Kitabı oku: «Tambara»

Yazı tipi:

Tambara ist unser Traum von einer perfekten Stadt, einer Stadt, in der die Wirtschaft floriert, nachwachsende Organe und eine optimale medizinische Versorgung Gesundheit und ein langes Leben garantieren und ein breites Freizeitangebot die unterschiedlichsten Bedürfnisse der Bürger befriedigt. Doch einigen Städtern ist dies nicht genug. Sie ahnen, dass ihnen etwas vorenthalten wird, etwas, von dem sie instinktiv spüren, dass es ein Teil von ihnen ist. Sie stöbern in der Vergangenheit und entdecken … die Natur. Doch Nachforschungen sind nicht gern gesehen in der Stadt Tambara. Informationen verschwinden aus dem „Net“, und auf eine rätselhafte Weise verschwinden auch die Bürger, die sich dafür interessieren.

Auf der Suche nach ihren spurlos verschwundenen Eltern entdeckt Soul den Getreidekonzern, ein Reservat, das von drei Klonen geleitet wird. Mit ihrem Bruder Reb und den Freunden Mortues und Botoja will sie das Geheimnis der Klonbrüder erkunden. Doch Geduld ist nicht gerade Souls Stärke. Noch bevor die anderen ihre Vorbereitungen beendet haben, ist sie schon auf dem Weg ins Reservat …

Heike M. Major

TAMBARA

Oh Stadt, oh meine Stadt

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2018

Bibliografische Information durch die

Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte

bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2018) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Titelbildidee: Heike M. Major

Fotos: Heike M. Major

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Meinen Freunden und Kollegen,

die mich bestärkt haben, diesen Weg zu gehen

Blind

All dessen,

was Menschsein hat wachsen lassen

(frei fließendes Wasser, saubere Luft, gesunde Erde),

beraubt,

irren die Menschen nun rastlos hin und her –

in einer künstlich geschaffenen Welt

das suchend,

was sie dort nie werden finden können.

Ewige Irrlichter!

Heike M. Major

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Endnoten

1

„Soul …, welch merkwürdiger Name.“

Sorgfältig hatte der Kommissar alle Unterlagen geprüft. Sein Füller knirschte lautstark über das Papier, während er die letzten Eintragungen vornahm.

Die Luft in dem Zimmer war stickig und roch nach abgestandenem Kaffee und unbewältigter Vergangenheit. Auf der Fensterbank hinter dem Schreibtisch türmten sich unterschiedlich große Kästen aus Kunststoffglas, in denen Blüten, Blätter und Früchte ausgestorbener Pflanzenarten ihr letztes Zuhause gefunden hatten. Die fast bis zur Decke reichenden Regale des Raumes waren vollgestopft mit veralteter Software, vergilbtem Bildmaterial und noch aus organischen Rohstoffen hergestellten Aktenordnern. An der einzigen regalfreien Wand stand ein niedriger Büroschrank, auf dem sich Berge verstaubter Schnellhefter stapelten. Darüber legte eine lieblos an den Stein genagelte und mit Spitzen, Bordüren und Tuchresten bestückte Schaukastenreihe Zeugnis ab von der Eitelkeit vergangener Jahrhunderte. Alles schien durchtränkt vom undefinierbaren Geruch vielfältigster Konservierungsstoffe.

„Ihre Mutter war Sängerin?“, fragte der Kommissar und schaute die junge Frau über den Rand seiner Brille an.

„Ja.“

Souls Blick hielt dem seinen stand.

„Eine gute nehme ich an?“

„Eine sehr gute, sie liebte Musik über alles.“

„Alte Musik?“

„Auch …, ja …, sicher, schließlich hatte sie noch ihren Lehrstuhl an der Hochschule für Musikgeschichte. Die Jazzkonzerte fanden hauptsächlich als Ergänzung zu den theoretischen Seminaren statt. Aber sie hat auch Gegenwartsmusik präsentiert, überwiegend sogar …, ja, überwiegend.“

Die Neugier des Kommissars schien befriedigt. Er faltete das bearbeitete Formular in der Mitte zusammen, strich den entstandenen Falz mit einem einzigen gezielten Fingerstrich glatt und erhob sich von seinem Stuhl.

„Nun gut, damit wären die Formalitäten erledigt – mein Beileid und alles Gute.“

Mit einem kräftigen Händedruck überreichte er der Antragstellerin das Papier, geleitete sie zur Tür und überließ sie der Obhut seiner Vorzimmerdame.

Die Ausgabestelle befand sich auf der gegenüberliegenden Seite des Kommissariats. Sie brauchten nur den Gang zu überqueren, und Soul fragte sich gerade noch, wie man hier arbeiten konnte, Tag für Tag, in unmittelbarer Nähe mit den Toten, da standen sie schon im Übergabezimmer und ein dürrer, wortkarger Angestellter verlangte das Formular.

„253? – Ja, ich glaube, die ist heute fertig geworden.“

Das Papier in der Hand, den Blick auf die Behälter über ihm gerichtet, wanderte der Konzerndiener die Regale entlang.

„Genau, 253. Wie ich es mir gedacht habe.“

Er griff in eines der Fächer und holte einen dunkelbraunen Kunststoffwürfel heraus.

„Shamon’s group of final arrival“, stand in einem grellen Orangeton darauf geschrieben. „Professionelle Einäscherungen.“

Mit der Urne überreichte er der Trauernden den Schlüssel für die Kapelle und den Bestattungssaal.

„Hier entlang, bitte!“

Routinemäßig leitete die Sekretärin den letzten Teil der Zeremonie ein.

Soul folgte den wiegenden Hüften der Vorzimmerdame und bemühte sich vergebens, ein Gefühl von Andacht zu empfinden. Unverschämt laut knallten die hohen Absätze dieser Person auf die Kacheln des Fliesenbodens. Der Flur war merkwürdig schmal und hoch, die Wände schimmerten schmucklos und die vielen Türen zu beiden Seiten standen stumm, als wollten sie nicht verraten, dass hinter ihnen sich Hunderte von Angestellten in mühseliger Kleinarbeit ihr tägliches Brot verdienten.

Am Ende des Ganges machten sie halt.

„Den Schlüssel, bitte!“

Ehe sich Soul versah, hatte die Sekretärin ihr das Metall schon aus der Hand gezogen. Behänd schob sie es in das Schloss der Kapellentür.

„Ich werde hier warten, bis Sie sich verabschiedet haben. Ich denke, zehn Minuten werden reichen, nicht wahr?“

Soul war dankbar, für einige Minuten allein gelassen zu werden. Sie stellte die Urne auf den Altar und kniete auf einer der wenigen Bänke, die der kleine Raum beherbergte, nieder. Ein Geruch von Weihrauch und Myrrhe entströmte den Duftkammern der Klimaanlage. Dunkelrote Sitzpolster verliehen dem schlichten Mobiliar einen Anstrich von schwüler Feierlichkeit, und der flackernde Schein der künstlichen Altarkerzen setzte die sakralen Wandmalereien, die anscheinend die fehlenden Fenster ersetzen sollten, dramatisch in Szene.

Soul schloss die Augen und bettete den Kopf auf die gefalteten Hände. In ihrem Körper dröhnte und hämmerte es. Was um alles in der Welt war geschehen? Vor ein paar Tagen noch waren sie zusammen einkaufen gewesen, hatten gemeinsam gegessen, geschwatzt, gelacht. Sicher, ein wenig Angst war immer dabei gewesen, aber ihren Alltag hatten sie doch so normal wie nur eben möglich gelebt. Die paar Male, die sie auf eigene Faust in der Vergangenheit gestöbert hatten, daran konnte doch niemand Anstoß genommen haben.

Ein Gebet musste ihr einfallen.

„Wir alle in dir …, und ewig währt dein Licht …“

Wut, Trauer, Hilflosigkeit drängten sich zwischen die Zeilen, ein Anflug von Übelkeit mischte sich darunter. Nicht im Traum hätte sie sich vorstellen können, einmal zu den Betroffenen zu gehören. Soul hob den Kopf und betrachtete hasserfüllt den dunkelbraunen Kasten auf dem Altar. Selbstbewusst erstrahlte die orangefarbene Aufschrift im Schein der künstlichen Kerzen.

Es klopfte.

„Ja? – Ja, einen Moment bitte, ich bin gleich fertig.“

Soul stand auf, holte die Urne und verließ den Raum. Gehorsam folgte sie der Dame, die hinter ihr die Kapellentür wieder verschlossen hatte, in den Bestattungssaal.

„253, sehen Sie, hier! Ein schöner Platz, Südseite – fast den ganzen Tag über scheint die Sonne auf die Verstorbenen.“

Während sie sprach, öffnete die Sekretärin eine der Glastüren des Grabschrankes, der ähnlich wie die Regale in der Ausgabestelle die ganze Wandseite einnahm und eine Vielzahl gleich großer Fächer beherbergte, die mit je einem orange-braunen Würfel gefüllt waren. Soul musste sich ein wenig auf die Zehenspitzen stellen, um den Kasten in der Mitte des zugewiesenen Schreines zu platzieren. Sie faltete die Hände, murmelte ein weiteres kurzes Gebet und beendete es mit einem hastig dahin geworfenen Kreuzzeichen.

„Ich werde dir nie verzeihen, dass du bei der Bestattung unserer Mutter nicht dabei gewesen bist.“

Souls Stimme klang vorwurfsvoll, als ihr Bruder, der auf dem Parkplatz vor dem Gebäude gewartet hatte, den Wagen startete.

„Mutter?“

Der junge Mann verzog das Gesicht.

„Du glaubst doch wohl nicht im Ernst, dass das unsere Mutter gewesen ist.“

2

Reb räusperte sich.

„Meine Damen und Herren, im Namen der Miller’s Group – Contemporary Systems of Media Research möchte ich Sie heute zu einem ganz besonderen Ereignis willkommen heißen. Wie Sie alle wissen, ist unser Institut bekannt für die hervorragende Arbeit, die es in den letzten Jahren auf dem Gebiet der Medienforschung geleistet hat. Die innovativen Visualisierungstechniken unseres Konzerns haben einen beispiellosen Siegeszug rund um den Globus angetreten und Maßstäbe gesetzt, an denen Firmen auf der ganzen Welt gemessen werden. Umso erstaunlicher ist es, dass wir Ihnen heute eine Ausstellung präsentieren, die sich weder mit unserer glorreichen Gegenwart beschäftigt, noch Ihnen, wie Sie es bisher von uns gewohnt waren, ein weiteres zukunftsweisendes Projekt vorstellt, sondern sich ausschließlich – und ich betone ‚ausschließlich’ – mit der Vergangenheit beschäftigt.“

Ein kaum hörbares Raunen ging durch den Saal.

„Diese Ausstellung, meine Damen und Herren, wird Ihnen nicht nur einen Einblick in die Anfänge des Medienzeitalters gewähren, sondern Sie auch teilhaben lassen an gentechnischen Entwicklungen und medizinischen Praktiken längst vergangener Epochen. Der Titel ‚Medizin im einundzwanzigsten Jahrhundert – eine Fotoausstellung’ sagt es schon: Die Bilder, die Sie heute und im Laufe der folgenden Wochen bei uns bestaunen können, sind tatsächlich noch echte Fotos. Fotos – lassen Sie es mich für diejenigen unter Ihnen, die mit der Geschichte unseres Instituts nicht so vertraut sind, kurz erklären – waren ursprünglich Bilder, die mit einem kleinen, speziell für diesen Zweck entwickelten Kasten, dem sogenannten Fotoapparat, auf Zelluloidstreifen gebannt und anschließend mithilfe von Licht und drei chemischen Flüssigkeiten – Entwickler, Stoppbad und Fixierer – im Labor auf Papier übertragen wurden. Man sprach damals allerorts vom Fotografieren, einer von privaten Interessenten wie öffentlichen Institutionen gleichermaßen genutzten Visualisierungspraktik.“

Die Gesichter der Zuschauer zeigten einen Ausdruck ungläubigen Erstaunens. Einige Leute klatschten.

„Natürlich handelt es sich bei den in unseren Räumen ausgestellten Bildern immer nur um exzellente Nachbildungen. Die noch auf organischem Papier erstellten Originale sind nun doch zu wertvoll, als dass man sie hier einfach an die Wände hätte hängen können. Sie schlummern friedlich – wie sollte es anders sein – in den Tresoren unseres Instituts. Falls der eine oder andere also mit dem Gedanken spielen sollte, die Aufnahmen irgendwo zu Geld machen zu wollen …, es lohnt sich nicht.“

Verhaltenes Gelächter bestätigte Reb, dass er den richtigen Ton getroffen hatte.

„Aber, verehrte Gäste, lassen Sie mich noch ein wenig ausholen. Warum ausgerechnet eine Ausstellung über das einundzwanzigste Jahrhundert? Den Fachleuten unter Ihnen ist sicherlich bekannt, dass dieses Zeitalter aus heutiger Sicht als Vorstufe unserer modernen Medizin betrachtet werden kann. Das erste Mal in der Geschichte der Menschheit hatte es eine Gruppe von Wissenschaftlern gewagt, in den natürlichen Ablauf der Evolution einzugreifen und durch das gezielte Zusammenführen einer Kernspenderzelle und einer chromosomenfreien Eizelle ein neues Lebewesen außerhalb des Körpers quasi durch Menschenhand zu erschaffen. Die Versuche, durch laborgesteuerte Befruchtung genetisch identische Kopien ein und desselben Lebewesens herzustellen – sie zu klonen, wie man in jenen Tagen zu sagen pflegte –, scheiterten zwar lange Zeit immer wieder, doch die Tür zum Bio-Design war aufgetan und von diesem Zeitpunkt an war es, gemessen an der Geschichte der Menschheit, nur ein kleiner Schritt, bis es den Forschern gelang, sich das Erbgut auch unserer Spezies untertan zu machen. Und nun frage ich Sie, verehrtes Publikum, um welches Lebewesen handelte es sich bei diesem ersten, schon im zwanzigsten Jahrhundert der Öffentlichkeit vorgestellten Klon?“

Auffordernd ließ Reb den Blick über die Köpfe der Zuhörer wandern.

„Na, in der Schule nicht aufgepasst?“

Einige Gäste lachten verlegen.

„Ich gebe Ihnen noch einen Tipp: Die für dieses Experiment verwendete biologische Einheit diente dem Menschen lange Zeit als Haustier. Sie kommen nicht drauf? – Nein? – Ich werde es Ihnen verraten: Es war das uns allen bekannte Schaf Dolly.“

„Ach so, ja, natürlich!“

Jetzt waren die Besucher wieder im Bilde.

„Ja, meine Damen und Herren, auch dieses berühmt gewordene Schaf werden Sie in unserer Ausstellung zu sehen bekommen. Außerdem präsentieren wir Ihnen eine Reihe von historischen Zeitungsartikeln, damit sie selbst nachlesen können, welch kontroverse Diskussion dieser Eingriff in der damaligen Öffentlichkeit auslöste. Des Weiteren werden Sie Fotos zu Gesicht bekommen – hach, allein das Wort ‚Foto‘ jagt mir einen Schauer über den Rücken –, Fotos, die die Chirurgen jener Zeit bei ihrer Arbeit zeigen. Und wenn ich sage ‚bei ihrer Arbeit‘, dann meine ich auch ‚bei ihrer Arbeit‘, denn wie Sie wissen, wurde zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts noch mit der Hand operiert.“

Spontaner Beifall zwang Reb zu einer kleinen Unterbrechung.

