Kitabı oku: «Revolverhelden auf Klassenfahrt»
Hartmut El Kurdi
Revolverhelden auf
Klassenfahrt
Geschichten und Kolumnen
FUEGO
Über dieses Buch
Hartmut El Kurdis Geschichten und Kolumnen sind komische, erfrischend wütende, mitunter selbstironisch-sentimentale Exegesen des alltäglichen deutschen Irrsinns. Sei es in einem Kommentar zur Beschneidungsdebatte, in einem Dankesstoßgebet zum angekündigten Ruhestand des Kinderlieder-Satans Rolf Zuckowski oder in einer satirischen Meditation über Fitnesswürste mit rechtsdrehender Milchsäure – immer wird das Allgemeine mit dem Privaten und Persönlichen verwoben.
Immer wieder für Ulrike und Salima.
Und für Luzie: Que sera, sera.
Aktenzeichen XY reloaded
MANCHMAL IST MAN EINE ZEITLANG WEG, kommt zurück und ist überrascht, dass sich eigentlich nichts geändert hat. Die Betonung liegt auf »eigentlich«, denn zunächst einmal sieht ja alles ganz anders aus. Jeder kennt das vom Heimaturlaub: Wie ein Spätheimkehrer aus russischer Kriegsgefangenschaft irrt man durch die Straßen der Kindheit und wundert sich über Zerstörung und Wiederaufbau: Über potthässliche Multiplexe oder Cinemaxxe zum Beispiel – oder wie diese gigantischen Popcornbuden mit Schmodderfilmbetrieb auch jeweils heißen. Oder über das runtergeranzte Sonnenstudio, dass sich in den Räumen des damals auch schon runtergeranzten Tanzlokals befindet, in dem man zum ersten Mal hirnverflüssigende Rauchdrogen inhalierte. Nichts ist mehr so, wie es war.
Aber irgendwann kommt man immer an die eine Parkbank, erinnert sich an schüchterne und hakelige Zahnklammerküsse und ist verwundert, dass die Bank immer noch existiert. Ob es wirklich dieselbe ist, lässt sich nicht überprüfen und ist eher unwahrscheinlich. Aber sie steht an der selben Stelle und sieht auch genauso aus. Insofern stimmt der erinnerungsbefördernde Eindruck. Das reicht. Und dann wird man ruhig.
Ähnlich geht es mir auch mit medialen Phänomenen wie »Aktenzeichen XY ungelöst«, das ich mir kürzlich nach geschätzten 30 Jahren Abstinenz mal wieder anschaute. Schon als Kind rezipierte ich die Sendung als reines Humorprodukt. In einer Reihe mit »Schweinchen Dick«, »Klimbim«, der »Otto-Show« und Loriot, dessen XY-Parodie übrigens leider nur halb so komisch wie das Original ist.
Das war damals wirklich Schrullen-Comedy pur: Das XY-Mastermind Eduard Zimmermann sah aus wie der Schwippschwager von Heinz Erhardt und sprach wie ein hastig zusammengelöteter Roboter. Und selbst als Siebenachtneunjährigem war mir klar, dass die nachgespielten Einbruchs- und Totmachszenen in ihrer schwarzweißen Schlichtheit nichts mit der Realität, aber auch nichts mit den mir bekannten Fernseh-Krimi-Formaten zu tun hatten, sondern eigenen ästhetischen Gesetzen folgten – die aber sicherheitshalber niemandem verraten wurden.
Ich kenne allerdings Menschen, denen die handgeschnitzten XY-Filmchen wochenlang Angst einjagten. Schon ein aus dem Off gesprochener Einstieg wie: »2. Juli 1974, ein Montag: In Dedensen, einem kleinen Ort bei Hannover, sitzt die Familie Warnke wie jeden Morgen beim Frühstück. Doch etwas ist anders an diesem Tag.«, beschrieb eine von einer schwarzen Wolke verdunkelte Normalität, die manch einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Mir nicht. Obwohl ich sonst vor vielem Angst hatte. Aber nicht vor Onkel Ede.
Ich wartete stets auf den ersten schlecht nachgemachten Dialekt, die erste Liveschaltung zu Werner Vetterli in die Schweiz oder Peter Nidetzky in Wien, auf Sätze wie: »Vermutlich hat der Täter sein Aussehen inzwischen verändert und sieht jetzt so aus«, und auf das dann folgende Foto, auf dem man einen Mann mit fetten Koteletten sah, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit meinem Cousin Walter hatte. Und mit zwanzig anderen Halbstarken aus unserer Siedlung.
Und genau so ein Foto bereitete mir auch beim Anschauen des neuen »XY« wieder große Freude. Zwar ist sonst alles anders: Ede ist tot und heißt jetzt Rudi Cerne, das Studio ist groß und bunt und sieht aus wie die Kommandobrücke der »USS Enterprise«, aber die Fotos ...
In diesem Fall zeigte man zwei Bilder des ostfriesischen Tresorknackers Dietmar Linke. Eins von 1996 und dann das gleiche Foto, das – so der Beamte vom LKA Niedersachsen – mithilfe einer aufwendigen »Aging«-Computersoftware bearbeitet worden wäre. Damit könne man den Alterungsprozess simulieren und darstellen, wie Linke wohl heute aussehe. Die einzige Differenz zwischen beiden Bildern war allerdings, dass Linke auf dem neuen Foto leicht graue Haare hatte. Für die hätte man jedoch kein Computerprogramm gebraucht – da hätte es auch ein weißer Edding getan. Das fiel dann auch Herrn Cerne auf, der grummelte, dass da … naja, kein großer Unterschied zu sehen sei, um schnell zum nächsten Punkt überzuleiten: Dietmar Linkes Lache. Die sei nämlich so auffällig, dass man ihn gut daran erkennen könne. Und dann wurde sie eingespielt: die Linke-Lache. Vom Band beziehungsweise vom Computer: fröhliches, ansteckendes, fast pubertäres, glucksendes Vor-sich-hin-Gekicher.
Der Kriminaler versuchte, ernst zu kucken, und Rudi Cerne tat so, als sei er ein seriöser Moderator. Und ich lachte mit Dietmar Linke um die Wette. So, wie ich eigentlich immer schon bei »XY« gelacht hatte. Und alles war gut.
Jetzt neu: Das Ego-Deppen-Ticket der DB
MEIN LIEBLINGSSPIEL IM KINDERGARTEN war: »Mein rechter, rechter Platz ist frei.« Weil man so – »Mein rechter, rechter Platz ist frei, ich wünsche mir die Sabine herbei« – Menschen, die man attraktiv oder gutriechend fand, zumindest kurzzeitig neben sich platzieren konnte. Um vielleicht ein wenig an ihnen zu schnuppern, auch im übertragenen Sinne. Bis sie von jemand anderem wieder weggewünscht wurden. An einen anderen »rechten Platz«. Das war dann jedes Mal ein kleiner, spitzer Trennungsschmerz ...
Manchmal gab es beim Spielen auch Streit – weniger darum, wer wo sitzen sollte, als um die Wortwahl. Gewisse Personen behaupteten, das Spiel hieße »Mein rechter, rechter Platz ist leer«. Und der sich reimende Spruch lautete dann: »Mein rechter, rechter Platz ist leer, ich wünsche mir den Matze her.« Matze oder Mathias hießen bei uns alle Jungs, die nicht Andreas oder Andi hießen. Oder Thomas. Nur ich hieß Hartmut, aber das ist ein anderes trauriges Thema.
Manche meiner Mitkinder waren durch den Streit, ob es nun »leer« oder »frei« heißt, so verwirrt, dass sie sich harmoniesüchtig an beide Seiten anbiederten: »Mein rechter, rechter Platz ist leer, ich wünsche mir den Matze herbei.«
Hmm … Ich glaube, damals entstand meine Aversion gegen reimlose Gedichte: Ob Geschenktext oder Hochkultur, Christiane Allert-Wybranitz, Günther Grass oder Durs Grünbein. Für mich alles der gleiche Schmonzes. Wenn man so etwas schon schreiben muss, warum kann man es dann nicht »rhythmisierte Kurzprosa« nennen? Wieso muss da »Gedicht« draufstehen?
Eine reimlose Gedichtform finde ich allerdings super: das Elfchen. Das Elfchen ist so eine Art Kinder-Haiku. Es besteht aus elf Wörtern: In der ersten Zeile steht ein einzelnes Wort, in der zweiten zwei Wörter, in der dritten drei, in der vierten vier und in der fünften … nein, nicht fünf, sondern wieder ein Solo-Wort. Sonst wäre es ja kein Elfchen, sondern ein Fünfzehnchen.
Elfchen werden gerne in Grundschulen geschrieben, »creative writing« auf ABC-Schützen-Niveau. Ich hab grade mal gegoogelt und sofort was gefunden, geschrieben von Schülern der Klasse 2a in Harheim/Frankfurt: »Rot / Die Rose / Hat spitze Stacheln / Ich piekse mich daran / Autsch!« Oder: » Rot / Das Rotkehlchen / Es legt Eier / Das Männchen passt auf / Familie!« Dagegen kann man doch weder ästhetisch noch inhaltlich etwas sagen. Vor allem das zweite Gedicht ist z.B. gendertechnisch weit fortschrittlicher als die bundesdeutsche Familienrealität.
Aber ich bin schon wieder abgeschweift. Also, warum erzähle ich hier von »Mein rechter, rechter Platz ist frei«? Weil dieses schöne Spiel tot ist. Tot und begraben. Denn es gibt in Deutschland keine freien Plätze mehr. Und niemand wünscht sich irgendjemanden neben sich. Weder rechts noch links. Zumindest nicht in Bussen, U-Bahnen oder Zügen der Deutschen Bahn. Betritt man zum Beispiel einen beliebigen ICE-Waggon, stellt man fest: Alle Plätze sind besetzt, egal, wie viele Fahrgäste sich darin befinden, egal, wie viele zusätzlich einsteigen.
Denn auf den eigentlich freien Plätzen neben den Individualreisenden türmt sich Zeug: Tüten, Taschen, Koffer, Zeitungen, Bücher, Tupperdosen, Wasserflaschen, Unterhaltungselektronik, Mäntel, Jacken, Reptilien ... Und die ignoranten Sitzplatzinhaber tun so, als bemerkten sie die Sitzplatzsuchenden nicht. Oft muss man sie auf den Kopf hauen oder ihnen unsanft die mp3-Hörer aus den Ohren zutzeln, damit die Frage: »Ist der Platz frei?« überhaupt einen Adressaten beziehungsweise Empfänger findet.
