Kitabı oku: «Tambara und das Geheimnis von Kreta»

Yazı tipi:

Heike M. Major

TAMBARA

und das Geheimnis von KRETA

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2021

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

Copyright (2021) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte bei der Autorin

Titelbildidee: Heike M. Major

Fotos: Heike M. Major

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Fortschritt

So viele Jahre haben wir nun

Erfahrungen mit dem Fortschritt gesammelt.

Trotzdem konnten wir ihn nicht zähmen.

Er läuft uns davon wie ein bockiges Pferd,

denkt sich immer wieder neue Kapriolen aus,

um uns zu überraschen.

Wir laufen stets in einiger Entfernung hinterher,

um den Schaden seiner unzähligen Spielarten

zu begrenzen.

Jeder Pferdebesitzer untersucht ein Pferd,

bevor er es kauft, auf erkennbare Mängel,

mögliche Erkrankungen, wahrscheinlichen Nutzen.

Er weiß, alles hat seinen Preis.

Heike M. Major

1

Unsanft setzte die moderne Maschine auf der alten Landebahn auf. Nachdem Kreta für die Öffentlichkeit freigegeben worden war, durften nun auch die ersten Linienmaschinen wieder auf der Insel landen. Rebs Blick glitt über das Rollfeld und hinüber zu einem niedrigen weißen Gebäude, dessen lang gestreckte Fensterfront von einer Vielzahl senkrechter weißer Streben durchbrochen wurde. Dies musste das Flughafengebäude sein. Es sah genauso aus wie auf dem Bild, das der Medienkonzern ihm auf sein Technikarmband geschickt hatte. Reb hatte die Informationen in seinem Armband bisher nur einmal kurz durchgelesen. Er vertraute lieber auf den örtlichen Reisedienst, der ihn am Ausgang abholen und, wie es vor Jahrhunderten üblich gewesen war, mit dem firmeneigenen Bus zum Hotel bringen würde.

Kreta – ein fast im Urzustand erhaltenes Naturreservat – hatte bis vor Kurzem nur einem einzigen öffentlichen Zweck gedient: der Versorgung der großen Weltstädte mit Grundnahrungsmitteln. Die Insel belieferte fast den gesamten Erdball mit heimischen Oliven und wertvollen Ölen aus diesem natürlichen Gold. Reich waren die Kreter trotzdem nicht geworden. Als Angestellte des Sirman’s Group - Oil for your live - Konzerns ernteten, verarbeiteten und versandten sie die Produkte, das große Geld jedoch blieb bei den Firmeneignern in der Stadt. Die Einheimischen mussten sich mit einem bescheidenen Einkommen begnügen und – dies allerdings war ihnen gewiss – der uneingeschränkten Bewunderung der restlichen Weltbevölkerung, denn wer wollte heutzutage noch in der Natur arbeiten. Dazu bedurfte es schon einiger mutiger Freiwilliger. Die Menschen, die sich dieser aufopfernden Tätigkeit annahmen, waren auf der Insel geboren und aufgewachsen und mit den Eigenheiten dieses Landstrichs von Kindheit her vertraut. Die Aktionäre hingegen hatten ihre Domizile in der Stadt Tambara aufgeschlagen, in der Nähe der großen Konzerne.

Die Gegend um den Flughafen herum war extrem hässlich. Ein- bis zweistöckige schmutzig graue Häuser schoben sich ineinander und duckten sich entlang der staubigen Straße zu einem einzigen, schier endlos scheinenden Strang aus schäbigem, von der Verwitterung gezeichnetem Beton. Auf dem abgewetzten Pflaster der Bürgersteige sammelte sich der Sand der Umgebung. Abgestorbene Pflanzenteile hatte der Wind daruntergemischt, vereinzelt sah man auch Müll in den Ecken, Einkaufstüten aus noch nicht recycelbaren Kunststoffen, Plastikverpackungen von Fertiggerichten oder Blechdosen einer schon lange nicht mehr existierenden Getränkefirma.

Der Bus fuhr über eine Brücke und ließ die Flughafenregion hinter sich, aber immer noch blieb der Eindruck städtisch: Tankstellen, Möbelgeschäfte, Souvenirläden, dichter Verkehr überall, aufheulende Autos, knatternde Motorräder, dazwischen quetschten sich Fußgänger über die Straße. Wie hatten die Menschen in all den Jahrhunderten nur so leben können, dachte Reb. Der Erdboden in Tambara, seiner Heimatstadt, war mit einer geschlossenen Decke aus Hightech-Kunststoff überzogen. Die synthetischen Bäume in den Straßen lieferten durch unterirdische Kanalsysteme nicht nur den nötigen Sauerstoff, sondern reinigten mit ihren Filteranlagen auch die Luft von Kohlendioxid, Staub- und Sandpartikeln und selbst die von den Touristen aus den wenigen noch existierenden Naturreservaten unfreiwillig eingeschleppten Samenkörner wurden mittels moderner Technik als Fremdkörper erkannt und umgehend vernichtet. Fahrzeuge fuhren fast laut- und schwerelos, und die bis zum Boden reichenden Fenster der Hochhäuser speicherten die Sonnenwärme und sorgten mit ihrer integrierten Heizung für ein wohltemperiertes Klima in den Innenräumen. Reb war froh, dass er die Abgase dieser mehr als veralteten Fahrzeuge durch die geschlossenen Scheiben nicht riechen konnte.

Der Bus bremste und bog nach rechts in eine schmalere Straße ein. Wenigstens ließ jetzt der Verkehr ein wenig nach. Links der Fahrbahn erstreckte sich eine meist einstöckige Ladenzeile mit an Baracken erinnernden Geschäftsräumen, vor deren Eingangstüren an einfachen Blechständern Kleider und Kopfbedeckungen für den Aufenthalt unter freiem Himmel angeboten wurden. Die Häuserreihe auf der rechten Seite war nicht ganz geschlossen. In den Lücken zwischen den Betonbauten machten sich Gräser und niedriges Buschwerk breit, ein paar Bäume hatten sich dazugesellt, ganze Flächen waren nicht asphaltiert. In einem der Zwischenräume erspähte Reb das Meer. So ähnlich musste es vor Hunderten von Jahren ausgesehen haben, als es noch überall echte Pflanzen gab und die Menschen, begünstigt durch den Fortschritt der Technik und die Möglichkeit zum schnellen Ortswechsel, anfingen, fremde Kulturen zu erkunden – und zu zerstören. Damals musste es angefangen haben, dass die Natur nach und nach von der Landkarte verschwand, überall die gleichen Hotels entstanden und sich auch die großen Weltstädte immer mehr ähnelten.

Mit einem unsanften Ruck kam der Bus zum Stehen. Rebs Blick fiel auf zwei Geranienbeete, die mit sandfarbenen Natursteinen eingefasst waren. Auf einer Steinplatte links neben dem Eingang stand der Name der Anlage: Hotel Pink Parrot. Die Schrift war plastisch hervorgehoben und sah aus, als wäre sie noch aus natürlichem Metall gegossen worden. Die Flügel des Eingangstores bestanden aus grob gezimmerten, von der Rinde befreiten Holzstämmen. Sie lehnten souverän an dem Maschendrahtzaun, der zu beiden Seiten das Gelände vom Bürgersteig trennte, und gaben den Blick auf den großzügigen Hof des Quartiers frei.

„Hotel Pink Parrot“, grölte der Busfahrer, sprang auf die Straße und öffnete die Gepäckklappe des Fahrzeugs.

Reb kletterte von der relativen Ruhe des Reisebusses auf die lärmende Straße und nahm seinen Koffer in Empfang. Kaum hatte er den Griff des Gepäckstückes ausgefahren und von Automatik- auf Handbetrieb umgestellt, hörte er die Fahrzeugtür klacken, und der Bus rollte davon.

Seinen rappelnden Koffer hinter sich herziehend, durchschritt Reb das Eingangstor und wunderte sich über die Stille, die ihn empfing. Kaum ein paar Meter von der Straße entfernt, schienen Lärm und Gestank der alten Vehikel fast völlig vergessen.

Für einen Moment hielt er inne und ließ seinen Blick über die Anlage schweifen. Der großzügig angelegte Hof wartete außer mit einer Reihe riesiger Palmen in der Mitte und einer winzigen, aus Holz gezimmerten Haltestellenüberdachung für die Inselbahn am Rande links neben dem Eingangstor nur mit ein paar parkenden Autos auf. Der ganze Platz war, so schien es, mit natürlicher Erde bedeckt – richtiger, echter Erde! An der linken Seite, hinter den Autos, erstreckte sich ein adrett gepflegter Minigolfplatz mit natürlichem Rasen, darauf standen wieder die anscheinend für dieses Hotel so typischen haushohen Palmen, mindestens zehn an der Zahl.

Geradeaus, am Rande des Hofes, begann die eigentliche Anlage. Viele winzige Bungalows verteilten sich in einem großzügigen, hübsch angelegten Garten. Schon von hier aus sah er die vielen blühenden Büsche – Bougainvilleen und Hibisken, wenn er richtig recherchiert hatte –, dazwischen immer wieder Palmen, anscheinend alle echt. Auf der rechten Seite in einem breiten Flachbau befand sich der Empfangsbereich. Plötzlich verlangte sein Körper nach einem tiefen Atemzug. Eine ungewöhnliche Frische durchströmte seine Lungen. Die Luft war sauber und klar. Es musste an den Pflanzen liegen. Reb schnappte sich seinen Koffer und marschierte zur Rezeption.

Die Frau hinter dem Tresen sah aus, als wäre sie einem Bildband über altgriechische Kulturgeschichte entsprungen. Lange schwarze Haare umrahmten ein ebenmäßiges Gesicht mit klarer Haut, großen dunklen Augen, einer klassisch geschnittenen Nase und einem wohlproportionierten Mund. Die Griechin trug ein schlichtes Hemdblusenkleid in Beige und schien ungeschminkt. Reb führte die eindeutigen Gesichtszüge auf die isolierte geographische Lage der Insel zurück, denn einzelne Kulturen, die eine eindeutige Zuordnung zu einer Landschaft oder Bevölkerungsgruppe zuließen, gab es in der modernen Kunststoffwelt schon lange nicht mehr. Städter waren Städter. Sie alle waren mit den gleichen Regeln aufgewachsen, den gleichen Werbeversprechen, Modediktaten und den schnell wechselnden, die Massen bewegenden Songs der Hitparaden. Sicherlich gab es auch heute noch Bürger unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe, doch das jahrhundertelange Leben in der Großstadt hatte nicht nur für eine Vermischung der Kulturen gesorgt, sondern auch den Blick für geschichtliche Ursprünge verloren gehen lassen. Selbst die architektonischen Unterschiede zwischen den Weltstädten waren – bis auf die offiziell geschützten Denkmäler und einige wenige, fast vollständig im Urzustand erhalten gebliebenen Stadtkerne – im Laufe der Jahrhunderte so gut wie verschwunden. Die untereinander stark konkurrierenden Wirtschaftskonzerne hatten mit ihren monumentalen Bauten und umliegenden Einkaufszentren die Architektur der modernen Welt geprägt und überall auf der Erde ähnliche Stadtbilder entstehen lassen.

„Kαλημέρα“, begrüßte ihn die Griechin, „herzlich willkommen in unserem Land.“

Die Zügigkeit und Präzision der Abfertigung stand den Gepflogenheiten in der Stadt in nichts nach. Rebs Technikarmband überspielte die notwendigen Daten auf den Hotelcomputer, und die griechische Dame überreichte ihm einen Schlüssel.

Verwundert blickte Reb auf das Metall in seiner Hand. Es bestand aus einer dünnen, kreisrunden, circa eineinhalb Zentimeter großen Platte mit einem Loch in der Mitte, die in einen ebenso flachen, halbseitig gezackten Stiel mündete. Das dünne Teil war relativ schwer und silberfarben. Wenn man es hin und her bewegte, spiegelte sich das Licht auf der glatten Oberfläche und verlieh dem Material einen zart schimmernden Glanz. In einem Zeitalter, in dem man Türen nur noch mittels Technikarmband öffnete und sämtliche Naturstoffe durch Imitationen aus Kunststoff ersetzt worden waren, fühlte sich so ein Gegenstand, der aus echtem Metall bestand und noch dazu eine wirkliche Funktion erfüllte, ein wenig unheimlich an.

Der Schlüssel hatte einen Anhänger in Form eines Ovals. Vielleicht war es auch eher ein Rechteck mit abgerundeten Ecken, jedenfalls schien auch diese Platte von circa drei mal vier Zentimeter, die noch schwerer war als der Schlüssel selber, aus natürlichem Material zu bestehen. Ein Kakadu war darin eingraviert, darunter der Name der Anlage: Pink Parrot.

Reb fuhr mit den Fingern über die Oberfläche des Anhängers. Das Material wies eine Reihe von Kratzern auf, Gebrauchsspuren, die von den vielen Händen zeugten, die diesen Schlüssel schon einmal in der Hand gehalten hatten.

„Passen Sie gut darauf auf“, mahnte die Griechin. „Sonst bekommen Sie Ihr Zimmer nicht auf.“

Reb steckte den Schlüssel in die Hosentasche.

An der Eingangstür erwartete ihn ein älterer Mann in leicht gebeugter Haltung, der sich als Gepäckträger entpuppte. Er hatte eine Schiebekarre dabei, ein schmales Brett auf zwei Rädern, gerade groß genug, um einem hochkant gestellten Koffer darauf Platz zu bieten, dahinter eine senkrecht angebrachte, hüfthohe Platte mit einem Griff. Reb betrachtete ein wenig misstrauisch dieses altertümlich anmutende Gefährt. In seiner Heimatstadt Tambara gab es für alles eine technische und meist auch geräuscharme Lösung. Gepäck beförderte man auf selbstständig fahrenden Koffern, die, gesteuert durch das Technikarmband am Handgelenk, brav wie ein Hündchen hinter ihrem Besitzer her rollten. Hier schleppte nicht nur ein Mensch eine schwere Last, er tat es auch noch für jemand anderen. Der Mann hievte Rebs Koffer auf sein Vehikel, und wie auf Befehl schmiegte sich das Gepäckstück an die große Platte, als er jetzt den Griff fasste, die Karre schräg stellte und das Gerät vor sich herschob.

