Kitabı oku: «DER TOD KANN MICH NICHT MEHR ÜBERRASCHEN»

Yazı tipi:

Für Thomas.

Wir werden dich nicht vergessen.

Impressum

Überarbeitete Ausgabe

Copyright Gesamtausgabe © 2021 LUZIFER-Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Cover: Michael Schubert

Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2021) lektoriert.

ISBN E-Book: 978-3-95835-355-8

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

Der Tod kann mich nicht mehr überraschen

Impressum

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Über die Autorin

– 1 –

Das Badewasser ruhte, seit er die Luft anhielt – das war alles. Nichts weiter!

Er fühlte keinen Schmerz und auch keine Erstickungsqual; lediglich der Schaum auf dem Wasser schaukelte nicht mehr über seinem Bauch hin und her.

In der Hitze des Bades spürte er, wie sich Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten. Sie vereinigten sich zu dünnen Rinnsalen und rannen ihm die Schläfen entlang. Das beruhigte ihn. Es machte ihn angenehm matt und gedankenarm. Reglos schwamm sein Körper, vom Wasser sanft getragen, während die Augen und Ohren das trübe Bewusstsein fütterten. So könnte er es sich wünschen – sein Ende. Es schien ganz einfach, so unbeschwerlich, bloß hinwegzudämmern.

Ungewollt setzte seine Atmung wieder ein. Er ließ es geschehen. Das Leben tut ja, was es will. Es geht auch einfach so weiter – ohne ihn. Sein gedachter letzter Atemzug blieb wieder einmal unbemerkt. Wann sie ihn wohl gefunden hätten? In zwanzig Minuten … in dreißig? Spätestens in einer Stunde, so mutmaßte er, hätten sie ihn entdecken müssen – in der Wanne liegend, untergetaucht, mit abstehenden, um den Kopf herumschwimmenden Haaren – das Gesicht weiß, die Augen starr, den Mund geöffnet unter Wasser, wie ein dahintreibendes Sirenenopfer. Oh … das Geschrei wollte er gern hören!

Aber erst einmal hätten sie es nicht bemerkt, die beiden da unten im Wohnzimmer. Während er gestorben wäre, hätten sich Frau und Tochter über Fernsehfilme oder irgendetwas anderes Banales ausgetauscht, sich unbeschwert auf dem Sofa gerekelt, über dies und das gekichert.

Gestorben wäre er ganz allein.

Nicht zum ersten Mal probte er das Sterben, indem er einfach den Atem anhielt. Er wollte wissen, wie sich das anfühlt, wenn alle anderen weiteratmen; wissen, wie es weitergeht, nach dem Entweichen des letzten Sauerstoffes aus seinen Lungenflügeln. Es war jedes Mal mehr Luft gewesen, als erwartet. Einsam fühlte sich das an.

Er lag also in der Badewanne, und das allabendlich, wie ein Mädchen. Er, Marvin Abel, ein Mann im besten Alter, in heißem, sündhaft aufgeschäumtem Wasser – heute ein Rosenblütenbad. Aber nur hier konnte er sein Gedankensamsara noch so gelassen ertragen. Langsam rutschte er etwas tiefer. Die Beine ein wenig anzuziehen, das reichte schon, um seine schmalen Schultern im Wasser verschwinden zu lassen. Ja, etwas Krafttraining hätte da vielleicht helfen können. Aber wozu jetzt darüber nachdenken? Es spielte keine Rolle mehr. Oder doch?

Von unten drangen Lisas und Julias Stimmen durch die geschlossene Badezimmertür. Ihre Stimmen verwischten zu einem monotonen Brei, unterbrochen von einigen Höhen, in denen sie kicherten. Beneidenswert, diese Lebensleichtigkeit der beiden. Fast schon unverschämt! Niemals mehr würde er das mit ihnen teilen können. Nie mehr entspannt vor dem Fernseher sitzen oder sich unbeschwert auf dem Sofa ausstrecken. Selbst, wenn es vorerst gut ausgehen würde. Vorerst!

Eineinhalb Meter über ihm brummte die Leuchtstoffröhre, die er so eigenhändig wie umständlich hinter einer Wand von dunkelblauen Fliesen angebracht hatte, um die Badewanne indirekt zu beleuchten. Romantisch hatte es werden sollen. Der raffinierte Versuch von Verführung an einem sinnlichen Ort. Doch dazu war es nie gekommen. Leider! Vielmehr weit weggerückt, angesichts der brutalen Wirklichkeit der letzten Wochen.

Was hatte sein Arzt noch zu ihm gesagt?

Ihr Blutdruck gefällt mir nicht!

Hoher Blutdruck? Wäre das alles gewesen, hätte er in diesen Tagen vermutlich ständig an seine Blutdrucktabletten gedacht; immer besorgt, ob sie auch helfen. Nach der Kniearthrose das nächste ernst zu nehmende Zeichen seiner Vergänglichkeit. Wie lächerlich!

Was war schon ein hoher Blutdruck gegen das, was danach entdeckt wurde! Eine kurze Untersuchung im Krankenhaus – eigentlich nur erfolgt, um eine ernsthafte Erkrankung hinter seinen Beschwerden auszuschließen – stellte sein Leben auf den Kopf.

Wäre er doch niemals wegen dieser Kopfschmerzen zum Arzt gegangen! Er wüsste es bis heute nicht. Nichts in seinem Leben hätte sich bis jetzt verändert, besonders das Zukunftspläneschmieden nicht. Er wollte sich doch um diese Stelle als Geschäftsführer in der neuen Tochtergesellschaft der Firma bewerben, und er hätte sie bekommen. Er – und nicht dieser arrogante Jungakademiker aus der anderen Abteilung, der ihm seit zwei Jahren schon im Nacken saß. Lisa wollte er zum vierzigsten Geburtstag im übernächsten Monat mit zwei Wochenend-Tickets nach Stockholm überraschen. Und auf diesem Drei-Tagestrip hätte er, wie in jedem Urlaub, entspannten Sex mit ihr gehabt. Mit der Auszahlung der Tantiemen wollte er sich am Jahresende endlich diesen sündigen Zweisitzer gönnen, von dem er bereits vier verschiedene Prospekte besaß. Eine solche Liste konnte er beliebig fortsetzen. Alles das hatte er geplant, ungeachtet der Möglichkeit, jemals ernsthaft zu erkranken. Gut, eine Krankheit im Alter – das konnte man sich ja vorstellen – wann auch immer alt beginnen mochte. Aber nicht jetzt schon. Nicht mit fünfundvierzig – das fand er nicht alt. Als junger Mann von zwanzig Jahren danach befragt, hätte er fünfundvierzig wahrscheinlich als greisenhaft empfunden, aber nicht heute. Alt wird man immer erst später. Und auch sterben wird man immer erst später.

Er stieg aus der Badewanne. Schrumpelig. Noch immer aufgeheizt genug, um in der Nacktheit nicht zu frieren, bewegte er sich in Richtung Waschbecken, ohne sich abzutrocknen. Kleine Wasserpfützen in Fußform legten eine Spur auf die Fliesen. Doch der schnelle Wechsel zwischen dem Liegen in dem heißen Wasser und der plötzlichen Bewegung bekam ihm nicht. Alles wurde auf einmal schwarz. Er versuchte halbwegs kontrolliert zu Boden zu gleiten, indem er sich am eben noch erreichten Waschbecken festhielt …

Als Marvin die Augen wieder aufschlug, fand er sich auf dem Badvorleger liegend. Rechts neben ihm die weiße Säule des Waschbeckens und links von ihm das Katzenklo. Er starrte hinein. Wahrscheinlich gab ihm der Geruch daraus das Bewusstsein zurück. Diese dämliche Katze seiner Frau, die immer dann ins Klo machte, wenn er badete, sollte also doch für etwas gut sein.

Was war geschehen? Ach ja, zu heiß gebadet, zu schnell aus der Wanne gestiegen und – ach ja, er hatte diesen Tumor im Kopf. Es war kein Traum.

Er setzte sich auf, blieb eine Weile am Boden sitzen, die Arme nach hinten abgestützt. Allmählich drangen auch die Geräusche der Umwelt wieder zu ihm durch. Alles unverändert. Nicht einmal das hatten Frau und Kind bemerkt.

Übelkeit breitete sich aus – vom Kopf her. Zum Kotzen! Das jetzt auch noch! Marvin glaubte plötzlich, sich noch nie so alleine gefühlt zu haben. Dabei war das erst der Anfang. Was sollte da noch auf ihn zukommen? Wenn es auch grammatikalisch nicht möglich war – gefühlsmäßig gab es für ihn eine Steigerung von allein.

Mühselig zog er sich am Waschbecken hoch. Der Spiegel stellte sein Gesicht bloß. Blass sah es aus und schmal. Elf Kilo hatte er abgenommen in den letzten Wochen. Langsam drehte er den Kopf nach beiden Seiten um und betrachtete dabei seine Gesichtshaut genau. Alt und fahl sah sie aus, wie ein schlappes Stück Fleisch über den Schädel gezogen. Es kam ihm nicht wie sein eigenes Gesicht vor, das ihn da anblickte, mehr wie das eines fremden alten Mannes, dessen Schicksal ihm in einem bewegenden Film vorgeführt wurde.

Er packte in das schwammige Wangenfleisch hinein, fest, um sich zu spüren. Trotzdem fühlte er mehr mit den Fingern, als mit der Haut seiner Wangen. Wo war sein Ich geblieben? In einem fremden Körper? Oder besaß sein Körper ein fremdes Ich?

»Marvin?«

Lisa rief von unten hoch und holte ihn aus seinem Dämmerzustand zurück.

»Marvin?«

Er hörte seine Frau die Treppe hochkommen, denn ihre Stimme klang jetzt näher und ihre Füße lösten auch ohne Hausschuhe ein leises kurzes Knacken an einigen Stellen der Holztreppe aus. Hatte sie doch etwas von seinem Sturz bemerkt? Im Spiegel sah er dann, wie Lisa die Tür hinter ihm einen Spalt öffnete und hereinschaute.

»Weißt du eigentlich noch, in welcher Zeitung dieser Witz steht? Du weißt schon, dieser Gezeichnete.«

»Was?«

Mit beiden Händen auf das Waschbecken gestützt, drehte er sich um. Er sah sie an und versuchte angestrengt, aus seiner Gedankenwelt in die ihre zu wechseln.

»Na, dieser gezeichnete Witz mit den Vögeln, die alle in einer Ecke hocken, weil einer geniest hat … wegen der Vogelgrippe! Der ist doch so süß. Ich will ihn Julia zeigen.«

Lisa kam herein, während sie sprach, und stellte sich vor ihn hin. Sie musste hochschauen, um ihm in die Augen zu sehen. Ihr Blick wanderte von seinem Gesicht über seinen nackten Körper auf den Fußboden, bis zur Badewanne und zurück.

»Du hast dir schon wieder nicht die Füße abgetrocknet!«

Es klang vorwurfsvoll und er fand, sie hatte recht. Wie schnell konnte man mit nassen Füßen im Bad stürzen! Vor einer Minute war es ihm passiert.

»Hast du eigentlich eine Ahnung, was für Flecken das auf diesen dunklen Fliesen hinterlässt?«, hielt sie ihm vor.

»Welche Flecken es hinterlässt, wenn ich stürze?«

Irritiert sah er in Lisas zartes Gesicht. Sie versuchte trotz ihres mädchenhaften Aussehens einen strengen Ausdruck, indem sie die Haut zwischen ihren zusammengewachsenen dunklen Augenbrauen zu senkrechten Falten zog. Es gelang ihr nicht, aber das wusste sie nicht. Lisa hasste diese zusammenwachsenden Brauen und trimmte sie gelegentlich durch Auszupfen. Doch Marvin mochte sie. Er fand Lisa so natürlicher. Er mochte es nicht, wenn sie ihre Brauen in wahren Auszupforgien zu dünnen Linien stylte und dann wieder nachzog. Glücklicherweise tat sie sich das nur selten an, weil sie das Zupfen schmerzte.

»Ich meine diese Wasserflecken, Marvin! Täglich wische ich hinter dir her. Kannst du dir nicht vorstellen, dass mir das auf die Nerven geht?«

Ihr voller Mund verzog sich nach unten und sie seufzte extra laut, um ihren Ärger zu verdeutlichen.

Marvin warf einen Blick auf den Boden. Aha – die Wasserflecken.