Neulich sah ich jemanden, der auf dem Platz neben sich einen mittelgroßen schwarzen Plastikwürfel abgestellt hatte. Für einen orthopädischen Bandscheibenblock aus dem Sanitätshaus zu klein, für ein Kinderspielzeug zu groß. Es war klar: Dies war ein einzig zu diesem Zweck entworfener und hergestellter Platznebensichblockierer. Im Manufaktum-Katalog wahrscheinlich auch in »Erle Natur« oder »Bakelit« zu bestellen.
Denn das fällt auf: Oft ist es die akademische Laptop- und Tablet-Mittelschicht, die anderen die Sitzplätze zumüllt. Statt einfach 1. Klasse zu fahren, wenn sie es denn geräumiger und leerer haben wollen. So geschäftig, wie die tun, müsste es dazu doch reichen.
Aber vielleicht ist das ganze Phänomen auch nur ein von mir unbemerkt gebliebenes Spar-Angebot der Bahn: das günstige »Ego-Deppen-Ticket – einen Platz bezahlen, zwei blockieren!« Zumindest würde das zum geisteskranken Gesamtkonzept der Bahn passen, dessen innere Logik man nur noch verstehen kann, wenn man sich von der äußeren Logik dieser Welt verabschiedet. Für immer.
Die Leute von der Ossi-Ranch
VIELE MENSCHEN FÜHREN PARALLEL-EXISTENZEN. Weil ein einzelnes Leben oft nicht genug ist. Aber nicht alle Zweitleben sind so verstörend, wie die der fast schon sprichwörtlichen Politiker und Manager, die sich abends von gelangweilten Dominas die Harnröhre mit drahtigen Pfeifenreinigern durchbürsten lassen, weil man das offensichtlich braucht, wenn man selbst den ganzen Tag Untergebene anschreit.
Meine Parallel-Existenz ist viel zivilisierter, aber mitunter doch prickelnd bizarr. Sie besteht darin, dass ich mit einer postmodernen, freundlich-ironischen Countryband durch die Lande ziehe und Orte aufsuche, where no man has gone before. Zumindest »no man« ohne Stetson und Cowboy-Boots.
Wichtig ist dabei, dem Country-Universum stets mit Neugierde und nie mit Hochmut zu begegnen. Das bürgerliche Dasein ist viel zu langweilig, als dass ich es nicht zu schätzen wüsste, wenn Menschen auf so sympathisch durchgeknallte Ideen kommen wie z.B. in eine Lagerhalle mitten in einem niedersächsischen Gewerbegebiet einen kompletten Western-Saloon einzubauen und dort defizitäre Country-Konzerte zu veranstalten.
Von außen denkt man: Oh, der Schuppen gehört bestimmt einem Serienmörder, der darin Frauentorsi stapelt, dann aber tritt man durch die Tür – und es ist wie bei »Alice im Wunderland«. Man steht mitten in einer Märchenwelt: Die Industrie-Blechwände sind von oben bis unten im Blockhausstil holzverkleidet, Pferdehalfter überall, vor der Bühne stürzt ein künstlicher Wasserfall von der Wand und pünktlich um 20 Uhr taucht der örtlichen Line-Dance-Club auf, schreit »Yehaaw!« und positioniert sich tanzbereit vor der Bühne. Und die Band ist glücklich, weil sie eine praktische Aufgabe hat und nicht bloß l’art pour l’art produziert.
Am gleichen Abend – passend zur vierzehnten TV-Wiederholung von »Brokeback Mountain« – erscheinen dann noch zwei überraschend homosexuelle Cowboys, wippen erfreut zu unserer langsamen »tear-jerker«-Version von YMCA und machen beim Aftershow-Bier klar, dass sie nur zu gerne zwei bis vier Bandmitglieder mit nach Hause nehmen würden. Und während man das Angebot zum erotischen Herren-Rodeo möglichst höflich ablehnt, freut man sich, dass die Welt nicht so eindeutig ist, wie sie oft erscheint.
Schön ist es auch, wenn man freitags im Prenzlauer Berg in einem Rock-Club von gepiercten Jung-Hedonisten ob des humoristischen Ansatzes bejubelt wird und am nächsten Tag als Höhepunkt des Sommerfestes eines todernsten ostdeutschen Western-Vereins spielen darf. Auf diesem Fest – das auf einem ehemaligen NVA-Gelände stattfindet – sind alle verkleidet: so weit das Auge reicht nur Hüte, Staubmäntel und Western-Petticoats. Natürlich wird man dort wegen des abends zuvor gefeierten Ironieanteils misstrauisch beäugt. Und dann erfährt man auch noch, dass der Verantwortliche für die Auswahl der Band seine stattliche Country-Vokuhila-Frisur (in Amerika heißt diese Haartracht übrigens »Tennessee Waterfall«) für uns verpfändet hat: »Jungs, wenn die eure Musik Scheiße finden, dann muss ick mir’n Kopp rasieren. Dit is der Deal!« So bangt man das komplette erste Set um die Haare des Veranstalters und hofft, dass die Colts, die die Ost-Cowboys mit sich herumtragen, nicht vielleicht doch echt sind. Und es regnet. Und das Konzert ist Open Air.
Grade als man beschließt, noch schnell alle backstage in einem Oster-Körbchen dekorierten Kirschbrände und Mini-Pflaumenschnäpse (»In eurem Vertrag steht doch, ihr wollt’n Obstkorb in der Garderobe!«) auszutrinken und dann heimlich in der Konzertpause zu türmen, fängt es an, dem Publikum zu gefallen. Wieder wird gelinedanced, dass das Stiefelleder kracht. Hinterher im NVA-Saloon wird man selbst auf die Tanzfläche gezerrt. Nach diversen Jim Beams dann Geständnisse: »Erst hamwer jedacht, ihr seid arrogante Wessis, aber ... aber jetzt seid ihr doch echte Kumpels!« Und dann wird’s irgendwie noch nett.
Zum Abschluss steht dann ein kleiner Mann mit Schlapphut vor einem und sagt: »Ick bin Festus Junior uss Berlin, ick steh uff New Country und FKK«, und man schaut ihm ins Gesicht und versteht sofort, warum er sich ausgerechnet diesen Kampfnamen ausgewählt hat.
Am nächsten Morgen wacht man auf, nimmt eine Hand voll Aspirin und fährt zurück in die wirkliche Welt, wo ein Mann selten noch das tut, war er tun müsste ...
Gott ist Zigaretten holen
WENN DIE EIGENE MUTTER in die Demenz abrutscht und ins Heim muss, hält sich die Komik dieses Vorgangs, gelinde gesagt, in Grenzen und ist daher vielleicht auch nur bedingt kolumnentauglich. Zumindest wenn man davon ausgeht, dass eine solche Kolumne nicht ernst gemeint ist. Nur weil sie überwiegend humoristisch daherkommt. Da ich aber schon immer der Meinung war, dass man die wichtigen Themen, egal ob sie politisch, kulturell oder einfach nur menschlich sind, nicht den literarischen Bedeutungshubern und Stirninfaltenlegern, also den allseits bekannten Ernsthaftigkeits-Darstellern überlassen darf, muss man auch über ein solch persönliches Ereignis schreiben. Sicher bin ich mir da allerdings nicht, aber wie sollte man das auch sein?
Mal abgesehen davon, dass es die kleinen überraschend komischen und absurden Momente tatsächlich ja auch gibt, wenn Muttchen zum Beispiel berichtet, dass sie am Vormittag »weg« gewesen sei. »Wo warst du denn?«, fragt man interessiert nach und erwartet eine Antwort wie »Bei der Krankengymnastik« oder »Beim Kartenspielen im Speisesaal«. Sie aber denkt kurz nach und sagt dann bestimmt: »In Palästina!«
»Aha«, nickt man und versucht, sich nichts anmerken zu lassen. »Und was hast du in Palästina gemacht?«
Sie überlegt wieder einen Augenblick. »Nix, ich war da so. Mit ein paar Leuten.«
»Und zum Mittagessen warst du wieder hier?«
»Klar, was denn sonst? Es gab doch Würstchen!«
Und obwohl man es erst nicht will, muss man dann doch lachen. Und vermutlich ist das in Ordnung, aber auch dabei fühlt man sich wackelig auf den Beinen ...
Ansonsten ist man vor allem verblüfft, dass im menschlichen Gehirn bestimmt Areale genauso gelöscht werden können wie auf einer Computerfestplatte. So erinnert sich meine Mutter an ihre Kindheit in Oberhessen, an ihre Jahre in Jordanien – und das war’s. Sowohl ihr Leben im 60er-Jahre-England wie auch ihre letzten Jahrzehnte in Kassel – im Nebel eines Schlaganfalls verschwunden. Was vor allem verschwunden ist – und das hat bei aller Tragik doch etwas mild ironisches – ist die Erinnerung an die von ihr in den letzten vierzig Jahren gnadenlos ausgeübte Hardcore-Religion.
Meine Mutter trat nämlich Anfang der 70er Jahre den Zeugen Jehovas bei. Und ich wurde mitbeigetreten. Fortan feierten wir weder Geburtstag noch irgendeins der anderen üblichen, im Verständnis der Sekte nur pseudochristlichen, eigentlich ja durch und durch »heidnischen« Feste wie Weihnachten oder Ostern. Es gab keine Blutwurst mehr zu essen, meine Mutter hörte mit dem Rauchen auf, entließ ihren ungläubigen Freund – und selbst ich als kleiner Junge musste von Tür zu Tür gehen und die frohe Botschaft eines bald drohenden Weltuntergangs verkünden. Und ich durfte keinen engeren Kontakt zu Menschen aus der sogenannten »Welt« pflegen, keine dämonische Rockmusik hören und musste aus dem Fußballverein austreten.
