Kitabı oku: «Love and Crime»

Yazı tipi:

Harley Barker

Love and Crime

The next Adventure

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

Impressum neobooks

1

Harley Barker

Love and Crime

The Next Adventure

Sarah Weber

Alter Postweg 31a

48477 Hörstel

Copyright by Sarah Weber

Covergestaltung: A&K Buchcover Design

Alle Rechte vorbehalten!

Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der offiziellen schriftlichen Genehmigung der Autorin!

„Sechs Wochen ist es jetzt her, dass du dafür gesorgt hast, dass dieser Kerl verhaftet werden konnte. Ich weiß nicht, ob ich den Mut dazu gehabt hätte. Wahrscheinlich hätte ich mich in meiner Wohnung unter der Decke verkrochen und wäre erst wieder herausgekommen, wenn die Gefahr vorbei gewesen wäre“, stellt Katie fest.

Nachdenklich sieht sie mich an, zieht eine Wasserflasche aus ihrer Handtasche und nimmt einen großen Schluck daraus.

Mir ist bewusst, dass sie noch mehr dazu sagen will. Bevor sie das allerdings machen kann, schüttle ich energisch den Kopf und falle ihr ins Wort.

„Ich hatte nicht wirklich die Wahl“, erinnere ich sie.

„Man hat immer die Wahl. Und du hast dich dafür entschieden, was ich cool finde.“

„Hmmm“, mache ich nur. „Ich habe nicht dafür gesorgt, dass er verhaftet werden konnte. Das würde bedeuten, dass ich der Polizei einen Hinweis gegeben habe, wo sie ihn finden können. Allerdings habe ich mit meinem Vater oder seinen Kollegen nie darüber gesprochen. Deswegen kann man schon irgendwie sagen, dass ich ihn mehr oder weniger selber verhaftet habe“, gebe ich zu bedenken.

Ich will mich damit nicht noch mehr hervorheben, ich will sie nur daran erinnern, wie es wirklich abgelaufen ist.

Auch wenn ich in den letzten Wochen reichlich Zeit hatte, um es zu verarbeiten, so kann ich noch immer nicht glauben, dass diese Geschichte wirklich geschehen ist. Es kommt mir vor, als hätte ich es geträumt. Als ich hier gelandet bin habe ich nicht einmal im Traum daran gedacht, dass ich einige Tage später bereits auf der Suche nach einem Verbrecher bin.

Aber wer hätte das schon?

Hätte mir das jemand vor meinem Abflug erzählt, hätte ich ihn für bescheuert erklärt. Schließlich hatte ich andere Pläne für mein Leben in den USA. Erst recht für die erste Zeit. Da ist es beinahe seltsam, dass ich mich auf die Suche nach dem Typen gemacht habe, der nicht nur das Auto meiner Stiefmom aufgebrochen hat, sondern auch in mein Elternhaus eingebrochen ist. Von Anfang an hat er nur für Ärger gesucht und ich hatte keine Ahnung, wieso das nur mir passiert.

Niemand, mit einigermaßen gesundem Menschenverstand, hätte das getan, was ich gemacht habe. Deswegen schiebe ich es darauf, dass ich nach meiner Ankunft noch keinen Job und dementsprechend auch nichts zu tun hatte. Man könnte auch sagen, dass es ein Zeitvertreib war. Allerdings muss ich auch erwähnen, dass ich es nicht wirklich freiwillig gemacht habe. Ich bin mehr oder weniger hineingestolpert, als ich Zane, einen verdammt scharfen Kopfgeldjäger, am Flughafen über den Haufen gerannt habe.

Aber sind wir doch mal ehrlich. Jeder der mich kennt weiß, dass es in meinem Leben schon immer chaotisch zuging. Und ich glaube auch nicht, dass sich das jemals ändern wird. Da war es wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis mir so etwas passiert. Daher sollte es auch nicht weiter verwundern und dennoch tut es genau das.

Einfach wäre aber auch langweilig. Deswegen genieße ich es, die Chaos-Queen zu sein. Meine Freunde kennen mich alle nur so.

„Sechs Wochen, und ich habe übrigens noch kein Wort darüber in Gegenwart meines Vaters oder meiner Mutter verloren. Abgesehen von dir und Zane und seinen Kollegen weiß niemand davon. Ich weiß aber auch nicht, wie ich es ihnen sagen soll. So einfach ist das nicht.“

„Ich kann mir vorstellen, dass dein Vater nicht gerade begeistert davon sein wird, sobald er es erfährt“, stellt sie fest und verzieht das Gesicht. „Vielleicht wird er dich nie wieder alleine aus dem Haus lassen. Dann müsstest du immer einen Bodyguard dabei haben. In dem Fall würde ich mir aber wünschen, dass er wenigstens gut aussieht, damit es sich wenigstens lohnt.“

So ungern ich es auch tue, aber in diesem Fall muss ich ihr wirklich recht geben. Mein Vater hat mich schon immer in Watte gepackt, was auch daran liegt, weil ich in jedes Fettnäpfchen trete, was ich finden kann. Außerdem ist er Polizist und sieht daher die Gefahren anders, als ich oder jeder andere, der nicht diesen Job hat.

Wenn er nun wüsste, wer in seinem Wohnzimmer stand und mich bedroht hat, würde ihm das sicherlich nicht gefallen. Da bin ich mir sicher. Aus diesem Grund habe ich wirklich schon mit dem Gedanken gespielt, ob ich es nicht einfach für mich behalten soll.

„Vermutlich würde er mich ins nächste Flugzeug zurück nach Deutschland setzen“, murmle ich.

Aber dort hätte er mich nicht mehr im Auge.

Dabei kann ich das Grinsen nicht für mich behalten, was sich bei der Vorstellung daran, auf meinen Lippen bildet. Vor meinem inneren Auge habe ich ein Bild, wie er mich beinahe in den Flieger zerren muss, weil ich mich beharrlich weigere. Eins steht nämlich für mich fest: freiwillig verschwinde ich nicht wieder.

Ich wollte mir hier ein Leben aufbauen und das ist mir in den letzten Wochen sehr gut gelungen. Auch wenn mir noch Freunde und eine Wohnung fehlen, so habe ich wenigstens das wichtigste geschafft zu finden: einen Job.

„Das kann ich mir nicht vorstellen. Dafür hat er sich zu sehr darüber gefreut, dass seine kleine Tochter endlich hier ist. Aber er würde dir wahrscheinlich einen Bodyguard vor die Nase stellen. Das kannst du nicht verneinen“, überlegt meine Freundin und verzieht nachdenklich das Gesicht.

„Einen Babysitter?“ Alleine bei dem Gedanken daran, dass er das wirklich machen würde, rümpfe ich die Nase.

„Nein, einen Bodyguard“, verbessert Katie mich.

„Es ist egal, wie du es nennst. Es bleibt ein Babysitter, der mir auf Schritt und Tritt folgt und darauf achtet, dass ich keine Dummheiten mache.“

Katie gibt ein schrilles Lachen von sich. Dabei bilden sich Lachfalten um ihre Augen.

„Dabei hast du schon einen. Nachdem ich nun die ganze Geschichte kenne bin ich der Meinung, dass Zane sehr gut auf dich aufgepasst hat. Sonst wäre er nicht passend in euer Wohnzimmer gestürmt.“ Während sie spricht wackelt sie mit den Augenbrauen, sodass ich nur die Augen verdrehe.

In den letzten Wochen ist ein paar Mal sein Name gefallen. Allerdings habe ich es jedes Mal geschafft, ihr auszuweichen. Doch ich weiß, dass ich nicht immer dieses Glück haben werde. Und langsam aber sicher sehe ich dieses Gespräch mit großen Schritten auf mich zukommen.

„Du kannst mich ruhig damit aufziehen, es ist mir egal“, erkläre ich abweisend. Auf diese Weise will ich ihr klarmachen, dass ich nicht näher darauf eingehen werde und hoffe, dass sie es auch lässt.