»Ich wische gleich auf«, sagte er kleinlaut, wie überführt, und noch immer fasziniert von Lisas Gesicht. Wie oft hatte ihn der Alltag davon abgehalten, sie genau zu betrachten. Er wollte wieder in ihre grünen Augen sehen; ein wenig in der Hoffnung, sie könnte seinen Probetod im Nachhinein noch bemerken. Doch sie stand schon nicht mehr vor ihm, ging zur Tür heraus, mit wippendem, braun gelockten Pferdeschwanz, einen Hauch süßen Deodufts hinter sich lassend. Ihre kleinen Füße tapsten nach unten. Die Tür ließ sie etwas offen stehen und die eindringende kühle Luft bescherte seinem unbedeckten Körper eine leichte Gänsehaut.

Marvin drehte sich zurück zum Spiegel und sah einem inzwischen wieder leicht rosafarbigen, wenn auch verdutzten Gegenüber ins Gesicht. Lisa hatte anscheinend beschlossen, ihr Leben so weiterzuleben, wie bisher.

Er erinnerte sich an den Tag vor etwa vier Wochen, als ihm der Arzt mitgeteilt hatte, der Tumor wäre bösartig.

Marvin war sofort nach Hause gefahren. Zitternd am ganzen Körper konnte er sich nur mit Mühe auf die Autofahrt konzentrieren. Zu Hause angekommen und kaum noch auf den Beinen stehen könnend, suchte er nach Lisa. Sie war im Waschkeller. Zwischen einem Berg alter Wäsche und frischen nassen Handtüchern, die auf der Leine hingen, fielen sie sich in die Arme, um zu weinen. Es war bitter und Lisa konnte sich nicht mehr beruhigen. Marvin ertrug das nicht. Und so begann er, die ihm und ihr hingeworfene Diagnose etwas abzuschwächen. Er redete sie harmloser, weniger bedrohlich. Schließlich stellte er sie ganz infrage. Sicher sei es keine endgültige Diagnose, machte er ihr vor. Außerdem wäre die medizinische Forschung doch heute schon so weit fortgeschritten. Auch mit einer solchen Erkrankung konnte er noch hoffen. Wer weiß, hörte er sich sagen, vielleicht irrte man ja im Krankenhaus – schließlich spürte er nichts von diesem Tumor in seinem Kopf, das sei doch verwunderlich! Man hörte doch oft von solchen Fehldiagnosen. Auf jeden Fall aber könnten sie ihn ganz sicher retten.

Und während er all das gesagt hatte, hatte auch er ein bisschen zu hoffen gewagt.

Danach ging es Lisa besser. Seine vage Hoffnung, aus Verzweiflung dahingesagt, war für sie zur Gewissheit geworden. Was nicht sein durfte, ließ sie nicht zu, und sie vergoss keine weiteren Tränen mehr. Es konnte einfach nicht sein, dass Marvin nichts von so einer schweren Erkrankung bemerkte. Er konnte reden wie immer, sich normal bewegen, logisch denken, intellektuell schwafeln, wie sie es nannte. Nichts schien anders als zuvor. Und wenn alles wie immer war, dann konnte sie sich auch über Fußabdrücke auf den schönen dunkelblauen Fliesen aufregen. C’est la vie!

Marvin begann zu lachen, als er über all das nachdachte. Er lachte sarkastisch, gemein sich selbst gegenüber. Er lachte, obwohl der Gedanke an Lisa und die Wasserflecken ihn schier verzweifeln ließ. Was sollte er ihr sagen? Dass er sie hoffnungsvoll belogen hatte? Dass sie gefälligst weinen sollte?

Er lachte noch mehr, versuchte aber leise zu sein, damit niemand ihn hören konnte. Der Spiegel zeigte, wie sich dabei die Krähenfüße um seine Augen vertieften und sein ohnehin schon breiter Mund sich fratzenhaft in die Breite zog.

»C’est la vie – c’est la mort!«, flüsterte er zwischen den Lachpausen und es dauerte eine Weile, bis er sich wieder beherrschen konnte. Schließlich schüttelte er den Kopf über sich selbst.

»Ist alles in Ordnung mit dir? Was soll das, du alter Narr? Müsstest du nicht mehr Ernst an den Tag legen in deiner Lage?«

Das wirkte endlich. Sein Lachen fror langsam ein und ein gewisses neutrales Gefühlserleben machte sich in ihm breit.

Okay, dachte er‚ mach dir klar, wie du dich im Augenblick tatsächlich fühlst! Dir geht es doch im Moment nicht wirklich schlecht! Das bisschen Übelkeit kann man doch ertragen.

Marvin schloss für die nächsten Atemzüge die Augen, dann öffnete er sie wieder. Mit Bedacht nahm er seine Zahnbürste von der Ablage des Waschbeckens. Gewissenhaft drückte er die Zahncreme auf die Borsten und begann, die Zähne zu putzen – schön langsam von oben nach unten und umgekehrt. Wozu er sie immer noch dreimal täglich penibel reinigte, wusste er nicht. Für Karies blieb ihnen ja eigentlich keine Zeit mehr, wenn er der schlechten Prognose seines Neurologen für Glioblastome glauben durfte. Aber im Moment vertrieb der scharfe Pfefferminzgeschmack den letzten Rest der grässlichen Übelkeit aus seinem Mund.

Sorgfältig in sich hineingefühlt, verspürte Marvin im Augenblick kein körperliches Unbehagen, weder Schmerz, noch Übelkeit – nur ein wenig Schwäche weiterhin. Einzig und allein sein Bewusstsein schien ihm das Leben schwer zu machen, indem es ohne Unterlassung um das eine Thema Gehirntumor kreiste.

Im Kopf steckt die Angst, dachte Marvin. Im Kopf steckt die Angst.

– 2 –

Für seinen ersten Chemo-Termin im Krankenhaus benötigte er neue Schlafanzüge und neue Unterhosen. Das jedenfalls meinte Lisa. Sein Hinweis, die wenigen Tage bis zum Krankenhausaufenthalt nicht mit unnötigen Einkäufen verschenken zu wollen, kümmerte sie nicht.

»So gehst du mir nicht ins Krankenhaus!«, war ihr schlichter Kommentar dazu und so verbrauchte er kostbare Zeit damit, zusammen mit Lisa im Einkaufszentrum Wäsche zu kaufen. Er erstand Schlafanzüge und Retroshorts, außerdem noch T-Shirts, Socken und Handtücher. Das Ganze kostete ein Vermögen. Marvin wusste gar nicht, wie teuer Unterwäsche sein konnte.

›Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie‹ stand auf dem Schild am Eingang zu einem mächtigen, aber alten Gebäude mit diversen Anbauten. Nie hätte er erwartet, hier Patient zu werden. Bis zum Tag seiner Diagnose hatte er nicht einmal von einer solchen Klinik in der Stadt gewusst. Sie hätte einen ausgezeichneten Ruf, so die Versicherung seines Neurologen.

Lisa setzte ihn vor dem Krankenhaus ab und fuhr dann zur Arbeit. In ihrem Job als Werbekauffrau machten die wöchentlichen Prospektarbeiten sie derzeit unentbehrlich. Aber sie wollte abends noch vorbeikommen, um ihn zu besuchen.

Marvin winkte ihr nach.

Es war viel zu früh, um jetzt schon zur Station zu gehen. Was nun? Herumstehen und warten? Vor dem Eingang des Hauses entdeckte er einen schmalen Fußweg, der zu einem Teich führte. Also folgte er mit seiner riesigen Reisetasche voller neuer Kleidung dem Pfad bis zum Ufer und ließ seinen Hintern auf einer kalten Parkbank nieder. Man hörte das Zirpen von Vögeln und das leise Plätschern winziger Wellen am Uferrand, sonst nichts. Keine Autos, keine Leute – nur Stille. Ihn störte das. Sie schien ihm unangemessen, diese Stille – zu idyllisch irgendwie. Ein paar Enten schwammen heran. Vermutlich hofften sie auf Brotkrumen. Er täuschte sie mit einigen Steinchen, die er vor seinen Füßen aufhob und quer über den Weg warf. Eilig und quakend sauste das Federvieh hinterher; jedes bemüht, den anderen ihres Völkchens die vermeintlichen Leckereien wegzuschnappen. Marvin beobachtete sie eher nebenbei. Plötzlich fiel ihm jedoch eine der Enten auf, weil sie anders aussah als ihre Artgenossen. Etwas erschreckend Warzenartiges ragte an ihrem Hinterkopf hervor, eine Geschwulst, fast so groß wie der kleine Kopf selbst, jedoch federlos. Sofort empfand er Mitleid. Doch die Ente bewegte sich wie selbstverständlich zwischen den anderen, lief hinter den Steinchen her, wackelte zwischen ihnen herum; als sei es das Normalste der Welt, mit einem goldgelben nackten Warzenei am Kopf durch das Leben zu marschieren.

Beneidenswertes Tier! Eine Ente mit einem Tumor im Kopf machte sich wohl kaum Gedanken um ihren Schädel. Jedenfalls nicht, solange sie keine Schmerzen verspürte. Für sie würde es keine Hoffnung in Form einer Behandlung geben, nur den Tod. Aber sie würde wohl auch nicht darüber nachdenken.

Marvin jedoch dachte unentwegt daran, hegte Hoffnung und verwarf sie wieder. Natürlich – die Ärzte irrten nicht! Die schöne Tatsache, außer ein paar Kopfschmerzen bisher keine besonderen Beschwerden zu verspüren, konnte über die eindeutigen Aufnahmen der MRT und der Biopsien nicht hinwegtäuschen. Das Ding war da und musste weg. Blöd nur, dass es an einer Stelle saß, die eine Operation nicht zuließ. Ihm blieben nur Bestrahlung und diese furchtbare Chemotherapie.

Um Punkt acht Uhr fand Marvin sich auf dem Gang der achten Etage des Krankenhauses ein und meldete sich im Schwesternzimmer an. Freundlich war sie ja, die Frau an der Anmeldung, aber auch unbehaglich sachlich. Da trotz seiner vorherigen Ankündigung noch kein Bett für ihn zur Verfügung stand, musste er im Aufenthaltsraum warten.

Warten müssen – in einem kleinen Raum mit vergilbten Tapeten, möbliert mit angeschlagenem, verblichenen Buchenholz. Warten müssen – als wäre sein Tumor eine Alltäglichkeit, die warten konnte. Dabei konnte das Ding in jeder Sekunde wachsen.

Er blickte aus dem Fenster. Von hier aus konnte man über den Park des Krankenhauses hinweg auf die halbe Stadt schauen; so weit, bis die Halde der stillgelegten Zeche wie ein entfernter Berg die Sicht versperrte. Der Blick nach unten bot die Aussicht auf den Teich. Ein alter Mann fütterte inzwischen die hungrigen Enten. Zu gerne hätte er jetzt mit dem alten Mann getauscht … vielleicht sogar mit den Enten.

Eine junge Krankenschwester mit Handschuhen und einem Eimer voll schäumender Flüssigkeit eilte in das Zimmer gegenüber. Marvin hörte sie darin wirken und sah sie bald darauf wieder heraussputen. Als er schließlich hinein durfte – es war das Zimmer mit der Nummer 832 – roch der Raum nach Desinfektionsmittel. Sein Bett stand nahe der Tür. Daneben befand sich der Zugang zu einem überraschend großen Waschraum mit Dusche und Toilette. Ganz nett.

Leider war er nicht alleine in diesem Zimmer untergebracht, trotz seiner privaten Versicherung. Ärgerlich, wie er fand. Im Bett am Fenster lag ein Mann in etwa seinem Alter und schnarchte. Daneben stand ein Gehwagen.

Eine weitere Schwester – sie stellte sich als Schwester Sabine vor – wies Marvin in die Handhabung eines Gerätes ein, mit dem man sowohl telefonieren als auch das Bett vollelektronisch verstellen und den Fernseher bedienen konnte. Gleichzeitig diente es als Notrufgerät – ein Druck auf den roten Knopf und die Schwestern kämen sofort, um nach ihm zu sehen. Wenn irgendetwas sei, bräuchte er nur auf diesen roten Knopf zu drücken.

»Der rechte Schrank ist für Sie, der mit dem blauen Punkt an der Tür. Im Waschraum sind zwei Haken, ebenfalls mit blauen Punkten. Das sind Ihre! Da können Sie Ihren Waschlappen und Ihr Handtuch aufhängen. Und die rechte Tür des Spiegelschrankes gehört Ihnen.«

Schwester Sabine vergaß, auf den blauen Punkt hinzuweisen, der sich auf dem Spiegelschrank befand.