„Ja, Sie werden in die uns heute mehr als archaisch anmutenden Operationssäle eingeladen, um den Meistern des Chirurgenfaches bei der Ausübung ihrer schier unglaublichen Kunst über die Schulter zu schauen.

So, meine Damen und Herren, nun möchte ich Sie nicht länger auf die Folter spannen. Ich wünsche Ihnen viel Spaß – oder sollte ich lieber sagen ‚angenehmen Grusel’ – und empfehle Ihnen zum Schluss noch unseren Ausstellungsführer, den Sie für 5 Tambas am Eingang erwerben können. Sollten Sie weitere Informationen benötigen, steht Ihnen meine Schwester mit Rat und Tat zur Seite, die übrigens nicht nur an dieser Ausstellung, sondern auch an der Vorbereitung des heute Abend stattfindenden Jazzkonzertes mitgewirkt hat – ein weiterer Leckerbissen unseres Programms.“

Reb streckte seinen Arm aus und empfing Soul, die bereits das Podium erklomm, am Rednerpult. Die Besucher erhoben sich von ihren Plätzen und spendeten den Geschwistern tosenden Beifall.

Draußen öffnete sich das riesige Eingangstor des Konzerns. Die Menschenmasse, die bisher ehrfürchtig auf dem Vorplatz gewartet hatte, drängte nun mit verhaltener Neugier in das Gebäude hinein. Viele der Gäste kauften zunächst einen Ausstellungsführer. Mit diesem praktischen Kopfreifen war es möglich, sich durch die Räumlichkeiten führen lassen, ohne die Kommunikation mit einer eventuellen Begleitperson unterbrechen zu müssen. Während die linke Hälfte des Reifens keinerlei technische Hilfsmittel beherbergte und nur dem festen Sitz des Gerätes diente, war die rechte Seite mit einem Ohrhörer und zwei halbkreisförmigen Schienen ausgestattet, von denen die erste in respektvollem Abstand vom Augapfel einen kleinen Bildschirm zur Betrachtung erläuternder Kurzfilme trug, die zweite unterhalb des Kinns in einem winzigen Mikrofon mündete, mit dessen Hilfe der Besucher die passenden Ausschnitte anfordern oder dem Gerät Fragen zum Thema stellen konnte.

Reb hatte sich vorher gründlich überlegt, wie er die Fotos präsentieren wollte. Als gelernter Visualist, ausgebildet in sämtlichen Bereichen der Medienpraxis, war er Fachmann auf diesem Gebiet. Er wollte die Zuschauer behutsam an das Thema heranführen. Sie sollten die Bilder unvoreingenommen auf sich wirken lassen und erst allmählich begreifen, welch schwere Kost hier für sie aufbereitet worden war. So hatte er sich für ein recht kleines Präsentationsmaß entschieden und nur einige wenige Aufnahmen mannshoch vergrößern lassen. Die meisten Fotos waren, ähnlich einer Gemäldeausstellung im alten Stil, in reflexlosem Kunstglas eingelassen und in Augenhöhe des Betrachters am Mauerwerk fixiert worden. Das strukturlose Weiß der umgebenden Wände unterstützte den wissenschaftlichen Charakter der Ausstellung und vermittelte eine Atmosphäre von unumstößlicher Sachlichkeit.

Für den ersten Raum hatte Reb Themen ausgewählt, die den meisten Besuchern noch aus ihrer Schulzeit her vertraut waren und ihnen deshalb eine gewisse Sicherheit vermitteln würden: Aufnahmen aus dem Labor, die die ersten Befruchtungsversuche außerhalb des menschlichen Körpers zeigten, Vergrößerungen von historischen Zeitungsartikeln mit Informationen, Kommentaren und kontroversen Diskussionen, grafische Darstellungen wissenschaftlicher Versuchsreihen zur Entwicklung gentechnisch optimierter Nahrungsmittel und Fotografien geschichtlich bedeutender, systematisch gezüchteter Klonreihen, angefangen bei den ersten Tierversuchen, über die späteren Experimente am Menschen, bis hin zu den wenigen erwachsen gewordenen Klonen des Homo sapiens.

Besonderen Respekt zollte man in jenen Tagen einer Gruppe von hochintelligenten geklonten Persönlichkeiten, die maßgeblich an der Entwicklung und Züchtung von Labororganen beteiligt gewesen waren. Und hier kam schon der erste kritische Punkt. Reb hatte nämlich nicht nur Material über die Forschungsergebnisse zusammengestellt, sondern auch gewagt, die Entwicklung dieser wissenschaftlich phänomenalen Leistung mithilfe von Tagebuchnotizen eines ihrer Mitglieder zu dokumentieren.

Geduldige Leser konnten so zum Beispiel erfahren, dass viele Wissenschaftler ihre Bestimmung als Klon ihr Leben lang als unwürdig, wenn nicht gar demütigend empfunden und sich der Forschergruppe nur angeschlossen hatten, um ihren Nachkommen ein eben solches – gesellschaftlich isoliertes – Dasein, das vornehmlich durch die vergleichsweise bescheidenen Vorgaben seines jeweiligen Erfindergeistes geprägt worden war, zu ersparen. Selbst die Klügsten unter diesen im Computer entworfenen Menschen hatten nie ein Leben in Freiheit führen können. Von Geburt an gezwungen, ihren vorprogrammierten Neigungen nachzugehen, war ihnen die Erforschung ihrer eigenen Person verwehrt geblieben. Hatte ein Klon doch einmal eine Begabung außerhalb des geplanten Programms entwickelt – wahrscheinlich ein Resultat des nie ganz risikofreien Bausteins „Kreativität“ –, fristete sein Talent meist ein unverdientes Schattendasein. Da die Entwicklung dieser Menschenart in jedem Einzelfall penibel dokumentiert und von jedermann in der Fachliteratur nachzulesen war, begegnete man den geklonten Persönlichkeiten fast immer mit Vorurteilen. Die Mitbürger brachten ihnen zwar uneingeschränkte Bewunderung entgegen, zeigten aber an privaten, nicht wissenschaftlich fundierten Neigungen wenig Interesse.

Natürlich war jeder Einwohner der Stadt Tambara irgendwann einmal in seinem Leben mit diesem unerfreulichen Aspekt der menschlichen Forschungsgeschichte in Berührung gekommen, doch sprach man nicht gern über die Irrwege vergangener Jahrhunderte. Lieber betonte man, dass die Erzeugung von Klonmenschen schlichtweg zu langwierig und damit wirtschaftlich unrentabel gewesen war, während die Züchtung von nachwachsenden Organen im Labor sich recht schnell zu einem profitablen Unternehmen entwickelt hatte und auch für den Normalbürger nicht zu übersehende Vorteile mit sich brachte.

Reb beobachtete die Gäste, wie sie sich noch ein wenig zögernd von Bild zu Bild bewegten und offensichtlich froh waren, mit den Inhalten des Eingangsbereiches etwas anfangen zu können. Die Tagebuchnotizen wurden registriert, doch nach einem kurzen Blick auf das vergrößerte Werk wanderten die Besucher weiter. Hatten sie die Bedeutung der Texte nicht erkannt? Oder trauten sie sich noch nicht an das Thema heran?

Neben dem Durchgang zum zweiten Raum prangte ein zwei Meter großes Bild des Schafes Dolly. Eine Mutter stand mit ihrem knapp fünfjährigen Sohn davor und versuchte ihrem Kind die Bedeutung des Wortes „Schaf“ zu erklären.

„D…, D…, Do…, Dol…, Dolllllly“, juchzte der Kleine triumphierend, während er die Schrift neben dem Foto entzifferte.

Die Mutter wirkte merkwürdig unzufrieden.

Als Reb an ihr vorüberging, hörte er sie sprechen.

„Das ist kein Dolly, das ist ein Schaf, hörst du? Ein Schaf!“

Ihr Sohn blickte sie ungläubig an.

„Ein Schaf ist ein Tier“, erklärte die Frau weiter. „Was ein Tier ist, weißt du doch, oder?“

Der Junge nickte verunsichert.

„Siehst du. Dieses Tier ist ein Schaf. Und das Schaf hat einen Namen. Der Name dieses Schafes ist Dolly.“

Vorsichtshalber hielt der Kleine den Mund. Er wollte seine Mutter nicht noch mehr erzürnen. Die Frau warf einen forschenden Blick durch den Türbogen zu den nachfolgenden Fotografien hinüber und entschied sich, ihrem Sohn die weiteren Ausstellungsräumlichkeiten vorzuenthalten. Mit ihrem verdutzten Sprössling an der Hand spazierte sie zum Eingang zurück.

Im nächsten Raum kämpfte eine junge Dame mit einem Anflug von Übelkeit. Sie hatte sich in ein Foto vertieft, auf dem eine Organtransplantation gezeigt wurde. Viele vermummte Gestalten in grünen Kitteln beugten sich über einen Patienten, von dem nur die bloß gelegte Operationsstelle zu sehen war. Ein Chirurg tauchte gerade sein Skalpell in die Wunde.

Der Freund der Frau suchte nach beruhigenden Worten.

„Bei der Operation deines Vaters warst du doch auch dabei. Damals hat dich nur eine Glaswand vom OP-Tisch getrennt.“

„Ja, schon“, erklärte die Frau, „aber da operierten Roboter. Hier sind es Menschen.“

Ihre Magengegend mit beiden Armen umschlingend, schielte sie, den Körper halb abgewandt, zu den Personen auf dem Bild hinüber.

„Wenn diese Hände nun anfangen zu zittern?“

„Du machst dir zu viele Gedanken“, tröstete der Freund. „Die Chirurgen von damals verstanden ihr Handwerk. Außerdem handelt es sich um ein Stück Geschichte. Der Patient auf dem Foto ist doch längst …“

Bestürzt hielt er inne und schaute seine Freundin an.

„Eben“, konterte diese, drehte sich um und spazierte davon.

Der junge Mann folgte ihr seufzend.

Reb setzte seinen Ausstellungsführer auf und vertiefte sich selbst noch einmal in das Bild von der Operation.

„Stichwort ‚Organspende’“, sprach er in das Mikrofon.

Auf dem Bildschirm erschien eine Filmszene, die zwei Chirurgen bei einer Herztransplantation zeigte. Eine angenehme weibliche Stimme sprach dazu: „Zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts standen noch keine nachwachsenden Organe aus dem Labor zur Verfügung. Ein Patient mit einem kranken Herzen zum Beispiel musste warten, bis ein Mitglied der Gesellschaft starb, um sich das Organ dieses Menschen einpflanzen zu lassen. Es gab regelrechte Wartelisten. Der Eingriff war mit etlichen Risiken verbunden. Nicht alle Patienten wachten aus der Narkose wieder auf. Gelang die Operation, war der Patient noch lange nicht gerettet. Manchmal stieß der Körper das neue Organ ab …“

Reb verzog das Gesicht und klappte den Bildschirm hoch.

Nach und nach füllte sich der Raum. Mit zunehmender Zuschauerdichte schien auch das Interesse an den Fotos zu wachsen. Vor dem Bild eines Klonkindes, das gerade sechs Kerzen auf einem Geburtstagskuchen ausblies, stand ein Mann Mitte vierzig und befragte sein Mikrofon.

„In welchem Alter erfuhr ein Klonkind von seinen Zieheltern, dass es nicht auf natürlichem Wege geboren worden war?“

„Nicht geboren – gezeugt“, mischte sich Reb ein.

„Wie bitte?“

Der Besucher blickte sich nach dem Störenfried um.

„Entschuldigung, ich wollte nur helfen. Auf den Begriff ‚geboren’ reagiert der Computer nicht. Benutzen Sie ‚gezeugt’.“

„Ach so, ja danke.“

Der Mann wiederholte die Frage. An seinem Gesicht konnte Reb ablesen, dass er die richtige Stelle gefunden hatte.

Im selben Raum hing auch die Fotografie eines Hochzeitspaares. Zwei Mitglieder der Wissenschaftsgruppe hatten geheiratet. Reb horchte auf die Fragen, die die Zuschauer im Glauben sicherer Anonymität ihrem Ausstellungsführer stellten.

„Wie viele Klonmenschen ließen ihre eigenen Kinder klonen?“

„Wie viel Prozent bevorzugten den natürlichen Zeugungsvorgang?“

„Gab es Klone, die normale Menschen heirateten, oder beschränkte sich diese Spezies bei der Partnerwahl auf ihresgleichen?“

„Na, wie läuft’s?“

Aufgeschreckt fuhr Reb herum.

„Ach, du bist’s.“

„Alles in Ordnung?“, fragte Soul besorgt.

„Aber natürlich.“

„Bist du sicher?“

Reb ergriff den Arm seiner Schwester und führte sie behutsam zum Fenster.

„Schau mal, Schwesterchen, wir halten uns doch nur an das, was wir gelernt haben. Wir zeigen den Besuchern, dass es ihnen, dank der Bemühungen unserer Gesellschaft, immer und überall das Bessere durch das Beste zu ersetzen, heute so gut geht wie nie zuvor. Sollten einige Bürger unsere Ausstellung zu eigenen Interpretationen nutzen, die sich unter Umständen als nicht ganz staatskonform erweisen …, was können wir dafür?“

Souls Blick fiel auf das riesige Eingangstor des Medienkonzerns. Kraftstrotzend setzte sich die leuchtend weiße Neonschrift von dem blauen Gebäude ab. Ihr Licht überflutete den ganzen Vorplatz und vermittelte dem Betrachter ein Gefühl von Ehrfurcht gebietender Unumstößlichkeit. Über dem Eingang stand der Leitsatz der Stadt Tambara: „Das Beste bleibt.“

3

Sie hatten den Präsidenten der Christie’s Group of Music-Design überreden können, die Aufführung des Jazzkonzerts nicht wie sonst üblich im Musikkonzern, sondern ausnahmsweise im Zentralraum des Mediencenters stattfinden zu lassen. Die in fast allen Firmen im Gebäudemittelpunkt errichteten Zentralräume wurden hauptsächlich für Werbezwecke in eigener Sache genutzt. Hier präsentierte jeder Konzern seine Neuerscheinungen, organisierte Tagungen zu aktuellen Produktentwicklungen oder Ausstellungen zur Firmengeschichte und Managementphilosophie. Die Weltkonzerne für Mode, Medien, Medizin, Musik, Verkehrsmittel und andere Notwendigkeiten des täglichen Lebens standen in starker Konkurrenz zueinander, und so ließ sich auch der Präsident des Musikkonzerns nur ungern zu einem Verzicht auf solch einen Leckerbissen überreden. Doch als alter Freund der Familie gab er schließlich Rebs Drängen nach, zumal er einsah, dass die ausgesuchten Darbietungen zum zeitlichen Rahmen der Fotoausstellung passten und diese wunderbar ergänzen würden. Reb hatte, hartnäckig wie er war, ein paar Schwarz-Weiß-Fotos berühmter Jazzmusiker auftreiben können, die nun die Wände des zum Konzertsaal umfunktionierten Zentralraumes schmückten.

Im Innenbereich des dreigeteilten Gewölbes hatten sie eine viereckige, von allen Seiten durch Treppenstufen erreichbare Bühne aufgebaut und mit Reihen aus schwarzledernen Regiestühlen umgeben. Das Orchester spielte auf einer drehbaren Plattform, die dem Publikum in regelmäßigen Abständen eine neue Perspektive präsentierte. Die gedämpfte Beleuchtung verlieh dem vornehmlich in warmen Schwarztönen gehaltenen Ambiente ein extravagantes Flair und bildete den idealen Hintergrund für einen musikalischen Abend von außergewöhnlicher Exklusivität.