„Sollte etwas nicht funktionieren, sprechen Sie uns an“, empfahl ihm die Griechin und lächelte.

Reb bedankte sich und folgte ein wenig misstrauisch dem Gepäckträger, der sich in seiner schräg gestellten Welt recht gut auszukennen schien.

Reb überlegte. All die Erfahrungen, die er während seines gut dreißigjährigen Lebens in seiner Heimatstadt Tambara gesammelt hatte, würden ihm hier nicht viel nützen. Tambara war eine typische Großstadt, eine Stadt der Superlative, eine Stadt, die ihren Einwohnern ein sorgenfreies Leben bescherte, einen sicheren Arbeitsplatz, eine optimale medizinische Versorgung, viel Zerstreuung und beinahe unendlich viele Einkaufsmöglichkeiten. Nur eines gab es dort nicht: die Natur. Natürliche Landschaften mit Erde, Steinen, frei fließendem Wasser oder gar Tieren und Pflanzen kannte der moderne Mensch nicht mehr. All dies existierte nur noch in den Reservaten, die fernab der Wohngebiete die Lebensmittelversorgung der Großstädter gewährleisteten, oder in den wenigen Museumsparks, die der Wahrung der Geschichte dienten, aber aus Furcht vor dem Unbekannten stets nur mit spezieller Schutzkleidung betreten wurden. Unendlich lange musste man fliegen, um echte Natur zu erleben, über unzählige, nie enden wollende, nahtlos ineinander übergehende Städte. So hatte sich das frühere Europa zu einer einzigen großen Metropole entwickelt, und nur zu den Meeren hin lockerte sich das städtische Bild ein wenig auf.

Reb hatte mit seiner Schwester und den Freunden Mortues und Botoja unter Anleitung des reichen und mächtigen Sir W.I.T. maßgeblich dazu beigetragen, dass sich nun Initiativen zur Renaturierung bildeten. Kreta war so ein Projekt, groß genug, um das Leben der Städter in und mit der Natur zu erproben, gleichzeitig aber auch weit genug vom Festland entfernt, falls vielleicht doch irgendetwas schiefgehen sollte. Denn die Angst vor dieser fremden natürlichen Welt, die sich völlig autark und unabhängig vom Willen des Menschen ihren ureigenen Gesetzen entsprechend entwickelte, war in der Seele des modernen Menschen tief verwurzelt. Da die Olivenbäume für ihr Wachstum genau die Bedingungen brauchten, die sie auf Kreta vorfanden, hatte sich die Natur auf dieser Insel in all den Jahrhunderten ihren eigenen Regeln entsprechend entfalten dürfen. Die Ernten brachten den Firmeneignern viel Geld ein, und so gab es keinen Grund, die Landschaft zu optimieren. Nun aber wollte die Regierung wissen, ob sich der typische Großstadtmensch unbeschadet in solch einer natürlichen Umgebung aufhalten konnte, und einige mutige Bürger probehalber dort ansiedeln. Es war das erste wirkliche Abenteuer seit der Entwicklung von gentechnisch optimiertem Obst, geklonten humanen Bio-Einheiten, synthetischem Blut und Labororganen. Dies bedeutete freilich auch, dass Kreta nach all den Jahrhunderten der Abgeschiedenheit und des Friedens nun mit Veränderungen rechnen musste. Die ersten Großstädter, die sich auf dieses Abenteuer einließen – meist Wissenschaftler, Regierungsbeauftragte, Künstler oder Journalisten wie er –, wohnten zunächst in den alten, mittlerweile aber restaurierten und technisch gut ausgestatteten Hotels.

Reb konnte sich nicht helfen, aber er hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. Um die Kombination von verwöhntem Stadtmenschen und ungezügelter Natur zu ermöglichen, würde man der Insel bestimmt einen moderneren Anstrich verleihen müssen. Hoffentlich waren Architekten mit Sinn für Geschichte und Kultur am Werk.

Schwer und eigenwillig lag der metallene Schlüssel in seiner Hosentasche. Das massive Material beulte den Stoff ein wenig aus. Reb griff in die Tasche und umfasste das Metall mit der Hand, damit es aufhörte, gegen seine Oberschenkel zu schlagen. Er, Reb, würde sich diese neue alte Welt schon zu eigen machen.

Im Hintergrund erklang Musik.

„Ταξίδι για το άγνωστο“, sang eine weibliche Stimme.

Er fragte den Träger, was die Worte zu bedeuten hatten.

„Reise ins Unbekannte“, übersetzte der Gepäckträger.

War es Einbildung, oder überzog für den Bruchteil einer Sekunde ein seltsames Lächeln das wettergegerbte Gesicht des Griechen?

2

Rebs Zimmer lag in einem zweistöckigen Gebäude, dessen Fassade bis zum Dach mit blühenden Bougainvilleen berankt war. Der Träger schleppte den Koffer über eine Marmortreppe in die erste Etage und zog ihn über einen kargen, mit groben Steinplatten ausgelegten Flur bis zu einer Tür, die aussah, als wäre sie noch aus natürlichem Holz gefertigt worden. Reb händigte seinem Begleiter den Schlüssel aus, der Mann öffnete die Tür und trug das Gepäck in den Eingangsbereich des kleinen Zimmers. Den Anhänger des Schlüssels steckte er in ein Kästchen an der Wand neben der Tür, woraufhin im ganzen Raum die Leuchten angingen. Der Angestellte zeigte ihm noch, wie er die Klimaanlage mithilfe einer schmalen Box bedienen und die Terrassentür mit der Hand öffnen, wieder schließen und verriegeln konnte. Reb überlegte, ob der Mann wohl ein Trinkgeld erwartete. Doch Reb hatte nur sein Technikarmband, mit dem er in der Großstadt alle Rechnungen bargeldlos beglich, und ein Computerband konnte er am Arm des Hotelangestellten nicht entdecken. Der Gepäckträger jedenfalls schien auch so zufrieden. Er verabschiedete sich und entließ den Gast in dessen Reich.

Reb schaute sich in dem kleinen Zimmer um. Verglichen mit den Räumen in der Stadt Tambara war es geradezu winzig. Doch es hatte genug Platz für einen bis zur Decke reichenden Wandschrank, zwei zusammengestellte Betten mit je einem Nachtschränkchen zu beiden Seiten und einen schmalen Schreibtisch mit einem Spiegel darüber und einem gepolsterten Stuhl davor. Neben dem Schreibtisch stand ein länglicher Hocker, der wohl als Kofferablage gedacht war. Draußen auf dem Balkon luden ein Tisch und zwei Stühle zum Verweilen ein. Rebs Blick fiel auf die Gardinen vor dem Fenster. Mit einem Ruck zog er den Stoff beiseite und wäre fast vor die Scheibe geprallt, so sauber war sie geputzt. Er streckte seine Hand aus und fuhr mit den Fingern über das Glas. Echtes Glas, kein Kunststoff! Es fühlte sich ein wenig kühl an, schwer und extrem glatt. Er klopfte darauf und ärgerte sich fast im selben Moment über die Flecken, die seine Knöchel auf der Scheibe hinterließen. Im Türrahmen befand sich ungefähr in Hüfthöhe in einer Vertiefung ein schmaler, länglicher Hebel. Wie hatte der Gepäckträger das gemacht? Reb fasste mit dem Zeigefinger unter das Metall und hob es leicht an. Mit einem lauten „Klack“ sprang der Hebel hoch und gab die Tür frei.

Reb schob die Scheibe zur Seite und stieg auf den Balkon hinaus. Die flachen, in den Boden eingelassenen Natursteine machten den Belag ein wenig uneben. Er musste aufpassen, dass er mit seinen Schuhen nicht an den überstehenden Kanten hängen blieb. Die Brüstung bestand aus einer Mauer aus weiß gekalktem Stein. Sie war am oberen Rand gerundet und fühlte sich warm an. Reb legte seine Hand auf die Rundung, nahm einen tiefen Atemzug und spürte ein ungewohntes Gefühl der Befreiung in sich aufsteigen. Lag es an der Luft? Sie roch weder nach Essensdämpfen noch Desinfektionsmitteln oder Schweiß. Auch die den Plakatwänden und Supermarktregalen entströmenden Gute-Laune-Parfums fehlten hier völlig. Hier war es die Luft, die duftete. Genau, sie roch nicht, sie duftete – soweit er das beurteilen konnte nach Bäumen und Blumen. Vielleicht schmeckte sie auch ein wenig nach Staub durch die Erde, die bei dem trockenen Wetter von den Menschen losgetreten wurde. Trotzdem war es eine Freude, sie einzuatmen. Vor dem Nachbarzimmer stand eine Palme, deren wuchtige Blätter fast bis zu seinem Balkon herüberreichten. Reb beugte sich ein wenig vor und griff nach dem Grün, konnte es aber nicht wirklich fassen.

Ein ohrenbetäubender Lärm ließ ihn zusammenzucken, ein brummendes, knatterndes Dröhnen, das kurzzeitig anschwoll, auf der Straße hinter dem Hotel vorbeizischte und ebenso schnell wieder verhallte. Seinen Recherchen nach musste es sich um eines dieser alten Motorräder handeln. Wie er gelesen hatte, sollten früher unzählige dieser Fahrzeuge als Transportmittel gedient haben. Einige davon schienen die Jahrhunderte überdauert zu haben. Ein wenig Benzingeruch mischte sich zwischen den Blütenduft, aber egal, Reb war stolz und froh, an der Wiedereinführung der Natur teilhaben zu dürfen, wenn auch nicht als Arbeiter, so doch wenigstens als Journalist. Und wer weiß, vielleicht würde er hier und da auch ein wenig mit anfassen. Er hätte nichts dagegen.

Reb ging in den Raum zurück und inspizierte den Schrank. Dieser wartete mit etlichen Fächern, Schubladen und einer erfreulichen Anzahl an Kleiderbügeln auf und hatte sogar noch genug Platz, um seinen Koffer hinter der verschlossenen Tür zu verstauen. Über den Schubladen auf der rechten Seite erweckte ein kleiner Kühlschrank seine Aufmerksamkeit. Als er die Tür des Gerätes öffnete, schlug ihm eine angenehme Kühle entgegen.

„Nicht schlecht“, hörte er sich halblaut sagen und studierte die Getränke, die der kleine Schrank beherbergte: zwei Flaschen Wasser, eine Dose Orangensaft, eine mit Limonade, kein Wein.

Er wollte gerade nach der Dose mit dem Orangensaft greifen, als sein Blick auf die geschlossene Zimmertür fiel. Ob er wohl mit dem Mechanismus zurechtkommen würde? An dem auf dieser Seite cremefarben überstrichenen Holz prangte ein goldfarbener Knauf. Der musste den Öffnungsmechanismus beherbergen. Reb schloss den Kühlschrank, ging hinüber zur Tür, drehte an dem Knauf und zog ihn vorsichtig auf sich zu. Ein lautes „Klack“ ließ ihn zusammenzucken, die Tür gab nach und dahinter erschien die weiße Flurwand.

An der Schmalseite der Tür entdeckte er zwei Rollen, die in das Holz eingelassen waren und durch den Druck beim Schließen wohl in die kleine Kammer zurückgedrängt wurden, um dann, sobald die Tür ihre endgültige Position erreicht hatte, hervorzuschnellen und in ein Loch an der gegenüberliegenden Wand zu springen. Zum Öffnen musste man die Rollen aus dem Loch herausziehen, indem man den Knauf drehte. Wie einfach und doch wirksam. Allerdings, so überlegte Reb, würde auf diese Weise auch jeder Fremde in sein Zimmer gelangen. Es musste also noch ein weiteres Geheimnis geben. In der Mitte des Knaufs befand sich ein fingerdicker Knopf. Reb schloss die Tür, drückte auf den Knopf, dieser rastete ein, doch ließ sich die Tür auch jetzt problemlos öffnen. Vielleicht war sie ja wenigstens von außen verschlossen. Er zog den Schlüssel samt Anhänger aus dem Stromkasten, trat auf den Gang hinaus und drückte den Knopf, der beim Öffnen wieder herausgesprungen war, erneut in den Knauf. Er wollte gerade die Tür schließen, als der Wind, der durch die offen stehende Balkontür durch sein Zimmer auf den Flur hinausströmte, sie mit einem ohrenbetäubenden Donnern zuknallte.

„Wumm!“

„Mein Gott“, entrüstete sich Reb und blickte sich erschrocken um.

Gott sei Dank schien niemand von dem Krach Notiz genommen zu haben. Jedenfalls war die Tür nun tatsächlich verschlossen und ließ sich auch durch das Drehen, Drücken und Schieben des Knaufs von außen nicht mehr öffnen. Reb steckte den Schlüssel in das Schloss, drehte ihn um eine Vierteldrehung nach links, so wie der Gepäckträger es ihm gezeigt hatte, schob gleichzeitig das Holz von sich weg und stand wieder im Raum. Das Poltern, das die Tür von sich gab, als er sie nun vorsichtig mit der Hand ins Schloss zurückschob, war auch nicht viel leiser als das Getöse, das der Wind vorher verursacht hatte. Reb tröstete sich damit, dass er das Geräusch nur beim Verlassen und Betreten des Zimmers würde ertragen müssen. Es war an der Zeit, seinen Koffer auszupacken.

