Kitabı oku: «Der Ruf des Nordens. Abenteuer und Heldentum der Nordpolfahrer»
H. H. Houben
Der Ruf des Nordens
Abenteuer und Heldentum der Nordpolfahrer
Saga
Nordpoldämmerung
Reisen — Entdecken — was ist es weiter als die große Sehnsucht des Menschen, hinter das Wesen aller Dinge zu schauen! Wir wissen nicht, woher wir kommen, wir wissen nicht, wohin wir gehen. Um so stärker der Drang, das zu kennen, was um uns ist und unsern wachsenden Kräften erreichbar scheint. Wir wollen das Endliche begreifen, um davon auf das Unendliche, das Unerforschliche, das ewige Geheimnis zu schließen.
Je höher die Intelligenz, die Kultur eines Volkes, desto unwiderstehlicher wird ihr die Anziehungskraft nie betretener Räume unseres Planeten. Ein weißer, unentdeckter Fleck auf der Landkarte verfolgt den Forscher in seine Träume und läßt ihm keine Ruhe, bis er eine Lösung des Rätsels versucht hat. Aber welche Schwierigkeiten stemmen sich der Verwirklichung solcher Pläne entgegen, besonders für uns Deutsche! Im Kessel Mitteleuropas eingepfercht, ringsum an allen Grenzen gebunden, ohne Freiheit nach den Weltmeeren, in jahrhundertelangen inneren Kämpfen erst zu einer Einheit zusammengeschweißt, mußten wir die Aufteilung der übrigen Welt andern Nationen überlassen, die schon durch ihre Lage am Rande des kleinsten aller fünf Erdteile den Blick von Kind auf in die Ferne richteten und die Küsten und Länder jenseits der großen Wasser als herrenloses Gut betrachteten, wo es nur galt, rechtzeitig seine Fahne aufzupflanzen. Wir kamen zu spät und sollten nur Gast sein auf der übrigen Erde — und nicht einmal gern gesehener. „Dem Tüchtigen freie Bahn!“ bleibt immer nur der Wahlspruch des — Tüchtigen. Aber wie der Gefangene die kahlen Wände seiner Zelle mit Bildern von der Welt da draußen schmückt, so lebt auch in uns nur um so stärker die Neigung, unbekannten Fernen nachzusinnen in Buch und Bild.
Von jeher haben den Bewohner der gemäßigten Zone zwei Weltgegenden besonders angelockt: die heißen Länder um den Äquator und das Reich des ewigen Eises an beiden Polen. Die Pole, gedachte Punkte, die durch nautische Instrumente errechnet werden, die Endpunkte einer mathematischen Linie, der die sich drehende Erde durchbohrenden Achse, diese märchenhaften Regionen, wo das Jahr nur einen Tag von sechs Monaten und nur eine ebenso lange Nacht zählt, haben die Phantasie der Menschheit am meisten beschäftigt; man erhoffte von dort ungeahnte Aufschlüsse über die Natur unsers Erdballs, und nirgends in der Welt war der Zugang mit größeren Gefahren und Entbehrungen verknüpft. War? — Er ist es noch heute, und das Wort des alten Griechen Äschylos: „Nichts ist gewaltiger als der Mensch“, wird da, wo die Natur gleichsam alle ihre Kräfte zusammenrafft, zuschanden. Nur ganz vereinzelten Sterblichen ist es bisher gelungen, durch die sich immer wandelnde, immer neu wachsende Barriere des ewigen Eises einen Durchschlupf zu finden und bis zu den Mittelpunkten der Polfestungen vorzudringen. Den Südpol erreichten Roald Amundsen und, einen Monat nach ihm, Robert Scott; der letztere mußte den schwer errungenen Sieg mit dem Leben bezahlen. In die unmittelbare Region des Nordpols gelangten bisher ebenfalls nur zwei wagemutige Männer: Robert Peary und Frederick Cook — zwei unter Tausenden, die im Lauf der Jahrhunderte den Kampf mit dem Nordpol aufnahmen, in diesem Kampfe blieben oder im glücklichen Fall als ruhmvoll Besiegte den Heimweg in die südliche Welt zurückfanden. Die ersten Pfade zu den Polen sind also gefunden, die undurchdringliche Finsternis weicht einer matten Dämmerung, aber die Rätsel des Pols sind damit nicht gelöst; die schmalen Nebelwege jener ersten Pioniere gaben kaum einen Ausblick auf diese geheimnisvolle Welt, die sich weit und breit in ungeheure Ferne dehnt.
Nicht immer war es am Nordpol so kalt und unwirtlich. Dieser Angelpunkt der Erde, der sich alle 24 Stunden einmal um sich selbst dreht, muß früher anderswo gelegen haben — vielleicht im östlichen Europa. Mit dieser vor Jahrmillionen erfolgten Umlagerung der Erde waren Wandlungen der Erdoberfläche, Katastrophen der Erdkruste verbunden, die aller menschlichen Vorstellungskraft spotten. Sie schufen die zerklüfteten Gebirge Europas und die norddeutsche Tiefebene mit ihrem Sandboden, der ehemals Meeresboden war. Die Spuren der Vergangenheit konnten sie dennoch nicht verwischen — sie setzten ihr vielmehr eine Art steinernen Denkmals. Die reichen Kohlenfelder auf Grönland und Spitzbergen, wo heute nur niedriges Krüppelholz und armselige Kriechweiden gedeihen, sind der unwiderlegliche Beweis dafür, daß auch der Nordpol seine „gute alte Zeit“ hatte, in der eine reiche, südliche Vegetation ihn überwucherte. Gewaltige Baumriesen schlossen sich mit üppigem Rankenwerk zu Urwäldern zusammen und gaben ungeheuren pflanzenfressenden Säugetieren überreiche Nahrung. Daher der berühmte steinerne Wald auf Grönland in einer von Gletschern umgebenen Bergschlucht am Waigatsund; versteinerte Stämme und Äste liegen da in chaotischen Massen, und das rostbraune, eisenhaltige Gestein ist ganz mit ausgezackten Blättern, gleich denen unserer Eichen, durchsetzt. Auf Nowaja Semlja und an den Nordküsten Sibiriens, in grauenhaft öden Moorgegenden, wo heute kaum das Renntier seine karge Nahrung hat, fanden sich, tief im Moor versunken, riesige Skelette vorsintflutlicher Tiere, Mammute und Nashörner. Das sogenannte fossile Elfenbein — ihre langen Stoßzähne — ist in der baumlosen Wüstenei dieser „Tundren“ derart häufig, daß es Hügel ausfüllt; das Suchen danach und der Handel damit ist das einträglichste Gewerbe der Samojeden und Tschuktschen. Solche riesigen, pflanzenfressenden Tiere, die zum Frühstück gewiß eine stattliche Baumkrone entlaubten, hätten nie in einer Eiswüste leben können; sie brauchten eine üppige Sumpfvegetation wie die der indischen Dschungeln. Auch muß die vernichtende Erdkatastrophe urplötzlich über die Bewohner dieses vorsintflutlichen Paradieses hereingebrochen sein; dafür sprechen jene Skeletthügel, die Grabmäler ganzer Tierherden, die in Todesangst zusammenliefen und gemeinsam untergingen. Aus dem Sumpfeis der sibirischen Flußmündungen hat man sogar Tiere gegraben, die noch mit Haut und Haaren bedeckt waren. Auch das sogenannte „Noahholz“, steinhartes Holz aus unvordenklicher Zeit, fischt man häufig an diesen Küsten. Vielleicht war die Sintflut, von der die Bibel berichtet, von der in verschiedenster Form die meisten Ursagen erzählen — auch die der Eskimos — der letzte Ausläufer jener elementaren Katastrophen unseres Erdballs.
Betrachten wir einmal den Globus, wie er heute aussieht, so finden wir um den gedachten Endpunkt der Erdachse ein Meer angedeutet, oder eigentlich nur einen leeren Fleck, aus dem rundum nach Süden hin gewaltige Inselmassen sich vorschieben. Diese zerfallen in vier Hauptgruppen: Grönland, die größte Insel der Welt — mindestens viermal so groß wie Deutschland! —, östlich davon die weitverstreuten Inselgruppen Spitzbergen und Franz-Joseph-Land; weiter östlich die russischen Inselgruppen Nowaja Semlja und Wrangel-Land, und schließlich, von letzteren weit entfernt und näher an Grönland, der nordamerikanische Inselarchipel. Aber noch sind längst nicht die letzten Inseln des Eismeeres entdeckt; noch harren viele der auf unserm Globus nur angedeuteten Grenzlinien zwischen Meer und Land ihrer Ergänzung und Berichtigung.
Bis in die neuere Zeit hinein nahm man an, um den Nordpol gruppiere sich ein Kontinent, eine Landmasse, und die Phantasie nicht zu ferner Jahrhunderte noch dachte sich dort ein Wunderland mit milderem Klima und märchenhafter, nirgend sonst auf Erden zu findender Pflanzenwelt; hinter undurchdringlichen Eismauern sollte eine selige Insel träumen mit seltsamen Gewächsen und fabelhaften Tieren. Wie nahe kamen sich auch hier Ahnung des Dichters und unvordenkliche Wirklichkeit! Heute weiß man, daß dort seit Jahrtausenden das Eis sich auftürmt in starrer Einsamkeit. Bläulich weiß und glitzernd dehnen sich unendliche Gefilde; nirgends organisches Leben, nur die Stürme heulen durch die dunkle, kalte Halbjahrsnacht. Dicke Nebel oder das Gewirr eisiger Schneeflocken erfüllen die Luft. Manchmal in klaren Nächten strahlt das überirdische Wunder des Nordlichts auf: weißgrünlich glitzernde Lichtschlangen zucken von Osten und Westen zum Zenit empor und verbinden sich zu einer hehren Lichtkrone, die lange Bänder phantastisch über das schwarze Himmelsgewölbe flattern läßt. Nur wenige Stunden dauert das Schauspiel; langsam verrinnen die Lichtquellen wieder und verlieren sich im dunkeln All. Dann wandeln wieder die Gestirne über der schwarzen Nacht; der Mond gleitet seine leuchtende Bahn von Osten nach Westen und wieder nach Osten, am Firmament kreisend, ohne unter dem Horizont zu verschwinden. Gespenstisch gießt er sein Silberlicht über Schneefelder und Eisberge. Ist aber der Himmel bedeckt, sind vom Nebel alle Gestirne ausgelöscht, dann begräbt grausige Finsternis, wie ein ungeheures Gewölbe, die erstarrte Welt. Dann heulen die rasenden Stürme — das berstende Eis donnert und kracht — und das gebrechliche Schifflein der Polfahrer knarrt und krümmt sich stöhnend zwischen den andrängenden Eisschollen. Wie sehnt man sich da nach der Sonne!
Und endlich wird es wieder Tag — je weiter vom Pol entfernt, desto früher im Jahr. Anfang Februar lugt auf Spitzbergen die Sonne um Mittag über den Rand des Horizonts. Bald steigt sie sieghaft empor, bis sie die Nacht völlig verdrängt, und auf ein halbes Jahr ist nun sie die unumschränkte Herrscherin. Sie glitzert und funkelt in Milliarden Eiskristallen. Um Mitternacht läuft ihre glührote Kugel am Horizont entlang, ohne zu verschwinden. Der Glanz des Gestirns und die bläuliche Weiße der Eis- und Schneegefilde sind fast unerträglich für das Menschenauge, und es sehnt sich wieder nach der Nacht, wie ehemals nach dem fernen Tag.
Grüne Flächen, wo das Auge ausruhen könnte, gibt es nur wenige auf der arktischen Inselwelt. Meist starrt auch hier alles von Eis und Schnee; steile, wildgezackte Klüfte und Bergkegel erheben sich hier und da; nur selten ein geschütztes Tal, dessen Sohle sich mit grünem Moos und saftigem Gras bedeckt, in dem sogar eine bescheidene Blumenflora um ihr Eintagsdasein ringt.
Dennoch ist die Tierwelt der Arktis sehr mannigfaltig. Die größten Säugetiere der Erde scheinen sich aus vorsintflutlicher Zeit dort hinübergerettet zu haben. In den sich plötzlich bildenden Spalten des Meereises tummelt sich der riesige Wal; der kleinere Finnwal kommt bis an Norwegens Küsten herunter. Der Narwal mit seinem mächtigen Stoßzahn jagt in der Meerestiefe. Das häßliche Walroß mit seinem bärtigen Gesicht, aus dem zwei gekrümmte, gelbliche Hauer nach unten ragen, sonnt sich auf dem Packeis und schnauft vor Behagen; es findet sich meist im Kreis einer großen Familie. Auf dem Neueis sammeln sich die Seehunde mit ihren Jungen, rekeln sich in der Sonne und kratzen sich mit der tölpischen Finne, der Vorderflosse, die Seiten. An ihre unbehilflichen Jungen pirscht sich der Eisbär heran, der König der Arktis. In ungeheuren Schwärmen ziehen Eidergänse, Möwen und Lummen zu den einsamsten Klippen der Inseln, um dort zu brüten, und der Polarfuchs holt sich die frischesten Eier aus den für kurze Pause verlassenen Nestern.
Diese eigenartige, grausame Schönheit der arktischen Natur hat ihre dämonische Anziehungskraft seit Jahrhunderten auf die Menschheit ausgeübt, und der trotzige Widerstand der Naturkraft hat den Ehrgeiz tollkühner Abenteurer und wissensdurstiger Forscher fast bis zur Leidenschaft erhitzt. Wieviel Menschenopfer wurden dem Moloch Nordpol gebracht! Wieviel Widerstandskraft und Geistesgegenwart, Mut und Entbehrungsfähigkeit steckte schon in den mittelalterlichen Draufgängern, die über den Nordpol hin den Weg zu den Goldländern China und Indien suchten. Und heute, im Zeitalter der Wissenschaft: welch eiserner Fleiß, wieviel Scharfsinn und Kenntnis, wieviel hartnäckige Selbsterziehung gehört dazu, um, nach dem großen Vorbild Fridtjof Nansens, das bloße Abenteuer oder die Sportleistung zu einer Kulturtat zu erheben, an deren Ergebnissen die Wissenschaft der ganzen Welt teilhat. Wahrlich, ein großer Teil menschlichen Heldentums hat die Polarregion zum Schauplatz, und von diesem Heldentum sollen die folgenden Blätter erzählen.
Das Ende der Welt
Wer war der erste Nordpolfahrer? Wer versuchte zum erstenmal, sich mit eigenen Augen vom „Ende der Welt“, an das man ehemals glaubte, zu überzeugen? Beide Fragen hängen aufs engste zusammen.
Die Kulturvölker des Altertums sahen sich mit der gespannten Aufmerksamkeit erster Entdecker in der Welt um; sie studierten ihre Nachbarn, Land und Volk, sie fragten, was hinter diesen wohne, und dann wieder dahinter nach Mitternacht, nach Norden. Die Irrfahrten des Helden Odysseus im 12. Jahrhundert v. Chr., die nicht über das Mittelländische Meer hinausgingen, lebten in Homers unsterblichen Gesängen fort und machten Schule; bald gab es eine Menge abenteuerlustiger Gesellen, die weit umherkamen und noch viel zahlreicherer Menschen „Städte gesehen und Sitte gelernt“ hatten; und wo ihre eigene Odyssee, ihr persönliches Erlebnis endete, wußten sie weitere Fragen vom Hörensagen zu beantworten und phantastisch auszuschmücken. Wahrheit und Dichtung verwuchs untrennbar ineinander. Griechenlands erster Geschichtschreiber, Herodot von Halikarnaß, erwähnt die Sage von den Hyperboräern, die über dem brausenden Boreas (dem Sturm) wohnen sollten; aber obwohl auch Homer davon erzählt, erscheint dem Historiker diese schon alte Tradition sehr verdächtig; ebenso die Sage von den Einäugigen, als deren Heimat ebenfalls der Norden galt. „Gibt es Menschen über dem Nordwind, so gibt es auch welche über dem Südwind“, erklärt Herodot; „es ist geradezu lächerlich,“ fügt er hinzu, „so oft man schon den Umkreis der Erde gezeichnet hat, noch keiner hat ihn mit rechtem Verstand dargestellt. Da malen sie den Ozean rings um die Erde fließend und die Erde kreisrund, wie mit dem Zirkel gezogen.“ Mit der alten Vorstellung von der festen Erdscheibe, die auf dem Okeanos, dem Meere, schwimme, konnte also auch er sich nicht mehr befreunden. Die Sage von den Hyperboräern, den „übernordischen Leuten“, erhielt sich aber trotz Herodot und lebte ein halbes Jahrtausend nach ihm bei den Römern wieder auf. Da oben im Norden sollte ein seliges Volk wohnen, dem die Sonne nur einmal auf- und untergehe und alle Früchte aufs schnellste reiften. In diesen alten Überlieferungen, deren Träger wir kaum ahnen können, steckt also immer ein Stück Wahrheit: man wußte damals schon von dem langen Tag und der ebenso langen Nacht im Norden.
Etwa 1000 Jahre v. Chr. kamen die Phönizier, das klassische Seefahrervolk des Altertums, schon hoch in den geheimnisvollen Norden hinauf; auf ihren ziemlich großen, kunstvoll gebauten und hochgeschnäbelten Ruderschiffen, die auch mit Mast und Segel versehen waren, gelangten sie bis zu den britischen Inseln. Dort erhandelten sie Zinn, und die hochentwickelte Kultur der Phönizier ist gewiß nicht ohne Einfluß auf die nordischen Barbaren, die keltischen Ureinwohner, geblieben. Auf den breiten Straßen der Flüsse drangen sie auch weit ins Innere Englands hinein.
Der erste indes, der eine regelrechte Entdeckungsfahrt nach dem Norden unternahm, war Pytheas aus Marsilia, dem heutigen Marseille. Er lebte zur Zeit Alexanders des Großen (4. Jahrhundert v. Chr.) und war, ebenso wie sein Zeitgenosse Aristoteles und andere, schon von der Kugelgestalt der Erde überzeugt. Wenn man Spitzen von Bergen, Türmen usw. aus der Ferne zuerst erblickte, mußte deren Grundlinie tiefer liegen als der Standpunkt des Beschauers. Diese Biegung der Erdoberfläche wollte er mit eigenen Augen beobachten und die „Steigung des Pols“ untersuchen. Pytheas war es, der zum erstenmal die „Sonnenhöhe“ eines Ortes feststellte, er ist jedenfalls auch der Erfinder der dazu nötigen nautischen Instrumente, ohne die — natürlich in ihrer unendlich vervollkommneten Gestalt — heute kein Schiff auch nur die kürzeste Seefahrt unternimmt. Seine Reise ins Blaue oder richtiger ins Dunkle hinein beschrieb er in einem Werk „Vom Ozean“, das nur in Bruchstücken erhalten ist; aber sie zeigen doch, mit welch geschultem, klarem Blick der alte Grieche die ihm so völlig neue Welt des Nordens mit ihrem Nebel, Schnee und Eis erfaßt hat. Ihm verdanken wir auch die erste geschichtliche Erwähnung der Germanen, von denen er Bernstein einhandelte.
Pytheas umschiffte zunächst das heutige Frankreich und kam zu den britischen Zinninseln. Er fand das Land feucht und eiskalt, doch schon ziemlich bevölkert. Darauf segelte er nach Island und Norwegen, berührte „wüste, dunkle Eilande“, die Orkney-Inseln, und kam nach den Shetlandinseln Foula und Unst, die er als das Land „Thule“ ausführlich beschreibt. Hier aber, angesichts der mit Eisschollen bedeckten dunklen Wasserwüste, glaubte er das Ende der Welt, das Ende alles festen Landes erreicht zu haben. Die keltischen Ureinwohner, die er da oben fand und mit denen er sich durch Dolmetscher zu verständigen wußte, versicherten ihm zwar, erst eine Tagereise jenseits Thules beginne das tote Meer, Marimarusa; damit meinten sie jedenfalls das ewige Eis. Für den Südländer, der kein Eis kannte, war aber schon das, was er hier sah, ein unheimlich seltsames Phänomen. Wo das Meer „dick geworden, geronnen“ sei, erklärte er, könne es kein Land mehr geben, auch kein Meer und keine Luft, sondern nur ein Gemisch von all diesem, so daß dort alles schwebe und niemand gehen oder fahren könne. Jedenfalls war er in dichten Nebel, Sturm und heftiges Schneegestöber geraten; dieses Toben der Elemente schien ihm alles Feste aufzulösen. Hier war daher für ihn das Ende der Welt, und weiter getraute er sich nicht. Auf der Rückfahrt kam er in die Nordsee, wahrscheinlich bis zur Elbmündung, und hier war es, wo er ein neues Volk kennenlernte, die Teutonen, unsere Vorfahren. Kehrte Pytheas auch auf halbem Wege um, so ist doch seine Entdeckungsreise die größte und bewundernswerteste des Altertums; kein Grieche oder Römer hat sich je so weit in den Norden vorgewagt.
