Kitabı oku: «Die Bettelprinzess»
Hedwig Courths-Mahler
Die Bettelprinzess
Saga
Die Bettelprinzess
Coverbild/Illustration: Shutterstock
Copyright © 1919, 2021 SAGA Egmont
Alle Rechte vorbehalten
ISBN: 9788726950229
1. E-Book-Ausgabe
Format: EPUB 3.0
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Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.
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Es war an einem regnerischen Sommerabend. Wie in Dunst und Nebel gehüllt lag das Thüringer Land. Von den Bäumen herab tropfte es noch nass und schwer.
Am Eingang des hübschen Dörfchens Bodenhausen, an der grossen Fahrstrasse, die vom Bahnhof nach dem Schlosse führte, das den gleichen Namen trug, lag der einzige Gasthof des Oertchens. In schwarzen Lettern prangte stolz an der Fassade: „Gasthof zur Weissen Taube“. Das konnte man selbst jetzt in der Dämmerung noch erkennen. Das Haus bot einen sauberen, freundlichen Anblick mit seinen weiss gestrichenen Wänden und grünen Fensterläden. Es lag inmitten eines grossen Gartens. Die eine Hälfte dieses Gartens war mit Tischen und Bänken versehen und zur Aufnahme von Gästen eingerichtet. Die andere Seite jedoch war mit Obstbäumen und Gemüse bepflanzt und stand dem Verkehr nicht offen.
Die „Weisse Taube“ gehörte der Witwe des früheren Besitzers, Frau Martha Schulz. Das war eine saubere, behende Frau, die ihrem Anwesen resolut vorstand und auf Ordnung und „Reputierlichkeit“ hielt, wie sie selbst zu sagen pflegte. In den letzten Jahren hatte sie sogar zuweilen Sommergäste im Hause, die es sich ein paar Wochen wohl sein liessen in der schönen, waldreichen Gegend. Und ausserdem kamen Sonntags wohl auch aus der zwei Stunden entfernten Stadt einige Ausflügler, die in der „Weissen Taube“ guten Kaffee und selbstgebackenen Kuchen verzehrten. Bei Frau Martha Schulz war alles gut, frisch und nicht teuer.
Es war einige Zeit, nachdem der letzte Zug die Station Bodenhausen passiert hatte, als sich dem noch unbeleuchteten Gasthof eine schlanke, junge Frau in Trauerkleidern näherte. Sie führte ein etwa fünfjähriges Kind an der Hand. Die Kleine schmiegte sich schlaftrunken an die Mutter.
„Ich bin so müde — so müde, liebe Mami,“ sagte sie schläfrig und gähnte herzhaft. Die schlanke Fraubeugte sich liebevoll herab und küsste die Kleine.
„Nur noch ein wenig Geduld, meine kleine Liselotte, gleich wirst du in einem weichen Bettchen liegen und Schlafen,“ sagte sie mit sanfter, wohllautender Stimme, in der es jedoch wie von unterdrückten Tränen zitterte.
Mutter und Kind betraten nun den noch dunklen Hausflur des Gasthofs. Kein Mensch war zu hören und zu sehen. Um diese Zeit war man in der „Weissen Taube“ nicht gewohnt, Gäste zu empfangen.
Unklar erkannte die junge Frau gleich neben dem Eingang eine Bank. Auf diese liess sie sich erschöpft nieder und nahm zärtlich beruhigend das müde Kind auf den Schoss. Es lehnte sein dunkles Lodenköpfchen, von dem der kleine Strohhut in den Nacken geglitten war, an die Schulter der Mutter und schlief sofort ein.
Die fremde Frau hatte, ehe sie sich setzte, mit ihrem Schirm auf die Bank geklopft, um jemand herbeizurufen. Das hörte Frau Martha Schulz, die eben im Gastzimmer die Lampen anzündete. Die etwa vierzigjährige, rundliche Frau mit dem frischen, gutmütigen Gesicht trug über einem sauberen Waschkleid eine breite, weisse Schürze, über der eine schwarze Ledertasche hing. Behende eilte sie hinaus in den Flur.
„Wer ist da?“ fragte sie, in dem Halbdunkel niemand erkennend.
„Verzeihen Sie, ich wollte nur fragen, ob ich bei Ihnen für einige Wochen ein bescheidenes Zimmer bekommen könnte. Mir wurde gesagt, dass Sie an Sommergäste vermieten,“ sagte die Fremde halblaut, um ihr schlafendes Kind nicht zu stören.
Ein wenig misstrauisch lief die Wirtin tiefer in den Flur hinein und öffnete eine Tür.
„Heinrich, stecke doch die Lampe im Flur an!“ rief sie hinein.
Heinrich, der Hausdiener, ein grosser, starker Bursche mit semmelblondem Haarschopf und frischem Gesicht, tat wie ihm geheissen. Der Schein der Lampe beleuchtete nun ein so liebliches, rührendes Bild, dass selbst der lange Heinrich ein Weilchen wie gebannt hinüber blickte. Auf der Bank sass eine blasse, aber schöne junge Frau, deren dunkelblaue Augen wie im tiefen Leid empor sahen. In ihren Armen hielt sie ein engelschönes, schlafendes Kind.
Dem langen Heinrich wurde so andächtig zumute, wie Sonntags in der Kirche. So etwas Schönes hatte er noch nie gesehen. Und Frau Martha wurde ganz seltsam weich ums Herz. Jede Spur von Misstrauen verflog sofort. Sie fühlte instinktiv, dass sie hier eine Unglückliche vor sich hatte, die wohl Mitleid, aber kein Misstrauen verdiente.
Tief aufatmend strich sie über ihre weisse Schürze.
„Jawohl, meine Dame, ein Zimmer können Sie bekommen. Es ist noch alles frei in diesem Jahre. Gleich lasse ich Ihnen das Giebelstübchen vorrichten, wenn es Ihnen gefällt. Ich habe freilich nur ganz schlichte Stübchen zu vermieten. Das Giebelstübchen hat die hübscheste Aussicht und liegt am ruhigsten Dort hören Sie vom Gasthofsbetrieb gar nichts.“
„Das ist mir lieb. Ich will auch nur ein einfaches Zimmer. Nur sauber und ruhig soll es sein.“
„Dann sehen Sie es sich bitte an, meine Dame. Heinrich, bring eine Lampe.“
Die Fremde erhob sich und Heinrich leuchtete voran.
Die resolute Frau Martha nahm der Fremden das schlafende Kind ab.
„Die Kleine ist zu schwer für Sie. Ich will sie tragen. Was ist das für ein schönes Kindchen, den reine Engel.“
Heinrich nickte, als müsse er das bestätigen.
„Ich hätte das Kind doch vom Bahnhof hierhertragen können,“ sagte er ein bisschen unbeholfen.
Die Fremde sah ihn freundlich an.
„Liselotte ist bis hierher gelaufen, nun war sie müde,“ sagte sie.
„Ach, Sie hätten den kleinen, molligen Plumpsack auch nicht so weit tragen können, meine Dame. Ist ja ein gut Stück Weg. Wenn ich gewusst hätte, dass Sie kamen, hätte ich freilich den Heinrich nach der Bahn geschickt. Wie fest die Kleine schläft.“
Heinrich sah prüfend von Mutter zu Kind.
„Das ist sicher eine vornehme Dame, trotz der einfachen Kleider. Sie ist noch zehnmal schöner als die Frau Baronin aus dem Schlosse, wenn sie sich auch nicht in Samt und Seide kleidet und einen Federhut trägt,“ dachte er bei sich.
Auch Frau Martha hegte ähnliche Gedanken, und sie fragte sich besorgt, ob der Fremden das schlichte Giebelstübchen nicht zu gering sein würde.
Heinrich öffnete jetzt eine Tür und beleuchtete ein freundliches, sauberes Zimmerchen. An der einen Wand stand ein Bett, ein Waschtisch und ein Kleiderschrank. Auf der gegenüberliegenden Seite befanden sich ein Diwan, eine Kommode, zwei Stühle und ein Kleiderhaken. Am Fenster stand ein Sessel mit einem kleinen runden Tisch und an der Rückwand neben der Tür ein grösserer Tisch und daneben ein Kofferständer.
Ueber dem Waschtisch hing ein Spiegel und über der Kommode ein Bild der Königin Luise. Das war die ganze Einrichtung. Aber über dem Bett lag eine blütenweisse Decke und an dem Fenster hingen ebenso saubere, hübsche Mullgardinen.
„Genügt Ihnen das Zimmer, meine Dame?“ fragte die Wirtin.
„Oh ja, es ist so freundlich und sauber. Wenn es nicht zu teuer ist, möchte ich es wohl mieten,“ antwortete die Fremde mit ihrer sanften, wohllautenden Stimme.
Sie wurden nun schnell handelseinig und die Wirtin legte das schlafende Kind sorgsam und sanft auf den Diwan.
Dann richtete sie selbst schnell das Bett, während Heinrich Wasch- und Trinkwasser herbeiholte. Ein Zimmermädchen gab es nicht in der „Weissen Taube“ und das Hausmädchen war mit der Köchin zusammen beschäftigt, Wäsche zu legen.
Frau Martha hätte es sich aber auch sonst nicht nehmen lassen, für das Behagen der Fremden zu sorgen.
Kaum eine halbe Stunde war vergangen, da lag die kleine Liselotte ausgekleidet und gewaschen in den weichen Kissen.
Die Fremde ging mit hinunter, um in dem noch völlig leeren Gastziminer ein einfaches Abendessen zu verzehren: Heinrich wurde inzwischen nach dem Bahnhof geschickt, um das Gepäck abzuholen.
Die Wirtin bediente die junge Frau selbst und plauderte freundlich mit ihr.
Sie erfuhr nun, dass sie Frau Maria Hochberg hiess und vor kurzem erst ihren Gatten durch den Tod verloren hatte. Maria Hochberg wollte ich einige Wochen in dem stillen friedlichen Dörfchen erholen und versuchen, ihr Leid zu verwinden. Sie stand mit ihrem Kinde ganz allein im Leben und gestand ganz offen, dass sie nur ein sehr kleines Vermögen besass. Sobald sie sich erholt und gekräftigt habe, müsse sie für sich und ihr Kind arbeiten, sagte sie. Ihre bisherige Wohnung habe sie aufgegeben und die Möbel verkauft, um einige tausend Mark in den Händen zu haben. Aber sie habe als Mädchen ihr Brot durch allerlei Malereien auf kunstgewerblichen Gegenständen verdient und wollte dies auch in Zukunft tun. Nur müsse sie erst wieder fähig sein, klar zu denken.
Teilnahmsvoll hatte Frau Martha zugehört. Nun sprach sie der jungen Frau, die so rasch ihr Herz gewonnen hatte, Mut ein.
Maria Hochberg fragte, ob die Wirtin gewillt sei, sie mit ihrem Kinde in volle Pension zu nehmen. Sie verlange nur einfache, kräftige Kost und reichlich frische Milch für ihr Kind.
Frau Martha ging gern darauf ein und berechnete einen mässigen Preis. Darauf bezahlte Frau Maria Hochberg gleich für einen ganzen Monat im voraus. So waren beide Teile zufrieden.
Gleich, nachdem die junge Frau ihr Abendessen verzehrt hatte, ging sie wieder hinauf zu ihrem Kinde.
Noch lange sass sie am offenen Fenster des Giebelstübchens, vor dem ein grosser Apfelbaum seine Zweige streckte.
Der Mond stand jetzt am Himmel und nur leichte Wolken zogen noch darüber hin. Ein tiefer Frieden lag über dem Dörfchen und die tiefe Stille wurde nur zuweilen unterbrochen durch das dumpfe Brüllen einer Kuh oder das Bellen eines Hundes. Sonst hörte die einsame Frau nichts als die Atemzüge ihres Kindes und das Spielen des Windes in den noch nasen Zweigen des Apfelbaums. Träne um Träne rann über ihr blasses, schmerzbewegtes Gesicht.
„Siehst du vom Himmel auf mich und dein Kind herab, mein geliebter Mann? Ach, warum hast du mich allein gelassen? Wie schwer ist das Leben ohne dich. So glücklich war ich an deiner Seite. Aber das Glück war zu gross, ich durfte es nicht behalten. Und nun kann ich es nicht fassen, dass du nie mehr bei mir sein wirst, bei mir und deiner kleinen Liselotte, die du so zärtlich liebtest.“
So hielt die Unglückliche Zwiesprache mit dem geliebten Verstorbenen.
Vom Kirchturm herüber schlug ein dünnes Glöcklein die elfte Stunde. Da erhob sich Maria Hochberg seufzend und begab sich zur Ruhe, nachdem sie am Lager ihres Kindes in die Knie gesunken war und um Kraft gebetet hatte.
Lange lag sie noch wach und lauschte den friedlichen Atemzügen ihres Kindes.
Ihre Augen brannten von den vergossenen Tränen und das Herz war ihr schwer. Endlich erbarmte sich der wohltätige Schlaf und führte sie in ein glückliches Traumland.
Früh am nächsten Morgen war sie schon wieder wach. Sie erhob sich leise, um das Kind nicht zu stören, und kleidete sich an. Dann begann sie behutsam ihre Koffer auszupacken und ihre Sachen in Schrank und Kommode zu ordnen.
Dabei erwachte klein Liselotte.
Erstaunt richtete sie sich vom Lager auf und rieb ich den Schlaf aus den Augen. Dann sah sie sich verwundert im Zimmer um.
„Mami! Ach Mami, wo sind wir denn? Dies ist doch nicht unser Schlafzimmer zu Hause,“ sagte sie mit drolliger Miene und schüttelte die dunklen Locken aus dem schlafgeröteten Gesichtchen.
Maria trat schnell zu ihrem Kinde heran. Sie liess sich neben ihm auf dem Diwan nieder und umschlang es zärtlich mit den Armen.
„Weisst du denn nicht mehr, Liebling, dass wir gestern eine grosse Reise gemacht haben und nun nicht mehr zu Hause sind?“ fragte sie, sich zu einem Lächeln zwingend.
Liselotte schmiegte das rosige Köpfchen an die Mutter und nickte energisch.
„Ja, das weiss ich, wir sind weit mit der Puffbahn gefahren und wollten in den schönen grünen Wald und auf die Wiesen, wo viele bunte Blumen blühn.“
„Ja, Liselotte, und da sind wir nun.“
„Ach hier ist doch kein Wald und keine Wiese.“
„Oh, du brauchst nur nachher zum Fenster hinauszusehen, dann siehst du den Wald und die Wiesen. Wenn du angekleidet bist und mit Mama gefrühstückt hast, dann gehen wir auf die Wiese und in den Wald.“
Liselotte klatschte in die Händchen.
„Oh, wie schön! Dann pflücke ich Blumen und winde dir einen Strauss, wie ihn dir Papi oft gebracht. Werden wir nun endlich hier unsern lieben Papi finden?“
Die arme Mutter schluckte krampfhaft ihre Tränen hinunter.
„Ich habe dir doch gesagt, mein Herzkind, unser Papi macht eine weite, weite Reise.“
„Nun, die haben wir doch auch gemacht, da müsste mein lieber Papi doch hier sein.“
„Nein, mein Kind — er ist viel, viel weiter fort. Wir werden ihn noch lange, lange nicht wiedersehen.“
„Ach Mami, nun bist du wieder so traurig. Wie lange Papi auch ausbleibt. Er hat mir doch gesagt, ehe er abreiste, dass er bald wiederkommen würde.“
„Aber du weisst doch, er wird länger aufgehalten, als er glaubte.“
Liselotte nickte verständig.
„Ja, Mami, ich weiss. Aber du bist auch traurig darüber. Als der Brief kam, der dir meldete, dass Papi noch lange fortbleibt, da bist du vor Schrecken umgefallen und hast so bleich ausgesehen und dich gar nicht gerührt. Und dann hast du gar nichts essen können und hast immerfort geweint und hast gejammert: Mein Herzkind, nun sind wir allein! Ach, Mami, ich wollte Papi käme nun endlich wieder, dass du wieder fröhlich wirst.“
Liselotte ahnte nicht, dass es von der Reise, die ihr Vater angetreten hatte, keine Rückkehr mehr gab. Sie wusste auch nicht, wie ihre kindlichen Worte der Mutter das Herz zerrissen. Der Vater hatte zu ihr gesagt, als er Abschied nahm, um eine notwendige Reise zu unternehmen:
„Ich komme bald wieder, Maus, sei hübsch artig und lieb.“
Nun, sie war artig gewesen und hielt sich an das Versprechen des Vaters. Dass er bald darauf, fern von Weib und Kind, den Tod gefunden, hatte man Liselotte nicht gejsagt. Sie hätte es auch nicht verstanden.
Maria hielt nur mühsam ihre Tränen zurück. Sie sprach schnell von etwas anderem, um das Kind abzulenken.
„Nun komm, Maus, jetzt wollen wir dich schnell waschen und ein Kleidchen anziehen. Hast du nicht Hunger?“
„Ja, sehr. Bekomme ich Milch und Brötchen?“
Gewiss, sobald du fertig bist. So, Schuh und Strümpfchen hast du schon an.“
Liselotte sprang von ihrem Bettchen herab.
Jetzt erblickte sie den Apfelbaum am Fenster. Jubelnd streckte sie die Händchen danach aus.
„Schau, Mami, wie schön, da wächst uns ein Baum in das Zimmer!“
„Ja, Liselotte, ein Apfelbaum.“
„Ein Apfelbaum? Ach, was sind da für winzige Aepfel dran — und so viele, viele!“
„Die werden alle noch grösser wachsen, sollst sehen.“
Liselotte kletterte schnell auf den Sessel am Fenster und sah hinaus in den schönen grossen Obstgarten mit den weiten Rasenplätzen. Gleich hinter dem Garten begann der Wald und auf der anderen Seite sah man die roten Ziegeldächer des Dörfchens liegen.
