Kitabı oku: «Im wilden Wedding: Zwischen Ghetto und Gentrifizierung»

Yazı tipi:

Heiko Werning

Im wilden Wedding

Zwischen Ghetto und Gentrifizierung

FUEGO

Über dieses Buch

Willkommen im wilden Wedding, jenem Berliner Bezirk, der wahlweise als eines der härtesten Krisengebiete des Landes oder als kommender In-Bezirk gepriesen wird. Erstaunlicherweise beides seit Jahrzehnten in friedlicher Koexistenz. Hier müssen sich die Bewohner noch nicht mit Touristen herumärgern, die sich in ihre Hauseingänge übergeben, hier steigt man auf dem Nachhauseweg noch über echte einheimische Kotze vom ureigenen Prekariat. Hier treffen sich nachts am Imbiss der McFit-gestählte Jungmacho, den seine Eroberung des Abends vor die Tür gesetzt hat, weil er zu betrunken war, um noch einen hoch zu kriegen, mit dem Prediger vom Moscheeverein gegenüber, der seinen Heißhunger auf Schweinefleisch zu stillen sucht.

Boulette mit Fleisch

»Einmal Boulette mit Pommes bitte«, gab ich meine Bestellung auf. Es war eine Zeit, als der Imbiss zur Mittelpromenade noch Imbiss zur Mittelpromenade hieß und nicht wie heute You kill it, we grill it. Und es war eine Zeit, in der es nie zu etwas Gutem führt, wenn man noch am Imbiss zur Mittelpromenade steht und etwas bestellt, nämlich tief in der Nacht.

Ich kam von einem Kneipenabend zurück und war schon angenehm betrunken, und vielleicht hätte ich es besser bei diesem Ergebnis des Abends belassen und schnell ins Bett gehen sollen. Vielleicht wäre ich besser sogar sehr schnell ins Bett gegangen, dachte ich im nächs­ten Moment, als nämlich der Meister der Mittelpromenade etwas zu mir sagte, das sich für mich etwa so anhörte: »Aber die Bouletten sind heute mit Fleisch.«

Ich lauschte den Worten kurz nach, dann schüttelte ich heftig meinen Kopf, damit sich dort alles wieder zurecht­ruckeln möge, und fragte anschließend hochkonzentriert: »Was?«

»Die Bouletten sind mit Fleisch. Willste trotzdem?«

Ich starrte ihn misstrauisch an. Jetzt bloß keinen Fehler machen. Er war der Mann von der Nachtschicht der Mittelpromenade, eine geachtete Respektsperson hier im Kiez. Er kannte sie alle, er sah sie alle – er sah uns alle. Jede Nacht steht er in seiner hell erleuchteten Bude im Dunkel der Weddinger Nacht, umwabert von den Schwaden, die aus seinen beiden Fritteusen aufsteigen, und blickt in stoischer Ruhe über die Kreuzung Seestraße/ Müllerstraße. Ohne erkennbare Regung nimmt er jede Bestellung von jedem entgegen, er kennt unsere dunkels­ten Geheimnisse, er hat jeden hier aus der Gegend in seinen desolatesten Momenten erlebt: Wenn er volltrunken nachts an seine Pommesbude torkelt und nach Fett oder Alkohol verlangt. Die Krankenschwester vom Virchow auf dem Weg zur Frühschicht, die sich schnell noch einen Flachmann kauft ebenso wie den McFit-gestählten Jung­macho, den seine Eroberung der Nacht vor die Tür gesetzt hat, weil er zu besoffen war, um noch einen hochzu­kriegen, oder den Prediger vom Moscheeverein gegenüber, der mit drei Currywürsten seinen nächtlichen Heißhunger auf Schweinefleisch stillt – und er, der Herrscher der Weddinger Nacht, steht in seiner Bude und gibt mit dem immer gleichen Gesichtsausdruck zwischen beichtväterlicher Diskretion und vollständiger Interessenlosigkeit aus, wonach die verzweifelten Seelen vor seinem Fenster verlangen. Kurz: Er ist niemand, in dessen Augen man sich disqualifizieren möchte, indem man zu erkennen gibt, dass man die Codes nicht kennt, dass man nicht dazugehört, dass man nicht weiß, wie der Hase durch die Rehberge läuft. Also, bloß nichts anmerken lassen. Die Boulette ist also mit Fleisch heute. Ich war mir noch nicht ganz im Klaren darüber, wie ich diese Information einordnen sollte. Jetzt war allerdings rasch eine Antwort fällig, es galt, die Abläufe nicht zu stören. Schließlich hielt er die Metallzange schon in der Hand und ließ sie wie einen Geier auf der Suche nach Aas über die Auslage kreisen, also antwortete ich lässig-routiniert: »Na klar.«

Ich sah zu wie er den Klops, von dem ich nun also immerhin wusste, dass er mit Fleisch war, packte und ins blubbernde Fett gleiten ließ, auf dass er sich dort kräftig vollsaugen möge, dann stand er wieder regungslos da und wartete. Ich tat es ihm gleich.

Nur eine Frau war noch zugegen, ich bemerkte sie erst jetzt. Sie stand etwas im Dunkeln an einem der Stehtischchen. Sie sah eigentlich zu gut und zu jung aus für Uhrzeit und Ort. Und sie war etwas zu modisch gekleidet. Sie hatte so eine Retro-Schiebermütze auf, das wirkte fast ein wenig hip. Auf jeden Fall war sie kein bisschen betrunken. Sie passte einfach nicht an diesen Ort.

Sie bemerkte, dass ich sie bemerkt hatte, und lächelte mir freundlich zu. Das ist kein sozial adäquates Verhalten nachts um kurz vor drei mitten auf der Seestraße. Sie passte wirklich nicht an diesen Ort. – Sie passte doch an diesen Ort. Denn jetzt sagte sie: »Sie wollen meine Gedanken abhören! Fast hätten sie mich erwischt, aber hier ist man sicher.«

Ich nickte verstehend. Ja, hier war man sicher. Irgendwie. Hoffentlich ist die Boulette gleich fertig, dachte ich, ich sollte wirklich langsam nach Hause.

»Hier sind die Störstrahlen zu stark«, erläuterte sie, »hier können sie nichts hören.«

Der Imbisswirt stand ungerührt an seinem Fenster und sah teilnahmslos in die Nacht. Ich nickte der jungen Frau noch einmal verstehend zu, lächelte gequält, und weil ich mich genötigt fühlte, auch etwas zu sagen, sagte ich: »Ja, hier hört nur er uns, und das macht nichts – er hat sowieso schon alles gehört.« Der Imbisswirt reagierte nicht auf diesen jämmerlichen Versuch, ihn einzubeziehen. Sein Blick verlor sich irgendwo in der Müllerstraße. Sie sah erst mich, dann ihn misstrauisch an. Sie dachte nach, dann flüsterte sie: »Du meinst, er gehört dazu?« Der Imbisswirt wandte sich ab, er wirkte kein bisschen beunruhigt, aber zeigte auch weiter keinerlei Interesse, sich an unserer Konversation zu beteiligen. Er zog den Gitterkorb der Fritteuse nach oben und fischte die Boulette heraus. Ich fühlte mich zunehmend unwohl. Ich wollte nicht länger reden mit dieser Frau, also schien es mir als das kleinere Übel, eine andere Front aufzumachen. Scheiß auf die Etikette, dachte ich, dann fragst du eben: »Äh«, fragte ich also, »wieso ist denn die Boulette heute mit Fleisch?«, und genauer betrachtet war das eine dumme Frage, denn was ich ja vor allem wissen wollte, war, was da sonst immer drin ist, wenn Fleisch also der Ausnahmezustand für die hiesigen Bouletten ist. Aber es schien mir irgendwie weniger peinlich, nach dem offenbar unverhofften Fleischvorkommen zu fragen als umgekehrt.

»War ’ne falsche Lieferung heute«, sagte der Imbisswirt und hielt das offenbar für eine ausreichende Erklärung. Aus seiner Sicht war sie das vermutlich auch. Ich hätte es ja auch dabei bewenden lassen, wenn nicht die junge Frau mich so eingehend gemustert und sehr den Eindruck gemacht hätte, als wollte sie jetzt gleich wieder etwas sagen. Das aber wollte ich nicht hören, also setzte ich nach: »Ehrlich gesagt – ich dachte eigentlich, die Bouletten wären immer mit Fleisch.« Der Imbisswirt sah mich überrascht an und lachte auf. »Echt? Na, du bist ja lustig. Was meinst denn du, warum die Dinger hier nur ’n Euro fuffzich kosten?« Ich kam mir vor wie der Tourist in einer Geschichte des großen Döner-Literaten Frank Sor­ge, der nicht weiß, was er auf die Frage »Knoblauchkräuterscharf?« antworten soll. Ist das peinlich! Hier würde ich mich so schnell nicht wieder blicken lassen können. Zu allem Unglück schaltete sich nun auch noch die junge Frau ein: »Man kann sich aber schützen«, sagte sie. Dann zeigte sie auf ihre Mütze. Verschwörerisch raunte sie mir zu: »Alu-Folie! Wenn du deinen Kopf mit Alu-Folie abschirmst, reflektiert das die Strahlen! Dann können sie nichts mehr hören!«

»Auf die Pommes was drauf?«, fragte der Imbisswirt. Die Situation begann mich kommunikativ zu überfordern. Ich lächelte scheu zu der Frau, dann wandte ich mich wieder dem Imbisswirt zu: »Ja, Mayo bitte.«

Während er es aus der Plasteflasche protschern ließ, hakte ich noch einmal nach: »Woraus sind die Bouletten denn sonst immer? Tofu?« Er sah mich spöttisch an. »Willste mich verscheißern? Tofu-Bouletten? Sind wir hier ’n gottverdammter Veganer-Grill, oder was?«

»Ich glaube, es liegt an den großen Alu-Rollen«, sagte die Frau, »deswegen ist die Störstrahlung so stark hier.«

»Mensch, wenn die Dinger aus Soja wären«, führte der Imbisswirt aus, »dann würden die fünf Euro das Stück kosten. Das kannste vielleicht in Kreuzberg machen, aber doch nicht hier. Nee, was weiß ich, das hat natürlich schon irgendwas mit Fleisch zu tun, also, zumindest mit toten Tieren, wa?! Pressfleisch eben, Knorpel, Fett, Separatorenfleisch, keine Ahnung, ist ja allerhand dran an so ’nem Schwein, was weiß ich, was da so abfällt. Aber heute war’n die Teile aus echtem Hackfleisch, wa?! So richtig, wie vom Fleischer. Das siehste ja. Ist halt nicht jedermanns Sache, deshalb frag ich jetzt lieber vorher. Vorhin hat einer nämlich so ’n Teil zurückgehen lassen. Die ist total bröckelig, hat er gesagt, so was isst er nicht.«

»Die sind doch total verstrahlt«, mischte sich die Frau wieder ein. »Wir sollen das doch gar nicht merken, was die uns da verkaufen. Versuch’s mal mit Alu-Folie!« Sie zog ihre Mütze hoch und hielt mir die Innenseite vor das Gesicht. Sie war tatsächlich fein säuberlich mit Alu-Folie ausgekleidet, das Licht der Laterne spiegelte sich darin.

»Hier essen oder mitnehmen?«, fragte der Imbisswirt.

»Mitnehmen!«

In aller Ruhe wickelte er das Papptablett erst in Packpapier, dann in Alu-Folie. Die junge Frau schaute mich herausfordernd an, als lauerte sie darauf, dass ich noch einen Nachschlag Alu-Folie verlangen würde.

