Kitabı oku: «Gespräche mit Heine»

Yazı tipi:

H. H. Houben
Gespräche mit Heine
Gesammelt und Herausgegeben

Saga

Vorwort

Neben Goethe ist Heinrich Heine der reichste Sprecher unter allen Dichtern des neunzehnten Jahrhunderts. Der Witz, ein wesentlicher Teil seines Genies, sprudelt am frischesten, saust am schlagkräftigsten in mündlicher Wechselrede. Seit seinem ersten Semester ist seine spitze Zunge bei Gegnern gefürchtet, unter Freunden der Funke im Pulverfaß jugendlichen Übermuts. Das Bonmot ist sein Schrittmacher in der Geselligkeit von Hamburg, Berlin, München und Paris. Sein neuester Schlager hüpft wie ein Feuerwerksfrosch von einer Teegesellschaft in die andere. Freude an der Pointe, oft auch Schadenfreude, verbreiten ihn eilfertig weiter. Wo Heine auftritt, blüht die Anekdote: aus ihrem Samen wuchert üppig die Legende, die schließlich des Dichters Pariser Matratzengruft wie ein Dornröschengestrüpp überwächst. Die letzten acht Leidensjahre diente ihm, neben seinen wenigen neuen Schriften, das Gespräch als wichtigster Vermittler mit der Welt da draußen.

Heines Gespräche sind neben den Briefen die reichhaltigste Quelle zu seiner Biographie. Was da in der Zeitgeschichte „kreucht und fleugt“, alles kommt zur Sprache, und sämtliche „Prominenten“ der deutschen und französischen Literatur treten hier auf, als Helden und Liebhaber, Narren oder Intriganten; jeder hat sein Stichwort, tiefsinnig, übermütig, witzig, boshaft und immer wirksam. Aber – um Napoleons Wort umzudrehen – vom Lächerlichen zum Erhabenen ist nur ein Schritt: der Witz leuchtet wie Höhenfeuer auf Bergen, eine ernste, oft düstere, vielfach unerforschte Gedankenwelt umgibt uns, und aus dem nachgoetheschen Deutschland führen über Gipfel und durch Abgründe die Wege bis in unsere unmittelbare Gegenwart.

Seit dem Beginn meiner jungdeutschen Studien bin ich diesen mündlichen Dokumenten Heinescher Gedankenwelt nachgegangen, und das Ergebnis einer langjährigen Sammelarbeit lege ich in diesen „Gesprächen mit Heine“ vor. Mein Ziel war Vollständigkeit, soweit dieser Begriff auf geschichtliche Forschung überhaupt anwendbar ist und der immer schwieriger werdende wissenschaftliche Verkehr mit in- und ausländischen Bibliotheken, Archiven, Hütern und Besitzern literarischer Nachlässe usw. ihn überhaupt noch zuläßt. Die „Gespräche mit Heine“, das erste Quellenwerk seiner Art, stellen sich als ein, ich glaube sagen zu dürfen, wichtiger Ergänzungsband neben die Sammlungen seiner Werke und Briefe. Diese Einreihung schaltete von selbst die Wiederholung alles dessen aus, was in jenen Sammlungen bereits zu finden ist; Heines eigene, ausführliche Niederschriften über seine Gespräche mit Ludwig Börne z. B. lassen sich aus seiner bekannten Schrift über Börne nicht herausschälen, ohne einen fast vollständigen Abdruck jenes Buches zu geben; statt dessen biete ich hier die nicht weniger belangreichen Aussagen des Gegners zum erstenmal in ihrem ursprünglichen Wortlaut, und in den Briefen verstreute Gesprächfragmente und Anekdoten wurden nur dann herangezogen, wenn sie zur Kommentierung fremder Berichte dienen mußten. Lag doch eine solche Fülle unentbehrlichen, bekannten und unbekannten Stoffes vor, daß jede unnütze Wiederholung allgemein zugänglichen Textes sich von selbst verbot. Nur so war es möglich, die in Betracht kommende umfangreiche, oft überaus schwer erreichbare Heine-Literatur gleichsam in einer Nuß zu geben, und ohne die vorbildliche Unterstützung seitens der Düsseldorfer Landes- und Stadtbibliothek, deren Direktor, Herr Dr. Nörrenberg, mir bei längerer Benutzung der dortigen einzigartigen Heine-Bibliothek jede Erleichterung zuteil werden ließ, wäre mein Ziel annähernder Vollständigkeit eine Illusion geblieben. Wenn diesem Buch einiges Verdienst um die Heine-Forschung zugeschrieben werden sollte, so darf ich vorab einen Teil dieser Anerkennung als Zeichen meines Dankes Herrn Dr. Nörrenberg überweisen, dessen pietätvolle und unermüdliche Sorgfalt die Düsseldorfer Heine-Sammlung geschaffen hat – das unanfechtbarste aller Denkmäler.

Das Ziel möglichster Vollständigkeit in der Wiedergabe der hier gesammelten Dokumente ist gerade Heine gegenüber eine Notwendigkeit, denn es handelt sich um einen Dichter, dessen Charakterbild in der Geschichte noch immer hin und her schwankt, von der einen Seite ebenso hoch erhoben wie von der anderen herabgezerrt wird. Jede Auswahl des Stoffes kann nur von bestimmten, vorher festgelegten Gesichtspunkten ausgehen und verfällt damit, bewußt oder unbewußt, einer Tendenz. Gegen diese Gefahr schützt allein das Streben nach Vollständigkeit, die Mitteilung alles Erreichbaren, ohne Rücksicht darauf, wie weit es im Streit der Meinungen über Heine der einen oder anderen Partei dienlich sein könnte. Wenn strenge Objektivität überhaupt etwas Menschenmögliches ist – in einer solchen Dokumentensammlung muß und kann sie walten. Ich habe mich daher auch in der Kommentierung der oft sich widersprechenden Berichte durchaus auf das rein Sachliche beschränkt, auf solche Widersprüche hingewiesen oder sie aufzuklären versucht und im übrigen nur den biographischen Faden fortgesponnen. Die weitere Ausbeutung des hier zusammengetragenen Materials muß der Einzelforschung überlassen bleiben; ihr hofft mein Buch als Handwerkszeug zu dienen.

Das Quellenverzeichnis am Schluß des Textes (S. 1079) weist die Herkunft sämtlicher Dokumente genau nach. Sie scheiden sich in gedruckte und handschriftliche. Daß längst Gedrucktes keineswegs immer als bekannt anzusprechen ist, besonders wenn es sich um Zeitschriftenliteratur oder gar Tageszeitungen handelt, weiß jeder Fachkollege, und so ist mir mancher Fund gelungen, den die Wünschelrute der Heine-Forschung bisher nicht aus seinem Versteck ans Licht gezogen hat. Daß unter den 228 aufgeführten Quellen 21 sind, die bisher völlig unbekanntes Material aus zahlreichen ungedruckten Briefwechseln Heinescher Zeitgenossen zutage fördern, darf ich wohl als ein willkommenes Ergebnis meiner Sammelarbeit hervorheben. Hier erwies sich wie stets Varnhagen von Enses Nachlaß als unerschöpflich; meine Kenntnis dieser Papiere geht noch in die Zeit zurück, da ich das Register zu seinen Tagebüchern, wie sie im Druck vorliegen, ausarbeitete, dazu die Originalhandschrift verglich und für mein „Bibliographisches Repertorium“ in Varnhagens weitschichtigem Briefwechsel neue Kunde für die Zeitschriften der Romantik und des Jungen Deutschlands suchte und fand. Der Verwaltung der Preußischen Staatsbibliothek Berlin, der Direktion ihrer Handschriftenabteilung, Herrn Prof. Dr. Degering, schulde ich für die uneingeschränkte Hergabe dieser Briefschaften wärmsten Dank; ebenso Herrn Prof. Dr. Strubell in Dresden und Herrn Prof. Dr. Ludwig Levin Schücking in Breslau für Mitteilung von mir erbetener Stücke aus dem endlich aufgetauchten Nachlaß Gustav Kühnes und dem Schückingschen Familienarchiv. Mein eigenes literarhistorisches Archiv bot ebenfalls mancherlei Ausbeute. Durch Übermittlung von Kopien in Deutschland nicht erreichbarer Druckschriften verpflichteten mich das Britische Museum in London (Herr Kustos R. F. Sharp) und die Nationalbibliothek in Wien.

Die Reihenfolge der Gespräche mit Heine, wie ich sie hier zusammengestellt habe, konnte nicht anders als chronologisch sein. Nicht nur mit Rücksicht auf den berechtigten Wunsch jedes Lesers nach stofflicher Abwechslung, sondern vor allem im Sinne des ganzen Buches. Diese Anordnung ermöglicht und belebt erst die vergleichende Kritik; das Gleichartige trifft zusammen, bestätigt und ergänzt sich gegenseitig, der eine Berichterstatter korrigiert oder widerlegt über denselben Vorgang den andern, Klatsch und Lüge verraten sich selbst, und die Wurzeln späterer Legenden liegen bloß. Um diese, für die Forschung wichtige Gegenüberstellung gleichartiger oder zusammengehöriger Dokumente zu ermöglichen, mußten die als Quellen dienenden umfangreichen Heine-Erinnerungen in Einzelgespräche zerlegt werden. War deren zeitliche Bestimmung nicht schon durch den Berichterstatter selbst gegeben, dann bot Heines Briefwechsel (in der dankenswerten Ausgabe von Fr. Hirth) vielfach zuverlässige Anhaltspunkte oder auch Berichtigungen falsch überlieferter Daten. Nicht immer war die Frage: Wann fand das Gespräch statt? einwandfrei zu beantworten; oft schieben sich mehrere Gespräche übereinander, ein späteres umrahmt ein früheres usw. In vielen Fällen blieb daher die Datierung ungewiß, und hinter den Jahreszahlen erscheinen Fragezeichen, wenn aus der Heine-Literatur kein zuverlässiger Nachweis zu gewinnen war. Berichte, die gelegentlich Gehörtes zeitlos zusammenfassen, habe ich da untergebracht, wo sie aus äußeren oder inneren Gründen am besten hinzupassen schienen; darüber mögen in Einzelfällen die Meinungen auseinandergehen. Fingierte (und als literarische Fiktionen sich bekennende) Gespräche, deren sich einige bei Karl Gutzkow, Heinrich Laube, Ferdinand Hiller, Philibert Audebrand und andern finden, kamen für meine Sammlung nicht in Betracht; ebensowenig die Phantasien des Spiritisten Johannes Bánfy. Offenbare Fälschungen habe ich nicht ganz übergangen, besonders dann nicht, wenn ihre Einreihung in den Zusammenhang den Nachweis der Erfindung ergab.

So hat sich eine Folge von 825 Gesprächen ergeben, die mit laufenden Nummern versehen sind. Am Kopf jedes Gespräches steht der Name dessen, der als Besucher oder Berichterstatter unmittelbar in Frage kommt oder mittelbar zu gelten hat. Erzählt beispielsweise Heines unzuverlässige Nichte Maria Embden, die spätere Fürstin della Rocca, Jugenderinnerungen des Dichters, so dürfen als eigentliche Gewährsleute ihre Mutter Charlotte oder ihre Großmutter Betty Heine angenommen werden. Oft genug geht aber auch die Tradition von Hand zu Hand, ehe sie einen literarischen Niederschlag findet; der wirkliche Zeuge bleibt mit und ohne Absicht anonym; in solchen Fällen mußte einfach der Erzähler verantwortlich zeichnen, auch wenn er weder der Besucher noch der ursprüngliche Berichterstatter war oder sein konnte. Nicht selten ist die Frage: Wer war hier der Besucher? gar nicht zu beantworten.

Die kleinen hochstehenden Ziffern hinter den Namen am Kopf jedes Gesprächs verweisen auf die laufenden Nummern des Quellenverzeichnisses. –

Die Behandlung der gedruckten Quellen erfordert noch eine nähere Aufklärung. Die meisten dieser Berichte über Besuche bei und Gespräche mit Heine erschienen zuerst in Zeitschriften oder Zeitungen, von Druckfehlern wimmelnd, vielleicht von der Redaktions- oder Zensurschere zerfetzt, von irgendeinem Anonymus überarbeitet. Solche Texte wurden nur im Notfall zugrunde gelegt, wenn ein zweiter Druck nicht existiert, oder in gewissen Ausnahmefällen, die im Quellenverzeichnis motiviert sind. Lag der Text in späterer Buchform vor, dann wurde deren Wortlaut wiedergegeben; die Buchtexte sind ja in der Regel von ihren Verfassern korrigiert, oft ergänzt und erweitert, und dürfen daher als zuverlässiger gelten. Immer aber wurde die erste Druckform, von wenigen unerreichbaren abgesehen, mit der zweiten verglichen. Das erwies sich besonders dann als unerläßlich, wenn zwischen dem ersten und zweiten Druck eine längere Zeitspanne lag, in der Anschauungen wechseln, frühere falsche Angaben sich durch bessere Kenntnis berichtigen, alte Freundschaften zersplittern und Feindschaften entstehen konnten, die gewisse Züge in anderm Lichte sahen. Solche Unterschiede der Lesart sind im Quellenverzeichnis genau nachgewiesen; im Text sind die betreffenden Stellen durch unauffällige Sternchen * gekennzeichnet; solch ein Sternchen hinter einem Einzelwort oder vor und hinter einer Wortgruppe bedeutet also, daß der erste Drucktext oder eine noch spätere dritte Redaktion andere Wendungen enthält, die unter den entsprechenden Quellen- und Gesprächnummern in dem angehängten Verzeichnis angegeben sind. Dort ist auch alles gesagt, was mir bei kritischer Betrachtung gewisser Quellen aufgefallen ist. Nur bei den durch Adolph Stahr und Fanny Lewald überlieferten Gesprächen waren die Abweichungen so bedeutend, daß es angebracht erschien, den Wortlaut der letzten Redaktion in den der ersten hineinzuarbeiten, wobei einige Wiederholungen unvermeidlich waren. Und bei Heinrich Laubes widerspruchsvollen Heine-Erinnerungen blieb nichts anderes übrig, als sie ihrer Entstehungszeit entsprechend aufeinander folgen zu lassen. An jenen Sternchen kann also der Leser, der für Varianten kein Interesse hat, achtlos vorübergehen. Was sich bei Vergleichung der Lesarten als offenbarer Druckfehler erwies, ist stillschweigend verbessert oder blieb unberücksichtigt. Ergänzungen, Erklärungen und Berichtigungen, die zum Verständnis des Textes notwendig waren, sind in den Text selbst eingeschoben und durch eckige Klammern [] als Zutat des Herausgebers kenntlich gemacht; umfangreichere Erläuterungen, die der zeitlichen Bestimmung oder der Kritik einzelner Gespräche dienen, sind an die entsprechenden Abschnitte, ebenfalls in eckigen Klammern, angehängt, vermitteln auch in einigen Fällen den Übergang zum nächsten Gespräch. Sternchen mit Klammer – *) – verweisen auf Anmerkungen am Fuß der Druckseite, wenn diese Anmerkungen zum Originaltext gehören. Zahlen mit Klammern – 1) usw. – sind Anmerkungen des Herausgebers, die ganz vereinzelt zur Kritik gewisser Angaben sofort nötig erschienen, in den Text selbst sich aber nicht einfügen ließen. Drei Punkte ... bedeuten, daß der Originaltext hier gekürzt ist; was dastand, hatte mit Heine überhaupt nichts zu tun oder doch nichts mit dem zufälligen Gespräch; was nur irgendwie beachtlich erschien und als Echo Heinescher Worte gelten konnte, habe ich stehenlassen, selbst auf die Gefahr mancher Wiederholungen hin, besonders in der Schilderung der Persönlichkeit des Dichters und seines Milieus.

Die fremdsprachigen Texte schließlich habe ich, von vereinzelten leicht verständlichen Sätzen abgesehen, in deutscher Sprache wiedergegeben. Wo autorisierte ältere Übersetzungen vorlagen, habe ich diese zugrunde gelegt, in allen übrigen Fällen die Übertragung aus dem Französischen, Englischen und Dänischen selbst vorgenommen. Mein Buch wendet sich ja nicht an den kleinen Kreis der Gelehrten, sondern soll jedem Freund Heines oder der Literatur überhaupt in allen Teilen verständlich sein. Von diesen fremdsprachigen Quellen bot das Buch von Alexander Weill, „Souvenirs intimes de Henri Heine“ (1883), weitaus die größten Schwierigkeiten, dieses begreiflich erscheinen lassen, daß dieses in Frankreich erfolgreiche Buch in der Heimat des Dichters so gut wie unbekannt ist und selbst bei den Heine-Forschern einem Vorurteil begegnet, das mir nicht gerechtfertigt erscheint; es ist kein Pamphlet und seine Schilderung Mathildes keine boshaftwitzige Karikatur, sondern ein Porträt mit allen Merkmalen drastischer Lebenswahrheit. Bei der Übersetzung Weills, der in geistreichen Bonmots und Pointen Heine selbst zu überbieten sucht, unterstützte mich in dankenswerter Weise ein jüngerer Studienkollege, Herr Dr. Karl Wolf in Hannover, Verfasser einer Dissertation über Gustav Kühne.

Die Ausarbeitung des Registers übernahm Herr Felix Hasselberg in Berlin; alle Benutzer meines Buches werden ihm dafür ebenso Dank wissen wie der Herausgeber.

Berlin, im Herbst 1925

Prof. Dr. H. H. Houben

Gespräche mit heine

1. Charlotte Embden-Heine74

1802

[Mitteilung ihrer Tochter Maria:] Nachdem Heine lesen und schreiben gelernt hatte, schickte man ihn in eine Mädchenschule, deren Vorsteherin eine alte fünfzigjährige Jungfer war. Der Knabe war erst vier Jahre alt, lernte alles mit der größten Leichtigkeit, aber das Stillsitzen war ihm unerträglich. Die Lehrerin bestrafte jede Unachtsamkeit aufs empfindlichste, und diese Strenge empörte ihn. Sie wurde ihm so verhaßt, daß er hin und her sann, wie er sich rächen könnte.

Eines Tages ließ die Lehrerin einen Krug mit Milch auf dem Tische stehen, und sowie er sich unbeobachtet sah, nahm er ein Tintenfaß und goß den Inhalt in die Milch. Hierauf stolzierte er in der Stube auf und nieder, die Hände auf dem Rücken, als ob nichts geschehen wäre!

Ein anderes Mal erwischte er die Schnupftabaksdose der Alten, leerte sie und füllte sie mit Sand. Als die Lehrerin ihm eine Strafpredigt hielt und ihn fragte, warum er dies getan habe, antwortete er mit Nachdruck: „Weil ich dich hasse!“

[Die „Mädchenschule“ war eine Kleinkinderbewahranstalt, in die Heine – geb. am 13. Dezember 1797 – mit vier Jahren gebracht wurde; die Vorsteherin hieß Frau Hindermans. Heine war unter einem Dutzend Mädchen „das einz’ge kleine Bübchen“, so heißt es in seinem Gedicht „Citronia“, das die Birkenrute der Frau Hindermans in drastischer Weise verewigt.]

2. Charlotte Embden-Heine74

1804

[Mitteilung ihrer Tochter Maria:] Heinrich und [seine Schwester] Charlotte waren noch ganz kleine Kinder, als sie an den Masern erkrankten und längere Zeit das Zimmer hüten mußten. Um sie zu beschäftigen, gab man ihnen eine Kiste voll bunter Lappen.

„Was wollen wir damit anfangen?“ fragte Charlotte.

„Wir wollen eine Narrenjacke davon machen“, antwortete Heinrich, und beide fingen emsig an zu nähen. Die Schwester mit ihrer angeborenen Lebhaftigkeit warf bald die Arbeit fort, aber Heinrich nähte mit großem Eifer, bis die Jacke fertig war, denn er wollte sie während der Karnevalszeit tragen.

Endlich kam der ersehnte Tag heran, aber man erlaubte ihm nicht, dieselbe anzuziehen. Ärgerlich und unmutig schenkte er sie einem Nachbarskinde.

Nach vielen Jahren, als Charlotte längst verheiratet war und in Hamburg wohnte, begegnete sie eines Tages einem gutgekleideten Matrosen, der sie ehrerbietig grüßte und folgendermaßen ansprach:

„Sie erkennen mich wohl nicht? Ich bin jener Knabe, dem Ihr Bruder einst eine Narrenjacke schenkte; damals wußte ich diese Gabe nicht zu schätzen, doch habe ich sie immer sorgfältig bewahrt. Vor nicht langer Zeit habe ich sie in siebzehn Stücke zerschnitten und unter meine Freunde verteilt, die ein Andenken von unserm berühmten Dichter besitzen wollten...“

Als meine Mutter [1855] in Paris war, erinnerte sie ihren Bruder an die Jacke und erzählte ihm ihre Begegnung mit dem Matrosen.

„Über dieses Thema werde ich dir ein Gedicht machen, und du sollst herzlich darüber lachen.“

Leider wurde dieses Gedicht nicht mehr geschrieben, der Tod ließ ihm keine Zeit dazu!

3. Betty Heine88

1805?

[Mitteilung ihrer Enkelin Maria:] Eines Tages – es war ein heißer Sommertag – studierte Heine in seinem Zimmer bei offenen Fenstern. Die Sonne schien so warm, und die hellen Strahlen liebkosten seine braunen Locken. Die Hitze wurde unerträglich. Harry legte die Feder beiseite, klappte seine Bücher zu und schritt nachdenkend zum Fenster. Sehnsuchtsvoll blickte er hinaus ins Freie. Plötzlich kam ihm der Gedanke, auf das Gesims des Fensters zu klettern und sich außerhalb desselben der Länge nach hinzustrecken. Gesagt, getan. Die Hitze überwältigte ihn, und er schlief ein.

Seine Gedanken, seine Träume führten ihn in das Reich der Phantasie, und unruhig wandte er sich zur Seite. Das Gesims war nur zwei Fuß breit, und mit Schrecken beobachteten die Vorübergehenden den schlafenden Knaben. Man benachrichtigte die Mutter, die händeringend auf die Straße eilte. Federbetten wurden ausgebreitet, Kissen und Decken herbeigeholt, denn man befürchtete das Kind könne jeden Augenblick auf die Straße fallen und sich den Kopf zerschmettern! Ihn wecken? Unmöglich; die leiseste Berührung konnte ein Unglück herbeiführen; man fürchtete ins Zimmer zu treten: das Geräusch der knarrenden Tür hätte ihn wecken können. Beobachtend standen die Leute auf der Straße und starrten zum zweiten Stock hinauf. – Jetzt bewegt er einen Arm – – hieß es, und die katholische Bevölkerung schlug ein Kreuz. Jetzt wandte er den Kopf – – die arme Mutter war nicht mehr Herr ihrer Sinne, und trotz aller Mahnungen wollte sie hinauf zu ihrem Sohn, um ihn zu retten oder mit ihm hinunterzustürzen.

Ängstlich, mit klopfendem Herzen stieg sie die Treppe hinauf – sie legte die Hand ans Schloß – es glückte, sie öffnete leise die Tür. Mit verhaltenem Atem stand sie auf der Schwelle. Leise zog sie die Schuhe aus und schlich ans Fenster. Unten staunte die Menge regungslos.

Sie streckte den Arm aus – sie wagte nicht, ihn zu umfassen – sie erhob den Blick gen Himmel, als ob sie dort oben um Hilfe flehte. – Mit festem Arm zog sie den Knaben an sich, durchs Fenster hinein, an ihre klopfende Brust.

Unten jauchzte das Volk und schrie: „Es lebe Madame Heine! Hoch!“

„Mutter, warum wecktest du mich? Engel umgaben mich, ich träumte, in einem Zauberhaine zu sein, Vögel sangen liebliche Melodien, und ich dichtete die Worte dazu.“

„Bist du mir böse?“ fragte er die weinende Mutter, deren Angst sich endlich in Tränen auflöste. Sie konnte weder schelten noch strafen, sondern küßte ihn innig. Zugleich wurde das Bewußtsein in ihr wach, daß das Kind zum Dichter geboren sei.

Meine Großmutter hat uns diese Begebenheit oft erzählt.

4. Charlotte Embden-Heine74

1805?

[Mitteilung ihrer Tochter Maria:] Schon als Kind war meine Mutter des Dichters Liebling, und des Morgens in aller Frühe, wenn die andern Mitglieder der Familie noch im tiefen Schlummer lagen, spielten Heinrich und Charlotte miteinander. Sie suchten Reime. Eines Tages quälte sich das kleine Mädchen vergebens, sie konnte die gewünschten Worte nicht finden. Sie wandte sich an den Bruder: „Dir ist es leicht, Reime zu finden, mir wird es sehr schwer, wir wollen lieber ein anderes Spiel spielen. Ich werde eine Fee vorstellen, wir bauen einen Turm, ich bewohne ihn; du bleibst draußen stehen, singst und findest Reime.“

Beinahe hätte dieses Spiel meiner Mutter das Leben gekostet.

Sie bauten einen Turm! Im Wagenschauer standen viele leere Kisten, die beiden Kinder arbeiteten unermüdlich, bis sie eine Kiste auf die andere gehoben hatten und ihr Gebäude zehn Fuß Höhe erreicht hatte. Dessenungeachtet fanden sie, daß der Turm noch immer nicht hoch genug war. Die Kleine kletterte hinauf bis an die letzte Kiste und sprang hinein. Die Fee verschwand, da die Kiste höher war als das Kind. Sobald Heinrich seine Schwester nicht mehr erblickte, wurde ihm bange, er lief nach Hause und rief um Hilfe. Charlotte versuchte sich zu befreien, die Kisten fingen an zu schwanken, und furchterfüllt kauerte sie, leise weinend, in einer Ecke. Um recht schön zu erscheinen, hatte sie ihr bestes Kleid angezogen und beim Hineinspringen bedeutend zerrissen. Sie fürchtete die Folgen, da meine Großmutter eine strenge Frau war und jeden Ungehorsam unerbittlich bestrafte.

Das Ende dieser Geschichte erzählte uns meine Mutter mit folgenden Worten: „Als man mir zu Hilfe eilte, blieb ich still und stumm in meiner Ecke sitzen, doch als ich das Klagen und Weinen meines Bruders hörte, rief ich ihm zu: ‚Ich lebe, aber mein Kleid ist zerrissen.‘ Nicht ohne Schwierigkeit wurde ich aus meinem sogenannten Turm hervorgeholt, und Heinrich umarmte mich stürmisch, überglücklich, sein Schwesterchen unbeschädigt wiederzusehen.“

1855, zwei Monate vor seinem Tode, als ich ihn zum letzten Male sah und wir von den glücklichen Tagen unserer Kindheit sprachen, erzählte er mir, daß er nie den freudigen Eindruck vergessen habe, den er damals als achtjähriger Knabe empfand.

[An diese Kinderspiele erinnert auch Heines Gedicht: „Mein Kind, wir waren Kinder.“]

5. Joseph Neunzig194

1806?

Die beiden Kinder [Harry und Charlotte] standen an einem Sonnabend auf der Straße, als plötzlich ein Haus zu brennen begann. Die Spritzen rasselten herbei, und die müßigen Gaffer wurden aufgefordert, sich in die Reihe der Löschmannschaften zu stellen, um die Brandeimer weiterzureichen. Als an Harry die gleiche Aufforderung erging, sagte er bestimmt: „Ich darf’s nicht, und ich tu’s nicht, denn wir haben heut Schabbes!“ – Schlau genug wußte der acht- bis neunjährige Knabe jedoch ein anderes Mal das mosaische Gebot zu umgehen. An einem schönen Herbsttage – es war wieder ein Samstag – spielte er mit einigen Schulkameraden vor dem Pragschen Hause, an dessen rebenumranktem Spalier zwei saftige reife Weintrauben fast bis zur Erde herabhingen. Die Kinder bemerkten dieselben und warfen ihnen lüsterne Blicke zu, aber der Vorschrift gedenkend, nach welcher man an jüdischen Feiertagen nichts von Bäumen abpflücken darf, wandten sie bald der verführerischen Aussicht den Rücken und setzten ihr Spiel fort. Harry allein blieb vor den Träubchen stehen, beäugelte sie nachdenklich aus geringer Entfernung, sprang dann plötzlich bis an das Spalier heran, biß die Weinbeeren eine nach der andern ab und verzehrte sie. „Roter Harry“ – diesen Spitznamen hatten ihm seine Kameraden wegen der rötlichen Farbe seines Haares erteilt, die später mehr ins Bräunliche überging – „Roter Harry!“ riefen die Kinder entsetzt, als sie sein Beginnen gewahrten, „was hast du getan!“ – „Nichts Böses“, lachte der junge Schelm; „mit der Hand abreißen darf ich nichts, aber mit dem Munde abzubeißen und zu essen hat uns das Gesetz nicht verwehrt.“

[Neunzig, später Arzt in Gerresheim bei Düsseldorf, war einer von Heines Schulkameraden und Universitätsfreunden. Was Heine unter seinem Namen Harry bei der Schuljugend zu leiden hatte, erzählen seine „Memoiren“.]

6. Betty Heine74

1807?

[Mitteilung ihrer Enkelin Maria:] Heinrich setzte seine Studien fort und war immer einer der ersten unter seinen Mitschülern; seine Mutter, eine große Verehrerin der schönen Künste, wollte, daß ihr Sohn ihrem Beispiel folge.

Man engagierte einen Zeichenlehrer, der arme Mann wohnte entfernt von der Bolkerstraße und war so müde, wenn er ankam, daß er sogleich einnickte. Heine hatte bedeutende Anlagen zum Zeichnen, wurde der Sache aber bald überdrüssig und suchte den Lehrer zu entfernen. Eines Tages zeichnete er einen Eselskopf auf einen Bogen Papier, befestigte das Blatt auf dem Rücken des Lehrers, der nichts bemerkte und ruhig weiterschnarchte. Beim Fortgehen wurde er von allen Gassenbuben verfolgt und verhöhnt, bis eine alte Frau ihn mitleidsvoll von diesem Aushängeschild befreite. Empört kehrte er zu Herrn Heine zurück und beklagte sich über den unerzogenen Knaben.

„Es scheint mir unmöglich,“ sagte Herr Heine, „daß mein Sohn einen solch unpassenden Scherz ausüben konnte, ohne daß Sie es bemerkten, denn Sie sind doch gewiß die Aufmerksamkeit selbst während der Lehrstunde.“

Heinrich stand ängstlich horchend in einer Ecke, denn er fürchtete die wohlverdiente Strafe seiner Tat, doch als er den Vater so sprechen hörte, näherte er sich und sagte vorlaut: „Papa, er schläft während der ganzen Stunde und träumt laut von seinen Schulden.“

[Heine besuchte seit 1. August 1804 die Normalschule im Franziskanerkloster zu Düsseldorf, Herbst 1811 bis Ostern 1814 das dortige Lyzeum oder Gymnasium; ein Musterschüler war er aber keineswegs.]

7. Betty Heine74

1807?

[Mitteilung ihrer Enkelin Maria:] Nun sollte Heine Musik studieren, und er wählte die Violine. Ein berühmter Lehrer wurde engagiert, und die Stunden nahmen ihren Anfang. Nach drei Monaten ging meine Großmutter an der Stube vorbei, wo Heinrich mit seinem Lehrer studierte, und angenehm überrascht blieb sie an der Tür stehen, den lieblichen Tönen lauschend, die ihr entgegenhallten.

Mein Sohn ist ein Wunderkind, dachte die Mutter und wollte dem Lehrer ihre Zufriedenheit beweisen. Sie trat ins Zimmer – das Wort erstarb ihr auf den Lippen, wie angewurzelt blieb sie auf der Schwelle stehen! Heinrich lag lang ausgestreckt auf dem Sofa, der Lehrer ging in der Stube auf und nieder und geigte seine schönsten Kompositionen.

Heinrich war so in Gedanken vertieft, daß er das Kommen seiner Mutter überhört hatte, und bemerkte ihre Gegenwart erst dann, als sie ihn unsanft aus seinen Träumen aufrüttelte. „Schade, daß du mich störst, die Töne der Musik kamen meiner Idee zu Hilfe, und ich war eben im Begriff, ein schönes Lied zu dichten.“

8. Charlotte Embden-Heine74

1809?

[Mitteilung ihrer Tochter Maria:] Im zwölften Jahre schrieb er sein erstes Gedicht. Während des Tages war seine Zeit so in Anspruch genommen, daß er nicht genug studieren konnte, also nahm er die Nacht zu Hilfe. Seine Stube war sehr kalt und nicht genug erwärmt, wodurch er sich eine schwere Krankheit zuzog. Später wußte er sich eine wollene Mütze zu verschaffen und einen großen Pelz, um sich gegen die Kälte zu schützen.

Eine alte Köchin versah ihn mit Wachskerzen, und als sie sie ihm verweigerte, legte er sich aufs Bitten und Schmeicheln. Als auch dies nicht half, wurde er böse, geriet in Zorn und sagte ihr derbe Grobheiten. Sie beklagte sich bei seinem Vater und nannte ihn einen bösen Buben, der alles sage, was ihm in den Kopf käme.

9. Charlotte Embden-Heine74

1810?

[Mitteilung ihrer Tochter Maria:] Meine Mutter wurde in einem Kloster erzogen, d. h. sie ging dort in die Schule, die zwar von Nonnen geleitet wurde, welche jedoch aufgeklärt genug waren, den besten Professoren der Stadt den Unterricht für Geschichte, Geographie und Literatur anzuvertrauen.

Professor B. erzählte seinen Schülerinnen eine Geschichte, die sie zu Hause niederschreiben mußten. Nach den Schulstunden setzte meine Mutter sich an die Arbeit, doch soviel sie auch nachdenken mochte, sie konnte sich des Inhalts der Erzählung nicht mehr entsinnen. Mit den Armen auf dem Tische, untätig ins Weite starrend, rollten große Tränentropfen über ihre Wangen, und so fand Heinrich sein Schwesterchen.

„Was gibt’s?“ fragte er.

„Die Geschichte, die ich niederschreiben soll, ist mir entfallen – was soll aus mir werden, wie kann ich morgen vor dem Professor erscheinen – –“ und heftiges Schluchzen verhinderte sie weiterzusprechen.

„Beruhige dich, liebes Lottchen,“ begütigte sie der Bruder, „suche nur dich zu erinnern, von welchem Gegenstande der Lehrer sprach, gib mir eine Andeutung, den geringsten Anhalt, und ich schreibe dir eine prächtige Geschichte.“

Nach einer Stunde brachte er seiner Schwester das Heft; glücklich und vergnügt, von dieser unangenehmen Arbeit befreit zu sein, legte sie es in ihre Schulmappe, ohne auch nur einen Blick hineinzuwerfen.

Den folgenden Tag legte sie ihr Heft zu den andern, und nachdem der Lehrer sie alle beisammen hatte, nahm er sie mit nach Hause, korrigierte sie und gab, je nachdem man es verdiente, gute oder schlechte Punkte. Meine Mutter trug das Köpfchen hoch und erwartete gelobt zu werden; doch zu ihrem größten Erstaunen behielt der Lehrer ihr Heft zurück. War die Geschichte zu lang – hatte er sie nicht gelesen?

Nach Beendigung der Lehrstunde ließ der Professor sie rufen. „Wer hat dies geschrieben?“ auf das Heft zeigend.

Ohne Zögern antwortete sie: „Ich!“

„Ich werde weder schelten noch dir Vorwürfe machen,“ sagte er, sie ermutigend, „nur sage mir: Wer hat dies geschrieben?“

Beschämt, eine Unwahrheit gesagt zu haben, nannte sie den wahren Verfasser.

„Dies ist ein Meisterwerk“, rief er aus.

Zwei andere Professoren hatten diesem kleinen Verhör beigewohnt und Professor B. las ihnen den Aufsatz vor. Es war eine grausige Gespenstergeschichte und mit so lebhaften Farben geschildert, daß das kleine Mädchen laut aufschrie...

Professor B. besuchte meine Großmutter und beglückwünschte sie, einen so geistreichen Sohn zu haben, der mit solcher Leichtigkeit ein solches Meisterwerk zustande bringen konnte. Der Knabe wurde gerufen, blieb jedoch kalt bei allen Lobeserhebungen, denn er glaubte nicht etwas Besonderes geschaffen zu haben. Der Lehrer wollte durchaus das Manuskript behalten, allein er bekam nur eine Abschrift.

[Gefunden hat sich dieses jugendliche „Meisterwerk“ bisher nicht.]

10. Max Heine70

1810?

Unsere Mutter, die überhaupt für eine ziemlich strenge Erziehung war, hatte von unserer ersten Jugend an uns daran gewöhnt, wenn wir irgendwo zu Gast waren, nicht alles, was auf unseren Tellern lag, aufzuessen. Das was übrigbleiben mußte, wurde der „Respekt“ genannt. Auch erlaubte sie nie, wenn wir zum Kaffee eingeladen waren, in den Zucker so einzugreifen, daß nicht wenigstens ein ansehnliches Stück Zurückbleiben mußte.

Einstmals hatten wir, meine Mutter und ihre sämtlichen Kinder, an einem schönen Sommertage außerhalb der Stadt Kaffee getrunken. Als wir den Garten verließen, sah ich, daß ein großes Stück Zucker in der Dose zurückgeblieben war. Ich war ein Knabe von sieben Jahren, glaubte mich unbemerkt und nahm hastig das Stück Zucker aus der Dose. Mein Bruder Heinrich hatte das bemerkt, lief erschrocken zur Mutter und sagte ganz eiligst: „Mama, denke dir, Max hatte den Respekt aufgegessen!“

11. Betty Heine74

1810?

[Mitteilung ihrer Enkelin Maria:] Es war Jahrmarkt; die Dienstboten erhielten die Erlaubnis, ein Tanzlokal zu besuchen, die Mutter und die Kinder mit einer alten tauben Magd blieben zu Hause. Die Kinder saßen bei der Mutter und hörten ihren Erzählungen zu, als plötzlich ein heller Lichtstrahl ins Zimmer drang und die Flammen aus dem Nachbarhause prasselnd emporschlugen.

Das Haus gehörte einem Bierbrauer, dessen ganze Malzvorräte sich entzündet hatten. Schleunige Hilfe tat not, und man eilte zum Nachbar, der noch nichts bemerkt hatte. Das Feuer wurde gelöscht, ohne viel Unheil angerichtet zu haben. Dankbar geleitete der Brauer meine Großmutter, von den Kindern gefolgt, bis an die Tür ihrer Wohnung.

Doch welche unangenehme Überraschung, die Haustür war ins Schloß gefallen, unmöglich, sie von außen zu öffnen. Man schellte und schellte, aber vergebens. Die alte Magd nähte in einer Hinterstube, ihre Taubheit verhinderte sie, uns zu hören.

„Mutter,“ sagte Heinrich, „sieh, die Tür des Wagenschauers ist unverschlossen; von hier aus können wir ins Haus gelangen.“

Eine große Reisekutsche stand hier, mit grauem Leinen behangen. Im Vorbeigehen bemerkte Heinrich, daß ein Mann unter den Wagen huschte. Weder mit einer Miene noch einem Ausruf verriet er, was er gesehen hatte. „Mütterchen,“ sagte er, „ich kehre gleich zurück, ich habe mein Taschentuch beim Nachbar vergessen.“

Die Mutter hatte keine Ahnung von dem, was ihr Sohn gesehen hatte, und wollte ihn zurückhalten, aber er lief lachend davon und berichtete dem Nachbar, was er gesehen hatte. Dieser versammelte seine Knechte, bewaffnete sie mit Knütteln und Heugabeln, folgte dem kleinen Heine in die Remise und fand den Mann, mit einem großen Messer bewaffnet, unter dem Wagen.

Er wurde hervorgezogen und geknebelt. Es war ein entlaufener Sträfling, und als die Polizeidiener ihn abholten, wandte er sich an den Knaben mit diesen Worten: „Erinnere dich, du kleine Canaille, wenn ich wieder frei werde, bringe ich dich um!“

Viele Jahre vergingen. Heine studierte in Bonn und reiste zum Vergnügen nach Aachen, um der Hinrichtung eines Missetäters vermittels der Guillotine beizuwohnen. Einer der Studenten, welcher Phrenologie studierte, erhielt die Erlaubnis, den armen Sünder im Gefängnisse zu besuchen, um wissenschaftliche Beobachtungen anzustellen.

Heines Neugier war erregt und er bat seinen Freund, ihn begleiten zu dürfen, doch wie unangenehm wurde er berührt, als der Mann einen Schrei ausstieß und Heine in ihm den Sträfling erkannte, der in der Remise festgenommen wurde. Am folgenden Tage wohnte er der Hinrichtung bei und behauptete, daß der zum Tode Verurteilte ihn erkannt und ihm einen haßerfüllten Blick zugeworfen habe.

Von dieser Zeit an konnte er nicht mehr von Hinrichtung und Schafott sprechen hören, sogar der Name Aachen versetzte ihn in nervöse Aufregung.

[Da Heine selbst diesen Vorfall nie erwähnt, dürfte die Erzählung seiner Nichte, die ebenso wie ihr Onkel Max Heine mancherlei über den Dichter zu fabulieren pflegte und es mit der Wahrheit nicht eben genau nahm, mit Vorbehalt aufzunehmen sein.]