Allerdings brauche ich nur einen Blick in das Gesicht meiner Freundin zu werfen, um zu wissen, dass sie weiß, dass meine Ansage nur halb ernst gemeint ist. Tatsache ist nämlich, dass von Anfang an irgendetwas zwischen uns war, was ich nicht genau beschreiben kann. Allerdings will ich mich auch nicht näher damit beschäftigen. In diesem Punkt springt mein Selbstschutz an. Ich ziehe das Chaos zwar an, aber das heißt nicht, dass ich doof bin. Mir ist sehr wohl bewusst, dass er mit einer Frau wie mir nichts anfangen könnte. Nicht, dass ich mir irgendwelche Hoffnungen machen würde. Doch ich bin mir sicher, dass er sich normalerweise mit anderen Frauen trifft. Vorzugsweise Frauen, die er nicht beschützen muss, weil sie nicht auf ihn hören und sich deswegen in Gefahr bringen. Und wenn wir es genau nehmen, habe ich genau das getan.

„Hast du ihn seitdem eigentlich wieder gesehen?“

Neugierig schaut mich meine Freundin an, während sie einen weiteren Schluck aus ihrer Flasche nimmt.

Ich nehme mir einige Sekunden Zeit und weiche dabei ein paar Passanten aus. Gleichzeitig überlege ich mir, wie ich am besten das Thema wechseln kann.

„Na los, antworte schon. Mein eigenes Liebesleben liegt auf Eis. Deswegen möchte ich so viel wie mögliches über deines erfahren.“

Überrascht drehe ich mich in ihre Richtung und ziehe die Augenbrauen ein Stück nach oben. Ich wusste ja, dass sie keinen Freund hat. Aber anscheinend stört sie das mehr, als ich bin jetzt gedacht habe. Sie hat seit meiner Ankunft kein Wort darüber verloren. Allerdings muss ich zugeben, dass ich auch nicht nachgefragt habe. Auf der einen Seite hatte ich soviel zu tun, dass dieses Thema nie aufkam und andererseits wusste ich nicht, wie sie darauf reagiert. Ich bin einfach davon ausgegangen, dass sie schon damit anfangen wird, wenn sie darüber sprechen will.

Während ich meine Freundin ansehe, bin ich so sehr auf sie konzentriert, dass ich nicht merke, wie ich auf einen Mülleimer zulaufe, über den ich in der nächsten Sekunde bereits stolpere.

Erschrocken reiße ich meine Augen auf, während ich versuche mein Gleichgewicht zu halten. Doch das gelingt mir nicht, sodass meine Hände flink nach etwas tasten, an dem ich mich festhalten kann. Doch da ist es bereits zu spät. Mit einem lauten Knall lande ich auf dem Boden, wobei ich es gerade noch schaffe, mich mit der Hand abzustützen, sodass ich nicht mit dem Kopf auf die Steine knalle.

Stöhnend verziehe ich das Gesicht, während ich langsam realisiere, was passiert ist. Mein Herz rast und mein Mund öffnet sich ein Stück, damit ich besser Luft bekomme.

„Na super“, gebe ich brummend von mir, hebe meinen Kopf und werfe einen Blick auf die Leute, die vorbeigehen. Ein paar werfen mir mitleidige Blicke zu, während andere mich anscheinend gar nicht bemerken. Sie sind in ihre Handys versunken, wobei es egal ist, ob sie telefonieren oder eine Nachricht beantworten. Ich bin mir nicht sicher, aber ich meine, dass ich bei ein paar sogar einen genervten Gesichtsausdruck feststelle, weil sie mir ausweichen müssen.

Als ich in das Gesicht meiner Freundin schaue, erkenne ich das Funkeln in ihren Augen. Es zeigt mir, dass sie sich gerade so ein Grinsen verkneifen kann.

„Du solltest mehr auf deine Umgebung achten“, erklärt sie und reicht mir die Hand, um mich auf die Füße zu ziehen. „Irgendwann wirst du dich sonst nochmal richtig verletzen. Gerade war schon Glück gewesen.“

„Danke, so ein Mist kann auch wirklich nur mir passieren“, erwidere ich und betrachte meine nun dreckige Hose.

„Hast du ein Glück, dass wir eh auf dem Weg zum shoppen sind. Ich bin mir sicher, dass du etwas finden wirst, was du direkt anziehen kannst.“

Ich ringe mir ein Lächeln ab. In der nächsten Sekunde verdrehe ich allerdings die Augen.

„Na komm, ich bin mir sicher, dass die Mädels bereits auf uns warten.“ Mit diesen Worten setzt sie sich in Bewegung und geht weiter.

Mit Mädels meint sie ihre Freundinnen Jessica und Caroline. Ich kenne die beiden von meinen Besuchen hier, allerdings hatte ich nie viel mit ihnen zu tun. Wir haben uns nur ein paar Mal abends getroffen und etwas unternommen. Deswegen würde ich sie nicht unbedingt als meine Freundinnen bezeichnen, sondern eher als Bekannte. Doch mir ist bewusst, dass ich Freunde hier brauche. Schließlich will ich hier leben. Deswegen habe ich mich auf dieses Treffen eingelassen.

„Aber du hast mir meine Frage noch nicht beantwortet“, spricht sie nun weiter und reißt mich so aus meinen Gedanken.

„Welche?“

„Hast du Zane in der letzten Zeit mal gesehen?“

Ich erkenne die Ungeduld in ihrer Stimme und bin mir sicher, dass ich ihr kein zweites Mal ausweichen kann.

„Einmal habe ich seinen Kollegen gesehen, den ich damals nachts ausgefragt habe“, gebe ich also nach. „Er war gerade auf der Polizeistation, als ich den Wagen von meinem Vater abholen wollte. Zane war aber nicht dabei. Auf jeden Fall habe ich ihn nicht gesehen.“

Hoffentlich reicht ihr diese Antwort. Mehr möchte ich nämlich nicht dazu von mir geben.

Ich versuche so zu tun, als würde es mich nicht stören. Doch die Wahrheit sieht anders aus, auch wenn ich sie nicht wahrhaben will. Ich hätte ihn gerne noch ein weiteres Mal getroffen. Und, wenn ich mich nur bei ihm bedankt hätte. Ohne ihn wäre ich nämlich nicht so glimpflich aus dieser Geschichte herausgekommen. Da brauche ich mir nichts vorzumachen.

„Ich habe das Gefühl, als würde er dir bald wieder über den Weg laufen“, verkündet meine Freundin nun.

Eigentlich will ich meinen Mund aufmachen und etwas erwidern, als sie die Hand hebt und sie wild bewegt. Ich lasse meinen Blick in die entsprechende Richtung wandern und erkenne Caroline und Jessica. Sie stehen vor einer Boutique und unterhalten sich angeregt.

Nun werden sie jedoch auf uns aufmerksam und begrüßen uns mit einem breiten Strahlen.

„Hi“, begrüßt uns Caroline und zieht mich für eine feste Umarmung an sich.

Ich tue es nur sehr ungern, aber ich gebe zu, dass ich sie nicht einschätzen kann. Sie ist nett und schlau, das stelle ich überhaupt nicht infrage. Außerdem ist sie zielstrebig und weiß, was sie will. Allerdings gehört ihrem Vater in dritter Generation eine große und erfolgreiche Firma, was dafür sorgt, dass sie nicht gerade das ist, was man als eine Durchschnittsverdienerin bezeichnen kann. Um genau zu sein bin ich mir ziemlich sicher, dass sie in einem Monat mehr verdient, als ich in einem halben Jahr. Und diese Überheblichkeit merkt man manchmal bei ihr im Ansatz. Allerdings hat sie es noch nie Katie oder mir gegenüber raus hängenlassen. Zumindest hat meine Freunde bis jetzt noch nichts in diese Richtung verlauten lassen.

