Kitabı oku: «Der sündige Kurs der "TINA-THERESA"»

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Hein Bruns

Der sündige Kurs der „TINA-THERESA“

Ein Roman über die frühere deutsche Küstenschifffahrt

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Ein Buch über die deutsche Küstenschifffahrt früherer Jahre

Hein Bruns

Zu diesem Buch:

Der Roman beginnt in einem Dorf im Obstanbaugebiet südlich von Hamburg und einem dort ansässigen Kapitän und Schiffseigner

Tina

Auf See

Schweden

Frankreich

Rotterdam

Nordafrika

Italien

Amsterdam

Finnland

Hamburg

Impressum neobooks

Ein Buch über die deutsche Küstenschifffahrt früherer Jahre

von Hein Bruns:


Der sündige Kurs der „TINA-THERESA“


Ein Roman aus der Seeschifffahrt

Alle Rechte beim Autor Hein Bruns

* * *

Dieses Buch kann auch auf Papier und gebunden für 21,99 € bei epubli.de online oder im Buchhandel unter ISBN 978-3-748578-43-7 bestellt werden

Hein Bruns


Hein Bruns (Jahrgang 1910) fuhr zur See. Er kannte die Seefahrt auf allen sieben Meeren. Er kannte sie als Kochsjunge, Decksjunge, Kohlentrimmer, Heizer und Schmierer.

Fuhr dann als Ingenieurs-Aspirant, Vierter, Dritter, Zweiter und Erster Ingenieur.

Hein Bruns ging durch viele und bunte Stationen seines Lebens. War Werft‑ und Hafenarbeiter, arbeitete in einem Torfwerk. Handelte mit Fisch, Südfrüchten und Pferdewürstchen.

Trampte durch Deutschland, die Schweiz und Italien. Schuftete in der Landwirtschaft.

Hein Bruns lebte dann nach seinen Reisen zu Wasser und zu Lande im Schnoorviertel zu Bremen, mitten zwischen Künstlern, schnurrigen Leuten und Sonderlingen als einer der ihren …

Stellen Sie sich eine Buddel Rum neben Ihren Sessel, lesen Sie Hein Bruns, und die weite Welt ist bei Ihnen.

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Weiter sind von Hein Bruns erschienen:

Ein Schmierer namens Valentin


In Bilgen, Bars und Betten

Weit unter dem Nullpunkt

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Zu diesem Buch:

Milieu: Norddeutsche Kleinstädte; an Bord eines Küstenmotorschiffes, Kümo genannt; in Häfen, Kneipen und Bordellen Schwedens, Frankreichs, Finnlands, Afrikas und des Mittelmeerraumes; auf der Brücke, im Maschinenraum, in der Kombüse und in den Offiziers‑ und Mannschaftsmessen.

Personen: Schiffseigner und Kapitän Friedrich Faller, seine Frau und seine Tochter, Schiffsingenieur Siebel, Schiffsoffizier Ahlers, Seeleute, Seemannsfrauen, Mädchen, Zufallspassagiere und Huren.

Tendenz: Hart und realistisch, kritisch und engagiert; mit einem pornographischen Einschlag, wenn man darunter die unverblümten Schilderungen von Erlebnissen in Häfen versteht. Der Roman vermittelt ein Bild der Seefahrt, wie sie fern aller Romantik sein kann und meistens auch ist.

Inhalt: Friedrich Faller hat es mit Hilfe hoher Kredite zum Schiffseigner gebracht, und er steht unter Erfolgszwang. Wenn er seine Schulden jemals tilgen will, dann muss er die TINA‑THERESA hart und mit den sparsamsten Mitteln fahren und muss auch versuchen, gesetzliche und tarifliche Bestimmungen zu umgehen. Seine Besatzung besteht folglich aus wenigen notwendigen Fachleuten und Personal, das froh sein muss, noch eine Heuer zu bekommen oder erstmals zur See fährt.

An Bord prallen Realisten, Zyniker und Idealisten aufeinander. Entsprechend unterschiedlich empfinden sie ihre Situation. Der Roman schildert die daraus resultierenden Spannungen und die Stationen ihrer Eskalation.

Die einzelnen Kapitel enthalten Rückblenden auf die Lebensschicksale der Besatzungsmitglieder. Sie sind eingefügt in ungeschminkte Darstellungen des Alltags auf einem Handelsschiff, das unter Bedingungen fährt, von denen nur Laien annehmen, dass es sich um Ausnahmebedingungen handelt. Es kommt zu bordüblichen und auch ungewöhnlichen Zwischenfällen. Sie gipfeln im Selbstmord eines jungen Besatzungsmitglieds, das dem seelischen und auch dem körperlichen Druck auf diesem Schiff nicht mehr gewachsen ist. Bei den Landgängen in den verschiedenen Häfen haben die Seeleute Liebeserlebnisse auf jedem finanziellen und menschlichen Niveau.

Als Kontrast zu diesen Szenen seemännischer Triebbefriedigung kommt es an Bord zu einer echten Liebesbeziehung zwischen der mitreisenden Tochter des Eigner‑Kapitäns und einem Schiffsoffizier. Die Verbindung scheint am Widerstand des besitzerstolzen und von seiner sozialen Ausnahmestellung überzeugten Vaters zu scheitern. Mit der schließlich vollzogenen Verbindung zwischen den beiden jungen Menschen zeichnet sich auch eine Verbesserung der Zustände an Bord des Frachters ab.

* * *

Der Roman beginnt in einem Dorf im Obstanbaugebiet südlich von Hamburg und einem dort ansässigen Kapitän und Schiffseigner

BREIT, SATT, DUNKEL drückt sich das Wasser der Elbe seewärts. Beidseitig Deiche. Graue Deiche. Grüne Deiche. Grüne Deiche, wie es die Jahreszeit diktiert. Jetzt sind die Deiche weiß, vom Schnee geweißt. Wie Strauchdiebe geduckt, die Häuser hinter dem Deich. Spitzenlauernd ihre Giebel. Tags blinzeln sie und sind neugierig wie alte Kaffeeziegen. Blinzeln neu‑ und altgierig den Schiffen nach. Schiffe, die see‑ oder hamburgwärts fahren. Lassen sich nachts von Richt‑ und Leitfeuern betasten und begeilen und sind doch schon längst in den Wechseljahren. Der rote Himmel Hamburgs ist auch zu sehen.

DAS GANZE DORF Leeste liegt so hinter dem Deich. Bestrohte Häuser sind es meistens noch. Hart an den Deich geklemmt das Haus des Schiffseigners und Kapitäns Friedrich Faller, auch Stroh auf dem Kopf und ein neugieriger Giebel. Kopfsteinpflastrig hoppelt die Straße am Haus vorbei ins nahe Dorf. AN GOTTES SEGEN IST ALLES GELEGEN ‑ diese ins Holz eingestemmte Inschrift ziert noch heute den Querbalken der einstigen Dielentür. Fenster sind modernisiert, von zwei mach eins. Blumen und Grüngewächse. Dralonstores verwehren den Steinen der Straße und den sonst Neugierigen den Blick in die „Innereien". Dort stand dreißig Jahre lang ein Birnbaum, dort steht seit gestern eine Garage. Dort neben der Diele standen Pferde und Kühe, dort neben der Diele sind seit gestern Zimmer. AN GOTTES SEGEN IST ALLES GELEGEN, soweit und gut war das mit dem Segen des Herrn auch nicht, nicht allzu weit her.

Friedrich Faller, seine Frau Theresa, seine Tochter Tina, sie leben in diesem Haus. Friedrich Faller nun weniger, er lebt die wenigste Zeit drin, denn er fährt ja zur See. Und wenn er nicht drin lebt, dann hat das Haus erst Leben, zumindest Frieden. Dann lebt in Frieden die Frau Theresa und die dreiundzwanzigjährige Tochter Tina. Leben in Frieden zwischen Nippfiguren, Porzellan‑ und Stoffpuppen. Kitsch aus Norwegen und Holland, Schweden und Finnland. Kitsch von nahen Küsten. Da sind Aschenbecher, die Scharlachberg, Underberg und Balle‑Rum anbieten. Es raucht niemand im Hause der Fallers.

Holzgeschnitzte Rentiere ‑ ‑ ‑ und ihr Geweih ist bestaubt. Bilder aus Birkenrinde, in den Klebritzen sitzt der Staub und der Holzwurm. Rot wie Himbeersaft ist die Tischlampe, der Schirm. Der Fuß ist ein holländischer Holzschuh. Wirklicher Frieden, so der alte Faller mit seinem Schiff an nahen Küsten herumgurkt, ist dann im Giebelhaus und es hat sich das Donnern, Pöbeln, Schnauzen und Schimpfen aufs Schiff verlegt. Mutter und Tochter haben jetzt ihre Hühner, auch ein Schwein, den Apfelhof, so ihren Frieden.

Frau Theresa ist keine Einheimische, stammt irgendwoher aus Bayern, war Dienstmädchen bei hochherrschaftlichen Leuten in Hamburg. Wurde wohl ausgebeutet, aber ist doch eine gute Hausfrau geworden. Das muss man ja sagen, der Schiffseigner Friedrich Faller hatte seinerzeit Mut, eine „Fremdländische" zu ehelichen, aber F.F. kümmert sich einen Scheißdreck um das Gerede der Leute. F.F. geht über Leichen, heute noch. Er half niemanden und ihm brauchte und braucht auch keiner zu helfen, von den Geldinstituten natürlich abgesehen. Aber je protziger und größer, (das größer bezieht sich auf seine Schiffe) um so mickeriger und dünner wurde seine Frau Theresa. Mit einem Klütenewer fing F. F. vor Jahren an und mit Schulden (der Apfelhof und das Haus fuhren zur See). Mit einem modernen Küstenmotorschiff, Werftnummer 491, geht es weiter und wiederum mit Schulden.

Tina

Vom Klütenewer zum Küstenmotorschiff ist ein weiter Weg. Und was die Tina ist, die Tochter, jetzt hatte sie sich ja langsam gemausert und wagte auch mal ein Widerwort dem Alten gegenüber. Ach Gott, bevor die in der Stadt war, ach Gottegott. Tina kam doch auch in das Alter, wo sie wohl schon einen Mann gebrauchen konnte. Wenn auch der Sommerwind ihre jungen Brüste streichelte oder der Mond, der über den Strom segelte, ihre sommerheißen Glieder ‑ das Richtige war das wohl doch nicht. Sie brauchte auch einen Mann, der sie aus der Fuchtel ihres Vater befreite. Dieser Mann war schon zu finden, denn Tina war recht ansehnlich, ja, ja, Tina war recht sexy, ja, ja, aber ‑ da lag der Knüppel beim Hund. F. F. war ein Faktor. Inwiefern F.F. ein Faktor war, davon später. Tina war auch anständig, wie man so sagt. Einen Mann, so richtig, hatte sie noch nicht gehabt. Dabei war sie nicht mehr unschuldig, nein, das war sie nicht. Aber das ist eine andere, an sich eine traurige Geschichte, die Geschichte mit dem Straßenbahner. Auch die steht jetzt nicht zur Debatte. Zur Debatte steht der Bäckergeselle aus dem Dorf Leeste hinter dem Elbdeich.

DAMALS WAR DER Deich grün. Tina war damals glatte siebzehn und die Daunen waren jünger, die gegen ihr Hemdchen stießen.

Viel älter aber als Tina war der Bäckergeselle Bruno. Er brachte Tina vom Erntefest nach Hause. Er hat sie auch geküsst, mehr nicht, mehr wirklich nicht. Es konnte ja auch nicht mehr werden, obwohl alle Voraussetzungen absolut gegeben waren, wie die Dinge so lagen und Tina so lag. Es konnte aber mit dem besten Willen nicht mehr werden, denn Friedrich Faller sprang in der langen Unterhose, mit einem Knüppel bewaffnet auf den Deich, über den Deich und hinter den Deich, wo die beiden, Tina und der Bruno, verschwunden waren und verwalkte beide, seine Tochter Tina und den Bäcker Bruno.

Das war doch traurig, zumal der Bäckergeselle Bruno es schon fertiggebracht hatte, Tinas baumwollene Unterhose auszuziehen und die als heller Fleck im Deichgras lag.

Damals war der Deich grün.

So waren auch Tinas Beine bloß und blank. Beides, Hose und Beine Tinas, sahen appetitlicher aus, als der Eigner in seinen langen Unterhosen.

„Un du geihtst int Hus, du Hurendeern ‑ ick will di helpen, hier Brötchen backen!"

Der Bäcker Bruno entfleuchte, rannte ein Stück, ein ganzes Stück auf dem Deich entlang, so, als sei der Leibhaftige hinter ihm her, verschwand im Dorf und wurde von Stund' an nie mehr gesehen. Verschwand ganz aus diesem Dorf am Strom. Sein Glück, denn F. F. war für ihn der Leibhaftige, getarnt in langen Unterhosen, bewaffnet mit einem Knüppel. So behielt Tina vorläufig ihre Unschuld und einen Schock. Bekam von ihrem Alten noch eine Tracht Prügel und hasste seitdem ihren Vater und auch Bäckerläden.

„Du heirots blot eenen Stürmann oder een Kaptein, mit wat anneres kummst du mi nich int Hus, mark di dat, Deern!" Allerdings bekam Tina doch keinen Steuermann und auch keinen Kapitän als Ehemann, sondern ‑ aber das ist eine lange Geschichte. Vorher kam noch der Straßenbahner der Hamburger Hochbahn. Er brachte es fertig, nicht ganz ohne Gewalt, Tinas Jungfernhäutchen zu zerfleddern ‑ und das kam so:

Friedrich Faller hatte nicht einen blassen Schimmer von Buchführung. Woher auch? Auf dem Holzschuhgymnasium des Dorfes Leeste an der Elbe lernt man so etwas nicht, nicht einmal die Grundbegriffe. Bankabrechnungen, Finanzamtssachen, selbst Heuerabrechnungen für seine Besatzung, das waren für F. F. „Böhmische Dörfer". Das schließt aber beileibe nicht aus, dass F.F. keine Nase für Geld hat. Was nun tatsächlich anfiel, das machte F. F., solange er noch seinen Klütenewer befuhr, so aus der „Lameng". Später nahm er sich einen Steuerberater aus dem Dorf, der muddelte das alles für ihn, und der konnte gut muddeln, nahm für die Muddelei klingende Münze. Jetzt, wo der Eigner F. F. keinen Sohn sein eigen nannte, der mal mit einem Steuermannspatent sein Schiff hätte fahren sollen, musste er mit seiner Tochter Tina vorlieb nehmen, sie quasi reedereimäßig einspannen. Und da Tina die Mittlere Reife überstanden hatte, sah F. F. hier die Möglichkeit, diesen verdammten Steuerberater einzusparen, dadurch einzusparen, dass Tina eine kaufmännische Lehre absolvierte. Das war gut und kaufmännisch gedacht und beweist auch die Bauernschläue des Schiffseigners Friedrich Faller.

So zuckelte Tina allmorgendlich mit dem Fährboot über den Strom und zuckelte dann weiter mit der Straßenbahn nach Hamburg‑Altona, hin zu jenem Schiffsmakler, bei dem Tina in der Lehre war.

Um nun an jedem Morgen den schneidigen, forschen Straßenbahnschaffner zu sehen und mit ihm zu sprechen, allein dafür lohnte es sich schon, allmorgendlich nach Hamburg‑Altona zu fahren.

Es war nun mal der Beschluss von F. F., im Verein mit der dürftigen Mutter Theresa, dass Tina in eine Kaufmannslehre ging, dieweil ja die Schiffe immer größer wurden und somit auch die Schulden. Man muss sagen, so dumm war F. F. nun doch nicht ‑ und „Was du ererbst von deinen Vätern ‑ ‑ ‑." Aber ganz gewiss war ein schneidiger, forscher Straßenbahnschaffner der Hamburger Hochbahn nicht mit einkalkuliert. Straßenbahnen fahren wohl immer, aber Schaffner haben auch Freizeit. Fähren fahren aber nicht immer, besonders zur Winterszeit nicht, dann nicht, wenn der Strom starken Eisgang hat. Nun war es so abgemacht und abgesprochen, dass Tina bei ihrer Tante in Övelgönne schlafen sollte. Nein, vom Schaffner war nicht die Rede.

Mittlerweile, seit der Bäcker‑Deich‑Episode hatte sich Tina ganz anständig gemausert, wenn man so sagen darf, denn das mit Baumwollhosen und handgestrickten Pullovern, das war vorbei. Tina zog sich jetzt großstädtisch an. Das muss man dem alten Faller ja lassen, gegen moderne Kleidung hatte er nichts einzuwenden, wie er auch nichts gegen moderne Schiffe hatte. Aber Lippenstift, Schminke, Puder und andere farbige Faxen, nee, die erlaubte er seiner Tochter nicht, und darin stimmte seine Frau Theresa, die dürftige, mit ihm überein. So traten diese farbigen Fasen erst auf dem Fährschiff bei Tina in Tätigkeit. So zog sich Tina morgens erst an, was „Faxen" anbelangt und abends wieder aus, und das auf dem Fährschiff.

So kam es, wie es kommen musste. Und einmal muss es ja sein, dass Tina mit dem Straßenbahnschaffner, just an dem Tag, wo die Elbe Eisgang hatte, ein Treffen vereinbarte, welches im möblierten Zimmer des besagten Straßenbahners ein „blutiges" Ende fand.

Die ersten Grogs tranken sie im Wartesaal I. Klasse des Altonaer Bahnhofs und die nächsten im traulichen Heim. Da war es auch, wo der Schaffner seine rechte Hand auf Tinas linke Knie legte, sich die Sinnenlust im Schaffner gewaltig regte und ihm schier die Hose sprengen wollte. Tina, die vom Grog und Händespiel benebelt war, dachte nun nicht mehr an ihre Tante in Övelgönne.

Es kam, wie es kommen musste und einmal muss es ja sein.