12. Joseph Neunzig194

1812?

[Nach Mitteilung von Adolf Strodtmann:] Joseph Neunzig, der von Jugend auf ein fleißiger Schüler der Düsseldorfer Malerakademie war... porträtierte damals manchen seiner Freunde auf Elfenbein, unter ihnen auch Heine. Bei der ersten Sitzung machte ihn dieser besonders auf den... satirischen Zug am Munde aufmerksam und bat ihn, denselben ja nicht zu verfehlen. Als ihm Neunzig nach einigen Tagen das wohlgetroffene, mit einem geschliffenen Glase bedeckte Miniaturbild übergab, zeigte sich Heine sehr erfreut und rief lustig aus: „So, nun wollen wir das Bild auch in Musik setzen lassen!“

13. Joseph Neunzig194

1814?

[Nach Mitteilung von Strodtmann:] Eines Tages kam Harry mit begeisterungstrahlenden Wangen zu ihm [Neunzig] hinübergeeilt und las ihm das Gedicht „Die Grenadiere“ vor, das er soeben geschrieben, und nie vergaß dieser die tiefschmerzliche Betonung der Worte: „Mein Kaiser, mein Kaiser gefangen!“ Bald nachher wurde die unsterbliche Romanze von dem Düsseldorfer Tonkünstler Max Kreuzer in Musik gesetzt und von ihm dem französischen Marschall Soult gewidmet, dessen Gemahlin aus dortiger Gegend stammte.

14. Max Heine70

1814?

Als Heinrich Heine das Gymnasium in Düsseldorf besuchte, war er am Schlusse des Schuljahres einer von den Schülern, die bestimmt waren, bei dem öffentlichen Schulaktus ein Gedicht vorzutragen.

In jener Zeit schwärmte der junge Gymnasiast für die Tochter des Oberappellationsgerichtspräsidenten von A---. Diese war ein wunderschönes, schlankes Mädchen mit langen, blonden Locken. Ich bin überzeugt, daß manches seiner ersten Gedichte an diese reizende, fast ideale Erscheinung gerichtet war. Der Saal, in welchem der Schulaktus stattfand, war Kopf an Kopf gefüllt. Ganz vorn, auf prachtvollen Lehnstühlen, saßen die Schulinspektoren. In der Mitte zwischen denselben stand ein leerer goldener Sessel.

Der Oberappellationsgerichtspräsident kam mit seiner Tochter sehr spät, und es blieb nichts anderes übrig, als dem schönen Fräulein auf dem leerstehenden goldenen Sessel, zwischen den ehrbaren Schulinspektoren den Platz anzuweisen. Heine war gerade in der Deklamation des „Tauchers“ von Schiller in vortrefflichem Schwunge bis zur Stelle gelangt, wo es heißt: „Und der König der lieblichen Tochter winkt“, da wollte es sein Mißgeschick, daß sein Auge gerade auf den goldenen Sessel fiel, wo das von ihm angebetete schöne Mädchen saß. Heine stockte. Dreimal wiederholte er die Stelle: „Und der König der lieblichen Tochter winkt“, aber er kam nicht weiter. Der Klassenlehrer soufflierte und soufflierte; Heine hörte nichts mehr. Mit großen offenen Augen schaute er, wie auf eine plötzlich erschienene überirdische Gestalt, auf den goldenen Sessel hin und sank dann ohnmächtig nieder. Keiner im Saale ahnte die Ursache. „Das muß die große Hitze im Saale getan haben“, sagte der Schulinspektor zu meinen herbeieilenden Eltern und ließ alle Fenster öffnen.

Nach vielen Jahren hat er mir den Zusammenhang dieser Jugendbegebenheit erzählt, indem er sich oft mit dem Ausrufe unterbrach: „Wie war ich damals unschuldig!“

[Die Heineforschung hat festgestellt, daß der Gymnasialschüler Harry Heine einmal bei einer öffentlichen Schulprüfung Schillers „Kassandra“ deklamieren mußte, aber steckenblieb, und daß der angebliche Oberappellationsgerichtspräsident ein Kriegsrat von Ammon war.]

15. Werner193

Herbst 1814

[Über Heines Aufenthalt in der Handelsschule von Vahrenkampff auf der Neustraße zu Düsseldorf 1814 berichtet Karpeles, zum Teil nach Mitteilung von Werner:] Allzuviel von jenen Handelswissenschaften mag er... sicher nicht gelernt haben; dagegen werden verschiedene Scherze erzählt, die der junge Harry dort getrieben und die schon auf eine gewisse poetische Veranlagung schließen ließen. So pflegte er seinen Mitschülern die alten Klassiker in „Judäas lieblichen Dialekt“ zu übersetzen. Der jüdischdeutsche Homer oder Ovid rief oft in den Zwischenstunden ein schallendes Gelächter hervor. Einen andern Scherz erzählt ein etwas älterer Kamerad Heines, der nachmalige Kreisbaumeister Werner zu Bonn, der den Platz zur rechten Seite Heines in jener Handelsschule innehatte, während zur Linken ein gewisser Faßbender, der Sohn des Besitzers einer Brauerei „Zum Specht“ saß. Eines Tages erhebt sich ein plötzlicher Lärm in der Schulstube – Harry Heine fliegt von seiner Bank unter den Tisch. „Was geht hier vor?“ fragt der eintretende Lehrer. „Oh,“ antwortet der junge Faßbender zorngeröteten Gesichts im breitesten rheinländischen Dialekt, „de verdammte Jüdde sähd: ‚Em Specht, em Specht, do schläft de Mähd beim Knecht.‘ Do han ich em ene Watsch gegewe und do is hä von de Bank gefalle.“ Unter allgemeiner Heiterkeit erteilte der Lehrer den beiden Knaben eine derbe Rüge.

[Nach dem Besuch der Handelsschule in Düsseldorf wurde Heine im Herbst 1815 nach Frankfurt in die kaufmännische Lehre gegeben, dann nach Hamburg in das Bankgeschäft seines reichen Oheims Salomon Heine, der dem Neffen 1817 eine eigene Firma „Harry Heine & Co.“ gründete, die aber schon 1818 wieder aufgelöst wurde.]

16. Kaufmann Unna180

1818

[Mitteilung von Gustav Karpeles:] Ein gewisser Unna, Kommis eines bedeutenden Garderobengeschäfts von Bonfort, war von seinem Prinzipal beauftragt, einen bestimmten Betrag in dem Manufakturwarengeschäft von Harry Heine einzukassieren. Zufällig traf er es glücklich, indem er den Chef selbst anwesend fand, was sonst bei den meisten Gläubigern nicht der Fall war. Er war gerade bei guter Laune und gab ihm auf jene Schuld zwei Louisdors, welche Unna in der offenen Hand behielt. Darauf fragte Heine: „Junger Mann, Sie sind doch Kaufmann, nicht wahr?“ „Allerdings!“ war die Antwort. „Dann rate ich Ihnen, immer nehmen, nehmen, nehmen!“ „Ja,“ war die Entgegnung, „ich nehme ja; ich will aber gern noch mehr nehmen!“ „Sehr gut, sehr gut,“ erwiderte Heine, „aus Ihnen kann noch etwas werden, aber ich habe eben nicht mehr“, und drängte ihn sanft zur Tür hinaus.

17. W. Koppel180

1818

[Mitteilung von Koppel an Karpeles:] Aufsehen erregte damals in Bankierkreisen der folgende Witz von Heine, den er gelegentlich einmal bei einem Diner geäußert haben soll: „Meine Mutter hat schönwissenschaftliche Werke gelesen und ich bin ein Dichter geworden; meines Onkels Mutter dagegen hat den [Räuberhauptmann] Cartouche gelesen und Onkel Salomon ist Bankier geworden.“

[In etwas anderer Form benutzt im 1. Kapitel der „Memoiren des Herren von Schnabelewopski“, die viel Autobiographisches enthalten und zum Teil aus „Zeitmemoiren“ bestehen, mit deren Niederschrift sich Heine schon 1823 beschäftigte.]

18. Aron Hirsch180

Frühjahr 1819

[Mitteilung von W. Koppel an Karpeles:] Ein gewisser Aron Hirsch, der Hausfreund bei den Großeltern Koppels war, erzählte einst in Gegenwart seines [Koppels] Vaters, daß er als Buchhalter bei Salomon Heine beauftragt ward, Harry Heine auf der Abreise von Hamburg zu begleiten resp. für sein Fortkommen von dort zu sorgen. Unterwegs im Wagen habe er ihm ins Gewissen gesprochen, daß er seine Karriere in dem Geschäft seines angesehenen und wohlhabenden Onkels so leichtsinnig verscherzt habe. Darauf habe Heine ihm auf die Schulter geklopft und gesagt: „Sie werden noch von mir hören, lieber Hirsch!“

[Dieses Aron Hirsch, der später selbst ein vermögender Mann wurde, gedenkt Heine noch später oft in seinen Briefen an Bruder Max. – Da Onkel Salomon einsah, daß der Neffe zum Kaufmann verdorben sei, gab er ihm die Mittel, Rechtswissenschaft zu studieren. Im Herbst 1819 bezog Heine als stud. jur. die Universität Bonn.]

19. Friedrich Steinmann164

Herbst 1819

Mir war nicht bekannt, als ich im Herbst 1819 nach Bonn kam, daß Heine da sei. Am Tage nach meiner Ankunft daselbst traf ich ihn am Rheinufer, wo er mit mehreren zusammenstand und Fischern im Kahne zuschaute. Da hörte ich den ersten „Witz, den er riß“, indem er seiner Umgebung zuraunte: „Seid auf eurer Hut, daß ihr nicht ins Wasser fallet! Man fängt hier Stockfische.“ Dabei reckten sich seine Mundwinkel scharf auseinander, und der alte bekannte satirische Zug spielte um seine Lippen...

Die Mütze von brennend roter Farbe weit nach hinten auf den Kopf geschoben, der Rock – im Winter Flausch, im Sommer von gelbem Nankingzeuge, beide Hände in den Hosentaschen, mit nachlässigem Gange, stolpernd und rechts und links umherschauend – das waren die Umrisse zu Heines äußerem Bilde, wenn er über das Straßenpflaster zu Bonn schlenderte, die Mappe unter dem Arme, um ins Kollegium zu gehen, das Gesicht fein, weißer Teint, lichtbraunes Haar, ein kleines Bärtchen unter der Nase, die Gesichtsfarbe fein gerötet.

[Dieser Bonner Studienfreund Steinmann hat sich später durch dreiste Fälschungen von Gedichten und Briefen, die er Heine unterschob, übel bekannt gemacht.]

20. Wolfgang Menzel144

November/Dezember 1819

An die Stelle Haupts wurde ich... am 7. November [1819] zum Vorstand der [Bonner] Burschenschaft gewählt und nahm dieses Amt an, um den bessern Geist auf der Universität... noch solange zu nähren, als es möglich sein würde: denn ich wußte voraus, es würde nicht lange mehr dauern. Der Karlsbader Kongreß war zu Ende gegangen und seine Beschlüsse [vom 20. September 1819] drohten der patriotischen Partei gänzliche Vernichtung... Unter den vielen Jünglingen, die sich um mich drängten, gaben sich, ohne daß ich es wünschte, besonders zwei viele Mühe um mich, nämlich der kleine Jude Heinrich Heine, der einen langen dunkelgrünen Rock bis auf die Füße und eine goldene Brille trug, die ihn bei seiner fabelhaften Häßlichkeit und Aufdringlichkeit noch lächerlicher machte, weshalb man ihn unter dem Namen Brillenfuchs vielfach verspottete. Aber er war geistreich und wurde daher von uns Älteren gegen die Spötter geschützt. Der andere war Jarcke, ein protestantischer Ostpreuße, welcher einige Jahre später katholisch geworden ist und als Publizist seine Rolle in Wien gespielt hat... Dieser Jarcke hing sehr an mir und zwar aus andern Gründen, als Heine, dem es bloß darum zu tun war, sich meines Schutzes zu erfreuen, da er so viel verhöhnt wurde. Damals ahnte noch niemand, daß in diesen beiden, die man oft meine Leibfüchse nannte, das destruktive und konservative Extrem des Zeitalters auseinandertreten würde.

21. Bonner Universitätsgericht116

26. November 1819

[Am 18. Okt. 1819 hatten Bonner Studenten den Jahrestag der Völkerschlacht auf dem Kreuzberg festlich begangen. Heines Landsmann und Stubengenosse Joseph Neunzig schrieb darüber einen stark übertreibenden Bericht, der in der „Düsseldorfer Zeitung“ erschien und sehr übel vermerkt wurde. Seit dem 23. März 1819, der Ermordung Kotzebues durch den Studenten Sand, standen die Universitäten unter strenger Aufsicht. Die Burschenschaften waren verboten. Zwei Professoren und elf Studenten wurden über die Kreuzbergfeier verhört.]

Protokoll, verhandelt am Akademischen Gericht zu Bonn, den 26. November 1819. Präsentibus: Herr Professor Mittermaier, qua stellvertretender Syndikus: Oppenhoff, Universitätssekretär.

Der vorgerufene studiosus juris Harry Heine aus Düsseldorf, neunzehn Jahre alt, seit Michaelis d. J. in Bonn, gehörig die Wahrheit zu sagen ermahnt, nach vorgängiger Erklärung, daß er auf dem Kreuzberge am 18. Oktober gewesen sei, deponiert auf die Frage:

1 Wieviel Lebehoch wurden ausgebracht?ad. 1. „Ich erinnere mich an zwei; das erste dem verstorbenen Blücher und das zweite, wenn ich nicht irre, der deutschen Freiheit.“

2 Wurde der Burschenschaft kein Lebehoch gebracht?ad. 2. „Nein, ich erinnere mich nicht, ein solches gehört zu haben.“

3 Erinnern Sie sich noch an den Zusammenhang der gehaltenen Reden?ad. 3. „In der ersten Rede konnte ich keinen Zusammenhang finden, und den Zusammenhang der zweiten kann ich nicht angeben, weil ich mich nicht erinnere.“

4 Kamen in einer der Reden die Worte vor: „Auf uns ruht eine schwere Last?“ad. 4. „Diese Worte glaube ich gehört zu haben, den Zusammenhang kann ich mir aber nicht mehr ins Gedächtnis rufen.“

5 Geschah in einer der Reden am Schlusse die Frage, ob einer wäre, der sich dem Dienste für Vaterland usw. entziehen wolle?ad. 5. „Eine solche hervorstehende Frage erinnere ich mich nicht gehört zu haben.“

6 Kamen die Worte vor: „Auf uns hofft und wartet das Volk, um das gedrückte Vaterland vom Drucke zu befreien?“ad. 6. „Nein, solche Worte habe ich nicht gehört.“

7 Wissen Sie sonst nichts anzugeben?ad. 7. „Nein.“

8 Ist Ihnen nicht bekannt, daß über das Fest in der „Düsseldorfer Zeitung“ etwas stand?ad. 8. „Ich habe davon gehört.“

9 Von wem haben Sie das gehört?ad. 9. „In ‚vinea domini‘ [Wirtsgarten bei Bonn?] habe ich davon sprechen hören.“

10 Können Sie keine Spur angeben, durch wen nach Düsseldorf darüber geschrieben worden ist?ad. 10. „Ich habe den stud. Neunzig an einem Briefe nach Düsseldorf schreiben gesehen, und auf die Frage, was der lange Brief enthalte, gab Neunzig ganz unbefangen die Antwort, daß er die Burschenfeier einem Freunde beschreibe.“

11 Wissen Sie nicht den Namen des Freundes, an den er schrieb?ad. 11. „Nein.“

12 Wissen Sie nicht, was er geschrieben hat?ad. 12. „Nein, ich habe den Brief nicht gelesen.“

13 Haben Sie keinen Grund zu glauben, daß Neunzig den Brief absichtlich, damit er abgedruckt werde, nach Düsseldorf geschrieben hat?ad. 13. „Nein, das glaube ich nicht; Neunzig ist an sich schwatzseliger Natur.“

14 Hat sich Neunzig nicht gegen Sie geäußert, daß ihm das Fest mißfallen habe?ad. 14. „Nein.“

15 Wer ist denn sonst noch von Düsseldorfern hier auf der Universität?ad. 15. „Ich kenne sie nicht alle.“

16 Wissen Sie sonst nichts anzugeben?ad. 16. „Nein.“

22. Joseph Neunzig194

1819/20

[Mitteilung Neunzigs an Strodtmann:] Dem Joseph Neunzig... passierte einst das Malheur, Harry beim Spiele durch einen Steinwurf so heftig am Kopf zu verletzen, daß das Blut aus der Wunde floß... Als er später auf der Universität Bonn Harry an jenen Steinwurf erinnerte, sprach dieser mit ironischem Lächeln: „Wer weiß, wozu es gut war! Hättest du nicht die poetische Ader getroffen und mir einen offenen Kopf verschafft, so wäre ich vielleicht niemals ein Dichter geworden!“

23. Joseph Neunzig194

1819/20

Ein Israelit, welcher Medizin studierte, gestand, er zöge das Christentum dem Judentume vor und würde sich gern taufen lassen, wenn nur nicht das Dogma von der unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria allzu fatal den Gesetzen der Wissenschaft widerspräche. Heine hörte aufmerksam zu, er sagte nichts, aber ein sarkastisches Lächeln umspielte seine Lippen. Überhaupt sprach er wenig; er war mehr Beobachter und Denker, als redseliger Teilnehmer an der allgemeinen Konversation; wenn er sich in letztere einmischte, geschah es meist durch kurze, schlagartig treffende Bemerkungen oder drollige Witze.

24. Johann Baptist Rousseau174

Winter 1819/20

Heine, der sein Latein in Hamburg verschwitzt hatte, wandte sich damals an Professor Heinrich mit dem Gesuch, ihm einen Philologen zu empfehlen, der ihm beistände, das Versäumte nachzuholen. Heinrich wies ihn an mich. Wir lasen jeden Morgen von sieben bis acht erst den Sallust, dann den Virgil; allmählich rückte Heine, der damals in Bonn für einen äußerst närrischen Kauz galt und von den Studenten als Idiot zum besten gehalten wurde, mit Manuskripten und der Zeitschrift „Der Wächter“ heraus, legte mir Gedichte von Freudhold Riesenharf vor, den er für einen seiner intimsten Hamburger Freunde ausgab, und bat mich um ein Urteil darüber; ihm schienen sie keinen Schuß Pulver wert. Als ich, in Heine durchaus nicht den Verfasser vermutend, mein Entzücken darüber aussprach und trotz des bestimmtesten und wohl gar massiven Einsprechens Heines jenen Riesenharf für ein Genie erster Größe halten zu müssen erklärte, fiel Heine mir plötzlich wie wahnsinnig um den Hals, weinte und jubelte durcheinander, und es wiederholte sich jene Szene Anch’ io son pittore.

[Unter dem Pseudonym „Sy. Freudhold Riesenharf“ hatte Heine 1817 seine ersten Gedichte in „Hamburgs Wächter“ veröffentlicht. Auch Rousseau wurde Schriftsteller.]

25. Johann Baptist Rousseau174

Winter 1819/20

Kleine, ziemlich muskulöse Gestalt; blonde Haare mit weißen durchmischt; hohe und bedeutsame Stirne; um den Mund immerwährend ein ironisches, gutmütiges Lächeln; die Hände hält er [Heine] meist auf dem Rücken und schlottert so einen Entengang dahin. Hält sich für schön und kokettiert im Spiegel heimlich mit sich. Er spricht gut und hört sich gern sprechen; so oft er einen Witz reißt, lacht er laut auf, dann wird seine Physiognomie, die sonst nichts auffallend Orientalisches hat, ganz jüdisch, und die ohnedies kleinen Augen verschwinden beinah.

26. Friedrich Steinmann173

1819/20

Da er [Heine] mit A. W. v. Schlegel in nähere Bekanntschaft ... getreten war, so übergab er diesem das Manuskript [seiner Gedichte] zur Durchsicht; willig übernahm dieser dieselbe und erklärte ihm offen, was er dawider auszusetzen habe; er deutete seine Erinnerungen durch Bleistiftstriche in der Handschrift an, und als Heine also dieselben wiedererhielt, hatte er keine andere Beschäftigung, als alle die kleinen Mängel... auszumerzen und zu bessern ... Stundenlang brütete er über die Änderung eines Verses, und fühlte sich belohnt genug, wenn ihm die Korrektur gelungen, und Freunde ihm ihren Beifall zollten.

27. Max Heine70

1820

Als Heine in Bonn studierte, trug er gewöhnlich einen Studentenrock von schwarzem Samt. Da der Rock ziemlich abgetragen war, so bestellte er bei seinem Schneider einen neuen Rock vom schönsten blauen Samt, und versprach seinem täglich kommenden Barbier seinen alten, welcher beständig im Vorzimmer an einem Nagel hing. Der Schneider brachte zur bestimmten Zeit den neuen schönen Rock und hing denselben an dem Nagel im Vorzimmer auf, von dem zufällig der alte Rock weggenommen war. Als Heine bald darauf rasiert wurde, sagte er dem weggehenden Barbier: „Heute können Sie den Rock draußen mitnehmen.“ Der Barbier dankte aufs verbindlichste, empfahl sich und nahm aus dem Vorzimmer den schönen neuen Rock mit.

Heine kleidete sich nun an, um in seinem schönen neuen Samtrocke spazierenzugehen, wozu ihn ein eintretender Freund einlud. Wie erschrak er, als sein neuer Rock weg war; er sagte aber nichts weiter als: „Hat der Barbier Glück!“ und zog den alten an.

Späterhin in seinem Leben, so oft von einem Menschen die Rede war, der sehr viel Glück hatte, sagte er nichts weiter als: „Hat das Barbierchen Glück!“ und erzählte dann ganz gemütlich, wie er seinen alten Samtrock und sein Barbier den neuen behalten hat.

[Strodtmann (I, 681) zweifelt diese Anekdote an, da Heine, nach dem Zeugnis von Neunzig, Steinmann und andern, nie einen altdeutschen Studentenrock getragen habe. Aber auch Maria Embden-Heine berichtet den Vorfall und fügt noch hinzu, daß seitdem die Redensart: „Hat das Barbierchen Glück gehabt!“ in der Familie sprichwörtlich geworden sei. Von Neunzig erfuhr Strodtmann einen andern, alltäglicheren Vorfall, der wohl jener Anekdote zugrunde liegt: „Eines Morgens ward Neunzig von einem Landsmanne aufgesucht, der um eine kleine Wegzehrung bat und dann auch nach Heines Wohnung frug. Neunzig zeigte ihm das Haus. Nachmittags kam Heine in sehr aufgeregter Stimmung hinüber und erzählte, sein Hauswirt habe einen fremden Menschen, den er für einen Studenten angesehn, in sein Zimmer gelassen, und dieser habe ihm seinen neuen Rock gestohlen. Der satirische Zug verschwand dabei nicht, er verzog sich vielmehr zu einem höhnischen Grinsen.“ Wenn der Pseudostudent seines Handwerks Barbier war, bestände wenigstens der traditionelle Familienscherz zu Recht.]

28. Max Heine70

1820

Als Heine in Bonn Jura studierte, kam er in der Ferienzeit nach Düsseldorf herüber. Er war sehr milde, sanft und weichherzig, aber in Zorn gebracht äußerst heftig, selbst gegen seine Gewohnheit manchmal etwas gewalttätig. Ich erinnere mich noch, daß er über die Unverschämtheit und grobe Prellerei eines Karrenschiebers, der seinen Koffer von der Post ins elterliche Haus bringen sollte, außer sich geriet; ein anderer hätte dem groben Lümmel eine Ohrfeige gegeben. Heinrich, bleich vor Zorn, faßte sich, zahlte ruhig das ausgepreßte Geld, zupfte aber mit aller Vehemenz des Kerls großen schwarzen Backenbart, indem er freundlich zu ihm sagte: „Ich glaubte, mein Bester, Sie trügen einen falschen Bart.“

So habe ich, erzählte er später, meinem schrecklichen Ärger Luft gemacht, ohne daß der Kerl mich verklage konnte.

29. Max Heine70

1820

In den sonnigen Mittagsstunden liebte Heinrich in unserm Hausgarten zu promenieren. Auf diesen Spaziergangen war ich oft im Gespräche an seiner Seite, und hier flößte er dem dreizehnjährigen Knaben die Liebe zur Poesie, zum Wissen ein; hier schöpfte ich zuerst aus dem reichen Borne seiner poetischen Seele. Der vortreffliche Bruder, frei von jedem Egoismus, bedauerte nicht die durch mich verlorenen Stunden, wenn ich auch oft wenig von seinen Mitteilungen verstand.

Heinrich liebte sehr das Arbeiten und Treiben der Spinnen zu beobachten. Einstmals standen wir vor einem großen wunderbar gearbeiteten Netze einer in der Mitte desselben lauernden mächtigen Kreuzspinne. „Sieh, Max,“ sagte er und zeigte auf die gefangenen und ausgesogenen Fliegen in dem Netze, „sieh, so geht es auch dem Dummen in der Welt. Die Spinne ist unser Lebensfeind, das Netz seine falschen und verlockenden Worte – aber der Kluge, der Entschlossene macht es so“, und damit schlug er mit einem Stocke das ganze schöne Netz rasch herunter. Auf der Erde kroch die große Kreuzspinne, er zeigte auf sie hin und sagte zu mir: „Töte sie ja nicht! Wenn man des Feindes Werk gründlich vernichtet, verstehst du, wenn man seine Pläne gänzlich vereitelt hat, braucht man ihn nicht mehr zu töten, man läßt ihn laufen.“

30. Max Heine70

1820

Von meiner frühesten Jugend an liebte ich die deutschen Dramatiker; viel mag zu dieser Neigung beigetragen haben, daß ich, fast Kind noch, sehr oft in das Theater mitgenommen wurde. Es war dies die Zeit, wo die Ritterspiele auf der Bühne in vollem Flor standen. „Johanna von Montfaucon“, „Die Kreuzfahrer“, „Die Sonnenjungfrau“ usw. waren meine Lieblingslektüre. Ich war damals dreizehn Jahre alt. Mein Bruder Heinrich bemerkte ungern diese meine Lektüre.

„Max,“ sagte er eines Tages zu mir, „solche Bücher verderben den Geschmack, ich werde dir ein anderes Buch schenken, damit magst du dich in deinen Freistunden beschäftigen. Es ist auch ein Theaterstück.“ Bei diesen Worten nahm er von seinem Tisch ein kleines, in schwarze Pappe eingebundenes Büchlein und sagte: „Dies schenke ich dir.“ Ich schlug des Büchleins Decke auf und las zum erstenmal den Titel: „Faust, von Goethe. Der Tragödie erster Teil.“

Ich blickte in die ersten Blätter hinein, die den wunderschönen Prolog enthalten, dann, nach echter Knabenart, schlug ich die letzte Seite auf, wo die Worte: „Heinrich, her zu mir,“ – „Sie ist gerettet“, mir so rätselhaft klangen. Ich sah meinen Bruder ganz erstarrt an, als wie einer, der da sagen wollte: „Die Komödie begreife ich nicht.“ Er nahm darauf das Buch zur Hand, griff rasch zur Feder und schrieb folgendes auf die innere Seite des Deckels:

„Dieses Buch sei dir empfohlen,

Lese nur, wenn du auch irrst:

Doch wenn du’s verstehen wirst,

Wird dich auch der Teufel holen.“

[Die Schlußworte des „Faust“ sind falsch zitiert; Max Heine tut’s nun mal nie anders.]

31. Johann Baptist Rousseau174

1820

Mit besonderer Liebe studierte er Byrons Schriften, und nicht zu leugnen ist es, daß sich zwischen beiden eine geistige Wahlverwandtschaft findet. Das fühlte er damals auch selbst, und erkannte es, sich zu Freunden äußernd, oftmals an.

[Heine übersetzte damals Stücke aus Byrons „Manfred“ und „Childe Harold“; sie erschienen in seinen „Gedichten“ 1822.]

32. Johann Baptist Rousseau174

Herbst 1820

Den Herbst 1820 brachte Heine in Beuel zu, dem freundlichen, Bonn gegenüber liegenden Dörflein, und begann dort in tiefster Zurückgezogenheit seine Tragödie „Almansor“... Er las es mir Szene vor Szene, wie es ihm eben aus der Feder geflossen war, vor, und gab mir zugleich manche gute, ihm durch die Praxis klar gewordene Lehre über die mögliche Formausbildung des fünffüßigen Jambus.

[Ende Oktober 1820 ging Heine nach Göttingen.]

33. von Schreeb140

Januar 1821

[Mündliche Mitteilung an Heinrich Bender:] Heine wurde aus der Göttinger Burschenschaft wegen Vergehens gegen die Keuschheit, begangen in der „Knallhütte“ zu Bowenden, ausgestoßen, und, da er trotzdem, als ob nichts vorgefallen wäre, am folgenden Tage auf dem Burschenhause erschien, aus diesem mit Gewalt hinausgeworfen.

[Am 21. Februar 1821 wurde Heine wegen Übertretung der Duellgesetze auf ein halbes Jahr relegiert. Er kehrte zunächst nach Hamburg zurück und blieb den Sommer über bei seinen Eltern, die damals in Oldesloe im südlichen Holstein lebten.]

34. O. L. B. Wolff29

März 1821

Vor vierzehn Jahren hatte ich Heine in Hamburg kennenlernen. Beide kaum von der Universität kommend, waren wir eben in das Leben getreten, mit gigantischen Hoffnungen und Plänen und einem gemeinschaftlichen großartigen Schmerz über Freunde wie Feinde, den jeder Eingeweihte leicht erraten wird; die übrigen geht er nichts an. Heines Tragödien nebst einem lyrischen Intermezzo waren soeben erschienen; die Leute starrten im allgemeinen das Buch an, nur wenige ahnten die Tiefe, die in demselben lag, den gepreßten Stolz, der sich großartig Luft machte, das beseligende Gefühl geistiger Herrschaft. Man wußte nur von dem Dichter, daß er sehr witzig und malitiös sei; was sollte man auch in dem guten Hamburg und vorzüglich in dem Kreise, in welchem Heine sich, durch Verhältnisse gebunden, bewegen mußte, und in dem ich mich, durch ähnliche Verhältnisse gefesselt, gleichfalls* befand, mehr von ihm wissen? In seinem Wesen lag etwas Zugvogelartiges, das die guten Hamburger, obwohl eine Nation, welche Welthandel treibt, nicht eben sehr lieben; sie können nicht begreifen, daß man in Hamburg ißt, trinkt und schläft und eigentlich am Ganges zu Hause ist, und die Sehnsucht nach der wirklichen Heimat nie zu beschwichtigen vermag...

Aber ich wollte von Heine reden. Ich kann nicht sagen, daß er damals noch im Werden gewesen sei, im Gegenteil, er war zu jener Zeit ebenso abgeschlossen wie jetzt [1835]: seine vorzüglichste Eigentümlichkeit besteht darin, von Anfang an genau gewußt zu haben, was er will, und dies mit eiserner Konsequenz zu verfolgen; denn, und das ist wahrlich viel gesagt, keiner seiner Freunde und Bekannten ist imstande, ihn auch nur der mindesten Inkonsequenz zu zeihen.

[Hierhin Nr. 817, s. Nachträge.]

35. F. W. Gubitz11

April/Mai 1821

An einem Tage des zweiten Vierteljahrs 1821 stand ein junger Mann vor mir, fragend: ob ich Gedichte von ihm aufnehmen wolle, und ich empfing schön geschriebene „Poetische Ausstellungen“.

Da ich ehemals die mir oft und wahrscheinlich gebührend als Vernachlässigung angerechnete Gewohnheit hatte, Fremde, die ihren Namen im Gespräch nicht voranschickten, danach ungefragt zu lassen, sah ich nach der Unterschrift und las: „H. Heine“.

Auf meinen Wink hatte er sich gesetzt, und da er das Wenden seiner Handschrift bemerkte, sagte er: „Ich bin Ihnen völlig unbekannt, will aber durch Sie bekannt werden.“ Ich lachte, erwiderte: „Wenn’s geht, recht gern!“ und las dann lautlos etliche Verse. Heine selbst brachte mir mehrmals diese erste wortkarge Zusammenkunft in Erinnerung, und wie ich endlich nur noch geäußert hätte: „Kommen Sie gefälligst nächsten Sonntag wieder!“ – Begreiflich konnte ich nur wenige Verse gelesen haben, es waren folgende, das Gedicht: „Der Kirchhof“ beginnend:

„Ich kam von meiner Herrin Haus

Und wandelt’ in Wahnsinn und Mitternachtsgraus.

Und wie ich am Kirchhof vorübergehn will,

Da winken die Gräber ernst und still.

Da winkt’s von des Spielmanns Leichenstein;

Das war der flimmernde Mondenschein.

Da lispelt’s: Lieb’ Bruder, ich komme gleich!

Da steigt’s aus dem Grabe nebelbleich.“

In dem Dichter denke man sich eine von schlottriger Kleidung umhüllte, krankhaft schlanke Gestalt mit blassem, abgemagertem Antlitz, dem Spuren zu frühzeitiger Genüsse nicht mangelten, und man wird es natürlich finden, daß jene Verse und der Eindruck des Persönlichen dem mir Fremden etwas Unheimliches anwehten. Unverkennbar ward mir aber, nachdem ich weiterlas, sein Dichtervermögen, und als Heine wiederkam, erklärte ich mich bedingungsweise zur Aufnahme des Beitrags bereit. In seinen ersten handschriftlichen Gedichten hatte er eine solche Menge von Häkchen an den selbst- und mitlautenden Buchstaben der Worte, und gebrauchte falsche Reime so allbequem, daß ich meinte: er könne die mir gegebenen fünf Gedichte in dieser Beziehung wohl nochmals prüfen. Er entgegnete: das sei alles dem Volkston gemäß, was ich nicht bestritt, aber noch bemerkte: daß ich nur hinweise auf übertriebene Anwendung solcher Herkömmlichkeiten, wenn sie dem Geläufigen eher hinderlich statt fördernd wären. Außerdem verhehlte ich ihm nicht: er sei in dem Gedicht: „Die Brautnacht“ so zügellos mit der Sitte umgegangen, daß manche Zensurlücke unvermeidlich, ich aber den Abdruck verweigern würde, wenn er nicht ein paar Stellen reinigen wolle. Zu nochmaligem Prüfen war er bereit, ich bin überzeugt, nicht mit dem freiesten Entschluß, doch änderte er sehr gewandt. Die ersten fünf [sic!] Gedichte (I. Der Kirchhof. II. Die Minnesänger. III. Gespräche auf der Paderborner Heide. IV. Zwei Sonette an einen Freund) erschienen im Mai 1821. „Die Brautnacht“ folgte erst einen Monat später, weil ich das Veröffentlichen wiederholt verweigern mußte, ehe Heine meine Ansicht befriedigte. Dergleichen hat sich später nur noch ein paarmal zwischen uns ereignet, und ich erzählte dies voraus, weil es den, von Heine erfundenen... Ausdruck „Gubitzen“ erklärt. Mir blieb indes die Genugtuung, daß er auch in seinen Schriften die Gedichte, bei denen er dem „Gubitzen“ nachgab, völlig so abdrucken ließ, wie der „Gesellschafter“ sie in die Lesewelt eingeführt hatte...

Das zweite, was Heine mir brachte, war der „Sonettenkranz an A. W. v. Schlegel“.

36. F. W. Gubitz11

Herbst 1821

Im Herbst 1821 ließ er mich bitten, ihn zu besuchen: er sei krank; als ich zu ihm kam, lag er auf dem Sofa und sah sehr angegriffen aus. Er machte mich zum Vertrauten seiner Zustände und Verhältnisse, soweit sie Einnahme und Ausgabe betrafen, wobei sich jene als nirgends zureichend, und infolgedessen eine Schuldenlast erwies. Da er auch – mir gegenüber zum erstenmal – den Millionär Salomon Heine in Hamburg seinen Oheim nannte, fragte ich: weshalb er sich in Geldverlegenheit nicht dorthin wende? Ich erfuhr nun, der Oheim habe schon mehrmals aus seiner Kasse Bedeutendes getan, wolle aber jetzt den Neffen sich selber und seinem Schicksal überlassen. – Ich wußte, daß der Berliner Bankier Leonhard Lipke mit Salomon Heine in lebhafter Geschäftsverbindung war, ging zu jenem, unterrichtete ihn davon, daß ein talentreicher Neffe des geldreichen Oheims in andringendster Bedürftigkeit sei, dieser also, was auch dazwischen läge, gewiß etwas tun würde für den Verwandten. Der von mir zur Vermittlung Angesprochene hegte darüber keinen Zweifel, half auch mit einem Vorschuß, versichernd: „Salomon Heine kommt mir unzweifelhaft dafür auf!“ Zugleich sagte er mir: sein Hamburger Geschäftsfreund habe nächstens in Berlin zu tun, er wolle mir anzeigen, wann er bei ihm anzutreffen wäre und ich mit förderlich werden könne; dies fügte sich aber erst im Frühling 1822. – Salomon Heine hörte meinen Bericht ruhig an, verhehlte jedoch nicht die Unzufriedenheit mit dem Neffen, und seine Gründe waren zureichend genug: schon oft waren gewichtige Unterstützungen nötig gewesen, ohne den erhofften Beweis zu gewinnen, er werde sich einer ernsten Richtung auf der Lebensbahn zuwenden. So erklärte sich der ehrenwerte Handelsherr in schlichter Art ohne Aufwallung und Wortgepränge, mit Bekräftigung durch Tatsachen, wonach der Erfahrungsvolle meinte: es bliebe wohl nur übrig, dem Sprichwort zu folgen: Wer nicht hören will muß fühlen. Ich entgegnete, was sich beihilflich entgegnen ließ: eine dichterische Natur sei oft zuwenig vertraut mit den Bedingungen der Wirklichkeit, bis diese sich doch ihr Recht verschaffe, und schloß mit der Ansicht: ein solcher Oheim dürfe einen solchen Neffen, bei dem der gewöhnliche Maßstab sich verlängern müsse, nicht verlassen. – „Hab’s auch nie gewollt; aber zu lernen hat er doch, daß man nützen soll das Geld, jeder nach seinem Beruf!“ so äußerte sich endlich der Angeregte, und zu Lipke gewendet fügte er hinzu: „Der Herr behauptet, es könne da verfallen ein großes Genie, ich will’s glauben. Zahlen Sie meinem Neffen jetzt zweihundert Taler gleich, dann jährlich fünfhundert Taler auf drei Jahre, und Weiteres mögen wir erleben.“ – Das war meine einzige Zusammenkunft mit Salomon Heine, und ich gedenke seines Behabens noch immer gern, da zumal unser Gespräch der Anlaß wurde zur dauernden Versöhnung des in seiner Weise gediegenen Oheims mit dem fast in jeder Weise flattrigen Neffen.

Der kranke Heinrich hatte mir auch ein Heft gezeigt, Gedichte enthaltend, „die ich selber scharf gefeilt habe, Sie wissen ja!“ warf er etwas anzüglich betont hin; „ein Bändchen würden sie füllen, ich finde aber keinen Verleger“. Ich vermittelte ihm die Maurersche Buchhandlung, und Ende 1821 (mit der Jahreszahl 1822) wurden „Gedichte von H. Heine“ ausgegeben.

[Nach Heines Brief an Moser vom 23. August 1823 hatte ihm der Onkel im Oktober 1822 durch Lipke auf zwei Jahre je 400 Taler versprochen; hinterher wollte er aber nur 500 Taler insgesamt zahlen, und eine „dauernde Versöhnung“ zwischen Onkel und Neffe ergab sich erst fünfzehn Jahre später.]

37. F. W. Gubitz11

Ende 1821

Von der Aufnahme seines ersten Liederbändchens, obwohl günstig, war Heine nicht befriedigt: er verlangte rasch zündende Wirkung... Ich hörte von Heine allerlei Ausfälle, die gesteigerte Mißstimmung verrieten hinsichtlich schriftstellerischer Erfolge, wohl auch von Einfluß waren auf mehrere seiner späteren Erzeugnisse. „Zur Anerkennung des neuen Genies und Talents muß man das abgestumpfte deutsche Gemüt foltern“, äußerte er, und nachdem ich einst über eines seiner Lieder, das nach Siegwartschem Anfange mit des Weiberhasses stachlichter Keule dreinschlug, zweideutig lachen mußte, lachte er zwar ebenfalls, bemerkte jedoch: „Bei den Deutschen wird man leichter vergessen als berühmt, jetzt zumal; sie haben in der Gefühlswonne so geschwelgt, daß zu ihrer Aufregung derbe Mittel unerläßlich sind, ganz so, wie Kirmeslust ihnen erst vollständig ist, wenn man sich zum Kehraus noch mit Schemelbeinen traktierte.“

[Hierhin Nr. 818, s. Nachträge.]

38. Wilhelm v. Chezy26

1821/22

Zu Berlin bewegte sich Elise [v. Hohenhausen geb. v. Ochs] in einem Kreise, welcher die Bewunderung für die schöne Frau bereitwillig genug auf die Erzeugnisse ihrer Muse übertrug, was auch dann geschehen sein würde, wenn diese minderen Wert besessen hätten, als sie wirklich besaßen. Heinrich Heine kam ins Haus, als Dichter der Welt noch unbekannt, aber von einer Anzahl bedeutender Männer schon für eine große Zukunft vorgemerkt. Auch Helmina [v. Chezy, meine Mutter] stimmte diesem Urteil bei, nicht etwa um der Gedichte halber, die Heine bereits geschrieben, sondern weil seine braunen Augen so schwärmerisch in feuchtem Glanze schwammen.

