Kitabı oku: «Der tote Rottweiler»

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Originalausgabe

© 2021 Hirnkost KG, Lahnstraße 25, 12055 Berlin;

prverlag@hirnkost.de; http://www.hirnkost.de/

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage September 2021

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Layout: www.benSwerk.com

Lektorat: Klaus Farin

ISBN:

PRINT:978-3-948675-71-4

PDF:978-3-948675-73-8

EPUB:978-3-948675-72-1

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Heike Brandt, geboren 1947 in Jever, aufgewachsen in Berlin, wo sie immer noch lebt, hat Pädagogik studiert und in diversen Kollektiven gearbeitet: In einem Kinderladen, einer Notunterkunft und im Kinderbuchladen Kreuzberg, den sie mitgegründet hat. Und sie war an der Gründung von UMVERTEILEN! Stiftung für eine, solidarische Welt beteiligt, in der sie immer noch (freiwillig und unbezahlt) tätig ist. Mitte der achtziger Jahre begann ihre freiberufliche (und bezahlte) Arbeit als Rezensentin, als Rundfunkautorin, als Übersetzerin aus dem Englischen und als Schriftstellerin – zumeist im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur. Der tote Rottweiler ist ihre erste Veröffentlichung bei Hirnkost.

Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Epilog

Danksagung

Prolog

Die Waffe liegt da, wo sie immer liegt. Im Safe. Der Schlüssel dazu im Schreibtisch, in der zweiten Schublade von oben. Der schmächtige, blonde Junge schiebt sich die Haare aus der Stirn, schließt den Safe auf und greift nach dem schwarzglänzenden Metall. Er legt den Finger um den Abzugshahn, streckt den Arm, kneift ein Auge zu, zielt.

Drückt ab.

Klick.

Ein Sportschütze darf seine Waffe nicht geladen aufbewahren. Die Munition muss immer getrennt von der Waffe lagern.

Sie liegt in der dritten Schublade von oben.

Der Junge lädt mit schnellen Griffen die Pistole und steckt sie sich dann in den Hosenbund, unter das T-Shirt.

Sein Atem geht schnell.

Es ist niemand im Haus, das weiß er, trotzdem guckt er sich vorsichtig um, bevor er das Arbeitszimmer verlässt, hastig den Flur und die Küche durchquert und dann durch die Hintertür in den Garten huscht.

Auch hier niemand zu sehen.

Der Junge rennt über den Rasen, den kleinen Hang hinauf und verschwindet im Rhododendrongebüsch. Den hohen Zaun, der den Garten vom Wald trennt, überwindet er wie im Schlaf, landet sicher auf dem weichen Boden dahinter und folgt dem kleinen Pfad bis zum nächsten Waldweg. Dort liegt, im Gebüsch versteckt, sein Fahrrad.

Er vergewissert sich, dass die Waffe festsitzt, überprüft den Waldweg in beide Richtungen, bevor er aufs Rad steigt und losfährt.

Ein Eichhörnchen witscht vor ihm über den Weg und flitzt einen Baum hinauf. Ein Eichelhäher schlägt an. Ein Specht klopft. Manchmal streifen überhängende Zweige den Oberkörper des Jungen. Der tritt unbeirrt mit aller Kraft in die Pedale, blickt stur geradeaus, auf sein Ziel zu, will nichts anderes sehen, nichts denken. Doch immer wieder schiebt sich ein Bild vor sein inneres Auge. Das Auto, das wackelt. Die nackten Körper. Das eine, ihm zugewandte, das vertraute Gesicht mit den geschlossenen Augen und der verschmierten Wimperntusche.

Falsches Clownsgesicht.

Falsch. Falsch. Falsch.

Er wird es richtig machen.

Zehn Minuten später versteckt er sein Fahrrad im Gebüsch und biegt auf einen schmalen Pfad ab, der sich durch hohe Bäume und dichtes Gestrüpp bis zu einer Lichtung mit einem kaputten Hochsitz schlängelt. Seit dem tödlichen Sturz von Krügers Paul jagt hier niemand mehr. Man hat nie herausgefunden, was genau geschehen ist. Ein unheimlicher Ort. Die neue Holzhütte auf der anderen Seite der Lichtung wird nicht genutzt.

Doch der Hund ist da. Ein kräftiger, dunkler Rottweiler, angeleint am zugewucherten, moosbedeckten Holzpfosten des eingefallenen Hochsitzes. Der Hund wedelt mit dem Schwanz, längst bevor er den Jungen sehen kann. Die Vorderpfoten aufgestemmt, die Brust breit, den Blick erwartungsvoll auf den Pfad gerichtet, auf dem jetzt der Junge auftaucht.

Der bleibt stehen, atmet einmal tief durch, zieht die Waffe aus dem Hosenbund, geht ein paar Schritte auf den Hund zu, sagt: „Ruhig, ganz ruhig“, streckt den Arm aus, legt den Finger um den Abzug, zielt, drückt ab.

Ein trockener Knall.

Der Hund kippt zur Seite. Blut sickert aus der Wunde.

Der Junge verharrt einen Moment, sichert die Pistole, steckt sie in den Hosenbund, hebt die Patronenhülse auf, lässt den Hund nicht aus den Augen.

Doch der rührt sich nicht mehr. Auch nicht, als der Junge ihn mit dem Fuß anstößt.

Sauberer Schuss. Jetzt gibt es kein Alibi mehr.

Das war’s. Er hat es getan. Er hat es wirklich getan.

Mit zitternden Knien macht er sich auf den Heimweg. Was jetzt wird, liegt nicht mehr in seiner Hand.

1

Julika schwimmt. Bei jedem zweiten Zug dreht sie kurz den Kopf aus dem Wasser, atmet, taucht wieder ein. Ihre Beine schlagen kräftig und regelmäßig, ihre Arme recken sich fast ruckartig nach vorne und strecken ihren kurzen Körper in die Länge. Julika weiß, dass das nicht sehr elegant aussieht, aber das ist ihr egal.

Sie schwimmt ihre Bahnen, nicht sehr schnell, aber ausdauernd. Mit offenen Augen. Verfolgt ihren eiligen Schatten auf dem silbrigen Boden unter sich, verfolgt die vielen kleinen Luftbläschen, die von ihren Händen ausströmen, registriert für den kurzen Moment des Auftauchens die bunte Kugelkette der Bahn neben sich, lauscht dem dumpfen Gurgeln und Glucksen des Wassers um sich.

Irgendwann hat Julika genug vom Kraulen, rollt sich wie ein Seehund auf den Rücken, wieder schlagen ihre Beine kräftig und regelmäßig, wieder pflügen ihre Arme ruckartig durchs Wasser, nur andersherum. Jetzt schaut sie hinauf in den Himmel, versenkt sich in sein klares Blau und die bauschigen weißen Wolkenfetzen dazwischen.

Sobald sie spürt, dass Arme und Beine schwer werden, schiebt sie sich am Beckenrand in den Stütz, steigt aus dem Wasser und streicht ihre kurzen, dunkelblonden Haare aus dem Gesicht. Julika geht fast jedes Wochenende Schwimmen. Irgendwann nach dem Aufstehen braust sie mit dem Rad den Hang hinunter ins Zentrum der kleinen Stadt, den Fluss entlang, durchs Gewerbegebiet in der Flussaue.

Das supermoderne Schwimmbad dort wurde vor ein paar Jahren von der Firma, bei der auch Julikas Eltern arbeiten, gespendet, als Geschenk an die Stadt anlässlich des zweihundertjährigen Jubiläums der örtlichen Kleinwaffenproduktion. Für die Kinder der Angestellten des Werks gibt es kostenlose Dauerkarten. Das findet Julika sehr praktisch.

Nach dem Schwimmen geht sie hinüber zu den Leuten aus ihrer Schule, wo sie vorhin ihre Tasche abgelegt hat. Es ist kein verabredeter Treffpunkt, aber wer vom Otto-Hahn-Gymnasium ins Bad geht, sitzt hier, auf den terrassenartig angelegten Flächen neben den Sprungtürmen. Sie nickt den anderen kurz zu, legt sich auf ihr dunkelrotes Badehandtuch und lässt sich von der Sonne trocknen.

Julika ist dabei und nicht dabei. Mit geschlossenen Augen hört sie zwei Mädchen aus ihrer Klasse zu, die von der Party gestern Abend erzählen, zu der Julika nicht eingeladen war, wie Marko abgestürzt ist und Vivian sich Michael an den Hals geworfen hat …

Kopfhörer auf die Ohren, Smartphone an, Buch aus der Tasche und schon ist Julika raus. Doch so richtig will ihr das nicht gelingen. Nach ein paar Seiten nimmt sie ihr Handy und guckt, ob Clara online ist. Ist sie nicht. Julika schickt ihr eine Nachricht mit einem Foto von der Stelle, auf der Clara jetzt eigentlich sitzen müsste. Wie im vorigen Jahr. Und dem davor. Bis Clara mit ihren Eltern umziehen musste, nach Berlin.

„Vermiss dich“, schreibt sie und schiebt jede Menge Heulgesichter hinterher.

Ohne Clara ist alles nur öde.

Der Heimweg ist deutlich anstrengender als der Hinweg. Aber Julika nimmt das sportlich, klettert mit dem Rad die sich windende Straße hoch, als wäre es eine Alpenetappe bei der Tour de France. Zwanzig Minuten später steht sie schnaufend vor ihrem Zuhause, ein streng geometrisch gestalteter imposanter Neubau mit glatten, weißen Fassaden und großen Fensterfronten. Das Gartentor ist nur angelehnt. Das heißt, ihre Mutter und Bello sind noch nicht zurück.

Julika guckt auf die Uhr und wundert sich. Es ist bald sieben, um sieben gibt es Abendessen. „Einmal in der Woche können wir als Familie doch wohl zusammen essen“, wünscht ihr Vater, der unter der Woche oft auf Dienstreisen ist. Sonnabends kocht er gerne für alle und probiert neue Rezepte aus.

Im Haus riecht es nach Braten.

Julika rümpft die Nase. Sie hat keine Lust auf Braten, keine Lust aufs Familienessen, aber es führt kein Weg dran vorbei. Dass sie kein Fleisch isst, haben ihre Eltern akzeptiert. Aber Extrawürste gibt es deswegen nicht, hat ihr Vater gesagt und gar nicht gemerkt, was für einen Unsinn er da redet. Auf eine Diskussion, warum Julika kein Fleisch essen will, hat er sich nicht eingelassen. Das verwächst sich, meinte er nur, ich hab auch mal an den lieben Gott geglaubt.

Bei solchen Bemerkungen macht sich Julika eine mentale Notiz. Für den Fall, dass sie mal Kinder haben sollte.

Ihr Vater steht am Herd, rührt in der Soße, kostet und nickt, hebt den Deckel vom Topf daneben, prüft den Reis und die grünen Erbsen, nickt wieder, schaltet alle Platten aus und klappt den Ofen auf, in dem eine Ente schmurgelt. Ein Blick zur Küchenuhr zeigt ihm, dass er sehr gut in der Zeit ist. Zufrieden fährt er sich mit der Hand über die hellen Stoppeln seines frisch geschorenen Kopfes und rückt seine Brille zurecht.

Er muss Julika gehört haben. Ohne sich umzudrehen, ruft er ihr zu, sie solle den Tisch decken, die anderen zum Essen holen und Christian in den Keller nach Wein schicken. Dabei stellt er die vorgewärmten Schüsseln und die gehackte Petersilie für die Erbsen bereit. Seine Stimme ist nicht besonders laut, aber wie immer scharf und bestimmt. Für seine Begriffe brauchen Kinder klare Ansagen, sonst können sie sich in dieser immer komplexer werdenden Welt nicht orientieren.

Julika sieht das anders.

Der Tisch ist gedeckt, der Wein geholt, das Essen aufgetragen, die Schürze abgenommen. Julika, ihr Vater und ihr Bruder sitzen vor den dampfenden Schüsseln um den ovalen, rotbraun glänzenden Holztisch im Esszimmer. Und gerade, als Julikas Vater leicht verärgert sagt, sie könnten anfangen, obwohl ihre Mutter noch nicht da ist, schlägt die Haustür auf und gleich wieder zu.

Einen Moment später steht Julikas Mutter im Esszimmer, atemlos, aufgelöst. Ihre braunen Haare, die sie am Morgen noch sorgfältig aufgesteckt hatte, hängen ihr wirr um den Kopf, ihr Gesicht ist rot. Nur der Lidschatten ist nicht verschmiert, registriert Julika. Aber bevor sie den Gedanken weiterverfolgen kann, hat ihre Mutter herausgestoßen:

„Bello ist weg!“

„Wie? Bello ist weg“, fragt Julikas Vater irritiert und macht sich daran, die Ente zu tranchieren. „Was soll denn das heißen?“

„Was schon! Er ist weg, wie vom Erdboden verschluckt!“

Julikas Mutter presst die Worte eilig heraus. Ein Schweißtropfen läuft ihr über die Schläfe, unter den Achseln hat sie große Schweißflecken. Sie stützt sich mit beiden Händen auf die Lehne des Stuhles vor sich und blickt ratlos in die Runde.

Der Vater hört auf zu schneiden, Christian senkt den Kopf und schaukelt nervös mit den Beinen, Julika zupft sich am rechten Ohrläppchen.

Am schnellsten fasst sich Julikas Vater.

„Wie kann denn das sein? Hast du ihn etwa von der Leine gelassen? Du weißt doch genau, dass du das nicht sollst.“

Das klingt empört, aber auch ein bisschen sachlich, fast so, als wolle er einen Schlusspunkt setzen und damit das Unmögliche ungeschehen machen.

„Geht’s noch? Bevor du weißt, was passiert ist, machst du mir schon Vorwürfe?“, schnaubt Julikas Mutter und macht eine wegwerfende Geste.

„Aber was ist denn nun passiert, Mama? Wieso ist Bello weg?“, fragt Julika schnell, damit ihre Eltern nicht in den Streitmodus fallen, der immer mit solchen Sätzen beginnt, und es plötzlich nicht mehr um Bello, sondern um was ganz anderes geht.

Christian hebt den Kopf, so dass ihm seine glatten blonden Haare schräg ins Gesicht fallen, und blickt gespannt auf seine Mutter.

„Also“, sagt sie und holt tief Luft. „Wir waren schon aus dem Wald raus, waren am Parkplatz vorm Schützenhaus, da steigt Nadine aus ihrem Auto. Ich bleib also stehen, wir begrüßen uns und so, und Bello zieht und zerrt an seiner Leine. Keine Ahnung, was den geritten hat, jedenfalls hat er mich genervt und ich will ihn losmachen, da rast er schon los, die Leine im Schlepptau. Wir waren ja nicht mehr im Wald.“

Bedeutungsvoller Blick zu Julikas Vater.

„Und?“, sagt der und will Christian einen Entenschlegel auf den Teller legen. Christian aber schüttelt vehement den Kopf. Sein Vater stutzt einen Moment, legt den Schlegel dann sich selbst auf den Teller.

„Nichts und. Das war’s. Nadine geht ins Vereinsheim, ich will los und pfeif nach Bello, mehrmals, aber wer nicht kommt, ist Bello. Ich guck mir die Augen aus dem Kopf, rufe, pfeife, geh über die Wiese, denke, vielleicht steckt der in einem Kaninchenloch und kommt nicht wieder raus. Aber nix da. Hinter der Wiese ist ja der Stacheldrahtzaun vom Vereinsgelände, da konnte er nicht weiter.“

„Vielleicht ist er zurück in den Wald?“, fragt Julika. „Vielleicht hat er eine Spur verfolgt?“

Ihre Mutter hebt die Arme, als wolle sie ihre Unschuld beschwören.

„Ich weiß es nicht. Ich bin den Weg ein ganzes Stück zurückgelaufen, hab gepfiffen und gerufen, immer wieder. Bin ums Schützenhaus rum, hab alle Leute gefragt, die ich getroffen hab. Nichts, niente. Kein Bello. Ich versteh das nicht.“

„Das kann doch nicht sein. Bello läuft nicht weg. Hat der noch nie gemacht“, sagt Julikas Vater kopfschüttelnd. „Aber du hättest ihn nicht laufen lassen sollen, das hab ich dir schon hundertmal gesagt. Wenn der ein Kaninchen in der Nase hat … Willst du Brust oder Keule?“

Doch Julikas Mutter will erstmal duschen und läuft flink die Treppe hinauf.

„Jetzt esst doch, Kinder. Der Bello kommt schon wieder. So ein großer Hund verschwindet nicht einfach spurlos“, sagt Julikas Vater aufmunternd und geht mit gutem Beispiel voran. Seinem Sohn hat er inzwischen Erbsen, Reis und Soße aufgetan. Christian stochert lustlos im Essen herum, schiebt aber ab und zu einen Happen in den Mund.

„Immer noch Kopfschmerzen?“, fragt sein Vater mit sanfter Stimme und blickt ihn besorgt an.

„Geht“, antwortet Christian ohne aufzublicken.

„Wenn das öfter vorkommt, musst du zum Arzt. Du musst doch trainieren fürs Schützenfest, Ausfälle wie heute kannst du dir nicht oft leisten. Jedenfalls nicht, wenn du auf dem Treppchen stehen willst – und ich glaub, diesmal kann das klappen! Glaub mir!“

Seine Stimme glänzt wie die Entenkruste.

„Ja, klar“, murmelt Christian, nicht sehr überzeugend. Aber sein Vater dringt nicht weiter in ihn, sondern konzentriert sich auf den Entenschlegel auf seinem Teller.

Julika holt sich Mango-Chutney aus dem Kühlschrank, für den Reis. Die Entensoße rührt sie nicht an.

Julika war sieben, als die Familie in das neue Haus einzog und der Hund angeschafft wurde, ein reinrassiger Rottweilerwelpe, aus dem zweiten Wurf, Bomber. Julika sagte von Anfang an nur Bello zu ihm, und dabei blieb es. Denn der Rottweiler war nicht nur als Wachhund gedacht, sondern auch als Trost für Julika, die sich mit Leibeskräften gegen den Umzug gesperrt hatte. Sie wollte in ihrem alten vertrauten Haus in der Werksiedlung auf dem Hügel bleiben, wo auch die Urgroßeltern wohnten und alle Kinder, mit denen sie zusammen eingeschult worden war. Auf keinen Fall wollte sie dort weg, auf die andere Seite des Tales, auf eine neue Schule, wo sie niemanden kannte.

Der kleine, tolpatschige Welpe, mit dem Julika dann im großen Garten herumtollen durfte, war zwar kein Ersatz für all das, was sie nicht mehr hatte, half ihr aber doch über den größten Schmerz hinweg. Das Beste war, dass sie den Hund nicht mit ihrem Bruder Christian teilen musste, denn dem Zweijährigen war dieses hüpfende Fellknäuel äußerst unheimlich. Julikas Vater war das unbegreiflich. Vor allem, wenn ein Hund gut dressiert war, wofür er natürlich sorgte.

Der Hund lernte schnell, die gängigen Kommandos zu befolgen. Das klappte meistens auch bei Julika. Wenn sie „Aus!“ rief, rückte Bello den Ball raus, den er brav apportiert hatte. Aber den kleinen Christian nahm er nicht für voll. Wenn der ungeschickt nach seinem Spielzeug grabschte, brauchte Bello nur dumpf zu grollen, schon ließ Christian von ihm ab. Jedes Mal beschwor ihn sein Vater, erst „Aus!“ zu sagen und dann zuzugreifen. „Nicht der Hund hat einen Fehler gemacht, sondern du!“ Aber das begriff Christian damals nicht. Und später interessierte es ihn nicht mehr.

Christian mag Katzen. Seit die Katze der Nachbarinnen Junge bekommen hat, geht er oft in deren Garage, die sie als Werkstatt eingerichtet haben, und spielt mit den Katzenbabys. Außerdem macht er da auch irgendwas mit Holz, jedenfalls hat Julika ihn einmal an der Werkbank arbeiten sehen, als das Garagentor offenstand.

Gleich nach dem Essen will Julikas Vater nach Bello suchen. Julika fährt mit, keine Frage. Wenn es um Bello geht, ist sie mit ihrem Vater einer Meinung, immer. Ihr will genauso wenig wie ihm in den Kopf, dass der Hund einfach so verschwinden konnte; Bello ist keiner, der wegläuft. Irgendwas muss geschehen sein.

Es ist noch hell draußen, ein lauer Sommerabend, mit dem Auto sind sie schnell beim Schützenhaus. Von dort aus fährt Julikas Vater in den Wald hinein, obwohl der Weg für Autos gesperrt ist. Er fährt langsam, mit offenen Fenstern, und alle paar Meter ruft oder pfeift er. Er guckt nach links, Julika nach rechts.

Vergeblich.

Nach zwei Kilometern geben sie auf und fahren zurück; es dämmert schon, im Wald sehen sie nichts mehr. Bleibt noch das Gelände um das Schützenhaus. Sie gehen den Stacheldrahtzaun ab, suchen nach Fellresten, suchen nach Kaninchenlöchern, in denen Bello gebuddelt haben mag, denn das liebt er, wenn man ihn lässt. Dabei spitzen sie die Ohren und lauschen nach Geräuschen, nach leisem Winseln oder Bellen.