Tina lag schon breitbeinig auf der Couch und ihr Seidenhöschen bildete einen Fleck auf dem imitierten Orientteppich, wie seinerzeit die Baumwollhose auf dem Rasenteppich des Deiches einen hellen Fleck bildete. Sonst trug Tina noch volle Montur, wollte sich doch von einem Straßenbahnschaffner der Hamburger Hochbahn nicht ganz austakeln lassen.

Was sollte der wohl von ihr denken.

Aber als der Straßenbahnschaffner der Hamburger Hochbahn seine Kurbel herausdrehte und sie in Tina eindrehen wollte, da kniff sie ihre Beine fest zusammen, denn Tina dachte jäh an Tante und Eisgang. Da wallte des Straßenbahners Blut und er haute der Tina, Tochter eines Reeders eine runter und noch eine, dass Tina bereitwillig ihre schlanken Beine wieder auseinander nahm und somit die Kurbel ihr blutiges Werk bewerkstelligen und zu Ende bringen konnte. Seitdem hasst Tina auch Straßenbahnen.

Wer kann es ihr übel nehmen?

SEELEUTE MOCHTE TINA aber auch nicht besonders, aus dem einfachen Grund schon nicht, weil Seeleute ein reichlich verworrenes Familien‑ und Liebesleben führen. Familienleben ohne Ordnung und ohne System, bedingt durch die unregelmäßigen Reisen und die kurzen Hafenliegezeiten der Schiffe. Tina hatte noch normale Vorstellungen über Familienleben, von Kindern und Kochen, vom Glück im „trauten Heim", vom Feierabend des Mannes. Und ihn für die Nacht an ihrer Seite und alles, was sonst dazu gehört. Und all das war bei und mit einem Seemann als Mann reichlich rar und oftmals gar nicht.

Heute ist Tina dreiundzwanzig Jahre alt und schmeißt praktisch den ganzen Laden, was das Kaufmännische der Reederei betrifft. Kümmert sich auch noch um den Apfelhof, um die Hühner und manchmal auch um das Schwein. Steht wohl noch weiter unter der Fuchtel ihres Vaters, denn, „Wess' Brot ich ess', dess' Lied ich sing'," aber sonst hat sie sich ihre eigene Welt geschaffen. Gebraucht natürlich, so der alte Faller zu Hause ist, noch keinen Lippenstift, keinen Puder und keine Schminke, hat aber Bücher und Schallplatten und jetzt, wo sie den Mercedes haben, fährt sie einmal im Monat nach Hamburg ins Theater.

Mit ihrem Vater kommt sie jetzt leidlich aus. Ihr Vater, das ist so einer, beliebt nie und nirgends. An Bord nicht, im Dorf nicht, leider auch in der Familie nicht. So erinnert Tina sich an ein Weihnachtsfest, das sie an Bord erlebt hat. Damals war sie noch ein Kind. Dachte an den Sauerbraten an Bord des alten Küstenschiffes, der alten TINA‑THERESA.

Sie waren auf der Reise von Kopenhagen nach Antwerpen. Acht Mann an Bord und ein kleines Mädchen, die Tochter vom Alten. Für jeden Tag, den der Herrgott werden ließ, schnitt Friedrich Faller für den Tagesverbrauch das Fleisch, den Speck, die Wurst und den Käse zurecht. Alles wurde aufs Gramm genau gewogen ‑„wat de Seelüd tosteiht, dat sollen sie auch haben", und beschiss sie dann doch noch. Außerdem traute er dem Kochsmaaten nicht. F. F. traute seinem eigenen Arsch nicht. Der Proviantraum war so ein kleiner Verschlag, irgendwo an Bord in eine Ecke gedrückt, hatte eine bombensichere Tür mit einem gewaltigen Hängeschloss. In diesem Kabuff wirkte der Alte täglich fast eine Stunde. Jetzt um diese Zeit war es, da warf Kapitän und Schiffseigner Friedrich Faller einen zärtlichen und wohl auch verfressenen Blick auf den zukünftigen Weihnachtsbraten, der in Essig gelegt, mit Lorbeerblättern, Pfeffer und Senfkörnern garniert, stichig seiner Vollendung entgegensäuerte. Was gut werden soll, muss eben langsam reifen. Dabei war nicht ganz von der Hand zu weisen, dass dieser Braten schon einen hauchdünnen Stich ins Verderbliche hatte.

Von diesem Sauerbraten, saftigste, schiere Oberschale, konnte F. F. bildreich sprechen, sprach aber meistens davon, wie sündhaft teuer so ein Stück Fleisch sei. Weiß der Deubel, wie der Alte auf den ausgefallenen Bolzen gekommen war, gerade an einem Festtag, gerade Weihnachten, Sauerbraten essen zu wollen. Jedenfalls bezeichnete er Sauerbraten als den Adeligen unter den Fleischgerichten, daran könne kein Puter, keine Gans und kein Hase klingeln. Solche und ähnliche Vorträge hielt der dem Kochsmaat, gelernter Bäcker, der das Kochen mit Hilfe des alten Fallers leidlich erlernt hatte, erzählte, dass er einen fürchterlichen Traum gehabt habe. Er hätte eine Rinderherde gesehen, die mit Affenfahrt über die Prärie der Stadt zugejagd sei, in einer Essigfabrik gelandet sei und sich daselbst im Essig ertränkt habe.

Jedenfalls, ehrfürchtig schlich die Besatzung am Proviantraum vorbei und die Männer flüsterten sich zu: „Da ist er drin, da wird er langsam ‑ der Sauerbraten!"

Zu sehen gekriegt hat ihn keiner, den Sauerbraten, denn der Proviantraum war so eine Art Heiligtum für jeden Maat und tabu, auch für den Steuermann. In Provianträumen werden die ersten Fundamente für Schiffsneubauten gelegt, durch Geiz, Beschiss und Sparsamkeit.

Tabu für all hands, einschließlich des Steuermanns. F. F. traute eben seinem eigenen Arsch nicht, er könnte ihn vielleicht auch bescheißen.

Antwerpen! Der Heilige Abend verklang in langweiliger Harmonie. Der Baum brannte. Eine kümmerliche Tanne nur, die der Alte, so wurde gemunkelt, auch noch geklaut haben sollte.

Nun brannte der Baum und auch das Feuer im Kombüsenherd und es war in der Kombüse mollig warm. Hier wurde Weihnachten gefeiert. Mit stotternder Stimme sagte der Decksjunge ein Weihnachtsgedicht auf, verschluckte sich oft, wohl in Erinnerung an andere, bessere, schönere Weihnachten im Elternhaus. Tina piepste ein Weihnachtsliedchen und F. F. dachte an seinen Sauerbraten. Doch, doch, es war schon ein büschen feierlich. Auf dem Bunten Teller krümelten sich ein paar faltige Äpfel, aus F. F's. eigenem Garten selbstverständlich, kollerten einige Nüsse a la Ernte dreiundzwanzig, und lederte zum Schluss eine Tafel Schokolade ohne Verpackung. Schwarz wie eine Negerhaut und gallenbitter.

Nun waren die Kerzen fast runtergebrannt, genügt wohl für den Heiligen Abend. Einmal ist ja nur Weihnachten im Jahr. Wat'n Glück!

„Na, Jungens", so sagte der Alte, „morgen schall ober so richtig Wiehnachten sien, morgen Middag de Surbroten!"

Nahm Tina an die Hand, und Vater und Tochter verzogen sich in Kammer und Koje. Das arme Kind, es glaubte noch an den Weihnachtsmann.

Steuermann, made in Cranz (Unterelbe), und der Kochsmaat blinzelten sich zu.

„Lass uns man noch für eine Stunde an Land gehen, Koch. Das ist doch keine Weihnachten, wenn man keine Alte sieht, so einen Weihnachtsengel, verstehste?"

„Ja, ja, hast auch recht, Steuermann!"

So saßen sie wenige Zeit später in der Kneipe „Flandern Flaamsch", der Steuermann und der Smutje, wieder mal unter einem brennenden Baum. Saßen bei dampfenden Grogs und einsamen, müden Mädchen.

Soffen sich das Heimweh in die Knie und dachten an andere, schönere Weihnachten. Dachten und sprachen von Gänsebraten, gefüllt und zubereitet von Muttern, gebraten in der alten Backröhre.

Schauderten und schüttelten sich in Gedanken an den und über den Sauerbraten.

Und soffen! Das beste Mittel, um hohe und harte Hürden zu überspringen.

Sprachen auch von der armen, langarmigen Tina, die der brutale Vater an Bord geholt hatte, damit sie die Seefahrt kennenlernte. Nun, Tina ist doch kein Junge. Der Steuermann wusste zu berichten, dass Frau Theresa keine Eierstöcke mehr hat.

Schon Scheiße mit einem männlichen Erben.

Soffen, bis der erste Weihnachtsmorgen seinen ersten fahlen Schein in die verräucherte Kneipe warf. Traten in den frostigen Morgen hinaus, schön schwankend und stinkbesoffen und wünschten sich „fröhliche Weihnachten." Wedelten Arm in Arm, wie Eisschnellläufer am Schelde Kai entlang und ließen „Die Kinderlein kommen", „Vom Himmel hoch", und „Oh Du Fröhliche" in dieser „Heiligen Nacht."

Je näher der „Dampfer" kam, der kleine „Dampfer", je stiller wurden sie, redeten sich ein, dass sie das Kind, das schmalbrünstige, mit ihrem Gegröle nicht stören wollten. Dabei hatten sie eine Scheißensangst vor dem alten Faller.

Der Steuermann dachte an seine Koje, der Smutje an seinen Sauerbraten. Jeder hat so seine Gedanken.

An Bord schlief natürlich noch alles. Für den Kochsmaaten war ja nun Dienstbeginn.

Mühsam kletterten beide über die Gangway, leise, wie Apachen auf dem Kriegspfad. Smutje zog sich um und kam in blütenweißer Kluft in die Kombüse. Für den Gang in die Koje rüstete sich der Steuermann, freute sich, dass der Kochsmaat so auf Draht war. Schärfte ihm aber noch eingehend und beschwörend ein, was heute für ein bedeutender Tag sei, nämlich, außer Weihnachten, zur Hauptsache Sauerbratenessen, und dass er, der Koch, bis weit in die Steinzeit verschissen hätte, wenn er mit dem Sauerbraten irgendwie Mist machen würde.

„Keine Sorge, Stürmann!"

„Un mi weckste um halwtwolf, sabby?"

Sprachs, ging, hing seine Kammertür auf den Haken, damit für Frischluft ein Spalt frei blieb, kroch in die Koje, sank mit lieblichen Weihnachtserinnerungen in sein blau kariertes Bettzeug made in Cranz (Unterelbe.)

Der Kochsmaat hielt sich gut. Konnte mit viel Papier, einem Schuss Dieselöl, Geduld, besoffenem Kopp und zitterigen Händen ein lustiges Feuerchen „inne Gang" bringen. Bloß leise, Makker, damit der Alte nichts hört und das Kind schlafen kann.

Nun setzte er den Sauerbraten an, der sah ja ein bisschen komisch aus, der Vogel, so blau und blass, wie erfrorene Füße. Appetitlich weiß Gott nicht!

Soll aber nichts besagen.

Nun, er setzte ihn an. Die ersten lieblichen Gerüche zogen durchs Achterschiff und in die Nase des Kochs. Jetzt zeigte sich das erste Braun ‑ tralala ‑ tralala ‑ so, nun wenden ‑ ja, so ‑ so, schön! Weiter braun braten lassen, braun werden lassen ‑ wenden ‑ ja, so ‑ so schön. Weiter anbraten, noch mal wenden, einen Klacks Schmalz dazu, eine Zwiebel, einen Schuss Wasser und noch einen Schuss. Prima, prima. Noch mal rum mit dem Oschi, auf den Rücken schmeißen, jawoll. Nun genügend Wasser. Deckel auf den Topf ‑ und gar werden lassen ‑ den Sauer‑ und Weihnachtsbraten.

Gott sei Dank, und nun ein bisschen verpusten. Kartoffeln müssen ja auch noch geschält werden. Backobst aufgesetzt, aber das geht ja schnell und wird auch rasch gar. Zeit genug, nur keine jüdische Hast.

Weiter geht klar und kalt der Weihnachtsmorgen durch die alte Scheidestadt. Die Kathedrale ruft zur Frühmesse. Der Hafen ist still wie ein Maulwurfshügel, und auf der Schelde treibt Eis der Nordsee zu.

MIT EINEM RUCK richtet sich der Steuermann erschreckt in seiner Koje auf, hustet, prustet, wird krebsrot. Tränen kommen, und er wischt sich die Augen. Donnerwetter, ich bin doch nicht blind. Starrt zur Tür. Seine Kammer ist gefüllt mit weißem, beißendem Rauch.

Kombüse Grabesstille.

Durch den Spalt der Steuermannskammertür wälzen, wallen sich giftgelbe Schwaden herein, hässliche Rauchwürste, Dünste der Hölle, zum Greifen nah.

Mensch, was ist das? Feuer im Schiff? Schöne Scheiße.

Der Steuermann hüpft, hopst, wie ein Frosch aus seinem Scheißkorb.

Schießt zur Tür, reißt den Haken los, steht im Gang und im Normalhemd und sucht tastend die Kombüse. Auf der Bank der Kochsmaat, eben auszumachen und schläft friedlich wie das Kind in der Krippe. Es ist ja auch Weihnachten.

Steht der Steuermann erschüttert, mit hängenden Schultern und tieftraurigem Gesicht am glühenden Sarg des Sauerbratens. Sein tränendes Adlerauge gewahrt ein kleines, winzigkleines, schwarz verkohltes Häuflein Fleisch („Um ein Kleines und Ihr werdet es nicht sehen"). Die kläglichen Überreste des einst so hoffnungsvollen Sauerbratens. Unter diesem elenden Häuflein winden sich kackgelbe Rauchwürmer zischend hoch und kriechen säuisch stinkend in die Kombüse und in den Weihnachtsmorgen hinein.

Fröhliche Weihnachten nun und immerdar. Friede seiner Asche.

„Komm hoch, Mensch, Dein Sauerbraten ist im Arsch!" so schreit der Steuermann den Koch an. Tritt dann aber fix den Rückzug an, der Feigling, denn die Kammertür vom Alten knarrt und reißt den Rauch auseinander.

Wie ein zürnender Rachegott stand F. F. in der Kombüse, hinter ihm zitternd im Nachthemdchen, ein mageres Weinachtsengelchen, Tochter Tina.

Mit der einen Hand hielt der Alte seine Unterhose, die lange, weiße, über seinem Bauch zusammen, und die andere Hand glich mit ausgestecktem Zeigefinger, einmal auf den Koch weisend, dann auf den Herd zeigend, der Hand eines Schlachtenlenkers aus den Befreiungskriegen.

So ähnlich muss seinerzeit der Engel Gabriel, nur ohne Unterhosen, den Adam und die Eva zusammengefaltet haben, als sie vom Baum der Erkenntnis die Äpfel geklaut hatten.

Der Wald‑ und Wiesenkoch, eigentlich klingt das noch mild, glich mit abgeklappten Ohren einem Kurzhaardackel. Mona‑Lisa‑Augen und Knickebeine seine sonstigen Merkmale.

F. F. brüllte sich heiser.

Tina, dürftig und weiß und mager, in den Plüschpantoffeln ihres Vaters, weinte still und dünn in sich hinein. Gab als einzige weibliche Hinterbliebene des Sauerbratens ihre Kindertränen.

Grollend ging der Alte in seine Kammer, Tina schlurfte hinterher. Wie eine deutsche Eiche, die der Sturm gefällt, sank der Koch stöhnend auf seine Ruhebank zurück.

Ja, vor den Sauerbraten hatten die Götter den Grog gesetzt.

Och, Makkaroni mit Tomatensoße kann auch ein schmackhaftes Weihnachts‑ und Festgericht sein. Zu einem Strafgericht wurde es aber auch das saure, verbiesterte und wütende Gesicht des alten Faller.

DAS WAR EBEN alles damals, das war noch vor damals.

Heute ist der erste Februar und zehn Jahre später.

In Tinas Dachkammer rasselte der Wecker schon früh. Heute, wie fast an jedem Tag der vergangenen acht Wochen, musste Tina den Alten nach Bremerhaven in die Werft fahren. Heute kommen die ersten Leute der Besatzung. Was da wohl so alles angetanzt kommt. Tina war doch ein wenig neugierig.

„Wo bleibst Du denn, Tina? Wir müssen los! Los, los, een beeten dally!" brüllte der Alte schon wieder, dass Frau Theresa in die Knie ging.

„Ja, ja, ich komme ja schon, Vater!" rief Tina nach unten und zog ihre Wildlederjacke an. F. F. stand schon gestiefelt und gespornt und in Pantoffeln. Von Pantoffeln konnte er sich einfach nicht trennen, genauso wenig wie von Hosenträgern.

Hastig trank Tina eine Tasse Kaffee, im Stehen natürlich, denn der Alte war nervös, gramuselte herum.

Frau Theresa versuchte zu beruhigen: „Friedrich, du kommst schon noch hin, so eilig ist es doch nun wirklich nicht. Bist doch in der ganzen Werftzeit immer noch zurechtgekommen."

„Schnack nich, verstehste nix von. Hüt koomt de nejen Lüd und dor mut ick an Bord sin, so! To, to, Tina, drink dien Kaffee ut!"

„Ja, ja", sagte Tina patzig.

Sie holte den Mercedes aus der Garage und dachte, wenn der Alte doch bloß erst wieder zur See fahren wollte, bin doch froh, dass das Schiff fertig ist. In Pantoffeln stieg F. F. in seinen Mercedes. Es schneite. Die Straße, noch ungepflügt von Menschen und Autos, sah aus, als würde sie nie enden. Weiß man überhaupt, wo Straßen enden? Wilde ungeordnete Schneesturmwirbel tanzten vor den Scheinwerfern, verwischten Licht und Weg.