Mir ist klar, dass man Gefühle besser für sich behält, wenn die Familie soviel Geld besitzt. Allerdings hat das zur Folge, dass ich sie nicht richtig einschätzen kann und deswegen nicht weiß, ob sie mich wirklich mag, oder einfach nur eine gute Schauspielerin ist. Und eigentlich würde ich das schon gerne wissen.

Doch jetzt lasse ich mir davon nichts anmerken, sondern begrüße auch Jessica.

„Schade, dass wir uns erst jetzt treffen können. Aber ich war die ersten zwei Wochen nur auf der Arbeit und musste für einen geschäftlichen Termin nach Washington.“

Jessica ist Reporterin. Katie hat erwähnt, dass sie die letzten Wochen wegen eines Prozesses in Washington war, bei dem es um Mord ging. Diese Verhandlung dauerte eine Ewigkeit, sodass alle beinahe erleichtert aufgeatmet haben, als das Urteil bekannt gegeben wurde. Natürlich waren allerhand Medien vor Ort, um nichts zu verpassen. Und da sie als Auswärts-Journalistin für eine Zeitung in Miami arbeitet, wurde sie geschickt.

„Überhaupt kein Problem“, winke ich ab.

„Dann kommt“, entscheidet Caroline und entfernt sich bereits einige Schritte, bevor sie sich zu uns umdreht und wartet.

Die nächsten Stunden machen wir die Stadt unsicher. Während ich noch immer Ausschau nach einer neuen Hose halte, haben meine Freundinnen die Hände voll mit Tüten aus diversen Geschäften. Im letzten Geschäft finde ich endlich eine, die ich direkt gegen meine dreckige eintauschen kann. Doch eigentlich wäre es jetzt auch schon egal. Schließlich bin ich so ja schon durch sämtliche Geschäfte gelaufen, die sich in der Innenstadt befinden.

Nicht zum ersten Mal verfluche ich die Tatsache, dass ich in jedes Fettnäpfchen trete, das ich finden kann.

„Du hast ja überhaupt nichts gekauft“, stellt Caroline fest, als wir uns voneinander verabschieden.

„Ich habe nichts gefunden, was ich schön finde.“ Das ist nicht einmal gelogen. Allerdings behalte ich für mich, dass ich auch nicht wirklich danach Ausschau gehalten habe, da ich auf der Suche nach einer Hose oder einem Rock war.

„Ich hoffe, dass wir uns bald wiedersehen“, erklärt Jessica und schließt mich noch einmal in die Arme.

Ich mag ihre herzliche Art, die sie immer an den Tag legt. Sie bezieht einen jederzeit überall mit ein, dass man sich nicht einmal überflüssig fühlen kann, wenn man mit seinen Gedanken eigentlich ganz woanders ist. Außerdem glaube ich, dass es nichts gibt, was ihr die schlechte Laune verderben kann.

„Das werden wir bestimmt“, pflichte ich ihr bei.

Nachdem auch Katie sich von ihren Freundinnen verabschiedet hat, machen wir uns auf den Weg zurück nach Hause. Das Gute an Tarpon Springs ist, dass man meistens kein Auto braucht. Dies hat aber auch zur Folge, dass ich mir noch immer keinen Wagen gekauft habe und den von meiner Stiefmutter nehmen muss, sobald ich mal einen brauche. Allerdings klappt das nicht immer, da sie ihn auch öfters benötigt.

„Hast du dir schon ein paar Wohnungen angesehen?“, erkundigt sich Katie, als wir vor dem Haus meiner Eltern stehen bleiben.

Nachdenklich blickt sie hoch zu dem Fenster, hinter dem sich mein Schlafzimmer befindet.

„Bis jetzt hatte ich noch keine Zeit. Entweder bin ich den ganzen Tag auf der Arbeit oder ich bin mit dir unterwegs. Aber noch geht es. So habe ich wenigstens Zeit, um meine Ersparnisse zu vergrößern, sodass ich mir direkt alle Möbel kaufen kann. Ich habe in Deutschland soviel zur Seite gelegt, wie es ging. Aber sind wir doch mal ehrlich. Die Ausstattung für die erste eigene Wohnung kann man nicht gerade als günstig bezeichnen.“

Ich zucke mit den Schultern, sodass Katie lachen muss.

„Sollten deine Eltern dir zu viel werden, kannst du auf jeden Fall jederzeit bei mir übernachten. Ich würde mich freuen. Wir könnten eine Pyjamaparty machen.“

Mit diesen Worten zieht sie mich an sich für eine Umarmung.

„Ich muss mich jetzt auch auf den Weg machen. Meine Eltern warten bereits auf mich.“

„Bestell ihnen schöne Grüße von mir.“

Ein letztes Mal winke ich ihr noch zu, bevor ich in dem Inneren verschwinde. Dort schaue ich mich einmal um und seufze leise.

Mir ist klar, dass die meisten in meinem Alter bereits eine eigene Wohnung haben. Deswegen ist es mir in den letzten Wochen mehrmals passiert, dass die Leute mich verständnislos angesehen haben, wenn sie erfahren haben, dass ich noch in meinem alten Kinderzimmer wohne. Doch für mich ist es die beste Lösung und meine Eltern haben auch kein Problem damit. Ganz im Gegenteil: Mein Vater freut sich darüber, dass sein kleines Mädchen bei ihm wohnt.

Deswegen sehe ich keinen Grund, auf Würgen und Brechen etwas an dieser Situation zu ändern.

2

Müde schleppe ich mich am nächsten Tag ins Badezimmer. Ich habe eindeutig zu wenig in der letzten Nacht geschlafen. In den letzten Wochen hatte ich es immer mehr geschafft, Zane aus meinem Kopf, beziehungsweise aus meinen Träumen, in die er mich teilweise verfolgt hat, zu bekommen. Doch dank meiner Unterhaltung gestern mit Katie war das nun nicht mehr der Fall.

Als wäre es erst gestern gewesen, dass ich ihn das letzte Mal gesehen habe, hatte ich sein Gesicht lebhaft vor Augen. An jedes Detail, jedes schiefes Grinsen und jedes freche Funkeln konnte ich mich erinnern. Auch, wenn ich das überhaupt nicht will. Allerdings erscheint er mir so, als hätte ich in diesem Fall kein Mitspracherecht.

Seufzend lasse ich meine Schultern kreisen, um die verspannten Muskeln zu lösen. Ohne auf die Wassertemperatur zu achten, ziehe ich meine Klamotten aus und stelle mich unter das fließende Wasser. In der nächsten Sekunde reiße ich jedoch erschrocken die Augen auf und gebe einen viel zu hohen Ton von mir, der in den Ohren weh tut. Schnell greife ich nach dem Regler und stelle das Wasser wärmer. Allerdings dauert es einige Sekunden, bis die Temperatur auch wirklich steigt.

Auf jeden Fall bin ich jetzt wach, denke ich zähneknirschend. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich auf diesen Wecker gut hätte verzichten können.

Schnell wasche ich mich, greife nach dem Handtuch und wickle es mir um den Körper.

Nachdem ich mir ein knielanges Sommerkleid angezogen habe, gehe ich nach unten, wo bereits meine Stiefmutter in der Küche steht. Mit einem erwartungsvollen Gesichtsausdruck gießt sie mir Kaffee ein und reicht mir die Tasse.

„Guten Morgen, Sonnenschein“, begrüßt sie mich mit guter Laune.

„Hi“, gebe ich zurück. Dabei betrachte ich sie skeptisch. Ein wenig kommt sie mir so vor, als würde sie mir etwas mitteilen wollen, aber nicht wissen, wie sie das am besten angehen soll.

„Ist etwas passiert?“, erkundige ich mich, als sie auch nach ein paar Sekunden keine Anstalten gemacht hat, um etwas von sich zu geben.