Aber sie finden ihn nicht.

Als sie wieder im Auto sitzen, meint Julika:

„Und wenn ihn nun der Förster erschossen hat? Oder ein Jäger?“

Sie spürt, wie sich in ihrem Bauch ein Knäuel bildet. Bis eben hat sie noch gedacht, wir suchen, wir finden und gut. Aber wenn Bello nun tot ist?

Für einige Augenblicke hängen Julika und ihr Vater schweigend ihren Gedanken nach, dann lässt der Vater den Motor an und sagt:

„Weißt du was, wir fahren mal bei Justus vorbei. Vielleicht weiß der was.“

Julika nickt. Sie könnten ja auch anrufen, aber im Auto zu sitzen und unterwegs zu sein fühlt sich besser an, als untätig auf irgendeine Information zu hoffen.

Sie zieht ihr Handy aus der Tasche, will eine Nachricht an ihre Klasse schicken, ist ja möglich, dass jemand Bello gesehen hat. Doch kaum hat sie das Gerät vor sich, legt ihr Vater seine Hand darauf und sagt:

„Lass das jetzt mal, Julika.“

Es ist nur eine kleine Geste, kein scharfer Ton, aber Julika kommt es vor wie eine Ohrfeige. Wortlos stopft sie ihr Handy in die Hosentasche und starrt geradeaus. Dann macht sie das eben später. Aus ihrer Klasse wohnt überhaupt nur einer in ihrer Nähe.

„Sag mal, weißt du eigentlich, was mit Christian ist?“, fragt ihr Vater, der Julikas Erstarren nicht wahrgenommen hat. „Er ist so still in letzter Zeit. Und er wollte keine Ente. Ist der jetzt etwa auch Vegetarier?“

Julika zuckt die Achseln.

„Mir hat er nichts gesagt.“

„Na ja, vielleicht brütet er was aus, er hatte ja Kopfschmerzen. Oder ist was in der Schule? Weißt du was?“

„Keine Ahnung. Frag ihn doch selber.“

Julika ist fünf Jahre älter als ihr Bruder, er ist versessen auf Computerspiele, sie nicht im Geringsten, er geht in den Schützenverein, sie auf keinen Fall. Es gibt nicht viele Gemeinsamkeiten. Wenn sie es sich genau überlegt, kennt sie ihren Bruder nicht besonders gut.

„Hab ich doch. Er weicht mir aus. Hat er eigentlich Freunde?“

Bin ich sein Vater oder du?, denkt Julika, antwortet aber:

„Weiß ich nicht. Auf dem Schulhof hängt er mit ein, zwei Nerds ab. Ich seh ihn nicht oft.“

„Und nachmittags?“

„Papa. Woher soll ich das denn wissen? Du gehst doch mit ihm in den Schützenverein. Und zu Hause zockt er, das weißt du doch. Hast ihm das neue Teil doch selber zum Geburtstag geschenkt. Wenn du öfter da wärst …“

Ihr Vater seufzt.

„Julika, das geht eben leider nicht. Ich kann mir das doch auch nicht aussuchen. Ich bin nun mal im Außendienst, das ist ein Superposten und ich verdiene gutes Geld damit. Dein Smartphone muss ja auch irgendwie bezahlt werden, oder?“

Darauf antwortet Julika nicht. Auf dieses Gespräch hat sie keine Lust. Was kann sie denn dafür, dass sie geboren wurde. Wer Kinder in die Welt setzt, muss auch für sie sorgen, oder?

„Oder, Julika?“, drängt ihr Vater.

Julika nickt, und ihr Vater hält das für Einverständnis.

„Mir gefällt mein Job.“

Er überlegt einen Moment und sagt dann mehr zu sich selbst als zu Julika:

„Wahrscheinlich muss ich den Jungen mehr rannehmen, damit er sich nicht so hängenlässt.“

Inzwischen haben sie den Friedhof und die Brücke über dem Fluss passiert, sind vorbei am gewaltigen, ehemaligen Kloster, dem Stadtmuseum und dem Industriegebiet zur Linken und dem Stadtzentrum zur Rechten, mit Kirche, Gymnasium, Kino, vielen mehrstöckigen Fachwerkhäusern und der Fußgängerzone mit diversen Geschäften. Die Straße windet sich wieder bergauf und wenige Minuten später hält der Wagen vor einem kleinen Holzhaus.

Onkel Justus, dessen Glatze immer glänzt, als hätte er sie frisch poliert, freut sich über den unverhofften Besuch, begrüßt erst seinen Jägerfreund Matthias überschwänglich mit Händedruck und Schulterklopfen und dann Julika mit dem Spruch:

„Meine Güte, was bist du groß geworden!“

Achselzuckend folgt Julika den beiden Männern auf die Terrasse hinter dem Haus, an deren Rückwand Jagdtrophäen hängen. Justus‘ Frau Beate serviert Bier, Limo und Knabberzeug und verzieht sich dann vor den Fernseher.

Justus hat Bello nicht gesehen, hat auch nicht gehört, dass jemand einen wildernden Hund erschossen hätte, möglich wäre es, sicher, aber das würde er erfahren – spätestens morgen, so lange müssten sie sich schon gedulden. Julika nimmt das erleichtert zur Kenntnis. Wenn Bello nicht sicher tot ist, lebt er.

Und schon ist das Thema Bello abgehakt. Das Gespräch der beiden Männer dreht sich nun um die Jagd. Im September sind alle Schonzeiten vorbei, und sie können wieder auf die Pirsch gehen.

Julika schaltet auf Durchzug, sie will nicht hören, wie sich die Männer darüber austauschen, wie man am schönsten, am aufregendsten, am effektivsten mordet. Für Julika ist das Mord, was die Jäger betreiben, denn es ist Mord, wenn jemand heimtückisch, aus Lust oder aus anderen niedrigen Beweggründen tötet, so haben sie es neulich in der Schule besprochen. Das bezog sich natürlich auf das Töten von Menschen.

Aber trotzdem: Jäger töten Wild, weil es ihnen Freude macht, weil sie sich an ihrer Macht über Leben und Tod berauschen, und sie tun es heimtückisch, denn sie verstecken sich feige auf Hochsitzen und locken ihre Opfer mit Futter oder Salzsteinen an. So sieht Julika das, auch wenn die Jäger etwas völlig anderes sagen und alle möglichen Argumente auffahren, um zu erklären, warum die Jagd etwas Edles, dem Menschen als Naturtrieb Innewohnendes und zudem eine Pflicht zur Schonung der Umwelt wäre, der sie nachkommen müssten.

Julika erinnert sich noch sehr gut daran, wie ihr Vater sie das erste Mal mit zur Jagd nahm, weil sie so sehr gedrängelt hatte, unbedingt mit wollte auf einen Ausflug mit Onkel Justus, und weil ihr lieber Papa seiner kleinen Prinzessin keinen Wunsch abschlagen konnte, obwohl seine Frau meinte, Julika sei dafür noch zu klein. Fand Julika natürlich überhaupt nicht, auch ihr Vater hatte nur abgewinkt und gesagt, wer weiß, vielleicht kriegen wir ja gar nichts vor die Flinte.

Der glitzernd grüne Wald so früh am Morgen war atemberaubend schön. So wie sein Bewohner, das Reh. Nur durfte das nicht einfach atemberaubend schön bleiben, das Reh musste erschossen werden.

Ihr Vater, Onkel Justus und Julika waren im Dunkeln aufgebrochen. Es dämmerte, als sie mucksmäuschenstill auf dem Hochsitz saßen, beide Männer mit dem Gewehr im Anschlag. Langsam wurde es ringsum hell und lebendig. Sie warteten. Und warteten. Julika wäre beinahe eingeschlafen.

Doch auf einmal stupste ihr Papa sie mit dem Ellbogen an und deutete nach rechts, zum Salzstein. Mit den ersten Sonnenstrahlen trat anmutig ein Reh auf die Lichtung, blickte sich mit seinen großen Augen um, sicherte aufmerksam und wollte gerade den Kopf zum Grasen neigen, da krachte es neben Julika, so dass sie meinte, ihr fliegt der Kopf ab, und im selben Augenblick brach das Reh zusammen, fiel zu Boden, zuckte noch einmal und blieb dann reglos liegen. Tot. Einfach so.

Julika war fassungslos, außer sich. Sie explodierte förmlich, schrie in die Waldesstille, trommelte wütend auf ihren Vater ein, obwohl nicht er geschossen hatte, sondern Onkel Justus. Sicher gab es Erklärungen wie „Wir haben dir doch gesagt, was geschehen wird“, beruhigende Worte wie „Kind, wir müssen doch den Wald schützen“, einen schnellen Heimweg und „Um das Reh kümmern wir uns später“, so wird es jedenfalls erzählt, aber Julika erinnert sich an nichts, was nach dem Knall, nach dem Umfallen, nach dem Zucken kam. Die Ohnmacht hingegen, der beißende Schmerz, der ihr in jede Faser ihres Körpers gekrochen war, der flammende Zorn auf die beiden Erwachsenen, die so etwas Entsetzliches tun konnten, diese Gefühle sind ihr alle noch so präsent, als wäre das erst gestern geschehen.

Seitdem will Julika mit Schießen nichts mehr zu tun haben. Deswegen weigert sie sich bis heute, in den Schützenverein zu gehen und Schießen zu lernen.

Justus ist kurz ins Haus gegangen und kommt mit einem Gewehr mit aufmontiertem Zielfernrohr zurück. Fast zärtlich legt er das Teil vor Julikas Vater auf den Tisch und sagt:

„Guck dir das mal an. Hab ich gerade gekauft. Edel, oder?“

Julikas Vater nimmt das Gewehr hoch, fährt mit der Hand über den braunen Holzschaft und betrachtet es von allen Seiten.

„Schon. Aber nicht von uns. Unsere sind besser.“

„Musst du ja sagen“, lacht Justus. „Stimmt aber nicht, guck mal, allein das Gewicht …“

Julika will das nicht hören. Sie zieht ihr Handy aus der Tasche, egal, ob ihrem Vater das jetzt passt oder nicht. Postet eine Suchanzeige für Bello und bei ihrer Klassengruppe. Findet eine Nachricht von Clara. Endlich. Ein Foto von ihr mit ein paar Leuten auf einer breiten Holztreppe, einer Art Terrasse, Clara in der Mitte, alle mit dem V-Zeichen. Chillen im Möckernpark. Wish you were here.

O Mann.

Julika seufzt. Das sieht so cool aus.

Sie hört plötzlich, wie ihr Vater „Bello“ sagt, steckt schnell ihr Handy weg und guckt hoch.

„Bello entführt?“, fragt Justus erstaunt. „Wie kommst du da drauf? Um dich zu erpressen? Womit denn? Hast du eine Freundin?“

Er grinst breit.

„Quatsch!“, antwortet Julikas Vater und fährt sich mit der Hand über die hellen Bartstoppeln in seinem Gesicht. „Aber es gehen so eigenartige Gerüchte um. Von wegen illegalen Verkäufen und so. Ist natürlich nichts dran. Aber wer sich in sowas verbeißt … Gibt ja genug Idioten.“

„Echt mal, Papa? Du glaubst, jemand hat Bello entführt“, sagt Julika. „Krass.“

„Ach, was, vergiss es!“

Ihr Vater winkt ab.

„Trotzdem, lass uns jetzt nach Hause fahren.“

2

Bobi zeichnet. Die Unterlippe über die Oberlippe geschoben blickt er immer wieder kurz nach vorne, dann auf seinen Zeichenblock. Mit knappen Strichen skizziert er die neue Klassenlehrerin, Frau Zylbersztajn.

Die Frau hat es ihm angetan, vom ersten Moment an. Sie ist zierlich, nicht sehr groß, aber auch nicht wirklich klein, das kurze, dunkelblonde Haar liegt wie eine Kappe auf ihrem Kopf. Die eigenartig hellen Brauen schwingen sich wie Halbmonde über tiefbraune, warm leuchtende Augen. Nase und Lippen ebenmäßig, unauffällig. Das Gesicht sonnengebräunt und ungeschminkt. Um den Hals hängt eine Kette aus weinrotschimmernden, runden, glatten Steinen.

Am Anfang hat Bobi noch zugehört, wie sie der Klasse, die im Stuhlkreis sitzt, das im 10. Schuljahr anstehende Kompetenzprojekt vorstellte: Sie sollen in kleinen Gruppen fächerübergreifend ein Thema erarbeiten, die Ergebnisse in einer Präsentation darstellen und das dann in einer mündlichen Prüfung diskutieren.

Die Themenwahl ist frei, dennoch muss das Thema von der Schulleitung genehmigt werden. Von wegen frei, hat Bobi gedacht, und außerdem ist das bestimmt nichts weiter als eine sinnlose Sammlung von Fakten und Daten, die man genauso gut im Internet findet, copy and paste, das kann er schon. Also schaltet er ab und konzentriert sich aufs Zeichnen, wie immer sein Rettungsanker im Sumpf der tödlichen Langeweile der meisten Schulstunden. Früher hat er gehampelt, Faxen gemacht und deswegen oft Stress gehabt, aber im letzten Schuljahr hat er beschlossen, sich in die hinterste Reihe zu verkrümeln und sich einfach still mit dem zu beschäftigen, was ihn interessiert. Zeichnen zum Beispiel.

Ein Jahr muss er noch durchhalten, dann ist Schluss mit Schule. Was er dann macht, weiß er noch nicht, nur was er dann nicht macht, das weiß er sicher: Er wird nicht versuchen, aufs Gymnasium zu wechseln, um Abitur zu machen. Und er wird ganz bestimmt keine Gastronomie-Ausbildung machen, wie sein Vater Xabier sich das wünscht, damit er später das Familien-Lokal übernehmen kann.

Erstens, meint Bobi, braucht er keine Ausbildung, weil er schon in dem Laden mitarbeitet, seit er über den Tresen gucken kann, und zweitens findet er diesen Blickwinkel reichlich beschränkt. Er will raus in die Welt, möglichst weit weg von dem piefigen Kaff, in dem er groß geworden ist.

Frau Zylbersztajn hat sich von der Klasse abgewandt und schreibt Vorschläge für Kompetenzprojekte ans Whiteboard: „Bionik – der Natur abgeschaut“ – „Der Wandel der Esskultur“ – „Kleider machen Leute“. Nichts für ihn dabei, stellt Bobi fest und will sich wieder seiner Zeichnung widmen, da hört er plötzlich die kratzige Stimme von Natalie:

„Frau Zylbersztajn, ich hab ein Thema: Frieden schaffen ohne Waffen.“

Frau Zylbersztajn nickt zustimmend und schreibt den Satz ans Whiteboard.

„Hä? Was’n das für’n Scheiß?“, poltert Dennis.

Der große, breitschultrige Junge, der auf seinem Stuhl mehr liegt als sitzt, blickt Natalie herausfordernd an.

„Bisschen differenzierter bitte, Dennis“, beschwichtigt die Lehrerin. „Kennt jemand diesen Spruch? Schon mal gehört?“

Reihum Kopfschütteln. Gelangweilte Gesichter.

„Bestimmt was Christliches!“, meint Lara. „So was wie die andere Backe hinhalten oder so?“

„Da ist was dran“, meint Frau Zylbersztajn. „Erklär doch mal, Natalie, wie du darauf kommst!“

Sie nimmt auf dem freien Stuhl neben Dennis Platz.

Natalie richtet sich auf, guckt für einen Moment auf den Boden, hebt entschlossen den Kopf, schiebt sich die hellen Haare, die sie auf der einen Seite lang, auf der anderen rappelkurz geschoren trägt, aus dem Gesicht und klemmt sie hinters Ohr. Ihre blaugrünen Augen funkeln angriffslustig.

„Also“, sagt sie. „Den Satz habe ich zufällig gefunden, bei den Sachen von meiner Oma. Die ist gestorben, im Januar. Frieden schaffen ohne Waffen war die Überschrift vom Berliner Appell von 1982, in der DDR, das war so ein Flugblatt, keine Ahnung, ob meine Oma da mitgemacht hat. Ich hab dann rausgefunden, dass der Satz eigentlich aus der westdeutschen Friedensbewegung stammt, und das war schon ein paar Jahre früher, da sind viele Leute auf die Straße gegangen wegen dem Wettrüsten und …“

Lautes Stöhnen in diversen Varianten. Unruhe.

„Echt mal, wen interessiert denn das?“

Natalie stutzt kurz, fährt dann aber unbeirrt mit etwas lauterer Stimme fort:

„Okay, lange her. Ich will auch kein Geschichtsprojekt machen. Aber trotzdem. Heute sagen alle: Frieden schaffen mit Waffen, anders geht’s nicht. Aber ich glaube, das ist falsch. Frieden und Waffen – das passt einfach nicht. Das ist wie Feuer und Wasser. Funktioniert auch nicht.“

Sie guckt sich um, als erwarte sie Beifall, erntet aber nur ungläubige Gesichter.

„Heißt das, du willst, dass Waffen abgeschafft werden?“, fragt Timo verblüfft und kippelt mit dem Stuhl nach hinten.

Natalie nickt energisch.

„Geht’s noch?“

Timo schüttelt den Kopf, sagt aber nichts weiter.

„Eh, Natalie“, ruft Patrick. „Du weißt schon, wo du lebst, oder?“

Er tippt sich mit dem Finger an die Stirn.

„Was willst du damit sagen, Patrick?“, fragt Frau Zylbersztajn, sehr gelassen, aber bestimmt.

Patrik hebt beide Hände und lässt sie auf seine Oberschenkel platschen.

„Also echt, ist doch sonnenklar!“

„Er will sagen“, übernimmt die kräftige Jennifer eifrig mit lauter Stimme, „der Ort, in dem wir leben, ist durch die Herstellung von Waffen groß geworden, und wir leben auch heute noch von der Herstellung von Waffen. Das willst du doch sagen, oder, Patrick?“

Patrick nickt. Und nicht nur er. Jennifer fährt fort:

„Und du willst sagen: Wir haben hier gerade 200 Jahre Waffenproduktion gefeiert, alle zusammen.“ Sie nimmt Natalie ins Visier: „Hast du das nicht mitgekriegt, Natalie? Das Stadtfest und alles?“

„Genau!“, sagt Patrick und grinst breit. „Wir alle leben davon – und richtig gut! Du doch auch, Natalie. Deine Eltern arbeiten im Werk. Genau wie meine.“

Natalie schluckt. Treffer. Aber bevor sie was sagen kann, ergreift wieder Dennis das Wort:

„Okay, egal. Aber Waffen sind einfach wichtig, ohne Waffen geht’s nicht. Bundeswehr und Polizei – die brauchen doch Waffen, oder?“

„Wirklich?“, meinte Natalie.

„Guck dir doch die Welt an, eh!“, sagt Dennis genervt.

„Eben! Genau deswegen!“, erwidert Natalie bestimmt. „Total im Eimer.“

Dennis richtet sich auf und reckt Natalie seinen ausgestreckten Zeigefinger entgegen:

„Klar braucht die Bundeswehr Waffen, wo lebst du denn? Und die Polizei auch. Sollen sie die vielleicht im Ausland kaufen und hier bei uns werden alle arbeitslos? Das ist doch total sinnlos!“

„Genau!“, unterstützt ihn Jennifer, deren Mutter eine Boutique in der Altstadt betreibt. „Wenn das Werk zumacht, dann sind die meisten Geschäfte und Restaurants platt, weil keiner mehr Geld verdient, das er ausgeben kann. Sollen wir hier alle auf Harz IV oder wie? Komm mal runter, Natalie.“

„Genau!“ Timo lacht verächtlich auf. „Stell dir mal vor, Natalie, da kommt so ein Terrorist und ballert rum, und die Polizei sagt höflich: ‚Bitte legen Sie die Waffe weg, können wir das nicht auch anders regeln?‘ Mensch, Natalie! Was für’n Scheiß ist das denn? Die machen uns fertig, wenn wir uns nicht wehren. Hat schon genug Tote gegeben.“

„Aber wenn die Terroristen keine Waffen hätten …“, wendet Natalie ein, aber weiter kommt sie nicht.

Alle reden durcheinander, die Stimmen überschlagen sich fast. Natalie lehnt sich enttäuscht zurück.

Frau Zylbersztajn steht auf, bittet um Ruhe und meint, man könne das Thema ja auch kontrovers diskutieren. Es müssten ja nicht alle in der Gruppe derselben Meinung sein. Sie sollten sich zu einem Thema eine Kompetenz erarbeiten, was nicht heiße, sie müssten alle dieselbe Meinung vertreten. Meinungen bilde man sich ja erst auf Grund von Fakten und Erfahrungen, und die müsse man erst mal zusammentragen – ein wichtiger Arbeitsschritt bei dem Projekt.

Achselzucken. Schweigen. Feindseliges Schweigen.

Natalie guckt trotzig im Kreis herum, bis ihr Blick an Bobi hängenbleibt. Bobi und sie haben im letzten Schuljahr einen Video-Kurs gemacht und beide sind schnell ein Team geworden – sie Ton, er Bild –, und haben richtig gut zusammengearbeitet, ohne Streit, ohne Stress. In Natalies Augen steht: Wenn hier jemand mitmacht, dann Bobi.

