Kitabı oku: «In Bed with Buddha»

Yazı tipi:

Heiko Werning

In Bed with Buddha

Ein episodischer Entwicklungsroman

FUEGO

- Über dieses Buch -

Ein episodischer Entwicklungsroman von Westfalen in den Wedding, zwei Biotope, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. In Heiko Wernings Geschichten leben die eigenwilligen Einwohner dieser Rückzugsgebiete auf und schillern in ihrer komischen Schönheit. Da ist zum einen Westfalen, ein Landstrich, dessen Einwohner mit stoischer Gelassenheit auf den hektischen Medienbetrieb schauen, nur weil mal ein paar Tage der Strom ausgefallen ist, wo liberale Mütter den Kontakt zur jungen Generation suchen und "ganz offen" über Sex reden wollen, wo Vorstadtwitwen nachts durch ihre Gärten kriechen und Schnecken zerschneiden.

Und da ist der Wedding, wo Menschen, die sich in ihren Hinterhöfen nie zu Gesicht bekommen, sich Lebenshilfe aus den Fenstern ihrer Wohnungen zurufen, wo Rassisten aus Protest gegen die vielen Ausländer mit der thailändischen Geliebten nach Südostasien abhauen, wo Betrunkene sich nachts an den schrecklichsten Imbissbuden des Landes treffen, um sich selbst zur Katharsis zu verhelfen, ein Stadtteil, von dem alle sagen, dass man dort keine Kinder aufziehen könne, obwohl doch vermutlich nirgendwo in Deutschland mehr Kinder aufwachsen als gerade hier.

»Das Unspektakuläre findet seinen würdigen Platz in Wernings Texten, es wird zuweilen überhöht, zugespitzt, ins Absurde gedreht, oft aber auch nur lakonisch dahererzählt. Werning gräbt sich tief in die Beobachtung einer Situation und destilliert ihre komische Essenz. Er schreibt mit exzellent trockenem Humor.«

taz

»In Bed with Buddha ist [...] ein sehr sinniges Plädoyer für die Provinz und eine liebevolle Entzauberung der Großstadt als Sammel- und Fluchtpunkt der “coolen” aller Art. Ein bisschen geht es mir mit Wernings Texten so, wie mit der Musik von Manfred Maurenbrecher: Beide sind nach der herrschenden Geschmackspolizei extrem unmodisch und uncool, aber genau das macht sie wahrhaftig und extrem standhaft. Schönes Buch.«

Jochen Reinecke, ZEIT online

Prolog
Das Flusspferd

ES WIRD VIEL ZU VIEL GESCHIMPFT über Berlin. Dabei erlaubt die Metropole jedem Menschen, der willig ist, dies anzunehmen, höhere Einsicht und Erhabenheit. Denn sie unterhält im Zoo ein Flusspferdhaus. Ein Flusspferdhaus, dessen Wasserbecken wie in einem großen Landschaftsaquarium mit einer Glasscheibe abgetrennt ist, sodass die Zuschauer direkt in das Unterwasserreich der Flusspferde blicken können. Und auf die Flusspferde selbst auch, aus nächster Nähe und ohne störende Gitter.

Es gibt wenig erfreulichere Anblicke auf der Welt als ein Flusspferd. Umso erstaunlicher ist es, dass es auch in Berlin Menschen gibt, die wertvolle Lebenszeit damit vergeuden, Computerzeitschriften oder Martin Walser zu lesen, in Boutiquen nach etwas, was sie dann schick nennen, zu suchen, oder in Cocktail-Lounges zu chillen; dabei könnten sie stattdessen doch auch die Flusspferde im Zoo anschauen. Im Regelfall liegen diese irgendwo herum und machen gar nichts, außer verdammt imposant zu sein. Verdammt imposant zu sein, ohne irgendetwas dafür zu tun, ist eine sehr schöne Eigenschaft. Wie viel Unheil entsteht, nur weil Menschen imposant wirken wollen, obschon sie es doch so gar nicht sind? Die arabischen Jugendgangs auf der Straße mit ihrem Gestammel, ihren aufgeplusterten Jacken, den lächerlichen Schiffchen-Rasur-Frisuren und dem ganzen Ghetto-Getue, und dann aber zu Hause vor Mama und Papa wegducken und das Schwesterchen verpetzen, wenn es sich mal das Kopftuch abnimmt. Ganz zu schweigen von den ostdeutschen Relikt-Jugendlichen, die sich in Bomberjacken und Springerstiefel packen, um beeindruckend zu wirken, und dann doch nur in Gruppen einzelne Schwächere verprügeln können.

Ein Flusspferd muss niemandem vormachen, dass es imposant sei, es ist einfach imposant. Dabei spielt es sich kein bisschen auf. Wenn es will, kann das Flusspferd sich durchaus durchsetzen, ganz allein, ohne Stiefel und ohne Meute – es ist das gefährlichste Großtier in Afrika. Wenn man es in Ruhe lässt, liegt es aber einfach nur herum. 4500 kg Ruhe und Überlegenheit. Und das trotz dieser kleinen Schweinsäuglein und der im Maßstab geradezu lächerlichen Öhrchen, die wie unbeholfen drangeklebt wirken – na und? Das Flusspferd wackelt hin und wieder genüsslich mit ihnen. Dafür sollen sie sein, die winzigen Öhrchen, und dafür sind sie gut. Was zählt es, dass sie viel zu klein aussehen für dieses riesige Tier, wenn es damit doch so vorzüglich zufrieden wackeln kann?

Das Flusspferd liegt auf einer Insel im Wasser, breitet einen Zentner neben dem anderen in der Sonne aus und wackelt mit den Öhrchen. Mehr Friede ist nicht möglich auf dieser Welt. Oder das Flusspferd treibt im Wasser, und ganz gelegentlich lässt es einige Knubbel seines Oberkopfes oder die Barthaare, die wie die letzten verkohlten Borsten eines explodierten Besens aussehen, über die Oberfläche ragen, schnaubt ein bisschen und sinkt dann wieder herab. Dann sieht man manchmal kleine Blasen von dort aufsteigen. Da freut das Flusspferd sich, weil es lustige Blasen machen kann, indem es Luft durch seine Nasenlöcher pustet. Und dann sieht man, wie auf der anderen Seite des Flusspferdes noch größere Blasen aufsteigen. Da freut das Flusspferd sich auch, weil es lustige Blasen machen kann, indem es die Luft auf der anderen Seite aufsteigen lässt. Nach Herzenslust blubbert es an beiden Flusspferdenden, und dazwischen herrscht Zufriedenheit und Ruhe.

Aber das Flusspferd kann auch anders. Leute, die ihre Zeit damit vergeuden, in Boutiquen nach schicken Sachen zu suchen, Computerzeitschriften oder Martin Walser zu lesen oder in Cocktail-Lounges zu chillen, nehmen an, es müsse irgendwie unbeholfen durch die Gegend torkeln. Dabei hat doch Gewicht so wenig mit Eleganz zu tun! Wenn das Flusspferd sich im Wasser bewegt, dann gleitet es elegant, wie tänzerisch, an der Scheibe und den staunenden Betrachtern vorbei. Viereinhalb Tonnen angefressene Fleischmasse, aber wie eine Elfe schwebt es dahin, berührt den Boden nur mit den Spitzen seiner Hufe, die im vollendeten Gleichklang den Untergrund streicheln, ohne irgendwo anzustoßen, in perfekt harmonischer Bewegung, voll höchster Grazilität.

Das Flusspferd ist mein Vorbild. Auch ich lege höchsten Wert auf grazile Bewegungen, behände schlängle ich mich durch die Massen, flink und geschickt, während der durchschnittliche Berliner, egal ob Ureinwohner oder zu­gezogener Medieninformatiker, sich mit der Sensibilität einer Planierraupe durch die Menge schiebt, Leute anrempelt und Ellbogen ausfährt. Dabei müssten sie doch nur in Ruhe das Flusspferd betrachten! Das würde überhaupt so vielen Menschen gut tun!

Man sollte aufhören, über Personen wie beispielsweise Kate Moss in Zeitungen zu berichten. Man sollte ihnen helfen. Indem man sie ein halbes Jahr in ein Flusspferdgehege sperrt. Salat gibt es darin genug, denn das Flusspferd lebt gesund. Und dann soll Kate Moss mal gucken, wie das Flusspferd zum Frühstück seine zwei Doppelzentner Grünzeug verputzt. Wenn man sie dann nach dem halben Jahr wieder raus lässt, ist sie entweder geheilt und erleuchtet, und wenn immer noch nicht, dann ist es letztlich auch egal.

Selbst Bild-Chefredakteur Kai Dieckmann, bei dem man ja eigentlich auf eine Verbesserung nicht mehr zu hoffen wagt, könnte vielleicht doch noch geholfen werden. Ein Jahr im Flusspferdtank würde ihn lehren, dass man ganz entspannt und glücklich ganz für sich auch in seiner eigenen Kloake leben kann, dass man gar nicht unbedingt andere ungefragt in die Kloake hineinziehen muss. Und, ganz nebenbei, vielleicht würde ein Jahr Einweichen im Flusspferdsud seine durch unsachgemäße Dauereingelung vermutlich längst verpanzerte Kopfbehaarung doch noch irgendwie wieder lösen können.

Ganz zu schweigen von den erwähnten Jugendgangs, ob türkisch, arabisch oder deutschnational: Das Flusspferd würde sie schon schnell lehren, wie weit es mit ihrer Großmäuligkeit her ist. Das Flusspferd könnte uns allen so vieles lehren!

Darum glaubt mir, Freunde, wenn ich euch sage: Und würde morgen die Welt untergehen, so würde ich mich heute noch vor ein Flusspferdgehege pflanzen.

I.
Die Jugendlichen heute sind da viel lockerer
Zoodirektor

LOKOMOTIVFÜHRER ODER FEUERWEHRMANN wollte ja schon in den 70er-Jahren niemand mehr werden. Eher Rennfahrer, Astronaut, Bankchef oder Atomphysiker. Mich hat diese Diskussion nie berührt, ich wusste immer ganz sicher, was ich werden wollte: Zoodirektor. Und da meine Kompetenz und Eignung für diesen Job so vollkommen offensichtlich war, sah ich auch gar nicht ein, wieso ich damit warten sollte, bis ich groß wäre. Also ernannte ich mich einfach selbst zum Direktor des »Zoo Gremmendorf«, den es jetzt nur noch zu gründen galt. Ich malte es mir paradiesisch aus: Ich könnte meine Leidenschaft zum Beruf machen, die Leute würden Schlange stehen und Eintritt zahlen, und Mädchen, ach, Mädchen! Darum würde ich mir als erfolgreicher Zoodirektor nun wirklich keine Sorgen machen müssen. Ich könnte mir aussuchen, ob ich mit Sabine aus der Pommernstraße gehen würde oder mit Rendel aus der Hohmannstraße, und vor allem müsste ich mich nicht mehr mit der doofen Michaela abgeben, die ja leider die Einzige war, die irgendwie immer übrig blieb, und besser die, als gar keine, so wie der dumme Hubert, aber sobald uns keiner mehr sah, schubste ich sie weg und rannte nach Hause. Ganz gleich – das alles würde bald ein Ende haben.