Erst lange nach Christi Geburt kamen Nordpolfahrten aufs neue wieder auf. Die Irländer, die Bewohner der britischen Inseln, waren schon im 3. Jahrhundert Christen geworden, wenn auch der heilige Patrick, ein vom römischen Bischof ausgesandter Gallier, erst um 490 das dortige Bekehrungswerk vollendete. Die Kultur des Landes hatte sich dadurch früh gehoben. Die Klöster waren auch hier der Sitz der Gelehrsamkeit, und die irischen Mönche studierten mit Eifer die Schriften der Alten; einer dieser Mönche namens Dicuil sprach um 825 von der Kugelgestalt der Erde als einer feststehenden Tatsache. Er berichtet auch von den nördlichen Inseln, die man bei günstigem Wind in zwei Tagen und Nächten erreichen könne; seit lange schon wohnten dort fromme Eremiten, die von Schafzucht und Fischfang lebten, aber von den kriegerischen Normannen viel zu leiden hätten. Dicuil meint damit wohl die Inselgruppe der Faröer (Far = Schaf, Oe = Insel). Durch alte Ortsnamen wie „Papas“ oder „Papil“ ist die Anwesenheit solcher frommen Väter auf diesen Inseln sprachlich beglaubigt; auch auf Island lassen sich Spuren alter Eremitenbesiedelung nachweisen.
In der Erzählung Dicuils begegnen uns zum erstenmal die Normannen, die verwegenen Seefahrer des Nordens Ihre hochgebordeten Schiffe durchkreuzten auf Kriegs- und Beutefahrten furchtlos die Meere; Kompaß und dergleichen kannten sie nicht, aber sie beobachteten Wetter und Gestirne und gewannen dadurch so viel meteorologische Erfahrung, daß sie es wagen konnten, allen Launen der offenen See Trotz zu bieten. Suchten sie Land, dann ließen sie einen Raben in die Luft steigen, einen von Odins heiligen Vögeln, die sie an Bord hielten, und warteten, wohin er fliegen würde: dort war sicher Land — oft genug neues, ganz unbekanntes Land, wo reiche Beute winkte. Im 9. Jahrhundert waren die Wikingerzüge besonders häufig und für die ganze Umwelt eine gefährliche Plage. Zur Winterszeit saßen diese Räuberhorden auf der nordischen Halbinsel, in Schweden und Norwegen, als freie Männer in der Mitte ihres Weidelandes, jeder für sich ein König. Mit dem Christentum durfte man ihnen nicht kommen; schon daß sich in ihrer Gemeinschaft selbst aus den Geschlechtsältesten, die im Thing Recht sprachen, eine Art Königtum entwickelte, wurde der jüngeren Generation in ihrem unbändigen Freiheitsdrang unerträglich. Sie begann auszuwandern und in einer unbekannten Welt ihr Heil zu suchen. So kamen Normannenheere nach der Normandie, die noch heute ihren Namen trägt, dann zur spanischen und italienischen Halbinsel. Andere Scharen, die im Norden blieben, verjagten die heiligen Väter von den dortigen Inseln und setzten sich hier fest. Der Normanne Ottar segelte bis ins Weiße Meer und brachte die erste Kunde von den Lappländern heim. Der Seeräuber Floki geriet nach Island, dem Eisland. Andere, die sich dem heimatlichen Regiment nicht beugen wollten, wurden auf ihren Schiffen nach den nordamerikanischen Inseln und nach Labrador verschlagen und entdeckten Amerika ein paar Jahrhunderte vor Kolumbus. Die nordischen Sagas und die Edda sind voll von diesen Heldentaten der Wikinger, die nichts weiter als verwegene Banditen waren, aber immerhin das „Ende der Welt“ schon um ein gut Stück weiter steckten als der alte Grieche Pytheas.
Die erste deutsche Polfahrt
Mittelalterliche Reisebeschreibungen erzählen von den Ländern und Meeren des Nordens märchenhafte Geschichten. Die Inseln da oben seien von Waldmenschen bewohnt und bärtigen Weibern; in Sibirien, in der Gegend des Weißen Meeres, hausten Drachen, denen Menschenopfer gebracht würden. Uralte Saga berichtet von Amazonen, deren Töchter weißen Antlitzes und von schöner Gestalt seien; die Knaben dagegen hätten Hundsköpfe, die säßen ihnen auf der Brust; sie bellten statt zu sprechen; auf den Märkten Rußlands seien diese Mißgeburten zu kaufen. Auch Menschenfresser, die „Wizzis“, weißhaarige Wilde, lebten da irgendwo; ihre Hunde seien auf Menschenfang dressiert. In Fabeln von Riesen und von Zwergen, die wie Tiere behaart seien, kann sich die Phantasie des Mittelalters nicht genug tun.
Diese wilde Phantastik spukt auch noch in einer Erzählung, die auf den gelehrten Domscholastikus Adam von Bremen zurückgeht, der im übrigen mancherlei zutreffende Kunde aus dem Norden gehabt haben muß. Sie ist dadurch bemerkenswert, daß sie eine erste Polfahrt schildert, die von deutschen Seefahrern um das Jahr 1040 unternommen wurde, die erste deutsche Entdeckungsfahrt überhaupt, und sei, treuherzig wie der Chronist sie bietet, hier eingeschaltet:
„So erzählte mir auch der Erzbischof Adalbert seligen Andenkens, daß in den Tagen seines Vorgängers im Amte einige edle Männer aus Friesland nach Norden gesegelt seien, um das Meer zu erforschen, weil nach der Meinung ihrer Leute von der Mündung des Flusses Weser in direkter Linie nach Norden kein Land mehr zu finden sei, sondern nur das Meer, welches man die Liber-See nennt. Um über diesen interessanten Punkt die Wahrheit zu erforschen, setzten die verbündeten Genossen mit fröhlichem Jubelgeschrei vom friesischen Ufer aus. Indem sie auf der einen Seite Dänemark, auf der andern Britannien hinter sich ließen, gelangten sie zu den Orkadischen Inseln (wohl den Orkneyinseln). Diese ließen sie bei der Weiterfahrt zur Linken, während sie Norwegen zur Rechten hatten, und kamen so nach einer langen Überfahrt zu dem eisigen Island. Von hier durchschifften sie die Meere noch weiter bis zum äußersten Ende, indem sie dabei alle die obengenannten Inseln hinter sich ließen und ihr kühnes Wagstück und ihre Weiterreise dem allmächtigen Gott und dem heiligen Willebaldus empfahlen. Sie gerieten dabei aber plötzlich in jenen finstern Nebel des erstarrten Ozeans, den sie kaum mit den Augen zu durchdringen vermochten. Und siehe, da zog die unstete Strömung des Meeres, die dort zu den geheimen Anfängen ihrer Quelle zurückläuft, die bedrängten und schon verzweifelnden Schiffer, welche nur noch an ihren Tod dachten, mit heftiger Gewalt in ein Chaos hinein. Dort, so meint man, sei der Wirbel des Abgrunds, jene unergründliche Tiefe, in welcher der Sage nach alle Meeresströmungen verschlungen und aus der sie wieder hervorgespien werden, was man Ebbe und Flut zu nennen pflegt. Nachdem sie darauf die Barmherzigkeit Gottes angefleht, daß er sich ihrer Seelen annehmen möchte, riß die Gewalt des zurücklaufenden Meeres einige Schiffe der Gefährten ganz mit sich fort, andere aber warf sie auf einem langen Umwege wieder zurück. Diese halfen sich mit angestrengtem Rudern und wurden aus der Gefahr, die sie vor Augen hatten, mit Gottes rechtzeitigem Beistande gerettet. Nachdem sie jedoch so den Nebeln und der kalten Eisregion glücklich entronnen waren, bekamen sie unverhofft eine gewisse Insel in Sicht, die von hohen Klippen wie eine Stadt von Mauern ringsumher umgeben war. Sie gingen daselbst, um die Ortsgelegenheit zu beschauen, ans Land und fanden Menschen, die um die Mittagszeit in unterirdischen Höhlen verborgen waren. Vor den Eingängen dieser Höhlen lagen zahllose Gefäße von Gold oder von solchen Metallen, welche von den Leuten für kostbar und selten gehalten werden. Nachdem sie von diesem Schatze, soviel als sie schleppen konnten, zu sich genommen, wollten die Ruderer froh zu ihren Schiffen eilen. Plötzlich aber sehen sie rückblickend Männer von wunderbarer Länge, welche man bei uns Zyklopen nennt, hinter sich herkommen, denen Hunde von außerordentlicher Größe voranliefen. Einer der Gefährten wurde alsbald von ihnen gepackt und sofort vor ihren Augen zerrissen. Die übrigen entkamen jedoch zu ihren Schiffen, indem die Riesen sie noch, als sie schon auf hoher See waren, mit Geschrei verfolgten. Nach solchen Abenteuern und Schicksalen gelangten diese Friesen nach Bremen, wo sie dem Erzbischof Alebrand alles der Ordnung gemäß erzählten und darauf Christo und seinem Bekenner Willebaldus für ihre Rückkehr und Rettung Dank- und Sühneopfer darbrachten.“
Diese edlen Männer aus Friesland, die in fremdem Lande Kostbarkeiten, die unbeschützt am Wege lagen, einfach mitgehen hießen, waren offenbar an die Unrechten geraten! Wahrscheinlich waren sie an der Küste Grönlands zu einer Kolonie Normannen gekommen, deren hoher Wuchs, durch die Brille der Angst gesehen, Riesengestalt annahm. Tatsächlich hat man in den Überbleibseln solch alter Normannensiedelungen auf Grönland Bronzearbeiten gefunden.
Etwa 20 Jahre später sandte ein nordischer König Harald Hardrade (der Hartwaltende) eine Expedition zum Nordpol aus. Sie sollte, erzählt ebenfalls Adam von Bremen, das Meer jenseits Thules erforschen, aber auch sie kam, wie Pytheas, nicht weiter als bis zu dem mit finsterm Nebel bedeckten Ende der Welt und entging „nur mit genauer Not den entsetzlichen Abgründen“.
Schlimmer erging es in den folgenden Jahrhunderten vereinzelten ähnlichen Unternehmungen, von denen keine weitere Überlieferung zu uns gedrungen ist. Man weiß von einer Reise eines Prinzen von Wales, von den Fahrten der Gebrüder Viviani aus Genua, von Raubzügen der Araber, der „umherirrenden Brüder“, wie man sie nannte. Aber von all diesen Expeditionen meldet kein Lied, kein Heldenbuch; sie gingen sämtlich zugrunde. Erst gegen Ende des 14. Jahrhunderts setzen die Entdeckungsreisen nach dem Norden mit neuer und größerer Tatkraft ein.
Normannen auf Grönland
Der erste, der Grönland, den arktischen Kontinent, erblickte, war ein Normanne, den im Anfang des 10. Jahrhunderts ein Sturm dorthin verschlug. Sein Nachfolger war Erik Rauda, der Rote, von Island, der normannischen Kolonie; eines Mordes wegen wurde er des Landes verwiesen und mußte sich eine neue Heimat suchen. Aufs Geratewohl segelte er nach Norden und erreichte Anno 982 eine fremde Küste, hinter deren Inseln und Vorgebirgen grünes Land schimmerte. Drei Jahre blieb er hier, dann trieb ihn Heimweh oder Grauen vor der Einsamkeit nach Island zurück. Hier erzählte er seinen Stammesgenossen so viel von dem neuentdeckten grünen Land, daß sich die Auswanderungslust regte und im nächsten Jahr gleich 25 Schiffe unter seiner Führung dorthin in See stachen. Die Hälfte von ihnen aber kam in den Stürmen um; die übrigen mit Erik Rauda gelangten glücklich ans Ziel. Nun begann eine regelrechte Siedlungsarbeit; Steine und Treibholz gab es in Menge, und so wuchsen die „steinernen Häuser“ aus der Erde, so daß die neue Kolonie bald ein stattliches Aussehen hatte. Eriks Sohn, Leif, machte eine Bildungsreise nach dem Stammland Norwegen und brachte das Christentum mit, das unterdessen dort Wurzel gefaßt hatte; er selbst taufte die grönländischen Ansiedler; nur sein Vater, Erik Rauda, wollte davon nichts wissen und blieb den alten Göttern Thor und Odin bis zum Tode treu.
Daß die Auswanderer von Island auf ihren leichtgebauten Schiffen überhaupt bis an die Küste Grönlands herankamen, ist nur so zu erklären, daß in jenen Jahren die Eisverhältnisse ungewöhnlich günstig waren; sonst wären die normannischen Segelschiffe gegen das Packeis völlig machtlos gewesen. Zwischen Island und Norwegen dagegen bestand damals schon eine Art regelmäßigen Schiffsverkehrs; fast alle Lebensmittel wurden aus dem Mutterland eingeführt, besonders auch Haustiere. Auf den Schiffen Erik Raudas kamen diese nun auch nach Grönland, und die dortigen Ansiedler lebten von Jagd und Viehzucht. Das Packeis schob den altgewohnten Wikingerfahrten einen Riegel vor, und bei den Ureinwohnern Grönlands, den Eskimos, war wenig zu holen. Diese Ureinwohner wurden von den großen, breitschultrigen Normannen Skrälingjar, d. i. Zwerge, genannt und wegen ihrer Kleinheit und ihres Schmutzes verachtet.
Es mag nicht eben die beste Auslese der Isländer gewesen sein, die dem Ruf Erik Raudas nach Grönland gefolgt war, und auch später noch erhielt die neue Ansiedlung durch solche Elemente, die Ursache haben mochten, sich dem heimatlichen Gesetz zu entziehen, manchen Zuzug. Aber die schwere Not des Lebens machte auch den Verbrecher zum Menschen, der sich in die Gemeinschaft zu schicken lernte. Eigentlich bewohnbar ist nur die Westküste Grönlands; in den kurzen Sommern überziehen sich die Täler dort schnell mit Gras, Kräutern, sogar mit zierlichen Blumen von prächtiger Farbe; aber der holde Zauber verschwindet ebenso schnell wieder, und eine Viehzucht in größerem Umfang kann bei der spärlichen Heuernte nicht gedeihen; der Winter dauert zehn Monate. Die weite Hochebene im Innern des Landes ist von Inlandeis bedeckt, das in riesigen Gletschern an der Ostküste zum Meere abstürzt und allem weiteren Vordringen unüberwindliche Hindernisse entgegenstellt. Trotz dieser unsäglich schweren Lebensbedingungen vergrößerte sich die Normannenkolonie sehr schnell. Als die Brüder Nikolo und Antonio Zeno aus Venedig im Jahre 1389 nach Grönland kamen, fanden sie dort in zwei Bezirken, dem Ostamt und dem Westamt, beide an der Westküste Grönlands, nicht weniger als 280 Höfe, 2 stadtartige Siedlungen mit einer Kathedrale und 15 Kirchen, dazu 3 Klöster. Ein Bischof, von Norwegen herübergesandt, residierte in Gardar; vom Jahre 900 bis zu seinem Verfall zählte das Bistum Grönland 16 Bischöfe. Die Gemeinde zahlte ihren Peterspfennig und sonstige Abgaben in Fellen, Tran und Lederriemen vom Walroß, ein Zeichen, daß die Jagd ihre Haupteinnahmequelle war. Vom Kloster zum heiligen Thomas berichteten die Venetianer, seine Zellen würden durch eine warme Quelle geheizt, an der die Mönche auch ihre Speisen kochten. Bei den Thermen von Unartok liegen noch heute die Ruinen dieses Klosters. Nordwärts sind die Normannen sehr weit an der Küste vorgedrungen; noch auf dem 72. Breitegrad fand man Runensteine, die auch lateinische Inschriften trugen. Im Süden sind die Ruinen jener alten Ansiedelungen sehr zahlreich; der Missionar Hans Egede fand dort sogar Reste einer bronzenen Kirchenglocke.
Die Pest, der Schwarze Tod, der im 14. Jahrhundert in ganz Europa wütete, wurde auch in diese nördlichen Regionen eingeschleppt; dadurch zerfielen die Kolonien in kurzer Zeit. Was noch am Leben blieb, rieb sich in den Kämpfen mit den feindlichen Ureinwohnern, den Skrälingern, auf und wurde schließlich von diesen ganz ausgerottet. Die alten Sagen der Eskimos singen noch heute von diesem Krieg gegen die „Kablunaken“, die Weißen. Daneben hat sich eine andere Sage von weißen Eskimos erhalten, die ganz im Norden wohnen und die letzten Nachkommen der alten Normannen sein sollen; bis heute aber hat sie noch kein Entdeckungsreisender zu Gesicht bekommen, und außer jenen Ruinen hat sich von alter normannischer Kultur auf Grönland und bei den Eskimos keine Spur mehr erhalten.
Im 14. Jahrhundert geriet dann Grönland zeitweilig ganz in Vergessenheit. Norwegen kam damals nach schweren Kämpfen unter dänische Herrschaft. Dänische Könige sandten auch Schiffe ab, um von der alten Kolonie in Grönland Kunde zu erhalten und sie tributpflichtig zu machen. So fuhr der „berühmte Seehahn“ Magnus Heinsen im Auftrag König Friedrichs II. von Dänemark nach Grönland; die Küste bekam er, wie er wenigstens glaubte, zu Gesicht, aber nur aus weitester Ferne; das Packeis versperrte ihm den Weg. Er aber versicherte nach seiner Rückkehr, daß unterseeische Gewalten oder ein „Magnetberg“ ihn festgehalten haben müsse. So sank das grüne Eiland wieder zurück in die Dämmerung mittelalterlicher Sage.