Schnell legte ich die abgezählten Münzen auf den Tresen, nahm mein Päckchen, verabschiedete mich und ging. Als ich an die Ampel kam, an der ich vom Mittelstreifen auf die andere Seite der Seestraße zu wechseln pflege, drehte ich mich noch einmal um. Der Imbisswirt hatte sich zum Rauchen nach draußen begeben. Er stand jetzt direkt neben der jungen Frau. Ich sah seine Zigarette aufglimmen, als er einen tiefen Zug nahm. Dann setzte er seine weiße Imbissbuden-Kappe ab. Bildete ich mir das nur ein, oder blitzte es tatsächlich silbern-schimmrig auf, als er sie auf das Stehtischchen legte? Schaudernd machte ich mich auf den Weg nach Hause.

Auf der Sonnenseite

Es ist nicht so, dass es uns an Spätkaufs mangelt. Direkt gegenüber, auf der anderen Seite der Seestraße, ist einer. Direkt links um die Ecke, in der Lüderitzstraße, ist auch einer. Ein paar Schritte weiter die Lüderitzstraße runter ist noch einer. Direkt rechts um die Ecke, in der Togostraße, ist wahrscheinlich auch einer. Wahrscheinlich, weil ich mir nicht ganz sicher bin, ob das tatsächlich ein Spätkauf ist, weil er sich nach außen als Ayurveda-Studio ausgibt und die Frau, die dort steht, wirkt esoterisch, und vor esoterischen Frauen habe ich Angst. Deshalb habe ich mich noch nie in den Ayurveda-Spätkauf hineingetraut. Was aber auch gar nicht nötig ist, denn jetzt haben wir direkt im Nachbarhaus, auf unserer Seite der Seestraße, auch einen Spätkauf.

Er zog ein in das Ladenlokal des ehemaligen Sonnenstudios mit dem wenig originellen Namen Sunshine. Das begrüßte ich grundsätzlich zunächst, denn mit einem Spätkauf im Nachbarhaus kann ich hin und wieder durchaus etwas anfangen, mit einem Sonnenstudio dagegen nie. Das lässt mein Naturell nicht zu. Die esoterische Frau aus dem Ayurveda-Spätkauf würde dazu wahrscheinlich sagen, dass in meinem Körper der Geist eines Grottenolms haust. Weil sie damit vermutlich Recht hat, brauche ich aber weder Ayurveda-Zubehör noch Sonnenbänke.

Offenbar war der Bedarf an Sonnenbänken aber auch bei den anderen Grottenolmen, die in der Seestraße wohnen, nicht sehr ausgeprägt. Weshalb die Frau im Sunshine, eine Mittvierzigerin mit Metall in der Nase und in den Ohren und blondierten, auftoupierten Haaren und Fingernägeln, die sie fraglos auch zur Selbstverteidigung einsetzen könnte, zum einen als Stichwaffe, noch wirkungsvoller aber vermutlich zur Abschreckung aufgrund der beim unvorbereiteten Betrachter lähmendes Entsetzen auslösenden schockgrellen Färbung, weshalb die Sun­shine-Frau jedenfalls ihr Geschäftsmodell auf »Sex-Toys für Frauen« ausgeweitet hatte. Eine kleine Armada von Plastik-Dildos, die perfekt mit ihren Fingernägeln korres­pondierend gefärbt waren und von denen einer neonblau leuchtete, stand von da an im Eingangsbereich auf dem kleinen Tresen mit der Kasse.

Aber entweder war das Interesse der Weddinger Frauen an leuchtenden oder grellbunten Dildos nicht groß genug, oder sie mochten sie einfach nur nicht in einem Sonnenstudio kaufen, auf jeden Fall gab das Sunshine eines Tages auf und wich dem vom ganzen Block schon sehnlichst erwarteten Spätkauf. Endlich war Schluss mit dem nervenaufreibenden nächtlichen Wechsel auf die andere Seite der Seestraße oder gar in die Lüderitzstraße, endlich konnten auch wir also in Ruhe einkaufen, die Lebensqualität der Häuser Seestraße 596 bis 608 schoss in die Höhe.

Anfangs mussten wir uns noch ein bisschen zurecht­ruckeln, der Spätkauf, der selbstverständlich ergänzt wur­de von einer Internet- und einer Billig-Telefonier-Funk­tion, und wir. Den Namen hatten sie einfach beibehalten, der Laden hieß also weiterhin Sunshine. Die Auswahl war zunächst noch recht eingeschränkt und bestand im Wesentlichen aus Bier, Spirituosen, Cola und Chips. Aber die jungen Türkischmigrationshintergründler, die das Sunshine als kleines Team leiteten, waren äußerst geschäftstüchtig. Als ich bei meinem ersten Besuch noch etwas ratlos vor den Regalen stand, fragte der Junge hinterm Tresen mich gleich, was ich suchte. Alkoholfreies Bier wollte ich haben, aus Gründen, die jetzt hier nichts zur Sache tun, das aber gab es nicht. Kein Problem, sagte der Spätverkäufer, ich sollte nur sagen, welche Marke, ab morgen hätte er das dann da. Ich schaute ihn misstrauisch an, aber er schwörte: »Ichschwöre.« Na gut. Ich bestellte Jever Fun und versprach, bei einem zukünftigen Versorgungsengpass in meinem Haushalt mal wieder danach zu schauen. Was mir für diesen Abend allerdings nicht viel nutzte. »Dann nimmstu eben Bier mit Alkohol, is auch gut«, sagte der Sonnenjunge, und damit hatte er ja eigentlich auch vollkommen Recht. Mit einem Sixpack Urquell unterm Arm verließ ich das ehemalige Sonnenstudio.

Als ich einige Zeit später mal wieder nicht genug eingekauft hatte und aber noch etwas alkoholfreies Bier wollte, versuchte ich erneut mein Glück. Und tatsächlich, Jever Fun war nun im Sortiment. Das sich überhaupt interessant entwickelt hatte, die Nachbarn hatten offenbar auch reichlich bestellt. Milch, Wurst und Käse waren ebenso verfügbar wie Katzenfutter, und auf dem Tresen lag eine Zeitung zum Verkauf aus. Eine Zeitung. Die FAZ. Erstaunt sah ich den diensthabenden Sonnenjungen an, er sagte: »Is gute Zeitung, willstu?« Aber mein Blick war schon zum Regal neben dem Tresen gewandert, auch dort standen erstaunliche Dinge: Vata-Massageöl, Balm – ätherischer Balsam aus Bienenwachs, ein Mandel-Vital-Drink-Puder. »Was ist das denn?«, fragte ich. »Is Ayurveda. Willstu? Welche Dosha-Typ bistu? Mit erhöhte Pitta?« Ich überlegte kurz, ob das eine Anspielung auf mein Gewicht war, beließ es dann aber dabei und beschränkte mich doch lieber auf Jever Fun. Beim Zahlen legte der junge Mann noch eine kleine Flasche Kleiner Feigling dazu: »Is von Haus. Kleiner Schnaps. Is ja nur alkoholfrei, was du da hast.« Dieser bezaubernden Logik hatte ich nichts entgegenzusetzen.

So spielten sich die Hausbewohner allmählich mit dem Sunshine recht gut ein. Ich zum Beispiel finde es sehr praktisch, jederzeit noch alles Nötige dort zu bekommen. Und kundige Beratung gibt es gleich dazu. Als unverhofft eines Abends noch Besuch kam, holte ich rasch ein Sixpack Urquell vom Sunshine. Am Tresen wühlte ich ein bisschen im Portmonee, aber es waren nur zwei Fünfzig-Euro-Scheine darin. Das war dem Sonnenjungen nicht entgangen.

»Ey, Dicker« – es wird ein vertraulicher Umgangston gepflegt bei uns im Block – »wenn ich so viel Kohle hätte, würd ich mir doch kein Bier kaufen!«

»Nein?«

»Nein, hier – der Wodka hier. 70 Prozent ey, voll krass. Kommstu Krankenhaus, ichschwöre!«

»Äh, nein danke. Einfach nur das Bier.«

»Ey, wenn ich so viel Geld hätte, ich würd’s kaufen. 70 Prozent! Voll Krankenhaus, ichschwöre.«

Bedauernd stellte er die Flasche zurück ins Regal. Dann gab er mir mein Wechselgeld und stellte noch ein kleines Fläschchen Kleiner Feigling dazu: »Is von Haus. Nur Bier, das bringt doch kein Spaß.«

Ich bedankte mich. Zum Abschied rief er mir noch hinterher:

»Willstu Ayurveda? Ich hab Pitta-Tee, mit Pergamon.«

»Mit Pergamon?«

»Ja, hier! Voll für inneres Körpergleichgewicht!«

Es war dann aber doch nur Kardamon, und für diesen Abend reichte mir mein Sixpack Bier fürs innere Körpergleichgewicht vollkommen aus.

Christenkröte

Seit bei uns im Vorderhaus eine Art Tempel eingerichtet wurde, ist es mit der Ruhe im Hinterhof vorbei. Anfangs hatte ich noch keine große Bedrohung in dem freikirchlichen Gemeinderaum irgendeiner Pfingstcharismatiker-Gruppe erkannt. Bislang war noch jeder Versuch, das Ladenlokal in unserem Haus zu kolonisieren, fehlgeschlagen. In kurzer Abfolge hatten dort hintereinander residiert: ein türkisches Restaurant, dann ein indisches, ein mexikanisches, dann wieder ein indisches, das jetzt aber zusätzlich Mexikanisch anbot, dann kam ein Türke, der dort ein deutsches Restaurant eröffnete, weil er das für eine bislang unentdeckte Marktlücke im Wedding hielt, das lief aber nicht so recht, womöglich, wie er meinte, weil er seine traditionell deutschen Gerichte wie Wurstbrot und Spaghetti Carbonara nicht halal anbot, ich glaube allerdings eher, weil sie einfach grauenhaft schmeckten, jedenfalls holte er dann zwischenzeitlich eine österreichische Mieterin unseres Hauses hinzu, die dort österreichische Küche anbot, was aber auch nicht klappte, sodass der Türke auf Italienisch und Pizza wechselte. Aus blanker Verzweiflung holte er, der streng gläubige Muslim, dann diesen ulkigen freikirchlichen Gebetsverein ins Haus, den er erst jeden Mittwoch bewirtete, und schließlich gelang es ihm, als ihm finanziell wegen der Miete schon das Wasser bis zum Hals stand, den frommen Leuten den ganzen Laden aufzuschwatzen. »Allah sei Dank, die Christen haben mich gerettet«, seufzte er erleichtert, als er sich von uns verabschiedete, nachdem er aus dem Knebel-Mietvertrag raus war. Und seither haben wir eben die Christen im Haus.

Bei meiner ursprünglichen Prognose, dass es nicht lange dauern könne, bis die auch wieder verschwinden würden, lag ich allerdings empfindlich falsch. Tatsächlich gelang es Prediger Martin und seinen Jüngern, den Laden so auf Vordermann zu bringen, dass er jetzt richtig brummt. Nun bieten sie im Palmblatt täglich eine Art Volxküche an, für drei Euro fünfzig gibt es einen Teller voll Hausmannskost, für wenig Geld wird auch Kuchen und Kaffee feilgeboten. Mancher Passant musste allerdings irritiert feststellen, dass es statt einem Keks Botschaften von Jesus zum Heißgetränk gab. Was das Weddinger Subprekariat allerdings nicht davon abhält, den Laden reichlich zu frequentieren, denn es schmeckt und es ist drinnen warm und trocken, dafür kann man sich schon auch mal ein bisschen was von Jesus anhören. Zumal die Geschichten letztlich wohl gar nicht so viel anders klingen als das, was sie sonst auf den Bänken am Leopoldplatz erzählt bekommen. Irgendwer glaubt, übers Wasser gehen zu können oder hat ein Kind nicht vom eigenen Mann gekriegt, sondern von einem ominösen Geist – die üblichen Storys halt.