„Ach Mami, Mami, schau doch — der schöne grosse Garten. Und da ist auch eine grüne Laube! Dürfen wir da hineingehen?“
„Ich will unsere Wirtin fragen. Aber nun komm, dass du fertig wirst. Wir wollen hinaus in die warme Sonne!“
Liselotte liess sich nun willig ankleiden. Die Mutter zog ihr ein schlichtes Leinenkittelchen an und eine Schürze darüber. Dann gingen sie hinunter.
Frau Martha Schulz empfing sie am Fusse der Treppe im Hausflur und aus einer Tür lugte der flachsblonde Kopf Heinrichs.
Die Wirtin erkundigte sich freundlich, wie ihre Gäste geschlafen hatten, und plauderte lebhaft mit der kleinen Liselotte.
Heinrich konnte es sich nicht versagen, herbeizukommen und auch einige Worte an Liselotte zu richten. Dabei staunte er Mutter und Tochter wie ein Wunder an.
Maria Hochberg fragte die Wirtin, ob sie wohl mit ihrem Kinde in den Garten gehen könne.
„Aber ja, Frau Hochberg, ich habe schon in der Laube den Frühstückstisch decken lassen. Sie können alle Mahlzeiten dort einnehmen, da sind Sie ganz ungestört. In den Teil des Gartens kommt ausser mir und meinen Leuten kein Mensch. Die kleine Liselotte kann da auf den Rasenplätzen spielen, so viel sie will.“
Das war Maria Hochberg sehr angenehm. Und so nahm sie in Zukunft alle Mahlzeiten in der Laube ein. Stets war der Tisch sauber gedeckt und Heinrich stellte immer ein Sträusschen in einem Wasserglas auf den Tisch.
Auch sonst sass Maria viel in der kleinen hübschen Laube. Zuweilen leistete ihr Frau Martha ein Stündchen Gesellschaft und erzählte ihr allerlei aus dem Dorf und aus dem Schlosse. Oder sie sass allein mit einem Buche oder einer Handarbeit. Liselotte spielte dann auf dem grossen Rasenplatz und durfte an warmen Tagen zu ihrer Wonne barfuss in dem weichen Rasen laufen.
Die Bewohner der „Weissen Taube“ hatten die kleine Liselotte fest ins Herz geschlossen. Heinrich schnitzte abends in seinen Mussestunden aus Holz allerlei Spielzeug für sie, die Köchin bereitete ihr kleine Leckerbissen und wurde ganz erfinderisch, sie so anzurichten, dass ein Kinderauge sich daran ergötzen konnte. Hanne, das Hausmädchen, wusch Puppenwäsche mit ihr und spannte ihr im Garten eine niedrige Leine auf, damit sie die zierlichen Sächelchen selbst aufhängen konnte, und Frau Martha zeigte ihr die jungen Hühnchen und die bunte Kuh, von der Liselotte täglich die köstliche, frische Milch bekam. Es drehte sich in der „Weissen Taube“ jetzt alles um Maria Hochberg und ihre kleine Tochter.
Und die blasse junge Frau dankte mit einem rührenden Lächeln für jede kleine Aufmerksamkeit. Heinrich hätte für dieses Lächeln freudig die schwersten Arbeiten vollbracht.
Sonst lebte Maria ganz still und zurückgezogen.
Die Bauern aus dem Dorfe waren gewohnt, dass sich die Sommerfrischler, die in der „Weissen Taube“ logierten, zuweilen zu ihnen gesellten und ein Spässchen mit ihnen machten. Maria Hochberg aber ging mit gesenktem Kopf an ihnen vorüber und erwiderte nur stumm die Grüsse der ihr Begegnenden.
Das missfiel den Bauern sehr. Sie forschten die Wirtin nach ihrem Gaste aus und erfuhren, dass sie nur eine arme Witwe sei, die darauf angewiesen war, sich ihr Brot zu verdienen, und nur erst Kräfte dazu sammeln wollte. Die Bauern von Bodenhausen waren meist wohlhabende Leute. Der fruchtbare Boden brachte ihnen reiche Ernten. Und sie schlugen protzig auf ihre Taschen, in denen die harten Taler klapperten, und stiessen sich an und redeten von „Bettelstolz“, wenn Maria stumm an ihnen vorüberging.
Vor Frau Martha durfte man das freilich nicht laut werden lassen. Die hielt grosse Stücke auf ihre Mieterin und hätte ihnen den Standpunkt energisch klar gemacht. Aber im ganzen Dorfe sprach es sich herum, die junge Frau, die in der „Weissen Taube“ wohne, sei eine „Gespreizte“, sie sei vom Bettelstolz besessen und gönne keinem Menschen Wort und Blick.
Das drang sogar bis ins Schloss zur Dienerschaft. Und die Lakaien, die nur ganz allein das Recht zu haben glaubten, stolz zu sein, sahen hochnäsig auf die schwarzgekleidete Frau, wenn sie ihr begegneten.
Maria ahnte nicht, dass man sie für stolz und hochmütig hielt. Sie hatte sich so in ihr Leid vergraben; dass sie nur wenig auf ihre Umgebung achtete.
Klein Liselotte fühlte sich glückselig, in Bodenhausen. Der grosse Obstgarten war ihr Königreich. Er lag längs der Fahrstrasse, die durch das Dorf nach dem Schlosse führte. Man konnte durch den weiss- und grüngestrichenen Lattenzaun alles sehen, was auf der Dorfstrasse passierte. Eine schmale Tür im Zaun führte direkt auf die Strasse. Liselotte unterhielt sich köstlich, wenn sie auf die Strasse blickte. Da fuhren allerlei Wagen vorüber, der Kuhhirt trieb seine Herde vorbei und der Gänsejunge führte die schnatternden Zweibeine auf die Weide. Und die Bauern schritten Sonntags mit ihren Frauen im schönsten Festputz zur Kirche, oder gingen in der Woche mit Harke und Sense auf das Feld hinaus.
Am meisten interessierte sich Liselotte jedoch für die Equipage aus dem Schlosse, die täglich einige Male vorüber fuhr. Manchmal ritt auch der Herr Baron von Bodenhausen mit seiner Gemahlin auf schönen; schlanken Pferden vorbei und zwischen ihnen auf einem hübschen Pony Junker Hans.
Zuweilen sass aber der Junker neben seiner kleinen Schwester, der Baroness Lori in der Equipage.
Frau Martha hatte erzählt, dass Junker Hans und Baroness Lori die einzigen Kinder des Barons waren, der in Schloss Bodenhausen wohnte. Der Junker zählte bereits dreizehn Jahre, die kleine Baroness aber war, wie Liselotte, fünf Jahre alt.
Liselotte interessierte sich brennend für die beiden Kinder. Wie gern hätte sie mit dem kleinen Mädchen aus dem Schloss gespielt. Jeden Tag wartete sie auf den Augenblick, wo die Equipage auftauchte, und sah dann mit grossen leuchtenden Augen zu den Kindern hinüber, winkte ihnen auch manchmal zu.
An einem heissen Sommertag stand sie wieder wartend an der schmalen Pforte im Zaun. Sie war barfuss und hatte gepflanzt und gegraben auf einem kleinen Beet, das ihr Heinrich zurecht gemacht hatte. Ihre Händchen und ihre Schürzchen zeigten die Spuren ihrer Arbeit, und die dunklen Locken hingen ein wenig zerzaust um das glühende Gesichtchen.
Sie wusste, dass der Wagen aus dem Schlosse bald kommen musste und stand nun sehnsüchtig wartend da.
Endlich kam er heran und jubelnd winkte Liselotte den beiden Kindern zu, die mit der Erzieherin der kleinen Baroness im Wagen sassen. Zu Liselottes Freude fuhr dieser heute einmal sehr langsam.
Junker Hans lachte über den drolligen Anblick des kleinen Barfüsschens und nickte ihm mit freundlichem Gesicht zu. Aber seine kleine Schwester, die wie eine kleine Dame im Fond lehnte, sah hochmütig auf sie herab und sagte entrüstet:
„Pfui Hans — lass doch das barfüssige, schmutzige Bettelkind.“
Klein Liselotte verstand diese Worte nicht. Sie lachte und winkte und freute sich, dass der Junker ihr zugenickt hatte. Und als der Wagen verschwunden war, eilte sie zu ihrer Mutter, die in der Laube sass und nähte.
„Oh Mami, sie sind wieder vorbeigefahren, das kleine Mädchen und der liebe, grosse Junge. Er hat mir zugenickt und gelacht. Warum fahren sie nur immer vorüber? Sie sollen halten und mit mir spielen. Ich will es so gern.“
Maria nahm ihr Kind auf den Schoss und sagte mit mattem Lächeln:
„Ei, wie werden sie sich über das kleine schmutzige Barfüsschen gewundert haben! Da schau die Händchen an! Sie sind voll Erde. Und das Schürzchen so nass und schmutzig. Da spielt niemand mit dir, der sich sauber hält. Komm, mein kleines Barfüsschen, wir müssen dich schnell sauber machen.“
Liselotte sah an sich herab und betrachtete ihre Hände.
„Ja — sie sind doll schmutzig, aber ich habe doch auch Blümchen gepflanzt in meinem Garten.“
Willig ging sie mit der Mutter ins Haus und liess sich sauber machen. Dabei plauderte sie immer noch aufgeregt von dem kleinen Mädchen im weissen Kleide und von dem lieben, grossen Jungen. —
Am nächsten Tage dehnte Maria Hochberg ihren Spaziergang im Walde mit Liselotte etwas weiter aus als sonst. Und plötzlich tauchte vor ihnen ein Parkgitter auf, hinter dem sie von fern Schloss Bodenhausen liegen sahen.
Liselotte hatte auf dem Wege Blumen gepflückt, die sie fest in ihren Händchen hielt.
Mutter und Tochter gingen langsam am Parkgitter entlang und nach einer Weile erblickten sie drinnen auf einer Parkwiese Junker Hans und Baroness Lori beim Reifenspiel.
Liselotte jauchzte auf und eilte dicht an das Gitter heran.
„O, Mami, sieh doch, da ist ja das kleine Mädchen im weissen Kleide und der liebe grosse Junge. Ich will mit ihnen spielen!“ rief sie der Mutter zu.
Und den beiden Kindern im glühenden Eifer zuwinkend, rief sie froh:
„Da bin ich, lasst mich mit euch spielen!“
Die kleine Baroness sah mit verächtlicher Miene herüber und wandte sich dann auffällig ab. Junker Hans stand halb lachend, halb verlegen, er wusste nicht, was er tun sollte. Sein gutes Herz sträubte sich, der Kleinen wehe zu tun, und doch sah er ein, dass man ihren Wunsch nicht erfüllen konnte. Während er noch im Kampf mit sich selber unschlüssig herüber sah, streckte Liselotte die Hand mit den Blumen durchs Gitter.
„Liebes, kleines Mädchen, da nimm meine schönen Blumen, ich schenke sie dir!“ rief sie mit ihrem lieben, weichen Stimmchen.
Aber Baroness Lori machte nur eine verächtliche Bewegung und sah so recht hochmütig auf die blonde Frau im schlichten, schwarzen Kleide, die nicht einmal einen Hut trug, und auf die bittende Liselotte. Sie hatte von den Dienstboten im Schlosse aufgeschnappt, dass die Fremde, die im Gasthof zur „Weissen Taube“ wohnte, eine arme Witwe sei, die sich Gott weiss was einbilde und sich grosstue.
Spöttisch mass sie Mutter und Kind und warf hochmütig den Kopf zurück. Sie wollte dem Bettelpack schon zeigen, dass sie nichts mit ihm zu tun haben wollte.
Liselotte konnte nicht verstehen, dass das kleine Mädchen nicht antwortete.
„Nimm du die Blumen, lieber, grosser Junge,“ bat sie ganz verzagt.
Junker Hans vermochte kaum dem flehenden, weichen Stimmchen zu widerstehen. Er war nicht so hochmütig wie sein Schwesterchen. Die Kleine gefiel ihm wohl und tat ihm leid. Sie meinte es gewiss gut. Er gab sich einen Ruck mit einem Blick auf seine Schwester und wollte schon zu Liselotte herangehen, um ihr einige freundliche Worte zu sagen. Da rief Lori mit schriller Stimme verächtlich:
„Lass doch, Hans, geh nicht hin! Das ist ja die barfüssige Bettelprinzess!“ Junker Hans wurde dunkelrot. Er schämte sich vor der Schwester und sah verlegen zu der blassen, blonden Frau hinüber, die herankam, um Liselotte fortzuholen. Etwas in den Augen dieser Frau wollte ihn bannen. Aber nach Jungenart schüttelte er trotzig den fremden Einfluss ab, wandte sich ebenfalls um und lief mit der Schwester tiefer in den Park hinein. Er schämte sich und wollte es sich doch nicht eingestehen.
Liselotte blickte ganz betrübt zur Mutter empor, als könne sie das nicht fassen.
„Sie wollen meine Blumen nicht, mögen nicht mit mix spielen, Mami!“ Maria Hochberg nahm ihr Kind empor und herzte und küsste es. In ihren Augen lag ein seltsam herber Ausdruck.
„Meine arme kleine Bettelprinzess,“ flüsterte sie mit wehem Herzen. Dann führte sie ihr Kind davon und suchte es abzulenken von diesem Erlebnis, das sich so tief in die Kinderseele eingeprägt hatte.
„Ist mir der liebe Junge böse, Mami?“
„Nein, mein Herzkind,“ tröstete die Mutter.
„Wird er mit mir spielen?“
Maria seufzte.
„Du weisst doch, meine Liselotte, das hohe Gitter war zwischen euch. Er konnte nicht zu dir und du nicht zu ihm.“
Liselotte wusste noch nicht in ihrem unschuldsvollen Kinderherzen, dass ein hohes, festes Gitter Menschen verschiedener Stände voneinander scheidet und dass auch sie, die arme kleine Bettelprinzess, solch ein Gitter von den Kindern des vornehmen Barons Bodenhausen trennte.
* * *
Jetzt müssen wir unsern lieben jungen Leserinnen erst etwas erzählen, was sich einige Zeit vor dem Eintreffen der kleinen Liselotte mit ihrer Mutter in der „Weissen Taube“ zugetragen hatte.
In einem wunderschönen, alten Schlosse, das stolz und imposant auf einem hohen, bewaldeten Berge lag, wohnte Graf Armin von Hochberg-Lindeck. So alt und vornehm sein Geschlecht war, so stolz war Graf Armin darauf, und sein höchstes Bestreben war stets gewesen, dass nicht ein leiser Schatten auf seinen Stammbaum fiel.
Er bewohnte jetzt das riesengrosse Schloss ganz allein mit seiner Gemahlin, der Gräfin Katharina und der zahlreichen Dienerschaft. Bis vor sechs Jahren war im Schloss Hochberg immer reges, festliches Treiben gewesen. Zahlreiche vornehme Gäste kamen und gingen, und es wurden grosse Jagden abgehalten und glänzende Feste gefeiert. Hauptsächlich geschah das, wenn der junge Graf Botho, der einzige Sohn des Grafen Armin, auf Urlaub zu Hause war. Er war Offizier bei einem der vornehmsten Regimenter. Nach Schloss Hochberg wurden auch nur vornehme Gäste aus alten Adelsgeschlechtern geladen. Graf Armin war Vollblutaristokrat, bei ihm fing der Mensch erst beim Freiherrn an. Was darunter war, galt ihm nichts.
Der junge Graf Botho war gar nicht nach seinem Vater geraten, sondern nach seiner milden, gütigen Mutter, die alle Menschen gleich gelten liess, wenn sie nur ein edles Herz hatten. Das durfte sie aber ihrem adelsstolzen Gemahl nicht merken lassen, und sie musste sich beugen unter seinen despotischen Willen.
Graf Armin wollte seinen Sohn durchaus mit einer ebenso vornehmen, jungen Aristokratin verheiraten, die dieser aber nicht leiden mochte. Trotzdem der Vater allerlei Feste veranstaltete, um Graf Botho mit der jungen Reichsgräfin zusammen zu bringen, wich dieser ihr aus, wo und wie er konnte. Und eines Tages gestand er seinem Vater, dass sein Herz schon lange einer armen, bürgerlichen Waise gehöre, die er in seiner Garnison kennen gelernt hatte. Er bat den Vater flehentlich, zu gestatten, dass er sie zu seiner Frau machen dürfe. Einer anderen Frau würde er niemals seine Hand reichen. Graf Armin war ausser sich. Er wollte nichts von dieser Heirat hören und verbot seinem Sohne jeden wei teren Verkehr mit der Waise.
Graf Botho war aber auch ein Mann mit festem Willen. Er weigerte sich, dieses Verbot anzuerkennen, und versicherte, dass er nie und nimmer von dem Mädchen lasse, das bereits seine Braut sei.
Es kam zu schlimmen, erregten Szenen zwischen Vater und Sohn, die auch die gütige Mutter mit allem guten Willen nicht ausgleichen konnte. Zwei harte Köpfe standen sich gegenüber, und keiner wollte nachgeben.
Graf Botho reiste damals ab, und wider Willen seines Vaters verheiratete er sich kurz darauf mit der armen Waise. Graf Armin aber sagte sich von Stund an los von seinem Sohne und erklärte, er sei tot für ihn, denn er habe seinen stolzen Namen durch diese Missheirat befleckt.
Seit jener Zeit lag Schloss Hochberg einsam und verlassen. Es kamen keine Gäste mehr ins Haus. Graf Armin grollte und haderte nicht nur mit seinem Sohne, sondern auch mit der ganzen Welt. Seine Gemahlin hatte einen schweren Stand mit ihm. Sie hätte so gern für ihren Sohn gebeten, aber ihr Gemahl verbot ihr jeden Verkehr mit ihm und litt nicht einmal, dass sie seinen Namen nannte.