Als ich schließlich pubertierte und sich damit ein weiteres Verbotsfeld auftat, ging ich zunächst kurz in die innere Emigration und desertierte dann endgültig aus der Sekte. Aber meine Mutter blieb beinhart dabei. Bis vor einem Jahr. Seitdem ist alles weg. Deleted. Zum Geburtstag wünschte sie sich Käsekuchen und ein gesungenes »Happy Birthday« und genoss sichtlich unser stolperiges Gratulationsgesummse. Beim Anblick der Schokohäschen und gefärbten Eier im Osternest lächelte sie, als begegnete sie lang vermissten alten Bekannten. Und der zu Weihnachten im Heim aufgestellte Tannenbaum erzeugte bei ihr kein angewidertes Kopfschütteln, sondern nur ungetrübte Freude und die Bemerkung: »Ja, ja, ein Weihnachtsbaum muss sein, sonst ist es ja kein richtiges Weihnachten!«
Überraschenderweise aber empfindet meine aus einsichtigen Gründen agnostische Seele keinerlei Triumph. Nur echte Verwunderung darüber, wie schnell eine solch fundamentale Veränderung passieren kann. Ein wenig erinnert mich das religiöse Reset meiner Mutter an den Fall des eisernenen Vorhangs. Gestern noch Maiparaden und Trabbis, heute schon Aldi-Nord und Toyota-Vertretungen.
Das einzige, was mich nervös macht, ist die Vorstellung, dass bei mir – sollte ich später mal dement werden – der ganze Zeugen-Jehovas-Schmodder aus meiner Kindheit quasi im Gegenzug wieder hochkommen könnte. Sollte ich dann mit dem Wachtturm vor Ihrer Tür stehen, denken Sie dran: Ich war zwischendurch auch mal anders.
Wir ham euch etwas mitgebracht: Hess, Hess, Hess!
MANCHMAL IST MAN SICH SELBST EIN RÄTSEL. Obwohl mich die klassische schlampig-schlumperige Öko-Ästhetik nie angesprochen hat, überrasche ich mich doch immer wieder dabei, in Katalogen irgendwelcher Ökoversandhäuser zu blättern und den Erwerb von dort angebotenen Kleidungsstücken zumindest in Erwägung zu ziehen. Kurios ...
Wobei man dabei auch Interessantes lernen kann. Zum Beispiel, dass der amorphe und rustikale oldschool Öko-Style gar nicht so schlimm ist – im Vergleich zum halbanthroposophischen, spießigen Öko-Businessschick des modernen, gutverdienenden Mittelschichtakademikers, wie ihn zum Beispiel »Hessnatur« anbietet.
Am widerlichsten in diesen Katalogen sind die Models, wobei mich selbstverständlich nicht die Künstlichkeit der professionellen Damen und Herren stört – das ist ja sozusagen ein Alleinstellungsmerkmal dieses Berufsstandes –, sondern grade die gefakte »Natürlichkeit«, die ihnen dort verpasst wird.
Vor allem die Damen sehen einen wohlkalkulierten Tick unfrisierter und weniger geschminkt als im herkömmlichen Versandhaus-Katalog aus, dabei aber immer porentief rein, slipeinlagengewindelt, mit gewienerten und glänzenden Bäckchen, gerne auch mal mit keltisch rotem Haupthaar. Aus irgendeinem rätselhaften Grund gilt echtrotes Haar, wenn’s geht auch noch naturgelockt, wohl als besonders ökologisch. Nur alt dürfen die weiblichen Models auch hier nicht sein. »Öko« und »bessere Welt« hin oder her – alte Frauen sind wohl auch für die kapitalistischen Mode-Wollsocken von »Hessnatur« nicht diskutabel beziehungsweise – sagen wir, wie es ist – fuckable. Denn nur darum geht es ja im Model-Geschäft – um sexuelle Attraktivität.
Bei den Herren ist das, wie überall in der Gesellschaft, offensichtlich anders. Hier mogelt »Hessnatur« auch mal einen Silberrücken unter die juvenilen, muskulösen Naturburschen. Wobei der alte Sack – auch dies dem gesellschaftlichen Trend entsprechend – genauso aussieht wie die Jungen, nur eben mit grauem Haar – das aber nicht weniger voll und casual-mähnig ist als das der Twen-Models.
Ganz anders ist dies alles bei meinem Lieblingsökoversand, der eigentlich kein Ökoversand ist, sondern eine Schäfereigenossenschaft aus dem Allgäu. Wenn ich es dem Katalog richtig entnehme, wurde der »Finkhof« irgendwann Ende der 70er Jahre als Aussteigerkommune und Wohngemeinschaft von Mensch und Schaf gegründet und ist inzwischen ein erfreulich florierendes Unternehmen.
Aber noch immer werden hier die alten Werte hochgehalten, zumindest ästhetisch, wahrscheinlich aber auch sonst. Die Kleidung wird im Katalog größtenteils von auf dem Hof arbeitenden Menschen präsentiert, der Rest der »Models« scheinen dazu engagierte Freunde, Nachbarn oder Zufallsbekanntschaften zu sein.
Von Frisuren im herkömmlichen Sinn kann im »Finkhof«-Katalog nicht gesprochen werden, den Menschen wachsen eben Haare aus dem Kopf, mal in die eine Richtung, mal in die andere – und manchmal auch gar nicht mehr.
Bei der Unterwäsche-Präsentation fasziniert die vollkommene Abwesenheit der in diesem Bereich eigentlich schwer vermeidbaren Erotik, was nicht nur an den mäßig erregenden Produkten wie der langen Herren-Wollseide-Unterhose »mit Eingriff« liegt. Auch der »Blaue Damenpanty« und der »Rote Wollslip« werden erstaunlich keusch und unsexualisiert präsentiert. Das Höchste an Emotionalisierung ist ein romantisierendes Gegenlicht-Foto.
Dafür aber wird viel gelächelt auf den Bildern – und zwar das bekannte amateurhafte »Huch, ich werde ja fotografiert«-Lächeln. Auch Falten, graue Haare, Bauchansätze und sogar einen 1A-Siebziger-Retro-Schnauzbart gibt es. Was will man mehr?
Ich muss allerdings gestehen, dass ich auch beim »Finkhof« nur selten etwas bestelle, weil die Einsatzgebiete für diese Art der Mode außerhalb des Allgäus doch etwas begrenzt sind. Wobei: Vor Jahren erwarb ich dort eine Schaffellweste, die so großartig warm ist, dass sie ruhig scheiße aussehen darf. Egal, ob unter einem dünnen Jöppchen oder zur Erwärmung meines verspannten Rückens – diese Weste ist unschlagbar. Als sie mir einmal abhanden kam, bestellte ich eine neue, die just ankam, als meine Freunde Wolfram und Ulrike mit ihrem Border Collie Abby zu Besuch waren. Die neue Weste stank so unglaublich nach Schaf, dass der arbeitslose Hütehund mich erst verstört anbellte und dann versuchte, mich ins Badezimmer zu treiben. Ich vermute zum Scheren ...
Das Gejammer der Doofmenschen
LANGE HABE ICH NICHTS MEHR vom Ungeheuer von Loch Ness gehört. Vielleicht, weil es das drollige, langhalsige Monster Nessie gar nicht gibt? Wer weiß, da könnte ein Zusammenhang bestehen. Aber nicht zwingend. Es gibt ja auch andere Phänomene, die nachweislich nicht existieren, aber ständig aus den medialen Sommerlochs und -löchern auftauchen.
Die beliebteste Legende der letzten Jahre ist die von der Existenz eines funktionierenden Denk- und Sprechverbots namens »political correctness«. Man könnte nun lange über die Geschichte und Wirkung dieses Begriffes im Ursprungsland USA referieren, aber dafür gibt’s ja das Internet. Empfehlenswert sind vor allem einige kluge Artikel, die Diedrich Diedrichsen darüber geschrieben hat.
Aber reden wir lieber über die angebliche politische Korrektheit in Deutschland: Kaum wird eine politische oder publizistische Krawallschachtel wie Hans-Olaf Henkel wie Thilo Sarrazin öffentlich kritisiert, sitzt der emeritierte Geschichtsprofessor und hauptberufliche Quatsch-Prediger Arnulf Baring – ein alter, erstaunlich schlecht erzogener Mann ohne jegliche Manieren und Stil – in der nächsten Talkshow und prangert in komplett wirren und entgrenzten Monologen die linke Zensur in Deutschland an. Lustig daran ist, dass der hemmungslose Greis sich dabei benimmt, als wolle er selbst gerne jeder Person, die nicht Arnulf Baring heißt, das Reden verbieten. Wer auch immer in der Runde sitzt: Baring bellt sie alle an wie ein wütender Dackel mit Tourette. Und dennoch wird er regelmäßig in solche Sendungen eingeladen. Wie auch der albern-schnöselige Jan Fleischhauer vom Spiegel, der es für konservativ hält, zu eng sitzende, wurstpellenartige Tweed-Sakkos zu tragen.
Eingeladen wird Fleischhauer, weil er unter dem unglaublichen Trauma leidet, in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts von Sozialdemokraten großgezogen worden zu sein und sich dieses Elend in einem Buch (»Unter Linken: Von einem, der aus Versehen konservativ wurde«) von der Seele geschrieben hat. Außerdem verfasst er auf Spiegel-online die verschwörungstheoretische Kolumne »Der schwarze Kanal«. Aber egal in welchem Medium: Fleischhauers Lebensthema ist die angebliche Existenz einer linken Medien- und Kultur-Hegemonie in Deutschland. Ach Gottchen, möchte man angesichts all der Neokonservativen und Unpolitischen in diesem Gewerbe seufzen, schön wär’s.
Tatsächlich ist es aber seit einiger Zeit sogar hip, herumzukrakeelen, man sei aus Überzeugung »politisch unkorrekt« und spreche nur verbotene Wahrheiten aus. Leider sind nahezu alle Personen, die dies tun, wahlweise stuhldumm, irre oder beinharte Rassisten. Sie sehen es als ihr Menschenrecht an, Arbeitslose endlich wieder als asozial und Homosexuelle als pervers zu bezeichnen – oder eben Orientalen einen geringeren IQ anzudichten. Manche wollen auch einfach ihre nichtarischen Mitmenschen »Neger« oder »Kanaken« nennen. Oder blödironisch »Kulturbereicherer«. Und das hat bitteschön unwidersprochen geschehen zu dürfen. Was da zum Beispiel alles in den Kommentarspalten der Islamhasser-Seite »Politically Incorrect« formuliert wird, passt auf keine Bomberjacke.
Im Zusammenhang mit dem Gejammer über die political correctness fällt auch gerne das Wort »Gutmensch«. Zugegeben: Eine Zeitlang haben auch vernünftige Leute diesen Begriff benutzt, um linksevangelische Heuchelei zu geißeln. Inzwischen ist es aber das Lieblingsschimpfwort von Junge-Freiheit-Redakteuren und NPDlern. Was nicht überrascht, weil es wohl auch Goebbels schon gebrauchte.