Zunächst mussten einige architektonische Probleme gelöst werden. Leider war mein Budget sehr knapp, und von denen da oben – sprich: meinen Eltern – war natürlich kein Geld zu erwarten, an Bildungseinrichtungen wird ja immer zuerst gespart. Aber das machte nichts. Ich trug einen größeren Bestand an Einmachgläsern aus dem Vorratskeller meiner Mutter zusammen, und dazu – damit meine Eltern dann nicht wie bei jeder Einweihung neuer Gebäude in Münster jammern würden, dass das doch nur hässliche gleichförmige Klötze seien – noch einige Elemente zur baulichen Auflockerung: Margarine-Dosen, Zigarrenschachteln, Marmeladengläser, eine Tupperdose sowie eine Eisbox. Der Bau selbst gestaltete sich einfach: Ich verteilte die Gläser und Kisten nach einem ausgeklügelten System, das ich mir zuvor aufgezeichnet hatte, quer über den gesamten Garten. Wie in jedem richtigen Zoo bekam jedes eine Nummer, die ich gleich auf dem Lageplan eintrug, der somit auch als Zooführer dienen konnte, den ich zur Mehrung meiner Reichtümer und zur Erfüllung des Bildungsauftrages an die Besucher ver­kaufen könnte. Wie in Zoos üblich, legte ich auch Wege zwischen den Gehegen an. Hier mussten zunächst einzelne Steine reichen, die den Weg vom Rest des Rasens z.B. abtrennten, denn ich hatte mir ein geschicktes Schlangenliniensystem ausgedacht, um so ein richtiges Wegenetz und damit verbunden einen großzügigeren Eindruck der Zoofläche zu schaffen.

Als Nächstes ging es daran, den Tierbestand zusammenzustellen. Das war die leichteste Aufgabe, denn ich kannte sie alle, ich wusste, wo sie sich verbargen, und ich war gut und schnell. Als Erstes zog eine kleine Herde Mauerasseln in eine Margarinedose. Die wohnten unter den Gehwegplatten im Hintergarten, die hatte ich sofort. Leicht waren auch ein paar Hausspinnen und Weberknechte, auch deren Habitate im Geräteschuppen kannte ich exakt. Ich war sehr wählerisch und unterzog alle erbeuteten Spinnentiere einer eindringlichen Prüfung, aber schließlich hatte ich eine kleine Kollektion der Größten und Schönsten unter ihnen zusammengestellt. Die kamen einzeln in die Einmachgläser. Die Marienkäferlarven musste ich nur von den mit Läusen befallenen Pflanzen absammeln, die waren für den Kinderzoo. Die erwachsenen Käfer kamen dagegen in ein Einmachglas, weitere wurden befüllt mit Heuhüpfern, Kartoffel- und Laufkäfern, Tausendfüßern und Ohrenkneifern. Und schließlich hatte ich auch noch echtes Jagdglück, und stolz konnte ich eine der Großanlagen mit einem Hundertfüßer besetzen, ein wildes, schnelles, unberechenbares und einzelgängerisches Tier, aber ich trieb es geschickt in mein Fangglas. Weitere Spezial-Anlagen waren ein großes Aquarium, in dem ein Wasserkäfer sowie eine wirklich furchterregende Libellenlarve präsentiert wurden, und die Freiflugvoliere, in die ich zwei Zitronenfalter setzte. Sorgfältig trug ich die Artnamen in den Zooführer ein, malte erst einmal 50 Exemplare für den Anfang, und jetzt brauchte es nur noch eines: eine große, engagierte Werbekampagne. Ich malte Dutzende Flugblätter, auf denen ich die Neueröffnung des »Zoo Gremmendorf« verkündete, Öffnungszeiten täglich von 15-18 Uhr, Eintritt 50 Pfennig. Die steckte ich im ganzen Viertel in alle Briefkästen. Ich hatte erst erwogen, meine Freunde und Bekannten persönlich einzuladen, aber nahm dann doch davon Abstand. Ich wollte echte, selbst erarbeitete Besucher, sonst bräuchte ich schließlich keinen Zoo zu eröffnen.

Am ersten Tag setzte ich mich um halb drei vorne an die Straße, ein großer Karton diente als Kassenhäuschen, darauf stellte ich eine unbesetzt gebliebene Margarineschachtel für die Einnahmen. Erwartungsvoll blickte ich die Straße entlang. Mehrere Leute kamen in Sichtweite. Meine ersten Besucher? Aufgeregt harrte ich der Dinge. Nein, sie gingen einfach vorbei. Vielleicht trauten sie sich nicht rein? Sie mussten doch von dem neuen Zoo gelesen haben! Als um vier immer noch niemand da war, wurde ich misstrauisch. Was hatte ich falsch gemacht? Ich überlegte fieberhaft ... Ich Idiot! Natürlich! Ich hatte das Eingangsschild vergessen! Blitzschnell rannte ich ins Haus, um eines zu malen: ZOO GREMMENDORF, in Großbuchstaben, na also! Ich klebte es über den Briefkasten und setzte mich wieder ans Kassenhäuschen. Aber es geschah auch weiterhin nichts. Nur mein Vater kam von der Arbeit, sah mich, schüttelte still mit dem Kopf und ging rein. Ich hätte ihn natürlich fragen können, ob er nicht meinen neuen Zoo angucken mochte, aber um nichts in der Welt wollte ich mir diese Blöße geben, nein, da sollte er mal schön selbst ankommen, der feine Herr Papa, wenn die Nachbarn es ihm hinter vorgehaltener Hand ins Ohr flüstern würden, was für einen tollen Zoo sein Sohn da aufgebaut habe, und er würde ganz beschämt sein, dass er selbst ihn noch gar nicht gesehen hat, ja, dass er ihn nicht einmal bemerkt hat! Der Eröffnungstag war, das musste ich mir um sieben eingestehen, eine Pleite auf der ganzen Linie. Abends in meinem Zimmer beschloss ich, die Werbung zu intensivieren. Fieberhaft malte ich neue Zettel, die ich am nächsten Morgen vor Schulbeginn im Viertel verteilen würde, und senkte den Preis auf 20 Pfennig. Ich deklarierte es als großes Eröffnungsangebot. Am nächsten Mittag bezog ich wieder Stellung. Und tatsächlich, um viertel nach drei kamen die ersten Besucher. Mist, es war nur der doofe Herwig mit seinem Vater, der sich ohnehin immer mit mir zum Spielen treffen wollte, dabei ging der nun wirklich gar nicht, ich wäre bei den anderen sozial geächtet, würde ich mich mit Herwig verabreden, aber das spielte in diesem Moment keine Rolle: Dies hier war beruflich, da musste man einfach ganz Profi sein. Souverän begrüßte ich meine Gäste, nahm ihnen zwei mal 20 Pfennig ab und dazu noch einmal 50 Pfennig für den Zooführer, dann führte ich sie durch die Sammlung. Ein erhebendes Gefühl! Nach dem Rundgang fragte Herwig natürlich gleich, ob er nicht mitmachen dürfe, er könne ja die Gehege saubermachen oder an der Kasse sitzen, aber ich musste ihm verkünden, dass wir derzeit leider noch keine Stelle zu besetzen hatten. Auch sein Ansinnen, dass wir doch noch gemeinsam spielen könnten, es wären doch eh keine Besucher da, wies ich brüsk zurück. Ich hatte zu tun. – Leider dann doch nicht, wie sich später herausstellen sollte, aber abends betrachtete ich fasziniert meine ersten eigenen Einnahmen, wieder und wieder zählte ich sie durch, der Grundstock für mein zukünftiges Vermögen. Und am nächsten Tag geschah es dann: Sabine! Sabine kam, um meinen Zoo zu besuchen. Ich hätte sie natürlich am liebsten einfach so reingelassen, aber das ging ja nun nicht, da musste man Privates von Geschäftlichem trennen, und so nahm ich ihre 70 Pfennig und führte sie herum. Da würden die anderen in der Schule morgen aber gucken, wenn Sabine jetzt plötzlich mit mir ging. Ich zeigte ihr die Mauerasseln, die sie nicht sonderlich beeindruckten. Bei den Spinnen sagte sie nur: »Iiiih, die sind ja voll eklig.« Ich war irritiert. Die schönen Spinnen! Aber ich würde sie schon noch rumkriegen. Die Schmetterlinge! Mädchen mochten Schmet­terlinge, da war ich mir sicher. Also führte ich sie zur Freiflugvoliere. Die hätte ich allerdings vor der Öffnung noch mal kontrollieren sollen, die beiden tot auf dem Boden liegenden Zitronenfalter waren jetzt natürlich nicht so vorteilhaft. Auch im Aquarium war es zu einem Zwischenfall gekommen: Die Libellenlarve hatte den Wasserkäfer aufgefressen. Na ja, das konnte Sabine ja nicht wissen. Konnte sie doch: »Hier steht aber was von einem Wasserkäfer!«, deutete sie auf den Eintrag in meinem Plan, und ich stammelte irgendwas von der nächsten Erweiterungsstufe. Aber was sollte es, jetzt kam schließlich der ultimative Höhepunkt: der Hundertfüßer! Mit dem würde ich sie um den Finger wickeln. Feierlich öffnete ich die Schachtel, hob den kleinen Stein hoch, unter dem die Bestie saß – und tatsächlich: Aufgebracht flitzte er durch sein Gehege, respektgebietend und ehrfurchteinflößend, dieser wilde Jäger des Gartens, der König der Beete. »Boah, das ist ja voll eklig«, befand Sabine und präzisierte: »Du bist echt krank!« Sagte es, ließ mich stehen und ging nach Hause. Perplex schaute ich ihr hinterher. Ich beschloss, den Zoo für heute zu schließen, heftete ein Zettelchen an den Briefkasten – »Wegen Umbau vorzeitig geschlossen« –, ging in mein Zimmer und weinte ein bisschen.

Als ich am nächsten Mittag von der Schule kam, empfing meine Mutter mich aufgebracht an der Tür. »Was hast du da denn schon wieder angestellt!«, rief sie, »die ganzen Einmachgläser, alle im Garten herumgeschmissen und total verdreckt, die musste ich alle in die Spülmaschine packen!« Ich erstarrte. »Und die gute Tupperdose! Junge, die kannst du doch nicht einfach total einsauen, wieso hast du denn da überall Dreck reingefüllt, was soll denn das!?« Ich rannte nach draußen, aber es war nichts mehr zu retten. In der Mülltonne fand ich nur noch die Margarinedosen, aus denen ich die Kellerasseln befreien und wieder aussetzen konnte, aber der Rest der Sammlung war verloren. Der ganze Zoo – durch eine einzige Katastrophe ausgelöscht. Wie der Münsteraner Zoo im Zweiten Weltkrieg, dachte ich, denn das kannte ich von den großen Tafeln dort im Eingangsbereich. Es schien ein Fluch zu liegen über dieser Stadt.