Der Veranstaltungssaal war an seinen Außenseiten durch eine Vielzahl von Durchgängen in Form arkadenartiger Rundbögen mit einem breiten Gang verbunden, der um den gesamten Innenbereich herumführte. Durch seine hellen Wände wirkte dieser zweite Teil des Zentralraumes besonders geräumig. Auf blauschwarzem Kunststoffmarmor standen, gruppiert um niedrige Acrylglastische, Sitzgruppen aus weißem Leder, großzügig geschnittene Zwei- und Dreisitzer und bequeme Einzelsessel, denen in unregelmäßiger Folge eine Reihe künstlicher Phönixpalmen zur Seite gestellt worden war. Wer hier saß, suchte ein stilles Musikerlebnis, wollte die Show ohne großen Rummel genießen oder sich bei angenehmer Musik ein wenig unterhalten. Auch der Mittelraum wurde an seiner Außenseite von Rundbögen begrenzt. Sie waren etwas kleiner als ihre Pendants an der gegenüberliegenden Seite und spärlicher an der Zahl, sodass sie noch genügend Wand übrig ließen, an die Reb seine Jazzfotos hatte hängen können.

Der dritte Bereich bestand aus einem weiteren Rundgang mit großen ausladenden Tischen für bunt gemischte Gesellschaften, etlichen Buffets und einigen Bars. In diesen Hallen konnte man nach Herzenslust dinieren, diskutieren oder ausgelassen feiern und durfte auch ein wenig laut werden, ohne Angst haben zu müssen, die Vorführung zu stören. Neuartige Materialien und eine ausgeklügelte Bauweise sorgten dafür, dass die Musik in unterschiedlicher Lautstärke in allen drei Gewölben des Zentralraumes zu hören war, die Stimmen und Hintergrundgeräusche aus den Rundgängen jedoch nur in unbedeutendem Maße in den Veranstaltungssaal eindringen konnten.

Soul hatte sich einen Imbiss geholt und sich in einem der vielen weißen Sofas im Mittelraum niedergelassen. Hier war es um diese Zeit noch am ruhigsten. Nur wenige Besucher saßen in den Sitzgruppen, plauderten leise oder gaben sich entspannt und teils mit geschlossenen Augen dem Musikgenuss hin.

Soul platzierte den Teller mit dem Imbiss auf ihren Knien und versuchte, sich auf die Mahlzeit zu konzentrieren. Doch während sie das Fleisch mit dem Messer zerteilte, wanderten ihre Gedanken immer wieder zurück zu den Ereignissen der letzten Tage. Warum nur war sie nach dem Tod der Mutter nicht sofort informiert worden? Ein Autounfall, hatte es geheißen, die Fahrerin wäre noch an der Unfallstelle gestorben. Doch an jenem Tag war ihre Mutter mit zwei Freundinnen im hauseigenen Fitnesscenter verabredet gewesen. Wie passte da eine plötzliche Autofahrt ins Bild? Der Leichnam wäre völlig zerstückelt gewesen – kein schöner Anblick für eine Tochter von gerade einmal fünfundzwanzig Jahren.

„Einäscherung aus ästhetisch-psychologischen Gründen“, hatte auf dem Formular gestanden, „ohne vorherige In-Kenntnis-Setzung der Angehörigen.“

Nur wenige Monate zuvor war Souls Vater zu einer Außenmission in ein Reservat berufen worden und von dieser Reise nicht wieder zurückgekehrt. In einem maschinell erstellten Abschiedsbrief hatte er Frau und Kinder um Verzeihung gebeten, weil er ein neues Leben beginnen wollte fernab beruflicher Verpflichtungen und familiärer Bindungen. Die Geschwister waren fassungslos gewesen. Ihre Familie hatten sie immer als eingeschworene Gemeinschaft erlebt, in der sich jeder auf den anderen verlassen konnte. Das Wohl der Kinder ging ihren Eltern über alles. Wie lange zum Beispiel hatte ihr Vater um eine Verkürzung der nachmittäglichen Hortstunden kämpfen müssen. In einer hoch technisierten Gesellschaft wie der Stadt Tambara, in der sowohl das Berufsleben als auch die arbeitsfreie Zeit nach einem bis ins Detail geplanten und größtmögliche Effizienz versprechenden Programm vonstattenging, kam es höchst selten vor, dass Eltern ihre Kinder vor Ablauf des Tages zu sich nach Hause holten, nur um mit ihnen noch ein paar Stunden gemeinsam zu verbringen. Institutsleiter, Vorgesetzte, Pädagogen, ja selbst enge Freunde hatten ihm zu bedenken gegeben, wie viele wertvolle Erfahrungen seinen Nachkommen vorenthalten blieben, wenn er die vom Erziehungsinstitut von Tambara empfohlene Betreuungszeit für Säuglinge und Kleinkinder unterschritt und Reb und Soul einen Teil des abwechslungsreichen Freizeitangebotes verpassten. Doch der Vater hatte seine Forderungen durchgesetzt und auch, trotz seiner anspruchsvollen Arbeit als Arzt, immer wieder die Zeit gefunden, mit der Familie etwas zusammen zu unternehmen. Und dieser Mann sollte seine Kinder im Stich lassen? Von einem Tag auf den anderen? Ohne Abschied, ohne ein offenes Wort? Niemals!

Soul verstärkte den Druck unter ihrer Klinge und zerschnitt das Fleisch in unzählige kleine Stücke. Nach dem Eintreffen dieses schrecklichen Briefes war ihre Mutter von einer Behörde zur anderen gelaufen, um eine Besuchserlaubnis für das Reservat zu beantragen. Sie hatte gehofft, an Ort und Stelle einen Anhaltspunkt zu finden, der vielleicht zu einer Spur ihres Ehegatten hätte führen können. Doch eine simple Familienangelegenheit war kein ausreichender Grund für einen Reservatbesuch.

Soul griff nach dem Teller, der durch eine unachtsame Bewegung ins Wanken geraten war, und setzte ihn entnervt auf der Tischplatte ab. Dabei traf ihr Blick auf den eines elegant gekleideten, jungen Herrn, der ihr gegenüber an einem der Durchgänge stand und sie allem Anschein nach schon geraume Zeit beobachtet hatte. Während er, die linke Hand in der Hosentasche, lässig an der Einfassung des Rundbogens lehnte, hob er das Glas in seiner Rechten zum Gruß. Ein angedeutetes Lächeln verriet ihr, dass sie gemeint war.

„Ach, hier bist du!“

Reb hatte seine Schwester entdeckt und sich neben sie auf das Sofa geworfen. Mit einem Druck auf den Serviceknopf in der Armlehne forderte er die Bedienung an. Eine Kellnerin im weißen Kittel räumte den Teller ab und wischte mit einem ebenso weißen Reinigungstuch über die Glasplatte des Tisches. Soul wagte einen erneuten Blick zum Rundbogen hinüber, aber der Fremde war verschwunden.

„Warum mischt du dich nicht unters Volk?“, fragte Reb. „Ein wenig Abwechslung würde dir guttun.“

„Ach, gönn mir einfach ein wenig Ruhe. Es läuft doch alles wie geplant. Das Thema der Ausstellung scheint auf Interesse zu stoßen, und wenn wir Glück haben, beschäftigen sich wieder einige Bürger mehr mit unserer nebulösen Vergangenheit.“

Erschrocken über den fast provozierenden Unterton, mit dem sie die letzten Worte ausgesprochen hatte, stockte Soul und sandte ein paar unsichere Blicke in die Umgebung hinaus. Mit gedämpfter Stimme sprach sie weiter.

„Was wohl die Presse über unsere Ausstellung schreiben wird?“

„Schwesterchen, du machst dir zu viele Sorgen. Vergiss nicht: Die Presse – das sind wir.“

Soul runzelte die Stirn.

„Sind deine Kollegen verlässlich?“

„Die, die den Artikel schreiben, schon. Und da die Ausstellung ein Kind des Medienkonzerns ist – wenn auch gefärbt durch unsere persönliche Sichtweise –, wird schon niemand wagen, sie zu zerreißen.“

Die beiden schwiegen, als ein Angestelltenpaar des Sicherheitsdienstes an ihnen vorbeischlenderte.

„Tambara-Hallo“, grüßte der Mann, „alles in Ordnung?“

„Aber sicher doch“, erwiderte Reb souverän, „und bei euch?“

„Wie immer“, antwortete die Frau freundlich und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Menge zu.

Im Veranstaltungssaal verstummte das Orchester. Durch die Rundbögen hindurch sah Soul, wie sich der Dirigent an das Publikum wandte.

„Meine Damen und Herren“, sprach er in das Mikrofon, „im Rahmen unseres heutigen Konzertes haben wir für Sie einen ganz besonderen Leckerbissen vorbereitet. Wie manche von Ihnen vielleicht wissen, wurde der Jazz in damaligen Zeiten nicht von allen Bevölkerungsschichten gleichermaßen verstanden und geliebt. Den Künstler aber, den wir Ihnen nun präsentieren, kannte man auf der ganzen Welt. Seine sympathische Stimme war in jenen Tagen ebenso populär wie sein Trompetenspiel. Ladys and Gentlemen, begrüßen Sie mit mir“, er hob den Arm und deutete zum Bühnenaufgang hinüber, „Louis Armstrong – the legendary Satchmo!“

Das Publikum klatschte höflich, als ein älterer Farbiger die Bühne erklomm. Die Lichter erloschen, und während das Orchester in der Dunkelheit nur noch schemenhaft zu erkennen war, suchte ein einziger greller Scheinwerfer das winzige Stückchen Bühne, auf dem sich der Sänger postiert hatte. Als der Spot sein Gesicht erhellte, ging ein Raunen durch den Saal.

„Louis Armstrong …, Armstrong, Louis …“, flüsterten die Gäste in ihr Technikarmband und betrachteten erstaunt das Gesicht, das sich auf dem kleinen Bildschirm an ihrem Handgelenk formte.

Anerkennend stellten sie fest, dass Visagisten, Kostümbilder und Beleuchter hier wieder einmal ganze Arbeit geleistet hatten, denn der Mann auf der Bühne sah dem verstorbenen Sänger zum Verwechseln ähnlich. Während das Orchester nun den Song live vom Blatt spielte, erklang aus den Lautsprechern die historische Originalstimme, und Musiker und Schauspieler stellten eine alte Filmszene nach. Nur wenige Minuten dauerte es, und der künstliche Satchmo hatte die Besucher vollkommen in seinen Bann gezogen. Berührt lauschten sie den fremdartigen Rhythmen, ließen sich umgarnen vom warmen Timbre dieser rauchigen Stimme und verfolgten befremdet und fasziniert zugleich den Auftritt eines mit sich und der Welt zufriedenen Menschen, dessen einziger Wunsch es zu sein schien, seine Zuhörer glücklich zu machen und von ihnen geliebt zu werden.

Für einen Moment vergaß selbst Soul, dass es sich um eine Attrappe handelte. Sie lehnte entspannt in ihrem Kunststoffsofa und schaute verträumt zur Bühne hinüber.

„I see trees of green, red roses too, I see them bloom for me and you …”, drang die Stimme aus dem Lautsprecher.

Ein leichtes Unbehagen bemächtigte sich ihrer, als sie jetzt den Worten des Liedes lauschte.

„I see skies of blue and clouds of white, the bright blessed day, the dark sacred night …”

Plötzlich erschien es ihr wie eine Provokation, in einem Zeitalter, in dem Tiere und Pflanzen nur noch in Reservaten lebten, jegliche natürliche Erde unter Hightech-Kunststoff verschwunden war und selbst das allgegenwärtige kosmische Staubkorn sich anstrengen musste, einen Platz in der Wohnung zu finden, von so etwas Verrücktem wie Bäumen und Rosen zu singen.

„The colors of the rainbow so pretty in the sky are also on the faces of people going by …”

„Ob es damals wirklich so schön war auf unserer Erde?“, wandte sie sich an ihren Bruder.

„Ich weiß nicht“, antwortete Reb. „Jedenfalls fühlt es sich verdammt gut an.“

Die Arme hinter dem Kopf verschränkt und seine Beine weit von sich gestreckt, so lauschte auch er den verführerischen Klängen.

Die Gäste im Mittelraum schienen genauso zu empfinden. Sie lehnten entspannt in ihren Sitzgruppen, verfolgten gebannt das Spektakel auf der Bühne oder konzentrieren sich mit geschlossenen Augen ganz auf die Musik. Andere schlenderten an Rebs Fotografien vorbei, blieben hier und da stehen, vertieften sich in eines seiner Bilder oder diskutierten mit verhaltener Stimme über das Für und Wider vergangener Visualisierungspraktiken. Alles wirkte so elegant, so perfekt und unendlich friedlich, als hätte es nie irgendwelche Irritationen gegeben.

„I hear babies cry, I watch them grow, they’ll learn much more than I’ll ever know – yes, I think to myself what a wonderful world …”

Reb hatte noch einige Repräsentationspflichten zu erfüllen und begab sich wieder an seine Arbeit. Soul betrachtete die Leute vor der Bildergalerie. Die ausschließlich in schwarz-weiß gehaltenen Fotografien schienen eine ungewöhnliche Anziehungskraft auf die Besucher auszuüben. Erstaunlich lange begutachteten sie die Ausstellungsstücke.

Soul stand auf und tat es ihnen nach. Mit verschränkten Armen wanderte sie die Bildreihe entlang. Es war schon irgendwie merkwürdig. Diese historischen Fotos hatten so wenig gemein mit dem Material aus dem Medienkonzern. An ihnen war nichts perfekt. Die stimulierende Farbe fehlte, das Ursprungspapier ließ keine absolute Bildschärfe zu und es waren keine professionell hergerichteten Studiogesichter zu sehen, sondern ausschließlich Menschen in ihrer alltäglichen Umgebung, die ganz ungezwungen miteinander lachten, tanzten, musizierten, so als wäre die Kamera gar nicht zugegen. Doch trotz oder vielleicht gerade wegen dieser aus moderner Sicht eindeutig kompositorischen Fehler verströmten diese Aufnahmen eine fast fühlbare physische Nähe.

Vor der Fotografie eines Saxofonisten blieb sie stehen. Der farbige Musiker hatte die Augen geschlossen und blies voller Hingabe in sein Instrument. Soul hörte den Blues, der aus dem Innenraum herüberdrang, und für einen Moment war ihr, als würde dieses Bild vor ihren Augen lebendig. Das Saxofon schien sich zu bewegen, und die Hände, die es hielten, wiegten es behutsam im Takt der Musik.

„Ist es nicht wunderschön?“

Jemand war an sie herangetreten und stand nun dicht hinter ihr. In der Reflexion des Glases erkannte sie den eleganten Fremden, der kurz zuvor an einem der Rundbögen gelehnt hatte.

„Wunderschön, ja …“

Soul überlegte, ob sie sich einem gänzlich Unbekannten anvertrauen durfte.

„Sie wollten etwas sagen?“, ermutigte sie dieser.

„Ich finde …, es hat Gefühl“, platzte sie heraus.

„Sollte uns das beunruhigen? Es ist doch nicht verboten, sich beim Betrachten eines Bildes berührt zu fühlen.“

„Verboten nicht, nein.“

Soul wagte einen Blick zur Seite.