So hat sich das Palmblatt-Café zum echten Kiez-Treff gemausert und vervollständigt die Ladenzeile unseres Häuserblocks auf kongeniale Weise. Es fügt sich nahtlos ein in die Reihe aus einem islamistischen Falafel-Dealer mit Koran-Suren an der Wand, dem Sonnenstudio-Spät­kauf, dem Fachgeschäft für Killernieten und einer Shi­sha-Bar mit Spielautomaten, einem Café mit Spielautomaten, einer Cocktail-Bar mit Spielautomaten und einem Spielcasino mit Kaffee-, Shisha- und Cocktail-Ausschank mit dem interessanten Namen Goldener Dreieck. Eine richtige kleine Flaniermeile ist so vor unserer Haustür entstanden, und das Bemerkenswerte ist, dass die Gäste aller Läden sich kreuz und quer gegenseitig besuchen: Die Christen holen zwischendrin schnell mal eine Pa­ckung Salzstangen aus dem Spätkauf, der Falafel-Islamist trinkt in seiner Mittagspause Kaffee bei den Christen, der Killernieten-Verkäufer sitzt nach Feierabend am Spielautomaten im Goldener Dreick, und die Cocktail-Kon­su­menten kehren wiederum regelmäßig auf ein Stück Erdbeerkuchen bei den Jesus-Freaks ein.

Meinetwegen. Sollen sie alle machen. Dumm nur, dass die Christen zunehmend auch unseren Innenhof in Anspruch nehmen. Zuerst war es nur einer der Christen, die dort gelegentlich telefonierten. Vermutlich der Diskretion wegen, wenn er heikle seelsorgerische Gespräche führte. Das will er dann nicht drinnen machen. Und stellt sich deswegen genau vor mein auf Kipp stehendes Bürofenster. Daher weiß ich jetzt auch, wie pfingstcharismatische Lebenshilfe funktioniert. Es ist ganz einfach, wenn mal Bedarf besteht, kann ich jederzeit einspringen. Es geht nämlich so: »Er hat was mit einer anderen Frau angefangen? Du musst ganz fest an Jesus glauben, dann wird alles wieder gut.« »Er hat dich geschlagen? Schon wieder? Du musst nur ganz fest an Jesus glauben, dann wird alles wieder gut.« »Du bist pleite, euer Haus ist abgebrannt, und euer Sohn hängt an der Nadel? Sei nicht traurig, denn Jesus liebt dich so sehr.« Die Liebe von Jesus scheint recht eigenwillige Ausdrucksformen zu kennen.

Irgendwann neigte sich meine Geduld mit dem gläubischen Treiben allerdings dem Ende zu. Denn sie gingen hin und mehrten sich, und der Nachwuchs tollte fortan im Hof herum und machte sich die Müllcontainer untertan in Gestalt eines vielleicht sechsjährigen Jungen, der dort alleine herumspielte, vermutlich immer dann, wenn er das Gepredige und Gesinge drinnen nicht mehr ertragen konnte. Im Grunde hätte er damit meine Sympathie gehabt, wenn die elende Christenkröte nicht immer genau den Moment abgepasst hätte, den ich mal nicht am Schreibtisch saß und den Innenhof somit unter Sichtkontrolle hatte. Dann rollte er rasch die Müllcontainer vor mein Fenster oder vor unseren Hauseingang. Wieder und wieder. Und grinste mich unschuldig an, wenn ich später entnervt alles wieder an seinen Platz schob. Aber nicht mit mir, dachte ich, und leitete umgehend die Vertreibung aus dem Paradies ein. Wozu bin ich denn schließlich im tiefsten Westfalen aufgewachsen? Mit einem falschgläubigen Kind werde ich da doch wohl locker fertig.

Bei nächster Gelegenheit passte ich den Jungen also ab. »Hallo Kleiner!« Er guckte skeptisch zu mir hoch. »Soll ich dir mal ein bisschen was von Jesus erzählen?«, bot ich freundlich an. Seine Anspannung löste sich, er wirkte gelangweilt. Klar, so wird er vermutlich jeden Tag von wildfremden Leuten angesprochen. Aber ich hatte meinen Trumpf noch nicht ausgespielt. »Also, richtig von Jesus, nicht dieses weichgespülte Zeug wie bei euch, weißt du: Ich bin nämlich katholisch!« Er schaute mich erschrocken an. Ich lächelte maliziös. »Ich war sogar mal Messdiener. Im Dom! Mit Weihrauch und allem! Und wenn man da so mit dem Bischof ganz alleine in der Sakristei ... Also, ich kann dir da einiges erzählen ... Willst du nicht mal mit reinkommen ...?« Fluchtartig rannte er davon. Na also.

Jetzt gucke ich immer, wenn ich das Haus verlasse, kurz ins Palmblatt-Café. Wenn ich meinen kleinen Freund dort erspähe, blinzele ich ihm verschwörerisch zu. Seither ist endlich wieder Ruhe im Innenhof.

Fenster putzen

Weil ich durch das Fenster in meinem Parterre-Arbeits­zimmer direkt auf den Innenhof und dort auf den Eingang zu unserem Hinterhaus schaue, bekomme ich tiefe Einblicke in das Leben der Mitmenschen, die ich mir nie gewünscht habe. Ich weiß zum Beispiel Sachen über den alten Hoppe zwei Stockwerke über mir, die kann ich hier gar nicht erzählen. Deshalb erzähle ich lieber von der attraktiven jungen Frau aus dem Ersten. Außerdem, seien wir ehrlich, schon rein optisch ist das ein interessanteres Betrachtungsobjekt. Ich meine: knappes Trä­gerkleid gegen Holzfällerhemd, was soll ich da groß erläutern. Der Herr Hoppe könnte sich ja ruhig auch mal etwas mehr Mühe geben. Vielleicht auch mal so ein Kleidchen tragen statt immer nur Plastiktüten mit Müll. Mein Gott, was der für einen Müll produziert! Und das muss ich jetzt aber doch mal sagen: Ich glaube, der trennt gar nicht richtig. Nie sah ich ihn das kleine, braune Bio-Eimerchen nach unten tragen. Würde mich nicht wundern, wenn die Mülltüten, die da immer in der braunen Tonne liegen, von ihm wären. Das weiß ich aber nicht. Bis in die Müll-Ecke kann ich vom Schreibtisch aus zum Glück nicht gucken.

So viele Mülltüten, wie Hoppe runterbringt, so viele Liebhaber schleppt das Trägerkleid zu sich hoch beziehungsweise ab. Ich bin dazu übergegangen, sie im Vorbeigehen unauffällig zu fotografieren. Man muss sich ja auch ein bisschen interessieren für andere. Wenn ich die Bilder nebeneinanderlege, bekomme ich einen schönen Gesamteindruck vom Liebesleben meiner Obermieterin. OK, das ist vielleicht ... – ach, scheißegal, ich mag’s halt. Dann hat man wenigstens auch Gesichter zu den Geräuschen der Nacht.

Allerdings lässt sich nicht ganz leugnen, dass im Lauf der Zeit die Bildqualität nachgelassen hat. In den letzten Monaten sieht man eigentlich nur noch vage Schatten auf den Fotos. Vielleicht müsste ich doch mein Fenster mal wieder putzen. Wobei: »Mal wieder« ist nicht der richtige Terminus. »Überhaupt mal«, das würde es präzise treffen.

Kann ja so schwer nicht sein, denke ich, hole den Staubsauger und unterziehe das Glas erst mal einer echten Grundreinigung. So, gleich viel besser. Ich bin überrascht, wie viel Licht plötzlich eindringt. Was haben die denn bloß immer – ist doch gar nicht so dunkel im Erdgeschoss-Hinterhaus. Einfach mal die Scheiben saugen! Für die Spinnen dagegen dürfte das ein ziemlicher Rückschlag gewesen sein. Wahrscheinlich wird eine zukünftige Spinnenzivilisation eines Tages ein Mahnmal errichten, darauf eingraviert das Datum des heutigen Tages: der Tag meines ersten Fensterputzes.

Trotzdem – so richtig sauber ist das immer noch nicht. Was tun? Ich könnte natürlich meine Mutter anrufen und sie bitten, mir zu erklären, wie man das macht. Die freut sich doch sicher, wenn sie mir ... obwohl, wer weiß. Möglicherweise könnte sie sich wundern und auf ungute Gedanken kommen, wenn ich sie fünfzehn Jahre nach meinem Auszug erstmals frage, wie man eigentlich Fens­ter putzt. Nicht, dass sie am Ende doch noch auf die Idee kommt, mich zu besuchen.

Andererseits, ohne mütterliche Hilfe ist dieses Problem nicht zu lösen, so viel steht fest. Aber wozu gibt es schließlich das Internet? Mutti fragen wäre gut, also tippe ich www.frag-mutti.de in den Browser ein, und tatsächlich, da haben wir es ja: »Putztipps für Fenster«, na also. Ich stöbere durch das Forum. Dass das Internet ein Treffpunkt für Abseitiges aller Art ist, wusste man ja. Aber wie abseitig manche Community ist, das mag man sich dann doch kaum vorstellen.

Fassungslos lese ich die hitzigen Diskussionen der Putz­gemeinde. Mandy z.B. schreibt: »Ich habe einen guten Tipp für die Reinigung sämtlicher Glas- u. Spiegelflächen (natürlich auch Fenster), und zwar gibt man einen guten Schuss flüssigen Klarspüler vom Geschirrspülautomat ins Putzwasser (ohne Zusatz anderer Putzmittel) – das wirkt Wunder und hält den Schmutz nachhaltig fern. Ich war vom Ergebnis beeindruckt und man hat den ›absoluten Durchblick‹. Viel Spaß beim Frühjahrputz und Gutes Gelingen!« Thomas antwortet begeistert: »Habe den Klarspüler-Trick schon bei den Badfliesen ausprobiert, das geht wirklich super. Muss wirklich ein Teufelszeug sein....huiiii.... :-)« Auch Iris ist hin und weg: »Selbst zum Reinigen von Edelstahlspülen und Cerankochfeldern ist Klarspüler superklasse. Ich nehme den billgsten vom Penny, das spart echt Geld.« Aber es geht noch billiger. Ein Teilnehmer mit dem selbsterklärenden Namen Der Scheibenputzer schwört auf Folgendes: »Eine Zwiebel halbieren und in den Putzeimer legen. Und dann normal Fenster saubermachen. Jeder aus meiner Umgebung ist vollkommen begeistert.« Jeder aus seiner Umgebung? Offensichtlich frönen sie ihrem Fetisch nicht einmal im Verborgenen. Bizarr. Aber wie in jeder Nerd-Szene ist der hitzige Streit schnell da. Cornelia bemängelt: »Bei mir hat das nicht funktioniert. Schlieren und jede Menge Dreck noch nach dem Abziehen – trotz Zwiebel!« Trotz Zwiebel! Der Scheibenputzer verteidigt sich empört: »Du musst natürlich auch die Zwiebel vorher säubern!« Aber er kann die anderen nicht überzeugen. Sarah: »Ich glaube, dass es mit klar Wasser ohne Zwiebel keinen Unterschied gibt.« Die Stimmung im Putzforum wird aggressiv. Tina die Putzmaus hält nichts von Zwiebeln, sondern empfiehlt: »Einfach in den Wischeimer einen kleinen Schwung von eurem Haarschampoo. Dann auf Sonne warten und staunen.« Das macht Frank endgültig fertig: »Fenster niemals!!!! mit Schampoo oder dergl. reinigen, der Schlier geht nur schlecht wieder runter.« Isolde meint: »Ich bekomme streifenfreie Fenster mit kaputten Damenstrumpfhosen.« Putzengel dagegen kann’s noch sparsamer: »Immer noch zu favorisieren ist zusammengeknülltes Zeitungspapier.« Das letzte Wort hat Sylvie: »Alles Quatsch! Ich putze meine Fenster immer mit Schwarztee und war immer zufrieden.«

Ich gucke auf mein Fenster, die Sache wird mir allmählich umheimlich. Mit leichtem Schauder verlasse ich das Mutti-Putzforum und suche weiter im Internet nach Hilfe.