Deswegen hat es auch keinen Sinn, mit Doofmenschen, die das Wort »Gutmensch« verwenden, zu diskutieren. Paranoiker sind Argumenten nicht zugänglich. Bleibt eigentlich nur, sie zu hänseln, aber auch da muss man aufpassen. Der Doofmensch ist empfindlich. So traute sich Thilo Sarrazin nach Erscheinen seines Buches »Deutschland schafft sich ab« nur noch mit einem ZDF-Kamerateam nach Kreuzberg, selbstverständlich nicht, um in irgendeine Art von Dialog zu treten, sondern um eine »Ich werde verfolgt«-Doku zu drehen. Aber als »Die Hard«- und Bruce Willis-Fan hätte Herr Sarrazin eigentlich wissen müssen, was passiert, wenn man mit einem »I hate niggers«-Schild durch Harlem läuft.
Interessanterweise passierte aber genau das nicht. Viele Menschen, denen Sarrazin in Kreuzberg begegnet, argumentieren dem erbarmungswürdig stammelnden Misanthropen gegenüber sehr sachlich und klar. Nur zwischendurch wurde der Pöbler ein bisschen angepöbelt. Mehr nicht. Und sofort fordert die Springerpresse, Kreuzberg dürfe nicht zur »No-Go-Area« für Sarrazin werden. Was es aber lustigerweise schon lange ist – durch Sarrazins eigene Entscheidung. Seinen Aussagen zufolge hatte er Kreuzberg zuvor das letzte Mal in den 90er Jahren besucht.
Linden. Eine Sommerliebe
Ode an einen besonderen Stadtteil
SEIEN WIR EHRLICH: HANNOVER hat keinen guten Ruf. Es gilt nicht grade als die sexieste Stadt des Universums. Nichts zum Schwärmen, nichts zum Verlieben, nichts zum Oden singen. Trotzdem habe ich mich verknallt. Nicht direkt in die etwas dröge Tante Hannover, aber dafür in ihre charmante Schmuddelnichte Linden.
Passiert ist es vor gut fünf Jahren. Im Sommer. Und ich muss gestehen, die Liebe hält immer noch an. Nur zur Klärung: Obwohl ich ein extrem emotionales Kerlchen bin, neige ich üblicherweise nicht zu übertrieben emotionsgeladenen Äußerungen. Vielleicht besteht da auch ein Zusammenhang. Der Araber in mir empfindet und fühlt zwar, äußert sich aber selten. Das tut dann sicherheitshalber meine andere Hälfte, der zum Understatement neigende Nordhesse, der dem stoischen Niedersachsen ja nicht unähnlich ist.
Würde ich meinen mediterranen Gefühlen auch äußerlich freien Lauf lassen, müsste ich den ganzen Tag abwechselnd Leute anschreien, umarmen oder herzen, Ohrfeigen verteilen, verstört den Kopf schütteln oder durch die Straßen tanzen. Das wäre mir zu anstrengend. Und zu albern. Und ist als Standardverhalten in unserer Gesellschaft auch nicht unbedingt akzepiert. Deswegen versuche ich, den Emotionsball verbal flach zu halten. Aber manches muss dann doch mal raus.
Wo wir grade bei Geständnissen sind: Bevor ich nach Hannover zog, wohnte ich vierzehn Jahre in Braunschweig. Den Nichtniedersachsen unter meinen Lesern muss ich jetzt erklären, dass Braunschweig und Hannover ein ähnliches Verhältnis haben wie Gelsenkirchen und Dortmund. Auch, aber nicht nur im Fußball. Und obwohl ich aus guten Gründen von Braunschweig nach Hannover zog, hatte ich keine Lust, den Kronzeugen und Verräter im albernen Niedersachsen-Lokalderby zu geben. Es reicht ja, wenn sich die 96- und Eintrachtfans seit Jahrzehnten regelmäßig auf die Fresse hauen. Bei sowas muss man weder praktisch noch theoretisch mitmachen. Also dachte ich: Bloß weil ich aus verschiedenen Gründen nicht mehr in Braunschweig leben wollte, musste ich Hannover ja nicht toll finden. Und schon gar nicht wollte ich mich Hannover an den Hals werfen. Tja, und dann kam Linden, das Luder, und warf sich mir an den Hals.
Ich habe mich wirklich widersetzt, habe mich mit Händen und Füßen gewehrt, habe gezischt: »Baby, das wird nix mit uns.« Ich habe klargestellt, dass ich mich nicht verarschen lasse, dass Linden doch nur hilflos versucht, Kreuzberg zu spielen oder die Schanze nachzuäffen, dass ich zu alt für diesen Scheiß bin, für dieses pseudo-südländische Rumgebummel, dieses Späthippie-Getue. Ich wollte als geborener Skeptiker auf Distanz bleiben und nicht auf diesen Ganzjahreskarneval reinfallen. Alles Kokolores. Alles umsonst. Ich bin in die Knie gegangen – und hab mich Hals über Kopf verschossen.
Und nichts konnte bisher meine Verknalltheit in Frage stellen. Weder der sich auf geheimnisvolle Weise selbstreproduzierende Sperrmüll auf der Straße, noch die sorgfältig und nach einem raffinierten Muster verteilten Hundekackhäufchen, auch nicht überflüssige Biosupermarktketten-Filialen oder Schnöselbauprojekte, nicht das allwöchentliche, chaotische Gelbe-Sack-Elend, nach dem jedesmal der Müll durch Lindens Straßen weht wie Tumbleweed durch eine verlassene Westernstadt. Oder das an meinem Fenster vorbeiziehende, breitgekiffte halbstarke Teenie-Partyvolk. Auch nicht die alternativen Alt-Lindener, die rentneresk jammern, früher sei alles besser gewesen in Linden. Und selbst diesem hirnlosen musikalischen Marodeur, der im letzten Sommer direkt hinter unserem Haus mitten in der Nacht (!) Dudelsack (!) spielte, ist es nicht gelungen, mir meine romantischen Gefühle zu vermiesen.
Interessant ist: Meine Liebe zu Linden färbt auch auf den Rest Hannovers ab. Nicht, dass ich jetzt zwingend die Bausünden hinter dem Hauptbahnhof, die Passarelle (die einzige mir bekannte tiefergelegte Fußgängerzone der Welt) oder einen Stadtteil wie Roderbruch toll finde. Aber eine Stadt, in der so etwas wie Linden möglich ist, kann nicht ganz böse sein.
Deswegen lebe ich inzwischen auch recht gerne in Hannover und bewege mich durchaus auch außerhalb meines Stadtteils. Und fairerweise muss man sagen: Linden wäre ohne Hannover ja nicht lebensfähig. Auch wenn Linden früher eine eigene Stadt und dort schon immer »alles anders war«, wie viele nicht müde werden zu betonen, ist der gelegentlich aufflammende Lindener Kommunal-Separatismus und das ahistorische Wichtiggetue mancher seiner Bewohner mehr als albern. Hätte sich die Arbeiterstadt Linden 1920 nicht freiwillig Hannover angeschlossen, wodurch es Teil einer Großstadt wurde, dann wäre es vermutlich nur ein heruntergekommener ehemaliger Industriestandort wie Castrop-Rauxel oder Wanne-Eickel und nicht das, was es heute ist, nämlich das bunte, durchgeschepperte, laute, dreckige, lebenslustige Rückzugsghetto für einen in sich sehr heterogenen Menschenschlag, den die Halbmillionenstadt Hannover zwar aufgrund ihrer Größe zwangsläufig produziert, dem sie aber sonst nicht viel anzubieten hat.
Hannover wiederum wäre ohne Linden so etwas wie Bielefeld. Und das ist gar nicht so fies gemeint, wie es klingt. Auch Bielefeld ist okay, ich kenne Menschen, die da ganz gerne leben. Wenn man einen Grund hat, dort zu wohnen, kann man es sich ganz nett einrichten. So wie in Hannover. Aber Linden kann man eben auch gut finden, ohne dass einen die Lebensumstände gezwungen haben, hier seine Zelte aufschlagen zu müssen. Ich habe immer wieder auswärtige Gäste, die sagen: »Och Gottchen, hier ist es aber nett. Damit haben wir jetzt aber gar nicht gerechnet ...« Und das hat nichts mit Gentrifizierung, einem modischen »Szene«-Hype oder Linden als »Partyzone« zu tun, sondern schlicht mit dem unaufgeregten, pluralistischen und stimmungsaufhellenden Alltag hier.
Man kann im Sommer bei schönem Wetter auf die Limmerstraße gehen – auch ohne dies modisch »limmern« zu nennen – und sich einfach daran freuen, dass man genau zu diesem Zeitpunkt an just diesem Ort ist. Man sitzt wahlweise auf einer Bank, einem Treppchen, in einem vermeintlich oder tatsächlich hippen Café oder in der eher prekären »Backfactory«, sieht das Lindener Panoptikum an sich vorüberziehen und denkt zufrieden: Wer hätte gedacht, dass Niedersachsen, die Heimat Christian Wulffs und Eckhart von Klaedens, so vielfältig sein kann. Man bewundert großflächige, freskenartige Tätowierungen, gewagte Piercing-Experimente, erwachsene Männer in Tretautos mit Hunden auf dem Beifahrersitz, blumengeschmückte Fahrräder, Jesus-Lookalikes, seidenglänzende Jogginganzugskollektionen, gigantische Walrossschnauzbärte, Afro-Mikrofonfrisuren und kuriose Kopfbedeckungen zwischen Religiosität und Exzentrik.
Man kann auch diversen Selbstgesprächen in teils nichtexistenten Sprachen lauschen oder die Auswirkungen von THC und anderer Substanzen auf das Gastronomie-Servicepersonal bestaunen. So wartet man mitunter schon einmal eine halbe Stunde auf sein Heißgetränk oder muss es drei Mal bestellen, weil man von der selig grinsenden männlichen Bedienung drei Mal freundlich gefragt wird, ob man schon bestellt hat. Aber hey: Wenn ich schnell einen Kaffee will, trink ich ihn zuhause. Wenn ich rausgehe, möchte ich etwas geboten bekommen. Lindener Alltags-Entertainment.