„Myles hat gestern angerufen. Er würde gerne für ein paar Tage vorbeikommen und Zeit mit uns verbringen, da er gehört hat, dass du nun hier lebst. Er ist beruflich in der Nähe, da bietet es sich an.“

Noch während sie spricht bekomme ich große Augen und verschlucke mich beinahe an meinem heißen Getränk. Myles ist der Sohn ihrer Schwester und so gesehen mein Cousin. Ich kann aber nicht gerade behaupten, dass ich mich gut mit ihm verstehe. Für einen Außenstehenden, der ihn nur zwei oder drei Stunden sieht, ist er ja vielleicht ganz nett. Ich finde ihn allerdings nervig. Und das behalte ich meistens auch nicht für mich, was dafür gesorgt hat, dass wir das eine oder andere Mal bereits aneinander geraten sind.

Er ist ein Besserwisser. Ich sage etwas und er korrigiert mich. Dabei ist es egal, worum es geht. Ich frage meinen Vater etwas, er antwortet mir. Irgendwann geht einem dieses Verhalten einfach auf die Nerven und ich gehöre nicht zu den Menschen, die das für sich behalten.

„Wann?“, frage ich nur.

„Heute schon. Ich weiß, ihr versteht euch nicht so gut. Eure kleinen Meinungsverschiedenheiten habe ich mitbekommen. Doch er freut sich wirklich, dass du diesen Schritt gegangen bist. Deswegen wollte ich es dir vorher sagen, auch wenn er der Meinung war, dass es ein Überraschungsbesuch werden soll. Du brauchst es ihm ja nicht verraten, dass du es schon wusstest.“

„So kann man das wahrscheinlich auch sagen“, erwidere ich und denke dabei an den lauten Streit, den wir geführt haben, als wir uns das letzte Mal gesehen haben.

Er hat mich als eine überhebliche Zicke betitelt und ich ihn als einen eingebildeten Schnösel. Und dabei ging es nur darum, dass ich in seinen Augen das Auto meines Vaters weiter an den Zaun hätte stellen sollen, obwohl seiner super daneben gepasst hat.

„Aber ich weiß ja, dass du eh den ganzen Tag auf der Arbeit bist und danach triffst du dich meistens mit Katie. Daher gehe ich davon aus, dass es dieses Mal keine Reibereien zwischen euch geben wird.“

Mit einem beinahe hoffnungsvollen Blick sieht sie mich an. Ich weiß, dass es nicht leicht für sie ist. In gewisser Weise steht sie jedes Mal zwischen den Fronten. Deswegen nehme ich mir vor, dass ich mich dieses Mal zurückhalten werde. Und ich kann nur hoffen, dass er das ebenfalls machen wird.

„Ich gebe mir Mühe.“

Einen Moment betrachtet sie mich, als würde sie sicher gehen wollen, dass ich es auch wirklich ernst meine. Doch ich lächle sie an und hoffe, dass ich so sämtliche Bedenken zur Seite wischen kann.

„Es wäre schön, wenn du zum Essen hier bist.“

Vorsichtig sieht sie mich an.

Auch wenn ich eigentlich keine Lust habe und auch definitiv kein gutes Gefühl dabei, nicke ich und signalisiere ihr so, dass ich hier sein werde.

„Danke“, raunt sie mir noch zu, bevor sie verschwindet und mich alleine lässt.

Noch beschissener kann ein Tag nicht starten, als mit dieser Nachricht. Und ja, ich verbuche es definitiv als ein Fettnäpfchen, dass ich überhaupt einen Abend mit ihm verbringen muss.

Ich kenne keine Person, die so arrogant ist wie er. Er hört nicht auf damit anzugeben, was er alles beruflich erreicht hat. Dabei ist er nichts anderes als ein Staubsaugervertreter, nur für Autoteile.

Aber vielleicht wird der Abend ja nicht ganz so schlimm, wie ich denke, schießt es mir von einer Sekunde auf die nächste durch den Kopf. Und genau das ist die Hoffnung, an der ich mich den restlichen Tag festhalten werde.

Mit einem genervten Seufzen leere ich meine Tasse und stelle sie in den Geschirrspüler. Dann greife ich nach meiner Tasche und mache mich auf den Weg zur Arbeit. Allerdings kann ich nicht gerade behaupten, dass ich mich nun darauf freue. Die Nachricht, dass ich hier heute Abend mit ihm sitzen werde, hat mir doch ziemlich die Laune verdorben.

Schon von außen kann ich erkennen, dass reges Treiben in dem Haarsalon, in dem ich als Friseurin arbeite, herrscht. Aber wundern tut es mich nicht. Die halbe Belegschaft ist im Urlaub und es wurde die gleiche Menge an Kunden angenommen, wie sonst auch. Außerdem gehört es zu einem der besten Salons in der Stadt.

Während ich in den Aufenthaltsraum gehe, um meine Tasche in meinen Spind zu legen, werde ich von den wenigen Kollegen begrüßt, die sich noch hier befinden. Ein Teil von ihnen wird nächste Woche in den Urlaub gehen und der restliche, zu dem ich auch gehöre, erst übernächste.

„Du kümmerst dich heute bitte um Misses Miller. Sie ist eine neue Kundin und scheint nicht so genau zu wissen, was sie eigentlich möchte. Sie scheint ziemlich unentschlossen zu sein. Wenn ich das richtig mitbekommen habe, hat sie mehrere Ideen. Es kann also sein, dass sie noch ein wenig braucht, bis sie sich für Farbe und Schnitt entschieden hat“, erklärt mir Cindy.

Mit einem Nicken deutet sie in die entsprechende Richtung. Auf dem Stuhl kann ich eine ältere Frau entdecken, die nachdenklichen die Farbproben betrachtet und sich Bilder von verschiedenen Schnitten ansieht.

„Ich habe aber schon einiges von ihr gehört. Wenn es stimmt, dann soll sie sehr rüstig für ihr Alter sein.“ Sie wackelt mit den Augenbrauen, was mich zum Lachen bringt.

„Danke“, murmle ich leise vor mir hin und mache mich auf den Weg zu meiner ersten Kundin heute.

„Guten Tag, Misses Miller. Ich bin Harley“, begrüße ich sie und stelle mich gleichzeitig vor.

„Harley? Wie sind Sie denn zu diesem außergewöhnlichen Namen gekommen?“ Fragend zieht sie die Augenbrauen zusammen.

„Mein Vater wollte immer eine Harley haben und ist meiner Mutter damit ständig auf die Nerven gegangen. Diese hat es ihm verboten und deswegen habe ich diesen Namen bekommen. Man kann also sagen, dass es eine Art Kompromiss zwischen ihnen war“, erkläre ich ihr schnell.

Ihr leises Lachen ertönt. Es lässt sie sympathisch wirken. Ein wenig erinnert sie mich an meine Großmutter, die leider viel zu früh verstorben ist. Sie war genauso offen und für jeden Scherz zu haben. Und auch wenn ich Misses Miller noch nicht so lange kenne, bin ich mir sicher, dass sie auch so ist.

„Ich muss zugeben, dass das wirklich gut ist. Sowas habe ich auch noch nie gehört.“

„Meine Mutter hatte ihm den Vorschlag gemacht, damit er nicht mehr so sauer ist. Er kann wie ein kleines Kind schmollen.“

Ich zucke mit den Schultern, da ich nicht so genau weiß, was ich deswegen von mir geben soll. Ich kann ihr ja schlecht auf die Nase binden, dass meine Eltern sich da noch verstanden haben und meine Mutter bereits drei Jahre später mit mir nach Deutschland gegangen ist.

„Das können alle Männer. Ich war dreimal verheiratet und weiß, wovon ich spreche. Letztes Jahr ist er gestorben und meine Kinder und Enkel wohnen auch nicht hier. Für sie ist die Stadt zu klein. Sie hat es nach Miami und New York verschlagen.“

„Das tut mir leid“, murmle ich.

