin mir ziemlich sicher, dass es so ist. Es gibt nicht einen einzigen Grund, wieso es nicht so sein sollte.
9
Zane, ist der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schießt, als ich den Mann anblicke, der so dicht vor mir steht, dass ich seinen heißen Atem auf meiner Haut spüren kann. Auch nachdem ich mich zu ihm umgedreht habe und mich nicht mehr bewege, hält er meine Hüften fest umklammert, als würde er Angst haben, dass ich gleich verschwinde. Das habe ich nicht vor. Eigentlich habe ich gerade überhaupt nicht vor, mich zu bewegen. Ich könnte es auch nicht. Zu wissen, dass er mir so nah ist, hat dafür gesorgt, dass meine Füße anscheinend mit dem Boden verwachsen sind.
„An deiner Stelle würde ich das nicht machen“, weist er mich schließlich mit leiser Stimme an. Gleichzeitig zieht er die Augenbrauen ein Stück nach oben.
„Was?“, frage ich, obwohl ich es mir bereits denken kann. Dennoch will ich es aus seinem Mund hören, da ich so vielleicht endlich ein wenig Licht ins Dunkel bringen kann.
„Das, was du gerade vorhattest.“
„Und wieso?“
„Weil das eine bescheuerte Idee ist. Eigentlich müsstest du das aber auch wissen.“ Er lässt mich keine Sekunde aus den Augen. Kurz kommt es mir sogar so vor, als würde er durch mich hindurch sehen können, auch wenn mir bewusst ist, dass das überhaupt nicht geht.
Die nächsten Sekunden sagt keiner von uns ein Wort. Er macht aber auch keine Anstalten sich von mir zu entfernen. So wird mir noch bewusster, wie dicht wir beieinander stehen. Er schafft es, mein Herz zum Stolpern zu bringen. Ich habe keine Ahnung, wieso ich ausgerechnet jetzt so auf ihn reagiere, doch es stört mich gewaltig. Alleine deswegen schon mache ich einen Schritt nach hinten und bringe so ein wenig Abstand zwischen uns. Und ich bin froh darüber, dass er es zulässt.
Wütend und auch ein klein wenig genervt, schaue ich ihn an. Mir ist klar, dass es wahrscheinlich nicht gerade fair ist, dass er es nun abbekommt, doch jemand anderes habe ich gerade nicht. Es gibt da einiges, was unter der Oberfläche vor sich hin brodelt.
„Ich habe keine Ahnung, wer du bist. Aber du hast gerade verhindert, dass ich den Mann zur Rede stellen kann, der mich schon seit Tagen verfolgt. Und ich weiß ja nicht, wie es dir gehen würde, aber ich möchte schon ganz gerne wissen, was hier los ist“, erkläre ich ihm. Ich versuche so ruhig wie möglich zu klingen. Allerdings muss ich zugeben, dass mir das nicht leicht fällt. Um meine Worte und meine Gereiztheit noch ein wenig zu unterstreichen verschränke ich die Arme vor der Brust und kneife meine Augen ein Stück zusammen.
„Du willst also wissen, wer ich bin.“ Ich bin mir nicht sicher, ob es eine Frage oder eine Feststellung ist. Gerade interessiert es mich aber auch nicht.
„Das wäre schon einmal ein Anfang.“
„Ich bin Kopfgeldjäger, was dein Dad dir sicherlich gesagt hat.“
„Ja, das habe ich auch schon gemerkt“, gebe ich spitz zurück. „Ich meinte damit eher, dass ich gerne wissen würde, wer du bist, dass du dich in meine Angelegenheiten einmischen kannst.“ Kaum habe ich den Satz ausgesprochen würde ich mir am liebsten in den Hintern treten.
Eigentlich wollte ich solche Worte nie zu jemanden sagen. Doch jetzt sind die Worte aus meinem Mund heraus gekommen, noch bevor ich es verhindern konnte. Schuldbewusst schaue ich ihn an.
„Sorry“, murmle ich verlegen.
„Ich werde es dir nicht krumm nehmen. Doch ich habe dir das Leben gerettet.“
Es dauert, bis seine Worte bei mir angekommen sind. Und genauso lange stehen wir stumm voreinander und wenden uns nicht von dem anderen ab.
„Du hast mir das Leben gerettet?“ Skeptisch schaue ich ihn an. Mir ist klar, dass wir uns mitten auf dem Gehweg befinden und die anderen einen Bogen um uns machen müssen. Aber das hier ist gerade wichtiger, als ihnen aus dem Weg zu gehen.