Wobei zwischen den ganzen Künstlern, Irren, Exzentrikern, Multikulturalisten und verstrahlten, dreadlockigen, veganen Studenten und -innen ja erstaunlich viele »Normalos« jedes Aggregatzustands und Milieus leben, die aber in Linden offensichtlich auch gut klarkommen. Aber vielleicht ist der Normalo auch gar nicht normal beziehungsweise wird sich durch das kuriose Umfeld seiner eigenen Besonderheit bewusst. Und fügt sich so wunderbar ins Geschehen ein. Ganz im Sinne Rio Reisers: »Ich bin anders, weil ich wie alle bin und weil alle anders sind.«
Das »Besondere« und »Andere« an Linden und den Lindenern ist ja nicht, dass sich hier alle lieb haben, kein Multikulti-Eiapopeia, kein gruppenübergreifendes Händchenhalten, sondern dass die Menschen, die hier wohnen, offensichtlich absichtlich hier wohnen. Die wollen hier sein. Freiwillig.
Und deswegen lassen sie sich auch in der Regel gegenseitig in Ruhe, was eine große Qualität darstellt. Manche sind sich dieser Qualität nicht einmal bewusst und besitzen sie trotzdem.
Neulich regte sich mal wieder ein »gebürtiger Lindener« – wie er betonte, wohlgemerkt aus dem alternativen Milieu – mir gegenüber auf, dass es hier schon lange nicht mehr so wäre wie einst. Es handelt sich dabei nicht um eine Klage über die Gentrifizierung, ganz im Gegenteil. Ihm gingen eher die Umsonst-Ritter und Tagesfreizeitaktivisten auf die Nerven. Und der Dreck nach dem 1. Mai. Nun habe ich noch in den 70ern und 80ern gelernt, was man in Deutschland sagt, wenn sich jemand über die hiesigen Verhältnisse beschwert. Ich sagte also: »Geh doch nach drüben!«, und meinte damit die List, die Südstadt oder andere Gegenden in Hannover, wo es sich sicher ruhiger leben lässt, die Straßen sauberer sind und nicht so viele Leute mit Bierflasche in der Hand als Ausgeh-Accessoire herumlaufen. Mein Gesprächspartner schaute mich verstört an. Er sagte, ja, er hätte schon mal über die Nordstadt nachgedacht, aber irgendwie ... Und ich spürte, dass er eigentlich meinte: »Was soll ich denn woanders?«
Klar war: Da bleibt er doch lieber hier und meckert ab und zu vor sich hin. Denn natürlich lässt er die Leute, die ihm anscheinend so auf die Nerven gehen, ansonsten auch in Ruhe. Weil sich das einfach so gehört. Das Lindender Credo lautet: Man kann alle doof finden, aber solange niemand direkt in mein Leben eingreift, greife ich auch nicht in andere Leben ein. Und das ist tatsächlich eine erstaunlich urbane, großstädtische Haltung.
Dafür und deswegen habe ich mich in Linden verknallt. Kurzzeitig dachte ich, ich müsse meine Geliebte verlassen. Nachdem mir vor einiger Zeit eine Kündigung ins Haus flatterte, hatte ich erfolglos nach einer neuen Wohnung in Linden gesucht. Und nichts gefunden. Linden war es wohl egal, diesem promisken Flittchen. Die hat ja viele andere. Nur mir hätte es wehgetan. Aber kurz bevor ich einen Mietvertrag für die Nordstadt unterschreiben wollte, fand sich doch noch was. Also machen wir weiter miteinander rum. Noch sind wir übrigens beim Knutschen. Bald kommt Petting. Ich freu mich schon.
Zu fett für Fair Trade
JE OFFENSICHTLICHER ES WIRD, dass Politik nicht von Politikern gemacht wird, noch nicht einmal von einzelnen fetten Wirtschaftsbossen mit Zigarre und Melone auf dem Kopf (wie sie gerne auf Karikaturen aus den Zwanzigern dargestellt wurden), sondern von den ominösen, unfassbaren »Finanzmärkten«, desto lustloser wird man und gibt sich dem Modesport »Politikverdrossenheit« hin. Irgendeiner von diesen Zumutungen, die sich da einem als »Parteien« vorstellen, seine Stimme zu geben, erscheint zusehends sinnloser.
Wenn man zum Beispiel keine verlogenen Kriege führen will und meint, dass eine etwas fairere Gesellschaft und mehr demokratische Beteiligung doch möglich sein müsste – dann wählt man eine von den Parteien aus dem vermeintlich linksliberalen Spektrum, nur um hinterher festzustellen, dass auch die, kaum sind sie an der Macht, Soldaten in Kriegseinsätze schicken, Sozialkürzungen vorantreiben, irre unterirdische Maulwurfsbahnhöfe bauen oder die Idee einer gerechten Schule für alle schnell mal wieder kippen – weil die Sachzwänge und Bündnisverpflichtungen das angeblich so verlangen oder weil sie Angst vor ihren eigenen Bildungsbürger-Wählern haben, die ihre Kinder nun mal auf Gymnasien schicken wollen, weil sie selbst ihr lächerliches bisschen Bildung da erworben haben.
Will man aber trotzdem politisch nicht aufgeben, stellt sich die Frage: Was tun? Wenn der Kapitalismus die Menschen nur als Konsumenten ernst nimmt, muss man eben als Konsument politisch agieren. Das heißt: keinen Scheißdreck mehr kaufen, der die Natur kaputt macht, Menschen ausbeutet oder die Infrastruktur von kleinen Läden um die Ecke zerstört. Also auf Ökostrom umstellen, beim inhabergeführten Bioladen oder beim Tante-Emma-Türken kaufen, beim richtigen Bäcker statt in der »Back-Factory« etc. pp.
Man muss ja nicht gleich zum Komplett-Ghandi werden, aber wenn man ein bisschen drauf achtet, geht in der Regel eher mehr als weniger. Und wer jetzt behauptet, dass könnten doch nur die wohlhabenden Gutmenschen, ist in der Regel ein wohlhabender Doofmensch: Keiner nimmt einem Harz-IV-Empfänger das Einkaufen beim Discounter übel, aber die Hälfte der Gesellschaft, die ordentlich verdient, könnte schon einiges erreichen, wenn sie auf ökologische und soziale Mindeststandards beim Konsumieren achten würde. Das wäre doch mal ein Elite-Begriff, der einen Sinn hätte.
Soweit die Theorie und die etwas zu lange Einleitung für meine im Titel schon angedeutete Wehklage. Werden wir konkret: Da ich aus oben erwähnten Gründen keine Lust mehr habe, Klamotten zu tragen, die von grotesk unterbezahlten Menschen unter gesundheits- und umweltschädlichen Bedingungen in Zwölf- bis Sechzehnstunden-Schichten hergestellt werden, dachte ich mir: Kaufste mal Fair-Trade-Kleidung.
Die gute Nachricht ist: Da gibt es inzwischen eine ganze Menge hübscher Dinge. Und wenig davon sieht aus, als müsse man sich beim Kauf zu einem afrikanischen Trommelkurs oder einem Tantra-Wochenende verpflichten. Jetzt aber zum Elend: Okay, ich gebe zu, ich bin nicht der Allerschlankeste (zumindest zur Zeit nicht, die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt), aber es kann doch nicht sein, dass es fast unmöglich ist, eine Fair-Trade-Hose oder einen Fair-Trade-Kapuzenpulli (unter uns Berufsjugendlichen »Hoodie« genannt) zu bekommen, die/ der einem leicht amöbigen Mittelmops wie mir passen. Normalerweise kann ich mich sogar in »L« grade noch so – mit ein bisschen Baucheinziehen – hineinmorphen, aber spätestens in handelsüblicher »XL«-Kleidung kann ich entspannt durchatmen, mich bücken, Ausdruckstanz betreiben; ich könnte sogar noch wärmende Ski-Unterwäsche drunter ziehen, wenn ich sowas besäße. Nicht so bei Fair Trade.
Oft gibt es es gar kein »XL«, und wenn man dann aus Verlegenheit »L« anprobiert, fragt man sich, ob Fair Trade nur etwas für bulimische Teenie-Topmodel ist. Aber selbst, wenn es »XL« gibt, passe ich nicht hinein. Bei einem Bremer Fair-Trade-Versand bestellte ich einen todschicken Hipster-Hoodie doppelt, einmal in »XL« und einmal in »XXL«, in der Hoffnung, dass mir wenigstens die vermeintliche Reiner-Calmund-Größe passen könnte. Was soll ich sagen: XL war perfekt für meine schlanke, großgewachsene vierzehnjährige Tochter, ich aber sah in »XXL« aus wie Peter Altmann im Gymnastikanzug.
Liebe politisch korrekte Textilhändler: Habt ihr sie eigentlich noch alle? Wollt ihr mich bewusst demütigen? Gelte ich mit meinen dezenten Rettungsringen bei Euch schon als nicht einkleidbare Speckwurst? Bin ich wirklich zu fett für Fair Trade? Ich bitte um eine nicht verletzende Antwort ...
Deutschland.
Ein Hitlermärchen
EIN FREUND ERKLÄRTE MIR NEULICH, nun sei er soweit, sich »Deutschland. Ein Sommermärchen« von Sönke Wortmann anzutun. Denn erst jetzt, mit dem Abstand von mehreren Jahren, könne man das groteske Propaganda-Machwerk über die Bundesjugendspiele 2006 endlich mit Humor würdigen, weil sich der nationalbuddhistische Messias Klinsmann auch in der öffentlichen Reflektion wieder in den kieksenden, schwäbischen Hanswurst zurückverwandelt habe, der er schon immer gewesen sei. Da gelte nach wie vor das Woody-Allen-Diktum »Komödie ist Tragödie plus Zeit«. In diesem Sinne verspreche das Elend der klinsmännischen Existenz inzwischen einen hysterisch-komischen Fernsehabend.
Das fand ich einleuchtend. Es gibt nun mal Dinge, die man in dem Moment, in dem sie passieren, ignorieren muss. Sowohl aus politischen wie aus ästhetisch-moralischen Gründen; und weil die Mainstream-Reaktion darauf so bescheuert, aber einfach zu dominant ist, um gegen sie anzukommen. Widmet man sich diesen Phänomenen jedoch später, sieht es oft ganz anders aus. Mitunter können sie einem dann sogar viel Freude bereiten.
So auch »Der Untergang« von Oliver Hirschbiegel. Sechs lange Jahre bin ich dem Film geschickt aus dem Weg gegangen, weil mir die Grundidee, »Hitler als Mensch« zu präsentieren, schon immer rätselhaft, suspekt und hochgradig ekelhaft erschienen war. Und atemberaubend überflüssig: Selbstverständlich war Hitler ein Mensch – und kein Frettchen oder probiotischer Fruchtjoghurt, aber was hat man von dieser Erkenntnis? Genauso abschreckend wie die »Der Führer als Mensch«-Prämisse des Films waren jedoch die klischeeschauspielerdoofen Interviews, die damals aus dem Hauptdarsteller Bruno Ganz heraussuppten.