„Muss es nicht“, winkt sie mit einem breiten Strahlen ab. „Ich sehe sie oft genug und gönne es ihnen. Jeder einzelne von ihnen hat es sich hart erarbeitet, dass sie nun das Leben führen können, was sie sich immer vorgestellt haben. Du kannst mich ruhig Dorothy nennen. Misses Miller werde ich nur von meiner Schwiegertochter genannt. Auf diese Weise will sie mir Respekt erweisen. Allerdings bin ich mir bei ihr manchmal nicht so sicher, ob sie überhaupt weiß, was das ist.“

Dorothy verzieht ein wenig das Gesicht, sodass ich nicht verhindern kann, leise zu lachen. Ich weiß, es ist gemein. Schließlich kenne ich die Frau ihres Sohnes nicht. Doch es ist auch viel mehr die Weise, wie Dorothy es sagt.

„Was kann ich dir denn gutes tun?“, frage ich sie nun und spiele damit auf ihre neue Frisur an.

„Ich möchte etwas peppiges. Sagt man das noch so? Ich bin zwar schon sechzig, allerdings gehöre ich noch lange nicht zu den alten Schachteln, die ihre Nachmittage mit den Frauen aus der Nachbarschaft beim Kaffeekränzchen verbringen. Um genau zu sein, will ich das auch nicht. Ich will noch Spaß haben.“ Während sie spricht, kann ich im Spiegel das schelmische Grinsen auf ihren Lippen erkennen, sodass ich lachen muss.

Ich mag ihre offene Art. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und hat ihre eigene Ansicht des Lebens. Alleine deswegen frage ich mich schon, was sie den ganzen Tag so macht, wenn sie nicht gerade beim Friseur ist. Doch ich werde sie nicht danach fragen, da ich die Befürchtung habe, dass ich damit eindeutig einen Schritt zu weit gehe.

Ich brauche nicht lange zu überlegen, bis mir etwas einfällt, von dem ich mir sicher bin, dass es ihr gefallen wird.

„Wie wäre es mit blond mit einem Hauch von rot? Und einem frechen Schnitt?“, frage ich sie und lasse sie über den Spiegel keine Sekunde aus den Augen.

Deswegen kann ich genau erkennen, wie sie große Augen bekommt, die zu leuchten beginnen.

„Ich sehe schon, wir verstehen uns.“

Sie zwinkert mir zu und gibt mir so ihr Einverständnis.

Die nächsten drei Stunden zaubere ich ihr eine neue Frisur, von der ich mir sicher, dass sie zu ihr passt.

Als sie endlich fertig ist, kann ich nicht für mich behalten, dass ich nervös bin, was sie von dem Ergebnis hält. Meistens ist es nämlich so, dass die Kunden ihre ganz eigene Vorstellung haben, wie es aussieht, sobald es fertig ist. Doch ich brauche nur einen Blick in ihr Gesicht zu werfen um zu wissen, dass ich mir umsonst Sorgen gemacht habe.

Ein wenig erinnert sie mich an ein kleines Kind an Weihnachten, als sie ihren Kopf von einer Seite zur anderen dreht und sich ausgiebig betrachtet.

„Das ist fantastisch und endlich mal etwas anderes“, jubelt sie und klatscht begeistert in die Hände. Als nächstes umarmt sie mich fest.

„Es freut mich, dass es dir gefällt.“

„Du bist eine wahre Künstlerin. Ich werde dich all meinen Freundinnen empfehlen. Du wirst eine Menge zu tun bekommen.“

„Meine Oma hat immer gesagt, man ist nur in den Dingen gut, die man gerne macht. Was soll ich sagen? Ich habe meinem Vater schon als kleines Kind gerne die Haare geschnitten.“

Dass das nicht immer gut war, behalte ich lieber für mich. Er ist jetzt nämlich wahrscheinlich die einzige Person, die sich nicht mehr von mir die Haare machen lässt.

„Ein wahres Wort.“

Gemeinsam gehen wir zur Kasse, wo sie sich noch ein paar Pflegeprodukte aussucht und ich alles abkassiere.

„Ich bin mir sicher, dass wir uns schon bald wiedersehen werden“, verabschiedet sie sich von mir und verlässt den Laden.

Einige Sekunden bleibe ich noch stehen und schaue ihr nach, bis sie zwischen den parkenden Autos am Straßenrand verschwunden ist.

Eine sehr interessante Frau, denke ich.

Seufzend drehe ich mich um und gehe zur nächsten Kundin, die bereits auf mich wartet.

Als ich um fünf Uhr den Laden verlasse, bin ich müde und hungrig. Ich habe den Tag durchgearbeitet, sodass ich nicht dazu gekommen bin, mir etwas Essbares zu besorgen.

Nachdem ich den Laden verlassen habe, biege ich nach rechts und mache mich auf direkten Weg nach Hause. Doch bereits in der nächsten Sekunde bereue ich es, dass ich nicht in die andere Richtung gegangen bin, auch wenn es einen kleinen Umweg bedeutet hätte.

„Harley“, höre ich Jackson laut meinen Namen rufen. Er breitet seine Arme aus und grinst von einem Ohr bis zum anderen.

Für den Bruchteil einer Sekunde schießt mir der Gedanke durch den Kopf einfach umzudrehen und doch den anderen Weg zu nehmen, aber ich bin chaotisch, nicht kindisch. Hätte ich ihn als erstes gesehen, hätte ich genau das machen können, aber so hat er mich bereits bemerkt.

„Hi, wie geht es dir?“, erkundige ich mich, verdrehe die Augen und gehe an ihm vorbei, ohne ihn weiter zu beachten.

Jackson ist mein Ex-Freund. Die Beziehung ist schon seit drei Jahren vorbei und hat nicht funktioniert, da er von Treue nicht sehr viel gehalten hat, während ich in Deutschland war. Es ist herausgekommen, weil seine heimlichen Affären mir irgendwann Nachrichten geschrieben haben, die weniger schön waren. Noch am Telefon habe ich mich von ihm getrennt, nachdem er es geleugnet hat. Bei einer oder zwei Frauen hätte ich es ihm unter Umständen ja noch geglaubt. Aber bei acht war es dann vorbei.

Mir war von Anfang an klar, dass ich ihm nicht ewig aus dem Weg gehen kann, wenn ich erst hier bin. Und eigentlich war mir das auch immer egal. Dennoch muss ich zugeben, dass ich gerade nicht in der Verfassung bin, mich mit ihm zu unterhalten. In Gedanken bin ich nämlich bereits bei dem gemeinsamen Abendessen mit Myles.

„Ich wusste gar nicht, dass du in der Stadt bist“, verkündet er und geht einige Schritte neben mir her.

„Wenn das so ist, wirst du auch sicherlich nicht wissen, dass ich nun hier lebe“, erkläre ich und drehe dabei meinen Kopf in seine Richtung.

In der nächsten Sekunde greift er jedoch nach meinem Arm und zieht mich so ruckartig zur Seite, dass ich gegen ihn stolpere.

„Wie ich sehe, bist du noch immer ein kleiner Tollpatsch.“

„Hättest du mich nicht wie ein Wahnsinniger zur Seite gezogen, wäre ich auch nicht gegen dich gestolpert“, erinnere ich ihn.

„Du wärst beinahe in einen Hundehaufen gelaufen“, erklärt er und zeigt in die entsprechende Richtung. Ich folge seinem Blick und stelle fest, dass er die Wahrheit gesagt hat.

„Danke“, gebe ich zurück, löse mich jedoch sofort wieder von ihm.

„Du wohnst jetzt also hier? Seit wann denn?“

„Erst seit ein paar Wochen. Noch unter dem Dach meiner Eltern, allerdings suche ich mir gerade eine eigene Wohnung“, antworte ich ihm.

„Das ist ja wunderbar. Dann können wir uns ja demnächst mal treffen.“

Ein breites Grinsen erscheint auf seinem Gesicht. Ich hingegen bin nicht so sehr von der Vorstellung begeistert, mich mit einem Ex-Freund zu treffen. Unter anderem auch deswegen, weil ich ihm keine falschen Hoffnungen machen will. In den letzten Jahren hat er nämlich noch ein paar Versuche gestartet, um mir zu beweisen, dass er sich gebessert hat. Allerdings halte ich nichts davon, mich erneut mit einem Mann einzulassen, mit dem es schon beim ersten Mal nicht geklappt hat.