Mein Freund ist Ausländer

ICH WUCHS AUF IN DEN ACHTZIGER JAHREN im bür­gerlich geprägten Vorort Gremmendorf der bürgerlich geprägten Stadt Münster. Dort gab man sich weltoffen. Man war zwar konservativ, jedoch in vernünftigem – sagen wir mal: CDU-konformem – Rahmen liberal. Man hatte also nichts gegen Ausländer. Das sind nämlich oft ganz ordentliche Leute. Sehr fleißig. Die Pizzabäcker zum Beispiel. Allerdings gab es damals keine Pizzeria in Gremmendorf. Aber in Hiltrup, und die sind da sehr anständig, sagten die Richters jedenfalls. Rassismus, Ausländerfeindlichkeit, all die fiesen Sachen aus dem Fernsehen waren in Gremmendorf nicht wohl gelitten. So etwas gab es dort nicht. Ausländer allerdings auch nicht. Außer den Engländern. Davon gab es massenhaft, denn Gremmendorf war besetzt. Im Grunde war ja ganz Münster, um nicht zu sagen ganz Nordrhein-Westfalen besetzt von den Engländern, nach dem Krieg nämlich, aber inzwischen waren das ja gar keine richtigen Besatzer mehr, und sie fielen auch kaum auf. Die »Tommys«, wie mein Vater sie im vertraulichen Kreis manchmal nannte, das aber sicher nicht böse meinte, sollte es überhaupt irgend­etwas Böses bedeuten, hatten hinter ihren hohen Mauern mit dem aufgesetzten Stacheldraht angeblich alles: Schu­len und Läden und sogar eine Videothek, munkelte man. In Gremmendorf gab es keine Videothek. Etwas geheimnisvoll war es also schon, und fasziniert blickte ich auf die Abgrenzungen des Kasernengeländes, das zwischen meinem Stadtteil und der City lag, wann immer wir in die Innenstadt fuhren. Wohnen allerdings taten die Engländer dort nicht, sondern ein paar Straßen entfernt von unserem Haus, in einem Viertel, dessen Straßennamen ausgerechnet die abhanden gekommenen Ostgebiete in Erinnerung hielten. Die englischen Wohnhäuser standen in der Pommernstraße, der Schlesienstraße, auf dem Ostpreußenweg. Von der Anwesenheit der Engländer in der direkten Nachbarschaft bekamen wir Kinder aber nicht mehr mit, als dass zweimal jährlich die Scheiben klirrten, der Erdboden erzitterte und infernalischer Lärm vom Albersloher Weg drang. Dann fuhren sie mit ihren Panzern über die Straße, zum Manöver, wie Mutter erklärte, und Vater kam nach der Arbeit fluchend zu spät nach Hause, weil deswegen die Ausfahrtsstraße verstopft war und er im Stau stand. Alle Kinder in Gremmendorf sind so aufgewachsen. Nachdem sie in ihrem ersten Lebensjahr zweimal ordentlich durchgeschüttelt worden sind, haben sie sich daran gewöhnt, und später nahmen sie kaum noch Notiz von dem Ereignis; nur die Hausfrauen wussten dann, dass sie noch etwas Zeit hatten, bis sie die Kartoffeln aufsetzen mussten.

Abgesehen von den Panzerkolonnen auf der Straße bekamen wir die Engländer eigentlich nie zu Gesicht. In der Schule nicht, denn sie hatten ihre eigenen Schulen, im Supermarkt nicht, denn sie hatten ihre eigenen Supermärkte, und in der Kirche auch nicht, denn sie hatten überhaupt keine richtige Kirche, wie Pfarrer Ording erklärte, aber trotzdem seien sie ganz anständige Menschen. Nur ihre Kinder spielten gelegentlich wie wir draußen, aber auf ihren Straßen, drüben in den Ostgebieten, nicht bei uns auf dem Otto-Hersing-Weg (laut Straßenschild: »Berühmter U-Boot-Kommandant im 1. Weltkrieg, Retter der Dardanellen«). Pommern und die Engländer waren für uns gleichermaßen weit entfernt. Etwas, von dem man wusste, dass es existierte, mehr nicht. Wir blieben in unserer Straße, die mir zehn Jahre später völlig überraschend eine gelbe Ecke im Trivial Pursuit bescheren sollten, obwohl ich keine Ahnung hatte, wer die Dardanellen überhaupt waren. Als Kind hatte ich mir unter ihnen so etwas wie ein wildes Reitervolk vorgestellt, die Nachbarn der Tartaren und der Mongolen sozusagen, die vom tapferen Namenspatron unserer Straße vermutlich vor den bösen Russen geschützt wurden.

Denn obwohl Ausländern insgesamt nichts vorzuwerfen war, verhielt sich das beim Russen doch deutlich anders. Als kleiner Junge, als sich allmählich herausstellte, dass die Welt insgesamt doch erheblich unübersichtlicher war, als zunächst angenommen, bemerkte ich eines Tages plötzlich, dass der Eiserne Vorhang direkt entlang unserem Vorgarten verlief, zwischen uns und unseren Nachbarn, mit deren einige Jahre älteren Kindern ich groß geworden war, na ja, so groß wie man als Zehnjähriger eben ist. Es war 1980, die Geschwister von nebenan trugen seit neuestem Strickpullover und lange Haare, was meine Eltern für hinnehmbar hielten, solange diese gepflegt seien, aber ich wurde dennoch zum Frisör gezwungen. Jedenfalls erfuhr ich von den Nachbarskindern Schreckliches über Atomwaffen: dass die uns alle umbringen würden, wenn die Amerikaner durchdrehten. Ich bekam Angst und begann hysterisch zu heulen. Wir würden alle sterben! Offenbar etwas verunsichert über die Wirkung ihrer politischen Mission versuchten sie, mich zu trösten. Sie würden bald nach Bonn fahren, um gegen irgendeinen Doppelbeschluss zu demonstrieren, das sei ganz wichtig, und außerdem könnte man bei der Bundestagswahl demnächst ja jetzt auch die Grünen wählen, die seien dagegen, dass wir an Atomstrahlen sterben. Ich beruhigte mich allmählich wieder. Es gab also Hoffnung.

Zu Hause fragte ich meine Eltern gleich, wann wir nach Bonn fahren würden. Mein Vater war entgeistert. Wir würden überhaupt nicht nach Bonn fahren, und schon gar nicht an einer Demonstration teilnehmen, das seien doch alles nur langhaarige Chaoten, die von Moskau gesteuert würden. Ich fing an zu kreischen. Aber ich hatte noch Hoffnung und fragte, ob sie denn wenigstens die Grünen wählen würden? Mein Vater verneinte schockiert, ich schrie wie am Spieß und warf ihm vor, dass er Schuld sei, dass wir jetzt alle an Atomen sterben mussten. Er schick­te mich aufs Zimmer, ich heulte weiter, und später setzte er sich zu mir ans Bett und erklärte mir, dass die russischen Menschen sicher auch irgendwie ganz nett seien, aber ihre Regierung, die würde uns überfallen und ausrauben, wenn man sie ließe, aber die Amerikaner und die Engländer beschützten uns, und dafür brauchten sie die Atomraketen. Ich beruhigte mich allmählich wieder, hatte aber in der folgenden Zeit nachts ständig Albträume, in denen gemeine Strahlen sich durch mein Herz bohrten, und ein tief sitzender Zweifel wuchs allmählich in mir heran, denn es war ja ganz offensichtlich, dass hier eine meiner beiden wichtigsten Bezugsgruppen – nämlich die Nachbarskinder oder meine Eltern – sehenden Auges unser aller Tod riskierten, und dass es offenbar auch gar nicht stimmte, dass alle Ausländer anständig waren, denn entweder waren ja nun die Russen oder die Amerikaner und die Engländer mindestens zweifelhaft, ja, irgendwie schien überhaupt vieles nicht zu stimmen.

Dass wurde mir noch um einiges klarer, als ich ein Jahr später tatsächlich meinen ersten richtigen Engländer traf. Mitten auf dem Otto-Hersing-Weg. Er war ungefähr so alt wie ich und konnte ein paar Brocken Deutsch. Ich war unglaublich aufgeregt und so freundlich zu ihm wie möglich, um zu beweisen, dass ich ganz bestimmt nichts gegen Ausländer hatte. Er bestaunte mein neues Fahrrad und wollte damit mal eine Runde drehen. Begeistert gab ich es ihm. Ich sah ihn nie wieder. Mein Fahrrad natürlich auch nicht. Mein Weltbild erzitterte, als sei schon wieder Manöver. Und als schließlich zwei Tommys vor der Kasernenmauer in Gremmendorf aus einem fahrenden Auto heraus von der IRA niedergeschossen worden waren, und ich einige Tage darauf mit meinen Kumpels ehrfurchtsvoll die Einschusslöcher in den Ziegelsteinen betrachtete, da hatte ich endgültig begriffen, dass die Welt größer und komplexer war, als mein Stadtteil dies ursprünglich vermuten ließ.

Tante Clara sitzt in der Falle

IMMER, WENN WIR TANTE CLARA besuchten, sagte meine Mutter gleich nach der Begrüßung, dass man hier erst einmal ein bisschen Ordnung in die Küche bringen müsse. Tante Clara wehrte sich nur lustlos, pro forma sagte sie etwas wie »Ach, lass nur, Marianne, ich mach das doch schon«, aber sie wusste ebenso gut wie ich, dass es sinnlos war. Also deckte sie stattdessen den Kaffeetisch und ging ganz auf in dieser Tätigkeit. Wie ein überdimensionierter Nachtfalter schwirrte sie herum, flatternd und brummend und torkelnd, und brachte bald die Tassen, bald den Kuchen und für mich den Kakao herein. Derweil hörte man es aus der Küche klirren und scheppern, und aus dem Wohnzimmerfenster sah ich, wie meine Mutter mit großen Einkaufstüten zu unserem Auto ging und diese dort einlud. Der Vorgang war so normal, dass ich niemals fragte, wozu dieses Ritual eigentlich diente. Ich hasste diese Besuche, die Stimmung war niemals gut, und Tante Clara ging mir auf die Nerven, weil sie immer ganz aufgeregt war und ständig alles Mögliche von mir wissen wollte. Natürlich nie etwas Interessantes. Nie fragte sie mich danach, ob die Erdkröten schon wieder in den Tümpeln eingetroffen wären oder welcher Wombel der Klügste sei, sondern sie wollte immer nur wissen, was wir denn in der Schule durchnähmen und ob ich schon »eine kleine Freundin« hätte. Vor allem letztere Frage empfand ich auch im Grundschulalter schon als unangemessene Einmischung. Was ging denn das die Tante an? Aber sie ließ sich nicht abschrecken, immer wieder versuchte sie, eine begeisterte Unterhaltung zu initiieren, während ich einfach in Ruhe spielen wollte und hoffte, dass meine Mutter schnell wieder auftauchte, weil sie dann Tante Claras Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde. Außerdem quälte mich die Sorge, dass die Prozedur sich zu lange hinziehen könnte und wir nicht rechtzeitig zur »Biene Maja« zurück sein würden.