„Trotzdem ist es Ihnen unangenehm.“

„Nun ja, in einer Welt, in der fast jeder nach Perfektion strebt und unser Alltagsleben strengen wirtschaftlichen Optimierungsprozessen unterliegt, ist es schon irgendwie merkwürdig, wenn jemand auf einer offiziellen Veranstaltung von so etwas … Unkalkulierbarem wie Gefühlen spricht. Finden Sie nicht?“

Für einen kurzen Moment standen beide wortlos nebeneinander und betrachteten das Bild. Plötzlich hob der Fremde seinen Arm und deutete mit der linken, halb geöffneten Hand auf das Saxofon.

„Schauen Sie sich diese Linie an“, forderte er seine Gesprächspartnerin auf und fuhr mit der Hand die Form des Instrumentes nach. „Sehen Sie, wie konsequent der Fotograf sie gestaltet hat? Kraftvoll und elegant ist sie, raumgreifend und fließend, erfrischend klar und doch … erfüllt von einer fast physisch spürbaren Wärme.“

Während er sprach, glitten seine Finger über das Bild, ohne das Glas zu berühren. An seinem schlanken Handgelenk registrierte Soul ein teures Technikarmband und eine weiße Hemdmanschette.

„Ich finde, das Motiv fasziniert nicht nur durch die gelungene Komposition bildnerischer Elemente“, ergänzte sie energisch und richtete sich auf. „Es ist die Aussage, die besticht. Dieses Foto will keine vorprogrammierten Inhalte im Kopf des Betrachters festsetzen, um ihn zum Kauf irgendeines Produktes zu bewegen. Hier geht es um Genuss, und zwar um den Genuss um seiner selbst willen. Der Musiker plant seine Melodie nicht im Voraus, sondern nimmt sich Zeit, sich auf sie einzulassen. Er wartet ab, wie sie sich entwickelt, und findet erst während des Auftritts seine momentane Spielart. Wahrscheinlich hat er dieses Stück schon Hunderte von Malen gespielt, doch wie er es in diesem Augenblick gestalten wird, hängt von seiner Stimmung ab, von dem Tag, den er verlebt hat, den Menschen, die ihm begegnet sind. Er legt all seine Freude hinein, seine Enttäuschung, seine Hoffnung. Indem er seinen Gefühlen Ausdruck verleiht, befreit er sich selbst. Und so wie der Musiker nur für diesen Augenblick spielt, so lebt auch das Bild nur durch sich selbst und für sich selbst …, und deshalb ist auch das Betrachten dieses Bildes … purer Genuss.“

Soul atmete tief und heftig.

Für einen Moment schwiegen beide.

Schließlich löste sich ihr Gegenüber vom Anblick der Fotografie.

„Welch weise Interpretation für eine so junge Dame. Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist W.I.T., Sir W.I.T.“

Er reichte ihr die Hand.

Soul wurde blass.

„W.I.T. …? Sir W.I.T. …? Der Sir …?“, fragte sie ein wenig zu laut und merkte, wie ihr Gegenüber zusammenzuckte.

„Bitte entschuldigen Sie, ich hatte nicht erwartet, einer solchen Berühmtheit auf unserem bescheidenen Konzert zu begegnen.“

Freudig ergriff sie die ihr dargebotene Hand und war überrascht über den warmen, fast persönlich anmutenden Händedruck, der ihr zuteilwurde. Sie registrierte noch, dass er wohl nicht mehr ganz so jung war, wie sie zunächst vermutet hatte, ein Mann mit Lebenserfahrung, da wanderten sie schon gemeinsam den Säulengang entlang.

„Ich hoffe, Sie genießen den kleinen Abend, den wir arrangiert haben.“

„Ich bin entzückt. Er zeugt von Geschmack und Intelligenz … und … Mut.“

Schon wieder ein Kompliment.

Soul war sichtlich irritiert.

„Sie müssen entschuldigen, dass ich Sie nicht gleich erkannt habe, aber es gibt …“

„… kaum Bildmaterial von mir, ich weiß“, ergänzte er verständnisvoll.

Soul lächelte. Wie nett von ihm, ihr über diesen peinlichen Moment hinwegzuhelfen.

An einem der Rundbögen blieben sie stehen und blickten zur Bühne hinüber. Unter tosendem Applaus verabschiedete sich der künstliche Louis Armstrong von seinem Publikum. Soul klatschte begeistert mit. Es war wirklich eine gelungene Vorstellung gewesen. Mit so viel echtem Beifall hätte sie nicht gerechnet. Vielleicht interessierten sich die Bürger Tambaras doch mehr für die Vergangenheit, als sie bisher vermutet hatten. Plötzlich erschien es ihr unhöflich, so lange zu schweigen. Sie wandte sich wieder ihrem Gesprächspartner zu und stellte überrascht fest, dass dieser verschwunden war.

4

Soul saß an ihrem großen, fast leeren Schreibtisch und betrachtete einen Apfel. Es war ein ganz besonders schöner Apfel. Er lag vor ihr auf der Tischplatte und war groß und gelb, mit einem Hauch von Rot und Grün an einer Seite. Seine Haut war feinporig und schimmerte wie Porzellan, vielleicht sogar wie Seide, wie ganz besonders feine Seide, doch wenn man sie berührte, diese Haut aus Seide, fühlte sie sich fest an und fast ein wenig lederartig, so wie ein dicker Schutzmantel, der etwas zu bewahren hatte und nur unter Einsatz von Gewalt bereit war, sein Inneres zu offenbaren.

Soul nahm den Apfel in die Hand und hielt ihn in das Licht. In Zeitlupe drehte sie ihn, fuhr mit den Fingern über seine Schale, hauchte diese an und putzte sie an ihrem Blusenärmel blank, drehte den Apfel ein weiteres Mal im Schein der durch die großzügigen Scheiben ihres Wohnraumes einfallenden Sonnenstrahlen hin und her und legte ihn wieder auf der Tischplatte ab.

Ein Apfel.

Der Apfel.

Der Tambara-Apfel.

Waren sie nicht alle gleich, diese Äpfel? Ein Apfel sah doch aus wie der andere? Früher, so überlegte sie, da gab es große und kleine Äpfel, dickbäuchige und schlanke, Äpfel mit grünen, gelben, roten oder bunt gefärbten Schalen, mit süßem Fruchtfleisch oder herzhaftem Innenleben. Wie sie gehört hatte, bevorzugten die Kunden von damals sehr unterschiedliche Geschmacksrichtungen und kauften ihren Vorstellungen entsprechend auch ganz verschieden ein. Heutzutage gab es nur einen Apfel: den Tambara-Apfel. Er sah immer gleich aus: groß und gelb, mit einem Hauch von Rot und Grün an einer Seite. Vor gar nicht allzu langer Zeit konnten die Bewohner der Stadt noch zwischen zwei miteinander konkurrierenden Apfelsorten wählen. Doch dann kam der Tambara-Apfel. Er war größer als seine Vorgänger, fester im Fleisch und extrem haltbar – schlichtweg konkurrenzlos. In kürzester Zeit verschwanden die beiden alten Sorten vom Markt.

Soul platzierte ihre Unterarme auf der Schreibtischplatte, bettete das Kinn auf die übereinandergelegten Hände und begutachtete die Frucht aufs Neue. Auch aus dieser Perspektive betrachtet, war es immer noch ein Tambara-Apfel: groß und gelb, mit einem Hauch von Rot und Grün an einer Seite.

So sinnierend fand Reb seine Schwester, als er sie nach dem Frühstück aufsuchte, um mit ihr die Pressereaktionen durchzugehen.

„Nanu?“, wunderte er sich. „Bei welch wichtiger Gedankensitzung habe ich dich denn gerade gestört?“

Soul hob den Kopf.

„Findest du nicht auch, dass dies ein ganz besonders schöner Apfel ist?“, fragte sie, ohne auf seine Neckerei einzugehen.

„Mag sein“, entgegnete Reb halbherzig und steuerte auf das Sofa zu.

„Findest du nicht, dass dies ein ganz besonders schöner Apfel ist?“, wiederholte seine Schwester die Frage und schaute weiter unbeirrt auf den Gegenstand ihrer Unterhaltung.

Reb wusste nicht so recht, was er davon halten sollte.

„Es ist halt ein Tambara-Apfel.“

Als Soul nichts entgegnete, fügte er hinzu: „Ein Tambara-Apfel ist immer schön, sonst wäre er kein Tambara-Apfel.“

„Genau das meine ich.“

„Also komm, Schwesterchen, worauf willst du hinaus?“

Soul setzte sich auf und blickte ihren Bruder an.

„Du hast es gerade selber schon gesagt. Er muss schön sein, weil er ein Tambara-Apfel ist. Dieser Apfel ist nämlich genau definiert: seine Größe, seine Farbe, die Konsistenz des Fruchtfleisches, der Geschmack. Das heißt, wir brauchen uns gar nicht erst den Kopf darüber zu zerbrechen, ob er schön ist. Wir wissen, dass er es ist, sonst hätte er in unserer Gesellschaft nicht überlebt.“

„Ich weiß, was du meinst“, erwiderte Reb, „aber lass uns jetzt die Sonntagszeitung ausdrucken.“

Doch Soul war noch nicht fertig.

„Vielleicht ist er ja gar nicht schön.“

Reb stieß einen Seufzer aus und ließ sich auf das Sofa plumpsen.

„Woher wollen wir eigentlich wissen, wie ein schöner Apfel aussieht? Die meisten von uns haben doch noch nie einen anderen Apfel zu Gesicht bekommen. Vielleicht waren die ausgestorbenen Sorten ja auch schön. Vielleicht waren sie sogar noch schöner als dieser Apfel hier. Wie wollen wir das überhaupt beurteilen? Uns fehlt doch der Vergleich.“

Reb blieb unbeeindruckt.

„Der Markt hat verglichen.“

Seine Antwort machte Soul wütend.

„Himmel, ich weiß, dass unser Alltag marktwirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Aber schließlich mussten Forscher durch gezielte Veränderungen des Erbgutes diese Frucht doch erst einmal entwickeln.“

„Richtig, und dann hat der Markt entschieden. Und geforscht wurde immer schon nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten.“

„Aber vielleicht waren unter den vielen dazwischenliegenden Entwicklungsstufen ja auch attraktive Sorten. Vielleicht gab es sogar unter den natürlich gewachsenen Äpfeln schöne Exemplare, und vielleicht schmeckten einige von ihnen ja sogar besonders gut.“

Reb wusste, wenn seine Schwester sich in ein Thema verbissen hatte, war mit ihr nicht zu spaßen. Also holte er ein wenig aus.

„Wie du weißt, konnten die natürlichen Äpfel unseren Ansprüchen irgendwann nicht mehr genügen. Die im Labor entworfenen Früchte sahen besser aus, waren widerstandsfähiger und da die natürlichen Äpfel niemand mehr kaufte, pflanzte auch niemand mehr Bäume mit diesen Sorten an. Davon abgesehen hatte sich das Erbgut der Gen-Äpfel längst mit dem der Naturfrüchte vermischt. Die Vorstellung, Samen manipulierter Pflanzen auf Dauer vom natürlichen Bestand fernhalten zu können, erwies sich als Illusion. Die Wissenschaftler hatten die Macht der Evolution schlichtweg unterschätzt. Und da sich das Erbgut der Laborprodukte aufgrund der höheren Widerstandskraft durchsetzte, starben die natürlichen Früchte allmählich aus. Was übrig blieb, waren Mischsorten. Das heißt, Natur oder natürlich gezogene Pflanzen ohne gentechnische Veränderung gab es ja sowieso schon lange nicht mehr. Aber auch diese Mischfrüchte, die bei unseren Vorfahren noch in freier Wildbahn wuchsen, verschwanden allmählich von der Erdoberfläche. Man brauchte mehr Platz für die guten und schönen Äpfel, die auf dem Markt bestanden. Die besten haben überlebt. Heutzutage gibt es eben nur noch den Tambara-Apfel, die Lianca-Birne, die Chicotora-Banane. Die meisten Kunden haben sich vor langer Zeit für diesen Apfel entschieden. Immerhin gehört Tambara zu den wenigen Städten auf unserem Erdball, die sich mit der Entwicklung einer marktbeherrschenden Design-Frucht schmücken können.“

„Weißt du was“, unterbrach Soul ihren Bruder, „ich besäße gern einmal einen natürlichen Apfel, einen von der Art, wie er auf der Erde wuchs, noch bevor die Menschen die Gentechnik entdeckten.“

„Und was würdest du mit ihm anfangen?“

„Ich würde ihn essen und ausprobieren, wie er schmeckt. Vielleicht schmeckt er ja ganz gut. Vielleicht schmeckt er mir, und ich betone ausdrücklich ‚mir’, ja sogar noch besser als unser Tambara-Apfel. Und vielleicht wäre er auf seine eigene, ganz besondere Art ja sogar schön.“

„Schön ist, was sich verkaufen lässt und auf dem Markt besteht!“

Reb wollte nun endlich seine Zeitung lesen.

„Ja, ich weiß, und die Katze beißt sich in den Schwanz.“

Missmutig wandte Soul sich ihrem Computer zu. Geräuschlos spuckte das Gerät die Sonntagszeitung aus.

Der Schriftzug des Titels fiel sofort ins Auge: „Triumph der Forschung – Fotografien vergangener Jahrhunderte dokumentieren medizinischen Fortschritt.“

Neugierig breiteten die Geschwister das Endlospapier auf dem Fußboden aus.

Reb hatte recht behalten. Seine Kollegen waren verlässlich. In ihrem Artikel lobten sie die Fleißarbeit des Medienfachmannes, beschrieben die einzelnen Abteilungen der Ausstellung, Größe, Art und Zusammenstellung der präsentierten Fotografien und vermerkten lobend, wie dem aufmerksamen Besucher beim Rundgang durch die Ausstellung bewusst würde, mit welch enormem Fortschritt der Alltag der modernen Menschheit gesegnet sei. Nur eine kleine Notiz am Ende des Artikels verwies auf Bezugsquellen weiterführender Literatur. Souls Jazzkonzert wurde als ungewöhnlicher, aber schmackhafter Kunstgenuss eingestuft, der Auftritt des Louis-Armstrong-Doubles als Höhepunkt herausstaffiert und als Hintergrundinformation gab es detaillierte Beschreibungen über Maske, Kostüme und Beleuchtungseffekte. Kein Wort über die Geschichte des Jazz, über den kulturellen Hintergrund oder das damit verbundene Lebensgefühl. Nichts …, doch, wieder diese unscheinbare Fußnote am unteren Seitenrand. Dem Durchschnittsleser mochte sie nicht viel sagen. Auf ergänzende Quellen wurde an solchen Stellen häufig hingewiesen, auch wenn kaum ein Abonnent heutzutage noch die Zeit fand, sich eingehender mit Zeitungsnotizen dieser Art auseinanderzusetzen. Wer sich jedoch mit solch oberflächlicher Information, wie der Artikel sie lieferte, nicht begnügen wollte, konnte im Net mithilfe der Schlüsselwörter ausführliche Erläuterungen zu den Schlagzeilen abrufen – vorausgesetzt, die Regierung hatte die Seiten noch nicht gelöscht.