3

Soul hatte schlechte Laune. Gerne hätte sie ihren Bruder auf der Reise nach Kreta begleitet, doch die Regierung war nicht gewillt, einer Musikfachfrau den Besuch eines Naturreservates zu gestatten.

„Keine ausreichende Begründung für eine Angestellte des Musikkonzerns“, hieß es bei jeder ihrer Anfragen.

Noch immer fiel es den Behörden schwer, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Lange Zeit waren Net-Seiten von privaten Nutzern, die sich mit unproduktiven, der Wirtschaft nicht zuarbeitenden Themen befasst hatten, von der Regierung gelöscht worden. In einer Gesellschaft, die strengen Optimierungsprozessen unterlag und in der stets nur das wirtschaftlich einträglichste Produkt überleben konnte, war irgendwann auch der Mensch nur noch als Kunde oder Produzent interessant gewesen. Zwar hatte es nie Verbote bezüglich der Erforschung natürlicher Landschaften gegeben, doch war das Wissen über das Zusammenleben unterschiedlicher biologischer Kreaturen während jahrhundertelanger Forschung zur Optimierung des städtischen Alltags verloren gegangen. Auch ernsthaft interessierte Bürger fanden im Net kaum noch Informationen, denn Themen dieser Art konnten weder die Konsumfreude steigern noch einen Beitrag zur Produktverbesserung leisten. Wer es dennoch versuchte, wurde selten fündig. Man kannte sich einfach nicht mehr aus. Erst als einige Bürger anfingen, Auszüge aus eigenen privaten Büchern ins Net zu stellen, entdeckten auch andere Städter verborgene Schätze aus alten Erbschaften und stellten diese ebenfalls der Allgemeinheit zur Verfügung. Die Regierung, die fürchtete, die neuen Informationen könnten Unruhe stiften und den Bürgern wertvolle Energie rauben, die doch besser der Wirtschaft zugutekommen sollte, fing an, die Seiten zu löschen. Wer dem Müßiggang frönte, stundenlang in der Sonne spazieren ging oder auf einer Bank im (mit Kunststoffbäumen bestückten) Park über Gott und die Welt nachdachte, konnte weder einkaufen noch produzieren. Mittlerweile hatten sich die Behörden aufgrund des öffentlichen Drucks zwar zu einer Öffnung entschlossen, doch wollte man sicherheitshalber erst nur einige wenige Projekte realisieren und abwarten, wie die Bevölkerung mit der neu gewonnenen Freiheit umging.

Soul redete auf ihren Computer ein.

„Kreta – Vergangenheit …, löschen, Kreta – Insel – Altertum …, löschen …“

Die Seiten, die es über die Insel gab, waren hauptsächlich neueren Datums und beschrieben das aktuelle Projekt, doch wenn es um Themen aus der Vergangenheit ging, hatte die Maschine keine Antworten parat. Obwohl der Medienkonzern regelmäßig mit der Regierung kommunizierte und um eine Freigabe der alten Datenbanken bat, sträubten sich die Behörden weiterhin gegen eine umfassende Informationspolitik.

„Zu gefährlich, Wirkung nicht absehbar“, hieß es immer wieder.

Die Bewohner der Stadt Tambara, die in einer perfekten, fest gefügten Kunststoffwelt aufgewachsen waren, in einer Welt, in der es keine Entwicklung gab ohne den Eingriff des Menschen, kämen mit dieser sich eigenständig entwickelnden Natur nicht zurecht, fürchteten die Behörden. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie aus Unkenntnis oder falscher Einschätzung des Natürlichen in irgendwelche Gefahren hineinstolperten, war schlichtweg zu groß. Diesem Argument konnte der Medienkonzern nichts entgegensetzen, und so blieb es vorerst bei der begrenzten Datenfreigabe.

Ebenso verhalten ging man bei der Auswahl der Freiwilligen für das Kreta-Projekt vor. Wer eine Erlaubnis erhielt, musste sich im Vorfeld einer intensiven Schulung unterziehen. In wochenlangen Kursen lernten die Teilnehmer über Erde, Wiese und unregelmäßige Pflastersteine zu gehen, keine Angst vor harmlosen Tieren zu haben, wertvolle Pflanzen von bloßem Unkraut zu unterscheiden und dornenbestückte Rosen mit bloßen Händen anzufassen. Auch Reb hatte sich solch einer Prozedur unterziehen müssen, und Soul war die Teilnahme an diesem Seminar wegen der anfangs noch geringen Nachfrage zwar erlaubt worden – vielleicht hatte auch Sir W.I.T. wieder seine Beziehungen spielen lassen –, aber eine Reisegenehmigung blieb ihr vorerst verwehrt.

„Kreta – Natur – früher …“, versuchte Soul ihr Glück noch einmal.

„Keine Ergebnisse gefunden“, bestätigte der Computer.

„Meine Güte, du dummes Ding“, schimpfte sie, „hast du nicht endlich mal etwas Brauchbares anzubieten?“

„Güte – dummes Ding – Brauchbares“, suchte der Computer.

„Ach, du hast mich nicht verstanden“, ärgerte sich Soul.

„Nicht verstanden – möchten Sie eine Übersetzung?“, fragte die Maschine.

„Nein, es ist ja doch nutzlos“, fluchte Soul und wollte gerade den Befehl zum Abschalten geben, als auf dem Monitor Artikel zu dem Wort „nutzlos“ erschienen.

„Meinten Sie ‚nutzlos‘ oder ‚von Nutzen‘?“, suchte der Computer nach einer Ergänzung. „‚Nutzlos‘ ist ein äußerst seltener Begriff. Wir bevorzugen Aktionen, die für uns ‚von Nutzen‘ sind.“

„Du vielleicht“, stöhnte Soul entnervt.

„Möchten Sie eine der Dateien öffnen?“, wollte der Computer wissen.

„Ja, mein Gott, öffnen – die oberste“, befahl sie.

„Besonders groß war der Protest in der Stadt Tambara …“

Soul schoss das Blut in die Adern, als sie den Artikel durchlas.

„… Die Forschungsergebnisse wurden als nicht förderungswürdig eingestuft, weil sie der Wirtschaft keinen Nutzen brachten. Nachdem er von sämtlichen Konzernen der Stadt abgewiesen worden war – immer hieß es: ‚nicht von Interesse, vergangen, nicht zeitgemäß, nutzlos, unproduktiv, gefährlich‘ –, zog sich der junge Mann enttäuscht auf seine Heimatinsel Kreta zurück, wo er fortan ein bescheidenes, zurückgezogenes Leben führte.“

Soul suchte das Einstelldatum. Die Seite war ungefähr hundert Jahre alt. In einer Zeit der allumfassenden medizinischen Vorsorge, des synthetischen Blutes und nachwachsender Labororgane konnte es gut sein, dass dieser Wissenschaftler noch lebte. Merkwürdig, dass solch eine Seite nicht vollständig gelöscht worden war. Aber vielleicht sollten die Bürger hier ja auch aus erster Hand erfahren, dass die Beschäftigung mit dieser speziellen Art von Thematik zu absolut nichts führte.

Soul schob den Stuhl zurück, indem sie sich mit den Zehen vom Schreibtisch abstieß, ließ ihren Fuß gleich oben auf der Tischplatte liegen und platzierte den zweiten darüber. Sie lehnte sich zurück und ließ die Arme über die Rückenlehne nach unten baumeln. So saß sie eine ganze Weile. Dann setzte sie sich plötzlich auf.

„Uninteressant“, höhnte sie, „das werden wir ja sehen. Es sollte sich doch herausfinden lassen, um welche Forschungsergebnisse es sich handelte.“

Sie schickte die Seite ihrem Bruder auf sein Technikarmband.

4

„Computer – on“, befahl Reb, und der Spiegel über seinem Schreibtisch verwandelte sich in eine respektable Computerwand. Das Hotel, das der Medienkonzern für ihn ausgesucht hatte, war mit modernster Technik ausgerüstet und somit für seine Arbeit bestens geeignet. Er nahm einen Schluck von dem Kaffee, den ihm eine Angestellte aufs Zimmer gebracht hatte, und überspielte Souls Seite von seinem Armband auf den Spiegel. Anschließend gab er den Freundschaftscode ein, sodass die Hotelwand mit den Computern zu Hause und allen ihm angeschlossenen Technikarmbändern kommunizieren konnte. So hatten er, seine Schwester und die Freunde Mortues und Botoja Zugriff auf dieselben Quellen, ohne diese jedes Mal einzeln übersenden zu müssen.

Das weltweite Netzwerk hielt auch für ihn keine brauchbaren Informationen bereit. Er versuchte, die Inselbibliothek zu befragen, doch schon bei den ersten Stichwörtern streikte die Maschine.

„No permission“, tönte es aus dem Spiegel.

Reb stellte den Ton ab für den Fall, dass jemand zufällig draußen vor der Tür vorbeiginge, und öffnete eine spezielle Datei seines Computerarmbandes. Der mächtige Sir W.I.T. höchstpersönlich hatte ihm einen digitalen Dietrich zur Verfügung gestellt, einen Code, mit dem er sich in verschlüsselte Dateien einklinken konnte und der ihm bei seinen Recherchen schon oft sehr nützlich gewesen war. Reb hatte dem mächtigen Mann freilich versprechen müssen, diesen geheimen Schlüssel nur nach reiflicher Überlegung und äußerst sparsam zu verwenden. Er musste seine Entscheidungen schon mit Bedacht treffen, denn Sir W.I.T. hatte nicht nur überall seine Hand im Spiel, sondern würde auch, davon war Reb überzeugt, ohne zu zögern auf sein Technikarmband zugreifen und die Funktion wieder sperren, falls ihm irgendetwas nicht passte. Gegen einen kurzen orientierenden Blick in die Inselbibliothek aber, so fand er, dürfte auch der Erfinder des Tambara-Apfels nichts einzuwenden haben.

Reb brauchte nicht lange zu suchen. In Nullkommanichts hatte sein Armband mithilfe des Dietrichs den Zugang zur Inselbibliothek geknackt. Er gab Souls Informationen ein und befahl, ähnliche Seiten zu suchen. Direkt vor seiner Kaffeetasse erschien das Wort „Kreta“.

Reb schob die Tasse zur Seite und las: „… er schien etwas entdeckt zu haben, das weder den Behörden noch den Unternehmen so richtig schmeckte. Sie lobten den jungen Mann zwar als Nachfolgetalent, waren aber nicht gewillt, die Untersuchungsergebnisse zu veröffentlichen. ‚Zu uninteressant, nicht für die Wirtschaft zu benützen‘, hieß es immer wieder. Nach etlichen Gesprächen mit verschiedenen Konzernspitzen und Regierungsvertretern schien auch der Entdecker selber nicht mehr von der Notwendigkeit einer Veröffentlichung überzeugt. So zog er sich aus Tambara zurück, ohne je sein Geheimnis gelüftet zu haben.“

Es klopfte.

„Ja, bitte!“

Die Griechin, die Reb an der Rezeption empfangen hatte, erschien in der Tür. Sie hatte ihr Kleid gegen einen gut sitzenden Hosenanzug ausgetauscht und wirkte jetzt dezent gestylt. Es war ein sehr eleganter Anzug aus einem edlen Stoff in Hellbeige, die Hose im Palazzo-Stil, ein gerade geschnittenes, bis zur Hüfte reichendes Oberteil mit rundem Ausschnitt, ärmellos, darunter ein schneeweißes Shirt mit kurzem Arm. Ihre Haare hatte sie zu einer straffen, glänzenden Rolle hochgesteckt, ein paar mahagonifarbene Strähnen durchbrachen das tiefe Schwarz der perfekt sitzenden Frisur. Ein Hauch von Schminke auf ihrer makellosen Haut ließ sie frisch und jugendlich aussehen.

„Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen“, entschuldigte sie sich. „Mein Name ist Eléni. Ich bin die Tochter des Besitzers und möchte Sie in unserem Hotel willkommen heißen. Normalerweise begrüßen wir die wenigen Gäste, die in unserem Hause Station machen, persönlich, nur heute hatte ich noch keine Gelegenheit dazu. Dies möchte ich jetzt nachholen.“

Sie wirkte äußerst professionell und überreichte ihm einen Korb mit Früchten aus der Region, einem flachen Teller, dem passenden Besteck, einer kleinen Flasche Wein und einer großen Flasche Mineralwasser.

„Herzlich willkommen also, und wenn Sie irgendwelche Wünsche oder Fragen haben, scheuen Sie sich nicht, mich anzusprechen.“

Ihr Blick fiel auf den Artikel an der Computerwand. Sie registrierte die aufgeschlagene Seite und schaute ihren Gast fragend an.

„Recherchen – für das Kreta-Projekt“, log Reb. „Aber ich habe noch nicht das Richtige gefunden.“

Die Griechin schien betroffen, überlegte einen Moment und sagte dann leise, aber eindringlich: „Sie werden uns keine Schwierigkeiten bereiten, nicht wahr?“

5

„Nein, nein“, stöhnte Soul hinter der Scheibe in das Studiomikrofon. „Wir wollen keinen Hit kreieren, dies hier ist Jazz. Jazz bedeutet Emotion, Erregung, das spielt man mit Gefühl, verstehen Sie, Jaazzz, meine Herren, Jaaazzzzz!“

„Woher sollen wir wissen, was Jazz ist“, entgegnete einer der Herren trocken.

Die Studiomusiker im Aufnahmeraum schauten sie durch das Glas teilnahmslos an. Aber sie hatten recht. Woher sollten diese Leute, die in einer Welt aufgewachsen waren, in der ein Hit nach dem anderen produziert wurde und jeder Versuch, auch nur ansatzweise einen eigenen Stil zu kreieren, mit der Begründung „keine Aussicht auf Massenproduktion“ im Keim erstickt wurde, wissen, was Jazz war.