Einmal nämlich trug ich ein schweres Trauma davon. Ausgerechnet die Folge »Flip sitzt in der Falle«. Die Fernsehzeitung hatte ein Szenenbild abgedruckt, das den Grashüpfer Flip in einer Venusfliegenfalle zeigte, die er mit allen sechs Beinen auseinanderstemmte, und sein Ge­sichtsausdruck ließ eindeutig erkennen, dass es eine große Kraftanstrengung erforderte und er nicht mehr lange durchhalten würde. Ich war schon Tage vorher aufgeregt und fieberte der Sendung entgegen. Meine Mutter versprach, dass wir rechtzeitig zurück sein würden, aber ich blieb unruhig an diesem Nachmittag, als ahnte ich schon etwas. Noch als wir bei Tanta Clara losfuhren, versicherte sie mir, es wäre kein Problem, wir kämen rechtzeitig zurück. Dann hielt sie wie immer an den Glascontainern, weil sie die Tüten eben noch aus dem Auto haben wollte, als überraschend Frau Reiter auf dem Fahrrad vorbeifuhr, während meine Mutter die Flaschen fast sanft in die Öffnungen geleitete. Frau Reiter hielt und wollte vom Rad absteigen, meiner Mutter schien das nicht recht zu sein, sie eilte ihr zum Straßenrand entgegen, um ein lebhaftes Gespräch mit ihr zu beginnen. Ich war verunsichert. Sie hatte gesagt, wir wären locker pünktlich zurück, ich zermarterte mir den Kopf, wie lange ein Grashüpfer so eine fleischfressende Pflanze wohl aufgesperrt halten könnte, die beiden Frauen bewegten sich in Richtung des Mietshauses, wo wollten die hin, wir mussten doch weiter!? Entsetzt beobachtete ich, wie sie in einem Hauseingang verschwanden. Aber sie wusste doch, dass wir um 18.20 Uhr daheim sein mussten! Im Auto gab es keine Uhr, ich schwankte zwischen Vertrauen und Zweifel, sie hatte es doch versprochen! Endlich tauchten sie wieder auf, verabschiedeten sich, meine Mutter schob hastig die letzten Flaschen ein, dann fuhren wir los. Ich war sehr erleichtert. Während sie die Haustür aufschloss, riet sie mir, schnell zum Fernseher zu laufen, damit ich die letzten fünf Minuten noch sehen könnte. Mich traf es wie ein Schlag. Ich wollte es nicht glauben, aber tatsächlich, Kurt der Mistkäfer, der so gerne ein Rosenkäfer gewesen wäre, saß mit Willy, Flip und Maja herum, und alle wirkten sehr glücklich und freuten sich, es war eindeutig, sie hatten es geschafft, und mir war dieses Abenteuer entgangen. Ich fing an zu schreien. Aber statt mich zu trösten und ein schlechtes Gewissen angesichts dieses fundamen­talen Vertrauensbruchs zu zeigen, brüllte meine Mutter mich an, ich solle mich wegen der Scheißsendung nicht so aufregen, das wäre doch völlig egal, fast hätte Frau Reiter gesehen, wie sie die ganzen Schnapsflaschen von Clara weggeworfen hätte, was soll die denn bloß denken, und ob ich glaubte, ihr würde das Spaß machen! Dann brach sie in Tränen aus, was ich noch schockierender fand als die entgangene Rettungsaktion für Flip. Ich spürte eine lähmende Hilflosigkeit. Sie riss sich schnell wieder zusammen, versuchte mich jetzt doch zu trösten, aber ich verstand gar nicht, was passiert war, wieso durfte Frau Reiter nicht wissen, dass sie die Flaschen von Tante Clara wegwarf, das machte sie doch jede Woche, das war doch nichts Besonderes?!

Der Vorfall trug nicht dazu bei, dass ich den Tantenbesuchen mehr Begeisterung entgegenbrachte. Ab da fuhren wir auf dem Rückweg auch immer einen größeren Schlenker zu einem anderen Glascontainer, in Wolbeck, wo wir niemand kannten. Dafür lag auf dem Rückweg eine Eisdiele, an der wir danach hielten, was mich noch eine Weile mit den Clara-Ausflügen versöhnte, aber bald schon gab meine Mutter auf, mich mitzunehmen, und zunehmend fuhr sie selbst immer seltener. Tante Clara begegnete mir dann fast nur noch am Telefon. Meistens sehr spät abends, zu einer Zeit, zu der niemand sonst anrief. Mein Vater verdrehte die Augen und sagte zu meiner Mutter: »Geh du mal ran, das ist doch sowieso die Clara.«

Als ich etwas älter wurde, erweiterte sich der Kreis der potenziellen abendlichen Anrufer exponentiell, sodass meist ich ans Telefon ging, aber wenn ich Pech hatte, erwischte ich die Tante. Sie klang meist sehr merkwürdig, ich ahnte, dass sie betrunken sein musste, und versuchte, sie so schnell wie möglich an meine Mutter weiter zu vermitteln, was nicht immer leicht war, denn Clara war entzückt, mich zu sprechen, hatte aber ihr Repertoire an Gesprächsthemen in den vergangenen Jahren nicht erweitert. Inzwischen berührte mich allerdings die Frage, ob ich denn nun »eine kleine Freundin« hätte, noch erheblich unangenehmer. Einmal waren meine Eltern abends unterwegs, und ich hatte Clara am Ohr und keine Chance, sie unauffällig schnell loszuwerden.

»Ich muss weg, Tante Clara«, versuchte ich es. Sie hörte es gar nicht. »Weißt du, ich habe ja immer alles nur geschluckt, ich habe ja nie was gesagt.«

»Tante Clara, ich bin verabredet, ich muss gleich los.«

»Aber das hat jetzt ein Ende, weißt du, Junge? Man muss auch mal was sagen, weißt du? Man darf sich nicht alles gefallen lassen.«

»Ja, Tante Clara, sicher. Lass dir nichts gefallen. Ich muss jetzt aber weg.«

»Ja, und immer wollen sie nur was von einem, immer heißt es nur: Clara, mach hier, Clara, mach da.«

»Ja, Tante Clara, das solltest du dir nicht gefallen lassen. Ich muss jetzt aber ...«

»Was habt ihr eigentlich in der Schule, Junge?«

»Tante Clara, wirklich, ich muss jetzt ...«

»Wir sprechen so selten miteinander. Da kannst du doch wohl mal sagen, was ihr so gerade in der Schule habt! Da kann man der Tante doch mal kurz was erzählen! Das ist doch nicht zu viel verlangt!«

»Ja, also, gut, wir haben Dreisatz und den Schimmelreiter.«

Schweigen am anderen Ende.

»Tante Clara?«

»Man darf sich nicht alles gefallen lassen, Junge.«

»Ja, Tante Clara. So, jetzt muss ich aber ...«

»Hast du denn inzwischen eigentlich eine kleine Freundin?«

»Tante Clara!«

»Kannst du deiner alten Tante doch sagen, Junge! Du musst doch mal eine kleine Freundin haben, das ist so wichtig, Junge. Man darf sich nicht alles gefallen lassen. Immer nur: Clara hier, Clara da!«

»Ja, Tante Clara, lass dir nichts gefallen. Wir sehen uns sicher bald. Ich muss jetzt Schluss machen.«

»Was habt ihr denn gerade in der ...«

Ich legte auf und fühlte mich sehr schlecht.

Ich sah sie nie wieder. Ihre Oesophagus-Varizen hatten nicht dicht gehalten, kurz bevor ich mein Abitur machte. Wir fuhren hin, und als wir in ihre Straße einbogen, wurde mir klar, wie lange ich schon nicht mehr dort gewesen war. Ich dachte an Flips verzweifelten Gesichtsausdruck, als er in der Falle saß. Im Haus erwartete uns eine ziemliche Sauerei. »Dann lass uns mal als Erstes die Schnapsflaschen hier raus schaffen«, sagte meine Mutter nach erster Sichtung der Lage. Es wurde eine ganze Wagenladung voll. »Ich glaube, ich versuche jetzt mal, die Blutspritzer von der Tapete zu waschen. Vielleicht kannst du ja schon mal zum Container fahren.« Ich nickte und fuhr los.

Ich kam mir sehr merkwürdig vor, als ich in Wolbeck die Tüten aus dem Auto lud.

Startschwierigkeiten

ES IST NICHT UNBEDINGT FÜR JEDEN LEICHT, den allgemeinen und vor allem den eigenen Anforderungen an die sexuelle Entwicklung zu entsprechen. »Du wirst jetzt bald ein Mann!«, vertraute mein Vater mir eines Tages an, und mir schwante Furchtbares, denn ich war zwar noch unerfahren, aber doch längst aufgeklärt und hatte nicht die geringste Lust, dieses delikate und verwirrende Thema ausgerechnet mit ihm zu erörtern. Den Versuch unterließ er dann aber auch dankenswerterweise und drückte mir nur eine kleine Aufklärungsfibel in die Hand, in der zwar absolut nichts Neues stand, deren nüchterne anatomische Zeichnungen mir aber dennoch eine ganze Weile als Masturbationsvorlagen dienten – es gab damals ja noch kein Internet.

Der Wunsch jedoch, das theoretische Wissen ersten Praxistests zu unterziehen, wuchs. Eine ganze Weile schon hatte ich mich in Tanja verguckt, die mit mir bei der Schülerzeitung mitmachte. AIDS war in den frühen 80er-Jahren zum Thema geworden, Schüler unserer bischöflichen Schule aber waren nach Meinung des Kollegiums wohl immun; erst spät begann so etwas wie eine Erörterung – im Religionsunterricht, mit dem Slogan des Kohlschen Gesundheitsministeriums »Treue ist der beste Schutz«. Das war uns dann doch zu realitätsfremd, und so schrieben wir einen kleinen Artikel dazu, die AIDS-Hilfe sponsorte eine Kiste Kondome, und wir konnten jedem Heft eines beilegen. Die Aktion führte zu einem raschen Ausverkauf der Zeitschrift und einer ebenso schnellen Einbestellung beim Direktor. Tanja und ich mussten uns verantworten, und Tanja argumentierte, dass die meisten Schüler heutzutage ihre ersten sexuellen Erfahrungen nun einmal viel früher machten. Ich hatte bislang erst eine Freundin gehabt, das war Tina in der vierten Klasse, und ich hatte sie einmal auf die Wange geküsst. Und nun saß meine Lieblingsfantasie Tanja neben mir, zwinkerte mir zu und sagte dann dem Direx ins Gesicht: »Wissen Sie, in unserem Alter haben doch längst alle ihre Erfahrungen. Die Jugendlichen heute sind da viel lockerer.« Ich nickte, verkrampft wie selten.