Da Graf Armin seine Hand von dem Sohne gezogen hatte, musste dieser ein sehr bescheidenes Leben führen. Seinen Abschied als Offizier hatte er bereits genommen. Trotzdem lebte er sehr glücklich mit seiner jungen Frau, die ihm bald ein Töchterchen schenkte. Nur eins bedrückte ihn immer wieder — dass sein Vater ihm unversöhnlich grollte. Er hatte gehofft, dieser würde sich der vollendeten Tatsache fügen und ihm eines Tages verzeihen. Aber all sein Bitten blieb wirkungslos. Nur einmal antwortete ihm der Vater auf all seine flehenden Briefe. Es waren nur wenige Worte: „Löse die Bande, die dich an die Frau fesseln, die dir nicht ebenbürtig ist, dann will ich dich wieder als meinen Sohn aufnehmen. Sonst bist du tot für mich.“
Graf Botho liebte seine Frau aber viel zu sehr, um je in eine Trennung von ihr zu willigen. Und deshalb blieb alles beim alten.
So lagen die Verhattnisse bis wenige Monate vor dem Beginn unserer Geschichte. Nun hatte aber Graf Botho einen guten, ehrlichen Freund, den Baron Rainau, dessen Besitzungen an die des Grafen Armin von Hochberg-Lindeck grenzten. Er hatte mit Graf Botho zusammen in einem Regiment gedient und kannte auch flüchtig die junge Frau desselben, deren Güte und Schönheit ihn verstehen liess, dass der Freund alles um diese Frau aufgegeben hatte. Baron Rainau hatte auch den Abschied genommen, hatte sich verheiratet und lebte nun auf seinen Gütern. Gar zu gern hätte er dem Freund geholfen, sich mit dem Vater auszusöhnen. Er versuchte alles mögliche, Graf Armin milder zu stimmen, jedoch ohne Erfolg. Schliesslich empfing ihn der alte Herr gar nicht mehr.
Aber Baron Rainau gab die Hoffnung noch nicht auf. Eines Tages schrieb er an den Freund:
„Lieber Botho! Leider kann ich bei Deinem Vater nichts mehr für Dich tun, er nimmt meine Besuche nicht an. Nur Deine Mutter sehe ich zuweilen auf einen Augenblick. Von ihr soll ich Dir sagen, dass sie Dich unentwegt von Herzen liebt und nie die Hoffnung aufgeben wird, dass Dein Vater eines Tages Erbarmen haben wird. Sie hofft, dass es vielleicht von Nutzen sein könnte, wenn Du plötzlich vor Deinem Vater ständest und ihn um Verzeihung anflehtest. Und so haben wir einen Plan geschmiedet. Komme, sobald es möglich ist, auf einige Zeit nach Rainau als mein Gast. Ich habe ohnedies Sehnsucht nach Dir, und ein frischfröhlicher Pürschgang im Wald wird Dir gut tun. Die Hauptsache aber ist, dass Du eine Begegnung mit Deinem Vater herbeiführst. Er geht jetzt stets allein auf die Jagd, höchstens der alte Förster darf ihn begleiten, und der ist Dir treu ergeben und wird von der Bildfläche verschwinden, wenn es not tut. Stehst Du Deinen Vater erst einmal wieder gegenüber, da müsste er doch von Stein sein, wenn er Dir nicht verzeiht. Deine verehrungswürdige gute Mutter, die unter der Trennung von Dir sehr leidet, hofft sehnlichst auf Dein Kommen. Also schreib mir, wenn ich Dich erwarten darf. Empfehle mich Deiner Frau Gemahlin. Ich hoffe, sie schickt Dich schnell zu mir. Der Tag, da Du mit Weib und Kind in Hochberg einziehst, wird ein Glückstag sein für
Deinen Freund Herbert Rainau.“
Graf Botho zeigte den Brief seiner jungen Frau. Diese war in allem Glück doch sehr betrübt, dass sie Schuld trug an dem Zerwürfnis ihres Gatten mit seinem Vater. Sie hatte ihn aber zu sehr geliebt, um von ihm lassen zu können.
Nun redete sie ihm dringend zu, die Einladung des Barons Rainau anzunehmen und zu versuchen, den Vater zu versöhnen, damit auch dieser Schatten von ihrem Glück genommen würde. So sagte er zu.
Nach einem zärtlichen, innigen Abschied von Weib und Kind reiste Graf Botho ab.
Es kam dann auch wirklich zu einer Begegnung zwischen Vater und Sohn im Walde. Heimlich war seine Mutter vorher nach Rainau gekommen, um den Heissgeliebten Sohn wiederzusehen. Sie vermochte sich nachher kaum von ihn zu trennen. Auf ihren Wunsch gab er ihr eine Photographie seiner Frau und seines Kindes, die er bei sich trug. Ein Bild wollte sie wenigstens von ihrer Enkelin haben. Und als sie das liebe, schöne Antlitz ihrer Schwiegertochter sah, verstand sie den Sohn. Um solch eine Frau konnte ein Mann alles aufgeben.
Gräfin Katharina verriet dann dem Sohne, dass der Vater am nächsten Tage einen Hirsch schiessen wollte. Da sollte er versuchen, ihn zu sprechen.
Vater und Sohn trafen am nächsten Tag zusammen. Graf Botho flehte den Vater in herzbewegenden Worten an, ihm zu verzeihen und ihn in Gnaden wieder aufzunehmen. Aber Graf Armin schien wirklich wie von Stein. Er blieb dabei, dass er die unebenbürtige Heirat seines Sohnes nicht anerkenne, und dass er dem Sohn nur verzeihen und ihn wieder aufnehmen werde, wenn er sich von der bürgerlichen Frau lossage.
„Du kannst sie ja mit Geld abfinden,“ sagte er schroff.
Graf Boto verlor nun seine Ruhe.
„Wie wenig kennst du meine Frau, wenn du meinst, dass sie mit schnödem Gelde abzufinden sei. Entweder du heisst auch sie an meiner Seite willkommen, mit meinem Kinde, oder ich muss dem Vaterhause fernbleiben,“ sagte er erregt.
„So bleibe fern — ich habe dich nicht gerufen,“ erwiderte Graf Armin hart und wandte sich zum Gehen.
„Vater, ist das dein letztes Wort?“ rief ihm der Sohn schmerzlich nach.
„Mein letztes. Ich habe keinen Sohn mehr, wenn er nicht allein zu mir zurückkommt.“
Damit war Graf Armin zwischen den Bäumen verschwunden. Ganz so ruhig und steinern, wie er schien, war er aber doch nicht. Aber er wollte seinen Willen durchsetzen. Niedergeschlagen kehrte Graf Botho nach Rainau zurück.
„Mein Vater ist unerbittlich,“ sagte er zu dem Freunde.
Dieser suchte ihn zu trösten, so gut es ging.
„Verzage noch nicht. Deine Mutter wird schon deine Sache führen, wenn dein Vater etwas ruhiger geworden ist. Die Zeit wird ihn auch milder stimmen. Wir versuchen es später noch einmal,“ sagte er.
Graf Botho wollte sofort wieder abreisen, aber der Freund liess ihn nicht fort.
„Du bleibst noch einige Tage. Mein Förster hat einen kapitalen Sechzehnender auf den Rohre. Morgen wollen wir ihm zu Leibe gehen.“
Als Graf Rainau das gesagt hatte, liess sich eben sein Förster melden und berichtete zornig und aufgeregt, dass die im Forste seit einiger Zeit hausenden Wilderer den Sechzehnender weggeschossen hätten. Der Baron war wütend.
„Jetzt lasse ich mir Tag und Nacht keine Ruhe, bis ich die Kerle ertappt habe. Sie schiessen mir frech und ungeniert das beste Wild vor der Nase weg,“ sagte er.
Graf Botho erbot sich, den Wilderern ebenfalls mit aufzulauern.
Das geschah dann auch. Die beiden Herren und der Förster bezogen Wachtposten im Walde. Es kam zu einem Zusammenstoss mit den Wilddiehen. Dieser Zusammenstoss fand statt an der Grenze zwischen Hochberger und Rainauer Gebiet, nicht weit entfernt vom Schloss Hochberg. Es gab einen Kampf auf Tod und Leben — und die Kugel eines Wilderers durchbohrte Graf Botho das Herz. Was half es nun, dass sie einen der Wilddiebe gefangen hatten? Es war nicht einmal der, welcher den Schuss auf Graf Botho abgegeben hatte.
Während der Förster den gefangenen Wilddieb davonführte und die andern entflohen, brachte Baron Rainau, bis ins Innerste erschüttert, die Leiche seines Freundes mit einigen Wildhütern nach Schloss Hochberg.
Es war im Morgengrauen, alles schlief noch im Schloss, man musste die Bewohner wecken.
Als man den Toten in der grossen Schlosshalle niedergelegt hatte, erschien die Gräfin Katharina, im Nachtgewand und ganz verstört.
Ohnmächtig brach sie über der Leiche ihres Sohnes zusammen.
Auch Graf Armin kam herbei. Seine hohe Gestalt schwankte, und sein Antlitz glich selbst dem eines Toten — aber er verlor die Haltung nicht vor all den Leuten, die ihn umgaben.
Welchen Kampf er später in der Stille seines Zimmers mit sich ausgefochten hatte, das erfuhr nie ein Mensch.
Gräfin Katharina lag bewusstlos in schwerer Krankheit, als man die Leiche ihres Sohnes in der Gruft der Schlosskapelle beisetzte.
Niemand ausser dem Baron Rainau dachte in dieser schrecklichen Zeit an die junge Gräfin Hochberg-Lindeck, die nun Witwe geworden war. Er wäre am liebsten selbst zu ihr geeilt, um ihr das Unglück schonungsvoll zu melden. Aber er konnte nicht abkommen, da die eingetroffenen Gerichtspersonen seine Anwesenheit unerlässlich fanden. So schrieb er an die junge Gräfin, so schonungsvoll er konnte, und fragte an, was er für sie tun könne. Gräfin Katharina sei schwer erkrankt und ohne Bewusstsein, und Graf Armin weigere sich selbst an der Leiche seines Sohnes, sie und ihr Kind anzuerkennen. Sie möge ihm mitteilen, was er für sie tun können.
Erst nach einigen Wochen bekam Baron Rainau auf diesen Brief eine Antwort.
Diese lautete:
„Sehr geehrter Herr Baron!
Erst heute bin ich imstande, Ihnen auf Ihren Brief zu antworten und Ihnen für Ihre Güte zu danken. Wenn Sie mir nicht den Tod meines unvergesslichen, teuren Gatten gemeldet hätten, so hätte ich wohl seinen Tod erst aus den Zeitungen erfahren. Ich konnte bisher nicht schreiben, weil ich wie von Sinnen war, nicht fähig, einen Gedanken zu fassen — Sie wissen ja — wie wir einander geliebt haben. Aber nicht von meinem Leid will ich sprechen — das ist unaussprechlich tief und schwer. Dass Graf Armin auch jetzt noch sich weigert, mein Kind und mich anzuerkennen, nimmt mich nicht wunder. Warum sollte en es auch jetzt noch tun? Wenn er sich nicht aus Liebe zu seinem Sohne entschliessen konnte, uns anzuerkennen, so hat er jetzt keine Veranlassung dazu. Wir sind ihm fremde, lästige Menschen, nichts weiter. Mein und meiner Tochter Schicksal wird in Zukunft ganz losgelöst sein von Graf Armin. Es schmerzt mich qualvoll, dass es mir nicht einmal vergönnt ist, am Grabe meines geliebten Mannes zu beten. Aber ich muss es verwinden, Graf Armin würde mich wie eine Bettlerin von der Tür weisen, wenn ich ihn darum bitten wollte. Und so muss ich mich fügen. Ich trage das Bewusstsein in mir, dass die Seele meines geliebten Toten überall bei mir sein wird, dass wir auch über den Tod hinaus unzertrennlich sind.
Ich muss leben — um meines Kindes willen — wenn es mich auch unsäglich schwer dünkt. Und ich werde leben, werde für mein Kind und mich arbeiten, wie ich es früher nur für mich getan. Deshalb danke ich Ihnen für Ihr freundliches Anerbieten, das, wie ich weiss, aus ehrlichem Herzen kommt. Aber Graf Bothos Frau darf kein Almosen annehmen und ist auch zu stolz, es zu tun. Sorgen Sie sich nicht um uns. Vorläufig besitze ich noch genug, um zu leben. Auch einen Notgroschen werde ich haben. Ich will irgendwo in Stille und Einsamkeit untertauchen und um den Frieden meiner qualzerrissenen Seele ringen. Den Grafentitel werde ich nicht mehr führen, er passt nicht zu meiner bescheidenen Existenz, und Graf Armin soll nicht zu fürchten brauchen, dass eine Gräfin Hochberg-Lindeck ums Brot arbeiten muss. Dies alles schreibe ich Ihnen, sehr geehrter Herr Baron, ehe ich die Schiffe hinter mir verbrenne.
Ich danke Ihnen für die treue Freundschaft, die Sie meinem geliebten Gatten allezeit bewiesen haben. Sie sollen sich nicht, wie Sie mir schrieben, einen Vorwurf machen, dass Sie Botho nach Rainau einluden. Wir sind alle hilflose Werkzeuge einer himmlischen Macht, die unsern Weg bestimmt. Und Sie haben es gut gemeint. Dafür danke ich Ihnen herzlich.
Wenn Sie an die Gruft meines geliebten Mannes gehen können, so legen sie bitte die beiden Rosen zu seinen Füssen nieder mit einem stillen Gruss von Tochter und mir, die ich Ihnen zugleich sende. Wir haben sie bei einem Gärtner selbst gepflückt und sie an unsere Lippen, an unsere Herzen gedrückt. Sind sie auch welk geworden, bis sie ihr Ziel erreichen — unsere Liebe bleibt frisch und stark, die mit ihnen geht. Nehmen Sie meinen herzlichen Dank im voraus und leben Sie wohl — für immer.
Ihre Maria Hochberg.“
Bald nachdem Baron Rainau diesen Brief erhalten hatte, konnte er sich für einige Tage losmachen und beeilte sich, Bothos Witwe aufzusuchen. Er hoffte, sie zu bestimmen, eine Hilfe anzunehmen von ihm oder von der Gräfin Katharina, die sicher nach ihrer Genesung wünschen würde, in aller Stille etwas für ihre Schwiegertochter und ihre Enkelin zu tun.
Aber er kam schon zu spät. Die junge Gräfin war mit ihrem Kinde abgereist, niemand musste, wohin. In ihrer Wohnung hielten schon fremde Mentschen ihren Einzug. Er konnte nur in Erfahrung bringen, dass sie ihre Möbel an einen Händler verkauft hatte. Baron Reinau kehrte betrübt nach Hause zurück. Er hätte so gern etwas für die junge Gräfin und ihr Kind getan. Aber er konnte auch ihren Stolz verstehen. Er konnte sich jedoch nicht versagen, der Gräfin Katharina später den Brief der jungen Frau zu übergeben.
Vorläufig war die Gräfin allerdings noch schwer krank, sie genas nur sehr langsam. Und ihr schwacher Wille schien durch die Krankheit vollends gebrochen zu sein. Stumm lebte sie neben ihrem Gemahl dahin. Sie fühlte freilich, dass dieser auch innerlich darunter litt, dass er den einzigen Sohn in der Blüte seiner Jahre verloren hatte. Aber er gab die Schuld an allem, was geschehen war, der Frau, die ihm den Sohn abtrünnig gemacht hatte. Wenn dieser nicht gegen seinen Willen diese Ehe geschlossen hätte, dann wäre alles anders gekommen. Davon war er nicht abzubringen.
Nie durfte seine Gemahlin wagen, ein gutes Wort einzulegen für die Witwe und die Tochter seines Sohnes. Graf Armin redete sich in einen wahren Hass gegen die beiden Menschen, die ihm doch jetzt nach dem Tode seines Sohnes nach seiner Gemahlin die nächsten hätten sein müssen. Gräfin Katharina aber sass manch liebes Mal in der Stille ihrer Gemächer und las den rührenden Brief, den ihre Schwiegertochter an Baron Reinau geschrieben hatte. Und tränenden Auges sah sie dann herab auf das Bild, das ihr der Sohn beim letzten heimlichen Wiedersehn geschenkt hatte, das Bild seiner Frau und seiner Tochter.
Sehr betrübt war sie, als sie nach ihrer Genesung von Baron Reinau erfuhr, dass ihre Schwiegertochter und ihre Enkelin verschwunden waren. So gern hätte sie im Stillen etwas für die beiden getan. Ach, wie gern hätte sie sich aufgemacht, um nach ihrem Enkelchen zu suchen. Aber der strenge Wille ihres Gemahls bannte sie an seine Seite. Sie konnte nichts tun als beten, dass Gott das harte Herz ihres Gemahls rühren möge.
* * *
Nun können wir wieder in das kleine Dörfchen Bodenhausen zurückehrer.
Seit mehreren Wochen weilte Maria Hochberg mit ihrer kleinen Tochter im Gasthof zur „Weissen Taube“. Die Ruhe und Stille taten ihren Nerven wohl, aber das Leid, das in ihrer Seele wohnte, wollte nicht zur Ruhe kommen.