Am verstörendsten für mich waren jedoch die Rezensionen, die den »Untergang« wahlweise positiv als das politische Bewusstsein erweiternd beschrieben oder negativ als raffinierte Geschichtsklitterung. Auf alle Fälle nahmen die Kritiker den Film tatsächlich ernst! So oder so. Zu allem Überfluss wurde der Hitler-Quatsch dann auch noch für den Oskar nominiert! Spätestens hier war mir klar, sowas kann und darf man sich nicht anschauen.
Inzwischen sieht das alles anders aus. Niemand interessiert sich mehr für den »Untergang«. Er wird dafür benutzt, Lücken im nächtlichen Fernsehprogramm zu stopfen (dafür wurde der Film sogar von ursprünglich 150 auf 175 Minuten verlängert) oder er wird auf YouTube parodiert.
Deswegen – und weil ich zu faul war, aufzustehen und meine Fernbedienung zu suchen – zappte ich jetzt einfach mal nicht weg. Und was soll ich sagen? Selten habe ich so herzhaft gelacht und mich rundum bestätigt gefühlt. Es handelt sich wirklich um den schlechtesten Film aller Zeiten – von »Die Unberührbare« mit Hannelore Elsner mal abgesehen.
Aber Respekt: Die Figuren-Darstellungen, nicht nur von Onkel Adolf, sind tatsächlich so naiv »menschlich« geraten, dass man sich dauernd bei Gedanken ertappt wie: »Och Menno, der arme Hitler, dass der auch so schlimm Parkinson haben muss!« Oder am Schluss, wenn nichts mehr geht – und man ja sowieso weiß, dass das Ganze böse endet –, bangt man trotzdem, wie in jedem anderen emotionsgeladenen Filmschinken, mit den Hauptfiguren und drückt ihnen unwillkürlich die Daumen: »Vielleicht schaffen sie es ja doch noch und kommen irgendwie alle heil aus dem Bunker raus.« Schließlich hat man ja fast drei Stunden mit ihnen verbracht und sie doch a bisserl lieb gewonnen ...
Nur eins beziehungsweise einen habe ich vermisst: Götz George. Der hätte in diesem Deutschstar-Aufgebot von Bruno Ganz über Corinna Harfouch und Heino Ferch bis Juliane Köhler eigentlich nicht fehlen dürfen. Aber unter Hitler himself hätte es George vermutlich nicht gemacht. Irgend so einen popeligen SS-Mann geben zu müssen, wäre für George wahrscheinlich ebenso demütigend gewesen wie die Situation damals in Jugoslawien, als er im »Schatz im Silbersee« nicht Old Shatterhand spielen durfte, sondern eine Figur namens »Fred Engel«, an die sich heute zu Recht niemand mehr erinnert.
George wäre allerdings auch ein großartiger Stalin, Herr Hirschbiegel, nur mal so als Idee. Wenn Sie den Film jetzt drehen, würde ich ihn mir in zwanzig Jahren glatt ankucken, versprochen!
PS: Um Götz George zu demütigen, könnte man den großen Sowjetführer allerdings auch mit Mario Adorf besetzen. Der würde schnauzbartmäßig ebenfalls sehr gut passen ...
Revolverhelden auf Klassenfahrt
VOR EINIGEN JAHREN HATTE ICH einmal das zweifelhafte Vergnügen, als Vorband für eine Teenie-Pop-Kapelle namens »Revolverheld« gebucht zu werden, in meiner Funktion als Akustik-Gitarrist und Teilzeit-Banjoist der semi-ironischen Countryband »The Twang«. Der Spaß bei »The Twang« besteht unter anderem darin, dass wir Pop- und Rocksongs von so unterschiedlichen Künstlern wie AC/DC, Adele oder Deichkind durch unseren Countryfizierer drehen und in pedalsteelgitarrenwimmernde, banjopuckernde Wüstenhits verwandeln. Alles in allem ein vielleicht schlichtes, aber dafür auch sehr unprätentiöses und unschuldiges Vergnügen.
Das Management von »Revolverheld« hatte uns aber aus einem anderen Grund gebucht: Ihre Teenie-Popper hießen irgendwas mit »Revolver«, also buchten sie für vorneweg ein paar Cowboys. Egal, ob das Publikum damit was anfangen konnte oder nicht. So weit, so witzig.
Uns war das, ehrlich gesagt, vollkommen wurscht. Wir spielen vor fast jedem Publikum, wenn es nicht grade ein NPD-Parteitag oder eine Satanisten-Convention ist. Schließlich hat man ja einen Bildungsauftrag.
Diesmal also Teenies, die meist noch gar keine Teenies waren. Das Publikum von Teeniebands ist heutzutage ja in der Regel zwischen 9 und 12. Als wir vor der »Location« ankamen, wurden wir auch schon von den grade erst schulpflichtigen Fans von »Revolverheld« erwartet. Das Öffnen der Schiebetür unseres VW-Sprinters wurde mit einem vielkehligen Kreischen kommentiert, das urplötzlich verstummte, als die Krabbelstubenkinder in unsere verwitterten Gesichter blickten.
»Wo sind denn Revolverheld?«, fragte ihre Anführerin an ihrem Schnuller vorbei.
Wir zeigten in irgendeine Richtung und logen: »Die schummeln sich grade durch den Hintereingang rein.«
Da wir grade erst angekommen waren, hatten wir noch gar nicht überprüft, ob ein Hintereingang überhaupt existierte. Die Fans stürmten trotzdem davon. Dadurch bekamen wir immerhin die Möglichkeit, unser Equipment auszuladen, ohne dabei Kinder schubsen zu müssen.
Dabei fiel mir die Geschichte eines Bekannten ein, der in der Dortmunder Westfalenhalle arbeitet und erzählte, dass sich die Mädchen bei den Konzerten der internationalen Teenie-Stars mit Inkontinenz-Windeln ausrüsten, damit sie ihren durch stundenlanges Anstehen ergatterten Platz vor der Bühne nicht durch einen Toilettengang verlieren. Angesichts solcher Infos beginnt man an der Heiligkeit der Populärkultur zu zweifeln ...
Nach dem Soundcheck aßen wir im Backstagebereich erfreulich lecker belegte Brötchen. Plötzlich statteten uns die Headliner des Abends einen Anstandsbesuch ab.
Die damals noch sehr jungen Burschen (wie gesagt, es ist einige Jahre her, inzwischen dürfen sie wohl auch schon Mofa fahren) versuchten freundlich zu sein, aber unsere Welten waren einfach inkompatibel. Üblicherweise sind die Vorbands von »Revolverheld« wohl noch jünger als sie selbst und wollen dorthin, wo »Revolverheld« gerade ist. Wir aber waren zwischen 10 und 15 Jahre älter und machten ohne Ehrgeiz, aus purem Spaß Musik, noch dazu mit einer gewissen humoristischen Distanz. Niemand von uns muss mit Musik sein Geld verdienen oder will damit berühmt werden.
Nachdem die kleinen Popstars uns also ein paar nett gemeinte, aber doch irgendwie herablassende Tipps zum Umgang mit dem Publikum gegeben hatten, erzählten sie noch, dass sie am Nachmittag schwimmen gewesen seien. Einfach so, ohne dass es im »schedule« gestanden habe und ohne das Management zu informieren. Spontan und heimlich. Und darauf schienen sie sehr stolz zu sein. Allerdings habe es hinterher etwas Ärger gegeben ...
Plötzlich fühlten wir uns genötigt, den Jungs zu sagen, dass das okay ist. Dass man sich nicht alles vorschreiben lassen darf, dass man auch ruhig mal widersprechen darf, zur Not müssten sie eben den Vertrauenslehrer oder die SV einschalten. Zumindest klang es wohl so. Alles in allem ein verstörendes Gespräch.
Trotzdem gelang es uns, das Publikum angemessen zu unterhalten, obwohl dieses nicht im geringsten kapierte, was wir da taten. Nach einem albernen Winnetou-Faust-aufs-Herz-Ritual mit ihrem Manager bestiegen schließlich die »Revolverhelden« die Bühne, begannen jedes Lied mit einem kurzen Grunge-Gekrache, um es dann für den Strophen-Gesang in die typische deutsche Schlagerpopmatsche à la SilbermondJuliLuxuslärm abrutschen zu lassen.
Bei der Abfahrt wurden wir wieder von kleinen Mädchen umringt, aber nur weil sie wissen wollten, in welchem Hotel ihre Götter abgestiegen waren. Wir sagten: »Im Holiday Inn«. Eine Aussage, die erneut zwischen Vermutung und Lüge oszillierte. Denn natürlich wussten wir nicht einmal, ob es in der Stadt ein »Holiday Inn« gab.
Als wir durch die Menge der kreischende Minderjährigen fuhren, die zum Teil noch ihre am Merchandise-Stand erworbenen, ihrem Alter unangemessenen Tangas mit Revolveraufdruck in den Händen hielten, dachten wir: Gut, dass wir, wenn schon nichts vernünftiges, so doch immerhin etwas anderes gelernt hatten als Popstar.
Howard X und die schwarze Macht des ZDF
VOR UND KURZ NACH SEINER WAHL sahen wir Europäer Barack Obama als links-liberalen Messias, als eine Mischung aus Kennedy, Willy Brandt, Olof Palme und Che Guevara. Aber schon in der ersten Amtszeit wurde klar: Auch er wird Guantanamo nicht auflösen, weiter sinnlose Kriege führen und gnadenlos die Interessen der großen amerikanischen Konzerne vertreten. Als er dann quasi persönlich Angela Merkels Handy abhörte, war die Liebe endgültig enttäuscht. Das Ausmaß der Enttäuschung kann man aber nur verstehen, wenn man die vorangegangene, maßlose Verehrung genauer betrachtet.
Ich kann mich zum Beispiel nicht erinnern, dass es vorher jemals einen deutschen Schlager über einen amerikanischen Präsidenten gegeben hätte. Mal abgesehen vom Abrüstungsschunkler »Sonne statt Reagan« von Joseph Beuys: »Aus dem Land / Das sich selbst zerstört / Und uns den »way of life« diktiert / Da kommt Reagan und bringt Waffen und Tod«. Nun gut, Beuys wurde ja auch nicht als Singer-Songwriter auf die Documenta eingeladen.