„Irgendwann vielleicht“, gebe ich dennoch vor mir, da ich gerade keine Nerven dafür habe, mit ihm darüber zu diskutieren.

Ohne darauf zu warten, ob er noch etwas erwidern will, gehe ich an ihm vorbei und lasse ihn einfach stehen. Ich spüre seinen Blick in meinem Rücken, doch ich drehe mich nicht noch einmal zu ihm um. Es würde eh nichts an meiner Entscheidung ändern.

Allerdings weiß ich, dass er sich in Zukunft öfter bei mir melden wird.

3

Ich muss zugeben, dass ich mir noch nie soviel Zeit gelassen habe, um nach der Arbeit nach Hause zu kommen. Ich betrachte sogar die Auslage an mehreren Fenstern, um sicherzugehen, dass mir nichts Interessantes entgeht. Allerdings muss ich auch sagen, dass ich es nicht sonderlich eilig habe. Ich habe die Hoffnung, dass ich auf diese Weise das Gespräch mit Myles soweit es geht nach hinten schieben kann. Auch wenn ich weiß, dass ich dem nicht ewig aus dem Weg gehen kann. Schließlich ist er ja hier, um mich zu sehen. Allerdings wundert mich das doch ein wenig. Er hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er mich nicht mag. Da müsste es ihm eigentlich egal sein.

Als ich die Haustür öffne, schaue mich suchend um. Allerdings kann ich ihn im Wohnzimmer und im Essbereich nicht entdecken. Allerdings weiß ich, dass er hier ist, da sein Wagen in der Einfahrt steht.

Ja, ich bin erleichtert darüber, dass ich nicht sofort mit ihm konfrontiert werde, sondern erstmal zu Hause ankommen kann. Ich würde lügen, wenn ich so tun würde, als wäre das nicht der Fall. Bereits auf der Arbeit habe ich mir sämtliche Möglichkeiten ausgemalt, wie dieser Abend ablaufen könnte.

Und was soll ich sagen?

Keine davon ist wirklich gut ausgegangen.

Alleine von der Vorstellung der einzelnen Möglichkeiten habe ich Magenschmerzen bekommen.

Kaum habe ich die Tür hinter mir geschlossen, dringen laute Stimmen an mein Ohr. Neugierig folge ich ihnen in die Küche, wo ich meine Eltern und Myles am Küchentisch sitzen sehe.

Da sie so sehr in ihre Unterhaltung vertieft sind, dauert es einen Moment, bis sie auf mich aufmerksam werden. Doch dann strahlt mein Vater mich an. Wahrscheinlich aber auch nur, weil er die letzten Male nichts von dem kleinen Krieg mitbekommen hat, der geherrscht hat. Auch wenn ich sagen muss, dass das doch etwas übertrieben ist. Ich würde es eher als Meinungsverschiedenheiten betiteln.

Ich habe ihm schließlich nur einmal die Meinung gesagt, als er nicht aufgehört hat, mir auf die Nerven zu gehen. Und danach hat er es mir bei jedem Treffen erneut auf die Nase gebunden und es fortgeführt.

„Da bist du ja endlich. Wir haben schon gedacht, dass du dich verlaufen hast“, begrüßt er mich gut gelaunt.

Ich weiß, dass die beiden Männer sich gut verstehen und er sich deswegen jedes Mal freut, wenn sie sich sehen. Alleine deswegen werde ich schon versuchen, mich zusammenzureißen.

Noch in der gleichen Sekunde dreht Myles sich zu mir um. Er sieht mich abschätzend von oben bis unten an. Genau so, wie er es schon immer getan hat. Deswegen wundert es mich nun auch nicht und zieht mich auch nicht aus meinem inneren Gleichgewicht. Mich hätte es eher gewundert, wenn dem nicht so gewesen wäre.

„Ich bin aufgehalten worden“, gebe ich zurück und lege meine Tasche auf einen freien Stuhl.

Auch wenn es irgendwie stimmt, so ist es nur die halbe Wahrheit, da die Unterhaltung mit Jackson, wenn überhaupt, nur zwei Minuten gedauert hat. Die andere Hälfte sieht so aus, dass ich eigentlich auch keine Lust hatte, mich zu beeilen.

„Jetzt bist du ja da“, stellt er zufrieden fest.

„Ich dachte schon, dass ich auf meine liebste Gesprächspartnerin verzichten muss“, verkündet Myles, kommt auf mich zu und umarmt mich kurz.

„Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen.“

Ich grinse ihn kurz an und schaffe es dabei, mir nicht anmerken zu lassen, dass ich ihm gegenüber immer vorsichtig bin. Mit großen Schritten gehe ich an ihm vorbei und nehme die Bierflasche entgegen, die mein Vater mir reicht. Dankbar sehe ich ihn an.

„Harten Tag auf der Arbeit gehabt?“, erkundigt er sich.

„So kann man es auch ausdrücken.“

In diesem Moment frage ich mich, ob er nicht doch mehr mitbekommen hat. Wundern würde es mich nicht. Er ist schließlich ein super Polizist. Und die bekommen für gewöhnlich mehr mit, als man denkt. Aber damit kann ich mich später auch noch beschäftigen.

„Das Essen ist sofort fertig. Harley, du könntest schon die Soße auf den Tisch stellen“, meldet sich Monica zu Wort und lotst mich so zur Arbeitsplatte und von den Männern weg.

Einige Sekunden später drückt sie mir ein Kännchen in die Hand, in das sie die duftende Soße gefüllt hat. In dem Moment, in dem ich mich umdrehen will, höre ich, dass jemand hinter mich tritt. Allerdings befinde ich mich mitten in der Bewegung und kann sie nicht mehr stoppen. Ich versuche das unausweichliche noch zu verhindern, indem ich mich ein Stück zur Seite bewege. Allerdings ist es dafür bereits zu spät. Im nächsten Augenblick merke ich, wie ich gegen etwas stoße und sehe mit weit aufgerissenen Augen, wie sich die Soße entleert.

„Verdammt“, flucht Myles und reißt die Arme hoch.

Erst jetzt wird mir wirklich bewusst, was gerade passiert ist. Ich habe Myles den Inhalt der Schüssel über sein Hemd gekippt, was nebenbei erwähnt bestimmt nicht günstig war.

Mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen starre ich ihn an und ziehe scharf die Luft ein, während ich nach den passenden Worten suche.

„Wie ich sehe, trittst du immer noch in jedes Fettnäpfchen, was deine Füße finden können“, stellt er nüchtern fest, bevor ich einen Ton von mir geben kann. In seine Augen kann ich allerdings ein belustigtes Funkeln erkennen und ein kleines Grinsen erscheint auf seinen Lippen.

„So unschuldig bist du aber auch nicht daran“, gebe ich zurück und kneife meine Augen ein Stück zusammen. Ich nehme automatisch eine Abwehrhaltung ein, da ich nicht weiß, wie ich mich sonst verhalten soll.

Auf diese Weise will ich ihm klarmachen, dass es mir egal ist, dass mein Dad und Monica nur wenige Meter entfernt stehen. Wenn er es darauf anlegt, sage ich ihm ohne Probleme die Meinung.

Ich warte darauf, dass er noch etwas zu diesem Thema von sich gibt. Und ich sehe ihm an, dass ihm bereits ein paar Worte auf der Zunge liegen, die er sich nur schwer verkneifen kann. Allerdings behält er diese für sich. Stattdessen lacht er und macht einen Schritt nach hinten.

„Wir belassen es dabei, dass wir beide unseren Teil dazu beigetragen haben“, stellt er fest und hebt beschwichtigend seine Hände.