„Ich habe in den letzten Tagen ja schon gemerkt, dass du tollpatschig bist, …“, beginnt er, doch ich lasse ihn nicht aussprechen.
„Tollpatschig?“ Ich verschränke die Arme vor der Brust und sehe ihn herausfordernd an. Ich lasse nicht den kleinsten Zweifel daran, dass ich sauer bin. Und genauso wenig werde ich ihn davon kommen lassen.
„Ein klein wenig“, murmelt er und hält den Daumen und den Zeigefinger ein Stück auseinander. Zane verzieht ein wenig das Gesicht, als würde er nicht wissen, was er machen soll. Er gehört zu den Männern, bei denen ich mir das definitiv nicht vorstellen kann. Er strahlt eine Selbstsicherheit aus, von der ich mir sicher bin, dass sie nur die wenigsten haben.
Ich muss mehrmals tief durchatmen, damit mir nichts über die Lippen kommt, von dem ich mir sicher bin, dass ich es bereuen werde. Und das brauche ich kein zweites Mal.
„Verstehe ich das richtig? Willst du damit zugeben, dass du mich verfolgt hast?“ Ich muss wieder an die Begegnung vor dem Polizeirevier denken und an den Wagen seiner Kumpel.
„Ich habe dich nicht verfolgt“, widerspricht er mir sofort. „Auf jeden Fall nicht absichtlich oder so, wie du es dir gerade vorstellst.“ Ich sehe ihm an, dass er mit sich ringt. Doch das ist sein Problem und nicht meines. Ich will endlich wissen, was hier los ist.
„Wenn das so ist, erkläre es mir doch einfach“, fordere ich ihn heraus.
„Ich kann es nicht“, erwidert er nur.
„Du kannst es nicht oder du willst es nicht?“ Um ihm zu zeigen, dass ich mich nicht so schnell geschlagen gebe, lehne ich mich nach vorne.
Doch auch das bringt ihn nicht dazu, sein Schweigen zu brechen. Er gibt nur ein leises Seufzen von sich, was mir überhaupt nicht gefällt. Deswegen gehe ich wortlos an ihm vorbei und verschwinde im Inneren des Ladens.
Während ich die wenigen Schritte hinter mich bringe, versuche ich mein wild schlagendes Herz unter Kontrolle zu bringen. Ich würde gerne erfahren, wieso es mir gerade so geht. In den letzten Minuten ist soviel passiert, dass ich es nicht einschätzen kann, ob es deswegen war, weil ich die Männer verfolgt habe, oder weil ich Zane näher gekommen bin, als ich es eigentlich wollte.
„Kennst du den Typen?“, fragt Hannah, als ich an ihr vorbeigehen will.
„Welchen?“ Irritiert schaue ich sie an.
„Der, der so aussieht, als würde er sich Sorgen um dich machen.“
Eigentlich wollte ich gerade weiter gehen, doch das kann ich nun nicht mehr. Ruckartig bleibe ich stehen und schaue sie an.
„Nein“, antworte ich nur. Und das ist nicht einmal gelogen. In meinen Augen gehört eindeutig mehr dazu, um jemanden zu kennen.
„Schade, der sieht wirklich gut aus.“ Hannah wirft noch einen Blick nach draußen auf die Straße wo Zane noch immer steht.
Er unterhält sich mit einem seiner Freunde und schaut immer wieder in die Richtung des Ladens. Ich bin mir sicher zu wissen, worüber sie sich unterhalten. Eigentlich gibt es da auch nur eine Möglichkeit.
„Soll ich die Polizei rufen?“, fragt Hannah unsicher.
Die Vorstellung davon, dass mein Dad hier wieder mit einem seiner Kollegen auftaucht, gefällt mir überhaupt nicht. Und eigentlich ist doch auch gar nichts passiert. Deswegen entscheide ich mich dafür, den Kopf zu schütteln.
„Es sei denn Sally möchte das“, füge ich noch schnell hinzu.
„Nachdem dein Auto aufgebrochen wurde will sie nur noch Ruhe haben“, lacht Hannah.
Ich kann die Erleichterung, die ich gerade verspüre, nicht für mich behalten. Sofort macht sich wieder ein ungutes Gefühl in mir breit. Ich habe Angst, dass sie all das mit mir in Verbindung bringt und es sich nun doch noch einmal anders überlegt.
