Kitabı oku: «Es gibt kein Glück»

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Über die Autorin

Hedwig Courths-Mahler war eine deutsche Schriftstellerin. Sie verfasste über 200 Liebesromane, die zu ihren Lebzeiten sehr beliebt waren und bis in die Gegenwart in gekürzter Form als regelmäßig erscheinende Heftromane erhältlich sind

Inhaltsverzeichnis

Über die Autorin

Es gibt kein Glück

Impressum

Hedwig Courths-Mahler

Es gibt kein Glück

Es gibt kein Glück

»Jetzt müssen wir aber hineingehen, Rosemarie. Ich habe noch zu arbeiten.«

»So gehe nur allein, Heinz. Es ist noch so schön sonnig und warm. Laß mich noch eine Weile im Freien bleiben.«

»Aber dann setze dich hier im Sonnenschein auf die Bank. Du darfst dich nicht erkälten und nicht ermüden.«

Ein unbehaglicher, trüber Ausdruck flog über Rosemaries Gesicht.

»Ja doch — ich weiß schon, Heinz. Quäle du mich nur nicht auch noch mit solchen Vorsichtsmaßregeln. Es ist so schrecklich, daß ich immer an Schonung denken muß. Und deine Mutter predigt sie mir von früh bis spät. Ich möchte am liebsten nichts mehr von Schonung hören, möchte mich viel lieber ganz unvernünftig anstellen, bis ich todmüde wäre«, sagte sie aufseufzend.

»Aber Rosemarie! Das würde dir doch furchtbar schlecht bekommen, das weißt du doch«, erwiderte Heinz mitleidig.

Rosemarie seufzte wieder, tief und schwer.

»Ja, ja, ich weiß es«, sagte sie fast ungeduldig. »Tante Herta läßt es ja nie an Ermahnungen fehlen. Ach, Heinz, es ist schlimm, wenn man kränklich ist. — Kränklich und häßlich bin ich. Das ist eine garstige Mischung, nicht wahr? Aber sie paßt zusammen.«

Heinz sah seine Kusine einen Moment nachdenklich an. Er wollte etwas erwidern, zögerte aber unbeholfen. Aber schließlich sagte er ganz energisch:

»Ach, weißt du, häßlich kann ich dich nun wirklich nicht finden. Nein, ganz gewiß nicht.«

Rosemaries Lippen umspielte ein seltsam müdes, schattenhaftes Lächeln, das dem jungen Gesicht einen unfrohen, resignierten Ausdruck gab, wie er sonst nur alten Menschen eigen zu sein pflegt.

»Man gewöhnt sich eben an alles, Heinz, auch an die Häßlichkeit. Deshalb fällt es dir kaum noch auf, daß ich häßlich bin. Du hast mich in meiner ganzen Herrlichkeit neben dir aufwachsen sehen. Mir fällt es ja selbst nicht mehr auf oder vielmehr, es ist mir nie zum Bewußtsein gekommen, bis mich Tante Herta liebevoll und schonend darauf aufmerksam machte. Deine Mutter wird es dir jederzeit bestätigen. Sie sagt, ich soll es nicht schwer nehmen und mir nichts daraus machen, und sie versichert mir, daß ihr mich trotzdem liebhabt, alle beide. Es würde mich auch wenig bedrücken, wenn ich nur gesund wäre wie andre Menschen. Eigentlich fühle ich mich gar nicht krank. Aber Tante Herta prägt es mir immer wieder ein, daß ich es nur ja nicht vergesse.«

Heinz schob den leichten Hut weit aus der Stirn, als sei es ihm zu heiß geworden.

»Mama meint es gut, Rosemarie, sie sorgt sich so sehr, daß du dich überanstrengst. Aber ich meine, sie sollte es dir nicht zu oft sagen, es wäre dir besser, du könntest es zuweilen vergessen. Na — und häßlich bist du nun wirklich und wahrhaftig nicht, mir gefällst du sogar sehr gut«, schloß er mitleidig.

Wieder huschte das unfrohe, resignierte Lächeln um ihren Mund.

»Laß nur, Heinz! Kränklich und häßlich ist eins. Nur gesunde Menschen sind schön. Das sagt Tante Herta auch. Nun — alle Menschen können nicht gesund und schön sein, es muß auch kranke und häßliche geben, sonst merkt man den Unterschied nicht.«

Es lag etwas wie Bitterkeit in diesen Worten. Heinz reckte sich unbehaglich in den Schultern. Das ließ die schlanke, kräftige Jünglingsgestalt noch größer erscheinen. Seine Brust hob sich in einem tiefen Atemzuge, als sei sie ihm zu eng geworden. Und auf dem hübschen, frischen Gesicht lag noch immer der mitleidige Ausdruck.

»Sei nur nicht traurig, Rosemarie. Wenn ich dich nur so recht wirksam trösten könnte. Aber mir fällt nichts ein. Was dir Mama immer zum Trost sagt, daß ein gutes, edles Herz mehr wert ist als alle Äußerlichkeiten, selbst wertvoller als die Gesundheit, das kann ich nicht unterschreiben. Gut und edel ist man für andre, gesund aber für sich selbst. Weißt du, ich an Mamas Stelle hätte dir gar nichts davon gesagt, daß du ein inneres Leiden hast. Dazu war es noch immer Zeit, wenn du selbst etwas davon gemerkt hättest. Vorläufig fühlst du ja Gott sei Dank noch nichts davon, und Onkel Steinau sagt, es sei überhaupt fraglich, ob es zum Ausbruch käme. Er glaubt es nicht. Aber wenn auch — du hättest dann doch wenigstens einige frohe, sorglose Jahre gehabt, hättest dich bis jetzt wenigstens deines Lebens freuen und dich für gesund halten können.«

Rosemaries Augen leuchteten auf, und ein leises Rot stieg in ihr Gesicht, das zart, aber nicht kränklich aussah.

»O ja, das wäre schön gewesen — wunderschön! Nur ein einziges Mal möchte ich wissen, wie es ist, wenn man gar nicht auf seine Gesundheit zu achten braucht. Ich fühle mich doch ganz frisch und kräftig. Aber ich darf nur einmal etwas tun, das ich gerne mag, dann ist Tante Herta gleich so furchtbar ängstlich und verbietet es mir. Sie ist wirklich zu sehr besorgt um mich, und daß sie mich das so merken läßt, drückt mich sehr nieder. Oft ist eine ganz brennende Sehnsucht in mir, all ihre Ermahnungen in den Wind zu schlagen und wie unsinnig herumzutollen — meinetwegen, bis ich tot umfalle. Dann wäre es doch mit einem Male aus und vorbei.«

Es lag ein solcher Jammer in ihren hastig hervorgestoßenen Worten, daß Heinz vor Mitleid ganz blaß wurde.

»Aber Rosemarie, liebe Rosemarie! Sei doch nicht so betrübt. Es tut mir so leid, daß ich dir nicht helfen kann. Weißt du, ein bisschen mehr Freiheit könnte dir Mama schon gewähren, das denke ich manchmal auch und habe es Mama auch schon gesagt. Aber sie will gar nicht hören, daß ich davon spreche. Gleich wird sie ängstlich und nervös und läuft mir davon, ohne zu antworten. Sie hat dich eben zu sehr lieb und sorgt sich namenlos um dich. Onkel Steinau sagt auch, sie tut es mehr als nötig ist und quält sich und dich damit. Aber du bist ihr ein anvertrautes Gut, und dein Wohlergehen ist ihre vornehmste, größte Sorge.«

Rosemarie zeichnete mit ihrem Schirm rätselhafte Runen in den Kies, mit dem die Wege im Park bestreut waren. Sie mußte denken: Wenn sich Tante Hertas Liebe und Sorge doch lieber dadurch zeigte, daß sie mich über meinen kränklichen Zustand hinwegtäuschte, als daß sie ihn mir immer wieder so eindringlich zum Bewußtsein brächte, dann wäre mir wohler.

Aber das sprach sie nicht aus. Schon der Gedanke erschien ihr undankbar. Sie war sich bewußt, daß sie Tante Herta bei weitem nicht so zärtlich liebte, als diese es ihr täglich bewies. Aber sie konnte es nicht ändern, so sehr sie sich darüber selbst ausschalt.

»Ich weiß es, Heinz, daß ich Tante Herta viel Dank schuldig bin, und es ist nicht recht von mir, daß ich mich gegen ihre Fürsorge so auflehne. Aber du glaubst nicht, wie ich mich nach ein bisschen Freiheit sehne. Manchmal komme ich mir vor wie in einem Kloster oder in einem Gefängnis.«

Heinz rüttelte sie gutmütig ein wenig an den Schultern. »Du törichte Rosemarie — du bist doch die Herrin von Waldeck! Und ich meine, dieser schöne große Park hat so gar nichts von einem Gefängnis an sich.«

Rosemarie seufzte und zeigte nach der Parkmauer hinüber. »Aber da sind die Klostermauern — sie umgrenzen meine enge Welt.«

»Nun — und läßt du sie nicht oft hinter dir, wenn wir zum Beispiel nach Steinau fahren?«

Sie drückte lächelnd seine Hand.

»Du bist ein guter Junge, lieber Heinz, und wirst nie müde, mich zu trösten. Dabei bist du doch drei Jahre reichlich jünger als ich.«

Er lachte, froh, daß sie getröstet schien. »Dafür bin ich ein Mann, Rosemarie, und du gehörst zum schwachen Geschlecht.«

Sie lächelte. »Wenn das Hilde Steinau hört, lacht sie dich aus. Die läßt dich nicht als Mann gelten.«

Seine Augen blitzten.

»Sie soll es schon noch lernen. Aber nun muß ich an meine Arbeiten gehen. Pflicht geht vor Vergnügen. Also adieu für den Augenblick, Rosemarie!«

»Adieu, Heinz!«

Die junge Dame setzte sich aufseufzend auf die Bank im Sonnenschein und sah ihrem Vetter nach. Der schritt schnell dem Hause zu und winkte noch einmal zurück.

Aber kaum war er zwischen den Bäumen verschwunden, da sprang Rosemarie v. Waldeck hastig empor und warf den Sonnenschirm und den großen Schutzhut auf die Bank. Wie von einem lähmenden Druck befreit, dehnte und reckte sie ihre schlanke Gestalt, die in einem recht häßlichen und unkleidsamen, wenn auch kostbaren Kleide steckte, das ganz auf starre Seide gearbeitet war und steif und ungraziös ihre Glieder einhüllte. Sie ließ spähend und vorsichtig ihre Blicke umherschweifen, und als sie sah, daß sie ganz allein war, raffte sie ihr Kleid vorn ein wenig empor und lief den langen breiten Weg im schnellsten Laufschritt auf und ab, bis sie endlich atemlos wieder auf die Bank zurücksank.

Ihre Augen leuchteten, und ein frisches, gesundes Rot stieg in ihr Antlitz. Ach — das tut wohl — das ist herrlich — gottlob, daß ich nicht immer unter Aufsicht bin, dachte sie und sog in tiefen Atemzügen die würzige Frühlingsluft ein.

Als sie sich etwas beruhigt hatte, wiederholte sie den raschen Lauf noch einmal bis zur Atemlosigkeit, als könne sie sich nicht genug tun, ihre Glieder zu bewegen. Mit inbrünstigem Behagen sog sie dann, wieder ausruhend, die Luft ein. Das Herz klopfte ein wenig schneller nach dem raschen Lauf, aber sonst spürte sie keinerlei Beschwerden. Nach einer Weile nahm sie Hut und Schirm, hing beides an den Arm und ging mit schnellen, elastischen Schritten, die durchaus nichts von Kränklichkeit und Schwächlichkeit verrieten, tiefer in den wunderschönen, alten Park hinein.

Sie verhielt erst ihre Schritte, als sie bis zu der hohen steinernen Parkmauer gelangt war. Dicht neben dieser stand ein alter, breitästiger Lindenbaum. Um den dicken Stamm desselben war eine Art Wendeltreppe aus Holz befestigt, so daß man bequem in die weit ausladende Baumkrone gelangen konnte. Zwischen zwei starken Ästen war da oben ein hölzerner Sitz, wie eine kurze Bank, befestigt.

Das war Rosemaries Lieblingsplatz. Schnell und behend stieg sie die etwas unbequeme Treppe zu dem luftigen Bau empor. Sie verschwand vollständig zwischen den frischgrünen Blättern der Linde.

Mit einem behaglichen Aufatmen ließ sie sich oben auf der Bank nieder und lehnte sich an den Stamm der Linde. Die Füße fanden einen Stützpunkt auf der obersten Treppenstufe. Es war ein ganz bequemer Sitz.

Und von hier aus konnte Rosemarie weit über die Parkmauer hinaussehen, konnte auch ein großes Stück des schmalen Weges übersehen, der draußen vorüberführte.

Sie hatte jetzt einen frohen Ausdruck im Gesicht. Hier oben saß sie immer gern. Schon seit Jahren hatte sie sich dieses Lieblingsplätzchen schaffen lassen — seit dem Tode ihres Vaters.

Aber seit kurzer Zeit hatte dies Plätzchen noch eine ganz besondere Anziehungskraft für sie gewonnen, gerade um diese Stunde.

Sie sah auch jetzt nach der Uhr.

»Noch zehn Minuten bis elf Uhr — da muß er bald kommen«, sagte sie leise vor sich hin.

Und erwartungsvoll sah sie den Weg entlang.

Aber es regte sich noch nichts, und sie verfiel in eine grüblerische, träumende Stimmung.