An Barack Obama allerdings gibt es eine Ode von einem unserer ganz großen Musikschaffenden: Howard Carpendale. Rätselhafterweise wurde das Lied kein Hit. Auch ich hätte es fast nicht wahr genommen. Glücklicherweise aber neige ich manchmal zu unkontrolliertem TV-Genuss, und so zappte ich mich im Dezember 2008 desorientiert in Carmen Nebels ZDF-Weihnachtsshow, wo ich Carpendale nachdenklich auf einem Barhocker sitzen sah. Und Musik hob an. Schon in diesem Moment spürte ich, dass gleich etwas Besonderes passieren würde.
Carpendale nennt seinen Sound in Interviews gerne »internationale Popmusik«, wir anderen, die wir nicht in Howies kleiner Parallelwelt leben, nehmen den Klang anders war: Es ist eine erbsensuppige, urdeutsche 80er-Jahre-Geräusch-Matschepampe. Wenn man ganz still ist und sich mit einer superheldenartigen Energie konzentriert, glaubt man zwar mitunter, echte Musikanteile heraushören zu können, die aber so verkocht und mit dem ESGE-Zauberstab püriert wurden, dass nur noch Moleküle davon übrig geblieben sind.
Das Intro des Songs wurde von einer jungschnatzigen, durchschnittsattraktiven Mietmusikerin gespielt, die in einem schulterfreien Abendkleid am Flügel saß und so einen schönen Gegensatz zum verlebten, bernhardinergesichtigen Carpendale bildete, der das Lied gesanglich mit folgenden Worten eröffnete: »Ich kenn ihn aus dem Fernsehen / Seit über einem Jahr / Am Anfang war ich skeptisch / Doch am Ende war mir klar / Wenn einer etwas ändert / Dann ist es sicher er ...« Und spätestens jetzt wusste ich, worum es ging, und hatte Angst vor jeder weiteren Zeile. Das konnte der doch nicht wirklich ernst meinen. Aber Howie kannte keine Gnade: »Und ich hätt auch mitgeschrien / Wenn ich dabei gewesen wär: Yes we can!«
Oh mein Gott! Howard Carpendale, der weiße Bub aus dem ehemaligen Rassistenland Südafrika, versuchte hier offensichtlich, ein Lebenstrauma aufzuarbeiten. Selbstverständlich stammt der Text dieser »Hymne der Superlative im orchestralen Soundgewand« (Presseinfo) nicht von Carpendale selbst, sondern von seinem »Freund und Texter« Joachim Horn-Bernges, auch »liebevoll Knibbel genannt« (Carpendale-Fan-Seite), der den Song allerdings auf Carpendales Aufforderung hin schrieb. Dazu Carpendale: »Ich habe in letzter Zeit mit vielen Freunden in Deutschland gesprochen und konnte die negative Stimmung nur noch schwer ertragen. Also habe ich Joachim angerufen und ihm gesagt, wir brauchen für die Weihnachtstour noch einen Song, der nach vorne geht, der den Menschen in dieser schweren und unsicheren Zeit wieder Mut macht. Ich sagte ihm einfach ›Yes We Can‹ und der Song war geboren.« Und so textete Knibbel, von Howie aufgepeitscht, gehorsam und vollrohr nach vorne: »Es war die Nacht der Nächte / Und ich war bis morgens wach / Und ich wünschte mir nichts mehr / als dass dieser schwarze Mann es schafft ...«
In Carmen Nebels Fernsehshow kam dann passend zu dieser Textzeile der schwarze Mann ins Bild beziehungsweise eine Gruppe schwarzer Menschen, die man für die Fernsehkamera in wallende Gospelkostüme gesteckt hatte. Um das Wohlwollen des weißen Mannes am Mikrofon zu illustrieren, mussten die Chormitglieder dann im Refrain »Yes we can« playbacken und dazu ihre Fäuste in die Luft recken, wie dereinst die schwarzen Lauf-Helden Tommie Smith und John Carlos bei der Olympiade in Mexiko.
Zum großen Finale dieses verstörenden Black-Power-Mini-Musicals ließ der Regisseur den Chor dann auch noch nach vorne zum Bühnenrand stampfen als befänden sie sich auf dem Marsch nach Washington. Und Howard Luther King hob an zur Moral des Songs: »Schreibt es groß auf Häuserwände / Malt die Straßen damit voll...« Ja, was denn, womit denn? Keine Macht für Niemand? Neue Männer braucht das Land? Nein: »Wir können alles, wenn wir’s woll’n«. Wer würde da widersprechen wollen? Selbstverständlich können wir alles! Sogar einen FDP-Schlager über Obama schreiben, damit im Fernsehen auftreten und im Hintergrund einen Gospelchor als Schmonzettenhopse missbrauchen. Man muss nur abgefuckt genug sein. Es bleibt zu hoffen, dass Obama wenigstens auch Carpendales Erwartungen enttäuscht hat. Das wäre immerhin etwas.
Aus Sparschweinchens Oktavheft
ALS FREISCHAFFENDER KÜNSTLER hat man ständig Angst vor dem Verarmen. Immer, wenn ich einen Obdachlosen sehe, denke ich: So könntest du auch mal enden. Und das ist kein Spaß. Deswegen werfe ich auch jedem Bettler etwas in den Plastikkaffeebecher. Und das, obwohl ich zur extremen Sparsamkeit erzogen worden bin. Diese Knauser-Erziehung wiederum bewahrt mich davor, permanent panisch zu sein, weil ich weiß, dass ich zur Not auch mit wenig auskomme.
Ich bin nämlich ein Kriegskind. Nicht wirklich, also alterstechnisch, sondern in der Generationenfolge. Da meine Mutter 1924 geboren wurde, hätte ich theoretisch auch 1942 auf die Welt kommen können. Praktisch erblickte ich aber erst 1964 das Licht der Welt, weil sich meine Eltern im hohen Alter dann doch noch einmal zum Geschlechtsverkehr entschlossen. Ich hoffe, sie taten es nicht nur um meiner Willen, sondern hatten auch ein wenig Spaß dabei.
So wurde ich aber quasi von der Generation der Großeltern meiner Schulkameraden aufgezogen. Einer Generation, die noch von den harten Entbehrungen des Krieges und der Nachkriegszeit geprägt war und diese Erfahrungen an ihre Kinder weitergab.
Während meine Altersgenossen Tri-Top tranken, Kinderschokolade mampften, kaputtes Spielzeug einfach wegschmissen und im Sommer auf dem Rücksitz des neuen VW-Jahreswagens nach Italien in den Urlaub fuhren, sahen meine 60er- und 70er-Jahre folgendermaßen aus: Schimmel wurde einfach vom Brot weggeschnitten oder von der Marmelade abgelöffelt und dann: rein mit dem Zeugs! Alte Seifenreste sammelte meine Mutter mit der Passion eines manischen Eichhörnchens und presste sie unter Hochdruck zu neuen kunterbunten und olfaktorisch verwirrenden Patchwork-Waschklötzen. Restaurants und selbst Stehimbisse kannte ich nur von außen oder aus dem Fernsehen. Wenn unsereins aus dem Haus ging und befürchtete, von Hunger und Durst überrascht zu werden, dann hatte man gefälligst eine Schmalzstulle und eine Thermoskanne mit ungesüßtem Hagebuttentee mitzuführen.
Ach, und »UHU« war für mich ein Begriff aus der Ornithologie – für Bastelarbeiten, zum Papierkleben rührte ich in einem ausgewaschenen Joghurtbecher (»ohne Geschmack«!) ein wenig Mehl mit Wasser an.
So nützlich solche Low-Budget-Erfahrungen letztlich sind, um die irrationale Angst vorm Verhungern zu vertreiben, so schwierig machen sie aber auch oft den Alltag. Eine Zeitlang musste ich aktiv gegen die Unfähigkeit, Dinge wegzuschmeißen, angehen. Ich bin nämlich nicht nur sparsam – ich bin leider auch eine Schlampe. Und diese fatale Kombination kann schnell zum Messietum eskalieren. Deswegen schmeiße ich neuerdings alles weg, was ich nicht innerhalb des nächsten Monats gebrauchen kann.
Na ja ... das würde ich gerne ... Aber schon das Formulieren einer solch radikalen Ausmist-Haltung macht frei und gibt Mut für den nächsten beherzten Wegschmiss. Genauso wie vollkommen haltlose öffentliche Geständnisse.
So behauptete ich vor einiger Zeit in einer Kolumne, dass ich alle Teebeutel sieben bis neun Mal benutze, um sie anschließend auf der Wäscheleine zu trocknen, mit einem Überzug aus den Resten dünngeschneuzter Stoff-Taschentücher zu versehen und als Federdeckchen für die Playmobilfiguren meiner Tochter zu verwenden. Meine Tochter schüttelte nur den Kopf über diesen Unsinn. Vor allem, weil sie nie Playmobilfiguren besaß. Die sind nämlich zu teuer. Nein, war nur Quatsch, natürlich hatte sie Playmo, so schlimm bin ich nun auch wieder nicht.
Interessant ist allerdings, dass das Thema Sparsamkeit eine sehr widersprüchliche gesellschaftliche Komponente hat: Einerseits funktioniert unser Wirtschaftssystem nur durch hemmungslosen Konsum, das heißt, indem der Bürger das verdiente Geld augenblicklich mit schaufelbaggerartigen Gesten zurück in den Umlauf bringt. Sonst schwächelt die Konjunktur, die Wirtschaft krankt. Folge: Verlust des Wohlstands, gesellschaftliche Destabilisierung, Abendland kopfunter! Asketischer Lebenswandel ist somit Subversion, Sparsamkeit ist Sabotage. Andererseits verherrlichen die gleichen Politiker, die mich zum Konsumieren auffordern, den öffentlichen Geiz. Dann heißt es, der Staat müsse sparen, vorzugsweise an der Kultur und am Sozialen. Da meine Einnahmen als Künstler allerdings oft von genau diesen weggesparten Subventionen abhängen, katapultieren sie mich damit in ein klassisches Dilemma. Was soll ich denn dann ausgeben? Das soll mal einer verstehen. Da presse ich doch gleich wieder revolutionäre Seifenklötzchen.
Backen mit Blutfett
AM ENDE DES LETZTEN JAHRTAUSENDS veranstaltete ich im niedersächsischen Universitätsstädtchen Hildesheim mehrere Jahre lang einen Literaturwettbewerb, den »Ochtersumer Literaturpreis«. Ochtersum ist ein dörflicher Stadtteil von Hildesheim, in dem ich damals wohnte. In der ehemaligen Knechtwohnung eines großen Bauernhofes. Sachen macht man manchmal ...