Nicht zu Unrecht. Bobi findet Natalies Projekt-Idee auch gut. Richtig gut. Er sieht das ähnlich wie sie. Krieg ist furchtbar, wahrscheinlich braucht man wirklich keine Waffen. Gewalt geht nicht durch Gewalt weg. Aber leider ist Bobi kein Held. Und da sich ganz eindeutig nicht genug Leute für diese Gruppe finden, muss er sich ja nicht auch noch raushängen wie Natalie und blöde Sprüche kassieren. Allein gegen alle, das hat er nicht drauf. Er senkt den Kopf. Auch wenn das feige ist, auch wenn es ihm peinlich ist, feige zu sein: Er hält sich lieber zurück.

Die Sache scheint gelaufen zu sein.

Doch plötzlich meldet sich Amal, die heute direkt neben Bobi sitzt, eine der eher Stillen der Klasse. Aber jetzt spricht sie laut und deutlich:

„Ich mache mit, Natalie. Schreiben Sie mich auf, Frau Zylbersztajn.“

Und im selben Augenblick reckt auf der anderen Seite des Klassenraums Manuel, der Streber, seinen Arm hoch, schnippst laut mit den Fingern und meint trocken:

„Bin auch dabei.“

Nicht zu fassen, durchfährt es Bobi, der Zug ist noch nicht abgefahren! Und ehe er sich versieht, hat er seinen linken Arm gehoben und kann Natalie wieder in die Augen gucken.

„Ihr spinnt doch!“, sagt Patrick und tippt sich wieder mit dem Finger an die Stirn. „Fantasten!“

Der Schulleiter genehmigt das Projekt Frieden schaffen ohne Waffen, aber nicht ohne Frau Zylbersztajn eindringlich auf ihre Verantwortung hingewiesen zu haben. Der Schulleiter fürchte, so erklärt es die Lehrerin der kleinen Gruppe, es könnten ideologische Fronten aufgebaut werden. „Wir wissen doch, aus welcher Zeit dieser Spruch stammt!“, habe er gesagt und verlangt, die Lehrerin solle unbedingt darauf achten, dass das Thema ausschließlich sachlich und unter Berücksichtigung aller relevanten Fakten angegangen werde. „Bedenken Sie bitte, in welcher Stadt wir leben“, habe der Schulleiter ihr noch mit auf den Weg gegeben.

Bobi beobachtet fasziniert, wie sich die heute smaragdgrünen Steine von Frau Zylbersztajns Halskette bei jedem ihrer Worte sachte auf der braunen Haut bewegen. Genau das würde er mit der Kamera aufzeichnen, wenn er eine hätte, überlegt er.

Manuel lacht laut auf:

„Verantwortung!“, sagt er. „Echt mal! Der Typ baut doch selber eine ideologische Front auf. Bedenken Sie, in welcher Stadt wir leben.“ Manuel kann die Stimme des Schulleiters fast perfekt nachahmen. „Hallo?“

„Ist doch Erpressung, oder?“, sagt Natalie. „Müssen Sie jetzt aufpassen, dass wir nichts gegen das Werk sagen?“

Frau Zylbersztajn zuckt die Achseln.

„Für mich heißt Verantwortung übernehmen, dass ich euch zur Verfügung stehe, wenn ihr mich braucht. Das heißt, ich werde euch Hilfestellung leisten, wenn nötig. Aber ich werde euch nicht reinreden. Und euch auch nicht sagen, wie ihr vorgehen müsst.“

„Okay“, sagt Manuel gedehnt.

Bobi sagt nichts. Aber er ist schwer beindruckt. Im Klartext heißt das, egal, was sie machen, sie steht hinter ihnen. Wenn Frau Zylbersztajn das wirklich so meint, ist das groß. Ob das an dem Thema liegt? Weil sie das auch so sieht?

Frau Zylbersztajn fährt fort:

„Ihr habt euch da ein Riesenthema vorgenommen. Seht zu, dass ihr es ein bisschen eingrenzt, sonst verzettelt ihr euch hoffnungslos. Möglicherweise wollt ihr auch einen persönlichen Bezug herstellen – es ist ja schließlich ein Thema, das sehr polarisiert, wie ihr ja schon in eurer Klasse bemerkt habt.“

Amal nickt nachdenklich.

„Abgesehen vom Inhalt müsst ihr natürlich eine Form finden, wie ihr eure Fakten zusammenstellt, wie ihr sie präsentiert.“

„Ich hab schon eine Idee“, sagt Natalie fröhlich und holt aus ihrer Tasche eine kleine Kamera.

„Du willst einen Film machen?“, fragt Bobi. „Geil.“

„Genau! Wozu haben wir denn den Kurs im letzten Jahr gemacht?“

„He, he, mal langsam“, sagt Manuel. „Wie soll denn das gehen? Ich hab von Film keine Ahnung. Du, Amal?“

Amal schüttelt den Kopf.

„Das macht doch nichts“, antwortet Natalie. „Also, die technischen Sachen, die können Bobi und ich. Er die Bilder, ich den Ton. Das können wir. Die Kamera hab ich mir schon vom Medienwart ausgeliehen, die Sachen für den Ton kriege ich auch. Was wir aufnehmen, das können wir doch alle zusammen überlegen und so? Oder?“

„Müssen wir das jetzt schon entscheiden?“, fragt Manuel.

„Lasst euch Zeit“, sagt Frau Zylbersztajn. „Denkt in Ruhe darüber nach. Als eine Option. Aber bevor ihr weiterdiskutiert, müssen wir noch ein paar Sachen klären.“

Es geht um Termine für Zwischenberichte, Fertigstellung, mündliche Prüfung und um die Benotung der Arbeit. Denn natürlich werden sie benotet, und zwar alle gemeinsam, und diese Note geht in die Gesamtnote von Ethik und von Geschichte ein.

„Eh, das ist aber ungerecht!“, braust Manuel auf. „Ich kann mir doch nicht von euch meinen Durchschnitt versauen lassen!“

Manuel braucht gute Noten, weil er am Ende des Schuljahrs aufs Gymnasium wechseln will.

„Wer sagt denn, dass du nicht unseren versaust?“, gibt Natalie zurück.

Manuel bläst die Backen auf und schüttelt genervt den Kopf.

„Müsst ihr eben gut zusammenarbeiten“, sagt Frau Zylbersztajn lakonisch. „Das schafft ihr schon. Übrigens“, sagt sie und steht auf. „Ihr könnt gerne den Klassenraum zum Arbeiten benutzen, nach dem Unterricht.“

Mit diesen Worten lässt sie die vier allein.

„Also, ich bleib nicht länger in der Schule als nötig“, sagt Bobi. „Hier kann ich nicht arbeiten, hier schrumpft mein Hirn. Außerdem muss ich jetzt los. Gitarrenunterricht.“

Auch die anderen wollen auf keinen Fall in der Schule arbeiten.

„Bei uns im Restaurant?“, schlägt Bobi vor. „Mit Getränken?“

„Aber im Restaurant ist es doch viel zu laut. Wie sollen wir da Aufnahmen machen?“, meint Natalie und wedelt mit der Kamera.

„Hey! Wir müssen doch erst überlegen, ob wir überhaupt einen Film machen und so“, meint Amal und zieht die Stirn kraus. „Erst mal bei Bobi, find ich gut. Und dann können wir immer noch was Ruhiges suchen.“

„Genau. Wir gehen auf den Friedhof!“, knurrt Manuel.

Sie haben sich für den frühen Abend in der Casa Acracia verabredet, dem Restaurant von Bobis Eltern am Rande der Altstadt. Die Sonne scheint, Bobi hat einen Tisch auf der Terrasse ausgesucht, der ganz außen liegt.

Als alle da sind und bei Bobi am Tisch sitzen, kommt der Kellner zu ihnen, nimmt Bobi kurz in den Arm und sagt fröhlich:

„Hallo, ich bin Xabier, Bobis Vater, seid herzlich willkommen!“

„Das ist Amal, das Manuel und das Natalie“, stellt Bobi die kleine Gruppe vor.

„Schön, dass ihr hier seid, ihr seid heute unsere Gäste“, erwidert Xabier lächelnd, streicht sich seine wilden Wuschellocken aus der Stirn und nimmt ihre Bestellungen entgegen. Kurz darauf serviert er die Getränke.

„Heißt das was, Casa Acracia“, fragt Amal und zeigt auf das Schild über dem Eingang.

„Casa – mit scharfem s! – ist Spanisch und heißt Haus, und Acracia ist der Vorname von meiner Oma, meine Großeltern haben das Restaurant aufgemacht, irgendwann vor vierzig Jahren oder so.

„Bedeutet Acracia was?“

„Ja, sowas wie: ohne Herrschaft, ohne Macht.“

„Echt? Wer gibt denn seinem Kind so einen Namen?“, fragt Manuel.

Bobi zuckt die Achseln.

„Die Eltern, nehme ich mal an. Die waren Anarchisten, hat mir meine Oma erzählt. Haben gegen Franco gekämpft.“

„Anarchisten?“

Manuel bekommt runde Augen.

„So Bombenleger und so?“

Xabier, der ein Schälchen mit Erdnüssen und eines mit Oliven an den Tisch bringt, guckt Manuel an, grinst und sagt:

„Ach, Quatsch! Anarchisten sind Leute, die keine Regierung wollen, keinen Staat, keine Macht, alle Menschen sollen selber bestimmen. Weiter nix. Willst du doch auch, selber bestimmen, oder?“

„Schon“, brummt Manuel. „Aber wenn das nun jeder machen würde?“

„Eben, genau darum geht’s“, lächelt Xabier, legt ihm kurz die Hand auf die Schulter und läuft nach drinnen, weil die Küche klingelt.

Manuel guckt ihm mit großen Augen hinterher.

Amal sagt:

„Krasse Idee. Muss ich mir mal durch den Kopf gehen lassen.“

„Sowas macht Xabier gerne“, sagt Bobi. „Wirft einem solche Brocken hin und sagt dann: Denk mal drüber nach.“

„Nice“, sagt Amal und nickt.

„Aber jetzt nicht, jetzt wollen wir über das Projekt reden!“, sagt Natalie und guckt dabei so tatendurstig, als wollte sie einen Spatz in der Regenrinne vor dem Ertrinken retten. Als Erstes möchte sie klären, ob sie nun einen Film machen oder nicht. Manuel sperrt sich, bringt als Alternative Powerpoint ins Spiel, aber da verdrehen die anderen drei sofort die Augen. Powerpoint sei total abgerockt, gehe gar nicht. Weil niemandem was Besseres einfällt, bleibt es erst mal beim Film. Manuel besteht aber darauf, trotzdem Daten und Fakten schriftlich zu sammeln, er will eine Dropbox oder eine Cloud oder sowas einrichten.

„Okay. Und lasst uns ´ne Gruppe einrichten“, sagt Amal.

„Genau“, sagt Manuel und zückt sein Handy. „Ich weiß sogar schon einen Namen!“

„Und?“, fragt Bobi.

„Fantasten!“

„Wieso das denn?“, fragt Natalie irritiert.

„Na, wegen Patrick“, sagt Amal lächelnd. „Nice.“

„Das klingt blöd!“, sagt Natalie. „Wir meinen das doch ernst, oder?“

„Eben“, sagt Amal. „Genau deswegen.“

„Cool“, sagt Bobi. „Aber … wir haben doch auch Mädchen dabei!“

„Genau!“

Amal grinst.

„Sag ich doch! Wir sind doch gar keine Fantasten! Bloß in Patricks Augen. Ist sozusagen ein Zitat.“

Natalie blickt sie verwundert an, sagt aber nichts mehr.

Ein paarmal Tippen, und alle sind miteinander verbunden.

Jetzt endlich kommt Natalie dazu, auf den Tisch zu packen, was sie schon die ganze Zeit vorschlagen will. Sie möchte, dass sie als Erstes Interviews mit sich selbst machen.

„Vor der Kamera. Warum wir bei dem Projekt mitmachen, wer wir sind und so. Ich meine, wir kennen uns doch gar nicht richtig und so.“

„Wie jetzt?“, fragt Bobi erstaunt und nimmt einen Schluck von seiner Apfelschorle. „Geht’s jetzt um uns oder um Frieden und so?“

Für das Projekt müssten sie in jedem Fall Interviews machen, meint Natalie, da sei es doch gut, wenn sie das schon mal ausprobiert hätten. Also warum nicht erst mal bei sich selbst anfangen?

Skeptische Blicke.

„Guckt mal, das ist sozusagen ins Unreine“, sagt Natalie beschwörend. „So eine Art Selbstvergewisserung. Äh, sagen wir ein gespiegeltes Selfie.“

„Geht’s noch komplizierter?“, meint Manuel. „Also, du willst, dass wir uns vorstellen, also du zum Beispiel sagst vor der Kamera, wer du bist, wovon du nachts träumst, in wen du verliebt bist, und warum du das Projekt machst. So, ja?“

Natalie holt tief Luft, zieht die Augenbrauen hoch, antwortet aber nicht. Manuel grinst, dann fügt er hinzu:

„Okay, warum nicht. Kann lustig werden. Bin dabei.“

Amal hebt den Daumen, Bobi auch.

„Aber es müssen alle ehrlich sein“, sagt Amal. „Sonst mach ich nicht mit. Ich hab keinen Bock auf fake storys.“

Manuel zieht sein „Okay …“ kaugummilang, Bobi nickt eifrig und Natalie meint, sonst habe das alles ja keinen Sinn.

„Ich meine, ihr habt doch gehört, wie die anderen drauf sind.“

Das Telefon des Restaurants klingelt laut in ihr Gespräch. Xabier verschwindet hinter der Bar.

Gleichzeitig betritt eine größere Gruppe die Terrasse, Leute vom Chor Liederreigen, die nach dem Singen gemeinsam Essen gehen. Xabier kommt herausgeeilt, macht sich sofort daran, Tische zusammenzustellen und ruft dabei seinem Sohn zu:

„Bobi, te necesito. María llamó, está enferma, y hay un montón de trabajo.“

„Na toll“, erwidert Bobi und zieht ein Gesicht. „Und jeder kann machen, was er will, ja?”

„Venga, es otra cosa y tu lo sabes.”

Xabiers Ton lässt keinen Zweifel offen.

„Was ist denn los?”, fragt Natalie.

„Sorry, die Party ist zu Ende. Ihr müsst ohne mich weitermachen. Die Frau, die hinterm Tresen arbeitet, ist krank, ich muss einspringen; ihr seht ja, was los ist. Scheiße, aber was soll ich machen?“

Xabier verteilt Speisekarten an die neuen Gäste und nimmt die Getränke auf. Bobi geht hinter die Bar, Bier zapfen, Mineralwasser eingießen, Radler oder Schorle mischen, Weinflaschen aufmachen, Gläser spülen, Gläser spülen, Gläser spülen und Cafecitos zubereiten. Die meisten Gäste bestellen allerdings Espresso. Spanier oder Italiener, wer will das schon so genau wissen.

Kurz darauf beenden Natalie, Manuel und Amal das Treffen und brechen auf. Amal kommt zum Tresen und informiert Bobi:

„Wir treffen uns übermorgen um die gleiche Zeit im Schrebergarten von Natalies Eltern, in der Kolonie Unsere Scholle, und machen erst mal die Interviews mit uns, okay?“

Er nickt und überlegt krampfhaft, was er sagen könnte, damit sie noch ein bisschen bleibt. Aber da hat sie schon „Tschüs, bis morgen!“ gesagt, und weg ist sie. Enttäuscht blickt er ihr hinterher.

Er hätte gerne mit ihr und den anderen noch länger darüber gesprochen, wie so ein Film aussehen könnte. Superidee von Natalie. Im Video-Kurs im vorigen Schuljahr hat Bobi gemerkt, dass Kamera genau sein Ding ist. Er kann sich hinter die Linse zurückziehen, kann Distanz zwischen sich und die Dinge bringen, bleibt Beobachter, ist selber aus dem Focus. Die Kamera ermöglicht ihm einen anderen Blick, er sieht alles klarer und genauer, und zudem kann er den Moment festhalten. Nur die Montage hinterher ist nicht so leicht. Dazu braucht man ein gutes Programm. Zum Glück gibt es in der Schule eins, und da sie ein Schulprojekt machen, werden sie das sicher benutzen können. Und auf YouTube gibt es jede Menge gute Anleitungen.

Xabier schleppt immer neue Gläser heran. Aber das macht Bobi nichts. Gläserspülen hat für ihn etwas sehr Beruhigendes. Seine Handbewegungen laufen automatisch, er spült immer zwei Gläser auf einmal. Lippenstift und Fettspuren entdeckt er sicher. Bei ihm geht kein schmutziges Glas raus. Auch das Abarbeiten von Xabiers Zetteln, Getränke fertigmachen und aufs Tablett stellen, funktioniert längst reibungslos. Bobi hat ein eigenes System entwickelt, ohne überflüssige Bewegungen oder doppelte Wege. Er ist fast schon so schnell wie Xabier.

Die Gruppe draußen auf der Terrasse wird lauter. Je mehr Alkohol die Leute trinken, desto lebendiger werden sie. Längst sind auch die anderen Tische besetzt. Xabier rennt hin und her, schleppt Wein und Bier und Essen und Kaffee. Trotzdem bleibt er mal hier und mal da stehen und redet mit den Leuten. Bis jemand was bestellen oder bezahlen will oder die Küche klingelt und er nach hinten laufen muss.

Ein paar Stunden Hektik, dann wird es ruhiger. Nach und nach brechen die Gäste auf. Vom Liederreigen sind noch zwei Leute dageblieben, eine Frau in Xabiers Alter und ein Mann, der jünger ist als sie. Sie sitzen sich still gegenüber und nippen immer mal wieder versonnen am Wein. Sie wissen nicht, dass Bobi vom Tresen aus unter ihren Tisch gucken kann. Und da geht es wesentlich lebhafter zu. Ihre Beine sprechen miteinander, sehr, sehr angeregt. Jetzt eine Kamera, denkt Bobi.

Die beiden trinken aus, zahlen und stehen auf. Küsschen links, Küsschen rechts, mit Abstand. Sie geht in die eine, er in die andere Richtung.

„Kennst du die?“, fragt Bobi Xabier.

„Der Typ“, sagt er, „ist öfter hier. Kommt aus München.“

„Und die Frau?“

„Gehört zum Chor, mehr weiß ich nicht.“

„Haben die beiden was?“

Xabier lacht.

„Seguro! Und sie ist bestimmt verheiratet.“

„Warum macht die sowas?“

„Was weiß ich! Da gibt’s tausend Gründe. Und der Typ sieht doch sympathisch aus – jung, fit, lebendig!“

„Krass verlogen, oder?“

„Klar. Könnte natürlich auch anders sein: Sie liebt zwei Männer, und beide finden das okay.“

„Echt mal?“

„Warum nicht? Wenn alle einverstanden sind? Hier, das sind die letzten Gläser.“

Bobi hat keine Ahnung, wie er das finden soll. In jedem Fall ist das, was er hier gesehen hat, eindeutig heimlich. Also sind nicht alle einverstanden.

„Wenn du den Mann von der kennen würdest, würdest du dem das sagen mit dem Lover?“, fragt er seinen Vater und stülpt das letzte Bierglas ins Spülbecken.

„Wenn er mein Freund wäre, würde ich mit der Frau sprechen. Dass die’s ihm sagt, glaube ich. Ihm das sagen? Nee, würde ich nicht.“

Ist das feige?, überlegt Bobi. Oder Freundschaft?

Die beiden putzen die Bar, stellen die Stühle hoch, rücken die Tische auf der Terrasse zusammen. Inzwischen sind auch Naira und Uwe mit der Küche fertig. Sie können abschließen.

Xabier und Bobi haben keinen weiten Heimweg, sie wohnen direkt über dem Restaurant.

Bobi würde Xabier gerne fragen, wie das mit ihm und Sofia und der Liebe ist. Aber da sind sie schon an der Wohnungstür. Er ist müde und Xabier auch. Und irgendwie kann sich Bobi überhaupt nicht vorstellen, dass Xabier heimlich eine Freundin haben könnte oder Sofia einen Freund. Im Leben nicht.

3

Julika schläft. Die Sonne scheint durchs offene Fenster in ihr Zimmer, doch Julikas Bett steht im Schatten, denn Julika schläft gerne und lange. Und abends bleibt sie ebenso gerne lange auf und liest, bis ihr die Augen zufallen.

Obwohl Julika heute erst zur dritten Stunde muss und das abends auch laut verkündet hat, wird sie schon um sieben von ihrer Mutter geweckt, erst vorsichtig, dann energisch, weil Julika sich nicht gleich rührt. Endlich macht sie die Augen auf, guckt auf den Wecker, schließt die Augen sofort wieder und brummt:

„Hab heut später.“

„Ich weiß“, antwortet ihre Mutter. „Aber Christian ist krank, er hat Fieber. Ich hab Sanya angerufen, die hat zum Glück Zeit und kommt gleich.“

„Super“, sagt Julika und dreht sich auf die andere Seite.