Immer wieder sahen der lange Heinrich und die mitleidige Frau Martha Schulz, dass Marias Augen frühmorgens von den in der Nacht vergossenen Tränen gerötet waren. Sie konnten sich gar nicht genug tun, der Aermsten etwas zuliebe zu tun. Heinrich schob seine Mütze unruhig auf dem flachsblonden Haarschopf hin und her, wenn er ihre verweinten Augen sah und machte sich unbeholfen in ihrer Nähe zu tun, bis ein blasses, mattes Lächeln auf ihren Zügen erschien. Und Frau Martha quirlte heimlich ein frisches Eigelb in die Frühstücksschokolade, weil die junge Frau gar zu wenig ass.
Klein-Liselotte aber fühlte sich von Tag zu Tag wohler und heimischer in der „Weissen Taube“. Noch immer stand sie täglich am Gartenzaun und wartete auf den Wagen aus dem Schlosse. Glückstrahlend sah sie aus, wenn es ihr gelang, einen verstohlenen Gruss des Junker Hans zu erhaschen. Er winkte ihr auch immer lächelnd zu, wenn er auf seinem Pony vorüberritt. Dann war die hochmütige kleine Schwester nicht dabei, die ihn ausschalt, wenn er freundlich mit der „Bettelprinzess“ war.
Dieser Name, den Baroness Lori für Liselotte aufgebracht hatte, war durch die Dienerschaft aus dem Schlosse bald im ganzen Dorf verbreitet. Frau Maria nannte man Bettelkönigin und Liselotte Bettelprinzess.
Der lange Heinrich und Frau Martha Schulz durften das freilich nicht hören. Die wären wohl beide mit einer geharnischten Strafpredigt auf denjenigen losgegangen, der es gewagt hätte, etwas gegen Maria Hochberg und ihr Kind zu sagen. Und Heinrich hätte dann kaum gezögert, seine derben Bauernfäuste energisch zu gebrauchen.
Maria ahnte nicht, dass die Leute im Schloss und im Dorfe so unzufrieden mit ihr waren. Sie tat niemand etwas zuleide, lebte nur still vor sich hin und wollte nichts als Ruhe.
Dann glaubte sie aber, nun lange genug die Hände in den Schoss gelegt zu haben. Sie schrieb an die grosse Firma, für die sie früher gearbeitet hatte, ob man ihr wieder Aufträge in Malereien geben wollte, die sie in Bodenhausen ausführen wollte. Sie bekam sofort zusagenden Bescheid. Die zarten, duftigen Blumenstücke, die sie zu malen verstand, waren sehr beliebt gewesen. Nun hatte Maria eine lange, ernste Unterredung mit der Wirtin. Sie sagte ihr, dass sie gern dauernden Aufenthalt in der Weissen Taube nehmen möchte, weil sie sich da nicht um die Wirtschaft zu kümmern brauche und den ganzen Tag ungestört malen könne. Ob ihr unter diesen Umständen Frau Martha Schulz den Pensionspreis noch etwas herabsetzen könne. Sie würde gern mit noch einfacherer Kost zufrieden sein.
Die gutmütige Wirtin freute sich, dass Maria mit dem Kinde für immer bleiben wollte. Sie hatte schon mit Schrecken an die Zeit der Trennung gedacht. Und sie wollte sich gewiss nicht an Maria bereichern.
„Meine liebe Frau Hochberg,“ sagte sie, mit Herzenstakt vermeidend, Maria zu demütigen, „wenn Sie das ganze Jahr bei mir wohnen wollen, dann kann ich Ihnen natürlich ganz andere Preise machen. Ob das Giebelstübchen leer steht oder ob Sie darinnen wohnen ist gleich. Sie machen uns so wenig Arbeit, dass wir Sie kaum merken. Und ich bin froh, dass ich so liebe Gesellschaft im Hause habe. Und wenn Sie gar noch mitessen wollen, was ich für mich und meine Leute koche, dann merken wir Sie kaum. Ich werde Ihnen also dann den Pensionspreis um die Hälfte nachlassen. Ist es so recht?“
Maria wollte das erst nicht annehmen, aber die Wirtin setzte ihr so überzeugend auseinander, dass sie dabei immer noch nicht zu kurz käme, dass Maria sich dankbaren Herzens fügte.
„Sie sind so gut zu mir, liebe Frau Schulz. Ich danke Gott, der mich in meiner Verlassenheit gerade zu Ihnen geführt hat,“ sagte sie bewegt.
Frau Martha hätte nun gleich vor Rührung losheulen können. Die junge Frau hatte in ihrem ganzen Wesen so etwas Hilfloses, Trauriges, dass es ihr immer ans Herz griff, wenn sie in die leidvollen jungen Augen sah.
Maria Hochberg schrieb nun wieder an die Firma und bat um Zusendung von Aufträgen.
Dann ging sie am nächsten Tage zum Pfarrer Helmers, der in dem kleinen freundlichen Pfarrhof neben der Kirche mit seiner Frau und zwei erwachsenen Töchtern wohnte. Sie hatte den alten Herrn und seine Gattin kennen gelernt, als sie Sonntags aus der Kirche kam.
Sie bat ihn um eine Unterredung. Er führte sie voll Freundlichkeit in sein Studierzimmer und fragte sie, womit er ihr dienen könne.
Sie teilte ihm mit, dass sie für immer in Bodenhausen ihr Domizil aufschlagen wollte und bat ihn, ihr kleines Vermögen, das sie als Notpfennig zurücklegen wolle, zu verwahren. Es sei in sicheren Staatspapieren angelegt.
Sie übergab dem Pfarrer zehntausend Mark in Wertpapieren und sagte, dass sie sich die Zinsen vierteljährlich abholen wolle.
Ausserdem händigte sie ihm noch ein dickes versiegeltes Kuvert ein.
„Es enthält Familienpapiere und dergleichen, Herr Pastor. Ich möchte es auf alle Fälle für meine Tochter sicher verwahrt haben. Sie können es vielleicht bei den Kirchenpapieren aufbewahren, bis ich es von Ihnen zurückfordere, oder, falls ich vorher sterben sollte, bis meine Tochter achtzehn Jahre alt ist. An ihrem achtzehnten Geburtstage soll es ihr dann ausgehändigt werden, ich habe das auf dem Kuvert zur Sicherheit vermerkt,“ sagte sie.
Der Pfarrer verwahrte Geld und Papiere an sicherer Stelle und stellte Maria, der Ordnung halber, eine Quittung darüber aus. Eine Weile sprach er dann der jungen Frau noch Mut und Trost ein und führte sie darauf hinüber ins Wohnzimmer, zu seiner Frau und seinen Töchtern.
Die baten Maria, ab und zu auf ein Plauderstündchen ins Pfarrhaus zu kommen. Sie merkten sehr wohl, dass sie eine fein gebildete Frau vor sich hatten.
Maria dankte, bat aber, sie in nächster Zeit noch zu entschuldigen. Sie sei noch gar nicht fähig, sich wieder im Leben zurechtzufinden. Später wolle sie von der gütigen Erlaubnis gern zuweilen Gebrauch machen.
„Das tun Sie nur, Frau Hochberg, und versuchen Sie ab und zu ein Wort mit unseren Bauern zu reden. Die haben mit ihren dicken Köpfen keine Ahnung von seelischem Einsamkeitsbedürfnis und halten Ihre Zurückhaltung für Hochmut.“
Maria sah ihn so ehrlich erstaunt an, dass er lachen musste.
„Ja, ja, meine verehrte Frau Hochberg, die Bauern sind Kindsköpfe. Also tun Sie als die geistig Ueberlegene ein übriges und schwatzen Sie am Sonntag nach der Kirche mit den Bauerfrauen einige Worte. Meine Frau muss es auch tun und wird Ihnen dabei helfen.“
Maria versprach das mit einem blassen Lächeln und verabschiedete sich warm und herzlich von den guten Menschen. Als Maria von diesem Ausgang in die Weisse Taube zurückkehrte, fand sie Liselotte mit dem langen Heinrich in eifriger Arbeit in dem Garten. Heinrich hatte das Gras gemäht und Liselotte half es zusammenharken mit einer kleinen Harke, die ihr Heinrich gemacht hatte.
Mit vor Eifer gerötetem Gesicht jubelte sie der Mutter zu:
„Wir machen Heu für die liebe Mutschekuh, Mami, ach, was haben wir doll gearbeitet, Heinrich und ich!“
Maria drückte ihr Kind an sich und Heinrich sah ganz andächtig zu.
Dann schafften die beiden Erntearbeiter fröhlich weiter. —
Maria bekam schon in den nächsten Tagen Aufträge für Malereien und machte sich unverzüglich an die Arbeit. Bei schönem Wetter malte sie im Garten und in der Laube. Heinrich stand dann oft sprachlos vor Staunen und Bewunderung, wenn die duftigsten Blumen unter Marias Händen entstanden. Und Frau Martha Schulz brachte die schönsten Rosen aus ihrem Garten als Modelle herbei.
In der stetigen Arbeit fand die junge Frau eine wohltätige Ablenkung von ihrem Schmerz.
Auf des Pfarrers Rat hatte Maria schon am nächsten Sonntag nach dem Gottesdienst einige der angesehensten Bäuerinnen freundlich angesprochen. Die Frau Pfarrerin hatte vermittelt. Die Bäuerinnen machten erst seltsame Gesichter, aber als die Frau Pfarrerin dann erklärte, dass Frau Hochberg bis jetzt zu sehr von ihrem Kummer beherrscht gewesen wäre, so dass sie ganz darin versunken gewesen sei und nichts gehört und gesehen hatte, was um sie her vorgegangen sei, da schlug die Stimmung plötzlich zu Marias Gunsten um. Und die Dörfler kamen Maria nach und nach sehr freundlich entgegen. Der Pfarrer hatte ihnen einen Wink gegeben, dass Frau Hochberg durchaus keine Bettlerin sei, sondern ein ganz hübsches Vermögen bei ihm deponiert habe. Er kannte seine Bauern und wusste, dass das sehr wirksam für Frau Hochberg sprechen würde. Man betrachtete Maria bald mit ganz anderen Augen im Dorfe, und als man erfuhr, dass sie eine Malerin sei, da billigte man ihr zu, dass sie etwas Besonderes sei und anders sein durfte, als andere Menschen.
Nur auf die Lakaien aus dem Schlosse wirkte das nicht. Lieber Gott, malen war eine brotlose Kunst. Damit konnte man den hochnäsigen Domestiken aus dem Schlosse nicht imponieren.
Maria aber arbeitete ruhig, ohne zu bemerken, wie sehr man sich mit ihr beschäftigte. Und bei der steten Arbeit zog langsam ein leiser Friede in ihre Brust. Nichts hilft so sicher und gut gegen alles Leid, als die Arbeit. Sie ist eine Segenspenderin.
So sass Maria wieder eines Tages in der Laube bei ihrer Malerei. Liselotte hatte neben der Laube im Rasen gespielt, hatte ihrer Puppe aus Heu ein Bettchen gemacht und mit ihr wie ein zärtliches Mütterchen geplaudert.
Es war jetzt die Zeit, da die Equipage aus dem Schloss vorüberzukommen pflegte.
Liselotte gebot ihrem Puppenkind, artig zu sein und zu schlafen, Mama müsse einstweilen eine grosse Reise machen.
Diese grosse Reise führte die kleine Puppenmama jedoch nur bis zur schmalen Gartenpforte, wo sie auf den Wagen warten wollte.
Maria war so vertieft in ihre Arbeit, dass sie nicht davon aufsah. Liselotte stand an der Zauntür und sah wartend hinaus. Wo blieb nur heute der Wagen mit dem kleinen Mädchen und dem lieben Jungen?
Ihre Geduld wurde heute auf eine harte Probe gestellt. Sie konnte von der Zauntür auch gar nicht weit sehen, da die Strasse hier eine Biegung machte.
Wenn sie hinüber ging auf die andere Strassenseite, dann konnte sie ein gut Stück weiter sehen, das hatte sie schon ausprobiert.
So ging sie auch heute über den Fahrweg hinüber, um Ausschau zu halten. Und kaum war sie drüben, da erblickte sie auch schon den Wagen.
Laut aufjauchzend wollte sie schnell wieder an die Zauntür hinüber, um von da Junker Hans zu winken.
Maria blickte von ihrer Arbeit auf, als sie Liselotte jauchzen hörte, und erschrak, als sie das Kind jenseits des Fahrwegs sah, denn sie hörte den Wagen herankommen. Erschrocken sprang sie auf, denn sie sah, dass Liselotte wieder herüberlaufen wollte. In der Eile strauchelte das Kind und fiel mitten auf dem Fahrweg nieder.
Unglücklicherweise hatte der Baron Bodenhausen gerade heute ein Paar besonders junge und feurige Pferde zum ersten Male einspannen lassen. Sie rasten im stürmischen Tempo daher.
Wie ein Pfeil schoss Maria, von Entsetzen getrieben, hinüber, um Liselotte aufzuheben. Die Kleine hatte sich in ihr Kleidchen verwickelt mit den Füssen und kam nicht empor.
Schon waren die Pferde dicht herbeigekommen, da gelang es Maria noch, im letzten Augenblick ihr Kind zürückzureissen und beiseite zu schieben. Aber leider fiel sie dabei selbst hin und so unglücklich, dass die aufbäumenden Pferdehufe ihren Kopf trafen.
Der Kutscher hatte mit aller Macht die Pferde zurückgerissen und der Wagen hielt — aber leider zu spät. Das Unglück war nicht mehr zu verhüten. Maria Hochberg lag zu Tode getroffen am Boden.
Im Wagen hatten der Baron, seine Gemahlin und Junker Hans gesessen. Die kleine Baronesse war eines Schnupfens wegen mit der Gouvernante zu Hause geblieben. Erschrocken waren nun die drei Insassen aus dem Wagen gesprungen. Auch der Kutscher sprang herab, um seine Pferde zu beruhigen, damit nicht noch mehr Schaden angerichtet wurde. Liselotte hatte laut aufgeschrien in höchster Not. Das hatte Heinrich gehört, der hinter dem Hause zu tun hatte. Mit grossen Sätzen kam er herbeigeeilt. Hinter ihm erschien die Wirtin. Auch einige andere Leute kamen herbeigeeilt und scharten sich um die Unfallstelle.
Heinrich beugte sich mit einem lauten Schmerzensschrei über die leblose Gestalt der jungen Frau. Wie ein Kind hob er sie auf seinen starken Armen empor, und die hellen Tränen liefen ihm über das blasse Gesicht.
Der Baron rief dem Kutscher zu, sofort den Arzt im Wagen herbeizuholen. Dann folgte et mit seiner Gattin Heinrich und Frau Martha Schulz in die Weisse Taube.
Heinrich sah voll Jammer und Herzeleid herab in das blasse Gesicht der jungen Frau. Das goldblonde Haar war von Blut durchtränkt. Frau Schulz riss ihr eigenes Schlafzimmer auf und glättete weinend das Bett, auf das Heinrich behutsam die Leblose Frau niederlegte. Der Baron und seine Gattin traten mit ein. Auch ihre Gesichter waren bleich und verstört.
In all dem erschreckten Trubel hatte jetzt niemand auf die kleine Liselotte geachtet. Sie stand erschrocken und bitterlich weinend auf der Strasse vor der geschlossenen Gasthofstür und rief verzweifelt nach ihrer lieben Mami, der die bösen Pferde ein „Weh Weh“ gemacht hatten.
Da neigte sich Junker Hans zu der trostlosen Kleinen herab. Sein Antlitz war auch leichenblass, er zitterte selbst vor Schrecken über den furchtbaren Unfall, an dem vor allem die stürmisch dahinrasenden Pferde schuld gewesen waren. Mit bebender Hand streichelte er das dunkle Lockenköpfchen, das sich so weich und seidig anfasste, und trocknete mit seinem eigenen feinen Taschentuch die Tränen der armen Liselotte.
„Arme, Kleine — arme kleine Bettelprinzess,“ sagte er voll heissen Mitleids. Schluchzend sah sie zu ihm auf, als könne er helfen.
„Ich will zu meiner süssen, armen Mami, lieber Junge. Die bösen Pferde haben ihr weh getan,“ jammerte sie.
Er brachte kein Wort hervor als immer nur: „Arme Kleine, arme Kleine!“
Aber er öffnete die schwere Tür und trat mit ihr in den Hausflur. Weiter wagte er sich nicht. Er zog Liselotte zu sich heran und sagte leise:
„Bleib nur hier, bis man dich zu deiner Mami ruft.“
Frau Schulz lief mit einer Schüssel voll Wasser und leinenen Tüchern vorbei, ohne auf Liselotte zu achten. Auch über ihr Antlitz liefen unaufhaltsam die Tränen.
Drinnen wusch sie behutsam das blasse Gesicht der Verunglückten und legte nasse Kompressen auf das blutende Haupt. Die konnten keinesfalls schaden. Bevor der Arzt nicht da war, konnte man nichts weiter tun. Man wusste ja nicht einmal, ob noch Leben in der jungen Frau war.
Der Baron half ihr selbst dabei. Er machte sich bittere Vorwürfe, dass er die jungen, ungestümen Pferde hatte einspannen lassen.
Die Wirtin erzählte weinend mit leiser Stimme, dass Maria Hochberg ganz allein im Leben stehe mit ihrem Kinde, und dass sie sich ihren Unterhalt mit Malereien verdient habe. Sie sei eine so liebe, feine Frau, die sicher eine sehr gute Bildung genossen habe.
Zum Glück hatte der Kutscher den Arzt schon unterwegs getroffen. So war dieser bald zur Stelle. Aber sein Gesicht war sehr ernst und bedenklich. Während er die Verunglückte untersuchte, bat er die Baronin, einstweilen hinaus zu gehen in ein Nebenzimmer.
Der Baron aber blieb, um vielleicht dem Arzt behilflich zu sein. Auch Frau Martha, die nochmals frisches Wasser herbeigeholt hatte, blieb zugegen.