Dabei stoße ich ausgerechnet auf die Bild-Zeitung, die mir erklärt: »Putzen macht geil. Eine englische Studie hat ergeben, dass Frauen beim Putzen sexuell erregt werden. Frauen, die zehn Stunden pro Woche putzen, wollen mindestens einmal am Tag Sex. Ab 15 Stunden pro Woche nimmt die Erregung weiter zu. Frauen, die ihren Haushalt nicht alleine schmeißen, haben Probleme in ihrem Sexleben.«

Ich schlucke. Dann blicke ich die Häuserfront hoch. Die Trägerkleidträgerin über mir wischt mit Hochdruck über ihr Küchenfenster. Ich lese weiter: »Außerdem hatte jede fünfte getestete Frau beim Putzen sexuelle Fantasien und den Wunsch, dass sie bei ihrer Tätigkeit von einem erotischen Mann überrascht wird.« Aha. Blicke wieder hoch. Rufe: »Kukuk!« Frau ist überrascht. Zeigt mir aber den Vogel und knallt das Fenster zu. Blöde Bild. Blödes Putzen.

Draußen schlurft Hoppe im Holzfällerhemd vorbei und trägt schon wieder irgendwelche Mülltüten zum Container. Ich will das alles nicht mehr sehen. Ich mache das Fenster einfach wieder zu und bin froh, von all dem kaum was mitzukriegen. Nein, das Fenster lasse ich mal schön so, wie es ist. Man muss sich das Leben ja auch nicht unnötig schwer machen.

Menschenfischer

Unsere Hardcore-Christen werden wir wohl wirklich nicht so schnell wieder los. In ihrem Palmblatt-Café bieten sie inzwischen auch eine Rechtsberatung sowie eine Sozialsprechstunde an. Mit anderen Worten: Sie sind heimisch geworden im Wedding.

Menschenfischer sollen sie sein, das verlangte schon Lukas, und meine Vorderhauschristen nehmen ihre Sache wirklich ernst. Selbst der arabische Gemüsehändler von gegenüber, der in seinem Laden gerne mal »Tod den zionistischen Verbrechern«-Zettel sowie Flyer auf Arabisch verteilt, über deren Inhalt ich hoffentlich nie etwas erfahren werde, sitzt gerne auf den Bänken vorm Palmblatt und lässt sich für fünfzig Cent eine Tasse Kaffee servieren, die vom ursprünglichen, zugegeben noch originellen Coffee to stay längst zum missionarischen Coffee to pray mutiert ist.

Der Laden ist jedenfalls immer gut gefüllt. All diese Menschen lassen sich von den Missionaren bei Kaffee, Kuchen und Nudeln zuquatschen. Einem Teil der Besucher, die jüngst erst aus dem Libanon, aus Syrien, Ka­sachstan oder von sonst wo eingetroffen sind, wird es egal sein, die verstehen sowieso nichts. Die Nächsten sind zu betrunken, um sich daran zu stören, und dem Rest geht es wohl schlicht am Arsch vorbei. Eine perfekte Symbiose. Der Wirtskörper, die Kuchenchristen, stellt die Nahrungsgrundlage zur Verfügung und bekommt dafür von seinen Symbionten das Gefühl, im Dienste des Herrn irgendwie nützlich zu sein, weshalb beide Seiten am Ende profitieren. Im Prinzip also wie bei Seeanemone und Clownsfisch. Und Clowns, das sind sie zweifellos, unsere Missionare, fischig ja sowieso.

Direkt neben den Christen hat eine Bar aufgemacht. Eine Bar, die ich nicht verstehe. Sie gehört offenkundig dem sinistren Ägypter, der auch schon den Shoarma-Grill, eines der drei 23-Stunden-Casinos und zwei der 24-Stunden-Spätkaufs des Blocks besitzt. Der Ägypter jedenfalls taufte seine neue Bar auf den Namen Wrocwaw. Das könnte man womöglich als Missverständnis interpretieren oder als etwas geheimnisvoll Ägyptisches, was weiß man denn schon. Aber um erst gar keinen Zweifel aufkommen zu lassen, führt das Wrocwaw sowohl auf dem Namensschild als auch auf den Fensterscheiben das internationale Autokennzeichen-Signet Polens, also ein PL im EU-Sternenkreis, und schenkt polnisches Bier aus. Unser Ägypter hat also eine polnische Bar eröffnet. Eine polnische Bar, die – guter alter polnischer Tradition gehorchend – Schischas für nur zwei Euro anbietet. Und am Wochenende Transvestiten-Shows präsentiert. Erst dach­te ich, ich hätte mich verlesen. Aber da stand wirklich »Jeden Samstag: Transvestiten-Show«. Vielleicht bedeu­tet »Transvestit« auf Polnisch etwas ganz anderes? Oder auf Arabisch? Aber ein samstagnächtlicher Blick durchs Fenster belehrte mich eines Besseren. Die Transen sahen aus wie Billigtransen in Billigfilmen, und so tanzen sie vor Schischa rauchendem und Bier trinkendem, reichlich herbeigeströmtem Weddinger Publikum in der polnischen Bar Wrocwaw. Wer während der Vorstellung Hunger bekommt, geht kurz nach nebenan zu den Pfingstchristen und lässt sich ein paar Verse aus dem Evangelium samt einem Salamibrötchen reichen. Die Welt ist schon ziemlich verwirrend manchmal.

Während der letzten Fußball-WM geriet die nationale Gemengelage dann völlig aus den Fugen. Immer gab es etwas zu feiern, nach jedem Spiel fuhr mindestens ein Autokorso freudig hupend über die Seestraße. Auf diese Weise erfuhr ich zu meinem Erstaunen, dass es im Wedding offenbar sogar so etwas wie eine paraguayische Community geben muss.

Auch die Wrocwaw-Bar setzte ein Zeichen und lobte Freibier aus. Tatsächlich, Freibier. Oder, um die Kreidetafel wörtlich zu zitieren: »Freibier bei jedem deutschen Endsieg.« Der deutsche Endsieg! Ein alter polnischer Traum. Klug gewählt, ohne Frage. Und sicher von großer Werbewirkung. Aber nicht nur beim deutschen Endsieg lockte Freibier, sondern auch beim portugiesischen, wie darunter zu lesen war: »Freibier auch bei Endsieg von Portugal«. Was nun Portugal damit zu tun hat, muss vorerst ungeklärt bleiben. Weiß der Himmel. Beziehungsweise der Ägypter. Vielleicht hat der ja nur das PL falsch interpretiert und Portugal zugeordnet, woher soll er das auch wissen? Wir werden es nie erfahren.

Als ich unlängst nachts nach Hause torkelte, kam mir aus dem Wrocwaw ein junger Mann, nun ja, sagen wir medienkompatibel: südländischen Aussehens entgegen.

»Guten Abend«, begrüßte er mich ausgesucht höflich, »wo gibt es denn hier in der Gegend noch Frauen?«

Ich sah ihn verblüfft an.

»Wissen Sie«, erläuterte er, »ich bin heute Abend erst angekommen, ich bin hier zu einem Wochenend-Seminar im Palmblatt. Und jetzt würde ich gerne noch Frauen treffen.«

Ach, solche Frauen meinte er. Aber die sind doch um diese Uhrzeit längst im Bett, dachte ich ratlos. Das war ihm offenbar auch schon aufgefallen: »Das Palmblatt hat ja leider schon zu. Jetzt habe ich meinen Koffer erst mal bis morgen in der freundlichen Bar da abgestellt«, er zeigte hinter sich, er meinte tatsächlich das Wrocwaw. Freundlich? Herrjeh, kein Wunder, dass diese Christen immer an das Gute im Menschen glauben – sie sind offensichtlich blind. »Ich kenne mich hier ja nicht aus«, fuhr mein Gegenüber fort, »aber ich will noch ein bisschen was erleben, wenn ich schon mal hier in Berlin bin. Irgendwo hier in der Nähe gibt es doch bestimmt noch Frauen!«

Ich war verwirrt. Was denn jetzt für Frauen? Er bemerkte meine Irritation und lächelte nachsichtig. »Na, Sie wissen doch schon: Frauen, Mädchen, ein bisschen Spaß, Sie verstehen?«

»Wie jetzt?«, entfuhr es mir, »Spaß mit Christenmädchen? Gebetskreis? Singen? Um diese Uhrzeit?«

Er lachte: »Nein, ficki-ficki natürlich, hier in Fußentfernung, muss es doch geben, ist doch Berlin!«

Ah. Ach so. Ich erklärte ihm den Weg zur Triftsauna in der Triftstraße. Die wirbt damit, dass dort »Eva Hausfrau«, »Luci Hot« und »Ramona Nymphe« auf Besucher warten: »Hier erlebst du Hausfrauen mal nicht hinter dem Herd, sondern in heißer Wäsche mit High-Heels und teilweise auch Straps und Strumpf«, wie ein Schild im Schaufenster mit einem rätselhaft pedantisch wirkenden »teilweise« verheißt – oder gibt es in der Kundschaft auch Straps-Gegner, die sonst nicht kämen? Das sind ja so Fragen, über die man eben nachdenkt, wenn man immer mal an so einem Aushang vorbeigeht. Mehr wusste ich allerdings nicht über den Laden, aber meinem Gesprächspartner genügten die Informationen offenbar völlig.

»Haben Sie Lust mitzukommen?«, fragte er mich etwas überraschend, aber ich lehnte dankend ab. Bevor er Richtung Triftstraße losging, fragte ich ihn in einer Aufwallung von Nächstenliebe noch, ob er jetzt allen Ernstes bis morgen seinen Koffer im Wrocwaw lassen wolle, aber er lächelte nur und sagte: »Man muss den Menschen trauen. Der Herr weist uns den Weg.« Dann bedankte er sich freundlichst, reichte mir die Hand zum Abschied und lief los Richtung Triftstraße. Der Menschenfischer ging auf Beutezug. Den Weg allerdings hatte nicht der Herr ihm gewiesen, sondern ich. Wenn uns das mal nicht noch allesamt ins Fegefeuer bringt.

Tauwetter

Draußen taut es. Im Innenhof ist ein kleiner Körper aus den Schneemassen ans Tagelicht getreten. Eine Ratte. Wochenlang tiefgefroren, unter Schnee begraben, nun ragt sie schon zur Hälfte aus dem Eis. Der Ötzi der Seestraße 606.

Im Briefkasten liegt ein Brief. Ich bin erstaunt. Denn der Brief ist ohne Absender und nicht mal in einem Briefumschlag, der Brief ist genau betrachtet ein Zettel, und auf dem wird zur Revolution aufgerufen. Wir, das Volk der Seestraße 606, sollen uns erheben gegen den Tyrannen, die Hausverwaltung Z.B.-Immobilien. Die nämlich, so erfahre ich in der anonymen Brandrede, verlange hohe Mieten, aber kümmere sich nicht um ihre Aufgaben. In der Folge verkomme das Haus, und man traue sich schon gar nicht mehr, Besuch einzuladen.

