Kitabı oku: «Mörderischer Galopp»
Inhaltsverzeichnis
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Die Autorin
Danksagung
Heide-Marie Lauterer
Mörderischer Galopp
Reiterkrimi
spiritbooks
Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
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© 2011 spiritbooks, 73230 Kirchheim/Teck
Verlag: spiritbooks, www.spiritbooks.de
Autor: Heide-Marie Lauterer
Herausgeber: Ulrike Dietmann
Coverfoto: Abramova Kseniya
Autorenporträt: Gülay Keskin
Grafik: vectors seamartini
Druck und Verlagsdienstleister: tredition
Printed in Germany
eBook-ISBN: 978-3-944587-89-9
Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig.
Die Autorin
Heide-Marie Lauterer, langjährige Schriftführerin des Heidelberger Reitvereins und Pferdebesitzerin kennt sich aus in den Höhen und Tiefen des Reiterlebens. Sie veröffentlicht Kurzkrimis und ist Mitglied der Autorenvereinigung "Mörderische Schwestern".
Für Hans-Jürgen, meinen Mann

1
„Wie heißt sie denn?“
„Nine-Days-Wonder“, sagte er. „Eine Nerwa-Tochter.“
Der Name gefiel mir, er klang geheimnisvoll und schön, aber Nerwa sagte mir gar nichts. Natürlich wusste ich, dass es sich um ihre Abstammung handelte – aber da kannte ich mich überhaupt nicht aus. Glücklicherweise schien der Händler meine Verlegenheit gar nicht zu bemerken. „Ihr Vater war der Vollblüter Aggregat und ihre Mutter war die schwarzbraune Trakehnerstute Nerwa. Ihre Töchter sind ihr wie aus der Rippe geschnitten – Namibia, Narcisse, Nexe, – und wie sie alle heißen – haben es im großen Sport zu beachtlichen Meriten gebracht.“
Ich schluckte. So ein Pferd war für mich bestimmt zu teuer. Ich hatte mir eine Grenze gesetzt, über die ich auf keinen Fall hinausgehen durfte, als Berufsanfängerin konnte ich nicht gleich in die Vollen gehen. Ich hatte gerade meine Doktorprüfung bestanden und gleich darauf eine Stelle gefunden. Mitten in der Heidelberger Altstadt, zum Universitätsplatz und zu meinem Lieblingscafé war es nur ein Katzensprung, die Bibliothek lag um die Ecke und meine Chefin hatte mir ein eigenes Büro im Institut in Aussicht gestellt. Vertraglich geregelte Arbeits- und Urlaubszeiten, ein regelmäßiges Einkommen und eine interessante Aufgabe, die mir genug Zeit ließ, meinem Hobby nachzugehen. So jedenfalls hatte ich mir meine neue Arbeit vorgestellt, denn sonst wäre ich wohl kaum auf die Idee mit dem Pferd gekommen. Seit meiner Kindheit hatte ich von einem eigenen Pferd geträumt und jetzt sah ich mich plötzlich in der Lage, mir diesen Traum zu erfüllen. Doch dieses Pferd kam für mich nicht in Frage, ich traute mich nicht einmal nach dem Preis zu fragen.
Der Händler schien mein Zögern gar nicht zu bemerken. Er öffnete die Boxentür, streifte der Stute ein Stallhalfter über und zog sie ziemlich unsanft aus ihrem Stall auf den Hof hinaus. Dort band er sie an einem Geländer fest. Doch die Stute, die widerwillig und schläfrig hinter ihm hergetrottet war, ließ plötzlich das Weiße in ihren Augen blitzen, stampfte mit ihrem Vorderhuf so zornig auf den Steinboden, dass die Funken sprühten, verlagerte dann ihr ganzes Gewicht auf die Hinterhand, sodass sich der Anbindestrick bis zum Äußersten spannte und nur nicht zerriss, weil der Panikhaken im letzten Augenblick nachgab. Doch jetzt war das Pferd frei und galoppierte mit donnerndem Hufgetrappel davon.
„Verdammt“, entfuhr es dem Händler und ich hatte den Eindruck, dass er sich nur deshalb vor weiteren und noch schlimmeren Flüchen zurückhielt, weil er auf mich keinen noch schlechteren Eindruck machen wollte. „Irgendetwas hat sie erschreckt, sie ist sonst immer sehr brav.“ Aber davon war der Stute nichts anzumerken. Sie galoppierte immer noch in engen Zirkeln auf dem Hof herum und alle Versuche des Händlers und seiner Helferin, das Tier zu beruhigen, erreichten nur das Gegenteil.
„Lassen Sie mich mal“, sagte ich. Ich wunderte mich über mich selbst – woher nahm ich plötzlich dieses Selbstvertrauen, ein fliehendes Pferd aufzuhalten? Bisher hatte ich doch nur Schulpferde geritten und in den Ferien manchmal das Pony meiner Freundin gepflegt. Ich weiß nicht, was mit mir geschah, ich fühlte nur, wie ich plötzlich ganz ruhig wurde. Langsam näherte ich mich der Stute. „Hoooo, hooo“. Sie spitzte die Ohren, als sie meine Stimme hörte, fiel in einen leichten Trab, ging ein paar Schritte und blieb stehen. Dann drehte sie sich zu mir um und schaute mich aufmerksam an. Ich streckte die Hand aus und forderte sie auf, zu mir zu kommen. Und genau das tat sie.
„Das ist Ihr Pferd“, sagte der Händler anerkennend. „Nine-Days-Wonder, die Nerwa Tochter“, fügte er hinzu und es klang, als spräche er von einer Prinzessin. Doch erst als ich selbst im Sattel saß, wusste ich, was er gemeint hatte. Ich hatte das Gefühl auf einer rosa Wolke zu schweben. Noch nie hatte ich ein Pferd geritten, das so weich und feinfühlig auf alle meine Hilfen reagierte. Als ich abstieg und den Sattelgurt lockerte, drehte sich die Stute zu mir um und legte mir ihren Kopf auf die Schulter. Es war mir, als wolle sie mir etwas ins Ohr flüstern, doch ich verstand es nicht, weil der Händler im gleichen Augenblick zu reden anfing.
„Jetzt kann ich es Ihnen ja sagen – es gibt nicht viele Leute, die mit dieser Stute zurechtkommen – aber Sie beide scheinen die gleiche Wellenlänge zu haben – ich mache Ihnen einen guten Preis – Sie brauchen nur einzuschlagen.“
Colorado Rocky Mountains high – ich hatte den Oldies-Sender eingestellt und dieses Lied spielten sie nur für mich. Ich fuhr durch die sanften Kraichgauhügel zurück nach Hause und sang aus vollem Herzen mit, den Text kannte ich auswendig. He left yesterday behind him, you might say, he was born again, he found a key to every door. Genau so ging es mir in diesen Minuten, ich kam mir vor wie neugeboren, ich fühlte mich glücklich, frei und leicht, als ob ich ohne Sattel durch die Prärie galoppierte, auf meiner Stute Nine-Days-Wonder, immer geradeaus, der Sonne nach. Alles andere lag hinter mir, die schweren Prüfungen, die Suche nach dem richtigen Pferd, und die schwierige Anfangszeit mit Gerson. Er würde jetzt daheim auf mich warten, in unserem Zuhause, begierig darauf, meine Neuigkeiten zu hören.
Wir hatten lange gezögert zusammenzuziehen, aber als wir die Entscheidung endlich getroffen hatten, ganz schnell eine Wohnung gefunden. Sie lag im Heidelberger Stadtteil Neuenheim, dem grünsten Viertel der ganzen Stadt. Die Gärten hinter den Häusern bildeten ein parkähnliches Geviert, mit alten Obstbäumen, Fliederbüschen und Rosenbeeten. Bei unserem Einzug stand der alte Kirschbaum hinter unserem Haus in voller Blüte. Von unserem Küchenbalkon sah man das Eichhörnchen, das in luftiger Höhe vom einen in den anderen Garten wechselte, oder den Buntspecht, mit seiner roten Haube, der die Rinde nach Insekten abklopfte und die gelb-grünen Sittiche, die mit aufreizenden Schreien durch die Luft schossen, aber ich war meistens so beschäftigt, dass mir für solche Musestunden die Zeit fehlte. Ich war auf Pferdesuche und in jeder freien Minute unterwegs. Gerson schüttelte über mich den Kopf: „Du tauschst einen Stall voller Pferdemist gegen ein Paradies“, sagte er.
Wenn er erst einmal Nine kennen lernte, würde er mich verstehen, dachte ich. Der Name war mir beim Mitsingen eingefallen, genauso würde ich die Stute nennen. Er war keine einfache Abkürzung, ich würde ihn nämlich deutsch aussprechen, N-i-n-e, das klang wie Tine, so freundlich und rund, genauso wie sich mir das Pferd gezeigt hatte. Ihren ganzen Namen würde ich mir für offizielle Angelegenheiten vorbehalten, vielleicht gingen wir ja mal zusammen auf ein Turnier, da machte sich Nine-Days-Wonder natürlich besser. Stolz, eigensinnig und überraschend – davon hatte sie ja auch etwas. Sie sollte es gut bei mir haben. Ich würde mir alle erdenkliche Mühe geben, um sie so unterzubringen, dass sie sich richtig wohlfühlte. Sie brauchte eine Wiese, eine große, helle Box mit einem Auslauf, noch besser wäre ein Offenstall, schon wegen des Kontaktes zu anderen Pferden. Und gutes Futter natürlich, immer frisches Wasser und saubere Luft.
Ich hatte es eilig die Wohnungstür aufzuschließen, Gerson war schon zu Hause, ich hatte sein Fahrrad an der Hauswand lehnen sehen. Aber irgendetwas stimmte nicht mit meinem Schlüssel, er klemmte und ließ sich nicht mehr nach rechts und links drehen, und ich konnte ihn nicht wieder herausziehen. Aber das machte nichts, Gerson war ja da, ich konnte also klingeln. Doch niemand öffnete. Vielleicht hört er Radio, oder telefoniert gerade, dachte ich, unsere Klingel ist zu leise, wir hätten sie schon längst austauschen sollen. Also versuchte ich es noch einmal mit dem Schlüssel, ich rüttelte ein bisschen an dem widerspenstigen Objekt, und plötzlich sprang die Wohnungstür auf.
Meine Reitstiefel ließ ich im Flur in einer Ecke stehen und stürmte in die Küche. „Gerson, stell dir vor, ich habe – “, aber ich brach mitten im Satz ab. Gerson saß am Küchentisch hinter seiner Zeitung und schien mich überhaupt nicht wahrzunehmen. Es war so ruhig, dass man ein Blatt Papier zu Boden fallen hätte hören können, die Luft in der Küche schien zu Eis erstarrt, schneidend, dass mir das Atmen schwer fiel. Ich schaute ihn an, aber er las gar nicht, sondern starrte geradeaus ins Leere. Dann machte er sich umständlich und in aller Ruhe daran, die Zeitung zusammenzufalten, schob die einzelnen Teile ineinander, Ecke auf Ecke, zog den Falz in der Mitte nach, überprüfte die Seitenzahlen und klappte den Packen Papier in der Mitte zusammen. Es war als ob er alle seine Spuren verwischen wollte, warum wusste ich nicht.
„Gerson?“ Ich fühlte einen Kloß in meinem Hals und meine Knie wurden auf einmal weich. Kein Wunder, ich war ja den ganzen Tag auf Achse gewesen und merkte jetzt erst, dass ich müde und hungrig war.