Als der Arzt seine Untersuchung beendet hatte, richtete er sich auf.
„Da ist keine Hoffnung mehr! Wohl ist das Leben noch nicht erloschen, aber es wird bald zu Ende sein. Die Schädeldecke ist zertrümmert, da ist nichts mehr zu retten,“ sagte er ernst.
Frau Schulz schluchzte laut auf. Es war, als ob dieser Laut Maria Hochberg noch einmal von der Schwelle der Ewigkeit zurückrufe. Auch die Baronin kam jetzt erschrocken wieder herüber.
„Was ist es?“ fragte sie leise.
Der Baron zuckte die Achseln und wischte sich die Stirn.
„Seine Hoffnung,“ flüsterte er ihr zu.
Da hob Maria müde und schwer die Lider von den schönen blauen Augen. Ihr Blick irrte umher.
„Mein Kind!“ lallte sie.
„Es ist gesund und wohlbehalten,“ versicherte ihr der Baron.
Sie sah ihn an mit seltsam flehendem Blick, als wollte sie etwas fragen.
„Mein Kind!“ rief sie nochmals.
Heinrich stand an der Tür und wischte sich mit der verkehrten Hand die Tränen aus den Augen. Er verstand den Sehnsuchtsruf der Frau, die er so schrankenlos bewundert und verehrt hatte. Schnell ging er hinaus, um Liselotte zu holen.
„Liselotte wird gleich kommen,“ sagte Frau Schulz, sich zu Maria neigend.
Die sah zum Arzt empor.
„Muss ich sterben? Bitte — Wahrheit!“
„Sie sind schwer verletzt, sehr schwer,“ antwortete dieser ernst.
Wie in Heisser Angst blickte Maria die Menschen an, die ihr Lager umstanden.
„Mein armes Kind!“ stöhnte sie.
Der Baron und seine Gattin sahen sich an. Dann beugte sich der Baron herab.
„Sorgen Sie sich nicht — was auch geschehen mag, ich sorge für Ihr Kind. Wenn es schusslos ist, soll es ins Schloss kommen, ich verspreche Ihnen, dass ich für seine Erziehung sorge. Meine Pferde waren schuld an dem Unglück. Bitte, beruhigen Sie sich Ihres Kindes wegen, es wird nicht verlassen sein.“
Ein überirdisches Lächeln glitt über Marias Antlitz.
„Dank — Pastor Helmers — Papiere,“ hauchte sie.
Jetzt kam Heinrich mit Liselotte herein. Er hatte sie dringend ermahnt, nicht zu weinen, weil das Mami weh tue. Nun schluckte sie tapfer ihre Tränen hinunter und eilte an das Bett.
„Mami — meine arme, süsse Mami!“
Aller Augen füllten sich bei diesem kindlichen Notschrei mit Tränen.
Maria tastete nach dem Haupte ihres Kindes.
„Meine Liselotte — ich gehe nun — zu Papa — sei brav — Gott — segne dich.“
Kaum vernehmbar verklangen diese Worte. Dann ging es wie ein Ruck durch den schlanken Frauenkörper. Er streckte sich lang aus.
Und die schönen blauen Augen, die der Tod brach, wurden sanft von dem Arzt geschlossen. Maria Hochberg war dem geliebten Gatten in die Ewigkeit gefolgt. Die kleine Liselotte war eine Waise.
Aufschluchzend hob Heinrich das Kind empor und trug es hinaus. Draussen setzte er sich im Hausflur auf die Bank und weinte. Und dabei wiegte er das weinende Kind auf seinem Schoss und suchte es zu trösten. Neben ihm stand Junker Hans in tiefster Ergriffenheit und trocknete immer wieder mit seinem seinem Tuch die Tränen Liselottes. Der vornehme Funker in seinem feinen Anzug und der schlichte Bauernbursche im derben Arbeitskittel vereinten sich zu einem Werke der Barmherzigkeit. Sie dachten jetzt beide nicht daran, welch einer verschiedenen Lebenssphäre sie angehörten.
Drinnen im Schlafzimmer der Wirtin lag mit friedlich verklärten Zügen die tote Mutter der kleinen Waise, als sei sie allem Leid, allem Weh entrückt. Frau Martha Schulz ging in den Garten und schnitt Rosen ab. Die streute sie weinend über die tote Frau, die ihr im Herzen so lieb geworden war.
Der Arzt hatte inzwischen in dem leeren Gastzimmer noch eine Unterredung mit dem Baron und seiner Gemahlin. Inzwischen kam Pastor Helmers herbei, der von dem Unglück vernommen hatte.
Diesem erklärte Baron Bodenhausen, dass er der Verstorbenen versprochen hatte, Liselottes Erziehung zu übernehmen. Der Pastor teilte ihm mit, dass Frau Hochberg ihm Wertpapiere in Höhe von zehntausend Mark und ein Päckchen Papiere in einem versiegelten Kuvert übergeben, und welche Wünsche sie dabei geäussert habe. Da der Herr Baron doch nun die Vormundschaft über das Kind erhalte, möge er auch das Geld und die Papiere zur Verwahrung an sich nehmen.
Baron Bodenhausen erklärte sich dazu bereit. Das Geld wollte er für Liselotte verwalten, damit sie später, wenn ihre Erziehung vollendet sei, einen Notpfennig habe. Solange werde er für sie sorgen. Das versiegelte Kuvert wollte er verwahren bis Liselotte achtzehn Jahre alt sei. Der Pfarrer möge die Papiere am nächsten Tage ins Schloss bringen.
Bald darauf kehrte der Baron mit seiner Gemahlin und seinem Sohne ins Schloss zurück. Neben Junker Hans aber sass jetzt die kleine Liselotte, die man gleich mitnehmen wollte, damit sie auf andere Gedanken kam. Darum hatte Junker Hans gebeten, der sich jetzt nicht von der armen Kleinen losreissen konnte.
Frau Martha Schulz tat das Herz weh, als Heinrich Liselotte in den Wagen hob und der brave Bursche wischte immer wieder verstohlen die Tränen ab.
„Müssen wir denn die Liselotte auch hergeben, Madam Schulz?“ fragte er, als sie beide dem davonfahrenden Wagen nachsahen.
Frau Schulz seufzte.
„Es muss wohl sein, Heinrich. Weiss Gott, ich behielt das Kind am liebsten selbst. Aber was der Herr Baron bestimmt, dagegen kann unsereins nicht an. Und vielleicht ist es zu Liselottes Glück. Eine so gute Erziehung wie sie im Schlosse bekommt, die könnte ich ihr doch nicht geben, dazu bin ich eine zu schlichte einfache Frau. Und Frau Hochberg war doch nun mal eine fein gebildete Frau, und ihr Kind muss auch so erzogen werden.“
„Aber ob sie es so gut im Schlosse haben wird, als sie es bei Ihnen gehabt hätte, Madam Schulz?“ fragte Heinrich zweifelnd. Frau Schulz wischte sich mit der Schürze über die Augen.
„Sie werden ja der hilflosen armen Waise, der sie die Mutter totgefahren haben, nichts zu leide tun,“ erwiderte sie, sich zugleich selbst beruhigend.
Sie gingen beide ganz niedergeschlagen ins Haus zurück.
„Nun packe nur die Malereien in die Kiste, Heinrich. Das müssen wir alles an die Firma zurückschicken. Ich will nachher ein paar Worte dazu schreiben. Wenn ich die gemalten Blumen ansehe, muss ich weinen.“
Ach, Heinrich weinte nicht weniger, als er Marias letzte Arbeiten zusammenpackte. Am liebsten hätte er sich nicht davon getrennt.
Und Frau Martha Schulz weinte nicht weniger, trotzdem sie die gemalten Blumen nicht ansah. Aber sie stand drüben am Totenlager der jungen Frau und über deren Antlitz glitt ein Sonnenstrahl wie ein Lächeln. Das war gar zu traurig — Frau Schulz weinte herzzerbrechend, als sei ihr eine liebe Tochter gestorben.
Als dann am andern Tage die Leiche aufgebahrt war, plünderte Heinrich den ganzen Garten und schleppte alle Blumen herbei. Frau Schulz wand Kränze daraus, die auf den Sarg gelegt wurden.
* * *
Die Equipage hielt vor der Freitreppe des Schlosses Bodenhausen. Die kleine Baronesse Lori stand am Fenster neben ihrer englischen Erzieherin Miss Nobs. Sie sahen den Wagen kommen.
Erstaunt blickte Lori neben ihrem Bruder die kleine Liselotte auf dem Rücksitz.
„O Miss Nobs — sehen Sie doch — was soll denn das heissen? Da sitzt gar die aufdringliche Bettelprinzess in unserem Wagen! Wie kommt denn die da hinein?“ rief sie entrüstet und machte ihr hochmütigstes Gesicht.
Miss Nobs war eine sehr schlanke Dame von etwa dreissig Jahren. Sie hatte glattgescheiteltes, aschblondes Haar und graue Augen, war weder schön nach hässlich, und trug ein eng anliegendes, graues Kleid mit weissem Leinenkragen um den Hals.
Auch sie war sehr erstaunt, das kleine Mädchen, das sie so oft am Zaun der Weissen Taube hatte stehen sehen, in der Equipage zu erblicken.
„Ich weiss es nicht, Lori. Aber du solltest das Kind nicht immer Bettelprinzess nennen, es klingt so verächtlich.“
Lori warf den Kopf zurück.
„Sie ist eben doch eine Bettelprinzess, Miss Nobs.“
„Nein, es ist ein Schimpfwort und du sollst solche nicht anwenden.“
„Bettelprinzess ist kein Schimpfwort. Mama hat es auch schon gehört und mir nicht verboten. Sie müssen mir immer alles verbieten, was mir Spass macht, Miss.“
„Ich verstehe nicht, dass es dir Spass macht, das Kind so zu nennen.“
„Ach, Miss, machen Sie doch nicht solch Aufhebens von dem schmutzigen Bettelkind. In unsere Equipage gehört es sicher nicht. Ich verstehe Papa und Mama nicht. Und sehen Sie nur, jetzt hebt mein Bruder es gar aus dem Wagen und führt es ins Haus. Was soll das nur heissen?“
Baroness Lori kopierte in ihrer ganzen frühreifen Sprechweise schon ganz und gar die grosse Dame.
Jetzt wollte sie hinauslaufen, aber Miss Nobs hielt sie fest.
„Du sollst doch heute deines Katarrhs wegen im Zimmer bleiben, Lori!“
Widerwillig fügte sie sich, sah aber sehr ungeduldig nach der Tür. Sie öffnete sich endlich. Loris Eltern und Bruder traten ein. Der letztere führte Liselotte an der Hand.
Diese sah ganz schrecklich verweint und zerzaust aus und durch den Fall in den Strassenstaub nicht gerade sehr sauber. Lori zog ihr weisses Spitzenkleidchen wie ängstlich an sich und eilte auf die Mutter zu.
„Mama, was soll denn die Bettelprinzess hier im Schloss?“ fragte sie entrüstet. Die Baronin strich sich nervös über die Stirn und zerrieb Kölnisches Wasser in den Händen, um sich zu erfrischen. Sie schob Lori achtlos beiseite und wandte sich an Miss Nobs.
„Es hat ein Unglück gegeben, Miss. Sie müssen sich der Kleinen annehmen. Die Mutter des Kindes ist fast unter unseren Wagen gekommen, als sie die Kleine, die gefallen war, aufheben wollte. Dabei haben sie die Pferde schwer am Kopf verletzt und sie ist gestorben. Die kleine Waise soll nun im Schloss erzogen werden. Sie wissen aber, liebe Miss, dass ich zu viel in Anspruch genommen bin. Ich kann mich nicht viel um das Kind kümmern. Und deshalb übergebe ich es Ihnen. Neben Ihrem Zimmer ist ein leeres Kämmerchen, das lassen Sie als Schlafzimmer für die Kleine zurechtmachen, damit sie doch jemand in der Nähe hat. Und dann kann sie mit Lori zusammen Lernen und spielen. Das macht Ihnen dann nicht viel Umstände, nicht wahr, liebe Miss?“
Lori hörte das alles erstaunt und entrüstet an.
„Wie, Mama? Mit diesem schmutzigen Kind soll ich spielen? Das tue ich nicht, ich mag es nicht, es soll wieder fortgehen.“
Der Baron, der durch den Unfall ebenso nervös geworden war wie seine Gemahlin, fasste Lori unsanft an der Schulter.
„Du schweigst jetzt still und fügst dich in das, was Mama anordnet,“ sagte er streng.
Lori verzog unartig das Gesicht und ihre Augen blickten zornig und verächtlich auf Liselotte, die sich ängstlich an die Hand des Junkers klammerte. Aber sie schwieg doch, weil sie merkte, dass die Eltern erregt waren und nicht mit ihnen zu spassen sei. Dass sie aber mit Liselotte nicht spielen würde, stand in ihrem eigenssinnigen Kopfe fest.
Miss Nobs hatte etwas beklommen den Ausführungen ihrer Herrin gelauscht. Auch sie war nicht erbaut von dem fremden Zuwachs. Sie hatte schon mit der eigenwilligen, verzogenen Lori genug Arbeit und Verdruss, hatte kaum eine freie Stunde für sich. Und nun sollte ihr auch noch die Sorge für das fremdekind aufgebürdet werden.
Miss Nobs war durchaus nicht hartherzig oder mitleidslos. Es tat ihr leid, dass das Kind auf so schreckliche Weise seine Mutter verloren hatte. Dass sie aber nun ihre wenigen Erholungsstunden drangeben sollte und wohl gar noch in ihrer Nachtruhe gestört werden würde, das gefiel ihr gar nicht.
Sie wagte jedoch nicht zu widersprechen. Die Frau Baronin war eine sehr energische Dame und hielt darauf, dass ihre Befehle prompt erfüllt wurden. Wenn sie nun gar „liebe Miss“ dazu sagte, dann war gar nicht dagegen anzukommen.
So verneigte sich Miss Nobs und erklärte sich bereit.
Mit einem gnädigen Kopfneigen verliess die Barronin mit ihrem Gemahl das Zimmer. Sie glaubte nun das Ihre für Liselotte getan zu haben, indem sie die Sorge für deren Wohl Miss Nobs aufbürdete. So leicht machen sich die Menschen oft übernommene Pflichten. Sie kümmerte sich in Zukunft herzlich wenig um ihren Schützling. Mit einigen weiteren Anordnungen entledigte sie sich der Pflichten, die sie sich aus Anstandsrücksichten selbst aufgeladen hatte. Denn sie war ja einverstanden gewesen, dass ihr Gemahl der verunglückten Frau das Versprechen gab, für Liselottes Erziehung zu sorgen.
Miss Nobs sah unbehaglich auf ihren neuen Pflegling, der noch von Zeit zu Zeit tief aufschluchzte.
„Was soll ich nun mit ihr tun?“ fragte sie halb unwillig, halb mitleidig den Junker.
Dieser strich zum Entsetzen seiner kleinen Schwester fast zärtlich und mitleidig über Liselottes Köpfchen.
„Ich glaube, zuerst muss sie mal gewaschen werden, Miss. Sie hat so geweint und sich den Staub im Gesicht herumgewischt. Und dann glaube ich, wird es das Beste sein, sie schlafen zu legen. Sie muss todmüde sein von dem vielen Weinen. Seien Sie doch ein bisschen gut zu ihr, Miss. Wenn Sie das schreckliche Unglück mit angesehen hätten, würde Ihnen die Kleine gewiss auch sehr leid tun.“
Der Junker wurde ganz blass in Erinnerung an den furchtbaren Unfall.
Miss Nobs fühlte sich durch seine Worte fast beschämt. Sie beugte sich zu Liselotte herab.
„Soll ich dich zu Bett bringen, kleine Liselotte, willst du schlafen?“ fragte sie.
Diese schluchzte trocken auf, weinen konnte sie schon nicht mehr.
„Ich will zu Mami — Mami will ich haben,“ jammerte sie.
Miss Nobs sah hilflos zu dem Junker auf.
„Gehen Sie nur mit ihr, liebe Miss, und lassen Sie ihr das Kämmerchen zurecht machen, während Sie sie waschen und auskleiden. Geh, Liselotte, geh mit der guten Miss Nobs, sie wird gut mit dir sein,“ sagte er dann.
Liselotte klammerte sich an seine Hand.
„Bleib du bei mir,“ flüsterte sie bittend.
Er streichelte sie sanft.
„Wenn du ausgeschlafen hast, spiele ich mit dir. Jetzt musst du aber artig sein und tun, was ich dir sage.“
Da ging Liselotte folgsam mit Miss Nobs aus dem Zimmer.
Junker Hans trat zu seiner kleinen Schwester.
„Was macht dein Katarrh, Lori?“ fragte er und wollte sie mit brüderlicher Zärtlichkeit umfassen. Sie stiess ihn aber heftig von sich.
„Fass mich nicht an, du hast mit deinen Händen das schmutzige Ding angefasst!“
Der Junker sah sie gross und vorwurfsvoll an.
„Pfui, Lori, wie herzlos bist du. Hast du denn gar kein Mitleid mit der armen Kleinen? Denke doch, sie hat nicht Vater und Mutter, nicht Bruder und Schwester. Kein Mensch gehört zu ihr. Sie ist ganz allein und verlassen.“
Lori blieb in ihrer eigensinnigen Abwehr.