Der Schneesturm bandagiert eisig den Wagen, verbindet, blindet die Scheinwerfer.

Tina fährt gut, sie hat ihre Ruhe wieder und ihre Gedanken. Mit ihrem Vater unterhält sie sich nicht, jedenfalls nicht gern, ist froh, dass er sie beim Fahren nicht anspricht. Ist doch immer das gleiche, Schiff und Schiff und Geld und Geld. Wie sinnlos ist doch das Leben ihrer Eltern.

Wie verrückt sinnlos. Sie wüsste nicht, dass ihre Eltern einmal richtig Urlaub gemacht hätten, so ganz ungezwungen, so ganz für sich, so ganz an Land. Immer an Bord, und dort arbeitete ihre Mutter auch noch, schrubbte die Gänge und Kammern, wusch Kojen‑ und Fenstergardinen, putzte die Bullaugen oder kochte, so der Koch wieder mal besoffen war. Wo ist da der Segen der Arbeit, wo ist da Verdienst?

Nee, die Alten konnten nicht über ihren eigenen Schatten springen, wollten sie wohl auch nicht. Das alles könnte mir nicht passieren, ich heirate keinen Eigner, keinen Kapitän und keinen Steuermann. Sie kam mit ihren Gedanken schon dahin, wo die Töchter der Bauern schon längst sind, nur keinen Bauern heiraten.

Tina fährt gut! Der Schneesturm, das Schneetreiben halten einen Friedrich Faller nicht auf, sein Wille drängt nach vorne, nach Bremerhaven, sein Wille will an Bord. Da spielen Hosenträger und Pantoffeln keine Rolle, sind nur Nebenerscheinungen, müssen aber auch sein.

Was das wohl für Leute sind, die neuen, da bin ich ja mal gespannt. Ja, Friedrich Faller, die Zeiten der Leibeigenschaft in der Küstenschifffahrt, die sind ja nun wohl vorbei, schade nicht?

Wenn ich man noch einen Moses kriege, einen Decksjungen, kann ich schon zufrieden sein. Na, habe auf dem Heuerstall ja ganz gut was durchgeschoben, damit sie mir anständige Leute schicken, leben und leben lassen. Werde den Boss zur Probefahrt einladen, das zahlt sich immer aus. So ein Moses ist auch billig. Verstehe gar nicht, dass die Jungens nicht mehr zur See fahren wollen. So ein Moses ist mir auch lieber, ein deutscher Moses, als diese Spanier, Türken oder Griechen, verdienen dicke Heuer und sind an Bord doch nur Statisten.

Junge, Junge, wo ist unsere Seefahrt hingekommen?

Friedrich Faller, da wagst du noch zu fragen? Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dass auch du einen Teil Schuld trägst? Jawohl. Hättet ihr Eigner, ihr Reeder den deutschen Matrosen anständig bezahlt, hättet ihr sie so bezahlt, wie ihr heute die Ausländer notgedrungen bezahlen müsst, wäre Euch ein deutscher Stamm an ausgebildeten Seeleuten erhalten geblieben. Jetzt ist es wohl zu spät. Richtige deutsche Seeleute, wo sind die eigentlich? F. F. dachte sich in Zorn hinein. Und die noch da sind, das Grausen könnte man kriegen, Haare so lang, dass sie sie beim Scheißen anheben müssen. Ja, ja, keine Haare am Sack, aber auf dem Kopf Ringellocken. Fehlt nur noch, dass die Brüder sich einen Föhn mit an Bord bringen. Böse Zeiten sind das. Tonband, Radio, Fotoapparat, das ist so die übliche Ausrüstung heute. Und Ölzeug, Arbeitszeug, wo ist das? Statt Ölzeug haben die Brüder Niveacreme. Da findet sich von ihren Vorgängern immer noch eine alte Hose, ein Hemd, ein paar ausgetretene Schuhe oder Latschen vor. Nee, nee, Zeiten sind das. Bin auch gespannt auf die beiden Maschinisten und den zweiten Steuermann; was das wohl wieder für Athleten sind. Sicher in der Gewerkschaft, die Maschinisten bestimmt. Sind schon immer aufsässige Kadetten gewesen. Maschinisten haben wir früher gar nicht gebraucht auf den kleinen Schiffen, das haben wir von Deck doch alles selber gemacht, das mit der Maschine und so. Sind verdammt unnütze Fresser an Bord, diese Maschinisten. Bestehen auf tariflicher Bezahlung, wollen Bettwäsche und Freizeit. Kinners, wo sind wir bloß hingekommen. Schuld haben ja nur die Gewerkschaften, die machen uns Eigner und Reeder das Leben schwer. Hoffentlich ist der Koch einigermaßen, kochen braucht er ja nicht besonders zu können, Hauptsache, er ist sparsam. Nun fahre ich schon einen Vollkoch (kein Moses will ja mehr kochen), dann soll er auch was leisten. Tausend Mark im Monat sind ja schließlich kein Pappenstiel. Früher da kochte der Moses so zwischendurch und dann arbeitete er wieder an Deck. Der Steuermann guckte hin und wieder in den Topf. Erbsen, Bohnen, Kohl oder Klüten, das alles kocht von selbst, auch der fette Speck darin. Aber heute? Heute wollen sie Braten und Braten, Gemüse, sogar Nachtisch wollen sie und Nachtverpflegung. Obst, Obst! Wenn ich das schon höre, so ein Grießpudding am Sonntag tut es doch weiß Gott auch.

Auf See

DIE UHR AUF der Brücke zeigte auf zehn mitteleuropäischer Zeit. Die Nordsee ließ das kleine 400 Tonnenschiff, diesen elenden Klütenewer immer fleißig im Takte zum Nordwest in Stärke sechs bis sieben auf und nieder tanzen.

SEIT ZWEI TAGEN hatten sie schon den neuen Moses an Bord. Der war einsachtzig groß und frisch aus der Matrosenfabrik importiert.

Früher hätte man so ein Schiff, solch einen Pudel einfach einen Klütenewer genannt. Jetzt heißt das aber fein: Küstenmotorschiff. Klütenewer wäre für den Alten glatt ein Grund für eine Beleidigungsklage.

Was sich aber nicht geändert hat und sich bestimmt nicht ändern wird, ist der Rhythmus, unter dem Neptuns treueste Söhne, zu denen auch der Moses gehört, ihr Leben an Bord beginnen müssen. Er war vom ersten Tag an Leitender Küchenchef.

Der Alte und Eigner spürte seinen Magen, und da er aus der Kombüse nichts hörte und auch nichts roch, stieg er ein Deck tiefer. Kapitäne sind nun einmal besondere Menschen. Er war, wie ihn vierzig Jahre Seefahrt geformt hatten. Der Moses hing krampfhaft am Kombüsenherd, mit basedowschen Augen stierte er den Alten an. Der Moses war seekrank und das ganz gehörig. Von Essen fertig war keine Spur. „Tscha, Moses“ sagte der Alte, „seit vierzig Jahren ärgere ich mich schon, dass ich nicht Pastor geworden bin. Kennst du dat, Pastor?“

Mühselig hauchte der Moses zurück: „Jawohl, Herr Kapitän!"

Der Alte sah sich den Haufen Unglück vor sich an und sprach weiter: ,,Feint Job hat son Pastor. Süh, dann brauchte ich sonntags nur einmal von oben zu quaken und dann hätte ich Feierabend, die ganze Woche hätte ich Feierabend. Süh, und Pastor kannst du auch noch werden, am ersten Mai kannste dich umschulen lassen."

Der Moses brachte kein Wort heraus. Er stürzte zur Reling und fütterte mit dem Rest des Frühstücks die Außenbordskollegen.

„Und das will ich dir sagen“, begann der Alte von neuem, „leg dich nicht hin, Moses, und wenn dir auch die Knie zittern, die zittern dir noch oft im Leben!"

Wieder kam eine hübsche, schöne, hohe See, hob das Schiff langsam hoch und ließ es ein paar Sekunden später in ein breites Wellental fallen.

„Ich muss sterben, Herr Kapitän!“ stammelte der Moses.

„Wat?" rief der Alte, „bist du ganz und gar von allen guten Geistern ver­lassen? Sterben kannst du in deiner Freizeit, erst wird das Essen fertig ge­macht. Wenn du jetzt schon stirbst, sterben mir die Anderen vor Kohl­dampf."

Der hoffnungsvolle Nachwuchs war nur noch einsfünfzig groß.

Seine Stimme glich nur noch dem Gepiepse einer Jungfrau.

„Jawohl, Herr Kapitän!"

VERFLUCHTE GEWERKSCHAFT! Was wollen die eigentlich? Haben wir früher auch nicht gehabt. Ja, ja, die Roten sind salonfähig geworden. Sollte man sich mit anfreunden, sind vielleicht genauso zugänglich wie die Herren vom Heuerbüro.

Ja, es ist nun mal so, niemand urteilt schärfer als der Ungebildete, er kennt weder Gründe noch Gegengründe und glaubt sich immer im Recht. Siehst du, Friedrich Faller! Nun, sein Kopf ist eben nicht imstande, neue Eindrücke aufzunehmen, darum sind seine Gedanken in der Vergangen­heit, gleiten immer wieder in die alten Gleise, in die schon längst ausgefah­renen Gleise ewiger alter Geschichten. Da weint er dauernd herum, dass er und auch die anderen Eigner keinen anständigen Matrosen an Bord krie­gen. Bedenken aber gar nicht, wie sehr sie gesündigt haben.

++++19.. – TELEGRAMM: – SCHIFFSOFFIZIER H. AHLERS – GERBERSTRASSE 6 – HILDESHEIM – DIENSTANTRITT 1. FEBRUAR – BREMERHAVEN STOLTEN‑WERFT – KAPITAEN und EIGNER F. FALLER – ++++

DER ZUG ROLLTE durch die Morgendämmerung und durch den Fe­bruar. Ne knappe halbe Stunde noch bis Hannover, dann noch eine, wohl noch eine bis Bremerhaven.

Februar!

Schnee auf den Feldern und Wäldern, auf den Dächern und auf den Straßen. Es sind geweißte Tannenspitzen in der Morgenandacht.

Es ist der Mond, der fahlig mitwandert. Glitzert ein Dorf vorbei, eine Kleinstadt und es recken sich die Straßen.

Liegt die Frostplatte eines Sees.

Zuckert Gebüsch.

Kontrolle der Fahrtausweise. Wie oft wird das eigentlich gemacht?

Jetzt wird die Stadt, irgendeine Stadt durchrannt. Wer sieht schon nach ihrem Namen?

Seeleute nicht.

Die Stadt, diese, irgendeine, beginnt mit Tankwagen, Kühlwagen, Per­sonenwagen auf Abstellgleisen.

Die Stadt beginnt und endet mit verrußten Häusern, mit gähnenden Fensterlöchern, geteerten Fronten und holzbrüchigen Hinterhöfen. Gewirre von elektrischen Oberleitungen, die Schienen des Himmels.

Die Stadt beginnt mit Brücken, Über‑ und Unterführungen und endet damit auch.

Häuser. Straßen. Schornsteine. Stellwerke. Schranken. Signalmasten. Weichen und Schienen und Rangierer. Eingang und Ausgang einer Stadt, wie sie beginnt und endet.

An den Schuhkufen glühen Bogenlampen und wärmen den Schnee. Halten. Aussteigen. Einsteigen.

Männer. Frauen. Kinder und Koffer.

Kommen und winken. Fahren und winken. Tränen und Taschentücher.

Einfahrt. Halten. Abfahrt.

Ankunft und Abschied. Freude und Frohsinn.

Trauer und Tränen. Schmerz und Freude im Barometer der Seele.

EIN NEUER TAG und ein neuer Abschnitt und ein neues Schiff für den Steuermann Hermann Ahlers.

Jeder Tag bringt irgendetwas. Ist jedem überlassen, damit fertig zu werden. Hermann Ahlers.

Vielleicht vierzig Jahre im Kreuz und im Kopf.

Allein in einem Abteil erster Klasse des D 112.

Wer fährt schon im Winter an die See? Doch nur, der zur See fährt? Brüten. Hermann Ahlers. Das Telegramm.

Anzug: Rudolf Karstadt, letzter Ständer. So zerknittert wie der „Zwirn' so auch das Gesicht. Augen leicht trübe. Kann von einer durchsoffenen Nacht kommen oder einer durchhurten, so genau ist das nicht zu sehen und auch nicht zu sagen.

Gesicht wie ein zerfetztes Laken oder ein aus Flicken gestrickter Teppich. Nase, eine entfaltete, dickfleischige Blumenblüte.

Beine scheinen im Boden des Abteils gepflanzt zu sein.

Augenschlitze spalten das Gesicht. Es sind große dunkle, ja, es sind schwarze Spalten. Wenn sie aufritzen, hat man das Gefühl, sie würden weiter reißen und das Gesicht zerreißen.

Gelbgrasiges Haar.

Hände wie braunrote Steine.

Durch die Hände dieses Mannes sind die Leinen und Renner, die Springs und Tampen, Taue und Reeps und Manillas, alles Tauwerk von Seglern und Jachten und Dampfern, von Küstenschiffen, Fischloggern, Klütenewern, Passagierschiffen und „Särgen" gegangen.

Hände, rau wie eine Kartoffelreibe.

Durch die Hände dieses Mannes glitten aber auch weiße und braune und schwarze Mädchenkörper.

In den Händen lagen weiße und weiche, braune und feste, schwarze und schlabberige Frauenbrüste.

Diese Hände strichen über blonde und schwarze, brünette und graue Schamhaare, und die Finger verloren sich in enge und weite Schächte von Frauenleibern.

Durch seine gelbgrasigen Haare zogen Taifune und Hurrikans, Orkane und Stürme, Passate und Monsune, Brisen und Winde aller Sieben Weltmeere.

In seine gelbgrasigen Haare fuhren aber auch feingliedrige Frauenhände, gepflegt, manikürt und beringt, griffen die harten Hände mancher Hafenhure. Wie soll man das alles so genau wissen?

In Hermann Ahlers Augen spiegeln sich dunkle, sturmgepeitschte Wolken, sanftes stilles Geflimmer der Gestirne, dickflockiger Nebel, wilde Wogen, stechende See und such grünes, weitweites Land und Meeresferne.

Auf die breite Brust hat sich Hermann Ahlers, als er noch Schiffsjunge war, eine Viermastbark tätowieren lassen, mit vollen Segeln, versteht sich. Mit den Jahren sind die Brusthaare durch die Segel gewachsen und haben sie durchlöchert. Auch der Rumpf des Seglers ist von den Haaren nicht verschont geblieben. So geht jedes Schiff, ob Segler, Dampfer oder Küstenmotorschiff, einmal vor die Hunde und wird durchlöchert, vom Rost oder von Brusthaaren.

Alles, alles wird einmal im Leben durchlöchert, es ist bei Gott nicht immer der Rost und es sind auch nicht immer die Brusthaare. Das Leben hat stets seine Locheisen bei der Hand. Nur abwarten, das Leben weiß diese Locheisen auch gut zu gebrauchen. Und plötzlich wundert man sich, dass man durchlöchert ist. Kann manchmal verdammt schnell gehen.

Und wie man so sagt, ist Hermann Ahlers Sohn achtbarer Eltern, und, wie man so sagt, er wurde zuletzt am Hafen gesehen. Ja, ja, dort wo die Nebel steigen und die Huren kreischen.

Nun, heute steigt er wieder auf einem Küstenmotorschiff ein. Wie er das wohl aufnimmt? Nein, wie das Kümo ihn wohl aufnimmt, dass ist die Frage.

Jahre hatte er bei der Fischerei zugebracht, aber das ist schon länger her. Zwischendurch war er noch woanders. Der letzte Fischdampfer war ein Sarg. Man kann ja ruhig einmal darüber sprechen. War noch ein Kohlenschiff, einer der letzten deutschen Fischdampfer. Dieser Zossen konnte sich im Existenzkampf gegen die neuen modernen Heckfänger nicht behaupten, musste aber, weil er ja nun noch lebte, doch fahren.

Ach, die Crew erst. Seeleute und Heizer finstere Brüder, denen saßen die Faust und das Messer verdammt locker.

Brüder, die den Knast von innen besser kannten als die Kirche.

Ansonsten Kneipen, Puffs, Nutten, Schnaps, das waren Nebenerscheinungen ihres harten Lebens, des verfluchten und beschissenen.

Und die Reisen waren so mager, mager an Fisch und Heuer.

In Gedanken an den letzten Fischewer stand ihm noch das Grauen im Nacken. Bei Windstärke zehn und Eissturm, dann die Hol mit dem Fisch, das Schlachten der Fische, die fressende Kälte und das fressende Salzwasser. Rissige, blutende Hände.

Die erstarrten geschundenen Hände. Angeseilt, angebunden standen sie an Deck und schlachteten den Fisch.

Bis zum Bauchnabel in zuckenden, springenden, kalten Fischleibern. Der Alte auf der Brücke, dieses Arschloch und dieser Ziegenficker, schrie und tobte und wollte sich am liebsten selbst in den Arsch ficken, wenn sie von Deck gingen, um sich ein bisschen aufzutauen, aufzuwärmen. Sprang von der Brücke und schlug den Matrosen einen glitschigen, zwei Kilo schweren Dorsch durchs Gesicht. Hass glimmte auf, aber das war auch alles. Und was sollten sie machen? Hier gab es nur ein Gesetz, das Gesetz der Gewalt. Und hinter dem Käppen stand das Gesetz des Gesetzes. Die meisten hatten Gefängnisstrafen mit Bewährung. Ein Aufmucken, Aufrühren, sich zur Wehr setzen, der Ofen wäre aus gewesen. In Bremerhaven wartete der Knast. Obwohl der Knast manchmal besser ist als dieser verdammte Fischeimer.