Wenn man es mir nicht täglich versicherte, ich hätte keine Ahnung, daß ich krank bin. So leicht und frei ist mir immer, wenn ich mich ein wenig austollen kann. Überhaupt in der frischen, freien Luft fühle ich mich so gesund und stark. Nur wenn mich Tante Herta im überheizten Zimmer festhält oder mich in Kissen und Decken einpackt, bin ich elend. Ach — wenn sie doch nicht so ängstlich und besorgt wäre! Wenn ich auch wirklich einige Jahre früher sterben muß — ist es nicht besser, wenn ich mir das Leben bis dahin lebenswert mache, als wenn ich noch einige Jahre länger und immer in einem qualvollen Zwange lebe? Muß ich deshalb auf alles verzichten, was andern jungen Menschen Freude macht? Von allem muß ich mich zurückhalten. Ich darf nicht dabei sein, wenn andre tanzen und springen und lustig sind, damit ich mich nur ja nicht erhitze und erkälte. Ach, wie traurig ist das alles. So dachte sie betrübt.

Rosemarie v. Waldeck war eine Waise und zugleich die Herrin eines schönen großen Besitzes und eines bedeutenden Vermögens. Sie hatte beide Eltern infolge eines Unglücksfalles verloren. Vor ungefähr zehn Jahren hatte sich ihr Vater, als einer der ersten im ganzen Umkreis, ein Automobil angeschafft. Er und seine Gattin huldigten eifrig jedem Sport — und beide sollten zu den ersten Opfern dieses Sportes gehören.

Auf einer Ausfahrt versagte die Steuerung und sie fuhren gegen einen steinernen Brückenpfeiler. Das Gefährt wurde vollständig zertrümmert. Frau Maria v. Waldeck wurde als Leiche unter den Trümmern hervorgezogen, und Herr v. Waldeck hatte sich eine schwere Rückgratverletzung zugezogen. Er blieb zwar noch vier Jahre am Leben, aber dies Leben war ein elendes, jammervolles. Hilflos und gelähmt verbrachte er seine Tage in einem Rollstuhl.

Das vierjährige schwere Siechtum des Vaters übte auch einen sehr niederdrückenden Einfluß auf Rosemarie aus. Sie war gerade in den Jahren, da solche Erlebnisse auf empfindsame Kinder am tiefsten einwirken. Und ihr Gram um den Verlust der Mutter, der Schmerz um den gelähmten Vater, der zuvor ein aufrechter, stattlicher Mann gewesen war, machte sie ganz elend, um so mehr, als sie sich tapfer bemühte, dem kranken Vater ihren Kummer zu verbergen. So wurde sie in jener Zeit ein blasses, stilles Geschöpf.

Gleich nach dem Tode seiner Gattin hatte Ernst v. Waldeck seine Schwägerin, die Schwester seiner Frau, gebeten, nach Waldeck zu kommen und sich des Haushaltes und der Wirtschaft nach Kräften anzunehmen. Herta v. Ribnitz war die Witwe eines Offiziers, der, nachdem er das Vermögen seiner Frau durchgebracht und sich in allerlei galante Abenteuer verstrickt hatte, im Duell erschossen worden war. Ein Kamerad hatte ihn als Rächer seiner Ehre gefordert.

Seine Witwe war mit ihrem einzigen Sohne Heinz in sehr bedrückenden Verhältnissen zurückgeblieben. Ihre Schwester, Rosemaries Mutter, hatte sie nach Kräften unterstützt, denn ihr Gatte war nicht nur der unumschränkte Besitzer von Waldeck, sondern auch außerdem ein sehr reicher Mann, dessen Barvermögen man, ohne Waldeck, auf eine sehr große Summe einschätzte.

Herta v. Ribnitz und ihr Sohn waren die einzigen Verwandten der Waldecks. Und die verarmte, von ihrem Gatten betrogene Frau hatte in ihrem verbitterten Gemüt oft genug neidvoll auf das Glück der Schwester geschaut. Und wenn sie damals die kleine Rosemarie ansah, krampfte sich ihr Herz in herbem Schmerz zusammen, und sie verglich das Schicksal der jungen, reichen Erbin mit dem ihres Sohnes, an den sich ihr vereinsamtes Herz mit aller Inbrunst gehängt hatte. Rosemarie schien ihr mitten im hellen warmen Sonnenschein zu stehen, während ihr Heinz abseits von der besetzten Tafel des Lebens im Schatten vegetieren mußte.

Heinz erschien seiner Mutter als ein Enterbter des Glückes, und sie wäre freudig zu jedem Opfer bereit gewesen, um ihm ein besseres Leben zu schaffen.

Und nun rief sie der Schwager nach Waldeck.

Mit beiden Händen griff sie zu, als ihr der Schwager anbot, seinem Hause die Herrin, seinem Kinde die Mutter zu ersetzen, und sie war sofort fest entschlossen, diese Gelegenheit irgendwie zu Nutz und Frommen ihres Sohnes auszubeuten.

Zunächst war es ihr ein leichtes, sich dem kranken, gelähmten Schwager unentbehrlich zu machen. Nicht nur im Haushalt nahm sie umsichtig und energisch das Zepter in die Hand, sondern auch nach und nach in allen anderen Angelegenheiten. Sie verstand es bald, sich mit der Bewirtschaftung des großen Gutes vertraut zu machen und sah überall nach dem Rechten. Ihren scharfen Augen entging nichts, und sie wußte sich bei allen Untergebenen gehörig in Respekt zu setzen.

Ernst v. Waldeck sah mit Staunen und Bewunderung, welche Tatkraft und Tüchtigkeit die Schwägerin entwickelte. Und da er hilflos an seinen Rollstuhl gebannt war, betrachtete er es als ein Glück, daß Herta ihm nach und nach die Oberleitung über seinen Besitz aus den schwachen Händen nahm.

Außerdem pflegte und umhegte sie ihn selbst bewunderungswürdig. Sie schien nie müde zu werden und hatte zu allem Zeit. Seinem Kinde war sie wie eine zweite Mutter, wenigstens, soweit man das äußerlich beurteilen konnte.

Herta v. Ribnitz verstand es jedenfalls, sich in kurzer Zeit zur Herrin des Gutes zu machen, dem kranken Herrn v. Waldeck wurde sie ganz unentbehrlich. Am liebsten hätte er sie nie von seiner Seite gelassen. Sie wußte ihn so liebevoll zu trösten über seinen jammervollen Zustand, sie ersann kurzweilige Beschäftigungen für ihn und half ihm über die Selbstvorwürfe hinweg, daß er sein und seiner Frau Leben zerstört hatte.

Und ohne daß er ahnte, wie sehr er nach und nach ihrem Einfluß unterlag, suggerierte sie ihm schließlich in feiner Weise den Gedanken, sie für immer durch eine Heirat an sich und sein Haus zu fesseln.

Er wäre von selbst gar nicht auf diesen Gedanken verfallen, da er ein siecher, kranker Mann war, aber Herta wußte es so zu drehen, daß er glaubte, der Plan gehe von ihm aus.

Klug nutzte sie ihre Chancen und ging mit zäher Beharrlichkeit und feiner Diplomatie auf ihr Ziel los. Und schon sah sie es vor sich in greifbarer Nähe, schon hatte Ernst v. Waldeck ihren eigenen Wünschen Worte gegeben, da durchkreuzte das Schicksal ihren sorglich vorbereiteten Plan.

Ernst v. Waldeck erlag seinem langjährigen Leiden. Ohne daß sich sein Zustand wesentlich verändert hatte, war er eines Nachts für immer entschlafen.

Herta v. Ribnitz war außer sich. Ihre Hoffnungen und Pläne waren nun vereitelt worden und sie weinte darüber bittere Tränen.

Rosemarie, die haltlos und elend am Totenlager ihres Vaters zusammengebrochen war, sah den heftigen Schmerzensausbruch der Tante, und sie fühlte, daß dieser Ausbruch echt war. Da flüchtete sie sich zum ersten Male freiwillig mit ihrem eigenen Schmerz in die Arme Hertas. Sie ahnte ja nicht, daß deren Schmerz einen anderen Grund hatte, als sie glaubte.

Herta v. Ribnitz war aber nur für kurze Zeit ihrer sonstigen Energie beraubt. Ihre Mutterliebe suchte bald nach einem anderen Weg, um des Sohnes Glück zu begründen.

Kurz nach Ernst v. Waldecks Tode wurde sein Testament eröffnet. Er hatte es kurz nach dem Tode seiner Gemahlin niedergelegt und weder an Herta noch an ihren Sohn gedacht.

Rosemarie war natürlich seine Universalerbin. Sein nächster Nachbar und treuester Freund, Jobst v. Steinau, war zu ihrem Vormund ernannt worden. Für treue Diener und Beamte hatte er Legate ausgesetzt. Aber Herta und ihr Sohn gingen leer aus.

Herta wußte das vorher. Später hatte Ernst v. Waldeck oft die Absicht geäußert, seiner letztwilligen Verfügung ein Kodizill anzuhängen, in dem er auch für Herta und ihren Sohn etwas tun wollte. Aber dann war ihm mit Hertas Hilfe der Gedanke gekommen, diese durch eine Heirat an sich zu fesseln und schadlos zu halten, und da hatte er die neuen Pläne verschoben.

Jobst v. Steinau kannte Herta v. Ribnitz als eine kluge, tüchtige Frau, und als eine liebevolle, aufopfernde Pflegerin des Freundes und seiner Tochter. Und deshalb ließ er ihr nach Ernst v. Waldecks Tode völlig freie Hand, auch da, wo er zuweilen nicht einer Ansicht mit ihr war oder wo er Einsprache hätte erheben müssen.

So war Rosemaries Geschick ganz in die Hände ihrer Tante gegeben. Sie fand es auch selbstverständlich und fügte sich willenlos in alles, was diese über sie verfügte.

Nach dem Tode des Vaters war Rosemarie zunächst körperlich und seelisch ganz zusammengebrochen. Außerdem zog sie sich eine starke Erkältung zu und bekam einen schlimmen, fieberhaften Katarrh.

Herta v. Ribnitz pflegte ihre Nichte während dieser Krankheit gewissenhaft und sorglich. Aber als sie eines Abends am Bett des fiebernden Mädchens saß und überdachte, daß all ihre schönen Pläne gescheitert waren, kamen ihr auf einmal eigennützige Gedanken. Wenn Rosemarie stürbe, würde alles, was jetzt ihr gehört, mein Eigentum werden und das meines Sohnes.

Einen Moment stieg heiß und leidenschaftlich der Wunsch in ihr auf, daß dies junge Leben verlöschen möchte.

Die sündhaft verlangenden Gedanken bahnten sich weitere andere Wege. »Nein, nein, Rosemarie soll nicht sterben. Es braucht ja auch nicht zu sein. Sie mag ruhig am Leben bleiben. Nur heiraten darf sie nicht, damit nicht ein fremder Mensch Herr über Waldeck wird. Wenn sie unvermählt bleibt, dann wird es mir ein leichtes sein, die Herrschaft hier in den Händen zu behalten — und später könnte dann Heinz an meine Stelle treten. Er müßte Landwirt werden und würde dann statt meiner hier herrschen. Rosemarie wird sich willenlos in alles finden.« Sie starrte düster vor sich hin. Wenn die Erbin eines Tages heiratete, dann mußte sie wohl mit ihrem Sohne ihr Bündel schnüren und Waldeck verlassen. Dann hatte sie umsonst ihre besten Jahre geopfert, hatte umsonst geschafft und gearbeitet und ihre Kräfte nutzlos vergeudet.

Und immer fester setzte sich bei ihr der Gedanke, daß Rosemarie unvermählt bleiben müsse. Sie war in der Wahl ihrer Mittel, ihr Ziel zu erreichen, durchaus nicht mehr wählerisch.

Nachdem sie sich erst in Gedanken alles zurechtgelegt hatte, ging sie unverzüglich an die Ausführung ihres Planes. Vor allem benutzte sie fortan Rosemaries Krankheit und ihren elenden, gebrochenen Zustand, um die ersten Schritte zur Verwirklichung ihres Planes zu tun.

Der alte Dorfarzt, der ganz tüchtig in seinem Fach war und in der ganzen Umgegend auch bei den Gutsbesitzern praktizierte, hatte bei Rosemarie einen Bronchialkatarrh konstatiert.

Als er am nächsten Morgen kam, ließ ihn Frau v. Ribnitz in ihr Arbeitszimmer bitten. Dort sagte sie mit allen Zeichen einer inneren Aufregung: »Mein lieber Herr Doktor, ich muß Ihnen gegenüber endlich einmal meinem bedrückten Herzen Luft machen. Ich bin vor Angst und Sorge um Rosemarie ganz elend. Vermutlich wissen Sie doch, daß Rosemaries Mutter lungenleidend war und daß sie sicher auch ohne den schrecklichen Unfall ein frühes Ende gefunden hätte?«

Der alte Arzt sah sie ganz erstaunt an und schüttelte den Kopf. »Nein, gnädige Frau, davon weiß ich nichts. Frau v. Waldeck lungenkrank? Davon habe ich nie etwas bemerkt. Ich habe sie stets für kerngesund gehalten, und meine Hilfe hat sie niemals in Anspruch genommen.«

Frau v. Ribnitz seufzte bekümmert auf. »Und doch war sie lungenleidend, schon seit ihrer Mädchenzeit. Sie hielt es nur stets geheim, es sollte niemand darum wissen. Ich glaubte nur, Sie als Arzt seien eingeweiht. Aber nun sehe ich, daß auch Sie nichts davon wußten. Meine Schwester hat sich wohl nur auf ihren Reisen fremden Ärzten anvertraut. Sie war in diesem Punkt sehr empfindlich und litt auch nie, daß ich mit ihr darüber sprach. Vor allem wollte sie nie etwas von Schonung hören.«

Der Arzt schüttelte ganz konsterniert den Kopf.