Ich bin verwundert. Dieses Schreiben wirkt nicht authentisch. Erstens: welche hohen Mieten? Oder hat sich das kürzlich aus Westdeutschland zugezogene Girl’s Camp im dritten Stock betuppen und sich den Wedding als Mitte andrehen lassen? Ansonsten wirkt die Aussage mit den hohen Mieten nämlich eher so wie die eines Querulanten beim Lidl in der Müllerstraße am Regal mit den Fleischabfällen, der sich lauthals im Selbstgespräch beschwerte: »Für das Geld kann man ja wohl auch Qualität verlangen!« Und zweitens: wieso Besuch einladen? Wer käme denn hier auf die Idee, Besuch einzuladen, der sich daran stören könnte, wie es hier aussieht?

Das Schreiben listet diverse Skandale aus der jüngeren Hausgeschichte auf. Einen Ausfall der Flurbeleuchtung, für den wir 1 % unserer Miete einbehalten sollen, was durch irgendwelche Gerichtsurteile, die gleich dazu zitiert werden, gedeckt sein soll. Der Lichtausfall war mir auch aufgefallen, und zwar vor allem deshalb, weil er überraschend schnell behoben worden war; am Sonntagnachmittag blieb es dunkel, am Freitagmittag war es schon wieder hell. So etwas ist eigentlich nicht üblich hier. Ich hatte kurzzeitig schon Angst, dass es vielleicht doch allmählich losgeht mit der Gentrifizierung.

Weitere Vorwürfe folgen: Es liege Müll herum (2 %), die Müllabfuhr komme nicht regelmäßig (4 %). Es gab einen Tag lang kein Wasser (1,5 %). Die Haustür schließt nicht richtig (1 %). Das Wetter im Innenhof ist schlecht (3 %). So was halt. Wir werden deshalb aufgefordert, unsere Miete zu mindern oder nur unter Vorbehalt zu zahlen. Wie gesagt: Ein Hauch von Umsturz liegt in der Luft.

Aber wer von den Hausbewohnern könnte hier den Aufrührer im Untergrund geben? Ich bin ratlos. Ist das Schreiben politisch motiviert? Immerhin wird die Hausverwaltung von einem Herrn mit türkisch klingenden Namen angeführt. Sind das schon die Folgen der immer exzessiveren Islamkritik? War Henryk M. Broder bei uns am Briefkasten? Oder waren es gar die Christen aus dem Palmblatt-Café im Vorderhaus? Die sind immerhin missionarisch. Wollen sie auf diese Weise die Moslems zurückdrängen? Andererseits: Wäre das nicht ein wirklich berechtigter Mietminderungsgrund, dass die da vorne im Haus residieren – mindestens 10 % für die Halleluja-Chöre, die durchs Fenster in den Innenhof dringen? 5 % für die Jesus-Filme, die sie vorne im Schaufenster laufen lassen? Das ist peinlich, wenn mal Besuch kommt!

Wer sonst könnte das seltsame Schreiben verteilt haben? Hoppe scheidet aus, der kann nicht mal schreiben. Das Künstlerpaar scheidet aus; ich sehe durch mein Schreibtischfenster, wie es kopfschüttelnd den Brief in den Altpapiercontainer wirft. So macht es auch ein weiterer Hausbewohner nach dem anderen. Langsam wird es eng. War es doch Robert Rescue, unser Hartz-IV-Bezie­her aus Leidenschaft? Haben sie ihm das in seiner letzten Maßnahme vom Jobcenter beigebracht? Ist das deren neuster Trick zum Sparen bei den Hartz-IV-Bezügen, dass sie die Kunden einfach anhalten, die Miete zu mindern, damit der Staat weniger Wohnungskosten übernehmen muss? Ich werde ihn im Auge behalten.

Ich kann das Rätsel letztlich nicht lösen. Nur eines ist klar: Wir haben einen Querulanten im Haus. Eine undichte Stelle. Einen Maulwurf.

Mein Blick fällt auf die inzwischen gänzlich aufgetaute tote Ratte. Direkt dahinter ist der Innenhofgletscher zu einem beachtlichen Berg aufgetürmt. Da könnte durchaus noch ein ganzer Mann im Eis eingeschlossen sein. Vielleicht ein Mitarbeiter der Kammerjägerfirma Rentokill, die seit Jahren im Auftrag der Hausverwaltung einen vergeblichen Kampf gegen die Nagetiere der Umgebung führt, von der wir jetzt aber schon auffällig lange niemanden mehr gesehen haben, wie das Aufrührerschreiben bemängelt (Schädlingsbefall, 2 %). Das ist vielleicht gar nicht die Schuld der Hausverwaltung. Vielleicht ist die letzte Runde einfach unentschieden ausgegangen. Wenn es weiter so taut, wird der Mann morgen frei im Hof liegen. Ich denke, dafür ist dann aber wirklich eine ordentliche Mietminderung fällig.

Walpurgisnacht

Erstaunt stehe ich vor einem dieser großen, grauen Käs­ten, die überall herumstehen und in denen irgendwas mit Strom oder Telefon drin ist. Auf diesem Kasten hier, mitten auf dem Mittelstreifen der Seestraße, prangt ein neues Plakat: In zeitloser Optik prangt eine weiße Faust auf schwarzem Grund, in roter Schrift steht daneben: »Nimm, was dir zusteht!«

Ach, mir wird ganz warm ums Herz. Lange nicht mehr gesehen: echte Autonomen-Folklore. Was dem Bayern Oktoberzelt und Lederhose und dem Rheinländer der Rosenmontag, sind dem Berliner bekanntlich seine putzigen Antikapitalisten samt zugehörigem Umzug, der hier traditionell am Mai-Feiertag abgehalten wird. Man muss die Feste eben feiern, wie sie fallen. Und im fortgeschrittenen­ Frühjahr ist es auf jeden Fall erheblich wärmer als beim doch oft ungemütlich kalten Karneval, da haben die Autonomen durchaus einen Sinn fürs Praktische bewiesen.

Was mich allerdings irritiert, ist die Ortsangabe auf dem Plakat: Geladen wird zur Molotowcocktailparty anlässlich der Walpurgisnacht diesmal nicht nach Prenzlauer Berg oder Friedrichshain, sondern, tatsächlich, in den Wedding. Was wollen die denn hier?

Sie wollen, so entnehme ich später einem Aufruf, gegen die Gentrifizierung demonstrieren. Da ist es natürlich klug, dorthin zu gehen, wo es noch gar keine Gentrifizierung gibt. Quasi prophylaktisch. Es gebe allerdings, informiert mich der Aufruf, deutliche Anzeichen für Gentrifizierung auch im Wedding. Das würde mich ja mal etwas genauer interessieren. Was meinen die bloß?

Zum Essen bin ich mit Bernhard im Saray verabredet. Ich berichte ihm von der bevorstehenden revolutionären Walpurgisnacht.

»Die nennen das wirklich Walpurgisnacht?«, wundert er sich, »das Wort kennt hier doch keine Sau!«

In der Tat, hier scheint ein gewisser Zielgruppenkonflikt zu herrschen. Dabei ist der Aufruf zur Walpurgisnacht Wedding sogar eigens auch in Türkisch, Arabisch und noch irgendwelchen Sprachen gehalten. Walpurgisnacht. Dafür gibt’s doch auf Arabisch bestimmt gar kein Wort. Na ja, wer weiß, was da in Wirklichkeit steht. Vielleicht ja tatsächlich was gegen Gentrifizierung. Ich frage Ahmed, der uns ein Bier bringt: »Steht da was von Walpurgisnacht?«

Er staunt.

»Was ist Walpurgisnacht?«

»Walpurgisnacht ist gegen Gentrifizierung«, informiert Bernhard ihn gelangweilt.

»Was ist Gentrifizierung?«, fragt Ahmed.

»Gentrifizierung ist, wenn Leute mit Geld hierher ziehen.«

»Das ist gut!«, sagt Ahmed, »wenn Leute mit Geld herziehen, können wir mehr Döner verkaufen. Aber hier ist niemand mit Geld. Hier ist Wedding.« Wir zucken mit den Schultern.

Der türkische Satz auf dem Flugblatt lautet dann übrigens doch nur »Gegen soziale Diskriminierung und ras­sis­tische Provokation«, übersetzt Ahmed für uns. Gegen die Gentrifizierung sollen offenbar nur die Deutschen demonstrieren, wahrscheinlich, weil der türkische und arabische Teil der Bevölkerung gar nichts gegen ein kleines bisschen Gentrifizierung hätte, wenn man sie denn fragen würde.

»Gentrifizierung!«, knurrt Ahmed, »wo soll denn hier Gentrifizierung sein?«

»Vielleicht«, mutmaßt Bernhard, »das L’Escargot? Da gibt es wirklich gutes Essen!«

»Na ja«, gebe ich zu bedenken, »aber das L’Escargot gab es 1991 auch schon, als ich hier hergezogen bin.«

»Aber da hieß das noch nicht Gentrifizierung«, beharrt Bernhard, »da hieß das noch gutes Essen.«

»Hier auch gutes Essen!«, merkt Ahmed zu Recht an, »aber hier nicht Gentrifizierung.« Kopfschüttelnd verlässt er unseren Tisch.

Im Tagesspiegel ist die Route des Demonstrationszugs veröffentlicht. Sie verläuft direkt über die Müllerstraße und dann noch etwas durch die umliegenden Wohngebiete. »Scheiße«, knurrt Bernhard, »das ist direkt auf meinem Nachhauseweg vom Café Cralle. Und das vorm 1. Mai, ist doch Feiertag! Da hört der Spaß aber mal auf, wenn dann alles abgesperrt ist wegen den antikapitalistischen Kasperln und ich nicht nach Hause komme!«

Ich bin auch nicht sicher, ob der Bewegung hier sehr viel Sympathie entgegenschlagen wird. Gut, sie rechnen wahrscheinlich gar nicht groß damit, dass Weddinger bei der Party mitmachen. Dafür spricht auch der Treffpunkt: S-Bahnhof Wedding. Praktisch die Direktverbindung nach Friedrichshain/Kreuzberg.

Ein weiterer Flyer empfiehlt den Teilnehmern, vermummt zu erscheinen. »Und dann …«, gibt sich der Zet­tel geheimnisvoll, aber das Rätsel ist nicht sehr schwie­rig, das beigefügte Foto von Steine werfenden Vermummten lässt die Intention auch den ungeübten Betrachter leicht erraten.

»Walpurgisnacht«, knurrt Ahmed im Vorbeigehen noch einmal in unsere Richtung, »ist das nicht das vorm 1. Mai, wo die immer alles kaputtmachen?«

»Genau, so will es der Brauch«, erläutern wir und zeigen ihm den gelben Flyer.

Ahmed schaut verständnislos: »Aber hier ist doch schon alles kaputt. Warum gehen die nicht nach Prenzlauer Berg?«

Wir wissen es nicht. »Vielleicht ist die Party insgesamt nicht mehr so angesagt wie früher und sie hoffen auf Verstärkung durch Weddinger Jugendgangs?«, spekuliere ich.

»Aber woher wollen die denn wissen, dass die da mitmachen?«, erwidert Ahmed, »das sind doch alles Türken und Araber! Die lassen sich doch nicht von aus Westdeutschland zugezogenen Friedrichshainern vorschreiben, wann sie hier zu randalieren haben! Außerdem spielt an dem Abend Galatasaray gegen Beşiktaş in der Süper Lig, da sitzen sowieso alle vorm Fernseher.«

Ich denke, wir bleiben gelassen. Der Weddinger Bevölkerung wird der merkwürdige Aufzug in der Nacht zum 1. Mai so egal sein wie alles andere auch. Auf ein paar Verrückte mehr kommt es hier letztlich nun wirklich nicht an, viel Schaden können sie ohnehin nicht anrichten. Und Bernhard wird vom Cralle schon irgendwie nach Hause kommen. Ansonsten bleibt er halt da, wäre ja auch nicht das erste Mal.