[Die Schriftstellerin Elise v. Hohenhausen aus Minden i. W. lebte 1820–24 in Berlin und hielt einen „Salon“, in dem Heine verkehrte; ihr Mann war Regierungsrat i. R. und figuriert in Heines Briefen als der „Ochs“, vgl. an Keller 15. Juni 1822.]

39. Friederike von Hohenhausen51

1821/22

Er war klein und schmächtig von Gestalt, blond und blaß, ohne irgendeinen hervorstechenden Zug im Gesicht zu haben, doch von eigentümlichem Gepräge, so daß man gleich aufmerksam auf ihn wurde und ihn nicht leicht wieder vergaß. Sein Wesen war damals noch weich, der Stachel des Sarkasmus noch nicht ausgebildet, der später die Rose seiner Poesie umdornte. Er war selbst mehr empfindlich gegen Spott, als aufgelegt, ihn auszuüben. Die guten Empfindungen, die er später oft verlachte, fanden ein wohlklingendes Echo in seiner Seele.

[Friederike war die Tochter der Elise von Hohenhausen und 1812 geboren; was sie über jene Zeit erzählt, sind wohl hauptsächlich Erinnerungen ihrer Mutter.]

40. Friederike von Hohenhausen51

1822/23

Jeder Dienstag führte dort [im Hause der Dichterin Elise von Hohenhausen] die genügsamen Berliner bei einer Tasse Tee zusammen. Viele literarische Notabilitäten waren darunter:Varnhagen, mit den feinen, aristokratischen Mienen; Chamisso, dem das lange, graue Lockenhaar phantastisch um das magere, aber edle Gesicht wallte; Eduard Gans, dessen auffallend schöner Kopf mit dem frischen Kolorit, den stolz gewölbten Brauen über den dunklen Augen, an einen geistigen Antinous erinnerte; Bendavid, der liebenswürdige Philosoph und Schüler von Moses Mendelssohn, übersprudelnd von Witz und köstlich erzählten Anekdoten. Dann damals noch junger Nachwuchs, jetzt lauter Männer in grauen Haaren und hohen Würden: der Maler Wilhelm Hensel, jetzt Professor; Leopold von Ledebur, damals ein studierender Leutnant, jetzt ein bekannter Historiograph und Direktor der Kunstkammer im Berliner Museum; der Dichter Apollonius von Maltitz, jetzt russischer Gesandter in Weimar; Graf Georg Blankensee, der ritterliche Sänger und Epigone Byrons, jetzt Mitglied der Ersten Kammer, usw. Unter den Frauen nahm Rahel natürlich den ersten Platz ein; neben ihr blühte damals ihre wunderschöne Schwägerin, Friederike Robert, Heines angebetete Muse... Amalie v. Helwig, geb. v. Imhoff, die Übersetzerin der Frithjofsage; Helmina v. Chezy, die fahrende Meistersängerin jener Zeit, gehörten nebst noch vielen geistreichen Frauen aus der höheren Berliner Gesellschaft, z. B. Frau v. Bardeleben, die Freundin Raumers, Frau v. Waldow, jetzt die Schwiegermutter A. v. Sternbergs, zu diesem Kreise. Heine las dort sein eben erschienenes „Lyrisches Intermezzo“, seinen „Ratcliff“ und „Almansor“ vor. Er mußte sich manche Ausstellung, manchen Tadel gefallen lassen, namentlich erfuhr er häufig einige Persiflage über seine poetische Sentimentalität, die wenige Jahre später ihm so warme Sympathie in den Herzen der Jugend erweckt hat. Ein Gedicht mit dem Schlusse: „Und laut aufweinend stürz’ ich mich zu ihren süßen Füßen“ fand eine so lachende Opposition, daß er es nicht zum Druck gelangen ließ. Die Meinungen über sein Talent waren noch sehr geteilt, die wenigsten hatten eine Ahnung von seinem dereinstigen unbestrittenen Dichterruhme. Elise von Hohenhausen, welche damals mit ihren Übersetzungen des gefeierten Briten, Lord Byron, beschäftigt war, proklamierte ihn zuerst als dessen Nachfolger in Deutschland, fand aber viel Widerspruch; bei Heine jedoch sicherte ihr diese Anerkennung eine unvergängliche Dankbarkeit.

[Auch hier schreibt die Tochter hauptsächlich die Erinnerungen ihrer Mutter. Das Gedicht „Allnächtlich im Traume seh’ ich dich“ mit den oben erwähnten Schlußzeilen war schon am 9. Oktober 1822 im „Gesellschafter“ erschienen und wurde dann in das „Lyrische Intermezzo“ aufgenommen; Heine hat es also keineswegs unterdrückt.]

41. F. W. Gubitz11

April 1822

Der Friede zwischen Neffen und Oheim hatte sich durch dessen Güte angebahnt, und Heine beabsichtigte Reiseausflüge nach verschiedener Richtung, auch nach Hamburg, was sich etwas verzögerte durch eine Herausforderung. Er kam eines Tages zu mir, mich um Rat ersuchend, nachdem er berichtete: Baron v. Schilling habe sich beleidigt gefunden über eine öffentliche Äußerung, und nun sollten die Waffen zur Ausgleichung dienen... Meinerseits verweigerte ich die Einmischung, nannte aber einen, der zu solchem Zwischengeschäft tauge; nun entstand ein Übereinkommen, und Heine bat dringend um raschen Abdruck folgender Erklärung:

„Mit Bedauern habe ich erfahren, daß zwei Aufsätze von mir, überschrieben ‚Briefe aus Berlin‘ (Nr. 6, 7, 16 des zum ‚Rheinisch-Westphälischen Anzeiger‘ gehörigen ‚Kunst und Wissenschaftsblattes‘) auf eine Art ausgelegt werden, die dem Herrn von Schilling verletzend sein muß. Da es nie meine Absicht war, ihn zu kränken, so erkläre ich hiermit, daß es mir herzlich leid ist, wenn ich zufälligerweise dazu Anlaß gegeben hätte, daß ich alles dahin Gehörige zurücknehme, und daß es bloß der Zufall war, wodurch jetzt einige Worte auf den Herrn Baron von Schilling bezogen werden konnten, die ihn nie hätten treffen können, wenn eine Stelle in jenen Briefen gedruckt worden wäre, die aus Delikatesse unterdrückt werden mußte. Dieses kann der geehrte Redakteur jener Zeitschrift bezeugen, und ich fühle mich verpflichtet, durch dieses freimütige Bekenntnis der Wahrheit allen Stoff zu Mißverständnis und öffentlichem Federkriege fortzuräumen.

Berlin, den 3. Mai 1822.

H. Heine.“

Zugleich brachte er mir das angefügt zu lesende, ihm geweihte Sonett, wünschend, daß es mit jener Beschwichtigung in demselben Blatte erscheinen möge:

„Das Traumbild.
An H. Heine.

Von Morpheus Armen war ich sanft umfangen,

Als Phantasie, in eines Traumes Hülle,

Ein Bild mir wies in seltner Schönheitsfülle:

Bezaubert blieb die Seele daran hangen.

Und als ich mit inbrünstigem Verlangen

Es ganz genießen wollt’ in süßer Stille,

Da weckte mich des Schicksals eh’rner Wille,

Und ach! der Zauber war im Nu vergangen.

Vergebens sucht’ ich nun im bunten Leben,

Was Phantasie genommen, wie gegeben,

Da, junger Sänger, fand ich deine Lieder.

Und jenes Traumbild, das so froh mich machte,

Erkannt’ ich bald in deinen Skizzen wieder,

Viel schöner noch, als ich mir selbst es dachte.

H. Anselmi.“

Nur nach Widerstreben wurde ich von seinen ängstlich dringenden Bitten überwältigt, ordnete beides ein in das, den verschiedenen Ansichten zum Tummelplatz angewiesene Beiblatt („1822. Bemerker“, Nr. 9) und erwähnt ist dies Wenden und Beabsichtigen, um das Wesen Heines durch ihn selber deutlicher erkennbar werden zu lassen.

[H. Anselmi ist Pseudonym für Joseph Lehmann, den späteren Herausgeber des „Magazin für die Literatur des Auslandes“. Den Zwist mit v. Schilling erwähnt Heines Brief an Keller vom 15. Juni 1822.]

42. Joseph Lehmann104. 193

1822

Mir hat Heine, wie ich ihm, die Erinnerungen seiner Berliner Studienzeit, die so manches freundliche Band zwischen uns geknüpft, stets treu bewahrt. War ich es doch, dem er in seiner Kammer in der Mauerstraße seine ersten schönen Lieder mit der ihm eigentümlichen, die Form des Gedichtes gewissermaßen typisch bestimmenden Modulation vortrug; war ich es doch, der diese klassisch gewordenen Lieder, als sie zum erstenmal gedruckt wurden, typographisch korrigierte und auf dessen Bemerkung der Dichter sogar hier und da kleine Änderungen vornahm, und war ich es doch auch, der früher als irgendein Publikum, als irgendein Kritiker, die Schönheiten dieser Lieder erkannt und andern gerühmt hatte.

[Dazu ergänzt Karpeles: Heine... erkannte zwar willig die Vorzüge des Freundes an; er folgte auch seinen kritischen Ratschlägen, wenn sie ihm einleuchtend schienen, vermochte aber doch nie ein Gedicht ganz zu vernichten, wenn dasselbe Lehmann entschieden mißfallen hatte. „Ach, das verstehen Sie nicht, lieber Freund!“ war dann meist seine ärgerliche Antwort, worauf Lehmann ständig bemerkte: „So, wenn Sie meinen!“ und zur Türe hinausschoß.]

43. F. Brunold (Pseud. für Aug. Ferd: Meyer)20

1822

Der weltberühmte Salon der Rahel, der Gattin Varnhagen von Enses in der Maurerstraße... war ein Sammelplatz der vornehmsten Welt des geistreichen Berlin, das Stelldichein der hervorragendsten Männer von fern und nah. – Und während dort Börne zu den Füßen der Frau des Hauses [Herz] saß, drängte hier Heinrich Heine sich schüchtern durch die Zimmer der Rahel... Der damals unbekannte Verfasser der nun im Grunde eigentlich vergessenen und als verfehlt anerkannten Trauerspiele „Almansor“ und „Ratcliff“ soll sich meist schüchtern, schweigsam verhalten haben; und der geistreiche Professor Eduard Gans soll ihn oftmals zur Zielscheibe seines Witzes erkoren haben. Gans hat in Heine, der damals ziemlich linkisch und unbeholfen gewesen sein soll, wenig den nachmaligen Verfasser der „Reisebilder“, den Dichter der „Wallfahrt nach Kevelaer“ geahnt; mit Rahel... ist es nie anders gewesen. Es läßt sich nicht leugnen, daß Heine hier den Grund zu seinem nachmaligen Verhalten im Keim gefunden hat. Ob er daheim in seiner bescheidenen Wohnung, die er dazumal Kanonier- und Behrenstraßenecke Nr. 13 innehatte, redseliger gewesen, als in der Nähe der geistreichen Rahel, ist nicht bekannt. Fama will behaupten, daß er auch hier oft von dem kleinen [G.] A. v. Maltitz überschrien worden sei, der, um besser verstanden zu werden, es nicht verschmäht habe, auf den Tisch zu steigen, von dort ab seine „Pfefferkörner“ auf den sich zusammenziehenden Heine herabsprudelnd, während Grabbe, sich kannibalisch freuend, einen Käse verzehrte, den er leidenschaftlich gern als Zeichen höchster, innerer Freude zu essen pflegte.

[Heine lernte den Juristen Dr. Eduard Gans im Juli 1822 kennen, vgl. seinen Brief an Keller vom 1. Sept. d. J. – Brunold-Meyer, geb. 1811, erzählt nur vom Hörensagen, und Erinnerungen aus den Jahren 1822, 1829 und 1830 laufen ihm bunt durcheinander. Die Gereiztheit zwischen Heine und Gans tritt 1829 hervor; was vom „Pfefferkörner-Maltitz“ gesagt ist, gehört nach Hamburg 1830 und ist offenbar angelesen, vgl. Nr. 2057; Brunold verwechselt ihn mit Apollonius v. Maltitz, der damals als Legationssekretär in Berlin war.]

44. Maria Embden-Heine74

1822

In Berlin fand er freundliche Aufnahme bei Varnhagen von Ense und seiner Frau Rahel, die sich beide in den jungen Dichter verliebten. Seine satirische Art zu plaudern, seine ironischen Bemerkungen machten ihn zum Mittelpunkte der Gesellschaft, die Varnhagens Haus besuchte, denn hier war der Sammelplatz aller berühmten und geistreichen Leute jener Zeit, Künstler und Schriftsteller fanden sich hier ein, Humboldt, Schleiermacher, Chamisso und Hegel waren hier tägliche Gäste. Mit Hegel hatte er oft heftige Diskussionen, sie blieben jedoch stets Freunde.

Varnhagen und Frau schwärmten für Goethe, doch ihre Verehrung für den großen Dichter verhinderte sie nicht, den jungen Heine in Schutz zu nehmen und auf sein hochstrebendes Talent aufmerksam zu machen.

[Über die „Diskussionen“ mit Hegel vgl. das Gespräch mit Lassalle 1845, Nr. 526. Den „Mittelpunkt der Gesellschaft“ im Salon Varnhagen bildete Heine 1822 noch keineswegs; das ist nur eine stereotype Familientradition.]

45. Rahel Varnhagen184

1822

[Rahel an Friedrich v. Gentz, 9. Okt. 1830:] Heine wurde uns vor mehreren Jahren zugeführt...; da er fein und absonderlich ist, verstand ich ihn oft, und er mich, wo ihn andere nicht vernahmen, das gewann ihn mir; und er nahm mich als Patronin. Ich lobte ihn wie alle, gern; und ließ ihm nichts durch, sah ich’s vor dem Druck: doch das geschah kaum; und ich tadelte dann scharf.

46. Varnhagen von Ense103. 102

1822

Die Wirkung, welche sein berühmt gewordenes Wort „Förster sei jetzt Hofdemagoge“ damals machte, als er es zuerst aussprach – 1820 oder 1821 –, kann man sich jetzt kaum noch vorstellen.

[Im Widerspruch damit heißt es in Varnhagens „Blättern aus der preußischen Geschichte“ unterm 20. April 1824:]

Das Witzwort von Heine, der Dr. Förster sei Hofdemagoge geworden, hat solches Glück gemacht, daß man unter den Diplomaten, bei Graf Lottum und selbst bei Hofe viel Scherz und Ernst damit getrieben hat; aber so spät! erst jetzt.

47. Hermann Schiff47

Herbst 1822

Als wir uns 1822 in Berlin trafen, erinnerte ich ihn an die Geseires Hengelpöttche im Vergleich zu der Hep-Hep-Geschichte [zwei Judenverfolgungen in Hamburg, die letztere im Frühjahr 1819 hatte Heine noch miterlebt]. „Auch dergleichen kann nicht wieder Vorkommen,“ meinte er, „denn die Presse ist eine Waffe, und es gibt zwei Juden, welche deutschen Stil haben. Der eine bin ich, der andere Börne.“ Heine hatte also damals schon eine Vorahnung oder vielmehr das Selbstgefühl seiner dereinstigen Bedeutung. Dennoch gab es 1835 wieder eine Judenverfolgung in Hamburg, „den Alsterhallen-Skandal“, welcher jedoch nur in dem halben Stil wie die Hep-Hep-Geschichte ausfiel und bedeutend gelinder war.

48. Hermann Schiff47

Herbst 1822

Gleich am ersten Tage unserer erneuerten Bekanntschaft wurden wir befreundet und vertraut, und Heine lud mich ein, das steife „Sie“ zu lassen und uns „Du“ zu nennen, wie es Vettern zieme. – Schmolliert haben wir nicht, denn ich war krasser Fuchs und Heine durchaus nicht burschikos.

Wenn Heine zu mir kam, pflegte er sich auf das Sofa zu legen und über Kopfschmerzen zu klagen. Es war einmal seine Art so.

An einem Abend, den ich nie vergessen werde, sagte er: „Fuchs! Du schreibst! Meinst du, daß ich dir das nicht längst angesehen habe? Sei nicht verschämt, lies mir eins von deinen Jungfernkindern vor.“ Ich tat es. Heine hörte aufmerksam zu, verbesserte manchen Ausdruck, manche Wendung, sagte auch hier und da „Bravo, echter Naturmystizismus!“ Zuletzt rief er mit einer Lebhaftigkeit, zu der er sich nur selten hinreißen ließ: „Gut! sehr gut! das Beste, was in neuester Zeit geschrieben wurde, mit Ausnahme von dem, was ich geschrieben habe!“... Er fragte mich sogar: „Willst du das nicht drucken lassen?“ – Das war noch nicht alles. Er war an diesem Abende ungewöhnlich lebhaft und trug mir von seinen neuen, noch ungedruckten Gedichten einige vor, die ich in gläubiger Verehrung dahin nahm. Es war der erste Abend, wo ich mit einem Poeten, poetisch gestimmt, konversierte. Nachdem dachte ich anders darüber.

49. Hermann Schiff194

1822

Heines Figur war keine imposante. Er war bleich und schwächlich, und sein Blick war matt. Wie ein Kurzsichtiger kniff er gern die Augenlider ein. Alsdann erzeugten sich vermöge der hochstehenden Wangenknochen jene kleinen Fältchen, welche eine polnisch-jüdische Abkunft verraten konnten. Im übrigen sah man ihm den Juden nicht an. Sein glattgestrichenes Haar war von bescheidener Farbe, und seine weißen, zierlichen Hände liebte er zu zeigen. Sein Wesen und Benehmen war ein still vornehmes, gleichsam ein persönliches Inkognito, in welchem er seine Geltung bei andern verhüllte. Selten war er lebhaft. In Damengesellschaften habe ich ihn nie einer Frau oder einem jungen Mädchen Artigkeiten sagen hören. Er sprach mit leiser Stimme, eintönig und langsam, wie um auf jede Silbe Wert zu legen. Wenn er hier und da ein witziges oder geistreiches Wort hinwarf, so bildete sich um seine Lippen ein viereckiges Lächeln, das sich nicht beschreiben läßt.

50. Hermann Schiff194

1822/23

Dr. Philipp Schmidt in Hamburg... welcher damals in Berlin studierte und mit seinem Vetter Schaller aus Danzig zusammenwohnte, war von Hamburg aus mit Heine bekannt, der ihn oftmals besuchte. Schaller, der erst kürzlich die Universität bezogen, wurde von Heine nach Studentenweise nicht anders als „Fuchs“ tituliert. „Fuchs,“ fragte ihn Heine eines Tages, „ist dein Vetter nicht zu Hause?“ Das verdroß den langen Schaller, und er brummte ihm die herkömmliche studentische Beleidigung auf. Schmidt suchte bei seiner Nachhausekunft die Sache beizulegen, er machte seinem Vetter Vorwürfe, aber dieser wollte sich zu keiner Abbitte verstehen. „Ich heiße Schaller und nicht Fuchs,“ sagte er, „und Berlin ist nicht Göttingen. Übrigens möchte ich gern einmal auf der Mensur stehen, damit ich mich dort benehmen lerne, und Heine wird mir nicht allzu gefährlich sein.“ Demnach mußte das Duell vor sich gehen. Rautenberg, nachmals Badearzt in Cuxhaven, war Kartellträger; Schmidt fungierte als Schallers Sekundant. Als angetreten ward, zeigte sich sofort, daß beide Kombattanten ihre Schläger nicht zu handhaben wußten. Sie legten sich in Stichparade aus und wandten sich fast den Rücken zu, als sie aufeinander losgingen. Nicht die Duellanten, wohl aber deren Sekundanten schwebten in Gefahr, und der ungeschickte Zweikampf endete damit, daß Heine sich mit der rechten Lende an der Schlägerspitze seines Gegners aufrannte. „ Stich!“ rief er und sank zu Boden. Ein Stich beim Hiebfechten ist schimpflich, und wer eine solche kommentwidrige Verletzung vor dem Niederfallen mit einem Schrei rügt, hat sich ehrenvolle Genugtuung genommen. Glücklicherweise war die Wunde, trotz starker Blutung, von ungefährlicher Art, und ein achttägiges Auflegen kalter Umschläge genügte, sie zu heilen.

51. Hermann Schiff194

Winter 1822/23

Es war in meinem zweiten Semester, als Heines Gedicht: „Mir träumt’: ich bin der liebe Gott“, im „Westteutschen Musenalmanach für das Jahr 1823“ erschien. Ein Berliner Blatt hatte dasselbe nachgedruckt, und es lag in der Jostyschen Konditorei auf, die besonders von Offizieren frequentiert wurde. Wir „Flotten“ ermangelten nicht, den auf die „Lieutenants und die Fähnderichs“ gemünzten Passus laut zu besprechen. Die anwesenden Offiziere nahmen indes, verständiger als wir, keine Notiz von unsern mutwilligen Bemerkungen. Heine glaubte jedoch, irgendeinen Akt der Rache von ihrer Seite befürchten zu müssen, und wünschte sein Logis zu verändern. Ich bewohnte damals Unter den Linden im Schlesingerschen Hause, unfern dem Palais des Prinzen Wilhelm, eine geräumige Dachstube, hinter der sich ein kleineres, für den Augenblick leerstehendes Zimmer befand. Heine bezog dasselbe, und es war ihm ganz recht, daß jeder, der zu ihm wollte, mein Zimmer passieren mußte, wo ich ihn vor unangenehmen Besuchern verleugnen konnte. Nur die Wanduhr bat er mich gleich zu hemmen; denn er litt an nervösen Kopfschmerzen, und der Pendelschlag war ihm störend. Einige Tage ging alles vortrefflich, und Heine war mit der neuen Wohnung durchaus zufrieden. Nun gab es aber für Studenten, welche einen Streit miteinander abzumachen hatten, nicht leicht ein gelegeneres Lokal, als das meine, welches durch drei ansehnliche Treppen von der Straße getrénnt war. Sollte ein Duell ausgefochten werden, so stellten wir einen Posten aus, der Unter den Linden auf und ab patrouillierte, damit kein Pedell uns in flagranti ertappe. Ehe solch ein unwillkommener Gast bis zu uns hinaufdringen konnte, waren wir längst avertiert, und hatten die scharfen Waffen und Binden bei unserm Mietswirt untergebracht, wo der Pedell – dank unserer eximierten akademischen Gerichtsbarkeit – nichts zu suchen hatte. Ich hielt es für meine Pflicht, Heine zu benachrichtigen, daß nachmittags auf meiner Stube etwas vorfallen würde, was nicht ohne Geräusch ins Werk zu setzen sei. „Wie lange wird es dauern?“ frug er verdrießlich. – „Ein paar Stunden wenigstens.“ – „Ich will nicht dabei sein.“ – „Wir sind aber ganz sicher.“ – „Und ich bin noch sicherer, wenn ich nichts damit zu schaffen habe.“ Er ging aus. Die Sache lief ziemlich unschuldig ab. Eine Stirnwunde von anderthalb Zoll, inklusive des gestreiften linken Augenlides war alles, was herauskam. Des Nähens bedurfte es nicht; Heftpflaster genügte. Die scharfen Waffen wurden beseitigt, Rock und Weste wieder angezogen, und wir amüsierten uns jetzt mit stumpfen Schlägern. Der Fechtboden war längst geschlossen, ich war gut geschult, und man schlug gerne mit mir. Heine, der sich über alles burschikose Treiben lustig machte, sagte mir einmal mit selbstgefälligem Spotte: „Nur aus Feigheit hast du fechten gelernt. Courage hast du so wenig wie ich.“ Als wir mitten im besten Schlagen waren, kam er nach Hause, grüßte nach Burschensitte, ohne den Hut zu ziehen und ging still auf sein Zimmer. Ich trat augenblicklich ab, um ihm zu folgen. „Wie lange dauert diese Wirtschaft?“ frug er ungehalten. – „Nur ein paar Gänge noch. Man würde es dir und mir verdenken, wenn ich sofort das Pauken einstellte.“ – „Wer ist das?“ frug man, als ich zurückkam. „Ein Philister?“ – „Ein alter Bursch, der Dichter Heine und mein Vetter. Mit einem andern möchte ich so nicht zusammenwohnen, daß er und jeder, der ihn besuchen will, mein Zimmer passieren muß.“ – „Warum hast du uns nichts davon gesagt?“ – „Er wohnt hier erst seit wenigen Tagen.“ – „Gleichviel, wir haben nicht bei ihm angefragt und müssen uns bei ihm entschuldigen.“ Einige gingen zu ihm hinüber, und Heine war, wie immer, vornehm und artig. Dennoch sah er sich durch diesen Vorfall gemüßigt, folgenden Tages von mir fortzuziehen und in sein altes Logis zurückzukehren. Sein Umgang war nicht der meine, und mein Umgang noch viel weniger der seine. Das habitare in unum konnte uns weder dulce noch jucundum sein; indes blieben wir die besten Freunde.

52. Hermann Schiff47

Winter 1822/23

Heine gehörte zu den wenigen, welche von Hause aus ihre Bestimmung fühlten, welche ihre Zeit verstanden, und von ihrer Zeit verstanden wurden. Wie oftmals ermahnte mich Heine, von meinem einsamen selbstbehaglichen Streben abzulassen, und ich würde mich jetzt anders oder vielmehr weit besser stehen, hätte ich ihm folgen können...

Heine wurde der ungezogene Liebling der Grazien und Musen genannt, und ich spottweise der „letzte Romantiker“. Er war bestimmt für andere und ich für mich selbst zu leben. Sagte ich ihm: „Es ist nun einmal meine Bestimmung“, so lachte er und sprach: „Das ist keine Bestimmung, das nenn’ ich Schlemihligkeit.“

53. J. L. Braunhardt180

1822/23

Als vierzehnjähriger Knabe... machte ich zuerst die Reise nach Berlin... Meine erste Sorge war nun, irgendwelchen Schulunterricht zu empfangen, da ich bis dahin noch gar keine allgemeine Bildung hatte. Mein Gönner erzählte mir, daß sich in Berlin ein Verein gebildet, dessen Aufgabe es sei, Jünglinge meines Glaubens in allen Fächern der Wissenschaft zu unterrichten. Zu diesen wohltätigen und gelehrten Männern, welche die Unterrichtsanstalt des Kulturvereins begründeten und leiteten, gehörten damals Leopold Zunz, Eduard Gans, Moses Moser, Dr. J. Auerbach, Dr. Rubo, H. Normann, Ludwig Marcus, Dr. Schönberg, Dr. Österreich und – Heinrich Heine.

Von den Schülern der Anstalt, welche mit mir an dem Unterricht teilnahmen, kann ich hauptsächlich nur noch einen nennen: den später weltberühmten Orientalisten Salomon Munk...

Die Unterrichtsstunden, die uns Heine erteilte, bestanden in Französisch, Deutsch und deutscher Geschichte. Sein Vortrag war ein ganz vorzüglicher. Mit großer Begeisterung, ja mit einem unnachahmlichen poetischen Schwunge schilderte er die Siege Hermanns oder Arminius’ des Deutschen und die Niederlage des römischen Heeres im Teutoburger Walde. Hermann oder Arminius war ihm das Muster eines großen Helden und Patrioten, der sein Leben, sein Alles wagte, um seinem Volke die Freiheit zu erkämpfen und das römische Joch abzuwälzen. Als Heine mit überlauter Stimme, wie einst Augustus, ausrief: „Varus! Varus! Gib mir meine Legionen wieder!“ frohlockte sein Herz, seine schönen Augen glänzten und sein ausdrucksvolles männliches Gesicht strahlte vor Freude und Wonne. Wir, seine Zuhörer, waren höchst überrascht, ja erschüttert; noch nie zuvor hatten wir ihn mit einer solchen Begeisterung sprechen gehört. Wir hätten ihm die Hände küssen mögen, und unsere Verehrung gegen ihn wuchs in einem hohen Grade und blieb für unser ganzes Leben unvergänglich. Daß er sich bei dieser Gelegenheit auch über das gegenwärtige Deutschland äußerte, war selbstverständlich. Ich erinnere mich ganz zuverlässig, daß er dabei die damalige Zerrissenheit unseres Vaterlandes aufs tiefste beklagt und wörtlich gesagt hat: „Wenn ich auf die Karte Deutschlands blicke und die Menge von Farbenklecksen schaue, so überfällt mich ein wahres Grauen. Man fragt sich vergebens, wer regiert eigentlich Deutschland?“...

Nur selten äußerte er sich über Politik und Religion. Nur einmal sagte er während des Unterrichts etwa folgendes: „Die israelitische Religion hätte Weltreligion werden können, wenn sie keine Theokratie mit Priestern, Opfern, Zeremonial- und Ritualgesetzen gewesen wäre; das alles war eine Überbürdung für den denkenden Menschen und somit für das damals bestehende Heidentum unannehmbar. Eine Reform war nicht möglich und wäre gefährlich geworden, weil die priesterliche Gewalt alle diejenigen verfolgte, welche es wagten, an irgendeine Reform zu denken. Aus dem Grunde wurden Tausende genötigt, in den neuen Glauben einzutreten. Auf diese Art und Weise geht es heute noch fort; man übt Toleranz gegen alle Rassen, mögen sie Heiden oder nomadische Zigeuner sein; aber Toleranz und Anerkennung gegen Juden findet man nur bei den hochherzigsten und wahrhaft edel gesinnten Männern der sogenannten christlichen Welt. Kein Mensch kann in Wirklichkeit Atheist sein; seiner Natur nach muß er an ein höheres Wesen denken und nach dem höchsten Ideal der Moralität streben. Das ist seine Bestimmung, und nur das allein ist der Kern des Judentums, welches zuerst das heiligste aller Gebote: Du sollst deinen Nächsten als dich selbst lieben, lehrt.“

Mit Lust und Liebe lernten wir auch bei ihm Französisch... Ich bin als 93jähriger Greis noch heute stolz darauf, sagen zu dürfen, daß mich der große Dichter besonders begünstigte. Scherzweise nannte er mich seinen kleinen Famulus Wagner. Ich mußte ihm Bücher aus der königlichen Bibliothek holen und wechseln, ebenso andere kleine Dienste leisten. Dafür wurde ich von dem edlen Manne reichlich belohnt. Soviel ich mich noch zu erinnern vermag, stand Heine zu jener Zeit in der blühendsten Jugend. Seine Gestalt war mehr groß als gedrungen, sein schönes, noch jugendliches Gesicht strotzte von Gesundheit. Sein hübschgeformter Kopf war mit blonden Haaren bedeckt. Von seiner orientalischen Abstammung war in seinem Äußeren nichts zu erkennen. Er war stets modern und elegant gekleidet. Mit einem Worte: „He was a real gentleman comme il faut“, von der Fußsohle bis zum Scheitel.

Sehr oft sprach Heine von seiner Mutter, die er mit wahrer Zärtlichkeit liebte. „Meine Mutter“, sagte er, „stammt wahrscheinlich von einer adeligen jüdischen Familie ab. Die öftere Vertreibung der Israeliten aus den europäischen Ländern hat meine Ahnen nach Holland geführt, in welchem Lande das Wörtchen von in van verwandelt wurde.“

So oft er über Duldung und Glaubensfreiheit sprach, gab er uns den Rat, nach Amerika oder wenigstens nach England auszuwandern. „In diesen Ländern falle es niemandem ein zu fragen: Was glaubst du, oder was glaubst du nicht? Jeder kann da nach seiner Façon selig werden.“

Oft erzählte er kleine heitere Geschichten aus seiner Schulzeit. Unter anderm erzählte er, daß es ihm einmal fast so ergangen sei wie dem Spiegelberg mit dem Hunde. Von seinem engeren Vaterlande, dem Rheinlande, sprach er mit Begeisterung und schilderte es als ein Paradies auf Erden.

[„Spiegelberg mit dem Hunde“: Erzählung Spiegelbergs in Schillers „Räubern“ (I2), wie er als Knabe einen Hund aufs äußerste reizt, das Tier sich unvermutet von der Kette losreißt, sich auf seinen Peiniger wirft und dieser sich nur durch Überspringen eines Grabens rettet, über den er bis dahin nie hinübergekommen war: „die Kräfte wachsen in der Not“.]

54. Friedrich v. Uechtritz43

1822

[v. Uechtritz an Friedrich Hebbel, 17. Mai 1855:] Der Kreis junger Leute, in den ich bei meiner Ankunft in Berlin Ende 1821 eintrat und darin etwa 1½ Jahr lang verkehrte, wird als ein Ausbund genialer Liederlichkeit geschildert... Man druckt Billette einzelner Glieder an Grabbe ab, die, so für sich herausgerissen, sich allerdings schlimm genug ausnehmen. Aber zuvörderst werden Sie sehr begreiflich finden, daß sich alle mephitischen Dünste, die in dem Kreise vorhanden waren, vorzugsweise im Verhältnisse zu einer Natur wie Grabbe und in einem Billettverkehr mit diesem entladen mußten... doch ist namentlich niemals – so oft ich die Zusammenkünfte geteilt habe – ein Frauenzimmer dabei zugegen gewesen. Wir versammelten uns abends bei dem einen oder andern um einige sich von aller Schwelgerei sehr fernhaltende Portionen Berliner Chambregarnitee, und Köchy oder ich lasen irgend etwas Neuerschienenes von Tieck, Immermann usw. oder auch das Werk eines älteren Dichters vor; auch wurde wohl Shakespeare mit verteilten Rollen gelesen. Im Sommer fanden gemeinschaftliche Spaziergänge und Versammlungen an irgendeinem öffentlichen Orte unter nicht weniger bescheidenen und harmlosen Genüssen statt... Von zu häufigen Schwelgereien hielt uns schon die... sehr beschränkte Kasse ab... Auch Heine, der damals fast beständig leidend war und gewöhnlich bei unsern Versammlungen über Kopfschmerzen klagend in einer Sofaecke saß, wird... als Teilnehmer an den dem Kreise vorgeworfenen Ausschweifungen ganz mit Unrecht genannt; was aber den armen Ludwig Robert betrifft... Die Wahrheit ist, daß es sich hier um einen ganz anderen Robert handelt, der weder den Vornamen Ludwig führte, noch jemals daran gedacht hat, als Schriftsteller aufzutreten.

[Heines Brief an C. Borch, Berlin, den 19. (das weitere Datum fehlt, vgl. Hirth Nr. 28), bestätigt, daß der ganze Verkehr Heines mit dem Grabbeschen Freundeskreis sehr kühl war; in einem Brief an Sethe vom 21. Januar 1823 nennt er ihn „ein Strudel Schurken“, und von „Ausschweifungen“ spricht sogar Grabbe, wie die folgenden Mitteilungen zeigen, Heine frei. Er lebte in diesem Winter „krank, isoliert, angefeindet und unfähig, das Leben zu genießen“. In den „Briefen aus Berlin“ bedenkt er zwar Köchy und Uechtritz mit einigem Lob, in den Privatbriefen aber klingt’s bald ganz anders. Die ausgelassenen Symposien Heines mit Grabbe und den übrigen Genossen bestehen nur in der Phantasie einiger Heinebiographen. Heine trank wenig und rauchte nie.]

55. Christian Dietrich Grabbe175

Herbst 1822

[Brief an Immermann, 8. Januar 1835:] Was der Tieck ... sich an den Shakespeare kettet, von dem er nichts hat als romantische Staffage, doch ohne Charaktere, in seinen früheren Novellen (die ich und Heine in Berlin noch immer für die besten hielten, und wenn in den späteren Stellen kamen, wo so etwas sentimental-romantischer Duft atmete, rief er: doch der alte Tieck), und in seinen späteren...

56. Karl Köchy175

Ende Dezember 1822

[Mitteilung an Eduard Grisebach:] Gubitz hatte ... Heinen, als dieser ihn eines Tags besuchte, die Handschrift des „Gothland“ gezeigt und ihn aufgefordert, sich das „verrückte Geschreibsel“ anzusehen. Heine blätterte in dem dicken Manuskript und sagte dann: „Sie irren sich, lieber Gubitz, der Mensch ist nicht verrückt, sondern ein Genie.“

[Heines eigene Erzählung in seinen „Memoiren“ ist offenbar richtiger. Vergleicht man seine Angaben mit denen von Gubitz und mit Heines Korrespondenz, so war der Sachverhalt jedenfalls der: Grabbe lernte Gubitz, den Herausgeber des „Gesellschafter“, durch Heine und Köchy kennen. Ihm zuerst brachte Grabbe das Manuskript seiner Tragödie „Herzog von Gothland“; Gubitz wußte damit nichts anzufangen und verwies ihn an Heine. Grabbe gab nun die Handschrift an Heine. Dieser las das Werk und sandte es am 30. Dezember an Varnhagen. Vermutlich fragte ihn Gubitz bei einer späteren Begegnung, was er von dem Drama halte; dabei mag der obige Ausspruch Heines gefallen sein. Bestätigt scheint er durch Grabbes Brief an Kettembeil vom 25. Juni 1827, worin es heißt: „der Gothland wühlt sich durch, sagte Heine“.]

57. A. J. Becher176

Anfang 1823

[Mitteilung Bechers an Nikolaus Lenau:] Immermann, Heine und Grabbe waren in Berlin zusammen. Die letzteren beiden rieben sich häufig aneinander. Grabbe behielt aber an Witz und Derbheit immer die Oberhand. Eines Abends hatte Grabbe Heinen besonders glücklich niedergekämpft, so daß dieser keinen anderen Ausweg mehr fand als die Drohung, er werde sich mit der Feder rächen. Da packte der kräftige Grabbe das Männchen, drückte es an die Wand, hielt ihm sein blankes Messer vor die Augen und schrie: „Wenn du es wagst, je ein Wort des Schimpfes über mich drucken zu lassen, so komme ich dir nach, wo du auch seist, und fasse dich, wie ich dich jetzt habe, und schlachte dich ab wie ein Huhn!“

[Dieser Drohung schrieb Lenau, der die Anekdote seinem Freunde Max Löwenthal am 31. März 1841 aus dem Munde des Londoner Musikprofessors Becher erzählte, es zu, daß Heine zwar über alle deutschen Schriftsteller, mit Ausnahme seines Freundes Immermann, schimpfe, aber Grabbe nirgends erwähne. Immermann kann der obigen Szene nicht beigewohnt haben, er war in Münster, und Heine lernte ihn erst April 1824 in Magdeburg kennen, erwartete ihn allerdings Ende 1822 in Berlin (vgl. seinen Brief an Immermann vom 24. Dezember 1822) und pries ihn allenthalben. Den Dichter des „Gothland“ hat Heine tatsächlich nur in den „Elementargeistern“ (1835/37) als „genialen Schriftsteller“ und, schon zurückhaltender, in „Shakespeares Mädchen und Frauen“ (1839) als „höchst begabten“ Autor zweimal flüchtig erwähnt; eine Charakteristik Grabbes plante er 1837 (Brief an Lewald vom 10. April), gab sie aber wieder auf. Sonst nennt er ihn nur in den „Memoiren“, auch in Briefen und Gesprächen stets mit großer Achtung (vgl. das Register), und später (Brief an Campe vom 31. März 1852) bereute er sehr, daß er nie über „die vier großen dramatischen Dichter“ Grabbe, Immermann, Kleist und Oehlenschläger ausführlicher gesprochen habe. – Auf einen Zusammenstoß mit Heine macht Grabbe in spätern Briefen mehrere Anspielungen; am 18. Februar 1835 an Immermann: „... Sie meinen es gut mit mir ... aber gegen einen solchen Juden [wie den Dr. Martin Runkel] könnt’ ich wieder der alte Adam mit der Erbsünde werden, wie einmal gegen Heine“, und im August 1835 an Schreiner: „Daß man von dem Heine schwätzt, dem Fetzen von Byron, und den ich über die Treppe schmiß. Der Kerl ist zu dünn, zu mager und zu häßlich. Daher seine Sentimentalität, mit der er kein Mädchen berühren darf, sondern nur Satiren drechselt.“ Dies Zeugnis der Enthaltsamkeit, daß er „nie Weiber genossen“ habe, stellt Grabbe auch an anderer Stelle Heinen aus. – Aus dem Kreise Lenaus mag dann Heinrich Laube, als er im Sommer 1833 in Wien war, das gehört haben, was er in seinen „Neuen Reisenovellen“ (1837. Band I, S. 356ff.) andeutet: daß Heine einmal in dem Café Stehely in Berlin „von der rohen Lebensart Grabbes mißhandelt“ worden sei.]

58. J. L. Braunhardt180

Februar 1823

Im Frühling 1823 traf ich am Vormittage bei ihm Doktor Eduard Gans, dem er die frohe Mitteilung machte, daß seine Schwester Lottchen in Hamburg mit Herrn Embden verlobt sei. Dieses Familienereignis brachte mir ein Achtgroschenstück ein, das mir der glückliche Bruder in die Hand steckte, um mir dafür gütlich zu tun. Gleichzeitig händigte er mir sein Miniaturbildnis auf Steindruck zum Andenken ein... Sein intimster Freund schien Dr. Gans zu sein, denn mit ihm harmonierte er am meisten.