»Sie sehen mich ganz fassungslos, meine gnädigste Frau. Wie gesagt, in Behandlung habe ich Ihre Frau Schwester nie gehabt, aber — ich habe sie doch oft gesehen, und nie ist mir etwas an ihr aufgefallen, das mich auf den Gedanken hätte bringen können, daß sie ein so schweres Leiden mit sich herumtrüge. Man hat wohl Fälle, daß Lungenkranke scheinbar wohl aussehen — aber immerhin — — hm! hm! Können Sie mir Näheres über diese Krankheit berichten?«

Herta v. Ribnitz strich sich nervös über die Stirn.

»Meine Schwester bekam als junges Mädchen eine schwere Lungenentzündung. Infolge derselben stellte der Arzt beginnende Tuberkulose fest. Meine Schwester mußte darauf einen Winter nach Italien gehen, meine Mutter begleitete sie. Ich las heute morgen in alten Briefen und fand auch darunter einen meiner Mutter, den sie mir damals aus Italien schrieb. Ihre sorgenvollen Worte haben mich außerordentlich beunruhigt. Rosemarie hustete diese Nacht so schrecklich, wie ich es damals von meiner Schwester oft hörte. Ich hielt es also für meine Pflicht, Ihnen das zu sagen.«

Der Arzt wurde sehr nachdenklich. Sein harmloses Gemüt ahnte nicht, daß Frau v. Ribnitz absichtlich die Unwahrheit sprach. An ihrer Erzählung war nur einiges wahr. Maria v. Waldeck hatte allerdings als junges Mädchen eine leichte Lungenentzündung gehabt. Diese war jedoch völlig ausgeheilt, und nur auf Wunsch ihrer überängstlichen Eltern war sie einige Wintermonate im Süden gewesen. Maria v. Waldeck war aber kerngesund gewesen, als sie sich verheiratete.

Der alte Arzt mußte natürlich Frau v. Ribnitz glauben.

Und nun zeigte ihm Herta auch noch eine Stelle aus dem Brief ihrer Mutter. Dort hieß es: »Du kannst dir denken, meine liebe Herta, daß meine Sorge um die Lunge Marias mich nicht zum Genuß all der Schönheiten um uns her gelangen läßt.«

Herta hatte diesen Brief mit Absicht für den Arzt zurechtgelegt. Und diese Worte einer überängstlichen Mutter mußten dem alten Arzt natürlich zu denken geben.

»Unter diesen Umständen ist natürlich dem Bronchialkatarrh unserer jungen Patientin eine größere Bedeutung beizumessen, und wir müssen doppelt vorsichtig sein. Es ist gut, daß Sie mir diese Angelegenheit anvertrauten, gnädige Frau. Ich werde die Patientin heute noch einmal mit doppelter Gründlichkeit untersuchen, und wir müssen auch in Zukunft sehr vorsichtig sein«, sagte er.

Frau v. Ribnitz seufzte tief auf. »Ich sorge mich namenlos um das Kind, lieber Herr Doktor.«

»Nun, nun, das ist wohl verständlich, auch ohne daß wir etwas Schlimmes anzunehmen brauchen.«

Rosemarie wurde nun sehr gewissenhaft untersucht. Der Arzt fand aber nichts als einen starken Katarrh der Luftwege. Er beruhigte Frau v. Ribnitz, nahm jedoch den Zustand selbstverständlich ernster als zuvor und verlangte größte Vorsicht und Schonung.

Frau v. Ribnitz erzählte nun allen, die es hören wollten, daß sie in schrecklicher Angst und Sorge um Rosemarie sei und sehr fürchten müsse, daß diese durch ihre Mutter erblich belastet sei.

Durch halbversteckte, vielsagende Bemerkungen verriet sie mehr als durch bestimmte Äußerungen. Und bald war es in der ganzen Umgegend bekannt — Rosemarie v. Waldeck habe von ihrer Mutter ein Lungenleiden geerbt und müsse ängstlich geschont werden.

Aber da war einer, der sich nicht davon überzeugen lassen wollte, daß Maria v. Waldeck lungenkrank gewesen sein sollte. Das war Jobst v. Steinau, Rosemaries Vormund. Der lachte Herta v. Ribnitz einfach aus, als sie ihm dies Märchen auftischte.

»Meine liebe Frau Herta, Sie sehen Gespenster. Ihre Frau Schwester war ja ein Bild blühender Gesundheit. Sie war unermüdlich in jedem Sport und immer frisch und froh. Nein, nein — wenn sie wirklich jemals krank gewesen ist —, solange ich sie kenne, war sie gesund.«

Er ließ sich nicht überzeugen. Herta v. Ribnitz lag aber sehr viel daran, gerade den Vormund zu ihrer Überzeugung zu bringen. Als er daher wieder eines Tages in Waldeck war, legte sie ihm einen Brief vor.

»Bitte, lesen Sie das, lieber Herr v. Steinau. Ich habe an den damaligen Arzt meiner Schwester, Dr. Soltau, geschrieben und ihn gebeten, mir zu bescheinigen, welcher Art der Zustand meiner Schwester kurz vor ihrer Verheiratung war. Da haben Sie die Antwort.«

Und Jobst v. Steinau las den Brief Dr. Soltaus, und dieser bestätigte, daß Maria v. Haßbach, die spätere Frau v. Waldeck, nach einer Lungenentzündung tuberkulös erkrankt sei.

Diesen Beweis mußte Jobst v. Steinau allerdings gelten lassen, und er war sehr erschüttert. Keine Ahnung kam ihm, daß Frau v. Ribnitz ein falsches Spiel trieb und — daß es auch gefälschte Briefe gibt. Er war von ihrer Ehrenhaftigkeit so fest überzeugt, wie es auch Ernst v. Waldeck gewesen war, und traute ihr keinen falschen Gedanken zu, viel weniger einen Betrug.

Rosemarie genas von ihrem Katarrh, und langsam verwand sie auch den niederdrückenden Kummer um den Vater. Sie kam aber nach ihrer Genesung mit niemand mehr zusammen als mit der Familie ihres Vormundes und Tante und Vetter.

Und Tante Herta brachte ihr schonungsvoll bei, daß sie ein äußerst ruhiges, zurückgezogenes Leben führen und sich von allem fernhalten müsse, damit sie das schlimme Erbe der Mutter nicht antrete.

Rosemarie nahm das zunächst ziemlich gleichgültig auf. Sie war noch in einem apathischen Zustand. Je kräftiger sie sich dann aber fühlte, desto peinigender wurde ihr die ängstliche Sorgfalt der Tante.

So vergingen die Jahre. Rosemarie begann manchmal gegen den fürsorglichen Zwang der Tante zu revoltieren und berief sich darauf, daß der Arzt noch nichts Bedenkliches an ihrem Zustand fand. Da sagte Frau v. Ribnitz seufzend, auf den alten Dorfarzt könne man sich nicht recht verlassen und sie bestehe darauf, daß man in Berlin einen berühmten Arzt für Lungenleiden konsultiere.

Rosemarie war viel zu froh, einmal einen Ausflug in die Welt unternehmen zu können, als daß sie sich gesträubt hätte.

Sie reisten also nach Berlin. Der berühmte Arzt untersuchte Rosemarie und hatte dann eine Unterredung mit Frau v. Ribnitz unter vier Augen.

Als sie wieder heimreisten, zeigte sich Frau v. Ribnitz äußerst niedergedrückt und weinte. Sie umarmte Rosemarie liebevoll und strich ihr zärtlich die Wangen. Das junge Mädchen wurde ganz nervös.

»So sag' mir doch, Tante, was der Arzt über meinen Zustand gesagt hat. Er tat mir gegenüber ganz sorglos, aber ich merke dir doch an, daß er dir etwas Schlimmes gesagt hat.«

Diese seufzte und preßte das Tuch an die Augen. Aber dann richtete sie sich wie entschlossen auf.

»Ja, Kind — du sollst es hören, es ist besser, du weißt alles. Also — vorläufig ist dein Zustand noch nicht besorgniserregend, wenn sich auch ganz leise Anzeichen gefunden haben, daß deine Lunge nicht ganz gesund ist, wenigstens, daß die Veranlagung zu einem ernsten Leiden vorhanden ist. Aber du kannst und wirst trotzdem ein hohes Alter erreichen, wenn du immer vorsichtig bist und dich schonst wie bisher. Nur eins ist ausgeschlossen — du darfst dich niemals verheiraten, sonst mußt du jung sterben. Und nicht wahr, mein geliebtes Kind, das ist ja nicht schlimm. So viele Frauen heiraten nicht und fühlen sich doch glücklich. Und die Ehe ist nicht immer ein Glück, das habe ich selbst erfahren müssen. Und da du leider nicht hübsch bist, würde ja ein Mann, der dich begehrte, es nur deines Reichtums wegen tun. Nicht wahr, du bist vernünftig und grämst dich nicht darum. Wir bleiben in Waldeck behaglich zusammen, und du läßt dich von mir weiter hegen und pflegen. Ich ertrüge es nicht, meine liebe Rosemarie, wenn du mir auch noch genommen würdest.«

Rosemarie hatte noch nie an eine Heirat gedacht. Sie wußte ja, daß sie kränklich und häßlich sei, und es war auch noch nie ein junger Mann in ihr Leben getreten, der einen Wunsch nach Vereinigung in ihr erweckt hatte. So war sie von den Worten der Tante nicht sonderlich erschüttert worden, und nur der Gedanke an die ewige Schonung war ihr gräßlich.

»Das ist ja nicht so schlimm, daß ich nicht heiraten darf, Tante Herta, ich hätte es auch ohnedies nicht getan. Ich weiß ja, daß ich häßlich bin. Wenn ich mich nur nicht immer schonen müßte, dann sollte mich das andere wenig verdrießen. Du kannst ganz ruhig sein, ich heirate nie«, sagte sie ziemlich ruhig.

Herta v. Ribnitz war zufrieden mit der Wirkung ihrer Worte.

Seit dieser Reise nach Berlin waren fast zwei Jahre vergangen. Rosemarie war nun inzwischen einundzwanzig Jahre alt und mündig geworden. Nominell war sie unumschränkte Herrin von Waldeck und über ihr Vermögen. Aber in Wirklichkeit war Herta v. Ribnitz die Herrscherin über alles und wurde von den Untergebenen als solche angesehen und respektiert.

Heinz v. Ribnitz besuchte schon seit Jahren das Gymnasium einer benachbarten größeren Stadt und kam nur in den Ferien nach Hause. Er sollte auf Wunsch seiner Mutter später Landwirt werden.

Und Rosemarie lebte stille Jahre. Ihr gesundes Naturell bäumte sich mehr und mehr gegen den Zwang auf, den man ihr auferlegte, und verleitete sie dazu, heimlich, ohne Tante Hertas Wissen, ihre jungen Kräfte zu regen und anzustrengen. Und das bewahrte sie vor einem kraftlosen Verblühen und Welken.

Sobald sie sich allein wußte, nahm sie im instinktiven Drange allerlei Leibesübungen vor, die ihr Tante Herta in übertrieben ängstlicher Besorgnis untersagte. Sie lief und kletterte wie ein Eichhörnchen, ohne darauf zu achten, ob sie sich dabei erhitze. Sie ruderte sogar heimlich. Der Park war auf der einen Seite von einem Fluß begrenzt. Dort lag an einem schmalen Steg ein hübsches, schlankes Ruderboot. Bei sehr warmem, sonnigem Wetter durfte Heinz seine Kusine zuweilen ein Weilchen spazierenfahren. Rosemarie mußte dann aber, in warme Tücher eingehüllt, stillsitzen. Das gefiel ihr wenig. Aber wenn sie Tante Herta abwesend oder beschäftigt wußte oder sonst niemand in der Nähe war, der sie verraten konnte, kettete sie das Boot los, sprang hinein und ruderte mit einem Frohgefühl ohnegleichen kraftvoll und geschmeidig flußaufwärts. Ach, wie war sie glücklich in solchen Stunden gestohlener Jugendlust. Dann fühlte sie sich gesund und frei und mochte nicht denken an Krankheit und ängstliche Schonung.

Wie grausam Herta v. Ribnitz gegen das Kind ihrer Schwester war, kam ihr selbst gar nicht so recht zum Bewußtsein. Soweit es nicht ihre Pläne kreuzte, gönnte sie Rosemarie alles Gute. Die Hauptsache war ihr, daß diese unvermählt blieb. Sie sorgte außerdem dafür, daß Rosemarie immer so unvorteilhaft wie möglich gekleidet war, damit sie niemand begehrenswert erschien.

Rosemarie war so ziemlich gleichgültig gegen ihr Äußeres geworden und hatte sich drein gefunden, häßlich zu sein. Auch war sie fest entschlossen, niemals zu heiraten. Sie kam ja auch fast gar nicht mit jungen Herren in Berührung, und ihr Sinn war kindlich unberührt geblieben. Ihr Herz hatte sich noch in keiner Weise geregt.

Doch vor einigen Wochen hatte sie mit einem jungen Manne eine Begegnung gehabt, die sie seltsam berührte. Niemand wußte darum.

Sie war eines Morgens, als Tante Herta auf die Felder hinausgeritten war, wie ein junges Füllen, das sich der Fesseln ledig fühlt, durch den einsamen Park gestürmt und hatte am Fluß das Boot losgekettet. Sich der gewonnenen Freiheit freuend, war sie bis über Waldecker Gebiet hinaus gerudert. Gewöhnlich machte sie halt an der Stelle, wo der Fluß eine starke Biegung macht. Dort ruhte sie oft eine Weile aus und sah nach Schloß Teklenburg hinüber. Das war einst das schönste und stolzeste Schloß in der Umgegend gewesen. Jetzt lag es aber unbewohnt und verwahrlost und die Wirtschaftsgebäude daneben waren baufällig und verfallen.