Am Nordpol vorbei nach Indien
Das Zeitalter der Kreuzzüge (1096—1291) setzte nicht nur die Christenheere des Abendlandes, sondern mit ihnen endlose Scharen unruhiger Geister und Abenteurer nach Osten in Bewegung. Märchenländer des Orients, Indien, China, Japan stiegen als eine wunderbare Fata Morgana am Horizont auf, und die drei Könige des Morgenlands, die dem Christuskinde in Bethlehem Gold und kostbare Gewürze dargebracht hatten, wiesen der Phantasie und der Habsucht des Abendlandes den Weg immer weiter nach Osten. Wenn aber die Erde eine Kugel war — von ihrer Größe ahnte man damals noch nichts —, mußte man das ersehnte Paradies, wo das Gold nur so auf der Straße lag, nicht auch von Europas Westküste aus jenseits des großen Wassers erreichen? Und gewiß viel leichter als auf dem unsäglich beschwerlichen Landwege, wo nur ein Heer wie das Alexanders des Großen sich hätte durchschlagen können. Erzählte die Sage nicht von Wikingerzügen, die der Sturm weit im Westen Grönlands an unbekannte Küsten verschlagen hatte? Das waren gewiß nur Inseln, die der andern Seite Asiens vorgelagert waren. Gelang es, in ihrem Schutz sich weiter durchzufinden, dann war das Rätsel des zaubervollen Ostens gelöst. Den Weg nach China durch die nördlichen Breiten suchte schon Giovanni Caboto, ein Italiener in englischen Diensten; 1497 betrat er, ein Jahr vor Kolumbus, das Festland Amerika, wahrscheinlich in Labrador. Sein Sohn Sebastian Cabot, der Begründer der englischen Flottenmacht, begleitete ihn auf dieser Fahrt. Um Indien zu finden, wagte es Kolumbus (1492), mit seinen drei Schiffen geradeaus über den Atlantischen Ozean zu segeln; erst 1504, zwei Jahre vor dem Tode des großen Entdeckers, kam ein Geograph Amerigo Vespucci in Florenz auf den Gedanken: das Festland, das Kolumbus auf seiner dritten Reise (1498) betreten habe, sei ein bisher unbekannter vierter Weltteil. Als dann Vasco de Gama 1497 den Seeweg nach Indien um die Südspitze Afrikas herum entdeckte und 1523 Magelhaes sogar einen Weg südlich um den amerikanischen Kontinent fand, im Süden also nach Osten und Westen hin die Fahrstraße frei lag, befestigte sich immer mehr die Überzeugung, daß solch eine Durchfahrt auch im Norden zu finden und dieser Weg nach Indien, am Nordpol vorbei, weit kürzer sein müsse. „Wenn die Natur eine gewisse Symmetrie beim Aufbau der Welt beobachtet habe,“ meinten die Gelehrten, „muß im Norden so gut eine Straße ins Stille Meer (den Großen Ozean) gehen wie im Süden, besonders wenn Gott in seinem Schöpfungsplan ein bißchen Rücksicht auf die Bedürfnisse des europäischen Handels genommen hat!“
Giovanni Cabot und sein Sohn Sebastian waren 1498 nicht weiter als bis zum 58. Breitengrad gekommen; hier zwang das Eis sie zur Umkehr, und die ersten Ansiedler, die sie in Neufundland, der „Kabeljauinsel“, aussetzten, fielen alle dem harten Klima zum Opfer. Auch auf seinen späteren Fahrten, 1517 an der Spitze eines großen Geschwaders, kam Sebastian Cabot zwar bis an die später so benannte Hudson-Bai, fand aber den nordwestlichen Durchweg nach Indien nicht, dafür eine andere Goldquelle, indem er die englischen Seeleute mit dem Walfischfang vertraut machte. Der unerhörte Fischreichtum dieser Gewässer lockte auch die andern Nationen an, und dieser Wettstreit klärte alsbald die Karte Nordamerikas nach allen Richtungen hin auf. In der Hoffnung, die nordwestliche Durchfahrt zu gewinnen, entdeckte der Franzose Jacques Cartier 1535 den Lorenzstrom und drang bis zum heutigen Montreal vor.
Da Sebastian Cabot im Nordwesten nicht durchgekommen war, richtete er sein Auge auf den Nordosten. Eine „Gesellschaft der Abenteuerfahrer“ wurde gegründet, und 1553 machten sich drei kleine Schiffe auf, um über Norwegen nach Osten China zu erreichen und dort und in Rußland neue Märkte für den englischen Handel zu gewinnen. Gelang es, vom Eismeer aus in die Mündung des Ob einzulaufen, dann konnte man, das lehrten die damals vorhandenen Karten, ganz Rußland durchsegeln und weiter auf dem Nebenfluß Irtysch bis an die Westgrenze Chinas kommen. Schon an der Küste Norwegens wurde das kleine Geschwader durch Sturm zerstreut, und von den drei Schiffen kehrte nur eines in die Heimat zurück. Die beiden andern froren in der Mündung des Warsinaflusses ein, und die gesamte Mannschaft kam in dem harten sibirischen Winter um. Nach Jahren fand man ihr Schiffstagebuch und ersah daraus, daß ihr Befehlshaber zum erstenmal die Küste Nowaja Semljas gesichtet hatte. Der erste, der diese Insel 1555 betrat, war der englische Generalpilot Bourrough; er entdeckte auch die Waigatsch-Insel; ins Karische Meer drang er aber nicht, „wegen der großen und furchtbaren Menge Eis, die wir vor unsern Augen sahen“; doch war für die Erschließung des Polargebiets die Feststellung einer so gewaltigen Insel wie Nowaja Semlja von größter Bedeutung. Spätere englische Versuche, die Nordostdurchfahrt zu erzwingen, waren ebenso erfolglos.
Ende des 16. Jahrhunderts nahmen die Holländer mit hartnäckiger Energie diese Versuche auf. Die ungeheure Hitze am Äquator, die furchtbaren Stürme im Indischen Meer und die lange Dauer der Reise von neun bis zehn Monaten schreckten sie, ebenso wie die Engländer, ab. Über den Norden hinweg hoffte man, das Ziel Indien schon in zwei Monaten erreichen zu können. Obendrein stieß der Handel der erst kürzlich vereinigten „Generalstaaten“ auf rücksichtslose Gegnerschaft bei andern Nationen; Spanier und Portugiesen, damals auf der Höhe ihrer Macht, behandelten den neuen Konkurrenten wie einen Seeräuber, kaperten die holländischen Schiffe und überlieferten die Mannschaft dem Inquisitionsgericht. Da oben im Norden lief kein Schiff Gefahr, die willkommene Beute dieser übermächtigen Feinde zu werden, und wenn sich der nordöstliche Weg nach China fand, boten sich dem holländischen Handel ungeahnte Möglichkeiten. 1594, 1595 und 1596 folgten einander drei Expeditionen zur Erkundung einer nordöstlichen Durchfahrt; ihr Führer war ein Seefahrer Wilhelm Barents aus Amsterdam, dessen Name die Reihe der Helden der Polarforschung verdientermaßen eröffnet.
Wilhelm Barents
Am 6. Juni 1594 stach die erste der drei holländischen Polarexpeditionen in See. Befehlshaber der vier Schiffe war der Admiral Cornelis Naij, die eigentliche Seele des Unternehmens der Steuermann Barents. Der Kurs sollte nördlich um Nowaja Semlja herumgehen. Am 15. Juni kreuzte das Geschwader vor der russischen Küste Lapplands. Von hier ging Barents mit zwei Segelschiffen nordwärts und erreichte auf dem 73. Breitengrad Nowaja Semlja, das er fast bis zur Nordspitze erkundete. Die Namen, mit denen er seine Entdeckungen bezeichnete, die Oranieninseln, Kap Nassau usw., führt unsere Landkarte noch heute. Schon gleich als sie festes Land betraten, hatten sie eines jener Abenteuer, die nun in den Berichten über Polarforschung alltägliche Begebenheiten werden, ohne dadurch aber an Gefahr, Aufregung und Spannung zu verlieren. Ein riesiger Eisbär, der die nie gesehenen Ankömmlinge für eine Abart der Seehunde halten mochte, die seine tägliche Mahlzeit bildeten, empfing sie mit erhobenen Pranken. Die Holländer gaben Feuer, und als das angeschossene Tier sich ins Meer warf, folgten sie ihm, um es lebendig zu fangen und wenn möglich mit nach Holland zu nehmen. Vom Boot aus warfen sie ihm eine Schlinge um den Hals und ruderten nun mit der Beute ihrem Schiff zu. Die Bestie brüllte, stemmte sich mit allen Vieren gegen diesen ungewohnten Transport und wühlte das Wasser so gewaltig auf, „daß man es kaum schildern kann“, wie ein Augenzeuge berichtet. „Wir müssen ihm mehr Leine lassen, damit er müde wird“, meinte ein Matrose. Man ließ das Seil lockerer und ruderte weiter, das schnaubende Tier im Kielwasser; Barents stand am Steuer und wehrte es vom Bootsrand ab. Plötzlich erhob sich der Bär hoch aus dem Wasser und klammerte sich an das Boot an. „Laßt ihn, er will sich nur ausruhen“, scherzte Barents — aber schon hatte sich der Bär mit einer gewaltigen Anstrengung emporgeschwungen, und die Männer wichen entsetzt in das andere Ende des Bootes zurück. Der Bär wollte ihnen folgen, aber die Schlinge saß glücklicherweise fest, und das Seil war stark und kurz. Ein beherzter Mann sprang hinzu und schlug ihn mit der Axt nieder. Auf die damaligen Feuerwaffen war noch wenig Verlaß; nicht einmal den Walrossen, die in riesigen Herden auf dem Packeis sich sonnten, konnte man damit beikommen.
Barents wäre gern noch weiter nach Norden vorgedrungen, aber das Eis war in drohender Bewegung, und seine Leute forderten murrend, zu den beiden andern Schiffen zurückzukehren. Bei der Insel Dalgey trafen sie auch glücklich die Kameraden, die unterdes eine nicht weniger abenteuerliche Fahrt gemacht hatten. Cornelis Naij war mit seinen beiden Schiffen an der Waigatsch-Insel gelandet und hatte hier Menschenspuren gefunden: Opferhügel, kunstvoll aus Bärenschädeln und Renntiergeweihen aufgetürmt, von Stangen überragt, deren Spitze ein roh geschnitztes Menschenangesicht zeigte, Augen und Mund mit Blut beschmiert, ein grausiges Wahrzeichen. Doch fanden sich in der Asche der Opferfeuer nur Renntier- und Bärenknochen. Bald stießen die Fremden auf Samojeden, die hier zu Hause waren und den Eindringlingen zuerst drohend mit Pfeil und Bogen entgegentraten. Es kam aber nicht zum Kampf, sondern man schloß Frieden und Freundschaft, die Samojeden besuchten die Holländer auf ihren Schiffen, und durch sie erfuhr Naij, daß die Karische oder Waigatsch-Straße fahrbar sei. Wirklich gelangte er in das Karische Meer, das er die neue Nordsee nannte, und wenn er auch bald vom Packeis aufgehalten wurde, gewann er doch die Überzeugung, daß zu guter Jahreszeit hier nach Osten durchzukommen, die Aufgabe der Expedition also gelöst sei. Im Karischen Meer entdeckte er eine kleine Insel, die er Staaten-Eiland nannte; sie war gebirgig und völlig unbewohnt, der Strand aber besät von einem gold- und silberglitzernden Gestein, das den Holländern als eine unschätzbare Kostbarkeit erschien und von dem sie Proben mitnahmen. Auf der Rückkehr trafen sie die beiden andern Schiffe, und alle vier kehrten nach Hause zurück, wo sie mit großem Jubel empfangen wurden.
Gleich im nächsten Jahr sandte die holländische Regierung eine zweite Expedition aus, um den Seeweg durch das Karische Meer nach Indien weiter zu verfolgen. Die geschäftstüchtigen Mijnheers beluden gleich 16 Schiffe mit kostbarem Tuch und Sammet, zum Austausch gegen die Schätze Indiens. Am 29. August landete diese Flotte in einer Bucht der Waigatsch-Insel. Die samojedischen Freunde belehrten sie über die diesjährigen Eisverhältnisse, und nun ging es weiter ins Karische Meer hinaus. Bei Staaten-Eiland warf man Anker, um zunächst eine tüchtige Ladung des kostbaren Gesteins, über dessen Art und Wert die heimatlichen Chemiker noch uneins waren, an Bord zu nehmen. Hier hatten Barents und seine Leute ein furchtbares Erlebnis, das ein alter Chronist nach den Berichten der Augenzeugen wirksam erzählt:
„Den 6. September 1595 kehrten einige Matrosen nach Staaten-Eiland zurück, um dort noch eine Tracht Kristallsteine zu holen, von denen sie bereits viel gesammelt hatten. Während die andern umhersuchten, legten sich zwei beisammen auf die Erde, um zu schlafen. Da schlich sich ein magerer Eisbär heran und packte den einen im Genick. Der Matrose, der sich nichts versah, schrie laut: ‚Wer faßt mich von hinten?‘ Sein Kamerad wandte sich um, erblickte das Tier, sprang auf und rief im Forteilen: ‚Ein Bär!‘ Die Bestie zermalmte ihrem Opfer den Kopf und leckte begierig sein Blut. Die übrigen Matrosen, etwa ihrer zwanzig, eilten mit Spießen und Flinten herbei. Als der Bär, der eifrig bei der Mahlzeit war, sie kommen sah, ging er mit unglaublicher Wut auf sie los, kriegte noch einen zu packen und zerriß ihn augenblicks in Stücke. Entsetzen faßte die übrigen, und sie rannten mit Angstgeschrei davon.
Als man an Bord das Schreien hörte, stießen sogleich Kähne ab, um die Flüchtigen aufzunehmen und ihnen zu Hilfe zu kommen. Die Matrosen vom Schiff, die nun ans Ufer kamen und das Unglück vernahmen, munterten die übrigen auf, nochmals mit vereinten Kräften auf das Untier loszugehen, aber die wenigsten wollten es wagen. ‚Unsere Kameraden‘, erklärten sie, ‚sind zerrissen; wir können sie nicht mehr retten.‘ Endlich wagten sich doch drei Mann vor. Der Bär verzehrte mit Ruhe seinen Raub und achtete gar nicht auf die drei Menschen, die nicht allzu fern von ihm standen. Zwei Matrosen schossen auf das Tier, verfehlten es aber; da ging der dritte, der Schiffsschreiber, vor und traf den Bären mit der Kugel in den Kopf oberhalb des Auges. Trotz dieser tödlichen Wunde ließ der Bär seinen Raub nicht fahren, faßte den Körper des Toten am Genick und hob ihn in die Höhe. Dann aber schwankte er; nun stürzten zwei Matrosen mit Säbeln auf ihn zu und hieben ihn in Stücke, ohne daß er auch jetzt seine Beute fallen ließ. Endlich erhielt er mit dem Flintenkolben einen Schlag auf die Schnauze, so daß er auf die Seite fiel, worauf der Schiffsschreiber ihm auf den Bauch trat und ihm die Gurgel abschnitt. Die beiden halb gefressenen Matrosen wurden auf der Insel begraben und die Bärenhaut später der Amsterdamer Handelskompagnie übergeben.“
Dieser Vorfall hatte die Teilnehmer der Expedition sehr niedergeschlagen, und da sich schon die Anzeichen des Winters bemerkbar machten, das Eis sich im Osten haushoch übereinander schob, glaubte Barents, die kostbare Ladung der 16 Schiffe nicht aufs Spiel setzen zu dürfen. Auch hatte man so viel von dem goldglimmernden Gestein, dessen Suchen zwei Menschenopfer gekostet hatte, eingeladen, daß die Expedition nicht mit leeren Händen nach Hause kam. Sie kehrte also um. Die kostbaren Gold- und Silbersteine aber erwiesen sich später als wertloser Bergkristall.
Die holländische Regierung hatte nach diesem Mißerfolg das Zutrauen zu dem Unternehmen verloren; sie begnügte sich damit, einen hohen Preis auf die Entdeckung der nordöstlichen Durchfahrt auszusetzen und überließ die Ausrüstung einer dritten Expedition der Amsterdamer Kaufmannschaft. Diese setzte zwei Fahrzeuge zu einem neuen Versuch in Bereitschaft. Das eine befehligten Barents und Jakob van Heemskerk, das andere Jan Cornelis Rijp. Zur Besatzung wählte man nur junge, unverheiratete Leute, die die Sehnsucht nach Frau und Kind nicht vorzeitig in die Heimat trieb, und am 20. Mai 1596, diesmal früher im Jahr, brach die dritte Expedition auf.
Am 9. Juli ging sie oberhalb des Nordkaps bei einer kleinen Insel vor Anker. Am übernächsten Tag, berichtet der Chronist, „gingen einige Freiwillige dort an Land und fanden viele Möweneier. Dort erstiegen sie den Gipfel eines sehr steilen Berges, kamen aber nur mit äußerster Lebensgefahr wieder herunter, indem überall unter ihnen hoch emporstehende Felsspitzen ihnen beim kleinsten Fehltritt mit unvermeidlichem Tod drohten. Sie mußten sich daher auf den Bauch legen und so die steilsten Stellen herunter rutschen. Barents, der von seinem Schiff aus sie beobachtete und sie schon für verloren hielt, warf ihnen, als sie zurückkamen, ihre unzeitige Verwegenheit in den bittersten Ausdrücken vor. Hierauf erlegten sie nach zweistündigem Kampf einen weißen Bären, dessen abgezogene Haut 12 Fuß in der Länge hatte. Davon erhielt die Insel den Namen Bäreneiland“. Diesen Namen hat die Insel behalten.
Von hier nahmen die beiden Schiffe ihren Kurs genau nach Norden; Rijp, der Befehlshaber des einen Schiffes, bestand hartnäckig darauf. Barents wollte sich nach Osten wenden, um Nowaja Semlja zu erreichen, wurde aber überstimmt. Vier Tage später entdeckten sie vor sich Land, eine völlig unbekannte Inselgruppe, die sie für den Ostzipfel Grönlands hielten. Von den Abhängen und Tälern der schroffen Uferfelsen und spitzen Berge lachte ihnen frisches Grün entgegen, Gras und saftige Kräuter, Sauerampfer und Löffelkraut, das ihnen als Medikament gegen den schon ausgebrochenen Skorbut hoch willkommen war. In den Felsritzen nisteten unzählige Vögel, die ein gewaltiges Getöse machten. Unter ihnen erkannten die Holländer die Rotgans, die auf ihrem Flug nach Süden auch in Holland einkehrt; sie hatten also hier deren Brutort festgestellt. „Wir gaben dem Land den Namen Spitzbergen wegen der vielen und hohen darauf befindlichen Spitzen“, gab Rijk nach seiner Heimkehr vor dem Delfter Magistrat zu Protokoll.
Um Spitzbergen herumzukommen, erwies sich aber als unmöglich. Beide Schiffe kehrten nach der Bäreninsel zurück, und hier kam es zwischen den zwei Befehlshabern zum Bruch. Der eigensinnige Rijp wollte noch immer nordwärts. Sie trennten sich daher, und Barents fuhr gegen Osten davon, auf Nowaja Semlja zu. Von dieser Fahrt sollte er nicht mehr heimkehren; das Eis verlegte ihm den Rückweg, und er wurde der erste Polarfahrer, der eine Überwinterung in der Arktis durchmachte.
Die erste Überwinterung im Polareis
Die nordsibirischen Samojeden, das wußte schon jeder Walfischfänger, pflegten am Ende des kurzen Sommers in ihre weit südlicher gelegene Heimat zurückzukehren. Auch die Eingeborenen des Nordens flüchteten also vor dem Grauen des Polarwinters. Ob überhaupt ein Mensch imstande sei, die ungeheure Kälte dort oben, die Schöpferin von Rieseneisbergen, die auch im Sommer nicht wegtauten, zu ertragen, in dieser Temperatur auch nur zu atmen und die lange Winternacht zu überstehen, ohne von Sinnen zu kommen, das hatte noch kein Europäer ausprobiert. Barents und seine Gefährten waren die ersten, die diese Probe bestanden.
Ende August 1596 waren sie um die Nordspitze Nowaja Semljas herumgekommen. Der Sommer war jedoch schon zu weit vorgeschritten, der Eiswall im Osten veränderte sich von Tag zu Tag, blieb aber undurchdringlich, die Aufgabe der Expedition erwies sich auch diesmal als undurchführbar. Zurück? Auch dazu war es nun zu spät. Die Eisschollen schraubten das Schiff hoch empor, das Steuer zerbrach, und die 16 Köpfe zählende Bemannung konnte noch von Glück sagen, daß sie in einer geschützten Bucht an der Ostküste (auf dem 76. Breitengrad) eine Zuflucht fand. Auf dem Schiff zu bleiben war unmöglich, es barst an mehreren Stellen, jede neue Bewegung des Eises konnte es in Stücke brechen. Man mußte also auf festem Land eine Unterkunft suchen, sich zunächst einmal ein Dach über dem Kopfe schaffen. Wo aber Brenn- und Bauholz hernehmen an dieser völlig baumlosen Küste?