„Sie mag im Dorf bleiben, bei den Bauernkindern oder in der Weissen Taube. Ins Schloss gehört sie nicht, ich mag sie nicht.“
„Du hast doch gehört, dass Papa und Mama anders bestimmt haben. Und die Eltern haben recht getan. Durch unsere Pferde ist Liselottes Mutter getötet worden. Sie wollte das Kind retten und starb selbst.“
„O, sie hat gewiss wieder im Weg herumgelungert. Was hat sie immer an unseren Wagen heranzulaufen. Sie ist so aufdringlich und sicher war sie selber schuld, dass ihre Mutter verunglückt ist.“
„Pfui, Lori, schäme dich.“
„Pfui, Hans, schäme du dich, dass du dich so gemein machst mit einem Bettelkind,“ äffte sie ihm nach.
„Sie ist gar kein Bettelkind, ihre Mutter war eine Malerin.“
„Maler sind Hungerleider und Bettelpack, hat Mamas Zofe zu Friedrich gesagt,“ trumpfte sie auf.
„Du solltest nicht nachsagen, was du von den Dienstboten hörst. Frau Hochberg soll eine sehr feingebildete Frau gewesen sein, die nur arm wurde, weil sie ihren Mann verlor.“
Das hatte der Junker vom langen Heinrich gehört.
„Nun ja, und wer arm ist, der ist ein Bettler.“
„O nein, weder Liselotte noch ihre Mutter haben je gebettelt.“
„Aber sie wollten es sicher tun, deshalb waren sie immer so aufdringlich. Und aufdringliches Volk muss man sich fern halten, sagt Mama. Ich will nicht, dass du dich mit dieser greulichen Liselotte einlässt. Und wenn du es doch tust, bin ich dir bitterböse. Ich werde ganz sicher nicht mit ihr spielen.“
Junker Hans zuckte die Schultern. Er wusste nicht, was er noch zu Liselottes Gunsten sagen sollte. Aus Erfahrung wusste er, dass Lori allen Menschen, die unter ihr standen, mit diesem verächtlichen Hochmut begegnete, der gerade bei einem Kinde so hässlich wirkte.
Er gab es also auf, Lori eines Besseren zu belehren, nahm sich aber fest vor, immer gut zu der armen kleinen Liselotte zu sein. Sie tat ihm so sehr leid in ihrer Verlassenheit.
* * *
Das Kämmerchen neben Miss Nobs Zimmer war schnell zurecht gemacht worden. Das Hausmädchen, das Miss Nobs mit dieser Arbeit betraut hatte, maulte zwar sehr ungehalten, dass es des fremden Kindes wegen Arbeit hatte. Die Miss wies es aber zur Ruhe. Sie schämte sich ein wenig, dass sie vorhin im Innern selbst darüber ungehalten war, dass ihr das fremde Kind neue Arbeit brachte.
Als das Kämmerchen fertig war, bat sie das Mädchen, für die Kleine ein Glas Milch und Butterbrot zu bringen. Mürrisch ging die Dienerin ab.
Miss Nobs wusch nun Liselotte und hüllte sie in ein abgelegtes Nachthemd von Baroness Lori, das sie sich aus dem alten Leinen heraussuchte, denn man hatte Liselottes Sachen noch nicht aus der Weissen Taube geschickt.
Liselotte hielt geduldig still, obwohl Miss Nobs sie nicht so weich und zart anfasste, wie die liebe Mutter es getan.
Als die Milch gebracht wurde, redete die Miss Liselotte zu, etwas zu sich zu nehmen. Liselotte wollte sich auch artig dazu zwingen. Aber dabei übermannte sie der Jammer wieder und sie legte sich in das schmale Bett und barg das Gesicht in den Kissen.
Dieses trostlose Weinen rührte Miss Nobs ungemein. Sie vergass alle Misstimmung über der Erkenntnis, was dieser Tag dem armen Kinde geraubt hatte. Sie beugte sich herab über das schluchzende Kind und sagte liebevoll:
„Weine doch nicht mehr, mein armes Kind. Du machst dich ganz krank. Deine Mami ist bei den Engeln im Himmel und sie wird sehr betrübt sein, wenn sie sieht, dass ihre kleine Liselotte weint.“
Da richtete sich Liselotte empor und sah mit erwachendem Vertrauen in das Gesicht der Miss. Es war nicht schön und fein, wie das ihrer süssen Mami. Aber die Augen blickten doch sanft und gut und nicht so kalt, wie die der Baronin und der kleinen Baroness.
„Mami hat gesagt, sie geht zu Papi. Ist sie nun bei ihm?“ fragte sie leise.
„Ja, mein Kind, Mami und Papi sind zusammen im Himmel.“
„Papi macht doch eine grosse Reise.“
„Ja, ja, bis in den Himmel. Und da ist Mami nun auch und blickt herab auf ihr kleines Mädchen.“
„Sieht mich Mami jetzt auch?“ forschte Liselotte schluchzend.
„Gewiss, Liselotte.“
„Aber ich sehe sie nicht. Liegt sie nicht mehr in Tante Schulz ihrem Bett?“
„Nein, sie ist weit fort und du kannst sie nicht sehen. Aber sie ist sehr traurig, wenn du weinst, und du willst doch die arme Mami nicht betrüben?“
„Nein.“
Nun siehst du. Und wenn du nun artig einschläfst, dann kommt sie mit all den lieben Englein zu dir und tröstet dich.“
Liselotte wischte sich die Tränen ab.
„Dann will ich schnell schlafen. Bringt Mami denn auch Papi mit?“
„Ja, Kind, sie werden immer um dich sein, auch wenn du sie nicht siehst. Nun komm, trink noch ein Schlückchen Milch, sonst grämt sich Mami, dass du hungrig schlafen gehst.“
Da trank Liselotte gehorsam und ein wenig getröstet die Milch zur Hälfte aus. Dann legte sie sich nieder und schloss die Augen, nachdem sie, wie sie es gewohnt war, ihr Gebet gesagt hatte.
Gerührt und seltsam ergriffen ging Miss Nobs davon und dachte, welch ein Unterschied doch zwischen der armen Kleinen und der stolzen Baroness sei.
Und als die Engländerin an diesem Abend zur Ruhe ging, da trieb es sie noch einmal in das Kämmerchen hinüber zu der kleinen Waise. Sie tastete sich leise im Dunkel nach dem schmalen Bettchen, um das Kind nicht zu stören. Lauschend beugte sie sich hinab, um den Atemzügen zu lauschen.
Plötzlich fühlte sie sich von zwei weichen Aermchen umschlungen. „Süsse Mami, bist du endlich da? Ich habe die Augen ganz fest zugemacht. Die gute Miss Nobs hat mir gesagt, dass du kommst. Bist du nun ein Engel, süsse, liebe Mami?“
So flüsterte ein leises Stimmchen an ihrem Ohr und ein weiches, warmes Kinderkörperchen schmiegte sich an sie.
Miss Nobs war ganz wunderlich zu mute. Sie brachte es nicht über sich, dem armen Kinde den frommen Wahn zu rauben. Zärtlich streichelte sie die dunklen Locken — wie nur Mutterhände streicheln — und küsste die weiche Wange des Kindes.
„Schlaf, mein Kind, wenn du sprichst, muss ich fortgehen,“ flüsterte sie wie ein Hauch, um sich nicht zu verraten. Da legte sich Liselotte aufatmend zurück und behielt nur die Hand der Miss zwischen den ihren.
Und Miss Nobs blieb regungslos sitzen, streichelte das Lockenköpfchen und wartete, bis das Kind sanft entschlummert war.
So ging das nun viele Tage lang.
Jeden Abend huschte Miss Nobs noch einmal an da Bettchen Liselottes. Meist schlief das Kind bereits Aber wenn es einmal wachte, dann wurde es stumn und zärtlich von Miss Nobs geherzt und geküsst, wie das sonst nur eine Mutter tut.
Liselotte hatte ihr am nächsten Morgen leise und geheimnisvoll erzählt, Mami sei bei ihr gewesen. Die gute Miss widersprach nicht. Sie hoffte durch diesen frommen Betrug das arme Kind zu trösten. Und das war auch der Fall.
Liselottes Gedanken wurden ausserdem durch die völlig neue Umgebung abgelenkt von dem Unglück, das sie betroffen hatte.
In Miss Nobs Herzen hatte sich die kleine Waise schnell ein warmes, sicheres Plätzchen erobert und auch Junker Hans war stets lieb und gut zu ihr, wenn er einmal Zeit für sie hatte. Um seine Schwester nicht noch mehr gegen Liselotte aufzureizen, erwies er ihr aber nur ganz verstohlen kleine Liebkosungen.
Sonst war aber auch kein Mensch im ganzen Schlosse lieb und gut zu ihr. Der Baron und seine Gemahlin kümmerten sich gar nicht um ihren Schützling. Ihre Zeit war anderweitig in Anspruch genommen. Sie führten ein grosses Haus, gaben viel Gesellschaften und lebten ziemlich verschwenderisch. Das Geld flog für äusseren Glanz mit vollen Händen hinaus, und dann fehlte es manchmal am Nötigsten.
Miss Nobs hatte noch eine längere Unterredung mit der Baronin gehabt. Sie wollte sich genaue Instruktionen holen über Liselottes Erziehung, wie sie das Kind sonst halten und beköstigen sollte, wie sie gekleidet werden sollte und dergleichen Fragen mehr.
Die Baronin hatte nicht Lust, viel Geld für das Pflegekind auszugeben. So bestimmte sie, dass Liselotte, wenn ihre eigenen Kleider aufgebraucht waren, die abgelegten von Lori tragen sollte, ebenso deren Wäsche und Schuhzeug. Was für Lori nicht mehr ansehnlich genug sei, könne Liselotte immerhin noch gut abtragen, damit man nichts Neues für sie anschaffen musste.
Die Mahlzeiten sollte Liselotte vorläufig mit Miss Nobs zusammen auf deren Zimmer einnehmen, „bis das Kind erst einmal sich gesittet bei Tisch benehmen kann“, sagte die Baronin.
Miss Nobs hatte schon herausgefunden, dass Liselotte ihre Mahlzeiten viel „gesitteter“ einnahm als die kleine Baroness, die oft recht unartig war. Aber natürlich sagte die Erzieherin das nicht. Aber als die Baronin dann fortfuhr: „Sie sorgen dafür, liebe Miss, dass die Kleine sich so benehmen lernt, dass man sie um sich dulden kann,“ da antwortete die Miss höflich: „Frau Baronin verzeihen, aber das Kind ist ausserordentlich gut erzogen. Man merkt, dass ihre Eltern gebildete Menschen waren.“
Dieser Einwurf irritierte die Baronin jedoch sehr.
„Mag sein, Miss, aber sie wird doch noch manches lernen müssen, vor allem auch den nötigen Ton uns gegenüber. Man muss ihr begreiflich machen, dass allzu grosse Vertraulichkeit nicht angebracht sind. Sie muss wissen, dass sie nicht durch die Bande des Blutes zu uns gehört und dass es zwischen ihr und uns einen grossen Unterschied gibt. Sie verstehen mich, Miss?“
Miss Nobs verstand, dass man recht deutlich unterstreichen wollte, dass Liselotte nicht zu der vornehmen Familie des Barons gehöre, sondern dass sie nur das Gnadenbrot im Schlosse ass. Diese Gewissheit nahm Miss Nobs Herz noch mehr für die Waise ein.
„Ich verstehe, Frau Baronin,“ sagte sie, sich verneigend.
„Gut, gut, liebe Miss, ich vertraue Ihrem Taktgefühl. Sie werden dafür sorgen, dass die Kleine bescheiden bleibt, wie es ihren Verhältnissen zukommt. Denn wenn wir unser Versprechen erfüllt haben und ihre Erziehung vollendet ist, wird sie als armes Bürgermädchen wohl auf eigenen Füssen stehen müssen, und da ist es gut, wenn sie von Anfang an merkt, dass sie nicht auf der gleichen Stufe steht, wie wir. Ich werde auch den Dienstboten die nötigen Instruktionen geben. Man soll das Kind nicht wie eine Baroness bedienen, das tut ihm nicht gut. Wenn Sie die Kleine erst nach dieser Richtung hin genügend gedrillt haben, dann kann sie ja später mit Ihnen an unserem Tisch essen. Verstehen Sie, liebe Miss?“
Die „liebe Miss“ verstand.
„Ich weiss nun, Frau Baronin, wie ich mich zu verhalten habe. Lernen soll doch Liselotte mit Baroness Lori zusammen, nicht wahr?“
„Gewiss, es ist vielleicht ganz gut für Lori, wenn sie darin eine Gefährtin bekommt, die sie ein wenig aneifert. Sie werden das schon alles regeln, Miss, so dass ich nicht belästigt werde. Loris Widerwille gegen die Kleine wird sich ja hoffentlich mit der Zeit verlieren, zumal, wenn Junker Hans erst Bodenhausen verlässt, um das Gymnasium zu besuchen. Dann ist sie vielleicht froh, eine Spielgefährtin zu haben. Lori ist ja immer sehr energisch in ihren Sympathien und Antipathien und ich will nicht, dass dies bei ihr unterdrückt wird. Beeinflussen Sie also Liselotte, dass sie sich in die Eigenheiten meiner Tochter fügt.“
Damit war Miss Nobs entlassen und durfte sich mit einer Verbeugung zurückziehen.
„Ach, du arme, kleine Liselotte, du wirst hier im Schlosse nicht auf Rosen gebettet sein,“ dachte sie mitleidig.
Sie wusste nun, dass sie Loris Unarten gegen Liselotte nicht so energisch unterdrücken durfte, als es wohl nötig gewesen wäre. Die hochmütige kleine Baroness besass nach Ansicht ihrer Mutter überhaupt keine Unarten, sondern nur „Eigenheiten“. Und diese „Eigenheiten“ durfte Miss Nobs nicht ausmerzen, das wusste sie schon aus Erfahrung.
Ihr Mitleid mit Liselotte wurde nach dieser Unterredung noch viel stärker, und dieses Mitleid vertiefte ihre Liebe zu dem verlassenen Kinde.
Ach, und wie nötig hatte die arme kleine Liselotte jetzt ein wenig Liebe. Es begann eine schlimme Zeit für sie. Sie, die bisher mit soviel Liebe umgeben worden war, schien allen Bewohnern von Schloss Bodenhausen, mit Ausnahme des Junkers und der Miss, ein Dorn im Auge zu sein. Die Dienstboten, die sehr wohl merkten, wie lästig der Herrschaft im Grunde das fremde Kind war, liessen alle schlechte Laune an Liselotte aus und stiessen sie herum, wenn sie ihnen im Wege war oder nur die geringste Mühe verursachte. Sie gaben ihr nur unfreundliche, rauhe Worte und riefen sie höhnisch, um Baroness Lori zu gefallen: „Bettelprinzess.“ Der Baron und seine Gemahlin bekümmerten sich nicht um sie und Baroness Lori quälte und kränkte sie ohne Unterlass. Mit gehässigen Worten, mit Stössen und Püffen rächte sie sich an Liselotte dafür, dass sie die Eltern zwangen, mit Liselotte zu lernen und zu spielen.
Wenn sie einmal sah, dass ihr Bruder lieb und freundlich zu Liselotte war, dann war sie doppelt garstig zu ihr und schalt sie: „Abscheuliche Bettelprinzess“. Wie tat der armen kleinen Waise da manchmal das Herz weh. Liselotte lernte aber bald, ihre Tränen zu unterdrücken und stumm zu leiden, denn sie merkte, dass ihr niemand half gegen die böse Lori. Ihr ganzer Trost war, wenn Junker Hans zuweilen verstohlen die Locken streichelte und ihr ein gutes. Wort sagte.
„Sei tapfer, kleine Liselotte, weine nicht,“ sagte er zu ihr, wenn er merkte, wie böse Lori zu ihr war.
Dann fühlte sich Liselotte wunderbar getröstet und der ganze Liebesreichtum ihres verlassenen Gemüts gehörte dem Junker.
Sie merkte aber auch bald, dass sich ihr noch ein Herz in Liebe zugewandt hatte — das der guten Miss Nobs. Wenn diese es auch nie in Gegenwart der anderen Menschen zeigte, wie lieb sie Liselotte gewonnen hatte. Wenn sie aber allein waren, konnte die Miss so liebevoll trösten und beruhigen wie eine Mutter.
„Sei nur nicht traurig, meine kleine Liselotte. Lori meint das gar nicht so schlimm. Aber du bist eine arme bürgerliche Waise und sie eine stolze, vornehme Baroness. Man muss sich mancherlei im Leben gefallen lassen, wenn man arm ist. Daran wirst du dich gewöhnen. Aber ich hab dich lieb und Junker Hans auch. Daran denke, wenn dich Lori kränkt, und schweige still dazu.“
Solche Worte wiederholte Miss Nobs so oft, bis Liselotte sie richtig verstand. Damit tröstete sie die Kleine und kam zugleich den Befehlen der Baronin nach. Wenn die Herrschaft zuweilen mit Lori ausgefahren war, dann ging auch Miss. Nobs schnell einmal mit Liselotte in die „Weisse Taube“. Da wurde das Kind von „Tante Schulz“ und dem „guten Heinrich“ so voll Liebe aufgenommen.
Als Liselotte erst ein wenig verständiger wurde, führte sie Miss Nobs auch zuweilen an das Grab ihrer Mutter. Liselotte durfte es mit selbstgepflückten Blumen schmücken und lernte langsam begreifen, was es heisst, wenn ein Mensch „tot“ ist.
Aber bis es soweit kam, weinte Liselotte des Abends in ihrem Bettchen noch manche Sehnsuchtsträne, schlang noch manchmal schlaftrunken ihre Arme um die gute Miss und nannte sie in zärtlichen Laufen „füsse Mami“.
Da wurde. Miss Nobs immer so weich und warm zu mute, als sei Liselotte wirklich ihr eigenes Kind.
* * *
Jahre waren vergangen.
Liselotte hatte ihre süsse Mami nicht vergessen, aber sie hatte sich nun schon lange daran gewöhnt, mit allen Sorgen und Kümmernissen ihres kleinen Herzens zu Miss Nobs zu flüchten, die zum Glück noch immer im Schlosse war.