„Mach dir nicht so viele Sorgen. Jetzt geh und unterschreibe deinen Vertrag.“ Mit den Worten lächelt Hannah mich aufmunternd an, bevor sie wieder an die Arbeit geht. Ich hingegen bleibe stehen und betrachte Zane, der auf der anderen Straßenseite steht.
Ja, er sieht gut aus, mehr aber auch nicht. Mir ist durchaus klar, dass Männer, wie er, an jeder Hand mehr Frauen haben als Finger. Und das ist nun wirklich nicht das, was ich möchte.
Es dauert, bis ich mich endlich dazu überwinden kann, mich in Bewegung zu setzen und zu Sally zu gehen.
„Was ist hier denn zurzeit los?“, fragt Sally, als ich wieder in den Aufenthaltsraum komme. Sie schüttelt leicht den Kopf.
Ich antworte nicht sofort, sondern nehme mir die Zeit und begutachte das Chaos, das der Typ angerichtet hat. Ein Teil meiner Sachen ist auf dem Boden gelandet und unter den Tisch gerollt, während die andere Hälfte auf dem Tisch verteilt ist.
„Ich kann es nicht.“ Und das ist noch ein Punkt, der nicht gelogen ist. Vorhin hatte ich die Chance es zu erfahren. Zane hat keine Anstalten gemacht, es mir wenigstens ansatzweise zu erklären und ich hatte keine Lust, mich weiterhin mit ihm zu beschäftigen.
Er hat nicht einmal einen kleinen Hinweis fallen gelassen. Aber ich bin mir sicher, dass er etwas weiß. Sonst hätte er mich nicht aufgehalten.
„Wenn das so weiter geht, werde ich mir einen Sicherheitsmann vor die Tür setzen“, überlegt sie und schaut noch einmal in die Richtung der Tür.
Ich hingegen setze mich langsam in Bewegung und räume meine Sachen wieder in die Tasche.
„Lass uns lieber schnell die Verträge unterschreiben, bevor das nächste Unglück passiert.“ Sally zeigt auf die Unterlagen, die vor ihr auf dem Tisch liegen.
Von einer Sekunde auf die andere werde ich wieder nervös. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich so schnell einen Job hier finden werde. Um genau zu sein hatte ich sogar die Befürchtung, dass ich in einem Supermarkt an der Kasse sitzen werde, bis ich einen Job gefunden habe.
Langsam gehe ich zu ihr und lasse mich auf den Stuhl sinken, der ihrem gegenüber steht. Während ich nach dem Stift greife, der in der Mitte des Tisches liegt, kann ich nicht für mich behalten, wie sehr ich am Zittern bin.
„Es ist ein großer Schritt. Aber du wirst erfolgreich sein und in den nächsten Monaten und Jahren noch eine Menge lernen. Da bin ich mir sicher. Um genau zu sein hat jeder mal eine Situation, die er in der Ausbildung nicht hatte. Am Anfang wird es vielleicht öfter vorkommen, aber das wird besser. Also keine Panik bekommen. Jeder hier im Laden hilft dir gerne. Und ich freue mich jedes Mal, wenn wir ein neues Talent in der Familie begrüßen dürfen.“
Kurz hebe ich noch meinen Kopf und sehe sie an. Ich lasse mir ihre Worte durch den Kopf gehen und muss ihr recht geben. Deswegen unterzeichne ich beide Exemplare, bevor ich es mir noch anders überlegen kann. Als ich meine Hand wieder sinken lasse, fällt mir ein Stein vom Herzen. Ich habe wieder einen großen Schritt geschafft. Einen Schritt, der mich meinem Ziel näher bringt.
Das Ziel, hier zu leben und zu arbeiten.
„Ich danke Ihnen für die Chance“, murmle ich.
„Die hast du dir zu verdanken, nicht mir. Ich erkenne Talente, wie meine Schwester schon so treffend gesagt hat. Ich musste das auch erstmal lernen. Es fiel mir nicht immer so leicht. Als ich damit angefangen habe, lief es sogar ziemlich drunter und drüber im Salon. Meine Familie hat mehr als einmal gedacht, dass ich das erste Jahr nicht schaffen werde. Mir ist klar, dass man davon jetzt nichts mehr merkt. Aber es ist wirklich so. Damit es so abläuft, wie jetzt, musste ich die letzten Jahre durch eine harte Schule gehen. Dein erster Arbeitstag wird am Montag sein. Und nicht vergessen, ausgiebig feiern.“ Sie drückt mir einen Vertrag in die Hände. Glücklich lächelnd nehme ich ihn entgegen, stecke ihn in meine Tasche und verlasse den Raum, nachdem ich mich verabschiedet habe. Kaum habe ich einen Schritt nach draußen getan, donnert mir lauter Applaus entgegen. Ich kann sogar Pfiffe hören.