Die Dorschtour wandte der Alte auch an, wenn die Fischschlächter vor Müdigkeit in die Knie gingen. Kein Erbarmen kannte das Vieh. Nee, darf man auch nicht haben mit dem asozialen Gesindel, dem Ausschuss der Menschheit, das war sein Schnack.

Hermann Ahlers begriff in diesen harten Jahren, dass es keinen Zweck hat, gegen den Alten aufzumucken, war zu der Einsicht gekommen, dass es im Leben überhaupt keinen Zweck hat, gegen was aufzumucken Gegen Menschen, Obrigkeit und auch gegen das Schicksal nicht.

Schlaf gab es auf Fischfangplätzen fast nicht. Harte und lange Stunden an Deck und daraus wurden Tage und Nächte. Zwei und wenn es hoch kam drei Stunden Freiwache darin eingebettet. Aus den nassen, vereisten Klamotten und aus den Seestiefeln kamen sie dann auch nicht raus.

Und an Bord musste er damals gehen, musste auf diesen schwarzen Eimer, diese Galeere einsteigen, kam nicht drum herum. Musste an Bord, weil er etwas vergessen wollte, in sich etwas totzuschlagen versuchte, zumindest eine Wunde heilen wollte. Musste an Bord, trotz des Messerstiches, den er noch in der Nacht von einem Fischdampferlöwen verpasst bekam.

IM „LEUCHTTURM" war Hochbetrieb und Hochstimmung. An den kahlen, hölzernen und saudreckigen Tischen saßen die Fischdampfer­leute und soffen. Saßen in Isländern und Nietenhosen und gossen die scharfen Sachen in sich hinein. Auch hier hatten sie ihre Seestiefel, die langen, nicht ausgezogen und jede Runde kostete einen Heiermann. Wei­ber hingen ihnen an den Hälsen, hockten auf ihren Knien und Schen­keln, griffen in ihre stinkenden Hosen und holten ihnen die Schwänze heraus.

Weiber ließen sie für eine Runde Schnaps „fertig" werden. Voller Hand­betrieb. Ja, ja, leicht verdiente Mäuse sind das noch, so einfach mit der Hand. Am Tischtuch abgewischt, Hand und Schwanz, so einfach ist das. Weiber soffen mit und auch aus der Flasche. Schnapsgegröle höhlte nie­mandes Nerven aus.

Musikbox nagelte alte Schnulzen und Seestiefel dröhnten den Takt. Dreck, Asche und Kippen ersetzten den Teppich. Im „Leuchtturm" gibt es keine Aschenbecher.

Rauch, Dunst, Mief, Fischgestank und Tran.

Heiße Körper, Schweiß und Weiber.

Gesichter: schnapslüstern, bettlüstern, koituslüstern.

Gejagte Gesichter.

Kotze, Pisse und Scheiße an den Wänden der Toilette.

Weiber, besoffen, stinkbesoffen, verkommen und verhurt, mit wirren, verfilzten Haaren, fleckigen und speckigen und dreckigen Pullis und Blusen. Miniröcke. Keine Strümpfe. Schiefgelatschte Schuhe. Tripper­kranke. (Och, ein Tripper beim Fischschlachten ist auch nicht zu verach­ten.)

Aber Scheiße kann man abwischen, aber einen Tripper leider nicht.

Hinter der Tonbank der Wirt, passt in jeden Gangsterfilm. Aufgedunsen, aufgeschwemmt, versoffen und besoffen. Ärmel des schmuddeligen Hemdes aufgekrempelt. Behaarte Arme, tätowiert, auf jedem Arm ein Geschlechtsakt, einmal von vorne, das andere Mal von hinten. Hat auch früher Fisch geschlachtet, der Wirt. Macht hier sein Geschäft, wenn auch kein sauberes. Säuft mit, lässt sich freihalten, staubt ab. Fischdampfer­leute sind freigiebig, mehr noch, wenn sie besoffen sind. Nun, mitsaufen muss der Wirt, muss es auch können, muss es alltäglich, Streit schlichten muss er ebenfalls und hält stets mit dem, der noch Geld hat.

So kam der Messerstich, gezielt und gestoßen auf die Brust von Hermann Ahlers. Er konnte sich gerade noch ein bisschen drehen und den Arm heben, sich decken und dann saß der Stahl in seinem rechten Unterarm. Ein Messer, mit dem auch Fisch geschlachtet wird. Nur, weil die eine Hure gesagt hatte, dass sie mit dem neuen Steuermann, der morgen seinen Dienst antreten muss, die letzte Nacht vor dem Auslaufen schlafen gehen will. Es ging der Steuermann doch mit der verschlampten Hure schlafen, trotz der blutenden Wunde im Arm.

Es musste eine Wunde verbunden werden und eine andere Wunde heilen, darauf kam es jetzt an, heilen; heilen. Seelische Wunden brennen heißer als körperliche, manchmal sind seelische Wunden unheilbar.

Viel wurde es nicht in dieser Nacht, das Weib, diese verkommene Hure, stank vor Dreck und nach der letzten Regel, auch die Wäsche und das Bett. Krampfhaft schaffte Ahlers eine Nummer, sein rechter Arm lag daneben und war verbunden. Scheiße, brannte wie Salzsäure, die Wunde.

Welche brannte denn nun, oder welche brannte heißer? Nach ein paar unruhigen Nachtstunden stand der Steuermann auf, das Hurenlager stank ihm, stieg in seinen Zwirn und ging durch die schalen Morgenstunden an Bord. Fraß den Morgen und soff die Morgenluft wie Selterwasser. Spuckte dreimal, genau dreimal auf das Pflaster, richtig zünftig, und damit war für ihn die Sache mit dem Messer, mit der Hure, geritzt, erledigt, vergessen.

Sicher, die Nacht, diese vergangene, die war wohl vergessen, aber nicht die Nacht, die immer in seinem Hirn herumgeisterte, nein, die Nacht war nicht vergessen. Das war es ja! Welcher Mann kann wohl eine Nacht vergessen, wenn er nach Hause kommt, wenn er nach Hause kommt, wenn er nach Hause kommt, immer im Kreis, wenn er nach Hause kommt. Zwei Jahre war er nicht zu Hause. Freute sich auf seine Frau, auf seine Wohnung, auf seine Möbel. Freut sich, freut sich. Dann kommt doch alles anders, so ganz anders.

SPÄT HAT ER ja geheiratet und eine junge Frau. In dem Alter sollte kein Mann mehr heiraten, vor allen Dingen ein Seemann nicht. Dann sollte er keine junge Frau heiraten, nur keine junge. Unter anderem wollen junge Frauen alles haben, wollen Möbel und Komfort, wollen Radio, Fernseher, Waschmaschine und einen Wagen. Wollen sie alles und alles haben. Müssen sie auch haben, allein darum schon, weil sie von dreißig Tagen des Monats siebenundzwanzig Tage allein sind. Brauchen einen Mann, damit der zweite Clubsessel nicht leer ist, der zweite Teller gefüllt ist, das zweite Glas ebenfalls, die Mattscheibe von zwei Augenpaaren besehen wird ‑ ‑ ‑ und die Tassen und Schüsseln, das Waschbecken, die Badewanne und das Klosett. Alles zweimal. Das braucht eine Frau, nun mal besonders eine junge Frau. Das kann ein Fischdampfersteuermann wirklich nicht wissen.

Sieh, und das hat eine Frau in siebenundzwanzig Tagen nun einmal nicht. Wenn sie es aber braucht?

Verdammt, waren die Möbel, so auf altdeutsch, teuer. Aber die mussten es ja sein. Da wollte Hermann Ahlers auch nicht dazwischen reden. Das sollte seine junge Frau entscheiden und sie verstand auch was davon und wusste was modern ist.

Bezahlen? Na, bezahlen konnten sie die Möbel ja nicht gleich, wer kann das heute wohl? Das war auch nicht nötig, die Anzahlung war da.

Verdammt, da liefen aber mit dem ganzen Scheißdreck, Waschmaschine, Fernseher, Föhn, Höhensonne und mehr und der Wagen (taubengrau in Farbe) ganz schöne Summen zusammen.

Kriegen wir, kriegen wir alles, bezahlen wir auch. Bloß nicht, sich bloß nicht vor der jungen Frau blamieren. Wird mit dem Bezahlen wohl ne Zeitlang dauern, soviel wird bei der Fischerei nun auch nicht verdient.

Aber Ahlers hatte Glück, ein Schweineglück. Traf doch da einen alten Makker wieder. Reiner Zufall. Dieser fuhr auf einem Zubringerschiff für eine Bohrinsel im Persischen Golf. Verdiente fix Flöhe. Er vermittelte Ahlers einen Job, der Makker fixte das alles. Ahlers ging für zwei Jahre nach Persien und die Flöhe hopsten. Es war ne wahre Lust. Wagen, Möbel und aller Krimskrams konnte bezahlt werden.

Feine Sache das!

Zwei Jahre wurden es nicht ganz, der Leistenbruch, kurz vor Ablauf des Kontraktes, bedeutete für den Steuermann Ahlers den Heimatschuss.

Und das war gut! War das gut? Doch für Ahlers weiteres Leben musste es wohl so gut sein!

Flugzeug große Klasse und großer Komfort.

Fernzug mittlere Klasse und mittlerer Komfort.

Bus bis Randgebiet Hildesheim kleine Klasse und kein Komfort.

Je näher ein Seemann seiner Behausung kommt, je anspruchsloser wird er. Am Rande der Stadt Hildesheim stand das kleine Haus, das sie sich vor zwei Jahren gemietet hatten. Darin sie, Ahlers junge Frau.

Bezahlt war alles, also seins, verdient im Persischen Golf. Und der Golf ist, weiß der Teufel, kein Zuckerschlecken. Verdient unter Entbehrungen, verdient unter mörderischer Sonne und in glutheißen Nächten. Verdient auf einem kleinen Schiff ohne jeglichen Komfort, ohne Klimaanlage. Das will etwas heißen. Nur das eine Ziel vor Augen, bezahlen, bezahlen, alles bezahlen, um wieder frei atmen zu können. Nur das Ziel vor Augen, dass sich seine kleine Frau wohl fühlen soll und ihre Einsamkeit nicht so schwer empfindet.

War das nun wirklich alles seins, war es das wirklich? Oh, das meinte Ahlers wohl nur, denn an allen Dingen im Leben gibt es Teilhaber, und das wusste Ahlers eben nicht. Pech für ihn. Aber in der Nacht seiner Heimkehr, in später Nacht, da wusste er es. Alle Erkenntnisse sind bitter, schmecken wie Chinintabletten ohne Wasser.

DUNKEL LAG DAS Haus an der Straße. Nein, doch nicht ganz dunkel, im Schlafzimmer brannte noch Licht, nicht hell erleuchtet, nur so ein Spalt, ein Lichtspalt ‑ aber das war schon immer so, war vor zwei Jahren schon so. Warum sollte es jetzt wohl auch anders sein? Sie schläft noch nicht, man sollte meinen, sie erwartet mich, weiß doch gar nicht dass ich komme.

Sie ist frisch, sie ist da und wird sich freuen und ist bereit. Junge, Junge, werde ich die zwei Jahre ohne Frau nachholen, wir werden aus den Betten gar nicht wieder herauskommen. Ach, schön, schön wird das. Wird große Augen machen über den persischen Schmuck, über die echten Orientbrücken, wird hopsen und springen und lachen und weinen ‑ alles vor Freude.

Es ist schwer, lange getrennt zu sein, es ist darum umso schöner, heimzukehren. Was der Abschied an Schmerz in sich trägt, das gibt die Ankunft an Freuden tausendfach wieder.

Sie hat das Licht der Nachttischlampe nicht ausgeschaltet. Entweder liest sie oder sie ist eingeschlafen. Kann passieren ist ja auch nicht so schlimm sieht man einfach nicht, übersieht man, bloß nicht so kleinlich sein. Hermann Ahlers drückte auf den Klingelknopf. Beleuchtetes Namensschild - AHLERS.

Klingeln musste er schon, Auch wenn man zwei Jahre nicht zu Hause war. Auch warten muss man können, wenn man zwei Jahre nicht zu Hause war. Muss warten, bis sich der Schlüssel im Schloss gedreht hat und die Tür geöffnet wird. Da kommt es doch wirklich auf einige Augenblicke Wartezeit nicht an. Sie scheint tatsächlich zu schlafen oder geschlafen zu haben, sonst hätte sie doch längst geöffnet. Nur das, nur das ist so komisch, dass kurz nach dem Geschrill der Glocke der Lichtspalt zwischen Rollo und Gardine verschwunden war. Komisch. Seltsam.

Komisch ist auch, dass man nochmals klingeln muss. Wo gibt es denn so was? Und wie so hässlich sind doch solche Töne nachts, wie scheißhässlich.

Und wenn man nun noch mal klingelt, noch mal auf den weißen Knopf drückt und den beleuchteten AHLERS anstarrt. Das Recht hat man ja schließlich nach zweijähriger Abwesenheit, zu verlangen, dass sich etwas rührt. Bis sich etwas rührt, wird man ja unruhig, oder? Zumal man weiß, dass jemand im Hause ist, dass jemand lebt, weil doch der Lichtspalt gestorben ist. Der Lichtspalt ist doch Leben, wenn er jetzt auch tot ist. So ein Lichtspalt kann tatsächlich über Tod und Leben, über Sein oder Nichtsein, über Ehe oder Trennung, über alt oder jung entscheiden.

Ein Lichtspalt kann das!

Ein Lichtspalt, ob Licht oder nicht, kann den Sinn und das Denken anrühren, anregen, verändern, das hat aber nichts mit dem Persischen Golf zu tun, beileibe nicht.

Ein gewesener Lichtspalt kann bewirken, dass man ruft: „Gisela, Gisela, mach doch auf, ich bin es, Hermann!"

Weiter kann ein gestorbener Lichtspalt Anlass dafür sein, dass man mit der Faust und dann mit dem Fuß gegen die Haustür schlägt, trommelt, tritt und ballert.

Jawohl, was so ein toter, eben gestorbener Lichtspalt nicht alles in Gang in Bewegung bringen kann, man muss sich wundern und man sollte es gar nicht glauben. Sorge. Angst. Wut. Misstrauen.

Ja, und dann stand der Steuermann Ahlers, mit Vornamen Hermann, in seinem Schlafzimmer.

Kaukasischer Nussbaum.

Hermann Ahlers war nicht allein, denn seine Frau, die Gisela, war auch da ‑ und noch ein Mann. Gefüllt war der Raum mit drei Menschen, zwei Männern und einer Frau.

Gefüllt mit der Schlafzimmereinrichtung aus kaukasischem Nussbaum. Gefüllt mit Zigarettenrauch und Kerzenduft, mit Parfum und dem Geruch guter Seife. Kaukasischer Nussbaum.

Das Aroma eines guten Weines.

Und da war noch ein Geruch, noch ein anderer Geruch, nicht Wein, nicht Kerze, nicht Parfum, nicht Seife, nicht Zigarette, sondern Weib. Es war nicht das teuerste Nachthemd, welches da lag und noch lebte, nein, teuer war es nicht. Bei C & A gekauft, weil es beiden damals so gut gefiel. Nun gefiel es eben auch einem Dritten. Jetzt brannte auch die Nachttischlampe wieder, das Oberlicht, und sicherlich fiel der Lichtspalt wieder auf die Straße, so zwischen Rollo und Gardine. Sonst war wirklich nichts. Doch, es war doch was. Leere in Ahlers Kopf, absolute Leere, die war da. Doch war das Zimmer voll. Voller Menschen. Voller Gerüche und kaukasischem Nussbaum. „Das war nicht nur heute, Hermann", so sagte die junge Frau„, das war fast täglich und fast zwei Jahre!"

Nun, denn hatte das Nachthemd von C & A ja schon allerhand mitgemacht. Das Nachthemd, die Frau und zwei Männer, der eine, der es kaufte, der andere, der es brauchte. Des Steuermanns Kopf blieb leer, und wenn ein Kopf leer ist, kann man auch nicht sprechen. Aber er brauchte auch nicht zu sprechen, nicht zu toben, nicht zu wüten, nicht zu randalieren, keinen Totschlag zu begehen, nichts brauchte er, nichts, nichts, nichts. Er brauchte nur die Tür hinter den beiden abzuschließen, das Licht zu löschen, damit kein Lichtschein nach draußen fällt. So zwischen Rollo und Gardine.

TELEGRAMM – SCHIFFSINGENIEUR W. SIEBEL – BAHNHOFSTRASSE 21 – NIENBURH/WESER – DIENSTANTRTT 1. FEBRUAR BREMERHAVEN STOLTEN-WERFT – KAPITAEN UND EIGNER F.FALLER –

ES WAR WIE eine Sternfahrt zur Unterweserstadt Bremerhaven. Nur ein Abteil weiter, ebenfalls erster Klasse und allein, Walter Siebel. 28 Jahre alt. Beine gestreckt, Kopf am Polster. Blick in die aufdämmernde, verschneite Landschaft. Feinknochiges Gesicht. Freundlicher Mund. Frohe, fröhliche Feiertagsaugen. Und freche Firstnase. Wirbelndes Flockenspiel am Fenster. Flockenspiel auch Siebels Gedanken. Erinnerungen. Erlebnisse.

Erinnerungen ans Motorschiff „KAP RONDA“, aber keine guten Erinnerungen. Nur knapp zweieinhalb Monate her. So um Weihnachten herum. Erinnerungen an die Reederei, auch an den Kapitän dieses Schiffes, aber nicht die besten. Und es können nicht die besten sein, wenn sich jemand das „Genick" gebrochen hat. Nein, nein, seins; Walter Siebels Genick, war es nicht.