Liselotte zählte jetzt zehn Jahre. Sie durfte schon lange mit Miss Nobs mit am Tisch der Herrschaft essen, sass am unteren Ende der Tafel und wusste, dass sie sich sehr still und bescheiden zu verhalten hatte und nur reden durfte, wenn sie gefragt wurde.
Nur wenn Besuch oder Gesellschaft im Schlosse war, dann musste sie wieder mit Miss Nobs auf deren Zimmer essen. Darüber aber waren sie gar froh, sie hätten am liebsten immer allein gegessen. Aber das duldete die Baronin nicht.
Einen grossen Schmerz hatte. Liselotte gehabt, als Junker Hans von zu Hause fortging. Er war zu einem Gymnasialprofessor in Pension gekommen und besuchte das Gymnasium. Nur in den Ferien kam er nach Hause. Später sollte er Offizier werden, bis er eines Tages seines Vaters Nachfolger werden würde. Alle seine Vorfahren hatten eine Zeitlang den Rock des Königs getragen. Das war eine Tradition des alten Geschlechtes.
Niemand freute sich so sehr, wenn Junker Hans nach Hause kam, als Liselotte. Tagelang vorher lief sie schon mit verklärten Augen umher. Und noch geduldiger als sonst liess sie sich vor Lori quälen und kränken und von den Dienstboten herumstossen. Heimlich schmückte sie immer sein Zimmer mit Blumen, um ihn zu erfreuen.
Baroness Lori war mit zehn Jahren durchaus nicht liebenswürdiger geworden, als mit fünf. Im Gegenteil, ihr hochmütiges, hoffärtiges Wesen war jetzt noch viel unausstehlicher, so dass manchmal ihr Vater ein Wort des Tadels für sie hatte. Nur ihre Mutter fand an Lori alles recht und gut, und so konnte Miss Nobs nicht viel tun, um diese Untugend zu unterdrücken. Beschwerte sie sich ja einmal bei der Baronin, dann sagte diese, die selbst sehr stolz war:
„Lassen Sie Lori nur gewähren. Sie hat sehr viel Eigenart und sie soll sich ja auch bewusst sein, dass sie auf ihren Namen, auf ihre Geburt stolz sein kann. Eine Baronesse Bodenhausen ist kein beliebiges kleines Mädchen.“
Was konnte Miss Nobs dagegen sagen? Nichts! Denn hätte sie gesagt, was sie dachte, dann hätte sie ihre Stellung verloren.
Lori nahm sich das Recht, Liselotte wie ihre Sklavin zu behandeln. „Heb mir den Ball auf!“ „Geh mir aus dem Wege!“ „Du sollst meine Spielsachen einräumen!“ So schwirrten Loris Befehle für Liselotte durcheinander.
Sie verlangte von ihr schrankenlose Ergebenheit. Sie durfte nicht mucksen, sonst schlug und stiess Lori nach ihr. Das tat sie auch ohne Veranlassung. Und wer, ihr gefallen wollte, musste die „Bettelprinzess.“ schlecht behandeln.
Miss Nobs durfte um Himmelswillen nicht merken lassen, dass sie Liselotte lieb hatte.
So war die arme Liselotte eine Art Prügelknabe im Schlosse.
Ihre Augen blitzten manchmal wie im heissen Stolze auf, wenn sie so namenlos gedemütigt wurde. Sie war keine knechtische Natur. Das Blut in ihren Adern rebellierte oft genug gegen die. Demütigungen. Dann warf sie das Köpfchen zurück wie in stolzer Abwehr, rasche, zornige Worte wollten über ihre Lippen und ihre schönen dunklen Augen flammten auf. Aber dann brauchte Miss Nobs nur verstohlen den Finger zu heben und sie bittend anzusehen, dann bezwang sie sich rasch und liess geduldig und gelassen alles über sich ergehen.
„Denke immer daran, meine liebe Liselotte, niemand kann dich demütigen, als du dich selbst. Was dir andere zufügen, fällt auf sie selbst zurück,“ sagte die Miss tröstend zu ihr.
Lori wusste es auch immer so zu drehen, dass Liselotte für Unarten und Streiche büssen musste, die sie selbst begangen hatte. Verlogen klagte sie stets Liselotte an. Liselotte war zu stolz, sich dann zu rechtfertigen, und das wusste Lori und bürdete ihr alles auf.
Wenn sich Liselotte dann zuweilen bei Miss Nobs bitter darüber beschwerte, so tröstete die gute Miss wieder.
„Unrecht leiden ist besser, als Unrecht tun, mein liebes Kind. Ich weiss, dass du keine Strafe verdient hast, weiss, dass Lori schuldig ist. Gräme dich nicht darum, der liebe Gott sieht in die Herzen der Menschen und weiss, weshalb er dir diese Prüfung auferlegt.“ —
Es war wieder einmal die Zeit herangekommen, da man Junker Hans in den Ferien erwartete.
Liselotte war glückselig. Ganz früh am Tage seiner Ankunft war sie aufgestanden und mit einem Körbchen am Arm ins Dorf gegangen.
Nur Miss Nobs wusste, was sie vorhatte.
Zuerst ging sie an das Grab ihrer Mutter, um zu beten. Das tat sie, so oft sie im Schlosse abkommen konnte. Wie immer war das Grab schön gepflegt und geordnet. Das liessen sich Frau Martha Schulz und der lange Heinrich nicht nehmen. Sie schmückten und hielten das Grab, als sei es das eines lieben Angehörigen. Auch Liselotte schmückte es oft mit frischen Wiesenblumen. Meist tat sie das in den frühesten Morgenstunden, wenn Lori noch schlief. Nachdem Liselotte si ihr Gebet verrichtet hatte, nahm sie ihr Körbchen wieder auf und eilte in die „Weisse Taube“. Heinrich stand am Gartenzaun, im Begriff, die Planken neu zu streichen.
„Guten Morgen, lieber Heinrich!“ rief ihm Liselotte zu.
Der grosse starke Mensch richtete sich hastig auf und sah sich mit strahlenden Augen nach ihr um.
„Dunnerlitzchen! Das Liselottchen! So früh biste schon wieder auf den Beinchen!“ rief er vergnügt. — Sie lachte, froh über das Wiedersehen mit dem alten, guten Freund.
„Wie du siehst, Heinrich. Wo steckt denn Tante Schulz?“
„Drinnen im Gastzimmer, Liselottchen, geh man zu ihr. Aber hör mal, eh du wieder fortgehst, kommste noch mal in den Garten. Die Kirschen sind reif, ich will dir gleich ʼn paar Hände voll pflücken für den Heimweg.“
Sie dankte ihm warm: „Guter, lieber, Heinrich!“
Er sah ganz verlegen aus.
„Na was denn, Liselottchen, es sind ja nicht meine Kirschen, sie gehören doch Madam Schulz. Aber die gibt sie dir gerne, das weiss ich. Du, Liselottchen, ich pflücke dir von den grossen, sauersüssen Natten, die du so gern magst, die zergehen auf der Zunge. Na nun lauf man erst zu Madam Schulz, dass die auch ihre Freude hat.“
Liselotte nickte ihm zu und ging ins Haus. Als sie ins Gastzimmer trat, sah sie Frau Schulz über ihren Rechnungsbüchern sitzen. Die lederne Geldtasche lag neben ihr.
„Guten Morgen, Tante Schulz!“
Frau Schulz sprang sogleich auf.
„Ach, die Liselotte! Guten Morgen, mein liebes Kind, bist du endlich mal wieder da? Wir haben schon alle Tage auf dich gewartet. Machst dich ja so rar?“ sagte sie, Liselotte in ihre Arme nehmend.
„Ach du weisst ja, Tante Schulz, ich kann nicht so oft fort. Nur früh, wenn Lori noch schläft. Manchmal verschlafe ich mich und dann habe ich keine Zeit mehr, zu dir zu kommen.“
Frau Schulz streichelte ihre Wangen.
„Sie quält dich natürlich immer noch, die stolze Baronesse, nicht wahr?“
Liselottes Augen trübten sich, aber hastig strich sie darüber hin.
„Ich bin es schon gewöhnt, Tante Schulz.“
„Schimpft sie dich immer noch Bettelprinzess?“
„Ach, darauf höre ich kaum noch. So viele Menschen nennen mich so.“
„Du armes Mäuschen — wenn das deine gute. Mutter wüsste!“ entfuhr es den Lippen der Wirtin.
„Aber Tante Schulz, Mami weiss das alles, sie sieht und hört alles, was mit mir geschieht, und hält schützend ihre Hand über mich. Sie schickt mir gute Menschen, wie dich und Heinrich, Miss Nobs und Junker Hans, damit ich nicht verzage.“
Frau Schulz nickte hastig und gerührt.
„Natürlich, mein Mäuschen, ich meine nur so. Und warte nur, wenn du gross bist, dann wird alles anders. Warst du schon an deiner guten Mutter Grab?“
„Ja, Tante Schulz. So schön ist’s dort. Das Vergissmeinnicht, das Heinrich ringsum gepflanzt hat, ist aufgeblüht.“
„O, wir sorgen schon dafür, dass das Grab immer mit Blumen geschmückt ist. Aber was willst du mit dem Körbchen, Liselotte?“
„Ach, Tante Schulz — ich habe eine grosse Bitte an dich.“
„Na dann heraus, damit, Liselotte. Du weisst, wenn ich kann, erfülle ich sie dir gern.“
„Hast du nicht ein paar Rosen für mich, Tante. Schulz? Heute kommt Junker Hans nach Hause und ich möchte ihm ein paar Rosen auf sein Zimmer stellen. Er freut sich sicher darüber. Im Schlossgarten darf ich keine pflücken, das ist verboten, und der Gärtner gibt mir auch keine. Du hast doch so schöne Rosen im Garten.“
Frau Schulz nickte.
„Und ob ich die habe, Mäuschen. Du sollst die schönsten kriegen, die aufgeblüht sind.“
„Ich habe aber nicht viel Zeit, Tante Schulz.“
Ja, ja, ich weiss schon. Warte nur einen Augenblick, ich will nur meine Bücher wegschliessen und meine Tasche umhängen. So — nun komm, ich schneide dir Rosen ab und Heinrich soll dir schnell noch Kirschen pflücken.“
Liselotte lachte.
„Das tut er schon, Tante Schulz, er hat mich schort gesehen.“
„So? Na, dann wird er wohl eilig mit seinen langen Beinen auf den Kirschbaum geklettert sein.“
Sie gingen in den Garten und Liselotte durfte sich selbst die schönsten Rosen aussuchen. Frau Schulz schnitt sie ab und legte sie sorglich zwischen taufrischen Rasen in das Körbchen.
„So, Mäuschen, die bleiben goldfrisch, bis du nach Hause kommst,“ sagte sie befriedigt.
Nun kam Heinrich herbei. In Ermangelung eines Korbes hatte er die Kirschen in seine Müsse gepflückt, die gestrotzt voll war. Der Sommerwind spielte mit seinem flachsblonden Schopf.
„So, Liselottchen, da haste eine tüchtige Portion. Nun lass sie dir gut, schmecken, so feine Natten gibt’s im ganzen Dorfe nicht nochmal,“ sagte er und schüttelte die Kirschen aus der Mütze sorglich in das Körbchen, nachdem er die Rosen beiseite geschoben hatte, damit sie nicht zerdrückt wurden. Liselotte dankte herzlich für beides und drückte den guten Menschen die Hand.
Schnell nahm sie Abschied und eilte ins Schloss zurück. Nicht eine einzige Kirsche ass sie unterwegs. Die wollte sie nachher mit. Miss Nobs teilen, die auch die sauersüssen Natten so gern ass.
Sie kam noch früh genug zurück. Lori war noch nicht sichtbar. Schnell band sie die Rosen zu einen schönen Strauss, stellte sie in eine Vase in frisches Wasser und trug sie in das Zimmer des Junkers. Das lag denen seiner Schwester gegenüber. Liselotte bemühte sich, kein Geräusch zu machen. Sie wollte nicht, dass jemand um die Rosen wissen sollte, auch der Junker sollte nicht erfahren, wer sie in sein Zimmer gestellt habe. Aber gerade, als sich Liselotte wieder leise aus dem Zimmer schlich, wurde gegenüber die Tür geöffnet und Lori stand vor ihr.
„Was tust du denn da in meines Bruders Zimmer?“ fragte diese schroff.
Liselotte war vor Schrecken dunkelrot geworden.
„Ich — ach — ich habe nur — etwas hineingetragen,“ stotterte sie.
„Lüge! Du hast drinnen herumgestöbert.“
Lori traute immer anderen Menschen zu, was sie selber zu tun pflegte.
Lifelotte Hob stolz den Kopf.
„Ich lüge nie, Lori, du weisst es,“ sagte sie mit bebender Stimme.
„Schweig! Natürlich lügst du. Jedenfalls hast du nichts in meines Bruders Zimmer zu suchen. Warte nur, ich werde ihm sagen, dass du in seinem Zimmer herumspionierst.“
Liselotte biss sich auf die Lippen. Sie wurde ganz bleich vor Angst, dass Lori ihre Drohung wahr machen und Junker Hans etwas Schlechtes denken könnte. Sie brachte kein Wort mehr über die Lippen und sah nur ihre Peinigerin mit einem wehen Blick an.
„Was guckst du mich denn an? Geh lieber ins Schulzimmer und leg meine Bücher zusammen, Miss will durchaus noch eine Unterrichtsstunde halten, ehe mein Bruder ankommt.“
Schweigend ging Liselotte davon. Sie trat ins Schulzimmer und legte für sich und Lori die Bücher zurecht. Ein Blick in diese Schulhefte hätte genügt, um festzustellen, dass Lori die bei weitem schlechtere Schülerin war. In ihren Heften sah es betrübend aus. Da gab es Fehler über Fehler, die Schrift lief kreuz und quer und verriet die geringe Sorgfalt, die Lori auf ihre Arbeiten verwandte.
Wie sauber und ordentlich sahen Liselottes Hefte dagegen aus.
Miss Nobs stellte Liselotte der Baronesse nicht gern als Muster hin, um Loris Groll nicht noch zu verstärken, aber einmal, als sich die Baronin beschwerte, dass Lori so schlechte schriftliche Arbeiten lieferte, sagte sie doch zu dieser:
„Nimm dir doch ein Beispiel an Liselotte, du könntest wirklich sehr viel von ihr lernen.“
Da warf Lori den Kopf zurück.
Ich bin die Baronesse Bodenhausen und brauche mir an einer Bettelprinzess kein Beispiel zu nehmen. Ich werde es Mama sagen, dass Sie mir Liselotte immer vorziehen.“
„Das wirst du nicht tun, denn eine Baronesse Bodenhausen darf vor allen Dingen nicht lügen, und wenn du das sagen würdest, wäre es eine Lüge,“ antwortete die Miss bestimmt.
Lori hatte immerhin noch einigen Respekt vor Miss Nobs und unterliess es denn auch, sie fälschlich anzuklagen.
Liselotte hatte sich, als sie alle Vorbereitungen zum Unterricht getroffen hatte, still hinter ihr Schulpult gesetzt. Es war dasselbe, das früher Junker Hanges hört hatte. Lori trat mit Miss Nobs zusammen ein.
„Muss denn heute unbedingt Unterricht sein, Miss, da doch mein Bruder erwartet wird? Wenn er Ferien hat, kann ich doch auch welche haben,“ sagte Lori missmutig.
„Dann hättest du vorher besser lernen sollen, Lori. Du bist noch so weit zurück, dass ich keine Stunde ausfallen lassen kann.“
Lori zog ein Mäulchen.
„Ach, wenn Mama will, bekomme ich doch frei.“
„Sie will aber zum Glück nicht. Nun setz dich.“
Lori schüttelte die dünnen, künstlich gedrehten Locken und nahm umständlich an ihrem Pulte Platz. Liselotte sass ihr gegenüber. Das schöne, dunkle Haar, das sich naturkraus um den feinen Kopf ringelte, trug Liselotte schon in einem dicken Zopf geflochten. Ihre braunen Augen sahen beklommen zu Lori hinüber.
Ob sie ihre Drohung wahr machte und sie bei Junker Hans verklagte?
„Was starrst du mich denn so an? Sieh doch lieber in dein Buch,“ herrschte sie Lori an.
Liselotte senkte rasch ihre Augen.
Miss Nobs biss sich auf die Lippen. Dann begann sie den Unterricht.
Aber Liselotte vermochte heute nicht so aufmerksam wie sonst zu folgen, sie musste immer an Junker Hans denken, und dass er nun bald da sein würde. Ob er noch immer lieb und gut zu ihr sein würde? Ob er ihr wieder leise und zärtlich über das Haar streichen und sagen würde: „Arme kleine Bettelprinzess“. Ach, wie ganz anders klang dies. Wort aus seinem Munde, als wenn es Lori oder die Dienstboten sagten. So wie er es aussprach, lag keine Spur von Kränkung darin, so klang es eher wie eine Liebkosung.
Ob er sich ein wenig über die Rosen freuen würde?
„Liselotte, du bist unaufmerksam, tadelte Miss Nobs plötzlich.
Sie tadelte mit Absicht selbst den kleinsten Fehler an Liselotte, damit Lori keine Veranlassung finden sollte, zu sagen, dass sie Liselotte bevorzuge. Liselotte wusste auch, dass ihre liebe gute Miss das nicht schlimm meinte. Aber heute erschrak sie doch. Sie war wirklich sehr unaufmerksam gewesen.
„Verzeihung, Miss Nobs, ich will besser acht geben,“ sagte sie bittend.