Ich hingegen verziehe nicht das Gesicht und zeige so, dass ich ihm nicht vertraue. Ich habe aber auch keinen Grund, wieso ich das sollte oder könnte.

„Bin gleich wieder da. Ich werde mir schnell ein sauberes Hemd anziehen“, verkündet er an seine Tante gewandt.

„Weiche es am besten direkt in warmen Wasser im Badezimmer ein, damit die Flecken nicht eintrocknen. Ich hole es nachher runter und wasche es dann“, weist meine Stiefmutter ihn an.

„Mache ich.“

Ein letztes Mal grinst er mich an, bevor er sich umdreht und nach oben verschwindet.

Es ist so lange ruhig im Raum, bis die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen ist. Erst dann höre ich, wie Monica den Wasserhahn aufdreht.

„Sorry“, murmle ich an sie gewandt.

„Mache dir deswegen keine Sorgen. Das kann passieren. Es ist nichts, was man nicht schnell wieder beheben kann“, winkt sie ab und bereitet eine neue Soße zu.

Kaum hat sie mir den Rücken zugedreht, breitet sich ein zaghaftes Grinsen auf meinen Lippen aus, was ich nicht für mich behalten kann. Auch wenn ich es nicht mit Absicht gemacht habe, bin ich dennoch der Meinung, dass er es verdient hat.

Als er wieder in die Küche gekommen ist, trägt er ein frisches Hemd und setzt sich erneut neben meinen Vater. Dies kann er aber nicht machen, ohne mir einen blick zuzuwerfen, der dafür sorgt, dass ich genervt die Augen verdrehe. Während des Essens berichtet er von den Geschäften, die er in der letzten Zeit abgeschlossen hat. Ich gebe zu, dass es mich nicht wirklich interessiert. Deswegen höre ich nur mit einem halben Ohr hin.

„Du bist so still gewesen“, wendet Monica sich an mich, nachdem sie aufgegessen hat. „Was hast du heute noch so geplant?“

„Ich treffe mich mit ein paar Freundinnen, Mädelsabend“, antworte ich ihr. Das letzte Wort füge ich schnell hinzu, um sicherzugehen, dass sie nicht vorschlägt, Myles könnte mich begleiten.

„Und ich muss nachher zur Arbeit“, fügt mein Vater noch hinzu. „Aber wir sehen uns ja morgen.“

„Stimmt es eigentlich, dass nachts mehr passiert als tagsüber?“, fragt Myles.

„Ich würde nicht sagen, dass nachts mehr passiert, auch nicht unbedingt andere Dinge. Wir sind zwar keine Großstadt, wenn wir uns mit Miami zum Beispiel vergleichen. Aber auch hier passieren Verbrechen, um die wir uns kümmern müssen. Nicht umsonst haben wir hier einige Kopfgeldjäger, die uns unterstützen. Außerdem kommt noch dazu, dass die Flüchtigen sich in den letzten Jahren immer wieder diese Stadt als ihr Ziel ausgesucht haben.“

Bei seinem letzten Wort zucke ich merklich zusammen. Gleichzeitig muss ich wieder an Zane und unsere erste Begegnung denken. Und natürlich auch an alles, was danach passiert ist. Jetzt ist sicherlich nicht der richtige Zeitpunkt, um ihm davon zu berichten.

„Dann drücke ich dir mal die Daumen, dass es heute Nacht auch ruhig werden wird.“

„Ich bin mir sicher, dass wir keine großen Probleme bekommen werden.“

Mit diesen Worten steht mein Vater auf und verlässt die Küche, um sich seine Uniform anzuziehen. Auch ich stehe auf und verabschiede mich von Myles.

„Ich bin mir sicher, dass wir uns in den nächsten Tagen öfter sehen werden. Schließlich werde ich hier wohnen, solange ich in der Stadt bin.“

Überrascht schaue ich zu meiner Stiefmutter. Als sie mir heute Morgen gesagt hat, dass er kommen wird, hat sie kein Wort darüber verloren, dass er hier übernachten wird. Um fair zu sein, muss ich aber auch gestehen, dass ich mich nicht danach erkundigt habe.

„Ich muss jetzt auch los, sonst komme ich noch zu spät“, murmle ich und verschwinde, bevor noch jemand etwas sagen kann.

Draußen bleibe ich erstmal stehen und hole tief Luft. Jedes Mal, wenn mein Cousin sich nicht mehr in meiner Nähe befindet, kommt es mir so vor, als hätte man mir eine riesige Last von den Schultern genommen. Seitdem ich ihn das erste Mal getroffen habe, bin ich der Meinung, dass seine zukünftige Frau es nicht leicht haben wird. Seitdem habe ich aber auch nicht gehört, dass er eine Freundin hat. Und ich bin mir sicher, dass ich diese Informationen bekommen hätte.

Doch ich muss zugeben, dass das Abendessen ruhig verlaufen ist. Die Männer waren in ihr Gespräch vertieft, sodass Myles auch überhaupt keine Zeit hatte, einen spitzen Kommentar in meine Richtung fallen zu lassen. Aber vielleicht lag es auch daran, dass beide anwesend waren.

Da kommt es wahrscheinlich nicht so gut, wenn er mich aufzieht, weil ich noch bei meinen Eltern wohne.

Um nicht Gefahr zu laufen, dass Monica oder vielleicht sogar Myles mich wieder ins Haus holen, verschwinde ich schnell.

Es dauert nur zehn Minuten, bis ich die Bar am Strand erreicht habe, in der ich mit Katie, Jessica und Caroline verabredet bin. Im Innenraum sehe ich mich einmal um, wobei ich sie sofort entdecke. Allerdings sind die drei aber auch nicht zu übersehen. Sie haben sich an einen Tisch an der Seite gesetzt, von dem sie einen perfekten Blick auf die Bar haben, die sich an der kompletten gegenüberliegenden Wand erstreckt. Über allen Tischen hängen Leuchten, die nicht zu groß und nicht zu klein sind. Sie verstreuen ein buntes Licht, was sich alle paar Sekunden wechselt.

„Hi“, begrüßt mich Katie, als ich mich auf den freien Stuhl neben ihr sinken lasse. „Ich hatte schon die Befürchtung, dass du uns vergessen hast.“

„Sorry, mein Cousin ist in der Stadt, euch würde ich niemals vergessen. Monica hat darauf bestanden, dass wir gemeinsam essen und das hat sich ein wenig in die Länge gezogen.“

„Myles?“ Katie sieht mich auf eine Weise an, die ich nicht genau einordnen kann. Da sie ihn allerdings kennt bin ich mir sicher, dass sie nicht sehr begeistert davon ist.

Als Antwort nicke ich nur.

„Wer ist Myles?“, erkundigt sich nun Caroline und sieht uns abwechseln an.

Für einen kurzen Moment denke ich darüber nach, ob ich die beiden einander vorstellen sollte. Ich muss zugeben, dass sie sich wahrscheinlich blendend verstehen würden. Doch schnell verwerfe ich diesen Gedanken wieder. Ich habe auch so genug zu tun, da brauche ich ihm nicht auch noch eine Freundin zu suchen. Zumal ich selber auf der Suche nach Freunden bin.

„Mein Cousin aus Atlanta.“

„Den wollt ihr nicht kennen“, setzt Katie noch hinzu.

Um den beiden zu verdeutlichen, dass Katie recht hat, nicke ich. Die beiden sind einmal aneinander geraten. Und dabei ging es nur darum, dass sie Dressing in einen Salat geben wollte und er der Meinung war, dass man das nicht einfach so machen kann, sondern immer nur ein wenig.

Was soll ich sagen?

Katie ist niemand, der sich in Dinge hineinreden lässt. Dementsprechend hatte sie ihm auch die Meinung gesagt, was in einem riesigen Streit geendet ist.

Auf mich hatte es aber den Anschein gemacht, als wäre Myles hinter ihr her gewesen. Allerdings kann Katie mit einem Mann wie ihm nichts anfangen. Sie braucht jemanden, der genau weiß, was er will und keinen, der sie bei jeder Gelegenheit korrigiert.