„Da bist du ja endlich – ich habe die ganze Zeit auf dich gewartet. Gegessen habe ich schon – ist dir eigentlich klar, dass wir in einer halben Stunde zum Kino verabredet sind?“
„Oh nein! Das habe ich völlig vergessen.“ Ich atmete auf, meine Schwäche verflog, jetzt war mir klar, warum Gerson so schlechter Laune war. Eine halbe Stunde würde mir gerade noch reichen, um zu duschen. Ich konnte Gerson ja auf dem Weg zum Kino von Nine erzählen, dachte ich.
„Und stell bitte deine Reitstiefel in den Keller“, sagte er, als ich mich umdrehte, um unter die Dusche zu gehen.
Am nächsten Morgen wurde ich vom Klingeln des Telefons geweckt. Es war 7 Uhr und noch nicht einmal ganz hell. Gerson blinzelte durch ein halbgeöffnetes Augenlid, murmelte etwas, das so klang wie “wahrscheinlich wieder einer deiner Pferdeleute“ und drehte sich genüsslich auf die andere Seite. Gähnend stand ich auf – es war spät geworden, gestern Abend, der Film hatte Überlänge gehabt und mich nicht die Bohne interessiert – aber das, was ich jetzt hörte, machte mich sofort hellwach. „Frau Roth, wir brauchen die Box, wann können Sie Ihr Pferd abholen?“ Der Händler klang barsch und unfreundlich und schien überhaupt nicht bereit, mir zuzuhören.
„Aber ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich erst einen Stall suchen muss“, versuchte ich, um ihn zu beschwichtigen, doch meine Antwort brachte ihn erst richtig in Rage: „Dann schauen Sie doch mal in Ihren Vertrag und lesen das Kleingedruckte zu § 3 – dort steht klipp und klar, dass das gekaufte Pferd nur solange bleiben kann, bis wir die Box brauchen. Und jetzt ist es soweit.“
Leider hatte er recht, unter Punkt 3 stand alles schwarz auf weiß, so wie er es gesagt hatte. Ich hatte den Vertrag unterschrieben, ohne das Kleingedruckte zu lesen, daran gab es nichts zu rütteln. Ich weiß nicht wie es mir gelang, aber irgendwie schaffte ich es, noch zwei Tage herauszuschinden. „Ich warne Sie“, sagte der Händler, „spätestens übermorgen bringe ich Ihnen die Stute, wohin ist mir egal – notfalls stelle ich sie Ihnen in den Garten.“
Das waren herrliche Aussichten, aber es half alles nichts, ich musste so schnell wie möglich einen passenden Stall finden.
Die beiden Reitställe, die ich mir anschaute, verdienten ihren Namen nicht. Warum der erste nicht schon längst aus Gründen des Tierschutzes geschlossen worden war, war mir ein Rätsel.
Die Anlage lag mitten im Neubaugebiet. Wo einmal Pferdekoppeln waren, taten sich jetzt gigantische Baustellen auf, hier würden in Kürze Wohnblocks und Kliniken entstehen. Die Boxen waren in einem schlimmen Zustand, dunkel, ohne Auslauf, die meisten hatten nicht einmal ein Fenster, durch das die Pferde ihren Kopf hätten stecken können. Der Stall war schlecht gemistet und die Luft stickig und feucht, ein ideales Klima, um Bakterien zu züchten. Meine Frage: „Was würde Nine dazu sagen“, brauchte ich hier gar nicht erst zu stellen, sie beantwortete sich von selbst.
Der nächste Hof auf meiner Liste lag ein paar Kilometer außerhalb der Stadt. In unmittelbarer Nähe dieser Anlage befand sich ein gigantischer Müllplatz, der im Zehnminutentakt von donnernden LKWs angefahren wurde. An dieser Zufahrtsstraße lagen die Pferdekoppeln. Dennoch fuhr ich auf den Hof, um den Pächter kennenzulernen. Doch der hatte offensichtlich vergessen, dass er sich mit mir verabredet hatte, denn er ließ mich eine halbe Stunde vor verschlossenem Hoftor warten. Ein untersetzter, dickbäuchiger Mann mit einem kugelrunden Kopf und kleinen schlauen Äuglein, die mich aufmerksam taxierten. Er war das genaue Gegenbild eines Reitlehrers, wie ich ihn mir immer vorgestellt hatte.
„Was für ein Pferd haben Sie denn?“, wollte er als erstes wissen. „Eine sechsjährige Stute, eine Nerwa-Tochter“, sagte ich. Als hätte ich ein Zauberwort ausgesprochen, fing der Mann an auf mich einzureden. „Sie brauchen bestimmt Beritt? Und Reitstunden? Da sind Sie bei uns richtig!“ Während unseres Gespräches wurde ich das Gefühl nicht los, dass er sich im Stillen überlegte, wie es auf meinem Bankkonto aussah. Die einzige freie Box, die er mir anbieten konnte, befand sich ganz hinten in einem dunklen Stallgebäude, das gleichzeitig als Heulager genutzt wurde. Als er mir den Preis für dieses Loch nannte, drehte ich mich auf dem Absatz um und verlies grußlos den Hof.
Als ich den Zündschlüssel umdrehte, musste ich an Gerson denken. Was mein Verhältnis zu Nine-Days-Wonder betraf, hatte er sich schnell eine Meinung gebildet. Er bezeichnete mich als Pferdenärrin, die wie alle Pferdefrauen von einem gefährlichen Virus befallen sei. Aber damit nicht genug, setzte er hinzu, wenn es hart auf hart käme, würde ich mich nicht für ihn, sondern für das Pferd entscheiden.
Wie sehr er mit dieser Unterstellung ins Schwarze getroffen hatte, merkte ich jetzt auf der Stallsuche. Ich konnte ja nichts dafür – es war mir, als ob man Nine-Days-Wonder und mich zu einem Paket zusammengeschnürt hätte, dessen Schnüre von Tag zu Tag fester gezurrt wurden. Diesen Druck spürte ich, denn ich sagte mir, dass ich eine große Verantwortung übernommen hätte – eine Verantwortung für ein Wesen, das mich brauchte, weil es nicht für sich selbst sorgen konnte. Es kam mir sogar vor, als ob Nine und ich so etwas wie eine Schicksalsgemeinschaft bildeten.
Mit bangem Herzen machte ich mich auf den Weg zu dem dritten Hof auf meiner Liste. Was sollte ich bloß anfangen, wenn sich auch dieser Stall als Pleite herausstellte? „Wenn alle Stricke reißen“, hatte Gerson geulkt, „stellst du Nine eben in die Garage beim Nachbarn.“ Er hatte leicht reden, seine Surfbretter und seine beiden Mountainbikes waren leichter unterzubringen als ein Pferd.
Der Leierhof lag in Stadtnähe wie eine Insel im tosenden Verkehrsstrom, umgeben von einem dichten Netz von Straßen und Autobahnen. Aber wenn man die richtige Ausfahrt erwischte und dann noch den Schleichweg an den Ami-Kasernen vorbei über die Felder nahm, sah man überall Pferde auf grünen Wiesen grasen. Der Leierhof schien wie für einen Werbeprospekt entworfen. Ich stellte meinen Golf auf dem Parkplatz unter einem alten Nussbaum ab. Weil ich ein paar Minuten zu früh angekommen war, vertrieb ich mir die Zeit, indem ich einen passenden Text zu dem Prospekt entwarf: „Genießen Sie Ruhe und Frieden vor den Toren der Großstadt. Unsere hochqualifizierten Fachkräfte verbessern Ihr reiterliches Können und den Ausbildungsstand Ihres Pferdes. Luxuriöse Pferdeboxen machen unsere Anlage noch attraktiver“, genau das war es doch, was ich suchte!
Eine junge, sympathisch wirkende Frau in Reithosen führte mich wenig später durch die Anlage. Im Stall duftete es nach Heu, die Pferdeboxen waren sauber, luftig und hell, Nine-Days-Wonder würde sich hier wohlfühlen, da war ich mir sicher.
Doch gerade, als wir den Stall verlassen wollten, hörte ich Schreie. Das Gebrüll klang beängstigend, ein Mann versuchte verzweifelt, ein Pferd zum Aufstehen zu zwingen. Vielleicht hatte sich das Tier festgelegen und er brauchte Hilfe?
„Kommen Sie“, sagte die Frau zu mir und schob mich schnell dem Ausgang zu. Es schien ihr nicht recht zu sein, dass ich den Grund für die Aufregung erfuhr. Aber jetzt war ich neugierig geworden. Ich trat an die Gittertür heran, hinter der ich die Schreie gehört hatte. Mir bot sich ein schrecklicher Anblick. Im zerwühlten Stroh lag ein Pferd mit weitaufgerissenen, blutunterlaufenen Augen. Es lag auf der Seite und streckte alle Viere von sich. Das Fell klebte nass und schwarz am Körper, ich hätte nicht sagen können, ob es sich um einen Braunen oder einen Rappen handelte. Das Tier röchelte, Schaum trat vor das Maul, sein Leib hob und senkte sich, der Kopf lag flach im Stroh, es war zu schwach, um ihn zu heben. Ein großer, hünenhafter Mann mit schwarzem Vollbart traktierte das Pferd mit Fußtritten. „Steh` auf“, schrie er es an, aber der Wallach verdrehte nur seine Augen und atmete immer flacher.
„Das Pferd stirbt!“ Ich zitterte am ganzen Körper. Meine Begleiterin versuchte mich zu beruhigen. „Eine Kolik“, sagte sie. „Das Pferd neigt dazu. Iwan, der Pfleger hat den Tierarzt gerufen. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.“
Mit weichen Knien und einem mulmigen Gefühl im Bauch folgte ich ihr hinaus zu den Außenplätzen. Vor der Weide lag das große Dressurviereck. Eine Frau auf einem eleganten Fuchs übte fliegende Galoppwechsel. Um das Pferd herum sprang laut bellend eine grauschwarz gesprenkelte Dogge. Der blonde Pferdeschwanz, der im Takt hin- und herwippte, ließ die Reiterin jünger aussehen, als sie vielleicht war. Mit ihren Reitkünsten würde ich mich nicht messen können, aber was Nine-Days-Wonder anging, brauchte ich mir keine Sorgen zu machen.
Alles was ich hier draußen sah – die gepflegten Reitplätze, die Reiterin, bei der es sich bestimmt um eine bekannte Turnierreiterin handelte, und die großen, mit leuchtend weisen Holzgattern umzäunten Weiden – ließen mich den traurigen Vorfall im Stall schnell vergessen. Gerade als ich mich entschlossen hatte, nach dem Preis einer Box zu fragen, sagte die junge Frau: „Im Augenblick ist unser Stall voll. Ich kann Sie aber vormerken.“
Meine Enttäuschung stand mir auf der Stirn geschrieben. Endlich hatte ich einen Hof gefunden, der rundum meinen Vorstellungen entsprach und ausgerechnet hier hatten sie keinen Platz für uns! Ich hatte nur noch einen Tag Galgenfrist und morgen musste ich die anderen Höfe auf meiner Liste besichtigen. Aber wer weiß – vielleicht geschah ja ein Wunder und sie konnten mir hier doch eine Box anbieten? Ich versuchte meine Enttäuschung so gut es ging zu verbergen und ließ mich auf die Warteliste setzen.
Und tatsächlich – zu meiner größten Überraschung erhielt ich schon am nächsten Abend einen Anruf. Eine der schönsten Boxen im Stall sei gerade frei geworden, ich solle mich schnell entscheiden. Natürlich sagte ich sofort zu.

2
Am nächsten Morgen machte ich Nine mit ihrem neuen Zuhause bekannt. ‚Nine’ passte gut zu ihr, wie ich fand, vor allem, wenn sie, wie gerade jetzt, am langen Strick hinter mir her trottete. Manchmal blieb sie abrupt stehen, streckte den Kopf in die Höhe und schaute sich mit großen Augen um. Besonders interessierte sie sich für die Pferdäpfel, die am Putzplatz vor der Sattelkammer lagen. Sie beschnupperte sie ausführlich. Auf der Stallgasse standen drei Mädchen in Reithosen, die sich aufgeregt unterhielten. Im Vorbeigehen hatte ich den Eindruck, dass sie über uns sprachen.
„Hast du die Neue schon gesehen?“
„Nein! Wo soll die denn stehen?“
„In Windspells alter Box.“
„Oh – ausgerechnet – aber wir sind ja nicht abergläubisch.“
„Meinst du etwa, dass es an der Box gelegen hat?“
In diesem Augenblick nahmen die drei uns wahr und ihr Gespräch stockte. Ich schob Nines Boxentür auf und ließ die Stute hinein.
„Hallo – willkommen auf dem Leierhof!“
Eines der Mädchen streckte mir die Hand hin: „Ich bin Carmen“, sagte sie. „Wir kennen uns schon – ich habe Sie vor zwei Tagen herumgeführt!“
Die Begrüßung wurde von einem lauten Grunzen unterbrochen. Nine hatte sich ins frische Stroh geworfen und wälzte sich genüsslich. Beim Aufstehen schüttelte sie sich schnaubend. Mähne und Schweif steckten voller Strohhalme. Carmen trat einen Schritt vor und gab Nine einen Klaps auf die Schulter. Ein Ruck ging durch die Stute, sie ließ das Weiße in ihren Augen aufblitzen, fletschte die Zähne und reckte den Kopf abwehrbereit nach vorne. Geistesgegenwärtig sprang Carmen zurück und hätte beinah ihre Freundin umgeworfen, wenn nicht die Dritte des Kleeblatts: „Vorsicht, Mascha!“ gerufen hätte.
„Ach du meine Güte, die sieht so aus, als ob sie zu allem fähig ist.“
„Scheint ja ein heißer Ofen zu sein.“ Und zu der Dritten gewandt, sagte Mascha: „Penny – wir müssen die Pferde von der Koppel holen.“
„Was ist denn mit Ihnen los“, sagte Carmen, die neben mir stehen geblieben war. „Sie sehen ja ganz blass aus?“
Ich war ziemlich erschrocken – so wild und aggressiv hatte ich mein Pferd noch nie gesehen.
„Es war meine Schuld“, beruhigte mich Carmen. „Das Pferd kennt mich ja nicht – vollkommen normal so eine Reaktion. Wie hieß sie doch gleich?“
„Nine-Days-Wonder“, sagte ich. Der ganze Name war mir einfach so herausgerutscht, das freundliche „Nine“ hatte mir einfach nicht über die Lippen gehen wollen.
In diesem Augenblick klingelte mein Mobiltelefon. Es war Gerson und über seine Stimmung gab es keinen Zweifel.
„Wo steckst du eigentlich den ganzen Tag? – Ich habe versucht dich anzurufen – hörst du eigentlich noch deine Mailbox ab?“
Dazu hatte ich keine Zeit gehabt. Gerson fühlte sich vernachlässigt. „Ich wollte mit dir heute Abend ausgehen“, sagte er.
„Morgen gerne“, sagte ich, um Schadensbegrenzung bemüht – „Für heute hab ich erst mal genug! Es war doch Nines Umzugstag – sie ist beim Händler nicht in den Hänger gegangen und ein paar Mal von der Rampe gesprungen, deshalb hat alles länger gedauert. – Hörst du mir noch zu?“
Am anderen Ende der Leitung war es merkwürdig still. Das kannte ich nicht von ihm, doch ich ahnte, dass die Funkstille etwas mit Nine zu tun hatte. Sie gehörte mir noch keine Woche und schon jetzt fand er, dass ich zu viel Zeit mit der Stute verbrachte, Zeit, die ich besser ihm gewidmet hätte.
„Übrigens – ich koche gerade Spaghetti mit Tomatensauce“, sagte Gerson, und es klang wie eine Schönwettermeldung nach einem grauen Regentag.
„Ich mache einen Salat dazu. In einer halben Stunde bin ich da“, sagte ich erleichtert.
Ich nahm mir vor, an diesem Abend das Thema „Nines Umzug auf den Leierhof“ so gut es ging zu vermeiden, auch wenn es mir schwer fiel. Aber dann fing Gerson an, von Pferden zu sprechen. Nicht direkt natürlich, wie immer nahm er den Umweg über seine Kamera. Er erzählte von den Photos, die er in der vergangenen Woche geschossen hatte und landete nach kurzer Zeit bei seinem Lieblingsthema, der alten Leica Baujahr 1939.
„Ich muss sie dir mal zeigen, du musst sie mal in der Hand halten – schon allein das Lederetui ist sehenswert.“
Er hatte die Kamera in einem Secondhandladen entdeckt. Es war genau das gleiche Modell, mit dem mich mein Großvater als Kind geknipst hatte.
„Ich habe die Bilder schon entwickelt, du musst sie dir unbedingt mal anschauen!“
An anderen Tagen betrachtete ich mir seine Photos gern, aber heute fielen mir fast die Augen zu.
„Hat das nicht Zeit bis morgen?“, fragte ich, doch er hielt mir die Abzüge so dicht unter die Nase, dass ich einen Blick darauf werfen musste.
„Was für ein tolles Pferd!“ Ich war auf einmal hellwach. „Der geht sicher im ganz großen Sport? Ein Traumphoto! Wo hast du das geknipst?“
„Kennst du das Pferd etwa nicht? Das ist doch Windspell, der berühmte Dressurhengst, der letztes Jahr den Grand Prix auf dem Mannheimer Maimarkt gewonnen hat – ich habe ihn dort auf dem Turnier photographiert. Er stand übrigens auf dem Leierhof“, fügte Gerson hinzu.
„Ja – und?“ Ich verstand nicht, was er mir damit sagen wollte.
„Vera! – Das pfeifen die Spatzen doch von den Dächern – wahrscheinlich steht es schon in der Zeitung – Windspell ist vor ein paar Tagen eingegangen. Kolik, Darmverschluss, sagt man, das Übliche, zu spät in die Klinik – na ja, vielleicht war es auch was anderes.“
„Wie schrecklich! Gerson! Dann war Windspell am Ende das Pferd mit der Kolik – ich hatte es völlig vergessen – er ist also doch gestorben – ich habe so etwas geahnt! Kein Wunder, dass sie für Nine so schnell eine Box frei hatten“, sagte ich und ich merkte, wie sich meine Freude über Nines Umzug in Luft auflöste. Gerson schenkte mir ein Glas Rotwein ein. „Du hast Windspell sterben sehen?“ sagte er voller Mitgefühl.
Ich fühlte mich müde und erschlagen und ging früh zu Bett. Aber ich schlief schlecht in dieser Nacht und träumte wirres Zeug. Nicht von dem jämmerlich eingegangenen Windspell, es ging natürlich um Nine. Sie war gewachsen, zuerst die Ohren, dann die Beine, ich würde mir zum Aufsitzen eine Trittleiter ausleihen müssen, dachte ich besorgt. Zum Schluss schoss ihr Widerrist derartig in die Höhe, dass mein alter Sattel nicht mehr passte. Nine verdrehte die Augen, bleckte die Zähne und wieherte mir zu: „Ich muss wachsen, und du musst abnehmen!“ Merkwürdigerweise konnte ich sie problemlos verstehen, doch als ich sie anflehte, endlich mit dem Wachsen aufzuhören, stellte sie sich taub. Sie tänzelte aufgeregt in ihrer Box herum und ich bekam Angst, dass sie sich den Kopf anstoßen und in Panik geraten würde. Es fehlte nicht viel und sie würde auf der Hinterhand kehrtmachen, die Stallgasse hinunter galoppieren, ausrutschen, und sich die Beine brechen. Doch im letzten Moment packte mich jemand an der Schulter und das Pferd verschwand.
„Danke, Gerson“, sagte ich schlaftrunken. „Du hast uns sehr geholfen“, drehte mich um und schlief traumlos bis zum Morgen.
Der erste Gedanke, der mir beim Aufwachen durch den Kopf ging, galt Nine. Ob sie der Pfleger auch ordentlich gefüttert hatte? Ich hatte nur kurz mit dem Mann gesprochen und mir war sein harter russischer Akzent aufgefallen. Aber es war nicht nur seine Aussprache, die mich verstörte. Er war von hünenhafter Gestalt und sein schwarzer Vollbart verdeckte seine Züge fast vollständig, was ihm etwas Verschlagenes gab. Nur seine eisblauen Augen stachen wie zwei kalte Sterne aus dem Gesicht hervor. Und wie er das leidende Pferd mit seinen Fußtritten traktiert hatte, wollte mir nicht aus dem Kopf. Plötzlich fiel mir ein, dass ich gestern Abend vergessen hatte, nach der Tränke zu sehen – es kam oft genug vor, dass die Pferde Stroh hineinstopften, dann waren die Tiere die ganze Nacht ohne Wasser. Ich hatte irgendwo gelesen, dass Wassermangel ein Grund für Koliken sein konnte, wenn Nine anfällig für Bauchschmerzen wäre, dann hätte ich allen Grund zur Besorgnis.
Gerson schlief noch, als ich mich anzog. Unter der dünnen Decke bildeten sich die Formen seines Körpers ab. Er lag mit angezogenen Beinen auf der Seite wie ein Kind, hatte die Finger zu einer Faust geballt und den Daumen über den Mund gelegt. Das Bild rührte mich, aber ich riss mich von diesem Anblick los – auf Zehenspitzen schlich ich in die Küche. Normalerweise frühstückten wir samstags zusammen. Frische Brötchen, Feigenmarmelade, Milchkaffee und Spiegeleier. Gerson holte die Zeitung aus dem Briefkasten, ich schnappte mir das Feuilleton, Gerson den Politikteil und wir lasen uns gegenseitig die Schlagzeilen vor. Doch dazu war heute Morgen keine Zeit.
Als Gerson noch im Pyjama in die Küche kam und sich verdutzt die Augen rieb, stellte ich gerade meine Tasse in die Spülmaschine. „Ich bin schon seit einer Ewigkeit wach“, sagte ich. „Ich bin bestimmt wieder zurück, wenn du mit frühstücken fertig bist!“ Ohne seine Antwort abzuwarten, packte ich meine Reitstiefel und verließ das Haus. Ich hatte das dringende Bedürfnis, nach Nine zu sehen, schließlich hatte sie die erste Nacht in einer fremden Umgebung verbracht und wer weiß, was ihr da alles hatte zustoßen können.

3
Auf dem Leierhof traute ich meinen Augen kaum. Nines Stalltür war mit einem leuchtend gelben Kranz aus Löwenzahn geschmückt, davor stand ein Sack mit frischen Karotten, in dem ein Fähnchen mit der Aufschrift „Herzlich Willkommen“ steckte. Nine stand kauend vor einem riesigen Haufen duftenden Heus und lies es sich schmecken. Von mir nahm sie keine Notiz, auch dann nicht, als ich die Schiebetür öffnete und die Stute von oben bis unten musterte.
„Stockmaß einssiebzig?“
Ich sah mich um.
„ Hi!“
Vor mir stand Carmen in Reitstiefeln, engen Reithosen und einem kurzen T-Shirt, mit der Aufschrift „Leierhof“. Ihr blondes kurzgeschnittenes Haar und ihre schlanke, aber kräftige Figur wirkten knabenhaft, aber ihre Oberweite erinnerte mich an Marilyn Monroe in „Misfits“, wie sie hinter Clark Gable und den wilden Mustangs her war.
„Mit Ihrer Stute habe ich mich inzwischen bekannt gemacht – es scheint ihr bei uns zu gefallen.“
„Ein Meter achtundsechzig“, sagte ich erleichtert, „sie ist kein bisschen gewachsen.“
Carmen, der die innere Logik meiner nächtlichen Gedankengänge verborgen blieb, sah mich erstaunt an. Ich entschuldigte mich bei ihr, dass ich mich gestern nicht richtig vorgestellt hatte.
„Ich bin Vera Roth und das ist Nine-Days-Wonder, oder einfach Nine. Je nachdem.“
„Doch nicht etwa eine Nerwa-Tochter?“
„Genau.“
„Sie hatten bestimmt schon Erfolge mit ihr?“
Ich tätschelte Nine, die mir einen schrägen Blick zuwarf, den Hals und tat so, als ob ich sie nicht gehört hätte. Wahrscheinlich war es gar nicht so sehr ihre Frage, als das „Sie“. Warum duzte mich das Mädchen eigentlich nicht? Sah ich schon so alt aus, dass man mich siezen musste? Oder hatte ich mit meinem Uni-Job jetzt endgültig die Fronten gewechselt und gehörte zum Establishment? Ich siezte meine Chefin und ein paar ältere Respektspersonen, die ich an einer Hand abzählen konnte, aber auf dem Reitplatz gab es für mich kein „Oben“ und „Unten“. Uns verband doch alle die Liebe zu unseren Pferden, und das machte uns alle irgendwie gleich.
Aber wenn Carmen mich unbedingt siezen wollte, bitteschön – dann musste ich es auch tun.
„Und welches Pferd reiten Sie?“, fragte ich.
Carmens Stirn verdüsterte sich. Ihr Pflegepferd sei leider eingegangen. Woran wusste sie nicht, die Besitzerin habe mit ihr nicht darüber gesprochen. Sie, Carmen, sei eines Tages in den Stall gekommen und habe das Pferd nicht mehr vorgefunden.
„Das war schlimm“, sagte Carmen. „Aber jetzt kann ich eben wieder besser für die Schule lernen. Ich mache ja auch bald Abitur“, fügte sie hinzu und wollte offenbar noch mehr von sich erzählen, als wir unterbrochen wurden.
„Hallo, ich bin Liberty.“
„Ihr – ich meine dein – Name klingt amerikanisch, habe ich recht?“
Liberty lachte. „Oh, ja, ich komme aus Laramie, Wyoming. Myboy und ich sind schon seit zwei Jahren hier.“ Das Auffälligste an Liberty waren ihre stahlblauen Augen, die sie wie Pfeile auf mich richtete.
„Darf ich?“, fragte sie mit einem Blick auf Nine. Ohne meine Antwort abzuwarten, hielt sie der Stute eine Rübe hin.
Plötzlich wirkte Liberty irgendwie abgelenkt. Ihr breites Grinsen verschwand und um ihren Mund zeigte sich ein bitterer Zug, der ihr etwas Strenges gab. „Ja, ich komme“, murmelte sie, drehte sich auf dem Absatz um und verschwand in Richtung Koppeln.
Carmen verdrehte die Augen und atmete tief durch. „Wahrscheinlich hat Myboy gerufen!“ sagte sie mit einem ironischen Lächeln. „Liberty ist Tierschützerin.“
Sie hielt unsere Stallgenossin für nicht ganz dicht, das merkte ich deutlich – aber warum? Eigentlich fand ich sie ganz sympathisch in ihrem karierten Hemd und ihrem roten Halstuch. Ihre blonden, von grauen Strähnen durchzogenen, kinnlangen Haare, die ihr in Ponyfransen in die Stirn fielen, gaben ihr etwas Verwegenes. Sie schien sich mit Pferden auszukennen und viel Zeit auf dem Hof zu verbringen, das zeigte mir ihr sonnengegerbtes Gesicht.
„Ja“, sagte Carmen, „sie geht über Leichen, wenn sie glaubt, dass ein Pferd schlecht behandelt wird. Und sie kann mit Tieren sprechen – wenigstens behauptet sie es.“
„Was es nicht alles gibt.“ Ich schaute zerstreut auf die Uhr. Gerson war natürlich schon mit dem Frühstück fertig. Wenn ich jetzt nicht anfinge, zu satteln, würde ich nicht einmal mehr rechtzeitig zum Mittagessen kommen. Und Gerson hatte bestimmt nicht daran gedacht, einzukaufen, also musste ich auf dem Weg nach Hause noch beim Supermarkt vorbeifahren.
Doch Carmen wich mir nicht von der Seite. Sie zeigte mir die Sattelkammer und erklärte mir die wichtigsten Gebäude. Vom Putzplatz aus schaute man auf die Wohnung des Pferdepflegers Iwan. Der Reitlehrer wohnte nicht auf dem Hof, sagte Carmen, er benutzte dort nur ein Zimmer, um in der Mittagspause zu vespern.
Das Mädchen hatte sich mindestens schon eine Stunde lang mit mir beschäftigt, obwohl sie doch betont hatte, dass sie viel für die Schule lernen müsse und kaum Zeit mehr für den Reitstall habe. Carmen schien meine Gedanken erraten zu haben, denn sie sagte plötzlich: „Okay – ich habe noch etwas zu tun – wenn Sie irgendwelche Fragen haben, wenden Sie sich ruhig an mich!“
Erleichtert nickte ich. Endlich konnte ich mich in Ruhe meinem Pferd widmen. Doch gerade als ich Nine den Sattel aufgelegt hatte, sah ich mich von drei Reiterinnen umringt. Jede schwenkte ein Sektglas und auch mir wurde eines in die Hand gedrückt.
„Willkommen auf dem Leierhof!“ Eine nach der anderen gab mir die Hand und nannte ihren Namen, den ich sofort wieder vergaß. Ich merkte mir nur, dass sie schon seit Ewigkeiten ihre Pferde auf dem Leierhof stehen hatten, auf dem Hof schienen sie den Ton anzugeben. Ich schätzte die drei auf Mitte vierzig, vielleicht sogar ein bisschen älter, ihre Reitwesten verdeckten vorteilhaft die ersten Fettpolster um Oberschenkel und Hüften. Plötzlich knallte ein Sektkorken – Nine zuckte zusammen, sprang zur Seite und zerrte so stark an ihrem Strick, dass er zerriss. Mit dem leeren Sektglas in der einen Hand und der anderen an Nines Halfter versuchte ich mein Pferd zu beruhigen.
„Geben Sie her“, herrschte mich eine der Damen an. „So wird das nichts.“ Sie warf sich in die Brust, als ob sie eine ganze Abteilung Reitschüler zu kommandieren hätte. Ich kam mir vor wie eine Schauspielerin in einem fremden Stück, dessen Sprache ich nicht verstand und dessen Regeln ich nicht kannte.
„Kommen Sie doch später zu uns, wir sitzen unter der Pergola und stoßen schon einmal auf Sie an!“
Die drei drehten sich um und im Vorbeigehen hörte ich, wie eine von ihnen sagte: „Unerzogenes Tier – der Zicke würde ich`s zeigen.“
Mir blieb keine Zeit darüber nachzudenken, auf welche Art und Weise ich dieses Kunststück hätte fertig bringen sollen. Meine Stute war immer noch völlig aus dem Häuschen. Sie blieb beim Aufsitzen nicht stehen und ich bekam den Fuß nur mit Mühe in den Steigbügel. Als ich schließlich im Sattel saß, drehte Nine einfach auf der Hinterhand um und tänzelte nervös auf den Pflastersteinen.
„Nehmen Sie die Gerte – energisch!“ Der Hinweis kam von einem großen schlanken Mann in Reitstiefeln, der gerade aus seinem Auto stieg. Es musste der Reitlehrer sein, dachte ich, aber zu mehr kam ich nicht. Der Hinweis mit der Gerte war bestimmt gut gemeint, aber in Nines Fall leider der falsche. Plötzlich ging alles sehr schnell. Wie von einer Bremse gestochen schoss Nine mit mir ab durchs Hoftor. Draußen am Parkplatz stand Carmen und winkte. Sichtlich beeindruckt von Nines Tempo rief sie mir zu:
„Wenn Sie eine Pferdepflegerin brauchen – ich helfe Ihnen gern!“ Sie hatte mich schon wieder gesiezt, es klang so förmlich, oder hatte sie vielleicht Mitleid mit mir? Der Schreck saß mir noch in den Gliedern.
„Ich komme darauf zurück!“, sagte ich. Als ich die Zügel lang ließ, fiel mir auf, dass Carmen immer noch auf dem Hof war, obwohl sie sich doch schon von mir verabschiedet hatte. Ihre Schularbeiten waren wohl doch nicht so dringend, wie sie vorgegeben hatte. Vielleicht hatte sie auf den Reitlehrer gewartet, dachte ich, denn als ich aus dem Hoftor ritt, sah ich die beiden lachend unter dem Nussbaum stehen.

4
Meine Chefin war Kettenraucherin, und in ihrem Dienstzimmer roch es wie in einer Räucherkammer. Auf dem weißen Resopalschreibtisch standen zwei überquellende Aschenbecher neben Aktenstapeln und Leitzordnern. Es gab keine grüne Büropflanze, keine Ferienpostkarten von Kollegen und keine Photos von Familienangehörigen oder Haustieren. An der Wand und den Schranktüren hing kein einziges Bild, wenn man von einem Kalender der Universität absah, der das Konterfei Max Webers zeigte. Nicht einmal der Bildschirmschoner ihres Computers zeigte etwas Eigenes. In den metallenen Bücherregalen standen noch mehr Aktenordner, aus der Unibibliothek entliehene Bücher und mehrere Jahrgänge einer soziologischen Zeitschrift. In dem Zimmer fehlte das Sofa, das allen ordentlichen Professoren zustand, außer ihrem ergonomisch perfekten Schreibtischsessel gab es nur noch einen einzigen Stuhl, den sie als Ablage für Zeitungen benutzte.
Die Soziologieprofessorin stand kurz vor ihrer Emeritierung und ich hatte mir eine freundliche, ältere Dame vorgestellt, die Wissenschaft um der Wissenschaft willen betrieb, weil sie es nicht mehr nötig hatte, die eigene Karriere zu fördern. Doch Prof. Mäusler war das genaue Gegenteil einer altersweisen Gelehrten, sie wirkte auf mich überaus ehrgeizig und selbstgefällig. Alles an ihr war grau, das tadellos sitzende Schneiderkostüm und der melierte, akkurat geschnittene Pagenkopf, so grau wie die Mappen, in denen sie ihre Notizen und Kopien aufbewahrte. Sie begrüßte mich mit einem schmallippigen Grinsen und überreichte mir eine lange Aufgabenliste. Als sie mir die Hand gab, bemerkte ich den blutroten Nagellack auf den tadellos manikürten Fingernägeln, die so scharf wie Krallen eines Raubvogels wirkten und mich verunsicherten.
Ein Blick auf die Liste zeigte mir, dass ich ziemlich viel Arbeit vor mir hatte. Ich sollte ins Archiv nach Berlin fahren und Akten beschaffen, die sie für ihr großes Werk, eine historische Untersuchung über Adoptionen, benötigte. Ich hatte mich auf eine selbständige Tätigkeit gefreut, die meiner wissenschaftlichen Qualifikation entsprach, aber auf meine Fähigkeiten schien sie keinen Wert zu legen:
„Frau Roth, ich warne Sie, versuchen Sie nicht, eigene Thesen aufzustellen – beschaffen Sie mir die Papiere, die ich benötige und überlassen Sie die Theorie bitte mir“, sagte sie.
Für sie war ich also nichts weiter als eine bessere Hilfskraft – dazu hätte ich eigentlich nicht promovieren brauchen, dachte ich. Und was das Reisen anging – im Vorstellungsgespräch war davon nicht die Rede gewesen. Meine Enttäuschung verbarg ich so gut es ging. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass die Archivreisen ja erst der Anfang waren, bestimmt würde ich, wenn das Material erst einmal zusammen war, einen anderen Auftrag erhalten, der mich mehr forderte.
„Wann soll ich fahren?“
„Am besten schon gestern.“
Unser Gespräch war nach zehn Minuten beendet. Sie hatte mir nicht einmal einen Stuhl angeboten. Und das Dienstzimmer – sie hatte es mir nicht gezeigt. Der Gedanke an ein eigenes Zimmer im Institut hatte mir von Anfang an gefallen. Bisher hatte ich entweder zu Hause oder in der Bibliothek gearbeitet, weil ich mich im Doktorandenzimmer, wo immer ein oder zwei Kollegen ihre Computertastatur bearbeiteten, nicht richtig konzentrieren konnte. Möglicherweise war es noch nicht frei, versuchte ich mir einzureden, doch überzeugen konnte ich mich nicht.
„Stell’ dich nicht so an“, sagte Gerson abends am Küchentisch, „Sie ist die Projektleiterin. Und wenn sie sagt, du sollst erstmal in Akten wühlen, dann gibt es nichts anderes.“
Gerson spielte mal wieder seine Lieblingsrolle „Advocatus Diaboli“. Was nichts anderes bedeutete, als dass er mir in den Rücken fiel.
„Sie hätte mich wenigstens fragen können“, nörgelte ich, obwohl ich zugeben musste, dass er irgendwie Recht hatte.
„Ach du meine Güte“, sagte Gerson, „Fahr’ nach Berlin, mache im Archiv deine Augen auf und schalte deinen Verstand ein. Suche, was du finden sollst und wenn dir sonst noch was Interessantes unter die Finger kommt, musst du es ja nicht gleich herausposaunen. Als Wissenschaftlerin kannst du doch deine eigenen Projekte entwickeln – außerhalb der Dienstzeit natürlich. Und je früher du fertig wirst, desto früher bist du wieder hier und bei deiner Nine.“
Fast wäre ich ein bisschen rot geworden, denn Gerson hatte den Nagel auf den Kopf getroffen – der Grund, warum ich nicht nach Berlin fahren wollte, hieß Nine. Ja, so war es, ich machte mir Sorgen wegen Nine, aber das wollte ich Gerson gegenüber nicht zugeben. Gerade noch rechtzeitig fiel mir ein, dass ich für die Reise nichts Sauberes mehr anzuziehen hatte – seit ungefähr einer Woche war ich buchstäblich nicht mehr aus meinen Reithosen herausgekommen und alltägliche Arbeiten wie Wäschewaschen waren liegengeblieben.
Schnell sagte ich:
„Apropos Nine – bevor ich abreise, muss ich unbedingt noch mal in den Stall. Und Sven anrufen, dass er schon mal einen Prosecco kaltstellt.“
„Wer ist eigentlich Sven?“
Wir hatten zusammen in Freiburg studiert, dieselben Vorlesungen besucht, waren zusammen in die Mensa und ins Kino gegangen und unsere Freunde hatten uns für ein Paar gehalten.
Obwohl Sven in Berlin lebte, hatten wir uns nicht aus den Augen verloren. Wenn ich in Berlin war, übernachtete ich bei ihm in Charlottenburg. Sven arbeitete halbtags an der Edition von Karl Mays Werken und schrieb einen editorischen Bericht über die Rezeption von Winnetou Bd.1. Um sein Budget aufzubessern, raste er als Fahrradkurier durch die Stadt und lieferte die verrücktesten Sachen von Haus zu Haus. Fleischfressende Pflanzen, Hormontabletten oder Blutegel. Sogar eine Vogelspinne hatte er schon mal von Charlottenburg nach Friedrichshain gebracht. Sven kannte sich in der Stadt genau so gut aus wie in der Historikerzunft und wusste immer den neuesten Klatsch aus der Archivszene zu berichten.
Mein Zug fuhr pünktlich um 7 Uhr am Heidelberger Hauptbahnhof ab. Die ganze Bahnfahrt über spielte in meinem Kopf ein MP3-Player, der auf „Nine“ eingestellt war. Ich konnte ihn einfach nicht abstellen, in immer neuen Schleifen kam das Endlosband auf das Thema zurück. Carmen hatte sich angeboten, sich um Nine zu kümmern – aber würde sie mit der Stute zurecht kommen? Ich kannte das Mädchen ja überhaupt nicht – war sie wirklich so kompetent, wie sie vorgab? Aber andererseits – was hätte ich sonst tun können? Wie ich es auch drehte und wendete, mir blieb nur eines übrig – ich musste Carmen vertrauen. Es würde schon alles gut gehen, dachte ich.
Am ersten Tag wühlte ich mich durch einen Berg Geburtsurkunden von Berliner Kindern. Die Forscher saßen an langen, altmodischen Bänken, die in Zweierreihen hintereinander aufgestellt waren. Auf den Pulten lagen Stapel von Akten. Blatt für Blatt wurde in die Hand genommen, mit den Augen abgetastet und zur Seite gelegt. Hin und wieder steckten sie einen schwarzen „Reiter“ zwischen die vergilbten Blätter und notierten sich die Paginierung für den Kopierauftrag. Alle Leute arbeiteten konzentriert und schnell, die Luft war staubig und verbraucht. Niemand hob den Blick über die Aktenberge, niemand sprach, nicht einmal ein Wispern war zu hören. Es war, als laufe die Zeit rückwärts. Nach getaner Arbeit verließen die meisten grußlos den Raum, so als wollten sie die Spuren der Vergangenheit so schnell wie möglich von sich abschütteln.
Wie aus einer anderen Welt hörte ich plötzlich die Melodie meines Handys. Wieder mal vergessen abzustellen! Blicke so scharf wie Pfeilspitzen trafen mich von allen Seiten, aber es waren ja keine echten und Blicke können eben doch nicht töten. Ich spürte eine angenehme Erregung und erwischte mich bei dem Gedanken, es sei der Kollege mit der gestylten Igelfrisur, der mir vorhin so aufmunternd zugelächelt hatte. Schnell stand ich auf und verließ den Saal. Auf dem Flur drückte ich die grüne Taste und hielt mir den Apparat ans Ohr. Natürlich war er es nicht – woher sollte er auch meine Handynummer haben? Alles, was ich hörte, war Pferdegewieher, nichts weiter. Auf einmal war die Leitung unterbrochen. Ich ging zurück in den Lesesaal, um meine Akten wegzuräumen und um neues Material für morgen zu bestellen. Dann machte ich mich auf den Weg zu Sven. Unterwegs versuchte ich, Gerson zu erreichen. Vielleicht konnte er sich auf das Pferdegewieher in der Telefonleitung einen Reim machen. Aber ich erreichte nur die Mail Box. Wenn er unterwegs auf Phototour war, stellte er sein Handy ab.
„Ich habe schon angefangen zu kochen“, sagte er. „Es dauert nicht mehr lange.“ Die Tortellini köchelten vor sich hin, ich schnitt Tomaten für den Salat und sah Sven zu, wie er eine Flasche gut gekühlten Prosecco entkorkte. Svens Freundin Bina entspannte sich für drei Tage auf einem Workshop in Heiligengrabe, einem ehemaligen Stift für adlige Fräulein, das nach der Wende zu einem spirituellen Tagungszentrum umgebaut worden war, und wir hatten den ganzen Abend für uns.
Sven wirkte ausgeglichen und liebenswürdig, so wie ich ihn in Erinnerung hatte und er sah zufrieden aus. Er stellte zwei Gläser auf seinen blanken Buchenholztisch und goss ein.
„Auf deine Adoptivkinder und alle anderen Kinder und natürlich auf Nine-Days-Wonder.“
Weil ich es kaum erwarten konnte, von meinem neuen Leben zu berichten, achtete ich nicht so genau auf Svens Trinkspruch, denn sonst wäre mir gleich aufgefallen, dass Sven irgendetwas von Kindern gesagt hatte – es hatte fremd geklungen, schien nicht zu Sven zu passen, Kinder hatten in Svens Leben noch nie eine Rolle gespielt. Vielleicht wollte ich nicht, dass sich an meinem Bild, das ich von ihm hatte, etwas änderte. Sven hörte mir zu, er hatte schon immer die Fähigkeit besessen, anderen zuzuhören und doch kam es mir vor, als ob er an etwas anderes dachte. Vielleicht interessierten ihn meine Pferdegeschichten nicht besonders, da wäre er nicht der einzige. Während wir aßen, trafen sich unsere Blicke. Es hatte nichts mit mir zu tun, dachte ich und ich fühlte mich wohl und geborgen. Da hob Sven sein Glas. „Ich will dir etwas verraten, obwohl Bina meint, es sei noch zu früh – wir bekommen ein Kind – ein Mädchen!“

5
„Sorry, habe bis heute Abend zu tun“. Als ich Montagfrüh nach Hause kam, lag der Zettel auf dem Küchentisch. Ich hatte den Nachtzug genommen, weil ich noch vor der Arbeit zu Nine hinausfahren wollte. Der mysteriöse Anruf mit dem Pferdewiehern klang mir immer noch im Ohr, ich musste einfach so schnell wie möglich nach dem Rechten sehen.
Vor kurzem noch wäre ich enttäuscht gewesen, dass er bei meiner Ankunft nicht zuhause war, aber jetzt spürte ich so etwas wie Erleichterung, ich brauchte auf niemanden Rücksicht zu nehmen und konnte gleich in den Stall fahren. Das Büro konnte warten bis heute Nachmittag, dachte ich, schließlich hatte ich in Berlin einige Überstunden im Archiv abgesessen.
Es war kurz vor 10 Uhr, der morgendliche Stau auf der Berliner Straße und der Ernst-Walzbrücke hatte sich schon lange aufgelöst. Es war, als hätten alle Ampeln für mich eine grüne Welle eingestellt, nirgendwo musste ich anhalten. Für die touristischen Attraktionen unserer Stadt hatte ich keinen Blick, das Schloss lag ohnehin breit und behäbig wie immer auf seinem Hügel über dem Neckar und würde auch morgen nichts an seiner Lage verändert haben. Ich wollte nur eines – so schnell wie möglich zum Leierhof kommen, um Nine zu begrüßen.
Doch die Erste, die gleich, als ich aus dem Auto stieg, auf mich zukam, war Carmen
„Alles ist gut gegangen“, sagte sie strahlend. „Nine-Days-Wonder“ – sie betonte jedes einzelne Wort und bemühte sich um eine korrekte Aussprache – „ist richtig lieb gewesen. Echt! Du kannst öfter mal verreisen. Nine ist ein Schatz, eine süße Maus, ach Quatsch – ein Goldpferd.“
Ich wusste nicht, worüber ich mich mehr wundern sollte – darüber, dass Nine angeblich so brav war, oder darüber, dass Carmen ohne irgendwelche Umstände zum „Du“ übergegangen war.
„Und Nine hat mich wirklich nicht vermisst?“ fragte ich vorsichtig.
„Nein“, sagte sie. „Soll ich Nine gleich nach deiner Reitstunde absatteln?“
Ich schaute sie wortlos an und schüttelte den Kopf. Was sollte diese Frage? Hilfe beim Absatteln? Wofür hielt sie mich eigentlich? Da gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder für total vergreist oder für eine Anfängerin.
„Absatteln kann ich allein.“
Gleich darauf bereute ich meinen unfreundlichen Ton – was hatte Carmen mir eigentlich getan? Sie hatte mir doch nur geholfen, und geleistete Hilfe erforderte Dank.
„Ich melde mich wieder bei dir“, sagte ich, aber Carmen hatte sich schon umgedreht.
Nine stand gleichgültig in ihrer Box und kaute beharrlich an ihrem Heu. Kaum hatte ich sie am Putzplatz angebunden, ließ sie beide Ohren schlapp herunterhängen, entlastete den rechten Hinterfuß und fing an zu dösen. Ich striegelte ihr Fell, es kam mir merkwürdig matt vor. Aber was war das? In der Mitte des Halses entdeckte ich ein kleines kahlgeschorenes Viereck, als hätte da einer die Schärfe seines Rasiermessers ausprobiert. Vor meiner Abreise hatte Nine diese Stelle noch nicht gehabt. Ich schaute mich nach Carmen um, aber ich sah nur ihre beiden Freundinnen Penny und Mascha rauchend in der Sonne stehen. Als ich ihnen die Stelle zeigte, schauten sich die beiden vielsagend an und zuckten die Achseln. Immerhin ließ sich Penny dazu herab, mit dem Zeigefinger über das kleine Viereck zu streichen.
„Mindestens fünf Tage alt“, sagte sie mit einem unbewegten Gesichtsausdruck, der sehr professionell wirkte.
„Wir müssen los!“ Die beiden Mädchen drehten sich um und flöteten mir ein zuckersüßes ‚Tschü-üü-ss’ zu. Ich kam mir ziemlich blöde vor, weil ich mir sicher war, dass die beiden etwas vor mir verbargen. Was es war, würde ich nicht herausbekommen, sie hielten doch zusammen wie Pech und Schwefel. Wo steckte eigentlich Carmen? Sie war wie vom Erdboden verschwunden, wenn ich sie einmal brauchte, war sie nicht zu finden! Ich schaute auf die Uhr und bekam einen Schreck – es war zehn Minuten vor 12 Uhr. Um 12 hatte ich eine Reitstunde mit Roberto Kraus verabredet.
Schon von weitem hörte ich die Kommandos. Ich erkannte die Reiterin sofort wieder. Sie übte die gleiche Dressuraufgabe wie bei meinem ersten Besuch auf dem Leierhof. Und genau wie damals verspannte sich das Pferd bei den fliegenden Galoppwechseln vor dem Umspringen auf die linke Seite. Auch an die Dogge, die laut bellend um das Pferd herumgesprungen war, erinnerte ich mich genau.
„Marga, den Galoppwechsel nur denken – versuch’s noch ein Mal.“
Sie heißt also Marga, dachte ich.
Marga ritt im versammelten Galopp durch die ganze Bahn. Kurz vor dem Wechselpunkt zögerte der Wallach.
„Genug für heute“, sagte Kraus, der mich am Eingang warten sah.
„Kann man denn hier überhaupt nicht mehr in Ruhe arbeiten – dauernd kommt jemand dazwischen!“ Damit war ich gemeint. „Wo ist eigentlich Karlchen?“, schrie sie und stieß einen Pfiff aus, der mir im Trommelfell schmerzte.
„Der Eingang ist frei“, rief der Reitlehrer mir zu.
Marga, die ihre Runden trabte und erfolglos nach ihrem Hund Karlchen rief, warf mir giftige Blicke zu und ignorierte beharrlich mein ‚Guten Morgen’. Roberto Kraus begrüßte mich mit Handschlag und tätschelte Nine den Hals. Er sieht unverschämt gut aus, durchfuhr es mich, als ich ihm in die braunen Augen sah. Es fehlte gerade noch, dass ich rot wurde, aber glücklicherweise hatte ich dazu gar keine Zeit.
„Alles wieder in Ordnung, hoffe ich?“
Ohne meine Antwort abzuwarten, begann er mit dem Unterricht.
Nine setzte sich richtig in Szene – sie machte ihren Hals krumm, warf die Vorderbeine, dass es eine Freude war und trat mindestens zwei Handbreit unter. Roberto Kraus war begeistert.
„Eine Nerwa-Tocher, ohne Zweifel“, sagte er anerkennend. Natürlich bezog ich das Lob auf mich – ich war darüber so froh, dass ich mich gar nicht fragte, woher der Reitlehrer eigentlich die Abstammung meiner Stute kannte – außer mit Carmen hatte ich doch mit niemandem sonst darüber gesprochen. Aber warum sollte ich mir unnötig den Kopf zerbrechen – wichtiger war doch, dass ich nach unserer ersten Vorstellung von ihm als Reitschülerin akzeptiert war.
„Mittwochs um neun Uhr – wenn es Ihnen passt. Oder wollen wir nicht lieber „Du“ sagen? Komme bitte fünf Minuten später, du solltest es dir nicht mit Marga verderben!“
Natürlich sagte ich sofort zu allem ‚Ja“’. Ich kam mir richtig geschmeichelt vor. Der Mann war ein richtiger Profi, der etwas von Pferden verstand, aber noch während ich so dachte, hörte ich eine mir wohlbekannte innere Stimme, die mich mit der Frage nervte – vielleicht versteht er nicht nur was von Pferden, sondern auch von Frauen? Glücklicherweise gelang es mir auffällig schnell, diese Stimme abzustellen. Doch dann bildete sich sofort eine neue Frage: Was hatte Kraus eigentlich mit ‚alles wieder in Ordnung’ gemeint?
„Na, ob sich Nine wieder von ihrer Kolik erholt hat!“
„Von welcher Kolik?“
Roberto schüttelte ungläubig den Kopf: „Das weißt du nicht?“
„Ich war auf Dienstreise.“ Ich spürte ein schlechtes Gewissen, obwohl ich gar nicht wusste, warum eigentlich, aber aus Robertos Tonfall hatte ich jede Menge unausgesprochener Vorwürfe herausgehört.
„Warum hat Carmen mir nichts davon erzählt?“, sagte ich ärgerlich. Roberto Kraus zuckte die Achseln: „Es ist doch alles noch mal gut gegangen“, sagte er. Auf einmal schien der Reitlehrer den Vorfall nicht mehr besonders ernst zu nehmen. Nine also auch, dachte ich. Jetzt fängt es bei Nine an. Was dieses ‚es“’ bedeutete, wusste ich nicht, ich fühlte nur, wie meine anfängliche Wut einer mir unbekannten Bangigkeit wich. Ich hatte doch selbst miterlebt, wie Windspell an einer Kolik zugrunde gegangen war, es war mir, als sähe ich das große Pferd wieder in seiner Box auf dem nassen, zerwühlten Stroh liegen und röcheln. Ich musste mich schütteln, um die schrecklichen Bilder loszuwerden. Doch dann sagte ich mir: Nine lebt doch und Koliken waren anscheinend gar nicht so selten wie ich bisher geglaubt hatte.
In der Sattelkammer traf ich Marga.
„Willkommen auf dem Leierhof“, sagte sie mit einem frostigen Lächeln. „Sie nehmen Unterricht bei Roberto?“
„Ja“, antwortete ich freudig. „Nine hat ihm gefallen, glaube ich.“
Marga sah mich spöttisch an. „So? – Glauben Sie? Sie haben Glück, dass es Ihrer Stute wieder gut geht und noch mehr Glück, dass Roberto Sie als Schülerin angenommen hat. Normalerweise gibt er keinen Anfängerunterricht.“
Ich schluckte, meine gute Stimmung war jetzt vollends verflogen. Ich hatte den Eindruck, dass jede X-Beliebige auf dem Leierhof über Nine besser Bescheid wusste als ich und, was noch schlimmer war, – sie hielten mich für unverantwortlich – ich war sozusagen eine Rabenmutter! Und dass Marga ‚Anfängerin’ zu mir gesagt hatte, machte mich richtig wütend. Sie kannte mich doch überhaupt nicht! Ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, pfiff Marga nach ihrem Hund. Sie winkte mir kurz zu: „Ich hab’s eilig – wir reden ein anderes Mal miteinander!“
Carmen hatte die ganze Zeit draußen am Putzplatz gestanden und unser Gespräch mitangehört. Mein Zorn auf sie war plötzlich verflogen, ich war froh, dass ich mit ihr ein paar Worte wechseln konnte.
„Carmen, habe ich vielleicht was falsch gemacht – hätte ich Nine wirklich nicht alleine lassen sollen?“
Carmen beruhigte mich: „Vergiss es“, sagte sie. Sie zeigte abwechselnd auf ihr rechtes Ohr: „Da rein“ – und auf ihr linkes: Da raus“, sagte sie grinsend. „Und überhaupt – Marga sollte lieber ihren Mund halten.“
Ich verstand ihre Anspielung nicht und schaute sie fragend an. Darauf hatte Carmen nur gewartet.
„Hast du eigentlich mitbekommen, dass Karlchen wie von der Bildfläche verschwunden ist?“
„Nein“, sagte ich. Aber dann fiel mir ein, dass Marga mehrmals erfolglos nach ihm gerufen und ich seinen Ungehorsam insgeheim auf Margas inkonsequente Erziehung geschoben hatte.
„Im Stall gibt es die wildesten Gerüchte“, fuhr Carmen fort. „Es geht um Iwan. Nichts gegen Russen, aber Iwan kann Hunde nicht leiden – irgendwie verständlich, denn schließlich muss er die Anlage sauber halten und Hundekot stinkt. Er soll Kontakte zu der Hundefängermafia haben. Sie fangen Rassehunde, betäuben sie und verkaufen sie dann für teures Geld übers Internet. Oder – noch schlimmer – wenn sie sich nicht verkaufen lassen, kommen sie in den Fleischwolf – Tierfutter!“
Carmen redete so schnell, dass ich überhaupt nicht dazu kam, mein eigentliches Anliegen zur Sprache zu bringen – warum Nine eigentlich diese Kolik bekommen hatte, wollte ich sie fragen – da gab es doch sicherlich einen Grund? Oder war ich doch die Schuldige, vielleicht hätte ich wirklich nicht so lange wegfahren dürfen? Gerade als ich meinen Mund aufmachen wollte, sagte Carmen: „Vera, ich muss los – wir sehen uns später“, und verschwand in Richtung Reiterstübchen.
Für mich wurde es auch höchste Zeit, dass ich fort kam. Ich wollte nur noch einmal bei Nine vorbeischauen, um mich von ihr zu verabschieden. Als ich gerade die Boxentür zurückschieben wollte, hörte ich auf der Stallgasse ein Geräusch, als ob jemand ein Gitter aufgemacht und schnell wieder zugeschoben hätte. Ich drehte mich um, konnte aber niemanden entdecken, das kam mir irgendwie merkwürdig vor. Ich ging zu Taxos Box hinüber und blieb abrupt stehen. Mitten in der Box stand Iwan. Offensichtlich hatte ich ihn daran gehindert, die Box zu verlassen. Doch er wirkte überhaupt nicht verlegen. Wie eine Art Trophäe hielt er ein paar Schlaufzügel und einen Gurt in die Höhe: „Unglaublich, was die Leute alles in ihrer Box vergessen!“, sagte er. „Sogar sogenannte Turnierreiterinnen“, fügte er mit einem unverschämten Lächeln hinzu und verschwand in Richtung Sattelkammer.
Er meinte Marga, das war mir klar, aber ich hatte sie immer als ausgesprochen ordentlich empfunden. Sie achtete auf ihr Sattelzeug wie auf ihren Augapfel, es kam mir merkwürdig vor, dass sie ihre Hilfszügel im Stall liegen ließ. Und seit wann ritt Marga überhaupt mit Schlaufzügeln? Ob ihr Roberto empfohlen hatte, sie einzuschnallen? Nachdenklich ging ich zu Nine zurück. Sie brummelte mir freundlich zu, mit ihr schien alles in Ordnung zu sein. Ich atmete auf, jetzt aber durfte ich wirklich keine Zeit mehr verlieren und musste mich schnell auf den Heimweg machen.

6
Meine Reisetasche stand nachmittags noch immer unausgepackt im Flur, in der Küche quoll der Müll aus dem Plastikeimer und in den Kaffeetassen hatte sich der Milchschaum zu einer bräunlichen Kruste eingedickt. Von Gerson fehlte jede Spur. Meine Laune war so mies, dass ich beschloss, erst einmal zu duschen. Ich ließ mir das heiße Wasser über Kopf und Schultern rinnen und dachte an Sven – ob er mit seiner Bina glücklich war? Er hatte überhaupt nichts von ihr erzählt, aber ich hatte ihn ja auch gar nicht nach ihr gefragt. Wo hatten sie sich eigentlich kennen gelernt? Bestimmt nicht im Kino, wie Gerson und ich.
Wir hatten uns ein paar Mal bei Bekannten gesehen, kannten uns aber nicht so gut, dass wir uns zum Kino verabredet hätten. Und dann saßen wir zufällig nebeneinander in: „All die schönen Pferde“, von Billy Bob Thornton. Ich hatte den Roman von Cormack Mc Carthy gelesen und war neugierig auf die Verfilmung – dass Gerson sich für diesen Film interessierte, hätte ich nie gedacht. Ungefähr in der Mitte, an der Stelle, als John Grady die Ausritte mit Alejandra beginnt, und sie Seite an Seite durchs weiße Mondlicht reiten, ohne Sattel und nur mit Strickhalfter, hatte ich meinen Kopf unwillkürlich zu Gerson gedreht und sein Gesicht von der Seite angeschaut. Im Gegenlicht sah ich sein markantes Profil, seine scharf geschnittene Nase und seine schöngeformten Lippen. In diesem Augenblick hatte er nach meiner Hand gegriffen und sie den ganzen Film über nicht mehr losgelassen.
Meine Gedanken schweiften wieder zu Sven – ob ich mir demnächst in Berlin ein neues Quartier würde suchen müssen?
Als ich mir die Haare fönte, hörte ich den Anrufbeantworter und erkannte die Stimme von Prof. Mäuslers Sekretärin.
„Frau Roth, melden Sie sich sofort! Frau Prof. Mäusler hat nach Ihnen gefragt. Es ist dringend.“ Die Sekretärin sprach von unserer Chefin immer mit vollem Titel, während sie meinen Doktorgrad natürlich nie erwähnte. Ich benötigte noch die Imprimatur, hatte sie mir kürzlich von oben herab verkündet. Und dafür war meine Chefin zuständig, erst wenn sie ihr Placet gab, konnte ich meine Diss. aufs Netz legen und ein Dr. vor meinen Namen setzen. Aber das war mir eigentlich ziemlich einerlei. Im Grunde bedeutete dieser Titel doch nur, dass jemand länger als andere Menschen kostbare Lebenszeit hinter Büchern vertan hatte, dachte ich patzig.
Mit dem Fahrrad brauchte ich nur eine Viertelstunde bis in die Altstadt. Ich radelte die Ziegelhäuserlandstraße entlang, ein frischer Wind fuhr mir in die Haare, die Sonnenstrahlen tauchten den Sandstein der Alten Brücke in ein tiefes Orange, am liebsten wäre ich einfach weiter geradeaus den Fluss entlang geradelt, aber ich gab diesem Impuls nicht nach und bog auf die Brücke ab.
Wenig später saß ich in Prof. Mäuslers Büro und berichtete über meine Berliner Archiv-Funde – sage und schreibe 50 Adoptionsurkunden. Doch wenn ich geglaubt hatte, dass meine Chefin ein Wort des Lobes oder der Anerkennung für mich bereit hatte, dann hatte ich mich getäuscht. Sie interessierte sich für die Akten, das war alles – wann und wo die Urkunden ausgestellt worden seien, jede einzeln. Prof. Mäusler steckte sich eine Zigarette an und blies mir geistesabwesend den Rauch in die Nase. Ich hustete, aber die Mäusler inhalierte noch tiefer und atmete genüsslich aus. Ich vertröstete sie auf die Kopien, die ich in Auftrag gegeben hatte und die uns demnächst zugeschickt würden.
„Beim nächsten Mal machen Sie sich genaue Notizen“, sagte sie. „Stellen Sie sich vor, die Post geht verloren oder die Sendung fällt einem Unbefugten in die Hände.“
Ich versuchte, mich aus der Qualmwolke zu drehen und zuckte bedauernd die Schultern.
Prof. Mäusler wandte sich dem Poststapel auf ihrem Schreibtisch zu. „Wir sprechen uns, sobald mir die Akten vorliegen.“ Unsere Unterredung war beendet.
Auf dem Flur traf ich Helmut. Er promovierte seit kurzem auf einer halben Stelle als geprüfte Hilfskraft und betrachtete sich als rechte Hand unserer Chefin. Er verbrachte die meiste Zeit an seinem Schreibtisch im Büro oder in der Bibliothek, war blass wie ein Leintuch und ungefähr einen Zentimeter kleiner als ich, obwohl ich mit meinen 1,68 cm auch nicht gerade zu den Bohnenstangen gehörte. Aber seitdem er die Stelle hatte, schien er gewachsen zu sein. Wenigstens kam es mir gerade heute so vor.
„Warum hast du dich eigentlich nicht zurückgemeldet?“
Ob Helmut anfangen wollte mir hinterher zu spionieren? Es ging ihn doch überhaupt nichts an, ob und wann ich nach einer Dienstreise im Büro auftauchte, dachte ich. Eine andere Angewohnheit von ihm war noch störender – die Gespräche mit ihm zwischen Tür und Angel oder auf dem zugigen Institutsflur hatten die Tendenz sich auszudehnen. Für einen kleinen Schwatz war er immer zu haben, während ich Fluchtgedanken entwickelte, sobald ich ihn sah.
„Ich muss ganz schnell ins Uniarchiv – ans Lesegerät“, log ich.
Aber Helmut stellte sich mir in den Weg. „Einen Augenblick“, sagte er. Er nahm seine Brille ab, die er sich ins Haar geschoben hatte und schaute mich triumphierend an.
„Ich weiß nicht, ob es dir Prof. Mäusler schon gesagt hat?“
Ich brauchte nicht lange herumzurätseln, die Botschaft war klar – die Chefin hatte nicht mir die Neuigkeit mitgeteilt, sondern Helmut.
„Was hat sie gesagt?“
„Dass wir zusammen ein Arbeitszimmer bekommen – genau gegenüber von Frau Norden, ihrer Sekretärin.“
„Oh nein!“, entfuhr es mir.
Aber Helmut war viel zu begeistert, als dass er meinen entsetzten Aufschrei gehört hätte.
„Ist das nicht toll – ein Zimmer nur für uns – wir müssen uns nur noch einigen, wie wir die Schreibtische aufteilen.“
„Gut! Helmut, wir sehen uns“, sagte ich ziemlich kurz.
„Aber willst du dir das Zimmer nicht erst mal ansehen?“
Ich winkte ab. „Später, Helmut.“
Ich brauchte frische Luft und zwar sofort. Draußen vor der Tür empfing mich gleißendes Licht. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sich meine Augen nach dem dusteren Licht im Flur des Institutgebäudes an die Helligkeit gewöhnten. Kein Wunder, dachte ich, dass die Mäusler mir mein Dienstzimmer nicht gezeigt hatte. Sie hatte es Helmut versprochen, obwohl er nur Hiwi war und für Hiwis am Institut ein eigener Raum zur Verfügung stand. Eine Frechheit, dachte ich, immerhin bin ich die wissenschaftliche Angestellte. In diesem Augenblick hätte ich viel darum gegeben, wenn ich mich von Helmut mit meinem Titel hätte ansprechen lassen können, aber nicht einmal damit konnte ich punkten! Und außerdem – was hätte er sagen sollen – Dr. Vera etwa? Wir duzten uns doch! Ich kam mir betrogen vor und mein Kopf fühlte sich an wie von einer dicken Watteschicht umgeben. Auf dem Universitätsplatz drehte sich ein auf antik getrimmtes Karussell mit Pferden, Wägelchen und einem weißen Elefanten, aber meine Stimmung hellte sich davon nicht auf. Ich lief zwischen den Buden, die Zuckerwatte und gebrannte Mandeln verkauften, Richtung Hauptstraße. An der Ecke lag mein Lieblingscafé, das „Starcafé“. Gerson wartete bestimmt schon auf mich, aber jetzt brauchte ich erst einmal einen Cappucino.

7
Glücklicherweise hatte ich am nächsten Tag frei, doch die Stimmung auf dem Leierhof war auch nicht dazu angetan, meine Laune zu verbessern. Immerhin betraf das Gerede diesmal nicht mich.
Als ich nachmittags mit Sattel und Trense überm Arm aus der Sattelkammer kam, versperrten mir Carmen und Liberty den Weg. Sie standen vor der Tür und palaverten so hitzig, dass sie mich überhaupt nicht wahrnahmen. Liberty schien ganz besonders geladen zu sein.
„Ich wundere mich überhaupt nicht – das hätte doch jeder hier passieren können!“, sagte sie.
Carmen schüttelte heftig ihren Bubikopf – alles, was von Liberty kam, regte ihren Widerspruchsgeist an, das hatte ich schon einmal beobachtet.
„Quatsch – so einfach wirft dich ein Pferd nicht ab.“
„Natürlich nicht!“ Mit jedem Wort wurde Liberty zorniger.