[Charlotte Heine verlobte sich im Januar 1823 mit Moritz Embden.]

59. Ludwig Gustorf9

April 1823

[Gustorf an Grabbe, Berlin, 27. April:] Lange lag Heine in seinen erfindungsreichen Betten, die Tage zählend, und wieder zählend, schmachtend gleichsam nach dem Augenblick, da seine Tragödien bei Dümmler zum Fenster herausgucken. Endlich gucken sie, und zwar wie wir vermuteten, nicht um Gottes willen, und da sah man nun am Tage dieser Offenbarung Heinrichs ungefällige Gestalt selbstgefällig unter den Linden, mit Armensünderwängelein, über welche indische Glut sich ergoß, sobald er vor dem Duodezbrockhaus vorbei pathetisierte...

[In seinem Brief an Moser vom 27./30. September (Hirth Nr. 55) nennt Heine den Dr. Gustorf einen Schuft, und von Köchy hält er nicht viel mehr. Die „Tragödien nebst einem lyrischen Intermezzo“ erschienen April 1823 in Berlin bei Ferdinand Dümmler. „William Ratcliff“ war 1822 in Berlin entstanden.]

60. Michael Beer85

1823

[Beer an Immermann, Paris 11. April 1830:] Wenn Heine Sie wiederum befragt, ob Sie Antwort von mir erhalten, und auf welche Weise ich seiner erwähnte, so sagen Sie ihm, er sollte sich erinnern, wie oft er mir [1823] gesagt, daß ich die meisten Dinge mit Glacéhandschuhen anfaßte. Ich hätte mir diese Handschuhe bei Lektüre seines Buches [des 3. Bandes der „Reisebilder“ mit der Polemik gegen Platen] angezogen und wäre noch immer der alte Schwächling, der eine so derbe Kost wie seine Satire nicht ohne Indigestion vertragen könne. Mit einem Worte, es wäre mir etwas übel dabei geworden. Übrigens grüße ich ihn aufs herzlichste, und meine persönliche Neigung für ihn sei noch immer die alte.

61. Varnhagen von Ense103

1823

Heine sagte im Jahr 1823 von Franz Horn, der Erläuterungen zum Shakespeare geschrieben hat: „Was hat der aus Shakespeare gemacht? Eine Art holländischer Festung, ein Bergen op Zoom! Er hat ihn ganz unter Wasser gesetzt.“

62. Hermann Franck109

1823?

[Notizzettel Varnhagens vom 29. Juni 1854:] Er [Franck] erzählt mir, als er mich in Berlin vor etwa dreißig Jahren zuerst gesehen habe, sei ich ihm durchaus als ein Aristokrat erschienen. Später sei er einmal mit mir in Gesellschaft gewesen und es habe sich gefügt, daß er etwas zugunsten der Aristokratie gesagt; da habe ich ihm lebhaft widersprochen, und nachdem wir eine Weile gestritten, sei ich aufgesprungen, und habe ihm gesagt: „Sie sind ein junger Mann und kennen noch nicht den inneren Zusammenhang der gesellschaftlichen Welt; glauben Sie mir, das Adelswesen ist das größte Übel in derselben, und man darf darüber keine Täuschung gelten, sie nicht aufkommen lassen.“

Kurz nachher sei er mit Heine zusammengekommen, dem habe er gesagt, er sei verwundert, in mir keinen Aristokraten zu finden. Darauf habe Heine geantwortet: „Varnhagen? Ein Aristokrat? (Sehr leise) Glauben Sie mir, es bedarf nur der Umstände, nur der Gelegenheit, und Varnhagen (außerordentlich leise) wird ein vollständiger – Robespierre!“

63. F. W. Gubitz11

Mai 1823

Vor seiner Abreise nach Hamburg fragte er mich: ob er mir dort etwas besorgen könne, ich sagte: einen tüchtigen Berichterstatter. Er bot sich an zur Umschau für diesen Zweck, mit seinem stets dem Spott verwandten Ton noch äußernd: „Soll ich mich denn nicht in Ihr Stammbuch schreiben?“ und nach meiner Entgegnung: „Ich habe keins!“ ergriff er bei den Worten: „Das konnt’ ich wissen!“ einen Papierstreif und schrieb:

Kein Stammbuch?! – da hab’ ich nachgedacht,

Doch kaum wird es Denkens bedürfen;

Es gleichet gar bald dem verschütteten Schacht,

Weil’s trostlos war, weiter zu schürfen.

Betrug und Freundschaft sind ja zumeist

Im Erdenverkehre Geschwister,

Und was man jung ein Stammbuch heißt,

Wird endlich Totenregister.

Nur mit dem Ärgernis macht ein Komplott,

Wer viel von Freundschaft will buchen;

Denn findet man immer sie wieder bankrott,

So lernt man sein Leben verfluchen.

Dies beschriebene Blättchen warf er in die Höhe, daß es auf den Boden des Zimmers fiel, ergriff seinen Hut, und mit dem Ausruf: „Leben Sie wohl!“ eilte er von dannen.

64. Varnhagen von Ense115

18. Mai 1823

[Varnhagen an seine Schwester Rosa Maria Assing, Berlin, 18. Mai 1823:] Überbringer dieses, Herr Heine, unser Landsmann aus Düsseldorf, soll euch viel freundliche Grüße von uns sagen, und recht viel von uns erzählen.

65. Varnhagen von Ense86

16. Juli 1823

[Varnhagen an Rahel, Hamburg, 16. Juli:] Heine ist hier und freut sich sehr auf mich; er hatte von meiner Schwester gehört, daß ich kommen würde, und blieb deshalb ein paar Tage länger. Ich sehe ihn morgen.

66. Varnhagen von Ense86

17./18. Juli 1823

[Varnhagen an Rahel, Hamburg, 18. Juli:] Heine war schon mehrmals hier; ich habe Ernstes mit ihm gesprochen. Er grüßt angelegentlichst!

[Rahel antwortete am 20. Juli: „Heinen viele schöne Grüße. Ernst hat der nötig, aber keinen Mund, ihn zu verschlucken.“]

67. Varnhagen von Ense86

20. Juli 1823

[Varnhagen an Rahel, Hamburg, 22. Juli:] Den Sonntag hatte meine Schwester Gesellschaft geladen, liebe gute Leute, zum Teil mir schon bekannt; unser kleiner Heine mit darunter, den ich gern wieder sah, aber öfters etwas scharf werden mußte, damit er sich nicht bis zu schwindelnder Höhe verklettere und dann allzu gefährlich niederfalle. Das Nähere von ihm mündlich; er reist heute mit dem Paketboot nach Cuxhaven ins Seebad, wo er zwei Monate bleiben will, dann nach Berlin zurückkehren, dort eine diplomatische Anstellung haben, in Hamburg leben, seine venetianische Tragödie dichten, ein Buch über Goethe schreiben usw. Jugend! „Sie sollen kein Brentano werden, ich leid’ es nicht!“ Den Spruch von dir gab ich ihm heute zum Abschied. Er grüßt dich vielmals und ergebenst; nicht ohne Ertrag hegt er dein Andenken und meines.

[Rahel antwortete am 24. Juli: „Heine muß wesentlich‘ werden, und sollte er Prügel haben. ‚Mensch, werde wesentlich!‘“ – Die letzten Worte sind von Angelus Silesius, dessen „Geistliche Sprüche aus dem cherubinischen Wandersmann“ Varnhagen 1820 herausgegeben hatte; vgl. dort Spruch 73.]

68. Varnhagen von Ense115

20. Juli 1823

[Varnhagen an Rosa Maria Assing, Berlin, 21. Oktober 1823:] Heines Absicht, nach Göttingen zu gehen, muß ich sehr billigen. Wieder nach Berlin zu kommen, hätte für ihn gar nicht getaugt, und doch hatte er dazu am meisten Lust. Er muß sich tüchtig zusammennehmen, und sich im Leben jedes Schwindeln und Nebeln ernstlich untersagen, sonst läuft er Gefahr, in hohlen Eitelkeiten und Täuschungen zusammenzubrechen. Ich hab’ es ihm auch selbst gesagt, und wenn er mir deshalb auch etwas böse ist, so schadet das nicht. Indessen sei er mir bestens gegrüßt, wenn er in Hamburg ist, denn ich nehme wahren Anteil an ihm und seinem Wohlergehen!

[Über Varnhagen schrieb Heine am 28. November an Moser: „Bei meinem Zusammentreffen mit ihm in Hamburg hat er mich verletzt, und Du weißt, wie reizbar ich dort war.“ Varnhagen hatte die Wahrheit einer Angabe Heines in bezug auf Fouqué bezweifelt. Heine bewies ihm sein Unrecht im Brief vom 11. April 1824 und blieb ein halbes Jahr lang verstimmt; dann aber versöhnten sie sich wieder und blieben dauernd Freunde.]

69. Max Heine70

Herbst 1823

Während seines temporären Aufenthaltes in Lüneburg hatte Heinrich sein Zimmer unmittelbar neben dem meinigen und da habe ich vieles belauscht, wie es in der Werkstatt des Dichters zugegangen ist. Viele seiner herrlichsten Lieder, oft von der Tinte noch nicht getrocknet, las er mir vor, z. B.: „Du bist wie eine Blume“, betonte scharf, was er gelungen fand, und hörte, wie ein frommes Kind, gerechte und ungerechte Bemerkungen an. Diese Zutraulichkeit ermutigte mich, ihm auch einige meiner poetischen Versuche vorzulesen. Er hörte meine schlechten Reime mit Geduld an, und sagte dann milde: „Schreibe Prosa, lieber Max, genug Unglück in einer Familie an einem Dichter!“

[Seit Frühjahr 1822 wohnten Heines Eltern in Lüneburg; Bruder Max war Primaner des dortigen Gymnasiums. Ende Mai 1823 kehrte Heine von Berlin ins Elternhaus zurück und blieb dort bis Ende des Jahres; nur die Sommermonate Juli und August verbrachte er in Hamburg und in Cuxhaven. Januar 1824 ging er wieder nach Göttingen zur Fortsetzung seines Studiums.]

70. Max Heine70

Herbst 1823

Mein Bruder Heinrich war mehrmals gegenwärtig, wenn ich, als Primaner des Gymnasiums, meine prosodischen Arbeiten anfertigte. Ich hatte damals eine große Vorliebe für das klassische Metrum, und durch vieles Übersetzen und tägliche Übung eine außerordentliche Leichtigkeit in Anfertigung von deutschen Distichen erlangt. Obgleich Heinrich die Alten hochschätzte und bereits damals durch seine Gedichte einen großen Namen als Poet erworben hatte, so hatte er sich doch im deutschen Hexameter bisher nie versucht. Wir sprachen viel über diesen Gegenstand. Ich zitierte Goethes herrliche Elegien und forderte meinen Bruder auf, auch einmal in diesem Versmaße einen Gegenstand poetisch zu bearbeiten. Ich wiederholte mehrmals Goethes reizenden Vers, wo er auf den Nacken der Geliebten „mit fühlendem Auge und sehender Hand“ des Hexameters Maß skandiert hat.

Endlich ging Heinrich an die Arbeit, und als ich an einem der nächsten Vormittage in sein Zimmer trat, kam er mir mit einem Blatt entgegen, freudig ausrufend: „Siehst du, auch ich bin unter die Hexameter gegangen.“ Er rezitierte mir einige Zeilen eines Gedichtes: „Trost für Dido“, wobei ich aber schon beim dritten Hexameter (keine kleine Satisfaktion für einen Primaner) dem bereits berühmten Dichter in die Rede fiel: „Um Gottes willen, lieber Bruder, dieser Hexameter hat ja nur fünf Füße.“ Und nun skandierte ich ihm mit wichtigster Schulweisheit den Vers vor. Als er sich vom Fehler überzeugt hatte, zerriß er leider das Papier mit den Worten: „Schuster bleib bei deinen Leisten!“

Ein paar Tage nach dieser Begebenheit, wovon übrigens nicht mehr gesprochen worden war, stand eines Morgens früh, als ich eben erwachte, Heinrich vor meinem Bette. „Ach, lieber Max“, begann er mit kläglicher Miene, „was für eine schauerliche Nacht hab’ ich gehabt.“ Ich erschrak. „Denke dir, gleich nach Mitternacht, eben als ich eingeschlafen war, drückte es mich wie ein Alp; der unglückliche Hexameter mit fünf Füßen kam an mein Bett gehinkt und forderte von mir unter den fürchterlichsten Jammertönen und schrecklichsten Drohungen seinen sechsten Fuß. Ja, Shylock konnte nicht hartnäckiger auf seinem Pfunde Fleisch bestehen, als dieser impertinente Hexameter auf seinem fehlenden Fuß. Er berief sich auf sein urklassisches Recht und verließ mich unter schrecklichen Gebärden, nur mit der Bedingung, daß ich nie wieder im Leben mich an einem Hexameter vergreifen wolle.“

[Am 30. September 1825 schrieb Heine an Moser: „Mein jüngster Bruder studiert fleißig die Alten und wird Mediziner werden.“]

71. Varnhagen von Ense103

April 1824

Der junge Heine kam im Frühjahr 1824 von Göttingen zum Besuch nach Berlin zurück und mußte als noch Studierender unter andern zum Staatsrat Schultz wegen einer Aufenthaltskarte gehen. Dieser tat sehr streng, fragte genau nach seinen Absichten, warnte ihn vor Umtrieben, und warf ihm vor, daß er sich früherhin der preußischen Regierung durch seine Ansichten verdächtig gemacht. „Mein Gott!“ sagte Heine mit höflichster Emphase, „ich habe immer dieselben Ansichten wie die Regierung, ich habe gar keine!“ Schultz fühlte die Lächerlichkeit, der ihn jede weitere Einlassung aussetzte, brach kurz ab und ließ es gut sein.

[Am 21. Januar 1823 schrieb Heine an Sethe, daß er „auch höheren Ortes schon hinlänglich angeschwärzt“ sei. Seine „Briefe aus Berlin“ und „Über Polen“ werden ihn dem Staatsrat Schultz nicht eben empfohlen haben.]

72. Eduard Wedekind149

23. Mai 1824

[Tagebuch:] Heute mittag habe ich den Dichter Harry Heine gesehen; er wohnt in einem Hause mit M. [Mertens], wo ich vielleicht Gelegenheit haben werde, seine Bekanntschaft zu machen.

[Eduard Wedekind, Jurist, zuletzt Anwalt in Uslar, versuchte sich auch selbst als Dichter, veröffentlichte mehrere Dramen und war eifriger Mitarbeiter der „Posaune“ in Hannover.]

73. Eduard Wedekind149

Ende Mai 1824

[Mitteilung Strodtmanns nach Wedekinds Tagebuch:] Die erste Begegnung mit Heine fand im Ulrichschen (jetzt Marwedelschen) Garten statt, in welchem damals noch das, später nach den Anlagen am Schwanenteich versetzte Sandsteindenkmal für den Dichter Gottfried August Bürger, eine trauernde Germania im zopfigsten Rokokostile, stand. Heine besuchte fast jeden Abend diesen, von den Studenten kurzweg „der Ulrich“ genannten Wirtsgarten, auf dessen kiesbedeckten Gängen er bald mit diesem, bald mit jenem Freunde, im Eifer des Gesprächs häufig kleine Steinchen mit dem Fuße vor sich hinstoßend, auf und ab wandelte. Der erste Eindruck seiner Erscheinung war kein günstiger. „Sein Äußeres verspricht sehr wenig,“ schrieb Wedekind, als er ihn zum ersten Male erblickt hatte; „es ist eine kleine zwergartige Figur mit blassem, langweiligem Gesichte.“ Aber schon nach der ersten kurzen Unterhaltung mit ihm fügte er hinzu: „Wenn er spricht, ist sein Gesicht recht interessant.“ Auch Wedekind erzählt, in Übereinstimmung mit allen sonstigen Berichten, daß Heines Aussehen, je nach seinem körperlichen Befinden, beständig wechselte, und daß er damals viel an nervösen Kopfschmerzen litt. Einmal bat er ihn, eine Uhr, die auf dem Tische lag, wegzulegen, weil er das Ticken derselben nicht vertrüge; und auf die Frage, ob er immer oder nur zu Zeiten poetisch gestimmt sei, antwortete er: „Wenn ich mich wohl befinde, dann immer.“ – „Aus seiner Kränklichkeit“, heißt es ein andermal, „erklärt sich wohl seine so sehr abwechselnde Stimmung. Manchmal ist er ganz hypochondrisch, und dann springt er mit einem Male in den feinsten Witz um. Wenn er bei guter Laune ist, ist er äußerst witzig, und kommt man dann auf seine Liebe zu sprechen, so fängt er immer an zu parodieren.“ Und in einer nachträglichen Ergänzung zu seinen Tagebuchsnotizen bemerkt Wedekind: „Heine, bekanntlich klein und schmal, sah damals – je nach seinem Befinden – sehr verschiedenartig aus. In guten Momenten hatte er eine ungemein gewinnende Freundlichkeit, und am interessantesten war sein Gesicht, wenn er irgendeine gutmütige Schelmerei vorhatte. Dann blitzten die kleinen mandelförmigen Augen, deren Ränder oftmals gerötet waren, recht treuherzig listig.“ Auf die Frage, weshalb er, trotz seiner außerordentlichen Kurzsichtigkeit, keine Brille trage, erwiderte er: „Bah, das sieht so affektiert aus!“ „Wie mögen Sie das nur sagen,“ frug Wedekind neckisch, „da ich doch gerade eine Brille aufhabe?“ „Ach Gott, das habe ich gar nicht bemerkt!“ entschuldigte sich jener rasch mit dem harmlosesten Lachen.

74. Eduard Wedekind149

Mai 1824

[Tagebuch:] Bei Heine sieht es höchst unordentlich aus; das Bett steht mit in der Stube, obgleich er eine sehr gute Kammer hat, und Bücher, Journale, alles liegt auf den Tischen umher, bunt durcheinander. Ich sagte ihm, daß ich einen Teniers herbringen würde, es abzukonterfeien.

75. Eduard Wedekind149

Mai/Juni 1824

[Strodtmanns Bericht nach Wedekinds Tagebuch:] Zu den gemeinschaftlichen Bekannten Heines und Wedekinds, deren das Tagebuch [Wedekinds] gedenkt, gehörte vor allem der geistvolle Siemens, welcher vor einigen Jahren als Oberamtsrichter zu Hannover starb... und der liebenswürdige Spaßvogel G. Knille, der sich beständig mit Heine neckte. Wenn dieser, nervös abgespannt, sich häufig beim Eintritt ins Zimmer mit der stereotypen Phrase: „Laß mich, lieber Junge, ich bin krank!“ auf den nächsten Stuhl sinken ließ und in mürrisches Schweigen versank, war es immer Knille, der ihn nach einigen Redewendungen mit den gleichfalls stereotypen Worten ermunterte: „Sag’ mal, Heine, wie war das doch neulich? Wie lautete das hübsche Gedicht?“ Dann war unfehlbar die Wirkung, daß Heine, sich langsam erhebend und ihm die Hand auf die Schulter legend, alles Leids vergaß und freundlichst nachfragte: „Was meinst du, lieber Junge?“

76. G. Knille194

1824

[Mitteilung Knilles an Strodtmann:] Heines Statur war kaum mittelgroß und schmächtig. Er hatte eine sanfte, überaus angenehme Stimme, mittelgroße, schalkhafte Augen voll Geist und Leben, die er im Eifer des Gesprächs halb zu schließen pflegte, eine schöne, leicht gebogene und scharf geschnittene Nase, keine ungewöhnliche Stirn, hellblondes Haar und einen Mund, der in steter zuckender Bewegung war und in dem länglichen, mageren, kränklich blassen Gesicht die Hauptrolle spielte. Seine Hände waren von der zartesten Form, gleichsam durchgeistigt, und alabasterweiß. Sie erschienen namentlich in ihrer vollen Schönheit, wenn Heine in vertrautem Kreise gebeten wurde, das herrliche Rheinlied: „Wie der Mond sich leuchtend dränget“ usw. zu deklamieren. Er pflegte sich dann zu erheben und die feine weiße Hand weit vorzustrecken. Seine sonst unverwüstliche heitere Laune war schon damals wesentlich durch sein körperliches Befinden bedingt. In guten Stunden wirkte sie wahrhaft bezaubernd auf seine Umgebung. Der Dichter erschien stets in einem bis an den Hals zugeknöpften braunen Oberrocke mit einer doppelten Reihe von Knöpfen, ein kleines schwarzseidenes Tuch leicht um den Hals geschlungen, und im Sommer regelmäßig in Beinkleidern von Nanking, häufig auch in Schuhen und weißen Strümpfen an den normal gebildeten Füßen, die keineswegs, wie Laube bemerkt, an die „jüdische Rasse“ erinnerten. Er trug endlich stets entweder einen gelben Strohhut oder eine grüne Mütze, die in einen viereckigen Beutel auslief, welcher damals bis auf den Schirm herabgezogen wurde.

77. Eduard Wedekind149

Juni 1824

[Tagebuch:] Er [Heine] steht jetzt im zehnten Semester und muß noch bei den Pandekten schwitzen. Er hört sie bei Meister, weiter nichts. Gestern sagte er mir: wenn das Corpus juris in Kalenderformat gedruckt wäre, würde er es gewiß loskriegen; jetzt scheue er sich vor dem großen Format...

Ich sprach heute absichtlich mit ihm über das jus. Von Meister sagte er: „Das ist ein göttlicher Kerl – erstens, zweitens, kurz alles, und man sieht gleich, wie man es anwenden kann.“ Das römische Recht interessiert ihn schon, mehr noch das kanonische. „Es würde interessant sein,“ bemerkte er, „den Kampf des kanonischen und römischen Rechts miteinander darzustellen, wie denn die Dekretisten und Romanisten in Bologna sich ihrer Zeit fast tot darum schlugen. Übrigens“, sagte er, „habe ich vom jus nichts los, als was so hie und da hängengeblieben ist; manchmal ist aber doch mehr hängengeblieben, als ich selbst glaubte. Ich habe überhaupt nichts los, als die Metrik.“ Michaelis will er ausstudiert haben und dann auf Reisen gehen, wahrscheinlich nach Italien. In der Folge gedenkt er in die Juristenkarriere zu treten; ob aber in Preußen, weiß er noch nicht. Umgang hat er wenig; wir haben uns gegenseitig gebeten, einer den andern zu besuchen.

78. Maria Embden-Heine88

1824

Obgleich Heine die Jurisprudenz zu seiner Fachwissenschaft gewählt hatte, so fand er sie doch zu trocken, um nach seiner Art Geschmack daran zu finden, und er ließ sich keine Gelegenheit entgehen, an den guten juristischen Professoren in Göttingen seinen Witz auszuüben. Auch Meister, sein berühmter Pandektenlehrer, blieb nicht verschont, und die Gasse, in welcher Meister sein Kollegium las, hieß allgemein die Pandektengasse.

Heine wußte durch seine Freunde allgemein das Gerücht zu verbreiten, daß in der Pandektengasse allnächtlich ein Geist spuke. Die Göttinger Philister wagten gar nicht daran zu zweifeln; es hieß nämlich, der spukende Geist sei ein Student, der im Kollegium von Meister sich zu Tode ennuyiert habe und dessen Seele nicht eher Ruhe finden könnte, als bis Meister einmal einen Witz machen würde.

Die Geschichte hat Meister dermaßen geärgert, daß er sein Kollegium aus der Pandektengasse in eine andere Straße verlegte.

79. Eduard Wedekind149

Juni 1824

[Tagebuch:] Ich glaube, seine [Heines] Bekanntschaft wird für mich von großem Nutzen sein. Er ist ein ungeheures Genie, dabei durchaus nicht von sich eingenommen, so daß sein Umgang mir außerordentlich interessant ist. Ich glaube auch, daß er wohl an mir Gefallen findet, und soviel ich ihn jetzt kenne, werden wir uns sehr gut zusammen vertragen, obgleich wir in vielen Punkten sehr voneinander verschieden sind. Ich habe alles, was er bis jetzt herausgegeben hat, gelesen und weiß es zum Teil auswendig. Daß ihm dies einigermaßen schmeichelt ist natürlich; auch konnte ich ihm mit gutem Gewissen manches Kompliment machen. Seine Gedichte, sagte ich ihm, hätte ich alle durchstudiert. „Studieren“, antwortete er, „sollte man sie eigentlich auch, denn sie sind nicht so ganz leicht zu verstehen.“ Er sagte dies übrigens ohne allen Stolz...

Jetzt noch einiges über Heine, und zwar in Beziehung auf seinen Charakter. Dieser ist ein wenig leichtfertig. An eine Unsterblichkeit der Seele glaubt er nicht und tut groß damit, indem er sagt, alle großen Männer hätten an keine Unsterblichkeit geglaubt, Cäsar nicht, Shakespeare nicht, Goethe nicht. Eitel ist er sehr, obgleich er es durchaus nicht scheinen will; er hört von nichts lieber sprechen als von seinen Gedichten. Ich habe einmal gesagt, daß ich seinen „Ratcliff“ zu rezensieren wohl Lust, aber keine Zeit hätte. Seitdem hat er mich sehr aufgefordert, ich möchte doch Prosa schreiben. Er hat eine unglaubliche Lust, jeden zu mystifizieren, und spielt daher jedem das Widerpart. Bei mir fährt er aber sehr schlecht damit, weil er sich deshalb Inkonsequenzen in seinen Ansichten zuschulden kommen läßt, die ich ihm dann gewöhnlich nachweise. Ein wahrer Freund kann er mir nie werden; ich gehe aber doch recht gern mit ihm um. Unsere Ansichten sind mehrenteils sehr verschieden, und das gibt viel zu sprechen; nur weiß ich manchmal nicht recht, ob ich das, was er sagt, für seine eigentliche Meinung zu nehmen habe oder ob er mich mystifizieren will. Merke ich das, so sage ich es ihm geradeheraus und breche das Gespräch gleich ab. Er tut es indes selten bei mir. Neulich hat er zu Grüter gesagt, es wäre unter den Westfalen kein einziger, der wüßte, was ein großer Dichter wäre. Gott segne ihn, wenn er es weiß! So etwas kann mich nicht irre machen. Ich kann viel von Heine lernen, und das ist der Hauptzweck, den ich beim Umgange mit ihm vor Augen habe. Eins aber mißfällt mir sehr an ihm, und andern noch mehr, nämlich daß er seine Witze selbst immer zuerst und am meisten belacht.

80. Eduard Wedekind149

Sommer 1824

[Tagebuch:] Heine besuchte mich heute nachmittag mit Siemens und frug mich, ob er mich mystifizieren solle. Ich sagte ihm, daß er es nur tun möge, wenn er dazu imstande sei. Abends gedachten wir nach der Landwehr zu gehen; Heine begegnete mir auf dem Heimwege, er wollte schon wieder zurück. Er sah sehr verstimmt aus, und als ich ihn bat, wieder mit mir umzukehren, frug er mich, ob ich an Siemens nichts bemerkt habe, seine Stimmung scheine ihm so wunderlich. Ich hatte ihm vor einigen Tagen den „Werther“ geliehen, und Heine wußte das. „Ich weiß nicht,“ fuhr er fort, „aber es kommt mir ganz so vor, als wollte er sich totschießen. Als ich vorhin bei ihm war, hatte er sich eine Pistole gekauft und sie geladen, er brachte seine Rechnungen in Ordnung, war sehr aufgeregt, und als ich ihn zum Mitgehen bewog, suchte er mich auf alle Art loszuwerden. Hast du ihn vielleicht später gesehen?“ Ich verneinte es und frug Heine, ob Siemens wirklich eine geladene Pistole gehabt habe. „Auf mein Wort,“ versicherte jener; „ich wollte jetzt eben zu ihm und sehen, was er macht; nur fürchte ich, er wird sich mir nicht entdecken wollen.“ – „Komm, ich gehe mit,“ sagte ich; „wenn er sich einem entdeckt, so wird er wohl gegen mich offen sein, und die Sache kommt mir jetzt wirklich bedenklich vor.“ Wir gingen eine Weile schweigend nebeneinander her, als Heine plötzlich mit einem hellen Gelächter stehenblieb und mir sagte: „Lieber Junge, ich habe dich bloß mystifizieren wollen! Eine geladene Pistole hat er gehabt, wahrscheinlich aber an nichts weniger gedacht, als sich damit totzuschießen. Übrigens hast du dich brav benommen.“ Obgleich er mir seine Absicht vorhergesagt, ärgerte es mich doch nicht wenig, daß er mir auf Kosten meines guten Herzens diesen Streich gespielt hatte. Wir kamen jetzt auf den Selbstmord im allgemeinen zu sprechen, und als ich erzählte, daß mir Siemens neulich einmal gesagt habe, er könne nicht begreifen, wie sich jemand das Leben nehmen könne, sagte Heine: „Und ich kann nicht begreifen, wie sich jemand zuweilen nicht das Leben nehmen kann.“

[Siemens’ Pistole spielt auch im Gespräch Nr. 107 eine Rolle.]

81. Gastwirt Michaelis194. 88

1824

[Mitteilung von Hans Ellissen an Strodtmann:] Wie bei seinem ersten Aufenthalte in Göttingen, speiste Heine auch jetzt wieder bei dem Gastwirt Michaelis im „Englischen Hofe“ zu Mittag, und auch diesmal sollte ihm in demselben Lokal durch die Roheit eines Studenten eine Unannehmlichkeit widerfahren. Sehr wählerisch im Essen, hielt er manchmal den Fleischteller lange in Händen, bis er sich endlich ein ihm zusagendes Stück Braten herausgesucht. Solche Gourmandise ärgerte seine Tischnachbarn, und als er eines Tages wieder an dem Inhalt der Bratenschüssel herumexperimentierte, geschah es, daß ein neben ihm sitzender Student, dem in Erwartung des verzögerten Fleischgenusses der Geduldsfaden riß, mit den Worten: „Ich will Ihnen zeigen, wie man Rindfleisch spießt!“ nicht eben sanft mit der Gabel in die frevelhafte Hand des Feinschmeckers fuhr. So gern Heine andere neckte, so ungern mochte er selbst die Zielscheibe eines maliziösen Witzes abgeben: er forderte seinen Beleidiger zum Duell und ließ seit jenem Tage sich nicht mehr im „Englischen Hofe“ blicken.

[Heines Nichte Maria Embden-Heine, Fürstin della Rocca, erzählt dasselbe und fügt hinzu, das Duell habe am folgenden Morgen stattgefunden; „sein Gegner, leicht verwundet, mußte acht Tage lang das Zimmer hüten.“]

82. Eduard Wedekind149

1824

[Strodtmanns Bericht nach Wedekinds Tagebuch:] Besonders ungehalten war Heine über einen seines arroganten Wesens halber übel berufenen Privatdozenten, Dr. L. [Lachmann], welcher in einem Saale der Universitätsbibliothek mit dem Ausleihen der Bücher betraut war. „Der Mann schikaniert mich durch seine Launen, sooft ich mir ein Buch holen will,“ sagte Heine, „aber das soll er mir büßen!“ setzte er lebhaft hinzu. „Nächstens gehe ich einmal mit einem ganzen Trupp Studenten auf die Bibliothek und lasse ihn klettern, immer nach den höchsten Bördern; und wenn er dann die Bücher nicht finden kann oder will, so werfe ich ihm seine ganze Ignoranz vor.“ – „Das soll auch wohl Gutmütigkeit sein?“ entgegnete Wedekind mit Anspielung darauf, daß Heine ihn tags zuvor gefragt hatte, ob er ihn in den Liedern des „Lyrischen Intermezzo“ nicht recht gutmütig gefunden habe, was der Gefragte entschieden verneinen mußte. Heine brach in ein mutwilliges Lachen aus.

83. Eduard Wedekind149

Sommer 1824

[Tagebuch:] Neulich war ich mit Grüter bei Heine. Er zeigte uns ein sehr schönes Exemplar von Walter Scotts „Lady of the lake“, das er zum Geschenk bekommen hatte, und da Grüter ihn bat, ihm dasselbe zu leihen, und zugleich mich frug, ob wir das Gedicht miteinander lesen wollten, schlug Heine ein unbändiges Gelächter auf und sagte zu G., daß er ihm das Buch schenken wolle. Wir begriffen den Grund seiner Lustigkeit nicht. Heine aber fuhr fort zu lachen und ihm das Buch anzubieten und setzte endlich, immer lachend, hinzu: das sei gar keine Großmut von ihm, wir würden das Buch doch nur schmutzig machen, deshalb wollte er’s lieber verschenken. Grüter bedankte sich und nahm das Buch mit. Ich hätte das nicht getan.

84. Eduard Wedekind149

15. Juni 1824

[Tagebuch:] Der überspannten Romantik ist Heine früher sehr zugetan gewesen, besonders wegen seines engen Verhältnisses zu Schlegel, als er in Bonn studierte. Jetzt ist er ihr abgeneigt und hält nun auch mehr auf Bouterwek [Professor der Ästhetik in Göttingen]. Nur dem Märchen legt er noch ziemlich viel Wert bei und sagt, was bei ihm damit zusammenhängt, daß man die eigentliche Fabel noch nicht erfunden habe; das Wesen der Tiere, was uns ein Tier eigentlich zu sagen scheine, habe noch niemand richtig erkannt. Am folgenden Tage kamen wir im Spazierengehen bei einfachen blutroten Rosen vorbei. In Beziehung auf seine gestrigen Bemerkungen über die Fabel fragte ich ihn, was ihm diese Klatschrose zu sagen scheine. „Aufgeputzte Armut“, sagte er nach kurzem Besinnen ungemein treffend. Bei einer halberschlossenen Rosenknospe, deren zarte Kelchblätter allerliebst aus der grünen Hülle hervorguckten, fragte er mich, ob die nicht fast naiv aussehe, was ich bejahen mußte. Nachher kamen wir bei ein paar Putern vorbei, die auf das Geländer einer kleinen Brücke geflogen waren und nach der Wasserseite blickten. „Die möchten nun gern wieder herunter,“ sagte Heine, höchlich belustigt, „sind aber zu dumm, sich umzudrehen.“

85. Eduard Wedekind149

Sommer 1824

[Strodtmanns Bericht nach Wedekinds Tagebuch:] Mit der ersten Sammlung seiner Gedichte vom Jahre 1822 war er nicht mehr zufrieden; doch verteidigte er die „Traumbilder“ gegen Wedekinds Angriffe und sprach die Absicht aus, einen neuen Zyklus derselben zu dichten. Kleine Lieder gedenke er fürs erste nicht mehr zu schreiben. Als die Rede auf seine Originalität kam, sagte er: „Anfangs hat sie mir Schaden getan, die Leute wußten nicht, wohin sie mich rangieren sollten – jetzt nützt sie mir schon.“ – Ein Gespräch über das „Lyrische Intermezzo“ führte auf Heines Liebe und Liebesleid. „Das alles beruht bloß in der Idee, wie bei mir“, meinte Wedekind anfangs; aber fünf Wochen nachher schreibt er: „Was seine Liebe betrifft, so ist die keine bloß ideale, sondern Wahrheit“, und eine noch spätere Notiz lautet: „Du bist ein verfluchter Kerl!“ sagte mir Heine, als ich ihm, ohne mit seinen Liebesaffären im geringsten bekannt zu sein, auf Grund seiner Gedichte und des Ratcliff demonstrierte, er sei ohne Zweifel in eine Kusine verliebt gewesen, ein Verhältnis, das – namentlich beim Hamburger Familientone – einen hohen Grad von Annäherung zuläßt, ohne irgendeinen Anspruch auf Liebe zu gestatten.“ – „Wir sprachen heute viel von der Liebe in der Poesie“, heißt es ein andermal. „Heine gibt der sinnlichen vor der platonischen den Vorzug, ich nicht. Wir vereinigten uns aber bald, weil wir eigentlich derselben Meinung waren und nur die Ausdrücke verschiedenartig nahmen. Platonische Liebe hält er für Hypersentimentalität, und die sinnliche Liebe nahm ich für bloßen tierischen Trieb. Wir kamen leicht dahin überein, daß die irdische Liebe in veredelter Gestalt, so daß sie gleich weit von der tierischen wie von der himmlischen entfernt ist, für die Poesie die vorteilhafteste sei. Einer Dame, die, um ihn in Verlegenheit zu setzen, die Frage an Heine richtete: Sie lieben wohl platonisch?‘ gab er die drastische Antwort: ‚Jawohl, gnädige Frau – wie der Kosakenhauptmann Platow. – Da war sie aber balleriert‘, setzte er mit einer unbeschreiblichen Miene hinzu.“

86. Eduard Wedekind149

16. Juni 1824

[Strodtmanns Bericht nach Wedekinds Tagebuch:] Ein Lieblingsthema, auf das er bei jeder Gelegenheit zurückkam, war die Metrik und die Theorie der Dichtkunst, mit welcher er sich schon in Bonn unter Schlegels Anleitung auf das ernsthafteste beschäftigt hatte. „Sonst“, sagte er einmal, „war es mein stehender Witz, wenn jemand etwas Gutes oder Schlechtes geschrieben hatte: Der hat die Metrik los oder nicht los. Fürwahr, die Metrik ist rasend schwer; es gibt vielleicht sechs oder sieben Männer in Deutschland, die ihr Wesen verstehen. Schlegel hat mich hineingeführt – der ist ein Koloß. Er ist durchaus nicht poetisch, aber durch seine Metrik hat er zuweilen etwas hervorgebracht, was an das Poetische reicht. Auch Voß ist sehr gut.“

„Sie scheinen mir da“, bemerkte Wedekind, „einen weiteren Begriff mit der Metrik zu verbinden, als man gewöhnlich tut. Denn wenn man auch natürlich das Abzählen der Füße und Silben für bloße Nebensache oder für die ersten Elemente hält, so läßt sich doch selbst im übrigen, meiner Meinung nach, der Charakter der meisten poetischen Formen leicht ergründen. Man kann ihn zwar nicht immer in klaren Worten ausdrücken, aber das Gefühl, wenn es einigermaßen gebildet ist, wird einen bald richtig führen. Ich bin überhaupt der Ansicht, daß der Dichter nie die Form suchen muß; er darf sie nicht von dem Kern und Inhalt trennen, sondern ich glaube vielmehr, daß mit dem Gedanken eines Gedichts auch die ihm ganz eigentümliche Form, als eins mit ihm, zugleich entsteht.“

„In der Regel“, sagte Heine, „ist das wohl so, aber nicht immer; manchmal kann man recht gut vorher über die Form nachdenken, weil sie kein bloßes Vehikel, sondern ihrerseits auch produktiv sein soll. Worin bei den Alten der eigentliche metrische Witz liegt, das habe ich bis jetzt nicht herausbringen können. Die antiken Versmaße sagen mir für die deutsche Sprache gar nicht zu, zum Beispiel die Hexameter. Selbst wenn sie ganz richtig und vortrefflich gebaut sind, so daß nichts daran auszusetzen ist, gefallen sie mir doch nicht; nur einige Ausnahmen gibt es, und das sind gerade nicht die besten, zum Beispiel Goethes römische Elegien. Schlegel sagte mir, Goethe habe ihm seine Manuskripte vorgelesen, und er (Schlegel) habe ihn auf manchen Verstoß in der Versifikation aufmerksam gemacht; aber Goethe habe dann in der Regel gesagt, er sehe wohl, daß das nicht ganz richtig sei, aber er möge es doch nicht ändern, weil es ihm so besser gefalle als das Richtigere. Worin liegt das nun?“

„Im Geiste der deutschen Sprache“, meinte Wedekind. „Das ist freilich sehr allgemein gesagt, aber bis jetzt kann ich es nicht näher entwickeln.“

„Auch“, fuhr Heine fort, „sind unter den Ausnahmen – ich meine solche Gedichte, bei denen die antike Form mir zusagt – einige Oden von Klopstok, der Zürchersee zum Beispiel, und die Oden an Ebert und Gieseke. Die Oden gefallen mir überhaupt am besten von Klopstocks Schriften. Den Messias könnte ich nicht lesen; der kommt mir vor wie eine poetische Predigt.“

Die entschiedenste Abneigung hatte Heine gegen alle Reflexionen in Gedichten. „Die sind mir ganz unausstehlich,“ sagte er eines Tages, „besonders solche sentimentale Schneiderreflexionen. Ich habe noch heute (das Gespräch fand am 16. Juni statt) einen kleinen Witz gemacht, worin ich sie parodiere.“ Wedekind bat ihn, das Gedicht vorzutragen, wenn er es auswendig könne. „Ich habe es bei mir“, sagte Heine, griff in die Seitentasche seines Rockes und langte einen sauber zusammengefalteten halben Bogen Postpapier heraus. Das Gedicht, in welchem viel gestrichen und geändert war, lautete nach Wedekinds Aufzeichnung ungefähr so:

Wohl dem, dem noch die Unschuld lacht,

Weh’ dem, der sie verlieret!

Es haben mich armen Jüngling

Die bösen Gesellen verführet.

Sie haben mich um mein Geld gebracht

Mit Kniffen und mit Listen;

Es trösteten die Mädchen mich

Mit ihren weißen Brüsten.