Rosemarie konnte das Schloß nie ohne eine leise Wehmut betrachten. Da drüben hatten einst liebe Freunde ihrer Eltern gewohnt. Das Schloß gehörte noch dem jungen Freiherrn Henner v. Teklenburg, der aber schon lange nicht mehr nach Hause gekommen war.

Sie konnte sich noch sehr gut des jungen Freiherrn erinnern. Er war, als ihr Vater noch lebte, oft in Waldeck zu Gast gewesen, und sein sonniges Wesen hatte manchen Lichtblick in das traurige Dasein des Kranken gebracht.

Der junge Freiherr hatte Teklenburg als stark zusammengeschmolzenen und wenig einträglichen Besitz von seinem Vater geerbt. Aber trotzdem seine Vermögensverhältnisse sehr ungünstig waren, hatte er stets einen frohen Sinn. Henner war Offizier bei den Gardedragonern, und er dachte nicht daran, seinen Abschied zu nehmen, um den Rest seines Besitzes selbst zu verwalten. Er sah das Nutzlose des Beginnens ein.

Das stolze Schloß verfiel mehr und mehr, denn es fehlte an Kapital, es instand zu halten.

Wenn Henner auf Urlaub daheim war, weilte er täglich in Waldeck. Oft holte er sich Rat und Hilfe bei Rosemaries Vater, wenn es einmal gar nicht mehr weitergehen wollte. Ein großer Teil der Teklenburgschen Wälder und Felder war von Herrn v. Waldeck gekauft worden, weil sie Henner nicht mehr halten konnte.

Rosemarie erinnerte sich noch deutlich einer kleinen Szene aus den letzten Lebenstagen ihres Vaters. Sie hatte neben ihm gesessen und mit ihm geplaudert, als Henner gemeldet wurde und eintrat. Rosemarie hatte bleiben dürfen.

Henner v. Teklenburg hatte sich lächelnd einen Sessel herbeigerückt. Rosemarie sah ihn noch vor sich in seiner schlanken Größe. Er zählte damals wohl fünfundzwanzig Jahre. Halb lachend, halb seufzend hatte er zu dem Vater gesagt:

»Ich bin einmal wieder auf Urlaub gekommen, um Geld flüssig zu machen, Herr v. Waldeck. Weiß Gott, ich liege so krumm wie möglich, aber meine jammervollen Einkünfte werden immer geringer. Wenn das so weitergeht, muß ich wahrhaftig eines Tages in den sauren Apfel beißen und mich nach einer reichen Frau umsehen, damit Teklenburg nicht vollends verkommt. Dann nehme ich meinen Abschied und fange an, wieder aufzubauen. Man hängt doch mit allen Fasern an der Heimat — an der Scholle, wenn man auf dem Lande großgeworden ist.«

»Es wäre ja jammerschade, lieber Henner, wenn Teklenburg noch mehr herunterkäme. Also will ich Ihnen wünschen, daß Sie bald eine reiche Frau finden, die Ihnen aus allen Nöten hilft«, hatte der Vater geantwortet.

Henner hatte gelacht. »So schnell wird das nicht gehen, Herr v. Waldeck, denn es wird nicht leicht sein für mich, eine passende Frau zu finden. Sie muß nicht nur reich sein, sondern auch hübsch, so hübsch, daß ich mich mit gutem Willen in sie verlieben kann. Denn ohne dies tue ich's nicht. Zuwider darf sie mir nicht sein, denn ein ehrlicher Mensch will ich bleiben.«

Rosemarie hatte mit großen Augen zugehört, und er hatte sie neckend ein wenig an ihrem dicken Hängezopf gezogen und von etwas anderem gesprochen.

Als er dann gegangen war, hatte Herr v. Waldeck seine müde Hand auf Rosemaries Kopf gelegt und hatte gesagt:

»Henner ist ein prachtvoller Kerl, ein wahrer Ritter ohne Furcht und Tadel. Das wäre mal ein Schwiegersohn nach meinem Herzen, trotz seiner Armut. Gelt, Rosemarie, dir gefällt er auch?«

Kindlich lächelnd hatte sie genickt. »O ja, ich mag ihn gern leiden, du bist immer froh, wenn er hier ist. Und er hat so gute, lustige Augen.«

»Ja, trotzdem es ihm wahrlich nicht sehr gut geht, läßt er sich nicht unterkriegen. Na — wer weiß, wie sich noch alles fügt.«

Und an diese Unterredung, die in ihrer Erinnerung haftengeblieben war, mußte sie an jenem sonnigen Frühlingstag denken, da sie in ihrem Boote an der Flußbiegung rastete und nach Schloß Teklenburg hinüberschaute. Und ihre Gedanken beschäftigten sich weiter mit Henner und mit dem, was sie seither von ihm gehört hatte. Wiedergesehen hatte sie ihn nicht seit der Beerdigung ihres Vaters, zu der er extra auf wenige Stunden aus der Residenz gekommen war.

Jobst v. Steinau, ihr Vormund, der ebenfalls mit Henners Vater befreundet gewesen, brachte zuweilen Kunde von ihm nach Waldeck.

Henner v. Teklenburg hatte sich, etwa zwei Jahre nach dem Tode ihres Vaters, mit einer jungen Dame verlobt. Er hatte sich in das sehr schöne junge Mädchen heftig verliebt, ohne zu wissen, wer sie war. Erst nachdem er sie einige Male gesehen, war es ihm endlich gelungen, sich ihr vorstellen zu lassen. Und da erst hatte er erfahren, daß Alice v. Sternfeld die Tochter eines neugeadelten Großindustriellen war, dessen Reichtum überall bekannt war.

Henner hatte sich sofort um Alice beworben. Er hatte sie wahrhaft geliebt und war sehr glücklich gewesen, daß sie sich seinen Bewerbungen gegenüber nicht ablehnend verhielt.

Da ihr neugeadelter Vater dringend eine Verbindung seiner einzigen Tochter mit einem Mann aus altem Adelsgeschlecht wünschte, begünstigte er die Bewerbung des jungen Freiherrn, dessen Geschlecht zu den ältesten des Landes gehörte.

Alice v. Sternfeld fand Henner ganz sympathisch und fügte sich ohne Widerstreben dem Wunsche des Vaters, ohne indes ihrem Verlobten eine so heiße Liebe entgegenzubringen, wie er für sie empfand.

Das Gerücht von Henners Verlobung mit einer Millionenerbin machte damals in den heimatlichen Kreisen viel Aufsehen.

Schon sollte mit der Renovierung von Schloß Teklenburg begonnen werden. Henner gehörte nicht viel mehr von dem Erbe seiner Väter als das Schloß, der schöne alte Park mit dem prachtvollen Baumbestand und einige Acker, die er verpachtet hatte. Alles andere hatte er nach und nach verkaufen müssen, da ihm niemand den zusammengeschmolzenen Besitz beleihen wollte. Auf die Rückerwerbung des Grundbesitzes legte sein zukünftiger Schwiegervater durchaus kein Gewicht, da Henner auf Wunsch seiner Braut Offizier bleiben sollte. Aber das feudale alte Schloß sollte im alten Glanze erstehen, und außerdem sollten die alten Wirtschaftsgebäude abgetragen und nur eine neue Stellung für Pferde und Wagen und eine Automobilgarage aufgebaut werden. Herr v. Sternfeld hatte bereits einen Architekten nach Teklenburg geschickt und ihn beauftragt, Pläne und einen Kostenanschlag zu machen. Auch diese Nachricht verbreitete sich schnell in der ganzen Umgegend. Aber kaum war der Architekt von Teklenburg wieder abgereist, da tauchte ein neues Gerücht auf, das sich bald zur Wahrheit bestätigte.

Henners Verlobung mit Alice v. Sternfeld war von ihm selbst gelöst worden. Zugleich hatte er ein Duell gehabt mit seinem Freund und Kameraden Herrn v. Simar. Alice v. Sternfeld hatte ihren Verlobten hintergangen und heimliche Zusammenkünfte mit Herrn v. Simar gehabt. Henner hatte sie in einer gravierenden Situation in den Armen seines besten Freundes überrascht, und es war zu einem Eklat gekommen. Im Duell hatten sich dann die beiden Freunde gegenübergestanden, und Henner hatte dem Zerstörer seines Glückes in die linke Schulter geschossen, so daß dessen linker Arm für alle Zeit gelähmt blieb. Er selbst war unversehrt geblieben und erhielt nur eine kurze Festungshaft.

Dieses Erlebnis mußte einen tiefen und schlimmen Eindruck auf ihn gemacht haben. Nach Verbüßung seiner Festungshaft hatte er seinen Abschied vom Militär genommen und ein wildes, tolles Leben begonnen, ohne auf das vernünftige Zureden seiner Bekannten zu achten. Seine Liebe zu Alice Sternfeld mußte sehr stark und tief gewesen sein, und zugleich war er von einer tiefen Bitterkeit erfüllt wegen der Untreue seines Freundes. Man sagte, er sei ein völlig anderer Mensch geworden und führe ein ganz unsinniges, zügelloses Leben, um seinen Groll und Schmerz zu betäuben. Das Leben schien allen Wert für ihn verloren zu haben. Wie von aller Vernunft verlassen, wirtschaftete er drauflos und vergeudete mit vollen Händen, was ihm noch geblieben war. Er verschleuderte die letzten Äcker, um Geld in die Hände zu bekommen, und dann ließ er alle noch vorhandenen alten Möbel aus Schloß Teklenburg verkaufen. Zuletzt begann er gar, den herrlichen alten Park abzuholzen. Er ruhte nicht eher, bis er völlig ruiniert war.

Vor einigen Wochen hatte Rosemarie gehört, wie Jobst v. Steinau zu ihrer Tante gesagt hatte:

»Nun ist Henner Teklenburg zu Ende mit seinem Latein. Jetzt hat er nichts mehr, was er zu Gelde machen kann, denn für das verwahrloste Schloß und die verfallenen Wirtschaftsgebäude gibt ihm niemand einen Heller. Ich bin doch gespannt, ob er nun endlich wieder zur Vernunft kommt. Schade um ihn — er war trotz allem ein Prachtmensch. Aber er hat sich selbst verloren — weil ihm ein Weib und sein Freund die Treue brachen. Es kann einem das Herz umdrehen. Man hat den Prachtkerl doch aufwachsen sehen und hat seine Freude an ihm gehabt. Was bleibt ihm nun noch? Er geht vor die Hunde. Entweder muß er nun hinüber über den großen Teich — oder — «

Jobst v. Steinau hatte eine bezeichnende Gebärde gemacht, als wenn er eine Pistole an die Stirn setzte.

Da hatte Rosemarie plötzlich einen stechenden Schmerz in ihrem Innern empfunden. Sie hatte im Geiste Henner wieder vor sich gesehen, so wie er damals mit ihrem Vater sprach. Und es tat ihr nun etwas im Herzen weh bei dem Gedanken an ihn, den ihr Vater so geliebt hatte. Und die Worte, die der Vater damals zu ihr gesprochen, klangen ihr im Ohr: »Das wäre mal ein Schwiegersohn nach meinem Herzen, trotz seiner Armut. Gelt, Rosemarie, dir gefällt er auch?«

Ganz betrübt war Rosemarie geworden, daß Henner sich nun selbst ins Verderben gestürzt hatte. Sie konnte sich gar nicht von dem Gedanken losreißen. Wie unglücklich mußte er sein über die Untreue seiner Braut, daß er sich in seinem Gram sein ganzes Leben zerstörte und sich wie ein Unsinniger zu betäuben suchte.

Rosemarie begann plötzlich mit Vorliebe Romane zu lesen, die sie bisher nicht geliebt hatte. Tante Herta hatte ihr auch diese Lektüre verboten. Aber an dies Verbot hielt sie sich nun nicht mehr. Sie verschaffte sich die Bücher heimlich aus der Bibliothek, und sie las sie, wenn sie allein in ihren Zimmern oder auf ihrem Lieblingsplätzchen im Geäst des Lindenbaumes saß.

Und sie begann über das Wesen der Liebe nachzudenken.

Mit Vorliebe ruderte sie nun auf dem Flusse so weit, bis sie Schloß Teklenburg liegen sah. Und dann träumte sie, sie sähe dort Henner an der Seite einer schönen jungen Frau, und sie hörte wieder sein warmes, lustiges Lachen.

So saß sie auch an jenem Frühlingstage in ihrem Boot und sah träumerisch nach Schloß Teklenburg hinüber. Und plötzlich schrak sie aus ihren Träumen empor. Sie hörte dicht neben sich das Aufschlagen eines anderen Ruders und erblickte ein altes, verwittertes Boot. In diesem Boote aber saß ein schlanker Mann im Anfang der dreißiger Jahre. Er hatte ein scharfgeschnittenes, schmales Gesicht mit düsteren Augen.

Rosemarie war noch nie jemand bei ihren heimlichen Ruderausflügen auf dem Fluß begegnet. Aber das alte verwitterte Boot kannte sie. Es lag sonst da drüben an dem schmalen, verfallenen Steg. Und als sie dem Insassen des Bootes in das finstere Gesicht sah, zuckte sie wie in jähem Schmerz zusammen. Dieses trotzig verbitterte Gesicht hatte sie einst froh und in sonniger Heiterkeit vor sich gesehen. Sie wußte nicht, weshalb ihr dieser Anblick so wehe tat. Aber unwillkürlich entfuhr ein Ausruf ihren Lippen: »Henner v. Teklenburg!«

Da blickte der Mann in dem Boote auf, in Rosemaries vor Überraschung gerötetes Gesicht. Er hielt einen Augenblick die Ruder an und richtete sich empor.