Es war immer ein Wettlauf mit der Zeit. Vom Staat eingesetzte Controlsurfer sollten Netbetrüger aufspüren und Firmen bzw. deren Kunden vor Missbrauch schützen. Merkwürdigerweise verschwanden dabei aber immer wieder auch Informationen, die private Nutzer eingegeben hatten in der Absicht, mit Gleichgesinnten über ein Thema aus der Medienwelt vergangener Jahrhunderte zu diskutieren. Jemand hatte zum Beispiel einen Artikel über einen missglückten Forschungsversuch ausfindig gemacht und eine Datei dazu angelegt. Wer Fragen stellen, eigene Gedanken äußern oder Ergänzungen zum Thema anbieten wollte, schloss sich an. Man traf sich auf anonymen Plattformen, deren Absender dank eines ausgeklügelten Sicherheitssystems nur selten zu ermitteln waren. Auf diese Weise gelangte man häufig an Informationen, die nirgendwo sonst mehr nachzulesen waren. Oft befanden sich darunter auch Seiten offiziell nicht mehr existierender Bücher. So mancher Leser erinnerte sich beim Durchforsten dieser Sammlungen an ein von seinen Vorfahren ererbtes Schriftstück und vervollständigte die Dateien mit Texten aus seiner privaten Informationsquelle. Reb und Soul waren der Überzeugung, dass in vielen Haushalten noch Bücher von unschätzbarem Wert schlummerten, die aufgrund ihrer Einstufung als wertlos oder minderwertig im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten waren. Diese galt es zu aktivieren.

Neuerdings erfreuten sich solche Plattformen eines regen, stetig zunehmenden Interesses. Nur gab es anscheinend Kräfte in der Regierung, denen dieser unkontrollierte Informationsaustausch ein Dorn im Auge war. Wie sonst sollte man es sich erklären, dass diese Seiten immer wieder von den Bildschirmen verschwanden.

Soul machte die Probe aufs Exempel. Sie tippte den Schlüssel zum Thema „Jazz“ ein. Das Inhaltsverzeichnis erschien. Sie klickte eines der Stichwörter an und las: „Jazz: Wo das Leben noch Lust, Leid und Risiko ist und nicht vom Staat geschützte Gleichförmigkeit und Langeweile (Improvisation = Freiheit, Risiko, Wagnis!).“1

Sie öffnete ein zweites: „Der Jazz ist so ziemlich die einzige heute existierende Kunstform, in der es die Freiheit des Individuums gibt, ohne dass das Gemeinschaftsgefühl verloren geht.“1

Anscheinend war alles noch da.

„Es ist Sonntag“, meinte Reb ironisch, „sie sitzen wahrscheinlich noch am Frühstückstisch.“

„Meinst du wirklich, es sind die Controlsurfer, die unsere Plattformen immer wieder vernichten?“, fragte Soul.

„Wer sollte es sonst sein?“

„Aber warum nur machen sie sich die Mühe, solche für sich genommen doch harmlosen Informationen zu löschen? Was kann denn schon passieren, wenn private Nutzer auf diese Weise miteinander kommunizieren?“

„Aufmerksame Leser würden anfangen, Fragen zu stellen“, erklärte Reb.

„Aber was wäre denn so schlimm daran?“

„Es wären die falschen Fragen.“

„Die falschen Fragen?“

„Fragen, die schon beantwortet worden sind – in früheren Jahrhunderten. Damals ist entschieden worden, dass wir sie nicht mehr brauchen, diese Fragen. Erinnere dich an deinen Apfel.“

Soul begriff.

„Sie waren bestimmt nicht schön genug und ihre Antworten auch nicht.“

„Genau“, fuhr Reb fort, „sie waren zu nichts nutze, weil sie die Produktivität der Wirtschaft nicht steigern konnten. Denk immer daran: Das Beste bleibt!“

5

Soul saß im Zentralraum der Bota’s Group of Fashion Adventure und verfolgte die Präsentation der neuesten Bademode. Sie hatte den Konzern bei der Auswahl des akustischen Rahmenprogramms beraten und begutachtete nun die Reaktionen der Zuschauer.

Zwei Models in neonfarbenen Bikinis liefen über den Laufsteg und setzten ihre Stoffstreifen gekonnt in Szene. Mit je einem Riesenplastikball unter dem Arm spazierten sie auf eine Plattform am Ende des Steges zu, wo zwei himmelblaue Liegestühle auf sie warteten. Sie ließen sich auf den Kunststoffgestellen nieder, setzten ihre Sonnenbrillen auf und ab und spielten einen Plausch unter Freundinnen nach. Aus den Lautsprechern drang das Rauschen von Brandungswellen. Geschickt standen die jungen Damen wieder auf, stellten sich noch einmal in Positur und stolzierten zur Bühne zurück. Windgeräusche ließen sie frösteln, zwei junge Burschen eilten herbei, um ihnen schicke Bademäntel überzuwerfen, die im Rhythmus der Musik hin und her schwangen.

Den Gästen schien die Show zu gefallen. Wenn die Naturgeräusche ertönten, wurde es immer besonders still im Saal. Eine blondierte Schönheit in hautengen Shorts schnupperte an einem künstlichen Rosenstock. Im Saal zwitscherten Vogelstimmen, und synthetischer Wiesenduft aus der Filteranlage umschmeichelte das anspruchsvolle Publikum.

Soul hatte Mühe, die Vorstellung in allen Details zu verfolgen, weil vor ihr zwei hochgewachsene Männer saßen, die dauernd ihre Köpfe zusammensteckten und im Flüsterton diskutierten. Neben ihnen war noch ein Platz frei, und in regelmäßigen Abständen drehte einer der beiden sich um und warf einen Blick in Richtung Eingang, so als würde er noch jemanden erwarten. Als nach einiger Zeit tatsächlich ein dritter Mann erschien, dachte Soul, das Getuschel hätte nun endlich ein Ende, doch statt sich der Vorführung zuzuwenden, fingen nun alle drei an zu flüstern.

Der verspätet eingetroffene Bekannte hatte anscheinend etwas mitgebracht. Durch den Schlitz zwischen den Stuhlreihen konnte Soul sehen, wie er ein kleines Kästchen aus der Hosentasche herauszog, das er stolz seinen Kumpanen präsentierte.

„Ich weiß nicht, ob dies der richtige Ort für dein Experiment ist“, gab sein Nachbar zu bedenken.

„Wieso nicht?“, fragte der Mann mit dem Kästchen. „Wir brauchen ein Publikum – hier ist es.“

„Aber du kannst die Folgen kaum abschätzen.“

„Das macht es ja gerade so spannend.“

Eine der Vorführdamen blickte verärgert vom Laufsteg zu den Störenfrieden hinunter. Unauffällig verschwand der Behälter unter dem Handballen seines Besitzers. Für einen Moment blieben die Männer stumm. Dann begannen sie aufs Neue zu diskutieren.

„Aber warum gerade hier?“

„Warum nicht?“

„Es sind zu viele Menschen dabei.“

„Je mehr, desto besser.“

„Das gibt bestimmt einen Tumult.“

„Na und?“

„Oder es passiert überhaupt nichts.“

Der Mann mit dem Kästchen verlor die Geduld.

„Das werden wir ja sehen“, murrte er und öffnete entschlossen den Behälter.

Soul sah, wie aus dem Kasten ein kleiner, schwarzer Punkt entwich. Ein merkwürdiger Summton begleitete die Aktion, ein Ton, der kräftig anschwoll, sich aber schnell entfernte und schließlich ganz verstummte. Wo hatte sie diesen Ton schon einmal gehört?

Unterdessen ging die Vorführung weiter. Präsentiert wurden lange, üppige Roben für den Gesellschaftsabend: Kleider mit weiten, fülligen Röcken und ausgeschnittenen Oberteilen. Thema war die Farbe Weiß. Ob Schal- oder Karreekragen, Tüllumhang oder Bolero-Jäckchen, Knopf, Reißverschluss, Abendtäschchen oder Technikarmband, die ganze Kollektion war in Schneeweiß gehalten. Umso erstaunter waren die Gäste, als sie auf dem weißen Schalkragen eines der Modelle plötzlich einen schwarzen Punkt entdeckten. Ein schwarzer Punkt auf einem weißen Abendkleid? Das kam ihnen merkwürdig vor. Von den Zuschauerplätzen aus war auch nur schwer zu erkennen, wo sich dieser Punkt eigentlich genau befand. Glaubte man gerade, ihn am Kragen des Kleides ausfindig gemacht zu haben, war er ein paar Sekunden später schon auf die Schulter gerutscht.

Die Musik wurde leiser, Vogelgezwitscher ertönte und die junge Dame schnupperte entzückt an den Plastikrosen. Noch einmal stellte sie sich in Positur, um dann vorschriftsmäßig den Rückweg anzutreten. Die ihr entgegenkommende Kollegin schielte verwundert zu dem seltsamen Fleck auf dem fremden Kleid hinüber, als dieser sich plötzlich bewegte. Abrupt blieb sie stehen. Auch für die Gäste in den vorderen Reihen war es nun offensichtlich, dass dieser merkwürdige Klecks tatsächlich seinen Standort wechselte. Mehrere Beine schienen ihn dabei zu unterstützen.

Verwundert über die Reaktion der Kollegin, blickte das Model mit dem schwarzen Punkt auf seine Schulter hinab. Die anfängliche Neugier verwandelte sich schnell in ungläubiges Erstaunen, das nach einem kurzen Moment offensichtlicher Erkenntnis in einen Ausdruck hilflosen Ekels überwechselte und schließlich in einem lauten Schrei des Entsetzens und einem gewaltigen Sprung nach hinten mündete. Dabei flogen wie zur Abwehr zwei Arme in die Höhe, was den schwarzen Punkt dazu veranlasste, sich in die Lüfte zu erheben, eine Schleife über den Köpfen der beiden Damen zu fliegen und auf der Stirn der verdutzten Kollegin Station zu machen. Die Unglückliche hatte den Flug verfolgt und rollte nun erschreckt mit den Augen, um dieses grauenerregende Phänomen auf ihrer Stirn zu lokalisieren. Dabei schielte sie entsetzlich. Sie hatte den Eindruck, eine Armee winziger Füße würde auf ihrem Fleisch spazieren gehen, und ihr fiel nichts Besseres ein, als einen gellenden Schrei auszustoßen und in Ohnmacht zu fallen. Der schwarze Punkt ließ in dem Moment von ihr ab, als ihr Körper zu Boden fiel, und machte sich aufs Neue an die Schalkragendame heran, die kreischend ihren Rock anhob und in Windeseile über den Laufsteg davonstob.

„Ein Tier“, rief jemand aus dem Publikum, „das ist ein Tier!“

„Ein Tier? Was für ein Tier?“

„Ein Insekt, seht doch, es kann fliegen!“

„Ein Insekt?“

„Was für ein Insekt? Ist es gefährlich?“

„Ich weiß nicht, ich kann es nicht erkennen, es ist zu schnell.“

Ein Insekt, um Himmels Willen, noch nie hatten Tambaras Bürger in ihrer Stadt ein Insekt frei umherfliegen sehen. Sie waren zutiefst verunsichert, einige erhoben sich von den Sitzen. Doch die Musik wurde lauter, und die Vorführung ging weiter. Das Publikum beruhigte sich allmählich. Der ohnmächtig gewordenen Dame wurde auf die Beine geholfen, sie verschwand verschämt hinter der Bühne. Zwei neue Models erschienen auf dem Laufsteg. Die Besucher, die schon aufgestanden waren, nahmen ihre Plätze wieder ein. Die jungen Damen spazierten auf und ab, neuerlicher Beifall erweckte den Anschein von Normalität und der unschöne Vorfall schien fast vergessen.

Gerade begaben sich die Mädchen wieder auf den Rückweg, da ertönte dieses merkwürdige Summen von Neuem. Wie auf Kommando wanderten sämtliche Zuschaueraugen in die Höhe. Das als Insekt identifizierte Etwas sauste im Sturzflug über die Gäste hinweg, die unwillkürlich ihre Köpfe einzogen. Plötzlich fiel es Soul ein. Bei einem Blick durch die Scheiben in die Gärten der Harrison’s Group of Nature Presentation hatte sie dieses Geräusch schon einmal gehört.

„Eine Fliege“, rief sie spontan, „das ist eine Fliege!“

Nun war es mit der Ruhe der Zuschauer vorbei. Sie wollten doch lieber nach Hause gehen, einige sprangen über die Lehnen hinweg und rannten aus dem Saal, andere versteckten sich zwischen den Stuhlreihen oder krochen gleich ganz unter die Sitze. Eines der Models riss eine Rose aus dem künstlichen Pflanzenstock heraus, um damit nach dem Tier zu schlagen.

„Fangt sie“, rief jemand, „eine Fliege kann man fangen!“

„Tausend Tambas, tausend Tambas für denjenigen, der mir die Fliege einfängt!“, schrie ein anderer dazwischen.

Einige mutige Männer stürmten los.

Doch wo war sie? Wo hatte sie sich versteckt?

„Fliege? Fliege, wo bist du?“

„Puttputt, puttputtputtputt!“, lockte jemand.

„Fliege? Hallo, bitte melde dich!“

„Lecker, lecker, lecker!“

„Nun seid doch mal still, schschschsch!“

Es wurde ruhig im Saal.

Alle horchten.

„Sie sitzt bestimmt irgendwo und lacht sich schief.“

„Eine Fliege kann nicht lachen.“

„Schschsch …“

Da …, da war er wieder, dieser Summton!

„Da ist sie!“

Aus allen Ecken des Raumes stürzten die mutigen Männer auf die Fliege zu. Einige sprangen in die Höhe und schnappten mit den bloßen Händen nach ihr. Andere warfen ihre Anzugjacken in die Luft in der Hoffnung, das Tier möge sich darunter verfangen. Eine dieser Jacken landete auf dem Tisch zweier vornehmer Herrschaften. Statt des Insektes beugte sich ein Champagnerglas dem Gewicht des schweren Stoffes, und der Inhalt ergoss sich über das Abendkleid des weiblichen Gastes. Während die überraschte Dame noch fassungslos auf ihren sektdurchtränkten Stoff starrte, ergriff der Begleiter der Lady den Schleier des ramponierten Kleides und schloss sich den Jägern an.

Plötzlich übertönte die Stimme einer älteren Dame alle Schreie.

„Ich hab’ sie, ich hab’ sie mit meinen bloßen Händen gefangen!“

Ihre Arme so weit wie möglich von sich streckend, presste sie beide Hände fest aufeinander. Dabei formte sie mit den Fingern eine Höhle, in der das Insekt nun unruhig hin und her krabbelte.

Das Publikum hielt den Atem an.

„Festhalten, Madame“, beschwor der Mann, der für die Fliege tausend Tambas geboten hatte, die Dame und näherte sich ihr auf Zehenspitzen.

Während er im Zeitlupentempo auf die Frau zu schlich, wandte er keinen Blick von den Händen, die seinen Schatz bargen.

„Ein Behälter muss her“, raunzte er in die Menge. „Los, los, besorgt mir einen Behälter!“

Seine Mitstreiter blickten sich forschend um. Das Model, das mit der künstlichen Rose um sich geschlagen hatte, reichte sein Abendtäschchen vom Laufsteg herunter. Ein Gast nahm es in Empfang und drückte es dem Fliegenfänger in die Hand.

Die Dame mit der Fliege wurde zunehmend unruhiger.

„Es fühlt sich irgendwie komisch an“, beklagte sie sich.