Drauf haben sie mich besoffen gemacht,

Da hab’ ich gekratzt und gebissen,

Sie haben mich armen Jüngling

Zur Tür hinausgeschmissen.

Und als sie mich an die Luft gebracht,

Bedenke ich recht die Sache,

Da saß ich armer Jüngling

Zu Kassel auf der Wache.

Er las das Gedicht sehr lebhaft, und den affektierten, süßlichen Ton parodierend, vor, Wedekind sprach sein Gefallen daran aus. „Es ist für solche Gedichte“, sagte er, „ein guter Probierstein, wenn man sich gleich eine konkrete Person lebhaft dabei vorstellen kann, und hier denke ich mir sofort einen süßlichen Zieraffen, der seine schrecklichen Fata mit aller ihm nur möglichen Weinerlichkeit erzählt. Übrigens möchte ich, daß Sie im letzten Verse die Reime ‚Sache‘ und ‚Wache‘ änderten und auch hier den I- und Ü-Laut setzen, der in den übrigen Versen steht und ganz vortrefflich zu dem Charakter der geschilderten Person paßt.“

„Ich weiß wohl,“ entgegnete Heine, „die letzten Reime taugen nicht: ‚gebracht‘ und ‚Sache‘, zwei A-Laute hintereinander, das ist nicht gut; aber ich kann’s nicht ändern, denn ich muß die Wache am Ende haben. Sehen Sie, das ist nun so ein metrischer Witz: ‚Zu Kassel auf der Wache‘ ist ganz etwas anderes als ‚Auf der Wache zu Kassel‘ und ‚Es haben mich die bösen Gesellen verführt‘ auch etwas anderes als ‚Die bösen Gesellen haben mich verführt‘. Die Hauptpointe macht der ‚Jüngling‘; da fehlt immer ein Fuß, es wird so gezogen.“

„Übrigens“, meinte Wedekind, „würde nicht jeder das Gedicht verstehen, dem Sie es nicht vorläsen.“

„Gott bewahre!“ sagte Heine, „das versteht kein Mensch.“ Und auf die neckende Bemerkung des Freundes, daß er ja erst gestern die Absicht ausgesprochen habe, keine kleinen Gedichte mehr zu machen, erwiderte er: „Ach, das ist kein Gedicht.“ – Lange war er im Zweifel, welche Überschrift er demselben geben solle. Endlich rief er, strahlend vor Freude: „Ich hab’s! Elegie!“

In der Tat veröffentlichte er das Gedicht bald darauf unter diesem Titel... in der von seinem Freunde J. B. Rousseau zu Köln herausgegebenen Zeitschrift „Agrippina“ (Nr. 93 vom 1. August 1824)...

In Anknüpfung an das obige Gespräch fragte Wedekind den Dichter, ob er niemals die eigentliche Satire behandelt habe. „Das ist ein gefährliches Handwerk“, meinte Heine. – „Warum? Sie muß nur nicht persönlich sein.“ – „Pah! alle Satire ist persönlich.“ – Wedekind verwies ihn auf die Satiren des Horaz, in welchen die persönlichen Anzüglichkeiten doch stark verhüllt und gemildert seien. – „Das ist mehr guter Humor“, war Heines Antwort. „Aristophanes ist der größte Satiriker, und ich möchte wünschen, daß die persönliche Satire bei uns wieder in Schwung käme.“ – „Das würde nicht gut sein; es würde zu viele und zu bittere Federkriege absetzen.“ – „Was schadet’s? Das Volk soll auch nicht versauern.“ – „Dann mag es zum Schwerte greifen, und nicht zur Feder.“ – „Haben doch Erasmus und Luther auch mit der Feder gekämpft!“ – „Das war etwas anderes; es war ein hoher und wichtiger Zweck, bei dem das Wohl von Nationen auf dem Spiele stand. Luther mußte natürlich jene höchsten Prinzipien und das, was er als Wahrheit ausstreute, auf alle mögliche Weise verfechten, damit es nicht wieder unterginge. Behandeln Sie indessen die persönliche Satire für sich – es ist eine gute Übung und kann Ihre Freunde ergötzen, wenn Sie auch nicht alles gleich drucken lassen.“ – „Ich habe schon einen Anfang dazu gemacht,“ sagte Heine, „indem ich Memoiren schreibe, die schon ziemlich stark angewachsen sind. Jetzt bleiben sie indes liegen, weil ich anderes zu tun habe; ich werde sie aber fortsetzen, und sie sollen entweder nach meinem Tode erscheinen oder noch bei meinem Leben, wenn ich so alt werde wie der alte Herr [Goethe].“ – „Dem wollte ich wünschen, daß er früher gestorben wäre“, versetzte Wedekind, „die Welt hätte viel verloren, sein Ruhm hätte aber gewonnen.“ Das bestritt Heine durchaus. Er liebte, nach seinem Ausdrucke, freilich Schiller mehr, aber Goethe gefiel ihm besser. „Goethe“, sagte er, „ist der Stolz der deutschen Literatur, Schiller der Stolz des deutschen Volkes.“ Auch stellte er, im Gegensatze zu seinem Freunde Wedekind, Goethe als Dramatiker über Schiller; den „Egmont“, meinte er, habe letzterer nie erreicht. „Werthers Leiden“ hatte Heine noch nicht gelesen; er wollte eines Tages das Buch mit nach Hause nehmen, legte es aber wieder hin, weil er fürchtete, es werde ihn in seiner damaligen Stimmung zu sehr aufregen. Mit großer Verehrung sprach er von Bürger, dessen volkstümliche Art ihm ungemein zusagte.

87. Eduard Wedekind189

1824

Welcher Dichter wäre nicht subjektiv in Liebesliedern!... In ganz anderer Gestalt tritt seine [Heines] Subjektivität in den Nordseebildern auf... Heine hat mir selbst gesagt, daß er über die Form, in welcher er den Gegenstand dieser Gedichte habe darstellen wollen, lange nicht mit sich habe einig werden können... er besitzt, wie überhaupt, einen feinen Sinn für alles, was zur inneren Form gehört, so namentlich in hohem Grade dasjenige lyrisch-musikalische Gehör, das dem darzustellenden Bilde und Gedanken immer die richtige Form anpaßt, das nicht einen Dreiachteltakt anschlägt, wo es drei Viertel sein muß, und das manche scheinbare Härte, selbst einen scheinbaren Mangel mit Bedeutung wählt. – So erinnere ich mich, daß Heine die rührende Geschichte eines jungen Studenten besang, der auf einer Tour nach Kassel in alle möglichen Gefahren der Wirts-, Spiel- und anderer Häuser und am Ende auf die Wache gekommen war:

Sie haben mich armen Jüngling

Verlocket und verführet.

Und dies war ihm wohl bewußt, daß die fehlende Silbe im Worte Jüngling die Ironie des Ganzen musikalisch verstärke. Um den Titel des Gedichtes war er lange verlegen, bis er endlich triumphierend wie Archimedes ausrief: „Elegie!“

[Das Gedicht erhielt später den Titel: „Klagelied eines altdeutschen Jünglings.“]

88. Eduard Wedekind149

Juni 1824

[Strodtmanns Bericht nach Wedekinds Tagebuch:] Zuweilen sprach Heine von allerlei Plänen, die ihn neben den „Memoiren“ beschäftigten. Auf den „Rabbi von Bacherach“ bezieht sich seine Äußerung, daß er „jetzt alte Chroniken aus der Bibliothek exzerpiere und an einer Novelle arbeite, die ein historisches Gemälde aus den Zeiten des Mittelalters sein sollte“.

89. Eduard Wedekind149

20. Juni 1824

[Tagebuch:] Wir kamen auf Goethes „Faust“ zu sprechen. „Ich denke auch einen zu schreiben“, sagte er [Heine]; „nicht um mit Goethe zu rivalisieren, nein, nein, jeder Mensch sollte einen Faust schreiben.“ – „Da möchte ich Ihnen raten, es nicht drucken zu lassen; sonst würde das Publikum...“ – „Ach, hören Sie,“ unterbrach er mich, „an das Publikum muß man sich gar nicht kehren; alles, was dasselbe über mich gesagt hat, habe ich immer nur so nebenher von andern erfahren.“ – „Freilich haben Sie insofern recht, als man sich nicht durch das Publikum irre machen lassen noch nach seiner Gunst haschen soll; aber man soll es auch nicht im voraus gegen sich einnehmen, um ihm ein unbefangenes Urteil zu lassen, und Sie würden es gewiß einigermaßen gegen sich einnehmen, wenn Sie nach Goethe einen Faust schrieben. Das Publikum würde Sie für arrogant halten, es würde Ihnen eine Eigenschaft unterlegen, die Sie gar nicht besitzen.“ – „Nun, so wähle ich einen andern Titel.“ – „Das ist gut, dann vermeiden Sie jenen Nachteil. Klingemann [mit seinem ‚Faust‘] und de la Motte-Fouqué [mit seinem ‚Don Carlos‘ 1824] hätten das auch bedenken sollen.“

90. Eduard Wedekind149

16. Juli 1824

[Tagebuch:] Heine gedenkt einen Faust zu schreiben. Wir sprachen viel darüber, und seine Idee dabei gefällt mir sehr gut. Heines Faust wird genau das Gegenteil vom Goetheschen werden. Bei Goethe handelt Faust immer; er ist es, welcher dem Mephistopheles befiehlt, dies und das zu tun. Bei Heine aber soll Mephistopheles das handelnde Prinzip sein, er soll den Faust zu allen Teufeleien verführen. Bei Goethe ist der Teufel ein negatives Prinzip; bei Heine soll er positiv werden. – Heines Faust soll ein Göttinger Professor sein, der sich in seiner Gelehrsamkeit ennuyiert. Da kommt der Teufel zu ihm und belegt ein Kolleg, erzählt ihm, wie es in der Welt aussieht, und macht den Professor kirre, so daß dieser nun anfängt liederlich zu werden. Die Studenten auf dem Ulrich fangen an, darüber zu witzeln. „Unser Professor geht auf den Strich“, sagen sie. „Unser Professor wird liederlich“, heißt es immer allgemeiner, bis der Herr Professor die Stadt verlassen muß und mit dem Teufel auf Reisen geht. – Auf den Sternen haben die Engel inzwischen Teegesellschaften, zu denen sich Mephistopheles auch einfindet, und dort beratschlagen sie über den Faust. Gott soll ganz aus dem Spiele bleiben. Der Teufel schließt mit den guten Engeln eine Wette über Faust. Die guten Engel liebt Mephistopheles sehr, und diese Liebe, besonders zum Engel Gabriel, denkt Heine so zu schildern, daß sie ein Mittelding zwischen der Liebe guter Freunde und der Liebe der Geschlechter wird, die bei den Engeln nicht sind. Diese Teegesellschaften sollen sich durch das ganze Stück ziehen. – Über das Ende ist sich Heine noch nicht gewiß. Vielleicht will er den Professor durch Mephistopheles, der sich zum Schinder gemacht hat, hängen lassen; vielleicht will er gar kein Ende machen, weil er dadurch den Vorteil erhält, manches in das Stück hineinbringen zu können, was eigentlich nicht hineingehört. – Mir deucht, dieser Faust kann sehr viel werden; nur fürchte ich, und Heine ebenfalls, daß durch die Teegesellschaften zu wenig Handlung hineinkommt. Wenn ich nur Zeit hätte, könnte ich von Heine noch eine Menge geistreicher und charakteristischer Züge aufführen, ich komme fast alle Tage mit ihm zusammen, aber mein Tagebuch nimmt mir so schon Zeit genug weg.

91. Eduard Wedekind189

Sommer 1824

Ich habe ihn, da ich mit ihm studierte, manchmal gefragt, warum dies oder jenes seiner Gedichte besonders schön sei; doch konnte er niemals den Grund dafür angeben ... Heine sprach gern von Byron und fühlte sich mit ihm auf gleicher Stufe, etwa als Hofrat, wie er sich ausdrückte, während er Shakespeare den König nannte, der sie beide sofort absetzen könne. – Der Ratcliff, nach meiner Meinung sein Meisterwerk, stellt der Kritik eine... schwere Aufgabe, deren Lösung hier jedoch zu weit führen würde. Vielleicht versuche ich sie ein anderes Mal und entspreche dann noch spät einem Verlangen, das Heine schon in Göttingen an mich stellte. Dort arbeitete er damals an einer Novelle, deren Stoff aus dem Mittelalter entnommen sein sollte, teilte aber niemandem etwas daraus mit und ließ sie liegen infolge einer Harzreise, nach welcher er den ersten Teil seiner Reisebilder schrieb.

92. Eduard Wedekind149

Juni 1824

[Strodtmanns Bericht nach Wedekinds Tagebuch:] Wedekind fragte ihn auch nach seinen Übersetzungen aus Lord Byron. „Das war eigentlich eine große Eitelkeit von mir“, sagte Heine. „Schlegel behauptete gegen mich, Byron sei nicht zu übersetzen; darum gab ich mich daran und lag Tag und Nacht darüber mit der größten Anstrengung.“ – „Nun, und was sagte Schlegel da?“ – „Ja, sagte er, es sei wie Original; das Übersetzen müsse mir aber auch leichter werden als jedem andern, weil ich einige Ähnlichkeit im Charakter mit Lord Byron habe.“

93. Eduard Wedekind149

24. Juni 1824

[Tagebuch:] Heute sagte mir Heine: „Byrons Tod hat mich sehr erschüttert; ich ging mit ihm um, wie mit einem Spießgesellen. Shakespeare dagegen kommt mir vor wie ein Staatsminister, der mich, etwa wie einen Hofrat, jede Stunde absetzen könnte.“

94. Eduard Wedekind149

23. Juli 1824

[Tagebuch:] Mit seinen Plänen ist er [Heine] sehr zurückhaltend. Über seinen Faust spricht er viel mit mir, vielleicht aus eigener Lust, vielleicht weil er auch von mir etwas lernen zu können glaubt, vielleicht aber auch, weil er nicht die ernstliche Absicht hat, ihn auszuführen; denn von seiner Novelle [dem „Rabbi von Bacherach“] und dem Trauerspiele, was er jetzt vor hat [der venetianischen Tragödie], spricht er gar nicht. – Den Professor in seinem Faust wollte er zu einem Professor der Theologie machen; ich riet ihm aber, einen Philosophen zu nehmen, schon weil er dann für seine Parodie ein viel weiteres Feld hätte, was er auch angenommen hat.

95. Eduard Wedekind149

1824

[Strodtmanns Bericht nach Wedekinds Tagebuch:] An Heines „Almansor“ tadelte Wedekind, daß dessen anfangs so reine und edle Liebe gegen das Ende hin zu tierischer Wildheit ausarte. Sein Held, entgegnete Heine, fange gleich so schwärmerisch an, daß er ihn, der Steigerung halber, fast bis zur Brutalität habe emporwachsen lassen müssen; auch sei es doch notwendig, daß der Afrikaner durchblicke. Wedekind bestand darauf, daß Brutalität der Charakterzeichnung der früheren Anlage widerspreche und daß in dem allmählichen Übergehen der heiligen Liebe in die bloß physische keine Steigerung liege. Heine schien das einzuräumen. Die Idee zum „Almansor“ verdanke er, nach seiner Angabe, einer spanischen Romanze; „Ratcliff“ sei ganz seine eigene Erfindung. Von dem letztgenannten Drama hatte Heine eine besonders hohe Meinung und äußerte wiederholt die Ansicht, daß er nicht glaube, diese poetische Schöpfung übertreffen zu können. „Was Ratcliff eigentlich ist,“ sagte er, „daß er ein Wahnsinniger ist, habe ich noch keinen aussprechen hören. Niemand hat es gefunden, und doch ist es ganz klar, denn er hat eine fixe Idee. Dieser folgt er, weil er muß. Daher kommt zum Teil die eigene Wirkung des Stückes; denn nicht Ratcliff ist es, welcher handelt und etwa gegen das Schicksal ankämpft, sondern das Schicksal ist das eigentlich handelnde Prinzip, Ratcliff ist eine unfreie Person, er muß so handeln, wie er es tut.“

96. Eduard Wedekind149

Sommer 1824

[Strodtmanns Bericht nach Wedekinds Tagebuch:] Daß Wedekind auch poetisierte, hatte er anfangs sorgfältig vor Heine verhehlt. Einige Tage nach der Vorlesung des oben [S. 77] mitgeteilten Scherzliedes zeigte ihm Heine die neuesten Nummern der „Agrippina“. „Von allen meinen Bekannten“, sagte er, „erpresse ich Beiträge für diese Zeitschrift meines Freundes. Auch Sie möchte ich um solche bitten.“ – „Aber wie kommen Sie auf die Idee? Ich weiß gar nicht...“ – „Haben Sie nichts Poetisches?“ – „Nein.“ – „Ach, sagen Sie’s doch nur gerade heraus! Ich kann das gar nicht leiden, wenn jemand so züchtig tut! Lesen Sie mir etwas von Ihren Sachen vor!“ Trotz dieser Aufforderung schien er nicht allzu aufmerksam zuzuhören; doch brachte er hie und da manche feine kritische Bemerkung vor. Von den Gedichten, die ein Gleichnis oder eine praktische Nutzanwendung enthielten, sagte er gleich: „Die taugen nichts.“ Bei einer Ballade „Donna Clara“ bemerkte er: „Sie müssen da nicht sagen, daß sie zu ihrem Vater hingeht und dies und das spricht, sondern Sie müssen sie unmittelbar jene Worte sprechen lassen und dann hinzufügen: ‚So sprach Donna Clara zu dem Vater.‘“ Unangenehm berührten ihn die vielen Reime auf den doppelten E-Laut, wie: leben – streben, gehen – stehen. „Solche Reime“, sagte er, „muß man nach Möglichkeit vermeiden, es ist kein Metall darin.“ Das höchste Lob, zu welchem er sich verstieg, war: „Dies ist recht gut; aber“, setzte er in der Regel hinzu, „Sie müssen konziser sein.“ – „Sie werden nie durchschlagen mit Ihren Gedichten“, lautete sein Endurteil; „aber es gibt eine gewisse Klasse von Lesern, die sehr groß ist – der werden Sie einen klaren, dauernden Genuß zu bereiten imstande sein. Der Verstand ist bei Ihnen vorherrschend; Sie würden gewiß eine vortreffliche Prosa schreiben. Haben Sie sich nicht in Erzählungen versucht?“ – „Nein, aber im Trauerspiel, und ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß mir Charakterschilderungen mit der Zeit immer besser gelingen werden.“ – „Das glaube ich auch,“ sagte Heine, „Sie sind ein guter Beobachter. Ihr Trauerspiel werde ich mir ausbitten, wenn ich mich ganz gesund fühle, um es mit Muße lesen zu können.“

Als er Heine das nächste Mal wieder traf, sagte ihm Wedekind: „Sie sind ein rechter Mephistopheles; meine Gedichte haben Sie mir ganz verleidet.“ – „Wieso?“ antwortete Heine; „dann haben Sie mich falsch verstanden.“ – „O nein,“ versicherte der enttäuschte Poet, „aber ich habe mich jetzt selbst verstanden.“

97. Eduard Wedekind149

1824

[Strodtmanns Bericht nach Wedekinds Tagebuch:] Über das schwülstige Trauerspiel „Chriemhildens Rache“, das ein Student C. F. Eichhorn 1824 bei dem Buchhändler Rosenbusch zu Göttingen erscheinen ließ, sagte Heine: „Es ist ein Fehler an dem Stück: daß es geschrieben ist. Eichhorn ist nicht allein kein Poet, sondern durchaus antipoetisch.“ Dann fügte er, in seinen gewöhnlichen witzelnden Ton verfallend, hinzu: „Aber Eichhorn ist einer unserer größten Satiriker.“ Als Wedekind bemerkte, er habe dem Nibelungenliede und allen Heldengedichten niemals rechten Geschmack abgewinnen können, selbst der Ilias nicht, rief Heine aus: „Gott rechne Ihnen die Sünde nicht an!“

98. Eduard Wedekind149

Sommer 1824

[Strodtmanns Bericht nach Wedekinds Tagebuch:] Die Gedichte, welche Heine im Sommer 1824 schrieb und seinem Freunde Wedekind vorlas, waren, nach dessen Tagebuchsnotizen, fast alle vortrefflich, aber ganz in seiner sarkastischen Manier: am Ende jedesmal Ironie, die das Vorhergehende wieder aufhebt und zerstört. Er liebt diese Manier mehr als billig und ist wirklich ausgezeichnet darin, aber es wäre mir doch lieber, wenn er eine andere Richtung einschlagen wollte. Neulich sagte er mir: „Ich werde nächstens meine Geliebte besingen, so idealistisch ich nur vermag, werde sie aber immerfort Sie nennen.“ Einige Tage darauf schrieb er das bekannte Gedicht mit dem höhnisch bitteren Schlusse: „Madame, ich liebe Sie!“ – „Von seiner Manier, alles zu parodieren,“ heißt es einen Monat später in Wedekinds Tagebuch, „möchte ich ihn gern abbringen und gebe mir alle erdenkliche Mühe deshalb; weil er aber ganz in die Parodie vernarrt ist, hüte ich mich wohl, ihn geradezu vor den Kopf zu stoßen. Ich lobe die Gedichte, worin er parodiert, lobe diejenigen aber noch mehr, worin er es nicht tut.“

99. Adolf Peters181

Sommer 1824

[Peters an Spitta:] Heine spielt Karten mit seinen tieferen Gefühlen, es ist Münze, die er ausgibt, nichts scheint ihm heilig genug zu sein, um es nicht dem Witzeln und seiner verhaßten Ironie zu opfern; und sein immer wiederkehrendes, gewöhnlich höhnisches Selbstauslachen am Schluß verletzt mich. Ich schaudere, wenn dem Blitz, der das Herz entzündet, sogleich ein kalter, löschender Schlag folgt. Aber man muß ihm auch nicht zu nahe tun; er ist bei all seinem leichtfertigen, boshaften und übermütigen Witz in den letzten Gründen ein sehr tieffühlender, weicher Mensch, den man durch ernste Vorwürfe leicht bis zu Tränen rührt.

[Adolf Peters studierte Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaften; er wurde Lehrer und lebte später in Dresden. 1840 veröffentlichte er „Gesänge der Liebe“. – Philipp Spitta war Theolog; sein geistliches Liederbuch „Psalter und Harfe“ (1833) ist weit verbreitet. Beide studierten mit Heine in Göttingen.]

100. Adolf Peters181

Sommer 1824

[Peters an Spitta, aus undatierten Briefen:] Ich las Heine Deinen „Pferdedieb“ vor, der ihm unbedingt gefiel und außerordentlich ansprach. Er hat sehr viel Achtung und Zuneigung für Dich... Herzliche Grüße von der Tafelrunde, vorzüglich von Heine... Heine hat mir mehrere Male gesagt, daß er Deinen Genius achte und schätze, er grüßt Dich aufs allerherzlichste und verbindlichste... Heine läßt Dich recht sehr und abermals sehr grüßen; er äußert sich sehr häufig mit äußerster Achtung über Dich und Deine Dichtung.

101. Adolf Peters181

Sommer 1824

[Mitteilung von Ludwig Spitta nach Briefen von Peters an Phil. Spitta:] Als Peters Heine dies Lied des Freundes [„Es geht der Teufel wandern“] vorlas, fand dieser es schön, und da er erfuhr, wem es gölte, traten ihm die lichten Tränen in die Augen. „Mein Bild ist getroffen“, sagte er, ward sehr weich und wünschte eine Abschrift, die ihm gegeben ward.

102. Adolf Peters181

1824

[Peters an Spitta, undatiert:] Ich legte ihm einst meine Ansicht über das Strebeziel des wahren Künstlers dar, er aber geriet in eine Art Wahnbegeisterung. Wir standen zufällig mitten im Zimmer. Da trat er vor mich hin und rief in einem fürchterlichen Tone: „Ruhm!“ – als ob er ihn von mir fordere. Ich stand wie erschrocken hintenüber gebogen, er mit aufgehobener Hand vor mir.

103. Eduard Wedekind149

Juli/August 1824

[Strodtmanns Bericht nach Wedekinds Tagebuch:] Mit Wärme erzählte er häufig von seinem jüngeren Bruder Max, welcher noch in Lüneburg das Gymnasium besuche, und gleichfalls poetische Anlagen besitze. In den Hundstagferien kam derselbe zum Besuch nach Göttingen, doch machte er keinen erquicklichen Eindruck auf die Bekannten seines Bruders, der eine Art geistiger Vormundschaft über ihn zu führen schien.

104. Max Heine70

August 1824

Am nächsten Tage meiner Ankunft in Göttingen sagte mein Bruder Heinrich zu mir: Heute sollst du meinen lieben Freund von Grüter kennenlernen. Er nahm mich unter den Arm, führte mich auf einen Platz, wo er vor einem Gebäude stehenblieb und nach einem der vergitterten kleinen Fenster in die Höhe sah. Aus vollen Leibeskräften schrie er: „Grüter! Grüter!“ Alsbald erschien an dem Gitter eines Fensters ein Antlitz und schrie herunter: „Heine, bist du’s? Guten Morgen!“ „ Ja, Grüter, ich habe die Ehre, nach aller Etikette meinen Bruder Max dir vorzustellen!“ so schrie Heinrich hinauf. Die Stimme von oben schrie nun mit Macht zurück: „Freue mich, kennenzulernen, bedaure aber, nicht empfangen zu können.“ – Heinrich sagte hierauf zu mir: „Im Hotel de Brühbach (so heißt bekanntlich der Karzer in Göttingen) wohnt man allzeit allein und sehr bescheiden.“ Dann schrie er wieder hinauf: „Hoffentlich, Grüter, kommst du bald los und machst meinem Bruder Platz.“ – – Auch dies prophetische Wort ging, wie manch anderes, ganz in Erfüllung.

[Von den „vielen heiteren Stunden“, die er in diesem Sommer mit dem Freunde Grüter (v. Diepenbroick-Grüter) verlebte, spricht Heine im Brief an Christiani vom 4. Sept.]

105. Max Heine70

August 1824

Der Student Heinrich Heine bewohnte in Göttingen bei einem Färber auf der Weender Straße zwei große, hübsche Zimmer, viel besucht von den Mitgliedern der „Westphalia“, derjenigen Landsmannschaft, der Heine angehörte.

Ihm gerade vis-à-vis auf der Straße wohnte der Studiosus Adolf--- [Peters], der späterhin unter den lyrischen und frommen Dichtern einen berühmten Namen sich erworben hat. Damals aber mußte Adolf die ersten Sporen auf dem Felde der Lyrik verdienen, und dies unter den Augen eines so witzigen, satirischen und originellen Dichters wie Heine.

Wenn dieser sich amüsieren wollte oder des Schlafes bedürftig war, so öffnete er sein Fenster und rief mit lauter Stimme über die ganze Straße: „Adolf!“, lud ihn zu sich ein und bat Gedichte mitzubringen. Adolf, gutmütig, sanft und fromm, folgte sofort der ihm so schmeichelhaften Einladung. Nun begann das Vorlesen des in Verzückung geratenden Dichters. Nach jedem Gedicht, so mittelmäßig es auch war, oder nach dem Ausspruche eines Heine matt und leer erschien, sagte Heine: „Weißt du, Adolf, das ist dein bestes!“

So ging es mit allen Gedichten ohne Ausnahme ein Jahr lang, und vom jedesmaligen letzten Gedichte hieß es: „Adolf, das ist dein allerbestes“, worauf denn nicht selten Heine eingeschlummert war...

Einstmals hatte Heine einige Freunde bei sich, muntere, aufgeweckte Studenten. Die Rede kam auf lyrische Poesie und angehende, empfindsame Poeten.

„Wollt ihr ein kapitales Exemplar dieser Sorte,“ sagte Heine, „so kann ich damit aufwarten.“ Heine rief über die Straße hin: „Adolf!“ und Adolf erschien sofort mit der großen Mappe voll von Gedichten.

Nun muß ich vorher berichten, daß Adolfs Ideal Hulda hieß, und er hatte an sie, wie Schiller einst an Laura, eine Unzahl Gedichte unter allen möglichen Aufschriften gerichtet.

Die junge Gesellschaft, durch Heines maliziöse Bemerkungen schon ohnedies zur ungeheuersten Heiterkeit gestimmt, saß im Kreise. Mit süßer, lispelnder Stimme und schmachtend verklärten Augen begann Adolf sein erstes Gedicht mit den Worten: „Hulda schifft.“ Wer je auf einer Universität gewesen, oder auch nur mit Studenten Umgang gehabt, der kennt das Unaussprechliche dieses Wortes in der Studentensprache. Nicht in ein Gelächter, sondern in ein wahres unartikuliertes Brüllen brach die ganze Gesellschaft aus. Es war unmöglich, auch nur für einen Augenblick Ruhe und Stille wiederherzustellen. Gern hätte Heine gesagt: „Adolf, das ist dein allerbestes“, aber für heute blieb es bei dem verhängnisvollen: „Hulda schifft!“

[In Wedekinds Tagebuch wird – nach Strodtmanns Angabe („Deutsche Dichterprofile“, S. 241) – der Vorfall bestätigt und der Name Peters genannt. Peters wohnte im Sommer 1824 Heine gegenüber, bei Herrn Becker in der Gronerstraße, Heine in derselben Straße im Eberweinschen Haus; in die Weender Straße zog er erst Ostern 1825. Auch in seinen Briefen erinnert sich Heine mehrmals, wie er diesen „Esel mit Rosinensauce“ zum Ergötzen seiner Freunde zuweilen zum Narren gehabt (an Moser, 1. April 1825, und an Christiani, 26. Mai 1825); die Worte „Peters, das ist dein bestes“ zitiert er im Brief an Christiani Ende Dezember 1825 (Hirth, Nr. 122) humoristisch in bezug auf sein eigenes neuestes Gedicht. – Eine andere Schnurre von diesem „Universitätsfreund Adolf“ erzählt Heine selbst in einem Brief an Campe vom 7. März 1854.]

106. Max Heine70

August 1824

Allen, die in den zwanziger Jahren in Göttingen studiert haben, dürfte es wohl noch in Erinnerung sein, daß die ein Stündchen von Göttingen gelegene anständige Kneipe, die „Landwehr“ genannt, von vielen Studenten besucht wurde.

Ganz besonders mag den ehemaligen Burschen das schöne Schenkmädchen, „Lottchen von der Landwehr“ geheißen, in Erinnerung geblieben sein. Dieses Mädchen war eine reizende Erscheinung. Höchst anständig, gleich freundlich gegen alle Gäste, bediente sie alle mit wunderbarer Schnelligkeit und graziöser Behendigkeit. Sehr oft besuchte Heinrich Heine in Begleitung seiner Freunde aus der Landsmannschaft der Westphalia diese Schenke, um daselbst zu Abend zu essen, gewöhnlich „eine Taube“ oder eine „Viertel Ente mit Apfelkompott“. Das Mädchen gefiel auch Heine, er liebte mit ihr zu scherzen, wozu sie übrigens weder Veranlassung noch Erlaubnis gab; ja einstens umfaßte er sie, um sie zu küssen.

Da hätte man das beleidigte Mädchen sehen müssen; vor Zorn ganz rot, stellte sie sich vor Heine hin und hielt eine so würdevolle Ansprache, kanzelte ihn dermaßen moralisch herunter, daß nicht bloß er, sondern alle übrigen Studenten, die anfangs dieser Szene recht fidel zugesehen hatten, ganz verlegen und kleinlaut davonschlichen.

Heine blieb längere Zeit von der „Landwehr“ weg und erzählte allenthalben, wie ein junges, seiner weiblichen Würde bewußtes Mädchen allezeit den kräftigsten Schutz gegen jede Frivolität in sich selbst berge. Nach einem Monat zog es ihn jedoch wieder nach der „Landwehr“ mit der eitlen Absicht, das hübsche Mädchen völlig zu ignorieren. Wie war er aber erstaunt, als er in die Schenke trat! Das Mädchen kam heiter lächelnd ihm entgegen, gab ihm die Hand und sagte ganz unbefangen: „Mit Ihnen ist’s etwas ganz anderes als mit den übrigen Herren Studiosen; Sie sind ja schon so berühmt wie unsere Professoren; ich habe Ihre Gedichte gelesen, ach, wie herzlich schön! Und das Gedicht vom ‚Kirchhof‘ weiß ich fast auswendig, und jetzt, Herr Heine, können Sie mich küssen in Gegenwart von allen diesen Herren. Seien Sie aber auch recht fleißig und schreiben Sie noch mehr so schöne Gedichte.“

Als mein Bruder mir später, fast gegen Ende seines Lebens, diese kleine Geschichte erzählte, sagte er wehmütig: „Dies kleine Honorar hat mir mehr reine Freude verursacht, als späterhin alle die blinkenden Goldstücke von Herrn Hoffmann & Campe.“

107. G. Knille194

August 1824

[Mitteilung Knilies an Strodtmann über eine „Spritzfahrt“ von Göttingen nach Kassel:] Hinten auf dem Wagen war ein kleiner Koffer angebunden, worin sich Heines Manuskripte befanden, ohne welche er ungern eine Reise unternahm. Desgleichen pflegte er bei solchen Ausflügen zwei gefüllte Börsen einzustecken; die eine, sagte er, sei lediglich für Raubgesellen bestimmt, denen er solche nötigenfalls mit den verbindlichsten Worten anbieten werde. Siemens führte eine geladene Pistole bei sich, welche schon in dem verrufenen Gronerholze zu allerlei Scherzen Veranlassung gab. Als die kleine Gesellschaft abends in heiterster Stimmung von einem Besuche der Wilhelmshöhe nach Kassel in den „Römischen Kaiser“ zurückkam, setzte Knille in mutwilliger Laune Heine das Pistol auf die Brust. Dieser retirierte in ein Nebenzimmer, verlangte ängstlich die Beseitigung der Waffe, klagte nachts über Unwohlsein und wurde andern Tages weidlich damit geneckt, daß sein Übelbefinden nur eine Folge des scherzhaften Attentats gewesen sei. Bei der Rückreise überfiel die ausgelassenen Bursche auf dem hinter Dransfeld gelegenen Galgenberge ein furchtbares Gewitter. Der Kutscher sprang vom Bocke, um die scheu gewordenen Pferde zu bändigen, die Insassen des Wagens falteten angstvoll die Hände und begannen andächtig zu beten; Heine aber stimmte die lustigsten Lieder an und führte die unchristlichsten Reden, um sich für die erlittenen Foppereien zu revanchieren. Wenn nun später der Dichter abends in dem Ulrichschen Garten erschien, sich zu den Westfalen setzte, und zu seiner Begrüßung Witze und Scherzworte hin und her flogen, daß Heine Mühe hatte, sich all des Mutwillens zu erwehren, pflegte Knille das erste beste Messer zu ergreifen und dasselbe wie eine Pistole auf ihn anzulegen. „Knille, es blitzt!“ war dann, unter allgemeinem Jubel und Gelächter, seine stereotype Antwort.

108. Ludwig Emil Grimm124

August 1824

[L. E. Grimm in Kassel an Ferdinand Grimm:] Ein Dichter, Heinrich Heine, hat mich von Göttingen aus, wo er Jura studiert, besucht; er hat ein gescheites Gesicht und ist auch nicht häßlich und auch just nicht unangenehm. Er schwätzt nur gar zuviel und über alles, was ihm vorkommt. Er hinkte an einem Fuß, wie er bei mir war, und sagte, er habe die größten Schmerzen; es soll, wie er sagte, ihn der Kutscher umgeworfen haben. Es scheint mir aber nicht wahr zu sein. Er sagte mir, er kenne dich von Berlin aus. Ich habe so einiges von seinen Sachen gelesen, es scheint mir, als habe er mehr Talent als Blum; ich kann aber freilich darüber nicht urteilen.

109. Eduard Wedekind149

August/September 1824

[Strodtmanns Bericht nach Wedekinds Mitteilung:] Als... im Spätsommer 1824 eine große pro-patria-Paukerei zwischen den Osnabrückern und den übrigen Westfalen stattfand, weil erstere sich als besonderes Abzeichen ein silbernes Rad – das osnabrücksche Wappen – vor der Mütze beigelegt hatten, nahm Heine keinen Teil an diesen Streitigkeiten, sondern verhielt sich neutral. „Wir sahen uns darüber seltener“, schreibt Wedekind; „es gab auch, da die Geschichte vor den ‚Akademischen‘ kam, viel Karzer abzusitzen; dann kamen die langen Herbstferien, die uns in alle Winde entführten, und nach ihnen das letzte Semester. Da wurde das Leben stiller unter uns, und Heine fand, wie es scheint, keine rechte An- und Aufregung darin, obwohl er sich noch manchmal unter uns sehen ließ und sich speziell zu einer unserer kleineren Koterien hielt.“

110. Karl Dörne142

September 1824

Im Herbst 1824 kehrte ich von einer Geschäftsreise von Osterode nach Klausthal zurück. Durch eine Flasche Serons de Salvanette, die ich bei meinem alten Freunde St. getrunken, waren meine Lebensgeister dergestalt exaltiert, daß man mich hätte für ausgelassen halten können. Etwa auf der Hälfte des Weges traf ich mit einem jungen Mann zusammen, den ich genau beschreibe, damit er sich überzeugt, daß ich ihn wirklich damals gesehen. Er war etwa 5 Fuß 6 Zoll groß, konnte 25 bis 27 Jahre alt sein, hatte blonde Haare, blaue Augen, eine einnehmende Gesichtsbildung, war schlank von Gestalt, trug einen braunen Überrock, gelbe Pantalons, gestreifte Weste, schwarzes Halstuch und hatte eine grüne Kappe auf dem Kopfe und einen Tornister von grüner Wachsleinewand auf dem Rücken. Der Serons de Salvanette war lediglich schuld daran, daß ich den Reisenden sogleich nach der ersten Begrüßung anredete und nach Namen, Stand und Woher und Wohin fragte. Der Fremde sah mich mit einem sardonischen Lächeln von der Seite an, nannte sich Peregrinus und sagte, er sei ein Kosmopolit, der auf Kosten des türkischen Kaisers reise, um Rekruten anzuwerben. „Haben Sie Lust?“ fragte er mich. – „Bleibe im Lande und nähre dich redlich!“ erwiderte ich und dankte sehr. Um indessen Gleiches mit Gleichem zu vergelten, gab ich mich für einen Schneidergesellen aus und erzählte dem türkischen Geschäftsträger, daß ich von B. komme, woselbst sich ein Gerücht verbreitet, daß der junge Landesherr auf einer Reise nach dem gelobten Lande von den Türken gefangen sei und ein ungeheures Lösegeld bezahlen solle. Herr Peregrinus versprach, sich dieserhalb bei dem Sultan zu verwenden, und erzählte mir von dem großen Einflusse, den er bei Sr. Hoheit habe.

Unter dergleichen Gesprächen setzten wir unsere Reise fort, und um meine angefangene Rolle durchzuführen, sang ich allerlei Volkslieder und ließ es an Korruption des Textes nicht fehlen, bewegte mich auch überhaupt ganz im Geiste eines reisenden Handwerksburschen. Ich vertraute dem Gefährten, daß ich ein hübsches Sümmchen bei mir trage, Mutterpfennige, es mir daher um so angenehmer sei, einen mannhaften Gesellschafter gefunden zu haben, auf den ich mich, falls wir von Räubern sollten angefallen werden, verlassen könnte. Der Ungläubige versicherte mich unbedenklich seines Schutzes. „Hier will es mit den Räubern nicht viel sagen“, fuhr er fort. „Aber Sie sollten nach der Türkei kommen, da kann man fast keinen Fuß vor den andern setzen, ohne auf große bewaffnete Räuberscharen zu stoßen; jeder Reisende führt daher in jenen Gegenden zu seinem Schutze Kanonen von schwerem Kaliber mit sich und kommt dessenungeachtet oft kaum mit dem Leben davon.“ Ich bezeigte dem Geschäftsträger Sr. Hoheit mein Erstaunen und lobte beiläufig die deutsche Polizei, deren Tätigkeit es gelungen, daß ein armer Reisender ganze Stunden Weges zurückzulegen imstande sei, ohne gerade von Räubern ausgeplündert zu werden. „Was wollten wir machen,“ fuhr ich fort, „wenn hinter jedem Busche und aus jedem Graben mehrere gefährliche Kerle hervorsprängen und sich von dem erschrockenen Wanderer alles ausbäten, wie der Bettler in Gellerts Fabel?“ – „Haben Sie Gellert gelesen?“ fragte mich mein Begleiter. – „Ja“, erwiderte ich; „ich habe in meiner Jugend Lesen und Schreiben gelernt, meine Lehrjahre bei dem Schneidermeister Sander zu Halberstadt im Lichten Graben ausgestanden und seitdem bei mehreren Meistern in Kassel und Braunschweig gearbeitet, um den eigentlichen Charakter der männlichen Kleidung wegzukriegen, welcher oft schwerer zu studieren ist als des Mannes Charakter, der den Rock trägt.“ – Hier sah mich Herr Peregrinus wieder von der Seite an, wurde nach und nach einsilbiger und verstummte endlich gar. – Er hatte überhaupt eine hofmännische Kälte an sich, die mich immer in einiger Entfernung von ihm hielt, und um den Scherz zu enden, klagte ich über Müdigkeit, ließ mich auf einem Baumstamm nieder und lud meinen Begleiter ein, ein gleiches zu tun. Der aber antwortete, wie ich vermutet hatte: es bliebe ihm für heute keine Zeit zur Ruhe übrig, lüftete seine Kappe und ging seines Weges, mich zum baldigen Nachkommen einladend.