»Ah — das ist das kastanienbraune Haar, das ich in Waldeck oft in den Händen gehalten habe. Ich kenne es an der aparten Schattierung. Also Fräulein Rosemarie! Kind — es lohnt sich nicht, meine Bekanntschaft aufzufrischen. Du tust besser, mir weit aus dem Wege zu gehen. Ich bin ein wilder Gesell geworden, einer — dem nichts mehr heilig ist. Um deines Vaters willen, den ich einst geliebt — geh mir weit aus dem Wege!«

So rief er mit schneidender Schärfe. Und dann setzte er wieder die Ruder mit trotziger Wildheit ein, daß das Wasser hoch aufspritzte. Und wie ein Pfeil flog das Boot davon, nach der von Waldeck entgegengesetzten Richtung zu.

Rosemarie saß wie erstarrt und sah ihm mit weit geöffneten Augen nach. Und das Herz tat ihr noch viel weher als zuvor.

Zu Hause erwähnte sie natürlich kein Wort von dieser Begegnung. Es wußte ja niemand, daß sie auf dem Flusse gerudert hatte. Aber auch ohnedies hätte sie nicht davon sprechen können.

Einige Tage später saß sie vormittags gegen elf Uhr auf ihrem Lieblingsplatz in der Lindenkrone — und dachte an Henner Teklenburg. Und da erblickte sie einen Reiter auf dem schmalen Weg, der draußen am Park vorüberführte. Es war der, an den sie eben gedacht hatte.

Auch heute saß er mit dem trotzig verächtlichen Gesichtsausdruck von neulich auf seinem Pferd — es war sein letzter Besitz — und sah finster vor sich hin.

Rosemarie wagte nicht, sich zu rühren, damit er sie nicht entdeckte. Sie hielt sogar den Atem an, bis er vorüber war. Aber dann neigte sie sich vor und folgte ihm mit den Augen.

Sooft sie nun konnte, saß sie um diese Zeit wartend in der Lindenkrone. Noch einige Male kam er um dieselbe Zeit auf seinem Pferde vorüber. Zuweilen im wildesten Tempo, aber manchmal ließ er das Pferd auch gehen, wie es wollte. Einmal hielt er eine ganze Weile gedankenlos in ihrer Nähe und starrte vor sich hin, während sein Pferd an einem Baumstamm schnupperte. Und da hörte sie einen tiefen, schweren Seufzer aus seiner Brust emporsteigen.

Rosemarie war zumute, als fühle sie sein ganzes Unglück mit ihm. Es gab nun plötzlich für sie einen Menschen auf der Welt, für den sie ein brennendes Interesse empfand, um dessen Wohl sie sich sorgte, wie um ihr eigenes, nach dessen Anblick sie sich sehnte und der ihr das Blut schneller durch die Adern trieb. In diesen Tagen erwachte Rosemarie, ohne daß es ein Mensch ahnte, aus ihrem Schattendasein zum warmen, vollen Leben. Ihre junge Seele streifte die kindliche Gleichgültigkeit und Unbefangenheit ab und reifte zu der eines jungen Weibes.

Wie im Traum ging sie umher und lebte mit ihren Gedanken in einer ganz anderen Welt als bisher.

Jobst v. Steinau hatte es vor kurzer Zeit erst als Neuigkeit nach Waldeck gebracht, daß Henner v. Teklenburg in sein verfallendes Schloß heimgekehrt war. Dort hause er wie ein Einsiedler mit seinem Diener, der schon als Bursche während seiner Offizierszeit in seinen Diensten gestanden hatte und der ihm anscheinend auch jetzt im Unglück treulich anhänge.

Jobst v. Steinau hatte, sobald er von Henners Rückkehr vernommen, ihn aufsuchen und ein ernstes, vernünftiges Wort mit ihm sprechen wollen.

»Der Bursche behauptete aber, sein Herr empfange keine Besuche und wolle niemand sehen. Wie ich trotzdem in den Bau eindringen wollte, verstellte mir der Bursche den Weg wie eine Mauer, und ich glaube, er hätte mich in aller Ehrfurcht und Bescheidenheit glatt an die Luft gesetzt, wenn ich nicht freiwillig gegangen wäre.«

So sagte Herr v. Steinau halb lachend, halb ärgerlich.

Auch heute saß Rosemarie erwartungsvoll auf ihrem Wachtposten. Und auch heute kam er wieder den einsamen Weg entlang geritten.

Ganz langsam schritt das Pferd aus und knabberte hier und da an einem Grashalm. Die Zügel ruhten lässig in Henners Hand, und er achtete, in Gedanken verloren, kaum auf das Tier.

Rosemarie sah ihm nach, soweit sie sehen konnte. Fast hätte sie dabei auf ihrem luftigen Sitz das Gleichgewicht verloren. Darüber erschrak sie und erwachte aus ihren Träumen.

»Wenn ich ihm doch helfen könnte — ach, wenn ich ihm doch helfen könnte!«

So dachte sie mit schmerzlicher Inbrunst. Sie wußte nicht, daß das, was sie für Henner empfand, Liebe war. All ihre Gedanken umkreisten mit einer unbeschreiblichen Innigkeit und Inbrunst seine Person. Sie empfand tiefen Schmerz darüber, ihn leiden zu sehen, und hätte willig und ohne Zaudern das schwerste Opfer gebracht, um ihn wieder froh zu machen und ihm aus seiner drückenden Lage zu helfen.

In tiefes, schmerzliches Sinnen verloren, stieg sie von ihrem Sitz herab und ging langsam durch den Park nach dem Herrenhause von Waldeck zurück.

Das war ein imposanter, schloßähnlicher Bau mit weit ausgedehnten Seitenflügeln und einem hochstrebenden Mittelbau, zu dessen Portal eine Freitreppe emporführte.

Die Wirtschaftsgebäude lagen etwas abseits, hinter den Bäumen versteckt. Aber man hörte fleißiges Hantieren und laute Zurufe der Knechte und Mägde herüberschallen.

Als Rosemarie die Freitreppe emporsteigen wollte, kam Frau v. Ribnitz gerade auf ihrem Pferde durch das Tor an der Parkmauer geritten und rief sie an. Rosemarie wartete, bis die Tante herbeikam. Aber es lag kein freudiger Ausdruck auf ihrem Gesicht. Noch ehe Herta v. Ribnitz vor Rosemarie anhielt, kam der Stallknecht herbeigelaufen und half ihr vom Pferde.

Schnell war sie an der Seite des jungen Mädchens und umfaßte zärtlich ihre schlanke Gestalt.

»Warst du im Park, Herzkind? Hast du dir auch nicht zuviel zugemutet? Du siehst blaß aus. Fühlst du dich auch ganz wohl?«

So drang sie besorgt in Rosemarie.

Diese atmete lief auf, wie ein Mensch, der wieder eine schwere Bürde aufnehmen muß, die er eine Weile abgelegt hatte.

»Ich bin ganz wohl, Tante Herta«, sagte sie monoton, wie einen auswendig gelernten, oft wiederholten Spruch.

»Und wo ist Heinz? Hat er dir nicht Gesellschaft geleistet?«

»Doch, bis vor kurzer Zeit. Jetzt arbeitet er an seinen Ferienaufgaben.«

»Ja, richtig. Nun, das muß auch sein. Komm, geh mit hinein und ruhe dich ein wenig.«

Als Tante Herta sie nun, sorglich und zärtlich auf sie einsprechend, ins Haus führte, preßte Rosemarie die Lippen aufeinander.

Sie war froh, als ihnen in der Vorhalle Heinz entgegenkam. Er war für heute mit seinen Arbeiten fertig.

Seine Mutter sah mit aufleuchtenden Augen auf den hübschen schlanken Jüngling. Er war ihr sehr ähnlich und zu ihrer innigen Befriedigung hatte er auch nichts von dem leichtsinnigen Charakter seines Vaters geerbt. Er war schon jetzt ein fleißiger, gewissenhafter Mensch, der ernst und eifrig an seiner Ausbildung arbeitete.

Heinz liebte seine Mutter herzlich und erblickte in ihr ein leuchtendes Vorbild aller Vortrefflichkeit und Ehrenhaftigkeit. Froh begrüßte er sie, und ihre Augen strahlten mit heißer Zärtlichkeit in die seinen.

»Nun stehe ich dir wieder zur Verfügung, Rosemarie«, sagte er zu seiner Kusine, nachdem er die Mutter begrüßt hatte. »Wollen wir wieder in den Park hinausgehen? Soll ich dich ein wenig auf den Fluß hinausrudern?«

Rosemarie schüttelte schnell den Kopf. Sie wollte nicht, daß sie etwa in Heinzes Gesellschaft Henner Teklenburg begegne.

»Nein, Heinz, laß uns lieber ein wenig musizieren.«

»Gut, wie du willst, Rosemarie.«

»Aber strenge dich ja nicht zu sehr an, mein Herzkind, hörst du!« ermahnte Frau v. Ribnitz.

Rosemaries Augen blickten matt und erloschen, und ihr Mund zuckte nervös.

»Nein, nein — keine Sorge«, erwiderte sie seufzend. »Wie soll ich mich denn dabei anstrengen?«

»Ach, Kind, du wirst so leicht nervös. Bei deinem Zustand kann man nicht vorsichtig genug sein.«

Rosemarie wollte etwas erwidern. Aber dann hielt sie es doch zurück und preßte die Lippen fest aufeinander.

Stumm ging sie neben Heinz in das Musikzimmer, während Frau v. Ribnitz zu ihren Zimmern hinaufstieg, um sich umzukleiden.

Rosemarie nahm am Flügel Platz und begann ein Vorspiel. Sie spielte sehr schön und beseelt. Heinz nahm inzwischen seine Violine zur Hand.

Er spielte oft und gern mit Rosemarie. Sie begleitete ihn sehr verständnisvoll. Und so verging ihnen jetzt eine Stunde in angenehmster Beschäftigung.

* *

*

Henner v. Teklenburg hatte keine Ahnung, daß ihm Rosemarie v. Waldeck ein so brennendes Interesse entgegenbrachte und ihn oft heimlich im Vorüberreiten beobachtete.

Er wählte zu seinen Ausritten den stillen Waldweg, der an der Waldecker Parkmauer vorüberführte, weil dieser, wie er wußte, meist menschenleer war. Sah er ja einmal von ferne jemand auftauchen, dann ritt er schnell quer durch das Unterholz in den dichten Wald hinein, um einer Begegnung zu entgehen. Er vermied jedes Zusammentreffen mit Leuten, die ihn kannten. Er wollte nicht mit Fragen nach seinem Ergehen behelligt werden.

Die wenigen Worte, die er in verbissener Ironie aus seinem verwitterten Boote Rosemarie v. Waldeck zugerufen hatte, waren die einzigen, die er, außer mit seinem Burschen, mit einem Menschen gesprochen hatte, seit er vor drei Wochen nach Teklenburg zurückgekehrt war.

Er bedauerte diese Heimkehr zuweilen heftig. Was wollte er noch hier, wo ihn alles daran erinnerte, wie glücklich und froh er früher, trotz seiner bescheidenen Verhältnisse, gewesen war! Wollte er sich davon überzeugen, wie heruntergekommen und verwahrlost der Sitz seiner Väter war? Wollte er den abgeholzten Park wie eine stumme und doch beredte Anklage auf sich wirken lassen? Wäre es nicht besser gewesen, er hätte sich diesen qualvollen Anblick erspart?

Er wußte selber keine Antwort auf diese Fragen zu geben. Endlich, als der letzte Rest seines Besitzes vergeudet war, wich der Rausch plötzlich von ihm: Mit tiefem Ekel vor sich und seinem sinnlosen Treiben sah er um sich. Ein fürchterliches Gefühl der Selbstverachtung schüttelte ihn und brachte ihn zur Erkenntnis, wie weit er sich selbst verloren hatte.

Und in dieser Erkenntnis hatte er die Pistole vor sich hingelegt, um ein Ende zu machen. Er mochte nicht mehr den schalen Rest des Lebens ertragen.

Aber in dieser Stunde — dem dunklen Nichts gegenüber — kam es plötzlich wie heiße Sehnsucht nach der verlorenen Heimat über ihn. Er wollte sie abwehren, ihr nicht nachgeben. Was sollte ihm noch dieses weichliche, erschlaffende Gefühl?

Doch sie ließ ihn nicht los, diese Sehnsucht. Und schließlich sagte er sich mit bitterer, höhnischer Ironie:

»Eine Kugel kann ich mir auch dort durch den Kopf jagen, wo ich geboren bin. Und da man mich doch in der Gruft in dem verwahrlosten Schloß meiner Väter bestatten wird, so spare ich den Menschen die Mühe, mich als Leiche dorthin zu befördern.«

So hatte er sich entschlossen, die Heimat noch einmal wiederzusehen und dort zu sterben, um seinem verfehlten Leben ein Ende zu machen.

Er hatte die Pistole wieder fortgelegt und dann nach seinem Burschen gerufen, der ihm seit seiner Militärzeit treu und ergeben anhing.

»Kulitz, packen Sie meine Sachen — alles, was noch mir gehört. Und rechnen Sie mit der Wirtin ab. Ich reise nach Teklenburg. Das eine meiner Pferde, den ›Harras‹, bringen Sie heute noch zu Baron Seidlitz. Ich habe ihn verkauft. Da liegt das Geld — dreitausend Mark. Nehmen Sie davon, was Sie brauchen, um die letzten kleinen Rechnungen zu bezahlen. Mein anderes Pferd soll mit nach Teklenburg gehen.«

Henner dachte daran, daß ihn sein Lieblingspferd ›Sleipner‹ noch einmal durch die verlorenen heimatlichen Wälder tragen sollte, ehe er der Welt Valet sagte.