Blaue Punkte – Marvin fühlte sich belustigt an seine Kindergartenzeit erinnert. Hektisch drückte ihm die zwar noch junge, aber schon irgendwie verbraucht wirkende Frau mit dem aschblonden Zopf noch ein paar Pappkarten in die Hand, auf denen er seine Essenswünsche ankreuzen sollte, und dann verschwand sie. Sie hatte es eilig.

Allein mit seinem neuen winzigen Privatbereich Bett mit Nachtschrank, einem schnarchenden Fremden und einer überdimensionierten Reisetasche, dessen Inhalt er nie und nimmer in diesen schmalen Spind bekommen würde, blieb Marvin zunächst auf seinem Bett sitzen. Für die ersten Tage des ersten Chemo-Zyklus sollte er hierbleiben, damit die Nebenwirkungen besser überwacht werden konnten. Danach würde er sich zu Hause weiter plagen dürfen. Gemütlich war etwas anderes!

Marvin betrachtete seinen Mitpatienten mit dem schütteren Haar. Ein Mittvierziger schätzte er. Blass zwar, aber er schien noch zu beleibt, um schwer krank zu sein. Er schlief und schnarchte mit zurückgefallenem Kinn, und der weit geöffnete Mund bot sicher Platz genug, um eine Magenspiegelung ohne Mundstück zu ermöglichen. Lippen und Nasenflügel bebten bei jedem gequälten Atemversuch. Natürlich lag der Mann auf dem Rücken, eine für die Schnarcherei bekanntermaßen bevorzugte Position.

Marvin fand es nicht lustig, eher beschämend, denn er wusste genau, dass er ebenso aussah im Schlaf. Lisa hatte ihn einst hinterhältig gefilmt, um ihm sein Schnarchen zu beweisen. Es ließ sich seither nicht mehr bestreiten. Peinlich, so ausgeliefert auszusehen, aber sie in ähnlicher Weise abzubilden war ihm nicht gelungen. Lisa sah im Schlaf immer wie ein Engel aus. Sie schnarchte nie, höchstens in verschnupftem Zustand und dann auch nur ganz leise – geradezu süß – überhaupt nicht peinlich. Frauen sind die feineren Wesen, dachte er. Wie so oft.

Er nahm seine Handykamera und knipste ein Foto von seinem Bettnachbarn. Man wusste ja nicht, wozu das einmal gut sein könnte. Dann hielt er die Kamera vor sein eigenes Gesicht und schoss ein Bild von sich selbst – zur Erinnerung an sein Gesicht vor der Chemo und an seine angegraute, aber immerhin noch ziemlich dichte Haarpracht. Eine Tatsache, auf die er stolz war. Die Medikamente der Chemotherapie könnten ja zu Haarausfall führen, so hatte er gehört. Ekelhaft, der Gedanke an Haarbüschel, die sich mit den Fingern von der Kopfhaut abziehen ließen. Marvin hatte einiges über die Nebenwirkungen der Behandlung gelesen. Das meiste klang so unwirklich – so weit weg, nicht vorstellbar für ihn. Aber das mit dem Haarausfall, das konnte er sich vorstellen. Es schien ihm gruselig greifbar und so abschreckend sichtbar.

Eine andere, sehr junge Schwester kam herein. Klein, zierlich und so blass, wie Rothaarige nun einmal sind. Sie drückte auf einen ominösen Knopf an der Wand und führte Zettel und Kugelschreiber mit sich. Um ihren Hals hing ein Blutdruckmessgerät.

»Ich bin Schülerin Elke!«, erklärte sie und augenblicklich verfiel Marvin dem offenen und freundlichen Lächeln, welches sie für ihn erübrigte, ganz im Gegensatz zu den anderen Schwestern. Ihre rotblonden Locken trug sie bis etwas über Kinnlänge und offen. Ein nettes Mädchen, die Kleine! Von ihren Augen, die Marvin so hellblau wie unbekümmert anstrahlten, ließ er sich gerne herauslocken aus seiner düsteren haarlosen Zukunftsvision. Die schlanke Taille und wohlgeformte Hüfte unter ihrem weißen Kittel entging ihm nicht.

»Soll ich Ihnen mit Ihren Sachen helfen?«, fragte sie mit Blick auf die nicht ausgepackte Reisetasche.

Marvin wehrte ab. Nein, nein, es ginge schon. Er erzählte ihr, während sie seinen Blutdruck maß, dass es ihm eigentlich ganz gut ginge. Wenn da nur nicht dieser zufällig festgestellte Tumor in seinem Kopf wäre, weshalb er jetzt eine Chemotherapie bräuchte und so weiter. Er redete viel. Mehr als er es sonst tat. Erzählte von seinem Blutdruck, wohl wissend, es interessierte eigentlich niemanden.

»Und jetzt haben Sie einen Blutdruck von 140 zu 80 – der ist nicht einmal zu hoch!«

Schülerin Elke lachte. Marvin lachte, und beide schmunzelten noch kurz über das Schnarchen des Bettnachbarn. Sie hoffte für ihn, er könnte wenigstens nachts schlafen bei dieser lautstarken Baumsägerei. Danach verschwand sie aus dem Zimmer. Zauberhaft lächelnd schwebte sie wahrscheinlich als helfender Engel dem nächsten Patienten zu.

Später brachte sie Marvin eine salzige Brühe und half ihm doch noch ein wenig mit der Tasche. Jetzt war er froh, dass er diese einwandfreie neue Wäsche mit sich führte.

Er fühlte sich gut aufgehoben.

Noch später kam eine Ärztin. Eine junge, herb aussehende Frau, schlank, fast schon hager. Etwas zu blond für seinen Geschmack und die Haare zu streng nach hinten frisiert. Sie befestigte eine Infusion an seinem linken Arm und kündigte ihm Übelkeit an. Danach blieb ihm nichts weiter zu tun, als ruhig in seinem Bett zu liegen. Verurteilt, zu lesen, vielleicht etwas fernzusehen oder die Tropfen zu beobachten, die langsam, einer nach dem anderen, in seinem Arm verschwanden. Er beobachtete sie lange, weil er von irgendwoher wusste, Luftblasen in den Adern seien gefährlich. Währenddessen wartete er auf die Übelkeit. Doch sie blieb aus.

Nach der ersten geleerten Infusionsflasche drückte Marvin auf den roten Knopf der Fernbedienung. Sofort meldete sich eine blechern und schwer verständliche weibliche Stimme aus einem Lautsprecher hinter seinem Bett, die nachfragte, was er wünsche. Marvin teilte mit, die Infusion wäre durch und erwartete sehnlichst eine Schwester, weil er zur Toilette musste. Die Stimme aus dem Lautsprecher weckte seinen Bettnachbarn. Der lag auf der Seite – jetzt, wo er nicht mehr schnarchte! – eine Hand gelangweilt unter seine Wange gestützt und musterte Marvin ungeniert.

»Zytostatikum?«, fragte er schließlich.

»Ja – Chemo!«, antwortete Marvin ebenso kurz.

»Sag’ ich doch – Zytostatikum!«

Anscheinend wollte der Schnarcher ihm klarmachen, er besäße Fachkenntnisse, die Marvin fehlten. Aber geschnitten, da konnte er mithalten.

»PCV bei Glioblastom!«, renommierte er und fügte hinzu: »Bestrahlung später mit 30 x 2 Gray!«

Das sollte wohl genügen, um dem Kontrahenten sein Fachwissen zu verdeutlichen und gar nicht erst Zweifel an seiner Kompetenz als aufgeklärtem Patienten aufkommen zu lassen. Tatsächlich nickte der Bettnachbar ernst wissend und beließ es dabei. Zufrieden mit sich selbst ließ sich Marvin in das Kissen sinken. Sein Platz hier sollte wohl erobert sein. Schlimm genug, dass er dieses Zimmer mit jemandem teilen musste.

Fünf Minuten später stand der Mitstreiter schwerfällig auf, schlüpfte in seine Pantoffeln und schlurfte an Marvins Bett vorbei zur Toilette. Wie einen Wallach hörte er ihn im Bad pinkeln und es erinnerte ihn deutlich daran, ebenfalls seit einiger Zeit Druck zu verspüren. Wo blieb nur die Schwester? Er griff zur Fernbedienung und drückte nach einigem Zögern wieder den roten Knopf.

»Die Infusion ist durch!«, erklärte er erneut der Blech-Schwester aus dem Lautsprecher und neidvoll blickte er auf den Schnarchsack, der erleichtert aus dem Bad zurückkam.

»Da können Sie lange warten!«, meinte dieser im Vorübergehen, womit er nicht nur recht haben konnte, sondern ihm auch zu Verstehen gab, dass er sich hier im Krankenzimmer als alter Hase selbstverständlich besser mit den Vorgängen auskannte als Marvin. Sollte er doch! Marvin wies auf die Infusionsapparatur, die an seinem Arm hing. So gefangen konnte er schließlich nicht aufstehen.

»Warum ziehen Sie sich das nicht selbst raus?«, meinte der alte Hase lapidar. »Einfach rausziehen und Tupfer aufdrücken. Tupfer liegen doch dort in der Schale auf ihrem Nachtschrank. Machen die Schwestern auch nicht anders!«

Damit legte sich der Hase wieder ins Bett, kehrte Marvin den Rücken zu und machte sich daran, weiterzuschnarchen.

Marvin betrachtete die, mit ein paar weißen Klebestreifen fixierte, Infusionsnadel an seinem Arm und fing nach einer Weile an, die Streifen abzuknibbeln. Schön vorsichtig, immer ein bisschen mehr. Warum nicht etwas vorarbeiten, bevor die Schwester käme. Und wenn dann immer noch niemand in Sicht wäre, könnte er sich ja auch ganz davon befreien. Schließlich war er ein erwachsener Mensch und außerdem spannte die Blase.

Gänzlich vom Klebestreifen gelöst, stellte sich die Nadel als Bestandteil einer kleinen durchsichtigen Plastikplatte dar. Das sah kompliziert aus und außerdem fragte er sich, wie er mit nur einer Hand die Nadel herausziehen und gleichzeitig mit einem Tupfer darauf drücken sollte. Egal, er musste zur Toilette, nur das hatte Vorrang. Womöglich dachte der Patient am Fenster auch schon, Marvin wäre zimperlich. Kurz entschlossen zog er an der Plastikplatte, entfernte sie samt Nadel und schnappte sich schnellstmöglich den Tupfer, um den Einstich zu verschließen. Aber Marvin war nicht schnell genug. Dort floss augenblicklich dunkelrotes Blut heraus und rann in mehreren Bahnen um den Arm herum, tropfte auf das frische gelbe Bettzeug. Es lief kitzelnd bis in seine Achseln, als er seinen Arm verzweifelt steil nach oben hielt und mit der anderen Hand auf den Einstich drückte. So saß er da, voll Blut, den Arm in der Luft, um Schlimmeres zu verhindern, das Bett versaut, und fragte sich nun, wie er in diesem Zustand jetzt endlich zur Toilette gehen sollte. Zeitgleich öffnete sich die Tür und Schwester Sabine kam herein. Schwester Sabine und leider nicht das engelhafte Gesicht der kleinen Schülerin! Sie sah ihn an, in seiner gymnastisch anmutenden Position, dann auf das blutbefleckte Bett und fragte mit einem Ausdruck totaler Entgeisterung: »Was machen Sie denn?«

Angesichts seiner Lage und des Blickes der Krankenschwester überkamen Marvin inzwischen Bedenken ob seiner Aktion. Hilflos dasitzend, während sein Arm vom Hochhalten bereits zu kribbeln begann, sagte er nur: »Die Infusion war durch und ich wollte zur Toilette.«

»Ja – warum warten Sie nicht, bis wir sie abgestöpselt haben? Und wenn Ihnen das zu lange dauert, warum gehen Sie dann nicht einfach mit der leeren Flasche ins Bad oder benutzen den Infusionsständer, der in ihrem Zimmer steht, oder kommen heraus zu uns ins Schwesternzimmer? Die Nadel herauszuziehen, war so ziemlich das Dümmste, was Sie tun konnten.«

Marvin wurde bewusst, sich gerade als Dummkopf etabliert zu haben, und er schämte sich grenzenlos, während Schwester Sabine ihn stumm, aber mit völlig entnervtem Gesicht mit neuem Tupfer und Klebestreifen versorgte und kopfschüttelnd die Bettdecke abzog. Heimlich schielte er zu seinem Bettnachbarn und sah einen alten Hasen vor sich hin grinsen.