Ich hätte dieses kleine Reiseabenteuer für immer der Vergessenheit übergeben, der „Gesellschafter“, Bl. 11, von diesem Jahre mag’s verantworten, daß ich’s erzähle. In dem bezeichneten Blatte las ich nämlich zu meiner größten Überraschung die „Harzreise von H. Heine im Herbst 1824“ und fand mich darin als den reisenden Schneidergesellen mit vielem Humor abkonterfeit. Zu meiner Beruhigung habe ich aus der besagten „Harzreise“ ersehen, daß mein damaliger Begleiter nicht Peregrinus, sondern H. Heine heißt, daß er kein Geschäftsträger Sr. Hoheit, sondern ein Jurist ist, der von Göttingen kommt und, wie er selbst sagt, zuviel Jurisprudenz und schlechte Verse (wahrscheinlich von andern) im Kopfe hat. – Meine Wenigkeit beschreibt H. Heine in seiner „Harzreise“ folgendermaßen:

„Auf dem Wege von Osterode nach Klaustal traf ich mit einem reisenden Schneidergesellen zusammen. Es war ein niedlicher, kleiner, junger Mensch, so dünn, daß die Sterne durchschimmern konnten wie durch Ossians Nebelgeister, und im ganzen eine volkstümlich barocke Mischung von Laune und Wehmut.“

... Ich versichere Hrn. Heine, daß, ob ich gleich zu seiner „Harzreise“ einige Haare habe hergeben müssen, ich ihn dessenungeachtet nicht im geringsten anfeinde, vielmehr seine humoristische Beschreibung mit wahrem Vergnügen gelesen habe.

111. Goethe31

2. Oktober 1824

[Tagebuch:] Heine von Göttingen. [Heine hatte im Februar 1822 an Goethe seine „Gedichte“, im Mai 1823 seine „Tragödien nebst einem lyrischen Intermezzo“ gesandt, ohne eine Antwort zu erhalten.]

112. Max Heine70

2. Oktober 1824

Goethe empfing Heine mit der ihm eigenen graziösen Herablassung. Die Unterhaltung, wenn auch nicht gerade über das Wetter, bewegte sich auf sehr gewöhnlichem Boden, selbst über die Pappelallee zwischen Jena und Weimar wurde gesprochen. Da richtete plötzlich Goethe die Frage an Heine: „Womit beschäftigen Sie sich jetzt?“

Rasch antwortete der junge Dichter: „Mit einem Faust.“

Goethe, dessen zweiter Teil des „Faust“ damals noch nicht erschienen war, stutzte ein wenig und fragte in spitzem Tone: „Haben Sie weiter keine Geschäfte in Weimar, Herr Heine?“

Heine erwiderte schnell: „Mit meinem Fuße über die Schwelle Ew. Exzellenz sind alle meine Geschäfte in Weimar beendet“, und empfahl sich.

[In seinen gleichzeitigen Briefen schweigt sich Heine über seinen Besuch bei Goethe zunächst aus; erst am 26. Mai und 1. Juli 1825 berichtet er seinen Freunden Christiani und Moser von dem Eindruck, den der Olympier auf ihn gemacht; in der „Romantischen Schule“ 1832/35 ist dann dieses Goethebild weiter ausgeführt. Hier berichtet Heine selbst: „Ich war nahe daran, ihn griechisch anzureden; da ich aber merkte, daß er deutsch verstand, so erzählte ich ihm auf deutsch, daß die Pflaumen auf dem Wege zwischen Jena und Weimar sehr gut schmeckten. Ich hatte in so manchen langen Winternächten darüber nachgedacht, wieviel Erhabenes und Tiefsinniges ich dem Goethe sagen würde, wenn ich ihn mal sähe. Und als ich ihn endlich sah, sagte ich ihm, daß die sächsischen Pflaumen sehr gut schmeckten. Und Goethe lächelte.“ Die etwas gereizte Unterhaltung über Heines Faustplan ist nur durch Max Heine überliefert.]

113. Adolf Peters181

Oktober 1824

[Mitteilung von Ludwig Spitta nach Briefen von Peters an Phil. Spitta:] 1824... besuchte er auch Goethe in Weimar und ließ hernach bei der Rückkehr nach Göttingen den ihn einholenden Kommilitonen gegenüber ganz unverhohlen seinem Verdruß darüber freien Lauf, daß Se. Exzellenz ihn eigentlich nur ungebührlich kalt empfangen habe.

114. Eduard Wedekind189

Herbst 1824

Hieraus [aus seiner „Harzreise“] las er seinen Freunden einiges vor, was, sonderbar genug, und wie es dennoch häufig mit solchen abgerissenen Stücken sich ereignet, wenig ansprach; er wurde dadurch einigermaßen entmutigt, beharrte aber glücklicherweise in seinem Vorhaben, und rächte sich an uns durch dessen glänzenden Erfolg. Sein Hauptaugenmerk war damals, Dr. jur. zu werden, und nie besuchte er mich, ohne entweder das stereotype: „Ach, lieber Junge, ich bin sehr krank“, oder: „Sag’ mir, lieber Junge, was muß ich tun, um durchs Examen zu kommen“, vorauszuschicken. Gleichwohl hat sich, obwohl er selbst sein juristisches Streben vom Teufel loben läßt, die Furcht vor dem Examen glücklicherweise ebenso unbegründet ausgewiesen wie seine Krankheit immer, sobald ein Gespräch auf die Bahn kam, das ihn interessierte. Dann griff er, nachdem er eine Zeitlang still gesessen hatte, lebhaft mit ein. Einmal kam die Rede auf Märchen, die wir wenig achteten, und daneben für wohlfeile Ware hielten. Der Beweis sollte sogleich geliefert werden, und nachdem einer einen langen und langweiligen Faden anzuspinnen begonnen hatte, und nicht recht damit zu Ende kommen konnte, unterbrach ihn Heine:

„Da waren drei Kinder, kleine Kinder, liebe Kinder, arme Kinder; hatten kein Brot; arme, liebe, kleine Kinder hatten kein Brot; wollten sich welches suchen, laufen in den Wald und sahen ein schönes, großes Haus; liebe kleine Kinder laufen auf das schöne, große Haus zu, und bitten um Brot; arme Kinder bitten um Brot. Da ist die Tür verschlossen; wollen sie klingeln, hängt die Klingel zu hoch. Arme Kinder, liebe Kinder, kleine Kinder, haben kein Brot und die Klingel hängt zu hoch.“

Es war schwer, ihn lange bei einem Thema zu fesseln; am ehesten gelang es auf Spaziergängen... Daß er von der Musik nichts verstände, und von der Malerei nicht viel mehr, war unter uns ausgemacht; er sprach aber gern davon, wie auch von seinem Studium des Sanskrit, und wurde empfindlich, wenn man ihn damit aufzog, aber schnell versöhnt, wenn man ihn aufforderte, sein neuestes Gedicht zu rezitieren...

In politischer Hinsicht war er ein großer Verehrer von Sartorius (den er durch ein schönes Sonett gefeiert hat) und seinen gemäßigt liberalen Ansichten. Früher, in Bonn, hatte er sich mit Vorliebe zur Burschenschaft gehalten, hatte in großer Gerichtssitzung über die deutschen Fürsten in milderem Sinne votiert, daß der König von Preußen nur auf Pension gesetzt werden solle, und bei der Regierung des deutschen Reichs sich das Amt eines der vier Zensoren (aber nicht Bücherzensoren) Vorbehalten. Alles dies lag damals weit hinter ihm und ergötzte ihn nur noch im Rosenschimmer der Poesie.

115. Ferdinand Oesterley193

1824/25

[Oesterley an seine Braut, 5. Oktober 1825:] Wer Heine kennt, kann kaum das Lachen lassen, wenn’s ihm einfällt, daß der schmerzzerrissene Mensch solch herzzerreißende Lieder dichten konnte; denn dem äußeren Umgange nach zu urteilen, ist’s ihm ebenso einerlei, wenn ihm ein Mädchen untreu wird, als er eine ungezügelte Angst vor allem hatte, was körperlicher Schmerz hieß, namentlich vor Prügeln. Doch gibt’s wohl wenig Menschen, wo das Innere im stillen immer so mächtig und fürchterlich fortbrütet, als bei Heine, wenig Menschen, bei denen das Innere sich so wenig im äußeren Leben zeigt, als bei ihm. Die meisten Menschen, mit denen er umging, sah er nur von einer poetischen Seite an, je mehr er jemanden gebrauchen konnte, desto lieber ging er mit dem Menschen um, einerlei wer er war. So läßt es sich erklären, daß er ein Herz mit dem schauderhaftesten Ochsen war; von ihm hatten diese Menschen nichts als seine schlechten Witze, ihn amüsierten sie durch ihre Eigenheiten bis zum Totlachen; wo etwas lächerlich war, oder wo seine Ironie Spielraum hatte, da war er am wohlsten. Freunde hatte er sehr wenige, doch die, welchen er einmal traute, hatte er sehr lieb, gegen diese war er, bis auf gewisse Stücke, sehr offen, hinreißend liebenswürdig, von dem feinsten Schicklichkeitsgefühle, gerade und aufopfernd. Er prahlte sehr, und dabei hatte innerlich doch niemand eine geringere Meinung von sich als er; am liebsten scherzte er über seine juristische Unwissenheit. Bei seinen heftigen und unausgesetzten Kopfschmerzen hatte er eine seltene Heiterkeit und Frische des Geistes, die sogleich durchblickte, wenn ihm etwas einfiel, was ihm lächerlich war. Niemanden habe ich über seine eigenen Witze mehr lachen hören als ihn, niemand machte mehr Witze als er, aber auch niemand mehr schlechte als er; die guten waren sehr gut.

Er hatte viel hellen Kopf, aber war zum Denken zu faul. Wenn er nicht wohl war, so flüsterte er fast nur und hatte seine Augen fast immer halb geschlossen. Da er fast nie ganz wohl war, so hatte er davon eigene Züge erhalten; besonders charakteristisch war bei ihm ein sehr ironisches und kühnes Ziehen der linken Oberlippe.

[Oesterley, Jurist, später Privatdozent, dann Stadtsyndikus und Oberbürgermeister in Göttingen, war ebenfalls Studienfreund Heines und ein begabter Musiker.]

116. Eduard Wedekind149

1825

[Strodtmanns Bericht nach Mitteilungen Wedekinds:] Ob Heine Jude oder Christ, ob er im letzteren Falle bereits als Kind getauft oder Konvertit sei, darüber gingen die verschiedenartigsten Gerüchte. Er selbst sprach nie darüber, und als er im Sommer des folgenden Jahres in Heiligenstadt zum Christentum übertrat, teilte er keinem seiner Freunde vorher seine Absicht mit. Auch über seinen mehrjährigen Aufenthalt in Berlin redete er selten mit seinen Göttinger Bekannten; nur der gegenwärtige Moment schien ihn zu interessieren.

117. Pastor G. Chr. Grimm150

28. Juni 1825

[Wilhelm Kolbes Bericht:] Als Tag der Taufe wurde der 28. Juni bestimmt. Morgens 10 Uhr stellte sich Heine in der im Jahre 1879 wegen Baufälligkeit abgerissenen Superintendentur ein, und in dem niedrigen, fast armseligen Studierzimmer Grimms fand die etwa einstündige, von der Regierung vorgeschriebene Unterredung in Gegenwart eines andern Geistlichen, des Superintendenten Bonitz aus Langensalza, statt. Zuletzt legitimierte sich Heine durch die mitgebrachten Zeugnisse, die sämtlich sehr günstig lauteten... Über den Verlauf der Unterredung wird nichts berichtet, er war mit den Lehren des Christentums wohl vertraut, die ihm ja nicht neu waren, da er nach seinem eigenen Bekenntnis schon als Knabe an dem christlichen Religionsunterricht teilgenommen und sich durch Lektüre mit den Lehren des Christentums vertraut gemacht hat. Später urteilte Grimm nach einem Aufsatze „Die Taufe des deutschen Aristophanes“ in der „Gartenlaube“ [1877. Nr. 1] über diese Unterredung: „Die Antworten zeugten von eingehendem Nachdenken über den Inhalt und das Wesen der christlichen Religion, seine Fragen von scharfem Geiste; überhaupt nahm er die vorgetragene Lehre nicht einfach gläubig hin – er wollte überzeugt sein, und der Glaubenswechsel war ihm nicht ein bloßer Wechsel einer äußeren Form, erschien vielmehr als das Resultat einer aus dem Innern dringenden Notwendigkeit.“

Nach dieser vorschriftsmäßigen Prüfung fand der eigentliche Taufakt statt, in welchem Heine die Namen Christian Johann Heinrich empfing, sein Taufpate war Bonitz ...

Gegen 12 Uhr war der Akt vorüber, die drei Beteiligten begaben sich nun in das Familienzimmer... diesen Aufenthalt Heines im Grimmschen Familienkreise und sein Abschied mag ein Augenzeuge, der Verfasser des erwähnten Artikels, schildern:

„Nach 12 Uhr erschienen die Herren im Familienzimmer und stellte der Hausherr den Fremden als Stud. jur. Heinrich Heine vor, unwillkürlich auf den Vornamen einen stärkeren Akzent legend, was den Freund Bonitz zu einem raschen Aufblicken und Lächeln veranlaßte. Das Mittagessen verlief still; der Hausherr und Bonitz führten die Unterhaltung ziemlich allein, aber auch nur mit halber Aufmerksamkeit. Heine beteiligte sich dabei nur soviel wie nötig, um nicht unhöflich zu sein; sein Gesicht trug den Stempel tiefer innerlicher Erregung, und in den dunkeln Augen war erkenntlich, daß seine Gedanken nicht bei der Unterhaltung waren. Ebenso ging es den geistlichen Herren, die, beide als geistreiche Gesellschafter in ihren Kreisen bekannt, heute offenbar mit andern als den geführten Gesprächsgegenständen beschäftigt waren und öfter ihre Blicke zu dem jungen Manne prüfend und doch mit einer besonderen Milde und Freudigkeit hinübergleiten ließen. Nach Tisch empfahl sich Heine bald. Sein Abschied von dem Superintendenten Grimm war ein besonders herzlicher und warmer, und als er, schon an der Tür, sich nochmals umwendete und demselben wiederholt die Hand reichte, schimmerte es ihm feucht im Auge.“

[Die ganze Schilderung, auch die in der „Gartenlaube“, geht offenbar auf Angaben des Pastors Grimm zurück.]

118. Ferdinand Oesterley193

Juni 1825

[Mitteilung von Karl Oesterley an Karpeles:] Oesterley erzählte in späteren Jahren oft von dem inzwischen berühmt gewordenen Dichter allerlei Schnurren, so z. B. von einer sehr heitern Fahrt ins Bürgertal, welche bei Gelegenheit von Heines Taufe stattfand. Heine behauptete Oesterley gegenüber merkwürdigerweise stets, seine Gedichte seien unmusikalisch und eigneten sich nicht zur Komposition, während dieser das Gegenteil fand und zum Beweise ein Lied an den Mond komponierte, welches Heine für diesen Zweck gedichtet. Heine behielt die Komposition... Aus einer Gesellschaft, die er einmal in Sehlens Garten seinen Kommilitonen gab, war Heine selbst plötzlich verschwunden; seine Gäste suchten ihn und fanden ihn schließlich in seiner Wohnung – im Bette. Die Gesellschaft war ihm zu langweilig geworden.

[Karpeles vermutet, es handle sich um Heines Gedicht: „Mir träumte: traurig schaute der Mond“ usw.]

119. Max Heine70

28. Juni 1825

An einem schönen Tage machten wir in einer leichten, offenen Kalesche einen Ausflug von Göttingen nach dem einige Meilen entfernten preußischen Städtchen Heiligenstadt. Ein anmutiger Chausseeweg führt dahin. Wir plauderten viel und mokierten uns über die lächerliche Titelsucht; Heinrich rief: „Wer mich Doktor juris schimpft, dem mache ich einen Injurienprozeß, in welchem ich mit Hilfe der zehn römischen Tafeln selbst plädieren werde, oder prügele ihn so lange durch, bis er auch den Doktor der Medizin ruft.“

Mittlerweile waren wir an die Grenze des preußischen Staats gelangt, wo an dem schwarzweißen Schlagbaume ein martialisches „Halt!“ gerufen wurde und ein Originalstück von Gamaschenfeldwebel mit purpurroter Nase zu uns herantrat. Er richtete an meinen Bruder folgende Fragen:

„Vorname?“

Antwort: „Heinrich.“

„Zuname?“

Antwort: „Heine.“

„Titel?“

Antwort: „Liegt schon im Namen.“

Nachdem der Feldwebel dies in Hieroglyphen auf einer Schiefertafel protokolliert hatte, begann er abermals zu fragen:

„Und der andere Herr. Vorname?“

Antwort: „Maximilian.“

„Zuname?“

Antwort: „Bruder.“

„Titel?“

Antwort: „Haupthahn zu Mariahüpp.“

Da ich gerade am letzten Sonntage zu Mariaspring (einem lieblichen Tanzorte in der Nähe von Göttingen und von den Studenten Mariahüpp genannt) sehr viel herumgetanzt hatte, so sollte der Haupthahn soviel als Haupttänzer heißen. Auch Obiges wurde von dem Grenzfeldwebel gewissenhaft notiert, dann kam die Frage:

„Nichts Zollbares?“

„Nichts, außer Gedanken und Schulden.“

Wieder eine Frage:

„Absicht der Reise nach Heiligenstadt?“

Antwort: „Um katholisch zu werden.“

Bekanntlich ist das in diesem Winkel gelegene Heiligenstadt eine streng katholische Stadt.

Der Preuße machte ein gar ernstes Gesicht, schüttelte mit dem Kopfe und schloß mit der Frage:

„Kehren die Herren zurück?“

Antwort: „In der Nacht als Bischöfe.“

So wurde damals bei den Studenten nach den bekannten Getränken jeder benannt, der vom „Bischof“ schon zuviel und vom „Kardinal“ noch zuwenig hatte.

[Die Erwähnung des Doktortitels verweist die Anekdote in das Jahr 1825, und vielleicht handelt es sich um die „sehr heitere Fahrt ins Bürgertal“ bei Gelegenheit von Heines Taufe, wovon Oesterley erzählt (Nr. 118). Max Heine studierte damals Medizin in Berlin; sein Besuch in Göttingen um diese Zeit ist nicht nachweisbar. Da er sich auch bei andern Erlebnissen seines Bruders als Mitbeteiligten nennt, obgleich er gar nicht dabei sein konnte, ist die obige Erzählung wohl ein Gemisch von Reminiszenzen aus 1824 und später Gehörtem.]

120. Max Heine70

Juli 1825

Bekanntlich hat man vor dem Doktorexamen und der Promotion die Hälfte der Gebühren, wenn ich nicht irre zehn Louisdor, bei der Anmeldung dem betreffenden Dekan der Fakultät einzuhändigen. Nach dem Examen und vor der Promotion zahlt man die andere Hälfte.

Der Dekan der juristischen Fakultät in Göttingen, zu der Heine gehörte, war damals der hochberühmte Rechtsgelehrte Professor Hugo. Bei ihm meldete sich zum Examen und Promotion Heine, indem er die ganze Summe (zwanzig Louisdor) dem Dekan hinschob.

Professor Hugo aber schob die Hälfte der Summe zurück, indem er sagte: „Erst, mein lieber Herr, müssen wir Sie prüfen.“ Heine schob die Hälfte der Summe wieder zurück, indem er sagte: „Prüfet alles und behaltet das beste.“

[Heine selbst erzählt diese Anekdote in einem Brief an den Philosophen J. H. v. Fichte vom 6. Oktober 1851.]

121. Eduard Wedekind189

25. Juli 1825

Beim Abschied schenkte er [Heine] mir Immermanns Tragödien und schrieb, da ich etwas von seiner Hand verlangte, nach kurzem Besinnen hinein: „Was ist der Mensch? Frage die Göttinger philosophische Fakultät.“

122. Adolf Strodtmann194. 177

31. Juli 1825

Der eigentliche Doktorschmaus wurde erst am 31. Juli gefeiert, und zwar nicht in der damaligen Sommerwohnung Heines..., sondern in dem... Garten... des Forstmannes G. Swoboda... Vor dem bescheidenen Hause stand damals unter einer dichtbewachsenen Laube wilden Weines und im Schatten zweier hohen Akazien ein runder, steinerner Tisch, und auf diesem reihte sich Flasche an Flasche des perlenden Weines, den Fritz Bettmann, der joviale Kronenwirt, geliefert. Ein wunderschöner, lauer Sommerabend begünstigte den ungebundenen Jubel der Gäste, zu welchen Knille, Lehzen, Siemens und ein paar andere Westfalen gehörten; der neugebackene Doktor machte den liebenswürdigen Wirt und sprudelte über von Geist und Laune. Erst als Mitternacht lange vorüber, die Flaschen leer und die Köpfe ziemlich voll waren, verabschiedeten sich die Freunde mit herzlicher Umarmung auf Nimmerwiedersehen von dem Dichter, dessen Koffer schon zur Abreise gepackt stand.

[Dazu ergänzt Varnhagens Tagebuch vom 12. Juni 1856 aus Göttingen:] Der Wirt, Herr Bettmann, erzählte von Heine, derselbe sei von seinem Doktorschmaus her ihm noch einen Anker Wein schuldig, auf wiederholte Mahnungen – zuletzt nur um eines seiner Bücher – habe er nicht geantwortet.

123. Fürstin Henriette v. Solms-Lich177

August 1825

[Tagebuch Varnhagens, Lich, 6. Juli 1845:] Sie [die Fürstin] erzählte mir, sie habe vor Jahren in Norderney Heinen kennengelernt und ihn sehr gern gehabt; bei einem Ausdruck, den er gebraucht, habe sie unwillkürlich ausgerufen: „Das ist ganz wie Varnhagen!“ – „Varnhagen?“ habe Heine verwundert gefragt, „den kennen Sie? Das ist mein bester Freund!“ Und nun sei der Umgang nur besser geworden. Sie hielt Heinen für innerlich edel und aufrichtig, ein solcher Geist könne nur das Beste wollen; seine Unarten, meinte sie, wolle sie nicht verteidigen, aber andere hätten deren auch.

[Von dieser Begegnung meldet auch Heines Brief an Varnhagen vom 14. Mai 1826.]

124. Rosa Maria Assing115

Ende November 1825

[R. M. Assing an Varnhagen, Hamburg, Anfang Dez. 1825:] Seit kurzem ist H. Heine wieder hier; er hat uns besucht und sich angelegentlich nach Euch erkundigt, und hatte gehofft, mit Euch im Alexisbade zusammenzutreffen. Euch verfehlt zu haben, war ihm sehr leid. Er wollte ein Briefchen an Dich bei mir einlegen, er hat es aber bis jetzt nicht gebracht...

An meine liebe Schwägerin [Rahel] meine besten Grüße... Ich bin immer erfreut, jemanden zu sehen, der sie kennt, und lasse mir dann gern von ihr erzählen, wie dies neulich der Fall war, als ich Heine wieder sah, der mit Liebe und Verehrung von Euch spricht...

125. Julis Campe158

Ende Januar 1826

Mein erstes Zusammentreffen [mit Heine] war folgendermaßen: ich stand in meinem Laden und verkaufte, da trat ein junger Mann herein und forderte Heines Tragödien. Ich reichte ihm ein sauber gebundenes Exemplar. „Ach, das ist mir lieb, daß das Buch gebunden ist.“ – Während er das Exemplar besah, ging ich nach der Seite, wo die Dichter aufgestellt waren, brachte ihm die Gedichte desselben Verfassers. „Lieber Herr,“ fiel er mir hastig in das empfehlende Wort, „die mag ich nicht – ich verachte sie! –“ – „Wie,“ sagte ich, „Sie verachten sie? Dann haben Sie es mit mir zu tun!“ – „Lieber Herr, ich kenne sie besser als Sie, denn ich habe sie geschrieben.“ – „Nun, mein Herr Doktor, wenn Sie wieder einmal so etwas Wertloses produzieren und Sie haben gerade keinen bessern Verleger, so bringen Sie sie mir, und ich werde mir eine Ehre daraus machen, meine Firma daraufzusetzen.“ – „Scherzen Sie nicht mit mir, ich könnte Sie auf die Probe stellen.“ – „Sie würden dann erfahren, daß ich probehaltig bin.“ –

Am andern Tage kam Heine, bezog sich auf jenes Gespräch und sagte: „Sie waren gestern so freundlich, sich zu meinem Verleger anzubieten, in der Tat habe ich etwas druckfertig; haben Sie nicht gescherzt, so bin ich bereit, Ihnen mein Werk zu übergeben. Es sind Reisebilder, Harzreise, siebenundsiebzig Gedichte.“ – „Es ist gut: Sie geben mir ein Buch, auf dessen Titel Ihr Name steht, und das fünfundzwanzig Bogen füllt. Wieviel Honorar nehmen Sie in Anspruch?“ – „Dreißig Louisdors.“ – „Gut! Es wäre Ihnen genehm, wenn ich Ihnen die Zahlung leistete?“ – „Oh, das wäre mir sehr genehm!“ – Seit diesem Tage war Heine jeden Tag in meinem Laden, und wir wurden intime Freunde.

[Durch seinen Freund Moser ließ Heine noch am 9. Januar 1826 den ersten Band der „Reisebilder“ dem Verlag Dümmler in Berlin anbieten; dieser lehnte (nach Strodtmann I, 429) wegen zu hoher Honorarforderung ab. Am 14. Februar konnte Heine demselben Freunde melden, daß sein Buch bei Hoffmann & Campe erscheinen werde. Er dürfte also mittlerweile seinen neuen Verleger, auf obige, von Campe selbst oft erzählte Weise, kennengelernt haben. Für eine Vermittlung der Bekanntschaft durch Professor Zimmermann, von der Strodtmann spricht, ist da kein Raum.]

126. Rosa Maria Assing115

Mai 1826

[R. M. Assing an Varnhagen, Hamburg, 26. Mai 1826:] Heine erzählte mir, er habe erfahren, Du seist krank gewesen, nun aber wieder ganz hergestellt, sonst, fügte er hinzu, würde er es mir nicht erzählt haben... Er besucht uns zuweilen und ist uns stets willkommen. Assing hält ihn für sehr eitel und allzusehr von sich eingenommen, es ist wahr, er scheint wenig Teil an Dingen zu nehmen, die nicht mit ihm in Beziehung stehen, und spricht viel und gern über sich selbst, aber immer geistreich, und ich mag mich gern im Gespräch mit ihm ergehen und bin ihm zugetan wegen der großen Liebe und Verehrung, mit welcher er stets von Euch spricht.

[Antwort Varnhagens vom 30. Mai:] ... Mich freut es ungemein, daß Ihr Heine’n oft seht, daß er Euch hat und Ihr ihn. Man muß ihm vieles nachsehen, er verdient es; seine besten Eigenschaften sind mit seinen Auffallenheiten verwachsen, und nur die innere Entwicklung kann das Verschiedenartige einst wieder trennen.

127. Hermann Schiff47

Mai/Juni 1826

Als ich 1826 nach Hamburg kam, traf ich ihn ganz zufällig auf der Straße. Ich wußte gar nicht, daß er hier sei. Eine vorteilhafte Veränderung hatte sich mit ihm begeben. Er war nicht mehr der in sich selbst Zurückgezogene. Sein Benehmen war offener und freier. Er war ein Lebemann geworden, und mehr als das: ein vornehm mißmutiger Gentleman.

Wir emhrassierten uns auf offener Straße und er sagte, weil ich ihm Komplimente über sein gutes Aussehen machte: „Wundre dich nur. Ich habe mich geändert und schwinge jetzt die Harlekinspeitsche.“ – Nämlich, der erste Band „Reisebilder“ war erschienen und machte von Hause aus großes Aufsehen. Merkwürdig genug war diese Äußerung Heines über die neue Richtung, die er eingeschlagen. Ob es mißmutige Bescheidenheit war oder selbstgefällige Ironie, bleibe dahingestellt. Ich mußte ihn nach seiner Wohnung begleiten, wo er mir ein Exemplar mitgab.

Ich hatte es durchgesehen und brachte die ungebundenen Aushängebogen wieder.

„Nun! was sagst du?“ lächelte er selbstgefällig.

„Dasselbe, was du gesagt hast. – Allein die Harlekinspeitsche ist keine Dichterfeder.“

„Als ob ich nicht schon gewohnt wäre, von dir negiert zu werden. Glücklicherweise kann ich mich darüber trösten und zumal jetzt.“

„Die Majorität des Publikums ist für dich. Es folgt hieraus, daß ich es auch sein muß.“

„Der Erfolg hat recht!“

„Das gilt für Frankreich, nicht für Deutschland, und zwei Auguren, die sich begegnen, lachen einander aus.“

128. Hermann Schiff47

1826

Den Brief, den einzigen, den Heine an mich schrieb, fand ich 1825 bei Lauffer in Leipzig... Er enthält eine schmeichelhafte Anerkennung des „Pumpauf und Pumperich“, verwirft aber anderes als „schlecht“ – Leider ist dieses Büchlein nicht von mir, sondern von Herrn Dr. Wilhelm Bernhardi, Sohn des Konsistorialrates Bernhardi und der Schwester Ludwig Tiecks, Sophia... Heines Lob war freilich an den Pseudoverfasser fehlgerichtet. Allein er lobte mich doch gern, wenn ich irgend in sein Fahrwasser geriet. Von meinen damals erschienenen Höllenbreugheln sagte er: „Entweder du bist meschugge oder du gehst direkt darauf aus, es zu werden.“

[Ein undatiertes Fragment des Briefes ist erhalten (Hirth Nr. 135). Bei den Novellen von Bernhardi, „Pumpauf und Pumperich“, zeichnete David (d. i. Hermann) Schiff als Herausgeber, daher die Verwechslung. Auch Schiffs Novellen „Höllenbreughel“ erschienen 1826, so daß die ganze Mitteilung in dieses Jahr gehören dürfte.]

129. Maria Embden-Heine88

1826

Bei einem seiner ersten Besuche in Hamburg forderte ihn Merckel, sein intimer Freund, auf, mit ihm nach Eimsbüttel zu kommen, um dort eine Merkwürdigkeit, die schöne Marianne, zu besuchen.

Diese hatte dort eine elegante Gastwirtschaft, in welcher die Jeunesse dorée Hamburgs viel verkehrte. Marianne war eine holsteinische Schönheit, groß, fest und stark, und nur ihre schönen Augen gaben ihren regelmäßigen, aber kalten Zügen einen belebenden Reiz.

Trotz aller Huldigungen bewahrte sie dennoch einen makellosen Ruf.

Marianne saß am Büfett, aufmerksam die Bedienung ihrer Gäste überwachend, und wenn man sich mit ihr unterhielt, war sie scheu und zurückhaltend.

Sie war damals, wenn auch nicht mehr ganz jung, doch immer noch eine stattliche Erscheinung, und Heine, der etwas ganz anderes erwartet hatte, fühlte sich durch die Gleichgültigkeit, womit sie seinen neugierigen Blicken begegnete, etwas mißgestimmt. Er trat ans Büfett und sagte: „Madame, können Sie mir nicht sagen, wo hier die schöne Marianne wohnt, ich bin eigens hergekommen, dieselbe zu sehen.“

[Heines Freundschaft mit Friedrich Merckel in Hamburg begann Frühjahr 1826; seine Nichte Maria war damals ein dreijähriges Kind, berichtet also nur von Hörensagen; sie meint vielleicht: „Bei einem seiner ersten Besuche bei Merckel.“ – In den „Memoiren des Herrn von Schnabelewopski“ figuriert die schöne Marianne als dritte Merkwürdigkeit Hamburgs.]

130. Maria Embden-Heine88

1826

Heine rauchte nicht und konnte auch den Tabaksdampf nicht leiden, weshalb man ihn häufig in der Damenhalle (eine Konditorei am neuen Jungfernstieg in Hamburg), wo nicht geraucht wurde, finden konnte. Er liebte Süßigkeiten und verzehrte einen Kuchen nach dem andern. Er las eifrigst die dort aufgelegten Tagesblätter oder musterte, am Fenster sitzend, die vorbeigehenden Damen.

Bei schönem Wetter saß er an der Wasserseite des Alsterpavillons und konnte stundenlang den sich kräuselnden Wellen, den dahineilenden Nachen und den weißen Schwänen nachblicken. Manches schöne Gedicht und manch erhabener Gedanke ist dort entstanden, und sehr störend und unangenehm war es ihm, wenn ein Bekannter ihn in dieser Beschaulichkeit störte.

Ein Verwandter meiner Mutter fiel ihm sehr lästig, da er ihn mit politischen Schwätzereien ennuyierte. Um diesen ein Ende zu machen, sagte Heine, ihm einen im Wasser schwimmenden Gegenstand zeigend: „Sie haben bessere Augen als ich; was schwimmt dort?“ Der Angeredete antwortete mit Aplomb: „Ein Mauerstein.“

Es war nichts anderes als ein Stück Holz von einer Zigarrenkiste.

Herzlich lachend stand Heine auf und sagte: „Ihre politische Auseinandersetzung war mir neu und interessant, aber neuer und interessanter ist mir, von Ihnen zu hören, daß Mauersteine schwimmen!“

131. Julius Campe194

Sommer 1826

[Mitteilung an Strodtmann:] Während seines Aufenthaltes in Hamburg im Sommer 1826 traf Heine, wie gewöhnlich, eines Abends im Alsterpavillon mit Campe und Merckel zusammen. Nach einer lebhaften Unterhaltung geleiteten die Freunde den Dichter bis an sein Logis auf dem Dragonerstall und schlenderten dann noch eine Weile in den Straßen umher. Campe, der sich entsann, daß Heine gern Kuchen aß, kaufte in einer Jahrmarktsbude des Gänsemarkts ein Paket Pfeffernüsse und kehrte mit Merckel nach der Wohnung des Dichters zurück, der noch wach sein mußte, da seine Zimmerfenster erhellt waren. Kaum aber begannen die beiden auf der Straße laut seinen Namen zu rufen, so wurde das Licht ausgelöscht. Campe schellte jetzt an der Haustür und gab die Kuchen für Heine an das Dienstmädchen ab, mit dem schelmischen Zusatze: „Von Professor Hugo in Göttingen!“ – „Nun, wie haben Ihnen die Pfefferkuchen geschmeckt?“ frug Campe, als Heine nach einigen Tagen zu ihm in den Laden kam. „Was!“ rief Heine, indem er sich ärgerlich vor die Stirn schlug. „Sie haben mir die Kuchen geschickt? Und ich Tor habe sie ins Kaminfeuer geworfen! Da sie mir im Namen Hugos überbracht wurden und ich auf der Straße meinen Namen hatte schreien hören, so glaubte ich, meine Göttinger Feinde, denen ich in der ‚Harzreise‘ so übel mitgespielt, wollten Rache an mir üben und hätten – wer weiß! – den Teig der Pfeffernüsse vielleicht mit Rattengift gewürzt.“

[Noch 1850 erinnert Heine am 28. September seinen Verleger an „die primitiven Zeiten, wo sie mit Ihrem Patroklus Merckel mir Makaronen durchs Fenster ins Zimmer warfen“. Etwas anders erzählt Wienbarg den gleichen Scherz.]

132. Julius Campe49

1826

[Mitteilung an Wienbarg:] Sein leicht erregter Argwohn, seine beständige Furcht vor schlimmen Streichen, die ihm seitens seiner „Feinde“, der von seiner Satyre getroffenen Personen und Körperschaften gespielt werden möchten, hatte, sozusagen, etwas Mittelaltriges, Italienisches und führte zuweilen gar komische Irrungen herbei... Sein jovialer Freund und Verleger, Herr Campe, ging eines Abends in der Weihnachtszeit an seiner Wohnung vorüber und bemerkte in seinem Zimmer im oberen Stockwerke Licht. „Guten Abend, Heine!“ rief er hinauf. Sogleich wurde das Licht ausgelöscht. Vor dem Hause befand sich eine Pfefferkuchenbude. Campe nahm einen Pfefferkuchen und warf damit an Heines Fenster. „Guten Abend, Heine!“ keine Antwort. Eine zweite, dritte Pfeffernuß folgte mit begleitendem stärkeren Rufe, doch öffnete sich kein Fenster und alles blieb stumm und dunkel. Herr Campe ließ sich eine Tüte mit Pfeffernüssen geben und trat an die Haustür, sie war verschlossen. Nach längerem Pochen ließen sich Tritte und eine fremde, tiefe Stimme vernehmen, die fragte: „Wer ist da?“ – „Machen Sie gefälligst auf,“ sagte Campe, „ich habe eine Bestellung an Herrn Heine.“ Als die Tür sich zögernd öffnete, überreichte er dem fremden Mann die Tüte mit den Pfefferkuchen und fügte scherzend hinzu: „Wollen Sie das an Herrn Heine geben, es kommt von Professor Hugo aus Göttingen.“ – Campe wußte, wie gern er naschte. – Am andern Abend saßen Dichter und Verleger nebeneinander an einem der kleinen Tische im Damenpavillon, in dem sich gewohnterweise die damalige literarische Gesellschaft versammelte. Heine erwähnte mit keinem Worte seiner Pfefferkuchen von Professor Hugo. Ebenso stumm blieb er darüber den folgenden und dritten Abend, bis Campe mit der Frage losbrach: „Wie haben Ihnen die Pfeffernüsse geschmeckt?“ – „Sind sie von Ihnen?“ schrie Heine. Und nun kam es heraus, daß er sie für ein Geschenk der Danaer gehalten und aus Furcht vor Vergiftung sie nicht berührt hatte. „Nun werde ich sie essen.“, sagte er froh und erleichtert, daß es nicht so teuflisch gegen ihn gemeint war.

[Von Campe ließ sich auch Friedrich Hebbel diese Anekdote erzählen; er notiert in seinem Tagebuch am 11. Juli 1841: „Heine – Pfefferkuchen von Hugo – Campe. – ‚Die Göttinger wollen mich vergiften; sind die Nüsse von Ihnen, so kann ich sie essen‘“]

133. Julius Campe83

Sommer 1826

[Campe an Karl Immermann, Hamburg, 17. Oktober 1826:] ... Heine erhielt einst von diesem Werke [„Wiener Jahrbücher der Literatur“] den Band von mir geschenkt, worin seiner von derselben Hand gedacht wurde (Alexis-Härings Rezension über Heines „Tragödien und lyrisches Intermezzo“ im Jahrgang 1825]. Er freute sich damals sehr darüber; er wünscht Ihnen hiermit [dem Jahrgang 1826 mit dem Aufsatz über Immermann, ebenfalls von Alexis] eine gleiche Freude zu bereiten. Auch klagt er sich an, so lange nicht an Sie geschrieben zu haben! – Bald will er das Versäumte nachholen.

Den größten Teil dieses Jahres lebte er hier und ging dann über Kuxhaven nach Norderney... Seit drei Wochen wohnt er in Lüneburg bei seinem Vater, gerne lebt er bei uns; es wird also nicht lange mehr währen, so trifft er hier ein...

134. Rosa Maria Assing115

22. Januar 1827

[R. M. Assing an Varnhagen, Hamburg, 24. Februar 1827:] Dein Paket an Heine [am 21. Dez. 1826 übersandte Bücher Varnhagens] konnte ich erst den 22. Januar besorgen. Ich erkundigte mich gleich nach ihm und hörte von seiner Schwester, daß er jeden Tag erwartet würde. Indes verzögerte sich doch seine Ankunft bis zu dem genannten Tage. Er freute sich über Dein Buch und trug mir auf, Euch vorläufig zu grüßen, da er wohl nicht gleich schreiben würde. Der zweite Band seiner Reisebilder wird wohl nächstens erscheinen. Diese Reisebilder machen außerordentliches Aufsehen... in unserm Kreise ist fast alles gegen ihn, und ich stehe allein in meiner Freude und meinem Wohlgefallen daran.

[Band 2 der „Reisebilder“ mit dem „Buch Le Grand“ erschien im April 1827.]

135. Hermann Schiff47

Februar 1827

Zur Taufe verstand er [Heine] sich aus Rücksichten und wider seinen Willen. – „Wie befindest du dich, Heine“, fragte ich eines Tages, weil er stets leidend zu sein oder sich zu stellen und zu klagen pflegte. – „Ach, wie ist mir zumute!“ stöhnte er; „allen Meschumodim soll zumute sein wie mir.“ (Meschumat: Apostat oder Abtrünniger, heißt bei den Juden der Getaufte.)

[Schiffs Besuch meldet Heines Brief aus Hamburg vom 7. Februar 1827 an eine unbekannte Adressatin; am selben Tage klagt er, daß er „an Spleen“ leide.]