Das Einzige, was mich dann doch durchaus ernsthaft besorgt: Geboren wurde die antikapitalistische Walpurgisnacht im Prenzlauer Berg, danach marodierte sie durch Friedrichshain. Ergebnis: Beide Bezirke sind inzwischen total gentrifiziert.

Sind es gar nicht, wie immer behauptet wird, die Künstler, die Hipster, die Studenten, die die Speerspitze der Gentrifizierung bilden? Sind es am Ende die revolutionären Antikapitalisten, die den Boden bereiten, die eine Gegend erst aufregend und interessant machen, sodass sich anschließend mit dem üblichen Zeitverzug der Rattenschwanz an Nachfolgern dorthin begibt? Ist nicht so eine antikapitalistische Walpurgisnacht bereits vollendete Gentrifizierung im Miniaturformat: Eine Bande neunmalkluger Zugereister fällt über einen Kiez her, weiß alles besser, macht den dicken Maxe und sorgt dafür, dass sich garantiert kein einziger Einheimischer in der Nähe blicken lässt? Aber dass dafür die ganze Gegend groß in die Medien kommt? Und andere erst richtig auf sie aufmerksam werden?

Ich hoffe nur, der Wedding ist stärker. Mein Blick fällt durch die Scheibe des Saray auf die große Leuchtreklame mit dem neuen Namen vom ehemaligen Imbiss zur Mittelpromenade direkt gegenüber. Mehrfach schon habe ich darüber nachgegrübelt, was das wohl bedeuten mag. Ob sich da schon einer auf die neuen autonomen Besucher eingestellt hat? Auf knallig gelbem Grund leuchtet der Schriftzug über die Müllerstraße: You kill it, we grill it. Dann mal einen schönen Tanz in den Mai, liebe revolutionäre Antikapitalisten.

Internationaler Führerschein

»Also, es ist alles ganz einfach«, versicherte der Mann vom Reisebüro, »wenn Sie in Chile angekommen sind, gehen Sie im Flughafen von Santiago einfach zum Schalter der Mietwagenfirma, legen da diesen Gutschein, Ihren Pass, den Führerschein und den Internationalen Führerschein vor, und dann können Sie direkt den Wagen in Empfang nehmen.«

Das klingt gut, dachte ich. Also, Gutschein nicht vergessen, Pass und Führerschein habe ich ja eh in der Tasche, und den – was? Erstaunt sah ich ihn an: »Den Internationalen Führerschein? Gibt’s das Ding überhaupt noch?«

»Ja, steht hier. Den brauchen Sie zur Übergabe.«

»Wieso das denn? Was will denn die Mietwagenfirma damit?«

»Keine Ahnung. Steht hier halt.«

Der Internationale Führerschein. Das nutzloseste Papier der Welt, gleich nach dem Stimmzettel für die Bundespräsidentenwahl und Büchern von Thilo Sarrazin. Kein Mensch braucht einen Internationalen Führerschein. Ich reise seit rund zwanzig Jahren durch alle Welt, immer hatte ich den Internationalen Führerschein dabei, und noch nie, nicht ein einziges Mal, hat das Ding jemand sehen wollen. Bei meinen allerersten Reisen, als ich noch unerfahren war, hatte ich es ein paarmal vorgezeigt und damit jedes Mal Achselzucken oder Kopfschütteln provoziert, einmal auch helle Aufregung, weil der Polizist im ecuadorianischen Amazonastiefland bereits die Führerscheine von Hunderten deutscher Touristen begutachtet hatte und also wusste, wie so ein Dokument in Wirklichkeit auszusehen hat. Aber was ich ihm da vorhielt, so was hatte er noch nie gesehen, da musste ich erst mal mit zur Wache kommen. Erst ein Machtwort des dortigen Stationsvorstehers und eine eingehende Überprüfung des nationalen Führerscheins ermöglichten schließlich, dass wir weiterfahren durften, trotz des dubiosen, offensichtlich ja in betrügerischer Absicht vorgezeigten Papiers. Seither habe ich den Wisch immer schön stecken lassen, hatte ihn allerdings zur Vorsicht noch lange Zeit dabei, weil er offiziell in manchen Ländern eben Pflicht ist. Vermutlich irgendein historischer Anachronismus. Falls er überhaupt je für irgendwas gut war. Zum Autofahren jedenfalls nicht, denn mit dem Teil allein darf man sich ohnehin nicht auf die Straße wagen, es gilt per definitionem nur in Verbindung mit dem nationalen Führerschein.

Der Mann vom Reisebüro beharrte aber darauf, dass er nicht garantieren könne, ob mir der Wagen in Santiago ohne einen Internationalen Führerschein ausgehändigt würde, und dann hätte ich keinen Anspruch auf Erstattung der Mietkosten. Ich seufzte.

Ich hatte keine Ahnung, wo mein Internationaler Führerschein sein könnte. Ich dachte nach. Ach verdammt, letztlich war es ganz egal, wo der rumlag, das Ding war sowieso längst abgelaufen. Und am übernächsten Tag wollten wir starten. 36 wertvolle Stunden, und eine unkalkulierbare Anzahl davon sollte ich nun für einen Behördengang opfern. Eine schnelle Internetabfrage zu Hause bestätigte meine schlimmsten Befürchtungen: Zuständig ist das Bürgeramt Wedding.

Das Bürgeramt Wedding! Mit Grausen erinnerte ich mich an meinen letzten Besuch dort. An stundenlanges Warten in einem Saal, der eher an ein Flüchtlingscamp erinnert. An ein wahnwitziges Anmeldesystem, bei dem man erst ewig an einer Schlange anstehen muss, um an einen Schalter zu kommen, an dem man sein Anliegen vorbringen kann und dann überhaupt erst einmal die Erlaubnis bekommt, eine Wartemarke ziehen zu dürfen. An einen absurden Kassenautomaten, den sie irgendwo im Keller in einem ganz anderen Gebäude versteckt haben und den man nur über ein verwirrendes Labyrinth von Gängen erreicht. An eine Bürgeramtsmitarbeiterin, die mich in einer Tour ausgeschimpft hat, weil ich gottweißwas falsch ausgefüllt hatte. 36 Stunden nur noch – das würde knapp.

Derart von qualvollen Erinnerungen gepeinigt, traute ich dann meinen Augen kaum, als ich auf der Homepage des Bürgeramtes von der Möglichkeit las, sich via Internet einen Termin geben zu lassen. Konnte das sein? Wäre es möglich, dass die in den letzten Jahren irgendwas in Richtung Kundenfreundlichkeit ... Mit vor Aufregung zitternden Fingern klickte ich den Link an, gab meine Angaben in das Formular ein, drückte ab und wartete. Und wartete. Und wartete weiter. Ein Mailerdemon verkündete mir schließlich, dass das Postfach des Bürgeramtes leider übergelaufen sei, ich solle mich mit dem Administrator der Seite in Verbindung setzen. Haha! Der Administrator der Homepage vom Bürgeramt Wedding. Guter Vorschlag. Ich kicherte irre.

Am Freitag trat ich meine Mission an. Bis zwölf Uhr hat das Bürgeramt Sprechstunde, ich erschien um acht und reihte mich resignierend in die Schlange der Wartenden vor dem Info-Schalter ein. »Internationaler Führerschein?«, fragte der Mann dort, als ich schließlich endlich drankam, »was wollnse denn damit? Das braucht doch kein Mensch.« Traurig sah ich ihn an. »Doch, ich brauche das«, seufzte ich. »Hamse denn alles dabei?« Er ließ sich tatsächlich alles zeigen: Führerschein, Ausweis, Passbild. Vorher gibt es keine Wartemarke. Damit die wertvolle Zeit der Sachbearbeiter nicht von Leuten geraubt wird, die den hohen Anforderungen nicht gewachsen sind. Die nicht würdig sind, bis zum richtigen Schalter vorgelassen zu werden. Richtig so! Survival of the fittest, hier im Bürgeramt Wedding, da gilt noch das eherne Gesetz der natürlichen Auslese. Ich aber war Profi, ich war vorbildlich vorbereitet. Neidisch schauten die Weddinger hinter mir in der Schlange auf mich. Mindes­tens die Hälfte von ihnen würde wahrscheinlich hier bereits abgewiesen. Ich aber hatte die erste Hürde bewältigt, ich erhielt das Privileg, eine Wartemarke ziehen zu dürfen. Ganz berauscht von meinem Erfolg setzte ich mich zu den anderen Auserwählten. Wir waren die Elite des Bezirks! Jetzt ging alles überraschend schnell. Schon etwa drei Stunden später kam ich dran.

Ich war gerade auf dem Weg in die Schalterhalle, als ich einen Tumult, lautes Jammern und Wehklagen aus dem Eingangsbereich hörte. Elf Uhr. Da wird die Wartemarken-Ausgabe beendet. Wer jetzt noch in der Schlange steht, hat die letzten Stunden vergeblich dort verbracht, der wird unverrichteter Dinge wieder nach Hause geschickt. Schaudernd wandte ich mich ab von den Bildern des Elends.

Das Bürgeramt Wedding ist ein Großraumbüro. Jeder Mitarbeiter sitzt hinter seinem Schreibtisch, mit einigen Stellwänden wird so etwas wie Privatsphäre simuliert. Ich trat an Schalter fünf, den mir zugewiesenen. Eine etwa fünfzigjährige, stämmige Frau saß dahinter und mus­terte mich misstrauisch. Hinter ihr stand ein Radio, aus dem ganz leise Radio Paradiso zirpte. Genau so leise, dass es nicht mehr bis zum nächsten Mitarbeiter am Schreibtisch daneben drang. Denn der hat sein eigenes, leise vor sich hin zirpendes Radio. Aus dem, sofern ich das jetzt richtig wahrnahm, ebenfalls Radio Paradiso drang.

»Wieso kommense so spät?«, begrüßte die Frau mich vollkommen angemessen. Ich war entzückt. Ich war in ein Original-Berliner-Schutzgebiet geraten, völlig unbeleckt von allen Modernismen wie aufgesetzter Freundlichkeit und irgendwelchen albernen Service-Gedanken. Ich fühlte mich gleich um zwanzig Jahre jünger.

»Und was wollnse überhaupt hier?«, blaffte die Frau weiter, während ich vor Behaglichkeit schnurrte: »Einen Internationalen Führerschein.«

»Wat wollnse?«, fragte die Frau. Großartig. Ob die extra geschult werden dafür? Vom Amt für Denkmalschutz?

»Den Internationalen Führerschein«, wiederholte ich und spürte, wie meine Laune sich stetig besserte. Man musste es einfach andersherum sehen. Im Grunde hatte meine Reise schon begonnen. Klar, Chile, das würde sicher spannend werden. Aber mehr Exotik als dieses aus der Zeit gefallene Büro – die Frau hatte tatsächlich einen waschechten Gummibaum an ihrem Platz stehen, um nicht zu sagen: zu stehen! –, mehr Exotik und Abenteuer würde Südamerika auch nicht bieten können.

»Wat wollnse denn mit dem Ding?«, flötete die Weddinger Indígena mir entgegen, und fröhlich erwiderte ich: »Ich reise morgen nach Südamerika, da braucht man so was.«

»Quatsch«, schimpfte die Dame, »wat solln die denn damit? Das Ding braucht kein Mensch, nicht mal in Südamerika oder in Timbuktu!« Großartig, sie war wild entschlossen, mir das ganze Programm zu bieten. Ich wand mich vor Vorfreude, als ich lächelnd antwortete: »Doch, doch, ich brauche das.«

»Und morgen wollnse los, oder was, und dann wollnse das womöglich jetzt sofort mitnehmen, oder wie?« Sie sah mich streng an.

»Ganz genau!« Ich strahlte. Sie holte tief Luft.