„Halten Sie durch, Madame“, zischte der Jäger. „Ich bin gleich bei Ihnen.“

„Aber es kribbelt so entsetzlich. Sind Sie sicher, dass es nicht gefährlich ist?“

„Ganz sicher, Madame.“

„Bitte beeilen Sie sich!“

„Ja doch, es ist ja gleich geschafft.“

Der Fliegenliebhaber öffnete das Abendtäschchen und wollte es gerade über die Hände der Lady stülpen, als deren Finger verrutschten und das Insekt entschlüpfte.

„Oohhh …“

Die Menge war enttäuscht.

„Tut mir leid, ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten“, entschuldigte sich die Dame.

Der Fliegenfänger unterdrückte einen Fluch.

Verärgert schaute er sich um.

„Sieht sie jemand?“

„Ihr müsst auf das Summen achten!“

„Ruhe, nun seid doch mal still!“

Die Besucher stellten ihre Gespräche ein. Immer leiser wurde es im Saal. Und tatsächlich, laut und deutlich war der erwartete Summton zu hören.

„Dort …, dort fliegt sie!“

Etliche Finger zeigten in die Höhe. Als würde sie die Aufregung genießen, flog die Fliege über den Köpfen der Besucher einige großzügige Runden. Unzählige Augenpaare bewegten sich dazu im Takt. Mehrere Male verringerte sie ihre Flughöhe, und es sah aus, als würde sie sich irgendwo niederlassen, doch die abwehrenden Gesten der erschreckten Gäste verscheuchten sie jedes Mal aufs Neue. Schließlich wählte sie einen Tisch in der Menge aus. Von einer Sekunde zur anderen war der Summton verschwunden.

Der Fliegenjäger hatte ihren Flug verfolgt und wollte sich gerade auf sie stürzen, als jemand mit einer einzigen Handbewegung und einem umgestülpten Wasserglas das Unternehmen beendete.

„Klack“, machte es – das Glas fiel über das Tier, und die Fliege war gefangen.

Soul registrierte ein teures Technikarmband an einem schlanken Handgelenk. Dahinter blitzte eine weiße Hemdmanschette.

Die Hand stellte eine gläserne Streichholzschachtel auf den Tisch, schob den Deckel zurück, führte ein Programmheft vorsichtig unter das Trinkglas, hob das Glas damit hoch, hielt es über die Schachtel, zog das Heftchen ein winziges Stück zurück, sodass das Insekt durch den entstandenen Spalt in den Behälter rutschte, schob den Deckel wieder zu, ergriff das Schächtelchen und steckte es in die Jackentasche. Das Publikum war sprachlos ob solcher Geschicklichkeit und schaute den Helden neugierig an. Dieser stand auf und wandte sich an die Gäste.

„Meine Damen und Herren, es tut mir leid, wenn ich Ihnen Unannehmlichkeiten bereitet habe. Mein Name ist Sir W.I.T.“

„Ooohh …, nein …, tatsächlich?“

Ausrufe des Erstaunens und Entzückens füllten den Raum.

„Dieses Insekt ist einem Angestellten meines Instituts aus dem Labor entwischt. Ich war hier, um es zurückzuholen. Ich bedanke mich für Ihr Verständnis und wünsche Ihnen noch einen angenehmen Abend.“

Kaum hatte er seine Ansprache beendet, setzte er sich in Bewegung, ein paar Schritte … und er hatte den Saal verlassen.

„Sir W.I.T., der Sir …, ja, wenn das sooo ist …“

Die meisten Zuschauer hatten sich schon wieder auf ihren Plätzen niedergelassen. Einige eilten hinaus, um sich diese Berühmtheit anzusehen. Soul folgte ihnen neugierig, doch als sie ins Freie trat, blickte sie in ratlose Gesichter. Anscheinend hatten die Gäste ihn verpasst. Unverrichteter Dinge trotteten sie in den Saal zurück.

Soul blieb noch eine Weile draußen. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die Institutsmauer und betrachtete die Sterne. Von hier unten waren auch sie nicht größer als eine Fliege. Sterne …, Fliegen …, ist es nicht merkwürdig, dachte sie, dass die Fliegen überlebt hatten? Sterne, ja, die waren zum Forschen da, das eröffnete neue Möglichkeiten – aber Insekten? Die zählten doch gewiss nicht zum Besten. Trotzdem hatten sie überlebt, überlebt in einer Welt, in der nur das Beste überleben konnte.

Ein Geräusch ließ Soul aufblicken. Jemand war von der Seite an sie herangetreten.

Nun …“, fragte Sir W.I.T., „welch weisen Gedanken hängt unsere junge Dame denn heute Abend nach?“

„Ach weise, denkt nicht jeder irgendwann einmal nach über die Welt, in der er lebt?“

„Mag sein, aber nicht alle Gedanken sind so frei wie die Ihren.“

„Frei …, was heißt schon frei? Das erinnert mich übrigens an Ihre Gefangene.“

„Sie meinen die Fliege?“

„Es ist nicht Ihr Insekt, stimmt’s?“

Sir W.I.T. antwortete nicht. Stattdessen lehnte er sich neben sie an die Konzernmauer und schaute in den Nachthimmel hinauf.

„Was haben Sie nun mit ihr vor?“, fragte Soul zaghaft.

„Nun ja, was meinen Sie? Schenken wir ihr die Freiheit?“

„Sie wollen sie fliegen lassen? Hier draußen? In einer Welt ohne Natur, ohne … Fliegen? Was nützt ihr da die Freiheit?“

„Sie haben recht. Das war dumm von mir.“

Er schien zu überlegen.

„Haben Sie eine bessere Idee?“

Neugierig schaute er Soul an.

„Würden Sie…, würden Sie sie mir leihen?“

„Leihen?“

Nun war er doch verdutzt.

„Ja, leihen.“

„Die Fliege?“

„Ja, um Himmels Willen, würden Sie mir die Fliege leihen? Ich verspreche Ihnen, Sie bekommen sie wieder. Ich möchte sie meinen Freunden zeigen.“

Schmunzelnd willigte er ein.

„Und wenn Sie sich sattgesehen haben, geben Sie sie mir zurück.“

Sir W.I.T. händigte ihr das Kästchen aus, verabschiedete sich und spazierte davon.

„Moment“, rief Soul hinter ihm her, „wann sehen wir uns wieder? Wo kann ich Sie finden?“

Er drehte sich kurz um.

„Keine Sorge, ich finde Sie. Und vergessen Sie nicht, die Fliege zu füttern.“

Schon war er in der Dunkelheit verschwunden.

Soul stand da mit dem Kästchen in der Hand und starrte in die Nacht.

Füttern?

Womit, zum Teufel, fütterte man eine Fliege?

6

Vier Augenpaare richteten sich neugierig auf eine gläserne Streichholzschachtel, die auf Souls Couchtisch stand und in der Sir W.I.T.s Fliege unruhig hin und her krabbelte. Davor saßen die Geschwister mit ihren Freunden Mortues und Botoja und versuchten, dem Phänomen „Insekt“ auf den Grund zu gehen.

Botoja war Mitarbeiterin der Boulden’s Group of Fantasy and Nostalgia Products und überprüfte Waren aus früheren Jahrhunderten auf ihren aktuellen Marktwert. Eine repräsentative Gruppe von Probanden bewertete Attraktivität und Praktikabilität der veralteten Produkte, die dann in ähnlicher Form, aber mit neuen Materialen und einer dem Zeitgeist angepassten Aufmachung wieder in den Handel gebracht wurden. Der neueste Renner waren Streichholzschachteln aus Glas mit Schiebedeckeln. Die normalerweise darin enthaltenen blauen Streichhölzer waren aus einer brennbaren Kunststoffmasse hergestellt, die ähnliche Eigenschaften besaß wie das ehemals verwendete, aber kaum noch bekannte Holz. Statt des früher üblichen Schwefels wurden die Stäbchen nun mit leuchtend rotem Plastikzündstoff ausgerüstet. Klar im Design, konsequent in der Linie, aber auch irgendwie hübsch anzusehen, war so ein Schächtelchen, besonders in Verbindung mit einem passenden Angebot farblich abgestimmter Kerzen, genau das Richtige, um den Spieltrieb der in einer rein zweckdienlichen Kunststoffwelt aufgewachsenen Tambara-Bewohner zu befriedigen.

Mortues, Botojas Verlobter, war Medizinstudent und angehender Diagnosearzt. Seine Aufgabe würde später darin bestehen, durch umfassende Vorsorgeuntersuchungen Krankheiten schon im Frühstadium zu erkennen und die Patienten zur entsprechenden Therapie an die Spezialabteilungen der Timberlaine’s Group – Medical Systems of Health zu überweisen.

Fasziniert beobachteten die Freunde diese knubbelige Masse mit sechs Beinen, zwei Flügeln und Facettenaugen, die ein ganz eigenständiges Leben zu führen schien, ohne dass ein Mensch durch Knopfdruck, Wärmesensor oder Sprachbefehl auf sie Einfluss hätte nehmen können. Sie flog, krabbelte, produzierte eine Reihe ungewöhnlicher Geräusche und war mit ihrer Gefangenschaft anscheinend ganz und gar nicht einverstanden.

Dann wieder saß sie still, wartete …

Gespannt beugten sich die jungen Leute über den kleinen Kasten.

Die Fliege rührte sich nicht.

„Ob sie tot ist?“, überlegte Botoja.

„Quatsch“, protestierte Mortues, „dann würde sie auf dem Rücken liegen.“

„Woher willst du das wissen? Hast du je in deinem Leben eine tote Fliege gesehen?“

Botoja legte ihren Kopf auf die Tischplatte und betrachtete das Tier aus der Insektenperspektive.

„Hast du sie gefüttert?“, fragte Reb.

„Ja, mit Apfelstückchen und Wassertropfen“, antwortete Soul.

„Und? Hat sie gefressen?“

„Ich glaube schon. Jedenfalls sah es so aus.“

Noch ein wenig näher rückten die vier an das Kästchen heran. Plötzlich löste sich das Tier aus der Erstarrung. Summend und brummend flog es in seinem Käfig hin und her. Dabei stieß es fortwährend an die Wände des Behälters, was bei jedem Aufprall ein so lautes, unangenehm klopfendes Geräusch erzeugte, dass die Freunde erschreckt zurückwichen.

„Meine Güte, welch eine Kraft“, stieß Soul hervor und legte wie zum Schutz die Hand auf ihre Brust.

Auch den anderen pochte das Herz bis zum Hals. In respektvollem Abstand setzten sie ihre Beobachtung fort. Das Tier beruhigte sich allmählich und krabbelte wieder kreuz und quer durch die Schachtel. Mit seinem Rüssel inspizierte es den Boden des Kästchens.

„Was glaubt ihr“, fragte Soul plötzlich, „ist diese Fliege wohl schön?“

Als die anderen sie verdutzt anschauten, fuhr sie fort: „Überlegt nicht lange, sagt mir einfach, ob sie schön ist.“

„Mm, immerhin hat sie überlebt“, gab Mortues zu bedenken.

„Genau das meine ich. Sie muss doch zum Besten gehören, sonst würde sie längst nicht mehr existieren.“

„Aber eine Fliege kauft doch niemand“, wandte Botoja ein.

„Vielleicht wird sie eingesetzt, um mit ihrer Hilfe etwas Schönes zu produzieren“, sinnierte Mortues.

„Ja, genau, wahrscheinlich braucht Sir W.I.T. sie für seine Apfelzucht“, meinte Botoja.

Soul war nicht überzeugt.

„Na ja, wenn er sie benötigt, um seinen schönen Tambara-Apfel herzustellen, dann hat sie natürlich eine Existenzberechtigung.“

Es klingelte.

„Erwartest du Besuch?“, fragte Reb überrascht.

„Nicht dass ich wüsste“, wunderte sich seine Schwester.

Soul warf einen Blick auf den Bildkopf ihres Technikarmbandes. Draußen stand das Sicherheitspaar des Medienkonzerns.

„Nanu, was wollen die denn hier?“

„Zeig her!“

Reb zog Souls Handgelenk zu sich herüber und musterte die beiden Köpfe auf dem Armbandmonitor.

„Um Himmels Willen“, rief er und sprang auf, „wir müssen die Fliege verschwinden lassen!“

Einen Moment lang stand er unschlüssig im Raum und blickte sich nach allen Seiten um. Dann ergriff er die Schachtel, spurtete zum Schreibtisch und warf sie kurzerhand in die Schublade. Mortues drückte auf den Technikstreifen in der Sofalehne und verwandelte die gegenüberliegende Wand in einen überdimensionalen Fernseher. Auf dem Bildschirm jagten Angestellte des Sicherheitsdienstes gerade einen Schwerverbrecher. Botoja schmiegte sich in ihren Sessel und gab vor, das Geschehen auf der Filmwand zu verfolgen. Soul öffnete die Tür und führte das Paar herein.

„Tambara-Hallo“, grüßte es, als es eintrat.

„Tambara-Hallo“, erwiderten die jungen Leute wie aus einem Munde.

Reb, der sich gerade noch auf die Couch hatte werfen können, betätigte demonstrativ die Fernbedienung, so als würde er das Programm eigens für den Besuch unterbrechen. Umständlich krabbelte er aus der Sofaecke.

„Was verschafft uns die Ehre eures Besuches?“, fragte er möglichst harmlos und begrüßte die beiden per Handschlag.

Angestellte des Sicherheitsdienstes gehörten zum Stammpersonal jedes Konzerns und duzten sich häufig mit den Kollegen. Die Unterschiede im Arbeitsverhältnis fielen so weniger auf, denn Sicherheitsbeauftragte waren Staatsdiener und wurden von den jeweiligen Konzernen angemietet. Der Vorstand schilderte den Bedarf, die Regierung schickte die entsprechend qualifizierten Fachkräfte. Sie konnte man nie ganz sicher sein, ob die Überprüfung tatsächlich nur dem Schutz des Unternehmens diente oder auf diese Weise nicht vielleicht auch firmeninterne Daten die staatlichen Ämter erreichten.

„Ich hoffe, wir kommen nicht ungelegen“, entschuldigte der Mann die Störung, „aber das Ereignis auf der gestrigen Modenschau hat das Volk von Tambara in Unruhe versetzt. Besorgten Anrufen zufolge wurden in hiesigem Stadtviertel weitere Insekten gesichtet, und wir sind beauftragt worden, der Sache auf den Grund zu gehen. Hat einer von euch etwas Verdächtiges bemerkt?“

„Nein, mir ist nichts aufgefallen …, dir vielleicht?“, antwortete Reb als Erster und wandte sich an seine Schwester.

„Nein, absolut nichts“, entgegnete Soul.

Der Sicherheitsbeauftragte blickte prüfend zu Mortues und Botoja hinüber.

„Vielleicht irgendwelche dunklen Punkte, die sehr schnell ihren Standort wechseln?“

„Nicht dass ich wüsste“, antwortete Mortues.

„Nein, so etwas wäre mir aufgefallen“, bekräftigte Botoja.

„Wirklich gar nichts?“, mischte sich die Frau ein.

„Nein, wirklich nichts.“

„Tut uns leid.“

„Nein, bestimmt nicht.“

In diesem Augenblick ertönte irgendwo im Raum ein lang anhaltender, aufdringlicher Summton. Fast gleichzeitig drehten die beiden Angestellten ihre Köpfe in Richtung Schreibtisch.

„Was war denn das?“, fragte der Mann barsch.

„Was?“, entgegnete Reb.