Weihnachten. Die Vorbereitungen, wie immer und überall. Tannen und Lametta. Kugeln und Engelshaar in den Offiziers‑ und Mannschaftsmessen. Tannen, knochenalt und nadelnd. Aber das Engelshaar überdauert Tannen, Jahre und manchmal auch Schiffe. Weihnachten, und die Tannen im Kapitänssalon, in der Offiziersmesse und in der Messe der Heizer und Matrosen nadelten. Tannen kennen keine Dienstgrade. Heute wird das Essen wohl etwas besser sein, schmackhafter. Weihnachten. Heiliger Abend. Verdammte Knauserei auf diesem Schiff. Zum Himmel stinkender Geiz vom Kapitän. Oder sollte das etwa Existenzangst sein. Frischobst und Frischmilch? Seeleute sind doch keine Säuglinge. Und wenn sie Frischobst und Milch haben wollten, sollen die Seeleute sich das gefälligst selber kaufen, denn wer Geld für Kneipen, Bars, Puffs und Nutten übrig hat, kann sich auch Obst und Milch leisten.

Hatte der Kapitän da nicht etwa recht?

Das Schiff lag in Tunis, sollte am nächsten Tag wieder auslaufen.

Das hat mit Weihnachten nichts zu tun.

War ja ein alter Kasten, die „KAP RONDA“, schrottreif, aber verdiente sein Geld noch. Maschinen, Motoren und deren Fundamente, irgendwo ausgebaut, zusammengesucht und wieder zusammengekloppt.

Hauptmotor und Hilfsdiesel hatten ihre jungen Jahre auf einem deutschen U‑Boot verbracht, waren auch schon im „Keller" (Meeresgrund) gewesen. Nudelten jetzt, nun und noch auf einem Handelsschiff dem Reeder blanke Dollars ein.

Heute, am Tage des Heiligen Abends, zog die Maschinen‑Crew Kolben.

Was soll das besagen?

Kolben kümmern sich nicht um den Heiligen Abend.

Kolben, die Tag und Nacht laufen, ob stürmische oder ruhige See, sich auf und ab bewegen, die Welle drehen, die Schraube drehen, müssen nun mal gezogen werden.

Kolben, die im „Keller" waren, bedürfen besonderer Wartung.

Ebenfalls die Laufbuchsen, Zylinderköpfe, Ventile, Kurbel‑ und Grundlager. Die Arbeit reißt auf so einem „Eimer" nicht ab. Ersatzteile gab es doch für diesen Veteranen nicht mehr. So wurde geflickt, gemurkst, geschustert, gebetet und geflucht.

Hat mit dem Heiligen Abend nichts zu tun.

Es war der letzte Heilige Abend, den der I. Ingenieur Linser auf dem deutschen Motorschiff „KAP RONDA“ verbrachte. Hat immer seine Pflicht getan, jahrelang, tut sie noch. Schluckte jeden Anranzer vom Reeder. War Prellbock zwischen oben und unten. Glatte zehn Jahre schon an Bord. In diesen zehn Jahren kannte er im Kreise seiner Familie keine Weihnachten.

Heute war wieder Weihnachten und der Reeder hatte ihm doch versprochen, dass er in diesem Jahr bestimmt nach Hause komme.

Er, der Reeder, würde seine Ablösung nach Tunis schicken. Ja, versprochen schon. Reeder versprechen viel, aber wo blieb die Ablösung?

Trotzdem war der I. Ingenieur Linser zum Fest doch zu Hause, wenn auch nicht gerade am Heiligen Abend. Das kam so:

Hilfsdiesel II gehört nach Meinung des II. Ingenieurs Siebel und der anderen unter den Dampfhammer. Hin und auf war der Hilfsdiesel II. Bei der letzten Überholung in einem türkischen Hafen wurde ein Riss in der Kurbelwelle festgestellt. Haarriss.

Linser bestellte eine Reparaturfirma.

Schweren Herzens tat er das. Die Welle wurde geröntgt und mehr Risse festgestellt. Was nun? Hier in der Türkei eine neue Welle anfertigen lassen? Oder den Diesel mit der defekten Welle weiterlaufen lassen? Das war die Frage. Dass musste Linser entscheiden, und diese Entscheidung war verdammt nicht leicht, lag jetzt auf seinen Schultern. Vor seinem Reeder musste er verantworten, dass das Schiff vierzehn Tage im Hafen liegenblieb, kein Geld verdiente und täglich noch Geld fraß. Diese Verantwortung und Entscheidung nahm ihm keiner ab, auch nicht der Kapitän, der ja wohl für alles verantwortlich ist. Siebel, so erinnerte er sich, warnte Linser, den Diesel unter diesen Umständen auf keinen Fall wieder in Betrieb zu nehmen. Entschieden weigerte sich der III. Ingenieur den Diesel überhaupt anzustellen. Linser setzte persönlich den Hilfsdiesel wieder in Betrieb und er lief auch seit dem türkischen Hafen munter weiter. Bis Deutschland würde er wohl, müsste er wohl durchhalten.

Hilfsdiesel II hielt nicht durch.

Während hier in Tunis an Bord die Weihnachtsbäume brannten und nadelten, die Besatzung zusammen saß, geschah es.

Die Kurbelwelle brach. Pleuelstangen zertrümmerten das Gehäuse. Eisenteile wirbelten, trafen den wachhabenden Ingenieur‑Assistenten und rissen ihm das halbe Gesicht weg, das linke Auge hing an einer Sehne.

Nun war der Diesel gar nicht mehr zu reparieren und das Gesicht des Ingenieur‑Assistenten ebenfalls nicht.

So flog Linser am ersten Festtag nach Deutschland, seine fristlose Entlassung, telegrafisch zugesprochen, trug er in seiner Brieftasche.

Ein Seegericht zog ihn zur Rechenschaft, aber Linser war Weihnachten bei seiner Familie und ein Ingenieur‑Assistent zeitlebens ein Krüppel.

So dachte Walter Siebel über das Weihnachtsfest auf der KAP RONDA nach.

JETZT FUHR SIEBEL einem Schiff entgegen, das noch nicht in Dienst gestellt war. Und jetzt war er I. Ingenieur.

Bis jetzt war er nur auf großer Fahrt gewesen. Küstenschifffahrt und Küstenmotorschiffe kannte er nicht. Kann ja ganz nett werden. Sollen ja ein bisschen komisch sein, diese Küstenschiffer. Eigener Adel, geizig und knauserig sollen sie auch sein. Man erzählt sich von den Küstenschiffern allerhand Geschichten.

Von seinen Eltern hatte er rasch Abschied genommen, ein Mädchen hatte er nicht, jedenfalls kein festes. Wollte er auch gar nicht. Die Welt ist groß und schön und hat auch Gärten und in den Gärten blühen Blumen. In jedem Garten blühen Blumen. Warum muss es gerade immer der Garten in Nienburg sein? Siebel war eine Frohnatur, unverbesserlicher Optimist, aufgeschlossen für alles, was das Leben so zu bieten hatte. Siebel war ein Meister in seinem Fach und fuhr gerne zur See.

Siebel konnte über sich selbst lachen, und er lachte über andere und verarschte sie auch.

Er lachte in sich hinein und dachte an Bremen.

Sie kamen aus Archangelsk, von großer Fahrt. Sie lagen in Bremen.

Überseehafen. Siebel ging nachmittags an Land. Man kann doch wohl mal seine Schwester besuchen, nicht? übrigens, Siebel hatte in aller Welt Schwestern. Nette Dinger waren das.

Manchmal waren es auch Kusinen.

Am Waller Ring bestieg Siebel die Straßenbahn Linie 3.

Mensch, war die Straßenbahn voll. Kaffeetanten, Kränzchen, ach so.

Bremen, die Stadt der alten Tanten mit ihren Kränzchen, Fast Kleinstadtluft, wie Nienburg.

Kramte zwischen Münzen aller Welt und Währungen auch noch siebzig Bundespfennige zusammen und löste sich einen Fahrschein, ohne ein Wort zu sagen. Fand auch noch einen Sitzplatz. Streckte die Beine von sich, griff in seine Jackentasche, holte eine russische Papyros heraus, (das Schiff kam doch aus Russland), kniffte sie fachgerecht, brachte sie mit russischen Streichhölzern zum Brennen und paffte. Blätterte umständlich eine PRAWDA auseinander, paffte und ließ sich von der Linie 3 ins Zentrum schaukeln.

Machorka riecht ja nun tatsächlich nicht nach Mazedonien und schon gar nicht nach Virginia, sondern stinkt wie jener Siedlerstolz aus Deutschlands traurigster Zeit. 1945 bis 1948 seligen Angedenkens.

Gehobene Augenbrauen. Unmutsfalten. Die Tanten wedelten mit den mehr oder weniger beringten Händen.

Das Rauchen in der Bremer Straßenbahn ist verboten, das konnte der „Russe" nun aber mit dem besten Willen nicht wissen. Niemand hatte das gesagt und niemand verboten. Deutsch lesen, das konnte er nicht. Prompt, als hätte er, der Schaffner, auf einen Sünder gewartet, meldete er sich auch schon von seinem „Thron"

„Eh, Sie, Sie da vorne, hier im Wagen ist das Rauchen verboten ... können Sie denn nicht lesen?"

Der „Russe" sah nicht einmal von seiner PRAWDA auf, fühlte sich in keiner Weise angesprochen. Wie konnte er auch? Las, paffte die Papyros und ließ sich von der Linie 3 weiter zur Stadt schaukeln. Aber der Schaffner müsste kein Deutscher sein, kein Bremer, kein Beamter.

Stimmengewaltiger kam es dann nun auch: „Heh junger Mann, Sie da vorne, hören Sie denn nicht? Hier im Wagen wird nicht geraucht. Ist das Rauchen verboten. Verstanden?"

Verstanden, natürlich verstanden. Welcher brave Grundgesetz‑Bürger versteht nicht, verstanden`?

Aber wenn man doch Russe ist?

Die Kaffee‑ und Kränzchentanten waren ob dieser Stimmengewalt des thronenden „Oberförsters" still wie Feldmäuse.

Auch mit den Armen fuchtelte der Schaffnerkassierer herum. Nun wurde der „Russe" durch das laute Organ und das Geschimpfe doch aufmerksam: Wer schreit da bloß so fürchterlich? Er schob sein Gesicht hinter der PRAWDA hervor, sah blauäugig auf, und zuckte nur mit den Schultern, zerdrückte die Papyros auf dem Boden und angelte sich eine neue aus der Tasche und Packung. Zündete sie an. Kettenraucher gibt es auch bei den Russen. Ihn meinte der Schaffner doch nicht, er hatte doch bezahlt. Nahm sich jetzt den Leitartikel der PRAWDA vor.

„Mein Gott", sagte eine feine alte Dame und sah sich um, „kann denn hier in der Weltstadt Bremen kein Mensch Englisch? Der Herr ist doch Ausländer, Russe glaube ich, der versteht den Schaffner doch gar nicht!"

Eine mickerige alte Jungfrau wandte sich nun an den Russen: "Do you speak english?"

„Yes", antwortete der Iwan und sah die Schachtel fragend an, wohl auch mitleidig.

"No smoking here!" lispelte sie durch ihre schlecht sitzenden Zähne.

„Oh, I'm sorry."

Zertrat sofort die Zigarette und las den Leitartikel über die verdammten Agressoren, die Amerikaner, weiter.

„Ist doch wahr", sagte die alte Dame zu ihren Kaffeeschwestern hin, „ist doch traurig, dass in einer Stadt wie Bremen, einer Hafenstadt, und Tor zur Welt, sozusagen, die Schaffner nicht das notwendigste Englisch sprechen können."

Der „Russe" faltete seine PRAWDA zusammen, sagte laut und vernehmlich: „Das meine ich aber auch!"

Und stieg aus.

DER D 112 fuhr seinem Ziel entgegen. Mit Menschen und ihren Gedanken und ihrem Gepäck.

Seeleute haben immer Gedanken. Gedanken voraus, Gedanken zurück. Seeleute müssen denken, voraus wie zurück, und sie tun es auch.

Seeleute denken schon darum, weil sie zwei Heimstätten haben, Schiff und Haus.

Sind sie an Bord, sind ihre Gedanken daheim.

Sind sie daheim, sind ihre Gedanken an Bord.

Das Fließband des Himmels befördert den Morgen.

Weißflockig fällt der Winter.

Schatten und Lichter schauern, schnellen, wachsen ineinander, magern ab, zerrinnen.

Demütig liegen zeitverschmutzte Häuser in dünnen Schneebetten, nacht­mächtig fahl sind ihre Fenster.

Menschen von zerfaserten Lichtern befranst stricheln schwungvoll die Straßen.

Hölzerne Baumglieder kreisen in silbergrünem Dunst.

Weiße Möwenblätter schwingen und kringeln.

Vergessene Laubtropfen hügeln auf schneeverzuckerter Erde.

Gleichgültige Autos gleiten vorüber, fügen sich ein in unbekannte Straßen, in trüblichtige Wege.

Bremerhaven.

Schneesahara unter weißem Himmel. Selten sieht man so viel Weiße.

Schneeweiße. Die Häuser sind geköpft, abgesockelt. Wie stille Torsos hängen ihre Rümpfe im Weiß. Vor‑ und dazwischengelegt, eingelegte Sil­houetten von Baumschädeln‑ und Armen, die der Schnee nicht verschneiden kann.

Keine Parkwagen, nur weiße Dünen.

Bremerhaven, die Stadt der Hochseefischerei und der Passagierschiffe.

Bremerhaven, ein Vorort New Yorks und breite ausladende Straßen.

Moderne Läden. Beton. Stahl. Glas.

Häfen und Werften und einen Februarhimmel aus dem es weiß flockt.

Es waren auch nur fünf Personen, die sich vor der Reisegepäckausgabe

drängten.

Seeleute haben für einander einen Blick.

Seeleute riechen ihre Art‑ und Berufsgenossen. So war es nicht verwun­derlich, dass Siebel und Ahlers ins Gespräch kamen.

„Wo gehste denn an Bord, Makker?" so fragte der Jüngere den Älteren.

„Fischdampfer?"

„Wieso Fischdampfer, kann man das sehen?" gab Ahlers brummig zurück.

„Nee, aber riechen", sagte Siebel lachend.

„Nee, diesmal nicht, junger Mann!"

„Weißt du hier in Bremerhaven Bescheid?" fragte Siebel.

„Das kommt darauf an, wohin du willst."

„Weiß du, wo die Stolten‑Werft ist?" „Ja, das weiß ich", sagte Ahlers, „dahin will ich nämlich auch."

„Bist verrückt. Auf welches Schiff denn?"

„Auf'n neues Kümo, gehört einem Eigner „TINA THERESA" heißt das Schiff." „Mensch, da geh ­ich auch an Bord. Denn können wir ja zusammen ein Taxi nehmen."

„Natürlich, können wir, wir können aber zuerst noch einen nehmen", meinte der Steuermann.

Mit ihren Koffer n gingen sie durch die Halle, über den Bahnhofsplatz und setzten sich in eine Kneipe, bestellten zwei Bier und zwei Kurze und nahmen erst einmal schweigend Maß aneinander.

Siebel fragte: „Als was steigst du denn ein?"

„Als zweiter Steuermann." „So, so, als zweiter Steuermann. Mensch, warum denn nicht als erster Steuermann? Alt genug biste doch!"

„Hab nur A 3."

„Na ja, ist ja auch ein Patent, bloß damit kannste nur nicht weiterkommen." „Will ja gar nicht weiter ‑ ‑ ‑ und du, als was steigst du denn ein?"

„Maschine, als erster Maschinist. Mein erstes Schiff als Erster."

Prost. Wohlsein. Mädchen, bring uns noch zwei Grog. Scheiß‑Kälte.

„Biste schon mal bei einem Eigner gefahren?" fragte der Ältere den Jüngeren. „Nee ‑ du?"

„Oh ja ‑ aber da war ich noch jünger, oder jung. Kann dir nur sagen, ist nicht einfach, wenn der Reeder oder Eigner selbst als Kapitän fährt.

Das musst du wissen."

„Wieso nicht einfach?" fragte Siebel.

„Wirst schon sehen. Ein verflucht eigenes und verdammt geiziges Volk, diese Eigner," und setzte grinsend hinzu, „sind knauserig, dass sie vor Geiz nicht sterben können und so lange warten, bis ihre Ehefrau auch stirbt, nur um mit einem Sarg über die Runden zu kommen. Und das will ich dir sagen, vor allen Dingen mögen sie die Schwarzen, die Maschinisten, nicht leiden, alle anderen aber auch nicht, die von großer Fahrt kommen. Maschinisten, das sind für sie Faulenzer und unnütze Fresser. Hewt wi fröher ok nicht hat, das ist so ihr Schnack. Wirst du noch erleben, Makker."

Und ob Siebel das erlebte.

„Kann ich mir vorstellen", schmunzelte Siebel, „früher, ja früher, da schien der Mond auch heller!" Nach einer Pause.

„Ach, so schlimm kann das gar nicht werden, schließlich leben wir doch im Zwanzigsten Jahrhundert."

„Du wirst Dich wundern. Ich kenne die Küstenschifffahrt, ich bin dabei groß geworden. Ich kenne die Eigner, und auch das Klavier, das sie spielen. Sie sind sich fast alle gleich, ob aus Ostfriesland, von der Elbe oder Ems, wie von der Weser, von Brake oder Barssel."

Zwei Grog kamen angedampft.

Prost, prost.

„Hermann heiße ich, Hermann Ahlers."

„Siebel, Walter."

Schön. Schön.

Und sie nahmen weiter Maß.

Der Februar riss den Schnee in Fetzen vom Himmel, webte das Laken in den Straßen immer dicker.

Pause. „Zwei Grogs."