Kulitz sah seinen Herrn mit großen, ernsten Augen an.

»Zu Befehl, gnädiger Herr.«

Henner nickte. »Und noch etwas, Kulitz — wenn Sie mir ›Sleipner‹ nach Teklenburg geschafft haben, dann — dann müssen Sie sich nach einer anderen Stellung umsehen — ich habe kein Geld mehr, einen Diener zu bezahlen. Das ist alles, was ich noch besitze — und ich habe nun gar nichts mehr zu verkaufen.«

Kulitz blickte seinen Herrn unverwandt an, und nur in seinen Augen schien Leben zu sein. Das starkknochige, derbe Gesicht mit der vorspringenden Stirn und dem breiten, energischen Kinn schien unbewegt.

»Gnädiger Herr verzeihen — aber ich bleibe immer beim gnädigen Herrn«, erwiderte er ruhig.

Henner fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

»Mensch — es geht doch nicht, wir müssen uns trennen. Ich bleibe nur kurze Zeit in Teklenburg, dann — ja — dann trete ich eine große Reise an — wahrscheinlich über den großen Teich. Einen Diener kann ich da nicht gebrauchen — da werde ich mich ohne einen solchen behelfen müssen.«

Kulitz blieb ruhig wie zuvor.

»Ohne mich werden der gnädige Herr doch nicht fertig.«

»Ich werde es lernen müssen, Kulitz. Und — ich kann ja wahrscheinlich kaum für mich die Überfahrt bezahlen. Also bleiben Sie hier, ich werde Sie einem meiner Bekannten warm empfehlen.«

Kulitz schüttelte den Kopf.

»Es nutzt nichts, gnädiger Herr werden mich nicht los. Die Überfahrt kann ich für mich selbst bezahlen und behalte auch noch etwas übrig für die erste Not. Gnädiger Herr haben mich bisher so gut bezahlt.«

Henner warf sich aufatmend in einen Sessel.

»Guter Kerl — Sie dürfen mich nicht weich machen mit Ihrer treuen Anhänglichkeit, das kann ich jetzt gar nicht gebrauchen. Was denken Sie sich nur? Das geht doch nicht. Wenn diese drei braunen Lappen fort sind, gibt es nichts mehr zu holen bei mir. Was wollen Sie denn bei einem Herrn, der am Hungertuche nagt?«

»Mithungern! Das kann ich besser als der gnädige Herr. Und arbeiten kann ich auch — zur Not für zweie — bis der gnädige Herr da drüben mal festen Fuß gefaßt hat. Gnädiger Herr dürfen mich nicht fortjagen, ich sorge mich sonst zuschanden. Und ich bitte sehr, daß ich mit nach Teklenburg und dann mit nach Amerika darf.«

Henner sah in das ernste, treuherzige Gesicht des Burschen, und in seinen Augen schimmerte es seltsam.

»Was haben Sie denn davon, wenn ich Ihnen das erlaube, Kulitz?«

»Die Freude, daß ich meinem gnädigen Herrn nützlich sein kann.«

Henner seufzte düster auf. »Das ist verdammt wenig, mein Sohn. Sie sollten sich lieber nach einer besseren Stelle umsehen.«

In Kulitz' Gesicht zuckte es. »Gnädiger Herr können mich fortjagen — aber freiwillig gehe ich nicht, solange ich noch hoffen kann, nützlich zu sein. Ohne meinen gnädigen Herrn säße ich wahrscheinlich auf Lebenszeit im Loch. Gnädiger Herr haben doch nicht vergessen — ich weiß, was ich gnädigem Herrn zu danken habe. Wenn mich mein Herr Leutnant damals nicht beim Schlafittchen gepackt hätte, als ich mich auf den Unteroffizier Harms stürzen wollte — ich hätte ihm den Schädel eingeschlagen, weil er mich so drangsaliert hatte und mich auch noch um meine Ehre und Reputation bringen wollte. Da hat mich aber mein Herr Leutnant, als ich vorstürzen wollte, beim Kragen gepackt und mich festgehalten und hat mich angeschnauzt, ganz laut: Kerl, paß doch auf, du stolperst mir ja über meine Stiefel. Hast du keine Augen im Kopfe? — Und leise hat mir mein Herr Leutnant zugeflüstert: Ruhig Blut, Kulitz — Sie machen sich unglücklich. — Und da bin ich zu mir gekommen und der Unteroffizier Harms hat nichts sagen können. Und mein Herr Leutnant hat dann herausgebracht, daß nicht ich, sondern ein anderer auf meiner Stube gestohlen hatte, und meinen ehrlichen Namen wiederhergestellt. Und zu alledem hat mich dann mein Herr Leutnant noch als seinen Burschen angestellt, trotzdem ich damals noch ein ungeschickter Tolpatsch war, und hat mich gut gehalten und mir so viel vertraut. Und wenn ich alle guten Zeiten bei meinem gnädigen Herrn genossen habe, so will ich nun auch die schlechten Zeiten mit ihm durchmachen, damit ich endlich meine Dankbarkeit und Ergebenheit beweisen kann.«

Henner hatten diese vor heimlicher Erregung zitternden Worte seines Burschen seltsam berührt in der Zerrissenheit seines Empfindens. Das war doch noch e i n Mensch, der ihm mit Treue anhing. Er brachte es nicht über sich, Kulitz schroff abzuweisen. Mochte er denn mit ihm nach Teklenburg gehen und bei ihm bleiben, bis er den Schlußstrich unter sein Leben zog. So würde wenigstens eine treue Hand ihm die Augen zudrücken, wenn alles vorüber war. Er hatte Kulitz die Hand gereicht. Die höhnische Ironie war einen Augenblick aus seinem Antlitz verschwunden. Es lag eine gewisse Rührung darin ausgeprägt.

»Guter, braver Kerl! Ich habe es gewußt, daß Sie ein Mensch sind, der zu schade war, daß man ihn ins Elend taumeln ließ, deshalb hielt ich Sie damals fest — ich wollte, mich hätte auch mal einer so festgehalten. Aber Ihre Dankbarkeit haben Sie mir schon oft bewiesen — Sie sind mir nichts schuldig. Da Sie mich aber durchaus nicht allein lassen wollen — nun — mag es sein. Ich glaube selbst, daß ich mich schlecht ohne Sie behelfen könnte. Also — ordnen Sie alles, Kulitz, da liegt Geld. Der eine braune Lappen wird wohl hier für Miete und kleine Rechnungen aufgehen. Und dann schaffen Sie die Pferde fort — ›Sleipner‹ zur Bahn, daß er nach Teklenburg verladen wird. Morgen früh will ich abreisen.«

Kulitz strahlte über das ganze Gesicht.

»Zu Befehl, gnädiger Herr, es wird alles besorgt.«

Und so war Henner am nächsten Tag nach Teklenburg gereist. Seit drei Wochen weilte er nun hier, ohne bisher sein schlimmes Vorhaben auszuführen.

Als er heute von seinem Ausritt nach Hause kam, sah er Kulitz, wie schon während der ganzen Wochen, emsig arbeiten. Er hatte mit großem Eifer das kleine Stück Gartenland, das sich zwischen das Schloß und die verfallenen Wirtschaftsgebäude schob, bebaut. Allerlei nützliche Küchengewächse hatte er gepflanzt. Da er ein gelernter Gärtner war, ging ihm das schnell von der Hand. Jetzt stand er mit einer ziemlich verrosteten und verbeulten Gießkanne, die er irgendwo in einem Winkel gefunden hatte, und gab seinen Gewächsen Wasser.

Henner v. Teklenburg hatte ihm gleich in den ersten Tagen gesagt:

»Lassen Sie doch diese unnütze Arbeit, Kulitz, es hat doch keinen Zweck.«

Kulitz hatte stramm gestanden. »Zu Befehl, gnädiger Herr, aber es ist so schade um die gute, fette Erde. Hier wächst beinahe alles von allein. Es macht mir Freude — und ich habe sonst hier so viel freie Zeit.«

»Na schön — dann amüsieren Sie sich damit«, hatte Henner erwidert.

Als er nun mit ›Sleipner‹ vor dem Schloß hielt, kam Kulitz schnell herbei, um ›Sleipner‹ in Empfang zu nehmen. Da die ehemaligen Stallungen ganz verfallen waren, hatte Kulitz für ›Sleipner‹ im Schloß selbst ein großes Parterrezimmer als Stall eingerichtet.

»Sie graben ja schon wieder aus Leibeskräften in Ihrem sogenannten Garten, Kulitz«, sagte Henner spöttisch und verbissen.

Kulitz nickte mit zufriedenem Gesicht. »Gnädiger Herr wissen gar nicht, wie reich Sie noch sind. Wir brauchten gar nicht nach Amerika auszuwandern. Das Stückchen Erde, was Ihnen noch gehört, wollte ich bald zu einer Gärtnerei umwandeln. Das Parkland gäbe eine feine Baumschule, und hier würde ich gutes Gemüse ziehen und allerlei Blumen. Das könnte man in der nächsten Stadt gut zu Geld machen. Ich habe auch einen Stamm Hühner gekauft drüben auf der Waldecker Vorwerksmeierei. Die fressen alle Abfälle, und der gnädige Herr kann nun frische Eier haben.«

Kulitz hatte bisher alle Lebensmittel für seinen Herrn und sich und auch das Futter für ›Sleipner‹ auf der Meierei oder im Dorfe gekauft, ohne sich mit jemand in ein Gespräch einzulassen. So neugierig ihn die Menschen auch ausforschen wollten, er sprach kein Wort mehr, als nötig war.

Kulitz hatte in dem fast leerstehenden Schloß einige Zimmer ganz wohnlich für seinen Herrn eingerichtet. In allen Ecken und Winkeln war er herumgeklettert, um noch einige brauchbare Möbel aufzutreiben. Bis zum Speicher hinauf hatte er alles durchsucht. Vergessene und verstaubte Gegenstände hatte er ans Licht gezogen und tagelang geputzt und gescheuert, geleimt und genagelt, bis sie wieder gebrauchsfähig waren. Und so hatte er schließlich zu dem einfachen Schlafzimmer noch einige andere Räume für seinen Herrn eingerichtet und auch für sich ein wohnliches Kämmerchen und sogar eine Küche instand gesetzt.

Henner hatte ihn ruhig gewähren lassen. Er merkte wohl, daß ihm Kulitz die Heimat behaglich machen wollte, um ihn von dem Vorsatz, nach Amerika auszuwandern, abzubringen. Es rührte ihn immer wieder, wie unverdrossen sich Kulitz für ihn mühte.

Überhaupt — etwas wie Ruhe und Frieden war über ihn gekommen, seit er wieder Heimatluft atmete. Sein verstörtes Wesen fiel manchmal von ihm ab wie eine Krankheit, und er war oft sehr weich gestimmt. Es kam oft wie eine Erschlaffung über ihn und damit das Gefühl der Reue, daß er sein Leben in verbissenem Trotz gegen das Schicksal selbst zerstört hatte. Und in dieser Reaktion seiner Empfindungen hatte er bisher gezögert, seinen Vorsatz, sich zu erschießen, auszuführen. Er ließ Tag um Tag vergehen und sagte sich immer wieder: Es hat noch Zeit — morgen wirst du es tun.

Daß es geschehen mußte, stand bei ihm fest.

Jetzt hatte er Kulitz gedankenverloren zugehört. Nun richtete er sich auf. »Also, ich bin noch reich nach Ihrer Ansicht, Kulitz?«

»Jawohl, gnädiger Herr.«

»Nun, dann haben Sie sicher eine andere Ansicht von Reichtum als ich. Zählen Sie doch mal meine Reichtümer auf«, forderte er ironisch.

Kulitz streichelte ›Sleipners‹ Mähne. »Da ist zuerst das Schloß, gnädiger Herr. Wenn es auch leer und nicht recht imstand ist, Sie haben doch darin eine feste Wohnung. Und da ist ›Sleipner‹ — ein gutes, tüchtiges Pferd, das gut ein paar tausend Mark wert ist. Dann ein Stück Gartenland. Und eine Menge gute Anzüge und feine Wäsche. Brennholz für den Winter liegt massenhaft auf dem Speicher. Und außerdem liegen in der Kasse, die der gnädige Herr mir anvertraut haben, noch bare eintausendvierhundertundachtzig Mark. Soviel Geld habe ich nie in meinem Leben besessen. Wenn das, was der gnädige Herr besitzen, mir gehörte, dann würde ich mich einen reichen Mann nennen. Und wenn der gnädige Herr nur wollten — ich schaffte noch eine Kuh und ein Schwein an und schaffte hier eine Gärtnerei — da könnten der gnädige Herr so bescheiden wie jetzt ganz in Ruhe hier weiterleben. Wer weiß, wie es in Amerika ist. Da soll es auch nicht mehr soweit her sein wie früher, wo die Leute alle mit einem großen Vermögen wieder heimkamen.«

Henner hörte zu, wie man dem unverständigen Plaudern eines Kindes lauscht, das weltfremde Ansichten hat. Wie er sich wohl selbst vorkommen würde in dem Idyll, das Kulitz ihm da vormalte?

Ein düsteres Feuer flammte plötzlich in feinen stahlblauen Augen auf, und feine Mundwinkel zogen sich herb und verächtlich herab. Jetzt wurde es Zeit, daß er ein Ende machte, sonst verlor er noch die letzte trotzige Kraft und ließ sich von Kulitz das ländliche Idyll immer verführerischer ausmalen. Nein — so weit durfte es nicht mit ihm kommen, daß er sich gewissermaßen von seinem Diener erhalten ließ.