Immerhin folgte bald darauf so etwas wie ein erstes Erlebnis. Bei einer Feier, wir experimentierten damals einleitend mit der Wirkung von Alkohol, landete ich irgendwie neben ihr. Nachdem wir eine ganze Weile nebeneinander gesessen hatten, nahm ich irgendwann allen Mut zusammen und berührte sie vorsichtig und wie zufällig mit der Hand. Sie rückte nicht weg. Ich war verblüfft. Trotzdem traute ich mich nicht, sie anzusehen, und starrte angestrengt mit unbewegter Miene geradeaus, biss die Zähne zusammen und schob meine Finger Millimeter um Millimeter weiter. Sie krochen langsam, zeitlupenartig, auf ihren Rücken, bald lag dort die ganze Hand, sie krochen immer weiter, ich war wie in Trance, nichts passierte, ich meine, Tanja explodierte nicht oder so, sie schrie auch nicht auf, sie blieb einfach ruhig sitzen, während meine Finger weiter tasteten, noch ein Zentimeter und noch einer, irgendwann an der anderen Seite ihres Körpers ankamen, nicht recht weiter wussten, der Linie folgten, bis sie irgendwann irritiert innehielten. Ich bekam einen Riesenschreck, als mir schlagartig klar wurde, was passiert war: Ich hatte meinen Arm ganz um sie gelegt, und die Hand war mitten auf ihrer linken Brust zum Ruhen gekommen, ganz deutlich spürte ich jetzt die Rundung. Ich war wie gelähmt. Ich hatte keine Ahnung, wie ich weitermachen sollte. Die Hand wegnehmen ging natürlich aber auch nicht, das hätte sie womöglich falsch interpretiert und mir alle Chancen versaut. Also verfiel ich einfach in Schreckstarre und traute mich kaum noch zu atmen. Keine Ahnung, wie lang wir da so saßen. Ich nahm nichts mehr wahr – mir war nicht einmal klar, was für ein merkwürdiges Bild wir für die anderen im Zimmer abgeben mussten, wie wir so dasaßen: stocksteif, bewegungslos, mein Arm um sie geschlungen, die Hand mitten auf ihrem Busen, kein Wort redend, stier und mit leeren Augen geradeaus guckend. Plötzlich bewegte sie sich, eine ungeahnte Glückswelle schwappte in mir hoch, ich wähnte mich am Ziel, als sie plötzlich ihren Kopf an meine Schulter anlehnte, bis mir klar wurde, dass die Mischung aus Untätigkeit und Alkohol sie einfach hatte einschlafen lassen. Ich wagte immer noch nicht, mich zu bewegen, und erst, als die anderen fahren wollten, raunte Jörg mir zu: »Ich glaube, du kannst jetzt loslassen«, und schüttelte sie wach. Betreten schlich ich den anderen zu unseren Fahrrädern hinterher.

Kurze Zeit später nahm die Sache einen rasanteren Verlauf. Ich stand mit Ines vor dem Hiltruper Kaufhaus, mehr zufällig. Ines war eine, die Freunde aus höheren Klassen hatte. Ich hätte erst gar nicht daran gedacht, mit ihr etwas anfangen zu können; daher ging ich recht unbefangen mit ihr um. Bis sie dort zu mir sagte: »Hey, willst du heute Abend mal bei mir vorbeikommen und meine Titten sehen?« Ich war völlig konsterniert, aber mein Leidensdruck war doch inzwischen groß genug, um mich sofort »ja« sagen zu lassen. »Gut«, sagte sie in siegesgewohnter, dezenter Langeweile, »dann geh da mal rein und klau einen Walkman für mich.« Ich war noch konsternierter.

»Was? Aber das geht doch nicht!«

»Was denn? Biste zu feige?«

»Nein, nein, natürlich nicht!« – natürlich war ich zu feige – »Nein, das ... das wäre nicht richtig.«

Jetzt schaute sie mich konsterniert an. Sie war es offenbar nicht gewohnt, Absagen zu erhalten, wenn sie derartige Angebote machte: »Hey, du kannst sie sogar anfassen!«, legte sie nach. Das konnte ich einerseits unmöglich ausschlagen, traute mich andererseits aber trotzdem nicht. Im Kopf rekapitulierte ich meine Taschengeldreserven und meine bisherigen Erfahrungen – die Abwägung ergab ein klares Bild: »Gut, ich kauf dir einen«, bot ich an. Es blitzte auf in ihren Augen. Sie nahm meine Hand, legte sie auf ihre Brüste, drückte sich ein wenig dagegen und fragte mich: »Und? Gefallen sie dir?«

»Äh, also, ich meine, ja, ja, sicher«, stotterte ich.

Sie stieß mich weg und klebte mir eine dabei: »Was glaubst du? Dass ich käuflich bin?«, schwang sich auf ihr Fahrrad und verschwand. Irgendwie ging die Sache nicht so recht voran.

Bis kurze Zeit darauf ein Kurstreffen in Ottmarsbocholt anstand. Der Mathelehrer hatte geladen, es gab reichlich Bier, und einige machten von dem Angebot Gebrauch, an dem entlegenen Ort in seinem Partykeller zu übernachten. Es war schon dunkel und wir lagen in unseren Schlafsäcken, als Wencke aus dem Bad in den Keller kam, die Tür hinter sich schloss, sich vorsichtig zu mir vortastete und sich neben mich legte. Diese Wendung überraschte mich etwas, nachdem sie den ganzen Abend mit Bernhard herumgeknutscht hatte. Nach einer Weile, als um uns herum die ruhigen Atemgeräusche vermuten ließen, dass die anderen schliefen, rückte sie plötzlich näher heran, ergriff meine Hand, führte sie in ihren Schlafsack und schob sie unter ihr T-Shirt. Zwar war ich wieder sehr erschrocken, aber ich hatte mir geschworen, mich bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit nicht wieder derart bescheuert anzustellen. Also begann ich, sie vorsichtig zu streicheln. Ich konnte es kaum glauben – es klappte. Sie zögerte nicht, sondern schob prompt ihre Hand in meinen Schlafsack, um sich dort recht umstandslos und sehr zielgerichtet ans Werk zu machen. Sie gab ordentlich Stoff, und mir entfleuchte ein Stöhnen. »Psst...« flüsterte sie mir kichernd ins Ohr: »Direkt neben uns liegt Heiko, der merkt sonst noch was.« In dem Moment kam ich. »Hab schon was gemerkt«, flüsterte ich zurück. Schlagartig zog sie ihre Hand zurück, rückte von mir weg und drehte sich auf die Seite. Es war nicht ganz das, was ich mir erhofft hatte, aber das war jetzt auch gleichgültig. Ich lehnte mich noch einmal zu ihr rüber, flüsterte ihr leise ins Ohr: »Mir hat’s Spaß gemacht«, und während sie irgendwas Unverständliches in ihre Isomatte grummelte, wischte ich mich unauffällig an ihrem Schlafsack trocken. Sollte sie doch sehen, wie sie das ihrer Mutter bei der nächsten Wäsche erklären würde.

Motherfucker

ALS WÄRE NICHT OHNEHIN SCHON ALLES kompliziert genug. Zu den Wirren des Erwachsenwerdens kam das Verwirrspiel mit den bereits Erwachsenen als nicht unerhebliche Hürde dazu. In Südamerika beispielsweise sind tagsüber die Stadtparks bevölkert mit jungen Liebespaaren, die Ruhe vor ihren Familien suchen. In Westfalen aber ist das Wetter zu schlecht, um sich in einen Park zu setzen. Die Münsteraner Jugend war also stets auf der Lauer, dass die Eltern mal nicht daheim waren, und dann musste noch schnell irgendwie das Date unter einem passenden Vorwand organisiert werden, oder wenn die Eltern, was nicht selten war, sich partout weigerten, ihr Haus jemals abends zu verlassen, dann musste alles sehr leise und heimlich vor sich gehen, was bei den quietschenden Federn der typischen in Schränke einklappbaren Jugendzimmerbetten ein sehr umsichtiges Vorgehen verlangte, aber gerade daran mangelte es ja damals erheblich. Es war ein Krampf. Später boten sich Autos als Alternative an. Ein Klassenkamerad berichtete davon, wie er panisch versucht hatte, die Rücksitze des elterlichen Opel Astra zu säubern. Zwar war er erfolgreich, doch traute er sich trotzdem die ganze Nacht nicht nach Hause, weil die Polster einfach nicht trocknen wollten. Die Sache mit dem Sitz fiel zwar nicht auf, aber natürlich tippten die Eltern angesichts des nächtlichen Fernbleibens auf die dann ja doch irgendwie auch richtige Ursache, und es gab einen Riesenärger und zweimaligen Taschengeldentzug. Der Depp. Später allerdings prahlte er vor den Kumpels, die im Wesentlichen über schüchternes Gestreichel noch nicht hinweggekommen waren, dass das Mädchen, mit dem er ging, ihm richtig einen geblasen habe. Alle waren sehr beeindruckt und neidisch. In vertraulicher Runde gestand er uns allerdings später unter dem Einfluss erster Alkoholgaben, sie hätte das lediglich aus Angst vor Verunreinigungen getan, sich dann furchtbar verschluckt, ihm deshalb schlimme Vorwürfe gemacht und sich sofort von ihm getrennt. Als wäre eben nicht alles schon kompliziert genug.

So gesehen hätte ich eigentlich froh sein sollen. Sie wohnte im Emmerbachtal. Die Neubausiedlung, wo die jungen Lehrerfamilien ihre Doppelhäuser aufgestellt hatten. Wo es Bürgerinitativen gab. Wo man, wenn man zu Besuch war, der Mutter, die einem geöffnet hatte, nicht einfach sagen konnte: »Ist die Julia da?«, um sich dann vorbeizudrücken und in ihr Zimmer zu gehen, sondern wo die Eltern sich bemühten, mit der jungen Generation in Kontakt zu bleiben, weshalb man völlig unvermittelt etwas über Atomkraftwerke sagen musste oder die geplante Umgehungsstraße.

Ich war ziemlich aufgeregt, weil ich eine Verabredung mit Julia ausgehandelt hatte. Wir hatten ein paarmal auf Feten geknutscht, nun hatte sie mich eingeladen. Wir saßen mit ihren Eltern am Abendbrottisch und ich musste erörtern, ob die Rede von Bundestagspräsident Philipp Jenninger antisemitisch gewesen sei oder nicht. Als wir zum Nachtisch den Fruchtjoghurt endlich aufgegessen hatten, sagte Julias Mutter plötzlich: »Du bleibst doch sicher hier über Nacht, oder?« Mich traf es wie ein Schlag. Was zum Teufel sollte ich darauf antworten? »Lass mal, Mama, das sehen wir dann schon«, schaltete sich nun Julia ein, und dann mir zugewandt: »Komm, wir gehen zu mir nach oben.« Julias Mutter nickte, und während wir über die Wendeltreppe ins Obergeschoss gingen, rief sie uns noch freundlich nach: »Aber denkt dran, Kondome zu nehmen, wenn ihr zusammen schlaft!« Also, liberale Eltern, die sich für ihre Kinder interessieren – schön und gut. Aber das hier war mir eindeutig – zu wenig intim. Zu wenig verrucht. Zu selbstverständlich. »Ja, Mama«, rief Julia zurück, und es klang nicht mal genervt.