Lori schnitt ihr hinter dem Rücken der Miss eine Grimasse.
„Scheinheiliger Tugendbold;“ flüsterte sie ihr zu.
Liselotte wurde rot, tat aber, als habe sie nichts gehört.
Endlich war die Unterrichtsstunde zu Ende. Und da kam auch schon der Wagen mit Junker Hans vom Bahnhof zurück.
Lori liess alles stehn und liegen und eilte hinaus, um den Bruder zu begrüssen, den sie wirklich auf ihre Art lieb hatte.
Miss Nobs hatte das Zimmer schon verlassen. Liselotte räumte nun schnell erst die Bücher fort und ging dann mit klopfendem Herzen hinaus. Oben von der Treppe aus sah sie in die grosse Halle hinab und sah, wie Junker Hans von seinen Eltern und Lori begrüsst wurde.
Ihre Augen hingen sehnsüchtig an der schönen schlanken Jünglingsgestalt da unten. Junker Hans zählte jetzt achtzehn Jahre. Er war gross und kräftig gewachsen und auf seiner Oberlippe keimten bereits die ersten dunklen Spuren eines Bärtchens. Zu seinem dunkelbraunen Haar und dem gebräunten Gesicht wirkten die warmen, grauen Augen hell und freundlich. Er sah entschieden hübscher und vornehmer aus als seine, Schwester.
Als er Eltern und Schwester warm und herzlich begrüsst hatte, sagte er, sich umsehend:
„Wo ist denn Liselotte?“
Am liebsten wäre diese die Treppe hinabgeeilt, um ihn zu begrüssen. Aber sie wagte es nicht. Wusste sie doch, dass es sich für sie nicht schickte, sich in den Familienkreis zu drängen. Aber sie war glücklich, dass Hans nach ihr fragte.
Als die andern die Treppe heraufkamen, floh sie leise in ihr Kämmerchen zurück. Dort sass sie mit klopfendem Herzen und lauschte hinaus. Sie hörte Stimmen im lauten Gespräch, Loris schrilles Organ klang seltsam spitz gegen den warmen, sonoren Ton des Junkers, dann wurden Türen geöffnet und geschlossen, und nun war es still.
Liselotte atmete tief auf. Jetzt sassen sie wohl alle zusammen drüben im Salon der Frau Baronin und unterhielten sich. Ob Junker Hans sie wohl ein ganz klein wenig vermisste? Endlich hielt sie es in dem engen Kämmerchen nicht mehr aus. Zu Miss Nobs hinüber durfte sie jetzt nicht, die korrigierte Hefte und wollte nicht gestört sein.
So trat Liselotte wieder auf den langen Gang hinaus.
Und sie hatte Glück. Junker Hans wollte sich eben in sein Zimmer zurückziehen, um sich umzukleiden, und begegnete ihr.
Mit seinem guten, freundlichen Lächeln streckte er ihr die Hand entgegen.
„Da bist du ja endlich, Liselotte! Willst du mir denn gar nicht guten Tag sagen?“
Sie fasste aufatmend seine Hand mit ihren beiden und sah ihn mit leuchtenden Augen an.
„Ach, ich bin so froh, dass du wieder einmal daheim bist, lieber Hans.“
Er lachte gerührt.
„Wirklich? Und hast dich doch noch gar nicht sehen lassen, um mich zu begrüssen?“
Sie wurde rot.
„Ich stand hier oben an der Treppe und habe dich schon gesehen. Aber ich wagte es nicht, zu dir zu kommen.“
Er streichelte verstehend ihr seidiges Haar.
„Ach so! Arme, kleine Bettelprinzess, darfst nicht einmal tun, wozu dein Herz dich treibt. Lori hält dich wohl immer noch im Bann? Na, gräme dich nicht, ich freue mich desto mehr, dass ich dich wiedersehe, wenn es auch ein wenig später geschieht. Bist wahrhaftig schon wieder ein Stück gewachsen, seit ich zuletzt zu Hause war.“
„Du aber auch — du bist so gross wie ein richtiger Herr,“ sagte sie.
Wieder lachte er gutmütig.
„Da fehlt noch viel, Liselotte. Aber nun muss ich mich umziehen. Bei Tisch sehen wir uns wieder. Und ich habe dir auch etwas mitgebracht, das lege ich dir in dein Zimmerchen, wenn ich auspacke.“
Sie drückte schmeichelnd seine Hand an ihre heisse Wange.
„Guter, lieber Hans.“
Wieder streichelte er sie lächelnd.
Liebe kleine Liselotte! Also auf Wiedersehen nachher.“
Er nickte ihr zu und verschwand in seinem Zimmer.
Glückselig ging Liselotte in ihr Kämmerchen zurück. Ihr war zu Mute, als scheine die Sonne viel heller, seit Hans wieder in Bodenhausen war.
* * *
Bei der Mittagstafel, die heute ein festliches Gepräge frug, herrschte eine sehr frohe Stimmung. Die Eltern und Lori freuten sich, dass Hans zu Hause war. Liselotte sass stumm und bescheiden, wie immer, am unteren Ende der Tafel neben Miss Nobs. Aber wenn auch selten jemand das Wort an sie richtete, so konnte sie doch Hans wenigstens ansehen und zuweilen einen freundlichen Blick von ihm erhaschen. Kein Wort entging ihr, das er sprach.
Heute schien selbst Lori ihre Feindseligkeiten gegen sie eingestellt zu haben, und der Herr Baron machte einen kleinen Scherz mit ihr. Er war überhaupt freundlicher mit ihr, als die Frau Baronin, die immer sehr deutlich den Abstand zwischen ihnen betonte.
Nach Tisch pflegte sich der Baron und seine Gemahlin zu einem Ruhestündchen zurückzuziehen. Miss Nobs hatte noch zu tun, und so sagte Hans, als sich seine Eltern zurückgezogen hatten; zu ihr:
„Ich werde mit Lori und Liselotte in den Park gehen und einstweilen einmal die Gouvernante spielen an Ihrer Stelle, Miss.“
Miss Nobs lächelte.
„Da bin ich sehr neugierig, ob Sie viel Erfolg haben, Junker Hans.“
„O, parieren müssen sie mir. Also auf in den Park, Lori, Liselotte!“
Lori ärgerte sich, dass Liselotte mitgehen sollte.
„Dich können wir eigentlich gar nicht brauchen,“ sagte sie schroff.
Liselotte wollte sich betrübt zurückziehen, aber Hans hielt sie scherzend an ihrem dicken Zopf fest, den er wohlgefällig betrachtete.
„Nichts da — hier wird nicht ausgerissen, Liselotte, du kommst mit.“
„Ach, Lass sie doch,“ schmollte Lori.
Junker Hans zog aber Liselotte an der Hand mit sich fort und ignorierte Loris Schmollen.
Sie suchten den hübschen, offenen Pavillon auf im Park, und Lori warf sich dort, noch immer mit trotzigem Gesicht, wie eine grosse Dame in einen Korbsessel. Ihr Bruder nahm ihr gegenüber Platz und zog Liselotte freundlich an seine Seite.
Dazu machte Lori böse Augen.
„Sei nur nicht so gut zur Bettelprinzess, sie verdient es nicht,“ sagte sie gehässig. Liselotte sass nur schüchtern auf der Ecke ihres Sessels und sah Lori erschrocken an.
„Warum verdient das Liselotte nicht, Lori?“ fragte Hans ruhig.
„Weil sie in deinen Zimmern herumstöbert und spioniert. Ich habe sie erst heute morgen dabei erwischt.“
Liselotte wurde dunkelrot und presste die Hände krampfhaft zusammen. Sie war es gewöhnt, von Lori verleumdet zu werden, und verteidigte sich nie gegen solche Angriffe. Aber heute kam es sie besonders hart an, zu schweigen, denn um alles in der Welt wollte sie Hans nicht verächtlich erscheinen.
Sie sah mit ihren grossen, schönen Augen flehend zu Hans empor. Ihre Lippen pressten sich fest aufeinander, um kein Wort der Verteidigung herauszulassen. Denn, wenn sie sich verteidigte, musste sie ja auch eingestehen, dass sie Rosen auf sein Zimmer gestellt hatte. Und das wollte sie nicht.
Hans sah Liselotte forschend an.
„Ist das wahr, Liselotte? Warst du in meinem Zimmer?“
„Natürlich war sie drinnen, ich sage dir doch, dass ich sie erwischt habe!“ rief Lori schrill dazwischen und sah Liselotte drohend an.
„Ich will es trotzdem von Liselotte selbst hören. Also sprich, Liselotte, warst du in meinem Zimmer?“
„Ja,“ antwortete diese leise.
„Und was wolltest du dort?“ fragte er weiter.
„Herumkramen und spionieren, ich sage es dir ja!“ rief Lori erbost.
„Schweig doch, Lori, ich will von Liselotte selbst die Wahrheit hören. Hörst du wohl, Liselotte — die Wahrheit. Ich weiss, du wirst mich nicht belügen.“
Liselotte nahm ihr Herz in beide Hände. Sie schluckte tapfer die Tränen hinunter. Nun musste sie doch ihr Geheimnis preisgeben. Lügen konnte sie nicht.
„Ich — ich hatte nur einen Strauss Kosen auf dein Zimmer gestellt — zum Willkommen;“ sagte sie leise.
„Ach — die schönen Rosen auf dem Schreibtisch?“
„Ja.“
„Das lügt sie. Die Rosen wird wohl Mama auf deinen Schreibtisch gestellt haben. Sie darf ja keine Rosen abpflücken und der Gärtner gibt ihr keine, das weiss ich!“ rief Lori gehässig.
„Doch — ich habe die Rosen hingestellt,“ beharrte Liselotte.
„Dann hast du sie gestohlen,“ schrie Lori heftig.
Liselotte fuhr auf und wurde ganz bleich.
„Ich stehle nicht!“ rief sie mit seltsam klingender Stimme, und in ihren Augen flammte ein edler Stolz.
„Phhh! Dann kannst du die Rosen auch nicht auf Hans’ Zimmer gestellt haben. Das sagst du nur, um dich herauszureden.“
Hans sah in Liselottes bleiches, zuckendes Gesicht. Sie tat ihm schrecklich leid. Er hätte die Sache auf sich beruhen lassen, aber er wollte nicht, dass auf Liselotte ein schlimmer Verdacht ruhen bleibe.
„Du wirst es mir sagen, Liselotte, woher du die Rosen hast.“
Liselotte strich sich die Locken aus der Stirn und sah ihn offen und ehrlich an.
„Ich habe sie von Frau Schulz:“
„Aus der Weissen Taube?“
„Ja.“
„Ha, das ist wieder gelogen! Sie ist ja seit Tagen nicht aus dem Schlosse gekommen, das weiss ich doch,“ triumphierte sie.
Sie hoffte Liselotte zu überführen.
„Schweig doch, Lori, und sprich nicht so hässliche Anschuldigungen aus. Lass Liselotte doch ungehindert sagen, wie sie zu den Rosen kam. Also sprich, Liselotte.“
„Ich bin heute morgen sehr zeitig aufgestanden. Das tue ich oft, um an das Grab meiner Mutter zu gehen. Ich habe Miss Nobs um Erlaubnis gebeten gestern abend. Auch heute war ich erst am Grabe meiner Mutter und dann bin ich in die ,Weisse Taube‘ gegangen. Frau Schulz gibt mir manchmal Blumen für meiner Mutter Grab. Und heute bat ich sie um einige Rosen und sagte ihr auch, wozu ich sie haben wollte. Da durfte ich mir die schönsten aussuchen. In einem Körbchen trug ich sie nach Hause, band sie zu einem Strauss und trug sie in einer Vase schnell auf dein Zimmer. As ich wieder heraus kam, sah mich Lori und schalt, ich hätte in deinem Zimmer gestöbert und spioniert. Aber das habe ich nicht getan, würde es nie, niemals tun. Ich wollte dir nur eine kleine Freude machen. Bitte, sei nicht böse.“
Er strich ihr, gerührt lächelnd, über das Haar.
„Arme kleine Bettelprinzess! Um mir eine Freude zu machen, stehst du so früh auf und läufst ins Dorf, und dafür wirst du noch verdächtigt. Wie soll ich dir böse sein? Dann waren sicher auch früher schon immer die Blumen von dir, die ich stets bei meiner Heimkehr auf meinem Scheribtisch fand, und die mich so erfreuten?“
Glücklich und froh aufatmend nickte Liselotte.
Hans wandte sich an seine Schwester.
„Nun siehst du wohl ein, dass du Liselotte unrecht getan hast, nicht wahr?“
Lori warf den Kopf zurück.
„Geschieht ihr schon recht. Warum ist sie immer so aufdringlich. Was hat sie dir Blumen auf dein Zimmer zu stellen, das kann ich tun.“
„Aber du hast es nie getan.“
„Weil, ich nicht daran gedacht habe. Sie hätte es mir ja sagen können. Aber aufdringlich ist sie immer gewesen. Und überhaupt — du darfst gar nicht leiden, dass sie dich ,du’ und ,Hans’ anredet. Du bist längst erwachsen. Die Domestiken und Miss Nobs dürfen dich auch nicht duzen.“
„Bei Liselotte ist das etwas anderes.“
„Nein, sie ist uns ebenso fremd. Du darfst es nicht leiden.“
„Darüber hast du nicht zu entscheiden, Lori.“
„Aber Mama wird es tun. Du bist viel zu gut und hast gar keinen Stolz. Mama sagt auch, dir fehlt der Stolz auf deinen alten Namen, auf dein altes Geschlecht. Du bist gegen Untergebene viel zu freundlich. Das ist eines Barons Bodenhausen nicht würdig.“
Hans lachte ärgerlich.
„Nun, dafür hast du Stolz für zehn Mann. Sei so gut und mache kein Aufhebens davon. Ich will, dass mich Lifelotte auch in Zukunft wie ihren Pflegebruder betrachtet und ,du’ und ,Hans’ zu mir sagt.“
„Oh, du sollst schon sehen, dass es Mama verbieten wird. Ich werde sie jedenfalls darauf aufmerksam machen, dass es unschicklich ist.“
Er erhob sich rasch.
„Schäme dich doch, Lori. Wie kannst du nur so hässlich zu Liselotte sein.“
Nein, ich schäme mich nicht. Sag lieber, Liselotte soll sich schämen, dass sie so taktlos ist und sich immer Rechte anmasst, die ihr nicht zukommen. Sie tut immer, als gehöre sie ins Schloss von Rechts wegen. Und dabei haben sie doch die Eltern nur barmherzig aufgenommen.“
Hans fasste seine Schwester fest am Arm und schüttelte sich vor Zorn ein wenig.
„Jetzt schweigst du augenblicklich still!“ herrschte er sie an.
Er sah dabei so streng und böse aus, dass Lori wirklich erschrocken schwieg und sich schmollend in den Sessel zurückwarf. Liselotte sass blass und zitternd dabei und die Tränen würgten sie im Halse.
Hans wandte sich ihr voll Mitleid zu.
Es kam nun keine frohe Stimmung mehr auf. Lori schmollte weiter und Hans sprach mit Liselotte über das, was er im Gymnasium gelernt hatte und liess sich auch von ihr über den Unterricht berichten. —
Natürlich konnte Lori nicht erwarten, der Mutter zu berichten, dass Liselotte so „schrecklich aufdringlich“ zu Hans sei, ihm „erbettelte Blumen auf sein Zimmer stelle und sich immer anstelle, als sei er ihr Bruder.
„Du musst nicht mehr leiden, Mama, dass sie ihn ,du’ nennt,“ sagte sie zum Schluss.
Die Baronin fand, dass Lori recht hatte. Das ging nicht mehr an. Und schon an demselben Abend sagte sie bei Tisch kurz und unfreundlich zu Liselotte: „In Zukunft sagst du nicht mehr ,du’ zu Junker Hans, sondern nennst ihn, wie alle andern, die nicht zur Familie gehören. ,Sie’ und ,Junker Hans’. Das gehört sich so. Miss Nobs hat wohl vergessen, dich darauf aufmerksam zu machen.“
Miss Nobs bekam einer roten Kopf und entschuldigte sich, und Liselotte machte mit niedergeschlagenen .Augen einen Knix und sagte:
„Sehr wohl, Frau Baronin.“
Wie eine Dienerin wird das arme Ding behandelt, und daran ist nur Lori schuld,“ dachte Hans und sah vorwurfsvoll zur Schwester hinüber. Die aber warf triumphierend den Kopf zurück.
Als Junker Hans Liselotte nach dem Abendessen allein auf dem Gange traf, sagte er tröstend:
„Das tut nichts, Liselotte, deshalb bleiben wir doch die alten, guten Freunde. Und auf deinem Zimmer, da liegt etwas für dich.“
Sie atmete auf und drückte ihm dankbar und glückstrahlend die Hand, dass er ganz gerührt war.
„Arme kleine Bettelprinzess,“ dachte er mitleidig, „sie wird noch manche schlimme Stunde in Bodenhausen verleben.“ — — —
Als Liselotte in ihr Kämmerchen kam, lag auf ihrem Tisch ein kleines Paket. Darauf stand, von des Junkers Hand geschrieben:
„Für meine kleine Liselotte mitgebracht.“
Mit zitternden Händen packte es Liselotte aus. Das Paket enthielt ein wunderherrliches Märchenbuch mit vielen schönen Bildern und eine reizende Bonbonniere. Sie drückte beides voll Entzücken an ihr Herz.
„Lieber, lieber Hans, du bist so gut zu deiner armen kleinen Bettelprinzess,“ flüsterte sie und die hellen Tränen liefen ihr über die Wangen. Dass er an sie gedacht und ihr etwas mitgebracht hatte, machte sie glücklich und hob alle Kränkungen auf, die sie erdulden musste.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.