Wie konnte ihm so etwas Blödes nur passieren? Marvin überlegte schon, ob er das Ganze nicht seinem Gehirntumor zuschieben könnte, von dem er eigentlich nichts spürte.

Als Schwester Sabine mit dem alten Bettzeug schon in der Tür stand, sagte sie leise: »Na – dann gehen Sie mal zur Toilette. Nicht, dass das auch noch daneben geht.«

Dann verschwand sie und Marvin konnte wetten, sie berichtete auf direktem Weg sämtlichen Krankenhausangestellten der Station von diesem bescheuerten neuen Patienten. Er bekam jetzt schon Angst davor, er könnte irgendwann einmal ins Bett machen.

Bald darauf bekam er neue Bettwäsche und die Oberärztin legte eine neue Nadel, diesmal in den rechten Arm. Sie erklärte ihm, dass man Infusionen eigentlich nur abstöpselt und nicht jedes Mal herauszieht, da man sonst ja immer wieder neu stechen müsste, was übrigens nur ein Arzt dürfte und somit zeitaufwendig wäre. Klar, meinte Marvin, und er erwähnte, dass er sich heute gar nicht wohlfühlte, irgendwie durcheinander. Das hätte er in letzter Zeit zu Hause häufiger gehabt, da hatte er zum Beispiel Kaffee ohne Filter in die Kaffeemaschine geschüttet und so fort … und er hatte sich schon gestern gefragt, ob das nicht mit der Erkrankung zusammenhängen könnte.

Die Ärztin antwortete nicht, fragte aber, wie er sich ansonsten fühle, ob er Übelkeit verspüre.

»Ein wenig, aber es geht schon.«

Marvin wusste, sein Unwohlsein stammte im Moment einzig von dem Gefühl, sich blamiert zu haben.

Der Feind im Nachbarbett sagte den ganzen Tag lang nichts mehr. Stattdessen schaltete er ständig den gemeinsamen Fernseher um, genau immer dann, wenn Marvin sich gerade für den einen oder anderen Beitrag zu interessieren begann. Er schwieg dazu und fragte sich wieder einmal, wozu er diese teure Privatversicherung zahlte.

Abends stöpselten sie ihn von der Infusion ab. Noch später kam Lisa. Sie hetzte zur Tür herein, trug ihren Blazer über einem Arm und ihre große rote Ledertasche auf der anderen Seite. Mit einem angedeuteten Kuss auf beide Wangen begrüßte sie ihn, warf dabei ihren Zopf von der Schulter nach hinten. Dann zog sie sich umständlich den Besucherstuhl an das Bett. Unter ihren hektischen Bewegungen wirbelte ihr Pferdeschwanz hin und her und einmal peitschte er fast in Marvins Gesicht. Am liebsten hätte er ihn festgehalten und seine Nase in ihre weichen Locken vergraben.

Sie fing an, in ihrer Tasche zu kramen.

»Entschuldige, ich bin spät. In dieser verdammten Stadt steht man jeden Tag im Stau – du kennst das ja. Der gesamte Cityring stand still. Nichts ging mehr.«

Über Staus und Verkehr überhaupt konnte sich Lisa stets maßlos aufregen. Trotzdem hatte sie heute extra an einem Kiosk gehalten, um ihm etwas zu Lesen mitzubringen. Es überraschte ihn, doch nach einem Blick auf die dicke Lektüre, die sie ihm überreichte, konnte er sein Missfallen nicht verbergen. Marvin zog die Stirn kraus.

»Ein Rätselheft?«

Typisch Lisa, dachte er und erinnerte sich an die flüchtig gekauften Rätselhefte, mit denen sie ihrer Großmutter bei ihren Besuchen eine Freude machen wollte.

»Schon mal was von Gehirnjogging gehört?«, entgegnete sie angespannt.

Gehirnjogging! Er schmunzelte.

»Lisa, mal ehrlich – wer sollte sich mit diesen einfachen Denkspielen geistig fit halten? Ein bisschen mehr intellektuelles Niveau würde nicht schaden. Hältst du mich für einen senilen Mann?«

»Dass du immer alles so überbewerten musst! Du musst dich, krank, wie du bist, nicht auch noch mit hochgestochener, todernster Literatur befassen. Reine Unterhaltung würde dir jetzt wirklich mal guttun!«

Marvin legte das Omaheft nachsichtig lächelnd in den Nachtschrank – und zwar ganz nach unten; ziemlich sicher, es nie zu benutzen.

»Ist ja schon gut. Danke, dass du noch gekommen bist.«

»Nichts ist gut!« Sie war schrecklich gereizt. Ihre Stimme klang hoch und schnell. »Du bist hier im Krankenhaus. Das ist kein Ort, schon wieder den Intellektuellen heraushängen zu lassen!«

Das schadenfrohe Grinsen seines Bettnachbarn bei den letzten Worten entging Marvin aus dem Augenwinkel nicht. Er durfte wohl nicht annehmen, dass dieser Kerl das Zimmer von sich aus pietätvoll verlassen würde, um mögliche intime Gespräche zwischen ihm und Lisa nicht unbeabsichtigt mitzubekommen. Stattdessen lag der Schnarchsack jetzt mit seinem breiten Gesicht Marvins Bett offen zugewandt und freute sich auf interessante Wortgefechte.

»Gibt es nichts im Fernsehen, das Sie interessiert?«, fragte Marvin wenig freundlich.

Schnarchsack verzog den Mund, aber scheinbar hatte er verstanden. Er setzte sich auf, fummelte ungeschickt mit den Füßen in seinen ausgelatschten karierten Schlupfpantoffeln herum, verstaute auch den letzten Zeh darin und stand schließlich so schwerfällig auf, als erwartete er, dass man ihm zu Hilfe käme. Sie halfen ihm nicht. Mit bitterer Miene nahm er also seinen Morgenmantel vom Fußende des Bettes, zog ihn gemächlich an und setzte sich nervenzehrend langsam in Bewegung. Wortlos schlurfte er an ihnen vorbei und verließ tatsächlich den Raum.

»Da hast du es!«, sagte Lisa, in Richtung Tür blickend. »Deinen Leidensgenossen hast du bereits vergrault.«

»Wieso Leidensgenosse? Ich weiß ja gar nicht, was der hat.«

»Du hast ihn nicht gefragt, warum er hier ist?«

Lisa schüttelte den Kopf. Dann begann sie, ihren Tag zu schildern. Sie erzählte von einer Auseinandersetzung auf einem Meeting in der Firma, von ihrem peinlichen Verschlucken in Gegenwart ihrer auswärtigen Besucher während der Mittagspause im Restaurant und von ihrem chaotischen Heimweg.

»Ich bin fix und fertig!«

Sie redete lange, aber schnell; so, wie alles in ihrem Leben schnell gehen musste. Als sie gerade pausierte, setzte Marvin an, um über seinen Tag im Krankenhaus zu berichten. Doch Lisa stand schon wieder auf. Fahrig durchwühlte sie ihre Tasche, bis sie den Autoschlüssel aus den Tiefen des Futterals bergen konnte.

»Hörst du mir gar nicht zu?«, fragte er.

»Entschuldige! Ich bin todmüde und würde lieber Morgen wieder kommen, wenn das in Ordnung ist. Hier bist du ja gut aufgehoben. Bis morgen, Schatz.«

Diesmal bekam er einen Kuss auf die Stirn geschmatzt und schon verschwand sie. Was blieb, war wieder nur ein süßer Duft und so viel Unberichtetes von seinem ersten Tag im Krankenhaus. Zwei Minuten später latschte Schnarchsack zurück ins Zimmer und legte sich hin. Marvin sah ihm nicht ins Gesicht, aber er fragte sich nun, weshalb der Kerl wohl hier war.

– 3 –

Am nächsten Morgen wurde Marvin um sieben Uhr von drei lebhaften Krankenschwestern überfallen. Kaum, dass er vom Schlaf zu Bewusstsein gelangt war, maß die eine ihm Blutdruck am linken und die andere den Puls am rechten Arm. Die Dritte fuhr eine Waage ins Zimmer, die aussah wie ein Rollstuhl. Dann drängten sie ihn aus dem Bett. Marvin schnappte sich schnell noch seinen Morgenmantel und ließ sich auf den Sitz der Waage fallen. Währenddessen wurde sein Bettzeug geschüttelt und geglättet, sein Nachttisch flüchtig abgewischt, ein neues Glas und eine Flasche Mineralwasser darauf gestellt, sein Gewicht gemessen. Dann zogen sie die Waage unter seinem Hintern weg – und nachdem das Ganze mit seinem Nachbarn genauso passiert war, verschwand der Spuk und die Stille eroberte den Raum zurück.

Noch immer ganz benommen schlich Marvin zurück ins Bett. Jetzt erst bemerkte er aus den Untiefen seines schlaftrunkenen Geistes, dass er sich gar nicht wohlfühlte. Also nun doch die angedrohte Übelkeit? Schon spürte er Brechreiz in sich aufsteigen. Marvin entschied sich, lieber ein Glas des frischen Mineralwassers zu trinken, sich auf die Seite zu legen und die Decke wie ein Kind über die Ohren zu ziehen. Dann schloss er die Lider. Vielleicht könnte er die Übelkeit ja einfach verschlafen.

Nach ein paar heftigen Drehungen im Bett hielt er es nicht mehr aus. Er hastete barfuß zur Toilette, riss den Toilettendeckel auf und blieb gebeugt darüber stehen.

Ein unaufhaltsames Kribbeln erfüllte seine Wangentaschen, dann floss der Speichel quellartig in seinem Mund zusammen. Beim Versuch zu schlucken, würgte er das erste Mal. Erschrocken beugte er den Kopf tiefer. Liebe Güte, das letzte Mal, als er sich erbrochen hatte, war er ein Kind gewesen. Der Blick in die Kloschüssel tat dann das Übrige. Mit einem Schwall entleerte er sich fast vollständig, wässrig. Den Rest würgte er in kleinen Pfützen hinterher. Es schmeckte sauer.

Nur gut, dass er zuvor dieses Glas Wasser getrunken hatte. Marvin spülte sich am Waschbecken den Mund aus, inspizierte seinen Schlafanzug nach unangenehmen Spuren und bewegte sich räuspernd zurück zum Bett. Sein Magen drückte.

Noch bevor er das Bett erreichte, rannte er schon wieder los. Nochmals Erbrechen! Doch diesmal gab es nichts, was er hätte ausspeien können. Was für eine Qual! Er spuckte von sich, was er konnte. Entkräftet und diesmal gleichgültig gegenüber seiner Kleidung schleppte er sich aus dem Bad. Aber bereits nach wenigen Schritten zwang ihn sein Körper erneut zurück.

So verging sein Vormittag. Erschöpftes Liegen, aufstehen, zum Klo rennen – erbrechen und wieder hinlegen. Es war ein ständiges Loslaufen, ein Kreislauf zwischen Trinken und Erbrechen. Die Schwestern brachten Brechschalen und Getränke.

Schließlich ließ ihn der ungestillte Würgereiz in die Knie gehen und die fremde Kloschüssel umarmen. Es war ihm völlig egal. Er wollte sich vom Boden hochstemmen und etwas Wasser aus dem Kran nehmen. Aber seine Beine schafften es nicht mehr. Marvin würgte, bis die Rippen schmerzten, und so lange, bis er vor Entkräftung zur Ruhe kam.

Irgendwann spürte er von hinten Hände unter seinen Achseln und sah das Gesicht einer blonden Krankenschwester vor sich. Man hievte ihn zu zweit auf einen fahrbaren Toilettenstuhl und von diesem zurück auf sein Bett. Zu seiner Verwunderung gehörten die helfenden Hände unter den Achseln seinem Bettnachbarn, dem die körperliche Anstrengung einen schnaufenden, hochroten Kopf bescherte. Marvin versuchte, einen dankbaren Blick auf ihn zu richten.

Wenig später schloss die Ärztin ihn wieder an einen Tropf an.

»Gegen die Übelkeit!«, sagte sie sachlich. »Bis später!«

Damit ließ sie ihn für den Rest des Tages im Krankenbett zurück, mit trockenen Lippen und einem Geschmack von Saurem im Mund. Nun kamen Stunde für Stunde Schwestern, um seinen Arm mit der Blutdruckmanschette zu zerquetschen. Er nahm es hin. Die Medikamente aus dem Tropf ließen ihn nahezu gedankenlos vor sich hin dösen. Das Einzige, was ihm nun zwischen Schlafen und Dösen in den Sinn kam, war, dass man also auch so einen Tag kostbarer Lebenszeit zubringen konnte. Vielleicht war auch Lisa abends da. Ihr Gesicht jedenfalls sah er vor sich, bevor er wieder einschlief.