Julias Familie wohnte in einem dieser typischen Neubaugebietshäuser: unten ein großzügiges kombiniertes Wohn- und Esszimmer sowie die Küche und ein Besucher-WC, oben das Bad, das Elternschlafzimmer und die beiden Zimmer für die Kinder. Die Zweikindfamilie war bauliche Grundvoraussetzung im Emmerbachtal. Und Julias Zimmer lag genau neben dem Schlafzimmer der Eltern. Wenn diese nachts ins Bett gingen, konnten wir hören, wie sie sich vor dem Einschlafen noch eine Weile leise unterhielten. Vermutlich über die geplante Fußgängerzone in Hiltrup-Ost.

Zwar verliefen die weiteren Geschehnisse zunächst durchaus in meinem Sinne, aber dann machte ich eine furchtbare Entdeckung. Julia machte Geräusche. Schon bei einfachem Gestreichel. Sie machte Geräusche, während ihre Eltern nebenan lagen und sozusagen die Erregungskurve ihrer reifenden Tochter akustisch live in ihr Ehebett übertragen bekamen. Ich versuchte, ihr durch leidenschaftliche Küsse den Mund zu stopfen, war aber letztlich nur bedingt erfolgreich.

Und dann der nächste Morgen. Die Eltern hatten den Frühstückstisch schon gedeckt. Dieses wissende, milde Lächeln. Diese dezenten Zweideutigkeiten: »Na, habt ihr gut geschlafen?« oder »Ihr wollt doch sicherlich noch duschen, Papa ist gleich fertig im Bad.« Nach der verwirrenden ersten Nacht mit Julia setzte ihre Mutter uns morgens Frühstücksflocken vor, während der Vater die Münstersche Zeitung las. Ich rührte ratlos in den Corn­flakes herum, als sähe ich so etwas zum ersten Mal. Offenbar spürte die Mutter doch etwas vom Beklemmenden dieser Situation und fragte zur Auflockerung sehr interessiert: »Na, was habt ihr denn gerade in Erdkunde?« »Weimarer Republik?«, erwiderte ich müde, und der Vater sagte mit sanfter Stimme: »Ach, lass mal, Charlotte, die beiden haben gerade was ganz anderes im Kopf.« Ich im nächsten Moment vor allem viel Blut. Alles verfügbare Blut, wie mir schien. »Du brauchst dich doch nicht zu schämen«, sagte die Mutter verständnisvoll, und ich schämte mich noch mehr. Ich hielt das keinen Monat aus und machte Schluss mit Julia. Ich war sehr erleichtert, als das nächste Date im Auto endete.

Hilferufe von drüben

DIE DDR WAR FÜR MICH, der ich in Münster nahe der holländischen Grenze aufwuchs, ein fernes, exotisches Land. Keiner von uns war je dort gewesen, wir kannten niemanden da, und hinfahren wollte erst recht keiner.

Dementsprechend befremdlich wirkte auf mich die Aufregung, die um diesen Langweilerstaat permanent ver­anstaltet wurde. In der Schule durften wir ihn nicht einmal so nennen, wie er zu Hause selbstverständlich hieß, geschweige denn so aufschreiben. Hätte man ihn einfach ignorieren können, wäre das ja gar kein Problem gewesen, aber mit derselben Unbarmherzigkeit, mit der wir spätestens alle zwei Jahre in Biologie den Aufbau des Pantoffeltierchens erneut auswendig lernen mussten, hatten wir uns permanent in Geschichte, Politik und Erdkunde mit der DDR auseinanderzusetzen, ohne dass man sie so hätte benennen dürfen.

»Das heißt so genannte!«, fuhr einem der Politiklehrer über den Mund, wenn man die bösen drei Buchstaben arglos aufgezählt hatte, und in der Klassenarbeit Deutsch wurde es angestrichen, wenn man die Gänsefüßchen vergaß. Ebenso tabu war auf der anderen Seite die Benennung der staatlichen Konstruktion, in der unsere Stadt lag, als BRD. Denn dies, so wurde man nicht müde, uns zu erläutern, dies sei eine böse Falle der Kommunisten, die nur dazu diene, den Blick davon abzulenken, dass das ja schließlich alles Deutschland sei, ein Deutschland eben, das sei doch das Ziel der Russen und Honeckers, dass man nur noch von DDR und BRD spreche und Deutschland schließlich untergehe. »Deutschland« wurde merkwürdigerweise dennoch als Synonym für BRD allgemein akzeptiert.

Diese etwas eigenwillige Nomenklatur stieß zumindest in Geschichte und Erdkunde aber an die nicht anerkannten Grenzen, denn dort kam man ja nicht umhin, bei den ständigen Thematisierungen die beiden Gebilde auch unterschiedlich zu benennen, sodass dort die Schreibweise BR Deutschland vorgeschrieben war, bei einigen Lehrern war sogar das »BR« verpönt und musste ausgeschrieben werden. Einzig Herrn Humbert war das zu doof, und er kürzte an der Tafel gnadenlos in BuRepDeu, was einen empörten Vater unserer Jahrgangsstufe zur Intervention veranlasste, weil er die vermuteten subversiven, verfassungsfeindlichen Einflüsse auf uns Schüler unverantwortbar fand. Da aber niemand eine Verwendung von BuRepDeu in einem realsozialistischen Zusammenhang nachweisen konnte, durfte Herr Humbert weiter nach seiner Art abkürzen und galt fortan als fünfte Kolonne Moskaus in unserem bischöflichen Gymnasium.

Mit derselben Strenge aber, mit der wir den östlichen deutschen Staat negieren mussten, mussten wir ihn gleichzeitig füttern. »Hilferufe von drüben«, hieß die Aktion, und einer unserer Lehrer war einer ihrer großen Aktivisten. Sein liebstes Geschenk an uns Schüler war ein DDR-Länderkennzeichen-Autoaufkleber, nur dass das Oval bei Herrn Hohenborks Aufklebern von einem Stacheldraht eingegrenzt war. Was »Hilferufe von drüben« sonst so gemacht hat, weiß ich nicht mehr. Für uns jedenfalls bedeutete es vor allem eines: Wir mussten Kaffee ranschaffen. Kaffee, gebrauchte Kleidung und Damen-Strumpfhosen. Denn die so genannte DDR war ein Unrechtsstaat, in dem die Menschen mit Stacheldraht eingesperrt waren, damit sie sich keinen Kaffee, keine Jeans und keine Damenstrumpfhosen kaufen konnten. Diese menschenrechtsverachtende Praxis wurde aber von Herrn Hohenbork unterminiert, indem er Tausende von Paketen gen Osten entsandte, vollgestopft mit Tchibo, Wrangler’s und Nylon. Das ganze Zeug musste aber irgendwoher kommen. Die Kleidung war kein Problem, meine Mutter war eher ganz froh, weil der Altkleidercontainer der Diakonie in Wolbeck stand, und jetzt konnte sie den ganzen Ramsch einfach mir mit zur Schule geben. »Das kannst du doch nicht mehr tragen, Junge, nimm das mal mit zur Schule für die da drüben«, wurde ein häufig gesprochener Satz in Münster-Hiltrup.

Der Rest musste aber gekauft werden, und so mussten wir zur Geldbeschaffung ununterbrochen irgendwelche Aktionen durchführen, um den Kaffee-Nachschub für den Osten zu organisieren. Ich habe im Lauf meiner acht Gymnasialjahre zwischen 1981 und 1989 auf Schulfesten für Kaffee gesungen, für Kaffee Theaterstücke in der Aula aufgeführt, wir gingen in der Projektwoche durch Hiltrup sammeln für Kaffee, wir bastelten, tanzten, malten und spielten Volleyball für Kaffee – ja, ich habe Volleyball für Kaffee gespielt! Mit den Einnahmen aus diesen zahllosen Schulveranstaltungen ging Herr Hohenbork dann immer in den Ratio-Großmarkt und kam mit ganzen VW-Bus-Ladungen Meisterröstung wieder zur Schule zurück. Jede Klasse bekam dann einen großen Stapel ins Klassenzimmer gestellt und musste die ganzen vakuumverschweißten Pfunde in Pakete packen. Ich würde vorsichtig schätzen, dass jeder Schüler meines Gymnasiums bis zu seinem Abitur eine halbe Tonne Kaffee in die so genannte DDR gepackt hatte. Wenigstens durfte man beim Adressieren der Päckchen dann endlich mal DDR ohne Anführungszeichen schreiben, denn mit wäre aus der Kaffeelieferung sozusagen eine politische Paketbombe geworden, die von den Grenzern direkt beim Übertritt entschärft worden wäre, wie Herr Hohenbork warnte, und dann hätten die DDR-Grenzsoldaten unseren mühsam zusammengesungenen Kaffee in einer Pause zwischen zwei Erschießungen einfach aufgetrunken, was wir natürlich auch nicht wollten.

Aber neben dem politischen Kampf um das Überleben von Deutschland in unseren Klassenarbeiten und der Beantwortung der Hilferufe von drüben mit koffeinhaltigen Sendungen sollte auch noch die gar nicht vorhandene menschliche Bindung zu den Brüdern und Schwestern auf der anderen Seite gefestigt werden. Und so startete unsere Schule eine große Brieffreundschaftsaktion. Natürlich völlig freiwillig, wir lebten ja schließlich nicht in einem Unrechtsregime. Wer keine Lust hatte, musste auch nicht mitmachen – sondern lediglich in Einzelgespräche mit Klassen- und Vertrauenslehrer, mit Herrn Hohenbork und dem Vize-Direktor. Anschließend erhielt er eine besondere Förderung im Politik- und Geschichtsunterricht, da hier ja einige Defizite ganz offensichtlich waren, aber sonst konnte man sich völlig frei entscheiden. Entsprechend begeistert bettelten wir Herrn Hohenbork um Ost-Adressen an. Das führte zu interessanten Briefwechseln:

»Lieber Mario, ich hoffe, es geht Dir und Deiner Familie gut, obwohl Ihr in Jena lebt. Hat Deine Mutter genug zum Anziehen? Viele Grüße, Dein Heiko.«

»Lieber Heiko, viele Grüße auch von meiner Mutter, sie braucht jetzt wirklich keine Strumpfhosen mehr, und der Kaffee reicht auch noch eine Weile, außerdem meint sie, wir trügen die Hosen lieber ohne abgewetzte Knie, Dein Mario.«

Aber Herr Hohenbork meinte, so seien sie eben da drüben im Osten, ganz bescheiden, die trauen sich das gar nicht zu sagen, wie schlecht es ihnen geht, ja, die dürften das überhaupt nicht sagen. Wenn sie schreiben würden, dass sie Kaffee bräuchten, dann würde die Stasi sie sofort ins Gefängnis sperren, die müssen das also so sagen, das seien im Grunde ganz typische Hilferufe von drüben, die in Wirklichkeit bedeuteten, dass sie dringend viel mehr Anziehsachen und Kaffee bräuchten, sonst würden die das doch gar nicht erwähnen. Also musste wieder ein neues Paket geschnürt werden.