Er wandte sich plötzlich jäh ab und ging schnell durch eine schmale Seitenpforte ins Schloß. Das große Mittelportal benutzte er nie. Die hohe, weite Vorhalle war so gespenstisch leer und kalt, und er mochte sie nicht betreten. Er eilte in seine Zimmer und sah nicht den besorgten Blick, den ihm der treue Kulitz nachwarf. In seinem Zimmer angekommen, warf er sich, gleich im Reitanzug, ohne die Reitpeitsche fortzulegen, auf einen Diwan. Der war mit einer etwas verblichenen, aber sicher einst sehr kostbaren Decke verhüllt, die Kulitz aufgestöbert hatte.

Mit leeren, brennenden Augen sah sich Henner im Zimmer um. Kulitz nannte diesen Raum sein »Arbeitszimmer«. Henner erschien das wie ein Hohn auf sein untätiges Leben.

Höhnisch sah er auf seine vornehmen, schlanken Aristokratenhände herab. Was hatten sie bisher Großes geleistet? Ein Pferd zügeln — und Geld in alle Winde streuen. Nichtstuerhände!

Finster flog sein Blick wieder im Zimmer umher. Am Fenster stand ein alter Schreibtisch aus Eichenholz. Kulitz hatte die Platte neu mit einem Stück Tuch überzogen, das nur wenig verschossen war. Das Möbel sah noch ganz anständig aus. Davor stand ein Sessel, dessen Lehne Kulitz geleimt hatte. Mitten durch das geschnitzte Wappen der Freiherren v. Teklenburg ging der Riß. Und der Sitz war mit etwas brüchigem Leder bezogen.

Neben dem Diwan stand ein Bücherschrank, an dem die Glasfenster freilich fehlten. Kulitz hatte sie durch einen Vorhang ersetzt aus gemustertem Seidenstoff, den er von einer alten Portière abgeschnitten und gesäubert hatte. In diesem Bücherschrank standen die wenigen Bücher, die sich noch in Henners Besitz gefunden hatten.

Mitten im Zimmer ein achteckiger Tisch aus Eichenholz, mit schwerer Platte und einem stabilen, etwas plumpen Untergestell — einige Stühle, die nicht zusammengehörten, ein kleines Rauchschränkchen und eine bankartige Truhe, auf der sogar ein Kissen lag, vervollständigten die Einrichtung dieses ziemlich großen Zimmers. Und an den Fenstern hingen verblichene Damastgardinen mit ehemals vergoldeten Holzfransen.

Mit einem höhnischen Blick maß Henner diese Einrichtung. Ähnlich wie dies Zimmer war auch sein Schlafzimmer und das sogenannte Speisezimmer ausgestattet. Beim ersten flüchtigen Blick sah alles ganz behaglich aus. Aber Henners Augen blickten kritisch darauf hin. Sausend ließ er plötzlich die Reitpeitsche durch die Luft schneiden.

»Lumpenkram!«

Dies Wort stieß er verächtlich, mit schneidender Schärfe hervor.

Und dann warf er die Reitpeitsche auf den Boden und sprang mit einem Satz empor. Seine Zähne bissen sich fest aufeinander und in den Augen flammte eine düstere Entschlossenheit.

»Machen wir ein Ende«, sagte er ruhiger, und setzte sich an seinen Schreibtisch.

Ohne sich zu besinnen, ergriff er die Feder und schrieb mit seiner großen energischen Schrift auf einen Bogen Papier:

»Mein letzter Wille!

Schloß Teklenburg vermache ich dem Fiskus mit der Bitte, es als Erholungsheim für unbemittelte Kranke oder zu ähnlichen wohltätigen Zwecken zu benutzen. Alles, was sonst noch mir gehört, hinterlasse ich meinem treuen Diener Friedrich Karl Kulitz zum freien Eigentum, mit der Bestimmung, daß er mich in einem schlichten Sarge in der Gruft von Schloß Teklenburg zur ewigen Ruhe bestattet.

Teklenburg, den 15. Juni 1911.

Georg Henner, Freiherr v. Teklenburg. Einer, der sich selbst verlor.«

Dann warf er die Feder fort und zog das Mittelfach seines Schreibtisches auf. Dem entnahm er seinen eleganten Pistolenkasten, in dem zwei vollständig geladene und schußfertige Pistolen ruhten.

Ohne zu zögern, ergriff er die eine der beiden Waffen und setzte sie an die Schläfe. Er drückte ab.

Aber die Pistole versagte.

Nervös und unmutig ließ er die Hand sinken und sah die Waffe genau an. Woran lag es, daß sie nicht funktionierte? Da entdeckte er, daß sie nicht mehr geladen war.

Schnell nahm er die andere heraus und prüfte sie. Auch diese war entladen. — Betroffen und gereizt blickte er darauf nieder. Er wußte genau, daß er selbst beide Pistolen geladen und schußfertig in den Kasten gelegt hatte, gleich am Tage seiner Ankunft in Teklenburg. Seit der Zeit hatte er sie freilich nicht mehr berührt.

Mit einem jähen Ruck sprang er empor. Er besaß keine Ladung mehr, das wußte er. Im ganzen Hause war keine Kugel mehr aufzutreiben. Er war ja so sicher gewesen, daß er nicht mehr als eine Kugel jemals brauchen würde. Nur gewohnheitsmäßig hatte er jede Pistole mit sechs Kugeln geladen. Wo aber waren diese zwölf Kugeln geblieben?

Mit blassem, von Grimm entstelltem Gesicht starrte er auf die Waffen herab. Und dann riß er plötzlich die Tür auf und rief nach Kulitz.

Wie ein wütender Aufschrei klang dieser Name von seinen Lippen.

Kulitz kam sofort herbei. Und als er eintrat, sah er seinen Herrn mit verstörtem, verzerrtem Gesicht mitten im Zimmer stehen, in jeder Hand eine der entladenen Pistolen. Sein ehrliches, gutmütiges Gesicht verfärbte sich, und seine Augen starrten mit einem seltsamen Ausdruck in das Gesicht seines Herrn.

»Gnädiger Herr befehlen!« stammelte er gewohnheitsgemäß.

»Kulitz — was ist mit meinen Pistolen geschehen? Sie waren beide geladen, ich weiß es. Und nun ist keine Kugel mehr drinnen. Das haben Sie getan?« stieß Henner mit heiserer Stimme in wilder Erregung hervor. Kulitz blieb unbewegt stehen, nur seine Hände zitterten ein wenig in der vorschriftsmäßig militärischen Haltung.

»Zu Befehl, gnädiger Herr — ja — das habe ich getan«, sagte er tonlos.

»Warum? Zu welchem Zweck?« rief Henner außer sich und so zornig, wie ihn Kulitz noch nie gesehen.

»Ich — ich habe damit wilde Kaninchen geschossen, die im Garten ihr Unwesen trieben.«

Henner lachte heiser und zornig auf. Er machte eine Bewegung, als wollte er sich in wildem Grimm auf Kulitz stürzen. Der zuckte aber mit keiner Wimper. Da hielt Henner an sich mit aller Kraft. Nur die Pistolen warf er mit einem halb unterdrückten Wutschrei auf den Boden, daß es krachte, und dann verschwand er, sich jäh umwendend, im Nebenzimmer. Krachend flog die Tür hinter ihm zu.

Kulitz lauschte mit blassem, angstvollem Gesicht hinüber. Dann hörte er, daß drüben das Bett in allen Fugen krachte, als wenn sich jemand in wildem Zorn darauf niederwarf. Und einzelne hervorgestoßene Zornesworte klangen noch undeutlich herüber. Kulitz atmete tief auf.

Dann hob er leise die Pistolen auf und legte sie wieder in den Kasten, der noch auf dem Schreibtisch stand. Er klappte ihn zu und stellte ihn in das Fach zurück.

Dabei gewahrte er das Schriftstück, das Henner vorhin geschrieben hatte.

Kulitz hatte noch niemals neugierig in den Briefschaften seines Herrn herumgeschnüffelt. Aber jetzt widerstand er der Versuchung nicht, zu lesen, was auf dem Briefblatt stand. Denn daß sein Herr eben erst geschrieben hatte, ehe er entdeckte, daß die Waffen entladen waren, merkte er an der achtlos hingeworfenen Feder.

Kulitz hatte die Waffen schon am Tage nach der Ankunft in Teklenburg entladen, und zwar nicht, um wilde Kaninchen zu schießen, sondern weil er ahnte, daß sein Herr mit Amerika ein anderes Land meinte, von dem es keine Wiederkehr gab. In treuer Sorge um seinen Herrn hatte er es getan, damit er sich kein Leid antun sollte.

Und nun er die wenigen Zeilen gelesen hatte, wußte er genau, daß jetzt die dunkle Stunde über seinen Herrn gekommen war. Er wischte sich hastig mit der verkehrten Hand über die Augen, die ihm feucht geworden waren.

Und dann schlich er wieder zur Tür und lauschte hinüber. Er hörte tiefe, erregte Atemzüge und ab und zu noch ein halb verklingendes zorniges Wort.

Da atmete er wieder auf und fuhr sich durch das Haar.

Es würde ja später ein hagelscharfes Donnerwetter auf ihn herniederprasseln, wenn sich der gnädige Herr erst wieder gefaßt und beruhigt hatte. Aber das wollte er gern in den Kauf nehmen. Für den Augenblick war die Gefahr beseitigt. Aber was dann? Würde sein Herr nicht bei nächster Gelegenheit ausführen, was er jetzt verhindert hatte? Und diesmal würde er sicher sorgen, daß Kulitz ihn nicht hindern konnte.

Was konnte er nur tun, um seinen gnädigen Herrn von seinem schlimmen Entschluß abzulenken? Er war ja nur ein Diener, ein schlichter Mensch, der keinerlei Einfluß auf seinen Herrn hatte. Und selbst wenn er sich ein Herz fassen wollte und einmal mit ihm redete, wie er es meinte — dann würde ihm sein Herr einfach den Mund verbieten.

Kulitz sann ehrlich bekümmert nach, was er wohl tun könnte, um seinen Herrn zur Vernunft zu bringen.

Und plötzlich kam ihm ein kühner Gedanke. Er zog hastig sein dickes Notizbuch hervor und entnahm diesem den Bleistift. Mit diesem Bleistift schrieb er, sich über den Schreibtisch neigend, unter seines Herrn letztwillige Verfügung:

»Mein gnädiger Herr hat mir am Tage, ehe wir nach Teklenburg reisten, gesagt: Ich wollte, mich hätte auch mal einer so festgehalten. Und daran hab' ich immer denken müssen. Und mein Herr Leutnant ist niemals nicht ein Feigling gewesen und wird es auch nie sein. Einmal, als ich beinahe eine schwere Dummheit gemacht hätte, vor der mich mein guter Herr Leutnant behütet hat, da hat er zu mir gesagt: Ein guter Soldat nimmt es mit allen Feinden auf, auch mit sich selber. Und mein gnädiger Herr wird deshalb auch den Kampf mit sich aufnehmen und sich nicht unterkriegen lassen. Es ist ja noch gar nicht so schlecht um meinen gnädigen Herrn bestellt, und es kommen gewiß auch wieder bessere Zeiten. Und ich bitte vielmals um Entschuldigung, weiß mir in meiner Angst um meinen gnädigen Herrn nur nicht mehr zu helfen.

Meines gnädigen Herrn treulich ergebener

Kulitz.«

Das war ein mühseliges Werk für den des Schreibens ungewohnten Menschen.

Er wischte sich mit seinem buntgewürfelten Taschentuch den Schweiß ab, als er fertig war, und atmete tief auf. Dann steckte er seinen Bleistift wieder zu sich und legte das Blatt Papier zu dem Pistolenkasten in das Schreibtischfach. Dann wollte er sich leise zum Gehen wenden. Aber in demselben Augenblick trat Henner hastig in das Zimmer. Er sah sehr blaß aus und hatte die Zähne fest aufeinander gebissen. In seinem Gesicht zuckte noch die Aufregung.

Scharf und forschend sah er Kulitz an.

»Wo sind die Pistolen?« fragte er schroff.

»Ich habe sie wieder in den Kasten gelegt, gnädiger Herr.«

Henner trat rasch an den Schreibtisch heran. Es war ihm eingefallen, daß er das Papier mit seinem letzten Willen offen hatte liegenlassen. Nun war es verschwunden.

»Hier lag ein beschriebener Briefbogen — wo ist der?« fragte er wieder sehr schroff.

»Bei dem Pistolenkasten, gnädiger Herr.«

Mit einem Ruck wandte sich Henner nach Kulitz um.

»Ich hoffe, Sie haben nicht gelesen, was ich aufgeschrieben hatte?« fragte er weiter, Kulitz scharf ansehend.

Dieser hielt seinem Blick ruhig stand.

»Doch, gnädiger Herr — ich habe es gelesen!«

»Kerl — was fällt Ihnen ein! Ist das eine Art, mir nachzuspüren? Gestehen Sie nur — die Pistolen haben Sie nicht auf wilde Kaninchen abgeschossen!«

Kulitz atmete tief auf.

»Gnädiger Herr haben recht — ich habe die Pistolen entladen — aus Angst —, daß gnädiger Herr — — ich war immer so in Sorge, daß gnädiger Herr noch weiter wollten — als nach Amerika. Und aus Angst und Sorge habe ich auch dies eine Mal etwas gelesen, was ich nicht hätte tun dürfen. Gnädiger Herr verzeihen mir — ich konnte nicht anders.«

Henner lachte ingrimmig auf. »Na — dann wissen Sie nun wenigstens, was Sie für ein Esel waren, daß Sie die Pistolen entladen haben. Sonst wären Sie nun nach Ihren Begriffen bereits ein reicher Mann«, sagte er höhnisch.