»Und damit kommse mir eine Stunde vor Schluss hier an? Junge, Junge, was glaubense denn, wo wir hier sind!«

»Auf Ihrer Homepage steht, dass es den Internationalen Führerschein gleich zum Mitnehmen gibt!«

»Wasn für ne Homepage?«

»Im Internet!«

»Ach, dit Internet. Glaubense mir, junger Mann, da steht ne Menge drin in diesem Internet! Allerhand sogar! Dis solltense nu wirklich nich alles für bare Münze nehmen.«

»Im Internet, auf der Seite des Bürgeramtes Wedding, auf Ihrer Seite, steht, dass es den Internationalen Führerschein gleich zum Mitnehmen gibt!«, beharrte ich.

»Junger Mann, wollnse mir verarschen? Im Internet steht auch, dass se hier im voraus Termine per Mehl kriegen.«

»Ja, stimmt, das habe ich auch probiert, aber das funktioniert gar nicht.«

Sie sah mich entgeistert an. »Junger Mann, sindse neu hier? Wo kommse denn her ...?«, sie schaute auf meinen Ausweis, »... aus Münster? Ach, wie die Spaßvögel vom Tatort. Na, Sie sind wohl auch so’n ganz Lustiger, wa? Behördentermine per Mehl, Mann, Mann, Mann, wo lebense denn?« Ich wand mich vor Wonne. Richtig so!

»Gib mir mehr davon!«, wollte ich schon rufen, fragte dann aber lieber doch: »Was ist denn nun? Ich brauche das blöde Ding wirklich heute, sonst kriege ich morgen in Chile kein Auto, der Vermieter dort will das nämlich sehen, warum auch immer, das steht da aus irgendwelchen Gründen in den Vorschriften.«

Sie schüttelte nur mit dem Kopf, knurrte irgendwas in Richtung »Sachen gibbet, also echt«, dann sagte sie: »Kost aber 20 Euro.«

Na also. Ich wollte mich gerade aufmachen zu dem legendären, mystischen Kassenautomaten, da fiel mein Blick auf ein großes Schild auf dem Schreibtisch der Frau. Ich verschluckte mich fast vor Schreck: »Wir akzeptieren gerne Ihre EC-Karte«, stand dort. »Gerne«! Fast hätte ich mein Gegenüber gefragt, ob ich tatsächlich bei ihr mit Karte bezahlen kann, aber jetzt allmählich mussten wir das hier mal zum Abschluss bringen, die Zeit für die zweifellos folgende Könnse-nich-lesen? Was-meinse-wohl-wozu-das-Schild-da-steht-Orgie sollte ich uns doch besser ersparen, denn die magische 12-Uhr-Marke nahte. High Noon, bis dahin mussten wir hier fertig sein, wer weiß, was sonst passieren würde. Also legte ich ihr einfach die Karte vor.

Sie starrte mich ungläubig an.

»Wat soll das denn?«

»20 Euro! Sie sagten, es kostet 20 Euro.«

»Ja, und? Was wollnse dann mit die Karte hier? Ick bin doch keene Bank! Gehnse ma lieber langsam los zum Kassenautomaten, bald is hier Feierabend nämlich!«

Ich deutete auf das Schild, das direkt vor ihr stand. Sie drehte es zu sich um, studierte es eingehend mit hochgezogenen Brauen, schüttelte kurz verständnislos mit dem Kopf und murmelte: »Jetzte drehnse alle durch.« Dann wendete sie sich wieder mir zu: »Dit tut’s sowieso nich.«

»Ist die Maschine kaputt?«, fragte ich.

»Was’n für ’ne Maschine? Die einzige Maschine hier ist der Kassenautomat. Da müssense bezahlen. Dafür isser ja da. Oder was glauben Sie, wofür wa dit Mons­trum ham?«

Ich seufzte. »Steht das Ding immer noch in diesem Nebengebäude ...?«

»Ganz genau. Und jetzte machense mal hin, viel Zeit hamse nich mehr, und der Weg is weit. Verlaufense sich ja nich, da ist jetzt so ne Baustelle zwischen. Folgense einfach den Schildern.«

Ich rannte los. Der Kassenautomat des Bürgeramtes Wedding steht bestimmt auch unter Denkmalschutz. Aus irgendeinem Grund dürfen die Bürgeramtsmitarbeiter das Geld nicht selbst annehmen. Warum auch immer. Wahrscheinlich eine Regelung aus einer Zeit, als man noch Internationale Führerscheine brauchte. Man muss also zu diesem Kassenautomaten, um dort das Geld einzuzahlen, dann bekommt man einen Bon, mit dem man zum Schalter zurückgeht, um ihn dort abzugeben. Der Kassenautomat steht aber natürlich nicht in der Schalterhalle. Oder davor. Oder im Wartesaal. Der Kassenautomat steht in einem Nebengebäude, das man erreicht, indem man erst durch den Wartesaal und dann durch ein Treppenhaus und dann durch einen langen Verbindungsgang in Form einer überdachten Brücke zum Nebengebäude und dann wieder durch ein Treppenhaus und dann durch einen weiteren Gang und dann durch noch einen Gang und dann durch eine andere Eingangshalle und dann hinten rechts die Treppe runtergeht. Zwischendurch musste ich tatsächlich durch eine Baustelle, da die komplette Decke im Nebengebäude saniert wird, ich musste mich zwischen Abdeckplanen und Gerüsten hindurchquetschen.

Hin und wieder gab es Wegweiser zum Kassenautomaten, an manchen Abzweigungen, aber selbstverständlich nicht an allen, sonst wäre es ja langweilig.

Gehetzte, panische Menschen irrten durch die Gänge, denn bald war es 12 Uhr, und dann wäre alles vorbei. Ich bog in einen weiteren Gang ein, hetzte dort entlang – und da stand er schon, der Automat. Ich war bestens präpariert, fütterte ihn vorschriftsmäßig mit abgezählten, passenden Scheinen (ich war ja nicht wahnsinnig und setzte darauf, dass das Teil herausgeben könnte), hörte es rattern und tuckern, hielt anschließend glückselig glucksend die ersehnte Quittung in den Händen und machte mich schleunigst auf den Rückweg.

Zurück in der Schalterhalle hastete ich an den Schreibtischen der Bürgeramtsmitarbeiter vorbei – jetzt fiel es mir auf: Jeder hatte ein kleines Radio am Platz. Und aus jedem klang ganz leise Radio Paradiso.

Endlich kam ich bei meiner Sachbearbeiterin an, stolz legte ich ihr den Ausdruck auf den Tisch, und fast meinte ich so etwas wie Anerkennung in ihrem Gesicht zu lesen, als sie mich freundlich zurückbegrüßte: »Hamse noch Mittag gemacht zwischendurch, ja?«

Gerade wollte ich euphorisch werden, da sagte sie es: »Aba hamse mal auf die Uhr gekiekt? Jetzte ham wa fünf nach zwölf, da ist Feierabend, wa!«

Meine gute Laune war mit einem Schlag dahin, entsetzt starrte ich sie an. Sie starrte zurück. Mir stiegen die Tränen in die Augen. Sie triumphierte: »Was meinse denn, junger Mann, war doch nur’n kleenes Spässken! Wir sind doch keene Unmenschen hier!«

Dann gab sie meine Daten in ihren Rechner ein, schau­te konzentriert auf ihren Bildschirm und begann mit zunehmender Amplitude ihren Kopf zu schütteln: »Mann, Mann, junger Mann«, hob sie an, »Mann, Mann, Mann.«

Ich sah ängstlich zu ihr. Was würde denn jetzt kommen? »Mann, Mann, Mann«, sie schien es nicht glauben zu können, »Wissense was?« Sie machte eine Kunstpause, ich blickte furchtsam zu ihr.

»Ihr Internationaler Führerschein ist noch gültig.«

»Was?«

»Na, Sie haben noch so ein Ding, wozu auch immer, und das ist noch gültig. Bis Juni.« Ich sah sie erschüttert an.

»Aber«, zitterte ich, »ich habe keine Ahnung, ... Ich wusste ja nicht, dass ... also, den hab ich nicht mehr. Der ist weg.«

»Ja, wie jetzt? Das Ding müssense doch noch haben?«

»Nein, echt!«, ich spürte Panik, »echt nicht. Stellen Sie mir doch einfach den neuen aus, ich hab ja auch schon bezahlt, ich brauche das Ding, wir fliegen morgen los.«

»Hörnse mal!« Sie plusterte sich kräftig auf: »Was glaubense denn, wo se hier sind? Das isn amtliches Dokument, vastehnse? Da könnse doch nich einfach mit zwei von die Dinger rumlaufen, was glaubense denn? Wollnse vielleicht auch gleich zwei Pässe ham, oder wie? Mann, so was könnse doch nicht einfach verlieren! Da müssense doch drauf aufpassen! Dit müssense sicher vawahrn! Wennse dit nich mehr ham, dann müssense ne Verlustanzeige machen. Stellense sich vor, das kriegt jemand Falsches in die Hände! Ihren Internationalen Führerschein!«

Ich sackte in mich zusammen. Jetzt war eh alles egal. »Ja und?«, fragte ich resigniert, »dann hat der halt meinen Internationalen Führerschein. Ist doch scheißegal, das Ding ist doch sowieso für nichts gut.«

Die Sachbearbeiterin blickte auf und schaute mich scharf an. Ihr Gesicht wirkte wie versteinert. Au weia, dachte ich, jetzt explodiert sie. Ich duckte mich sicherheitshalber schon mal. Es war ein Moment vollkommener Stille, nur ein kaum hörbarer Chor flötete irgendeinen Jingle von Radio Paradiso.

Dann zuckte sie plötzlich mit den Schultern und sagte: »Da hamse allerdings verdammt noch mal Recht. Dis braucht wirklich kein Mensch, das Teil.«

Dann nahm sie ein olivgrünes Heftchen, tackerte mein Passbild hinein, machte einen Stempel drunter und drückte es mir in die Hand. »So, da hamses. Und jetzte is hier ma Feierabend. Mann, Mann, Mann, hier is was los.«

Verwirrt, aber glücklich stand ich auf, steckte meinen neuen Internationalen Führerschein ein und machte mich auf den Weg zurück auf die Müllerstraße, in die reale Welt. »Schönen Urlaub noch, wa!«, rief sie mir hinterher, und außerdem: »Jede Wette, dasse das Ding im Leben nich mehr brauchen!«

Zu Hause angekommen, beim Zusammenpacken, lachte ich nur kurz trocken auf, als ich zwischen Reisepass und Impfausweisen auf den alten, noch gültigen Internationalen Führerschein stieß. Ich gab ihn achselzuckend ins Altpapier.

Rund 24 Stunden später torkelte ich auf der anderen Seite der Welt erschöpft aus dem Flugzeug und schleppte mich zum Schalter der Autovermietung. Ich legte dem Mann dahinter die Papiere vor, er nahm sie in die Hand. Den Internationalen Führerschein gab er mir direkt zurück: »Was ist das denn?«, fragte er, und ergänzte: »So was können Sie hier in Chile jedenfalls nicht gebrauchen.«

Dieter

Es ist nie ein gutes Zeichen, wenn die Veranstalterin kurz vor der Show zu uns Vortragenden kommt und einen Satz beginnt mit den Worten: »Ihr habt doch bestimmt nichts dagegen, wenn ...« Dann kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass wir etwas dagegen haben. Oder doch wenigstens, dass wir etwas dagegen haben sollten.