Am nächsten Vormittag erwachte Marvin aus seiner gefühllosen Ruhe. Die Welt erhielt seinen Geist zurück, nicht von der üblichen Schwere zwar, aber in einer Leichtigkeit, die der eines normalen morgendlichen Erwachens glich. Ungebeten meldete sich bald der von den Medikamenten unterdrückte Brechreiz zurück; nicht so stark wie gestern, jedoch schlummernd und bereit, durch eine passende Gelegenheit geweckt zu werden. Marvin versuchte ihn zu vergessen und kramte lustlos in seinem Bettschrank herum. Lauter Mist und nichts Richtiges zum Lesen! Er ließ es sein und starrte unbeweglich auf das Gelb seiner Bettdecke. Was, wenn er den Rest seines Lebens mit Übelkeit verbringen musste? Man müsste eine Wahl haben, dachte er sich. Eine Wahl, solche Tage ganz an das Ende des Lebens zu hängen und sie bei Bedarf ersatzlos zu streichen. Doch – hätte man ihn gestern noch vor die Wahl gestellt – hätte er diesen Tag wirklich so schnell aufgegeben? Er sah sich um. Die Sonne schien hell und freundlich durch das Fenster. Heute ging es ihm doch schon wieder besser! Die Übelkeit hielt sich in Grenzen und von dem Ding in seinem Kopf spürte er nichts. Nein – das Leben war ihm noch viel zu kostbar, als dass er nach einem einzigen schlechten Tag die Hoffnung bereits aufgeben wollte. Sein Magen war da, was man ja eigentlich nicht spüren sollte, aber nun gut. Mehr war es auch nicht. Das Leben hatte ihn zurück.

Bald war es Essenszeit. Schülerin Elke brachte je ein Tablett für den Herrn aus dem Nachbarbett und eins für Marvin. Er beobachtete sie, während sie ihre Arbeit verrichtete. Eilig kam sie zu seinem Nachtschrank und stellte das Tablett darauf ab. Auf der hellen Haut ihrer Unterarme entdeckte er unzählige Sommersprossen und wie die letzten Male, wenn sie das Zimmer betrat, schmückte ein mitreißendes Lächeln ihr Gesicht. Marvin fand es unwiderstehlich. Mit Schwung hob sie diese Art unappetitliche Edelstahlhaube vom Teller, die wohl in jedem Krankenhaus der Welt das Essen warm hielt. Diese Hauben, die niemals frei von Fettfingern waren, schienen ihm nur dazu da, die dargebotene Großküchenspeise verschämt zu verstecken.

Überraschung! Eine Suppe und weißes Brot.

»Na, Herr Abel. Was halten Sie davon?«

Marvin warf einen Blick auf die grünliche Brühe. Allein die einzeln darin schwimmenden Gemüsebröckchen erinnerten ihn an seine Übelkeit von gestern. Er winkte ab.

»Nehmen Sie wenigstens etwas Brot!«

Sie spielte ein extra trauriges Gesicht.

»Mir wird schon schlecht, wenn ich daran denke!«, sagte er und fügte schnell hinzu: »Nicht, wenn ich an Sie denke, natürlich. Wo Sie auftauchen, scheint sicher immer die Sonne.«

Elke lachte, herzlich und ein bisschen geniert. Auf seine Schmeichelei ging sie aber nicht wie gehofft ein, sondern klemmte das Tablett zwischen Arm und Brustkorb ein und mahnte mit erhobenem Zeigefinger: »Sie müssen aber viel trinken. Das ist ein ärztlicher Befehl! Vielleicht mögen Sie ja gleich noch essen.«

Suppenteller und Brot ließ sie auf seinem Schränkchen zurück.

»Solche Strenge passt aber gar nicht zu einer so hübschen Frau!«, charmierte er hinter ihr her. Sie überging es lächelnd. Es machte immer noch Spaß, ein wenig zu schäkern, trotz seines Unwohlseins.

Kaum war sie draußen, stichelte sein Nachbar: »Na – uns geht's ja wieder besser!«

Sein Zimmergenosse, selbst Mann und ebenfalls wohl noch nicht krank genug, durchschaute sein Flirtspiel natürlich.

»Es gibt Körperteile, die sterben zuletzt.«

Chauvinistisch schmunzelten sie beide.

Ja, es ging ihm heute wieder gut genug, um sich als Mann zu fühlen. Aber insgeheim fürchtete Marvin zum ersten Mal in seinem Leben, dass es ihm eines Tages egal sein könnte, wie eine junge hübsche Frau über ihn dachte. War es nicht gestern schon so gewesen, als sie ihn ins Bett gehievt hatten? War Krankheit nicht schrecklich unerotisch, ein zerfallender Körper unattraktiv, ein gelähmter Geist reizlos? Vielleicht erinnerte Solches ja an das Ende des Betrachters selbst, weshalb man es nicht mit ansehen mochte. Oder aber, es war ein Zwangsgedanke im Sinne der Evolution.

Marvin hielt es jedenfalls für ein gutes Zeichen, sein Bedürfnis zu schäkern noch nicht verloren zu haben. Er lehnte sich zurück und dachte an zärtliche Stunden mit Lisa. Sie waren ausnahmslos schön gewesen. Nur öfter hätte es sein können, für ihn jedenfalls. Ob es stimmte, dass ein Mann alle paar Minuten an Erotik dachte, wie manche sagten? Er sah sich nicht als Sexprotz. Dennoch war es für ihn kein Problem, von einem Moment zum anderen an Sex zu denken. Selbst, wenn er sich am Arbeitsplatz mit einer schwierigen Fragestellung beschäftigte, fiel es ihm ohne Übergang leicht, sich zwischendurch auf die warmen Schenkel seiner Frau am Abend zu freuen. In seinem Fall sollten sie wohl recht behalten, die Forscher, welche behaupteten, dem Mann gingen im Laufe der Evolution die Instinkte nicht verloren. Wie ein dauerbrünstiger Eber würde er seine Gene verteilen, wenn ihn nicht die Treue an seine geliebte Lisa knüpfte.

Die Gedanken angefüllt mit Ebern und Frauen, träumte sich Marvin – mehr oder weniger sitzend – über den Mittag hinweg.

– 4 –

Ein Nickerchen später stand plötzlich Besuch vor seinem Bett. Das Klopfen an der Tür war ihm entgangen, doch das laute »Herein!« seines Bettnachbarn – Marvin vermied es neuerdings, ihn gedanklich Schnarchsack zu nennen – riss ihn aus seinem Tagschlaf. Er brauchte eine Weile, bis er seinen Bruder erkannte. Der hielt Blumen in der Hand – so, wie man eine Bierflasche in der Hand hielt – und beim Grüßen schwang er sie achtlos hoch und runter. Ein paar der zarten Blütenblätter schlugen gegen das Bettende und rissen ab. Sein kleiner Bruder Bastian, im Gegensatz zu ihm groß, breitschultrig und laut, ragte wie ein Turm über der Bettkante auf und verdunkelte ihm, mitsamt seiner abgewetzten Lederjacke, die Sicht. Basti war keinesfalls dick, doch das Bett erschütterte unter dem Gewicht seines angelehnten Körpers.

»Hey! Was machst du denn für Sachen, Mensch? Ganz schön dünn bist du geworden!«

Marvin stemmte sich hoch, um aufrechter zu sitzen. Erfreulicherweise in der Zwischenzeit vom Tropf abgenommen, musste er wenigstens nicht mit diesem elenden Schlauch kämpfen.

»Tja, da habe ich auch nicht mit gerechnet. Ich nehme an, Lisa hat dir von diesem Tumor erzählt, den man zufällig in meinem Kopf gefunden hat. Es ist ein sogenanntes Glioblastom. Das ist so ein Tumor, der …«

»Da hast du ja voll die Scheiße am Hals!«

Marvin hielt inne. Für Scheiße am Hals fühlte er sich nicht locker genug gestimmt. Die übliche saloppe Ausdrucksweise seines Bruders schien ihm dieses Mal besonders unangebracht. Trotzdem sagte er nichts dazu. Basti würde es sowieso nicht verstehen. Was verstand der schon von Krankheit? Basti war jung und beneidenswert gesund, obwohl er rauchte. Ein Nachzügler und nach Vaters Tod hoffnungslos haltlos.

»Es ist ein besonders bösartiger Tumor, der …«

»Bekommst du jetzt eigentlich Chemo?«

Leute beim Erzählen zu unterbrechen, schien eine von Bastis hervorragenden Stärken und Zuhören eine seiner ganz großen Schwächen. Resigniert verkniff sich Marvin eine Antwort. Er entschied sich, abzulenken.

»Was hast du denn da Schönes mitgebracht?«

»Ach ja, Blumen. Macht man doch so bei Krankenbesuchen! Du darfst hier doch Blumen haben, oder?«

»Sollten sie nicht in eine Vase, bevor sie vertrocknen?«

»Ja, klar! Weißt du, wo welche stehen?«

Marvin verwies ihn nach draußen. Es würde ihm ein paar Minuten der Ruhe zurückbringen, die er zuvor, wie er jetzt wusste, nicht ausreichend genossen hatte. Doch die Erholungspause dauerte nur kurz. Als Basti wieder hereinkam, hielt er ein gläsernes Gefäß in der Hand, das nur sehr entfernt einer Vase glich.

»Was ist das denn?«

Marvin konnte kaum glauben, was er sah.

»Eine Vase! Wieso?«

»Das ist keine Vase, das ist eine Urinflasche!«

»Echt? Ach, wenn schon!«

Kurzerhand ging Basti ins Bad, füllte die Flasche mit Wasser und komponierte den bunten Supermarktstrauß zu einem formlosen Bündel. Das fertige Arrangement stellte er Marvin neben den Suppenteller auf den Nachtschrank.

»Basti! Das ist ekelhaft!«

»Stell dich nicht so an – die ist doch desinfiziert. Diese Flasche ist wahrscheinlich sauberer als dein Teller da. Was hast du da eigentlich drin?«

»Suppe!«

»Und warum isst du sie nicht?«

»Mir ist übel! Seit einer Minute wieder verstärkt.«

»Das tut mir leid. Darf ich?«

Sein Bruder verschmähte tatsächlich das Krankenhausessen nicht. Dieser große Kerl, immer hungrig und dennoch nie mit auch nur einem Kilo zu viel auf den Rippen, verarbeitete stets alles, was er aß, in Muskelmasse.

Glücklicherweise holte sich Basti Teller und Brot an den Besuchertisch, der etwas weiter von Marvins Bett entfernt stand. So brauchte er nicht jeden seiner Löffel im Detail mit ansehen. Nur der Geruch von Salzigem ließ sich nicht vermeiden und erfüllte den Raum.

Während Basti die grünliche Bröckchensuppe schlürfte, erzählte er von seinem Besuch bei Lisa: »Hab’ ich dir schon erzählt, was die Katze bei euch zu Hause angestellt hat? Ich ließ das Vieh kurz raus, in den Garten. Weißt du, was passiert ist? Sie kam herein und kotzte. Mitten auf den Wohnzimmerteppich! Das wäre ja auch noch nichts Besonderes gewesen, aber plötzlich lag da das durchgekaute Vorderteil einer Maus vor mir auf dem Boden. Ich dachte, mir kommt gleich alles hoch! Vor allem verschwand die Tigerin sofort wieder und ich weiß bis jetzt nicht, wohin sie das Hinterteil ausgewürgt hat! Wenn Lisa also irgendwann was Ekeliges riecht in eurem Haus, wisst ihr, woran es liegt.«

Marvin schluckte. Dank dieser ausführlichen Beschreibung zerbröckelte seine Selbstbeherrschung endgültig. In Gedenken an eine zerteilte graue Maus, deren Hinterteil irgendwo in seinem Hause verweste – vielleicht sogar unter seinem Bett – erbrach sich die zurückgehaltene Übelkeit innerhalb von Sekunden über Marvin. Er schaffte es gerade noch bis zur Toilette.

Bastian stand betroffen im Zimmer, als er eine viertel Stunde später aus dem Bad zurückkehrte.