„Na, dieses merkwürdige Geräusch?“

Mortues, der gerade nervös an seinem Partnerschaftsring drehte, zog geistesgegenwärtig das Kunststoffmetall von seinem Finger und stellte es hinter dem Rücken des Paares mit seiner Schmalseite auf den Boden, gerade noch rechtzeitig, bevor die beiden sich ihnen aufs Neue zuwandten.

„Es war ein ganz seltsames Geräusch, leise und doch irgendwie kraftvoll“, schilderte der Mann.

Während sich die Angestellten noch einmal umdrehten, um in den Raum hineinzuhorchen, stupste Mortues den Ring mit der Schuhspitze an, und ganz langsam begann das schwere Metall zu rollen. Noch ein wenig half er nach, dann bewegte es sich von alleine weiter, wurde immer schneller und verursachte fast so ein Geräusch, wie sie es vorher aus der Schublade gehört hatten. Es rollte dem Sicherheitsbeauftragten direkt vor die Füße.

„Nanu“, sagte dieser und bückte sich instinktiv „hat jemand von Ihnen einen Ring verloren?“

„Darf ich mal sehen?“, meldete sich Mortues. „Tatsächlich, das ist meiner.“

Ehe der Mann sich versah, hatte er ihm das Schmuckstück schon aus der Hand gezogen und an seinen Finger zurückgesteckt.

„Es hat also niemand etwas Verdächtiges bemerkt?“, wandte sich der Angestellte noch einmal an die ganze Gruppe.

„Nein.“

„Ich wüsste nicht.“

„Ich auch nicht.“

„Nein, nichts Verdächtiges.“

„Gut, dann wollen wir nicht länger stören.“

Umringt von den jungen Leuten, begab sich der Staatsdiener in Richtung Ausgang. Man redete noch ein wenig über die Fantasie der Tambara-Bewohner – eine einzige Fliege und schon wurden die Bürger hysterisch, manche Leute waren wirklich zu empfindlich –, dann fiel die Tür hinter dem Paar ins Schloss und die Freunde atmeten erleichtert auf.

„Meine Güte, das hätte schiefgehen können“, platzte Mortues heraus, nachdem die Schritte auf dem Flur verhallt waren. Mit gesenkten Köpfen trotteten die vier in den Wohnraum zurück.

„Die Idee mit dem Ring war gut“, lobte Reb. „Aber nun lasst uns überlegen, wo wir das Tier am besten unterbringen.“

Nur, wo versteckte man eine Fliege? Ein Insekt konnte man nicht einfach abstellen wie eine Maschine. Es würde sich das Fliegen nicht verbieten lassen, und der Summton wäre auch aus der entferntesten Schublade zu hören. Nachdenklich blickten sie sich in dem großen Raum um. Eine Weile standen sie so, dann fiel es ihnen auf. Ungewöhnlich still war es geworden. Zu still.

„Man hört ja gar nichts“, stellte Botoja fest.

Reb sprang zum Schreibtisch, öffnete die Schublade, holte das Kästchen heraus und stellte es auf die Tischplatte. Es war leer.

7

„Du hättest den Kasten eben nicht mit solcher Wucht in die Schublade werfen sollen. Dabei muss sich der Deckel verschoben haben, und die Fliege ist entkommen.“

Soul war wütend. Was sollte sie jetzt Sir W.I.T. sagen, wenn er kam, um sein Tier abzuholen? Die Geschwister saßen im Restaurant des Medienkonzerns und diskutierten über das Ereignis des Vortages.

Die Konzerne der Stadt Tambara förderten durch ein breit gefächertes Freizeitangebot die enge Bindung ihrer Mitarbeiter an den Arbeitsplatz. Restaurants, Fitness-, Schlaf- und Entspannungsräume, Freibäder auf den Dachterrassen, kleine Kinos und Kommunikationsbereiche mit Gesellschaftsspielen gehörten zum Standard jeder Firma und konnten vom Stammpersonal kostengünstig genutzt werden. Die wohl durchdachte Mischung aus Sport-, Unterhaltungs- und Wellness-programmen in unmittelbarer Nähe des Arbeitsplatzes erlaubte eine optimale Nutzung der freien Zeit und hatte die Produktion der Unternehmen um ein Vielfaches gesteigert. Entnervende Fahrten zur häuslichen Wohnung während der Hauptverkehrszeit entfielen, die eingesparte Zeit kam der Erholung zugute und die Möglichkeit, zwischen Einzelkabinen für den Mittagsschlaf, großzügig gestalteten Ruheräumen, deren Liegen mit Kopfreifen für kurzweilige Musik- oder Fernsehsendungen ausgestattet waren, individuellen Trainingsprogrammen zur körperlichen Ertüchtigung und gemeinsamen Spielen in Gesellschaft Gleichgesinnter wählen zu können, entspannte das Verhältnis zu den Kollegen und stärkte darüber hinaus das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Belegschaft. Nur wenig Erziehungsarbeit war nötig gewesen, um einige phlegmatische Naturen davon zu überzeugen, ihre Pausen nicht über Gebühr in die Länge zu ziehen. Die Gewissheit, das Angebot jederzeit in Anspruch nehmen zu dürfen, stimmte versöhnlich und steigerte ganz allgemein die Freude an der Arbeit.

Gleichzeitig nutzten die Konzerne ihre Räumlichkeiten für hauseigene Werbung. Auch wenn Entspannungszonen, so forderte es das Gesetz, von den schrillen Schriftzügen verschont bleiben mussten, durfte man doch die konzerntypischen Farben in diesen Bereichen einsetzen. Im Ruheraum des Medienkonzerns zum Beispiel unterstrichen mittlere Blautöne in Kombination mit einem spärlich eingesetzten Weiß den Anspruch sachlich kompetenter Medienarbeit.

Soul studierte die Speisekarte in der Tischplatte. Unschlüssig drückte sie auf einen der Fruchtcocktails und betrachtete das Bild, das sich aus den Schriftzeichen formte. Neben dem Glas erschien ein Ausrufezeichen mit der Angabe des Zuckergehaltes. Vor Kurzem hatte sie ihrem Fingerabdruck einen Grenzwert für „nur kontrolliert zu konsumierende Nahrungsmittelbestandteile“ zugeordnet und wurde nun jedes Mal, wenn sie ein Gericht mit einem höheren Prozentsatz auswählte, daran erinnert. Unmutig tippte sie auf den Apfelsaft, doch wieder erschien das Warnsignal.

„Wasser tut’s auch“, murmelte sie mehr aus Bequemlichkeit denn aus Überzeugung und orderte noch eine Reisplatte dazu. Indem sie auf das Anforderungssymbol drückte, wurde ihre Bestellung an die Küche weitergeleitet, und der Text auf ihrer Hälfte des Möbels verwandelte sich in ein blau-weiß kariertes Tischdeckenmuster.

Während Reb noch die Karte unter dem Kunststoffglas durchforstete, schaute Soul sich in dem großen Saal um. Das Restaurant war gut besucht wie immer um diese Tageszeit. Die Angestellten genossen das gemeinsame Mittagsmahl, erzählten von den Einkäufen, die sie getätigt hatten, von aktuellen Kinofilmen und Erfolg versprechenden Fitnesskursen, verfolgten auf Technikarmbändern, Schmink- und Brieftaschenmonitoren Nachrichtensendungen aus der ganzen Welt oder mieteten über die Tischplatte eine Liege im Entspannungsraum.

An der gegenüberliegenden Seite des Saales entdeckte Soul plötzlich drei bekannte Gesichter. Die Männer, die auf der Modenschau durch ihr Fliegenexperiment das Publikum in Aufruhr versetzt hatten, standen am Eingang und hielten nach freien Plätzen Ausschau. Sie wirkten auch jetzt wie eine eingeschworene Gemeinschaft, durchquerten den Saal als geschlossene Gruppe und wählten einen Tisch ganz in der Nähe der Geschwister aus. Es dauerte einige Zeit, bis sie die Stühle zurechtgerückt und sich niedergelassen hatten. Mit Bedacht ordneten sie ihre Kleidung, zupften Kragen und Manschetten zurecht und zogen die Hemdsärmel glatt. Schweigend wandten sie sich anschließend der Speisekarte zu. Als der Freund des Fliegenentführers – Soul war mittlerweile klar, dass dieser das Insekt niemals rechtmäßig erworben haben konnte, wahrscheinlich hatte er es aus einem der Naturreservate entwendet – auf die Symbole in der Tischplatte drückte, schoben sich unter dem überlangen Ärmel seines Anzuges ungewöhnlich glatte und helle Finger hervor. Hatte er zu viel Handcreme benutzt? Soul kannte den Effekt aus eigener Erfahrung. Die modernen Schutzcremes schmiegten sich so elegant und geschmeidig um die natürliche Haut, dass manche Zeitgenossen des Guten zu viel taten und durch einen besonders dicken Auftrag dieses rein synthetischen Produktes eine Art Handschuh formten. Da die Schicht luftdurchlässig war, schadete sie der Haut nicht, wirkte aber auf empfindsame Gemüter immer ein wenig unnatürlich. Ein Lichtstrahl verfing sich am Daumen des Mannes und brachte den Nagel zum Glänzen.

Das Menü wurde serviert, und während Soul den Reis verspeiste, wanderte ihr Blick immer wieder zu der Männergruppe am Nachbartisch hinüber. Die drei aßen stumm und bemühten sich in besonderer Weise, jede ihrer Bewegungen zu kontrollieren. Plötzlich rutschte dem Freund des Fliegenentführers das Messer aus der Hand. Laut scheppernd fiel es zu Boden. Die Besucher des Restaurants blickten verärgert zu dem Störenfried hinüber. Der Mann murmelte eine Entschuldigung und wartete, bis sich die Gäste wieder ihrer Mahlzeit zuwandten. Als er sich endlich nach dem Besteckteil bückte, glaubte Soul ihren Augen nicht zu trauen. Unter dem nach oben gerutschten Ärmel kam eine Prothese zum Vorschein, eine jener halb beweglichen Kunststoffgliedmaßen, wie man sie in früheren Jahrhunderten zu tragen pflegte, als noch keine nachwachsenden Extremitäten aus dem Labor zur Verfügung standen.

„Guck dir das an!“, stieß Soul hervor und stupste ihren Bruder an.

Reb blickte auf und erblasste.

„Lass dir nichts anmerken“, murmelte er aufgeschreckt. „Iss einfach weiter.“

Unfreiwillig in das Geheimnis ihrer Tischnachbarn eingeweiht, hatten die Geschwister nun selbst einige Mühe, sich auf die Mahlzeit zu konzentrieren. Nur wenige Minuten vergingen, da erschienen die Sicherheitskräfte des Medienkonzerns, und an ihren forschenden Blicken, mit denen sie die Umgebung taxierten, konnten Reb und Soul erkennen, dass sie nicht zum Vergnügen gekommen waren. Die Männer von der Modenschau bemühten sich krampfhaft, den Anschein von Normalität zu wahren, doch es war offensichtlich, dass sie unter einem großen Druck standen. Das Paar hatte sie auch bereits ins Auge gefasst, und während die Frau noch mit ihrem Kollegen sprach, beobachtete sie jede Bewegung der drei auf das Genaueste. Der Mann mit der Prothese wurde zusehends unsicherer. Verzweifelt versuchte er, sich nichts anmerken zu lassen, was schließlich dazu führte, dass er die Kontrolle über seine Gliedmaßen vollends verlor. Beim Zerschneiden eines Stückes Fleisch rutschte sein Messer auf dem glatten Tellerboden aus und flog in hohem Bogen in die Umgebung hinaus. Entsetzt blickte er zu den Sicherheitskräften hinüber, und als diese sich in Bewegung setzten und auf ihn zusteuerten, verlor er die Beherrschung, sprang auf und rannte quer durch den Saal davon. Das Paar reagierte schnell und erwischte ihn, noch bevor er den Ausgang erreicht hatte. In aller Öffentlichkeit wurde er verhaftet.

Die Freunde des Festgenommenen wirkten sichtlich geschockt und setzten, nachdem sie eine Zeit lang auf die leere Eingangstür gestarrt hatten, betroffen ihr Mahl fort.

Soul hätte zu gern gewusst, was sich hinter dieser merkwürdigen Verhaftung verbarg. Immer wieder wanderte ihr Blick zu den beiden Männern hinüber, die sich augenscheinlich sehr bemühten, nicht noch mehr aufzufallen.

„Und wenn ich sie einfach frage …?“

„Untersteh’ dich!“, mahnte Reb. „Willst du dir auch noch Ärger einhandeln?“

Ungeduldig rutschte Soul auf ihrem Stuhl hin und her. Noch nie zuvor war sie so nah an eine dieser seltsamen Ungereimtheiten herangekommen, die den Alltag der Stadt Tambara wie selbstverständlich begleiteten. Ein paar Minuten hielt sie es aus, dann huschte sie hinüber und setzte sich einfach auf den frei gewordenen Stuhl.

„Und?“, fragte Reb ungeduldig, als sie zurückkam. „Was hat er ausgefressen?“

Soul war sichtlich erregt.

„Sie meinten, das Einzige, was ihn von seinen Mitbürgern unterschiede, wäre seine körperliche Unvollkommenheit.“

8

„Ist dir nicht gut?“

„Ich weiß nicht.“

Botoja hatte Soul überreden können, sie auf der Fahrt zur Museumsinsel zu begleiten. Der Fantasykonzern war auf der Suche nach einer neuen Vermarktungsidee, und Botoja sollte auskundschaften, ob das Eiland genügend Material für eine Spielzeugserie hergab. Pflanzen, Tiere und gemütliche Einfamilienhäuser aus Kunststoff erfreuten sich eines regen Interesses und hatten auf Kinder eine ähnlich faszinierende Wirkung wie die Gruselfiguren früherer Science-Fiction-Filme. Die seit Jahrhunderten im Urzustand erhalten gebliebenen Museumsinseln gehörten zu den letzten Naturreservaten der Erde und durften nur mit einer Sondergenehmigung betreten werden. Als Begleitperson, die einem in solchen Fällen zugestanden wurde, hatte Botoja ihre Freundin mitnehmen dürfen, doch Soul, die in den letzten Wochen jede freie Minute mit der Suche nach ihren Eltern im Net verbracht hatte, konnte sich über diese einmalige Gelegenheit nicht so recht freuen.

„Denk doch, du wirst richtige Natur zu sehen bekommen“, versuchte Botoja sie aufzumuntern. „Auf der Insel gibt es noch echte Bäume – Bäume, die wachsen und beständig ihre Form verändern, nicht solche leblosen Kunststoffprodukte wie sie in unseren Straßen stehen.“

Soul zeigte sich wenig beeindruckt.

„Richtige Blumen soll es dort auch noch geben!“

„Ja, Gott, Blumen …“

„Und Sand …, Sand, den du in deine Hand nehmen und durch deine Finger rieseln lassen kannst …, und Möwen, verstehst du, echte, lebendige Möwen!“

„Möwen?“

Soul schaute Botoja ungläubig an.

„Ja, Möwen – das sind Vögel, weißt du.“

„Ich weiß, was Möwen sind“, gab Soul unwirsch zur Antwort, „aber du glaubst doch wohl nicht im Ernst, dass dort noch Tiere unter freiem Himmel leben.“

„Nun ja“, gab Botoja zu, „eigentlich sind es zahme Vögel, die normalerweise in großen Käfigen gehalten werden und sich, wenn Gäste kommen, für einige Stunden auf der Insel frei bewegen dürfen. Aber es soll sehr echt aussehen.“

Soul fragte sich, woher Botoja ihre Weisheiten hatte, doch war sie heute einfach zu müde, um sich auf Diskussionen einzulassen.