„Entschuldigung, Sie haben recht“, lenkte Soul ein. „Machen wir Schluss für heute. Ich werde sehen, ob ich im Archiv einige alte Aufnahmen auftreiben kann, die Ihnen eine Vorstellung von dem vermitteln, was ich meine.“

Erleichtert packten die Musiker ein. Auch Soul machte sich auf den Heimweg, wollte aber vorher noch kurz bei ihrer Mutter vorbeischauen. Ein wenig gedankenverloren schlenderte sie zu deren Arbeitsräumen hinüber. Ihre Mutter würde sicher ein passendes Stück zum Einhören in die entsprechende Stilrichtung finden. Als Professorin für Musik an der hiesigen Universität hatte sie Zugang zu wichtigen Quellen und in ihrer Freizeit fleißig Material für ihre Lieblingsmusik, den Soul und populären Jazz, gesammelt, was ihr nun, da die Vergangenheit immer mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückte, einen bescheidenen Ruhm eingebracht hatte. Ihre Konzerte, in denen sie die alte Musik mit Unterstützung ihrer Tochter wiederaufleben ließ, fanden überall großen Anklang.

Das Aufnahmestudio war leer, das Büro nebenan ebenfalls. Soul ging zu dem Obstteller hinüber, der im Büro auf dem Schreibtisch stand, und schnappte sich einen Tambara-Apfel. Sir W.I.T. fiel ihr ein, der Erfinder dieses Apfels, des einzigen Apfels, den es heutzutage noch zu kaufen gab. In einer Welt, in der nur das Beste überleben konnte und auch das Obst einem gentechnischen Optimierungsprozess unterzogen worden war, verkauften die Supermärkte von jeder Obstsorte mittlerweile nur noch die jeweils wirtschaftlich Einträglichste. So lagen auch jetzt auf dem Teller vor ihr noch zwei Chicotora-Bananen, eine Lianca-Birne und ein Petrochini-Pfirsich, prachtvolle Früchte, die aussahen wie von einem Maler idealtypisch auf die Leinwand gebannt.

Sir W.I.T. hatte den jungen Leuten geholfen, ihre Eltern mitsamt den restlichen zweihundert Gefangenen aus dem Kornreservat zu befreien. Ohne seine Hilfe hätten sie es nie geschafft. Erst später erfuhr sie von seinem eigentlichen Motiv. Er hatte seine geschiedene Frau befreien wollen, für die er sich trotz Scheidung immer noch verantwortlich fühlte. In die Dankbarkeit, die sie für diesen Mann empfand, mischte sich regelmäßig ein Hauch von Zorn. Soul hegte ihm gegenüber, wie sie nicht gerne zugab, ein wenig mehr als nur freundschaftliche Gefühle, und auch er hatte, so schien es ihr zumindest, mehr als einmal Interesse an ihrer Person signalisiert, auch wenn er sie immer wieder für seine eigenen Zwecke einsetzte. Sie erinnerte sich noch gut, wie er sie bei der Erkundung der Naturschau im Kornreservat zu einem harmlosen Spaziergang eingeladen hatte und sich hinterher herausstellte, dass er eigentlich nur mit seinem Armband das Gelände hatte scannen wollen. Ein gemächlicher Rundgang zu zweit war schlichtweg unverdächtiger gewesen als eine Erkundungstour ohne weibliche Begleitung. Sie konnte ihn auch nie erreichen. Kaum hatte eine Mission ihren Abschluss gefunden, verschwand er jedes Mal spurlos von der Bildfläche. Seit der Befreiungsaktion im Kornreservat hatte sie ihn nur bei offiziellen Anlässen gesehen, ab und zu eine E-Mail mit ihm gewechselt. Von Zeit zu Zeit hielt sie im Net nach ihm Ausschau. Wie immer gab es zahlreiche Artikel über ihn, aber kein einziges Bild.

Ganz in Gedanken wandte Soul sich dem Computer der Mutter zu.

„Stichwort: Sir W.I.T.“, sprach sie in die Maschine. Sie orderte den letzten Artikel und traute ihren Augen nicht.

„Nach neuesten Informationen bereist er gerade Kreta“, stand dort, „um sich an Ort und Stelle über das Renaturierungsprojekt zu informieren.“

Soul spürte, wie ihr Herz zu pochen begann.

„Kreta“, zischte sie. „Komme, was da wolle, aber ich muss nach Kreta!“

6

Reb erfuhr nicht, was die Griechin mit Schwierigkeiten meinte. Als er fragend aufhorchte, hatte sie sich höflich, aber bestimmt verabschiedet und das Zimmer verlassen. Nun war er wieder allein. Er wollte doch einmal sehen, was der Computer über diese Frau hergab. Mit einem Klick verließ er die Inselbibliothek und lud die offizielle Website des Hotels auf die Spiegelwand. Staunend begutachtete er die sich formierende Seite, die in ihrer professionellen Aufmachung auch in jede Großstadt gepasst hätte. Sie war zwar ein wenig schlichter gehalten als die (mit im Sekundentakt wechselnder Werbung bespickten) Domains der großen Konzerne und buhlte nicht um jeden Preis um die Aufmerksamkeit ihres Betrachters, wirkte aber genauso durchdacht und zielorientiert strukturiert. Reb schaltete auf die Personalseite um und betrachtete die Menschen, die in diesem Hotel arbeiteten: das Reinigungsteam, das Küchenpersonal, die Verwaltungsangestellten, den Hotelbesitzer, seine Tochter. Er klickte auf Eléni, die Griechin erschien im Großformat an der Spiegelwand.

Reb vertiefte sich für einen Moment in diese Frauengestalt. Sie wirkte genauso nüchtern und perfekt wie der Rest der Seite. Ihre Haare waren zum Zeitpunkt der Aufnahme wohl noch nicht getönt, das Mahagonirot fehlte, stattdessen schimmerte ihre Frisur in einem warmen, tiefen Schwarzton. Der Hosenanzug war derselbe, ihre Haltung aufrecht, der Blick klar, die Gesichtszüge wirkten sehr ebenmäßig, geradezu klassisch. Reb konnte sie sich gut in einem altertümlichen Gewand vorstellen. Er suchte nach Seiten mit altgriechischer Kleidung und fand eine Frau auf den Werbeseiten des Hotels. Sie stand neben dem Namenszug und trug ein schlichtes, bis zum Boden reichendes Gewand, das an einer Seite schräg über die Achsel fiel und an der anderen Seite eine schöne Schulter mit makelloser Haut entblößte. Auf ihrer rechten Handfläche trug sie – dem Namen des Hotels entsprechend – einen rosafarbenen Kakadu.

Reb isolierte die Figur, löschte den Papagei und enthauptete die Dame per Knopfdruck. Auf den frei gewordenen Platz schob er Elénis Kopf, betrachtete sein Werk und war angenehm überrascht. Der Kopf ergänzte die Gestalt perfekt.

„Das ist ja geradezu klassisch“, entfuhr es ihm, „klar, schlicht, eindeutig, grundlegend, klassisch.“

In seiner Begeisterung musste er wohl vergessen haben, die Suchfunktion auszuschalten, denn die entsprechenden Adressen erschienen fast zeitgleich auf dem Monitor und legten sich über Elénis Bild.

„Computer – stop“, wollte er schon korrigieren, als seine Neugier ihn eine der Seiten öffnen ließ.

„Einer der letzten Vertreter der altgriechischen Klassik“, stand dort, „er bewirtschaftet ein kleines Landgut, wie es in seiner Heimat seit jeher üblich gewesen ist, züchtet Oliven für den Eigenbedarf und wehrt sich gegen den Verkauf seiner Produkte an Kunden aus der Stadt.“

Unter dem Artikel erschienen drei Köpfe, ein älterer Mann unter einem Olivenbaum, ein Mann im mittleren Alter während eines Interviews und ein junger Heißsporn mit weißem Kittel und einem Reagenzglas in der Hand. Reb brauchte einige Sekunden, um zu begreifen, dass es sich um ein und dieselbe Person handelte. Dieses Gesicht, das einen Mann in drei verschiedenen Lebensphasen zeigte, kam ihm seltsam bekannt vor. Er schlug Souls Seite auf und wurde fündig. Es war der Geheimnisträger, den seine Schwester ausfindig gemacht hatte.

Reb betrachtete die Aufnahmen des Mannes eine Weile. Sein Gesicht wirkte auf dem dritten Bild trotz des hohen Alters noch wach und klar, die Augen schauten den Betrachter direkt an, so als hätte ihr Besitzer auch in der heutigen Zeit noch eine wichtige Funktion zu erfüllen. Die Art kam ihm bekannt vor, ein wenig Stolz schimmerte durch, vielleicht auch Trotz oder das Wissen, dass man der übrigen Menschheit etwas voraushatte. Reb isolierte den Kopf des alten Mannes, schob ihn quer über die Spiegelfläche nach oben, rechts neben Elénis Gesicht. Er schnitt auch den Kopf des jungen Wissenschaftlers heraus, stellte ihn links neben die Griechin und verglich die drei Gesichter: den Geheimnisträger in jungen Jahren, die Griechin, den gealterten weisen Mann. Sein Verdacht bestätigte sich. Der Kopf dieses Mannes trug die gleichen Gesichtszüge wie das Gesicht der Tochter des Hotelbesitzers.

7

„Wie hast du das denn geschafft?“, wunderte sich Botoja.

Soul grinste.

„Mit den richtigen Argumenten.“

„Nun mach es bitte nicht so spannend“, schimpfte die Freundin.

Mortues und Botoja wollten wissen, wie Soul nun doch an eine Reisegenehmigung für Kreta gekommen war.

„Sammlung von Informationen, Stilrichtung ‚altgriechische Musik mit Schwerpunkt kretischer Tanz‘. Tambara könnte zum Thema Kreta einen akustischen Beitrag leisten. Das wäre die Sensation! Wo das Projekt in der Öffentlichkeit doch so gut eingeschlagen ist.“

„Ich verstehe, Bauchpinselung der Eitelkeiten“, ergänzte Mortues.

Umgeben von Kaffeetassen, Saftgläsern, Chipstüten und Tellern mit Sandwiches und Kuchenstückchen saßen die Freunde in Souls Wohnraum auf dem Fußboden, so wie sie es immer taten, wenn es etwas zu besprechen gab.

„Und wie willst du mit Sir W.I.T. Kontakt aufnehmen?“, überlegte Botoja. „Er hat dir doch nie seine Armbandadresse verraten.“

„So wie ich ihn kenne, wird er sich melden, wenn er sieht, dass ich auf Kreta bin. Meine Daten hat er ja noch, das heißt, er kann mich jederzeit an jedem Ort des Planeten erreichen und weiß auch immer, wo ich mich gerade aufhalte.“

„Gemeldet hat er sich trotzdem nicht“, rutschte es Botoja heraus.

Mortues warf seiner Freundin einen tadelnden Blick zu.

„Notfalls schaffe ich es auch alleine“, ergänzte Soul voller Tatendrang und richtete sich auf.

Botoja wurde hellhörig.

„Alleine? Was soll denn das nun schon wieder heißen?“

„Wieso wieder?“, wich Soul aus. „Ich weiß nicht, was du meinst.“

„Und ob du das weißt. Das letzte Mal, als du alleine losgebraust bist, hat sich daraus die reinste Horrorgeschichte entwickelt.“

„Ich war nicht allein. Du warst dabei.“

„Weil du mich mal wieder überredet hattest, dich zu begleiten.“

„Und?“, fragte Soul trotzig. „Ist nicht alles gut gegangen?“

„Ja, schon, aber nur dank Sir W.I.T.s Eingreifen. Wenn er nicht gewesen wäre, würdest du heute noch unter Aufsicht der Klone das Tal bewirtschaften.“

„Die Arbeit im Tal war nicht das Schlechteste.“

„Jedenfalls wird er dir nicht noch einmal aus der Patsche helfen, das bilde dir bloß nicht ein. Dazu hat er nämlich gar keinen Grund.“

„Ich sag ja auch, ich schaffe es allein“, ereiferte sich Soul.

„Könntet ihr einem Unwissenden vielleicht einmal erklären, worum es hier eigentlich geht?“, mischte sich Mortues in die Diskussion der beiden Frauen ein. „Was willst du denn so unbedingt alleine schaffen?“

Soul dachte an den alten Mann.

„Was weiß ich, etwas Ungewöhnliches entdecken, etwas Verborgenes enthüllen“, sprudelte es aus ihr heraus. „Ich bin überzeugt, die Insel birgt ein Geheimnis.“

„Der berühmte Soul‘sche Spürsinn“, spottete Botoja.

„Ihr werdet schon sehen“, insistierte Soul, „es gibt ein Geheimnis.“

„Lass bloß die Finger davon, hörst du?“, schimpfte Botoja.

„Ach, ich will mich nur ein wenig umhören. Ihr braucht euch keine Sorgen zu machen.“

„Das macht mir ja gerade Sorgen“, murrte Botoja aufgebracht, ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank und schenkte sich einen Schnaps ein.

8

„Du wirst uns wieder in Schwierigkeiten bringen“, schimpfte Botoja. „Warum lasse ich mich nur immer wieder darauf ein?“

„Weil du meine Freundin bist“, antwortete Soul ebenso nüchtern wie einleuchtend.

Ein weiteres Mal hatte Botoja sich überreden lassen, Soul auf einer ihrer abenteuerlichen Reisen zu begleiten, dieses Mal freilich nur unter der Bedingung, dass ihr Verlobter Mortues mitfuhr. So waren sie immerhin zu zweit, und es bestand die berechtigte Hoffnung, Souls unberechenbares Temperament durch die Übermacht an Freundschaft einigermaßen in Schach halten zu können. Außerdem arbeitete Reb auf der Insel, auf ihren Bruder hatte Soul bisher noch immer gehört.