136. Hermann Schiff194. 47

April 1827

[Mitteilung Schiffs an Strodtmann:]

Heine: „Was sagst du zu dem Buche Le Grand?“

Schiff: „Du hast nicht wohlgetan, deine musikalische Unwissenheit öffentlich kundzugeben.“

Heine: „Unverschämtester der Sterblichen, was meinst du damit?“

Schiff: „Daß du ein feines Ohr für Rhythmus und Wohllaut der Verse hast, müssen deine Todfeinde dir lassen, den langen Schaller aus Danzig miteingerechnet. Auch deine Prosa ist, wie Maler sagen, ein geleckter Stil, der in der niederländischen Schule zuweilen vorkommt... Dein großer Kaiser ist über alle Maßen bewundernswert, aber nicht jeder kann ihn lieben und verehren – zumal der Hamburger nicht, dem Davousts Schreckensregiment zu gut in der Erinnerung lebt... Aber ich will nicht pedantisch sein. Lassen wir das und reden wir von deinem Le Grand. Mir scheint, du kennst keinen Unterschied zwischen einer Militärtrommel und einem großen Orchester... Das ist keine Poesie, sondern Scharlatanerie.“

„Pah! gibt es eine Poesie ohne Scharlatanerie?“ frug Heine, der sehr ernsthaft geworden war.

„Nur keine poesielose Scharlatanerie. Ein Tambour, der aus heiler Haut stirbt und einen Wirbel dazu schlägt, ist ein Unding... Was sah dein Auge, hörte dein Ohr dabei? Du hast sicherlich nie eine Trommel gerührt. Aber du weißt doch vielleicht, daß die gedämpfte Trommel die militärische Totenglocke ist. Ein braver Tambour, der sich sterben fühlt, mag diese letzte soldatische Ehre sich selbst antun, ja, er mag seine letzte Kraft aufbieten, um mit einem tapferen Nachschlag zu enden. Ein Wirbel aber, diminuendo bis zum piano pianissimo, ist ein unmögliches Tambour-Schwanenlied; denn beim Wirbel müssen die Ellenbogen fix gerührt werden; das Piano ist schwieriger als das Forte, und die abnehmende Lebenskraft kann es nicht hervorbringen. Gesetzt aber, sie könnte es, so wäre ein solches Dahinscheiden lächerlich. Das wirst du zugeben, wenn du mit Phantasie gehörig an Aug’ und Ohr appellierst.“

„Hör’, Bursche!“ rief Heine mit scharfer Betonung, „das sagst du mir, aber keinem andern!“

Schiff: „Weshalb sollte ich dem Publikum seinen Spaß verderben? – Da ich obendrein weiß, daß es nutzlos für den einzelnen ist, sich der absoluten Majorität als Lehrmeister aufzudrängen – –“

Bevor der Satz beendigt wurde, trat Campe ein. Er machte Schiff aufmerksam auf den pelzgefütterten Schlafrock des Dichters und sagte mit komischer Gravität: „Ich bin ein persischer Schah, der Ehrenpelze verteilt.“

Schiff: „Jetzt glaub’ ich an die fünftausend Exemplare der ‚Reisebilder‘, da Campe seinen Autor warm hält.“

Heine aber sagte: „Hier stelle ich Ihnen einen jungen Schriftsteller vor, der eines soliden Verlegers bedarf. Nehmen Sie sich seiner an. Mein Freund Schiff ist mir besonders interessant, weil er sich nichts aus mir macht. Sie glauben nicht, wie wohl es tut, wenn man, wie ich, mit Lob überschüttet wird, auch einmal jemanden zu finden, der uns mit dreister Hand die Achillesferse zeigt, an der wir verwundbar sind.“

137. Julius Campe83

11. April 1827

[Campe an Karl Immermann, Hamburg, 23. April 1827:] ... Ihr freundliches Schreiben hat Heine bis zum Tage vor seiner Abreise bei sich behalten; er wollte und wollte immer an Sie schreiben, wird aber wohl nicht dazu gekommen sein, denn er trug mir viele herzliche Grüße an Sie auf...

Am Tage (dem 12ten d.), wo ich das Buch [„Reisebilder II“] hier ausgab, ging er mit dem Dampfboote nach London...

138. Max Heine70

April 1827

Als der Onkel einstmals in aller Gemütlichkeit seinen Morgenkaffee schlürfte, sagte der Neffe zu ihm: „Ich muß das Land meines Ratcliff, ich muß England sehen.“

„So reise“, entgegnete der Onkel.

„Aber in England ist sehr teures Leben.“

„Du hast ja unlängst Geld bekommen!“

„Ja, das ist für das tägliche Brot, aber für den Namen, für die Repräsentation habe ich auf Rothschild einen guten Kreditbrief nötig.“

Und richtig, der gute Onkel gab dem Neffen, der unlängst erst eine hübsche Summe erhalten, von der Mutter hundert Louisdor Extrareisegeld bekommen, zur Repräsentation einen Kreditbrief von vierhundert Pfund Sterling, d. h. zehntausend Franken, samt dringender Empfehlung an Baron von Rothschild in London mit.

Die Abschiedsworte des Onkels lauteten noch: „Der Kreditbrief ist nur zur formellen Unterstützung der Empfehlung, mit deinem baren Reisegeld wirst du schon auskommen. Auf glückliches Wiedersehen!“

Und was tat der Dichter? Er war kaum vierundzwanzig Stunden in London, als er sich bereits auf dem Kontor Rothschilds mit seinem Kreditbriefe präsentierte und die zehntausend Franken gemütlich einstrich. Dann ging er zum Chef des Hauses, Baron James von Rothschild, der ihn sofort zu einem solennen Diner einlud...

Nicht unbedeutend war die Szene, als der geniale Neffe zum ersten Male wieder vor den erzürnten Onkel trat.

Vorwürfe über grenzenlose Verschwendung, Drohungen des Onkels, nie wieder sich mit ihm zu versöhnen – alles dieses hörte Heinrich mit der größten Ruhe an.

Als der Onkel endlich mit seinem Sermon zu Ende war, da hatte der Neffe nur die eine Antwort: „Weißt du, Onkel, das Beste an dir ist, daß du meinen Namen trägst“, und ging stolz aus dem Zimmer.

[Den Mißbrauch des Kreditbriefs bestätigt durchaus Salomon Heines drastischer Brief an seinen Neffen vom 26. Dezember 1843 mit der Unterschrift: „Onkel, der auch heißt Heine“; in einem andern Brief, vom 24. Dezember 1839, nennt sich der Onkel „Salomon Heine, der Mann, der Deinen Namen führt“, und wenn er auch hinzufügt: „Spaß“, so hat er dies Wort seinem Neffen nie vergessen. Von dem Ausflug nach London und daran anschließend nach Norderney kehrte Heine erst im September 1827 nach Hamburg zurück.]

139. Eduard Wedekind149

September 1827

[Mitteilung Wedekinds an Strodtmann:] Das spätere Leben führte uns nur einmal, bei der Rückkehr von seiner Reise nach England im September 1827, wieder zusammen. Ich stand damals als wohlbestallter königlich hannoverscher Amtsauditor in Rothenburg, einem kleinen Ort zwischen Bremen und Hamburg, wo die Reisenden zu übernachten pflegten. Heine war ganz der alte, voll herzlicher Freundschaft, und nahm meine Einladung, einige Tage bei mir zu bleiben, sofort an. Lange hielt er’s freilich in dem prosaischen Neste nicht aus und reiste am zweiten Tage, nachdem wir uns ausgesprochen hatten, weiter.

140. Eduard Wedekind189

September 1827

... Als Heine von England zurückkam, im Jahre 1827, traf ich ihn unverändert wieder; er war krank, trug einen weißen Hut und aß gern Kuchen. Er hatte nun aber schon einen Ruf; seine Reise nach und von England war durch die Zeitungen (über dem Strich) angezeigt worden, und da in dem Gasthofe, als er ankam, eben eine Gesellschaft zum Balle vereinigt war, konnte ich ihn derselben durch die Vorstellung als den Verfasser der „Reisebilder“ sofort bekannt machen. Hätte ich ihn aber als den Verfasser des „Ratcliff“ und „Almansor“ vorgestellt, so würde er leider vielen unbekannt geblieben sein. Auf meine Frage versicherte er mir, daß er das englische Wesen ganz wie er es im „Ratcliff“ geschildert gefunden habe und diesen auch jetzt nicht besser machen könne, und als ich mich billig darüber verwunderte, da es doch ein großer Unterschied sei, ein Land aus Büchern oder aus eigener Anschauung kennenzulernen, versicherte er ganz offen: „Sieh, lieber Junge, das ist das Genie; so wie der Mathematiker aus einem Teile des Kreises diesen sofort ganz herstellen kann, kann sich auch der Dichter aus wenigen Zügen sofort das ganze Bild konstruieren.“

141. Julius Campe83

September/Oktober 1827

[Campe an Karl Immermann, Hamburg, 5. Okt.:] Seit vierzehn Tagen ist Heine hier; er will nach Leipzig und dort den dritten Reisebilderband schreiben. Das Verbot der Reisebilder am Rhein... hat ihn unbegreiflich gekitzelt und eitel gemacht; eine Erscheinung, die mich aufrichtig betrübt. Dieser Kitzel wird ihn der Poesie entrücken und der Politik zuführen, wo mehr Ruhm zu erlangen ist, wenigstens mit weniger Mühe...

Er hat es mir versprochen, an Sie zu schreiben. Mir sagt er, daß Cotta sich ihm genahet und freigestellt habe: zu verlangen, was er möge... Heine wird solcher Lockspeise nicht widerstehen... so oft und so sehr er auch versichert, nie von mir zu gehen. Was ich für H. und seine Anerkennung tat, wird nie ein Cotta tun...

[Über die Verbote der „Reisebilder“ siehe Houben: „Verbotene Literatur“. – Heines Engagement nach München zu Cotta war durch Varnhagens Anregung zustande gekommen, vgl. Cottas Brief an Varnhagen vom 21. Juli 1827 bei F. Schnapp, „Heine und Schumann“ S. 56.]

142. August Lewald1

Oktober 1827

Im Jahre 1827 sprach man in Süddeutschland noch gar nicht von Heinrich Heine, obgleich seine Reisebilder doch schon erschienen waren. Und in jenem Jahre war es, als ich nach Hamburg reiste. Ich erinnerte mich, im „Gesellschafter“ die Bruchstücke aus dem ersten Bande der „Reisebilder“ gelesen zu haben. Die ungemeine Frische, der glänzende Witz hatten meine Aufmerksamkeit auf einen Namen hingelenkt, der mir damals noch gänzlich neu war.

Im Hotel de Saxe, auf dem Kamp in Hamburg, hörte ich diesen Namen wieder nennen... Es war nicht eben Lob, was dem jungen Dichter gespendet wurde. Ein ältlicher Herr, der in der Gesellschaft für einen Kenner galt, meinte: „Heine werde nie ein Buch schreiben; es seien zwar neue und gute Gedanken, die er zu Markte bringe, aber alles ohne Anfang und ohne Ende; man könne das eben kein Buch benennen“...

Einige Zeit nach diesem Gespräch zeigte mir ein guter Freund einen jungen Menschen, der eben zum Dammtor hereinkam. Er hatte den Hut bedeutend nach vorn gerückt, so, daß sein Rand die Nase beschattete; der Rock war offen, und beide Hände steckten in den Taschen der Beinkleider. Sein Gang war nachlässig, stolpernd, und er gaffte links und rechts die Häuser an. Dies war Heine. Es lag in der Erscheinung eine vornehme Gleichgültigkeit, die es verschmähte, bei diesen Hamburgern ein anständiges Aufsehen zu erregen. Das Gesicht war fein gerötet, und auf den ersten Blick verriet es durchaus nichts Auffallendes, es war ein unbefangenes, jugendliches, neugierig in die Welt schauendes Gesicht.

Ich begegnete nun Heinen öfter und fast immer auf dieselbe Weise: allein, schlendernd und gaffend; es schien sich in seinem Wesen eine unendliche Langeweile auszusprechen.

Der Zufall brachte uns nie zusammen. Ich hörte, daß er fast täglich, gleich mir, den Schweizerpavillon besuche, aber nie traf ich ihn dort. Die Bekanntschaft, die ich inzwischen mit seinen Büchern gemacht hatte, „welche keine Bücher waren“, flößte mir eine innige Zuneigung zu Heine ein. Mein Wunsch wuchs, ihm bekannt zu werden...

Eines Morgens hatte ich mich im Schweizerpavillon in irgendeine Zeitung so hineingelesen, daß ich nichts von dem bemerkte, was um mich vorging, und schreckte daher nicht wenig auf, als ein Freund mich beim Namen rief und mir sagte: er wünsche mir Herrn Doktor Heine vorzustellen. Überrascht sprang ich in die Höhe, um meine Freude darüber auszudrücken.

Er stand wirklich vor mir, der kleine Unbefangene. Sein im ruhigen Zustande so gleichgültiges Gesicht hatte sich aber jetzt mit einem Lächeln geschmückt, das tausend Dämonen um Mund und Augen belebte, die abwechselnd Hohn und Mutwillen darüber ergossen. Dies Lächeln, das mir nachher ganz gewöhnlich wurde, schien mir in diesem Augenblick seine Züge nicht zu verschönern.

Er kam mir mit einer feinen Artigkeit entgegen.

„Ich habe diesen Sommer auf Norderney bereits Ihre Bekanntschaft gemacht“, sagte er. „Ihre Novelle, der Familienschmuck, hat mich sehr angezogen, und ich freute mich, als ich hörte, Sie in Hamburg zu finden. Sie glauben nicht, wie trostlos es auf Norderney ist, wie man alles geselligen Umgangs entbehrt und wie man froh ist –“

„Diesem Umstande“, fiel ich ihm ins Wort, „habe ich es denn auch zu danken, daß Sie meinen Familienschmuck lasen und goutierten.“

Er lächelte wiederholt. Ich erzählte ihm, daß ich bereits in Hoopte jemanden getroffen hätte, der wahrscheinlich nichts Geringeres im Sinne gehabt, als sich für ihn auszugeben, daß ich aber damals in meiner süddeutschen Unbelesenheit nicht gewußt, welche Berühmtheit sich an seinen Namen knüpfe. Er wünschte das Nähere zu wissen, weil er einen Vetter habe, der ihm manchmal den Streich spiele, den Namen Heinrich Heine anzunehmen, und weil er hoffte, ihn hier wieder einmal zu ertappen.

Der Fall war ganz einfach. In Hoopte, wo die Fähre über die Elbe, aus dem Königreiche Hannover ins hansestädtische Gebiet Billwärder, die Reisenden bringt, kam ich abends spät an. Ein einsamer Reiter war mit mir zugleich angelangt, den Weg von Lüneburg her, der auch nach Hamburg wollte. Wir soupierten* zusammen, und der Reiter, *der ein junger Mensch war, an dem ich nichts Ausgezeichnetes als eine ungeheure Nase bemerkte*, war sehr gesprächig.

„Ach! mein Bruder!“ unterbrach mich Heine; *„der wird mich noch ins Unglück bringen.“*

Ich fuhr fort, ihm zu erzählen, daß der junge Mensch uns eine Menge Geschichtchen zum besten gab; Aventüren* mit Schauspielerinnen, mit denen er auf der Elbe Schiffbruch gelitten, und was dergleichen mehr war. Am andern Morgen ließen wir uns bei starkem Regen nach dem Zollenspeicher übersetzen, und der Reiter hielt an dem Schlage unseres Wagens, um uns durch sein fortwährendes Gespräch die Langsamkeit der Überfahrt vergessen zu machen, und als er endlich drüben von uns Abschied nahm und, in seinen Mantel gehüllt, auf dem Damme davonsprengte, überreichte er mir noch eine Karte mit dem Namen „Heine“ und fügte hinzu, ich möchte ihn doch in seiner Wohnung in Hamburg auf dem „großen Burstah“ besuchen.

Auch von seinen Dichtungen hatte er mir erzählt... Wären mir damals schon die Reisebilder bekannt gewesen, so hätte diese Begegnung mir ein bedeutendes Interesse eingeflößt. Der Reiter mochte jedoch in seinem Innern mich für einen recht unwissenden Menschen halten, da ich den Namen Heine hören konnte, ohne sogleich auszurufen: „Sind Sie etwa – jener berühmte“; ich glaube kaum, daß er mich lange im Zweifel gelassen haben würde.

[Heines älterer Bruder Gustav war damals in Hamburg und versuchte sich als Kaufmann, gleichfalls ohne Glück.]

143. Charlotte Embden-Heine74

1827

[Mitteilung ihrer Tochter Maria:] 1827... reiste meine Mutter nach Göttingen, wo sie Graf Platen kennenlernte; sie umging alle Fragen nach ihrer Familie, weil sie glaubte, der Name Heine würde bei Graf Platen keine angenehme Erinnerung erwecken, da der Dichter sich mit ihm entzweit hatte. Meine Mutter war entzückt von Platen, wünschte aber keine Erörterungen hervorzurufen und vermied ängstlich, von den berühmten Reisebildern zu sprechen.

Der Graf besuchte sie, und als er ihr beim Abschiede ehrerbietig die Hand küßte, sagte er:

„Gnädige Frau, wollen Sie mir eine Frage beantworten: Haben Sie je die Bibel gelesen?“

Meine Mutter sah ihn erstaunt an und wußte nicht, was sie antworten sollte.

„Kennen Sie, meine Gnädigste,“ fuhr er fort, „die Stelle in der Heiligen Schrift: ‚Bin ich der Hüter meines Bruders?‘ Seien Sie meiner höchsten Achtung versichert und genehmigen Sie die aufrichtigsten Wünsche für Ihr Wohl, mögen die Bäder von Schwalbach Ihnen Genesung bringen.“

Meine Mutter blieb stumm und entließ ihn mit freundlichem Kopfnicken. Als sie ihrem Bruder diese Szene erzählte, wurde er ernstlich böse und sagte:

„Aber, liebes Lottchen, du hast doch die Zunge am rechten Fleck, wie konntest du schweigen und nicht die Gelegenheit benutzen, ihm sein Unrecht gegen mich vorzuhalten?“

[Diese Mitteilung der Nichte Heines kann nur auf einem groben Mißverständnis beruhen. 1827 war von einem Zwist zwischen Platen und Heine noch keine Rede, erst 1829; Platen lebte seit 1826 in Italien und kam erst Ende Oktober 1832 wieder nach München. Eine Begegnung zwischen ihm und Charlotte Embden in Göttingen ist völlig ausgeschlossen, ebenso eine unmittelbar darauf folgende Unterhaltung beider Geschwister, denn Heine sah nach seiner Übersiedlung nach Paris im Mai 1831 die Schwester erst 1843 wieder.]

144. Julius Campe83

Oktober 1827

[Campe an Karl Immermann, Hamburg, 14. Januar 1828:] Heine wird Ihnen aus München geschrieben haben. Mit seiner Stellung ist er zufrieden und nun äußerst freundlich gegen mich; nie will er von mir gehen und was mehr. Er war kränklich und fürchtete sein Ende! Für den Fall sollte ich seine Papiere haben. Wenn das Klima ihm lästig werden will, geht er nach Italien. Ich habe zwei Jahre in diesem Lande zu Fuß herumgelaufen, oft mit Heine darüber gesprochen und den Wunsch dahin bei ihm belebt. Unendlich würde es mich ergötzen, ihn dort zu sehen, mit seinem plastischen Blick. Er würde uns Italien auf eine neue Weise eröffnen: des bin ich überzeugt. Er gibt die politischen Annalen heraus und arbeitet am Auslande. Die Stellung kann ihn nicht erfreuen; es ist also keinem Zweifel unterworfen, daß er bald die Alpen überschreitet...

[Im Oktober 1827 erschien Heines „Buch der Lieder“ bei Hoffmann & Campe.]

145. Rosa Maria Assing115

Mitte Oktober 1827

[R. M. Assing an Varnhagen, Hamburg, 25. Januar 1828:] Heine ist abgereist, ohne Abschied von uns zu nehmen. Assing sah ihn zuletzt auf der Straße, er erzählte, er habe einen Ruf nach München erhalten und wolle uns nächstens besuchen, um uns etwas Näheres darüber mitzuteilen, doch haben wir ihn nicht wiedergesehen, der Zeitpunkt seiner Abreise mag ihn übereilt haben.

146. Ferdinand Oesterley193

Anfang November 1827

[Mitteilung von Karl Oesterley an Karpeles:] Auf dem Wege nach Italien kam Heine... noch einmal nach Göttingen, um, wie er sagte, nicht nach Italien zu gehen, ohne noch einmal das schönste Mädchen gesehen zu haben – Oesterleys Braut!

147. Ludwig Emil Grimm124

6. November 1827

[Grimm an Amalie von Zuydtwyck, Kassel, 6. Nov.:] ... Eben war der Dichter Heine bei mir, kommt aus England und Holland, hat dort viel gesehen, interessante Bemerkungen gemacht und ist ein geistreicher Mensch; heute mittag will er wieder zu mir kommen.

[Bei diesem Besuch 1827 hat Grimm den Dichter gezeichnet. Unter das Bild schrieb Heine die Worte:

„Verdroßnen Sinn im kalten Herzen hegend, Schau ich verdrießlich in die kalte Welt.“]

148. Moritz Gottlieb Saphir224

November 1827

Im Jahre 1826–27 waren wir eines Abends in Frankfurt am Main zusammen, Börne, Heine und ich. Wir sprachen vom Judentum und Christwerden.

Börne in seiner großartigen Gesinnung, Börne in seiner offenen und redlichen Wahrheitsliebe, er hat nie geleugnet, daß er ein Jude war, er sagte mir an demselben Abend: „Der ist mehr Christ, der sich das Christentum erworben hat, als der es geerbt hat; sowie der mehr Verdienst hat, der sich ein Vermögen erworben hat, als der es geerbt hat“...

Heine sträubt sich mit Händen, Füßen, Federn und Liedern dagegen, daß er ein Jude ist, er spricht nur von seinen jüdischen „Vorfahren“, von seinen Voreltern, die Juden waren...

Ist das nicht kleinlich von einem so großen Geist, ist das nicht dumm von so einem klugen Kopfe? [Saphir zitiert dann einen Aufsatz aus der „Leipziger Judenzeitung“ Nr. 27 vom 20. November 1854.]

[Sein Zusammensein mit Börne im November 1827 schildert Heine ausführlich in seinem Buch über Börne.]

149. Adolf Strodtmann194

November 1827

An der Wirtstafel des Hotels traf Heine mehrmals mit Saphir zusammen, und die witzige Unterhaltung der beiden geistreichen Männer lockte zahlreiche Gäste an. Einst erzählte ein Fremder, daß der Kurfürst von Hessen infolge der Unruhen in seiner Hauptstadt, um den Bewohnern der Residenz seinen Unwillen zu erkennen zu geben, alle Ruhebänke auf der Wilhelmshöhe habe entfernen lassen. Saphir bemerkte sogleich: „Dann werden seine lieben Kasselaner sich in einem permanenten Aufstande befinden.“ „Saphir! Saphir!“ rief Heine aus, „wer wird Witze ohne Honorar machen?“ – „Besser als Honorar ohne Witze!“ gab der boshafte Saphir schlagfertig zurück.

[Strodtmann setzt diese Anekdote in den Mai 1831, wo sie besser am Platze wäre; da aber Saphir 1855 selbst sagt, er habe Heine seit 1827 nicht mehr gesehen (vgl. Nr. 763), kommt nur der November dieses Jahres in Betracht. Gegen Saphir spricht allerdings Nr. 223.]

150. Vincenz von Zuccalmaglio116

November 1827

Als ich mit meinem Bruder 1827–1830 in Heidelberg die Hochschule besuchte, hielt sich Heines jüngerer Bruder [Max] zum Studium der Medizin dort auf, und Heine besuchte ihn. Mein Bruder erzählte mir, daß er ihm begegnet sei und sich sehr angelegentlich nach seinem Freunde, dem Oheim Franz [von Zuccalmaglio] erkundigt, auch viel Rühmens von ihm gemacht habe. Einige Tage oder Wochen darauf (das Jahr vermag ich nicht anzugeben), saß ich mit mehreren Studenten auf der Wartburg bei Weinsberg, jenseits Heilbronn. Heinrich Heine war mit einer andern Partie Studenten, worunter auch sein Bruder, anwesend. Da trat ein württembergischer Polizeimann in Zivilkleidern unter die zechenden Studenten und ließ sich den Verfasser der „Reisebilder“ zeigen. Er ging dann auf Heine zu und frug, ob er die Ehre habe, den Dichter Heine vor sich zu sehen. Der Angeredete schien freudig erregt und glaubte wohl, der Herr im Frack würde ihm Huldigungen, die seiner Dichtergröße gebührten, darbringen, wurde aber bitter enttäuscht, da er ihn im Namen des Gesetzes für einen Haftling erklärte und auf dem Schub über die Grenze brachte. Dies ist das erste- und letztemal, daß ich H. Heine gesehen. Mein Bruder wußte mehr von ihm.

[Heine kam auf dieser Reise auch durch Stuttgart und besuchte Wolfgang Menzel mit einer Empfehlung Börnes. Von der Ausweisung aus Württemberg erzählt er selbst übrigens nichts. Ende November traf Heine in München ein.]

151. Julius Fröbel222

Ende 1827/Anfang 1828

Besonders wertvoll war mir, daß Kolb mich bei Lindner einführte, welcher mit Heine die „Politischen Annalen“ herausgab. Für diese Zeitschrift habe ich damals in Lindners Auftrag eine Biographie Iturbides aus dem Englischen übersetzt. Es war mein erster Versuch, etwas für den Druck zu schreiben. Im Gedächtnisse ist mir, wie schüchtern ich das Manuskript überbrachte, und wie verlegen ich war, als ich von Lindner dem zufällig anwesenden Varnhagen von Ense vorgestellt wurde, der mich, ohne mit mir zu sprechen, forschend ansah. Auch Heines fragendem Blicke begegnete ich zuweilen bei Lindner, ohne von ihm zu einer persönlichen Beziehung ermutigt zu werden. Erst viele Jahre später bin ich in Paris auf kurze Zeit ihm näher gekommen. In München traf ich ihn nicht selten im Lindnerschen Hause und daselbst einmal in größerer Gesellschaft, wo der kolossale Rittmeister Heilbronner die Baßarie: „Hier in diesem Jammertal“ sang und aus zarter Rücksicht gegen die vielen anwesenden jungen Damen dem Teufelsbraten Kaspar statt „Kind mit runder Brust“ die moralischen Worte „Kind mit treuer Brust“ in den Mund legte. Heine betrachtete lächelnd den riesenhaften Kavalleristen und sagte nach dem beendigten Gesange: „Liebster Heilbronner, borgen Sie mir Ihren Leib auf vierzehn Tage, und ich bringe ihn so ruiniert wieder zurück, daß Sie selbst ihn nicht mehr kennen sollen.“

[Varnhagen hielt sich vom 29. August bis 11. September 1827 in München auf; am 31. August besuchte er Dr. Lindner, vgl. seine „Blätter aus der preußischen Geschichte“ (4, 292). Fröbel war vom Herbst 1826 bis Frühjahr 1828 in München.]

152. Eduard von Schenk112

Frühjahr 1828

Ein Dichter hielt sich damals in München auf, der mit Beer schon von Berlin aus bekannt war und durch ihn mit mir bekannt wurde, nämlich Heinrich Heine... Er redigierte damals gemeinschaftlich mit Lindner die europäischen Annalen. Obwohl seine politischen Ansichten den unsrigen und seine religiösen den meinigen fast entgegengesetzt waren, so wurde doch diese Meinungsverschiedenheit für Augenblicke wieder unter dem Wehen des poetischen Genius vergessen, der unter uns seine Flügel schlug. Wenn Heine teils seine älteren, teils neu gedichtete Lieder mit dem Tone innigster Empfindung oder wehmütiger Ironie vortrug, glaubte man eine Nachtigall zu vernehmen, die sich verirrt hat, indem er bald die sehnsüchtigste Wehklage über die Vergangenheit und den verlorenen innern Frieden, bald über die Gegenwart den zerreißenden Spott der Verzweiflung erhob. Er reiste kurz darauf von München ab und ich habe ihn nicht wiedergesehen.

153. Friedrich Stammann194

Frühjahr 1828

[Mitteilung Stammanns an Strodtmann:] Heine sah anfangs auf die jungen Maler, welche sich seines geistvollen Umgangs erfreuten, ziemlich hochmütig herab und erlaubte sich manchen boshaften Witz über ihre Bestrebungen. Eines Tages wollte er ihnen sogar ernsthaft die Inferiorität ihrer Kunst im Vergleiche mit der Dichtkunst beweisen. „Ein Lied, eine Tragödie wirkt unmittelbar auf die Herzen der Menge“, so lautete seine wunderliche Deduktion; „ihr dagegen bedürft des fremden Vermittlers, eure großen historischen Bilder und Allegorien sprechen nur wenige, auserlesene Kunstkenner an, und euer Ruhm liegt in den Händen des Schriftstellers, der eure Intentionen erst dem Publikum klarmachen, die Hieroglyphenschrift eures Pinsels aller Welt deuten muß.“ Ein mutwilliges Gelächter unterbrach den Redner. Während dieser die Abhängigkeit des Malerruhms von der wohlwollenden Kommentierung des Schriftstellers behauptete, hatte ein begabter Kunstjünger schweigend eine unbarmherzige Karikatur Heines auf ein Blatt Papier gezeichnet und hielt die Skizze jetzt triumphierend empor. Mit ärgerlicher Verlegenheit betrachtete Heine dies schlagende Argument, daß dem Maler doch unter Umständen auch einige Macht über den Dichter gegeben sei, und er hütete sich in Zukunft, durch so törichte Äußerungen eine selbständige Schwesterkunst herabzuwürdigen.

[„Am liebsten bin ich unter jungen Malern, die besser aussehen als ihre Bilder“, schrieb Heine aus München an Varnhagen am 1. April 1828.]

154. Robert Schumann216

8. Mai 1828

[Tagebuch aus München:] Einkauf – Geschmacksachen – – Heine – geistreiche Unterhaltung – ironisches Männchen – liebenswürdige Verstellung – Gang mit ihm auf die Leuchtenbergische Galerie – der Sessel Napoleons – die Grazien v. Canova nicht edel genug – Magdalena schön – Billard – Table d’hôte.

[Durch den Schauspieler Karl Krahe in Augsburg waren Schumann, damals siebzehnjähriger Student, und sein Begleiter Gisbert Rosen an Heine empfohlen worden.]

155. Robert Schumann216

8. Mai 1828

[Schumann an Dr. Heinrich v. Kurrer, Leipzig, 9. Juni:] In München befand ich mich... nicht ganz wohl und heimisch und ich merkte den kalten schneidenden Residenzton nur zu bald. Die Glypthotek, so prachtvoll sie angelegt ist, ist noch nicht vollendet und läßt einen daher jetzt nur unbefriedigt und nur die Bekanntschaft mit Heine, welche ich Herrn Krahe... zu verdanken habe, machte meinen Aufenthalt einigermaßen interessant und anziehend. Ich stellte mir nach der Skizze des Herrn Krahe, in Heinen einen mürrischen, menschenfeindlichen Mann vor, der schon wie zu erhaben über den Menschen und dem Leben stünde, als daß er sich noch an sie anschmiegen könnte. Aber wie anders fand ich ihn und wie ganz anders war er, als ich mir ihn gedacht hatte. Er kam mir freundlich, wie ein menschlicher, griechischer Anakreon entgegen, er drückte mir freundschaftlich die Hand und führte mich einige Stunden in München herum – dies alles hatte ich mir nicht von einem Menschen eingebildet, der die Reisebilder geschrieben hatte; nur um seinen Mund lag ein bitteres, ironisches Lächeln, aber ein hohes Lächeln über die Kleinigkeiten des Lebens und ein Hohn über die kleinlichen Menschen; doch selbst jene bittere Satire, die man nur zu oft in seinen Reisebildern wahrnimmt, jener tiefe, innere Groll über das Leben, der bis in das äußerste Mark dringt, machte seine Gespräche sehr anziehend. Wir sprachen viel über den großen Napoleon und ich fand in ihm einen Bewunderer, wie man ihn, außer in Augsburg, wohl selten trifft. Auch sprach er davon, ehestens in die alte Augusta zu reisen, um Sie vorzüglich kennenzulernen.

[Schumann war ein ebenso glühender Bewunderer Napoleons wie Heine. Die Komposition der „beiden Grenadiere“ (am 12. Mai 1840 vollendet) wurde eines seiner Meisterwerke.]

156. Gisbert Rosen217

8. Mai 1828

[W. J. v. Wasielewski nach Angaben Rosens:] Heine... bewohnte ein schönes Gartenzimmer [im Rechbergschen Palais auf der Hundskugel], dessen Wände durch Gemälde der damals in München lebenden Künstler reich geschmückt waren. Der hochbegabte Dichter entsprach ganz dem Bilde, welches die fremd eintretenden Genossen nach seinen Schriften sich von ihm gemacht hatten; was noch etwa daran fehlte, wurde durch die sarkastische, beißendwitzige Ausdrucksweise Heines, der er freien Zügel ließ, sehr bald ergänzt. Schumann verweilte mehrere Stunden bei Heine, während Rosen sich verabschiedete, um einen Landsmann aufzusuchen. Alle drei trafen sich aber in der Leuchtenbergschen Galerie wieder, wo den beiden Freunden fortgesetzte reichliche Gelegenheit geboten wurde, die skurrilen Einfälle Heines, dessen Laune sich als eine unerschöpfliche zeigte, teils zu bewundern, teils zu belachen.

[Schumanns Eindruck von dem Besuch bei Heine ist, wie sein Brief an Kurrer zeigt, bedeutend individueller; Rosens Angabe hat das Klischeeartige der meisten solcher Reminiszenzen.]

157. Max Heine70

Sommer 1828

Keinen von allen Dichtern seiner Zeit hat Heine so innig und warm geliebt als Karl Immermann, des Parnasses „jungen Adler“, wie er ihn nannte. Immermann war vielleicht der einzige, selbst seine nächsten liebsten Verwandten nicht ausgenommen, der nie seinen Witz, seine satirische Laune empfunden hatte. Er verschluckte ein mir heimlich mitgeteiltes Witzwort, das, wäre es damals ausgesprochen und öffentlich bekanntgeworden, Immermanns schönes Werk, das „Trauerspiel in Tirol“, die Verherrlichung Andreas Hofers, total lächerlich gemacht hätte. Die ergreifende Schlußszene des Stückes stellt den Hofer dar, wie er nimmer glauben wollte, daß Tirol und seine todesmutigen, treuen Verteidiger von Österreich aufgeopfert würden, und schließlich doch zu dieser Überzeugung gelangen mußte, als man ihm das dahin lautende kaiserliche Aktenstück mitteilte und Hofer, ganz vernichtet, das Dokument erschüttert anschauend, in die Schlußworte der Tragödie ausbricht: „Des Kaisers Siegel!“ Nun ist aber allgemein bekannt, daß der damalige Kaiser Franz von Österreich die große Passion hatte, freie Augenblicke der Anfertigung von Siegellack in allen möglichen Farben zu widmen. „Max,“ sagte Heinrich zu mir, als wir das Stück gelesen hatten, „was für eine Rührung müßte Andreas Hofer oder ein anderer im Publikum hervorbringen, wenn am Ende in Verzweiflung gerufen würde: ‚Des Kaisers Siegellack‘. Um Gottes willen aber erzähle das nie weiter, ich liebe Immermann und schone ihn weit mehr als – meinen Bruder.“

[Heine verherrlichte den Dichter des „Trauerspiels in Tirol“ im 3. Band der „Reisebilder“ (Kap. 7), der Ende 1829 erschien; der Abschnitt über Immermann, den „Adler im deutschen Vaterlande“, erschien bereits am 3. Dezember 1828 im Stuttgarter „Morgenblatt“. – Max studierte anscheinend im Sommer 1828 in München; er begleitete seinen Bruder im Juli nach Tirol.]

158. Max Heine70

Sommer 1828

In München besuchte ich mit meinem Bruder Heinrich sehr oft das gastliche Haus der Gräfin D. Mittwochs war in der Regel große Abendgesellschaft. Notabilitäten jeder Art fanden sich da ein, und die Gräfin hielt etwas darauf, berühmte Fremde bei sich zu sehen. Allgemeine Unterhaltung belebte eines solchen Abends die ganze Gesellschaft, und namentlich begann ein alter Herr, höherer Marineoffizier in holländischen Diensten, eine Seefahrt zu beschreiben, die viel Interesse darzubieten schien. Alle horchten aufmerksam zu. Da gebrauchte der Erzähler ganz zufällig das Wort Astrolabium (das bekannte Instrument, um Winkel nach Graden, Minuten usw. auf dem Meere zu messen), als Heine in ein solches schallendes Gelächter ausbrach, daß nicht nur der Erzähler ganz betroffen innehielt, sondern auch die ganze herumsitzende Gesellschaft mit dem größten Befremden den Dichter ansah. Die Gräfin D., die Wirtin des Hauses, bat den Erzähler fortzufahren, und als dieser das Wort Astrolabium wiederholte, begann aufs neue das Heinesche Gelächter.

Man befürchtete allgemein eine durch nichts provozierte maliziöse Bemerkung Heines; schon zeigte sich in den Mienen der Anwesenden Mitleid mit dem so plötzlich chokierten Fremden, als die Gräfin D. das Wort rasch ergriff und sagte: „Lieber Heine, haben Sie die Güte, frei heraus zu sagen, was Sie in der so ernsten Erzählung, die uns alle so interessierte, so außerordentlich lächerlich gefunden haben?“ Jetzt sammelte sich Heine, stand auf, ging zum Fremden, gab ihm die Hand und sagte: „Mein Herr, ich bin Ihnen Genugtuung schuldig, und die Achtung vor dem Hause verlangt, daß ich nicht einen Augenblick zögere. Erlauben Sie mir eine kleine Erzählung. Die jungen Damen mögen mich ruhig ansehen, die älteren dürfen die Augen niederschlagen. Als ich vor einigen Jahren in Göttingen Student war, ritt ich zuweilen und benutzte zur Bequemlichkeit eine Leibbinde, von den wissenschaftlichen Bandagisten Suspensorium genannt.

„Ich hatte eine sehr gewissenhafte Wäscherin, die jeden Gegenstand speziell mit dem Preise aufschrieb, und da las ich einst obenan: Ein leinenes Astrolabium gewaschen, sechs Pfennige.

Gott weiß, wie meine Wäscherin an diesen maritimen Ausdruck gekommen und in diese Kapitalverwechslung geraten ist. Ich habe herzlich lachen müssen, und heute, wo ich so plötzlich und unerwartet das mir so lächerliche Wort gehört, überfiel mich ein so krampfhaftes Lachen, daß ich beim besten Willen nicht imstande gewesen, dasselbe zu unterdrücken, und ich bitte demütig, wenn noch einer von den Herren oder Damen etwas zu erzählen hat, mich auf das Wort Astrolabium gefälligst vorzubereiten.“

Man kann sich denken, welche allgemeine Heiterkeit dieser Erklärung gefolgt ist. Die Gräfin D. reichte aufs liebenswürdigste ihre schöne Hand dem Dichter zum Kusse dar, indem sie sagte: „Nicht mit Unrecht hat man Sie den ungezogenen Liebling der Grazien genannt.“

159. Max Heine70

Sommer 1828

Als Heine sich in München aufhielt, befand sich in der königlichen Familie des bayrischen Hofes eine Prinzessin, die es sehr liebte, berühmte Namen bei sich zu sehen. Einstmals, nach Aufhebung der königlichen Tafel, nachdem bereits bei Tische viel von dem jungen, genialen Dichter gesprochen war, und eine andere Prinzessin den Wunsch äußerte, den Verfasser des Gedichtes „Ein Fichtenbaum steht einsam“ kennenzulernen, sagte die erstere: „Diesem Wunsche kann gleich Genüge geleistet werden, ich weiß, in welchem Künstlerkreise der Dichter zu finden ist“, und sofort wurde ein königlicher Kammerdiener mit dem Befehl abgesendet, Herrn Heinrich Heine zum Kaffee ins Palais der Prinzessin zu entbieten. Der Kammerdiener richtete bei Heine seinen Auftrag pünktlich aus. „Mein lieber Freund,“ sagte der Dichter, „vermelden Sie Ihrer Königlichen Hoheit meinen tiefsten Respekt, und sagen Sie gefälligst Hochderselben: daß ich gewohnt bin, da meinen Kaffee zu genießen, wo ich auch zu Mittag gegessen habe.“

[Strodtmann (I, 707) zweifelte die Wahrheit dieser Anekdote an, da Heine keineswegs ein so „stolzer Republikaner“ gewesen sei und damals auf gute Beziehungen zum bayrischen Hof Wert gelegt habe. Das scheint mir nicht ausgemacht; die Antwort ist gut, auch keineswegs durchaus abweisend, sondern eine gute Lehre für eine eingebildete Aristokratin, die glaubte, ihrer Dinergesellschaft zum Dessert den berühmten Dichter herumreichen zu können, den in aller Form einzuladen nicht standesgemäß gewesen wäre. Auch pflegte Heine nicht erst zu überlegen, ob er sich mit einem guten oder schlechten Witz schade – im Gegenteil: das Wort mußte heraus, ohne Rücksicht auf die Folgen bei Freund oder Feind. – Von August bis November 1828 war Heine in Italien.]