Aber selbstverständlich hatten wir nichts dagegen, als die freundliche, junge Aktivistin, die das Projekt leitete, in dessen Rahmen wir Brauseboys nun in irgendeiner Weddinger Kneipe unsere Texte vorlesen sollten, uns um einen kleinen Gefallen bat. Das Projekt, um das es ging, war irgendwas mit Kiez-Arbeit und natürlich allerlei Fördergeldern vom Quartiersmanagment und dem Kultursenator und Wasweißichwem, jedenfalls mit Fördergeldern, von denen allerlei bezahlt werden konnte, nämlich Werbeplakate, Flyer, Homepage und vor allem die Arbeit der Projektleiterin, also gute und wichtige Dinge, die so gut und wichtig waren, dass für die Vortragenden, die beim Projekt »Der Kiez trägt vor« vortrugen, selbstverständlich kein Geld übrig blieb. Das würden wir ja sicherlich verstehen, was wir natürlich verstanden. Außerdem könnten wir natürlich gerne einen Hut rumgehen lassen.

Der Gefallen, um den die junge und immerhin bezahlte Organisatorin uns bat, bestand darin, dass wir noch einen »Kiezdichter« in unserer Show auftreten lassen sollten, einen »sehr guten Kiezdichter«. Denn das sei nämlich genau genommen der eigentliche Grund für diese Veranstaltung und die Fördergelder, dass nämlich unbekannte Autoren aus dem Kiez sich einem breiteren Publikum präsentieren können, und wir als schon renommierte Schriftsteller sollten dafür den nötigen Rahmen bieten. Ob sie uns das vorher nicht gesagt hätte?

Das wäre der richtige Moment gewesen, die Sachen zu packen und zu gehen. Aber wir nickten nur benommen und sahen verschreckt zu dem Kiezdichter hinüber, der uns aufgeregt mit seinen Notizbüchern zuwinkte.

Vielleicht lag es daran, dass wir also mit dem Schlimms­ten rechneten, dass es am Ende doch gar nicht so schlimm war. Wahrscheinlich lag es auch an den nicht ganz unerheblichen Mengen Alkohol, die ich vorsorglich eingenommen hatte, nachdem die Organisatorin uns über unseren Überraschungsmitstreiter informiert hatte. Ganz sicher aber lag es an den nicht unerheblichen Mengen Alkohol, die ich aus Erleichterung über den doch nicht so schlimmen Verlauf dann nach der Show zu mir nahm, dass ich dem Kiezdichter irgendwann sogar meine Telefonnummer gab und mit ihm vereinbarte, dass wir in Kontakt bleiben würden. Was man halt sagt, wenn man besoffen ist.

Am nächsten Morgen erinnert man sich nur noch vage an den Abend und erst recht nicht an den Namen des Zechpartners. Die Kopfschmerzen mahnen, sich beim nächsten Mal doch besser in allen Belangen etwas zurückzuhalten, und die Sache wäre eigentlich schnell gänzlich vergessen. Wenn dann das Telefon klingelt und sich jemand meldet, dessen Namen man noch nie gehört zu haben meint, der aber eindringlich darauf verweist, man sei doch am vergangenen Abend zusammen aufgetreten und hätte anschließend über gemeinsame Projekte gesprochen, spätestens dann schwört man sich, beim nächsten Mal vielleicht lieber gar nichts zu trinken und vor allem die Finger von allem zu lassen, was mit irgendwelchen Kiez-Initiativen oder Projekten zu tun hat und erst recht mit spontan auftauchenden Dichtern, aber da war es ja schon zu spät.

So also lernte ich Dieter kennen. Ich wollte die üblichen Verschleppungsstrategien versuchen, vielleicht begegne man sich bald irgendwo zufällig oder man könne sich irgendwann ja mal treffen. Genau, sagte Dieter, ich habe ihm doch gestern erzählt, wo ich wohne, und zufällig habe sein Sonntagmittagspaziergang ihn ganz in die Nähe geführt, er stünde gleich vor meiner Tür. Ich könne ja schon mal Kaffee aufsetzen. Ach du Scheiße, dachte ich und verordnete mir einen alkoholfreien Monat. Im nächsten Moment klingelte es.

Ich sag mal so: Angesichts meines dröhnenden Schädels und meiner extrem verlangsamten Reaktionszeit und Auffassungsgabe war es höchst erfreulich, dass meine einzige Aufgabe in dem folgenden Gespräch darin bestand, durch gelegentliche gutturale Laute den Eindruck zu erwecken, ich würde Dieters Ausführungen folgen. Das bekam ich mit einiger Mühe recht solide hin. Dabei registrierte ich sogar durchaus, dass sein Vortrag immer mal wieder in Richtungen glitt, die eigentlich ein Einschreiten erforderlich machten. Aber er war schneller. Und lachte viel. Und nahm meine Antworten zielsicher vorweg. Zielsicher insofern, dass er immer sehr genau das Gegenteil von dem für mich sagte, was ich eigentlich sagen wollte. Ich war erstaunt: über seine Energie, seine Fröhlichkeit, seinen Redefluss, seine Dreistigkeit und seine Sympathie, die er mir grundlos entgegenbrachte. Dabei hatte er doch gestern noch viel mehr als ich getrunken. Während ich mich auf Bier beschränkt hatte, hatte er immer noch mal einen Whiskey dazwischen gemogelt, es war mir ein Rätsel, wie er überhaupt schon wieder reden konnte.

Konnte er aber, und als er ging, hatte ich also vereinbart, gemeinsam mit ihm ein Drehbuch für ein Musical zu schreiben, ein Musical über den Wedding, gespielt und gesungen von uns Weddinger Vorlesern, das wir voraussichtlich zunächst im Friedrichstadtpalast ins­zenieren würden, bevor wir damit dann dauerhaft ins Theater des Westens zögen. Das war doch ein ganz ordentliches Ergebnis für einen verkaterten Sonntagmittag. Ich beschloss, erst mal wieder ins Bett zu gehen.

Ich wäre ja bereit gewesen, die ganze Sache als bösen Traum zu verbuchen, aber schon wenige Stunden später ging das Telefon. Dieter war dran, er hatte bereits mit dem Regisseur und dem Requisiteur und dem Beleuchter gesprochen, ein Beleuchter übrigens, der sonst am Broadway beleuchtet, aber der auch mal Lust auf was Anspruchsvolles hat. Alle seien begeistert. Ein Wedding-Musical, das sei genau das, worauf das Showbusiness schon lange gewartet habe, wir müssten jetzt nur noch rasch ein Exposé entwerfen, damit er die Gelder einwerben könnte.

Allmählich wurde mir klar, dass ich hier mit meiner passiven Strategie nicht durchkommen würde. Irgendwie mochte ich Dieter zwar, ich konnte es mir selbst nicht ganz erklären. War es der offenkundige Wahn? Die unerschütterliche gute Laune, die nur mit erheblichen Anteilen von Realitätsverweigerung zu erklären war? Die pure Energie, die er ausstrahlte? Oder war es das Mitleid? Dieter hatte erzählt, dass er früher eine große Nummer im Theater in West-Berlin war, er hatte Drehbücher geschrieben für die ganz Großen und fürs Fernsehen, er hatte dickes Geld damit gemacht, doch dann kam das Koks und dann der Krebs und dann kamen die Jahre in den Kliniken und die Scheidung, und die Villa in Zehlendorf war auch weg. Dann hatte er sich gefangen, eine Einzimmer-Wohnung im Wedding, wegen der Nähe zum Virchow, es gäbe da noch ein paar Komplikationen. Und jetzt habe er einen Taxi-Schein. Kurz, er hätte mal ein paar Jahre den Ball flach gehalten, aber nun sei es an der Zeit, wieder richtig einzusteigen.

Seine angeblich große Zeit lag vor der des Internets. Seltsam, wie hilflos man ist, wenn man nicht auf Anhieb alles ergoogeln kann, aber es gab immerhin ein paar Treffer, und sie widersprachen seinen Erzählungen nicht grundsätzlich, manches schien sogar zu stimmen, das meiste blieb im Unklaren. Aber es nutzte ja alles nichts, sein Musical würde er so oder so alleine machen müssen, ich hatte keine Zeit für so was, und die Vorleser-Kol­legen von den Brauseboys würden mich schon für verrückt erklären, wenn ich ihnen das Anliegen unterbreiten würde.

Als wir eine Woche später nach der Veranstaltung zusammensaßen, sagte einer der Kollegen: »Du bist doch verrückt.« »Na ja«, verteidigte ich mich, »aber all diese Leute gibt es wirklich. Ich habe das gegoogelt. Und er stand mit dem Regisseur plötzlich vor meiner Tür. Der wirkte zwar auch eher skeptisch, dass Dieter das Startkapital von 200.000 Euro zusammenbekommt, aber es gibt ihn wirklich, den Regisseur. Und den Broadway-Be­leuch­ter auch.« »Du bist doch total bekloppt«, zeigte der Kollege sich uneinsichtig.

Zum Treffen mit dem Regisseur hatten sie dann trotzdem alle ihre Textpassagen brav auswendiggelernt. Wir waren uns einig, dass aus diesem Wahnsinnsprojekt natürlich nichts werden würde. Nur Dieter zuliebe machten wir ein bisschen mit, und wer weiß, vielleicht fiel ja Stoff für ein paar Geschichten an.

Ich war eher unsicher, ob meine Klavierlieder für die große Bühne taugen, aber Dieter versicherte mir, das Film­orchester Babelsberg, mit dessen Leitung er schon in intensiven Verhandlungen stehe, würde die angemessen umsetzen.

Praktisch war, dass er uns anschließend immer im Taxi nach Hause fuhr. Als wir eines Nachts von einem Treffen mit irgendwem zurückkamen, der Großes mit den Filmrechten an unserem Musical vorhatte, bemerkten wir, dass Dieter nur in Schrittgeschwindigkeit über die Müllerstraße tuckerte. Er war schweißüberströmt. Es sei alles in Ordnung, versicherte er und kurbelte das Fenster auf, er brauche nur mal ein bisschen frische Luft. So fuhren wir ganz rechts, mehr als einmal fürchtete ich, er rasiere die Außenspiegel der parkenden Autos ab. Wir waren ziemlich froh, als er uns am Leopoldplatz aussteigen ließ. »Große Güte«, murmelte einer der Kollegen, »ich hatte wirklich Angst.« »Ich glaube, sein Koks war alle«, meinte der andere.

Einerseits waren wir erleichtert, denn wir hatten uns die ganze Zeit nicht wohlgefühlt mit der Sache. Andererseits war es auch wie ein Kater. Wie hatten wir uns auf diesen Irrsinn überhaupt so weit einlassen können? Hatten wir uns wirklich mit all diesen Leuten getroffen? Hatten wir wirklich ein Exposé ausgearbeitet, zu einem Wedding-Musical? Was hatten wir denn erwartet? Wir konnten es, mit dem Abstand von einigen Wochen, selbst nicht so recht verstehen.

Von Dieter fehlte jede Spur. Er meldete sich monatelang nicht mehr. Wir hatten ihn längst vergessen und erst recht das unselige Musical-Projekt, als er eines Abends plötzlich nach der Show bei uns am Tisch stand, kraftstrotzend, energiegeladen wie früher, zu viel redend und zu laut lachend. Er habe eine seltene Erkrankung, eine Folge des Krebs, das sei plötzlich akut geworden, wir wüssten ja, wie das sei: Klinik, künstliches Koma, Reha. Die Sache mit dem Musical sei leider erst mal verschoben, weil der Regisseur kurzfristig ein Angebot aus den Staaten erhalten habe und schon in New York sei, das müsse er jetzt erst mal abdrehen. Aber er habe Sponsoren an der Hand für eine vierstündige Akrobatik-Revue mit Lese-Einlagen, wahrscheinlich am Hamburger Stella-Theater, wenn der König der Löwen dort auslaufe, aber das müsse man noch mal sehen. Jedenfalls seien wir ganz unverzichtbarer Bestandteil der Show, für die er allerdings auch noch einige Feuerspucker brauche.

Wir versprachen, zur Premiere zu kommen. Als Zuschauer.

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