„Bitte, steh auf Julika. Wenn irgendwas ist mit Christian … Bitte! Ich muss jetzt los, bin schon spät dran.“

„Der stirbt schon nicht so schnell“, murmelt Julika, aber das hört ihre Mutter nicht mehr. Denn sie ist bereits auf der Treppe, auf dem Weg nach unten und aus dem Haus.

Julika macht keine Anstalten aufzustehen. Ihre Mutter hat die Zimmertür aufgelassen, die von Christian ist mit Sicherheit auch auf; also würde sie ihn hören, wenn er was braucht.

Julika bleibt mit geschlossenen Augen liegen und versucht, sich an den Traum zu erinnern, aus dem ihre Mutter sie gerissen hat. Aber nichts da, alles weg, keine Erinnerung, kein Bild, nur ein vages Gefühl von Verunsicherung. Irgendwie war alles wirr, wackelig, unentschieden, unklar. Aber was? Worum ging es? So sehr sie auch grübelt, die Traumbilder heraufzubeschwören sucht, es bleibt eine große Leere.

Träume faszinieren Julika. Am Wochenende, wenn sie kein Wecker weckt und sie nach dem Aufwachen liegen bleiben kann, kann sie sich meistens an das erinnern, was sie geträumt hat, kann noch einen Zipfel des Traumgeschehens festhalten und dem nachspüren, was in ihrem Kopf vorgegangen ist. Sie versucht immer, sich einen Reim drauf zu machen, was ihr allerdings nur selten gelingt. Oft sind die Bilder so abstrus, die Ereignisse so eigenartig, dass Julika nicht draufkommt, was sie bedeuten könnten, was der Traum ihr sagen will, wenn er das denn überhaupt will. Denn Julika ist sich gar nicht sicher, ob Träume etwas bedeuten oder ob sie nicht einfach nur der Mülleimer der Seele sind, in den alles reingepackt wird, was einem zu schaffen macht. Dann wäre das Aufwachen die Löschtaste? Aber die Erinnerung an schlimme Erlebnisse lässt sich ja nicht so einfach auslöschen, sonst gäbe es ja keine Alpträume.

Unten klappt die Haustür. Das heißt, Sanya ist gekommen, Sanya, die Perle, die gute Seele des Hauses, jedenfalls sagt Oma das immer. Seit Julika auf der Welt ist, putzt Sanya bei der Familie Schaaf. Früher hat sie Julika und später auch Christian gehütet, wenn die Mutter arbeiten ging und der Vater auf Dienstreise war. Und wenn die Eltern abends ausgingen, hat Sanya die Kinder ins Bett gebracht und ist dageblieben, bis die Eltern zurück waren.

Julika und Christian lieben Sanya heiß und innig. Wenn sie da ist, scheint die Sonne. Sanya kann fröhlich sein wie sonst niemand, mit ihr gibt es immer was zu lachen – selbst wenn eigentlich Schimpfe angesagt wäre. Wenn die Kinder ihre Zimmer nicht aufgeräumt haben, so dass Sanya nicht richtig putzen kann, sind ihre Ermahnungen so witzig, dass sich die beiden sofort an die Arbeit machen und Besserung schwören. Wenn Christian ganz betrübt eine Vier nach Hause bringt, fragt Sanya ihn mit ernster Miene, ob es denn nicht zur Fünf gereicht hätte, und schon erhellt sich Christians Gesicht. Als die Kinder kleiner waren, nahm Sanya sie auf den Schoß, auch heute noch nimmt sie sie ganz selbstverständlich in die Arme, wenn sie Kummer haben. Sie hört ihnen immer zu, wenn sie was zu erzählen haben, und hilft ihnen suchen, wenn sie was verloren haben. „Kinderseele ist wichtiger als sauberer Fußboden“, sagt sie augenzwinkernd, wenn ihre Zeit nur noch zum Fegen und nicht mehr zum Wischen reicht. Den Unterschied sehen die Eltern sowieso nicht.

Als Julika erfuhr, dass Sanya für ihre Arbeit bezahlt wird, also auch fürs Ins-Bett-Bringen und Gute-Nacht-Geschichte erzählen, war sie erst sehr enttäuscht. Wenn Sanya das für Geld macht, dachte Julika, hat sie sie vielleicht gar nicht wirklich lieb, sondern nur bezahlt lieb. Doch den Zahn hat ihr Sanya schnell gezogen.

„Ich muss arbeiten, ich brauche das Geld zum Leben, ich habe auch zwei Kinder. Aber bin ich doch Mensch, nicht Maschine“, hat sie gesagt und Julika in den Arm genommen. Das hat Julika verstanden.

Julika hört, wie Sanya die Treppe heraufkommt, in Christians Zimmer verschwindet und leise mit ihm redet, hört das Wort Wadenwickel, Sanyas unfehlbare Fiebersenk-Methode, hört sie ins Bad gehen, die Tücher nass machen.

Wenig später steckt Sanya kurz den Kopf in Julikas Zimmer und sagt:

„Steh auf, ich mach uns Frühstück!“

Das wirkt sofort. Julika wälzt sich aus dem Bett, duscht, zieht sich an und läuft die Treppe runter in die Küche, wo der kleine Tisch schon für zwei gedeckt ist und Sanya Kaffee kocht, den starken, süßen, krümeligen Sanya-Kaffee.

„Guten Morgen, meine Schöne“ sagt Sanya und begrüßt Julika mit einem Küsschen links, einem Küsschen rechts. „Wie geht’s dir? Was ist mit Bello?“

„Der ist immer noch weg.“

Julika setzt sich an den Tisch und erzählt Sanya, dass sie mehrmals im Wald und beim Schützenhaus nach ihrem Hund gesucht hat, dass sie beim Tierarzt nachgefragt hat, dass sie Zettel mit einem Foto von Bello an die Bäume gepinnt hat, dass sie sein Foto im Internet gepostet und alle gebeten hat, es weiter zu teilen, dass sie andauernd grübelt und nach einer Erklärung sucht. Und dass ihr Bello so sehr fehlt – und nicht nur, weil sie jetzt nachts die Alarmanlage anmachen müssen.

„Weißt du, als Bello da war, hab ich mich gar nicht mehr so viel um ihn gekümmert“, sagt sie. „Er war ja da! Aber jetzt … Ich versteh das nicht!“

„Vielleicht hat jemand Bello geklaut?“, meint Sanya und schenkt den Kaffee in die kleinen Tassen.

„Meinst du?“, überlegt Julika.

Zwei Toastbrote springen aus dem Toaster, sie legt eins auf ihren, eins auf Sanyas Teller.

„Klar, ein reinrassiger Rottweiler ist schon was wert. Aber wer will Bello fangen? Der geht doch nicht einfach mit jedem mit.“

Julika schüttelt den Kopf.

„Kann ich mir nicht vorstellen. Aber ich kann ja mal checken, ob irgendwo ein Rottweiler in seinem Alter angeboten wird. Wenn, dann läuft sowas doch übers Netz, oder?“

Sanya hebt die Schultern, zieht die Augenbrauen hoch und rückt ihren Pferdeschwanz zurecht.

„Keine Ahnung.“

Sie trinkt ihren Kaffee und schmiert Marmelade auf ihren Toast. Als sie fertiggegessen und den Kaffee ausgetrunken hat, holt sie vier Orangen aus dem Kühlschrank und die Saftpresse vom Regal. Orangensaft ist für sie ein Lebenselixier, den wird sie für Christian machen, denkt Julika und fragt:

„Wie geht’s Christian?“

„Nicht gut“, sagt Sanya. „Will nicht essen. Ich bring ihm gleich Saft, trinken muss er.“

Nachdenklich fügt sie hinzu:

„Der hat was, der Junge.“

„Na klar, Grippe oder sowas!“, meint Julika.

„Vielleicht. Vielleicht aber auch anderes. Der Junge ist mehr empfindlich, als ihr denkt.“

„Meinst du, wegen Bello?“

Das kann sich Julika nun gar nicht vorstellen, dass Christian krank wird, weil Bello verschwunden ist. Dem fehlt der Hund garantiert nicht.

„Ach, was“, sagt sie. „Der hat sich einfach irgendwo angesteckt. Der hatte ja schon am Sonnabend Kopfschmerzen, da war Bello noch gar nicht weg.“

Sanya nickt, sagt aber nichts, sondern drückt Julika einen Umschlag in die Hand.

„Lag auf dem Tisch. Von deiner Mama.“

Auf dem Umschlag steht:

Julika, bitte fahr nach der Schule bei Uromi vorbei und bring Darina das Geld in dem Umschlag. Ich schaff das heute nicht.

„Okay, mach ich“, sagt Julika.

„Bleib ein bisschen bei ihnen“, sagt Sanya. „Sie sind so viel alleine.“

Julikas Uromi lebt immer noch dort, wo auch Julika früher gewohnt hat, in Kastanienhof, der Werkssiedlung auf dem Hügel. Das kleine Haus der Urgroßeltern gehört zu der Familiengeschichte, die Julika inzwischen in- und auswendig kann. Wer nicht weiß, wo er herkommt, weiß auch nicht, wo er hinsoll, pflegt ihr Opa zu sagen, der in diesem kleinen Werkshaus aufgewachsen ist.

Die Saga beginnt mit dem Schwiegervater ihrer Uromi, dem alten Ritter, der sich im Werk vom Lehrling zu einem leitenden Ingenieur hochgearbeitet hat und maßgeblich an der Entwicklung neuer Produkte beteiligt war. Er war der erste Bewohner des kleinen Hauses der Siedlung Kastanienhof, die in den dreißiger Jahren für Angestellte und Arbeiter des Werks errichtet wurde. Der alte Ritter überließ das Haus seinem Sohn Hermann, Julikas Uropa, der auch im Werk schaffte, und seiner jungen Ehefrau, der lebenslustigen Offizierstochter Renate – Julikas Uromi. Die beiden bekamen noch im Krieg ihren Sohn Gunter, Julikas Opa, der wie sein Vater und sein Großvater sein Berufsleben im Werk begann und beendete. Und jetzt ist es seine Tochter Astrid, Julikas Mutter, die diese Familientradition fortsetzt, auch sie arbeitet in leitender Position im Werk, genau wie ihr Mann. Das Werk, Familie Ritter bzw. jetzt Schaaf und das kleine Städtchen sind seit Generationen eine unverbrüchliche Einheit. Zu der Julika dazugehört, ob sie will oder nicht.

Julika ist gespannt, ob Uromi sie heute erkennt. Die alte Frau hat gute Zeiten und schlechte Zeiten. Mal ist sie vergnügt und gut gelaunt, mal mürrisch und überhaupt nicht ansprechbar. Ihr Gedächtnis ist ein Sieb, sagt sie selber, wenn sie einen hellen Moment hat. Und wenn sie gar nichts mehr weiß, presst sie die Lippen zusammen und schweigt laut.

Alleine versorgen kann sie sich nicht mehr. Deswegen wurde Darina engagiert, über eine slowakische Firma, preisgünstig. Darina wohnt bei Uroma und kümmert sich Tag und Nacht um sie, gibt ihr ihre Medikamente und ausreichend zu trinken, wäscht und windelt sie, kauft ein, richtet ihr die Mahlzeiten, kocht, putzt. Drei Mal in der Woche hat Darina vier Stunden frei, in der Zeit muss jemand von der Familie bei Uromi sein. Julika ist froh, dass sie das nicht zu machen braucht. Auf Windeln wechseln ist sie nicht scharf, auch wenn sie Uromi ganz gerne mag.

Uropa Hermann ist schon einige Jahre tot, Julika kann sich kaum noch an ihn erinnern. Eine Begegnung aber wird sie nie vergessen, und sobald sie daran denkt, spürt sie wieder den Zorn von damals: Der große Mann mit dem kahlen Kopf und der riesigen Nase hatte sich zu ihr heruntergebeugt und sie gefragt, wie alt sie denn schon sei. „Sieben“, hat sie ihm stolz geantwortet und wollte ihm gerade zeigen, dass sie ihren ersten Eckzahn verloren hat, da erwiderte er: „Was denn – Jahre oder Kartoffeln?“, und zwar so streng, dass Julika sofort antwortete: „Jahre“, obwohl sie sich hinterher am liebsten auf die Zunge gebissen hätte. Was für eine blöde Frage!

Ein oder zwei Jahre danach ist Uropa bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Eigentlich hätte er längst nicht mehr fahren dürfen, alle in der Familie wussten, dass er nur noch schlecht sah und hörte, dass er Schwierigkeiten hatte, Abstände einzuschätzen, aber niemand hatte sich getraut, ihm zu sagen, er solle seinen Führerschein und damit auch seinen geliebten, exzellent gepflegten Daimler Oldtimer abgeben.

So geschah es dann, dass er in einer Rechtskurve zu weit nach links geriet und frontal gegen einen entgegenkommenden Laster krachte. Dessen Fahrerin kam mit dem Schrecken und leichten Schäden am Wagen davon, doch Uropa war tot, und Uroma, die neben ihm gesessen hatte, wurde schwer verletzt. Die Brüche sind zwar zusammengewachsen, die Wunden verheilt, aber so lebenslustig wie vorher wurde sie nie wieder. Also ist eigentlich Uropa dafür verantwortlich, dass es Uroma so schlecht geht, denkt Julika. Oder? Oder die Leute, die wussten, dass er nicht mehr fahren konnte, und nichts gesagt haben? Schwierig. Denn eigentlich ist doch jeder Mensch selbst für das verantwortlich, was er tut. Oder gibt es da Ausnahmen? Kinder sind ja auch erst ab 14 strafmündig. Alte dann irgendwann nicht mehr?

Darina macht Julika die Tür auf und lächelt froh:

„Besuch! Komm rein. Wird sich Uroma freuen, sie ist klar heute!“, sagt sie und fügt hinzu: „Ich bin in der Küche.“

Julika legt den Umschlag mit dem Geld auf die Kommode im Flur und geht weiter ins Wohnzimmer, wo seit einiger Zeit das Pflegebett von Uroma steht, an der Stelle, wo früher ihr Fernsehsessel stand. Auf dem Couchtisch steht ein Strauß Freesien, Uromas Lieblingsblumen, deren Duft das Zimmer füllt. Aber leider nicht ganz, ein unangenehmer Mief dringt doch irgendwie durch. Zum Glück gewöhnt sich Julika immer recht schnell daran. Nur beim Reinkommen ist es ziemlich heftig.

Die Gardinen der Fenster zum Garten sind zur Seite gezogen, so dass Uromi das Blumenbeet, ihren geliebten Apfelbaum und das Vogelhäuschen sehen kann. Sie kennt alle Vogelarten und ihre Gesänge.

Uromi hat den Kopf schon Richtung Tür gewandt, als Julika auf sie zugeht. Über das faltige, eingefallene Gesicht der alten Frau huscht ein vorsichtiges Lächeln. Ihre himmelblauen Augen gucken erst fragend, dann leuchten sie.

„Julika“, sagt sie mit dünner Stimme. „Meine Kleine, wie schön, dass du kommst!“

Julika ist erleichtert, dass Uromi sie erkannt hat und sie nicht lang und breit erklären muss, wer sie ist. Sie nimmt die faltige, mit braunen Flecken übersäte Hand in ihre, beugt sich zu der alten Frau hinunter und gibt ihr einen Kuss auf die Stirn. Weich fühlt sich die Haut an, aber auch ein bisschen wie Papier.

„Was gibt’s Neues?“, fragt Uromi, hält Julikas Hand fest und blickt ihre Urenkelin erwartungsvoll an. Die Pupillen ihrer hellen Augen zittern ein bisschen.

Julika angelt mit dem Fuß nach dem Stuhl hinter sich, setzt sich und erzählt, dass Bello verschwunden ist, dass Christian krank ist, dass das neue Schuljahr angebrochen ist, ihr vorletztes, und was ihr sonst noch einfällt. Nach einer Weile merkt sie, dass der aufgeräumte Ausdruck im Gesicht der alten Frau verschwindet. Sie guckt nur noch starr geradeaus in den Garten und hört oder versteht vermutlich nicht mehr, was Julika sagt. Julikas Hand aber, die hält sie ganz fest.

So bleibt Julika ruhig sitzen, guckt sich im Zimmer um, betrachtet das Sammelsurium von Medikamenten und Pflegemitteln auf dem Nachttisch neben dem Bett, studiert ausführlich das große Bild vom Werksgelände, das Uropa vom Vorstand zu seiner Pensionierung bekommen hat, sein ganzer Stolz, und überlegt, welche Gebäude bis heute dazugekommen sind, mustert die gerahmten Fotos auf der Anrichte, die Bilder von Hochzeiten, Taufen, Firmenjubiläen, auf denen Uromi jung ist und älter und alt, aber immer voller Leben und fit.

Wie mag das sein, wenn man krank im Bett liegt und nicht aufs Gesundwerden, sondern auf den Tod wartet?, überlegt Julika. Tut Uromi das überhaupt? Denkt sie ans Sterben, will sie überhaupt noch leben? Uromi hat nie über so etwas gesprochen, auch nicht, als sie klarer war, jedenfalls nicht in Julikas Beisein. Und nun liegt sie nur noch im Bett, Tag für Tag, angewiesen auf die Hilfe Darinas oder anderer. Was mag ihr da alles durch den Kopf gehen? Oder läuft da gar nichts mehr, weil sich das Gehirn schon aufs Abschalten einstellt?

Uromi atmet tief und regelmäßig, die Augen sind ihr zugefallen, ihr Gesicht ist entspannt, auch der Druck ihrer Hand hat nachgelassen. Vorsichtig löst Julika ihre Hand heraus und legt den Arm der Uroma aufs Bett.

„Schlaf schön“, flüstert Julika und geht hinaus.

4

Bobi fährt mit dem Fahrrad. Er weiß genau, wo der Schrebergarten von Natalie ist. In derselben Siedlung hatten seine Großeltern früher auch ein Grundstück. Nachdem sie das Restaurant aufgemacht hatten, konnten sie den Garten allerdings nicht mehr so pflegen, wie die Gartenordnung es verlangte, und gaben den „Strebergarten“ auf, wie Abuelo Victor ihre Parzelle nannte. Bobi ist sich nicht sicher, ob das an seinem schlechten Deutsch lag oder ob er das Wort mit Absicht gewählt hatte. Als Bobi jetzt auf den Weg zur Gartenanlage Unsere Scholle einbiegt, denkt er, es wird wohl Absicht gewesen sein.

Das Gelände ist von einem hohen Zaun umgeben. Neben dem Eingang hängt ein Schild mit der Gartenordnung. Alle Gärten sind einheitlich groß und erstklassig gepflegt. Pro Grundstück gibt es einen oder zwei Bäume, Hecken und Beete mit Nutzpflanzen oder Blumen, die ordentlich in Reih und Glied stehen, kein fremdes Kraut dazwischen. Die kleinen Rasenflächen sind sorgfältig gemäht, die Wege geharkt, die Zäune dazwischen in Schuss. Doch, Strebergarten passt, denkt Bobi, als er auf die Parzelle von Natalie zuradelt. Zwei Fahrräder lehnen schon am Zaun, Manuels Moped steht daneben.

Alle pünktlich da.

Natalie führt die drei in ihrem Garten herum, auch der ist recht gepflegt, allerdings wächst hier mehr durcheinander als in anderen Gärten.

„Wir stellen die Pflanzen so zusammen“, sagt Natalie, „dass Schädlinge abgehalten werden, ohne Chemie. Meine Mutter macht eine richtige Wissenschaft daraus“, lacht sie. „Aber es klappt! Könnt alles unbesorgt essen.“

Amal bückt sich und zupft was aus einem Beet, das Bobi für Unkraut hält. Aber dann sieht er, dass eine Möhre dranhängt.

„Meine Oma hat auch einen Garten“, sagt Amal, wischt die Erde von der Möhre und beißt rein. Als sie Bobis neugierigen Blick sieht, hält sie ihm die Möhre hin:

„Abbeißen?“

Ehe er sich versieht, hat er genickt und zugegriffen. Eigentlich mag er Möhren nicht besonders, aber Amals Lächeln ist stärker. Er beißt ab, kaut und verzieht das Gesicht. Zwischen seinen Zähnen knirscht Erde.

„Na ja“, lacht Amal, als sie es bemerkt. „Naturkost!“

Und Bobi lacht auch.

Unter dem Apfelbaum liegen ein paar grüne Äpfel, die Natalie aufsammelt und auf den Holztisch vor der Hütte legt. „Den Tisch hat mein Vati selbst gebaut“, sagt Natalie und packt das Filmequipment aus, „die Hütte auch.“

Da es ein bisschen windig ist, montiert sie einen Windkorb ans Mikrofon. Bobi prüft derweil das Licht. Am blauen Himmel stehen ein paar Wolken, also wählt er einen Schattenplatz neben der Hütte, damit die Lichtunterschiede nicht so groß sind, wenn die Sonne mal hinter einer Wolke verschwindet. An der hölzernen Hüttenwand ist auch der Hintergrund einigermaßen ruhig, deshalb stellt er den Stuhl, den Natalie aus der Hütte holt, dort hin und überlegt dabei schon, welche Bilder er für Zwischenschnitte aufnehmen könnte.

Manuel und Amal schauen den beiden fasziniert, aber auch ein bisschen irritiert zu, weil sie nicht so recht wissen, was sie tun sollen.