»Mensch – du bist aber empfindlich!«

Marvin legte sich wieder ins Bett und wischte mit einem Taschentuch den Schweiß aus seinem Gesicht, der wie ein feuchter Lappen auf seiner Haut lag. Ein ekeliger Geschmack verbreitete sich in seinem Mund, gerade so, als hätte er auf Metall herumgelutscht.

»Lass mal – das ist die Chemo. Was wolltest du eigentlich bei Lisa?«

»Ach, nichts weiter. Ich habe sie etwas gefragt. Aber ich denke, ich hätte gleich dich fragen sollen.«

Ordnungsgemäß stülpte sein Bruder die Haube über den leeren Suppenteller. Marvin konnte also auf eine allmähliche Eliminierung des Essensgeruchs im Zimmer hoffen.

Während Basti jetzt stückchenweise krümelnd das Weißbrot in Angriff nahm, begann er – schweigend, wie es sonst nicht seine Art war – in dem engen Raum auf und ab zu gehen, was bei seinen langen Beinen nur wenige Schritte ausmachte. An allem, was ihm dabei auffiel, fingerte er eine Weile herum: An dem kleinen schwarzen Kreuz, das über dem Tisch an der Wand hing, an Marvins Morgenmantel, der über der Lehne des Besucherstuhls lag, am Bettgestell des inzwischen eingeschlafenen Nachbarn, an dem nach oben gehängten Schlauch des Tropfs. Alleine ihm zuzusehen, machte Marvin nervös.

Dass Basti nichts sagte und unterdessen jeden Augenkontakt vermied, kam ihm verdächtig vor. Um was druckste sein Bruder da herum? Marvin wartete noch ein paar Minuten der angefüllten Stille im Raum ab. Man hörte das leise Schnarchen des Nachbarn, Bastis Schritte, seinen Atem, die reibenden Geräusche der Kleidung, während er sich bewegte, sein Gefummel an sämtlichen Gegenständen … schließlich hielt Marvin es nicht mehr aus.

»Also raus damit – was wolltest du mich fragen?«

Basti sah nur kurz zu ihm herüber, fast schon erschrocken. Dann schlenderte er langsam zum Bett. Er sprach leiser als sonst.

»Ich wollte dich fragen, ob du mir etwas Geld leihst.«

Deshalb war er also hier! Eigentlich hatte Marvin den Besuch seines Bruders auch sehr viel später erwartet und nicht gleich am dritten Tag seines Krankenhausaufenthaltes – und schon gar nicht mit Blumen.

»Lisa hat also Nein gesagt?«

»Du weißt, sie kann mich nicht leiden!«

»So weit ich mich erinnere, nanntest du sie einmal Blödchen!«

»Ich brauche das Geld. Es ist dringend. Ich brauche es auch nur kurz … nur ein paar Tage lang!«

Stille.

Bastis Stimme bekam nun einen flehenden Tonfall. »Marvin – sag' doch was!«

»Wozu brauchst du es? Und wie viel soll es überhaupt sein?«

Jetzt rang Basti vor Marvins Bett mit den Fingern; wortlos eine Weile, schließlich wagte er sich.

»Vierzigtausend!«

»Was? Vierzigtausend? Basti!«

Vor Entsetzen saß Marvin plötzlich kerzengerade im Bett, selbst erstaunt, heute noch zu solchem Kraftaufwand fähig zu sein. Von der ungewohnt schnellen Bewegung wurde ihm sogleich schwindelig. Er wusste für einen Augenblick nicht, in welcher Position sich sein Körper befand, weil er den Kontakt mit dem Bett nicht mehr spürte. Schnell tastete er nach dem Bettrahmen. Als er sich gefasst hatte, warf Marvin einen Blick auf seinen Mitpatienten, denn er war beim letzten Satz unbeabsichtigt laut geworden. Zum Glück aber schien dieser zu schlafen, zumindest tat er so. Marvin wollte flüstern, doch in seiner Aufregung zischte er.

»Basti – wozu brauchst du das Geld? Du bekommst gar nichts, wenn du mir nicht sofort die Wahrheit sagst.«

Auch Basti zischte, weil er es nicht schaffte, leise zu reden.

»Oh Mann! Es ist für Mutter! Sie hat mir ihr Geld überwiesen, damit nicht alles auf ihrem Konto liegt. Du weißt schon, falls sie mal ins Pflegeheim muss. Die will das jetzt plötzlich alles zurück! Sie will es sehen … richtig ansehen, verstehst du. Ich weiß auch nicht, warum. Sie besteht darauf, es in den Fingern zu haben.«

»Dann lass sie doch. Zeig ihr den Kontoauszug! Oder geh mit ihr zur Bank und lass es dort bestätigen. Das wird sie doch wohl noch verstehen.«

»Das reicht ihr aber nicht – sie will es fühlen und zählen. Du kennst sie doch!«

Marvin begann, etwas zu ahnen.

»Du hast das Geld nicht mehr, stimmt's?«

Mit Augen voll gespielter Unschuld blickte Basti ihn an.

»Wie kommst du darauf? Ich sagte nicht, dass es nicht mehr da ist!«

»Und wo ist dann das Problem?«

Marvin wurde ungeduldig. Es war immer das Gleiche mit seinem Bruder. Zuerst musste er alles abstreiten, obwohl selbst der Dümmste ihn durchschauen konnte. Wie bei einem Kind, welches mit einem Ball in der Hand vor den Scherben eines Fensters stand und behauptete, es sei nicht schuld an dem Loch in der Scheibe.

»Ich hatte es gut angelegt. Es war ein todsicherer Tipp.«

»Basti – es war nicht dein Geld! Ist dir klar, wie lange sie gespart hat, um auf diese Summe zu kommen?«

»Klar, dir wäre das natürlich nicht passiert! Der große edle Bruder – Moralapostel voller Vernunft! Der Klugscheißer, der immer alles richtig macht und immer nur Erfolg hat!«

Das Geheimnis bewahrende Zischen Bastis wich einer Lautstärke, die selbst im Flur zu hören war. Schließlich schlug er mit beiden Händen so heftig gegen das Bettgestell, dass sich die Vibrationen des Rahmens von Marvins Beinen über das Gesäß, bis zu seinem Kopf ausbreiteten.

»Ich muss es ihr nur einmal zeigen, damit sie sieht, dass es noch da ist. Danach kannst du es zurückhaben, wenn du unbedingt willst! Du brauchst das Geld doch nicht mehr! Und Lisa? Sei mal ehrlich! Braucht sie wirklich so viel?«

Marvin erstarrte, während er zuhörte, so kerzengerade, wie er sich eben hochgerissen hatte. »Wieso meinst du, dass ich es nicht mehr brauche?«

Basti kratzte sich aufgewühlt am Kopf, der langsam rot wurde. »Darum geht es doch gar nicht! Ich meine – ich kann nichts dafür, dass das Geld weg ist. Du wirst es wiederbekommen, Cent für Cent.«

»Was glaubst du eigentlich, wozu ich hier im Krankenhaus liege und diese widerliche Chemotherapie mache? Nur so aus Spaß? Ich hänge hier über dem Klo und kotze mir die Eingeweide aus dem Hals! Eine einzige dieser Infusionen kostet tausenddreihundert Euro! Meinst du ernsthaft, ich oder die Ärzte würden das machen, wenn es da keine Hoffnung gäbe?«

Kopfschüttelnd, als wollte er Marvins Worte aus seinen Ohren schleudern, umkrallte Basti das Bettgestell. »Ich sagte doch, darum geht es nicht!«

»Du tust, als sei ich ein hoffnungsloser Fall! Ist dir nicht klar, was du da sagst?«

»So habe ich es nicht gemeint!«

»Aber so hast du es gesagt!«

Wieder schüttelte Basti den Kopf. Er ließ das Bettgestell los, hielt sich beide Hände vor die Augen und begann, wie ein kindlicher Trotzkopf zu klagen: »Nein, nein, nein! Du verstehst mich falsch!«, kam es unter seinen Händen hervor. Und wieder: »Nein, nein, nein!« Als wäre sein Bruder zu begriffsstutzig, ihn zu verstehen.

Marvin sank ins Kissen zurück.

»Vierzigtausend Euro! Basti – das ist so viel Geld … ich kann nicht glauben, dass du Mutters Geld verbraten hast!«

Basti nahm die Hände runter und ließ sich auf den Stuhl fallen. Feuchte rote Augen kamen zum Vorschein. »Ich habe es nicht so gemeint, echt!«

»Feuchte Augen … nur wegen des Geldes?«, fragte Marvin.

Schniefend wischte Basti mit Lederärmel und nackter Hand durch sein Gesicht.

»Weshalb sonst?«, sagte er dabei, kaum hörbar.

Dann stand er wieder auf und ging zum Fenster. Wehmütig ließ er den Blick nach draußen schweifen.

»Das Leben ist wertlos, nicht wahr? Ich meine, wozu soll es gut sein? Erst ist da nichts, dann ein Leben, dann wieder nichts.«

Gequält blickte er sich um. »Sag mir, wozu war dein Leben gut?«

»Es ist noch nicht Zeit für mich, Resümee zu ziehen!«

»Aber, Lisa … sie sagte etwas von … nur ein paar …«

»Ein paar … was?«

»Sie war in Tränen aufgelöst. Es klang, ehrlich gesagt, nicht so, als wenn es viel Hoffnung …«

Marvin hielt den Atem an, bei dem, was Basti sagte. So unterhielt man sich also über ihn.

»Ich bin nicht hier, um zu sterben, Basti! Ich werde diese beschissene Chemotherapie durchstehen und du wirst sehen, ich werde gewinnen! Ich habe noch nie einen wichtigen Kampf verloren!«

Basti presste die Lippen zusammen. »Das will ich gerne glauben.« Seine Stimme zitterte. »Das Wichtigste im Leben sind doch die Beziehungen zu anderen Menschen. Und was mache ich nur, ohne meinen großen Bruder?«

»Ist schon gut«, flüsterte Marvin.

Sie verstummten.

Es blieb noch lange still im Raum. Schließlich hob Basti seine verschmierte Rechte wie zum Indianergruß und ging langsamen Schrittes zur Tür. Dort blieb er stehen, die Klinke bereits in der Hand.

»Du gibst mir das Geld also nicht?«

Fast schon lächelte er.

»Ich weiß es noch nicht.«

»Wann wirst du es wissen? Noch in diesem Leben?«

Er war kein guter Schauspieler.

»Geh jetzt!«, sagte Marvin.

– 5 –

Mit der Wange in sein Kissen gegraben, betrachtete Marvin die mit Blumen geschmückte Urinflasche. Ihre Köpfe, durch den Knick der Flasche dazu gezwungen, schräg zu stehen, blickten ihn vorwurfsvoll an.

Seinem Bruder das Geld für kurze Zeit auszuleihen, war kein Problem für Marvin. Vermutlich würde er seiner alten Mutter damit eine bittere Enttäuschung ersparen und ihn aus herben Schwierigkeiten erlösen. Kaum wahrscheinlich, dass Basti, als Gelegenheitsarbeiter, die Summe je wieder zusammenbekommen würde. Schenken müsste er es ihm. Auch das bedeutete kein wirkliches Problem für Marvin – nur Überwindung. An Geld hatte es nach dem Studium in seinem Leben nie gemangelt.

Basti aber mit ungewohnt feuchten Augen zu sehen, berührte ihn da, wo die Verwunderung aufhörte und das Mitgefühl begann. Er war wohl doch nicht nur gekommen, um Marvin schnell noch um Geld anzubetteln. Nur nicht zugeben, dass er heulen musste! Das Wichtigste im Leben sind die Beziehungen zu anderen Menschen, hatte Basti gesagt. So viel Tiefsinn aus seinem Mund verwunderte Marvin. Sicher hatte er es irgendwo gelesen. Oder konnte es sein, dass Marvin diesen Tiefsinn in Basti’s Charakter schlicht übersehen hatte? Noch nie hatte er seinen Bruder so von Gefühlen reden hören. Oder doch? Verplappert hatte er sich, sein Bruder. Verplappert über sein Gespräch mit Lisa.

Marvin fühlte sich hintergangen. Wieso tuschelten sie hinter seinem Rücken? Sie glaubten also nicht mehr an ihn und seine Zukunft. Da kannten sie ihn aber schlecht! Nein – es war noch nicht Zeit für ihn, zu gehen! Das bedeutete Kampf! Und kämpfen konnte er! Versager sollte nicht in seinem Nachruf stehen. Schließlich brauchte er noch viel Zeit, um aus Basti einen lebensfähigen Mann zu machen – sehr viel Zeit.