Auf diese angstvolle Frage fand sich eine überraschende Antwort. Die Meeresströmung hatte massenhaft Treibholz, ja ganze Baumstämme auf den Strand geworfen. Renntierspuren zeigten sich, landeinwärts entdeckte man sogar einen Fluß mit süßem Wasser. Das nackte Leben schien fürs erste gerettet. Alle Hände griffen zu, um schleunigst eine Winterhütte zu errichten, denn die Tage wurden schon unheimlich kurz und die Kälte so heftig, daß, wenn die Arbeiter einen Nagel in den Mund nahmen, die Haut der Lippen daran hängen blieb. Am 2. Oktober war die erste Winterhütte im Polareis unter Dach: 10 Meter lang, 6 Meter breit; drei Türen, keine Fenster, in der Mitte des stallartigen Raumes die Feuerstelle, im Dach darüber ein breiter Kamin zum Abzug des Rauches. An der einen Längswand wurden die Schlafkojen angebracht; eine große Weintonne mußte sich in ein Dampfbad verwandeln lassen und wurde nach Vorschrift des Schiffsarztes allwöchentlich benutzt. Einrichtungsgegenstände wurden auf schnell gebauten Schlitten vom Schiff herübergeholt, die Wände der Kajüte abgerissen und zum Ausbau der Hütte verwandt. Mit am Strand gesammeltem Seegras dichtete man die Ritzen. Brennholz wurde in nächster Reichweite aufgestapelt, die Lebensmittel barg man in Holzschuppen. Die Schaluppe zog man auf den Strand; wenn das Schiff, wie zu befürchten stand, verlorenging, war sie ja im nächsten Sommer das letzte Rettungsmittel. Als Merkzeichen errichtete man bei der Hütte einen Baum aus Schnee, damit sich niemand auf dem Weg zum Schiff oder zum Fluß verirrte. Oft brach der Schneesturm so schnell herein, daß die Matrosen auf dem Eis draußen alles stehen und liegen lassen mußten, um sich in Sicherheit zu bringen. Der Boden um die Hütte herum war so durchfroren, daß kein Feuer ihn erweichte; und doch war ein Erdwall ringsum unentbehrlich, vor allem als Schutzwehr gegen die immer zudringlicher werdenden Bären, die fast täglich Schiff und Hütte in Belagerungszustand versetzten. Anfangs hatte lautes Geschrei sie verscheucht; aber bald ließen sie sich dadurch nicht mehr beirren. Wenn die Mannschaft bei Einholung der Schiffsvorräte alle Hände voll zu tun hatte und die brennende Lunte für die noch höchst unvollkommenen Flinten nicht zur Hand war, mußte man sich mit Spießen und Äxten der hungrigen Raubtiere erwehren. Einmal hing das Leben von Barents selbst an einem Haar. Alle Mann waren beim Schiff beschäftigt, als plötzlich drei Bären herankamen. Die Leute retteten sich Hals über Kopf auf das Schiff; zwei Spieße waren ihre einzige Waffe. Barents nahm den einen, le Veer den andern. Einer der Matrosen war bei der Flucht in eine Eisspalte geraten; aber die Tiere liefen an ihm vorüber und begannen das Schiff zu erklettern. Was an Gegenständen zu greifen war, warfen die geängstigten Leute den Bestien an den Schädel; diese fielen über jedes Scheit Holz mit Wut her, ließen sich aber nicht abschrecken. Barents befahl, eine Handvoll Pulver anzuzünden, aber in der Verwirrung kam man damit nicht zustande. Da warf er seinen Spieß, die einzige Waffe, auf das größte der andringenden Untiere und — traf es so glücklich in die empfindliche Schnauzenspitze, daß es laut auf heulte und alle drei Reißaus nahmen. Daß alle diese Begegnungen mit Bären glücklich abliefen, ist erstaunlich genug. Das Fett erlegter Bären diente als Öl für die Hüttenlampe; gegen das Fleisch der Tiere aber hatten alle eine unüberwindliche Abneigung.
Am 20. Oktober hatte sich die ganze Mannschaft in der Hütte häuslich eingerichtet. Am 3. November blickte die Sonne zum letztenmal über den Horizont; dann blieb sie verschwunden, und am klaren Himmel stand Wochen hindurch ohne unterzugehen der Mond. Bei schlechtem Wetter war es so finster, daß Tag und Nacht nicht zu unterscheiden waren.
Ein Gutes aber hatte auch die Finsternis: die Bären waren verschwunden. Dafür zeigte sich eine Menge Füchse; man fing sie in Fallen und gewann damit eine unschätzbare Bereicherung der Speisekammer. Die vorhandenen Vorräte reichten für den ganzen Winter unmöglich aus; Dörrfisch und -fleisch, Speck und Grütze waren noch einigermaßen da; die bisherige Tagesration Schiffszwieback aber mußte schon eine Woche vorhalten. Als Getränk diente geschmolzenes Schneewasser, das mancherlei Krankheiten verursachte. Bis zu dem Süßwasserfluß konnte man sich in der Dunkelheit nicht mehr zurechtfinden. Kleidungsstücke waren reichlich da, aber Hemden und Bettlaken mußten schließlich auch einmal gewaschen werden. Sobald aber die Wäsche aus dem heißen Wasser kam, fror sie im Nu hart wie ein Brett und ließ sich nur mit äußerster Sorgfalt unmittelbar am Feuer wieder auftauen und trocknen. Ins Freie konnte man tagelang nicht, denn ungeheure Schneemassen bedeckten lawinenartig die Hütte; der Kamin verstopfte sich immer aufs neue; von den Türen aus mußte man Stollen durch den Schnee graben. Am 6. Dezember fror es so ungeheuer, daß die Mehrzahl der Matrosen die Hoffnung aufgab, jemals lebendig aus dieser Eisgrube herauszukommen. Am nächsten Tag holten sie vom Schiff einen Vorrat Steinkohle, die kräftiger einheizte als Holz; in der Nacht aber wäre beinah die ganze Mannschaft im Kohlendunst erstickt; die meisten lagen schon in schwerer Betäubung, nur einige hatten noch die Kraft, zur Tür zu taumeln, und retteten sich und ihre Kameraden. Das Leder der Schuhe fror steinhart an den Füßen und war nicht mehr zu brauchen; die Leute machten sich aus mitgebrachten Hammelfellen und den frisch erbeuteten Fuchsbälgen so etwas wie Wasserstiefel und zogen noch drei, vier Paar Strümpfe darüber. Das Feuer schien alle Wärme verloren zu haben. Wasserwrasen und Ausdünstung bedeckten als Reif die Wände und bildeten Eiszapfen an den Dachbalken. Auch die Kleider waren wie mit Glatteis überzogen; wer einige Zeit im Freien verweilte, bekam an Gesicht, Lippen und Ohren Eiterbeulen, die sofort gefroren. Aber Barents verstand es, trotz aller dieser Leiden keinerlei Verzagtheit oder gar Verzweiflung aufkommen zu lassen. War die Arbeit getan, machte Schnee und Sturm jeden Aufenthalt draußen unmöglich, dann vertrieb man sich die langen Stunden mit Unterhaltung und Spiel. Das Dreikönigsfest zu Anfang des neuen Jahres wurde sogar mit einer solennen Feier begangen. Man war so vergnügt, daß man dem Eisstaat Nowaja Semlja eine königliche Verfassung gab; das Los wurde gezogen, wer Fürst dieser Einöde sein sollte, und der Feuerwerker als glücklicher Gewinner zum König von Nowaja Semlja gekrönt.
Der 13. Januar war ein besonders denkwürdiger Tag. Das Wetter war ruhig und klar, der Neumond aber noch nicht sichtbar, und einige Leute trieben sich im Freien herum. Da erscholl plötzlich lauter Jubel: wenn man eine Kugel über die eisharte Erde warf, sah man sie rollen! Das war ein Anblick, den man seit zweieinhalb Monaten nicht mehr gehabt hatte! Ein erster Schimmer von Tageslicht machte sich also bemerkbar.
Als am 24. zwei Mann am Strand entlang wanderten, erblickten sie ganz unvermutet am Horizont auf einen Augenblick einen schmalen Randstrich der Sonnenscheibe. Barents zwar lachte sie aus, denn nach seinen Berechnungen war die Sonne erst in zwei Wochen zu erwarten. Darüber gab es einen erregten Wortwechsel; Wetten wurden geschlossen, und Barents verlor sie! Denn als sich nach zwei düstern Nebeltagen das Wetter aufklärte, stand die Sonne in ihrer ganzen Größe am Himmel. Durch das Stillstehen der Uhr infolge der Kälte und durch die unaufhörliche Nacht war die Zeitrechnung so durcheinander gekommen, daß zwei Wochen unterderhand verschwunden waren. Die Gefangenschaft der Holländer schien dadurch wundervoll abgekürzt, und mit der Wiederkehr der Sonne glaubte jeder, das Schlimmste überstanden zu haben.
Immer drohender aber wurde jetzt die Lebensmittelfrage. Die Zeit der frischen Fuchsbraten war mit Wiederkehr der Sonne vorbei, dafür zeigten sich wieder die Bären. Am 13. Februar wurden Barents und seine Leute unangenehm genug an sie erinnert. Die Matrosen waren eben mit Reinigung der Fuchsfallen beschäftigt, als ein ungeheurer Bär erschien und geradewegs auf die Hütte losging, als wenn er dort zu Hause wäre. Ein glücklicher Schuß streckte ihn nieder. Das Tier lieferte über 100 Pfund Fett; nach langer Pause brannte endlich wieder die Tranlampe im gemeinsamen Wohn- und Schlafzimmer.
Mitte April ließ die Kälte nach. Der erste Ausgang galt dem Schiff. Mit welcher Spannung kletterten die Leute über das Meereis, das sich wie eine Stadt mit Häusern und Zinnen, Türmen und Wällen vor ihnen erhob! War ihr Schiff von der Eispressung zertrümmert und überhaupt noch eine Spur davon zu entdecken? — Es lag wirklich noch da, wie ein Pfand sicherer Rettung, anscheinend in dem alten Zustand, nur völlig vereist außen und innen und eingefroren in unergründlich tiefe Eismassen. Andern Tags zeigte sich in der Ferne schon blinkendes, offenes Wasser. Die Leute waren nicht sonderlich mehr bei Kräften, die Tagesrationen waren immer schmäler geworden, aber bei diesem wunderbaren Ausblick waren etliche nicht mehr zu halten, sie wagten ihr Leben, um über das gefährliche Eisbollwerk bis zum offenen Wasser vorzudringen — die rauschende Welle war Erlösung, Freiheit, neues Leben! Am folgenden Tag trieb ein heftiger Südwest gewaltige Eismassen vor sich her. Wenn er nur immerzu blasen und bald auch das Schiff aus seinem Eispanzer befreien möchte!
Diese kostbarste Beute schien aber das Eis nicht wieder herausgeben zu wollen. Die Massen waren in gewaltiger Bewegung, nur noch 70 Schritt vom Schiff bis zum offenen Wasser! Über Nacht aber setzte sich das Treibeis wieder fest, nun waren es wieder 500 Schritt! Neue Schneefälle hielten tagelang die Besatzung in der Hütte eingeschlossen, der Sturm brauste — vielleicht trieb er die ganze Eisdecke mit Schiff und allem ins Meer hinaus! Das Schiff aber lag unbeweglich, wie für die Ewigkeit verankert — überall brach die Eisdecke, setzten sich die Berge und Bänke in Bewegung —, nur die Masse um das Schiff schien bis auf den Grund hinunter ein einziger, unauflösbarer Kristall geworden zu sein. Und wer konnte wissen, ob das Fahrzeug, vom Eise befreit, nicht im ersten offenen Wasser sank? Noch einmal die kurze Sommerzeit versäumen? Das war das sichere Todesurteil für alle.
Der Mannschaft bemächtigte sich quälende Unruhe. Fort von hier, sobald wie möglich, auf irgendeine Weise! Wenn nicht mit dem Schiff, dann in der offenen Schaluppe! Es kostete Barents schwere Mühe, die Ungeduld der Leute zu zügeln, um diesmal nicht durch ein „Zu früh!“ neue Gefahr heraufzubeschwören. Um Zeit zu gewinnen, verlangte er, daß neben der Schaluppe auch ein Boot segelfertig gemacht werden müsse; es lag unter vereisten Schneewehen, und seine Freilegung war für die schlaffgewordenen Muskeln der ausgehungerten Mannschaft ein schweres Stück Arbeit. Die Leute murrten — lieber heute als morgen mit der Schaluppe los! „Wollt Ihr nicht,“ rief ihnen Hemskerk zu, „dann bleibt nur freie Bürger von Nowaja Semlja, seht aber ja zu, daß Ihr wenigstens rechtzeitig Euer Grab fertig macht. Mit der Schaluppe allein ist’s nicht zu wagen, wir brauchen das Boot, wenn es uns überhaupt gelingen soll, wieder nach Hause zu kommen.“ Die Leute sahen das ein und griffen zu Äxten und Spaten. Mitten in der Arbeit erschien plötzlich ein Bär. Alles stürzte zur Hütte, die besten Schützen verteilten sich an den drei Eingängen, ein vierter postierte sich aufs Dach. Das Tier war aber so schnell hinter ihnen her, daß dem Schützen, auf den es zunächst losging, kaum noch Zeit und Raum blieb, die Flinte zu erheben. Versagte der Schuß, dann war der Mann verloren, der Bär drang in die Hütte, und es blieb nicht bei dem einen Opfer. Aber der Schuß saß, die Bestie prallte zurück und brach zusammen. Wenige Tage später wurde ein zweiter Bär zur Strecke gebracht, und diesmal überwand der Hunger das bisherige Vorurteil gegen Bärenfleisch; man briet die Leber des Tieres und ließ sie sich schmecken. Unglücklicherweise war man dies eine Mal an ein offenbar krankes Tier geraten, die Mahlzeit bekam den Leuten so schlecht, daß sie sich für vergiftet hielten; doch erholten sich alle wieder; nur schälte sich ihre Haut ab vom Kopf bis zu den Füßen.
Am 7. Juni waren beide Fahrzeuge segelfertig. Ein heftiger Südweststurm mit Schnee und Hagel verzögerte noch die Abreise. Zur Ausbesserung der Schaluppe hatte man die Wandverschalung der Hütte abgenommen und konnte sich nun kaum mehr vor der eindringenden Nässe schützen. Am 12. konnte man sich endlich wieder hinauswagen. Zwei schwere Arbeitstage kostete es, bis die beiden offenen Boote mit Proviant, Tauwerk usw. beladen waren; dabei durfte zu Schaufel und Spitzhacke die Waffe nicht fehlen, denn die Bären schienen es sich in den Kopf gesetzt zu haben, die Flüchtlinge keinesfalls ohne blutigen Tribut davonkommen zu lassen.
Barents, der seit einiger Zeit kränkelte, benutzte die letzten Tage dazu, einen ausführlichen Bericht über seine Reise und über den auf Nowaja Semlja verbrachten Winter niederzuschreiben. Das Papier wurde in ein Pulverhorn verschlossen und am Kamin aufgehängt, damit Polarfahrer, die ein Zufall vielleicht nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten hierhin verschlug, erführen, was in dieser trostlosen Einöde die Ruinen eines Hauses bedeuteten. Zwei ähnliche Berichte verfaßte auch Hemskerk, ließ sie von allen Matrosen unterschreiben und in die beiden Fahrzeuge niederlegen, damit, wenn sie getrennt würden und vielleicht nur eines die bevorstehende Fahrt überstände, wenigstens die Überlebenden eine beglaubigte Urkunde über ihre abenteuerlichen Erlebnisse vorzuweisen hätten und nicht als Märchenerzähler daständen.
Am 14. Juni begann nun die Fahrt auf Leben und Tod. Für Barents brachte sie den Tod. Im Süden war kein Ausweg, also mußte wieder der Kurs um die Nordspitze von Nowaja Semlja herum genommen werden. Was die Holländer den Winter über ausgehalten hatten, erwies sich als ein Kinderspiel gegenüber dem, was nun jeder Tag und jede Nacht ihren schwachen Kräften zumuteten. Immer wieder schloß sich das Treibeis und drohte, die beiden lächerlich gebrechlichen Fahrzeuge zu zerquetschen; die Bemannung rettete sich mit den Booten auf Eisschollen, die Schollen brachen, Gepäck- und Proviantballen schwammen auf dem Wasser; man fischte sie mit Todesverachtung wieder auf und fand Zuflucht an der nahen Küste, ohne Trinkwasser und Feuer, von Bären verfolgt und verzweifelnd über dem Gedanken, hier aufs neue für Wochen festgehalten zu werden. Dann war plötzlich die See wieder eine Strecke eisfrei. Bei Nacht und Nebel und Sturm verlor man einander aus dem Gesicht und fand sich wieder nach unsäglichen Leiden. An einem der schlimmsten Tage, als sie alle ihren Tod vor Augen sahen, starb Barents plötzlich, zugleich mit ihm ein Matrose; 14 Tage später folgte ein zweiter. Die übrigen zwölf Mann aber hielten die übermenschlichen Strapazen dieser Todesfahrt aus und schlugen sich durch bis zur Küste Rußlands, wo Samojeden und Walfischfänger ihnen die erste Hilfe brachten. Endlich waren sie bei der Halbinsel Kola in Sicherheit, und hier wartete ihrer eine einzigartige Überraschung: sie trafen plötzlich den Kapitän Cornelius Rijp, der sich im vorigen Jahr von ihnen getrennt und nach Holland zurückgekehrt war; jetzt war er auf neuer Fahrt, um vielleicht Kunde über die verschollenen Kameraden mit heimzubringen. Die man längst in Nacht und Eis umgekommen glaubte, standen nun, wenigstens zwölf der tapfern Schar, leibhaftig vor ihm, und diese zwölf führte er im Triumph in die Heimat zurück, wo sie wie Meerwunder angestaunt und mit Recht als Helden gefeiert wurden. Die Nachricht von ihrer glücklichen Heimkehr nach der ersten Überwinterung in der Polaris und von ihrer fabelhaften Reise in zwei Nußschalen über das offene Eismeer vom 77. bis zum 68. Breitengrad ging wie ein Lauffeuer durch die ganze Welt, in Prosa und Versen wurde sie verewigt, zum schnurrenden Spinnrad sangen die Mädchen von den Abenteuern des Helden Barents und seiner Gefährten, und auf den Jahrmärkten pries sie der Bänkelsänger mitten unter den frischesten Moritaten.
Fast 300 Jahre später, 1871, kam ein norwegischer Kapitän namens Elling Carlsen in jene Bucht von Nowaja Semlja und fand das Barentshaus zwar völlig vereist, aber unter der Eislava wunderbar erhalten; er brachte eine Menge Geräte von dort mit, Krüge, Leuchter, Näpfe usw. von künstlerischem Wert, auch das Pulverhorn mit dem Reisebericht von Barents. Jetzt sind sie im Amsterdamer Reichsmuseum zu sehen, und wenn die Hütte kein Wirbelsturm zerstört hat, steht sie noch heute.
Das Goldland im Norden
„Es haben sich vil hohe vnd berümbte personen für der Zeit vnterstanden / Lender vnnd theil der Welt / welche vnsern Vorfaren vnbekandt vnd verborgen / zusuchen vnnd zuerfinden / haben auch dadurch große ehr vnnd einen ewigen namen bekommen / vnter welche billich der Haubtman Martin Forbisher gerechnet wirdt / denn er nicht weniger lob / als die andern / erlangt hat. Dieser Haubtman / seiner geburt ein Engellender / von hohen subtilen sinnen / keck vnnd unverzagt / begirig seinem Vatterland zu dienen / vnd dadurch einen namen zubekommen / hatt bey jm im jar 1577 beschlossen / so weit er möcht gegen Mitternacht zu schiffen / vnd in solche Lender / darein vor jm niemand kommen were ...