Natalie montiert das Mikro mit dem Windkorb an die Angel und schlägt vor, dass alle Fragen aus dem Off kommen sollen. Bobi nickt und schraubt die Kamera aufs Stativ.

„Was?“, fragt Manuel.

„Na ja, wer dran ist, setzt sich auf den Stuhl, und wer eine Frage hat, hebt den Finger, und ich halte das Mikro hin und los geht‘s. Ganz einfach.“

„Ja“, sagt Bobi. „Dann muss ich nicht immer mit der Kamera hin und her.“

„Aber ey, wenn wir nun stottern oder Scheiße reden? Mann, ich bin noch nie interviewt worden“, sagt Manuel, der sich nervös eine Zigarette anzündet. Inzwischen ist ihm die Sache etwas unheimlich.

„Das wird doch hinterher montiert“, beruhigt ihn Bobi. „Alles kann wieder rausgeschnitten werden. Und wenn du dich verhaust, hörst du einfach auf und fängst noch mal von vorne an. Ich mach ein paar Bilder von der Umgebung, die können wir dazwischen packen, dann gibt’s keine Sprünge.“

„Außerdem ist das doch erst mal nur für uns“, sagt Natalie leicht gereizt, weil sie endlich loslegen will. „Ob wir davon was für die Präsentation benutzen, wissen wir noch gar nicht. So ein Film entsteht doch erst im Schnitt.“

„Natalie! Du weißt, wie das geht, aber wir doch nicht!“, versucht Amal zu vermitteln. „Also: Wir setzen uns auf den Stuhl, sagen, wer wir sind, warum wir das Projekt machen wollen und so, ja?“

„Genau“, sagt Bobi lächelnd. „Genau so. Und wer fragen will, hebt die Hand und fragt.“

Seine Kamera steht, er kennt seine Aufgabe und freut sich auf die Interviews.

„Können wir?“

Manuel nickt, Amal nickt. Natalie stülpt sich die Kopfhörer über, Bobi stellt sich hinter die Kamera und fragt, wer anfangen will. In dem Moment stellt der Nachbar seinen Rasenmäher an. Alles auf Stopp. Aber noch ehe sie sich richtig ärgern können, ist es schon wieder vorbei. Natalie meint trocken:

„Die sind echt wie Wunderkerzen: Anstecken, abbrennen, fertig“, und setzt ihre Kopfhörer wieder auf.

Aber es ist noch nicht vorbei, der Nachbar auf der anderen Seite muss erst von Natalie begrüßt werden und danach dringend drei Hölzer schreddern, so dass sie wieder warten. Genau wie die Kinder am Zaun, die neugierig zur Kamera rübergucken und denken, das Fernsehen wäre da. Zum Glück sind die Kinder weit genug weg und werden gehen, wenn’s langweilig wird. Und das wird es sicher bald, denn vom Zaun aus können sie nichts hören, auch nicht, als der Schredderer endlich fertig ist.

Manuel will anfangen, damit er es schnell hinter sich hat. Er drückt seine Zigarette im Aschenbecher aus, setzt sich breitbeinig auf den Stuhl und fährt sich mit beiden Händen durch die halblangen, rötlichbraunen Haare. Er benetzt die Lippen mit der Zunge, beißt sich auf die Unterlippe, kneift seine blitzblauen Augen zu und reißt sie auf, sagt aber nichts, bringt keinen Ton heraus.

„Hallo?“, sagt Natalie und schwenkt das Mikro vor ihm hin und her. „Kann losgehen!“

Amal hebt die Hand, Natalie schwenkt das Mikro zu ihr, und Amal sagt:

„Manuel, du kannst das! Erzähl doch erst mal was von dir, so wollten wir doch anfangen.“

Erwartungsvolles Schweigen.

Endlich macht Manuel den Mund auf, bringt aber nur ein wütendes: „Scheiße, nein, kann ich nicht“, heraus und springt auf.

„Mach du erst mal, Amal.“

„Gut.“

Amal nimmt seinen Platz ein, ruckelt sich zurecht, bis sie bequem sitzt, und legt die Hände auf dem Schoß zusammen. Bobi betrachtet sie im Display seiner Kamera und bemerkt verblüfft, dass ihm noch nie aufgefallen ist, wie rund alles an ihr ist, der Kopf, das Gesicht, das Grübchen in der linken Wange, der Leberfleck unter dem linken Auge, die Nase, das Kinn, die Fingerkuppen. Nur ihre Haare, die sind borstig und kurz. Eigenartiger Gegensatz. Ihre Haut ist ockerfarben, die Haare sind blauschwarz, die Augen rabenschwarz, die dunklen Wimpern ewig lang und seidig. Die Augenbrauen sehen aus wie mit Kohle gezeichnet. Bobi sorgt dafür, dass ihr Grübchen gut ins Bild kommt, wenn es sich zeigt. Denn das gefällt ihm so gut, dass er sich glatt reinfallen lassen könnte.

„Also“, fängt Amal an, ihre Stimme ist leise aber fest. „Ich heiße Amal, bin sechzehn Jahre alt und gehe in die zehnte Klasse. Ich will Industriekauffrau werden, weil … keine Ahnung, wahrscheinlich, weil ich schon einen Ausbildungsplatz hab. Genau. Und, das ist total cool, weil ich … dann kann ich Geld verdienen …, weil, egal. Bloß … also ich …“

Sie zögert, hält inne, streicht sich mit der Hand über den Kopf, will weiterreden, unterbricht sich aber selbst mit einem energischen:

„Egal.“

Bevor jemand nachfragen kann, spricht sie schnell weiter:

„Genau. Also der Beruf, den ich will, der muss was mit Zahlen zu tun haben. Zahlen mag ich. Zahlen sind so klar, so eindeutig, da kann man nix dran drehen. Mit Zahlen kann man viel ausdrücken, und manchmal geht das schneller als mit Worten. Zahlen sind überall und für alle gleich. Zehn ist zehn ist zehn. Klar, zehn kann viel sein oder auch wenig, je nachdem, wofür die Zehn steht. Das muss man natürlich definieren. Bilder und Wörter kann man immer so oder so sehen, Zahlen nicht. Zahlen sind verlässlich. Ich glaube, verlässlich sein ist für mich was ganz Wichtiges.“

Sie lächelt verlegen. Sie sieht dabei aber nicht unsicher aus, findet Bobi, sondern tatsächlich: verlässlich.

„Na ja. Und das mit dem Projekt, also ich … ich bin wegen Krieg hier. Meine Eltern kommen aus Jugoslawien, also so hieß das früher, das gibt‘s ja nicht mehr. Meine Mama ist Bosniakerin, mein Papa Serbe, die Familie von meiner Mama muslimisch, die von meinem Papa serbisch-orthodox. War aber meinen Eltern egal, denn die sind nicht religiös, beide nicht, die waren nie in der Moschee oder in der Kirche, mein Papa ist nicht mal getauft. Aber dann kam der Krieg und Jugoslawien ging kaputt, oder Jugoslawien ging kaputt und der Krieg kam, keine Ahnung, jedenfalls war’s auf einmal wichtig, wer Serbe war oder Bosniake oder Kroate oder Muslim oder orthodox oder katholisch oder was weiß ich.“

Sie schiebt die Hände unter die Beine und guckt auf den Boden, so dass ihr Gesicht nicht mehr zu sehen ist. Bobi will gerade mit den Fingern schnipsen, da blickt sie schon wieder hoch und redet weiter. Jetzt sehr ernst. Ihre dunklen Augen schimmern. Ihre Stimme wird leiser, Natalie verstellt was an ihrem Aufnahmegerät.

„Alles wurde anders. Viel weiß ich nicht, weil … meine Eltern reden nicht darüber. Papa wollte nicht Soldat sein, wollte nicht auf seine Verwandten und Freunde schießen, bloß weil die auf einmal Feinde sein sollten. Er ist erst untergetaucht und dann abgehauen, nach Deutschland, zu Verwandten. Hat Asyl gekriegt, war aber schwer. Mama war schwanger mit meinem Bruder und ist später nachgekommen, mit dem Baby, das muss schlimm gewesen sein, aber auch sie redet nicht. Wenn ich sie frage, lacht sie und nimmt mich in die Arme und sagt: ‚Das ist vorbei, Kind, wir leben, und wir leben gut, und wir haben noch dich dazubekommen, mein Herzblatt, was wollen wir mehr?‘ Aber ich weiß, dass hinter ihrem Lachen eine Trauer wohnt. Ihr Papa ist getötet worden, damals, und ihr Bruder auch. Viele sind erschossen worden, ganz viele. Zum Glück lebt ihre Mama noch, und wir können sie in den Ferien besuchen, im Dorf. Jetzt ist ja kein Krieg mehr.“

Sie atmet einmal tief durch. Niemand sagt etwas. Das müssen sie erst mal verdauen. In der Schule hat Amal noch nie darüber gesprochen. Bobi stellt fest, dass er eigentlich sehr wenig von den anderen weiß. Dabei hocken sie jeden Tag viele Stunden im selben Raum, seit Jahren schon. Merkwürdig.

Natalie hebt die Hand, hält sich das Mikro vors Gesicht und fragt:

„Erzählt deine Oma dir was?“

„Ja, aber nur von früher, von vor dem Krieg. Vom Krieg selber nicht. Sie sagt, das will ich gar nicht hören. Und sie will es vergessen.“

„Ist vielleicht besser“, murmelt Manuel und steckt sich eine neue Zigarette an.

„Ich weiß nicht“, meint Amal. „Wenn alle immer schweigen, ändert sich doch nix. Dann fängt alles immer wieder von vorne an.“

Sie zieht die Stirn kraus.

„Jedenfalls will ich deswegen bei dem Projekt mitmachen. Wenn die Waffen nicht gewesen wären, wäre das vielleicht alles nicht passiert, oder? Das will ich rauskriegen. So, das reicht – wer will jetzt?“

Sie steht vom Stuhl auf, nimmt sich einen Apfel vom Tisch und schnuppert daran, bevor sie reinbeißt. Das Apfelgrün passt gut zu ihrem Gesicht, stellt Bobi fest.

„Schön“, sagt Natalie und drehte an ihren Knöpfen. „Manuel? Du jetzt? Oder du, Bobi?“

„Okay, ich probier’s“, sagt Manuel.

Er pflanzt sich auf den Stuhl, legt den Kopf zur Seite, wirft die Haare aus dem Gesicht, räuspert sich dreimal, lässt alle Finger einzeln knacken, schlägt ein Bein übers andere, lässt sich im Stuhl so tief runterrutschen, dass sein Gesicht aus dem Display zu verschwinden droht. Aber dann kriegt er sich ein, stellt die Füße nebeneinander, richtet sich auf, guckt in die Kamera und legt los:

„Ich heiße Manuel, bin sechzehn Jahre alt, gehe in die zehnte Klasse Realschule. Schule find ich blöd, aber ohne Abitur kann man nix werden, das hab ich jetzt kapiert, und deswegen will ich‘s aufs Gymnasium schaffen.“

Er kneift die Augen zusammen.

„Auch wenn alle ‚Streber‘ sagen. Is mir egal. Ich will Tierarzt werden. Erstens, weil ich das mag, so mit Tieren was machen. Ich finde das total geil, wenn ich es schaffe, einem Riesenköter einen Dorn aus der Pfote zu pulen, und der frisst mich nicht auf.“

Er grinst. Seine anfängliche Scheu ist verflogen.

„Hab ich neulich gemacht. Echt, das war voll geil! Meine Mutter, die arbeitet beim Tierarzt als Sprechstundenhilfe, und ich jobbe da manchmal, Moped abstottern. Ich möchte alles machen, was der Tierarzt macht, also operieren und so, das stelle ich mir total cool vor. Und zweitens: Ich will später mehr haben als die paar Mäuse, die meine Mutter verdient – also, verdient, das ist echt ein blödes Wort, verdient hat sie bestimmt mehr. Ihr Lohn reicht gerade so für sie und mich, kleine Wohnung, kleines Auto, kleines Leben. Ihr Chef aber, der streicht jede Menge Kohle ein, großes Auto, großes Haus, Karibikurlaub. Ihr glaubt gar nicht, wie viel Geld die Leute für Haustiere ausgeben. Ich will Kohle machen. Glasklare Sache. Ja.“

Er räuspert sich.

„Und dein Vater?“, fragt Natalie.

„Äh, mein Vater?“

Manuel streicht sich die Haare aus dem Gesicht.

„Na ja, was soll ich sagen. Ich hab keinen.“

Er lacht auf.

„Mich hat der Storch gebracht, hat mir meine Oma immer erzählt. Weil meine Mutter so gerne einen kleinen Jungen wollte und sich extra einen mit himmelblauen Augen bestellt hat.“

Doofe Geschichte, denkt Bobi. Totale Verarsche.

„Also, keine Ahnung, wer mein Vater ist. Aber ich brauche keinen, ich versteh mich echt gut mit meiner Mutter. Die lässt mich machen und stresst überhaupt nicht. Da muss ich sie nicht mit blöden Fragen stressen.“

Er blickt Natalie scharf an.

„Okay, sorry“, sagt Natalie und hebt eine Hand.

„Na ja, und was das Thema betrifft. Ich denk darüber nach, warum Leute andere erschießen, aber jetzt nicht im Krieg, sondern im Frieden. Polizisten, Gangs, Amokschützen, sowas. Weil, mein Cousin, in dem seiner Schule war so’n Amokschütze gewesen, und mein Cousin, der hat das alles voll mitgekriegt, 14 war der da. Voll krass, was der mir erzählt hat, echt voll krass.“

Er macht eine Pause und fügt dann hinzu:

„Ey, dem sein bester Freund ist erschossen worden, einfach so, weil dieser Arsch die Knarre von seinem Papa klauen konnte. Das geht doch gar nicht! Mein Cousin, der war zwar nicht verletzt, also am Körper, aber den lässt das nicht mehr los, auch wenn’s schon lange her ist. Er hat immer noch Alpträume. Bloß weil der Typ so ´ne Scheißknarre hatte.“

Er schweigt, kneift die Lippen zusammen und macht kurz die Augen zu.

„Eh, der kann noch nicht mal einen Film sehen, in dem geschossen wird. Kriegt er Panikattacken!“, sagt er dann noch.

Die anderen rühren sich nicht. So was erlebt haben sie noch nicht, aber an ihrer Schule gibt es in regelmäßigen Abständen Amokalarm – als Übung. Mit Sirene und in Deckung gehen und allem, was dazugehört. Gruselig. Weil’s so unwirklich ist, und gleichzeitig irgendwie nah dran. Passiert ja auch in echt.

Nach einem Moment steht Manuel auf, winkt Natalie zu und sagt wieder so locker wie sonst:

„Jetzt du. Ich nehm deine Angel und fisch dir die Worte aus dem Mund.“

Natalie lächelt und drückt ihm den Stab in die Hand, zeigt ihm, wie er ihn halten soll, und hängt ihm das Aufnahmegerät um.

Dann nimmt sie auf dem Stuhl Platz. Schlägt die Beine übereinander, winkelt die Arme an, faltet die Hände im Schoß. Lange, feine Finger. Die blonden Haare frisch gestylt, bürstenkurz auf der einen Seite, schulterlang auf der anderen. Das Gesicht rosa-rosig, die Nase platt, als hätte einer mit dem Finger draufgedrückt. Sie schminkt sich nicht, dennoch sind ihre Lippen knallrot.

„Ich heiße Natalie, bin sechzehn Jahre alt und gehe in die zehnte Klasse Realschule. Meine Eltern haben in der DDR gelebt, in Thüringen, aber nach der Wende hat ihr Betrieb dichtgemacht. Arbeit futsch, alles futsch. Da haben sie rübergemacht, hierher. Hier im Werk gab’s Arbeit, meine Mutti hat in der Kantine angefangen, mein Vati als Lagerarbeiter. Vati ist inzwischen Pförtner, Mutti schafft immer noch in der Kantine.“

Sie legt den Kopf in den Nacken und streicht sich mit der Hand über den Hals, bevor sie fortfährt:

„Irgendwie stimmt das schon, was Patrick gesagt hat. Ich meine, dass wir hier alle von der Waffenherstellung leben, ich doch auch. Und nicht schlecht. Das hatte ich so noch gar nicht gesehen.“

Sie guckt direkt in die Kamera.

„Muss ich drüber nachdenken. Ja.“

Und schweigt.

Bobi schwenkt die Kamera zu Amal, weil sie so angespannt guckt, und fängt ein gedankenverlorenes Nicken ein.

Manuel sagt:

„Später. Mach erst mal weiter.“

Bobi richtet die Kamera wieder auf Natalie.

„Äh, ja. Also. Ich habe eine große Schwester, die lebt in Stuttgart und arbeitet als Erzieherin. Sie hat ein Kind gekriegt, und dann hat sie gesagt, na, dann kann sie ja gleich lernen, wie das geht. Finde ich gut, aber ich will erst mal keine Kinder, ich will eine Ausbildung als Gärtnerin machen oder auf einem Bio-Bauernhof Landwirtschaft lernen, irgend sowas, ich will auf alle Fälle was mit Natur machen und draußen arbeiten. Und das Projekt will ich nicht nur wegen Krieg machen, das auch, klar, aber das mit der Natur finde ich auch wichtig. Ich finde, die Menschen haben nicht das Recht, die Umwelt zu zerstören, nur damit sie bequemer leben können und immer reicher werden. Ich finde, Tiere und Pflanzen haben auch ein Recht zu leben. Ich möchte im Einklang mit der Natur sein.“

Amal hebt die Hand, und Manuel schwenkt die Angel zu ihr.

„Okay, verstehe ich“, sagt sie. „Aber was hat das mit Frieden schaffen ohne Waffen zu tun?“

Natalie legt die Finger übereinander, so dass sie ein Zelt bilden, und drückt sie gegeneinander.

„Also, ich finde, Frieden und Waffen, das ist ein totaler Widerspruch. Und als ich den Satz Frieden schaffen ohne Waffen gelesen hab, dachte ich, genau das ist es, so muss das sein, Waffen müssen weg. Meine Schwester sagt immer, man kann nicht Kinder schlagen, damit sie anständige Menschen werden. Ist doch richtig, oder?“

Sie hält einen Moment inne, blickt allen ins Gesicht, als erwarte sie Zustimmung. Und es nicken auch alle, selbst Bobi hinter der Kamera. Sie fährt fort:

„Und ja, mit der Natur, da ist das auch so. Wenn man die schützen will, darf man das nicht mit Gewalt tun. Ich will Frieden mit der Natur. Und keinen Krieg. Aber genau das machen Jäger mit ihren Waffen.“

Ihre blaugrünen Augen blitzen zornig, sie gerät immer mehr in Fahrt, spricht schnell und hektisch.

„Ich glaub, Jäger sind sowas wie Soldaten. Ich hab mir mal eine Website für Jagdwaffen angeguckt, und da sieht man ganz genau, dass Jagd irgendwie dasselbe ist wie Krieg: Jäger wollen den Feind – sie sagen, das Wild – aufspüren, töten; sie wollen sich beweisen, stärker sein, Herr über Leben und Tod sein – so was eben. Müsst ihr mal gucken. Widerlich ist das, so … so … großkotzig! Also ich bin gegen Krieg, gegen die Jagd, ich bin gegen Waffen. Ich finde, das hängt irgendwie zusammen. Krieg abschaffen ist schwer. Aber vielleicht kann man ja mit der Jagd anfangen? Keine Ahnung, wie man das durchsetzen kann. Da hängt so viel dran. Ist echt ein Riesending.“

Sie legt die Hände an die Wangen, die sich rot gefärbt haben, und guckt für einen Moment ganz verloren. Dann steht sie auf, nimmt Manuel die Angel ab und nickt Bobi zu. Er ist dran.

Schon puckert sein Herz wie wild, und er bekommt Schwitzefinger. Hinter der Kamera ist deutlich entspannter als vor der Kamera, schießt ihm durch den Kopf. Jetzt chill mal, sagt er sich, hören dir doch nur drei Leute aus deiner Klasse zu, und die haben gerade selber was erzählt. Er holt tief Luft, guckt noch mal aufs Display der Kamera, prüft, ob sie richtig ausgerichtet ist, drückt auf den Auslöser und setzt sich auf den Stuhl.

Bobi ist nicht besonders groß und ziemlich dünn, er selbst findet sich ein bisschen mickrig. Er hat dunkle Augen, eine unauffällige Nase, zwei kleine Pickel direkt daneben, seine Haut ist eher blass, das Haar dunkelbraun, lockig und so fest, dass seine Mutter Drahtwolle dazu sagt. Zu Bobis großem Bedauern hat er diese Wolle nicht nur auf dem Kopf, sondern fast überall auf dem Körper. Im Gesicht, auf der Brust, den Beinen, den Armen, auf dem Rücken, sogar auf dem Po. Seit ihm diese Haare mit zwölf, dreizehn gewachsen sind, hadert er damit. Er wollte sich das Zeug abrasieren, aber Xabier hat ihm dringend davon abgeraten:

„Mach das bloß nicht! Dann kriegst du überall Stoppeln! Gewöhn dich dran, es gibt Schlimmeres.“

Als Bobi vor der Kamera sitzt, versteht er sofort, warum Manuel erst gar nichts rausgebracht hat. Wahrscheinlich war dem auch einfach die Spucke weggeblieben so wie ihm jetzt. Sein Mund ist wie ausgetrocknet. Bobi schluckt, fährt mit der Zunge über die Lippen, zappelt wie früher in der Schule, wenn er sich nicht konzentrieren konnte. Dann fällt sein Blick auf Amal. Die lächelt ihn so aufmunternd an, dass er denkt, okay, ihr erzähl ich das. Und auf einmal ist die Spucke wieder da, und die Beine halten still.

„Also, ich bin Bobi. Eigentlich heiße ich Borislav, aber da, wo meine Eltern mich geholt haben, haben alle Bobi zu mir gesagt, und dabei ist es dann …“

„Wie, deine Eltern haben dich geholt?“, fragt Amal, ohne den Finger gehoben zu haben. „Hat dich auch der Storch gebracht?“

In ihrer Wange kringelt sich das Grübchen wie ein kleiner Strudel.

„Nö, das nicht. Aber meine Eltern haben mich adoptiert, als ich vier war. Aus einem Kinderheim in Bulgarien. Weil sie selber keine Kinder kriegen konnten. Im Waisenheim haben sie uns immer gesagt, eines Tages kommen eure Eltern und holen euch. Und für mich waren das dann Sofia und Xabier.“

„Wie – dann bist du Bulgare? Hast du bulgarisch gesprochen? Kannst du das immer noch?“, fragt Manuel erstaunt.

„Ach was. Ich bin Bobi, weiter nix. Bulgarisch hab ich vergessen, Sofia und Xabier haben Spanisch mit mir gesprochen, im Kindergarten hab ich Deutsch gelernt.“

„Weißt du was von deinen richtigen Eltern?“, fragt Manuel.

Er hat schon zum zweiten Mal den Finger nicht gehoben, und Natalie kommt mit dem Schwenken kaum hinterher.

„Ich weiß nix mehr, kann mich auch nicht mehr an das Heim erinnern. Ich bin total happy mit Xabier und Sofia.“

„Aber du hast doch zwei kleine Geschwister, oder?“, fragt Amal nach. „Haben deine Eltern doch noch Kinder gekriegt?“

„Nö, das sind Pflegekinder. Der Vater von Maja und Kevin sitzt im Knast, ihre Mutter ist völlig verpeilt. Kevin war erst in einer anderen Pflegefamilie, dann wollte er unbedingt zu uns.“

„Und, wie ist das für dich?“, fragt Amal.

„Ey, jetzt hör doch mal auf. Die Kleinen sind okay. Ich bin ihr großer Bruder, und gut“, fährt es aus Bobi heraus.

Amal schaut ihn sichtlich getroffen an, und Bobi ärgert sich sofort, dass er sie so angemacht hat.

„Äh, sorry. Kann ich jetzt weitermachen?“, schiebt er hinterher.

Niemand sagt etwas. Also macht er einfach weiter.

„Ich bin Bobi, bin siebzehn Jahre alt und gehe in die zehnte Klasse Realschule. Ich weiß noch nicht, was ich nach der Schule mache, vielleicht gehe ich nach Spanien. Keine Ahnung. Ich will nicht gleich wieder in so eine Anstalt wie Schule oder Betrieb oder so was.“

Manuel hebt die Hand:

„Und wovon willst du leben? Zahlen dir deine Eltern das?“

„Keine Ahnung. In Spanien hab ich Freunde, und da sind meine Großeltern. Mann, ich bin erst siebzehn, und da soll ich mich schon auf irgendeine Zukunft festlegen? Nö, mach ich nicht.“

Bobi zögert einen Moment, überlegt, ob er das wirklich sagen soll, aber dann denkt er, was soll’s, die anderen sind ja auch ehrlich gewesen.

„Eigentlich würde ich gerne Filme machen. Dokumentarfilme. Keine Ahnung, ob das geht, aber das würde ich wirklich gerne machen. Später mal.“

„Cool“, sagt Natalie. Und Amal guckt auch wieder freundlich.

„Ja. Äh … jetzt zu unserem Thema. Also ich … Ich finde auch, dass Frieden nur ohne Waffen geht. Was ich so sehe, in den Nachrichten, im Internet, im Fernsehen, die Bilder vom Krieg, die ganzen Leichen und so, Männer, die mit Knarren rumfuchteln, sogar kleine Jungs manchmal, das finde ich total gruselig. Warum haben die alle Waffen? Wo haben die die her? Wer Waffen hat, benutzt sie auch; wer angegriffen wird, schießt zurück, und so weiter. Ich glaube, wenn’s weniger oder am besten gar keine Waffen gäbe, wäre das anders. Keine Ahnung. Eigentlich würde ich am liebsten die Augen zumachen, so wie Maja beim Versteckspielen. Leider bin ich schon groß. Ich hab mit meinen Eltern über unser Projekt gesprochen. Die kannten den Spruch von früher und haben mir ´ne Menge erzählt von der Friedensbewegung, wo sie mitgemacht haben. Damals, in den Achtzigern, hatten alle Angst vorm Atomkrieg, da gab’s Blockaden gegen Raketenstützpunkte, riesige Demos und jede Menge action, irre Sachen haben die gemacht. Sogar ein Orchester hat Musik für den Frieden gemacht, bei Blockaden von Armeestützpunkten, richtige Konzerte haben die gegeben, vor Kasernen und so. Ich hab die mal gegoogelt – das Orchester gibt’s immer noch! Eh, und wisst ihr, wo die demnächst spielen? Hier bei uns, vor den Toren vom Werk! Da müssen wir hin!“

5

Julika ist verzweifelt. Bello ist und bleibt verschwunden, es gibt nach wie vor keine Spur von ihm. Ein Hund kann sich doch nicht einfach in Luft auflösen! Onkel Justus hat angerufen und noch einmal versichert, dass Bello nicht von einem Jäger erschossen wurde. Kein Kollege habe sich gemeldet, und die seien alle sehr zuverlässig. Julika hat stundenlang im Netz gesucht, um herauszufinden, ob Bello irgendwo zum Kauf angeboten wird, aber Fehlanzeige. Beim Tierarzt war sie auch noch mal, aber da weiß niemand was.

Eigentlich gibt es nur eine Möglichkeit: Bello hat sich verletzt und liegt irgendwo hilflos im Wald und wartet darauf, dass er gerettet wird. Wie lange kann ein verletzter Hund ohne Nahrung und Wasser überleben? Vielleicht ist er längst tot? Aber sie haben doch die Gegend rund ums Schützenhaus gründlich abgesucht, und das nicht nur einmal.

Trotzdem möchte Julika nach der Schule noch mal losziehen, aber das darf sie nicht. Denn ihr Opa hat Geburtstag, und da wird hingegangen. Zwar findet Julika diese Familienfeiern endlos öde, aber dass sie nicht teilnimmt, kommt überhaupt nicht in Frage. Selbst Christian muss mit. Er war zwar am Morgen noch nicht in der Schule, hat aber kein Fieber mehr und ist damit in den Augen seines Vaters gesund. Der Junge brauche sich ja nur ins Auto und dann an den Kaffeetisch zu setzen, die paar Schritte dazwischen werde er schon schaffen. Er selber habe ja auch noch mit dem Jetlag zu kämpfen, weil er erst am Morgen aus Mexiko zurückgekommen sei.

Diese Logik erschließt sich Julika zwar nicht, aber sie hat längst aufgegeben, die Entscheidungen ihres Vaters unter logischen Gesichtspunkten zu betrachten. Sie arrangiert sich auf ihre Weise.

Wenn sie schon mitmuss, wird sie mit dem Fahrrad fahren, verkündet sie ihren Eltern; die Stadt hat einen neuen Fahrradweg angelegt, der bis hinaus in den Vorort führt, wo die Großeltern wohnen. Den möchte sie ausprobieren.

Die Mutter findet, das sei viel zu weit fürs Fahrrad, der Vater zuckt die Achseln, kassiert aber ihre Kopfhörer, sie solle sich voll aufs Fahren konzentrieren. Widerspruch ist zwecklos, das weiß Julika, und Betteln ist längst unter ihrer Würde.

Sie macht, dass sie loskommt. Sonst fällt ihren Eltern noch ein, dass sie den Helm aufsetzen soll. Sie will aber ihren Kopf nicht einsperren.

Der neue Radweg verläuft nicht parallel zur Straße, sondern führt über eine eigene, breite Trasse durch den Wald und dann am Fluss entlang. Das Wasser glitzert, die Blätter schimmern im Sonnenlicht. Am Ufer steht reglos ein Fischreiher.

Julikas Rad rollt so leicht auf dem glatten Asphalt, dass sie immer schneller tritt, bis sie jeden Muskel spürt. Der Fahrtwind fährt ihr in die Haare und streicht sie nach hinten. Julika reckt ihr Gesicht in die Sonne und trampelt mit aller Kraft. Schneller, immer schneller. Wenn sie Flügel hätte, flöge sie hinauf in den Himmel.

Irgendwann biegt der Weg vom Fluss ab und führt leicht aufwärts durch eine Siedlung, lauter kleinere Einfamilienhäuser mit gepflegten Gärten drum herum, bis er schließlich in eine Straße mündet, die Julika zwar vom Auto aus kennt, aber bislang nie weiter zur Kenntnis genommen hat. Sie fährt langsamer und orientiert sich. Da vorne, an der nächsten Kreuzung muss sie rechts ab, dann die dritte Straße links, und sie ist da.

Als sie um die erste Ecke biegt, taucht plötzlich ein Fahrrad vor ihr auf. Vor Schreck bremst Julika so scharf, dass sie beinahe über den Lenker schießt, kann sich aber gerade rechtzeitig fangen. „Boah eh!“, stößt sie wütend hervor und stellt einen Fuß auf den Boden.

Die Fahrerin des anderen Rades, ein Mädchen in Julikas Alter, mit schwarzen, stoppelkurzen Haaren, hat auch scharf gebremst, springt lachend ab und sagt:

„Uups! Sorry! Das war knapp! Jetzt hätte ich dich beinahe umgefahren.“

Bevor Julika noch irgendwie darauf reagieren kann, ruft das Mädchen voller Freude:

„Hier ist es ja! Super.“

Sie schiebt ihr Rad auf den Bürgersteig, lehnt es an den recht wackeligen, verblichenen Jägerzaun des Eckgrundstücks und zeigt auf ein helles Schild zwischen wild wuchernden Büschen: Mahnmal gegen Krieg und Faschismus.

Die Fröhlichkeit des Mädchens und die Neugier auf dieses ungewöhnliche Schild lassen Julikas Wut im Nu verpuffen. Auch sie schiebt ihr Rad auf den Bürgersteig und stellt sich neben das Mädchen.

Links neben dem Schild stehen zwei große, fast ins Gestrüpp eingewachsene Steinbrocken mit reichlich verwitterten Holztafeln daran. Die Inschriften sind aber noch gut zu lesen:

Zur Erinnerung an die fremden Zwangsarbeiter im Krieg 1939-45.

Während des Zweiten Weltkrieges mussten weit über 5000 ausländische Männer und Frauen Zwangsarbeit in der hiesigen Rüstungsindustrie leisten. Über 300 kamen dabei ums Leben. Eines der zahlreichen Lager mit über 2000 Zwangsarbeitern wurde „Russenlager“ genannt. Es befand sich etwa 250 m von hier entfernt.

POLEN RUSSEN FRANZOSEN HOLLÄNDER BELGIER TSCHECHOSLOWAKEN UND ANDERE.

„Hast du das gewusst?“, fragt das Mädchen Julika und guckt sie dabei so eigenartig an, dass Julika nervös wird.

Was soll das? Was will die von ihr?

„Nein“, antwortet sie abwehrend. „Das wusste ich nicht. Ich sehe das zum ersten Mal.“

Dann fällt ihr Blick auf den Namen der Firma, für die diese Menschen arbeiten mussten. Es ist das Werk. Da sind ihre Eltern angestellt, genau wie ihr Opa und ihr Uropa früher. Weiß das Mädchen das?, überlegt Julika. Guckt sie mich deswegen so schräg an?

„Ich glaub, ich kenn dich“, sagt das Mädchen zögernd. „Du bist doch Julika, oder?“

„Äh, ja“, sagt Julika zögerlich. „Wieso? Und wer bist du?“

„Amal. Meine Mutter putzt bei euch.“

„Oh.“

Die Tochter von Sanya. Dass Sanya Kinder hat, weiß Julika, sie hat sie sicher auch schon mal gesehen, aber erkannt hätte sie Amal nicht. Obwohl ihr jetzt auffällt, wie ähnlich sie ihrer Mutter sieht – ihr Gesicht ist genauso rund und freundlich wie Sanyas, und sie hat das gleiche lustige Grübchen. Nur sind Amals Haare kohlschwarz und ganz kurz.

„Und – was machst du hier? Wohnt ihr hier?“, fragt Julika und stellt dabei fest, dass sie keine Ahnung hat, wo Sanya wohnt. Sie war noch nie bei ihr zu Hause.

„Nein, nein“, erwidert Amal. „Wir wohnen in den Hochhäusern auf der anderen Seite vom Fluss. Ich bin hier, weil wir ein Projekt für die Schule machen. Da geht’s um Waffen – Frieden schaffen ohne Waffen. Und ich habe gedacht, ich fang mal mit der Rüstungsindustrie hier bei uns an, wo so viele aus der Stadt arbeiten. Deine Eltern doch auch“, sagt Amal.

„Ja“, antwortet Julika verwundert.

Worauf will die hinaus?, überlegt sie.

„Genau.“

Amal blickt nachdenklich auf den Stein.

„Fünftausend Zwangsarbeiter, dreihundert Tote. Krass, oder?“

Julika nickt.

„Und ich soll auch da …“, sagt Amal und atmet durch. „Also … deine Mutter, die hat mir einen Ausbildungsplatz im Werk besorgt, fürs nächste Jahr, als Industriekauffrau. Und das ist total wichtig, weil, also …“

Sie bricht ab und zieht die Augenbrauen hoch.

„Und wo ist das Problem?“, fragt Julika.

„Na ja. Erst fand ich das ja auch super, weil, mein Vater …“

Sie zögert wieder und setzt noch mal neu an:

„Egal, ich will Geld verdienen, wenn ich mit der Schule fertig bin, und ich will einen guten Beruf haben. Und ich glaub schon, dass mir Industriekauffrau Spaß macht. Aber jetzt … Ich meine, im Werk produzieren die ja nicht irgendwas. Sondern Waffen.“

„Ja klar“, sagt Julika. „Seit zweihundert Jahren. Und richtig gute. Die ganze Welt kauft bei uns ein.“

Kaum haben die Worte ihren Mund verlassen, denkt Julika: Warum sage ich das? Ich klinge genau wie Papa.

Amal nickt energisch.

„Genau. Und mit den Waffen wird Krieg gemacht. Will ich das? Also ich meine, will ich da mitmachen? Und das tue ich doch, wenn ich da arbeite, oder?“

„Musst du wissen“, murmelt Julika.

Das geht ihr jetzt alles viel zu schnell. Zudem ist ihr völlig unklar, wie jemand mit siebzehn Industriekauffrau werden wollen kann. Das klingt in ihren Ohren sowas von öde, egal, in was für einem Betrieb. Nicht ihre Welt.

„Sicher“, sagt Amal. „Bloß – ich weiß es eben nicht.“

Julika guckt auf die Uhr. Halb vier. Spätestens um vier wird sie bei Opa erwartet.

„Von dem Denkmal hier hat mir eine alte Frau aus unserem Haus erzählt“, erklärt Amal, ohne auf Julika zu achten. „Das haben Privatleute gemacht, gleich nach dem Krieg, auf ihrem Grundstück, weil die Stadt es woanders nicht erlaubt hat. Die Stadt wollte überhaupt kein Denkmal, auf keinen Fall, nirgends, hat die Frau gesagt. Niemand wollte sich an die Verbrechen der Nazis erinnern oder womöglich daran erinnert werden. Ist ja allen immer gut gegangen mit dem Werk, hat sie gesagt.“

Amal zieht ihr Handy aus der Tasche und fotografiert.

„Außer denen, die mit den Waffen umgebracht wurden, denke ich mal. Und den Zwangsarbeitern, natürlich“, fügt sie hinzu, nachdem sie das Foto gemacht hat.

„Wo soll das Lager denn gewesen sein?“, fragt Julika.

Ihr will das alles gar nicht so recht in den Kopf. Ringsum sieht sie nur Einfamilienhäuser mit schmucken Gärten, über die jetzt dunkle Schatten grauer Wolkenbänke ziehen.

„Da hinten“, sagt Amal und zeigt auf eine Wiese am Ende der Straße. „Da ist noch ein Mahnmal, das hat die Stadt machen lassen, vor ein paar Jahren, hat die Frau gesagt. Auf einmal! Über siebzig Jahre später!“

Amal nimmt ihr Rad, schwingt sich drauf und meint:

„Ich guck mir das an. Kommst du mit?“

„Okay. Ich mach nur noch schnell ein Foto.“

Als sie sich der Wiese nähern, sehen sie in deren Mitte ein gepflastertes, aus mehreren runden Steinblöcken umfasstes Rund mit einer gewaltigen, aufrechtstehenden Platte in der Mitte. Von weitem sieht es aus wie ein riesiges Buch.

Und das soll es auch sein. Vorne drauf steht Buch der Erinnerung, Zwangsarbeit von 1939-1945. Die Seiten bestehen aus mehreren beweglichen grausilbernen Metall-Tafeln, auf die jede Menge Informationen eingraviert sind.

Beide Mädchen stellen sich davor und lesen stumm. Von 1940 bis 1945 waren mindestens zwölftausend Menschen aus ihren von der deutschen Wehrmacht besetzten Heimatländern hierher verschleppt worden. Ohne diese Zwangsarbeiter wäre die Produktion im Werk und in den anderen Rüstungsfirmen des Ortes zusammengebrochen, denn die deutschen Arbeiter waren ja an der Front. Die zur Arbeit gezwungenen Menschen wurden in den örtlichen Rüstungsfabriken ausgepresst, in Lager eingepfercht, in Baracken gesteckt, sie litten unter Hunger, Ungeziefer, Kälte, Krankheiten. Und ganz sicher auch unter Heimweh, Sehnsucht nach ihren Familien und Freunden.

„Das ist doch Wahnsinn, oder?“, sagt Amal. „Ich meine, die Leute, die mussten Waffen herstellen, damit deutsche Soldaten Leute in ihrer Heimat damit umbringen konnten! Wie krank ist das denn? Wie haben diese Menschen das bloß ausgehalten?“

Julika hat das Gefühl, in ihrem Kopf ist ein Sturm ausgebrochen. Ihr Blick bleibt an den Namen der Menschen hängen, die im Lager gestorben sind.

„Wasili Kurtschuwi“, liest sie laut. „Guck mal, der ist nur siebzehn geworden, so alt wie ich jetzt bin.“

Sie versucht sich vorzustellen, wie das wäre, wenn sie in ein fremdes Land verfrachtet werden würde und dort von morgens bis abends in einer Fabrik schuften und als Gefangene in einem Barackenlager leben müsste.

Niemals würde sie das durchhalten.

„Sogar Kinder sind im Lager geboren …“, sagt Amal, „… und gestorben: Anatoli, Wanda, Tamara, Fernando, Lydia …”

Sie zählt stumm weiter.

„Einundvierzig. Manche haben noch nicht mal einen Vornamen bekommen.“

„Mein Opa Gunter ist zu der Zeit geboren, im Krieg. Auch hier im Ort. Aber nicht im Lager. Und er lebt noch“, sagt Julika tonlos. „Ich geh gleich zu seinem Geburtstag.“

Amal betrachtet jetzt die Karte, auf der alle Lager eingezeichnet sind. Zwölf hat es im Ort gegeben, aber Spuren davon gibt es so gut wie keine mehr.

Als die beiden Mädchen alles durchgelesen und angeguckt haben, setzen sie sich auf zwei der Granitsteine und sagen eine Weile lang gar nichts.

Julika ist unbegreiflich, wieso sie bis jetzt nichts von den Zwangsarbeitern gewusst hat. Das hätten sie doch in Geschichte machen müssen. Was für ein ungeheuerliches Verbrechen! Einfach Menschen verschleppen und für sich schuften lassen. Wie Sklavenhalter. Julika ist die freundliche Wiese mit dem idyllischen Fluss dahinter auf einmal unheimlich. Als säßen sie auf einem Friedhof.

„Wo sind die Gestorbenen eigentlich begraben?“, sagt sie schließlich. „Davon steht nichts auf den Tafeln.“

„Stimmt. Und wie sah das hier aus früher? Baracken mit einem Zaun drum herum? Mit Wachen? Und Strammstehen?“, fragt Amal. „Waren die Häuser hier schon da?“

„Und was haben die Leute hier darüber gedacht? Das Lager war doch nicht zu übersehen“, meint Julika. „Und die aus den Lagern mussten ja irgendwie in die Fabriken kommen, also sind sie durch die Straßen gelaufen oder sind gefahren worden. Das müssen doch alle gesehen haben!“

„Bestimmt“, meint Amal. „Das müssen alle gewusst haben! Aber hätten sie was dagegen machen können?“

„Keine Ahnung“, meint Julika. „Vielleicht nicht, vielleicht hatten sie Angst, selber ins Lager zu kommen. Also ich glaub, das war nicht so unrealistisch. Aber …“

Julika fährt sich mit den Zähnen über die Lippen.

„Aber wer sagt denn, dass sie was dagegen machen wollten? Vielleicht fanden die es ja gut?“

„Meinst du?“, fragt Amal skeptisch. „Und haben erst nach dem Krieg gemerkt, was sie eigentlich gemacht haben?“

Julika zuckt die Achseln.

„Ja, kann doch sein“, meint Amal. „Und dann war denen das nach dem Krieg so total peinlich, dass sie nicht drüber reden konnten und alles ganz schnell vergessen wollten? Meine Eltern reden auch nicht über den Krieg.“

„Weil es ihnen peinlich ist?“

„Nee, das nicht, stimmt. Okay, dann haben sich die Leute hier vielleicht schuldig gefühlt? Waren sie ja auch irgendwie, oder?“

„Weiß ich nicht, doch, schon, keine Ahnung. Aber trotzdem, als es vorbei war mit den Nazis, nach dem Krieg – wie konnten die dann einfach so weiterleben, einfach alles wegschieben und vergessen und so tun, als wär nichts gewesen? Mein Uropa, der muss das doch alles mitgekriegt haben, der hat doch im Krieg in der Firma gearbeitet!“

Julika hat das Gefühl, eine Lawine rollt auf sie zu.

„Frag ihn doch!“, sagt Amal.

Sie zupft zwei Grashalme ab, legt sie zwischen die Finger und bläst Luft durch. Erst jagt sie einen schrillen Pfiff über die Wiese, dann variiert sie die Töne, so dass es beinahe melodisch klingt. Julika zieht auch zwei Halme aus dem Boden und lässt sich von Amal zeigen, wie’s geht. Ist gar nicht so schwer, ein paar Mal üben und Julika hat es raus.

Dann pfeift ihr Handy. Eine Nachricht von ihrem Vater.

„Wo bleibst du?“

„Ich muss los“, sagt sie zu Amal und fügt hinzu: „Meinen Uropa kann ich nicht mehr fragen. Der ist tot. Aber ich frag seinen Sohn, meinen Opa.“

Julika schnappt sich ihr Rad.

„Bist du auf Facebook?“, fragt Amal.

„Ja. Julika Schaaf. Schick mir `ne Freundschaftsanfrage!“

„Okay.“

Julika steigt auf, winkt Amal zu und fährt los.

Vor dem Haus von Julikas Opa und Oma, einem rechteckig geschnittenen, aus gelben Ziegeln gemauerten Flachbau in einem Meer von bunten Blumen und Büschen, steht der silberne SUV von Julikas Vater. Julika stellt ihr Rad vor die Garage und will gerade an der Haustür klingeln, da wird die Tür schon von ihrer Mutter aufgemacht.

„Na, endlich“, sagt sie ungeduldig und reicht Julika die Tüte mit den frischen Sachen. Sogar an das Deo hat sie gedacht.

Super, denkt Julika, dass bloß nichts schiefgeht, als sie sich in der geräumigen Gästetoilette neben dem Eingang umzieht und kurz darauf in Bluse und Rock perfekt angezogen herauskommt. Opa und Oma legen Wert auf angemessene Kleidung. Shorts und T-Shirt sind an einem Geburtstag auf keinen Fall angemessen.

Im Wohnzimmer stehen die Terrassentüren offen, aber alle sitzen drinnen an dem mit Löwenmäulchen aus dem Garten geschmückten Kaffeetisch, denn für den Nachmittag ist Regen angesagt, und der Himmel zieht sich auch schon zu.

Offensichtlich wurde auf Julika gewartet. Denn kaum steht sie in der Tür, kommt Bewegung in die Runde. Für einen Moment meint Julika, vor ihr spielte sich eine Filmszene ab, nachdem jemand „action“ gesagt hat. Oma erhebt sich und gießt Kaffee ein, ihre Tochter nimmt den Tortenheber, verteilt saftigen Pflaumenkuchen auf die Teller der Gäste und reicht die Schüssel mit der Schlagsahne herum. Der blasse Christian nuckelt an seiner Cola und tippt auf seinem Handy rum. Kuchengabeln klappern, Gesprächsfäden werden wieder aufgenommen.

„Julika!“, posaunt Opa Gunter mit seiner dröhnenden Stimme quer durch den Raum und reckt ihr voller Freude sein rundes, rötliches Gesicht entgegen.

Julika drückt ihm hastig einen Geburtstagskuss auf das kleine Stückchen freie Wange zwischen weißem Backenbart, Nase und Auge, lässt sich von ihrer Oma Barbara, die für diesen Moment ihre Kaffeekanne abstellt, an den rundlichen, weichen Körper ziehen, gibt den anderen Gästen brav reihum die Hand und lässt sich dann auf den freien Platz neben ihrem Bruder aufs Sofa fallen.

Alles wie immer, stellt sie fest. Wie an jedem Familiengeburtstag der Familien Ritter/Schaaf, jahraus, jahrein, gefühlte hundert Mal pro Jahr. Am Nachmittag Kaffeeklatsch, wie Oma zu dieser Veranstaltung sagt, Einladungen sind nicht nötig, alle wissen Bescheid. Und wie immer scheinen sich alle zu amüsieren.

Abgesehen von Julika.

Ihr will nicht aus dem Kopf, was sie eben gesehen und gelesen hat. Und das passt überhaupt nicht hierher, wo alle nur mit sich selbst und ihrem guten Leben beschäftigt sind. Am liebsten würde Julika aufstehen und gehen. Doch das wagt sie nicht, und außerdem hat sie Amal gesagt, sie würde ihren Opa fragen. Im Moment kann sie sich allerdings nicht vorstellen, wie das gehen soll. Also lässt sie sich von Oma ein dickes Stück von dem mampfigen, zimtigen Pflaumenkuchen auftun, klatscht sich einen fetten Berg Schlagsahne drauf und verkriecht sich dahinter.

Heute sind außer Julikas Familie noch Opas ältere Cousine Gabriele da, wie immer in einem grellbunten Kostüm, sowie Opas ältester Freund und Ex-Kollege Klaus mit Frau Britta, die quasi zur Familie gehören. Sie wohnen auch gleich um die Ecke.

Die Eltern von Julikas Vater sind nicht angereist, sie kommen nur zu runden Geburtstagen.

Der ältere Bruder von Julikas Mutter, Opas und Omas Sohn Mark, kommt nie, weil er schon seit vielen Jahren mit seiner Familie in Australien lebt. Julika kennt sie nur vom Bildschirm.

Und Uromi fehlt. Zum allerersten Mal, seit Julika denken kann. Uromi will nicht mehr aus dem Bett, auch nicht zum Geburtstag ihres geliebten Sohnes. Das will was heißen.

Noch im letzten Jahr ist Uromi dabei gewesen. Julika sieht sie vor sich, wie sie sich in ihrem Rollstuhl strafft, wie ihre himmelblauen Augen aus dem zerknitterten Gesicht leuchten und wie sie – wie auf jedem der Geburtstage und mit fast immer identischen Worten – anhebt, die Geschichte von der komplizierten Geburt ihres Sohnes Gunter zu erzählen, im Jahr 1943, wie damals, als sie schon im Kreissaal voller Schmerzen in den Wehen lag, die Ärzte sie untersuchten und plötzlich laut zu lachen anfingen, weil sie schon sehen konnten, dass es ein Junge war. An der Stelle kicherte Uromi immer wie ein kleines Mädchen und Opa guckte peinlich berührt, bevor Uromi wieder ernst wurde und auf den Krieg zu sprechen kam. 1943 war ja schon Krieg, aber noch nicht in ihrem Städtchen, hier fielen die Bomben erst ein Jahr später; doch die Angst, die war natürlich da. Sie hatte immerhin das Glück, dass wenigstens ihr Mann zu Hause war, wegen seiner wichtigen Position im Werk. Die schwere Zeit, die kam erst nach dem Zusammenbruch, da hatten sie buchstäblich nichts, da wurde ihnen alles genommen. Aber zum Glück sei Gunter da ja schon aus dem Ärgsten raus gewesen.

„Was war der für ein liebes Kind!“

Das liebe Kind ist jetzt ein großer, fast kahlköpfiger Mann mit fleischigen Händen und einem dicken Bauch, bedeckt von einem straff anliegenden weißen Hemd, über das wie eine fette Raupe ein grüngelbgestreifter Schlips kriecht. Opa macht sich daran, die erste Flasche Wein des Tages zu öffnen.

Dieser Wein, trötet er, ein Moselwein, sei ein ganz besonderer Jahrgang, den er extra aufgehoben habe für den heutigen Anlass. Schon während er die Weinkelche aus dem Schrank holt, fallen Worte wie Abgang und Bouquet, blumig und erdig, mit denen Julika nicht viel anfangen kann.

Opa und sein Freund Klaus verstricken sich in eine lebhafte Debatte über die Preis- und Qualitätsunterschiede zwischen Aldi und Lidl, vor allem bei Champagner, Scampis und Schinken. Von dort aus gelangen sie problemlos zum Schützenverein, nun auch mit Beteiligung von Julikas Vater, der wie die beiden anderen Männer im Vorstand des Vereins ist, und sprechen über die bevorstehenden Wettkämpfe, überlegen, wer wohl die besten Chancen hat und wie die Zukunft von Christian aussieht, der so offenkundig begabt ist fürs Schießen – dabei gucken alle zu Christian hinüber, der immer noch mit seinem Handy beschäftigt ist und nichts hören kann, da er Kopfhörer übergestülpt hat. Sie streifen kurz und achselzuckend das Thema Bello, auch ihnen ist es ein Rätsel, wie ein so großer starker Hund einfach verschwinden kann, und sie einigen sich darauf, dass sie eben abwarten müssen. Ihre Stimmen werden leiser, Julika kann das Wort Mexiko heraushören, aber der Rest bleibt unverständliches Gemurmel.

Die Frauen, die am anderen Ende des Kaffeetisches sitzen, haben inzwischen das Thema Chor am Wickel. Julikas Oma quetscht ihre Tochter nach dem Neuen aus, dem jungen Mann mit der begnadeten Baritonstimme, bei dem Astrid seit einiger Zeit Yogastunden nimmt, und Oma Barbara meint, sie überlege, ob sie nicht auch Yoga machen solle, sie werde ja nicht jünger und spüre langsam all ihre Gelenke, und vielleicht helfe Yoga da.

Bestimmt, bestärkt sie Julikas Mutter und fügt fast schwärmerisch hinzu, ja, der Mann sei wirklich wunderbar, der habe so eine fröhliche, spielerische Art, dass man sich in seiner Gegenwart ganz leicht fühle. Dazu lächelt sie still.

Julikas Vater, der ihrer Mutter gerade Wein nachschenken will, hält inne und fragt stirnrunzelnd:

„Soll ich jetzt eifersüchtig werden oder was?“

Opa Gunter hält ihm sein Glas hin, lacht glucksend auf und sagt:

„Nein, lieber Schwiegersohn, das soll ein Ansporn sein, du weißt schon, auf Händen tragen und so. Das wollen die Frauen doch!“

Worauf die Oma ihm ein schnippisches „Was weißt denn du schon von Frauen?“ hinwirft und einen kräftigen Schluck Wein nimmt.

Betretenes Schweigen.

Da denkt Julika: Jetzt. Jetzt ist der richtige Moment, jetzt sage ich es, und bevor sie es sich anders überlegen kann, spricht sie aus, was ihr die ganze Zeit durch den Kopf geht:

„Ich habe auf dem Weg hierher ein Denkmal für Zwangsarbeiter gesehen, gleich hinterm Fluss.“

Aller Köpfe wenden sich ihr zu. Die Gesichter sind verschlossen, abwartend.

„Kennt ihr das?“, fährt Julika fort. „Hier, ich hab’s auf dem Handy?“

Sie hält ihr Handy mit dem Bild hoch und zeigt es herum.

„Wusstet ihr von den Zwangsarbeitern? Dass ganz viele von denen hier gestorben sind, sogar kleine Kinder?“

Für einen Moment wird es noch stiller.

Und dann reden alle auf einmal.

„Mädchen, das Denkmal steht doch schon lange dort. Die Debatten haben wir hinter uns.“

„Ach, du großer Gott, das Thema wieder! Ich dachte, damit sind wir durch.“

„Mein Vater ist im Krieg gefallen. Ich kann mich gar nicht an ihn erinnern.“

„Jetzt verdirb Opa doch nicht seinen Geburtstag.“

„Hast du das Denkmal wirklich noch nie gesehen? Da sind wir doch schon so oft dran vorbeigefahren.“

„Ach ja, das war wirklich eine schlimme Zeit damals. Gott sei Dank ist das lange her.“

Opa setzt sich auf und trompetet:

„Ach, Kind, du hast doch keine Ahnung, wie das damals war!“

„Dann erzähl’s mir doch.“

Er zieht beide Augenbrauen hoch und blickt sie erstaunt an.

„Ja, habt ihr das denn nicht in der Schule gehabt? Die reden doch andauernd von der NS-Zeit, als gäb’s keine anderen Probleme!“

„Schon. Aber mehr so allgemein. Nicht, wie das hier bei uns war“, antwortet Julika. „Mit den Zwangsarbeitern und so.“

„Mein Kind, ich will dir mal eins sagen: Das waren damals ganz andere Zeiten, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Ohne die Arbeiter aus dem Osten wäre hier die Produktion zum Erliegen gekommen, wir hätten die Front nicht mit ausreichend Waffen und Munition versorgen können. Und dann? Hätten wir etwa Stalin und die Bolschewisten gewinnen lassen sollen? Wenn die Amerikaner uns damals nicht in den Rücken gefallen wären …“

Opa winkt ärgerlich ab.

„Aber hör mal“, fährt Julikas Vater auf. „So einfach kannst du dir das aber nicht machen. Die Amerikaner …“

Opas Freund Klaus will sich einmischen, aber Oma Barbara legt beschwichtigend ihre Hand auf seinen Arm, klopft mit dem Löffel an ihr Glas und hebt energisch die Stimme:

„Ich möchte keinen Streit an Opas Geburtstag. Lassen wir die alten Zeiten ruhen und stoßen wir auf Opas neues Lebensjahr an.“

Sie hebt ihr Glas.

„Denn es gibt noch etwas zu feiern.“

Sie macht eine Pause, blickt in die Runde und verkündet dann strahlend:

„Die Gewebeproben sind negativ. Opa hat keinen Krebs.“

Alle greifen erleichtert nach ihren Gläsern und prosten Opa und Oma fröhlich zu. Außer Christian, der hat nichts gehört und daddelt weiter auf seinem Handy.

Julika freut sich für ihren Opa wie alle anderen, auch wenn sie von dem Krebsverdacht gar nichts gewusst hat. Sie ärgert sich, dass Oma das Gespräch über ihre Frage einfach so abgewürgt hat, was sonst niemanden zu stören scheint. Doch Julika bringt kein Wort des Protests heraus. Alle anderen sind schnell wieder in lebhafte Gespräche vertieft. Über so wichtige Themen wie den Kauf eines neuen SUVs, den Opas Freund Klaus beabsichtigt.

In Julika wächst das schale Gefühl von Fremdheit.

6

Bobi sitzt in seinem Zimmer vor seinem Laptop und klickt sich durch die Seiten, die Manuel für alle hochgeladen hat. Unglaublich, was der Streber in so kurzer Zeit alles gefunden hat: Jede Menge Daten, Zahlen, Fakten, Artikel, Fotos, Statistiken über die Verbreitung und den Anstieg der weltweiten Waffenproduktion. Erst hat Bobi keine Lust gehabt, sich diesem Wust zu stellen, dann aber hat er überlegt, wenn Manuel sich schon so eine Mühe macht, kann er ja wenigstens mal gucken. Und je länger er guckt, desto interessanter wird es. Zum Beispiel stellt er fest, dass Deutschland zu den zehn größten Waffenproduzenten der Welt gehört. Eingesetzt werden die Waffen weltweit, in bewaffneten Konflikten, gemeinhin Krieg genannt, aber auch bei Polizeieinsätzen, bei Terrorangriffen, Überfällen und so weiter. Und es sieht so aus, als stünde die Zahl der durch Schusswaffen getöteten Menschen im direkten Verhältnis zur Zahl der vorhandenen Waffen.

Bobi versteht das so: Sind Waffen vorhanden, werden sie auch genutzt. Ganz einfach.

Und außerdem: Waffen werden hergestellt und gehandelt wie jedes andere Konsumgut, sagen wir: Kochtöpfe. Zwar gibt es Gesetze, die verhindern sollen, dass Waffen in Kriegsgebiete geliefert werden, aber das zu umgehen, scheint kein größeres Problem zu sein. Es gibt Untersuchungen, ja, aber es kommt selten wirklich was dabei heraus. Immerhin gibt es eine Menge Leute, die sich gegen die Waffenproduktion engagieren und versuchen, heimliche, illegale Deals ans Licht zu bringen. Es gibt sogar eine Anzeige gegen das Werk wegen illegaler Waffenverkäufe nach Mexiko.

Eine Behauptung ist so ungeheuerlich, dass sie sich in Bobis Kopf gräbt:

Alle vierzehn Minuten stirbt ein Mensch durch eine Waffe aus dem Werk.

Ob das stimmt? Und wenn, was bedeutet das?

Mitten in seine Überlegungen pfeift sein Handy. Amal schreibt:

Wer kommt mit ins Waffenmuseum? Morgen um 5?

Da macht sein Herz einen Hüpfer, einen ganz kleinen. Was soll das denn, denkt er verwundert, das Waffenmuseum ist doch nun wirklich nicht aufregend … Da war er schon mal, in der sechsten Klasse, es gab jede Menge Vitrinen mit Gewehren und Pistolen, Tafeln mit Texten und Bildern, so Museumskram eben.

Eines hat er aber noch ganz genau in Erinnerung: Ein uraltes Auto, mit einem Verdeck aus Stoff, das zwischen all den Waffen stand. Die Lehrerin hatte ihnen aufgetragen, sich einen Gegenstand, ein Thema genauer anzugucken, und er hat sich das Auto ausgesucht, einfach, weil es schön aussah, so blank poliert, so altertümlich. Vor allem die Fußpedale hatten es ihm angetan, das waren richtige Kunstwerke; es gab drei wie heute auch, aber anders angeordnet: Das Gaspedal war in der Mitte, die Bremse rechts, die Kupplung links. Und damit man das richtige Pedal traf, war die Trittfläche des Kupplungspedals wie ein Ring mit einem K in der Mitte geformt, die des Bremspedals mit einem B. Elegant.

Bobi sieht das genau vor sich, vielleicht hat er die Zeichnung noch irgendwo. Aber warum im Waffenmuseum ein Auto gezeigt wurde, daran kann er sich nicht mehr erinnern. Obwohl, wenn er sich das genau überlegt, können Autos ja auch Waffen sein, sogar im ganz normalen Verkehrsalltag. Aber so wird das sicher nicht gemeint gewesen sein.

Klar will er mit ins Museum! Seine Finger tippen flink: Ich und thumb up.

Kaum hat Bobi seine Nachricht abgesendet, kommt eine von Manuel:

Sorry, muss arbeiten. Moped und so. Viel Spaß.

Die nächste ist von Natalie:

Naturfreunde Meeting. Nimm die Kamera mit, Bobi.

Dazu ein trauriges Gesicht.

Amal antwortet:

Einer ist mehr als keiner. Bis morgen, Bobi.

Bis morgen!

Bobis Herz macht wieder einen kleinen Hüpfer.

Bobi ist pünktlich.

Das Waffenmuseum liegt nahe am Fluss, im Zentrum der Stadt, nicht weit von der Casa Acracia entfernt. Kleiner Fußweg.

Er zieht die Kamera aus der Tasche, macht ein paar Aufnahmen und guckt immer wieder in die Richtung, aus der Amal kommen müsste. Aber sie kommt und kommt nicht. Also liest er sich die Info-Tafel an dem riesigen Gebäude durch, in dem das Museum untergebracht ist.

Der mehrstöckige Klotz wurde vor etwa hundert Jahren gebaut, und zwar extra für die Abwicklung eines sehr großen Waffenauftrags. Was muss der für Schotter gebracht haben, überlegt Bobi, wenn sie sich dafür einfach mal eben ein so gigantisches Teil hinstellen konnten. Angefangen hatte die Waffenproduktion hier im Ort schon hundert Jahre davor, in dem Gebäude gleich gegenüber vom Museum, heute Rathaus, damals ein leerstehendes Kloster. Auf Beschluss des Königs.

König, Kloster, Kanonen – passt doch gut, denkt Bobi. Der König hat seine Waffen von Priestern segnen lassen, wenn er seine Soldaten in den Krieg schickte. Der gegnerische König natürlich auch. Wonach entscheidet Gott, wen er siegen lässt? Würfelt er? Denn es gewinnen ja nicht immer die Guten, oder? Nur die, die Waffen herstellen und verkaufen, die siegen immer. With god on their side …

Als Bobi mit dem Lesen fertig ist, läuft er zappelig hin und her, wartet und wartet auf Amal. Dann studiert er noch mal die Bilder auf der Infotafel, um dann wieder vor dem Eingang auf und ab und ab und auf zu laufen, wie ein Tiger im Käfig. Hat er sich in der Zeit vertan? Er zieht sein Smartphone aus der Tasche, guckt auf die Uhr. Siebzehn Uhr achtzehn. Soll er ihr eine Nachricht schicken? Wie sieht das denn aus? Er will doch nicht drängeln. Er stopft das Teil zurück in die Tasche.

Da endlich kommt Amal auf ihrem Rad angebraust. Auch wenn Bobi wegen der langen Warterei ein bisschen angesäuert ist – kaum ist sie vom Rad gehüpft und hat ihm fröhlich lächelnd ein „Mensch, sorry, hab mich mit der Zeit vertan“ entgegengerufen, ist er einfach nur happy und sagt:

„Jetzt bist du ja da.“

An der Kasse sitzt eine grauhaarige alte Dame und lächelt den beiden freundlich entgegen:

„Schön, dass ihr jungen Leute hierherkommt“, sagt sie. „Schließlich hat unser Ort den vier Firmen, die hier ausstellen, seinen Wohlstand zu verdanken.“

Die alte Dame wünscht ihnen viel Spaß beim Rundgang, zeigt auf den Eingang gegenüber und drückt auf einen Schalter.

Neonleuchten flackern auf, in den eben noch dunklen Räumen wird es taghell. Bobi und Amal sind die einzigen Besucher.

„Hey, cool“, flüstert Bobi. „Keiner hier, wir können machen, was wir wollen!“

Amal kichert und flüstert zurück:

„Und – was willst du machen?“

„Äh, das Museum angucken, was denn sonst?“, antwortet Bobi verwirrt.

„Ach so!“, meint Amal, wirft ihm ein Lächeln zu und stellt sich dann vor das erste Ausstellungsstück.

Bobi zückt die Kamera. Da weiß er wenigstens, was zu tun ist.

„Schwanzhammer“, liest Amal laut und muss wieder kichern. „Was ist das denn?“

Die beiden stehen vor einer klobigen Maschine mit einem Holzarm, der am Ende einen Metallklotz hat.

„Damit haben die geschmiedet, Gewehrläufe“, sagt Bobi und versucht, sachlich zu bleiben. „Schlaues Teil.“

Ist es wirklich.

Die Technik fasziniert ihn. Und Amal auch. Beide schieben sich in einer Art Zeitreise von einer Vitrine zur nächsten. Wirklich erstaunlich, was Menschen so alles ausgetüftelt haben, um Feuerwaffen herzustellen und sie immer raffinierter, bedienungsfreundlicher und effizienter zu gestalten. Echte Meisterleistungen.

Die alten Waffen sind regelrechte Schmuckstücke mit ihren vielen Verzierungen, Maserungen, Schlössern, Bolzen und Läufen, stolz präsentiert, als wären sie ganz „normale“ Gebrauchsgegenstände. Auf Tafeln wird ausführlich erklärt, mit welch handwerklichem Geschick die Waffen hergestellt wurden. Dazu Bilder von findigen Ingenieuren, fleißigen Handwerkern, prächtigen Produktionsstätten und stolzen Eigentümern.

Aber nirgends, wirklich nirgends ist die Rede davon, wozu Waffen gebaut werden, was damit gemacht wird. Töten und Tod, Blut, Verletzungen und Verstümmelungen kommen einfach nicht vor. Nur indirekt. Auf einem Plakat heißt es: Statt Säbel und Bajonett kommen bei Gefechten auf kurze Distanz Faustfeuerwaffen zum Einsatz.

Also keine Berührung mehr mit dem anderen Menschen. Man muss dem anderen keine Klinge mehr in den Bauch stoßen, sondern bedient einfach den Abzug und paff fällt der andere um.

Sauber.

„Guck mal“, sagt Bobi zu Amal. „Mitte des 19. Jahrhunderts erfinden sie den Revolver. Sehr praktisches Teil! Bewährt sich bei der Landnahme im Westen Amerikas und in den Kolonialkriegen in Asien und Afrika – frühen asymmetrischen Konflikten. Was soll denn das heißen?“

Amal zuckt die Achseln, zieht ihr Smartphone aus der Tasche und guckt nach.

„Hier: Ein asymmetrischer Krieg ist eine militärische Auseinandersetzung zwischen Parteien, die waffentechnisch, organisatorisch und strategisch stark unterschiedlich ausgerichtet sind. Weil sich die asymmetrische Kriegsführung …“

„Reicht“, unterbricht sie Bobi. „Also Krieg, wo die einen Ballerwaffen haben und die anderen nur Speere oder was weiß ich?“

Amal steckt ihr Smartphone weg.

„Genau.“

„Das klingt irgendwie so neutral“, sagt Bobi. „Aber eigentlich steht da, Landklauen und die Kolonialkriege waren völlig in Ordnung. Schließlich waren die Europäer ja schlauer, weil sie die tollen Waffen entwickelt hatten. Bah, ist das ätzend. Komm, lass uns gehen, Amal, ich muss mir das nicht reinziehen.“

„Nö, ich will noch gucken“, sagt Amal und vertieft sich in weitere Tafeln über die Geschichte der Waffenproduktion und in alle Zahlen.

Alleine gehen will Bobi nicht, weiter gucken aber auch nicht. Er sucht sich was zum Sitzen, hockt sich hin und schaut Amal zu. Je länger er sie anschaut, desto schöner findet er sie. Beim Lesen bewegt sie die Lippen und die Augenbrauen, als wollte sie alles in sich aufsaugen. Am Ende stellt sie verblüfft fest:

„Krieg ist super für die Rüstungsindustrie! Garant für Arbeitsplätze, Wohlstand für alle! Krass.“

Sie wendet sich von den Tafeln ab und geht in die hinterste Ecke des Raumes.

„Aber guck mal hier, Bobi!“, ruft sie. „Komm mal hierher! Das ist toll! Was denen alles eingefallen ist, als sie keine Waffen mehr produzieren durften! Nach dem Ersten Weltkrieg!“

Sie zeigt auf Nähmaschinen, Messwerkzeuge, Rechen- und Buchungsmaschinen, alles Friedensprodukte aus den zwanziger Jahren. Und da steht auch das Auto, an das sich Bobi erinnert hat.

Er folgt Amal und fährt mit den Händen über den glänzenden Lack des Automobils. Es ist ein echter Oldtimer, fast hundert Jahre alt. Bobi hätte sich gerne mal auf den Fahrersitz gesetzt, feinstes Leder, aber leider geht keine der beiden Türen auf, auch nicht, als er kräftig dran ruckelt. Ob das Ding noch fährt?, überlegt er. Es gibt jede Menge hübsche und durchdachte Details wie die Fußpedale, die tatsächlich genauso aussehen, wie er sie in Erinnerung hat, das K mit dem Ring drum herum für die Kupplung, das Gaspedal mit der glatten Fläche und daneben das B für die Bremse. Am liebsten würde er das nochmal kopieren, aber er hat seinen Skizzenblock nicht dabei. Also überlässt er das Abbilden seiner Kamera.

„Geht doch!“, sagt Amal. „Die können auch was anderes als Waffen. Wie nennen die das? Rüstungskonversion.“

Sie tippt mit dem Finger auf das Wort.

„Könnten die heute doch auch machen, oder?“

„Klar. Aber wahrscheinlich würden sie damit nicht so viel Geld machen. Komm, lass uns gehen.“

Er versteht nicht, was Amal so fasziniert. Das Wesentliche haben sie doch gesehen! Und draußen scheint die Sonne. Und überhaupt.

Amal möchte aber noch wissen, ob sie was über die Zwangsarbeiter findet. Sie erzählt Bobi von den beiden Denkmalen und sucht auf den Tafeln über die Jahre 1933-1945 nach Informationen.

Bobi hat immer noch keine Lust, mehr zu lesen, und filmt die Tafeln ab. Und er nimmt auch Amal auf, wie sie sich zu ihm umwendet und verwundert sagt:

„Eh, hier steht, die Nazi-Zeit war die zweite Geburtsstunde für die Waffenfirmen!“

Sie zeigt mit dem Finger auf die Zahlen:

„1938, als das Werk sein 125-jähriges Jubiläum feierte, hat sich die Belegschaft in nur 5 Jahren versechsfacht, die Stadtbevölkerung ist um 55 Prozent gewachsen. Arbeitsplätze ohne Ende, alle konnten gut verdienen. Sogar Häuser wurden für sie neu gebaut, die Adolf-Hitler-Siedlung. Boah. Ich glaub, das ist heute Kastanienhof.“

Bobi nickt und nimmt weiter auf, Amals Gesicht, Amals Staunen. Er hat das Gefühl, sie nimmt alles, was sie erfährt, sehr persönlich.

Und dann findet Amal endlich was über Zwangsarbeiter. Aber nur ein paar Sätze. Weil die Rüstungsbetriebe im Krieg wegen der hohen Nachfrage nach Waffen unter Arbeitsdruck standen und die Deutschen das nicht alleine schafften, wurden Menschen aus den von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten hierher zur Zwangsarbeit verschleppt. Punkt. Es wird nicht gesagt, wie viele das waren, unter welchen Bedingungen die gearbeitet haben, wie viele ums Leben gekommen sind. Nichts dergleichen. Als hätte es sich um Maschinen gehandelt, die mal eben von hier nach da gebracht wurden.

Bobi hat derweil Fotos aus der Zeit entdeckt, und die sagen ihm mehr als die Texte. Drei deutsche Soldaten in leicht gebückter Haltung auf dem Vormarsch mit den tollen Gewehren vom Werk in der Hand: So sehen Helden aus! Die Großaufnahme einer praktischen Pistole für die Hosentasche: Peng, weg mit dem Feind! Deutsche Soldaten mit einer von den hiesigen Ingenieuren entwickelten Fliegerabwehrkanone, die auch im Original aufgestellt ist. „Fremdarbeiter“ bei einer katholischen Messe im Barackenlager – alle scheinen zufrieden zu sein.

Amal überfliegt noch schnell die Tafeln mit den Informationen über das, was nach dem Krieg geschah, wie die Stadt sich „tapfer“ dem Wiederaufbau gewidmet, die ehemaligen Waffenfirmen zivile Güter hergestellt haben, bis – endlich! – im Jahr 1956 die Bundeswehr gegründet wurde und die Rüstungsindustrie wieder auf vollen Touren lief: Feinste Waffen wurden entwickelt, die sich internationaler Anerkennung erfreuten.

„Bis heute!“, sagt Amal.

„Weißt du“, sagt Bobi. „Ich glaube, das hier ist kein Waffenmuseum, sondern ein Waffen-Lob- und Waffen-Lobby-Museum. Alles nur Werbung.“

„Klar! Die Frau hat doch gesagt, das Museum haben die vier Waffenfirmen bei uns im Ort gesponsert.“

„Geschmiert, oder?“, meint Bobi. „Das heißt, die geben Geld und bestimmen, was damit gemacht wird?“

Amal nickt.

Als sie in den Vorraum kommen, schaltet die Frau an der Kasse das Licht in den Museumsräumen aus und bittet die beiden, etwas ins Gästebuch zu schreiben. Amal nimmt das Buch und liest den letzten Eintrag laut vor:

Seit 200 Jahren werden hier im Ort Waffen hergestellt. Ich bin froh, dass Waffen nicht mehr zum Einsatz kommen. Herzlichen Glückwunsch zum 200. Jahr. Cosi.

„Echt mal!“, sagt Bobi und muss an den Satz denken, der sich ihm gestern eingeprägt hat, und den schreibt er darunter:

Alle vierzehn Minuten stirbt ein Mensch durch eine Waffe aus dem Werk. Bobi.

Amal überlegt eine ganze Weile. Sie nimmt den Stift in die Hand und schreibt schließlich:

Frieden schaffen ohne Waffen! Amal.

Draußen bleiben beide einen Moment unschlüssig stehen. Es ist früher Abend, die Sonne scheint, eine Katze streicht über den Vorplatz, über die Brücke brausen Autos.

„Hast du Lust …“, sagt Amal.

Und Bobi im selben Moment:

„Eis essen?“

„Bei Luigi?“

Ihre Schritte knirschen auf dem Kies, Amal schließt ihr Fahrrad ab und schiebt es neben Bobi her.

Sie haben es nicht weit, Luigis Eisdiele ist gleich jenseits der großen Straße, kurz vor der Brücke. Luigi hat den Laden etwa zur selben Zeit aufgemacht wie Bobis Großeltern ihr Restaurant. Aber Luigi ist noch da, macht sein Eis nach wie vor selber, aber längst nicht mehr alleine. Auch hinter dem Tresen stehen jetzt andere aus der Familie, die kleine Eisdiele ernährt viele.

Es ist voll, es gibt keinen Platz mehr zum Sitzen, weder drinnen noch draußen, und vor dem Ladentisch steht eine Schlange.

Als sie endlich dran sind, bestellt Amal für sich eine Waffel mit zwei Kugeln, Kirsch und Haselnuss.

„Echt mal?“, sagt Bobi ungläubig, denn seine Lieblingssorten sind ebenfalls Kirsch und Haselnuss, und er will sie auch in der Waffel.

„Andere Sorten gehen gar nicht!“, strahlt Amal ihn an. „Und Kirsch muss immer unten sein! Weil, das ist weniger süß.“

Genüsslich fährt sie mit der Zunge über die obere Kugel und fügt hinzu:

„Haselnuss ist gut, aber Luigis Kirscheis ist genial.“

„Stimmt“, sagt Bobi. „Vor allem gibt es gar nicht überall Kirsch.“

„Komm, wir setzen uns auf die Mauer da drüben“, sagt Amal. Ihr Rad lässt sie stehen.

Sie sitzen auf dem Mäuerchen, lassen die Beine baumeln und schlecken bedächtig ihr Eis. Bobi genießt den kühlen, süßen Sahneschmelz im Mund, die warme Sonne im Rücken und Amals Arm ganz nah.

Als Amal die letzten Krümel ihrer Eiswaffel den schon nachdrücklich piepsenden Spatzen zugeworfen hat, gibt sie einen zufriedenen Seufzer von sich, als wollte sie etwas sagen, bleibt aber still.

Bobi bricht ein Stück von seiner Waffel ab und wirft den Spatzen was zu. Immer mehr von den kleinen, braungrauen Federbällchen kommen herangeflattert, breiten kurz die Flügel zum Landen aus, trippeln eifrig hin und her, picken hier und da und dort, wobei sie sich andauernd nervös umgucken. Wer einem anderen zu nahekommt, wird weggejagt. Aber woran sich festmacht, wer stärker ist und wer nachgeben muss, kann Bobi nicht ausmachen. Die ganz Schlauen, die schnappen sich sowieso ein größeres Stück und fliegen damit irgendwohin, wo sie in Ruhe speisen können.

„Muss echt anstrengend sein, das Fressen für die“, sagt Bobi. „Stell dir vor, du müsstest ständig aufpassen, dass ich nicht an dein Eis gehe!“

„Deshalb hab ich’s doch so schnell aufgegessen“, lacht Amal, und ihr Grübchen kringelt sich. „Man kann ja nie wissen!“

„Meinst du?“, fragt Bobi erstaunt. „Meinst du echt, Menschen sind auch so?“

„Heißt doch so!“, meint Amal zögernd, als sie merkt, dass Bobi das ernst meint. „Der Mensch ist des Menschen Feind. Oder so.“

„Quatsch“, sagt Bobi. „Warum denn das?“

„Ich glaub’s ja auch nicht. Aber alle sagen das!“

„Alle! Weißt du, was mein Opa da immer sagt: Fresst Scheiße! Millionen Fliegen können nicht irren!“

Amal gluckst.

„Cool.“

Dann hüpft sie vom Mäuerchen und sagt:

„Schaffst du noch ein Eis? Ich lad dich ein!“

„Aber nur eine Kugel! Kirsch!“

Er schaut ihr nach, wie sie sich anstellt, an die Reihe kommt, ein paar Worte mit Andrea wechselt, einem aus ihrer Schule, der sie bedient, wie sie bezahlt und mit dem Eis zurückkommt.

Das Kirschrot passt perfekt zu den schwarzen Haaren von Amal, denkt Bobi, zieht die Kamera aus seiner Tasche und fotografiert Amal, wie sie mit je einer Eistüte in der Hand – beide Kirsch – auf Bobi zutanzt. Federleicht.

Kaum hat sie Bobi sein Eis gegeben und sitzt wieder auf dem Mäuerchen, sagt sie:

„Ich will dich mal was fragen.“

„Ja?“, sagt Bobi, und er spürt sein Herz klopfen.

„Also, ich will wissen …“, fängt Amal an, sagt aber nichts, sondern konzentriert sich auf ihr Kirscheis.

Bobi wartet ab und sagt nichts. Die Stille zwischen ihnen kann er gut aushalten. Es ist eine vertraute Stille, auch wenn er selber angespannt ist und unbedingt erfahren will, was sie wohl von ihm wissen möchte.

Amal braucht lange, bis sie endlich mit der Sprache rausrückt.

„Was meinst du, Bobi?“, sagt sie schließlich und guckt Bobi so intensiv an, dass er spürt, wie ihm das Blut ins Gesicht schießt. „Sind alle, die im Werk arbeiten, Schuld am Tod von Menschen, die mit den Waffen, die im Werk gemacht werden, verletzt oder getötet werden?“

Bobi ist so verblüfft, dass er erstmal kein Wort herausbekommt. Das hat er nun wirklich nicht erwartet.

„Ich will das wissen, echt“, sagt Amal und schlürft den letzten Rest Eis aus der Waffel.

„Puuh“, sagt Bobi. „Weiß nicht. Erstmal sind doch die Schuld, die mit den Waffen schießen, oder?“

Amal nickt.

„Stimmt.“

„Na ja“, fügt Bobi hinzu. „Außer, sie verteidigen sich. Dann wäre das Notwehr. Oder sie sind bei der Polizei. Die dürfen schießen, wenn es sein muss.“

„Klar. Aber mal angenommen, es gibt keine Waffen, dann kann keiner schießen. Egal, aus welchem Grund. Dann müssten alle ihren Stress irgendwie anders lösen.“

„Genau. Ist doch unser Thema: Frieden schaffen ohne Waffen“, sagt Bobi und schaukelt mit den Beinen. „Aber wie das gehen soll … Keine Ahnung. Ich glaub, darüber haben sich schon ganz andere den Kopf zerbrochen. Und nix ist passiert.“

Amal schweigt. Dann sagt sie:

„Und was ist mit Ghandi?“

„Stimmt. Der wollte keine Gewalt, keinen Krieg. Und ich glaub, die Inder hatten Erfolg damit.“

„Ja. Indien wurde unabhängig“, sagt Amal. „Aber dann gab’s Krieg mit Pakistan. Richtig fett.“

„Was du alles weißt!“, staunt Bobi.

„Ich hab einen Dokumentarfilm gesehen.“

„Willst du deshalb wissen, ob die Leute, die im Werk arbeiten, Schuld haben an Krieg, oder warum?“, fragt Bobi.

„Weil …“, antwortet Amal sofort, zögert dann aber und fügt erst nach einer Pause hinzu: „Na, wegen dem, was Patrick gesagt hat: Dass wir hier alle von der Waffenproduktion leben, weil es sonst nicht viel Arbeit gibt in der Gegend. Natalie und ihre Eltern zum Beispiel, die Eltern arbeiten auch im Werk.“

„Genau … Eh, mit denen können wir doch ein Interview machen!“, sagt Bobi und ist sofort begeistert von seiner Idee. Etwas tun ist ihm tausendmal lieber als reden. „Und wir fragen, was die davon halten!“

„Cool“, sagt Amal. „Wenn Natalie mitmacht …“

Sie blickt auf ihre Uhr.

„Ach, du Scheiße! Ich muss los!“

Sie zerbröselt ihr restliches Stück Waffel und wirft die Krümel auf den Weg.

„Guck mal“, sagt sie zu Bobi, lässt sich vorsichtig von der Mauer runter und zeigt auf die eifrig pickenden Spatzen. „Wenn genug da ist, gibt’s keinen Stress!“

„Aber aufpassen tun sie trotzdem“, lacht Bobi. „Guck!“

„Na, die haben ja auch Spatzenhirne!“

Bobi springt von der Mauer, alle Spatzen flattern hoch.

„Soll ich dich nach Hause bringen?“

„Nee, sorry, geht nicht, dauert zu lange. Muss mich beeilen! Bis Morgen!“

Mit schnellen Schritten schnappt sie sich ihr Rad, winkt Bobi noch einmal zu und saust los. Die Spatzen flattern wieder auf den Weg runter und fressen weiter.

„Danke fürs Eis!“, ruft Bobi Amal hinterher.

Auf dem Heimweg erwischt er sich dabei, wie er Amals tänzelnde Schritte nachmacht. Ohne Eistüten in der Hand. Er freut sich schon darauf, die Bilder runterzuladen und anzugucken. Amal ist so schön.

Erst hält Natalie nicht viel von der Idee, ihre Eltern zu interviewen.

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