Äußerst schwierig war es gewesen, für Mortues eine Genehmigung durchzusetzen. Gerade in der Zeit der Renaturierung wollte man in seinem Krankenhaus auf keinen Arzt, der schon einmal mit der Natur Bekanntschaft gemacht hatte, verzichten. Man konnte ja nie wissen, ob die zwischen der Insel und dem Festland hin- und herpendelnden Städter nicht vielleicht irgendwelche gefährlichen Keime einschleppten. Doch gerade diese Angst führte schließlich zur Bewilligung des Antrags, denn Mortues versprach, an Ort und Stelle Erkundigungen über naturbedingte Krankheiten und deren Heilung einzuholen.

Botoja hatte es leichter. Als Angestellte der Boulden’s Group of Fantasy and Nostalgia Products war sie häufiger auf Reisen und immer auf der Suche nach Ideen für Reproduktionen ehemaliger Verkaufsschlager. Naturnachbildungen – ob als Spielzeug für Kinder oder Raumschmuck für Erwachsene – erfreuten sich seit jeher großer Beliebtheit und hatten stets für einen guten Umsatz gesorgt. So sollte sie erkunden, was die Insel an Ideen hergab. Vielleicht ein alter Bauernhof mit Eseln und Olivenbäumen oder ein mehrstöckiges Hotel mit Swimmingpool, süßen kleinen Sonnenliegen und Touristenpüppchen darauf – mittels Computertechnik und modernem Kunststoff war heutzutage alles herstellbar, nur möglichst exotisch musste es aussehen.

Vielleicht kam der Regierung die Reise der jungen Leute nach Kreta auch ganz gelegen, denn immerhin hatte das Quartett durch die Befreiung der Gefangenen aus dem Kornreservat einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt und auf der Insel, weitab der Großstadt, bei einem schon genehmigten offiziellen Projekt, konnten die vier sicher weniger anstellen als in Tambara, wo sie, einmal neugierig geworden, vielleicht doch wieder ein Türchen in Sachen Vergangenheit aufgestoßen hätten.

Da die Freunde keinen Direktflug mehr bekommen konnten, landeten sie auf dem nächstgelegenen Stadtflughafen, um dort in einen Daily-Jet der Luxusklasse umzusteigen. Diese komfortabel eingerichteten Hubschrauber standen normalerweise ausschließlich den Managern der großen Konzerne zur Verfügung, doch die Regierung hatte die Simpson’s Group – Means of Transport angewiesen, nur eine begrenzte Anzahl von Fluggeräten zur Verfügung zu stellen und diese bis auf Widerruf auch nicht für andere Zwecke zu nutzen. Da man für die vielen Regierungsvertreter, die mittlerweile das Kreta-Projekt inspizierten, diesen Komfort anbieten musste, setzte man die Helikopter auch gleich für den Normalbetrieb ein, um nicht noch mehr von den häufiger gemieteten und wesentlich mehr Gewinn bringenden kleineren Flugkörpern aus dem Verkehr ziehen zu müssen. Hinter vorgehaltener Hand freilich wurde gemunkelt, dass es sich um eine reine Sicherheitsmaßnahme handelte. So konnten die wenigen zwischen der Insel und dem Festland pendelnden Hubschrauber besser auf Keime und Samenkörner hin untersucht werden. Die Kontrolle der Helikopter kostete Zeit, die Reinigung dem Unternehmen viel Geld, da transportierte man lieber gleich größere Gruppen in den wenigen Daily-Jets der Extraklasse, die sowieso höchst selten in der Stadt eingesetzt wurden, so reduzierte man die Ansteckungsgefahr und gleichzeitig die Ausgaben. Dass nun auch auf den Heimatflughäfen Sicherheitsschleusen eingebaut wurden, in denen jeder Gast sich entkleiden, duschen, seine Kleidung samt Einmalunterwäsche zur Einschmelzung freigeben und gegen provisorische Garderobe austauschen musste, nahmen die Bürger gelassen hin, kannten sie die Kontrollen doch von ihren Ausflügen in die Museumsparks her.

Botoja warf beim Einsteigen einen interessierten Blick auf die Armaturen der Maschine und erwähnte ganz nebenbei ihre Fluglizenz, woraufhin recht schnell eine Einladung in das Cockpit folgte. Während Soul und Mortues es sich mit den übrigen Fluggästen in den komfortablen Sesseln des Konferenzraumes bequem machten, unterhielt sich die Freundin unbefangen mit dem Piloten. Botoja erfuhr, dass ihr Gesprächspartner als Konzernangestellter viel unterwegs war, oft weite Strecken zurücklegte und anscheinend für einen finanzkräftigen Chef arbeitete. Wer sein eigentlicher Arbeitgeber war, konnte sie allerdings nicht herausfinden.

9

Die jungen Leute hatten sich einen alten Jeep gemietet und starteten nach ein paar aufreibenden Fahrstunden auf dem hoteleigenen Parkplatz ihre erste Erkundungstour in die ländliche Umgebung. Sie waren alle in demselben Haus untergebracht und hatten bereits einige anstrengende Arbeitstage hinter sich und sich eine kleine Pause redlich verdient.

Der offene Wagen war zumindest äußerlich eine exakte Nachbildung seines historischen Vorbildes. Soul fragte sich, wie die Ingenieure von Tambara in Zeiten des totalen Kunststoffes so schnell an die veralteten Materialien herangekommen waren. Aber in einer Stadt, in der der Mensch vom Nano-Chip bis zum Raumschiff alles produzieren konnte, was sich im Computer entwerfen ließ, war es sicherlich auch möglich, das Verfahren zur Produktion von alten Blechkarosserien für kurze Zeit wieder aufleben zu lassen. Um die Untersuchungsergebnisse nicht zu verfälschen – so die offizielle Version –, sollte sich das Straßenbild auf der Insel zunächst nicht zu sehr verändern. Der Jeep fuhr sogar mit Benzin, eine Maßnahme, die sich die Kreta-Kommission, wie Soul fand, auch gut und gerne hätte sparen können, denn der Gestank war unerträglich. Soul fragte sich, ob es unterwegs überhaupt genügend Tankstellen für diese Art von Treibstoff gab, aber vielleicht sorgte ja auch gerade das Fehlen geeigneter Tankmöglichkeiten dafür, dass der Bewegungsradius allzu neugieriger Städter erst einmal begrenzt blieb.

Die vier erkundeten zunächst das Straßennetz in der näheren Umgebung, so konnten sie im Bedarfsfall schnell Hilfe über das Computerarmband anfordern, falls es mit der Technik Probleme geben sollte. Mortues, der, warum auch immer, mit dem Wagen am besten zurechtkam, saß am Steuer und bewegte das Gefährt über eine staubige Straße zum nahe gelegenen Strand. Während der Wagen mit einem schier ohrenbetäubenden Lärm über den Asphalt donnerte, lauschten die Freunde ein wenig skeptisch auf das Scheppern der alten Blechkarosserie und das Knirschen des mit kleinen Kieseln durchsetzten Sandes unter den Rädern des behäbigen Fahrzeugs. Argwöhnisch beobachteten sie ihren Freund, wie er seine Hand in regelmäßigen Abständen auf die Gangschaltung legte, seine Füße auf die Pedalen vor seinem Sitz drückte und von Minute zu Minute sicherer wurde, bis schließlich alle Griffe in eine fließende Bewegung übergingen. Erst als das Vorderrad über einen größeren Gesteinsbrocken rollte und der Wagen sich an der rechten Seite ein wenig in die Höhe hob, ertönte ein vierstimmiges „Ohhoohooohhh“ von den Sitzen.

Von nun an war der Bann gebrochen. Jede Bewegung wurde ab jetzt mit lautstarken Geräuschen kommentiert, die Freunde stöhnten, juchzten und quiekten. Mortues ließ den Wagen auf dem Asphalt Schlängellinien fahren oder ein Stück über die Wiese am Straßenrand holpern, er bremste unerwartet, fuhr wieder an und drosselte erneut die Geschwindigkeit, nur um kurz darauf umso mutiger auf die Pedalen zu drücken. Zum Schluss hielt er den Wagen in der Spur und brauste davon. Die jungen Leute gaben sich dem Geschwindigkeitsrausch hin. Sie hielten ihr Gesicht in den Wind, fühlten das Flattern der Haare auf ihrer Haut, legten sich bei jeder Kurve demonstrativ zur Seite oder streckten juchzend ihre Arme gen Himmel. Erst als Soul sich bei voller Fahrt auf die Rückenlehne setzte, mahnte Botoja zur Ordnung und zog sie am T-Shirt auf ihren Platz zurück. Selbst Mortues, der sonst der Vernünftigste unter ihnen war – Soul hatte Botoja einmal gefragt, wie eine Beziehung bei so viel Vernunft überhaupt funktionieren könnte, da würde doch sicher die Spannung auf der Strecke bleiben, was ihrer Freundin ein vielsagendes „Ach, du kennst meinen Mortues nicht“, entlockte –, ließ sich durch die Zähmung des Jeeps zu einem männlichen Urton verleiten.

„Na, alter Junge, was machen die Recherchen?“, erhob er seine Stimme bei anschwellender Brust.

Reb wiegelte ab.

„Es gibt nichts Weltbewegendes zu berichten.“

„Also hör mal, du bist doch sonst so fix. Irgendetwas wirst du doch wohl herausgefunden haben“, wunderte sich Mortues.

„Schön wär’s, aber das Net gibt nichts her. Ich denke, wir müssen erst die Interviews abwarten.“

Reb warf seiner Schwester einen warnenden Blick zu und biss demonstrativ in ein Brötchen. Interviews waren etwas Offizielles, damit konnte er nichts falsch machen und mit vollem Mund sowieso nicht sprechen. Soul verstand und verteilte auch an die anderen Brot und Obst, denn man konnte nie sicher sein, ob in den Fahrzeugen nicht irgendwelche Wanzen versteckt waren. Auch winzige Kameras hatten Platz in einer Schraube im Innenraum, im Griff der Handschuhfachklappe, ach, eigentlich überall. So langten denn alle beherzt zu, und schon waren sie wieder die vier jungen Leute, die neben der Arbeit bei einer Fahrt in die Wildnis ihre Abenteuerlust stillten.

10

Die restlichen Leckereien aus dem Picknickkorb wollten sie am Strand verspeisen. Mortues lenkte den Wagen über einen holprigen, von grobem Unkraut bewachsenen Weg direkt auf den Sand und brachte ihn hinter einem vertrockneten Grünstreifen mit einem „Voila!“ zum Stehen. Zufrieden stellte er den Motor ab.

Es dauerte ungefähr eine Viertelstunde, bis die jungen Leute ihre Technikarmbänder abnahmen, sie auf den Sitz legten und den Wagen verließen, so sehr überwältigte sie der Anblick des Meeres. Selbst Soul, die auf der Museumsinsel schon über Sand gelaufen war und auch im Tal der Klone in einem natürlichen See gebadet hatte, konnte sich an der unendlichen Weite der Landschaft nicht sattsehen. Sehen bis zum Horizont! Welcher moderne Mensch hatte je in seinem Leben den Horizont gesehen?

Die Landschaft war längst nicht so hübsch, wie die von Sir W.I.T.s Insel, sie war wesentlich karger, fast ein wenig herb, der Sand zwar ohne die in der einschlägigen Literatur angekündigten dicken Kiesel, aber auch nicht so fein wie der von ihr so geliebte Nordseesand. Aber das Land war flach und weit, von derber Wiese und niedrigem Buschwerk bedeckt, und der Strand zog sich in einem breiten, schnurgeraden Streifen kilometerweit an der Küste entlang.

Soul machte schließlich den Anfang und sprang aus dem Jeep direkt auf den Sand. Die anderen wollten nicht nachstehen, kletterten zögernd hinaus, schlossen beim Sprung auf das unbekannte Material im letzten Moment doch noch die Augen und wunderten sich über die Sanftmut, mit der sie der natürliche Untergrund empfing. Voller Begeisterung liefen sie ein paar Schritte voraus, kamen stampfend, hüpfend oder tanzend zurück, Mortues vollführte ein paar Radschläge, Reb schlug mit der Hacke ein Loch in den Boden und Botoja bückte sich, hob so viel von den winzigen Kieseln auf, wie sie fassen konnte, und ließ sie durch ihre Finger rieseln.

Schließlich breiteten sie am Rande des Grünstreifens eine Decke aus und bestückten sie mit den Köstlichkeiten aus dem Picknickkorb. Soul hatte auf landestypische Spezialitäten bestanden und das Küchenpersonal gebeten, mehrere kleine Portionen Moussaka, Souvlaki, Keftedes, Gyros, griechischen Salat, Tsatsiki, Käse, Oliven und Weißbrot einzupacken. Verteilt auf unterschiedlich große Keramiktöpfchen verbreiteten die Leckereien nun einen verführerischen Duft. Soul stellte noch zwei Flaschen Mineralwasser und Rebs Rotweinflasche dazu.

„Bist du sicher, dass damit alles in Ordnung ist?“, fragte Mortues und deutete auf den Weidenkorb.

Es hörte sich an, als spräche er von der Bekömmlichkeit des Weines, doch sein Freund wusste natürlich, dass er die Wanzen meinte.

„Du übertreibst, ein Schlückchen Wein hat noch niemandem geschadet“, antwortete Reb möglichst harmlos und stellte den Korb in den Jeep zurück. Nun dürfte sie niemand mehr abhören können.

Mortues wollte endlich wissen, was Reb herausgefunden hatte, und sein Freund erzählte von der Verbindung zwischen dem alten Mann und der Tochter des Hotels.