Kulitz schluckte einige Male. Dann sagte er leise: »Um solchen Preis mag ich nicht reich werden, gnädiger Herr. Ich bin auch so zufrieden, und wenn Sie mir nur gestatten wollen, daß ich hier alles weiter ein bisschen aufmuntern und in Ordnung bringen kann, dann können gnädiger Herr noch lange hier in Ruhe und Frieden leben und erst mal abwarten, ob nicht doch noch alles wieder gut werden kann.«

»Machen Sie, daß Sie hinauskommen!« rief Henner, noch immer schwer gereizt über die Vereitelung seines Vorsatzes.

Schweigend zog sich Kulitz zurück.

Henner warf sich, als er allein war, aufstöhnend in den Sessel vor dem Schreibtisch und vergrub das Gesicht in den Händen.

»So ein verwünschter Kerl! Herrgott noch mal — er läßt mich mit seiner verdammten Anhänglichkeit nicht einmal in Frieden sterben. Nun wäre längst alles vorbei — und ich hätte meine Ruhe. Was denkt sich der dumme Kerl nur?«

Trotz seines Zornes flog ihn plötzlich die erschlaffende Weichheit wieder an, die ihn schon einige Male in der Heimat überfallen hatte. Es begann ihn wider Willen zu rühren, daß Kulitz so in Angst und Sorge um ihn war.

Dummer Kerl! Hängt sein ehrliches Herz an einen Menschen, der es ihm nicht einmal dankt. Verzichtet lieber nobel auf die allerdings schäbige Erbschaft, dachte er weiter, und sich aufrichtend, zog er das Fach des Schreibtisches auf, um nachzusehen, ob seine Pistolen bei dem zornigen Hinwerfen nicht zu Schaden gekommen waren, denn auf seine selbstmörderischen Absichten hatte er durchaus nicht verzichtet.

Da kam ihm jedoch der Briefbogen mit seinem letzten Willen in die Hand. Und er erblickte das Bleistiftgekritzele unter seinen Worten.

Erstaunt las er, was Kulitz geschrieben hatte. Und es zuckte dabei sonderbar in seinem schmalen Gesicht. Zu seiner Rührung gesellte sich eine tiefe Beschämung.

Hatte dieser schlichte Mensch nicht recht, wenn er es eine Feigheit nannte, sich aus dem Leben zu stehlen? War es nicht ehrenhafter, wenn er den Kampf mit dem Leben aufnahm und in ehrlicher Arbeit zu sühnen suchte, was er sich selbst angetan hatte? Denn nur gegen sich selbst hatte er eine Schuld zu sühnen — anderen Menschen gegenüber war sein Gewissen rein. Nichts als die Furcht vor dem Leben zwang ihm die Pistole in die Hand. Und war solch eine Furcht nicht Feigheit?

Aber wie sollte er den Kampf mit dem Leben aufnehmen? Er hatte nicht übermäßig viel gelernt — wenigstens nichts, womit er sich eine neue Existenz gründen konnte. Und so, wie sich das Kulitz dachte, hier in Teklenburg, ging es ganz bestimmt nicht auf die Dauer. Als Offizier war er auch erledigt, weil er den nötigen Zuschuß nicht mehr aufbringen konnte. Also was dann? Landwirt werden? Dazu hätte er noch die meiste Lust gehabt, denn der Landwirt steckte ihm gewissermaßen im Blute. Aber ein Landwirt ohne eigene Scholle — konnte er sich damit eine erträgliche Existenz schaffen?

Oder sollte er wahrmachen, womit er nur gespielt, sollte er nach Amerika oder nach den Kolonien gehen?

Da war ihm aber, als hielt ihn plötzlich die Heimat mit tausend Banden fest. Er streckte die Arme aus.

Ach — nur noch einmal auf derselben Stelle stehen wie damals, als er zuletzt in der Heimat gewesen war, damals, als man da drüben Ernst v. Waldeck in die Gruft senkte. Der hatte ihn geliebt, dem hatte er alle Sorgen und Nöte anvertrauen können wie einem Vater. Und er hatte ihm so oft gesagt, er solle den Offizier an den Nagel hängen und zu Hause tüchtig drauflos wirtschaften. Er wollte ihm sogar Geld vorstrecken, daß er Teklenburg wieder hochbringen konnte. Aber damals war er noch so jung und sorglos leichtsinnig gewesen und hatte da draußen in der Welt nach einem großen, lachenden Glück gesucht.

Das glaubte er auch gefunden zu haben, in Alice Sternfeld. Tor, der er war!

Alles war dann in ihm und um ihn her zusammengebrochen, und wie ein Unsinniger hatte er gegen sich selbst gewütet, bis er sich pekuniär völlig vernichtet hatte. Nun war er ratlos und zerschmettert und — hatte sich feig aus dem Leben stehlen wollen. Wenn Ernst v. Waldeck noch am Leben wäre, er würde zu ihm gehen und ihn fragen, ob er in Waldeck als Eleve eintreten und sich zum Landwirt ausbilden dürfe, damit er vielleicht später eine Stelle als Verwalter annehmen konnte. Aber — lebte ihm nicht noch ein anderer alter Freund in der Heimat, an den er diese Frage richten konnte? War Jobst v. Steinau nicht auch seines Vaters Freund und auch der seine gewesen? Hatte er nicht auch schon versucht, zu ihm zu dringen?

Ob er zu Jobst v. Steinau ging?

So begann Henner v. Teklenburg zu grübeln und sich wieder, vorläufig noch wie ein Blinder, ins Leben zurückzutasten. Stundenlang saß er, mit aufgestütztem Haupte, und überlegte zum ersten Male ernstlich, ob es noch eine Lebensmöglichkeit für ihn gab.

Zu einem Endresultat kam er heute freilich nicht. Aber Kulitz hatte ihm ja gesagt, daß er noch lange hier in Ruhe und Frieden überlegen könne. Und wenn er es recht besah, diese Ruhe, dieser Frieden taten ihm wohl — so wohl, daß er sich nur gezwungen hatte, seinen Entschluß auszuführen und seinem Leben ein Ende zu machen.

Hastig barg er schließlich den Pistolenkasten in dem Schreibtisch und steckte den beschriebenen Briefbogen ebenfalls fort. Und dann erhob er sich, streckte die Arme weit von sich, als wollte er ihre Kraft prüfen, und ging im Zimmer auf und ab. Ein wunderliches Gefühl nahm Besitz von ihm. Er fühlte sich, als sei er einer großen Gefahr glücklich entronnen.

Dann klopfte es ganz schüchtern an die Tür. Auf Henners lauten Zuruf trat Kulitz ein.

»Gnädiger Herr — das Essen ist fertig, darf ich es auftragen?« fragte er, unsicher in das Gesicht seines Herrn sehend.

Henner sah ihm voll und groß in die Augen.

»Kulitz — kommen Sie einmal her zu mir«, sagte er mit bewegter Stimme.

Der Bursche trat näher.

»Befehl, Herr Leutnant«, sagte er, in der Erregung in die Gewohnheit seiner Burschenzeit verfallend.

Henner v. Teklenburg streckte seine Hand aus.

»So, Kulitz, nun geben Sie mir mal Ihre Hand.«

Mit einem hellen Aufblick wischte Kulitz hastig seine Hand an der blauen Schürze ab, die er zum Schutz über seinen Anzug trug, und legte sie in die seines Herrn.

»Gnädiger Herr!« rief er freudig.

Henner drückte kräftig seine Hand. »So, Kulitz — nun sind wir quitt. Diesmal haben Sie mich am ›Schlafittchen‹ genommen, wie Sie so schön sagen. Es ist allerdings nur bildlich geschehen — aber es hat dieselbe Wirkung gehabt, als wenn es wirklich der Fall gewesen wäre. Und — ich danke Ihnen, Sie sind eine gute, treue Seele. Nun sollen Sie aber außer Sorge sein. Jetzt w i l l ich den Kampf aufnehmen.«

Kulitz strahlte über das ganze Gesicht. »Gott sei Dank, gnädiger Herr! Ich wußte ja, daß es nur so ein Rumpelschuß war, der über den gnädigen Herrn gekommen war wie eine schlimme Krankheit. Nun wird schon alles wieder gut werden. Und — dann wollte ich auch bitten, daß der gnädige Herr nun essen. Ich habe ein junges Hähnchen gebraten.«

Es zuckte gerührt in Henners Gesicht.

»Na, und Sie, Kulitz? Was haben Sie denn zu essen heute mittag?«

»Gebratenen Speck und Kartoffeln — fein, gnädiger Herr.«

Henner sah ihn mit sonderbarem Ausdruck an.

»Daß Sie es für sich an nichts fehlen lassen, Kulitz! Lieber schränken Sie meinen Küchenzettel noch etwas ein. Es wäre mir schlecht gedient, wenn Sie von Kräften kommen.«

»Keine Sorge, gnädiger Herr, ich futtere schon ordentlich. Ist ja alles spottbillig hier. In der Stadt bezahlt man das alles drei- und vierfach.«

Henner ging nun in das »Speisezimmer« hinüber. Dort hatte Kulitz schon sauber den Tisch gedeckt und trug nun eifrig das von ihm bereitete Mahl auf. Dann zog er sich in die Küche zurück und machte sich mit einem Hochgefühl ohnegleichen über seine frugale Mahlzeit her. Der Speck duftete mit den Kartoffeln um die Wette. Henner saß drinnen an dem gedeckten Tisch, und obwohl er sich mit einem Gefühl daran niedergelassen hatte, als schnüre sich ihm die Kehle zu, bemerkte er zu seinem eigenen Erstaunen, daß er nur den ersten Bissen schwer hinunterbrachte. Nachher ging es viel besser, und er bekam Hunger und Appetit. Kulitz hatte ihm zu dem Hähnchen von den guten Kartoffeln und ganz jungen, zarten Blattsalat serviert.

Kulitz entwickelte täglich neue Talente. Ganz selbstverständlich hatte er auch das Amt eines Koches übernommen, seit sie in Teklenburg weilten. Und alles, was er zubereitete, war schmackhaft und gut, wenn auch nicht mit den Finessen eines perfekten Koches zubereitet.

Henner verzehrte das aufgetragene Mahl bis auf den letzten Bissen und wunderte sich, daß es ihm so gut schmeckte. Überhaupt, wenn er es sich so ruhig überlegte — das einfache, natürliche Leben, das er jetzt führte, bekam ihm außerordentlich. Er sehnte sich nicht nach dem sinnlosen, verschwenderischen Leben zurück, das er in den letzten Jahren geführt hatte. Wie von einem inneren Zwang, von einer törichten treibenden Wahnvorstellung befreit, kam er sich heute vor, nun er den Entschluß gefaßt hatte, zu leben und den Kampf ums Dasein aufzunehmen.

Wie er das machen wollte, darüber kam er heute nicht zur Klarheit.

* *

*

Gleich nach Tisch ging Henner v. Teklenburg durch den abgeholzten Park zum Flußufer hinüber. Mit finsteren Blicken sah er auf die zwischen wertlosem jungen Unterholz hervorleuchtenden Baumstümpfe. Da hatten früher herrliche, uralte Buchen und Eichen gestanden, die er hatte fällen lassen, um sie zu Gelde zu machen.

Wie sinnlos er in den letzten Jahren gewirtschaftet hatte — bis er ein Bettler geworden war, und alles nur, um sich zu betäuben, um die Treulosigkeit eines Weibes und eines falschen Freundes zu vergessen.

Heute zum ersten Male fragte er sich ernüchtert, ob es die beiden treulosen Menschen wert gewesen waren, daß er ihretwillen sein eigenes Leben so ganz zerstörte.

Der Gedanke an Alice Sternfeld hatte keine Macht mehr über ihn. Ihr Treubruch war verwunden, und er fühlte, daß er im Herzen fertig war mit ihr, für alle Zeit. Er konnte jetzt ohne Erregung daran denken, daß sie sich mit dem Freunde, der ihn betrogen, vermählt hatte. Dieser Gedanke hatte ihn oft halb sinnlos gemacht. Er fühlte, daß er auch von dem Gefühl tiefster Erbitterung und quälender Eifersucht genesen war. Mochten sie glücklich sein oder nicht — für ihn sollte das keine Bedeutung mehr haben. Er strich sie aus der Reihe der Menschen, die sein Schicksal noch berühren konnten in Gutem und Bösem.

Langsam ging er durch den geschändeten Park, der einst der Stolz der Teklenburgs gewesen war. Ein tiefes Bedauern erfaßte ihn beim Anblick der Baumstümpfe. Der Park erschien ihm wie ein Friedhof, die glatten Flächen der Baumstümpfe wie Leichensteine.

Wenn seine Eltern das hätten sehen müssen!

Er warf mit einem tiefen Atemzug den Kopf zurück.

»Nichts bereuen!« sagte er laut vor sich hin und zog den Mund herb zusammen.

»Reue ist ein schwächliches Gefühl — und ein unfruchtbares. Ich will keine Schwäche mehr Herr über mich werden lassen«, dachte er.

So kam er am Flußufer an. Er hatte mit seinem alten Boote ein Stündchen rudern wollen, um sich Bewegung zu schaffen. Aber nun ließ er sich zwischen dem Unterholze auf einen der Baumstümpfe nieder und sah gedankenverloren auf die flimmernden Sonnenstrahlen, die über das fließende Wasser huschten. Er befand sich an der Stelle, wo der Fluß ein Knie bildete, und so konnte er ihn nach beiden Seiten hin übersehen.

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