„Da war ich auf einem Kümo, ist noch gar nicht so lange her, da brauchtest du nicht so viel Zeug. Nur zwei Anzüge, einen Arbeitsanzug und einen Schlafanzug. Der Schlafanzug blieb lange sauber, der wurde geschont; Und dann die Winden an Deck. Das sage ich dir, wenn ein Auto acht Tage unter Wasser gestanden hat, in Salzwasser meine ich, und das Auto dann wieder wunderschön trocken ist und wenn du dann dem Auto ein halbes Jahr Zeit zum Rosten lässt, dann ist es gut, dann ist es erst richtig. Wenn man dieses Auto noch mal acht Tage untertaucht, in Salzwasser, wohlgemerkt, es wieder hoch holt, in die Sonne stellt, die Motorhaube öffnet, damit die liebe Sonne nun weiter Gutes tun kann und man wiederum ein halbes Jahr wartet, dann ja, dann sieht das Auto und seine Freundin, der Motor, genauso aus, so vergammelt, verrostet, verkommen, verdreckt, verschossen, verschlissen, verschissen wie die Ladewinden dieser schwarzen Galeere.

Das war ein Schiff, sage ich dir, und davon gibt es viele. Der Kapitän und Eigner, der war so schlau, der schiss im Schlaf und wunderte sich, dass er am nächsten Morgen ein Stück höher lag. Dann erst die Verpflegung, das Letzte, sage ich dir. Nach der Devise des Reeders: De Lüt nich mästen, nur von Hafen zu Hafen am Leben erhalten. Einmal gab es zum Frühstück Brotsuppe, graue Blasen standen in der Schüssel, das Brot von innen und außen grün wie ein Ententeich, das habe ich vorher gesehen. „Von Schimmel wird Penicillin gemacht, ist gesund“, sagte der Eigner brummig, „esst man zu. Blöde Quakerei.“

Dabei hatte doch niemand etwas gesagt. Wir schmeckten nur kurz von der Suppe und ließen sie dann stehen, nur der Alte aß seinen Teller leer.

„Schmeckt gut“, sagte der Alte höhnisch und wischte sich den Bart ab. Wir konnten schlecht sagen, dass die Suppe gut schmeckte, denn wir hatten ja keine gegessen, wir waren aber auch zu feige, zu sagen, warum wir die Suppe nicht gegessen haben. Nur der Jungmann ging zum Alten und beschwerte sich. Nahm ein paar grüne Klumpen, die er aus der Suppe gefischt hatte, legte sie auf einen Aschenbecher und präsentierte sie dem Alten. Wir schlugen die Augen nieder, schämten uns. Was machte der Alte? Zerstampfte mit den Füßen Aschenbecher und Klumpen, haute dem Jungmann eine runter und jagte ihn aus der Messe. Wir hatten die Augen noch gar nicht wieder aufgeschlagen.

Ach, davon kann ich dir stundenlang erzählen, und noch ganz andere Sachen. übrigens, wieso kommst du überhaupt darauf, dass ich von einem Fischdampfer komme?" fragte der Steuermann den Maschinisten.

„Na, Mensch, das sieht man doch und das riecht man tatsächlich. Das soll keine Beleidigung sein, verstehst du? Sind doch arme Schweine, diese Fischdampferleute."

„Ja, ich habe schon alles durch, alles, ich meine, was Schiffe anbetrifft ‑ und auch sonst noch allerhand."

„Bist du verheiratet?"

„Ich war es ‑ bin geschieden. Olle ist fremdgegangen. Erzähl' ich dir später mal."

Ein Taxi fuhr sie zur Stolten‑Werft. Ein junger Mann, ganz schönes kantiges Kreuz, passierte gerade mit zwei Koffern das Werfttor.

„SEI LEISE", Sagte Petra Heise, eine füllige Sex‑Bombe zu ihrem Begleiter, „mein Junge schläft, er braucht uns nicht zu hören."

Sie schlichen sich förmlich in die Wohnung und gingen sofort ins Schlafzimmer. Die Wohnung lag in der ersten Etage eines Reihenhauses. Eine Komfortwohnung mit allen Schikanen.

Petra verdiente in der Fischindustrie Cuxhavens ganz gut Mäuse. Nahm außerdem ihren Freiern einen Hunderter ab, für eine Nacht, versteht sich. Die Freier wechselten oft. Warum sollte sie das Geld nicht nehmen, umsonst ist der Tod. Es wurde den Freiern ja schließlich auch etwas geboten: Mit dem VW bis vor die Haustür. Am nächsten Morgen, meistens war es vier Uhr, wieder zurück nach Cuxhaven. Dann der Service in der Wohnung. Badezimmer, Schlafzimmer mit französischem Bett, der Kühlschrank und die Pille, das kostet alles Geld. Petra war keine Nutte in dem Sinne, bestimmt nicht. Eine fleißige Arbeiterin im Betrieb, aber auch eine fleißige Arbeiterin im Bett. Es ist nun mal so, alle Vergnügungen müssen bezahlt werden. Petra tat nichts umsonst, wer tut das heute wohl?

Sie brachte sich einen Mann mit, wenn sie es nötig hatte (beileibe nicht das Geld), und nötig hatte sie das oft. War doch in den besten Jahren und konnte auch etwas vorzeigen. Sie konnte eigentlich immer, aber war auch so weit vernünftig, dass sie ihre Kräfte rationierte.

So war doch alles nicht überbezahlt mit dem Hunderter. Benzin, Heizung, Bettwäsche und der Kühlschrank. Gewiss, das waren nur äußere Dinge, die aber ins Geld rissen und sie selbst, sie machte es im Bett doch gut und sie machte es nackt und kannte keine Hemmungen. Im Grunde kam ihr das alles zugute, weil sie auch etwas davon hatte, denn je mehr sie sich bewegte, umso mehr bewegte sich ihr Partner auch.

Ihr Sohn Peter konnte sich über mangelnde Geschenke wirklich nicht beklagen: Tonband, Transistor, Fotoapparat, nur das Beste und Markenware. Das musste erst einmal alles verdient werden. So konnte sie sich das leisten, Wohnung und Wagen sowieso. Ihr Sohn Peter, unehelich. Den hatte sie sich vor siebzehn oder achtzehn Jahren von einem Seemann, Kapitän war er angeblich, in Cuxhaven aufgeladen. Damals bewohnte sie ein Zimmer in Cuxhaven, dürftig und kalt und die Verpflegung war auch weit unter dem Nullpunkt. Nie hat sie wieder von dem Kapitän, dem Vater ihres Sohnes, gehört, denn es war eine wilde Zeit. Sie wusste seinen Namen nicht und auch den Namen des Schiffes nicht. Nur von den drei Pfund Bohnenkaffee, davon wusste sie.

Drei Pfund Bohnenkaffee sind ja ein bisschen wenig, dafür konnte man sich seinerzeit wohl mal langlegen, auch zweimal, auch dreimal, von dem Erlös konnte man aber kein Kind großziehen. Nun ja, geschafft hat sie es aber. Sturmfreie Eigentumswohnung hat sie. Unten im Haus die alten Leute sind taub und außerdem verschwiegen.

So hat sie sich heute Nacht mit ihrem VW und dem angelachten Bettpartner durch den Schnee gequält, schlecht und recht. Denn sie hatte wieder mal Lust und anständig getrunken. Spätschicht gehabt. Dann Geburtstag einer Kollegin. Bummel durch die Stadt.

Na ja, im „Schwarzen Walfisch" kam das eben so. Was er war, spielte ja schließlich keine Rolle und wie er war, das würde sie morgen früh sagen können. Vorerst war die Hauptsache, dass er ihr auf Anhieb gefiel.

Der Sohn, ja, der Sohn Peter, der machte ihr Sorgen. Oh, nicht so!

Sorgen, eben, dass er in der Wohnung war und sie nun angefreiert kam, das machte ihr Sorgen. Mutter bleibt doch Mutter, trotz der Gefühle für Männer. Kinder meinen ja, auch ältere Kinder noch, Mütter hätten einfach keine Gefühle, eben nur mütterliche. Dass es nicht so ist, wissen Kinder erst, wenn sie selbst Kinder haben. Auch Berufsnutten stricken für ihre Kinder Pullover.

Nun regnete es. Erst Schnee, dann Regen, wird ein schöner Matsch werden, oha. Das Prasseln auf dem Dach verstärkt sich, und es rüttelt und stöhnt in den Bäumen.

Die Nachttischlampe brannte. Nanu? Ein Telegramm!

– LEICHTMATROSE P. HEISE – ALTER FAEHRWEG 1 – ALTENWALDE – DIENSTANTRITT 1. FEBRUAR BREMERHAVEN STOLTEN-WERFT – KAPITAEN UND EIGNER FRIEDRICH FALLER –

1. Februar. 1. Februar? Der ist ja gleich, nee, der ist schon. Es ist doch ein Uhr. Ich bringe ihn morgen an Bord, habe ja Spätschicht, und wendet sich dem Manne zu.

SO SASS PETER HEISE im Wagen seiner Mutter. Auch Peter Heises Gedanken gingen voraus und zurück. All die Gedanken und Gelüste dieser telegrafisch an Bord gerufenen Männer schoben und konzentrierten sich, in das Brennglas SCHIFF, hin zum Licht.

Das Brennglas SCHIFF. Hier fallen die Strahlen rückwärts, zum Brennpunkt hin. Was würde ihn auf dem neuen Schiff wohl erwarten? Küstenmotorschiff. Wie würde der Ton sein, wie ist der Kapitän, was kriege ich für Makkers?

Nun war er Leichtmatrose und bisher auf großer Fahrt gewesen. Jetzt sollte er den kleinen Schiffsbetrieb kennenlernen. Soll ja alles nicht so astrein sein, und mit der Verpflegung soll es da auch böse hapern. Kurz um, er hatte sich vorgenommen, alles, was mit der Christlichen Seefahrt zusammenhängt, kennenzulernen. Tankerfahrt mit eingeschlossen Peter Heise nahm seinen Beruf ernst.

Er schielte nach seiner Mutter, die ja heute wieder böse verhauen aussah. Wohl wieder gesoffen und Puppen tanzen lassen. Sicher einen Kerl im Bett gehabt, das stand doch fest, müsste er seine Mutter nicht kenne Dass ihm der Lebenswandel seiner Mutter nicht recht war, das kann man wohl sagen. Ach, wenn er doch nur einen Vater gehabt hätte. Vater hatte er schon gehabt, sonst wäre er ja nicht auf der Welt. Aber, einen Vater, als Freund und Berater, der hat ihm gefehlt.

Da musste er an Herrn Wilmers denken, den ersten Offizier von M/S „FALKENBURG“, der war zu ihm wie ein Vater. Er hatte ihm auch den Rat gegeben, mal in die Küstenschifffahrt hineinzuriechen, da könne er noch viel lernen, in jeder Hinsicht. Ja, der Wilmers, der war ein Kerl und ein Seemann, viel gelernt bei ihm. Und wenn er auch nur Jungmann war, der Peter Heise. Schwergut auftakeln, das fixte er schon besser als mancher Matrose. Spleißen, Zierknoten anfertigen und alle anderen seemännischen Arbeiten brachte ihm der Erste bei.

Petra Heise rülpste laut. Angeekelt sah Peter seine Mutter an. Nee, zu Hause konnte er es einfach nicht mehr aushalten. War froh, dass er wieder ein Schiff hatte. Seine Mutter bildete sich vielleicht ein, er höre es nicht, wenn sie mit einem Kerl nach Hause kam. Was er nicht hörte, das sah er. Die schalen Reste in den Bier‑ und Schnapsgläsern und der Kühlschrank war gefleddert. Kalter stinkiger Zigarettenrauch kotzte ihn an. Hörte auch manchmal das Gestöhne und die gemeine Lache seiner Mutter, das Rauschen der Dusche im Badezimmer, das Gurgeln und Prusten. Gesehen hatte er allerdings noch keinen Mann, die bugsierte seine Mutter früh genug wieder aus der Wohnung, so viel Anstand hatte sie wohl noch. Ach, Scheiß, soll mir auch egal sein, nicht meine Sache; lass sie machen, was sie will. An andere Sachen denken, an erfreuliche, ist besser. Er wäre am liebsten mit der Bahn nach Bremerhaven gefahren, aber seine Mutter bestand darauf, dass sie ihn mit dem Wagen an Bord bringen wollte. Nur unter der Bedingung, und darauf bestand er, dass sie nicht mit an Bord ginge. Denn er schämte sich seiner Mutter, die mit ihren Augen die Männer auffraß und ihnen mit den Augen die Hose auszog.

Scheiß, an Erfreuliches denken ‑ ‑ ‑ an sein letztes Schiff, an den Vater Wilmers und an die Geschichte über die Ratten.

Im Vorschiff hausen die farbigen Heizer und Matrosen und in den Laderäumen die Ratten. Schöne fette, ausgewachsene Exemplare mit nackten, hässlichen Schwänzen und heimtückischen Augen. Made in India. In der Vermessungsluke traten sie in Scharen auf. Nachts konnte man ihr helles, schneidendes, schrilles Pfeifen hören. Mit Schaudern, ja, mit Angst, ging er immer an dieser Luke vorbei. Nur gut, dass die Luke abgedeckt war. Von Kind an fürchtete er sich vor diesen grauen Biestern, hatte einen unüberwindlichen Ekel vor ihnen.

Fiete, der alte, und Waldemar, der junge Matrose, und er gingen die Wache beim ersten Offizier Wilmers. Sie schipperten durch den Indischen Ozean. Waren auf Heimreise, zwei Tage von Kalkutta entfernt. Schön warm war es. Kopra und stinkende ungegerbte Felle geladen. Mit den Fellen waren noch mehr Ratten an Bord gekommen. Fiete oder Waldemar, jedenfalls einer von den Beiden, musste dem Ersten erzählt haben, dass der Jungmann Peter eine Scheißensangst vor Ratten hätte. Eines Tages jedenfalls, Peter Heise ging gerade seinen Rudertörn, brachte der Erste das Gespräch auf Ratten. Der Jungmann zuckte am Ruderrad zusammen, aber er sagte nichts, und auch nicht, dass er einen unheimlichen Bammel vor den Viechern hatte. So erzählte der Erste, dass in seinem Heimatort, irgendwo in Ostfriesland, Ratten einen Säugling halb aufgefressen, Schweinen die Ohren und Schwänze abgenagt, sich in die Schnauze eines Hundes verbissen hätten. Seinem Nachbarn wäre eine Ratte im Hosenbein hochgeentert, am Bauch und Sack wären für alle Zeit die Bissnarben der Ratte zu besichtigen gewesen. Weiter erzählte der Erste, blumen‑ und einfallsreich von einer chinesischen Foltermethode: Man band einem Gefangenen einen Drahtkäfig auf den Rücken, die körpernahe Seite ohne Gitter. In diesem Käfig kreiste eine hungrige Ratte. Wann sind Ratten nicht hungrig? Nach kurzen Rollings fing der kleine zarte Nager an zu knabbern, nicht etwa an den Gitterstäben, führwahr nicht, sondern der nackte Rücken des armen Deubels wurde benagt und belöchert. Soll zu Beginn gar nicht so besonders schmerzhaft sein (ja, blumenreich war Wilmers Sprache). Hatte die Ratte nun nach einer gewissen Zeit einen anständigen Fleischbatzen aus dem Rücken des Gefangenen herausgemampft, so bis auf Rücken und Wirbelsäule, dann war sie voll und glatt und prall. Warf sich auf den Rücken und auf den Boden des Käfigs, schlief und verdaute. Stets ein reichlich gedeckter Tisch, kann man wohl sagen. Nun wurde der Gefangene auch mit den erlesensten Leckerbissen verpflegt. Mann und Ratte sollten ja noch eine Zeit lang am Leben bleiben, das war ja schließlich der Sinn der Sache. Sollten eben so lange leben, bis die Ratte zur Lunge vorstieß, sie benagte und sich dann langsam zum Herzen vorarbeitete.

„Dann ist wohl Feierabend", meinte der Erste, und tastete mit den Augen den Horizont ab.

„Pfui Teufel", sagte Peter Heise, „das ist ja schauderhaft." Das rutscht ihm so raus, und „hui verdammt", hinterher.

Ansonsten würde er dem Ersten seine Angst vor Ratten nicht eingestehen. Im Gegenteil, er zwang und rang sich ein gequältes Lachen ab. Wie man sich nur vor so kleinen Dingern fürchten könne, mit einem Fußtritt würde man sie doch verscheuchen. Außerdem seien das alles Ammemärchen, von wegen Kinder fressen, Ohren und Schwänze von Schweinen anknabbern, erwachsene Menschen angreifen. Nee, nee, einen Jungmann der Christlichen Seefahrt verarschen und auf die Schippe nehmen, für dumm verkaufen, dazu gehört was. Dabei glaubte er dem Ersten jedes Wort. So lobte der Erste auch seines Jungmannes Mut bis weit über den grünen Klee, sprach von der Kraft und der Vitalität, der Furchtlosigkeit der heutigen seefahrenden Jugend, das ja fast an Heldentum grenze. Ja, ja, so hätte er seinen Jungmann auch eingeschätzt, so und nicht anders. Keine Memme, kein Feigling, kein Weib. Kernig, einfach. Klasse! Und dem Jungmann Peter Heise schwoll der Kamm, ihm hob sich die Brust und fester umklammerten seine Hände das Steuerrad. Aus berufenem Munde so ein Lob, das war noch was, verdammt! Wie billig kam er doch dazu, obwohl ihm das Herz bibberte und der Kupferbolzen schon sooo'n Stück in die Hose reichte. Das konnte der Erste nicht ahnen.

„Übrigens", meinte der Erste vom Motorschiff „FALKENBURG“ so beiläufig weiter, (Heise sah sein hintergründiges Lächeln nicht), „Peter, du könntest ja morgen einmal eine Wache in der Vermessungsluke gehen. Wir lassen dich da runter und verschließen die Luke wieder. So wirst du Deinen Mut beweisen können. Ich halte nicht viel von jungen Leuten, die mit dem Maul so tapfer sind, so groß, so sicher. Das heißt, bei dir habe ich eigentlich keine Bedenken." Ob der Jungmann Peter wohl blass geworden ist? Ob wohl die Knie gezittert haben? Ob der Kupferbolzen wohl ein Stück weiter gerutscht ist?