Nur einmal haben meine Hilfslieferungen wirklich große Begeisterung ausgelöst. Mario erwähnte, dass er ein großer Udo-Lindenberg-Fan sei, aber leider bekäme man ja nichts von dem in der DDR. Nun war meine Musiklehrerin zufällig dessen Cousine, und ich erzählte ihr von der Notlage in Jena. Zwei Wochen später drückte sie mir ein paar Autogrammkarten in die Hand, signiert mit: »Für Mario, Dein Udo«. Die schickte ich los, und bald darauf erhielt ich dann erstmals Jubelschreie von drüben. Fünf Doppelzentner Meisterröstung ohne nennenswerte Reaktion, aber bei sechs unterschriebenen Postkarten überschwängliche Dankesorgien. Dann kam die Wende, und meinen letzten Brief an Mario erhielt ich zwei Wochen später zurück mit dem Stempel: »Unbekannt verzogen«. Es war vorbei. Endlich.

Ich und das große Glück

MACHT LIEBE BLIND? ZUMINDEST wagemutig. Ich war schon lange an Sabrina interessiert, ich hatte ein paar Kurse mit ihr gemeinsam belegt, aber ich kam mit meinen Annäherungsbemühungen so recht nicht weiter. Als Sylvester nahte, sah ich meine große Chance kommen, zumal sie gerade zuvor endlich mit ihrem Freund Schluss gemacht hatte. Ich wollte mit ein paar Kumpels nach Berlin fahren; es war das Sylvester nach dem Mauerfall, wir wollten zum Brandenburger Tor, ein bisschen historischen Wind schnuppern, es versprach, interessant zu werden. Ich nahm allen Mut zusammen und fragte, ob sie nicht mitkommen wolle. »Leider nein«, antwortete sie, »ich fahre schon mit Taizé nach Breslau, zum Europäischen Jugendtreffen der jungen Christen. Wenn du willst, könntest du da aber auch einfach mitkommen!«

Ich zögerte keine Sekunde und sagte zu. Die Gelegenheit war einfach zu perfekt: Mehrere Tage mit ihr zusammen – wenn’s da nicht klappte, würde das nie was. Dafür konnte man auch diesen ganzen Christen- und Jugendfreizeitkrimskrams hinnehmen; als Schüler eines bischöflichen Gymnasiums war ich in diesen Dingen ohnehin gestählt.

Bald darauf ging es also los, unsere Gruppe traf sich am Bahnhof von Münster-Hiltrup. Ich landete im Zugabteil neben ihr. Alles lief nach Plan. Abgesehen vielleicht von dem infernalischen Gesinge, das Jörg aus dem Emmerbachtal gleich nach der Ausfahrt aus dem Bahnhof Hiltrup anstimmte. Ich tröstete mich damit, dass er das kaum bis Polen durchhalten würde. Ich sollte mich irren. Erleichtert atmete ich auf, als wir endlich in Helmstedt ankamen und die Grenzer in den Zug stiegen. Leider zeigte die DDR zum Jahreswechsel 1989/1990 schon erhebliche Zerfallserscheinungen, sodass ihre Repräsentanten nur gut gelaunt unsere Papiere flüchtig durchsahen und darauf verzichteten, Jörg wegen republikschädigenden Gesinges einfach mitzunehmen. Die polnischen Kollegen später waren noch etwas gewissenhafter, sodass zumindest für die halbe Stunde an der Grenze Ruhe herrschte. Danach schlief ich erschöpft ein. Und obwohl es mir gelang, meinen Kopf auf Sabrinas Schulter zu betten, hatte mein eigentlicher Plan noch keine Fortschritte gemacht – sie schlief trotz der höllischen Himmelsgesänge bereits seit Hannover. Aber ich konnte warten.

Als wir im Bahnhof Breslau ankamen, dachte ich zunächst, ich hätte den Akustikterror endlich überstanden. Aber schon in der Bahnhofshalle wurde klar, dass dies ein böser Irrtum war. Alles war voll mit gitarrenbewehrten Jungchristen. Mindestens vier verschiedene Gruppen sangen aus voller Kraft in unterschiedlichen Ecken, es war ein unfassbares Gewusel. »Sag mal, wieviele Leute kommen eigentlich zu diesem Treffen?«, fragte ich Sabrina entgeistert. »Och, so um die 50.000, glaube ich.« Vielleicht hätte ich mich doch vorher informieren sollen. Auf einem großen Pappschild erspähten wir den Namen unserer Gemeinde, und schon wurden wir abgeholt und zu der Zeltstadt gebracht, in der wir untergebracht werden sollten. Jetzt galt es, eine Schlafgelegenheit zu ergattern, die trotz Geschlechtertrennung wenigstens strategisch möglichst günstig zu meinem Ziel lag: Sabrina. Also wartete ich erst einmal ab, wo sie hinkam, während die anderen sich alle schon an verschiedene Schlangen anstellten. Sabrina erhielt einen Platz in einem etwas abseits gelegenen Zelt, ich versuchte es direkt daneben. Leider voll. Im Zelt daneben auch. Eine junge Polin eröffnete mir, dass es in der Nähe leider gar keinen Platz mehr gebe, genau genommen jetzt wohl auch in der ganzen Zeltstadt nicht mehr. Ich hätte aber großes Glück, denn somit würde ich privat in einer Gastfamilie untergebracht.

Mein großes Glück hieß Slowinski und hatte drei Zimmer, eine Frau, vier Kinder, einen Großvater sowie ein Badezimmer mit einer großen Zinkwanne, aber ohne warmes Wasser. Mein großes Glück wohnte lediglich etwa vierzig Minuten von der Zeltstadt entfernt. Und mein großes Glück begrüßte mich herzlich, indem es mir ein riesiges Stück einer fleischähnlichen Masse auf den Teller knallte, das die siebenköpfige Familie sich vermutlich vom Munde abgespart hatte. Dann saß das große Glück erwartungsvoll um den Tisch herum und beobachtete mich, wie ich das Zeug herunterwürgte und dabei versuchte, so zu tun, als sei ich ganz begeistert. Als Westfale ist man ja allerlei gewohnt, aber die etwa faustgroßen Speckklumpen, die mühsam unter dem grob zermahlenen Innereienmehl verdeckt waren, stellten doch eine ganz neue Herausforderung dar. Und schließlich offenbarte mir mein großes Glück, dass ich nun noch mit in die Spätmesse in die Kathedrale dürfe. Ich konnte mein Glück gar nicht fassen.

Es war etwa -20 °C, und obschon das Gotteshaus restlos von eingemummelten Gestalten überfüllt war, lagen die Temperaturen im Inneren nicht höher. Vermutlich waren die Polen, die diese Tundrabedingungen gut kannten, so perfekt isoliert wie die optimale Thermoskanne aus dem Physikunterricht. Ich hatte nicht mal lange Unterhosen. Einen Platz gab es nicht mehr für uns, was aber auch egal war, weil alle ohnehin nur auf dem eiskalten Steinfußboden knieten.

Nach anderthalb Stunden Hochamt fühlte ich mich dem Himmel so nah wie nie zuvor. Meine Kniescheiben hatten den Weg ins Paradies längst schon angetreten, waren aber im Fegefeuer hängen geblieben. Da war es mir auch schon egal, als mir zurück in der Wohnung als Gute-Nacht-Mahl noch ein weiterer Fleischklumpen vorgesetzt wurde. Ich versuchte meine Gastfamilie zu überzeugen, dass wir doch wenigstens ganz christlich teilen könnten, aber das ließ ihr Ehrgefühl offenbar nicht zu. Sie aßen stattdessen Brot mit Butter, worum ich sie sehr beneidete. Der Gedanke, dass das alles sehr gut gemeint war, wärmte mich aber ein wenig, als ich nachts den Festschmaus im Bad, dessen Klima einem Tierkühlschrank ähnelte, wieder erbrach.

Am nächsten Tag kam ich nach der Frühmesse verspätet zum Zeltlager. Meine Gruppe war schon weg, Sabrina hatte nicht auf mich gewartet. Stattdessen geriet ich in ein Besinnungsseminar, in dem über den aktuellen Hirtenbrief des Taizé-Sektenführers Frere Roger Schutz meditiert wurde. »Quellen des Vertrauens« hieß das Epos, und ich spürte, wie die meinigen allmählich versiegten. »Beim Aufschlagen des Evangeliums kann einem der Gedanke kommen: Die Worte Jesu gleichen einem uralten Brief, der mir in einer unbekannten Sprache geschrieben wurde«, rhabarberte es vom Vortexter. Während der folgenden Diskussionen kam mir ein ähnlicher Gedanke in der Tat mehrere Dutzendmal.

Erst kurz nach der Nachmittagsandacht sah ich Sabrina für einige Sekunden wieder, zumindest vermutete ich das, denn unter den Kleidungsschichten waren genaue Konturen längst nicht mehr auszumachen, außerdem waren meine Wimpern aneinander gefroren, was die Sicht zusätzlich beeinträchtigte. Ehe ich sie ansprechen konnte, hatte mein großes Glück mir aufgelauert und mich wieder direkt in die Kathedrale verfrachtet.

Meine letzten Hoffnungen ruhten auf Sylvester. Meine Gruppe war zum Feiern in einer Sporthalle am Stadtrand eingeteilt. Als ich dort ankam, stieß ich auf Jörg, der sich mit einer irischen Combo zusammengefunden hatte und gerade versuchte, »Unser Leben sei ein Fest« auf Gälisch mit vier Gitarren und einer Schalmei zu intonieren.

»Wo ist denn Sabrina?«, brüllte ich ihm zu.

»Ach, die ist heute morgen zurückgefahren. Hat die ganze Nacht geheult, ist jetzt zu Sylvester wohl doch sentimental geworden wegen ihrem Ex. Da hat Pater Norbert ihr irgendwie eine Rückfahrt organisiert.«

»Was?!«, brüllte ich ihn an, aber er hörte schon gar nicht mehr zu, sondern schmetterte bereits wieder im Chor der etwa zwanzig gälischen Christenkehlen mit.

Unnötig zu erwähnen, dass es als Partygetränk lediglich Kräutertee und Apfelsaft gab. In einer Ecke stand ein kleiner Fernseher, auf dem ohne Ton die Szenen aus Berlin vom Brandenburger Tor zu sehen waren – es sah nach einer ausgelassenen Feier aus. Und ich saß hier, 500 km weiter östlich, in Breslau, unter 50.000 Jungchristen, wegen einer Frau, mit der ich kein Wort geredet hatte und die längst gar nicht mehr da war. Zu Mitternacht bildeten alle einen großen Kreis, fassten sich an den Händen und sangen gemeinsam, mit wachsender Begeisterung, immer wieder dieselben fünf Takte, aber in wechselnden Sprachen: »Alleluja! Glory be to you, O Lord. Alleluja, Gloria a te Signore. Alleluja, Ehre dir, oh Herr, mein Gott.« usw. usf.

Ob Liebe blind macht, weiß ich immer noch nicht. Auf jeden Fall aber taub. Das habe ich zu Sylvester 89/90 bewiesen.