Als er nun bey sich beschlossen / sein heil ... zuversuchen vnd was er jm einmal fürgesetzet / zu einem ende zu bringen / hat er diss sein fürhaben für die Königin gebracht / vnnd daneben angezeigt / mit was großer gelegenheit jrer May. Vnterthanen / in dise weitentlegene Lender handthieren / auch durch was mittel vnd weg solches geschehen / vnd was großer nutz darauss folgen vnd entspringen könne. Solches desto gewisser zu erfaren / hat jre May. befolhen / man solte disem unserm Haubtmann ein Schiff von 150. Tonnen / vnd zwo Barken vntergeben / auch solche mit Munition vnnd Prouiant auff ein halb Jar wol versehen / hat jm auch von Adel / Kriegs vnnd Schiffleuten 140 Personen zugeordnet / vnd jm darneben befelch gethan / er solte seinen vorigen weg wider fürnemen / vnd weiter als zuuor sich wagen. Disem befelch nach sein wir zu Blakewal / so bey zweyen meyl von London gelegen / den 26. Maij des 1577. Jars zu Schiff gangen. / “
Dies ist der Anfang einer alten Historia von dem edlen Herrn Frobisher — so ist der richtige Name — in England, einem Schiffsleutnant und abenteuerlustigen Gesellen, der die Schriften und Karten der beiden Cabots fleißig studiert hatte und ihren Spuren zu folgen beschloß. Im Sommer 1576 war er zum erstenmal mit zwei kleinen Barken „Michael“ und „Gabriel“ und einer Pinasse auf dem Weg nach Nordwesten, um dort sein Glück zu versuchen. Am 11. Juli erreichte er schneebedecktes Land, die Südspitze Grönlands. Hier ging die Pinasse bei einem schweren Sturm mit Mann und Maus unter. Darüber war die Mannschaft des „Michael“ so entsetzt, daß sie schleunigst nach England zurückkehrte.
Frobisher aber ließ sich nicht zurückschrecken, sondern segelte auf seinem vom Sturm arg mitgenommenen „Gabriel“ weiter nach Nordwesten und drang bis zum 63. Breitengrad vor, höher hinauf, als die Cabots gekommen waren. Im Westen entdeckte er eine felsige Küste, in die ein Meeresarm einschnitt. Anfangs war er von Eis verstopft, später trieben die Schollen auseinander, und Frobisher konnte mehrere Tage westwärts segeln. Die Strömung schien aus Westen zu kommen, geradeswegs vom Stillen Ozean, wie er glaubte; die Nordwestdurchfahrt nach China und Indien war also gefunden. Mit dieser vorschnellen Feststellung begnügte er sich und kehrte um. Das Schiff in die Nähe der Küste zu bringen war infolge der Eisbarriere unmöglich; er sandte daher ein Boot mit etlichen Leuten aus, um dieses Neuland für England in Besitz zu nehmen und des zum Zeichen etwas Lebendiges oder Totes von dort mitzubringen. Die Matrosen fanden an der felsigen, völlig öden Küste nichts als winzige Blumen und Kräuter und einige gelbgeäderte Steine. Als aber Frobisher, um eine Karte aufzunehmen, am Eisrand entlang ruderte, kamen „lebende Wesen“ ans Ufer; erst hielt der Engländer sie für Seehunde, bis ihm klar wurde, daß er Menschen in Fellkleidern vor sich habe. Frobisher sah also zum erstenmal die nordischen „Wilden“, Eskimos, denn die Skrälinger der Normannen waren im Lauf der Jahrhunderte völlig in Vergessenheit geraten. Auch Renntiere lernten die Europäer hier zuerst kennen. Mit Hilfe der Zeichensprache kam eine Art Tauschhandel zustande, daraus ergab sich ein Streit, und die englischen „Seehähne“ werden nicht eben viel Federlesens mit den Eingeborenen gemacht haben. Eines Tages verschwand das Boot mit fünf Mann Besatzung spurlos. Frobisher sah darin eine Rache der „Wilden“ und raubte seinerseits einen Eskimo, den er mit nach England nahm.
Mit günstigem Wind kehrte der „Gabriel“ nach London zurück, wo man ihn längst verlorengegeben hatte. Um so größeres Aufsehen machte nun Frobishers Bericht von der Meeresstraße nach China und den neuentdeckten Ländern; der Wilde aus dem Norden wurde angestaunt, am meisten Eindruck aber machte der gelbgeäderte Stein. Die Alchimisten, die am Hof der Königin Elisabeth ebenso ihr Wesen trieben wie im übrigen damaligen Europa, flüsterten geheimnisvoll und wollten eine schwere Menge Gold in den Kieseln entdeckt haben. Zweifler wurden zur Ruhe verwiesen, denn was der Golddurst wünscht, glaubt er gern. Elisabeth und ihr Hof träumten nur noch von dem Goldlande hoch oben im eisigen Norden; um es mit einem Schleier des Geheimnisses zu umgeben, benannte man es Meta incognita, unbekanntes Grenzland. Die Königin ernannte Frobisher zum Oberadmiral aller Meere und Länder, die er noch entdecken werde, und versprach ihm, seinen Kindern und Kindeskindern ein Prozent von allen dort gefundenen Reichtümern. Unter ihrem mächtigen Protektorat konnte Frobisher im nächsten Jahr zum zweitenmal mit seinen beiden Brigantinen und einem größern Schiff, der „Ayde“, in See stechen. Diesmal zählte seine Mannschaft 140 Köpfe; Bergleute und Münzsachverständige waren gleich mit darunter.
Treuherzig erzählt der Chronist, wie überrascht die Leute waren, im Heu- und Brachmonat statt Blumenduft und Vogelgesang nichts als Eis und Schnee zu finden. „Dreyer gantzer Tage drehete der Haubtmann mit seinem Schifflein“, denn Meta incognita war von einer gewaltigen Eismauer umgeben. Mit den zwei kleinen Brigantinen brach sich Frobisher endlich Bahn, während die „Ayde“ auf dem offenen Meer mit heftigen Stürmen zu kämpfen hatte. Die nackten Berge waren mit tiefem Schnee bedeckt, die Felsen an ihren Abhängen und an der Küste schienen wie von einem Erdbeben wild aufgetürmt, und die „Eisschrollen“ rings im Meer machten den Steuermännern viel zu schaffen. Schließlich bekamen die Engländer auch etliche Eskimos zu Gesicht, „so da mit wunderlichen springen vnnd tantzen / auch geschrey / sich gegen uns erzeigeten / vber welchen wir vns alle hefftig verwundert haben / Unser Oberster hat sich / so vil jm müglich / beflissen / solche zu sich zu locken/ hat sich auch auff das freundlichste gegen ihnen gestellet / als er nur erdencken hat mögen / hat jnen auch etliche Messer vnd ander Kinderwerck verehret. Aber sie sind so mißtrawig / verschmitzt vnnd listig / daß sie nichts von vns haben wöllen annemen / sonder durch zeichen haben sie zuuerstehen geben / wir solten / was wir jnen geben wollten / auff das Land legen / welches von vns geschehen / vnd haben sie es bald abgeholet / vnnd andere ding von jren wahren dargegen hingelegt / auff andere weg haben sie vns nicht trawen wollen. Letzlich sein jrer zwen auss jnen / als sie jre Waffen von sich geleget / zu vnserm Obersten genahet / welcher desgleichen getan / vnd ausstrücklich befolhen / es solte sonst keiner sich regen. Darauff ist er stracks zu jnen gangen / sich gar freundlich gegen jnen erzeiget / der hoffnung er wolte also einen ergreiffen / aber sie haben nicht harren wollen / sondern sein zuruck geloffen / vnnd also dauon kommen / haben auch jre Bogen wider zu henden genommen / solche gespannet / auff vnsern Obersten geschossen / sich auch für den vnsern so nahe dabey jnen zu begegnen hielten / gar nichts entsetzet / aber gleichwol haben sie nicht so wol auff jre schantz sehen mögen / daß wir nicht zwen auss jnen ergriffen haben / derer einer vns wider entworden / der ander ist unser Gefangner bliben / vnd sein jrer vil verwundt worden.“
Mit der „Freundlichkeit“ der fremden Eroberer war es also nicht eben weit her, und die Eingeborenen wußten wohl, warum sie sich nicht herantrauten.
Am 20. Juli endlich gelang es, auch das große Schiff, nachdem es ein Stück die Frobisher-Straße hinaufgefahren war, nahe am Ufer festzumachen. Die Bemannung schleppte von dem Goldgestein soviel zusammen, wie die Schiffe nur fassen konnten. Frobisher lag sehr daran, über den Verbleib der im Vorjahr verschollenen fünf Matrosen etwas zu erfahren; aber die Eskimos rissen aus, sobald sie nur die Engländer von weitem sahen. Das ärgerte Frobisher, er sah darin böswillige Verstocktheit der Wilden gegen die Bringer der europäischen Kultur, vielleicht auch einen Beweis bösen Gewissens wegen der fünf verschollenen Matrosen. Deshalb versuchte er sein Ziel mit Gewalt zu erreichen, wie der Chronist berichtet:
„Disen tag / als wir vns miteinander berathschlaget / haben wir geschlossen auff allerley weg zuuersuchen / ob wir diss wilde Volck mit guten worten bereden / oder ja etliche fangen möchten / von jnen etwas von den vnsern / die wir das vorige Jar verloren / zu erfaren. Wie wir nun derhalben wider an das ort gekommen / da wir zuuor die Hütten gefunden / werden wir als bald gewar / das solche hinweg / vnnd an ein anders ort auff eine spitze am Gestatte / so zimlich weit inn das Meer sich erstreckete / auffgeschlagen sein / der vrsach / so man jnen zuwolte / das sie auff jren Schifflein geschwind sich köndten dauon machen. Wie wir solches gesehen / haben wir vnsere Leut inn zwen hauffen getheilet / vnd als wir den Berg / darauff sie sich gelagert / vmbgeben hatten / ware vnsere meinung / sie vnuersehens zuüberfallen. Aber so bald sie vnser gewar wurden / sein sie geschwind jren Schifflein zugeeylet / auch in der eyl jre Ruder fast alle dahinden gelassen / vnnd sein also an diser seitte hergeschiffet / da sie vnsere Brigantin angetroffen / vnnd zu Land getriben haben / welches / so sie jre Ruder alle gehabt / nit geschehen were / vnd hette man nur die zeit jnen nachzufolgen verloren / so geschwind sein sie. Nachdem sie nun zu Land getriben / haben sie inn die vnsern / mit jren Bogen / mit gewalt gesetzet / aber wir haben jrer vil mit unserm geschoss verwundt. Als sie nun gesehen / das sie also empfangen vnd verwundt wurden / haben sie sich von der höhe inn das Meer gestürtzet vnd erseufft ... Die andern / als sie jre gesellen inn solcher angst sahen / sein auff das Gebirg dauon geflohen / bey jnen waren zwey Weiber / welche so geschwind / wie die andern / nicht lauffen kondten / solche haben bezalen müssen / die eine war gar ein altes Weib / die andere trug ein Kind / darumb sie den iren nicht hatte folgen mögen. Dise alte war so hesslich vnd vngestalt / das wir für jr erschracken / vnd hielten es die vnsern dafür / es were ein alte Zauberin / derhalben liessen wir sie wider lauffen / vnnd behielten die junge / sampt jrem Kind / dises ort nenneten wir Blondiponit / das ist / die Blutige spitze.“
Nach diesem Raubzug war natürlich die Freundschaft mit den Eskimos vollends verscherzt.
Von den 140 Mann Besatzung sollten sich, das war der Wunsch der Königin Elisabeth, einige in dem neueroberten Goldland ansiedeln, und von Frobisher erwartete sie, daß er nun stracks nach China fahren werde. Nachdem aber der Oberadmiral von Meta incognita 200 Tonnen Erz in seinen Schiffen verstaut hatte, dazu eine ganze Eskimofamilie mit Hab und Gut, sagte er sich, daß damit des Guten für diesmal genug sei, und fuhr nach Hause. Er wurde auch mit großem Jubel empfangen; die Königin selbst begrüßte die schwerbeladenen Schiffe, und die gefangenen Eskimos machten „vil kurztweill vnnd gelechter“, besonders ihre Fellbekleidung, die hinten in einem breiten Schwanz endete, bei Männern wie bei Frauen. Spätere Schilderungen wissen von dieser Tracht nichts mehr, die Mode scheint also auch im Norden sich gewandelt zu haben. Die Zelte aber, die Waffen und vor allem die kleinen schmalen Fellboote, die Kajaks, erregten bei den englischen Sportsleuten große Bewunderung. Im übrigen hielt man die Eskimos für Menschenfresser, weil sie rohes Fleisch aßen und das Blut getöteter Tiere tranken. Die Gefangenen starben schon nach kurzer Zeit; das milde Klima tötete sie.
Der Goldschatz wurde in die königliche Münze geschafft, aber man verlangte nur immer nach mehr. Also wurde Frobisher im nächsten Jahr zu einem dritten Beutezug ausgeschickt. Diesmal ging eine Armada von 17 Schiffen nach Meta incognita ab, auf der Rückkehr aber wurde sie mit ihrer kostbaren Last durch einen furchtbaren Sturm völlig zerstreut; nach langen Irrfahrten landeten die Schiffe, das eine hier, das andere dort, in einem englischen Hafen. Auf diese Weise bekamen auch andere Leute als die königliche Schatzkommission die geheimnisvollen Golderze zu Gesicht, und plötzlich wußte jedermann, daß keine Spur von Gold darin zu finden war. Die ganzen Schiffsladungen erwiesen sich als wertloses Felsgestein, das man mit großen Opfern und unter nicht geringern Gefahren nach England geschleppt hatte. Einige Jahre später fielen, wie schon erzählt, die Holländer unter Barents derselben Täuschung zum Opfer.
Frobishers Reisen nach dem Norden waren damit zu Ende.
Hudson und Baffin
Obgleich Frobishers Fahrten nach Meta incognita, dem südlichen Zipfel des heutigen Baffin-Landes, durch seine vergebliche Goldhamsterei einen tragikomischen Ausgang nahmen, waren sie doch entdeckungsgeschichtlich von großer Bedeutung. Frobisher war der erste Engländer, der den Südzipfel Grönlands betrat, und seine Entdeckungen zeigten einer ganzen Reihe kühner Seefahrer aufs neue den Weg nach dem Nordwesten. Seine ersten beiden Reisen führten in den nach ihm benannten Frobisher-Sund; auf der dritten wurde er zunächst etwas nach Süden hin verschlagen und fuhr eine Strecke den breiten Wasserarm nach Westen hinauf, in den schon Sebastian Cabot — wie weit, ist unbekannt — eingedrungen war, der aber weder nach ihm noch nach Frobisher seinen Namen führt, sondern nach dem englischen Kapitän Henry Hudson. Diesem selben Manne zu Ehren heißt das nordamerikanische Binnenmeer die Hudson-Bai, und noch eine dritte Stelle der Landkarte verewigt seinen Namen: der Hudson-River, der „amerikanische Rheinstrom“, dessen Mündung Hudson im Dienst der Holländisch-Ostindischen Kompagnie im Jahre 1609 erforschte. Gleich darauf kauften die klugen Mijnheers die in der Strommündung liegende Insel Manhattan den Indianern für 90 Goldmark und eine Flasche Branntwein ab und gründeten hier eine Stadt, die heute den Namen New York trägt.
Ein amerikanisches Märchen erzählt von dem gutmütigen Faulpelz Rip van Winkle, dem Nachkommen eines jener unternehmenden Holländer, der im Jahre 1770 auf einer Streife durch die Catskillberge am Hudson in einer ihm ganz fremden Schlucht eine Gesellschaft alter Herren trifft, die nach Ansehen und Tracht wie aus uralten holländischen Bildern herausgeschnitten erscheinen und sich stumm und mit seltsam starren Gesichtern am Kegelspiel ergötzen. Überwältigt vom kräftigen Wacholderschnaps, den er hier zu kosten bekommt, schläft Rip van Winkle ein, und als er wieder erwacht und seine Hütte, sein Weib und seine Kinder aufsucht, findet er die Welt völlig verändert: er hatte 20 Jahre verschlafen, weltgeschichtliche Jahre, in denen die 13 Kolonien Englands in Amerika sich nach zehnjährigem blutigen Krieg vom Mutterland unabhängig machten und George Washington zum ersten Präsidenten ihrer Vereinigten Staaten ernannten. Den aus zwanzigjähriger Verschollenheit wieder auftauchenden Rip halten die jetzigen Bewohner seines Heimatortes für einen Schwindler oder Narren, bis sich schließlich ein alter Kumpan findet, der ihn wiedererkennt und seine Erzählung bestätigen kann; denn sein Großvater habe oft versichert, daß es in den Catskillbergen nicht geheuer sei, und daß der große Hendrik Hudson — durch diese Namensänderung machten ihn die Holländer zu ihrem Landsmann — von Zeit zu Zeit mit seiner holländischen Schiffsmannschaft in einer der Schluchten Kegel schiebe; auch sein Vater habe ihn gesehen, und an stillen Sommertagen könne man das Rollen der schweren Kugeln bis hierher hören.
So lebt Hudson in der Sage fort, und wie eine Sagengestalt mutet die ganze Erscheinung dieses Mannes an. Geheimnisvoll ist sein Aufgang, grauenhaft wie ein Spuk und erschütternd sein Untergang. Sein Geburtsjahr ist unbekannt, kein Ort in England kann sich seine Vaterstadt nennen, kein Bild von ihm ist erhalten. Wir wissen nichts über seinen Bildungsgang, wir kennen überhaupt nur die vier letzten Jahre seines Lebens. Er ist plötzlich da und verschwindet nach kurzer Frist wie ein Meteor. Aber diese vier Jahre sind reicher als ein anderes ganzes Menschenleben. Sie bieten gewissermaßen eine Gesamtrechenschaft über die damalige Polarforschung. Alle tastenden Versuche seiner Vorgänger nach Osten und Westen, durch mehr als ein Jahrhundert hindurch, wiederholt — man möchte fast sagen: kontrolliert er in vier kurzen Jahren. Seine Logbücher, die Schiffstagebücher von seinen Reisen, sind erhalten und die einzige Kunde über ihn. Sie zeigen, daß er eine Natur war wie Kolumbus oder Nansen, ein Kopf, der das gesamte geographische Wissen seiner Zeit über die Polarwelt vollkommen beherrschte und sich aus dem Studium fremder Reiseberichte, so widerspruchsvoll, dilettantisch und märchenhaft sie auch auftraten, ein festes Weltbild geschaffen hatte. Über die Richtigkeit dieses seines Weltbildes wollte er Gewißheit haben und geben.
Im Frühjahr 1607 tritt er plötzlich in der Entdeckungsgeschichte auf als „Master“ oder Kapitän im Dienst der englischen Moskowitischen Handelsgesellschaft. In einer Nußschale von 80 Tonnen mit 12 Mann Besatzung verläßt er am 27 April London. Sein Ziel ist: geradeaus nach Norden über den Pol nach Japan und Indien. Am 13. Juni erreicht er die Ostküste Grönlands und segelt 9 Tage an ihr hinauf bis zum 73. Breitengrad. Dann biegt er, der Eisgrenze folgend, nach Nordosten ab, betritt als erster die Nordwestküste Spitzbergens und dringt weiter nordwärts bis zum 82. Grad vor, den kein Polarfahrer vor ihm je erreicht hat. Hier verrammelt ihm das Eis den Weg, eine Durchfahrt nach Norden findet sich nicht, und auch den Plan, um die Nordküste Grönlands herumzufahren und längs seiner Westküste wieder südlich zu gehen, muß er aufgeben. Nach fünf Monaten ist er wieder in London. Er bringt die erste genauere Kunde von Ostgrönland und Spitzbergen und entdeckt auf der Rückfahrt eine Insel, die später Jan Mayen genannt wurde.
Im nächsten Jahr versucht er im Nordosten durchzustoßen. Wieder mit einem kleinen Schiff und 14 Mann Besatzung — darunter sein Sohn John — bricht er am 22. April von London auf, umfährt am 3. Juni das Nordkap und kreuzt unter heftigem Kampf mit Treibeis und Sturm hinauf bis über den 73. Grad. Weiter kommt er nicht und geht etwas südlicher beim Gänse-Land in Nowaja Semlja vor Anker. Er findet hier die Berge schneebedeckt, aber die Abhänge sind grün, von Renntierherden bevölkert; Wale, Walrosse und Robben beleben die Küste. Ein großer Fluß kommt von Nordosten. Ein Teil der Mannschaft fährt auf einem Boot stromaufwärts, um festzustellen, ob diese Wasserstraße weiter nach Osten führt. Eine Durchfahrt ins Karische Meer aber findet sich nicht, auch weiter südlich durch die Waigatsch-Straße läßt die Eismauer keine Straße ins Karische Meer und nach der Obmündung frei. Hudson macht auf dieser Fahrt die ersten Beobachtungen über die Inklination der Magnetnadel. Geschäftlich aber ist seine Reise ein noch schlimmerer Mißerfolg als die erste, und die Londoner Kaufleute verzichten auf weitere Experimente.
Hudson geht nach Holland, und am 25. März 1609 ist er schon wieder auf Fahrt, diesmal im Dienst der Holländischen Kompagnie. Noch einmal steuert er nach Osten, um irgendwo bei Nowaja Semlja durchzubrechen. Aber seine Mannschaft besteht aus lauter Neulingen, die nur in der Südsee kreuzten, Kälte und Eis nicht gewohnt sind. Sie meutern, und am 19. Mai muß Hudson umkehren. Er nimmt nun den Kurs nach Westen. Läßt sich die nordöstliche Durchfahrt nicht ertrotzen — vielleicht gelingt die nordwestliche. Aber die Mannschaft zwingt ihn, südlich zu halten; er muß bis zum 44. Breitengrad hinab, kreuzt an der Küste Amerikas und befährt hier zum erstenmal den Strom, dem er seinen Namen gibt und an dessen Mündung 1613 Neu-Amsterdam, das heutige New York gegründet wird. Von den Eingeborenen handelt er Felle ein, aber der Proviant geht zu Ende; die Mannschaft will nach Hause. „Der Halbmond“, so heißt das Schiff, kommt noch hinauf bis Meta incognita, dann zwingen die Leute ihren Anführer zur Heimkehr. Am 7. Dezember landet er im Hafen von Dartmouth.
Auch dieser Fehlschlag entmutigt Hudson nicht. Er findet drei englische Kaufleute, die ihm zur Erkundung einer nordwestlichen Durchfahrt ein Schiff anvertrauen, aber nur unter einer Bedingung: ein anderer erfahrener Seemann namens Coleburne soll ihn begleiten. Einen Aufpasser aber kann Hudson nicht brauchen. Am 17. April geht er unter Segel; noch in der Themse schickt er Coleburne mit einem Brief an seine Auftraggeber nach London zurück und fährt davon. Die Mannschaft murrt, läßt sich aber beruhigen. Von Island geht’s zur Südspitze Grönlands und dann auf den Spuren Frobishers nach Meta incognita, in dessen Süden eine breite Wasserstraße nach Westen sich eröffnet. Hudson hält sich an ihrem Südgestade und folgt ihm nach Nordwesten. Am 28. Juli erreicht er die Charles-Insel; am 3. August sieht er eine offene Wasserfläche vor sich, die sich unbegrenzt nach Süden und Südwesten erstreckt. Sein Ziel scheint erreicht, seine Ausdauer belohnt: er hat Amerika umfahren, das Meer vor ihm ist die Südsee, die westliche Durchfahrt nach Asien ist gefunden!
Mit diesem 3. August, der Entdeckung der Hudson-Bai, endet das Tagebuch des Kapitäns. Was sich weiter begab, wissen wir nur aus den gerichtlichen Aussagen der Matrosen. Hudson war ein Mann von eisernem Willen und rücksichtsloser Strenge. Die Leidenschaft des Entdeckers beseelte ihn ganz, er achtete sein eigenes Leben nicht, auch nicht das seiner Leute. Kehrte er jetzt nicht um, dann war von Heimkehr in diesem Jahr nicht mehr die Rede; die Hudson-Straße ist nur kurze Zeit eisfrei und passierbar. Zu einer Überwinterung reichten die Lebensmittel nicht. Hudson steuerte längs der Ostküste der Bai südwärts, erreichte im September die James-Bai und wurde Anfang November in einem Inselhafen vom Eise eingeschlossen. Das Schiff ließ er auf den Strand ziehen und das Winterlager herrüsten. Schon im September hatte er einen widerspenstigen Offizier absetzen müssen; die Mannschaft gehorchte nur noch widerwillig seinem Befehl. Der Zimmermann weigerte sich, die Winterhütte zu bauen, er sei Schiffszimmermann, nicht Landzimmermann. Noch ließ sich der Aufruhr bändigen, und der Winter wurde trotz der knappen Lebensmittel ohne sonderliche Entbehrung überstanden; die Jagd auf Zugvögel erwies sich als einfach und sehr ergiebig. Im Frühjahr aber wurde diese Beute rar, die Rationen mußten auf ein Minimum herabgesetzt werden, und der Kapitän überwachte mit unnachgiebiger Strenge die Verteilung der Lebensmittel. Der Groll wuchs und kam schließlich zu einem furchtbaren Ausbruch. Anführer der Meuterer war ein Maat namens Green, den Hudson als verlassene Waise aus dem Elend gezogen, in sein Haus aufgenommen und als seinen Liebling verhätschelt hatte. Als Ende Juni die Bai eisfrei wurde und das Schiff zur Abfahrt unter Segel ging, traten die Meuterer, Green an der Spitze, ihrem Kapitän mit der Waffe in der Hand entgegen. Nur wenige Getreue scharten sich um ihn, sechs Matrosen und der Schiffsmathematiker Woodhouse, Hudson nebst seinem Sohn, der noch Kind war, wurde mit jenen sieben in einem Boot, fast ohne Nahrungsmittel, nur mit einer Flinte als Waffe, ausgesetzt und seinem Schicksal überlassen, während das Schiff nach Norden davonfuhr. Nie hat sich eine Spur von ihm mehr gefunden, völliges Dunkel schwebt über dem gräßlichen Ende Hudsons, seines Sohnes und seiner sieben Gefährten. Das Schiff fand den Rückweg nach England, aber ein Teil der Leute kam auf der fürchterlichen Fahrt ums Leben; die einen, darunter der Rädelsführer Green, fielen im Kampf mit räuberischen Eskimos oder Indianern, die andern verhungerten; der Rest fristete sein Leben durch Fische, Seevögel und Seetang, schließlich durch Knochen, die sie in Weinessig aufweichten. Sie wurden vor Gericht gestellt und schwer bestraft. Eine Rettungsexpedition unter Sir Thomas Button kehrte ergebnislos zurück; sie fand weder die neun Verschollenen noch einen westlichen Ausgang aus der Hudson-Bai, die sich als ein Binnenmeer erwies, allerdings mit einer kanalartigen Verzweigung nach Norden, den Fox-Kanal, wie er nach seinem späteren Erforscher Kapitän Luke Fox (1631) genannt wurde. Alle Versuche aber, sich durch das Inselgewirr, in das sich der Norden Amerikas auflöst, durchzukämpfen, erwiesen sich als vergeblich, und die Hoffnung, hier eine Durchfahrt nach Nordwesten zu finden, mußte aufgegeben werden.
Einer der Männer, die zunächst den Spuren Hudsons folgten, war William Baffin. Seine Expedition zur Hudson-Bai im Jahre 1615 ließ ihn die Unmöglichkeit weiteren Vordringens erkennen. Wenn es überhaupt eine nordwestliche Durchfahrt gebe, erklärte er, könne sie nur an der Westküste Grönlands hinauf gefunden werden. Hier hatte unterdes John Davis auf drei Fahrten (1685—1687) die 340 Kilometer breite Meeresstraße zwischen Grönland und den amerikanischen Polarinseln bis zum 73. Grad hinauf gründlich durchforscht und damit die Kenntnis der Polarwelt um ein gewaltiges Stück erweitert. Diese Aufklärungsarbeit setzte keiner erfolgreicher fort als Baffin, der im Jahre 1616 durch die Davis-Straße hinauf die gewaltige Bai durchquerte, die den Namen ihres Entdeckers erhielt, ebenso wie das Land im Westen. Baffin erreichte als erster die Melville-Bai, den Smith-Sund und den Lancaster-Sund, Namen, die in der spätern Polarforschung große Berühmtheit gewannen, und war auf dem richtigen Wege. Dennoch verzweifelte er, eine Durchfahrt nach Nordwesten zu finden, da die Fluthöhe, je weiter er kam, immer mehr abnahm, also durch den Atlantischen Ozean bestimmt wurde. Außerdem litten seine Leute an Skorbut, und die Küsten waren durch die vorgelagerten Eisbänke unzugänglich. Er kehrte daher zurück und machte aus seiner Überzeugung kein Hehl, daß der Glaube an einen nordwestlichen Seeweg endgültig aufzugeben sei. Damit scheidet dies Problem auf zwei Jahrhunderte aus der Entdeckungsgeschichte aus. Baffin hat durch diese Erklärung seinen eigenen Ruhm aufs empfindlichste geschädigt, und die Gegner seiner Theorie gingen schließlich so weit, alle seine Berichte als unglaubwürdig zu verdächtigen. Das geschah am nachdrücklichsten durch einen Engländer namens Barrow, den Sekretär der englischen Admiralität, — aber unglücklicherweise im selben Jahr 1818, als die englische Expedition von James Ross alle Entdeckungen Baffins aufs glänzendste bestätigte und den Ruhm des großen Forschers wiederherstellte.
Der Apostel Grönlands
Der große arktische Kontinent Grönland war den Walfischfängern im 16. und 17. Jahrhundert wohlbekannt; wenn das Eis es erlaubte, legten sie oft an seinen Küsten an, tauschten auch bei den Eskimos Seehundsfelle gegen Nadeln und Töpfe ein. Die Seefahrer, die den nordwestlichen Durchgang nach Indien suchten, Frobisher, Davis, Baffin und Hudson, kannten Grönlands Südspitze, auch Teile der Westküste. Politisch aber war es Niemandsland, als Handelsstation vergessen, und selbst die Kirche hatte ihr nördlichstes Bistum aufgegeben. Die alten Sagen aber lebten fort: von der grünen Insel, die ein Eiswall umgab, von den Normannen, die ehemals von dort auf ihren Wikingerschiffen die Meere durcheilt und Christen geworden waren, über die ein Bischof herrschte Von wilden Bewohnern, die in Fellbooten zwischen den Eisschollen umherflitzten, wußten die Walfischjäger genug zu erzählen; Christen aber waren sie da oben nie begegnet. War der Normannenstamm Eriks des Roten völlig ausgestorben und ausgerottet? Oder waren seine Nachkommen in Barbarei und Heidentum zurückgesunken und mit den Ureinwohnern verwildert? War es nicht Christenpflicht, ihre Spur zu suchen, ihnen aufs neue das Evangelium zu verkünden und sie in die Gemeinschaft der europäischen Kultur zurückzuführen?
Ein frommer lutherischer Pfarrer namens Hans Egede hing diesen Fragen nach und wurde darüber zum Missionar. In Norwegen 1686 geboren, studierte Egede in Kopenhagen Theologie; schon mit 21 Jahren war er Prediger auf den Lofoten, nördlichen Inseln seiner Heimat; er war Gatte einer tüchtigen Frau und Vater von vier Kindern. Dieses Stilleben befriedigte ihn nicht, er fühlte sich zu einer größeren Aufgabe berufen und verlangte, als Missionar nach Grönland zu gehen Der Bischof zuckte die Achseln — Missionen kosten Geld. Damals lag König Friedrich II. mit Karl XII. von Schweden im Kampf — für Kulturaufgaben blieb da nichts übrig Egede ließ sich nicht abschrecken; er gab 1718 seine Pfarre auf und suchte unternehmende Kaufleute, die sich an einer Expedition nach Grönland beteiligten. Als der Friede geschlossen war, gelang ihm in Bergen die Gründung einer „Gesellschaft für den grönländischen Handel“. Mit Unterstützung des Dänenkönigs, dem jetzt Norwegen wieder gehörte, wurde ein Segelschiff, die „Hoffnung“, ausgerüstet, und nach stürmischer Überfahrt betrat Egede mit seiner Familie und etlichen Landsleuten, die sich ihm angeschlossen hatten, die Westküste Grönlands. Seinen Landungsplatz nannte er „Godthaab“ (Gute Hoffnung); so heißt der Ort noch heute.
Leicht war aber an die „Wilden“ nicht heranzukommen. Zum Eintausch von Eisenwaren usw. waren ihnen die Grönlandfahrer oft willkommen gewesen; aber daß sich diese „Kablunaken“ (Hundesöhne) hier, wo sie nichts zu suchen hatten, niederließen, ein Haus bauten und sich auf eine Überwinterung einrichteten, machte die Eskimos doppelt mißtrauisch. Durch reiche Geschenke überwand Egede ihre anfängliche Furcht; neugierig und gutmütig, wie sie waren, halfen sie nun selbst beim Hausbau und freuten sich an den fremden Kindern; so kleine „Kablunaken“ hatten sie noch nie gesehen, denn die Walfischfänger waren durchweg vierschrötige, mürrische, oft hinterlistige, immer auf ihren Vorteil erpichte Kerle. Aber plötzlich war der ganze Eskimostamm verschwunden, seine Steinhütten bei Godthaab standen leer; auf Kajaks und Umiaks (Weiberbooten) war er mit Sack und Pack nordwärts gezogen, ohne Abschied zu nehmen, und die des Landesbrauchs unkundigen Kolonisten saßen gottverlassen da und gerieten in Not. Mehl und Grütze hatten sie aus der Heimat reichlich mitgebracht, für Fleisch aber sollte die Jagd sorgen, und nun waren die Eskimos allein in ihre ergiebigen Jagdgründe abgerückt, ohne sie den Norwegern zu verraten oder die Fremden zur Teilnahme einzuladen. Um seinen Leuten wenigstens einen Weihnachtsbraten zu verschaffen, sandte Egede einige Mann auf gut Glück nordwärts ins Innere des Landes. Ein Schneesturm überfiel sie, und sie hätten sich schwerlich zurückgefunden, hätten sie nicht zufällig ihre Eskimos wiedergetroffen. Obdach wurde nur widerwillig im Iglu, dem Schneehaus, gewährt, denn auf Gäste, die sich nicht zu helfen wissen, ist der Eskimo nicht eingerichtet; wer nicht für sich selbst sorgen kann, gefährdet in diesem schweren Kampf ums Dasein den andern, der sich seiner annimmt. Drei Tage dauerte der Schneesturm, und als er vorüber war, schieden die Fremden als gute Freunde von ihren Wirten; einer der Grönländer hieß Aroch, einer der Norweger Aron — der Zufall dieser Namensähnlichkeit hatte das Eis zwischen ihnen gebrochen. Verstehen konnte man einander nicht, aber man lachte über dieselben Dinge und kam sich so menschlich näher. Bald ließen sich die Grönländer wieder beim Stationshaus sehen, und Egede besuchte sie in ihrer Niederlassung, die 30 Hütten mit 150 Bewohnern umfaßte. „Infolge der stets brennenden Lampen“, berichtet er in seinem Tagebuch vom 21. Januar 1722, „war es in den Häusern zwar sehr warm, aber dafür herrschte ein für mich unerträglicher Gestank. Männer und Weiber waren fast nackend; sie trugen nur kleine Hosen, mit denen sie ihre Blöße notdürftig bedeckten. Sie lebten aber sehr friedlich und einträchtig miteinander und aßen alle gemeinsam. Der Umgang der Männer und Weiber miteinander war bei jung und alt züchtig und höflich. Beschwerlich wurden sie uns infolge ihrer Unreinlichkeit und des Gestankes, die von dem herumliegenden Speck und andern Dingen herrührten.“ Egede erzählt dann von einem „Affenspiel“, das er an diesem ersten Tag bei den Grönländern erlebte. „Als ich abends eben eingeschlafen war, wurde ich durch ein sonderbares Singen und Schreien wieder geweckt. Alle Lampen waren gelöscht, so daß es ganz dunkel war. Es war nun schauerlich zuzuhören, wie einer ihrer ‚Angekoke‘ oder Hexenmeister, der auf der Erde saß und auf einer Trommel spielte, mit einer abscheulichen Stimme bald leise, bald laut schrie, pfiff und plapperte. Hierauf zitterte er wie einer, der furchtsam oder erfroren ist und kaum reden kann. Als er aufhörte, sprachen alle Weibsleute in einem sachten, furchtsamen Tonfall, dann fingen sie wieder an zu singen ... Erst viel später, als ich mit ihnen gut bekannt war und ihre Sprache verstand, erfuhr ich, was dieses Affenspiel zu bedeuten hatte. Die Grönländer konnten es nämlich nicht verstehen, warum wir in ihr Land gekommen seien, und fürchteten sich vor uns. Deshalb mußten ihre Angekoke, ihre Weisen und Propheten, ihren ‚Torngarsuk‘, das ist der ‚Spiritus familiaris‘, fragen, was wir im Sinne hätten. Ob wir unsere Leute rächen wollten, die früher im Land gewohnt hätten und von ihren Vorfahren ermordet worden wären? Ihr Torngarsuk sollte uns an diesem Vorhaben hindern und bewirken, daß wir auf die eine oder andere Art verunglückten. Als ihre Angekoke merkten, daß wir ihnen nichts Böses taten, sagten sie von mir: ‚Der Priester ist selber ein Angekok‘, denn sie sahen, daß ich meinen Leuten predigte und ihnen zu befehlen hatte.“
Damit hatte Egedes friedliche und uneigennützige Eroberung Grönlands begonnen. Die Eskimos verkauften ihm Fische und lehrten seine Leute die Kunst des Fischfangs mit langen Schnüren aus Walroßhaut. Der freundschaftliche Verkehr blieb auch bestehen, als sie im Frühjahr auf die Seehundsjagd davonzogen; er dehnte sich, dank dem Wohlwollen der „Angekoke“, auf all die Nomadenstämme aus, die, je nach der Jahreszeit, sich in der Nähe des Stationshauses niederließen oder umherschweiften, um dem Walroß, den Robben oder dem Walfisch nachzustellen.
Das wichtigste Verständigungsmittel aber fehlte noch: die Kenntnis der Eskimosprache, und wie sollte Egede ohne sie diesen Heiden das Evangelium predigen? Er begann also ein systematisches Studium ihrer schweren Sprache; er legte sich ein Vokabularium an, und um schneller damit vorwärtszukommen, nahm er kleine Eskimos als Gespielen seiner Kinder ins Haus, sandte auch seine beiden Söhne von zehn und zwölf Jahren auf Wochen zu den neugewonnenen Freunden. Die Kinder verständigten sich am leichtesten; Vaters Vokabelschatz vermehrte sich so schnell, daß er schon im nächsten Jahr versuchen konnte, den zutraulichen Nachbarn, die sich um das Pfarrhaus angesiedelt hatten, einen Begriff vom Christentum beizubringen. Von Nachkommen der Normannen entdeckte aber Egede nichts; die noch lebendige Überlieferung, daß die Vorfahren seiner neuen Gemeinde vor Jahrhunderten die Reste der „Kablunaken“ in ihren Steinhäusern überfallen und niedergemacht hätten, mußte also wohl auf Wahrheit beruhen.
Die „Gesellschaft für den grönländischen Handel“ aber gedieh schlecht; sie löste sich 1726 auf. Die Eingeborenen litten selbst oft Hunger, wenn der Winter gar zu lang und die Jagd wenig ertragreich war; von ihnen war überhaupt wenig zu erhandeln, und in der Missionsstation ging es daher meist sehr knapp her; mit dem Zuschuß des Königs, 2000 Mark, war nicht viel auszurichten. Alljährlich brachte ein Regierungsschiff nur das Notwendigste, und zu Jagd und Fischerei wollten sich Egedes Leute nicht recht bequemen; sie waren faul und widersetzlich. Sträflinge und Soldaten, die der dänische König zur Ansiedlung herüberschickte, waren auch nicht die rechten Kulturpioniere. An einigen Stellen der Westküste, wo die Jagd ergiebig war, legte Egede Niederlassungen an, so auf der Insel Disko, wo der Trantierfang gute Ausbeute versprach. Er versuchte es sogar mit der Landwirtschaft; an dem Meerbusen Ameralik bei Godthaab säte er im Mai Korn und Rüben; aber die Ähren setzten keine Frucht an, und die Rüben wurden nicht größer als Radieschen. Das Innere Grönlands erwies sich als unzugängliches Eisgebiet, und an der Küste brachte der Sommer nur dürftige Weide für die Ziegen hervor. 1723 reiste Egede in zwei kleinen Schaluppen nach der Südspitze Grönlands und fand hier als Überreste der Normannenzeit Ruinen von Häusern und Kirchen, aber keine Menschen von europäischem Typus. Die dort wohnenden Eskimos kamen ihm erst feindlich entgegen; als sie aber von seinen Begleitern, ihren Landsleuten, hörten, wer er sei, waren sie bald gute Freunde, und sein Ansehen stieg zu dem eines Wundermanns, als er einen Augenkranken durch glückliche Behandlung vor Blindheit rettete. Als er abreiste, begleiteten ihn 40 Boote der Eingeborenen, und die Weiber sangen ihm zu Ehren. Gar zu gern wäre Egede auch nach der Ostküste vorgedrungen; aber der Sommer war zu kurz, und dorthin wollte ihn niemand begleiten, denn da wohnten Menschenfresser, versicherten die Eskimos.
Die Christengemeinde Egedes vergrößerte sich schnell. Die einfachen Naturkinder hörten es gar zu gern, wenn Egede ihnen von Christus erzählte, und wenn auch die heidnischen und christlichen Vorstellungen noch bunt durcheinander liefen, versicherten sie treuherzig, sie verständen ihn sehr gut, und er möge nur ja immer bei ihnen bleiben. Nicht selten brachten ihre kindlich naiven Fragen den Lehrer in nicht geringe Verlegenheit. Warum nur Gott einen Teufel geschaffen habe? meinten sie, der sei doch recht überflüssig; und wenn sie, denen Streit und Haß völlig unbekannt waren, die Unverträglichkeit der Kolonisten untereinander sahen, schüttelten sie den Kopf; diese Leute, erklärten sie, hätten offenbar vergessen, daß sie Menschen seien und nicht Hunde. Mit seinen Untergebenen hatte Egede dauernd seine liebe Not; 1729 kam es gar zu einer Meuterei, und das Pfarrhaus wurde zur Festung gegen seine eigenen Landsleute. Der Skorbut raffte viele der Ansiedler hin; nur wer sich zu den Eskimos in Pflege gab, wurde bei deren derber Fleischkost gesund. Als 1730 Christian VI. den dänischen Thron bestieg, hörte der Zuschuß aus der königlichen Schatulle zunächst auf; Egedes Kolonie war sich selbst überlassen. 1732 schleppte das Proviantschiff die schwarzen Pocken ein, und die Seuche hauste furchtbar unter den Eingeborenen. Gegen 2000 starben, obgleich Egede selbst, seine tapfere Frau und seine Töchter als Krankenpfleger Tag und Nacht furchtlos ihr Leben aufs Spiel setzten. Die schreckliche Heimsuchung weckte in den eben getauften Wilden rohe Instinkte des Aberglaubens: ein Vater, dem zwei Kinder gestorben waren, tötete seine Schwägerin, weil sie die Kleinen verhext habe. Ein Mord war unter den Eskimos etwas Unerhörtes und seit Menschengedenken nicht vorgekommen. Egedes ganzes Lebenswerk schien bedroht.
Da war es Graf Zinzendorf, der Begründer der Herrnhuter, der den König von Dänemark bestimmte, sich der Kolonie in Grönland aufs neue anzunehmen. Missionare der Herrnhuter wurden nach Godthaab gesandt; im nächsten Jahr kam Egedes Sohn Paul ebenfalls herüber als Gehilfe und baldiger Nachfolger seines Vaters. Im selben Jahr starb dessen treue Gefährtin, seine Frau Gertrud; die letzten schweren Jahre der Prüfung hatten ihn müde gemacht, auch die Zusammenarbeit mit den Herrnhutern ging nicht reibungslos vor sich. 1736 verließ Egede Godthaab und ging nach Kopenhagen, um von dort aus sein Werk fortzusetzen. Er begründete ein Seminar für Grönlandmissionare, an das ihm 1740 auch sein Sohn Paul folgte.
Egedes Name ist für alle Zeit mit dem Grönlands verknüpft als der eines Apostels, eines ehrlichen und selbstlosen Seelensuchers, dem die Religion nicht, wie leider so oft, nur Mittel zu recht irdischen Zwecken bedeutete. Er hat Grönland zum zweitenmal entdeckt und durch die Schilderung seiner Erlebnisse die erste genauere Kunde von der größten Insel der Erde und ihren Bewohnern gegeben. Sein Vokabularium vermittelte die erste Kenntnis der Eskimosprache. Egedes Sohn Paul schuf daraus 1760 eine grönländische Grammatik und vollendete auch die von seinem Vater begonnene Übersetzung des Neuen Testaments ins Grönländische. Die von Egede begründeten und benannten Ansiedelungen blühten auf und sind jetzt wertvoller dänischer Kolonialbesitz. Für die weitere Entdeckung der Arktis bildeten sie wichtige Stützpunkte, und von den erfolgreichsten Polarforschern haben die meisten ihr Gesellenstück durch eine Grönlandfahrt geleistet.
Wie Mister Phipps zum Nordpol fuhr
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts machte die Frage nach dem kürzesten Seeweg nach Japan, China und Indien der Londoner Admiralität aufs neue gewaltiges Kopfzerbrechen. England war unterdes eine bedeutende Seemacht geworden, wenn auch noch keineswegs Alleinherrscherin auf allen Meeren; aber es faßte damals gerade in Indien festen Fuß, und eine schnellere Verbindung der neuen Kolonien mit dem Mutterland war deshalb ein außerordentlich wichtiges Problem. Eine Fahrt nach Bengalen um Südamerika herum durch den Stillen Ozean dauerte rund ein Jahr und war immer eine teure Sache, denn sie kostete gewöhnlich die Hälfte der Mannschaft, die, angewiesen auf Pökelfleisch und Schiffszwieback, dem Skorbut zum Opfer fiel. Die Auffindung einer Nordwest- oder Nordostdurchfahrt war daher ein Ziel aufs innigste zu wünschen, und selbst der Weg direkt über den Pol hinweg war auf alle Fälle gesunder und erschien weniger gefährlich als ein Sturm in der Südsee oder eine ebenso mörderische Windstille in der Gluthitze des Äquators.
Wie es am Pol aussehe, darüber wurde von Gelehrten und Ungelehrten andauernd mit Eifer disputiert. Die einen glaubten an ein Festland hoch oben im Norden; andere fabelten von einem Magnetberg mitten in eisfreiem Wasser, das aber von einer gewaltigen Eismauer umgeben sei; es gelte nur, den günstigen Zeitpunkt abzupassen, um diese Mauer zu durchdringen, wenn die Springfluten des Vollmonds das Eis in Bewegung setzten. Noch andere behaupteten, daß aus unergründlichen Tiefen gewaltige Strudel vom Nordpol herabkämen und die Gezeiten verursachten, diese gewaltige, geheimnisvolle Bewegung der Meere.
Ein biederer Landvogt in der Schweiz namens Engel hatte seine eigene Theorie. Er war zwar nie da oben gewesen, hatte sich aber sein Leben lang mit dem Rätsel des Nordpols abgequält und glaubte ihm auf die Spur gekommen zu sein. Eine undurchdringliche Eisbarriere um den Nordpol, so erklärte er mit aller Bestimmtheit der aufhorchenden englischen Admiralität, gebe es überhaupt nicht; im Gegenteil: Meerwasser gefriere überhaupt nicht; alles Eis komme lediglich aus dem Innern der arktischen Länder, aus ihren Flüssen und Gletschern, die sich nach dem Nordpol zu entleerten. Eben deshalb sei es auch in jenen Breiten so kalt. Der Schlaukopf verwechselte die Ursache mit der Wirkung. Seine verblüffende Theorie aber gab den Admiralen in London immerhin zu denken, und die Darlegungen des englischen Naturforschers Barrington, der immer wieder auf die Ergebnisse früherer Polarreisen hinwies, machten Eindruck. Wenn man den Versicherungen der Walfischfahrer glaubte, die seit anderthalb Jahrhunderten die Küsten Grönlands und Spitzbergens allmählich aufgeklärt hatten, schien ein Durchbruchsversuch in dieser Gegend kein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Der eine wollte ganz behaglich bis zum 82. Grad hinaufgeschwommen sein, der andere sogar auf der Suche nach den unbekannten Meeren, wohin im Sommer die Wale verschwinden, um sich zu paaren, mit seinem Segler den 88. Grad erreicht haben. Die Chronik der Grönlandfahrer wußte allerdings auch von hohen Schiffsverlusten zu erzählen; mit abschreckender Regelmäßigkeit verschwanden alljährlich zehn bis zwanzig Fahrzeuge spurlos im ewigen Eis; hatte die Mannschaft Glück, dann wurde sie nach abenteuerlicher Schollenfahrt und furchtbaren Strapazen von einem andern Schiff aufgenommen und nach Hause gebracht. Der Opfer an Menschenleben waren auch im hohen Norden unzählige. Aber daß Spitzbergen, im Westen vom Golfstrom bespült, zeitweise ein ganz erträgliches Klima besaß, im Gegensatz zu Ostgrönland, hatte schon Hudson beobachtet, und daß große Meeresstrecken da herum schiffbar seien, war nach den übereinstimmenden Zeugnissen zahlreicher Seefahrer nicht zu bestreiten. Es mußte nur der rechte Mann kommen, um dieses Ei des Kolumbus auf seine Spitze zu stellen, und das konnte nach menschlichem Ermessen nur ein Engländer sein. Im Jahre 1773 beschloß die englische Admiralität, die Sache nun einmal energisch in die Hand zu nehmen, und sandte den Kommandeur Mister C. J. Phipps mit zwei Seglern aus, mit dem Befehl, die Eisverhältnisse da oben genauestens in Augenschein zu nehmen und möglichst auch den Weg nach China über den Nordpol hin ausfindig zu machen. Die beiden Dreimaster „Racehorse“ und „Carcasse“ waren die stattlichsten Schiffe der englischen Flotte und wurden aufs sorgfältigste ausgerüstet, auch, wie sich das für ein englisches Kriegsschiff geziemt, ordentlich mit Kanonen bestückt. Kapitän Lutwidge allerdings, der Führer der „Carcasse“, sah nicht recht ein, was ihm die Geschütze im Kampf mit dem Eis helfen sollten, und ließ von seinen acht gleich sechs wieder ausladen und statt dieses unnützen Ballastes Winterausrüstung für seine Mannschaft an Bord nehmen. Die Besatzung bestand aus 90 Mann, die besonders angemustert wurden, lauter Vollmatrosen, keine Schiffsjungen, und mehr Offiziere als sonst, wie Mister Phipps ausdrücklich in seinem Tagebuch bemerkt.
In diesem übrigens maßlos trocknen Tagebuch liest man, wenigstens im Anfang, deutlich zwischen den Zeilen, daß es für zwei Segelschiffe der königlichen englischen Marine eine Kleinigkeit sein müsse, mit einem schnellen Handstreich den Nordpol zu nehmen, und zuerst ließ sich die Reise auch ganz gut an. Vor Spitzbergen fanden sie das Meer eisfrei; an der Magdalenenbucht vorbei ging es in flotter Fahrt zur Küste Vogelsang und zum Cloven-Cliff, einer merkwürdigen schwarzen Klippe, die, an Gestalt einem riesigen Ochsenzahn ähnlich, aus dem offenen Meer emporzuragen scheint und nur durch eine ganz schmale, kaum sichtbare Landzunge mit der Küste in Verbindung steht. Aber schon Anfang Juli waren beide Schiffe ringsum vom Eis umgeben, und nun begann ein ermüdender Kleinkrieg mit Schollen und Packeis. Die beiden Engländer hatten unverdientes Pech: wenn das Eis auseinanderging und die schönsten Wasserstraßen nach Norden blinkten, war gewöhnlich völlige Windstille, so daß sie die beste Gelegenheit versäumten, und wenn der Wind sich endlich aufmachte, kam er vom Nordpol her, und sie mußten sich im Schutz des Landes halten, um nicht zurückzutreiben. Die Nachrichten, die heimkehrende Grönlandfahrer brachten, klangen auch wenig verheißend: drei Schiffe waren neuerdings vom Eis zerquetscht worden. An der Kreuzbucht, der heutigen Kingsbai, vorbei kam die englische Flottille noch glücklich um die gefährlichen Felsen der Moffeninsel herum, aber sobald sie zwischen den sieben Inseln den 80. Breitengrad erreichte, erwies sich die Eisbarriere als völlig unzugänglich. Die Mannschaft trieb auf dem blanken Eise Sport, die Offiziere loteten fleißig, fanden das Packeis an acht Meter dick, machten Ausflüge aufs Land, nahmen Winkelmessungen vor und leisteten wertvolle wissenschaftliche Arbeit. Die Aussicht nach Norden hin erwies sich aber als hoffnungslos: nirgends war eine Öffnung in der kompakten Eismasse zu entdecken, und die Eispressungen setzten den beiden Schiffen so gewaltig zu, daß die tapferen Engländer nervös wurden und ihre stolzen Segler samt den Kanonen im Stich zu lassen beschlossen. Die Boote wurden herabgefiert, jeder bekam ein Säckchen mit 20 Pfund Brot, nur das Allernotwendigste wurde eingeladen, alles übrige der Mannschaft freigegeben. Die Leute suchten sich aus den reichen Kleiderschätzen der Offiziere das Lockendste aus und liefen nun in phantastischen Uniformen umher. Die Boote wurden auf Kufen gestellt und mit furchtbarer Mühe südwärts über das Eis gezogen. Das ging verzweifelt langsam, so daß die Mannschaft zum Essen und Schlafen immer noch leicht zu den Schiffen zurückkehren konnte, an deren Rettung man noch nicht ganz verzweifelte. Und diesmal hatten die Engländer mehr Glück. Nach drei Tagen schob ein günstiger Wind das Eis auseinander und legte sich so nachdrücklich in die Segel, daß die ausgesetzten Boote nur mit knapper Not noch rechtzeitig wieder hereingeholt werden konnten. Am 12. August schon lag jede Eisgefahr hinter ihnen. Mister Phipps ließ noch bei Kap Hacklyt, auf der Amsterdaminsel und im alten Smeerenberg anlegen und besichtigte dort die Ruinen ehemaliger holländischer Trankochereien. Dann kehrte er wohlbehalten in die Heimat zurück, ohne eine Kanone verloren, ohne allerdings auch den Weg zum Nordpol gefunden oder den Ruhm geerntet zu haben, höher hinauf gekommen zu sein als der gewöhnlichste Walfischfahrer.
Ist diese Expedition des Mister Phipps, späteren Lords Mulgrave, nicht ohne einen Anflug von Komik, so darf doch nicht verschwiegen werden, daß ihre wissenschaftlichen Ergebnisse von großer Bedeutung waren, daß sie sogar die erste wissenschaftliche Polarexpedition genannt werden muß. An geographischen, meteorologischen, geologischen Feststellungen, an Beobachtungen der Tier- und Pflanzenwelt ist das Tagebuch des Lords ungewöhnlich reich; er versuchte die Tiefe des Eismeeres und seine Temperatur zu ergründen, was damals nur erst wenigen einfiel, und schließlich ist die Expedition Phipps noch dadurch bemerkenswert, daß der große englische Seeheld, Admiral Nelson, als fünfzehnjähriger Freiwilliger an ihr teilnahm.
Das neue Bild der Welt
Es gibt eine Karte Nordamerikas aus dem Jahre 1742, auf der die Westküste nach dem Stillen Ozean hin dicht hinter der Hudson-Bai hinläuft. Ein Jahr später setzte England einen Preis von 20000 Pfund für die Auffindung eines Verbindungsweges aus, die jener Karte zufolge nicht übermäßig schwer erschien. Von der ungeheuren Landfläche Amerikanisch-Sibiriens, das in die Halbinsel Alaska ausläuft, hatte man damals noch keine Vorstellung, obgleich die äußersten Vorgebirge Alaskas bereits von der Alten Welt aus gesichtet worden waren. Die nordischen Expeditionen der Russen, mit bewundernswerter Ausdauer, Sachkenntnis und überlegenen Mitteln ausgeführt, hatten fast die ganze Nordküste Sibiriens klargelegt; 1742 erreichte und umfuhr der Steuermann Tscheljuskin Sibiriens nördlichste Spitze, die nach ihm benannt wurde, und schon 1728 war der Kommandeur-Kapitän Veit Bering, ein Däne in russischen Diensten, in die Straße eingelaufen, die seinen Namen führt, ohne daß er jedoch ihre Bedeutung erkannt hätte. Dieses Verdienst gebührt vielmehr einem Kosaken namens Gwosdew, der 1730 vom Lande der Tschuktschen aus zum erstenmal die Bering-Straße überquerte, an der gegenüberliegenden Küste Alaskas landete und dort Eingeborene traf, deren Sprache er nicht verstand. Die Alte und die Neue Welt rückten damit in überraschende Nähe. Aber es dauerte noch ein Menschenalter, ehe das Bild Nordamerikas klarer aus dem Dunkel hervortrat. Ein nochmaliger Versuch Englands, die Nordwestdurchfahrt zu erzwingen, aber diesmal von der andern Seite, von der Südsee aus, führte zu diesem hochbedeutsamen Ergebnis. Führer der Expedition war der berühmte Weltumsegler James Cook, der 1778 von den Sandwich-Inseln herauf in die Grenze zweier Welten, die Bering-Straße, einfuhr; er kam nur bis zum 70. Breitengrad, bis zum Eiskap; hier verlegten ihm die Eismassen den Weg. Aber er kreuzte zwischen der asiatischen und amerikanischen Küste hin und her, und nun begann sich die Landkarte mit neuen Linien zu füllen. Auch andere Versuche, auf diesem Wege die Nordküste Amerikas zu umfahren, scheiterten. Bemerkenswert ist darunter die russische Expedition vom Jahre 1815, an der ein deutscher Dichter, Adelbert von Chamisso, als Naturforscher teilnahm; seine köstliche Schilderung dieser Reise findet sich in seinen Werken.
Als Cook seine Fahrt 1778 antrat, hatte England die vorhin erwähnte Prämie von 20000 Pfund jedem Entdecker verheißen, der irgendeine nördliche Verbindung zwischen den beiden Ozeanen finden werde. Aber je klarer nun bald das Weltbild wurde, je gewaltiger sich die ungeheuern Kontinente Asiens und Amerikas nach dem Norden vorschoben, um sich schließlich, bei der Bering-Straße, fast zu vereinigen zu einem einzigen Wall gegen den Stillen Ozean, um so mehr mußte man an der Lösung des Problems verzweifeln. Seine praktische Bedeutung verlor es gänzlich, als England aus den Kriegen der napoleonischen Zeit, dank den Siegen des Admirals Nelson über die Franzosen, Dänen und Spanier, als unumstrittene Seemacht hervorging. In den Gewässern Grönlands und Spitzbergens, der Heerstraße so vieler entschlossener, aber erfolgloser Nordpolfahrer, war nun wieder der Walfischjäger und Kaufmann Alleinherrscher.
Solch ein Walfischjäger war es, der 1817 das Signal zur Wiederaufnahme der Polarforschung geben sollte. Und damit beginnt das Zeitalter der wissenschaftlichen Polarforschung, die, unbekümmert um unmittelbare praktische Ziele, nur von dem Streben beseelt ist, unsere Kenntnis der Erde zu erweitern, bisher unzugängliche Gebiete der Erdoberfläche zu erschließen, die Ergebnisse dieses Studiums in unsere bisherige fragmentarische Weltbetrachtung einzufügen und für die zahllosen, uns noch beunruhigenden Rätsel der Alten Welt die Lösung in neu entdeckten Zonen zu finden. Daß die englische Admiralität, der für die Handels- oder Kriegsflotte an der Auffindung einer nördlichen Durchfahrt, dem verblaßten Traum der letzten Jahrhunderte, nichts mehr gelegen war, dennoch für die wissenschaftliche Polarforschung die Initiative ergriff, ist ein Verdienst des englischen Geographen John Barrow, der es fertigbrachte, den Ehrgeiz Großbritanniens als Schrittmacher der Wissenschaft zu gewinnen.
Unter den englischen Walfischfängern erfreute sich damals William Scoresby eines ungewöhnlich hohen und wohlverdienten Ansehens. Seit 1806 war er in den Meeren Spitzbergens zu Hause wie keiner seiner Zunftgenossen, er war im Mai 1806 in tollkühner Fahrt bis über den 81. Grad nach Norden vorgedrungen und erwarb sich auf zehn Fischzügen von 1810 bis 1822 nicht nur Reichtümer, sondern auch Kenntnisse der Arktis, in denen ihm nur einer gleichkam, sein Sohn, der ihn auf den meisten Reisen begleitet hatte. Dieser jüngere Scoresby, der ebenso wie sein Vater in wissenschaftlicher Hinsicht Autodidakt war, hat 1819 ein Buch über den Walfischfang herausgegeben, das sich noch heute sehen lassen kann, und dieser selbe Scoresby war es, der im Jahre 1817 die Londoner Gelehrten darauf aufmerksam machte, daß infolge eines ungewöhnlich heißen Sommers das Eis in den nördlichen Meeren überall in starker Bewegung sei; eine solche Gelegenheit, in höhere Breitengrade, vielleicht gar bis zum Nordpol, hinaufzukommen, werde wohl so bald nicht wiederkehren. Die englische Admiralität ließ sich das gesagt sein und rüstete sofort zwei Expeditionen aus. Die eine davon sollte Scoresby selbst übernehmen, aber da er nur ein Handelskapitän war, wurde ihm ein Offizier der königlichen Marine vorgesetzt; er trat deshalb zurück. Kommandeure der beiden Expeditionen wurden nun die Kapitäne John Ross und David Buchan. Ross sollte mit zwei Schiffen, „Alexander“ und „Isabella“, die Baffin-Bai aufwärts fahren, die man seit 200 Jahren gemieden hatte, und Buchan, ebenfalls mit zwei Schiffen, zwischen Spitzbergen und Grönland geradeswegs zum Nordpol vordringen und weiter in den Stillen Ozean hinein. Vorbild des einen war also Baffin, Vorbild des andern Hudson, zwei Namen, die das Größte erwarten ließen, und um den Eifer der gesamten Schiffsmannschaft anzuspornen, wurde für Erreichung des 110. Längengrades innerhalb des Polarkreises, also etwa der jetzigen Melville-Insel, ein Preis von 5000 Pfund Sterling, für die Überquerung des Nordpols ein Preis von 20000 Pfund ausgesetzt.
Kapitän Buchan stach mit seinen Schiffen „Dorothea“ und „Trent“ am 25. April 1818 in See, kam aber nicht weiter als bis zum 80. Grad und fuhr nach Grönland hinüber. Ein rasender Sturm drohte beide Schiffe zwischen den Eismassen zu zertrümmern. Ausweichen war nicht mehr möglich — also steuerte Buchan in die mächtigsten Eisberge hinein und begab sich gewissermaßen in ihren Schutz, den einen als Brustwehr gegen den andern benutzend. Dies kühne Manöver rettete ihn. Aber nach diesem Vabanquespiel war der Mut des Kapitäns und seiner Offiziere erschöpft, sie machten kehrt. Nur einer war mit diesem Rückzug nicht einverstanden, der Leutnant John Franklin, ein tollkühner Draufgänger, der mit seinen 32 Jahren sich bereits in der halben Welt umhergetrieben, sich als hervorragender Seemann und als tapferer Soldat in verschiedenen Schlachten bewährt hatte; dem wollte es schlecht gefallen, daß der Kurs schon wieder der Heimat zuging und die Reise zum Nordpol ein so vorschnelles und wenig rühmliches Ende fand. Er erbot sich, mit dem zweiten Schiff, das er kommandierte, allein einen neuen Versuch zu wagen. Aber da er der Jüngere war, mußte er dem Befehl zum Rückzug gehorchen, und Ende Oktober liefen die beiden von Sturm und Packeis ziemlich mitgenommenen Schiffe wieder in der Themse ein.
Mittlerweile war Kapitän Ross mit der „Isabella“ und dem „Alexander“ die Westküste Grönlands hinaufgefahren, hatte sich durch die gefährlichen Eismassen der Baffin-Bai mit wackerer Ausdauer durchgekämpft und war bis zum Eingang des Smith-Sundes vorgedrungen, nicht ganz so weit wie Baffin vor 200 Jahren. Da er aber den Smith-Sund für eine Sackgasse hielt, drehte er nach Westen bei, um dort eine Durchfahrt zu suchen. Der Jones-Sund erwies sich als unzugänglich; der südlichere Lancaster-Sund aber, den schon Baffin gesehen, doch nur für eine Bucht gehalten hatte, lag völlig eisfrei als prächtigste Fahrstraße da. Mit vollen Segeln und lautem Hurra liefen nun die Engländer in diesen nie befahrenen Meeresarm ein, dessen Strömung ihnen aus geheimnisvoller Ferne entgegenzukommen schien. Die Mannschaft jubelte, ihres Sieges und Preises gewiß, und die Spannung stieg mit jeder Stunde. Als aber das Flaggschiff „Isabella“ auf 80,4 Grad westlicher Länge gekommen war, machte es kehrt, und der „Alexander“, den der Leutnant William Edward Parry befehligte, mußte ihm folgen. Kapitän Ross hatte über der Nebelbank im Westen eine hohe Gebirgskette gesichtet, die den Lancaster-Sund abzuschließen schien, die von ihm benannten Crokerberge. Parrys schärfere Augen erkannten sogleich, daß Ross einer optischen Täuschung zum Opfer gefallen war, wie sie in jenen Zonen häufig ist; aber der Kommandant war davon nicht zu überzeugen, und Parry mußte sich fügen. So endete auch diese Expedition mit einer Enttäuschung für Führer und Mannschaft; doch erwarb sie sich dadurch ein Verdienst, daß sie den Ruhm ihres großen Vorläufers Baffin wiederherstellte, den damals gerade der vorhin erwähnte Geograph Barrow heftig angegriffen hatte; alle Angaben Baffins erwiesen sich als vollkommen zuverlässig und genau.
Im November 1818 trafen sich nun im Vorzimmer der Admiralität zu London zwei unzufriedene Wagehälse, die Unterbefehlshaber Franklin und Parry, die beide über die Unentschlossenheit und Zaghaftigkeit ihrer Vorgesetzten Klage führten. Ihr zuversichtliches Auftreten und ihre Beredsamkeit bestimmten die Admirale, gleich für das nächste Jahr zwei neue Expeditionen auszurüsten und Parry und Franklin das selbständige Kommando zu übertragen. Parry sollte nochmals den Lancaster-Sund aufsuchen und den Weg weiter verfolgen, auf dem er als Untergebener des Kapitäns Ross hatte umkehren müssen; Franklin dagegen von der Hudson-Bai aus zu Land die Nordküste Amerikas zu erreichen suchen und sie dann nach Osten verfolgen, um, wenn das Glück ihnen hold sein sollte, dort irgendwo zusammenzutreffen.
Damit treten zwei Männer auf den Plan, von denen die Geschichte der Polarforschung Großes zu berichten hat.
W. E. Parry
„Hecla“ und „Griper“ hießen die beiden Schiffe, mit denen Parry am 4. Mai 1819 in See stach. Den kleinen Segler „Griper“ führte Kapitän Liddon; Parrys Begleiter auf dem „Hecla“ waren der erfahrene Astronom Kapitän Ed. Sabine, der vordem Grönland erforscht hatte, und der später so berühmte James Ross, der Neffe des alten John, von dessen mißglückter Polarfahrt das vorige Kapitel berichtete. Mitte Juli kreuzten die beiden Schiffe in stetem Kampf mit ungeheuren Eisbergen vor dem Lancaster-Sund, und bald stand Parry vor der Flaggenstange, die John Ross im vorigen Jahr, ehe er wieder südwärts steuerte, auf der höchsten Spitze der Possessionsbaiküste errichtet hatte. Daneben war ein Steinmal, in dem Ross eine Urkunde über die Besitzergreifung des von ihm zuerst betretenen Landes durch England niedergelegt hatte. Seitdem pflegte jeder Polarfahrer an bemerkenswerten Punkten seines Weges solch einen arktischen Briefkasten zu bauen, um den Beweis seiner Anwesenheit zu geben, sich das Prioritätsrecht seiner Entdeckungen zu sichern, neu entdeckte Küsten für sein Vaterland in Besitz zu nehmen und den nächsten Forscher, der in diese Eiswüste vordrang, darüber aufzuklären, wo er sich befinde. An möglichst in die Augen fallenden und geographisch wichtigen Punkten errichtet, bildeten diese Briefkästen nach und nach ein Netz von Landmarken und Wegweisern, das auf den Spezialkarten, dem Handwerkszeug jedes Forschers, genau verzeichnet ist.
Parry war genau an demselben Punkte der Küste gelandet wie vordem Ross; in dem vom Sturm kahlgefegten Sand fand er, nach elf Monaten, noch die Fußspuren seiner Vorgänger! An der Mündung eines Flusses, der aus dem unbekannten Landinnern zum Meere strömte, zeigten sich einige spärliche Frühlingsboten: frisches Moos, Kräuter und winzige Blumen. Hier errichtete Parry ein eigenes Steinmal und barg darin einen Bericht über seine bisherige Fahrt. Die nächsten Wochen aber stellten seine Ausdauer auf eine harte Probe. Die Launen des Windes und die eigensinnigen Wirbel des Packeises hielten die Schiffe fest. Erst Anfang August gelang es, in den Lancaster-Sund einzudringen und sich langsam, langsam nach Westen vorwärts zu arbeiten, trotz Nebel, Schneesturm und Windstille. Oft vertäuten sich die beiden Schiffe an Eisbergen, die das andringende Packeis beiseite schoben; dann wieder, wenn das Segeltuch schlaff hing, mußten sie vorwärts „gewarpt“ werden: ein Anker wurde möglichst weit voraus am Eisrand einer Küste festgemacht, seine Kette aufgewunden und so das Schiff weitergezogen. Aber Parrys und seiner tapfern Mannschaft eiserne Ausdauer fand überreichen Lohn. Die „Krokerberge“ erwiesen sich tatsächlich als eine Luftspiegelung, keine Landmasse versperrte den Weg, die Straße nach Westen vom Lancaster-Sund aus war die richtige. Und so war es Parry beschieden, an Land und Meer eine völlig neue Welt, weit größer als sein Vaterland, dem Urnebel der Schöpfung zu entreißen und ihr die Namen zu geben, die sie heute noch trägt: die Admiralitäts-Einfahrt, die Leopolds-Inseln und die Prinzregenten-Einfahrt, die Barrow-Straße, Kap Riley an der Südwestecke der großen Insel Nord-Devon, die Beechey-Insel, die 30 Jahre später hohe Bedeutung gewann, den Wellington-Kanal, der geradeaus zum Pol zu führen schien, die Cornwallis- und die Griffith-Inseln, den Melville-Sund, die Bathurst-Insel im Norden und schließlich die Melville-Insel, wo sich ein Hafen fand, der zur Überwinterung wie geschaffen schien. Der 110. Grad westlicher Länge war hier erreicht, der Preis von 5000 Pfund Sterling gewonnen, das Problem der nordwestlichen Durchfahrt so gut wie gelöst. Nur noch ein paar Tage günstiger Wind — dann mußte das Eismeer nördlich von Alaska und der Bering-Straße am Horizont erscheinen. Also weiter nach Westen! Im Süden wurde bereits wieder eine neue Küste gesichtet, Banks-Land, die letzte gewaltige Insel des nordamerikanischen Archipels — dann aber zwangen Windstillen und Schneestürme Parry zur Umkehr, und er durfte von Glück sagen, daß er am 26. September 1819, noch eben rechtzeitig vor den nächsten Vollmondspringfluten, den Winterhafen an der Melville-Insel erreichte. Der Hafen war schon vereist, und von der Fahrstraße aus mußte ein Kanal von 3½ Kilometer Länge durch das Eis gebrochen werden, um die Schiffe an Land in Sicherheit zu bringen. „Winterhafen“ heißt der Ort noch heute.
Seit der Holländer Wilhelm Barents im Jahre 1596 als erster den Beweis erbrachte, daß der Mensch bei angemessener Lebensweise fähig war, die Schrecken der arktischen Winternacht zu überstehen, waren solche Überwinterungen nichts Unerhörtes mehr. So mancher Walfischfahrer und Matrose war, von plötzlichem Wetterumschlag gezwungen, in Nebel und Schneesturm verirrt, von seinem Schiff im Stich gelassen, nach ein- oder mehrjährigem Robinsonleben in Nacht und Eis glücklich wieder nach Hause gekommen. Aber aufgesucht wurde dies Abenteuer eben nicht, und die englischen Expeditionen waren bisher noch stets rechtzeitig im Herbst wieder heimgekehrt. Parry hatte das nächste Ziel, den 110. Längengrad, erreicht, aber sein Ehrgeiz war damit nicht gestillt; die letzten 1700 Kilometer bis zur Bering-Straße hoffte er im nächsten Frühjahr zurückzulegen, und da er auf weit mehr Hindernisse gefaßt gewesen war, hatte er seine Schiffe auf zwei Jahre verproviantiert und alles so sorgfältig und scharfsinnig überlegt, daß die von ihm geleitete erste Überwinterung einer so zahlreichen Schiffsmannschaft vorbildlich für alle späteren Polarexpeditionen geworden ist. Was, nach dem Stand der damaligen Arzneiwissenschaft, an Mitteln gegen den Hauptfeind, den Skorbut, bekannt war, getrocknetes Gemüse, Sauerkraut, Essig, Mixed Pickles, vor allem Zitronensaft mit Zucker, war reichlich an Bord; täglich mußten die Leute unter Aufsicht eines Offiziers das vorgeschriebene Quantum Zitronensaft mit Zucker trinken. Statt fertigen Brotes war ein großer Vorrat sorgfältigst getrockneten Mehles mitgenommen worden, so daß an Bord selbst frisches Brot gebacken werden konnte. Kresse- und Senfsamen wurde in Holzkästen gezogen; die jungen Pflänzchen ergaben einen heilkräftigen Salat für jeden, der bei der täglichen Körpermusterung durch den Arzt verdächtig erschien. Die Jagd auf Renntiere und Bisamochsen brachte wenigstens einigen Vorrat an frischem Fleisch, war dazu eine gesunde Körperbewegung neben dem Sport, dem täglich mehrere Stunden im Freien gewidmet wurden. Bei schlechtem Wetter wurde das Deck des Schiffes zur Turnhalle. Beide Schiffe waren regelrecht „eingehaust“, ihr Deck mit einem hohen Zelt aus Öltuch überspannt. Das Tauwerk war herabgenommen und lag, zu Eisklumpen geballt, im Freien; in den feuchten Kajütenräumen wäre es verfault. Die Feuchtigkeit unter Deck machte den Aufenthalt in den Kabinen zur Qual; die Ausdünstungen der Menschen und der Wrasen der Küche gefroren an Wänden und Decken zu Eisflächen und -zapfen, die täglich beseitigt werden mußten; als diese Arbeit einmal mehrere Wochen versäumt worden war, hatten sich 60 Zentner Eis in den Kajüten angesammelt! Die Fußböden wurden mit Steinen und heißem Sand abgerieben; Wasser hätte sich sofort in Eis verwandelt. Die Betten waren teils gefroren, teils durch und durch naß, obgleich beide Schiffe von außen dick mit Schnee verpackt waren, um die Wärme im Innern möglichst festzuhalten. Das Thermometer fiel bis auf 47° C. Und trotzdem in der langen Winternacht von 84 Tagen die 94 Mann fast nur auf die unwirtlichen, engen Schiffsräume angewiesen waren, zählte dank der musterhaften und strengen Sorgfalt des Schiffsarztes Dr. Edwards das Krankenjournal, von einem Ausnahmefall abgesehen, immer nur einen, höchstens zwei Namen auf. Einige leichte Anfälle von Skorbut wurden mit Zitronensaft geheilt, und nur ein einziger Todesfall ereignete sich infolge einer Lungenkrankheit. Trotz der barbarischen Kälte mußten nur einem Matrosen einige Finger amputiert werden; bei einem Brand im Observatorium war eine Panik entstanden, und eine Anzahl der Leute hatte die nötigen Vorsichtsmaßregeln außer acht gelassen. An diesem Tage verzeichnet die Krankenliste 16 Namen. Im ganzen aber war diese Überwinterung der Parryschen Expedition eine Meisterleistung.
Auch auf Unterhaltung und geistige Anregung seiner Leute war Parry bedacht. Allwöchentlich erschien eine Schiffszeitung, die erste aller Polarzeitungen, deren humoristischer Teil besonders geschätzt wurde. Sogar ein Theater wurde eingerichtet und alle vierzehn Tage ein neues Stück einstudiert — das erste Polartheater, dessen Premieren auch dann nicht abgesagt wurden, wenn die Bühnentemperatur bis zu 19 Grad Kälte betrug.
Unweit des Winterhafens trägt eine Landspitze noch heute den Namen „Kap Providence“, zur Erinnerung an ein Ereignis, das drei Tage lang Parry und seine Leute in ungeheure Aufregung versetzte. Sieben Mann des „Griper“ waren auf Jagd ausgezogen; es ward Abend: man wartete vergeblich auf ihre Rückkehr. Am andern Morgen geht eine Suchabteilung von drei Mann ihren Spuren nach. Ein Schneesturm überrascht sie, sie finden selbst nicht mehr zum Schiff. Parry läßt Kanonen lösen, Raketen steigen. Endlich, abends um 10 Uhr, kehrt die Hilfsmannschaft völlig erschöpft zurück. Von den Verschollenen hat sie nichts gesehen und gehört. Am nächsten Tag läßt Parry auf dem höchsten Berge der Umgegend eine Stange mit einer riesigen Flagge aufrichten und Lebensmittel dort niederlegen, denn die Jäger sind leichtsinnigerweise nur mit einer Tagesration Proviant ausgerückt. Auch dieser Tag vergeht unter vergeblichem Suchen. Am dritten Morgen ziehen nach allen Seiten Suchabteilungen aus; sie stecken von Zeit zu Zeit Stangen in den Schnee mit daranhängenden Flaschen, als Wegweiser für sich selbst und um die Verirrten zu dem hier und da niedergelegten Proviant zu führen. Endlich kehrt eine Abteilung heim und bringt von den Verschollenen vier Mann, die sich kaum noch auf den Beinen halten können. Gehungert haben sie nicht, sie haben Schneehühner geschossen und roh verzehrt; aber sie sind drei volle Tage und Nächte umhergeirrt — Ausruhen wäre bei der Kälte sicherer Tod gewesen. Die sieben hatten die gestern errichtete Flagge tatsächlich gesehen; aber drei von ihnen behaupteten, das sei eine schon vor einiger Zeit weiter östlich gehißte Flagge, und waren nach der entgegengesetzten Seite gegangen. Nun wußte man wenigstens, wo sie zu suchen waren, und am selben Tag noch wurden auch die drei andern glücklich geborgen. Sie waren 91 Stunden unterwegs gewesen, die stete Bewegung hatte sie vor Frostschäden geschützt; sie brachten sogar Forellen mit, die sie in einem Süßwassersee gefunden hatten. Ihre Rettung durfte als ein Wunder erscheinen. „Im Gefühl demütiger Dankbarkeit gegen Gott für diese auffallende Gnade gaben wir der Landspitze westlich von den Schiffen (wo die große Flagge gehißt worden war) den Namen Kap Providence (Kap der Vorsehung)“, schrieb Parry in sein Tagebuch, und seine nächste Sorge war, weithin am Lande Wegweiser anbringen zu lassen.
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