Was sollte er bloß machen, schoss es ihm jäh durch den Kopf. Beim Ersten hast du bis weit in die Steinzeit zurück verschissen, wenn du jetzt auf weichen Käse schaltest. Nun musst du wohl oder übel durch, sonst sehe ich meine ganze seemännische Laufbahn in die Binsen gehen. Er führte in seiner Seele einen Kampf, der in Sekundenschnelle durchgestanden und entschieden war. „Phhhf, ‑ da ist doch nichts dabei, wirklich nicht, da unten in der Vermessungsluke eine Wache zu gehen. Lächerliche vier Stunden mache ich. Mache ich lieber, als vier Stunden am Ruder stehen und vor Ratten habe ich gar keine Angst!" Im Geiste sah er die Eisenleiter, die in die Vermessungsluke führt, darauf würde er für vier Stunden hocken bleiben. Die Ratten sollten sich nach ihm die Hälse ausrecken und sich Blutblasen laufen. Ihm war nicht bekannt, dass Ratten Eisenleitern erklimmen können.

In der Matrosenmesse gab es nur ein Gespräch, die Ratten. Heise war drauf und dran, zum Ersten rauf zu gehen und die Sache aufzugeben, denn was er in der Mannschaftsmesse über und von den Ratten für Gräuelgeschichten hörte, daran gemessen, hatte Daniel in der Löwengrube ein fröhliches Wochenende verbracht. Aber all hands lobten seinen Mumm, seinen Mut und seine Courage. Nein, seine Makkers durfte und konnte er auf keinen Fall enttäuschen und wenn er dafür vor die Hunde, nein, vor die Ratten gehen sollte. Vorsorglich legte er sein Bordmesser zurecht, stellte die Seestiefel greifbar. Vorher aber kam noch eine Nacht, und was für eine Nacht. Teils schlaflos, teils schrecklich traumvoll. Zwanzig Minuten vor Vier weckte ihn die Zwölf‑bis‑vier‑Wache.

Mit trüben Augen lag er da. Wie verfluchte er seine Angeberei: „Wenn alles gut geht, lieber Gott, immer will ich bescheiden sein, nie mehr sagen, als ich mir zutraue. Lass mich heil von da unten wiederkommen, lieber Gott. Amen!"

Wie ein zum Tode Verurteilter, aber mit unten abgebundenen Hosen, in Seestiefeln, umgegürtetem Bordmesser, ging er an Deck und stierte in das finstere Loch der Vermessungsluke.

Pfeift es nicht schon? Noch einmal sah er auf die Weite des Indischen Ozeans. Im Osten machte sich schon die Sonne bereit zum Aufstehen.

An den Aufbauten empor, zur Brücke hoch, ging sein flehender Blick ‑ ‑ ‑ sollte der Erste mich doch noch zurückrufen? Er sah aber die weiße Mütze des Ersten nicht.

Nahm Abschied von den grinsenden Wachmakkers und nun Glück auf! Immer kleiner wurde der Spalt, der ihm den Himmel noch zeigte und dann hörte er das dumpfe Klopfen ‑ ‑ jetzt schließen sie die Luke.

Er war allein und saß auf der obersten Sprosse der Leiter. Von Gott und von der Welt verlassen. Nichts, kein Rascheln und kein Pfeifen da unten. Oder doch? Werden wohl da unten warten, die Ratten und den Braten schon riechen. Verdammte Scheiße, der rechte Arm wurde langsam lahm. Er umklammerte jetzt die Sprosse mit der Hand. Ja, so geht es besser. Ein Bein steckte er durch die Sprossen, Kräfte schonen. Vier Stunden ist eine lange Zeit für einen Ängstlichen. So sehr lange konnte er sich mit der Rechten nun auch nicht halten und wechselte zur Linken. So abwechseln, Beuge, Hand, wieder Beuge, wieder Hand. Nein, und an Ratten wollte er nicht mehr denken. Rechnete sich seine Heuer aus. 125,‑ DM bekomme ich in Hamburg noch ausbezahlt, mit Überstunden, dann kaufe ich mir einen Anzug, das steht fest. Schuhe brauchte er eigentlich auch. Jetzt mal wieder wechseln. Scheißdreck, ich kriege bald einen Krampf. Schlips muss wohl auch noch her. Hoffentlich langt das Geld.

Halt, was war das? Raschelt da nichts, sprang da nicht was an der Leiter hoch?

Heise lauschte angestrengt. Nein, nichts. Nur das ferne Gestampfe der Maschine drang zu ihm. Er konnte sich kaum noch halten. Wie viel Zeit ist wohl schon vergangen, eine Stunde, vielleicht zwei? Sollte wirklich schon die Hälfte der Wache vorbei sein? Mit seinen Kräften war er am Ende, er musste nach unten und tastete sich abwärts. Das Eisendeck unter seinen Füßen zitterte. Ratten sah er nicht, aber die Ratten sahen ihn sicher, Ratten können im Dunkeln sehen. Er hielt sich an der Leiter noch fest, sollten die Biester angreifen, zack, zack, wäre er wieder oben. Nun konnte er sich ein bisschen erholen. Aber warum geschieht denn nichts? Dieses Warten, dieses verfluchte. Heranschleichende Gefahr ist ja schlimmer, als der Kampf selbst. Nun wedelte er mit dem rechten Bein im Dunkeln und in der Gegend herum, um mal eine Ratte zu treffen. Kam direkt in Wut, was wollt ihr denn eigentlich, ihr so klein und ich so groß. Da, ‑ ‑ ‑ etwas Weiches. Nix wie hoch, aber nur ein paar Stufen. Verpusten, nachdenken, Courage atmen. Und wieder runter. Noch ein Beinangriff. Wieder was Weiches. ‑ ‑ ‑ Noch immer weich. Mensch, was ist das bloß? Hingetreten, daraufgetreten, ach, ein Ballen Sacktuch. Stoßseufzer der Erleichterung. Nun fing Heise an zu singen.

Mit Singen soll man sogar Löwen verjagen können. Alle Lieder, die er kannte, sang er. Auch das erschöpfte sich, wurde ebenfalls langweilig. Da war es doch wirklich auf der Back als Ausguckmann angenehmer. Allstündlich kam von der Brücke ein helles Glasen ‑ ping, ping ‑ ping, ping und er antwortete mit der Glocke auf der Back ‑ pong, pong ‑ pong, pong. Dann war es sechs Uhr. Und die Sonne sah er aufgehen, ganz langsam schob sie sich aus dem Wasser, blutrot. Tastend kamen auch ihre Strahlen und verjagten die letzten schmutzigen Reste der Nacht. So blau wurde der Himmel und so blau wurde der Indische Ozean. Schwarzgrau glänzten die Rücken der Schweinsfische. Silbern flimmerte ein Schwarm fliegender Fische.

Aber hier unten ist es fürchterlich. Ein paar zögernde Schritte im Dunkeln wagte er nun doch, griff aber immer wieder nach der Leiter. Jetzt sagte er Gedichte auf, laut und mit Betonung, so gut hatte er es in der Schule nicht gekonnt. Auch das endete einmal. Und so fing er an zu wandern, tastend erst, zehn Schritte hin und zehn Schritte zurück, dann schneller und forscher, bis er den Weg kannte. Ganz, ganz langsam wurde Peter Heise müde. Ratten?

Kein Schwanz rührte sich. Seine Großmutter hatte ihm als Kind noch Märchen erzählt, unter anderem von einem Mann, der auszog, um das Fürchten zu lernen.

Der Mann hatte es aber mit den Katzen.

Heise wagte sich ein wenig auf das Sacktuch zu setzen, nur eben einen Augenblick setzen ‑ es war doch so schön knuffig warm hier unten, hier unten ‑ hier unten!

Ein Zerren an seiner Schulter ‑ jetzt, jetzt sind sie da, jetzt fressen sie dich. Heise griff sich an die Ohren und erwischte die Hand des Matrosen Waldemar: „Komm hoch, Mensch, unsere Wache ist rum!" Von seinem Mut wurde viel gesprochen, und dass er mitten unter Ratten geschlafen hätte.

JETZT IST DER Regen wieder in ein dichtes Schneetreiben übergegangen. Schlackerschnee. Petra Heise geht mit der Fahrt runter und taste sich durch die Dörfer. Was tun eigentlich diese verdammten Trecker an einer Hauptstraße? Zum Kotzen ist das! „Ich werde doch noch eben mit an Bord gehen, Peter!" so sagte sie, „vielleicht kriege ich noch eine Tasse Kaffee!" „Das wirst du nicht tun, Mutter. Eine Tasse Kaffee kannst du auch sonst wo trinken. Ich nehme dich nicht mit an Bord, hörst du?" „Warum denn nicht?" fragte sie spitz, und fummelte sich nervös eine Zigarette aus dem Handschuhfach. Peter gab ihr Feuer. „Weil ich mich deiner schäme, damit du es weißt, Mutter." „Ach, nee, mein Sohn schämt sich, schämt sich seiner Mutter, das ist ein dolles Stück. Du bist ja gut. Aber schämen tust du dich des Tonbandes und der Leica nicht. Nein, das tust du nicht, mein lieber Sohn! „Ist ja gut, ist ja gut. Ich habe dich nicht darum gebeten. Du wolltest doch nur mit den Geschenken etwas verdecken, zudecken. Meinst du, ich weiß das nicht? Aber wir wollen uns nicht weiter streiten, Mutter. Du führst dein Leben und ich das meine, wollen wir es dabei belassen. An Bord gehst du jedenfalls nicht mit mir." „Ja, ja, ist in Ordnung, mein lieber Sohn", sagte Petra Heise aufgebracht

Um neun Uhr morgens stand Peter Heise mit seinem Gepäck vor der Schiffswerft Stolte und nahm kurz von seiner Mutter Abschied. Was man so Abschied nennt. Petra kannte den Trotzkopf ihres Sohnes, seinen unbeugsamen Willen, so war er schon als Kind gewesen. Jetzt nach fast drei Jahren Seefahrtszeit war er noch viel eigenwilliger und selbstsichere geworden. Die Seefahrt hatte ihn zum Mann werden lassen. Wütend startete sie, riss den Wagen herum, sah im Rückspiegel ihren Sohn, das Gepäck und das Werfttor. Peter hob zum Abschied nicht einmal die Hand. Was man so Abschied nennt. Er passierte mit seinen beiden Koffern das Werfttor.

EIN STÜCK VOM Fenster entfernt, aus der Sicht ihrer Fensterecke, fegt sie ein Abendbild auf: schwarz, schön, in klarer Ordnung, hartkonturig, stehen Häuser und Bäume. Eigentlich hätte sie das schon immer sehen müssen, vielleicht sah sie es ja auch immer, nur nicht bewusst. Denn heute war sie seit Jahren wieder allein. Allein, für wie lange Zeit wohl?

Im kalten, hellblauen Leuchten, das unter dem Himmel liegt, aus dem Kraftwerk des Himmels und der Sterne, stehen die Bäume. Die Stadt fängt das hellblaue Leuchten des Himmels der Sterne auf, mischt sich mit dem anderen Licht und hängt als riesige Glocke über dem Abend. Nun sitzt sie ganz nah am Fenster und das Bild ist ganz anders. So ist es auch wohl mit allen Geschehnissen, mit allem Erleben, die unsere Augen und unser Inneres aufnehmen, das Nahe sieht anders aus, als das Entfernte.

In die Dunkelheit gerissene Lichtstreifen.

Springende Winterzweige aus Eckverstecken.

Schatten, die näher kommen und sich wieder zurückziehen.

Verschlagene Laternen schlagen gelbes Licht aus.

Unter den Laternen zittern Lichtnebel, blau, weiß.

Alles hat Berührungspunkte, das Nahe und das Entfernte, genau wie hell und dunkel.

Sie hatte ihn zur Bahn gebracht. Mit dem Nachtzug fuhr er in den Norden Deutschlands, ganz in den Norden, bis an die See. Weiß lichterte der Schein der Straßenlampe über seine Gestalt, ehe sie der frostkalte Mantel des Abends umhüllte. Sie ging wieder zurück in ihre kleine Welt, aber die Gedanken um ihn schwanden nicht. In seinem Schlafanzug, der noch etwas von ihm ausstrahlte, vergrub sie ihr Gesicht und ihre Gedanken. Und die Gedanken warfen einen Teil ihrer Einsamkeit aus dem Fenster.

Schmerzglitzernd lag der Wintermond auf funkelnden Dächern. Sie zündete eine Kerze an und die Stunde trug innerlich froh machende Fülle.

Sie war reich! Am reichsten aber war sie durch sein Gesicht, das Gesicht in den letzten Tagen vor seinem Abschied. Immer verwandelte sich sein Gesicht, es war so jungenhaft, so froh, so glücklich, jetzt, wo er wieder zur See gehen musste und wohl auch wieder wollte.

Der Sand des Zeitglases rieselte durch ihre Erinnerungen. Alle Stunden waren schön, und ihr war es immer, als lebte sie wie unter Frühlingsblüten. Von draußen wollten sie wohl manchmal Sturm und Frost bedrohen, aber keine Blüte und kein Blatt wurde beschädigt. Liebe und Kameradschaft waren das Mauerwerk. Nicht ein wildes Tier kam in das Gehege.

Immer fanden sie ein paar Stunden täglich zur Zweisamkeit, trotz des Geschäftes, das sie voll in Anspruch nahm. Nun, es war nicht allzu viel, was die Speisewirtschaft an der Straße einbrachte, aber sie lebten. Lebten gut, und Kinder hatten sie nicht. Seine Küche war bekannt, bei Fernfahrern und Vertretern und sonstigen Autofahrern, die den Ort passierten. Er brauchte nicht mehr zur See zu fahren.

Aber jetzt?

Nur fünfzig Meter vor ihrem Hause, direkt vor der Nase sozusagen, nahm jetzt die neue Autobahn ihren Weg und legte damit die alte Straße tot, würgte sie ab. Würgte damit auch die kleine Speisewirtschaft ab. Auf‑ und Abfahrt drei Kilometer nördlich. So schrieb Hans Wirt nach. Hamburg. Heuerbüro. Er suche eine Stelle als Vollkoch. Sei schon zur See gefahren und habe einwandfreie Zeugnisse. Telegrafisch wurde ihm Bescheid gegeben, dass er sofort auf dem Küstenmotorschiff „TINA THERESA“ einsteigen könne. Der Koch Hans Wirt hatte nun ein Schiff, somit einen Arbeitsplatz und auch noch eine Frau. Nun wird alles anders; Hans Wirt, du wirst dich wundern und deine Frau auch. Sie kennt die Trennung nicht und du kennst sie auch nicht. Als du damals zur See fuhrst, ja, da warst du noch Einzelgänger, aber seit Jahren bist du Doppelgänger. Und jetzt bist du wieder Einzelgänger, Hans Wirt, ebenfalls deine Frau. Wirst schon sehen, Hans Wirt, was dabei herauskommt.

Immer, wenn die künstlichen Lichter im Lokal gelöscht waren, die künstlichen Schreie der Musikbox zugeknöpft, die letzten Fahrzeuge ihr Schlusslicht zeigten, und somit die lauten Bestände des Tages abgebaut waren, bauten sie am Bestand ihres wirklichen Lebens weiter. Mit ihren Werktagskleidern warfen sie den Werktag von sich und belebten sich mit einem Bad. Ihre Abendunterhaltung war keine technische, keine elektrische Unterhaltung. Keine künstliche Kunst und kein künstliches Licht. Es waren Bücher, es waren Gespräche. Geboren, getrieben, gewachsen aus ihren Gedanken, die der Tag, die Menschen, die Ereignisse in sie eingerillt, eingepresst, wie in eine Matrize. Bei Kerzenlicht, dessen flackernde Flamme die Brücke ihrer Gespräche beleuchtete.

Kunstlicht, stur, stupide, starr und stehend.

Naturlicht, leise, lebend, auslotend, schwingend auf und ab, wandernd, wandernd in die Zärtlichkeit.

Kerze brannte. Flamme kreiste im Raum und auf Körpern. Berührung herrscht das Blut an. Sein Blut, das Komma seines Geschlechts.

So angeherrscht wird es zum Ausrufzeichen, zum Rufzeichen.

So gerufen, so geantwortet.

So gefordert, so verlangt.

So gegeben, so genommen und zurückgegeben.

Wer gibt? Wer nimmt?

Wer nimmt? Wer gibt?

Mund an Mund. Mund in Mund! Körper an Körper. Körper in Körper!

Ja, Hans Wirt, du wirst dich wundern, vielleicht kotzt du auch. Denn du kennst die Seefahrt nicht wieder.

CHRISTINE REICHEL LAG schon lange wach und sah in das Neonlicht der Straßenlampen.

Christine Reichel wanderte ihren Gedanken nach.

Nun war es wieder so weit. Drei Monate war ihr Mann bei ihr gewesen. Drei Monate Seemannsehe an Land, immerhin, in diesen drei Monaten waren ihre körperlichen Bedürfnisse erfüllt worden, voll erfüllt worden, wenn es auch zum Großteil ihrem aktiven Verhalten im Bett zuzuschreiben war. So hatte sie ihren Mann zu einem guten Liebhaber erzogen, denn sie kam ja sozusagen vom Fach, oder besser, vom Halbfach.

Nun sollte alles für lange Zeit, für Monate, nicht mehr sein. Der Schiffsneubau TINA THERESA, der hier in Bremerhaven seiner Fertigstellung . entgegen ging, würde in den nächsten Tagen auslaufen. Ihr Mann, als Erster Steuermann, hatte drei Monate die Bauaufsicht geführt.

Sonnabends wurde auf der Werft nicht gearbeitet, aber Jürgen Reichel fuhr doch morgens zur Werft, krabbelte allein durch den Neubau, machte sich Notizen über Änderungen, Veränderungen, unsaubere Arbeit, Fluserei und Pfusch, über die er dann am Montag mit den Ingenieuren der Stoltenwerft verhandelte und sie richtig stellte.