Friseurstation 4B

WER IN EINEM ANFLUG VON Sozialromantik glauben möchte, es gebe im deutschen Gesundheitswesen keine wesentlichen Unterschiede zwischen Privat- und Kassenpatienten, der irrt. Immer, wenn ein Privatpatient auf unsere chirurgische Station kam, gab es ein großes Hallo. »Der ist privat«, tuschelten die Schwestern aufgeregt, und jedem, auch uns Zivildienstleistenden, wurde die Information mit höchster Priorität übermittelt. Unmittelbare Direktiven folgten nicht daraus, aber es wurde schon vorausgesetzt, dass wir die Privaten nicht wie jeden x-beliebigen Schnösel zu behandeln hatten. Sie kamen nach Möglichkeit in Zimmer 405 oder 406, die zwei luxuriösen Einbett-Suites, die unsere Station nach der Sanierung neu zu bieten hatte, selbst wenn sie nur »zweite Klasse« waren, also eigentlich nur ein verbrieftes Recht auf eine Zweibett-Unterbringung besaßen.

Und – unsere Privaten genossen außerdem eine Spezialbehandlung durch die Stationsleiterin, Schwester Eu­ge­nia, die die Titulierung »Schwester« in jedem Fall völlig zu Recht trug, denn sie war eine solche vom Heiligs­ten Herzen Jesu, eine Nonne also, etwas profaner gesprochen, oder wie mein Vater sagte: ein Pinguin, denn unser Krankenhaus war an ein Kloster angeschlossen und wurde vom Bischof unterhalten. Schwester Eugenia sah es als ihre oberste und heilige Pflicht an, die präoperative Versorgung unserer Patienten selbst vorzunehmen. Wohl­gemerkt, bei den Patienten; die Patientinnen überließ sie wie üblich den weltlichen Schwestern. Zur Vorbereitung gehörte, sofern es sich nicht mal wieder um eine Struma handelte, oft eine gewissenhaft durchzuführende Scham­haarrasur. Als einzigem männlichen Bediensteten der Station 4B fiel diese Aufgabe normalerweise mir zu, denn die normalen Schwestern hassten den Job. Fast immer mussten sie unerträgliche Anzüglichkeiten über sich ergehen lassen, und nicht selten, so berichteten sie genervt, umfassten die Vitalfunktionen des Blinddarms, des Leistenbruchs oder der Varizen noch eine ansehliche Erektion. Eine 17-jährige Schwesternschülerin erzählte gar schockiert, bei der ersten Rasur, die sie bei einem Mann allein vornehmen musste, habe sie sich etwas ungeschickt angestellt und ziemlich lange herumgehampelt, und der Typ hatte nicht nur eine Erektion, sondern gleich anschließend noch eine Ejakulation präsentiert und sich danach nicht etwa peinlich berührt entschuldigt, sondern allen Ernstes bedankt und ihr Trinkgeld angeboten.

Kurzum: wann immer möglich, fiel der Job mir zu. Ich war ein großer Schamhaarfriseur, der unangefochtene Coiffeur des männlichen Genitalbereichs, der Udo Waltz von Station 4B. Ein paar Latexhandschuhe, zwei bis drei Einmalrasierer, eine Nierenschale für die Beute und ein Schwung Zellstofftücher zum Auffangen irrlaufender Krüsselhärchen, mehr brauchte ich nicht. Die Rasur erfolgte stets trocken und ohne vorbereitende Maßnahme. Ritsch, ritsch, ritsch, schon tobten die Schammäuse ausgelassen umher und landeten in der Nierenschale. Oft wurde ich von sehr leidend dreinschauenden OP-Opfern gefragt, warum es keine Nassrasur gebe, das sei doch viel sanfter. Ich wusste es auch nicht, es war eben so. Ich schob medizinische Gründe vor. Ritsch! Ich rechtfertigte mein Tun vor mir selbst, in dem ich mir sagte, auf diese Weise nahm ich den Patienten die Angst vor der Narkose. Ritsch! Ich war mir sicher, die meisten sehnten sich geradezu nach der Narkose! Ritsch! Ritsch!

So ging das also normalerweise. Aber nicht bei Privaten. Da durfte nur Schwester Eugenia persönlich ran. Und ich musste assistieren, hielt also das Besteck und stand daneben. Vorher hatte ich bereits die Thrombose-Strümpfe ausgeteilt, weiße, stramme Synthetiktextilien, die bis fast in den Schritt reichten. Ich verteilte die Dinger und wies die Patienten an, sie umgehend anzuziehen. So lagen sie dann in ihren Betten, als ich schließlich mit Schwester Eugenia in ihre Suite einfiel. Wie gesagt – in der Regel ein Einzelzimmer. Keine Zeugen. Dann mussten sie sich aufdecken und die Unterhose auf Befehl der Nonne ausziehen. Nur sehr zögerlich leisteten sie Folge und lagen anschließend untenrum nackt da, nur mit den halb durchscheinenden, weißlichen Strümpfen gekleidet, die lustige blaue oder gelbe Ringel in Schritthöhe aufwiesen. Eugenia und ich zogen uns dann synchron die Handschuhe an. Eugenia war die Einzige, die ein richtiges Rasiermesser benutzte, nicht die Einmaldinger. Ich schob die blitzende Klinge ein und reichte es der frommen Frau. Der Patient, entblößt und thrombosebestrumpft, blickte uns mit weit aufgerissenen Augen an. »Und was kommt jetzt ...?«, fragte er meist noch mit panikerfüllter Stimme. »Jetzt bereiten wir uns mal schön auf die Operation vor«, sagte Eugenia in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. Dann hielt sie das Rasiermesser hoch wie eine Armbrust, die gespannt werden musste, und jetzt begann sie, die blitzschnelle Attacke der Dame vom Heiligsten Herzen Jesu auf das Allerheiligste des Privatpatienten. Ehe der wusste, wie ihm geschah, hatte ich schon die ersten Löckchen aufgefangen und in die Nierenschale gewischt. Der Hauptteil ging zügig vonstatten. Schwester Eugenia kappte das Haar mit wenigen, jahrzehntelang eintrainierten Handgriffen in Nullkommanix. Dann setzte sie erneut an, um auch die kleinen Stoppeln und Stummeln rückstandslos zu entfernen, kräftig ließ sie das Gerät eine Handbreit unter dem Bauchnabel auf das entblößte Fleisch schlagen, drückte es tief ein und zog es mit derselben Professionialität, mit der eine Scheibenputzkolonne die Gummiabzieher über die Glasfronten tanzen lässt, über den Unterbauch bis zum Anschlag an die Peniswurzel. Exakt elf dieser tief furchenden Züge, die erst Millimeter vor dem Schwellkörper von Maximalgeschwindigkeit auf null abgremst wurden, waren erforderlich, dann war im oberen Bereich alles clean.

Ich habe in meinen anderthalb Jahren Zivildienst bei Dutzenden dieser Einsätze assistiert, und in der ganzen Zeit war das garantiert Einzige, was dabei steif wurde, der Patient selbst, der starr vor Entsetzen auf seinem Bett lag und sich im Angesicht der blitzenden Klinge, die um seine empfindlichsten Stellen wirbelte, nicht die kleinste Bewegung traute. Dann begann die Detailarbeit: »Stellen Sie mal ein Bein auf«, befahl die Nonne. Mit spitzen Fingern ergriff sie das kaum noch auszumachende, zusammengeschrumpelte Gemächt und zog es sehr stramm nach oben, ein bisschen, wie ein Huhn, das einen Wurm aus dem Boden zieht, der sich verzweifelt zu verankern sucht und vom kräftigen Schnabel länger und länger gedehnt wird, schnabelgleich waren auch Eugenias Finger, sie zog bis kurz vor den Moment, in dem der Wurm zerreißen würde, sie zog und zog, bis das Würmchen maximal gestreckt war und somit die ehemals schlaffe und faltige Skrotum-Haut nun eine straffe, faltenfreie Fläche bot, über die Eugenia gründlich und ausgiebig schaben konnte. Das war der Moment, wo meiner Beobachtung nach mindestens 80 % der Männer die Augen schlossen und schwer schluckten, wohl in der Hoffnung, so den schlimmsten Moment der Prozedur zu überstehen. Doch sie täuschten sich. Dies war nur das Präludium für das große Finale. Denn jetzt ließ Eugenia das Stümmelchen mit demselben kindlichen Vergnügen, mit dem man früher Weckgummis hat fliegen lassen, zurückschnappen, nur um in der nächsten Sekunde mit der ganzen Hand voll darauf zu langen, herzhaft den gesamten Geschlechtsapparat zu ergreifen und ihn kräftig so weit wie möglich zur Seite zu drücken, während sie an der dadurch freigelegten Leiste fröhlich weiterschabte. »So«, verkündete sie schießlich, »geschafft«, der Patient öffnete zaghaft die Augen, nur um zu sehen, wie der beschleierte Pinguinkopf sich nun tief über seinen Schoß beugte, sich die Lippen in wenigen Zentimetern Abstand zum Opera­tionsgebiet schürzten, um dann... – ja, ich muss es hier einfach so formulieren –, um dann kräftig zu blasen, zu blasen und nochmals zu blasen, Eugenia blies, wie wenn man bei einem Geburtstagskuchen die Kerzen auspustet, sie entfesselte einen Sturm der Leidenschaft zur Sterilität, zur größtmöglichen Reinheit im Dienst am Nächsten, am Allernächsten, sie blies und blies, bis das allerletzte Härchen davon gestoben war, und hier wurde wirklich ein Licht ausgeblasen, denn egal ob Manager oder Studienrat, ob Banker oder Amtsleiter, all die wichtigen, privat versicherten Männer der katholischen Stadt Münster wurden von Schwester Eugenia zu kleinen, jämmerlichen Häufchen Elend zurecht geblasen, die den göttlichen Beistand niemals intensiver ersehnten als in diesem Moment, und erst recht im nächsten, denn kaum war das Auge des Hurrikans vorbeigezogen, spielte ein diabolisches Lächeln um die Mundwinkel der Dienerin des Herrn, dann zauberte sie mit einer lässigen Bewegung ein kleines Plastikfläschchen aus den Tiefen ihres Kittels, und ohne Vorwarnung zerstäubte sie eine klare Flüssigkeit auf die freigelegte Genitalregion, zischte ein kurzes: »Noch ein bisschen Klostergeist, damit sich nichts entzündet«, während der Patient nun hemmungslos aufjaulte wie ein kleiner Junge, sich zusammenkrümmte und sich mit den Händen hilflos den teuflisch brennenden Schambereich, diesen Eingang zur Hölle hielt. Schwester Eugenia lächelte, verabschiedete sich, und versprach: »Der Anästhesist kommt dann gleich.« Und wieder hatte sie einem Privatpatienten in diesen gottesfürchtigen Hallen Ehrfurcht gelehrt. Zufrieden folgte sie mir nach draußen.

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202 s. 4 illüstrasyon
ISBN:
9783862870714
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