Sein Bettnachbar erwachte unterdessen aus seinem echten oder vorgetäuschten Schlaf und begann in seinem Bett herumzuwühlen, bis er endlich eine passende Position zum Sitzen fand. Jede seiner Bewegungen begleitete er mit beschwerlichen Seufzern. Aber jetzt saß er endlich und Marvin bemerkte, er beobachtete ihn, genau wie er selbst, aus dem Augenwinkel heraus.

»Soll ich Ihnen einen guten Rat geben? Gehen Sie nach Hause! Empfangen Sie keine Besucher! Sterben Sie in Frieden!«

Marvin riss den Kopf herum. Unglaublich!

»Ich habe eigentlich vor, zu kämpfen. Ich sehe mein Leben noch nicht als beendet an!«

Sein Gegenüber ließ sich von Marvins Kampfeswillen nicht beeindrucken.

»Wie viele Wochen oder Monate haben Ihnen die Ärzte denn gegeben? Oder hat man Ihnen gar ein ganzes Jahr versprochen?«

Wie konnte dieser Mann so niederschmetternd mit ihm reden? Und offensichtlich war sein Schlaf vorhin wohl doch nur vorgetäuscht gewesen.

»Kein Arzt der Welt bestimmt, wie lange ich noch zu leben habe! Es kann ja sein, dass Sie aufgegeben haben. Ich jedenfalls gebe mich nicht so schnell geschlagen!«

Damit drehte sich Marvin auf die andere Seite und tat so, als sei die Sache für ihn erledigt. Doch sein Nachbar setzte das unerwünschte Gespräch weiter fort.

»Ja, ja, so ähnlich hat ihr Vorgänger auch geredet. Jetzt ist er tot! Er starb eher als ich und schneller als jeder Arzt prophezeite und überhaupt so schnell, dass es vielen Leuten recht war.«

Trotz des Vorsatzes, die Nervensäge zu ignorieren, regte sich Marvin weiter auf. Ruckartig wandte er sich wieder um.

»Was geht Sie eigentlich mein Leben an? Gar nichts! Wie würden Sie es finden, wenn ich Sie fragte, wann Sie eigentlich ins Gras beißen werden?«

So! Damit sollte wohl genug der Diskussion sein. Gleich bei der nächsten Visite wollte Marvin seine Ärztin fragen, wann er endlich sein Einzelzimmer bekommen konnte. Diese Zimmergemeinschaft war eine Zumutung! Er drehte sich wieder weg und wartete auf die nächste provokante Äußerung des Nachbarn. Doch es blieb ruhig. Endlich! Jetzt fiel dem Schnarchsack wohl nichts mehr ein.

Die nächsten Minuten blieben still. Marvins Wut verflog langsam, seine Unruhe aber nicht. Was, wenn der Kerl recht behielt? Vielleicht gab es nichts zu kämpfen. Vielleicht war es Zeitverschwendung. Ein Kostenfaktor für die Krankenkasse. Ein Alibi für die letztlich machtlosen Ärzte.

»Ein halbes Jahr!«

Die plötzliche Stimme von hinten zerrte Marvin aus den Gedanken. Er setzte sich auf und fixierte den Mann im Nebenbett. Der lag auf dem Rücken, das Gesicht zur Decke gerichtet.

»Ein halbes Jahr haben Sie mir gegeben! Und jetzt sind bereits sieben Monate um.«

Sechs Monate waren nicht viel, dachte Marvin. Vor allem nicht, wenn sie bereits abgelaufen waren.

Der Nachbar blieb einfach auf dem Rücken liegen und starrte weiter an die Decke. Dass er schon seit einem Monat tot sein sollte, machte ihn für Marvin plötzlich ungemein interessant. Ein Mensch, am Ende seines Lebens. Zum ersten Mal machte er sich die Mühe, das Gesicht dieses Mannes näher zu betrachten. Es sah breit aus. So wie der ganze Mann breit und gedrungen aussah. Ein bisschen aufgedunsen, vielleicht von Medikamenten. Cortison? Die Nase ruhte auffallend platt mittendrin. Das Schnarchen verwunderte also nicht. Mit solchen Nasenlöchern konnte kein Mensch vernünftig Luft bekommen! Hinter einem sehr hohen Ansatz wuchsen die Haare gelblich-grau und dünn gesät aus seiner Kopfhaut. Möglicherweise war er früher einmal blond gewesen. Traurig wirkte seine Miene, aber nicht so verbittert, wie Marvin gemeint hatte. Seltsam … bisher hatte er seinen Mitpatienten noch nie als Kranken wahrgenommen. Todkrank zu sein, machte ihn jetzt tatsächlich zu einem Leidensgenossen. Nun beschämte es ihn fast, lautstark mit ihm gestritten zu haben.

»Woran sind Sie denn erkrankt, wenn ich fragen darf?«

»Lassen Sie uns nicht von mir sprechen. Reden wir von Ihrem Vorgänger in diesem Zimmer!«

Der stämmige Mann wurde plötzlich wieder lebendig. Er drehte sich auf die Seite und sah Marvin bedeutungsvoll an.

»Mein Name ist Frederik Schumann. Früher war ich Boxer!«, sagte er und deutete auf seine Nase.

Marvin legte sich auch auf die Seite, den Kopf auf den rechten Arm gestützt, um seinem Nachbarn bequem ins Gesicht zu schauen.

»Marvin Abel.«

Sie nickten sich zu und augenblicklich erschien Marvin der gesamte Raum ganz anders – wärmer, vertrauter, sei es bloß durch den Austausch ihrer Namen oder durch ihre sanfteren Stimmen.

»Und … was machen Sie heute?«, fragte Marvin.

Frederik grinste. »Ich erzähle Geschichten!«

Und dann begann er, zu erzählen. Dabei entwickelten seine Gesichtszüge eine erstaunliche Ausdrucksfähigkeit. Augen, Mund, Wangen und die wackelnden Bewegungen seines aufgestützten Kopfes begleiteten seine Worte. Er schien ein begeisterter Geschichtenerzähler zu sein.

»Ich erzähle mal von meinem Bettnachbarn André, der genau zwei Tage vor Ihrer Ankunft hier tot herausgeschoben wurde.«

Marvin hatte plötzlich Hemmungen, seinen Kopf abzulegen. Schon der Gedanke, genau an derselben Stelle zu liegen, an der jemand verstorben war, gruselte ihn.

»Als André hier eingeliefert wurde, kam er als stattlicher Bursche – ungefähr so kräftig wie Ihr Bruder vorhin. Ein Mann, der mitten im Leben stand, und es ging ihm nach eigenen Aussagen zu diesem Zeitpunkt gar nicht so schlecht. Man hatte einen Tumor bei ihm festgestellt. Doch André bereitete sich darauf vor, zu kämpfen. Und glauben Sie mir, er sah so aus, als ob er es schaffen könnte. Bereits am ersten Abend erhielt er jede Menge Besuch. Alles gute Freunde! Der Erste wollte Geld – aber das kennen Sie ja – der Zweite fragte danach, wie er in seinem Testament berücksichtigt werden würde und der Nächste wollte Andrés Auto behalten. Und so ging es weiter, Tag für Tag. Ich vermute, André war ziemlich vermögend. Es gab niemanden, der nicht irgendetwas von ihm wollte. Nach etwa drei Wochen war er genervt genug, jedem alles, was sie forderten, zu versprechen. Er machte sogar ein Testament, in dem er alles festhielt.«

Frederik legte eine Pause ein, als wollte er Marvins Reaktion auf das Erzählte prüfen. Dann nahm er einen Schluck Wasser und sprach weiter: »Aber André dachte nicht daran, zu sterben! Er kämpfte wirklich, nahm jede Anwendung wahr, schluckte jede Tablette, machte alles durch, was Sie jetzt auch durchmachen werden: Übelkeit, Schmerzen, Schwäche, Haarausfall, Hautausschlag. Alles das, um sein Leben zu verlängern. Zweimal verließ er das Krankenhaus, zweimal kam er wieder zurück. Beide Male streckten ihn nur die Nebenwirkungen der Medikamente nieder. Die Chemotherapie machte in kurzer Zeit einen hageren blassen Mann aus ihm. Doch bei einer Kontrolluntersuchung stellte man plötzlich keinen Tumor mehr in seinem Kopf fest. Wie durch Zauberei schien er verschwunden!«

Marvin horchte auf. »Der Tumor war verschwunden? Aber wie?«

Frederik erhob kurz seine Hand und sprach unbeirrt weiter.

»Passen Sie auf! Trotzdem erhielt André seine Zytostatika weiter. Man glaubte, die Medikamente hätten den Tumor vernichtet und man wollte nicht riskieren, durch einen Abbruch der Therapie einen Rückfall zu verursachen. André galt bei den Ärzten als echtes Wunder. Neurochirurgen aus anderen Kliniken kamen, um sein Hirn mit eigenen Augen zu begutachten. Man verglich die Aufnahmen seines Schädels mit den Kontrollaufnahmen und staunte. Seinen Freunden aber gefiel das gar nicht. Sie kamen weiterhin zahlreich und sahen, wie Tag für Tag sein Testament an Wert verlor. Eines Tages kam André von einer Untersuchung zurück und packte seine Sachen. Er schien verwirrt und auch wütend. Auf meine Frage hin vertraute er mir an, es gäbe den Verdacht, dass eine Verwechslung geschehen sei – einen Tumor in seinem Kopf hatte es niemals gegeben! Irgendein übermüdeter Assistent hatte seine Aufnahmen mit denen eines anderen Patienten verwechselt.

Das wird mein zweiter Geburtstag, sagte er zu mir. Morgen gehe ich nach Hause und mein erster Weg wird der zu meinem Rechtsanwalt sein. Ich werde dieses Krankenhaus verklagen, dass es sich gewaschen hat. Und am Abend werde ich eine Feier geben, auf der ich mein Testament vor aller Augen zerreiße.

So sprach er, dann holte André eine kleine Flasche Sekt aus seinem Morgenmantel, die er im Krankenhauskiosk gekauft hatte, und wir beide stießen mit Sekt in Wassergläsern auf seine Gesundheit an.«

Frederik stoppte. Es sollte wohl eine bedeutungsvolle Pause sein, die er einlegte, um seinen Zuhörer neugierig zu machen, denn er ließ sich Zeit. Erst einmal setzte er sich hin, nahm wieder einen Schluck Wasser, dann schmatzte und hustete er ein paar Mal. Danach wandte er sich wieder Marvin zu, während er seine Füße an der Bettkante herunterbaumeln ließ und sich mit den Händen aufstützte. Die Geschichte erhielt ein neues Kapitel.

»Was sage ich Ihnen? An dem Morgen, als er mit seinen gepackten Sachen das Krankenhaus verlassen wollte, fand ich André kalt in seinem Bett liegend. Genau dort, wo Sie jetzt liegen. Tot! Gestern noch plante er die größte Feier seines Lebens – und plötzlich war er tot; sein Gesicht schneeweiß, die Lippen blau und die Augen offen!«

Marvin staunte nicht schlecht. Frederiks Geschichte faszinierte ihn, obgleich er sie für unwahrscheinlich hielt.

»Und wie ging es weiter?«

»Die Ärzte behaupteten, er sei an seinem Tumor verstorben. Ein epileptischer Anfall hätte ihn im Schlaf überrascht. Von der Verwechslung seiner MRT-Unterlagen war keine Rede mehr. Wenn Sie mich fragen, ging das nicht mit rechten Dingen zu!«

»Sie meinen, er wurde ermordet?«

»Das habe ich nicht gesagt!«

»Aber was sagt die Polizei dazu?«

»Welche Polizei?«

»Es muss doch Polizei gekommen sein, nach dem er so unnatürlich gestorben ist.«

»Wieso unnatürlich? Die Ärzte sagten: Tod durch Gehirntumor. Wer sollte das anzweifeln? Und glauben Sie mir: Niemanden, der im Testament bedacht ist, interessiert die genaue Todesursache!«

»Eine verrückte Geschichte!«

Frederik nickte vielsagend mit dem Kopf. Er genoss sichtlich die Beachtung, die seine Geschichte fand.

Marvin sah den toten André bildlich vor sich. Ausgezehrt, totenbleich, mit aufgerissenen Augen, qualvoll erstickt!