„Wie, das soll alles sein?“, mokierte sich Mortues enttäuscht. „Nach dem Theater, das du vorhin im Wagen veranstaltet hast, habe ich mit einer Katastrophe mittleren Ausmaßes gerechnet.“

„Am Anfang sieht immer alles ganz harmlos aus.“

„Am Anfang? An welchem Anfang?“

Mortues war nicht gewillt, diese Kleinigkeit als den Beginn eines großen Abenteuers anzusehen. Missmutig biss er in eine Olive.

„Auuuu!“

„Dein erstes Abenteuer könnte zum Beispiel der Besuch des hiesigen Zahnarztes sein“, konterte Soul schadenfroh.

„Woher soll ich denn wissen, dass da noch Kerne drin sind. So etwas kennt unsereiner ja nicht.“

„Siehst du“, erklärte Soul, „genauso unbedarft laufen wir wahrscheinlich an Informationen vorbei, die für unsere Recherchen von Bedeutung sein könnten.“

„Habe verstanden“, brummte Mortues, „Mund zu, Augen auf! Na, immerhin schmecken diese gefährlichen Dinger zehnmal besser als die in der Stadt.“

Ein Motorengeräusch ließ die jungen Leute aufblicken. Ein Schnellboot raste in einer Affengeschwindigkeit an der Küste entlang. Kaum hatte es die Gruppe passiert, bremste es, kam zurück und fuhr nun direkt auf den Strand zu. Soul stand auf und ging die paar Schritte zum Ufer.

„Komm lieber vom Wasser weg“, meinte Botoja ängstlich. „Das könnte gefährlich werden.“

Soul rührte sich nicht. Das Boot raste in unverminderter Geschwindigkeit geradewegs auf sie zu.

„Komm zurück“, meldete sich nun auch Reb. „Wer weiß, welcher Idiot da am Steuer sitzt.“

Soul lächelte. Schneeweiß, makellos, blitzsauber, schnittig, schnell wie ein Pfeil und fast so elegant wie der Spezialflieger, mit dem sie damals aus dem Kornreservat abgeholt worden war. Während die anderen aufstanden, um im Ernstfall zur Seite zu springen, verharrte Soul an ihrem Platz.

Endlich wurde der Motor abgestellt. Das Boot wurde langsamer, glitt fast lautlos über die Wellen, drehte sich, kurz bevor es das Ufer erreicht hatte, zur Seite und schob sich mit einem eleganten Schwung auf den Strand. Direkt vor Souls Füßen kam es zum Stehen. An der Backbordseite öffnete sich eine Klappe, und Sir W.I.T. sprang heraus. Er trug eine weiße Hose und ein weißes Oberhemd mit hochgekrempelten Ärmeln, an seinem schlanken Handgelenk glänzte sein silbernes Technikarmband.

„Ich wusste, Sie würden mich erwarten“, begrüßte er die junge Dame.

„Ja, besonders nachdem ich gelesen hatte, dass Sie sich auf Kreta aufhalten“, bestätigte Soul und drehte sich zu den Freunden um. „Kommt her, ihr seht doch, wer da ist!“

11

„Also sind Sie auch der Meinung, dass die Insel ein Geheimnis birgt“, wandte sich Reb an Sir W.I.T., der sich zu ihnen auf die Decke gesetzt hatte.

„Es sind die Kleinigkeiten, die mich stutzig machen“, erklärte dieser. „Die Bevölkerung begegnet den Fremden betont freundlich, gleichzeitig aber auch sehr reserviert. Das steht in krassem Gegensatz zu dem, was ich in der Literatur gelesen habe. Dort werden die Kreter als offen gegenüber allem Neuen und interessiert an Gesprächen mit ihren Gästen charakterisiert.“

„Die Einheimischen sind skeptisch“, gab Mortues zu bedenken, „weil sie nicht wissen, was die Großstädter mit ihrer Insel anstellen werden.“

„Stimmt“, pflichtete Reb ihm bei. „Immerhin haben die Touristen durch ihren Massenansturm die Insel schon einmal fast zum Kippen gebracht. Nur der Tatsache, dass in der Großstadt die Natur in Vergessenheit geraten ist, haben sie es zu verdanken, dass die Zerstörung zum Stillstand kam.“

„Sie unterbrechen ihre Gespräche, sobald man in ihre Nähe kommt“, stellte Soul fest.

„Das ist auch mein Eindruck“, ergänzte Sir W.I.T. „Einmal zum Beispiel habe ich beobachtet, wie ein Grieche mit der Hand in eine bestimmte Richtung deutete. Ich hätte mir nichts dabei gedacht, hätten er und sein Gesprächspartner, als sie mich entdeckten, nicht angesehen, als wären sie bei einem Verbot ertappt worden.“

„In welche Richtung deutete der Grieche?“, wollte Soul wissen.

„Dort gibt es nichts, außer Landschaft“, erklärte Sir W.I.T.

„Auch Landschaften können Geheimnisse bergen“, entgegnete Soul, stand auf und holte eine alte Landkarte aus dem Jeep.

„Wo hast du die denn her?“, wunderte sich Reb.

„Aus einem Trödlerladen in Iraklion. Der Händler hielt sie für wertlos.“

Soul breitete die Karte auf der Decke aus. Der historische Druck, der noch mit veralteten Farben auf organisches Papier gedruckt worden war, roch ein wenig nach Schuhwichse, ließ aber ein erstaunlich präzises Straßenbild erkennen. Minutenlang durchforsteten die fünf den Plan in der Hoffnung, irgendetwas Ungewöhnliches zu entdecken.

„Wie ich es gesagt habe“, erklärte Sir W.I.T., „nichts als bergige, unbedeutende Landschaft.“

Sie kamen zu keinem Ergebnis. Nachdem Sir W.I.T. sich verabschiedet hatte, packten auch die jungen Leute ihr Picknick ein. Während Botoja und die beiden Männer das schmutzige Geschirr im Weidenkorb verstauten, saß Soul immer noch vor der Karte und studierte die dort aufgedruckten Zeichen.

„Dadurch dass du so lange auf den Plan starrst, ändert sich darauf auch nichts“, brummte Botoja ungeduldig.

„Braucht es auch nicht“, flötete Soul. „Ich habe längst etwas gefunden.“

Die anderen schauten sie verdutzt an.

„Schaut mal, wenn ihr mit dem Finger die Richtung verfolgt, in die Sir W.I.T. gezeigt hat, wo kommt ihr dann hin?“

„Na, nun sag schon, wo?“, murrte Mortues.

„Zu dieser Schlucht! Sie ist tief und zerklüftet, dort traut sich kein Städter hinein.“

Nachdenklich stiegen die Freunde in den Jeep und begaben sich auf den Heimweg. Sie waren schon eine Weile gefahren, da drosselte Mortues plötzlich den Motor und fuhr an den Rand.

„Wisst ihr was“, überlegte er laut, „heute werden wir eh nichts mehr auf die Beine stellen, da können wir doch ebenso gut zu dieser Schlucht fahren.“

Ohne die Antwort der anderen abzuwarten, wendete er den Jeep und fuhr zurück. Soul breitete die Landkarte auf ihrem Schoß aus und verfolgte die Fahrt auf dem Papier.

Zunächst lief alles glatt. Die Straße war gut ausgebaut, und sie kamen zügig voran. Die Karte war äußerst exakt und zeigte ihnen jeden Weg, jede Abzweigung und jede Kreuzung genau an. Doch nach ungefähr drei Kilometern fing der Wagen plötzlich an zu stottern.

„Ohooooo, du wirst uns doch jetzt nicht im Stich lassen“, flötete Mortues.

„Bist du sicher, dass du alles richtig gemacht hast?“, fragte Reb.

„Absolut, aber das Gefährt scheint keine Lust mehr zu haben.“

Wieder stotterte der Motor.

„Kommt, lasst uns nach Hause fahren“, bat Botoja.

Sie begann die Hitze in ihrem Körper zu spüren. Die anderen murrten zwar ein wenig, stimmten aber zu. Die Vorstellung, stundenlang im offenen Fahrzeug auf Hilfe warten zu müssen, ließ sie schnell einig werden. Enttäuscht kehrten sie um. Doch kaum waren sie auf dem Heimweg, da lief der Wagen wie geschmiert. Auch als Mortues die Geschwindigkeit erhöhte, gehorchte der Jeep ihm aufs Wort.

„Wie seltsam“, wunderte er sich.

Sie waren schon eine Weile gefahren, als Mortues plötzlich den Fuß vom Gaspedal nahm und den Wagen ausrollen ließ. Das Fahrzeug kam am Rande der Straße zum Stehen. Fragend blickte er in die Runde.

„Sollten wir nicht vielleicht doch …?“

„Mit diesem unsicheren Gefährt?“, protestierte Botoja. „Das meinst du doch nicht wirklich, oder?“

„Na ja, Zuverlässigkeit ist etwas anderes“, bestätigte Reb ihre Zweifel.

Auch Soul, die sonst meist die Erste war, wenn es darum ging, Neuland zu erkunden, zögerte. Nachdenklich lauschte sie dem gleichmäßigen Brummen des Motors.

Doch Mortues war nicht gewillt, seine, wie er fand, recht brauchbare Idee so schnell fallen zu lassen.

„Also jetzt wollen wir doch mal sehen“, entrüstete er sich, wendete den Wagen ein weiteres Mal, trat aufs Gaspedal und brauste in Richtung Schlucht davon.

Eine Zeit lang ging alles gut. Die jungen Leute betrachteten skeptisch die Landschaft. Struppiges Buschwerk machte sich neben der Fahrbahn breit, üppige Olivenbäume, grobe Wiesen, die man sicher auch mit festem Schuhwerk nur ungern hätte betreten wollen, ab und zu eine Bambusreihe, nichts Ungewöhnliches. Sie waren vielleicht einen Kilometer weiter gefahren als beim ersten Mal, da stotterte der Motor aufs Neue. Der Jeep wurde langsamer, zuckelte nur noch und blieb schließlich ganz stehen.

„Na, Prost Mahlzeit“, kommentierte Botoja den erneuten Stopp.

Mortues versuchte, das Fahrzeug wieder in Gang zu bringen. Der Motor heulte auf, ging aber sofort wieder aus. Nach mehreren Startversuchen röhrte die Maschine nur noch und verstummte schließlich ganz. Die Freunde überlegten, wen sie zu Hilfe rufen könnten. Reb wollte schon in sein Technikband sprechen, da legte Soul ihre Hand auf seinen Arm und drückte ihn entschlossen hinunter.

„Ach, würde dieses verdammte Ding doch endlich anspringen“, sagte sie laut und deutlich. „Mortues, versprich mir, wenn wir diesen blöden Kasten wieder in Gang kriegen, fahren wir auf der Stelle nach Hause.“

Natürlich pflichtete der Freund ihr bei. Wer wollte schon in einem unzuverlässigen Jeep durch die Wildnis brettern. Erneut drehte er den Zündschlüssel, aber der Motor gab keinen Ton von sich.

Für einen Moment saßen die jungen Leute ratlos im Wagen. Die Sonne hatte an Kraft gewonnen und ließ die Hitze unerträglich werden. Die Blätter der umstehenden Bäume flimmerten in dem gleißenden Licht, ihr Rascheln erinnerte an das Flüstern menschlicher Stimmen. Ganz in der Nähe war das Zirpen der Zikaden zu hören, die mit ihrem Gesang die Weibchen anlockten. Soul hatte einmal gelesen, dass die Insekten diesen eindringlichen Ton mithilfe einer trommelfellartig ausgespannten Hautplatte an der Unterseite ihres Hinterleibes erzeugten. Durch Muskelkraft würden diese kleinen Schallmembranen in schnelle Schwingungen versetzt. In dem Artikel1 verglich der Autor dieses Phänomen mit einer Blechdose, deren Deckel eingedrückt wurde und mit einem lauten Klick-Ton zurückschnellte.

Mortues unterbrach ihre Gedanken.

„So, mein guter Junge“, betörte er den Wagen, „nun bring uns bitte schnell nach Hause.“

Beherzt ergriff er den Autoschlüssel und drehte ihn entschlossen nach rechts. Der Jeep röhrte, ratterte, knatterte … und sprang an.

Sie wendeten den Wagen und fuhren zurück. Wieder lief der Motor wie geschmiert. Schweigend saßen die Freunde im Auto. Während der Fahrtwind ihre erhitzten Gemüter kühlte, dachte Soul nach über einen Jeep, der seinen eigenen Willen zu haben schien und sich ihren Anweisungen konsequent widersetzte.

1 Schäfer, Horst: Die Natur Griechenlands – Die auffälligsten Insekten und Reptilien, Verlag der Griechenland Zeitung, Athen 2017

12

Ihre Rechnung ging nicht auf. Sie hatten gehofft, viele gemeinsame Stunden miteinander zu verbringen, doch jeder von ihnen hatte einen Auftrag der Stadt Tambara im Gepäck und es waren ernsthafte Studien, die auf ihre Bearbeitung warteten. Sie mussten das Material besorgen, vor Ort die Arbeiten verfolgen, Einheimische interviewen, brauchbare Fotos aufnehmen und im Hotelzimmer vor der Spiegelwand ihre Eindrücke sammeln, vergleichen, ordnen und katalogisieren.

Reb war fast den ganzen Tag auf den Feldern, begutachtete die neuen Anpflanzungen oder begleitete die Architekten bei der Besichtigung von Dörfern, die als neue Heimat für die umzugswilligen Städter infrage kamen. Er hatte noch keine Ahnung, wie er die Serie aufziehen sollte. Das Ganze gestaltete sich doch komplizierter, als er gedacht hatte.

Mortues wusste gar nicht, wo er anfangen sollte. Anscheinend gab es keine kranken Leute auf der Insel. Jedenfalls bekam er, wenn er jemanden fragte, was sie im Falle einer schwerwiegenden Erkrankung machen würden, immer die gleiche Antwort: „Aufs Festland fahren, in ein modernes Krankenhaus.“

Botoja hingegen hatte es leichter. Sie fand überall Motive, scannte sie mit ihrem Technikarmband ein, um dann an der Spiegelwand im Hotelzimmer Häuser, Bäume, Tiere und Trachten tragende Menschen in stark vereinfachtes Kunststoffspielzeug umzuwandeln. Manchmal tönte ein „Entzückend!“ oder „Ach, wie niedlich!“ aus ihrem Zimmer. Dann wussten die Freunde, sie hatte ein brauchbares Objekt erschaffen.

Soul war an einem toten Punkt angelangt. Sie hatte das ihr zur Verfügung gestellte Archivmaterial akribisch durchforstet, doch irgendwie hörten sich die gesichteten Musikstücke trotz der fremden Sprache alle sehr ähnlich an. Fast alle griffen auf die typischen Merkmale der modernen Massenmusik zurück: einfache Melodien, Dur-Tonleitern, eine Aneinanderreihung von Terzen von unten nach oben gespielt (stimmten fröhlich und machten wach), Texte, die zu Herzen gingen, und natürlich die Wiederholung von Silben, die aus nur zwei Buchstaben bestanden und schon beim ersten Hören mitgesungen werden konnten. Um wirklich alte Musik schien es sich hier nicht zu handeln. Die Einheimischen waren seltsam nachlässig gewesen bei der Archivierung ihres musikalischen Erbes. Wenn sie bedachte, wie sorgfältig sie mit ihren architektonischen Schätzen umgegangen waren, konnte sie daraus nur schließen, dass es sich bei diesen Stücken nicht um wirklich wertvolles Material handelte. Wurde sie hier zum Narren gehalten?

Zu allem Überfluss neigte sich der Frühling dem Ende zu. Die Temperaturen stiegen beständig, und auch wenn das Quecksilber in dem alten Röhrchen neben dem Hoteleingang noch nicht in den Bereich Sommer geklettert war, musste Soul erstaunt feststellen, dass ihr (an wohltemperierte Großstadträume gewöhnter) Körper diesen Temperaturen nicht wirklich gewachsen war. Ihr Kreislauf quälte sich bei jeder Bewegung wie eine Dampfmaschine, und die altertümlichen Klimaanlagen in den Hotelzimmern pusteten nur kalte Luft in den Raum und ließen ihren von Schweiß bedeckten Körper trotz Hitze unangenehm frösteln. Soul fragte sich, wie die Urlauber von damals diese Tortur hatten aushalten können. Erzählungen der Einheimischen zufolge war es ihre einzige oder zumindest bevorzugte Bestimmung gewesen, den ganzen Tag in der Sonne zu liegen und braun zu werden. Ein Phänomen, welches Soul Denkfalten auf die Stirn trieb. Es wunderte sie auch, dass in einem Hotelzimmer mit modernster Computertechnik noch keine adäquate Klimaanlage eingebaut worden war. Sollten die Gäste etwa vergrault werden?

„Wir sind immer gut mit den Gegebenheiten zurechtgekommen“, hatte Eléni geantwortet, als Soul sie einmal danach fragte.

So ergab es sich von selbst, dass die Freunde nach der anstrengenden Arbeit zwar gemeinsam zu Abend aßen, aber keine weiteren Pläne schmiedeten. Eigentlich war es ja auch ganz angenehm, nach der Hitze eines langen Tages auf der weinberankten Terrasse zu sitzen und auf das Meer hinauszublicken. Dieses Vergnügen der früheren Touristen zumindest konnte Soul nachvollziehen.

Heute hockten sie nach einem schmackhaften Abendessen noch ein wenig länger zusammen. Eine angenehme Kühle wehte vom Wasser zur Terrasse herüber, und das Zirpen der Zikaden, das auch hier und jetzt überall zu hören war, wirkte erstaunlich beruhigend auf ihre Gemüter.

„Ob die Natur uns so müde macht?“, fragte Botoja, als sie sich ein paar Liegestühle schnappten, um in der Dämmerung noch ein wenig am Strand zu sitzen.

„Es ist das Klima“, bestätigte Soul, „und immerhin sind wir viel auf den Beinen.“

Das leuchtete ein.

Eine Weile saßen die Freunde schweigend nebeneinander, den Wellensaum zu ihren Füßen beobachtend, dem Flüstern der Bäume lauschend, ihren eigenen Gedanken nachhängend. Irgendwann drückte Reb auf sein Technikarmband und deutete den anderen an, es ihm gleichzutun. Die Freunde gehorchten und schalteten ihre Armbänder ebenfalls aus.

„Man kann ja nie wissen“, ergänzte er laut.

„Und die Liegestühle?“, fragte Mortues.

„Unwahrscheinlich. Woher sollen sie im Voraus wissen, welchen der Blechgestelle wir uns aussuchen.“

Er schaute in die Runde.

„Also?“

„Also was?“

„Lasst uns mal sammeln, was wir bisher wissen.“

„Nichts.“

„So gut wie nichts.“

„Nichts Brauchbares.“

„Das weiß man vorher nie“, widersprach Reb.

„Ach, wir sollten einfach unsere Arbeit beenden und dann so schnell wie möglich nach Hause fliegen“, murrte Botoja.

Soul grübelte.

„Was haltet ihr von einem Jeep, der gerne zum Hotel zurückfährt, aber immer dann, wenn er in Richtung einer bestimmten Schlucht fahren soll, seinen Geist aufgibt?“

„Fernsteuerung“, meinte Reb, „sie schalten die Zündung aus.“

„Gab es denn früher so etwas schon?“, fragte Mortues.

„Früher nicht“, erklärte Reb, „aber im Zeitalter des voll automatisierten Alltags wird man ja wohl fähig sein, der modernen Technik ein neues Gewand“, er verbesserte sich, „einen alten Blechkasten überzustülpen. Sie wollen nicht, dass wir zu dieser Schlucht fahren.“

„Das ist ja grauenvoll“, stöhnte Soul, „jetzt sind wir schon in der nackten Natur und immer noch nicht allein.“

„Big brother is watching you“, ergänzte Reb.

„Kennt ihr nicht?“, fragte er, als die anderen ihn verdutzt ansahen. „War im zwanzigsten Jahrhundert ein Klassiker. Solltet ihr mal lesen.“

„Genützt hat es trotzdem nichts“, ergänzte Soul, die sehr wohl wusste, von welchem Schriftstück ihr Bruder redete.

„Im Grunde bist du nirgends vor Zuhörern sicher“, meinte Mortues. „Theoretisch könnten sich sogar in euren Bikinis Fasern zum Abhören befinden.“

Die Männer grinsten, als Soul und Botoja unbewusst an sich hinunterblickten. Denn natürlich hatten die beiden Frauen ihre Badekleidung längst gegen Jeans und T-Shirts ausgetauscht, und ihre Bikinis hingen, gewaschen und ausgewrungen, an den provisorischen Wäscheleinen auf ihren Balkonen.

„Solche Fasern sind doch längst verboten“, beruhigte Reb. „Die Stichproben sind streng und die Strafen bei Verstößen auch nicht von Pappe.“

Soul stand auf.

„Was hast du vor?“, fragte Botoja ahnungsvoll.

„Jetzt will ich’s wissen“, erwiderte sie und ging die paar Schritte bis zum Wasser.

„Hilfe“, sagte sie leise, „ich brauche Hilfe.“

Die anderen blickten sich erschrocken an.

„Lass das!“, schimpfte Botoja.

„Hilfe“, wiederholte Soul ein wenig lauter.

„Bist du verrückt? Du sollst das lassen!“

„Hilfe, Hilfe, ich brauche Hilfe!“, schrie sie laut und wedelte mit den Armen. „Hört mich denn niemand? Ich brauche Hilfe, Hilfeeeeeee!“

Sie wurde immer lauter.

Auf der Terrasse erschien ein alter Mann.

„Ist alles in Ordnung?“, rief er herüber.

„Ja, danke“, rief Soul zurück, „ich wollte nur wissen, ob mich im Hotel jemand hört!“

„Das ist nicht Ihr Ernst!“, schimpfte der Alte. „Mit so etwas treibt man keinen Schabernack, junge Dame. Wir haben Ihre Schreie bis in die Küche gehört und uns ernsthaft Sorgen gemacht. Wenn Sie das nächste Mal ein ähnlich pubertäres Bedürfnis verspüren, nehmen Sie am besten ein kaltes Bad.“

Ungehalten drehte er sich um und stapfte ins Haus zurück.

Die Freunde schwiegen betreten. Soul ließ sich auf ihren Liegestuhl fallen und hielt den Mund. Reb dachte an etwas ganz anderes. Er hätte schwören können, im Schein der Terrassenlampen das Gesicht des alten Mannes von der Spiegelwand erkannt zu haben.

13

Soul wollte ein wenig abschalten und war mit dem Fahrrad zum Strand gefahren. Obwohl dieser Küstenabschnitt nur ein paar Kilometer vom Hotel entfernt lag, war hier auch heute kein Mensch zu sehen. Noch traute sich kaum einer der Gäste ohne fachmännische Begleitung in diese Wildnis. Sie selber hingegen liebte die Küste. Sie fühlte sich auf Kreta schon fast mehr zu Hause als in ihrer nüchternen Stadtwohnung in Tambara, und ein Tag ohne Natur kam ihr vor wie ein verlorener Tag. Die Sonne zeigte sich mild und versöhnlich, und die vom Meer herüberwehende leichte Brise erfrischte Geist und Körper. Soul schlenderte barfuß am Strand entlang, beobachtete das Spiel der Wellen, lief mit den Füßen durchs Wasser, spürte das Kribbeln der Schaumkronen auf ihrer Haut und fühlte, wie sich bei jedem Schritt der Sand unter ihren Füßen ein ganz klein wenig zwischen die Zehen drückte.

Mortues und Reb wollten einen Männertag einlegen und waren in Richtung Iraklion verschwunden, und Botoja glaubte, unbedingt noch einige Ideen für ihre Spielzeugreihe in den Computer eingeben zu müssen. „Krankheit der Kreativen“, nannte sie das.

Soul ging ein wenig tiefer ins Wasser und peitschte mit dem Schienbein gegen die Wellen. Vielleicht wollten die drei aber auch nur Abstand gewinnen von einer Freundin, die sie aufgrund ihres überbordenden Temperamentes wieder einmal in eine peinliche Situation gebracht hatte. Der Hilferuf gestern war wirklich mehr als unangebracht gewesen und hatte das Verhältnis zu ihren Gastgebern um einiges abgekühlt.

Aus der Ferne kam Soul ein Mann entgegen. Er war angezogen wie ein Fischer, seine bis zu den Knöcheln umgeschlagene Hose ein wenig zerknittert, das Hemd darüber bestimmt nicht ganz sauber. Ohne sie zu beachten, steuerte er auf ein Ruderboot zu, das nicht weit von ihr am Strand lag. Er schob es ins Wasser, kletterte hinein und fuhr davon. Obwohl das Holz, aus dem das Boot gezimmert war, sicher nicht leicht zu beherrschen war, schien der Fischer sich nicht sonderlich anstrengen zu müssen. Fast mühelos durchschnitt der Rumpf seines Gefährts die Wellen. Bald waren Boot und Besitzer so klein, dass sie miteinander zu verschmelzen schienen. Schließlich verschwanden sie vollends im Dunst der Ferne.

Soul ging zu der Stelle, an der sie den Liegeplatz des Bootes vermutete, und suchte nach den Spuren, die der Kiel in den Sand gepresst hatte. Solch ein Teil war doch sicherlich ziemlich schwer, und wenn schon ihre Füße Abdrücke im Sand hinterließen, wie tief müsste dann erst solch ein schweres Gerät in den Untergrund einsinken. Sie schritt das Ufer Meter für Meter ab, konnte aber keine Vertiefungen entdecken. Sollte das Meer sie bereits weggespült haben? Soul betrachtete den Küstenstreifen. So weit war das Wasser jedoch gar nicht vorgedrungen, und Ebbe und Flut, das wusste sie bereits, gab es in diesem Landstrich ja erst gar nicht. Soul ging noch ein paar Schritte weiter, suchte den ganzen Strandabschnitt ab, konnte aber auch nach intensiver Suche nichts finden, was auf den Kiel eines Bootes hingewiesen hätte. Nachdenklich begab sie sich auf den Heimweg.

14

Den Frauen hatte Reb verschwiegen, dass er sich seinen Roller vom Festland hatte schicken lassen. Nur bei seinem eigenen Fahrzeug konnte er sicher sein, dass sich kein Unbefugter an ihm zu schaffen gemacht hatte. Ein streng geheimer Neutralisierungsmechanismus des Medienkonzerns schaltete bei Bedarf jedweden unerwünschten Funkkontakt ab und löschte obendrein in kurzen Abständen die gefahrenen Routen, sodass die Fahrten für Außenstehende nur schwer nachzuvollziehen waren. Vom Hafen aus hatte er sich mit Mortues auf den Weg zu dieser seltsamen Schlucht gemacht. Souls alte Karte war Gold wert, und nach einer erfrischenden Fahrt durch die kretische Landschaft standen sie nun am Felsrand und schauten in den Abgrund.

„Da kann einem schon schwindelig werden“, meinte Mortues beim Blick in die Tiefe.

„Wir müssen den Einstieg suchen“, sagte Reb. „Von dort unten sieht das bestimmt nicht mehr so bedrohlich aus.“

„Das meinst du doch nicht wirklich, oder?“

„Früher sind Massen von Touristen hier durchgewandert, dann werden wir doch wohl ein paar Meter in die Schlucht hineinlaufen können.“

„Kommt darauf an, was du mit ein paar Metern meinst.“

Die Männer stiegen wieder auf ihren Roller, und Reb lenkte die Maschine behutsam am Rande der Schlucht entlang. Er fuhr sehr vorsichtig und mit dem entsprechenden Abstand zum Abgrund, um sich und seinen Freund im Falle eines Sturzes nicht in Gefahr zu bringen. Er hatte gehofft, die gesamte Strecke bis zum Eingang auf diese Weise bewältigen zu können, doch schon nach einer kurzen Weile wurde der Boden so unwirtlich, dass sie auf die Straße zurückkehren mussten. Diese wiederum führte sie immer weiter weg von der Schlucht und schlängelte sich auch noch in gefährlichen Serpentinen an unzähligen zerklüfteten Berghängen vorbei, sodass die beiden Männer schließlich vollkommen die Orientierung verloren. Reb lenkte den Roller an den Straßenrand und stellte den Motor ab.

„Mist, so zerklüftet hatte ich mir die Landschaft gar nicht vorgestellt“, murmelte er.

„Du bist nicht in der Stadt“, flötete Mortues, während er Souls unbeugsam belehrenden Unterton imitierte.

Reb lächelte, zog zum wiederholten Male Souls Karte aus der Jackentasche und breitete sie auf dem Lenker aus.

„Könntest du nicht vielleicht doch … das Navi …?“, fragte Mortues vorsichtig.

Ein strafender Blick traf ihn, denn natürlich wusste auch Mortues, dass bei einer Anfrage an das Satellitensystem notwendigerweise der Störungsmechanismus ausgeschaltet würde und ihre Fahrt dann von jedem Anwender mit ein wenig Sachverstand verfolgt werden konnte.

„Meinst du nicht, dass wir das Ganze vielleicht ein wenig zu ernst nehmen. So wichtig sind wir doch nun wirklich nicht, als dass sich die Öffentlichkeit für uns interessiert.“

„Das kann sich schnell ändern“, entgegnete Reb, der immer noch mit seiner Karte beschäftigt war. „Wir brauchen nur auf etwas Verwertbares zu stoßen, und schon haben wir genau diese Öffentlichkeit am Hals. Und je nachdem, was wir fänden, würden sich mit Sicherheit noch ganz andere Leute für uns interessieren.“

Reb wusste selber nicht so genau, wen er mit „andere Leute“ meinte, hoffte aber auf diese Weise seinen Freund von der Notwendigkeit absoluter Geheimhaltung zu überzeugen.

„Schau, der Einstieg ist hier ganz in der Nähe.“

Mortues ließ sich überreden, und ein paar Minuten später erreichten die beiden tatsächlich die Stelle, die Reb auf der Karte ausfindig gemacht hatte. Sie stellten die Maschine im Schatten eines Olivenbaumes ab, schnappten sich ihre Rucksäcke und begaben sich an den Abstieg.

„Hast du auch dein Technikarmband abgestellt?“, vergewisserte sich Mortues, als sie nach einer zehnminütigen Kletterpartie den Grund der Schlucht erreichten.

„Deine Frage kommt ein wenig spät, findest du nicht?“, entgegnete Reb.

Mortues ging nicht darauf ein.

„Nur schade, dass wir ohne Technikarmband keine Fotos machen können“, sagte er stattdessen. „Das ist wirklich ein grandioses Schauspiel. Guck dir diese Felsformation an.“

Während sein Blick die majestätische Steilwand hinaufglitt, legte er den Kopf in den Nacken und musste sich ein wenig nach hinten beugen, um hoch über ihm den Rand der Schlucht auszumachen.

„Mein lieber Junge“, erwiderte Reb, „du vergisst, dass ich Journalist bin und mir Möglichkeiten zur Verfügung stehen, die dem Normalbürger auf ewig verschlossen bleiben.“

„Wie meinst du das? Hast du ein Technikarmband ohne Anbindung an das öffentliche Netz? So etwas gibt es doch heutzutage gar nicht mehr.“

„Ich habe etwas viel Besseres.“

Besser als ein Technikarmband?“

„Besser als ein Technikarmband ohne Netzanbindung.“

„Komm, nun sag schon …“

„Meine Sonnenbrille.“

Reb schob das Designermodell über die Stirn auf seinen dunkelblonden Haarschopf.

„Extra für mich angefertigt, nur für Bilder und als Aufnahmegerät zu verwenden, ohne Anbindung an die übrige technische Welt.“

„Fantastisch“, freute sich Mortues, „komm, schieß ein Foto von mir, so wie es die Touristen früher gemacht haben.“

Er suchte sich eine Stelle inmitten des Flussbettes aus und stellte sich demonstrativ in Positur.

Reb ging ein paar Schritte zurück, setzte seine Brille wieder auf die Nase, betrachtete Mortues eingehend, bestätigte die fotogene Haltung des Freundes mit einem „Okay“ und schickte sich an, die Wanderung fortzusetzen.

„He, willst du nicht auf den Auslöser drücken?“, protestierte sein Freund.

„Habe ich bereits, der Sprachbefehl heißt ‚Okay‘. Man kann auch auf den Bügel drücken, das sieht dann so aus, als würde man die Brille zurechtrücken. Die Bilder dokumentieren so ziemlich genau das, was du durch die Gläser siehst.“

„Beeindruckend“, gab Mortues zu, „aber hältst du das Auslösewort wirklich für geeignet? Überleg mal, wie oft jemand in deiner Umgebung ein ‚Okay‘ von sich gibt. Dann schießt die Brille doch jedes Mal ein Bild. Oder hast du es auf deine Stimmfrequenz eingestellt?“

„Nein, dazu war ich zu faul.“

„Aber das holst du nach.“

„Bei der nächsten Gelegenheit.“

„Okay“, schloss Mortues die Diskussion, nicht ganz überzeugt, „dann lass uns losgehen. Du musst wissen, was du tust.“

Reb blickte durch die Brille. Sie hatte gerade die Steine zu seinen Füßen fotografiert.

Die beiden Männer schritten zügig voran. Schon nach ein paar Hundert Metern fingen sie an zu schwitzen. Die Sonne brannte gnadenlos auf ihre Scheitel, sie setzten ihre Schirmmützen auf und zogen sie tief in die Stirn. Hatten sie anfangs noch Auffälligkeiten am Wegesrand mit einem „Ach, guck mal!“ oder „Erstaunlich!“ kommentiert, verstummten nach und nach ihre Gespräche. Der Weg war uneben und voller Überraschungen. Die groben, teils faustgroßen Steine ließen in dem fast ausgetrockneten Flussbett keinen festen Stand zu. Sie drehten sich, rutschten oder rollten zur Seite, wenn man auf sie trat, und ständig liefen die Freunde Gefahr, an ihnen abzugleiten oder umzuknicken. Rinnsale von Wasser, die das Flussbett durchzogen, ließen den Grund darunter verschwimmen, und selbst der grobe Sand in Ufernähe gab unter dem Gewicht der erwachsenen Männer bei jedem Schritt ein wenig nach, sodass sie höllisch aufpassen mussten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Ab und zu huschte eine Eidechse über ihren Weg, und dauernd sausten irgendwelche Insekten um sie herum, die Gott sei Dank meist keinen Gefallen an ihrer Person fanden. Mortues schlug ein paarmal mit der Hand nach einigen allzu aufdringlichen Gesellen, gab aber auch das bald auf.

Nach einer halben Stunde legten die Männer im Schatten der Felswand eine Pause ein.

Mortues wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Wir erkunden nicht die ganze Schlucht, nehme ich an, oder?“

„Sieht ganz so aus.“

Reb zog eine Flasche Wasser aus seinem Rucksack und trank einen Schluck.

„Was heißt, sieht so aus?“

„Na ja, wenn wir nichts finden …“

„… wandern wir weiter bis zur anderen Seite und den gleichen Weg bis zu deinem Roller wieder zurück?“, entrüstete sich Mortues.

„Einer von uns könnte alleine weitergehen und der andere die Maschine zum gegenüberliegenden Ausgang fahren“, überlegte Reb.

„Und wer, bitte schön, soll das sein? Ich werde nicht alleine durch diese Wildnis laufen, und wenn du gehst und dir unterwegs etwas zustößt, warte ich am anderen Ende vergebens auf dich.“

„Das könnte allerdings passieren.“

Er betrachtete den vor ihnen liegenden Wegabschnitt. Weit konnten die Männer nicht sehen, weil die Schlucht an dieser Stelle eine Biegung machte und den Blick hinter die Kurve verwehrte.

„Es sieht sowieso so aus, als würde uns in den nächsten Stunden nichts anderes erwarten als das, was wir bereits gesehen haben“, ergänzte er und blickte auf die dicken, runden Steine zu seinen Füßen.

„Siehst du, jetzt wirst du vernünftig“, erwiderte Mortues erleichtert.

Reb überlegte.

„Wir könnten auch mit dem Motorrad zur anderen Seite fahren und von dort ein Stück in die Schlucht hineinlaufen.“

„Das hört sich schon besser an.“

Mortues sprang erleichtert auf.

„Okay, dann lass uns zurückgehen, bevor du es dir anders überlegst.“

Der Rückweg erschien ihnen kürzer als die Strecke, die sie in die Schlucht hineingelaufen waren. Reb wunderte sich, wie gut sie nun schon mit den natürlichen Gegebenheiten zurechtkamen. Es bereitete ihm sogar ein wenig Vergnügen, nicht genau zu wissen, wie die Steine unter seinen Füßen beim nächsten Schritt auf sein Gewicht reagierten, und mit Genugtuung stellte er fest, dass der Mensch auch im Zeitalter von blank polierten Kunststoffböden und synthetischen Hightech-Straßen es anscheinend nicht verlernt hatte, sich auf Unebenheiten im Erdreich einzustellen.

Sie erreichten den Roller ohne Probleme und machten sich erneut auf den Weg. Während sie mit lautem Getöse über die gut ausgebaute Straße brausten, betrachtete Reb die menschenleere Landschaft, die sie umgab. Ausladende Berge, weitläufige Täler, schroffe, zerborstene Hänge, die mit Moos bewachsen waren …, wenn die Gegend auch karg und rau war, an einem hatte sie wirklich nicht gespart: an Größe und Weite, schlicht Grandiosität. Seltsam klein kam Reb sich plötzlich vor, und fast hatte er ein schlechtes Gewissen ob seines lautstarken Rollers, dessen penetrantes Getöse die andächtige Stille dieser Landschaft so brachial durchbrach.

„Als wären wir die einzigen Menschen auf dieser Erde“, rief er nach hinten zu Mortues hinüber.“

„Wie bitte?“

„Ach, nichts.“

Man verstand sich so schlecht bei dem Krach. Reb sagte nichts mehr und genoss stattdessen den Blick auf das kraftvolle Grün dieser herben Landschaft, das sich auch hier schon, bedingt durch den Mangel an Regen und die steigenden Temperaturen, in ein unattraktives Braun zu verwandeln begann.

Am anderen Ende der Schlucht erweckte ein kleines, verfallenes Häuschen ihre Aufmerksamkeit. Ein verwitterter, von Gras überwucherter Holzstamm – früher wahrscheinlich als Schlagbaum genutzt – lag auf der Erde daneben. Es sah aus, als hätten die ehemaligen Touristen hier für ihren Einlass zahlen müssen.

„Natur scheint es auch damals schon nicht umsonst gegeben zu haben“, bemerkte Mortues ironisch.

Auf der Fahrt hierher hatten sie nichts Ungewöhnliches entdecken können. Nur eine alte Hütte war ihnen aufgefallen, die aber so weit und so tief in der Schlucht stand, dass kein Mensch sie durch einen einfachen Fußmarsch hätte erreichen können. Für Geheimnisse schien sie den Männern nicht geeignet. Wer sich die Mühe machte, bis dorthin vorzudringen, würde nur einen einzigen, wohl kaum zuverlässig zu sichernden Raum vorfinden. Aber zur Vorsicht hatte Reb sie von oben mit seiner Brille fotografiert.

Nach einer weiteren Viertelstunde in der Schlucht gaben die Männer auf. Die Sonne war zu heiß, das Gelände zu uneben, sie hatten ihre Kräfte vollkommen überschätzt. Ob sie den Frauen von ihrer erfolglosen Tour berichten sollten? Zumindest müssten sie den Roller erklären. Sie entschieden sich zunächst für einen Abstecher zum Strand und gönnten ihrem erhitzten Körper ein erfrischendes Bad. Während sie sich am Ufer von der Sonne trocknen ließen, entdeckte Reb in der Ferne ein altes Ruderboot.

„Du, schau mal, das ist bestimmt noch aus Holz.“

Er stand auf, um es sich anzusehen.

„Ich finde, für heute reicht es“, brummte Mortues und lief verärgert hinter ihm her, als ihnen ein Mann entgegenkam, der auf das Boot zusteuerte.

Er war gekleidet wie ein Fischer, seine Hose ein wenig zerknittert, das Hemd darüber sah aus, als hätte es die schwerste Arbeit des Tages bereits hinter sich. Der Fischer schien sich nicht an ihnen zu stören, er stieg ohne ein Grußwort in den Kahn und ruderte davon.

„Na, freundlich ist der ja nicht gerade“, maulte Mortues. „Schieß wenigstens ein Foto von ihm.“

„Okay.“

„Noch eines.“

„Okay, okay …, okay, okay, okay.“

Sie erreichten die Stelle, an der das Boot gelegen hatte, fanden aber keinerlei Abdrücke im Sand.

„Als wäre es gar nicht da gewesen“, stellte Mortues fest.

Reb machte ein Foto von den nicht vorhandenen Spuren.

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22 aralık 2023
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9783969405390
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