Die Überfahrt dauerte nur wenige Minuten, dann legte das altmodische Tragflügelboot, auf das sie nach ihrer Ankunft mit dem Hubschrauber hatten umsteigen müssen, am Inselstrand an. Ein Steg wurde ausgefahren und führte vom Bootsdeck direkt auf den Sand. Jeder der acht Teilnehmer hatte eine Schutzausrüstung in die Hand gedrückt bekommen, die aus einem blauen Kunststoffanzug, zwei Gummistiefeln, Handschuhen und einem Paket Einmal-Unterwäsche bestand. So verpackt standen die Gäste nun an der Reling und betrachteten ein wenig skeptisch den fremdartigen Grund, auf dem sie sich in den nächsten Stunden bewegen sollten.

Der Exkursionsleiter machte ihnen Mut.

„Keine Angst, meine Damen und Herren, auch wenn der Sand unter ihren Füßen sich noch ein wenig fremd anfühlen wird …, es kann Ihnen nichts passieren.“

Als wollte er seine Worte bekräftigen, ging er als Erster von Bord, lief ein paar Schritte voraus, drehte sich zu den Gästen um und breitete seine Arme aus.

„Es ist herrlich, Sie werden begeistert sein!“

Vorsichtig tasteten sich die Besucher über den Landungssteg. Mit einem leichten Druck auf den Inselboden prüften sie zunächst, ob der natürliche Grund dem Gewicht des eigenen Körpers auch tatsächlich standhielt. Soul und Botoja wollten sich besonders abgeklärt geben, doch als sie das Ende der Planke erreichten, verspürten auch sie ein leichtes Unbehagen in der Magengegend. Ganz langsam setzte Soul ihren rechten Stiefel auf, zog im Zeitlupentempo den linken nach und lief, während sie das unbekannte Material zu ihren Füßen beobachtete, die ersten Schritte in der Nähe des sicheren Kunststoffsteges. Der Boden gab ein wenig nach, trug sie aber problemlos, mehr noch, sie empfand das Gehen auf diesen gelblichen, irisierenden Körnchen als äußerst angenehm. Der Sand war sanft und fest zugleich, auf eine merkwürdige Art und Weise fühlte sie sich umschmeichelt.

Bald löste sich auch bei den anderen die Spannung. Sie freuten sich über die bestandene Mutprobe und lachten sich gegenseitig an, so als hätten sie einen gemeinsamen Erfolg errungen. Der Abdruck ihrer Schuhsohlen hatte es ihnen besonders angetan. Immer wieder drehten sie sich um und betrachteten die von ihnen produzierten Fußstapfen. Einige drückten ihre Stiefel nebeneinander in den Sand und verglichen Größe und Art der auf diese Weise entstandenen Muster.

Plötzlich übertönte eine aufgeregte Stimme alle anderen.

„Sie sind weg, sie haben sich einfach aufgelöst!“

Neugierig umringten die Mitreisenden den Rufenden, und bereitwillig wiederholte dieser sein Experiment. Kraftvoll drückte er eine Sohle in den Boden, die Wellen krochen über den Strand, überspülten sein Werk und als sie sich zurückzogen, war der Abdruck verschwunden. Nun wollten es auch die anderen wissen. Der Reihe nach setzten sie ihre Muster in den Sand und beobachteten, was passierte. Und tatsächlich, das Wasser kam, schob sich über die Fußstapfen und löste sie einfach auf. Fasziniert verfolgten die Besucher das Spiel der Erneuerung durch die Natur. Weder Farbe noch technische Hilfsmittel waren nötig, kein Sprachbefehl bestimmte Anfang und Ende der Aktion, kein Knopfdruck oder Wärmesensor, die Welle arbeitete sich vorwärts, floss zurück, formte sich neu, ihrem ureigenen Rhythmus entsprechend, ganz ohne den Eingriff des Menschen.

Ein kleiner Steppke, der kaum laufen gelernt hatte, tapste zwischen den Beinen der Erwachsenen umher. Gerade wollte er sich nach einer Muschel bücken.

„Ih, bah!“, rügte seine Mutter.

„Ist das schädlich?“, fragte Botoja.

„Ich weiß nicht.“

„Die Muscheln sind vollkommen ungefährlich“, mischte sich der Exkursionsleiter ein. „Solange Ihr Kind sie nicht in den Mund nimmt und hinunterschluckt, kann nichts passieren. In früheren Jahrhunderten haben Urlauber die Schalen sogar gesammelt.“

„Tatsächlich?“

Die Mutter war überrascht.

„Waren sie denn etwas wert?“

„Wert? Nein. Die Menschen hatten Spaß an ihren Farben und Formen.“

Das Gesicht der Frau ließ erkennen, dass sie die Freude an solch einer unproduktiven Tätigkeit nicht ganz nachvollziehen konnte.

„Manche Urlauber nahmen Muscheln sogar als Erinnerung mit nach Hause“, erklärte der Exkursionsleiter. „Das dürfen Sie natürlich nicht. Die gesamte Insel steht unter Naturschutz, und es ist jedermann strengstens untersagt, irgendetwas mitzunehmen.“

Ein merkwürdiger Schrei ließ die Gäste zusammenfahren. Eine Möwe landete auf dem Strand und gesellte sich zu der Urlaubergruppe. Die Exkursionsteilnehmer kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ein Tier aus Fleisch und Blut, so etwas hatten sie, wenn überhaupt, nur in den Abteilungen der Harrison’s Group of Nature Presentation gesehen, wo einige ausgewählte Arten durch hermetisch versiegelte Kunstglasscheiben betrachtet werden konnten. Ein in sich abgeschlossenes Reinigungssystem sorgte dort für den absoluten Schutz der Besucher.

Unbewusst hatten die Gäste einen Kreis um das Tier gebildet. Die Möwe stand in der Mitte und blickte sich unschlüssig um. An Soul schien sie besonderen Gefallen zu finden. Sie unterzog die junge Dame einer eingehenden Betrachtung und spazierte dann geradewegs auf sie zu. Soul, die nicht mit so viel Entschlusskraft gerechnet hatte, erschrak und trat einen Schritt zurück. Irritiert blieb die Möwe stehen, legte ihren Kopf schief, es sah aus, als würde sie überlegen, dann wandte sich ab und trottete auf einen anderen Gast zu. Doch auch dieser wich verlegen zurück. Da kam der kleine Steppke hinter den Beinen seiner Mutter hervor und tappte beherzt auf das Tier zu. Er hatte sich seiner Schutzhandschuhe entledigt und wollte es anscheinend streicheln. Die Möwe begutachtete die ausgestreckten Händchen, sah, dass ihr kein Futter offeriert wurde, breitete ihre Flügel aus und flog mit einem lauten Schrei davon.

„Ooohhhh!“

Fasziniert verfolgten die Besucher ihren Flug. Die Mutter des Steppkes hatte ganz vergessen, ihren Jungen zu beschützen. Schnell eilte sie herbei und nahm ihn auf den Arm.

Nachdem die Gruppe eine Zeit lang am Strand entlanggewandert war, schlug der Exkursionsleiter den Weg zum Dorf ein. Auf der Insel lebten hauptsächlich Naturwissenschaftler und Facharbeiter für Bio-Umwelt, die mit der Instandhaltung des Eilandes beauftragt worden waren. In den Schaufenstern der Geschäfte lagen Produkte früherer Jahrhunderte aus: Kleider, Taschen, Schuhe, Haushaltswaren, Wohnaccessoires. Apotheken boten Medikamente an, und vor den Cafés prangten Reklametafeln, auf denen die Tageskarte eingesehen werden konnte. Alles wirkte sehr echt und doch irgendwie gespenstisch, da die meisten Räume dahinter nicht bewohnt waren.

Auf einem Platz in der Mitte des Dorfes machten sie halt. Vor dem ehemaligen Kurhaus erstreckte sich ein echter Naturrasen. Ehrfürchtig betrachteten die Gäste die exakt auf der gleichen Höhe abgeschnittenen Grashalme.

„Der sieht ja aus wie unser Kunstrasen“, meinte eine Besucherin enttäuscht. „Wachsen die Gräser denn nicht unterschiedlich schnell?“

„Aber sicher“, erklärte der Exkursionsleiter, „dieser Rasen ist nur gerade gemäht worden. Das erkennen Sie, wie Sie so treffend bemerkt haben, an der gleichen Höhe der Gräser, aber auch an dem ungewöhnlichen Duft.“

Während die Gäste noch ein wenig misstrauisch den fremdartigen Geruch erschnupperten, löste sich der kleine Junge von der Hand seiner Mutter und betrat neugierig den Rasen. Mit seinen zarten Händchen patschte er auf die geschnittenen Gräser. Als er seine Finger in den darunterliegenden Mutterboden bohrte, ging ein Aufschrei des Entsetzens durch die Gruppe. Hilfe suchend blickten die Erwachsenen zum Exkursionsleiter hinüber und waren sprachlos, als dieser verständnisvoll lächelte und den Jungen gewähren ließ. Der Kleine rupfte ein paar Grasbüschel aus und unterzog sie einer eingehenden Betrachtung. Er strahlte über das ganze Gesicht, als er sich wieder der Gruppe anschloss. Seine Mutter schielte besorgt zu den dunklen Rändern unter seinen Fingernägeln hinab, hielt ihn aber nicht mehr davon ab, die fremde Umgebung zu erkunden.

Für einen Moment schloss Soul die Augen und sog die frische Luft in sich hinein. Der Geruch des Grases übte eine fast betörende Wirkung auf sie aus. Feucht und warm war er, dabei kraftvoll und außerordentlich belebend. Als sie die Lider wieder aufschlug, fiel ihr Blick auf das Fenster eines gegenüberliegenden Hauses. Hinter der verstaubten Scheibe glaubte sie plötzlich ein bekanntes Gesicht zu erkennen. Sie kniff die Augen zusammen und blinzelte gegen das Licht, doch während sie noch versuchte, die vertrauten Züge einem Bild ihrer Erinnerung zuzuordnen, fiel die Gardine vor die Scheibe und der Mann war verschwunden.

„Was ist?“, fragte Botoja besorgt.

„Dort drüben …“

„Hast du einen Bekannten gesehen?“

„Ich weiß nicht.“

Soul starrte auf das Fenster und setzte sich unbewusst in Bewegung. Sie wandte keinen Blick von der Gardine, hinter der sie den Fremden vermutete, und lief wie von einer Schnur gezogen auf dieses Haus zu.

„He, wo willst du hin?“, rief Botoja hinter ihr her.

„Hallooo, junge Dame, das geht aber nicht!“

Der Exkursionsleiter fing sie ab, fasste sie bei der Schulter und drehte sie behutsam um.

„Niemand verlässt die vorgeschriebenen Wege. Das müssen Sie verstehen. Dazu sind unsere letzten Naturressourcen einfach zu wertvoll.“

Soul entschuldigte sich und reihte sich mechanisch wieder in die Gruppe ein.

„Mein Gott, was ist bloß los mit dir?“, wunderte sich Botoja. „Allmählich mache ich mir wirklich Sorgen.“

„Der Mann, den sie im Restaurant verhaftet haben …, ich habe dir doch davon erzählt …“

Botoja folgte ihrem Blick, doch an den Fenstern war niemand zu sehen. Die Gardinen hingen glatt und unbeweglich vor den Scheiben.

Kaum zwei Stunden dauerte der Rundgang, dann waren die Besucher schon wieder am Tragflügelboot angelangt. Bevor sie an Bord gingen, wurden sie noch einmal darauf hingewiesen worden, dass sie nichts, aber auch gar nichts von der Insel mit nach Hause nehmen durften. Erleichtert über den friedvollen Ausgang ihres Abenteuers, verschwanden sie in den Umkleidekabinen, um sich des Schutzanzuges zu entledigen und die Naturrückstände zu entfernen.

Im ersten Raum der Sicherheitsschleuse warfen die Exkursionsteilnehmer ihre Ausrüstung in den Verwertungsbehälter, der Anzug, Handschuhe, Stiefel und Unterwäsche in einen vielseitig verwendbaren Kunststoff zurückverwandelte. Unbekleidet wechselten sie danach in den Duschraum über, um sich dort einer ausführlichen Waschung zu unterziehen und schließlich im dritten und letzten Teil des Kabinenschlauchs hygienisch frisch und ohne das kleinste Staub- oder Samenkorn wieder in die eigene Garderobe zu steigen.

Als das Schiff ablegte, dämmerte es bereits. Botoja war unterwegs, um einen heißen Tee zu besorgen. Soul stand auf dem Oberdeck an der Reling und blickte auf das Meer hinaus. Überwältigt von den Farben des nahenden Sonnenuntergangs, ließ sie ihre Augen über die Wasseroberfläche gleiten. Weite …, nichts als Weite …, dachte sie, keine Häuserwand, die ihren Blick stoppte, kein Plakat, das ihre ganze Aufmerksamkeit einforderte, nichts als endlose, pure Weite. Fast wurde ihr ein wenig schwindelig.

Beglückt von den Ereignissen des Tages vertiefte sie sich in die Wellenbewegungen des Meeres, und zum ersten Mal auf dieser Fahrt wurde ihr bewusst, dass es im Wasser unter ihr, direkt unter dem Rumpf des Schiffes, ja auch noch Leben gab. Den Meeresgrund hatten die Menschen, abgesehen von einigen Forschungsstationen, in all den Jahrhunderten der Expansion seltsamerweise nie besiedelt. Es hatte sie wohl mehr ins All hinausgezogen.

Soul schaute zum Strand zurück und betrachtete die Dünenkette. Dahinter lag das Dorf, das sie besucht hatten. Dort roch es so ganz anders als in der Stadt. Die Luft war frisch und klar, das Gras warm und feucht …, überhaupt die Pflanzen …, dann das Meer …, ja, vor allem das Meer. Auch in diesem Moment war er wieder da, der Geruch von Salzwasser und Leben.

Soul seufzte. Sie blickte sich um und stellte fest, dass sie wohl schon die ganze Zeit allein an Deck gestanden hatte. Die anderen Gäste hatten sich längst in die Kabinen zurückgezogen. Naturbegegnungen waren anstrengend, das hatte man ihnen schon vor dem Landgang prophezeit. Ein letztes Mal ließ sie ihren Blick über die Meeresoberfläche gleiten. So genau wie möglich wollte sie sich dieses Bild einprägen. Die nächste Besuchserlaubnis würde es wohl erst in ein paar Jahren wieder geben.

Plötzlich erwischte eine große Welle den Bug und hob den Rumpf des Schiffes in die Höhe. Soul erschrak und verlor für den Bruchteil einer Sekunde die Orientierung. Sie griff nach der Reling, verfehlte die Stange, versuchte, mit der anderen Hand nachzugreifen, konnte die Finger nicht mehr schließen, weil ihr Körper mit voller Wucht gegen das Gestänge prallte, bekam Übergewicht und … ging über Bord.

„Um Himmels willen, Soul, Souououououllll! Hilfeeeeee! Hilfeee, Frau über Bord!“, hörte sie Botoja noch rufen, die gerade mit dem Tee zurückgekommen war.

Dann bemächtigte sich eine bleierne Schwere ihres Körpers. Alles um sie herum wurde nass und kalt …, und … sie fiel in Ohnmacht.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
270 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783961455805
Telif hakkı:
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