„Hmmm“, macht sie nur und konzentriert sich wieder auf das Display ihres Handys.

„Hast du schon eine Wohnung gefunden?“, fragt nun Jessica und wechselt so das Thema.

„Ich habe mir einige angesehen, aber keine hat mir zugesagt. Deswegen bleibe ich noch ein wenig bei meinen Eltern. Auf der einen Seite will ich nicht in irgendeine Wohnung ziehen, nur damit ich behaupten kann, dass ich eine eigene habe. Auf der anderen Seite habe ich so noch ein wenig Zeit, um noch mehr Geld zu sparen.“

Mir ist durchaus bewusst, dass ich diese Ausrede überall vorbringe. Doch wenn man es ganz genau nimmt, dann ist es eigentlich überhaupt keine Ausrede. Ich will nicht in eine Wohnung ziehen, und für die dann noch ein Vermögen ausgeben.

„Das ist auch das Beste, was du machen kannst. Ich habe zwei Jahre gebraucht, bis ich endlich eine gefunden habe, in der ich mich wirklich wohlgefühlt habe. Vor einem halben Jahr konnte ich erst einziehen. Solange es deine Eltern nicht stört, ist doch alles in Ordnung. Meine hätten mich auch gerne noch länger zu Hause behalten.“

„Ich glaube, sie sind ganz froh darüber, weil es nun endlich nicht mehr so ruhig ist im Haus“, stelle ich fest. Zumindest haben sie mir das gesagt. Vor allem Monica hat den Anschein auf mich gemacht, als wäre ihr oft langweilig, weil mein Vater soviel auf der Arbeit ist. Allerdings bin ich auch die meiste Zeit des Tages unterwegs. Deswegen weiß ich nicht, ob sich etwas daran geändert hat.

„Ich wünschte, meine Eltern wären auch so gewesen. Allerdings haben sie kein Geheimnis daraus gemacht, dass sie froh sind, wenn ich endlich eine eigene Wohnung habe. Allerdings bin ich auch das Nesthäckchen. Nachdem sie fünf Kinder großgezogen haben, ist es auch verständlich gewesen, dass sie mal Zeit für sich wollten. Finde ich auf jeden Fall.“

Caroline zwinkert mir zu, sodass ich lachen muss.

Ich will gerade den Mund aufmachen, als ich auf eine Frau aufmerksam werde, die gerade hereingekommen ist. Ängstlich steht sie in der Tür und sieht sich zu allen Seiten hin um, als würde sie nach etwas oder jemanden Ausschau halten.

Es kommt mir ein wenig so vor, als würde sie selber nicht wissen, wieso sie eigentlich hier ist. Ihr Blick huscht immer wieder von einer Seite zur anderen. Sie hat einen verängstigten Ausdruck in den Augen, wie ein kleines Kind, das man verfolgt.

Unsicher, ob sie es wirklich wagen kann, macht sie einige Schritte nach vorne, bevor sie wieder stehen bleibt und ihr Verhalten sich wiederholt. In diesem Moment wird mir bewusst, dass sie irgendetwas hat.

Ich kann es nicht genau beschreiben, doch mein Gefühl sagt mir, dass etwas passiert sein muss. Sonst würde sie sich wohl kaum wie ein aufgeschrecktes Huhn verhalten.

„Ich bin gleich wieder da“, murmle ich, ohne die Frau aus den Augen zu lassen.

Dabei stehe ich auf und gehe auf sie zu, bevor meine Freundinnen etwas von sich geben können. Es dauert nicht lange, bis sie mich entdeckt hat. Mit weit aufgerissenen Augen weicht sie zurück, wobei sie mit einem Kellner zusammenstößt, der beinahe die Getränke auf dem Tablett verschüttet.

Ich kann dabei zusehen, wie sie noch mehr Panik bekommt. Beschwichtigend hebe ich meine Hände und signalisiere ihr so, dass von mir keine Gefahr aus geht. Irgendwann hatte ich mich mal mit meinem Vater darüber unterhalten und er hatte mir den Tipp gegeben, dass ich mich so verhalten soll. Ich gebe zu, dass ich damals noch nicht wirklich geglaubt habe, dass das funktionieren kann, doch nun scheint es wirklich der Fall zu sein. Auch wenn sie noch immer ängstlich aussieht, so bleibt sie dennoch an Ort und Stelle stehen.

„Hi, ich bin Harley. Kann ich dir vielleicht irgendwie helfen?“

Sie sieht mich an, als wäre ich von einem anderen Planeten. Sie schüttelt ihren Kopf und macht dabei erneut Anstalten verschwinden zu wollen. Allerdings kommt sie auch dieses Mal nicht sehr weit.

„Ich …“, beginnt sie, spricht ihren Satz jedoch nicht zu Ende.

„Suchst du jemanden? Wenn du mir sagst, wie er aussieht, kann ich dir vielleicht helfen“, schlage ich vor.

Ich gebe zu, gerade komme ich mir vor, als würde ich mit einem kleinen Kind sprechen. Aber würde ich das nicht machen, würde sie wahrscheinlich abhauen und ich würde ihr folgen. Und, wenn ich ehrlich bin habe ich zu letzterem gerade überhaupt keine Lust. Ganz davon abgesehen sind diese Schuhe auch definitiv nicht dafür geeignet. Sie haben einen viel zu hohen Absatz, sodass die Frau mit ihren Turnschuhen einen eindeutigen Vorteil hätte.

„Mein …“, beginnt sie wieder, spricht aber auch dieses Mal nicht zu Ende.

So unauffällig wie möglich atme ich einmal tief durch. Ich gebe zu, dass es um meine sonst so ruhige Art gerade nicht sehr gut bestellt ist.

Doch das lasse ich mir nicht anmerken. Ich bin mir sicher, würde mein Vater mich jetzt sehen, wäre er stolz auf mich, weil ich dieses eine Mal wenigstens eine gute Schauspielerin bin und meine wahren Gefühle für mich behalten kann.

„Luft“, gibt sie so leise von sich, dass ich sie in dem Lärm, der um uns herum herrscht, kaum verstehen kann.

„Lass uns ein wenig nach draußen gehen“, fordere ich sie auf. Um ihr gar nicht erst die Wahl zu lassen, gehe ich an ihr vorbei und öffne die Tür, damit sie auf den Bürgersteig gehen kann.

Ich werfe einen letzten Blick in die Richtung meiner Freundinnen, bevor ich ihr folge. Katie zieht fragend die Augenbrauen nach oben. Doch ich schüttle nur den Kopf und bedeute ihr so, dass ich es ihr später erklären werde. Auch wenn ich noch nicht genau weiß, was ich eigentlich erklären soll. Doch das werde ich hoffentlich in den nächsten Minuten erfahren.

Als ich ihr folge, steht sie zwischen zwei geparkten Autos und sieht sie nachdenklich an.

„Wollen wir ein Stück spazieren gehen?“, erkundige ich mich und ziehe ihre Aufmerksamkeit wieder auf mich.

Ich warte jedoch nicht auf ihre Antwort. Stattdessen gehe ich einige Schritte, bis ich sie hinter mir hören kann.

In dieser Situation gibt es nur eine Möglichkeit, die wahrscheinlich am sinnvollsten ist. Ich muss sie zu meinem Vater bringen. Er wird schon wissen, was zu tun ist. Aus diesem Grund schlage ich den Weg in die Richtung der Polizeistation ein. Tief in meinem Inneren hoffe ich nur, dass sie den Weg nicht erkennt und mir einfach folgt.

Mir ist nämlich durchaus bewusst, dass es ein kleines Risiko gibt, dass sie umdreht, sobald sie merkt, wo ich sie hinbringe, oder wenn sie einen Polizisten sieht. Doch ich hoffe einfach, dass ich soviel Glück habe, dass genau das nicht geschehen wird.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺223,56

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
160 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783753195711
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar