Kitabı oku: «SchriftZüge 14 eBook»
SchriftZüge 14 eBook
1 Schriftzüge Cover
2 Schriftzüge
3 Brandenburgische Literaturpreise 2021
4 Heidi Ramlow - Wo der Hund begraben liegt
5 Elisabeth Richter - Triff mich
6 Andreas Gößling - Barhoff & Umsetz
7 Ruth-Maria Thomas - Abgrund
8 Eva Strasser - Das Krokodil
9 Wolfgang Malischewski - Muttertag
10 Potsdamer Publikumspreise Nacht der Poesie 2019
11 Elke Hübener-Lipkau
12 Manfred Richter - Die Birke
13 Sonja Puras - Ganz in der Nähe
14 Potsdamer Publikumspreise Nacht der Poesie 2020
15 Tini Anlauf - Potsdamer lächeln nicht
16 Heidi Ramlow - 16. August 1946
17 Heinrich von der Haar - Mein Himmel brennt*
18 Potsdamer Publikumspreise Nacht der Poesie 2021
19 Thomas Frick - Hinter der Maske
20 Maik Altenburg
21 Iris Zimpel
22 Beiträge
23 Maik Altenburg 2
24 Ute Apitz - Rindviecher im Havelland
25 Jana Franke - carpe diem
26 Thomas Frick - Peter Penks Reise nach Potsdam - aus „LUNA 15“
27 Jens Grandt - Einmal die Eisberge sehen
28 Bettina Hampl - Goldkrone
29 Elke Hübener-Lipkau 2
30 Henry-Martin Klemt
31 Ursula Kramm-Konowalow
32 Rita Mahlendorf
33 Hans Markert
34 Christa Müller
35 Manfred Richter - Frenzels Rache
36 Susanne Rüster - Tschüs, Arbeitsagentur!
37 Heinrich von der Haar - Räppelchen
38 Essay
39 Bernd Kebelmann - Buchenwälder
40 Lesezeichen
41 Thorsten Purps - Editorial (E.T.A. Hoffmann) - Kultur schadet keinem Juristen*
42 Rezension
43 Jens Grandt - Neuerscheinung - Himmel und Hölle des Tangokönigs
44 SchriftZüge 13
45 Impressum

SchriftZüge 14
SchriftZüge
Brandenburgische Blätter für Kunst und Literatur
Herausgeber: Dr. Heinrich von der Haar
Im Auftrag des Literatur-Kollegiums Brandenburg e.V.
Potsdam 2021
Verehrte Leserinnen und Leser der SchriftZüge,
die Ausgabe 14 der Brandenburgischen Blätter für Kunst und Literatur erscheint nach der schweren Corona-Zeit, in der Autorinnen und Autoren nur eingeschränkt ihre literarischen Werke präsentieren konnten. Umso mehr dankt der Herausgeber allen Mitgliedern unseres Literatur-Kollegiums Brandenburg e. V. für ihre kontinuierliche Mitarbeit bei der Verbreitung der Literatur, dem Fördern der Leselust und der Pflege der Sprache. Wir danken auch den Bibliotheken, Buchhandlungen, Vereinen, Verbänden und Persönlichkeiten, die uns unterstützen. Nicht zuletzt dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburgs für die Förderung in dieser Zeit.
Das Literatur-Kollegium Brandenburg e. V. verlieh im Juli erneut den Brandenburgischen Literaturpreis, dotiert mit 500 Euro. Thema des diesjährigen Wettbewerbs war „Auf der Suche“. Aus fast hundert Einsendungen wählten die Jurorinnen und Juroren Hans Peter Roentgen, Andrea Schneider, Lena Schneider, Dr. Stephan Diller und Tini Anlauf sechs Texte aus. Die Autorinnen und Autoren wurden im Juni 2021 bei einer festlichen Preisverleihung geehrt. Im ersten Teil dieser Zeitschrift veröffentlichen wir unter Brandenburgische Literaturpreise 2021 die sechs Erstplatzierten des Wettbewerbs sowie eine Laudatio von Hans Peter Roentgen zum Gewinnertext von Heidi Ramlow.
Wir freuen uns, dass wir in der alljährlich in der Alexandrowka stattfindenden Nacht der Poesie jeweils drei Potsdamer Publikumspreise vergeben können. Wir dokumentieren hier die drei Preisträger jeweils vom ersten bis zum dritten Platz für die Jahre 2019, 2020 und 2021.
Anlässlich unseres 30jährigen Jubiläums, das wir im Jahr 2020 mit dreißig Lesungen unter der Überschrift Neue Perspektiven in dreißig Brandenburgischen Orten gefeiert haben, versammeln wir in der Rubrik Beiträge Geschichten und Gedichte unserer Mitglieder.
Ergänzt werden die SchriftZüge diesmal durch einen Essay von Bernd Kebelmann, ein Lesezeichen von Thorsten Purps und eine Rezension von Jens Grandt.
Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern eine anregende Lektüre.
Dr. Heinrich von der Haar
Vorsitzender des Literatur-Kollegiums Brandenburg e. V.
Brandenburgische Literaturpreise 2021
Heidi Ramlow - Wo der Hund begraben liegt
Berlin, 1946.
„Hast du schon mal einen getötet?“, fragt Emil.
„Ick? Nee. Aber mein Vater. An der Ostfront. Viele. Tausend bestimmt. Und du?“
„Auch nich. Aber ich werde welche töten. Russen. Mindestens fünf, verstehst du?“
„Dit gloobste selbst nich. Russen sind stark.“
Paul nimmt einen Schluck Muckefuck aus der Feldflasche von Emil. „Schmeckt echt jut, wirklich“, lobt er ihn. „Und dit mit den Russen umbringen, dit is Quatsch. Wir haben doch Frieden. Ick hab richtig nette Russen kennenjelernt. Die waren ziemlich knülle und wollten, dass ick Wodka trinke.“
Sie schweigen eine Weile.
„Wollen wir schwimmen jehen?“, fragt Paul.
„Keine Lust“, sagt Emil. „Hab zu tun, verstehste? Ich muss innen Ostsektor.“
„Wat willste denn im Osten? Da liegt doch der Hund begraben.“
„Wat denkste? Russen umbringen, natürlich!“
„Du spinnst“, sagt Paul. „Aber – du hast Ahnung von Pflanzen, dit ist praktisch. Wie heißt das Unkraut, aus dem du Muckefuck jemacht hast? Wegwarte?“
Emil nickt.
„Und aus den Wurzeln haste dit jemacht, was ich eben jetrunken hab, echt?“
„Ja. Zichorien heißen die. Erst trocknen, dann rösten, dann mahlen, dann heißes Wasser druff.“
Sie liegen am Lietzensee und schauen in eine Trauerweide, deren Ruten dicht über dem Wasser sanft im Wind schaukeln. Emil verschränkt die Arme unter seinem Kopf und schließt die Augen. Unter den Armen ist sein Hemd zerrissen, gut belüftet, trotzdem stinkt er. Er weiß es. Ein Bad wäre dringend nötig.
Emil hat keine Freunde. Ist besser so. Seine dunkelblonden Haare schneidet er selbst. Er beißt sich durch. Andere hatten eine Mutter, die sich kümmerte. Emil musste sich selber kümmern, dabei ist er erst zehn.
Paul schlurft zum See runter. „Nun komm schon.“ Er spritzt mit Wasser und versucht Emil zu treffen, der sitzengeblieben ist und die Feldflasche in der Hand hält.
„Ich kann nich schwimmen.“
„Du hast es aber nötig. Du stinkst.“
„Selber nötig“, ruft Emil. „Ich geh nich in diese Brühe.“
„Brühe? Dit Wasser is klar. Brühe wird dit erst, wenn du drin bist.“
Paul lacht und hängt seine Schuhe an einen dicken Zweig, der in den See hineinragt, zieht sein Hemd und die Hose aus und hängt sie daneben.
Er hangelt sich an dem Ast entlang, baumelt an ihm und lässt sich in den See gleiten.
Emil hockt sich ans Wasser. „Das ist Leichenwasser“, sagt er auf einmal.
„Ick fühl mia ziemlich lebendig!“, grinst Paul und planscht. „Hier kannste stehen. Herrlich! Los, komm rein!“
„Oben auf der Wiese haben die Russen ihre toten Soldaten eingebuddelt. Weißt du?“, ruft Emil. „Mit Holzbohlen um jedes Grab. Ich hab´s genau gesehen.“
„Ja, und meen Nachbar hat die Bohlen jeklaut. Dit hab ick jesehen. Wer Bretter klaut und Gott vertraut, eine gute Laube baut.“
Paul kommt zurück ans Ufer und setzt sich triefend neben Emil.
Er erzählt ihm, dass letzten Sommer die Russen die Leichen wieder ausgegraben haben.
„Und ab damit nach Treptow, sagte mein Nachbar. Gloob mir.“
„Und wennse eine vergessen haben?“
Emil schüttelt sich.
„Jenau“, sagt Paul, „und nachts erschrecken sie kleene Jungen wie dich und deshalb willste sie alle umbringen.“
„Du schnallst ooch jarnüscht“, sagt Emil. „Als sie über meine Mutter her sind, verstehst du? In der Ruine. Und ich mich verstecken musste, hab ich sie beobachtet und mir die Fratzen gemerkt. Jede Nacht grinsen sie mich an. Die erkenne ich im Schlaf.“
Emil tigert durch die Stadt, in den Ostsektor, zu Fuß an Trümmer-
bergen vorbei und auf dem Trittbrett der Straßenbahn. Voll Entschlossenheit und Wut. Fünf sollen es sein. Fünf Soldaten, die er totmachen will, mit Muckefuck. Sein Entschluss steht fest. Er hat genug Eibennadeln getrocknet, zerstoßen und in den Rest vom Muckefuck geschüttet. Sein „Zichorienkaffee spezial“.
Ob er die Russen findet? Es gibt so verdammt viele von denen. Vielleicht sollte er sich am Brandenburger Tor rübermachen?
„Wenn ich zehn bin, räche ich dich!“, hatte er seiner Mutter geschworen. Letzten Monat war sein Geburtstag gewesen. Und Versprechen muss man halten.
Das Bild seiner Mutter quält ihn jede Nacht. Sie kam taumelnd in den Keller, in dem sie in den Ruinen Unterschlupf gefunden hatten. Blut lief an den Beinen runter. Sie weinte die ganze Nacht, wimmerte vor Schmerzen. Am nächsten Morgen wollte sie nicht in die russische Kommandantur und auch nicht in die Nehringschule, wo die Soldaten wohnten. Seine Mutter musste für sie putzen und die Pferde in der Turnhalle versorgen.
Über zwei Monate waren die Russen schon in Berlin. Einige in der Straße hatten weiße Bettlaken rausgehängt, als sie kamen. Viele Leute jubelten, andere fürchteten sich.
„Sie tanzen Krakowiak, trinken neunzigprozentigen Wodka und dann vergewaltigen sie unsere Frauen und Mädchen“, hörte er die alten Männer tuscheln.
Emil und seine Mutter verkrochen sich im Keller einer Ruine. Sogar eine Matratze hatte er besorgt. Er tauchte seine Hände in kalte Asche, nahm Wasser aus einem Eimer dazu und verschmierte das Gesicht seiner Mutter und ihre Haare. Grau und dreckig sollte sie aussehen, unappetitlich. Aber am nächsten Tag fanden die Soldaten sie, seine Mutter und ihn. Emil zählte fünf. Er versteckte sich hinter einer Mauer, während sie seine Mutter ...
Jedes Gesicht merkte er sich. Jedes dieser russischen Gesichter. Seine Mutter konnte sich nicht wehren, weinte nur noch leise. Das war jetzt über ein Jahr her. Mutter redete nicht mehr, sang keine Lieder mehr, streifte nicht mehr mit ihm durch die Natur, um ihm alles über Wildkräuter und Sträucher zu zeigen. Sie lag nur noch da.
Emil beobachtet den Übergang am Brandenburger Tor. Da beginnt der russische Sektor. Eine Soldatin regelt den Verkehr. Streng sieht sie aus. Mit einem Dutt. Emil muss sich unsichtbar machen. Auf der anderen Straßenseite stehen einige Iwans, acht oder neun. Sie lachen laut. Als eine Frau mit zwei Kindern die Straße überquert, schließt er sich ihr an. Er bleibt bei den Russen stehen, sie beachten ihn nicht. Er bietet ihnen seine Feldflasche an, aber sie jagen ihn weg.
Dann eben nicht. Es ist sowieso keiner von seinen Russen dabei.
Er geht die Linden entlang, weiter in den Osten rein, auf der Suche nach passenden Soldaten. „Nein, den lass ich leben“, überlegt er. „Den Übernächsten aber spreche ich an, ganz bestimmt.“
Doch auch ihn lässt Emil am Leben. „Hier sind zu viele Zivilisten“, denkt er. Sein Herz klopft. Er setzt sich auf einen Trümmerhaufen, beobachtet die Vorbeigehenden und die Fahrzeuge. Die Straßen sind jetzt frei geschippt, die Bombentrichter auf den Fahrdämmen zugeschüttet und geebnet. Löwenzahn treibt seine Blätter durch Schutt und Ritzen. Wie schön die gelben Blütenköpfe in der Abendsonne leuchten. Nein, er pflückt sie nicht. Nein. Auch wenn er Hunger hat. Aber einige junge Blätter entfernt Emil, wischt den Staub darauf an seiner dreckigen Hose ab und kaut sie genüsslich. Die Blätter schmecken herb und bitter. Jemand zeigt auf ihn. Keine Ahnung, was der will. Emil steht auf und geht in eine Seitenstraße. Hier war er noch nie, kennt sich nicht aus. Sieht sich um, keiner ist ihm gefolgt. Er ist bereit, bei jedem verdächtigen Verfolger in das schützende Dunkel der Ruinen zu springen.
Dämmerung legt sich über den Osten. Grau in Grau versinkt die Stadt. Emil überlegt, was er tun soll. Er muss zurück in den Westen zu seiner Mutter. „Aber ich habe es geschworen!“, sagt er zu sich selbst und drückt die Feldflasche an sich. In einigen Fenstern der zertrümmerten Häuser sieht er Petroleumlampen flackern. In der Ferne spielt ein Akkordeon. Zivilisten sind kaum auf der Straße. Emil kommt an einer Reihe Fenster vorbei, schwach beleuchtet sieht er im Innern Soldaten mit Frauen tanzen, Russenliebchen, wie die Leute sie nennen. Eng umschlungen kommt ein Pärchen aus dem Tanzlokal. Sie wiegen sich in den Hüften. Das Akkordeon wird schneller. Emil drückt die Nase an die Fensterscheibe und sieht zwei Russen, die aus der Hocke die Beine vor und zurückwerfen, dann geht der nächste in die Hocke. Wie geschickt sie tanzen! Schweiß tropft von der Stirn des Akkordeonspielers. Jemand packt Emil von hinten und schleppt ihn ins Lokal.
„Mal’chik! Mal’chik!“, brüllen alle und klatschten in die Hände.
Die Musik spielt. Emil grinst schief, einer nimmt ihm die Feldflasche ab, riecht am Muckefuck, probiert, reicht die Flasche weiter, spuckt aus, ein anderer geht in die Hocke und fordert Emil zum Tanz heraus.
Emil macht mit. Die Russen klatschen im Takt und feuern ihn an. Er kippt auf den Boden, lacht, wird hochgehoben und auf den Tisch gestellt. Seine Feldflasche macht weiter die Runde. Dann sieht er in der Ecke, wie drei oder vier von ihnen, sich über eines der Russenliebchen hermachen. Sie versucht, sich zu wehren. Keiner hilft ihr. Emil denkt an seine Mutter. Springt vom Tisch, reißt einem der Russen seine Feldflasche aus der Hand, als der gerade daraus trinken will und rennt hinaus. Rennt, rennt, rennt.
Außer Atem steht er irgendwo zwischen den Ruinen. Er schüttelt die Flasche. Fast leer. Wie viele waren es, die getrunken haben? Genug?
Er schüttet den Rest des Muckefucks auf den Boden. Eine Pfütze bildet sich. Emil wischt sich Tränen aus dem Gesicht, als ihn etwas Feuchtes anstupst. Es ist ein dürrer, klappriger, verlauster, hungriger Hund. Emil streichelt ihn, fühlt den warmen Körper. Gemeinsam schlafen sie in den Trümmern ein.
Drei Tage hat Emil den Paul nicht gesehen. Sie treffen sich wieder am Lietzensee.
„Und?“, fragt Paul. „Warste drüben? Haste ein paar Russen kaltjemacht?“
Emil zuckt mit den Schultern und legt sich in die Sonne.
„Erzähl doch mal, wie war´s im Ostsektor?“
„Da liegt der Hund begraben“, sagt Emil und denkt an den Streuner, der am Morgen tot in seinem Arm lag. Er hatte wohl die Reste aus der Pfütze aufgeschleckt.
„Hier. Lies mal.“ Paul reicht Emil die Abend-Zeitung.
„Die suchen nach ’m Mörder drüben, steht da. Der soll acht Russen mit Muckefuck vajiftet haben, nur eener hat überlebt. Da war wohl jemand schneller wie du. Sei nich traurig, dit nächste Mal schaffste dit ooch. Kommste mit zu mir? Ick hab echten Nescafé vom Ami. Schmeckt aber nich so jut wie dein Muckefuck.“
Heidi Ramlow arbeitete drei Jahrzehnte lang als Drehbuchautorin und Regisseurin für Erfolgsserien in ARD und ZDF (“Ehen vor Gericht”, “Verkehrsgericht“). 2015 gründete sie mit schwedischen und polnischen Autoren das Netzwerk »Grenzenlose Autoren«. 2019 wurde ihr Krimistück „Blutroter Waschgang“ im Berliner Kriminaltheater uraufgeführt.
Sie ist Mitglied im Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller, bei den Mörderischen Schwestern, beim Syndikat und im LKB.
Aus der Laudatio von H. P. Röntgen, Juryvorsitzender, zum Gewinnertext von Heidi Ramlow
Die Erzählung ist ein Krimi, eine Jugendgeschichte, eine Nachkriegserzählung, wunderbar geschrieben, über einen Jungen, der in einer harten Zeit erwachsen werden will, über Rache und die Suche nach Gerechtigkeit.
Elisabeth Richter - Triff mich
Es gibt kein Foto von ihm, vielleicht ist dies der Grund, lange hinzuschauen und die mageren Auskünfte zu entschlüsseln, vielleicht ist es der Stallgeruch, den ich zu erkennen glaube. Er spricht Englisch und Französisch, er wird aus dem Westen sein, was zunächst nichts in mir auslöst, und doch bringen seine Sprachkenntnisse etwas in mir zum Klingen, und mir fallen die vielen falsch gesetzten Akzente in unserer Zeitung ein, die mich ärgern, und die Aufschrift auf dem Schirm einer Crêpes-Bude in der Stadt: „Crepés“ steht da zu lesen, und ich denke jedes Mal an das Wort „krepiert“ und verzweifle.
Der Mann bezeichnet sich sehr allgemein als selbstständig, verschweigt Beruf und Kinderzahl, gibt aber seine Religionszugehörigkeit preis, evangelisch, und sein Sternzeichen, Zwillinge. Immerhin ist zu erfahren, dass er 50 Jahre alt ist und groß, über 180 Zentimeter, und dass er braune Augen hat, wie schön, und dunkle Haare. Ich mag Haare, ich bin abhängig von Haaren auf Männerköpfen, damit sich in mir der Wunsch regen kann, hineinzufassen und weiter zu tasten, Stirn und Lippen und Hals.
Mich in dieser Partnerbörse anzumelden, war ein Impuls, der nach monatelangem Alleinsein wie eine Luftblase an die Wasseroberfläche trieb und zerplatzte. Ich füllte voller Eifer alle Fragen aus, als würde diese Gewissenhaftigkeit belohnt – gehen Sie gern ins Kino, welches sind Ihre Lieblingsbücher, welche drei Dinge würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen – und stellte ein Porträtfoto von mir ein, ein Foto, das mein letzter Freund vor einem Jahr von mir gemacht hatte, am Ufer der Elbe, ich stehe barfuß im Sand, aber das sieht man auf dem Foto nicht, man sieht auch nicht, dass ich mich mit dem Freund langweile, man sieht nur, dass ich gegen die Sonne blinzle und lache. Mein Gesicht auf diesem Foto ähnelt sehr wenig der Vorstellung, die ich von mir selbst habe, und darum finde ich es erträglich.
Nun stehe ich auf dieser Internet-Bühne, sichtbar für jeden:
Hier bin ich, Sonatine, 43 Jahre alt, Klavierlehrerin, 170 cm groß, braunäugig und dunkelblond, ich gehe gern ins Kino, der Film, der mir zuletzt am besten gefallen hat, heißt: Boxhagener Platz.
Er nennt sich Second-Chance, woraus ich schließe, dass er nicht nur ein Scheitern hinter sich hat, sondern auch über einen gewissen Witz verfügt.
Währenddessen laufen kleine Botschaften ein: Wir haben einiges gemeinsam, oder: Dein Foto gefällt mir, gefolgt von der Aufforderung: Triff mich im Chat. Die Männer geben sich erstaunliche Namen: ichwillnurdaseine und masterbohrer und schlingel, einer nennt sich robertredford, es gibt den klausi63 und den zausel und den knuddel. Ein seitensprungxxl schreibt mir, dass er gern erotische Erfahrungen mit mir austauschen möchte. Rechts auf der Seite tummeln sich all die altersmäßig passenden Männer, die gerade online sind, mit ihrem Pseudonym. Es ist ein wuselnder Haufen von Namen, dauernd tauchen neue auf, andere verschwinden, es sieht aus wie ein Mückenschwarm an einem heißen Sommerabend.
Guten Abend, schreibe ich, a second für Mr Second-Chance.
Er antwortet sofort. Klavierlehrerin sind Sie, schreibt er, ich wollte, ich könnte Klavier spielen.
Er ist Zahnarzt, ich verstehe, dass er nicht von seinen Patienten identifiziert werden will, er lebt getrennt, seine Frau ist vor zwei Jahren mit dem Nachbarn durchgebrannt, den sie immer morgens beim Einkaufen traf, ein Hausmann wie sie eine Hausfrau, da gab es Berührungspunkte. Er hat drei Kinder, die bei ihm leben, ich auch. Er arbeitet zu viel, das bringt sein Job mit sich. Wo ist seine Frau jetzt, ist er traurig, nein, erleichtert, und ich, wie es bei mir aussieht nach der Trennung.
Es geht wie von selbst, wir tanzen.
– Warum treibt sich eine Frau wie Sie in einer solchen Partnerbörse rum? – Das Gleiche frage ich Sie. – Mir fiel die Decke auf den Kopf, Job plus Kinder, da komme ich nie raus, ich geh auch nicht allein abends ein Bier trinken. – Ich auch nicht, ähnliche Lage bei mir. –
Ich sehe von meinem Fenster aus auf das Rathaus, er wohnt am anderen Ende der Stadt.
– Wo kommen Sie her? – Aus Göttingen. – Da hatte ich mal eine Freundin, ist lange her, die wohnte in der Roten Straße. – Ich um die Ecke, in der Burgstraße. Gab es damals noch das Geschäft vom Kiffer-Klaus in der Roten Straße? – Nein, sagt mir nichts. Aber Cron & Lanz in der Weender. – Mmmmh, der Baumkuchen. Nichts für arme Studenten. - Ich sehe den Mond oben über den Dächern. – Ich auch, antworte ich, es ist sogar derselbe Mond. – Seltsame Vorstellung, wir gucken jetzt beide den Mond an. – Das ist ein bisschen, wie wenn man einen gemeinsamen Freund hat, obwohl man nichts voneinander weiß. –
Mich macht das Alleinsein fertig, schreibt er, ich möchte wieder eine Frau spüren ... War ich jetzt zu direkt? Habe ich Sie verschreckt? Hallo, sind Sie noch da? – Nein, nicht verschreckt, ich höre nur die Sehnsucht heraus. – Haben Sie auch Sehnsucht, Sonatine?
Mein Herz klopft und ich zögere einen Augenblick.
Ja, tippe ich und halte die Luft an. – Wie schön, dass Sie das sagen. Geistreiche Leidenschaft, das wünsche ich mir. – Ja, schreibe ich, ich auch.
Wir tanzen, er gibt den Impuls zu einem Schritt, ich habe die Distanz verringert, wir liegen Brust an Brust wie bei einem Tango, ich fühle seine Wange an meiner, es ist spät, meine Stirn sinkt auf seine Schulter. Mein Herz klopft. Ich glaube, diesen Mann zu kennen, schon ganz lange zu kennen, so vertraut sind wir miteinander, es sind erst zwei Stunden vergangen, seit ich ihm die ersten Worte geschickt habe, es ist zwölf Uhr nachts, ich muss morgen früh wegen der Kinder um sechs Uhr aufstehen.
Wollen wir lieber Schluss machen für heute? – Ja, ist besser. Reden wir morgen weiter? – Ja. – Also, gute Nacht. – Gute Nacht. – Sind Sie morgen wieder da? – Ja, ich freu mich schon. – Ich mich auch, es war schön mit Ihnen. – Das finde ich auch. – Wir haben uns ziemlich weit aus dem Fenster gehängt, nicht? Bedauern Sie es, Sonatine? – Nein. – Ich auch nicht. Ich freu mich, wenn wir weiterreden morgen.
Es geht noch eine Stunde lang, dann noch eine halbe. Wir können uns nicht trennen. Wir wollen nicht wieder zur Erde zurück, wir schweben losgelöst im Weltraum. Um Ade sagen zu können, muss ich seinen Namen wissen, damit ich mich daran festhalten kann. Michael, schreibt er, und Sie? – Christina.
Danach sitze ich vor dem erloschenen Bildschirm des Computers wie vor einer erkalteten Feuerstelle. Ich weiß, dass ich nicht werde einschlafen können, ich habe einen Jetlag, denn gerade erst bin ich von einem Ausflug zur Milchstraße zurückgekommen, die Erde hat sich unter mir weitergedreht, aber nur wenig, messbar in drei oder vier Stunden nach unserer Uhr, während ich eine unendliche Weile ihrer Schwerkraft entwichen war. Ich habe dort einen fremden Stern gestreift und trage noch seinen Staub an mir, den ich einatme. Wir sind miteinander geflogen ohne Raum und Zeit, aber nun spüre ich meine eigene Schwere, als sei mein Körper mit Gewichten beladen.
Bist du da, Christina, fragt er am nächsten Abend.
Den Tag habe ich überlebt wie jeden anderen, die Kinder geweckt, Schulbrote geschmiert und heute dabei an die vergangene Nacht gedacht wie an einen heimlichen Liebhaber, ich habe zum ich weiß nicht wievielten Male den Fingersatz einer Goldberg-Variation verändert und mir danach Schuberts Impromptu in Ges-Dur vorgespielt, um meine Nerven ruhig zu halten. Erst die Klavierschüler am Nachmittag brachten mich mit ihren gewöhnlichen kleinen Aufregungen wieder ins Fahrwasser der Zeit.
Hallo, antworte ich. – Wie war dein Tag?, fragt er.
Er duzt mich, gestern haben wir uns gesiezt.
Ich habe Schubert gespielt und Klavierschüler gehabt. –
Ich habe schlecht geschlafen. – Ich auch, mir ging unser Gespräch im Kopf rum, ich konnte nicht abschalten. – Du hast mir eine schlaflose Nacht beschert, Christina. Bist du noch da? Bin ich wieder frech? - Ich will, dass er frech ist. Aber auf einmal muss ich wissen, wie er aussieht, damit es weitergehen kann.
Ich warte auf das Foto, er wartet auf meinen Kommentar. – Na jaaaa, schreibt er kokett.
Er ist ein schöner Mensch, seine Haare sind voll, sein Gesicht ist schmal und er schaut aus klugen Augen. Ich falle in diese Augen hinein und weiß nicht weiter. – Und?, fragt er. Ich möchte schreiben: Du bist schön. Stattdessen schreibe ich: Das Foto gefällt mir, du siehst jung aus. – Du aber auch, wie alt ist das Foto? – Vom letzten Jahr. – Meins auch.
Ich stelle mir vor, wie der Mann, der dieses Gesicht trägt, in seiner Wohnung sitzt. Er ist allein in seinem Zimmer, seine Augen, die ich jetzt kenne, schauen aufmerksam auf den Bildschirm, auf mich, er ist bei mir, wir sind zusammen unterwegs, Nachtschwärmer. Über uns steht der Mond.
Magst du mal mit mir ins Kino gehen?, fragt er.
Ein freudiger Schreck fährt mir ins Herz: Wir werden uns sehen! Aber schon wird die Angst laut vor all der Schwere, die uns bevorsteht, dem Sehen, Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken, den größeren und kleineren Schritten, und wie der Andere dabei mithalten kann. So wie wir einander Namen und Gesicht gezeigt haben, werden wir uns selbst preisgeben, wir haben angesetzt zum Landeanflug. Ich werde nicht von ihm enttäuscht sein, aber ich weiß, dass wir von vorn beginnen und unsere Vorstellungen wegwerfen müssen. Meine Sehnsucht, papierne Hülle um ein Nichts, wird zerreißen, und mein Bild von ihm als einem fernen nächtlich schimmernden Planeten, der ruft und lockt, wird im Licht verschwinden wie ein Traum. Vielleicht tauge ich nicht mehr für das richtige Leben, und vielleicht hat er sich an die Grenzenlosigkeit der Begegnungen gewöhnt, daran, zu einer Fremden von der Sehnsucht zu sprechen, einer Fremden, an der er am nächsten Tag auf der Straße unerkannt vorbeigehen wird.
Bist du noch da, fragt er, wie wär’s mit Kino?
Ich möchte mit ihm ausgehen, Nacht für Nacht, mit ihm Hand in Hand am Himmel unterwegs sein und das Leben träumen. Aber wir sinken bereits hinab.
Ja gern, bald, schreibe ich und spüre mein Herz wie einen schmerzenden Klumpen.
Elisabeth Richter lebt in der Prignitz.
Studium der Pädagogik und Soziologie. Berufsjahre als Buchhändlerin, Internatslehrerin, Journalistin, Paartherapeutin. Autorin von Kurzgeschichten, Veröffentlichungen u.a. im MAGAZIN.
Andreas Gößling - Barhoff & Umsetz
1
Tief in der Nacht, eine Landstraße zwischen Irgend- und Nirgendwo. Maz Barhoff kommt von der Straße ab, sein Wagen versackt bis Unter-
kante Dachreling im Schnee. Er tritt aufs Gas, wechselt den Gang, versucht es aufs Neue, aber es geht nicht mehr vor- und nicht mehr rückwärts.
Er schaltet den Motor ab und ruft Umsetz an. Ich sterbe, sagt er, im Schnee versunken und niemand weit und breit. Die Luft hier drinnen reicht gerade noch für ein Gespräch, und unter allen Namen im Telefon fiel meine Wahl auf Sie. Auch wenn ...
Die Stimme verstummt. Umsetz liegt im Dunkeln auf seinem Bett und lauscht. Auch wenn?, wiederholt er. Maz, sind Sie noch da? Aber er bekommt nur Ächzen und Keuchen und kurz darauf Knirschen zu hören. Ihm fällt ein, was ein paar Atemzüge vorher auch dem Anrufer klar geworden sein muss: Barhoff hat neuerdings einen Wagen mit Schiebedach.
Umsetz hält das Telefon an sein Ohr und hört zu, wie Barhoff ein- und ausatmet und dabei durch den knirschenden Schnee rennt. Oder auch umgekehrt. Maz, sagt er, warum gerade ich?
Na, weil Sie mein Lektor sind! Barhoff bleibt stehen, dreht sich um sich selbst. Ein scheinbar endlos weites, an der Oberfläche verharschtes Schneefeld, teilt er Umsetz mit, bei jedem Schritt sackt man bis über die Knie ein. Dornbüsche hier und da, oder ein kahler Krüppelbaum. Und über mir der wie für immer nur halbvolle Mond.
Umsetz drückt die Aufnahmetaste an seinem Telefon.
Das ist gut, das ist sogar sehr gut, Maz.
2
Maz Barhoff erinnert sich, dass er nicht immer so hieß. Bevor er Umsetz kennengelernt hat, nannte er sich anders. Aber wie anders – so weit reicht seine Erinnerung nicht zurück.
3
Ein schon älterer Mann, braun gebrannt, in weißem Anzug, sagt zu Barhoff: Sie müssen Ihrem Kind Ihr Herz schenken! Barhoff zieht Erkundigungen über den Mann ein. Ein Dandy, denkt er zuerst, wegen des weißen Anzugs, aber der Mann ist Arzt. Was allerdings nicht ausschließt, dass er außerdem ein Dandy ist.
Wie meinen Sie das – mein Herz schenken?, fragt Barhoff, als sie das nächste Mal zusammentreffen.
Habe ich schenken gesagt?, fragt der Mann zurück. Opfern wäre eventuell der treffendere Ausdruck.
Barhoff denkt längere Zeit über diese Worte nach. Am Ende beschließt er, dem Ratschlag des Mannes im weißen Anzug nicht zu folgen. Er erzählt Umsetz davon und fügt hinzu: Ich konnte mir einfach nicht darüber klar werden, wie es gemeint war.
Das ist gut, antwortet Umsetz. Das ist sogar ausgesprochen gut – für uns beide, Maz.
4
Die größte Lüge ist die sogenannte Wahrheit, improvisiert Maz Barhoff. Nichts gähnt mich abgrundloser an als die Enthüllung. Nichts langweilt mich so sehr wie das, worauf schon wieder alle gespannt sind.
Er bückt sich, schaufelt Schnee in seine Rechte.
Sehen Sie mich, Umsetz?, fragt er. Ich habe die Cam eingeschaltet, Sie sollten mich also sehen.
Er streckt seinen linken Arm aus und hält sich das Telefon vors Gesicht.
Kaltes Wasser ist Hass, warmes Kitsch, sagt Barhoff. Warmwäscher sind metaphysische Lügner. Wenn ich mich wasche, dann kalt.
Er reibt sich sein Gesicht mit Schnee ein. Samt Brille und Bartstoppeln, keuchend im Kälteschock.
Umsetz hat sich in seinem Bett aufgesetzt, die Knie an die Brust gezogen. Er tippt fahrig auf seinem Smartphone herum, aber das Display bleibt dunkel.
Wo sind Sie, Maz?, fragt er.
Immer noch im Schneefeld, sagt Barhoff. Alles, was mir hier einfällt, ist weiß. Der Mann in Weiß, der von Opferherzen faselt, das fahle Weiß der Leiche, die ich sowieso bald sein werde, das Mehlweiß Ihrer papierdünn behäuteten Hände, Umsetz. Unter dem halben Mond stapfe ich dem Horizont entgegen. In der Hoffnung, auf ein Geisterdorf zu stoßen, das mich gastfreundlich aufnimmt.
Umsetz schielt nach seinem Wecker. Sie sollten nach Hause gehen, rät er. Bevor Sie sich noch eine Bronchitis holen.
Maz Barhoff bleibt unvermittelt stehen.
Nach Hause?, wiederholt er. Und noch einmal, hallend in der Weite der eisig weißen Nacht: Nach Hause, Umsetz? Von dort sind wir alle vertrieben, dorthin kehren wir nicht mal im Sarg zurück!
Ich bewundere Sie, sagt der Lektor. Ich bete jeden einzelnen Ihrer Sätze an. Sprechen Sie weiter, Maz.
Niemand ist je nach Hause gekommen, improvisiert Barhoff im Weiterstapfen. Heimweh ist der Hautkrebs der Seele. Liebe ihr Herzfehler. Fürsorglichkeit ihr Lymphkarzinom. Mitleid ihre Blasenschwäche. Rührseligkeit ihr Grauer Star. Schneide alle Gebreste weg, dann kommt das übelste Geschwür zum Vorschein: die Seele selbst, der fahle Madensack, wie schon Hiob sagt.
Hiob?, zweifelt Umsetz.
Er horcht und sinnt, aber Barhoff hilft ihm so wenig wie sein Gedächtnis aus der Patsche.
Die Seele selbst, der fahle Madensack, murmelt Umsetz. Das ist doch von Ihnen, nicht von Hiob, Maz.
5
Umsetz beim Morgentee. So müde war er noch nie. Statt in der Zeitung liest er im Buch Hiob. Zum Ekel ist mein Leben mir geworden, reden will ich in meiner Seele Bitterkeit.
Bitterkeit ja, sagt sich Umsetz, aber die Seele selbst, der fahle Madensack? Das nicht, das muss von Barhoff sein.
Er vertieft sich aufs Neue in die alte Klage. Hast du mich nicht ausgegossen wie Milch, wie Käse mich gerinnen lassen? Das ist gut, begeistert sich Umsetz, das könnte glatt von Maz Barhoff sein.
Dann wieder das Telefon. Er rappelt sich auf, trottet in sein Schlafzimmer zurück. Im zerwühlten Laken sein Smartphone, schnurrend wie eine somnambule Geliebte.
Hier spricht Maz Barhoff, sagt eine wohlbekannte Stimme. Ich bin in Wrápusz, kennen Sie das, Umsetz? Diesen fast vergessenen Moloch an der östlichen Gedächtnisgrenze? Sie müssen mich hier rausholen, sofort!
Schon seit Jahren nistet in Umsetz die Sorge, Barhoff könne ihm irgendwann abhandenkommen. Einfach so, von jetzt auf gleich. Und nun scheint es so weit.
Dieses blaue Licht, alles wie aus Glas, wehklagt es im Telefon. Und das Ärgste wissen Sie noch gar nicht: Die halten mich hier fest. Behaupten, ich hätte bei ihnen Schulden: dreiunddreißig Jahre Übernachtung mit Büffet.
Umsetz wankt zurück zu seinem Frühstückstee. Ihm braust der Kopf, beinah wie Hiob im Sturm. Nackt kam ich hervor aus dem Schoß meiner Mutter, nackt kehre ich dahin zurück.
Was sagen Sie?, schreit Barhoff. Was haben Sie da gesagt?
Hiob, flüstert Umsetz. Meine Mutter, meine Schwester!, rufe ich zum Wurm.
Ist das wirklich von dem?, zweifelt Barhoff. Aber egal jetzt. Gehen Sie zum Bahnhof und schwingen sich in die nächste Bahn. Ostexpress, Salonwagen Zikani. Hier in Wrápusz nehmen Sie sich eine Droschke und lassen sich ins Hotel Garnie bringen. Mit ih-eh! Room number three-oh-three, that’s me! Haben Sie das alles verstanden, Umsetz?
Zikani, Wrápusz, Garnie, murmelt Umsetz. Aber sind Sie es wirklich? Sie kommen mir so fremd vor, fast wie ...
Reden Sie keinen Unsinn, fällt ihm Barhoff ins Wort. Machen Sie sich lieber auf den Weg. Fahren Sie los – jetzt!
Warten Sie, fleht Umsetz. Ich glaube Ihnen kein Wort, Maz. Sie erzählen mir da eine Geschichte, eine wirklich großartige Geschichte – aber so etwas passiert nicht in Wirklichkeit. Vor ein paar Stunden waren Sie noch in diesem Schneefeld im Nirgendwo! Erinnern Sie sich nicht, Maz?
Natürlich erinnere ich mich, höhnt Barhoff. Ich fiel in eine Spalte, und als ich wieder zu mir kam, war ich hier! In dieser schäbigen Lobby, Hotel Garnie, Wrápusz. Schauen Sie sich nur um.
Er schwenkt seine Handycam im Kreis.
Umsetz erblickt eine Hotelhalle mit abgetretenem blauem Spannteppich, speckigen Ledersesseln, je zu dreien um Resopaltischchen gruppiert. Im Hintergrund einen Empfangstresen mit mehreren Figuren in blauen Fantasieuniformen. Goldlitzen auf Brust und Schultern, üppige Troddeln an den Mützen.
Durch diese Wand da muss ich gekommen sein – wie Zoroaster der Felsgeborene, sagt Barhoff und vollendet den Schwenk.
Umsetz bekommt einen Wandabschnitt zu sehen. Von Säulen flankiert. Die Tapete hängt schlaff herunter wie Alteleutehaut und ist exzentrisch designt: babylonische Stadtsilhouette, darüber Störche im Landeanflug, an deren Schnäbeln Babys baumeln.
Aber da ist keine Tür!, bringt Umsetz hervor. Da können Sie nie und nimmer durchgekommen sein.
Garnie und nimmer!, echot Barhoff. Bringen Sie einen Gummihammer mit. Und kaufen Sie mir am Bahnhof ein Päckchen Zigarillos, meine Marke kennen Sie ja hoffentlich noch.
Mythos Filter, schmeichelt Umsetz. Das würde ich nie vergessen, Maz.
Andreas Gößling, 1958 in Gelnhausen geboren, hat Germanistik studiert und 1984 mit einer Dissertation über Thomas Bernhards Prosa promoviert. Seit Mitte der 1980er-Jahre hat er zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter literaturwissenschaftliche Werke sowie Sachbücher und Romane zu mythologischen, historischen und kriminalistischen Themen. Andreas Gößling ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt artgerecht als freier Autor im Havelland.
Ruth-Maria Thomas - Abgrund
Zerdrückte Bierdosen, Zigarettenstummel, zerknüllte Taschentücher. Verbeultes Autochrom, Lagerfeuerreste, Kiefernnadeln, Sand. Überall Sand. Nebelschwaden, der Morgen ist grau.
Gestern: Musik, JBL Box, Bass, der im Wald widerhallt, Glut, Funken, Schaum aus dem Flaschenhals in den Mund, die Münder, loslassen, was soll man auch machen, mit 17, 18 in Brandenburg?
Anna rückt ihren Rock zurecht und fährt sich durch die Haare. Es ziept. Sie steigt über schlafende Körper auf Isomatten, zugedeckt mit den eigenen Armen oder fremden.
Ihr Mund schmeckt schal, sie hat ein dumpfes Gefühl im Magen, Vodka-Sprite von gestern.
Sie findet eine halbvolle Wasserflasche auf dem Boden des Beifahrersitzes. Im Sitzen trinkt sie, vorsichtige kleine Schlucke. Sand klebt an den Rillen der Öffnung. Sie schluckt ihn mit. Sie klappt die Blende mit dem Spiegel herunter.
Verschmierter Kajal und Wimperntuschebrösel unter den Augen. Sie wischt mit dem Knöchel ihres Zeigefingers die Schminke weg und dann den Knöchel am Polster des Sitzes ab. Die Sonne steigt langsam auf. Anna will nach Hause, aber sie will niemanden wecken. Sie lehnt den Kopf zurück, faltet die Hände in ihrem Schoß und wartet.
Ein paar Vögel jagen sich über der Tagebaugrube, ihr Zwitschern hallt als Echo wider.
Die Sonne steigt höher und es wird den Schlafenden nach und nach zu warm. Mike und Julia lösen sich aus ihrer Umarmung und auch Justin schüttelt sich den Sand aus den Klamotten. Er sieht sich suchend um, sieht Anna auf dem Autositz und grinst. Mit Schwung steht er auf und läuft auf sie zu. „Na, meine arische Sonne?“, flüstert er ihr ins Ohr und schiebt seine Hand zwischen ihre Oberschenkel.
Anna atmet flach, sie möchte nicht, dass Justin ihren Atem riecht, sie hat nirgendwo im Auto einen Kaugummi finden können. Justin scheint das nicht zu stören, er schiebt ihr weiter die Hand zwischen die Beine und die Zunge in den Mund.
Währenddessen wirft Mike die vergangene Nacht in den Schlund der Tagebaugrube. Leere Bierdosen, Zigarettenstummel, Taschentücher und eine zerrissene Jacke fallen, ohne ein Geräusch des Aufprallens, ins scheinbar Bodenlose. Auf dem Rückweg sagt niemand ein Wort.
„Des Deutschen Ehre ist seine Treue“ schallt es blechern aus dem Autoradio. Durch die Rockmusik und die Schlaglöcher, durch die Justin ohne abzubremsen durchbrettert, wird Anna übel. Ihr Kopf fühlt sich an, als wäre er mit tausenden glühenden Kügelchen gefüllt.
Nachdem sie die anderen abgesetzt haben, fährt Justin Anna nach Hause. „Kann ich noch mit reinkommen?“, raunt er ihr ins Ohr und drückt seine Hand gegen ihre Brüste. Sie schüttelt den Kopf. „Mein Vater möchte sonntags keinen Besuch. Weißt du doch. Er braucht seine Ruhe.“ Justin nickt, doch sie kann sehen, dass es ihn nervt. Ohne sie noch einmal anzusehen, fährt er weg. Anna schleppt sich die Stufen hoch in ihr Zimmer und schmeißt sich auf ihr Bett. Tränen rinnen ihre Wangen herab, sie beißt in ihr Kissen.
*
Am nächsten Tag in der Schule geht sie Justin und den anderen beiden aus dem Weg. Statt mit der Gang in der Pause vor dem Tor zu rauchen, täuscht sie Bauchschmerzen vor und sitzt die Pause über auf dem geschlossenen Toilettendeckel ihres Stammklos im zweiten Stock. Sie dreht das schleifpapierartige Klopapier von der Rolle runter und wieder drauf. Runter und wieder drauf. Die Übelkeit von gestern ist geblieben. Im Spiegel sieht sie einer Zombieversion ihrer selbst entgegen. Sie würde am liebsten kotzen, aber ihr Magen ist zu leer.
Erst in der vierten Stunde, im Politikunterricht, bemerkt Herr Gosse, dass jemand fehlt. „Wo ist denn Ahmed?“, fragt er. Niemand weiß es. „Anna, dann nimm du bitte die Übungsblätter für ihn mit, du wohnst doch bei ihm in der Straße.“
Die Klasse scheint den Atem anzuhalten. Alle wissen, was Justins Gang von Ahmed hält, und Anna ist fester Bestandteil dieser Gruppe. Seit Justin sitzengeblieben ist, sind sie ein Paar. Er ist der Einzige in der Klasse mit Führerschein, älter, gefährlicher. Anna kann die Blicke der Anderen in ihrem Rücken spüren. Steif nimmt sie den Hausaufgabenzettel entgegen, starrt nach vorn, an die Tafel. Herr Gosse nickt, zufrieden, so, als wäre ein Plan aufgegangen. „So so so, dann legen wir mal los! Nächste Woche soll der Tagebau geflutet werden. Wer kann mir aus gegebenem Anlass noch einmal die Probleme nennen, die für die Bevölkerung und für die Natur durch die Abbaggerung der Landschaft entstanden sind? Freiwillige vor, na kommt schon, hebt die Hände, los geht’s!“ Allgemeines Murren. Gosses mündliche Kurzkontrollen sind verhasst. Niemand hebt die Hand. „Mensch, Leute, kommt schon, das haben wir doch durchgekaut, so an die hundert Mal! Ich geb euch mal ein paar Hilfsstichworte: - Heimatverlust - Artensterben - Zwangsumsiedlungen. Na? Wer will? Immer noch nicht?“
Herr Gosse seufzt. „Guuut, dann muss wohl das Los entscheiden!“
*
Nach der Unterrichtsstunde will Anna nur noch weg. Sie läuft mit gesenktem Blick über den Pausenhof – doch Justin holt sie ein. „Was war das mit den Hausaufgaben? Warum hast du die angenommen?“ Wütend stellt er sich ihr in den Weg.
„Ich hatte kein Bock auf Stress. Ich hab’ meine Tage und mir geht’s beschissen.“
„Gib mir die Hausaufgaben.“ Justins Stimme klingt kühl. „Justin, bitte. Jetzt spiel dich nicht so auf.“ Anna kramt die Zettel, die Herr Gosse ihr in die Hand gegeben hat, aus ihrer Tasche und zerknüllt sie in ihrer Faust zu einer Kugel. „Bist du jetzt zufrieden?“
Justin nickt. „Komm, ich fahr dich nach Hause.“
Anna schüttelt den Kopf. „Nee.“ Ihre blonden Locken fallen ihr ins Gesicht. „Nee Justin, ich lauf nach Hause. Bewegung hilft mir gegen die Krämpfe, fahr ruhig ohne mich.“
Justin sieht sie starr an.
„Du bekommst doch jetzt nicht Panik oder sowas. Oder?“
Wieder Kopfschütteln.
„Ich hab’ meine Tage! Jetzt lass mich mal in Ruhe. Ok?!“ Justin grunzt. „Jaja, schon gut. Jetzt werd nicht gleich zickig. Ihr Tussis, echt ey.“ Er latscht zu seinem Auto. Anna kann hören, wie er mit Wucht die Tür zuknallt. Sie läuft langsam nach Hause. Die Sonne brennt auf ihren nackten Schultern. Der Riemen ihrer Tasche schneidet ihr ins Fleisch. Anstatt an der Dorfstraße nach rechts abzubiegen, um zu ihrem Haus zu gelangen, geht sie nach links, den kleinen Waldweg entlang.
Der Schweiß rinnt ihr den Körper hinab, brennt in ihren Augen, ihre Haare kleben an den Schläfen, ihr Mund ist trocken.
Nach etwa einer Stunde wird der Weg sandiger, breiter, aus Laub- werden Nadelbäume.
Sand klebt in Annas Ballerinas, reibt ihre Haut wund, blutig. Sie beißt sich auf die Lippe, kneift die Augen zusammen, hält nicht an, bis sie ihr Ziel erreicht hat. Am Rand der Tagebaugrube angekommen, bleibt sie stehen und versucht, ihren Atem zu beruhigen. Ein leiser Wind weht die warme Luft, den Sand und die Lagerfeuerreste vorvergangener Nacht umher.
Die Finger ihrer rechten Hand krampfen immer noch um die Kugel aus Hausaufgabenblättern. Sie hat sich den ganzen Weg lang an ihr festgehalten. Sie biegt ihre Finger auseinander, versucht, das zerknitterte Papier glattzustreichen. Ihr Schweiß hat die von Herrn Gosse gekritzelte Notiz am Rand verwischt. „Für Ahmed, bitte bis zur nächsten Stunde bearbeiten.“ Annas Herz schlägt schneller, als sie sich nach vorne beugt, der Abgrund blickt ihr entgegen.
Ihr fällt dieses Zitat von diesem einen Typen ein, den sie in Gosses Unterricht behandelt hatten:
„Wenn du lange genug in einen Abgrund schaust, dann schaut der Abgrund auch in dich hinein.“ Mit zitternden Fingern lässt sie die Zettel los. Vom Wind getragen, trudeln sie herum, segeln so sanft, so leicht, wie Papier es in der Luft eben tut, ins Nichts.
Ruth Maria Thomas ist in Cottbus aufgewachsen, zur Schule gegangen, war jahrelang am Piccolotheater im Jugendinszenierungsclub und Gastschauspielerin im Staatstheater Cottbus.
Eva Strasser - Das Krokodil
Als ich das Krokodil zum ersten Mal sah, hing ein Nieselregen über der Stadt. Ich war spazieren, und auf der Brücke über den Fluss blieb ich wie so oft stehen und schaute ins Wasser. Und da sah ich es. Dick, graugrün, mit knöchernen Schuppen besetzt und trüben Augen, die aus dem Wasser ragten. Ein Krokodil. Es war so lang wie ein Taxi und bewegte sich nicht, aber es lag so sicher im Wasser, als wäre es schon immer hier gewesen. Als hätte es ein Recht, hier im Wasser zu liegen. Mir wurde schlecht.
Langsam und vorsichtig zog ich mein Handy aus der Tasche und wählte 112. Ich achtete sehr darauf, mich vernünftig auszudrücken, denn ich wollte nicht, dass die Feuerwehr mich für eine Irre hielt. Das taten sie nicht und versprachen, sich zu beeilen. Ich hatte leise gesprochen und schaute wieder zu dem Krokodil. Es lag noch immer unbeweglich da, das Wasser umspielte seine Schnauze, und ich bemerkte hinter ihm plötzlich eine Bewegung. War da ein Fisch? Eine Wasserschlange? Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass die Wasserschlange zum Krokodil dazu gehörte. Sie war sein Schwanz. Das Krokodil war viel größer, als ich gedacht hatte. Ich hielt mein Handy über das Geländer, sehr vorsichtig, klickte die Kamera an, und machte ein Foto.
Wie vom Blitz getroffen schossen seine Augen in meine Richtung, die Vorderfüße spritzten Wasser durch die Luft, es bäumte sich auf und sprang mir mit weit geöffnetem Maul entgegen. Es kam mir so nah, dass ich seinen Atem riechen konnte, nach kaltem Wasser, faulen Zähnen und toten Enten. Ich schrie auf, ließ mein Handy fallen, stolperte rückwärts, sah noch, wie mein Handy im Maul des Krokodils verschwand, und rannte dann, so schnell ich konnte, zum Kiosk an der Ecke. Ich zitterte. Am liebsten hätte ich mir einen Schnaps gekauft, ließ es aber bleiben. Ich wollte ja einen seriösen Eindruck machen. Ich atmete. Ich konnte nicht denken. Neben mir saß eine Mutter mit ihren Kindern. Sie aßen Eis. Vanille mit Streuseln. Ein Krokodil. Im Familienbezirk. Da flackerte es bläulich auf der gegenüberliegenden Hauswand.
Ein Feuerwehrauto, gefolgt von einem Panzerwagen, bog um die Ecke.
Ich sprang auf. „Hallo! Ich habe angerufen! Es hat mein Handy gefressen!“
Aus dem Panzerwagen stieg ein Tierarzt mit Betäubungspfeilen, aus dem Feuerwehrauto acht Männer mit Helm und Uniform. Sie folgten mir zu der Brücke und ich bat sie, leise zu sein. Das Krokodil war weg. Und nichts deutete darauf hin, dass es jemals da gewesen war. Der Tierarzt warf mir einen langen Blick zu, die Feuerwehrmänner befragten ein paar Spaziergänger - nichts. Sie verabschiedeten sich von mir mit den Worten, dass es ja auch sehr heiß gewesen sei, in letzter Zeit, und manchmal, wenn es einem nicht so gut ginge ... „Es war ein Krokodil“, sagte ich. „Es war graugrün, und es hat mein Handy gefressen.“
Ich ging schnell nach Hause. Ich duschte. Es hatte mich angeatmet und immer wieder, wenn ich nicht damit rechnete, schoss mir dieser Atem ins Gehirn, und ich stand wieder auf der Brücke, gefangen in der warmen Fäulnis des Raubtiers. Ich setzte mich an den Rechner und las alles über Krokodile. Ich erfuhr, dass sie zusammen mit den Vögeln die letzten Verwandten der Dinosaurier sind. Dass sie ein unspezifisches Beuteschema haben. Dass sie ein Leben lang wachsen.
Ich schnappte mir einen Stockschirm und ging zum Fluss.
Ich war nicht bereit, das Krokodil und sein Verschwinden einfach so hinzunehmen. Ich wusste, was ich gesehen hatte. Aber im Fluss lag kein Krokodil. Ein paar Enten schwammen vorbei. Alles wie immer. Hatte ich mich geirrt? Aber wo war dann mein Handy?
Ich ging zurück nach Hause und fischte gerade Werbung aus meinem Briefkasten, als die Nachbarin mit ihrem Kind in den Flur kam. Wir wechselten ein paar Worte, und dann hielt mir das Kind aus seinem Buggy ein selbst gemaltes Bild hin. Eine schiefe Rutsche, und eine sehr große Echse. Mitten auf dem Spielplatz lag ein Krokodil. Ich riss ihm das Bild aus der Hand. „Das Krokodil!“, rief ich, „hast du es auch gesehen? War es in der Kita? Auf dem Spielplatz?“ Die Nachbarin sah mich verwundert an, das Kind lachte nur. „Kokodil!“
Ich hockte mich vor das Kind. „Wo war das Krokodil? Wann hast du es gesehen? Wo?“ Die Nachbarin zog mich vom Buggy weg, ich solle ihr Kind in Ruhe lassen. „Kokodil sehn!“, brabbelte das Kind fröhlich, aber die Mutter schob den Buggy schon zum Fahrstuhl. „Jetzt lassen Sie doch das Kind mal ausreden!“, brüllte ich sie an, „Warum spricht es so undeutlich! Was sagt es? Was sagt das Kind?“ Aber die Türen schlossen sich und ich stand allein im Flur.
Jetzt war ich mir sicher: Ich hatte mir das Krokodil NICHT eingebildet.
Ich ging wieder zur Brücke, am Fluss entlang, ich befragte Spaziergänger und Angler, aber niemand hatte ein Krokodil gesehen. Dafür bekam ich eine Rechnung von der Feuerwehr, dass ich mich mit 321 Euro an den Kosten des Einsatzes zu beteiligen hätte. Ich bezahlte. Vielleicht hatten ja alle recht. Ich achtete nicht mehr auf den Fluss, wenn ich spazieren ging. Was immer ich gesehen hatte, es war weg.
Die Enten aber auch. Erst jetzt fiel mir die Ruhe auf. Keine Enten. Keine Fische. Keine Vögel. Statt dessen kam mir eine verzweifelt aussehende Frau entgegen und fragte mich, ob ich einen lockigen Hund gesehen habe, den Wauzi. „Fifi!“, rief jemand auf der anderen Seite des Flusses. „Fifi!“
Ich traf mich mit Freunden. Sie erzählten von neuen Kindern, neuen Partnern, neuen Jobs. Dann war ich dran. Ich erzählte von der Lebensmittelvergiftung nach Weihnachten; vom Single-Sein; und von dem Krokodil. „Wir haben uns wirklich zu lange nicht gesehen“, sagten sie. „Es lebt im Fluss und frisst die Enten.“ „Wollten sie den Fluss nicht mal umleiten?“, fragte einer. „Meld dich mal wieder“, sagten sie, „oder wir rufen dich an.“ „Ich hab kein Handy mehr!“, rief ich ihnen noch nach.
Dann fielen mir die Plakate auf: Überall hingen Zettel, auf denen jemand seine Katze suchte. Oder den Dackel. Ich ging zur Polizei. Sie hatten bereits gehört, dass hier in letzter Zeit auffallend viele Haustiere verschwunden seien. Tierfänger wahrscheinlich. „Das Krokodil“, sagte ich. „Die Enten sind auch weg. Die Feuerwehr hat es schon mal gesucht und nicht gefunden.“ „Ah, Sie sind das“, sagte der Polizist.
Ich warf Fleisch in den Fluss, Biofleisch. Ich kaufte mir eine Mini-
Digitalkamera, mit leisem Auslöser, um das Krokodil sofort fotografieren zu können. Aber es blieb verschwunden. Dafür war das Rattenproblem der Stadt gelöst. Es war ein Wunder. Es gab keine Ratten mehr, in der ganzen Stadt nicht, nirgends. „Es lebt in der Kanalisation“, rief ich, „merkt das denn niemand! Das ist doch offensichtlich!“
Die Menschen sahen mich seltsam an. Ich bewaffnete mich. Kaufte mir eine Machete, Fackeln, Feuerzeuge. Ich roch nach Spiritus.
In den Kiosk durfte ich nicht mehr, Mütter zogen ihre Kinder zu sich, wenn ich näher kam. Das Krokodil blieb verschwunden. Mein Briefkasten quoll über von Zetteln, mit denen Menschen nach ihren Angehörigen suchten. Die Nachbarin stand im Flur, den Buggy schob sie vor und zurück. „Wo ist denn das Kind?“, fragte ich, aber sie sah mich nur mit großen Augen an, so leer wie der Buggy. Kitagruppen verschwanden bei Ausflügen, ein Seniorenheim war über Nacht wie leergefegt, und es gab keine Obdachlosen mehr in den Straßen. Der Kiosk war immer zu, ein leerer Bus stand mit laufendem Motor mitten auf der Straße, und die Wohnungstür meiner Nachbarin stand offen. Sie selbst war weg. Das Treppenhaus war nass.
Das Wasser im Fluss wurde trüber, und die Wiesen im Park immer matschiger. Dicke, große Mücken, die ich so nicht kannte, schwirrten zwischen den von zu viel Feuchtigkeit zusammengebrochenen Bäumen herum. Der Park hatte sich in einen Sumpf verwandelt.
Den ganzen Tag streifte ich draußen herum, immer in der Hoffnung, das Krokodil zu finden. Einmal dachte ich, ich hätte es gesehen. Es roch nach Nebel, und schwere Zweige neigten sich über den Fluss. Da sah ich eine Bewegung, hinten im Wasser. Ich rief sofort die Polizei. Keiner ging ran. Auch bei der Feuerwehr nicht. Ich klingelte an Häusern. Keiner da. Ich beschloss, zum Bezirksamt zu gehen. Auf dem Weg dorthin fielen mir all die geöffneten Haustüren, verlassenen Autos und Fahrräder auf. Nirgends eine Menschenseele. Nur ich.
Das Bezirksamt war hell erleuchtet. Ich rannte die Stufen hoch, riss die schwere Eingangstür auf und starrte ins Treppenhaus. Überall Geburtsurkunden, Ehe-Unterlagen, Passfotos. Keine Menschen. Ich rannte in die Kirche, kletterte auf den Turm und zog an dem Glockenseil, bis mir die Ohren dröhnten. Aber niemand kam. Niemand hatte mich gehört. Wobei, jemand hatte mich doch gehört.
Ein kratzendes Geräusch, ein gleichmäßiges Scharren, wie Krallen, lange Krallen, auf einem harten Untergrund. Und ein Schleifen, so, als würde ein sehr langer und schwerer Körper über den Asphalt bewegt. Und dann roch ich es.
Ich rannte weg, bevor ich es sehen konnte. Raus aus der Kirche, unter der Brücke durch, über Hinterhofmauern, und quetschte mich durch die Drehtür des Einkaufszentrums. Die Rolltreppen bewegten sich unbeeindruckt vom Chaos um sie herum: Umgefallene Tische und Stühle, eingeschlagene Scheiben, herrenlose Einkaufswägen. Ich rannte über den glitzernden Fußboden der Food World bis in den Baumarkt. Verbarrikadierte mich hinter Whirlpools, Gasgrills und Hollywoodschaukeln, stapelte Spaten, Kettensägen und Unkrautvernichter neben mir. Ich warte.
Ich klettere auf das Dach des Einkaufszentrums. Rauch hängt über der Stadt, im Hintergrund eine Bergkette, die ich noch nie gesehen habe. Von irgendwoher höre ich metallisches Scheppern, überall stinkt es nach fauligem Wasser und Blut, ich sehe die Zerstörung in den Straßen. Und dann sehe ich das Krokodil. Die Bergkette ist das Krokodil. Es reicht von der S-Bahn-Brücke bis zum Einkaufszentrum, sein Schwanz ringelt sich weiter hinten um den Kirchturm. Es zerdrückt mit seiner Schnauze einen Bus, als wäre der eine leere Kekspackung, schleudert ihn in die Luft, zerquetscht ein Haus. Es sucht mich.
Das Krokodil beherrscht meine Stadt und ich bin die Einzige, die noch übrig ist. Wie lange kann ich mich verstecken? Ich schlafe in einem Kreis aus Fackeln, ich habe mir einen Bunker aus Kacheln gebaut. Und dann wache ich eines Morgens auf und will mich gar nicht mehr verstecken. Ich will nicht die nächsten Jahre in der Fliesenabteilung leben. Allein. So gerne würde ich jemanden um Rat fragen, irgendjemand, ich habe das Alleinsein so satt, die Stille, die leere Welt.
Vielleicht ist es sinnlos, sich gegen das Krokodil zu wehren. Ich nehme einen Liegestuhl und setze mich auf die Straße. Lange ist alles still. Dann höre ich ein Geräusch. Es ist Musik. Ich kenne die Musik. Mein Handyklingelton. Jemand ruft mich an! Jemand denkt an mich! Jemand denkt jetzt gerade an mich, in dem Moment, in dem ein riesiges, schmutziges, stinkendes Krokodil vor mir auftaucht!
Ich stehe auf und stelle mich in die Mitte der Straße. Das Krokodil hat mich sofort gesehen. Mein Handy klingelt immer noch, ich habe die Mailbox schon vor langer Zeit abgeschaltet. Wir stehen uns gegenüber. Langsam kommt es auf mich zugekrochen. Ich lächle. Ich bin nicht allein. Jemand ruft mich an. Ich greife nach einer Fackel. Die Dinosaurier sind ausgestorben. Ich noch nicht.
Eva Strasser lebt in Berlin.
Sie schreibt Drehbücher, Hörspiele und Prosa.
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