„Siehst du? Ich habe dir doch gesagt, dass das nur Papierkram ist“, verkündet Hannah und schließt mich in ihre Arme.
„Wir haben ein neues Mitglied in unserer Familie“, stellt Daisy fest und klopft mir auf die Schulter. „Das ruft förmlich danach, dass wir es heute Abend feiern.“
Noch bevor ich etwas dagegen einwenden kann, stimmen ihr alle zu.
„Das wäre beschlossen“, ruft Daisy.
Als ich am späten Nachmittag nach Hause komme, kann ich überhaupt nicht mehr nachvollziehen, wieso ich heute Morgen so aufgeregt war. Nun bin ich die Ruhe in Person, denn bis auf den kleinen Zwischenfall lief es wunderbar.
„Wenn ich dein Lächeln richtig deute, lief der Tag wunderbar“, begrüßt mich Monica.
„Ja, wenn man mal von …“, beginne ich. Doch bevor ich aussprechen kann fällt mein Blick auf meinen Dad, der auf dem Sofa sitzt und die Zeitung liest.
„Hi“, begrüßt er mich. „Und Herzlichen Glückwunsch. Ich gehe mal davon aus, dass du die Stelle bekommen hast.“
„Ja, habe ich. Wir gehen nachher alle feiern und am Montag fange ich an.“ Mehr sage ich nicht. Ich bin nur froh, dass ich nicht ausgesprochen habe. Er wäre sofort hellhörig geworden und hätte die Ermittlungen aufgenommen. Vor allem vor dem Hintergrund, was alles bereits passiert ist.
„Und wenn man mal von was?“, erkundigt er sich. Das ist einer der wenigen Augenblicke, in denen ich es hasse, dass mein Dad Polizist ist. Jeder andere Vater würde wahrscheinlich nicht nachhaken, meiner macht es.
„Nichts“, erwidere ich nur und weiche ihm aus.
Ich bin mir sicher, dass er ein klein wenig merkt. Er wäre nicht so gut in seinem Job, wenn er das nicht machen würde. Außerdem bin ich seine Tochter, die er verdammt gut kennt.
Es gibt Dinge, bei denen ist es wahrscheinlich besser, wenn mein Dad sie nicht kennt. Und das ist eines davon.
Er sieht mich so an, als würde er mich schweigend zum Sprechen bringen wollen. Als ich noch klein war, hat das auch funktioniert. Jetzt bin ich weit davon entfernt mich davon beeindrucken zu lassen. Schließlich bin ich kein kleines Kind mehr.
„Ich bin oben und mach mich fertig.“ Schnell drehe ich mich um und eile die Treppen hoch. So will ich verhindern, dass er vielleicht doch noch nachfragt. Ich weiß ja nicht einmal, wieso ich es Monica erzählen wollte. Mir ist klar, dass sie es sofort meinem Vater berichtet hätte. Man kann auch behaupten, dass es mir beinahe einfach so herausgerutscht wäre.
Während der nächsten Stunde mache ich mich fertig. Ich kenne den Laden nicht, in den wir gehen werden. Deswegen bin ich auch ein wenig planlos, wenn es um die Wahl meiner Klamotten geht. Ich entscheide mich aber für einen kurzen Jeansrock und ein enges Top. Schnell frische ich mein Make-up auf und flechte mir meine Haare zu einem lockeren Zopf, aus dem ein paar Strähnen heraushängen.
Schnell schlüpfe ich in Sandalen und greife nach meiner Tasche, ehe ich wieder nach unten gehe.
„Ich wünsche dir viel Spaß“, erklärt mein Dad.
„Danke, den werde ich haben.“ Ich drücke ihm noch einen Kuss auf die Wangen, ehe ich das Haus verlasse.
Wie sich herausstellt, ist das Delight eine riesige Bar, die sich in der Nähe des Strands befindet. Von außen ist es eher unauffällig gehalten. Von innen sieht das aber ganz anders aus. Bunte Lichter scheinen von der Decke, die gute Laune verbreiten. Die Bar ist hell erleuchtet, sodass man sie überhaupt nicht verfehlen kann. Überall sind verschieden große Tische verteilt, von denen die meisten bereits besetzt sind.
„Da ich mir schon gedacht habe, dass es wieder so voll ist, habe ich uns einen Tisch reserviert“, verkündet Daisy und hält auf einen der Kellner zu, die sich an der Bar befinden.
Sie wechseln ein paar Worte miteinander, bevor sie sich zu uns umdreht und uns bedeutet, dass wir ihr folgen sollen. Der Tisch befindet sich in der hintersten Ecke des Ladens. Daisy gibt noch eine große Bestellung auf, ehe wir uns alle setzen.
„Wieso hast du dich dazu entschlossen nicht in Deutschland zu bleiben, sondern hier zu leben?“ Hannah sieht mich neugierig an.
„Nach meiner Ausbildung war es einfach Zeit für Neues. Ich wollte eine andere Umgebung und neue Herausforderungen. Ich hatte das Gefühl, als würde mir die Decke auf den Kopf fallen.“ Da ich nicht weiß, wie ich es anders sagen soll, zucke ich mit den Schultern. Öfters wurde ich schon darüber ausgefragt, dennoch habe ich mir noch nie wirklich den Kopf darüber zerbrochen.
„Ich wünschte, ich hätte deinen Mut. In den letzten Jahren habe ich öfters darüber nachgedacht, ob ich die Stadt verlassen und irgendwo anders hinziehen soll. Es gibt da ein paar Orte, an denen ich gerne mal mehr Zeit verbringen würde, als nur für eine Woche“, meldet sich nun Jane zu Wort. Sie blickt verträumt an uns vorbei.
„Wieso hast du es nie gesagt?“, wirft Hannah ein.
„Weil das zu den Themen gehört, über die ich nicht so viel spreche. Meine Eltern haben mich jedes Mal für bescheuert erklärt, wenn ich damit angefangen habe.“ Mehr sagt Jane nicht. Stattdessen nimmt sie einen Schluck von dem Cocktail, den der Kellner gerade vor ihr abgestellt hat.
Schweigend verfolge ich die Unterhaltung der anderen. Ich beobachte jede meiner neuen Kolleginnen ganz genau. Sie alle sind unterschiedlich und ziehen sich vielleicht auch gerne mal auf, aber es macht nicht den Anschein auf mich, als würden sie es böse meinen. Sie verbringen viel Zeit miteinander und kennen sich daher gut.
Und das ist ein Punkt, was mir gefällt und der Grund dafür, dass ich mich sofort in ihrer Gegenwart wohlfühle.
10
Als ich mitten in der Nacht aus dem Taxi steige, bin ich so müde, dass ich mich kaum noch auf den Beinen halten kann. Der Tag war so ereignisreich, dass ich dringend eine Pause brauche. Eigentlich waren es sogar die letzten Tage, seitdem ich hier angekommen bin. In knapp einer Woche ist soviel passiert, wie in den letzten drei Jahren. Da ist es vielleicht normal, dass es mich ein wenig aus der Bahn gerissen hat.
Mein Leben war immer langweilig und das habe ich gehasst. Ich bin aufgestanden, zur Arbeit gegangen, nach Hause gefahren und habe abends meistens nicht mehr viel gemacht. Auch an den Wochenenden habe ich mich nicht immer mit meinen Freunden getroffen. Zum einen lag es daran, dass ich in Deutschland nicht sehr viele Freunde habe, mit denen ich Lust hatte Freizeitaktivitäten zu unternehmen. Zum anderen aber auch, dass mir oft die Zeit gefehlt hat. Doch nun habe ich das erste Mal das Gefühl, als könnte ich es ändern. Und das freut mich.
In der nächsten Sekunde werde ich hellwach. Auf der anderen Straßenseite, nur wenige Meter von mir entfernt, kann ich einen Truck erkennen, den ich nur zu gut kenne, auch wenn ich ihn bis jetzt nur ein einziges Mal zu Gesicht bekommen habe. Er hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt, sodass ich behaupten kann, dass ich mich nicht irre.
Ich bleibe stehen, während das Taxi verschwindet. Gleichzeitig überlege ich, ob ich ins Haus gehen, oder ihn zur Rede stellen soll.
Ich entscheide mich für die zweite Möglichkeit. Ich will endlich wissen, was hier los ist, und zwar alles. Und das ist meine einzige Chance, es zu erfahren. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, wie ich das anstellen soll. Schließlich ist er Kopfgeldjäger und mit Drohungen oder so werde ich bei ihm wahrscheinlich nicht weit kommen. Die wird er wohl täglich zu hören bekommen. Doch ich muss wenigstens versuchen, den richtigen Weg zu finden.
Ein letztes Mal atme ich tief durch, bevor ich mit entschlossenen Schritten die Straße überquere. Gleichzeitig sagt mir mein Gefühl, dass der Fahrer mich ganz genau erkannt hat. Ich kann seinen Gesichtsausdruck nicht richtig deuten und weiß auch nicht, ob es wirklich Zane ist. Allerdings finde ich, dass er ein wenig überrascht darüber aussieht. Davon lasse ich mich aber nicht beirren. Ohne darüber nachzudenken, öffne ich die Tür auf der Beifahrerseite und steige ein.
„Hi Zane“, begrüße ich ihn, nachdem ich registriert habe, dass er es ist, und grinse frech.
„Harley“, erwidert er tonlos. „Hattest du einen schönen Abend mit deinen Kolleginnen?“
Aufmerksam betrachtet er mich.
„Ehrlich gesagt, ja den hatte ich.“ Ich frage ihn erst gar nicht, woher er die Gewissheit nimmt. Er hat beobachtet, dass ich gerade erst nach Hause gekommen bin. Außerdem bin ich mir aber auch sicher, dass er mich auch hierbei wieder nicht aus den Augen gelassen hat. Auch wenn ich in den letzten Stunden zu abgelenkt war, um nach ihm Ausschau zu halten.
Die nächsten Sekunden herrscht Stille. Es können auch Minuten sein. Eine unbehagliche Ruhe hat sich über das Innere des Autos gelegt. Deswegen dauert es nicht lange, bis ich ungeduldig werde und auf dem Sitz hin und her rutsche. Keiner lässt den anderen aus den Augen. Schließlich seufze ich leise und verdrehe die Augen.
„Du willst mich quälen“, stelle ich fest.
„Wieso sollte ich das wollen?“ Ich erkenne die Verwirrtheit, die von ihm Besitz ergriffen hat.
„Würdest du es nicht wollen, würdest du mir einfach sagen, was hier los ist.“
„Das ist eine lange Geschichte und sicherlich keine, mit der du in Kontakt kommen solltest.“ Seine Stimme ist kühl, aber es kommt mir nicht so vor, als würde es in seinem Inneren auch so sein. Zumindest geht es mir nicht so.
Ich kneife meine Augen ein Stück zusammen, während ich mich so drehe, dass ich ihn besser ansehen kann.
„Mit der ich nichts zu tun haben sollte? Ist das dein Ernst? Falls du es noch nicht gemerkt hast, helfe ich dir gerne auf die Sprünge. Auch wenn ich mir sicher bin, dass ich das eigentlich gar nicht müsste“, erkläre ich und lege eine Pause ein. Ich warte darauf, dass er noch mehr sagt, doch das macht er nicht. „Aber ich habe schon seit meiner Ankunft hier damit zu tun. Unfreiwillig. Es wäre also schön, wenn du mir wenigstens hierbei entgegenkommen würdest.“
Meine Stimme ist laut und energisch. Eigentlich habe ich keine Lust mich zu streiten und meistens gehe ich einer Auseinandersetzung auch aus dem Weg. Doch noch weniger will ich mir auf der Nase herumtanzen lassen. Und das zeige ich ihm auch. Es wäre nicht der erste der es versucht, damit aber scheitert.
„Hör zu, das wäre wirklich eine äußerst blöde Idee.“
„Du meinst also, dass es eine blöde Idee wäre, mir davon zu berichten, wieso du mir ständig folgst und unter anderem in das Haus meiner Eltern eingebrochen wurde. An das, was heute passiert ist, muss ich dich wohl gar nicht erst erinnern, oder? Wäre ich nicht zufällig aufgetaucht, hätte er mir meine Tasche geklaut.“
„Das hätte er nicht, er hätte sie nur durchsucht.“
„Und woher willst du das wissen?“
Ich sehe ihm das schlechte Gewissen förmlich an. Doch das ist nicht mein Problem.
„Es wäre kein sehr schlauer Schachzug, wenn ich das machen würde.“
Ich muss mehrmals durchatmen, damit ich meine Nerven bewahre. Die Unterhaltung geht in eine völlig falsche Richtung. Und ich habe keine Chance, sie in die richtige zu bringen. Deswegen entschließe ich mich dazu, sie jetzt zu unterbrechen. Ich greife mit der einen Hand nach meiner Tasche, die ich vorhin in den Fußraum geworfen habe, und mit der anderen nach dem Türgriff.
„Wenn du es nicht willst, werde ich es halt alleine herausfinden. Ich bin mir sicher, dass meine Freundin mir gerne hilft. Hätte ich sie in den letzten Tagen nicht zurückgehalten, hätte sie das schon viel eher gemacht. Und mir ist egal, was du davon hältst.“ Ich warte nicht darauf, ob er noch etwas von sich geben will. Stattdessen steige ich aus und schließe die Tür wieder hinter mir.
So energisch, wie ich vorhin auf den Wagen zugegangen bin, entferne ich mich nun wieder.
„Harley!“, höre ich ihn in der Sekunde meinen Namen rufen, in der ich den Bürgersteig vor dem Haus betrete.
Ich drehe mich noch einmal zu ihm um und sehe, dass er ausgestiegen ist und nun neben seinem Wagen steht. Mir ist bewusst, dass er will, dass ich zurückkomme, damit er mich auch von der Idee abbringen kann. Doch er würde mir nicht das erklären, was ich von ihm hören will. Deswegen winke ich nur. „Bis dann Zane“, sage ich laut genug um sicher zu sein, dass er mich gehört hat. Ich achte darauf, dass ich nicht so laut bin, um meinen Dad oder meine Stiefmutter zu wecken, die ihr Schlafzimmer ebenfalls nach vorne hin haben. Ich gehe den Weg entlang und verschwinde im Inneren.
Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass ich keine Angst davor hätte, auf eigene Faust zu erfahren, was hier los ist. Ich habe Angst, das würde ich vor ihm aber nicht zugeben. Langsam geht es mir gehörig auf die Nerven, dass ich nicht einmal ansatzweise weiß, was hier gespielt wird und er es anscheinend nicht für nötig hält, mit der Sprache herauszurücken.
„Hast du eigentlich eine Ahnung, wie spät es ist?“, werde ich von Katie begrüßt, als ich sie am nächsten Morgen anrufe. „Ich bin letzte Nacht erst spät ins Bett gekommen, da wir noch ein Problem im Restaurant hatten, was ich dringend erledigen musste. Wenn der Laden nicht ein Problem mindestens einmal in der Woche hat, wäre es nicht der gleiche.“
„Dann sind wir ja schon zwei“, erwidere ich, ohne auf ihre letzte Aussage einzugehen. Ich berichte ihr von meinem neuen Job.
„Herzlichen Glückwunsch. Das ist doch super. Ich freue mich für dich. Aber deswegen musst du doch nicht um sechs Uhr morgens anrufen.“ Bei ihrer Aussage bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Vorhin habe ich nicht so sehr darüber nachgedacht, wie spät es eigentlich erst ist. Sie wird sofort Feuer und Flamme sein, wenn sie den Grund für meinen Weckruf erfährt. Deswegen zögere ich nicht lange, sondern berichte ihr davon.
Aufmerksam hört sie mir zu. Vor meinem inneren Auge sehe ich, wie sich ihr Mund geöffnet hat, während sie meine Worte verarbeitet.
„Also hatte ich doch recht. Du hast es dir nicht eingebildet“, ruft sie aus, sobald ich geendet habe. Ihre Stimme ist so laut, dass ich mein Telefon ein Stück von meinem Ohr entfernen muss, damit ich nicht taub werde. Ich kann ihre Reaktion verstehen. Hätte sie es mir erzählt, hätte ich wahrscheinlich auch nicht anders reagiert.
„Er hat es ja mehr oder weniger zugegeben, dass etwas passiert ist. Er hat mir nicht gesagt, was es ist. Und ich brauche deine Hilfe, um genau das zu erfahren. Meiner Meinung nach ist es mein gutes Recht, die ganze Geschichte zu kennen.“ Ich verziehe mein Gesicht ein wenig.
„Willst du es nicht deinem Dad sagen?“, erkundigt sie sich dennoch. Ich höre die Unsicherheit in ihrer Stimme.
„Die meisten würden das wahrscheinlich machen. Ich halte es nicht für eine gute Idee. Ich will die Pferde nicht scheu machen. Und schon gar nicht meinen Vater. Er hat schon genug um die Ohren.“
„Das kann ich nachvollziehen. Und zur Not kannst du es ihm später noch immer erzählen, auch wenn er nicht sehr froh darüber sein wird, dass du es ihm nicht von Anfang an gesagt hast“, überlegt sie. „Okay, jetzt werden wir das gemeinsam in Angriff nehmen.“
Katie gibt einen zufriedenen Ton von sich.
„Wir treffen uns um neun bei Jones. Wir wollen mal schauen, ob wir den Einbrecher, Dieb, oder wie auch immer man ihn nennen will, aus seinem Versteck locken können. Das kann doch nicht so schwer sein.“
Noch bevor ich näher darauf eingehen kann, hat sie bereits aufgelegt.
Ich sehe mein Handy, ehe ich meine Hand sinken lasse und es aufs Bett werfe. Ich habe keine Ahnung, was sie genau vorhat. Meine Freundin hat aber bestimmt schon einen Plan. Katie wäre nicht Katie, wenn sie das nicht hätte.
Als ich vor dem Jones ankomme, bin ich froh darüber, dass ich mich dafür entschieden habe, zu Fuß zu gehen. Monica hat mir zwar ihren Wagen angeboten, der aus der Werkstatt wieder da ist, doch ich habe noch sehr lebhaft vor Augen was das letzte Mal passiert ist, als ich ihn mir ausgeliehen habe. Und da Katie und ich jetzt mit Absicht als Köder agieren, will ich lieber darauf verzichten. Das letzte Mal hat sie es noch gut aufgenommen, vor allem hat da aber auch keiner eine Verbindung zu mir gezogen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es nun auch noch so sein würde. Noch ein Grund, wieso ich das Risiko nicht eingehen wollte.
„Das ist ja so aufregend“, quiekt Katie, als wir nebeneinander die Straße entlang gehen. Wir schauen uns ständig zu allen Seiten hin um, um zu kontrollieren, ob der Wagen wieder aufgetaucht ist. Weit und breit kann ich ihn nicht entdecken. Und auch sonst niemanden, der mir augenscheinlich näher kommen will. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob die Typen das überhaupt wollen.
Genauso wenig wie Zane oder den Wagen seiner Freunde.
Ich weiß nicht wieso, schließlich wollte ich das hier alleine machen, doch mir wäre wohler, wenn ich wüsste, dass er in der Nähe ist. Das lasse ich mir vor meiner Freundin aber nicht anmerken. Sie soll nicht denken, dass ich einen Rückzieher mache. Denn das werde ich mit Sicherheit nicht machen. Und da ist noch die Tatsache, dass ich noch nie eine von den Frauen war, die sich von einem Mann abhängig gemacht haben.
„Ich kann es noch immer nicht fassen“, spricht sie weiter. „Ich meine, du hast ja ein paar Mal gesagt, dass du das Gefühl hast, man würde dich beobachten. Aber ich habe nicht erwartet, dass ein Kopfgeldjäger dich beschützt. Wer würde auch damit rechnen? Das passiert doch eigentlich nur in Filmen.“
„Er beschützt mich nicht“, wende ich schnell ein. Ich will verhindern, dass Katie den Gedanken weiterführt. Doch ich bin mir nicht sicher, ob das auch wirklich funktioniert.
„Nenne es wie du es willst. In meinen Augen beschützt er dich. Sonst hätte er dich bestimmt nicht gestern zurückgehalten. Und da kannst du noch so dagegen sein und eine andere Meinung haben.“ Eindringlich sieht sie mich an. Ich hingegen ziehe nur die Augenbrauen hoch. „Man könnte auch der Meinung sein, dass es wie in einem Liebesfilm ist“, schwärmt sie weiter.
Eigentlich wollte ich gerade einen Schluck aus meinem Kaffeebecher nehmen, nun bleibe ich wie angewurzelt stehen und schaue sie entgeistert an. Mein Mund öffnet sich. Es kommt mir so vor, als würde es ewig dauern, bis ich wieder einen klaren Gedanken fassen kann. Doch ich schüttle den Kopf. Und zwar so heftig, dass meine Haare von rechts nach links und wieder zurückfliegen.
„Vergiss das direkt wieder. Zu einer Romanze gehört eindeutig mehr. Er hat mich nur davor bewahrt eine Dummheit zu begehen. Und wenn wir es richtig beurteilen, wäre es eine verdammt große Dummheit gewesen, ihn zur Rede zu stellen. Vor allem deswegen, weil ich keine Ahnung hatte, was ich überhaupt hätte von mir geben sollen. Das kann ich zwar immer noch nicht, aber jetzt bin ich darauf vorbereitet, ihn zu konfrontieren.“
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