Egal, der Literaturpreis war postmodern angelegt, irgendwo zwischen Parodie und ernst gemeint. Wir hatten echte Sponsoren, die bescheidene Geld- und Buchpreise stifteten, wir veranstalteten sogar richtige Preisverleihungen. Vielleicht auch nur Parodien von Preisverleihungen, unter anderem im Stadttheater – mit Lesungen der prämierten Texte und Wichtig-Wichtig-Popichtig-Kulturprogramm. Ich erinnere mich unter anderem an Streicherensembles mit Zwölftonmusik, pathosgeschwängerte Chanson-Darbietungen und furchtbar schlechte Betroffenheits-Liedermacher ... Also eigentlich alles tofte.
Am Ende der Veranstaltung gab’s fürs Publikum Häppchen (halbe hartgekochte Eier mit Remoulade und falschem Kaviar) und für jeden Zuschauer ein Buch zum Mitnehmen. Das konnte man sich aus einer Grabbelkiste fischen, in der alle Bücher lagen, die dem örtlichen Stadtmagazin – mit dem ich den Wettbewerb veranstaltete – im Laufe des vergangenen Jahres von den PR-Abteilungen der Verlage zur Besprechung zugeschickt worden waren.
Die meisten Bücher kamen übrigens von Bastei-Lübbe oder Heyne. Keine Ahnung wie die darauf kamen, dass wir nichts besseres zu tun hatten, als regelmäßig und andauernd die Neuerscheinungen von zwar großen, aber doch eher mäßig beleumundeten Verlagen zu besprechen. Unser Publikum nahm die Geschenke, meist obskure Lebens-Ratgeber, freudig an. Einmal allerdings blieb ein Buch in der Kiste zurück. Mehr aus Mitleid denn aus Interesse steckte ich es selbst ein. Nicht ahnend, wie lieb und teuer dieses Werk mir noch werden würde.
Es hieß »Cholesterinarm backen« von Ingrid Malhotra (Heyne 1994, DM 12,90) und zunächst wusste ich nicht, was ich damit anfangen sollte. Ich wollte ja gar nicht cholesterinarm backen. Weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass cholesterinarm Gebackenes auch nur andeutungsweise schmecken könnte. Das klang für mich wie alkoholfreies Bier, nikotinfreie Zigaretten oder Rockmusik ohne E-Gitarren. Alles möglich, aber nicht wirklich reizvoll. Da lasse ich die entsprechende Sache doch lieber gleich ganz.
Irgendwann aber, vielleicht ein oder zwei Jahre später, war ich in der Verlegenheit, für eine Feier einen Kuchen backen zu müssen. Ein Käsekuchen sollte es sein, ich aber besaß kein Käsekuchenrezept. Und damals auch noch keinen Internetzugang. Ja, so lange ist das her. Aber, so fiel mir plötzlich ein, ich hatte doch ein Buch mit Backrezepten! Wenn auch für Backwaren mit zweifelhaften Surrogatzutaten. Ich nahm es zur Hand, suchte eine Anleitung zur Herstellung eines Käsekuchens, fand sie (unter dem Namen »Elsässer Quarktorte«), las mir die Zutatenliste durch – und kam augenblicklich auf eine glor- und folgenreiche Idee: Wie wäre es, wenn ich konsequent und gnadenlos alle cholesterinarme Zutaten durch cholesterinreiche Zutaten ersetzte? Also Becel-Margarine durch eine ordentliche Menge guter Süßrahm-Butter, die Becel-Kaffeesahne durch einen Becher Schlagsahne und den angeblich im Reformhaus zu erwerbenden Ei-Ersatz für insgesamt fünf Eier durch, logo, fünf echte Eier.
Ansonsten hielt ich mich beim Backen strikt an die Angaben. Und was soll ich sagen: Die Elsässer Quarktorte wurde großartig. Atemberaubend schmackhaft, in Form und Konsistenz maßstabsetzend und vor allem: Sie wurde mein Back-Trademark.
Inzwischen habe ich sie sicher über hundert Mal gebacken, sie gelingt immer, sie schmeckt immer, erfreut jeden Gast, macht Frauen gefügig, lässt Schwiegermütter dahinschmelzen, Kinderherzen höherschlagen und Russen Kasatschok tanzen. Inzwischen wird sie in meiner Familie schon in der zweiten Generation gebacken.
Als meine Tochter kürzlich ihr mehrtägiges schulisches Sozialpraktikum in einem Kindergarten beendete, schenkte sie den Kindern und Erziehern zum Abschied eine selbstständig und ohne Hilfe hergestellte und vor allem ordentlich cholesterinreiche »Elsässer Quarktorte«. Und wurde dafür mit stehenden Ovationen gefeiert.
So, und wer mir jetzt noch erzählt, was man aus dieser Geschichte lernen kann, außer dass Flexibilität immer von Vorteil ist, bekommt von mir das Rezept der Quarktorte als pdf zugeschickt oder – falls ich super drauf bin – sogar die Torte selbst, die natürlich nicht als pdf, sondern in echt. Mal kucken.
Das Laberstromnetz
BEVOR MICH JEMAND ALTKLUG ANRAUNZT: »Ja, dann meld dich doch ab!«, erkläre ich hiermit an Eides statt, dass ich genau das tun werde. Demnächst. Oder vielleicht doch nicht. Mal kucken. Schließlich ist es ja so: Wenn man eine Haltung zum Geruckel des Weltenlaufes entwickeln will, kann man nicht immer abseits stehn, sondern muss sich mitunter auch mit wackeligen Knien mitten hinein begeben. Oder wie es im Sportreportersprech heißt: »Man muss dahin gehen, wo es weh tut!« Zum Beispiel in die sogenannten »sozialen« Netzwerke.
Da ich damals schon zu alt für Studi-, Schüler-, KiTa- und Krabbelgruppen-VZ war, begann für mich alles mit MySpace. Das gehörte damals zwar dem reaktionären Super-Kapitalisten Rupert Murdoch – einer Art australisch-amerikanischem Axel Springer, nur leider in lebendig –, hatte aber für mich einen großen Vorteil gegenüber den Mitbewerbern, nämlich einen veritablen Inhalt.
Bei MySpace ging es eine Zeitlang hauptsächlich um Musik. Man konnte sich von einer Bandseite auf die nächste klicken, skurrile Indie-Folk-Blues-Garagenbeat-Bands aus Minnesota, Rio, Wattenscheid oder Peine entdecken – und so auf angenehme Weise Zeit verplempern.
Dass nebenbei auch Menschen darum baten, meine »Freunde« werden zu dürfen, war okay. Meistens war ich mit denen schon im echten Leben befreundet, bekannt oder verschwägert – oder es waren interessierte Fremde, die mal was von mir gelesen hatten. Auch sowas freut den zur Vereinzelung neigenden Autor mitunter. Außerdem lebt man ja als Schreibender in einer Art Halböffentlichkeit, muss erreichbar und zum Beispiel auch für Lesungen buchbar sein – und da war MySpace eine gute Möglichkeit, sich »im Netz« zu präsentieren.
Irgendwann stellte ich aber erstens fest, dass die meisten MySpace-Seiten vollkommen unleserlich geworden waren, weil sich da jeder sein eigenes Layout »designen« konnte beziehungsweise eben nicht konnte. Bei manchen Seiten hatte man Angst, schlagartig zu erblinden ob der irren Farbgestaltung, die man sonst nur auf Leggins aus dem »kik«-Sortiment findet. Und zweitens: Plötzlich war niemand mehr bei MySpace, alle waren bei Facebook. Ich also auch hin.
Und was soll ich sagen: Was meine echten Freunde und die anderen Menschen angeht, mit denen ich mich dort höflich, dezent und sparsam austausche, verhält sich Facebook wie sein Vorgänger MySpace: unspektakulär. Um Musik geht es leider kaum, was schade ist. Obwohl neuerdings immer mehr Leute irgendwelche YouTube-Musik-Videos posten, aber meist handelt es sich dabei um Künstler, die man schon kennt, und nicht um schrullige Geheimtipps. Schlimm aber ist der nie abreißende Laberstrom mancher Facebook-Netzwerker. Was treibt jemanden dazu, stündlich zu posten, wo er ist oder mit wem er sich trifft? Diese Informationen könnten doch höchstens interessieren, wenn sie Leute beträfen, die sie niemals preisgeben würden: Auftragskiller, Geheimagentinnen oder blutrünstige Diktatoren. Obwohl selbst bei denen vermutlich siebzig Prozent der Einträge langweilig wären: »Café Latte bei Starbucks – Mhm lecker« oder »Strumpfhose gekauft – Mist und schon ne Laufmasche drin«.
Am gruseligsten aber sind die in Büros arbeitenden Menschen, die Facebook im Hintergrund laufen lassen, während sie schludrig ihrer eigentlichen Arbeit nachgehen. Da kann man nur hoffen, dass es sich dabei um Werbetexter, Eventmanager oder Trendforscher handelt und nicht um Sicherheitsbeauftragte der Deutschen Bahn, Krebsforscher oder Risikocontroller der »Hypo Real Estate«, falls die sowas überhaupt haben.
Wenn dann aber im dritten Fenster noch ein Nachrichtenportal geöffnet ist, wird’s unterirdisch: Da werden dann aus der Hüfte politische Kommentare in die Welt geschossen, gegen die sogar Mario Barths Analysen der Geschlechterbeziehungen philosophisches Niveau erreichen. Und wenn man diesen Menschen dann sachlich widerspricht, hört beziehungsweise liest man diesen typisch patzigen, geist- und witzfreien Internet-Troll-Ton, den früher nur schlecht erzogene Menschen in meist anonymen Leserbriefen benutzten. Aber vermutlich handelt es sich bei diesen Meinungspostern sowieso um charakterlich verkrachte Existenzen, denen aufgrund ihrer ungehobelten Art im Privat- und Berufsleben schon lange keiner mehr zuhört und die deswegen im Netz rumstänkern müssen.
Gradezu mysteriös aber ist das Phänomen der frisch verliebten Pärchen, die über ihre Facebook-Pinnwand miteinander turteln. Filmen sich solche Leute auch beim Römpömpeln und laden das dann bei YouPorn hoch? Was nur konsequent und vermutlich sogar unterhaltsamer wäre. Taten sagen ja oft mehr als Worte.
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