Natürlich glaubte er Frederiks Geschichte nicht in jedem Detail. Dazu war sie zu unglaublich! Aber so im Grundsatz? Warum nicht? So etwas konnte man sich doch nicht komplett ausdenken. Wahrscheinlich schmückte Frederik die Ereignisse nur ein wenig aus. Mord – na ja, aber an eins wollte er in jedem Fall glauben: nämlich an das Verwechseln von Patientendaten. Er hatte schon immer an der Qualifikation von Arzthelfern gezweifelt. Sicher waren sie allesamt die billigsten Kräfte, die man auf dem Arbeitsmarkt bekommen konnte. Mal abgesehen von Schülerin Elke.

Marvin dachte an seine eigenen Beschwerden, die ihm gering genug erschienen, um ernsthafte Zweifel zu hegen. Schließlich gab es noch keine weitere Meinung von einem auswärtigen Spezialisten zu seiner Diagnose. Wie leichtsinnig von ihm! Womöglich war sein Vertrauen in die Ärzte vor Ort zu groß gewesen. Was wusste er schon über ihre fachlichen Qualitäten? Je länger Marvin darüber nachdachte, desto unsicherer erschien ihm die von ihnen gestellte Diagnose. Und jetzt lag er hier und erhielt bereits Chemotherapie! Nicht auszuschließen, er könnte allein durch die Nebenwirkungen sterben.

»Bekommen Sie auch Chemotherapie?«, fragte er zum anderen Bett hinüber.

Frederik warf ihm einen überraschten Blick zu. Für einen Moment sah es so aus, als wollte er nicht antworten. Doch dann winkte er verächtlich ab.

»Ich? Ich mache keine Chemotherapie! Warum sollte ich mich vergiften lassen? Nach all den Erlebnissen in diesem Krankenhaus? In den nächsten Tagen gehe ich nach Hause und lebe so, wie ich es immer getan habe. Und wer weiß, vielleicht bin ich ja auch gar nicht so krank, wie die Ärzte behaupten. Nichts ist sicher, nicht einmal der Tod.«

»Wollen Sie gar nicht kämpfen?«

»Ich werde es so nehmen, wie es kommt. Für wen oder was wollen Sie kämpfen?«

Marvin dachte an sich, an Basti, der noch immer nicht erwachsen war, an Lisa und seine Tochter Julia.

»Für meine Familie! Haben Sie niemanden zu Hause, der Sie erwartet?«

»Doch, meine Frau! Sie wird für mich da sein, sollte es wirklich so weit kommen … wenn ich sie nicht hätte …«

Plötzlich versagte Frederiks Stimme. Der grobe Mann schwächelte. Marvin ließ ihn.

Sehr viel später sprach er ihn noch einmal an: »Haben Sie Angst vor dem Tod, Frederik?«

Es dauerte lange, bis er antwortete.

»Mich ängstigt mehr das Sterben, als der Tod. Vor allem aber fürchte ich das, auf was ich nicht gefasst bin. Das, was mich überraschen wird.«

Sie redeten nicht weiter über das Thema und dieser Nachmittag verging sehr ruhig.

– 6 –

Als das Telefon klingelte, musste Marvin erst einmal realisieren, dass es das seine war, das läutete. Nach einigen unbeholfenen Körperdrehungen, die er vollführte, um der Richtungssuche nach dem Hören auch einen visuellen Hinweis zu geben, erkannte er endlich die Multifunktions-Fernbedienung neben seinem Kopfteil als Telefonhörer. Er meldete sich. Bereits die Stimme des Anrufers versetzte Marvin abrupt in den Alltag zurück. Es war sein Vorgesetzter, ein Mann vom Vorstand.

»Hallo? Sind Sie noch dran?«, quäkte es aus dem Hörer, als Marvin zögerte.

Der Mann am anderen Ende klang ungeduldig, so als hätte er zwischen zwei Terminen angerufen und eigentlich überhaupt keine Zeit für ein Gespräch. Nach der obligatorischen Frage, wie es Marvin ginge, und auf deren Antwort er mit aha oder soso reagierte, kam er bald zur Sache.

»Wann kommen Sie denn noch mal rein? Ich meine … Sie kommen doch noch mal rein?«

Das Letztere klang auffallend unsicher und Marvin horchte auf. Es schien ihm fast mehr eine Aussage, als eine Frage zu sein.

»Das wäre nämlich schon wichtig! Der Kollege, der Ihre Arbeit macht, hat jede Menge Fragen, die ich nicht beantworten kann. Ich meine, ich könnte mich da reinknien, aber die Zeit habe ich nicht … Sie wissen ja … ich denke, Sie werden sich schnell noch reinknien müssen. Leider! Wissen Sie was, ich schicke Ihnen den Kollegen in den nächsten Tagen mal vorbei, damit Sie beide das klären können.«

Sein Vorgesetzter wünschte Marvin noch alles erdenklich Gute.

»Tut mir wirklich leid, was Ihnen da passiert ist.«

Dann verabschiedete er sich schnell. Wahrscheinlich drängte die Sekretärin mit dem nächsten Termin.

Immerhin tat es ihm leid. Zunächst fühlte Marvin sich nicht unzufrieden mit dem Verlauf des Gespräches. Man brauchte ihn! Ja – er würde eine Lücke reißen, wenn er nicht mehr kommen würde, ganz sicher eine große. Fragte sich allerdings, für wie lange. Die Gepflogenheiten in der Firma kannte er allzu gut. Wer krank wurde, war sehr schnell raus. Und er war bereits seit Wochen krank! Natürlich musste ein anderer Kollege Marvins Aufgaben übernehmen. Vielleicht würden sie Teile davon auf andere Kollegen verteilen, aber in jedem Fall würde er bald komplett ersetzt sein. Der neue Posten als Geschäftsführer, eigentlich für ihn vorgesehen, war schließlich auch schon längst vergeben. Die Firma würde wohl doch ohne ihn weiterlaufen. Was auch sonst? Vielleicht, dachte sich Marvin, war das Gespräch doch nicht ganz zu seiner Zufriedenheit verlaufen. Man verschwendete nur deshalb die Zeit für einen Anruf, weil man Informationen von ihm brauchte. Die Frage nach seinem Befinden – eine Höflichkeitsfloskel ohne Füllung. Wen interessierte die Antwort? Und sein Kollege wird zu ihm ins Krankenhaus geschickt, um schnell noch etwas zu klären? Sehr sicher schien man sich dort nicht zu sein, dass Marvin je wieder zur Arbeit kommen könnte.

Lisa kam, wie zuvor, am Abend. Sie brachte ihm frische Wäsche mit, obwohl sein schmaler Spind zum Bersten gefüllt war. Irgendwie schaffte sie es trotzdem, auch das noch dazu zu stopfen, ohne die Tür aus den Scharnieren zu sprengen. Unglaublich, wie sie sich um seine Bekleidung sorgte, wie sie seine Haare ordnete, weil sie vom Liegen zerzaust waren. Doch wenn er von seinem Befinden erzählen wollte, kam er nicht zu Wort. Dann redete sie, strich über seine Haare, zog seinen Schlafanzug glatt, aber über seine Seele strich sie ihm nicht.

Marvin beobachtete ihren Umgang mit seiner Wäsche insgeheim mit Traurigkeit. Die Art, wie sie diese anfasste, sie auf einen Haufen türmte, vorsichtig zwar, da es Bügelwäsche war und sie Bügeln hasste – aber keinesfalls sinnlich. Nichts von ihrem Umgang damit zeugte von erotischer Romantik. Ganz im Gegensatz zu seiner Sicht auf ihre Wäsche. Niemals würde er ihre Slips so nüchtern wie ein x-beliebiges Kleidungsstück behandeln. Für ihn waren es keine Hosen und BHs – nein, Höschen, Dessous, die ihre intimsten Körperteile umschmeichelten und zwangsläufig für ihn geheimnisvoll erregend waren. Nicht einfach nur Bügelwäsche! Er hatte immer gehofft, Lisa könnte seine Wäsche ebenso reizvoll finden.

Lisa erzählte von sich, von ihrer Arbeit, von Julia, die wieder in ihre eigene Wohnung nach Hamburg gefahren war. Verwunderlich, sie erwähnte Bastians Besuch nicht. Vielleicht hegte sie Angst, er könnte Basti das Geld tatsächlich geben. Lisa mochte Bastian nicht! Sie nannte ihn Großmaul, er sie Blödchen. Na ja, nicht immer ernsthaft. Auf keinen Fall aber würde sie Bastian Geld leihen. Und auf keinen Fall würde sie sich von ihm trösten lassen. Das würde sie doch nicht, während sie Marvin gegenüber keine Silbe dazu verlöre? Sie erwähnte nichts von irgendwelchen Tränen, die sie laut Basti wegen Marvins schlechter Prognose vergossen hatte. Wer von beiden täuschte ihn hier? Der Gedanke, Lisa würde sich in den Armen eines anderen Mannes ausheulen, war Marvin zuwider; selbst, wenn es Basti gewesen wäre. Das war geradezu unmöglich! Doch er wagte nicht, es auszusprechen. Sie hätte es wie immer falsch verstanden, Lisa – die Empfindliche. Seine Ehe war glücklich! Gut, es gab gelegentliche Reibereien, wie sie in jeder guten Ehe vorkamen. Nichts Besonderes. Nichts von dem war je Lisas Aufbrausen wert gewesen, und dem Theater, was sie daraufhin gemacht hatte. Marvin war glücklich mit seiner schönen Frau und er weigerte sich, das zu verlieren.

»Mein Bettnachbar erzählte mir, genau hier hat jemand gelegen, bei dem die Patientenbilder vertauscht worden waren«, berichtete er ihr und er fügte hinzu: »Ich glaube, das ist bei mir auch passiert.«

Plötzlich sah ihn Lisa aufmerksam an. Endlich einmal blieben ihre Augen länger als einen Moment an ihm haften. Groß und grün waren sie und sie blickten fragend und abwartend. Sie sah zu ihm auf wie damals, als sie ihn noch so angehimmelt hatte. Voller Bewunderung darüber, was er alles wusste. Marvin genoss diesen Augenblick und hätte ihn gerne festgehalten.

Sie zog die Brauen zusammen. »Bist du dir sicher?«

»Ich kann natürlich nicht hundertprozentig sicher sein. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto weniger will ich es ausschließen. Ich habe doch gar keine Beschwerden, nur ein bisschen Kopfschmerzen.«

»Und die Chemotherapie? Was willst du tun?«

»Ich weiß noch nicht. Ich denke, ich werde noch einmal mit dem Chefarzt reden müssen.«

Zum ersten Mal – schien es ihm – hörte sie richtig zu, seit er hier im Krankenhaus lag. Als sie später ging, war Marvin gut gelaunt und voll Zuversicht. Sie glaubte ihm und das allein war ihm eine Bestätigung.

Schwester Sabine war die Erste, die er nach diesem André befragte. Er hatte ihre abweisende Haltung zwar erwartet, ihr rüder Tonfall überraschte ihn dennoch.

»Welcher André?«

»Der junge Mann, der vor mir in diesem Zimmer gestorben ist. Ich hörte, er soll erstickt worden sein?«

»Hier ist niemand erstickt worden! Wer hat Ihnen denn so etwas erzählt?«

Verächtlich blickte sie zu Frederiks Bett hinüber. Es war leer, da der alte Boxer, wie jeden Nachmittag, stundenlang in der Cafeteria zubrachte.

»Glauben Sie wirklich alles, was man Ihnen erzählt?«

»Warum sollte mein Nachbar mir Märchen erzählen?«

»Weil er ein Märchenerzähler ist! Wissen Sie das nicht? Er schrieb Bücher, bevor er krank wurde.«

Sie nahm die leeren Tablettenschachteln von Frederiks Ablage.

»Jetzt geht das schon wieder los!«, murmelte sie mehr zu sich, als zu Marvin. Dann laut: »Entschuldigung, ich habe es eilig. Sie sind nicht der einzige Patient, der Betreuung benötigt. Und ich bitte Sie, mich nicht noch einmal mit dieser Geschichte zu belästigen!«

Sprachlos sah Marvin ihr nach. Gerade durch die Tür gegangen, kam sie noch einmal einen Schritt zurück.

»Ach ja … und wenn Schülerin Elke kommt, um ihren Blutdruck zu messen, halten Sie sie bitte nicht wieder auf. Wir können nicht ständig auf die Kleine warten und ihre Arbeit für sie machen.«

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Litres'teki yayın tarihi:
21 şubat 2022
Hacim:
220 s.
ISBN:
9783958353558
Yayıncı:
Telif hakkı:
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