„Ich stimme dir zu – buckeln hat immer einen Grund – eine Verspannung, ein Schmerz, eine harte, unnachgiebige Hand zum Beispiel.“
Aber Carmen, die die unausgesprochene Kritik hinter Libertys Worten fühlte, widersprach heftig: „Du hast gut reden – Taxos macht auf der linken Hand immer Taktfehler – soll sie da etwa die Zügel wegwerfen?“
„Ich habe sie gewarnt, warum setzt sie sich immer wieder auf ein buckelndes Pferd?“
Jetzt erst bemerkten mich die beiden, sie nickten mir kurz zu, ohne mir auch nur einen Zentimeter auszuweichen.
„Es ist die Dressurreiterei“, sagte Liberty erregt. Sie mühte sich mit den „Rs“ ab, was ihrer forsch vorgetragenen Behauptung etwas Gequältes gab.
„Ihr macht es doch alle gleich – zerrt eurem Pferd im Maul, haltet es vorne fest und traktiert es mit den Sporen. Schrecklich! Jedenfalls hat Taxos erst mal Ruhe.“
Merkwürdigerweise widersprach Carmen jetzt nicht mehr. „Marga hat Glück gehabt – bei diesem Sturz hätte sie sich das Genick brechen können“, sagte sie nachdenklich. „Eigentlich tut sie mir leid – sie hat nur Pech gehabt in letzter Zeit. Übermorgen wollte sie auf dem Turnier die Dressurprüfung gewinnen!“
„Hat sie sich verletzt?“, fragte ich. Plötzlich spürte ich ein flaues Gefühl im Magen – ich wusste nicht recht, ob es mit Marga zu tun hatte, ich kannte sie ja kaum und hatte bisher nur ein paar Worte mit ihr gewechselt. Ob ich vielleicht selbst Angst hatte, abgeworfen zu werden?
„Nein – Marga geht es gut – aber Taxos hat sich eine Sehne gezerrt“, sagte Liberty, aber außer Mitleid mit dem Pferd schwang auch noch ein anderer Ton mit, den ich nicht so recht zu deuten wusste. Freundlich kam er mir jedenfalls nicht vor, eher verächtlich und arrogant. Liberty gab sich den Anschein, als habe sie das ganze Unglück kommen sehen, aber da niemand auf sie hören wollte, hatten die Dinge ihren Lauf nehmen müssen.
„Du hast Glück, Vera!“
Carmen hatte Recht – Taxos Verletzung brachte mir tatsächlich einen Vorteil: Roberto Kraus war ganz für mich da – oder vielmehr – für Nine war er da. Gleich nach der ersten Reitstunde hatte Roberto mir angeboten, meine Stute in Beritt zu nehmen. Er wolle ihr einige Grundlagen beibringen, aber dazu müsse er sie mindestens zwei Mal die Woche reiten. Natürlich hatte ich eingeschlagen – etwas Besseres hätte mir gar nicht passieren können.
Anscheinend hatte Carmen heute Morgen auch frei, dachte ich, als sie wenig später mit mir und Liberty am Viereck stand. Sie könne die erste Schulstunde einfach ausfallen lassen, sagte sie, die Note im Wahlfach stehe ohnehin fest. Marga ließ sich nicht blicken. Wahrscheinlich hatte sie genug mit Taxos zu tun, vermutete ich, aber Carmen grinste nur und flüsterte mir ins Ohr:
„Ich glaube, sie ist eifersüchtig!“
Auf wen denn? Etwa auf Nine? – das kam mir merkwürdig vor. Oder etwa auf mich? Wer weiß, dachte ich, vielleicht hat Marga mitbekommen, dass mir Roberto das „Du“ angeboten hatte und Nine auf dem großen Maimarkt Turnier in Mannheim vorstellen wollte. Dort tummelten sich alle, die in der Dressurszene Rang und Namen hatten – richtig große Namen wie Isabell Werth und Anky van Grunsven zum Beispiel. Im letzten Jahr hatte Marga eine Schleife mit nach Hause gebracht. Dieses Mal würde sie nicht mehr starten können, war das etwa kein Grund für Eifersucht?
„Wenn Roberto Nine reitet, kann die Stute endlich mal zeigen, was in ihr steckt!“ Wollte Carmen etwa damit sagen, dass ich unfähig sei, das Potential meines Pferdes selbst herauszureiten?
Ich wusste nicht so recht, was ich sagen sollte, aber Liberty schüttelte den Kopf. „Passt nur auf, dass Euer Roberto Nine nicht überfordert“, sagte sie spitz. Sie gab mir den Rat, beim Beritt zuzuschauen. „Roberto muss das Gefühl haben, dass du aufpasst – denn sonst macht er es so, wie damals mit Windspell – er ist nach dem Reiten immer gleich abgestiegen und hat das schwitzende Pferd Iwan überlassen.“
„Vielleicht musste er noch Unterricht geben?“, wandte ich ein.
Liberty grinste.
„Wo denn – etwa in seinem Reiterstübchen? – Wenn du von da oben Radio Regenbogen hörst, dann weißt du Bescheid. Bis vor kurzem hat Karlchen vor der Tür Wache gehalten.“
Ich schaute hinauf zu dem geschlossenen Fenster. Irgendjemand – Carmen vielleicht – hatte mir erzählt, dass Roberto dort in der Mittagspause seine Butterbrote verspeiste – ob er dazu das Radio anstellte? Na und? Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Roberto Nine vernachlässigte, nur um irgendwelche dubiosen Radiosendungen zu hören. Mir schien, als ob hinter Carmens Lob und den Bedenken und Ratschlägen Libertys etwas anderes stand. Irgendetwas schien ihnen nicht zu passen – Carmen nicht und Liberty auch nicht, von Marga ganz zu schweigen. Alle drei hielten sich für perfekte Reiterinnen und gaben vor, das Beste für ihre Pferde zu tun, aber jede von ihnen hatte andere Vorstellungen vom Reiten und der Pferdepflege. Aber da gab es auch noch was anderes. Carmen zum Beispiel bewunderte nicht nur Robertos Reitkunst, sondern hatte sich wie alle Mädchen auf dem Leierhof bis über beide Ohren in unseren attraktiven Reitlehrer verknallt. Und was steckte hinter Libertys angeblicher Tierliebe? Ihre Ansichten kamen mir ziemlich verschroben vor und sie setzte sie nicht zuletzt dazu ein, um mich zu maßregeln.
„Dein Pferd ist Erholung für dich – aber fragst du auch, ob du Erholung für dein Pferd bist?“
Wie kam sie eigentlich darauf, dass Nine Erholung für mich sei? Seitdem das Pferd auf dem Leierhof stand, hatte ich keine Minute Freizeit mehr, ich vernachlässigte Gerson und hatte keine Seite in einem guten Buch mehr gelesen, geschweige denn, einen Film gesehen.
Aber andererseits machte mir der Umgang mit Nine richtig Spaß. Unter Robertos Beritt lernte sie schnell und ging nach kurzer Zeit sämtliche Lektionen wie am Schnürchen. Was war falsch daran? Durfte ich nicht stolz auf mein Pferd sein? Und wer sagte eigentlich, dass nicht auch mein Pferd stolz auf mich sei, dachte ich trotzig. Dass Liberty immer so genau zu wissen schien, was im Kopf der Pferde vor sich ginge, kam mir wie eine Anmaßung vor. Genau wie ihre feste Überzeugung mit Pferden sprechen zu können. Darüber hatte mich Carmen aufgeklärt.
„Sie übt mit Myboy, wenn es im Stall noch ruhig ist, früh morgens, oder spät in der Nacht. Konzentration ist alles“, hatte sie gesagt, „tiefe Atmung, Entspannung – und wenn das alles stimmt, dann sendet sie ihre Botschaft und wartet auf eine Antwort. Dafür muss der Kopf vollkommen leer sein, sagt Liberty. Keine Ahnung, wie sie das macht – hast du etwa schon mal einen leeren Kopf gehabt?“ Ich hatte an das bekannte Endlosband denken müssen, das sich automatisch einstellte, sobald ich alleine war, von Leere war da keine Spur, es ging im Gegenteil ziemlich turbulent zu.
„Worüber redet sie denn eigentlich mit Myboy?“
„Das ist mir auch nicht ganz klar“, hatte Carmen zugegeben. „Sie sagt, dass man mit Tieren nur über Naheliegendes sprechen kann. Weil sie keinen Unterschied zwischen Gegenwart und Vergangenheit kennen. Also zum Beispiel über das Futter, aber sie sagt ja nicht Futter, sie sagt: Essen. Liberty spinnt“, hatte Carmen kurz und bündig ihre Ansicht zusammengefasst.
Als wir wenig später mit Nine im Schlepptau zum Stall schlenderten, benutzte Liberty die Gelegenheit, mir Roberto madig zu machen. Sie stieß mich mit ihrem Ellbogen an:
„Hast du gehört – Radio Regenbogen.“
„Ja ...?“ Ich wusste nicht, worauf sie hinaus wollte, bis mir einfiel, dass sie die Radiostation meinte, mit der sich Roberto die Mittagspause versüßte.
„Sperr doch mal die Ohren auf.“
Richtig - aus Robertos Zimmer drang laute Popmusik. Ein Ohrwurm aus dem vorigen Jahrhundert, zum Mitsingen, aber dazwischen ziemlich eindeutige Laute, die sicher nicht aus dem Äther kamen.
„Das also ist Radio Regenbogen?“
Libertys Gesicht verfinsterte sich.
„Du weißt genau, was ich meine! So naiv bist du auch wieder nicht. Statt sich um Taxos zu kümmern“, Liberty zögerte, als suche sie nach den richtigen Worten, „schieben sie da oben eine Nummer – so sagt man doch – oder?“
„Ach“, sagte ich, „Du meinst, dass Marga mit Roberto ...?“
Ich hatte eine Lawine losgetreten.
„Ja, Marga!“ brach es aus ihr heraus. „Jeden Morgen schleicht sie in aller Herrgottsfrühe hinauf. Sie ist verheiratet – aber das ist mir völlig egal. Jeder kann machen was er will, oder? Nur – Roberto bringt Marga auf dumme Gedanken. Er hat ihr damals den Floh ins Ohr gesetzt, Windspell sei zu alt fürs große Viereck! Aber es nicht das Alter, er war ja erst 16 – da geht es um was anderes. Nach dem letzten Turnier hat er keine Erfolge mehr gehabt, das ist es. Und dann ist er an einer Kolik eingegangen – einfach so – ein vollkommen gesundes Pferd! Und schon am nächsten Tag haben sie dir eine freie Box vermietet.“
Ich stand da und wusste nicht, was ich sagen sollte. Und wieder hatte ich dieses flaue Gefühl – aber ging es da wirklich um Marga – was wollte Liberty mir eigentlich sagen? Was war denn dabei, dass sie uns Windspells Box vermietet hatten – das Pferd hatte doch keine ansteckende Krankheit gehabt – oder?
Ich war richtig froh, dass gerade in diesem Augenblick mein Handy summte. Gerson hatte wieder ein paar präzise Aufträge für mich. Ich sollte Rotwein, Spagetti, Espressobohnen und eine Flasche Limoncello von Pronto, dem italienischen Supermarkt, mitbringen. Er läge doch auf meinem Weg zum Stall, da könne ich mich nützlich machen, es sei ja kein Umweg für mich. Es war schon das zweite Mal, dass er mich auf dem Nachhauseweg dort vorbei geschickt hatte. Gersons neue Leidenschaft galt unverkennbar Italien.
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