Zum Mittagessen war er wieder zu Hause und sie lebten und verlebten das Wochenende wie eine normale Familie an Land.

Das war nun zu Ende. Für Christine Reichel unvorstellbar. Ohne Mann? Die Hauptsache in ihrem Leben war nun einmal der Mann, die körperliche Liebe, der Sex. Nun sollte sie wieder ohne Mann sein. Aber im Unterbewusstsein ahnte sie, dass es doch wohl nicht so sein würde. Christine Reichel war eine Frau, die zu jeder Zeit, ja, zu jeder Stunde, zu einem Verkehr bereit war und das jetzt auch weidlich auskostete. Tja, was nun wohl wird? Wo Jürgen monatelang auf See ist. Heute soll die Besatzung an Bord sein und morgen oder übermorgen beginnt die Reise. Wann das Schiff je wieder einen deutschen Hafen anlaufen würde, das war ungewiss.

Ihr grauste vor dem Alleinsein. Sie kannte niemanden hier in dieser Stadt. Verwandte hatte sie nicht. Ihre Mutter war kurz nach ihrer Scheidung gestorben. Vater lebte in Dortmund und war wieder verheiratet. Kontakt hatte sie mit ihm nicht mehr. Wozu auch?

DER MORGEN IST kalt. Eisstollenglasig. Vorüberhetzendes Autogebrumme, zieleilig, zu Zielen eilend.

Unter traurig verhangenem Mondgesicht erstarrt die durch Neonlichtperlen verunstaltete Straße. Kalte Lampen befingern die Straße, entkleiden sie, nackt und frierend läuft sie in den Schatten.

Christine Reichel machte sich Gedanken, aber jetzt gingen sie nur ein paar Zentimeter, wanderten, krochen zu ihrem Mann, der neben ihr lag und noch schlief.

Dass sie ihn nun liebte, nein oder ja? Liebe, Liebe, was das wohl ist? Gut, sie hatte sich an ihn gewöhnt, und Gewohnheit ist viel, man kann fast sagen, Gewohnheit ist alles im Leben. Ihr Mann war verträglich, tolerant, gleichmäßig im Wesen wie im Charakter. Aber ohne Fantasie, auch in Liebesdingen ohne Fantasie. Sie weiß Gott nicht. Sie hatte ihren Mann im Bett erzogen und er sie in der Küche. So brachten sie eben beide ihre Mauersteine mit in die Ehe und auch ihr Handwerkszeug. Vier Jahre, ja, vier Jahre, Tochter Christine wird vier. Aber sind vier Jahre einer Seemannsehe auch tatsächlich vier Jahre? Nein, niemals, das sind vier Jahre auf dem Papier aber nicht in der Wirklichkeit. In einer Seemannsehe nicht.

Jetzt waren sie aber drei Monate zusammen gewesen. Gut, sie hatte ihn geheiratet, um aus dem Sumpf der Rickmersstraße herauszukommen, denn sie war schon auf der Rutsche, der Abwärtsrutsche. Er hatte sie geheiratet. Er sah ihren nackten Körper, wie alle Männer an diesem Abend oder an den vorhergehenden Abenden. Sie machte einen gewagten Striptease und mit dem Entkleiden war längst nicht alles getan. Von dem Bananenakt waren die Männer begeistert, und der war ihre eigene Erfindung. Soll man doch nicht sagen, dass Christine keine Fantasie hat. Sie grunzten vor Geilheit, die Männer, vor allem an den ersten Tischen. wenn sie sich die Banane in ihre Votze stieß und die Banane langsam, ganz langsam, mit ihren schlanken Fingern entkleidete, und das gelbweiße Fleisch sichtbar wurde. Das sah dann aus wie ein Blumenstempel und die gelbe Schale, gevierteilt, wie die Blütenblätter einer exotischen Blume. Man muss sagen, schlecht sah das nicht aus.

Im Hintergrund die tiefschwarzen Schamhaare, die gelben Blüten und der weiße Stempel. Schönheitsempfinden muss man schon haben, sicherlich. Nun war das noch nicht alles. Christines Fantasie reichte weiter, viel weiter. Mit schwingenden Hüften kam sie von ihrem Podest herunter, stieg auf einen Stuhl, dann auf einen Tisch und sagte zu den Männern: „Riecht mal dran ‑ ‑ ‑ aber nicht beißen, bitte!“ Und die Männer am Tisch richteten sich auf, einer nach dem anderen, und schnupperten an der Banane. Im Umkreis grunzten und pfiffen die Männer vor Geilheit und Begeisterung. Zu dem Tisch, wo am meisten gegeilt und gegrunzt wurde, dahin ging Christine. Stellte sich auch hier auf den Tisch und sagte:„Beiß mal ab, aber jeder nur ein kleines Stück. Jeder will doch mal!“ So haben die Männer mit ihren Zähnen, die aus dem Unterleib herausragende Banane zerkleinert. Stück für Stück abgebissen und dem letzten kitzelten die Schamhaare an der Nase. Stück für Stück. Um das letzte Stück stritten sich die Männer.

Das hatte sich Jürgen Reichel fast jeden Abend angesehen. Gegessen hatte er nicht von der Banane. Jürgen Reichel nicht, obwohl er allabendlich am Tisch der Mampfer saß. Und das fiel Christine auf. Sonst sah sie die Gesichter der Männer nicht, die an ihrer Banane herumknabberten, es waren doch nur Statisten ihrer Nummer, aber das Gesicht des Kostverächters, das sah sie. Und dieses Gesicht hat ihr die ganze Nummer versaut. So kann es kommen und so kam es auch, heute liegt das Bananengirl neben dem Kostverächter.

Nein, sie liebte ihn nicht. Liebe muss wohl etwas anderes sein, aber sie mag ihn, trotz seiner langweiligen Art.

Sein Reeder, Eigner und Kapitän, mag ihn noch lieber, denn er ist zuverlässig, ehrlich, nicht in der Gewerkschaft und ein guter Seemann. Ist umsichtig und noch Idealist. Schiffsinteresse und Idealismus, solche Männer sind für den Reeder Dukatenscheißer. Darüber ärgert Christine sich immer, Rechner müsste ihr Mann sein, Materialist, sein Schiffsinteresse und seinen Idealismus so teuer wie möglich verkaufen. Dann wäre der Profit nicht nur an dem einen Ufer, nicht nur am Ufer des Reeders. Jürgen Reichel verkaufte seine gute Arbeitskraft einfach zu billig, er ist praktisch mit de Schiff verheiratet. Eigentlich mehr als mit seiner Frau. Ob sich das nicht einmal rächt?

MOTORSCHIFF „TINA‑THERESA“, ein schöner Name für ein Schiff, ein schöner Name.

„TINA‑THERESA“, das Wort TINA und das Wort THERESA läuft wirklich weich über die Zunge. Man kann sagen, „TINA‑THERESA“ ist ein geschmeidiger Name.

Am Bug des Schiffes und an Backbord und Steuerbord, schmiegt der Name sich an, weiß, weich.

Am Heck wird der Name dem Schraubenwasser nachwinken und am Heck sagt er auch aus, wohin die Steuern und sonstigen Abgaben gehen ‑ ‑ ‑ und das ist für das Motorschiff „TINA‑THERESA“ der Hafen Elsfleth. In knapp drei Monaten, von der Kiellegung an, wurde das Schiff zusammengeschweißt, zusammengenietet, zusammengeklopft und ‑genagelt, geschraubt, gemalt, gemurkst und gepfuscht.

Da ist eine Maschine drin mit ihren Töchtern, den Hilfsmaschinen. Da ist eine Brücke drauf mit Selbststeueranlage, Radar, Decca, Wechselsprechanlage, UKW, Funkanlage und Echolot.

Da sind Kammern und in den Kammern sind Kojen, da sind Messen zum Essen, und eine Kombüse, um das Essen zu kochen.

Da sind Duschen, Toiletten, Gänge und Heizungskörper. Da sind Bänke und Stühle und Polstermöbel und Geschirr und Rettungsboote und Rettungsinseln. Das alles und noch viel, viel mehr.

Aber Edelholz ist nicht mehr, dafür Kunststoffwände, die jeden Laut schlucken, kalt, nüchtern schlucken und ihn kalt und nüchtern weitergeben in die nächste Kammer, in die übernächste Kammer. Der Mensch an Bord ist in diesen Kunststoffschachteln nicht mehr allein, und er will doch mal, er muss doch mal allein mit sich sein. Aber, verdammt noch mal, ein Schiff ist kein Sanatorium und keine Pflegestätte. Mit einem Schiff soll Geld verdient werden, da kommt es auch auf die Phone nicht an, die in diese Kunststoffschachteln eindringen, von nebenan, von eben nebenan, vom Gang her, von Oben und vom Maschinenraum her. „TINA‑THERESA“, mehrfaches Millionenobjekt, von dem knapp ein Viertel bezahlt ist.

Da liegt es vertäut an der Werftpier, das Schiff und wartet auf das Leben. Neunundsechzig Meter lang, elf Meter breit. Tiefgang dreimetersechzig. Zwei Rettungsinseln für je zehn Mann, damit kann man schon was retten.

Außerdem noch ein Rettungsboot, ein Boot zum Retten, gedacht für Seeleute, die noch mit einem Riemen umgehen können.

Ein Hauptmotor, Leistung eintausendvierhundert PS und drei Hilfsaggregate, und das wäre grob gesehen alles.

Vierhundertneunundneunzig Bruttoregistertonnen. Eine Tonne mehr, dann würde allerhand passieren und es würde vieles mehr sein.

Heuer mehr, Besatzung mehr, Steuern und Abgaben mehr. Gut gemacht hat man das mit dieser einen fehlenden Tonne, das Schiff eben s o vermessen, dass die Tonne einfach fehlt, fehlen muss. Dadurch werden die Kammern klein und die Gänge breit. Die Seeleute sagen:

„Wenn man in dieser Kammer Einen hoch hat, dann muss man das Bullauge aufmachen!"

Volkesstimme, Gottesstimme.

Frau Theresa hat das Schiff getauft und ihre Tochter Tina stand daneben. Der Reeder Friedrich Faller trug diesmal keine Pantoffeln, aber doch Hosenträger. Getauft mit einer Flasche Sekt vom Supermarkt, billigste Sorte ‑ ‑ erfüllt ja auch ihren Zweck. Frau Faller konnte noch werfen und traf auch. Da liegt das Schiff, getauft und gesegnet, Getauft mit einer Flasche Sekt, gesegnet von den Banken, die die Gelder gaben. Da liegt das Schiff, das zweieinhalb Millionen Objekt.

Ob sie nicht doch auf einem Vulkan tanzen, die Küstenschiffer?

Dass die noch schlafen können! Die Banken, oh, diese Banken ‑ ‑ ‑ ob die schlafen können?

ZEITUNGSNOTIZ AUS DEM Bremer WESER‑KURIER vom 21.03.19.. „Der 642 BRT große Küstenfrachter „E‑R" aus Leer, der seit Mittwoch am Weserbahnhof an der Kette liegt, ist am Sonnabend vom Kapitän, einem Sohn des Eigners, und den übrigen neun Besatzungsmitgliedern verlassen worden. Das Schiff ist im Auftrag der Deutschen Schifffahrtsbank durch das Bremer Amtsgericht gepfändet worden. Es geht um achtzigtausend DM, das ist ein Teilbetrag einer auf dem Schiff lastenden Hypothek. Inzwischen haben weitere Gläubiger ihre Forderungen gestellt. Neun Besatzungsmitglieder wollen über die Deutsche Angestelltengewerkschaft Forderungen zwischen sechzehntausend und achtzehntausend DM geltend machen. An Bord waren zuletzt außer dem Kapitän der Erste Steuermann, der erste Maschinist, der Zweite Maschinist, ferner ein Bootsmann, drei Matrosen, ein Jungmann und eine Köchin. Alle Besatzungsmitglieder geben an, sie hätten zuletzt für Monat November 19.. Heuer bekommen.

Das Schiff ist zehn Jahre alt und fuhr im vergangenen Jahr vorwiegend mit Holz und Kohle zwischen Finnland und England.

In den vergangenen Monaten ist das Schiff mehrfach festgehalten worden, weil Forderungen gegen den Eigner ‑ Reeder bestanden, u. a. hatte das Schiff in dem holländischen Hafen Ymoiden, in Emden, und zuletzt in Bremerhaven Auslaufverbot. Das Auslaufverbot in Bremerhaven wurde erst aufgehoben, nachdem der Eigner rückständige Sozialversicherungsbeiträge überwiesen hatte. Die Besatzung weigerte sich dennoch, die Fahrt ohne Heuer fortzusetzen.

I. Steuermann: „Uns wurde versprochen, in Bremen läge Geld bereit. Als wir in Bremen eintrafen, zeigte sich, dass diese Auskunft nicht stimmte." Mehrere Leute hatten am Sonnabend nicht so viel Geld, um die Heimfahrt zu ihren Familien selbst bezahlen zu können. Harte Kritik übte die Mannschaft auch an den sanitären Zuständen auf dem Schiff. Die Toilette war nicht mehr zu benutzen, die Heizungen im Logis waren ebenfalls ausgefallen, so dass die Leute im Funkraum und in der Messe auf Bänken schlafen mussten. Vor einigen Wochen musste die Besatzung in England 1.100,‑ DM für 8 Tonnen Brennstoff selbst auslegen, damit das Schiff die Reise nach Dänemark fortsetzen konnte. Das zweite Schiff des Reeders ist am Dienstag verkauft worden.

DER SCHNEE MATSCHT im Werftgelände. Von den graudunklen Montagehallen tropft es nass. Spinnig steckt der Helgen sein Skelett in den fahlen Februarmorgen.

Von der Weser her weht Tauwetter und manchmal der Schrei eines Schiffes. Möwengeschrei.

Werftarbeiter frieren. Es ist stinkigkalt.

Aus den Latrinen dollelt Rauch und Gestank.

Der uniformierte Portier am Tor heizt seinen Eisenofen. Er hat nur einen Arm. Stalingrad.

Die Werftpier ist aus Holz und nass und glatt und blank

Frisch sind die Farben des Küstenmotorschiffes „TINA‑THERESA“.

Grau der Rumpf, weiß die Aufbauten, braun die Masten und Kräne.

Der alte Faller sitzt in seinem neuen Salon, im Sessel sitzt er und schnippt mit den Hosenträgern. Selbstgefällig sitzt er da und sein Habichtsgesicht tastet die Herren von der Werft ab. Da ist der Schiffsbauingenieur mit seinem Meister, da ist der Maschinenbauingenieur mit seinem Meister, und da ist auch noch die Tochter Tina. Die letzten Dinge über die morgige Werftprobe und Abnahmefahrt des Schiffes werden besprochen. Geht ziemlich nüchtern zu. Sonst ist F.F. aber in seinem Element und in seinem Salon. Gutes Polster. Azurblau. Rundsofa. Zwei Sessel, tief gepolstert. Hoch und naturholzgetäfelt die Wände, hier noch Edelholz, ist ja auch der Salon. Zierlampen. Auf dem Fußboden Auslegeware, weich wie Waldmoos. Große Fenster mit Blick auf das Vorschiff. Teure Gardinen, das Beste.

Schreibtisch. Eine Schrankwand, bleiverglast. Und sonst alles tiefes, dunkles Edelholz. Die Tür geht ins Schlafzimmer. Doppelbett, Nachttisch und weißes Telefon, wieder eine Schrankwand. Nächste Tür, Waschraum mit Klo und Badewanne. Ja, ja, ganz komfortabel. Hier lässt es sich leben und fahren.

An der backbordschen Wand eingerahmter Taufspruch: „Sagt nicht, der Seemann sei ein Sünder, weil er nicht oft zur Kirche geht, ein offener Blick zum freien Himmel, ist besser als ein falsch Gebet!"

Das auf gehämmertem Büttenpapier, eingerahmt unter Glas, als Geschenk der Handels‑ und Schifffahrtsbank. Wirst immer daran erinnert, Friedrich Faller, an Gebet und Geld. Abgebrochener, zackiger Supermarktsektflaschenhals mit Korken, montiert auf dunkler Holzplatte. Erinnerung an den Taufakt. Also, Werftprobefahrt morgen, morgen früh.

„Haben Sie Ihre Besatzung schon an Bord, Herr Kapitän Faller?" fragte der Schiffsbauingenieur, „oder soll ich noch ein paar Mann von uns, von der Werft, mitschicken?"

„Tun Sie man, mien Lüd sind noch nicht alle dor!"

Was für eine Angabe „mien Lüd“, soll froh sein, dass überhaupt jemand kommt, denn Kümos und Eigner haben auf dem Heuerbüro und dem Arbeitsamt einen schlechten Geruch.

Die Werftleute gingen, längerer Aufenthalt lohnte sich auch nicht. Bei Friedrich Faller ist nicht viel zu holen. Wieso und warum soll ich denen was zu trinken anbieten, schließlich bin ich keine zu melkende Kuh und letzten Endes bin ich der Kunde. Außerdem gehen die Brüder dann gar nicht wieder weg. Vater und Tochter waren allein. Nur nicht lange, dann kamen tatsächlich die „Lüd“, kamen einzeln. Zuerst kam der Koch. Stand im Salon, musste schon stehen, Platz wurde ihm nicht geboten.

Gab sein Seefahrtsbuch und seine Steuerkarte ab und sagte, dass der Seuchenpass hinten im Seefahrtsbuch stecke.

Tina nahm alles in Empfang, notierte sich Heimatanschrift und fragte nach der Höhe der Heimatzahlung.

Faller sagte: „Koch, lassen Sie sich vom Ersten Steuermann alles zeigen. Der ist an Deck. Morgen früh ist Probefahrt, da wollen wir zu Mittag Erbsensuppe geben. Kommen allerhand Gäste. Sparen Sie man nicht mit Speck, Koch." Nach einer Pause: „Können Sie denn auch backen, Koch?" „Doch, kann ich wohl. Muss den Ofen erst kennen."

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