160. Leopold Ranke178

November 1828

[Ranke an Varnhagen, Venedig, Dezember 1828:] Heine war hier und hat mir die schönsten Grüße aufgetragen. Eine sonderbare Begierde, jemand, von dem ihm Nachrichten fehlten, in München zu suchen (ich glaube einen Bruder), hat ihn aus seiner florentinischen Freude gerissen. Er ist Ihnen beiden ungemein ergeben. Ein Mensch, mit dem ich wohl glaubte, angenehm leben zu können: gewiß, ich wünschte mir seine Gesellschaft öfter und länger: er hat Geist, ist ohne Anspruch und hat doch eigenes Wesen. Arnim läßt er zu meiner Genugtuung Gerechtigkeit widerfahren. Mit einem Worte, ich habe mich an ihm gefreut.

[Der, von dem Heine Nachricht erwartete, war sein Vater, der am 2. Dezember 1828 starb. Die Todesnachricht erreichte ihn auf der Rückreise, in Würzburg; er eilte sogleich nach Hamburg. Dorthin waren die Eltern im Sommer 1828 übergesiedelt. Gustav hatte hier ein Speditions- und Produktengeschäft, das aber schon im Sommer 1829 liquidieren mußte.]

161. Max Heine70

1828

Zu den Bekannten Heines in Hamburg gehörte auch ein junger Kaufmann, der vielerlei Geschäfte angefangen hatte und doch nie auf einen grünen Zweig kommen konnte. Endlich geriet dieser Kaufmann auf die Idee, einen Ölhandel zu beginnen, nachdem so viele seiner kommerziellen Unternehmungen bereits mißglückt waren.

Als Heine dies gehört hatte, rief er seufzend aus: „Armer N., das ist deine letzte Ölung!“, und richtig, die Prophezeiung ging alsbald in Erfüllung. Der junge Kaufmann wurde auch in diesem seinem letzten Geschäfte bankrott, verließ den Handelsstand und schlug einen ihm mehr zusagenden Lebensweg ein.

[Dieser „Bekannte“ ist Gustav Heine; in späteren Briefen an Max pflegte Heine den älteren Bruder oft den „Ölhändler“ zu nennen, so am 12. Juni, 12. und 25. August 1852.]

162. Max Heine70

1828?

Wir trafen einst in Hamburg in einer Zeit zusammen, in welcher ein naher Todesfall viel Betrübnis hervorgebracht hatte. „Du wirst sehen,“ sagte Heinrich zu mir, „wie Herr--- an seinem ganzen Körper kein Plätzchen ohne große Trauerzeichen freigelassen hat.“

Als wir den Herrn besuchten und in seinem Schlafkabinett antrafen, wären wir bei dieser Kondolenzvisite beinahe in ein wahnsinniges Gelächter ausgebrochen; der ganze Mann war in Schwarz eingewickelt, und die weiße Nachtmütze schwarz eingerahmt, am Zipfel mit einem schwarzen Bändchen versehen. Heinrich machte das ernsteste Gesicht von der Welt, warf mir einen vielsagenden Blick zu, so daß ich nichts Eiligeres zu tun hatte, als auszurufen: „Wieder mein Nasenbluten!“ um mit dem Tuche vor dem Gesicht aus dem Zimmer zu rennen.

[Max Heine ging Herbst 1829 als Arzt in die Türkei; er hat seinen Bruder erst 1852 wiedergesehen.]

163. Max Heine70

1828?

Die das Nervensystem so erschütternden, haarsträubenden Kriminal-Geister-Mord-Romane von [Laurids] Kruse wurden eine Zeitlang in Deutschland außerordentlich gelesen, besonders vom schönen Geschlechte. Sie waren auch eine Lieblingslektüre meiner Schwester. Kruse, der in Altona lebte, war zur Zeit mit dem in Hamburg sich aufhaltenden Heinrich Heine recht befreundet. Als Heinrich einst mit unserer Schwester Charlotte an der Alster spazierte, begegnete ihm Herr Kruse. Er stellte ihm seine Schwester vor als eine seiner eifrigsten Leserinnen, fügte aber hinzu: „Meine Schwester ist nicht ganz zufrieden mit Ihnen, Sie müssen noch viel schauervoller schreiben.“ Herr Kruse war so verlegen, daß er kein Wort hervorbrachte, während Heinrich laut lachend davonging.

164. Max Heine70

1828?

Wir hatten einen gemeinschaftlichen Freund, der, ein großer Poltron, einen enorm großen, langen, schwarzen Backenbart trug.

Heine sagte: „Wenn ich diesem Backenbarte allein in einem Walde begegnete, ich würde mich fürchterlich ängstigen. Sieht man, Gottlob, dies Gesicht dabei, so ist gleich alle Furcht vorbei.“

[Einen ähnlichen Scherz über den „ungeheuer großen Schnurrbart“ eines gemeinsamen Bekannten, namens Goldschmidt, den Heine in Paris getroffen, enthält der Brief an Max Heine vom 21. April 1834.]

165. Julis Campe83

Februar 1829

[Campe an Karl Immermann, Hamburg, 16. Februar:] Heine hat mich in dieser Zeit oft besucht und Ihrer fleißig gedacht. Heute bat ich ihn um einige Zeilen für Sie; er kann nicht. Er trug mir viel Herzliches auf, das ich nicht wiederholen kann. Aber auch, daß Platen eine Parodie auf Sie geschrieben, „Oedipus“ betitelt, worin auch er vorkomme, Cotta hat sie zum Druck und Heine scheint dagegen gearbeitet zu haben. Genug, H. sagt, wenn P. damit hervortrete, so würde er ihn verarbeiten, daß das Gräflein seiner schmerzlich gedenken sollte. In Specia, zwischen Carara und Genua, sei er vor seinem Hause vorbeigekommen; er, Heine, habe ihn nicht besucht. Ich fragte, was P. dort mache? „Er fräße Apfelsinen und triebe viele Sodomitereien.“ Hier ist Platens Geliebter! Ich hielt es für griechische Nachbildungen, und stoße auf solchen Schmutz...

Heine habe ich so weit, daß er nun ernstlich zum Arbeiten gehen will; aber wo, wo kann er arbeiten? Überall will es nicht passen.

Ich schlug Hannover vor.

Er liebt die gesunden Knochen; die hannöverschen Junker mögen sich etwas mit ihm zu schaffen machen, wenn er zu verwegen zwischen sie geriete.

Er will nach Berlin. Dort wird gewiß nichts aus den Arbeiten, daher mögte ich ihn so gerne in sein altes Logie haben, wo der zweite Teil [der „Reisebilder“] zusammengefroren ist.

[Den dritten Teil der „Reisebilder“, „Die Bäder von Lucca“, hatte Heine zur Hälfte schon in Lucca selbst und in Florenz geschrieben. Von Platens beabsichtigter Satire „Der romantische Oedipus“ hörte er durch Kolb bereits im Juli 1828, kurz vor seiner Abreise von München nach Tirol; wie er Immermann am 17. November 1829 versichert, hätte es ihn nur ein Wort bei Cotta gekostet, um den Druck zu verhindern.]

166. Rahel Varnhagen86

24. Februar 1829

[Rahel an Varnhagen, Berlin, 24. Februar:] Morgen kommt Heine mit der Schnellpost und steigt im Hotel de Brandebourg, wo Cottas sind – par hasard – ab. Gestern brachte mir Ludwig [Robert] den Brief, der dies meldet: ein trauriger, kurzer; zum Totlachen, wir schrien immer auf. „Er ist so betrübt und ernst, fast tugendhaft.“ O! ganz anders gesetzt: und so immerfort. Ludwig soll hinkommen, ihn empfangen: wegen Reisemüdigkeit. Sie wollen etwas mit Cotta. Der stand im gestrigen Courier français; ich schickte ihn ihm. Sein Geschäft hier ward genannt: die Douanen sollen innerhalb Deutschlands, für ganz Deutschland, aufhören: meint der Courier.

167. Rahel Varnhagen86

25. Februar 1829

[Rahel an Varnhagen, Berlin:] Als ich... um dreiviertel auf 3 schlummernd lag, tritt Ludwig [Robert] krumm herein – alles durch Dorens Zimmer – hinter ihm Heine. „Herr Jesus!“ Er umarmte mich. Er ist brünetter geworden; ich freute mich sehr; ich bilde mir immer dümmlich ein, wenn einer ankommt, es muß abends geschehen: darum vermutete ich ihn nicht. Dicht hinter den Herren trat auch Moritz [Robert] ein. „Ich habe die Ehre? das Original von dem Bilde draußen zu sehen!“ Bekanntschaft. Heine mußte nach der Stadt Rom, wo ihn sein Bruder [Max] erwartete zu Tisch; und dann schlafen: er starb bald aus Müdigkeit. Im Hotel de Brandebourg konnte er keinen Platz bekommen. Er sprach in der Geschwindigkeit schön über, und gut von Italien. Grüßt Dich bestens, wußte schon in Hamburg von Deiner Reise. [Varnhagen war auf einer diplomatischen Reise in Kassel und Bonn.]

168. Rahel Varnhagen86

27. Februar 1829

[Rahel an Varnhagen, Berlin, 1. März:] Höre mein Bulletin von vorgestern abend an. Ich kämpfte mit Schlaf, ließ mir gegen 8 einen Wagen holen, fuhr zu Moritz [Robert], wo Heyses, Marianne Saaling, Mad. Krickeberg, Mad. Viktor, Dr. Gans und ich waren. Heitere, anregende, unterrichtende, behauptende, erzählende, lustige, witzige Gespräche; zwischen Moritz, mir, Gans, Heyse: die anderen fanden für gut zu schweigen... Ein Brief würde ein Buch werden müssen, referierte ich den Gang des Abends... So viel aber muß ich doch ausstoßen; daß sich Dr. Gans nun vollkommen und unwiderruflich dargetan hat, als unfähig geworden auch zur besten Gesellschaft... Malgré lui war es, wenn es Momente gab, in denen er zeigen mußte, was er sein könnte... Er floh, von einem Stuhl zum andern... Er lief allein umher, und auf und ab; hörte nicht, unterbrach; erzählte mir par exemple zweimal eine dumme Anrede an Heine, die er für witzig hält: und auch Moritzen schon mehrmals vorgetragen hatte; worüber Moser ihn deutlich, gelassen und gründlich zurechtgeführt haben soll. „Sie sind wohl hier, um Ihren Ruhm einzukassieren; Sie sollten einen Kassier haben.“ Als er’s mir zum zweiten Male sagte, antwortete ich ihm das höchst Einfache: „Lassen Sie Heine zufrieden“...

... Mad. Cotta versprach mir den Dienstag Abend, ohnerachtet ihn Bettine für Savignys wollte. „Erst Frau von Varnhagen“, sagte sie. Also Arnims kommen auch. Mad. Cotta fragte, ob sie Heine mitbringen könne. Er ist schon eingeladen, sagte ich.

[Varnhagen antwortete am 4. März aus Bonn:]... Nun hast Du, außer den anderen klugen und gescheiten Menschen... auch noch Heine, den eigengearteten, herumgereisten, frischen Heine bei Dir! „Frisch“ braucht hier nicht zu heißen, wie er aus dem Meere kommt, auch eingesalzene Heringe sind ja als solche selbst noch frische genannt! Grüße ihn herzlichst von mir; wenn er einmal glauben sollte, ich meinte es nicht als Freund, als ächter, anteilvoller mit ihm, so soll er sich nur die Stirne schlagen und seinen Blödsinn bejammern! Ich hoffe, er bleibt eine Zeitlang in Berlin, und ich sehe ihn noch dort. Es wäre unrecht von ihm, sich dort nicht gehörig umzusehen, es ist doch sein eigentlicher Ort, wenn er selbst auch zu denen gehört, die nicht immer an ihrem Ort sein wollen noch dürfen.

[Antwort Varnhagens vom 8. März:] Von Dr. Gans braucht nichts mehr gesagt zu werden, er steht da mit Tugenden und Fehlern in seiner ganzen Erscheinung... Nun, hoffe ich, werden doch auch wieder artige Sprüche von Heine in Umlauf kommen? Vielleicht kömmt morgen ein Brief, in welchem Du mir von dem Abend schreibst, wo er mit den anderen Auserwählten bei Dir sein sollte.

169. Rahel Varnhagen86

3. März 1829

[Rahel an Varnhagen, Berlin, 4. März:] Nun von gestern abend. Arnims, Cottas, Ludwigs, Moritzens, Willisen, Heine. Sich alle sehr, sehr amüsiert. Alle öfters dafür gedankt. Bettine dreimal mit Phrasen wie Reden. Diese sehr viel mit Willisen. Frau von Cotta vortrefflich zu allem und in allem; Achim viel mit Cotta und Ludwig und Heine... Wir saßen: ich; Cotta rechts; Bettine, Moritz [Robert], Rike [Robert], Heine, Ludwig [Robert], Ernestine [Robert], Willisen, Frau von Cotta, Arnim mir links. Bettine rief mich vor Tisch, und bat mich, Achim bei Frau von Cotta zu setzen.

[Varnhagen antwortete am 11. März:] Viele schöne Grüße an Heine. Hoffentlich siehst Du ihn oft, und er benutzt es zu seinem Heile! Er muß sich in guter Geistesluft konservieren, denn er hat viel in sich, was leicht verdorben geht. Er soll sich vor dem Philisterdichterwesen in Berlin hüten; wie haben er und Arnim sich genommen? Und was Bettine von ihm und er von Bettinen gesagt? Gewiß zwei hübsche Urteilssprüche!

170. Fanny Mendelssohn182

März 1829

[Fanny an Klingemann, 22. März 1829:] Heine ist hier und gefällt mir gar nicht; er ziert sich. Wenn er sich gehen ließe, müßte er der liebenswürdigste ungezogene Mensch sein, der je über die Schnur hieb; wenn er sich im Ernst zusammennähme, würde ihm der Ernst auch wohl anstehen, denn er hat ihn, aber er ziert sich sentimental, er ziert sich geziert, spricht ewig von sich und sieht dabei die Menschen an, ob sie ihn ansehen...

171. Adolf Bernhard Marx153

1829

... mit Heine fand ich mich zusammen und oft wanderten wir heimwärts, erst ich ihn zu seiner Wohnung, dann, rückkehrend er mich nach der meinen begleitend. Lebhaft steht mir noch das Bild des jungen, fein, ja elegant gebauten Mannes vor der Erinnerung, wie er sich einmal bei Mendelssohns von der einen Seite des Tisches in unnachahmlicher Grazie träger Müdigkeit und Abspannung nach der andern hinüberlehnte, wo Rebekka, die jüngste Tochter des Hauses, saß und zu ihr, die für seine Gedichte schwärmte, in gedehntem, gar nicht heimlichem Tone sprach: „Ich könnte Sie lieben!“ Rebekka wandte sich ab, ich weiß nicht, ob um ihr Lachen, oder ihren Mädchenzorn zu verbergen. Ihre Bestimmung hat sie später bekanntlich zu Lejeune Dirichlet geführt.

172. Rahel Varnhagen86

6. März 1829

[Rahel an Varnhagen, 7. März:] Gestern morgen war erst Heine, dann Gans bei mir. Ersterer, wie er war. Gans komplett liebenswürdig. Bloß um mich Lügen zu strafen: nun wird er wieder unleidlich sein.

173. Rahel Varnhagen86

11. März 1829

[Rahel an Varnhagen, Berlin:] Heine sehe ich fast nicht; er wälzt sich so in sich herum; sagt, er muß viel arbeiten; ist fast erstaunt, daß ihn so etwas Reelles, als des Vaters Tod, der Mutter Leid darüber, betraf; meint, er hätte außerordentlich mit diesem „herrlichen“ Vater harmoniert, sei ganz von ihm verstanden gewesen; und wohnt tief in die große Friedrichsstraße, über die Brücke hinweg, dem Klinikum und den Kasernen gegenüber – eine Art Festung – viel zu weit. Aussehen tut er gesünder; klagt beinah nicht wieder; aber es ist manche sonst vorüberfliegende Miene festgestellt zwischen seinen Zügen, die ihnen nicht wohltut; so im Munde ein Zerren, wenn er spricht, was ich sonst – auch schon – fast als eine kleine Grazie bemerkte, obgleich es nie schön Zeugnis gab. Glaube nicht, daß ich persönlich zu klagen habe; die Wahrnehmungen gewinnen nur, wenn sie zur Mitteilung gestaltet werden müssen, eine festere Form, als all dergleichen haben kann, und soll: im Leben selbst, fließt alles, wie sein großer Strom ...

Viertel auf zwei. Heine war hier, als ob er gekommen wäre zu bestätigen, was ich schrieb. Er ist so zerstört von des Vaters Tod. Ein anderer empfindet das nicht so: z. B. seine Geschwister. Er wollte gegen Goethe sprechen: ich mußte lächeln; es ging nicht. Er wollte Gans tadeln; es ging nicht. Er wollte Wit-Dörring loben; das machte ich ganz zuschanden, und ihn mit. Er wollte Lindners Schreiben tadeln: ich bewies ihm das Gegenteil. Lauter kurzgestellte Persönlichkeiten. Proben. Vor allem diesen las ich ihm Deinen Gruß, der machte ihn betreten: er dachte, es hätte Dir jemand etwas von ihm gesagt: da Du schriebst, er solle sich auf Dich verlassen usw. Das war der einzige Ernst bei ihm. Dabei rochen seine Stiefel nach Schuster, seine Kleider nach stockig. Also Fenster nach ihm aufsperren...

[Rahel an Varnhagen, 13. März:] Es ist sonderbar, daß Du mir in dem gestrigen [Brief] von Wit-Dörring geschrieben hast, und ich Dir vorgestern. Dieser fliegende stechende tolle Mistkäfer. Wir wollen dann auch nie wieder von ihm sprechen. Auch darum, weil ich nie mehr so gut ihn bezeichnen werde, als vorgestern für Heinen. (Welcher ihn auch bis zum besten deutschen politischen Schriftsteller hinauftrieb; denn nur er, Du und Gentz schrieben so; Lindner hätte keine Ideen. Auch von Heine wird es ganz verachtungswürdig, so, ohne Grund und Boden; und ohne alle Rechtschaffenheit, zu sprechen.)... Vorgestern abend sprach ich mit Mad. Cotta von Heines Besuch und Gespräch. Und da sagte mir die, fast zornig: in ihrer Gegenwart würde er sich nicht unterstehen, von dem Menschen so zu sprechen. Er hätte Heinen den offenbarsten Schaden getan. Plötzlich, durch seinen Umgang: und man beschuldige Heinen, ihm Materialien zu seinem Buche geliefert zu haben – ich glaube, ein zweites, neueres – das Ärgste, was sich sagen läßt. Heine – sag’ ich – wird sich immer von neuem besudlen; denn auch dem ist’s genug, ein Ärgernis zu geben; sollte er auch selbst, als kotiger Arlequin oder Henker, umherlaufen müssen. Glaube ja nicht, daß ich minütlich auf ihn aufgebracht bin. Auf meine Ehre nicht! Ich sehe ihn nur.

Michael Beer ist in französischen Blättern wegen seines Struensee gelobt, welcher übersetzt ist: da sagte Heine: „So lange er lebt, wird der unsterblich sein.“ Von der Bachschen Musik, die er vorgestern auch hörte, sagte er – sagte er, ist hier zu viel –, er hätte acht Groschen Profit dabei; einen Gulden kostete sie, und für einen Taler hätte er sich ennuyiert. Sehr gut das erste auch. Voilà ce que vous me demandez; de ses bonmots! [im Brief vom 8. März]. – Auch ich hatte Langeweile in dieser Musik.

[Das Wort über Beer „Solange er lebt“ usw. war offenbar ein stereotyper Witz Heines; er richtete ihn bald darauf gegen Platen in den „Bädern von Lucca“, Kap. XI, und später gegen Meyerbeer, vgl. „Lutetia“ vom 20. April 1841. – Mit dem politischen Abenteurer Wit von Dörring hatte Heine in München viel verkehrt; 1827 begannen Wits „Fragmente aus meinem Leben und meiner Zeit“ zu erscheinen, in denen auch Dr. Lindner, mit dem Heine in München die „Neuen politischen Annalen“ herausgab, eine Rolle spielte. Lindner polemisierte gegen Wit im „Ausland“. Das Buch Wits, von dem Rahel spricht, ist eine ebenfalls 1827 erschienene Verteidigungsschrift für den Herzog von Braunschweig, den „Diamantenherzog“. Genaueres über Wit enthält mein Vor- und Nachwort zu der Neuausgabe der Witschen Memoiren: „Der Lebensroman des Wit von Dörring“, Leipzig 1912.]

174. Maria Embden-Heine88

1829

Als Heine in Berlin studierte, kam er eines Tages zu spät zum Mittagessen; er entschuldigte sich folgendermaßen bei der Hausfrau: „Ich wurde leider wider meinen Willen aufgehalten; ich komme von Gans (Professor Gans in Berlin, Herausgeber des Rheinischen Erbrechts), wo ich aber nur die Köchin vorfand, mit der ich mich zankte, weil sie soviel über Gans und sein Erbrecht zu tadeln hatte.“

[Als Heine in Berlin studierte, 1821–23, war Gans noch nicht Professor, das wurde er erst nach seiner Taufe 1825; das Scherzwort kann also erst 1829 gefallen sein. Das Hauptwerk von Gans, „Das Erbrecht in weltgeschichtlicher Entwicklung“, erschien in vier Bänden 1824–35.]

175. Rahel Varnhagen86

13. März 1829

[Rahel an Varnhagen, Berlin, 15. März:] Von Heinen – wollte ich Dir eben schreiben. Das Resumé, was ich heraus habe, ist und bleibt sein großes Talent: welches aber auch in ihm reifen muß, sonst wird’s inhaltsleer und höhlt zur Manier aus. Aber begründete Kritik hat er nicht; weil ihm in der Tiefe der Ernst, und das höchste Interesse fehlt; welches allein Zusammenhang, und zusammenhängenden Überblick gewährt. Er kann sich, und Goethen, seinen, und dessen Ruhm verwechseln: denkt überhaupt an Ruhm! – kann Dich, Gentz, und den Lump [Wit von Dörring] zusammennennen. Denkt überhaupt, was ihm entschlüpft, was er sagen mag, ist für die Menschen gut genug. Hat klätrige Geschichten – auch daher –, die er verschweigt und deren Lücken ihn in das größte Unbehagen versetzen. Will noch immer ausziehen, sucht Quartiere; will nach Potsdam, Freienwalde usw. Vorgestern kam er schon um halb 7 zu mir. Ich nahm ihn, ohnerachtet der Stunde, doch an: weil ich mich nicht mit Lesen quälen wollte; und Ludwigs und Moritzens [Robert] bestellt hatte. Er sprach und sprach; und zeigte sich mir, wie ich ihn Dir nur schildere. Rike [Robert] kam um acht.

Wir sprachen alle viel. Einer oft à tout hasard: welches er aber doch noch anders meinen muß; ich nur, wenn es mit mir durchlief, wegen damaligem Hustenkrampf. Die Rede kam auf Fräulein von Schätzels Auswärtsstehen. Rike erwähnte die ägyptischen Bildwerke. Ich nahm ihre steifen Haltungen in größten Schutz: ein Strom ergoß sich aus mir – ein längst zurückgedämmter – ich erwies, die Natur im Vaguen, und alles, was die versucht und zu tun gezwungen ist, aus lauter nur für sie geltenden Gründen nachahmen zu wollen, sei durchaus falsch, und daher untunlich; in eine menschliche Schranke müsse Kunst sich engen; in einen solchen, für den höchsten gehaltenen Menschenzustand; in Beschränkung, in Grenze ihre Einwilligung geben, das allein sei ihre Freiheit; und so seien der Ägyptier Stellungen eine Art Bild ihres geselligen Daseins; nicht arbeitend, nicht strebend, nicht noch bewegt. Der Gegensatz davon sei der Wiener Walzer; der oft so unsinnig angebracht schiene, nach jedem ernsten Kampf oft; mir aber immer guten Eindruck mache und gefalle – ohne daß ich lange den Grund deutlich gewußt – so wie ein Leid, ein Kampf, eine Verwirrung, ein Vollbrachtes geschehen sei: gewalzt! Was will der Mensch mehr. Schweben, Leben, Sein, Fertigsein! Heine schlug über die Fauteuil-Lehne, blutrot, ganz weg vor Lachen; er brach wider Willen aus. „Tollheit!“ schrie er, „toll, ganz toll; o wie toll! Tollheit, nein, das ist rasend: solcher Unsinn ward noch nicht gesagt“: und so blieb er lachend. Sowie er wieder zu sich war, war es reinster, lichter Neid. Ich sagte ihm auch: „Den Unsinn möchten Sie gemacht haben.“ Ich lachte auch. Die letzte Hälfte, die vom Walzer, mußte ich ihm erklären: er frug ganz ernsthaft; und fand es dann sehr gut. Aber dies Lachen! So natürlich sah ich ihn nie... Um neun Uhr ging Heine.

[Varnhagen antwortete am 16. März:] Deine Nachrichten in betreff Heines könnten günstiger lauten, ich hatte sie in der Tat besser gehofft. Hier sind nun so viele und reiche Anlagen, aber die Natur hat doch in der Hast einige wesentliche Zutaten verabsäumt, und nun gehen da die glänzend beleuchteten Mängel herum! Für Heine gibt es nur ein Heil, er muß Wahrheitsboden gewinnen, auf dem innerlich ganz fest gegründet sein, dann mag er sein Talent in der Welt auf die Streife schicken, um Beute zu holen und Mutwillen zu üben; hat er aber jene Burg nicht im Hinterhalt, so wird er bald gar keine Stätte haben, kann seinen Gewinn gar nicht lassen, muß ihn und sich nach Umständen in die Schanze schlagen, wird endlich als gemeiner Ruhestörer auf Steckbriefe eingefangen, und nimmt ein jämmerliches Ende! Warne ihn, wenn er noch hören will. Ja, ja, es ist schwer, in der Welt so durchzukommen, körperlich, geistig, sittlich, daß man mit Ehren vor der Natur bestehen kann, denn vor Gott und Menschen ist es noch was anderes! Ich grüße ihn doch bestens, und er kann auf mich zählen; z. B. neulich [13. März] wollte Schlegel, dem er öffentlich gehuldigt hat, aus Sicherheit und Feigheit an der Tafel der Kurfürstin jene Huldigung lieber verwerfen und den ganzen Mann fahren lassen, ich litt es aber nicht.

[Nächste Antwort Varnhagens vom 22. März]: Das Benehmen Heines... spricht nicht für ihn, ich hätte ihn weiter – schneller oder reifer – geglaubt, und daß er den Neid für das Tolle, Tollgeglaubte, hatte, mehr als für das nachher Vernünftiggefundene, ist auch nicht schön. Jetzt ist es geschrieben – ich hab’ ihn, sagt Hamlet, als er die passende Sentenz in seine Schreibtafel angemerkt – und Du wirst schon recht bekommen ... Die Witzworte von Heine sind artig, doch nur wie in Werkeltagskleidern, er kann besseren Staat machen...

Wie kann Heine diesen Großmeister der deutschen Schreibekunst [Gentz] mit dem elenden Jungen [Wit von Dörring] vergleichen, den ich hier gar nicht nennen will! In betreff meiner dürfte er sich eher solchem Irrtum hingeben, ich bin so viel jünger, näher; aber arg ist es auch. Frau von Cotta freut mich, eine solche heitere Seele hat auch einen richtigen Blick, denn sie ist ja aus tiefer Richtigkeit heiter.

176. Varnhagen von Ense177

1829

[Varnhagens Tagebuch, 8. Oktober 1853:] Der Einfluß von Rahel und mir auf Heine bestand nur einzig darin, seinen Ernst zu stärken und seine Scherzausbrüche zu mäßigen, und darin hat besonders Rahel viel getan, wenn es auch manchen wenig merkbar sein kann, denn allerdings blieb er immer noch zu scharf und wild.

177. Rahel Varnhagen86

23. März 1829

[Rahel an Varnhagen, Berlin, 24. März:] Gestern... vormittag Mad. Dangeville, Heine; nachher Moritz [Robert]... Alle, alle grüßen. Geschwister. Heine...

178. Varnhagen von Ense102

29. März 1829

[Tagebuch:] Herr Dr. Heine bei mir. – Herr Freiherr von Cotta bei mir.

179. Varnhagen von Ense102

20. April 1829

[Tagebuch:] Dr. Gans, Dr. Heine... haben mir durch ihre Erscheinung und ihr Bezeigen am meisten wohlgetan. [Rahel war damals gefährlich erkrankt; ein prächtiger Rosenstrauch, den Heine sandte, erweckte in der Kranken „die ersten Empfindungen eines heilvollen Übergangs“, vgl. „Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde“, Berlin, 1834, III, 384.]

180. Heinrich Stieglitz12

April/Mai 1829

Mit dem erwachenden Frühling ein Ausflug nach Potsdam, wo acht glückliche Tage gelebt wurden. Dort weilte in ländlicher Zurückgezogenheit damals H. Heine, der sich uns [Stieglitz und seiner jungen Gattin Charlotte] freundlich anschloß und vielfältig mit uns die umliegenden Hügel besuchte. – Heine schrieb damals gerade den dritten Band seiner Reisebilder, welcher die nicht immer saubere Polemik gegen Platen enthält. – „Ich bitte Sie um Gottes willen, schöne Frau,“ sagte er eines Tages mit liebenswürdiger Selbstironie, „lesen Sie niemals das abscheuliche Zeug, das ich jetzt schreibe.“

181. Max Heine70

Mai 1829

Während unseres Aufenthalts in Berlin besuchte mein Bruder Heinrich und ich oft das gastliche Haus von Varnhagen von Ense, wo die Sommitäten in der Wissenschaft sich gern um die berühmte Wirtin, die unvergleichliche Rahel, scharten.

„Haben Sie Heinrich Stieglitz kürzlich gesehen?“ fragte eines Abends Varnhagen meinen Bruder.

„Seit längerer Zeit nicht.“

„So kann ich Ihnen seine Adresse geben, er hält sich jetzt in Potsdam auf.“

Auf dem Rückwege von Varnhagen nach Hause sagte mir mein Bruder: „Morgen früh um zehn Uhr fahren wir nach Potsdam, besuchen Heinrich Stieglitz, und du wirst seine sehr interessante Frau kennenlernen.“

So geschah es. Nach dreistündiger staubiger Fahrt, wozu man heutigentags kaum eine Stunde braucht, aßen wir in einem Potsdamer Hotel zu Mittag (eine Angelegenheit, die der gesunde Heinrich Heine sehr ungern verzögerte), besuchten dann Stieglitz und seine Frau, die in einem Gartenhause sehr einfach, aber angenehm wohnten.

Wir fanden eine sehr herzliche Aufnahme, und Charlotte Stieglitz ließ es sich nicht nehmen, uns einen wohlschmeckenden Kaffee vorzusetzen... Ich weiß nicht, wie es kam, die lebhafte Unterhaltung berührte auch den Heroismus der Frauen in der französischen Revolution.

„Mit dem Schlusse des vorigen Jahrhunderts“, rief Stieglitz aus, „sind die tatvollen großen Frauencharaktere verschwunden, und die Weiber sind hervorgetreten.“

„Sie meinen doch nicht die Berliner Waschweiber?“ unterbrach ihn lachend Heine.

Da verfinsterten sich plötzlich die so schönen Gesichtszüge Charlottens, sie wandte sich rasch zu ihrem Manne um, legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte mit einem mir unvergeßlichen Ausdrucke ihrer Stimme: „Also du meinst wirklich, es gibt heutzutage keine Frauen mehr wie jene Römerin, die Arria, welche ihrem Manne den blutenden Dolch wie eine Bonbonniere präsentierte.“

„ Jedenfalls“, setzte Heine scherzend hinzu, „gehörte er mehr zu den Weibern.“ Es wurde darauf noch vieles über Literatur und hervorragende Persönlichkeiten Berlins gesprochen, und abends fuhren wir nach Berlin zurück...

Auf dem Rückwege sprachen wir nur von dem Ehepaar, und da brach mein Bruder in die prophetischen Worte aus: „Weißt du, Max, die sind nicht glücklich zusammen, die zanken nicht miteinander, sondern hadern mit dem Schicksal; das ist die schlechteste Sorte von Verdruß, und ich sage dir, entweder er wird verrückt, oder sie begeht einen Selbstmord.“

Leider hat die Zeit die Wahrheit dieser Worte bestätigt; noch heute gedenke ich des Schreckens, als die Trauerkunde durch ganz Deutschland flog: Charlotte Stieglitz hat sich ermordet, um ihren geliebten Mann, den von ihr überschätzten Dichter, von den Fesseln der Ehe zu befreien, und um durch ein erschütterndes Ereignis, durch einen großen Schmerz den wahnvollen Geist zu neuem Aufschwung zurückzuführen.

[Max Heines Erinnerung ist unzuverlässig: Heine wohnte von Mitte April bis Ende Juni in Potsdam, und Heinrich Stieglitz nebst Gattin besuchten ihn dort. Von diesem Aufenthalt in Potsdam erzählt Heine selbst, mit starker, dichterischer Freiheit, in den „Florentinischen Nächten“ (Erste Nacht); er erwähnt hier auch den Bruder, der „zufällig“ in diese Potsdamer Idylle eingebrochen sei und dem er „nicht ausweichen“ konnte. Auch der erste der Briefe „Über die französische Bühne“ knüpft an den Aufenthalt in Potsdam an.]

182. Julius Campe83

Anfang Juni 1829

[Campe an Karl Immermann, Hamburg, 12. Juni:] Der dritte Reisebilderband ist der Vollendung nahe, und Heine meinte, der Graf [Platen] wäre ihm eben so gekommen, wie ein Wild bei der Treibjagd die Reihe der Schützen passiert; er würde ihm gehörig auf den Pelz brennen. Während meiner kurzen Anwesenheit [in Potsdam] hatte er nicht Zeit, die Lektüre [des „Romantischen Oedipus“, den ihm Campe gebracht hatte] zu vollenden, denn wir waren meistens beisammen und hatten besseres zu tun, wie Platensche Misere zu verarbeiten; daher kenne ich den ganzen Eindruck nicht, den er auf H. gemacht hat, aber soviel ist mir klar geworden, daß er sich darüber und die Infamie, die so sehr nach Erbärmlichkeit schmeckt, sehr verletzt fühlte, und besonders Ihretwegen...

183. Varnhagen von Ense103

Mai 1829

Heine wohnte im Sommer 1829 eine Zeitlang in Potsdam, kam aber oft nach Berlin und besuchte seine Bekannten. Eines Abends kam er mit Gans aus dem Tiergarten zu Mendelssohn-Bartholdys und erzählte unter anderem: „Wir haben unterwegs uns Nelken gekauft, ich habe die meinigen zerpflückt und ins Wasser geworfen, und Gans hat“ – mit müdem, wehmütigem Tone sprach er das weiter – „die seinigen gegessen!“ Dieser Vortrag, wie ein kleines Gedicht abgerundet und geschlossen, so bezeichnend für die Unarten von Gans, wirkte wie ein Zauberschlag, und die ganze Gesellschaft war außer sich vor Vergnügen.

[Von einem Besuch in Berlin berichtet Heines undatierter Brief an Friederike Robert (Hirth Nr. 228); sehr oft scheint er aber Berlin nicht aufgesucht zu haben, er lebte in Potsdam „wie Robinson auf seiner Insel“.]

184. Heinrich Stieglitz12

Juli 1829

Das Ministerium des Kultus, das, um mich nicht dem Unterrichtsfache zu entziehen, bisher immer gezögert hatte, meine Anstellung bei der Königlichen Bibliothek als eine definitive zu erklären, hatte endlich... die seither monatlich zugeflossenen Diäten in einen festen Jahresgehalt verwandelt... Da nunmehr bei unsern bescheidenen Anforderungen an das äußere Leben sich ein naher Zeitpunkt feststellen ließ zu dauernder Vereinigung, so durfte um so eher die eigentlich bis zur Hochzeit gestellte Frist des Wiedersehens [mit Charlotte] abgekürzt und ein Ausflug nach Leipzig unternommen werden... So brachten denn die Osterferien... acht Tage eines reinen ungetrübten Glückes. Wie beseligend diese schöne Zeit auf mich gewirkt, davon zeugt das nach der Rückkehr... gesungene Frühlingsfest in Kaschmir, unstreitig die glänzendste und glühendste Partie der „Bilder des Orients“, an welcher auch H. Heine, der sie bei einem Besuch im Sommer 1829 im Manuskript kennenlernte, sich ganz besonders erfreute.

185. Rebekka Dirichlet geb. Mendelssohn111

Sommer 1829

[Aufzeichnung Varnhagens:] Die Professorin Dirichlet erzählte mit vielem Wohlgefallen, wie einst, im Sommer 1829, Heinrich Heine zu ihnen – der Familie Mendelssohn-Bartholdy – gegen Abend in den Garten gekommen sei, auf den Stufen des Gartensaales vor dem Hinabschreiten sich in den Anblick gleichsam verloren und ihnen, den etwas tiefer und ferner Sitzenden, mit Entzücken zugerufen habe, welche Eindrücke er empfangen, wie schön sie umgeben seien, wie leicht es ihnen da werde, liebenswürdig zu sein; die hohen Bäume, das frische Gras, die duftenden Blumen, das Blau der Luft und die Wolken, die Gruppierung des Einzelnen und den Zusammenhang des Ganzen habe er so ganz wahr und so durchaus schön bezeichnet, daß es ein herrliches Gedicht geworden, so herrlich wie irgendeines seiner geschriebenen. Dann erst sei er zu ihnen herabgeschritten und habe freundlich weitergesprochen. Leider seien die Worte, aus dem Stegreif gesagt, in die Lüfte verflogen, und niemand habe sie festgehalten, er selbst am wenigsten.

Berlin, den 15. Juni 1847. In demselben Garten.

186. Max Heine70

Ende Juli 1829?

Auf einer Reise von Berlin nach Hamburg begleitete ich meinen Bruder. Wir fuhren mit einem Lohnkutscher und konnten demnach unsere Reisestationen nach Willkür einteilen. Am zweiten Reisetage gegen Mittag fühlte sich mein Bruder sehr unwohl; wir beschlossen sofort, in der nächsten kleinen Stadt haltzumachen und zu nächtigen. „Lieber Max,“ sagte mein Bruder zu mir, „ich fühle mich sehr aufgeregt, verschreibe mir etwas.“

Ich erfüllte sofort seinen Wunsch und verschrieb eine beruhigende Arznei, die ich mit Mandelsirup versetzen ließ. Die Medizin sah demnach ganz weiß aus.

Als Heinrich den ersten Löffel eingoß, sagte er: „Zu dir habe ich volles Vertrauen; ich sehe, du bist kein Brownianer.“

Zur näheren Erklärung diene, daß mein Bruder oft braun aussehende Mixturen eingenommen hatte, die ihm sehr zuwider waren.

Bekanntlich war John Brown der Gründer des nach seinem Namen benannten Brownianismus, eines Systems, das, auf falsche Grundsätze basiert, viel Unheil in der Arzneiwissenschaft angerichtet und leider vielen Menschen das Leben gekostet hat.

187. Ferdinand Meyer147

August/September 1829

Als ich im Jahre 1829 das Seebad in Helgoland gebrauchte, lernte ich daselbst Heinrich Heine kennen, der, nach erfolglosen Versuchen im Süden, sein schon damals sehr zerrüttetes Nervensystem durch den mächtigen Wellenschlag der Nordsee wiederherzustellen hoffte. – Obgleich unsere politischen und religiösen Ansichten sich schnurstracks entgegenstanden, so fühlten wir uns dennoch sehr bald zueinander hingezogen; und da es uns nie an anderm Stoff zur Unterhaltung fehlte, so war es uns ein Leichtes, Gespräche, die auf jenes Feld führten, zu vermeiden – ich muß gestehen, daß Heines sprudelnder Witz, der an manchen komischen Gestalten, die sich zur Zeit in Helgoland aufhielten, reiche Nahrung fand, sowie seine jüngst zuvor erschienenen Reisebilder, ganz besonders aber sein Buch der Lieder, einen eigenen Zauber auf mich ausübten, so daß ich seinen Umgang jedem andern vorzog. – Daß Heine mich besonders liebgewonnen hatte, mochte wohl daher kommen, daß ich mich gleich zu Anfang unserer Bekanntschaft erboten hatte, ihm bei einem Pistolenduell mit einem Herrn N. aus Hamburg, den er durch seinen beißenden Witz beleidigt hatte, zu sekundieren. – Aus dem Duell wurde indes nichts, wir aber waren dadurch Freunde geworden.

Die Veranlassung zum Duell war folgende: Heine, der mit Herrn N. in demselben Hause wohnte, hatte diesem, der ohne Reisegepäck, nur auf kurze Zeit, nach Helgoland gekommen war, seinen Frack geliehen, um der damals gefeierten Sängerin S. aus Hamburg, die ebenfalls in Helgoland badete, einen Besuch zu machen. Vor Herrn N.s Ankunft hatte Heine der S. den Hof gemacht, sich nachher aber von ihr zurückgezogen; wogegen N. alsbald ihr eifrigster Verehrer wurde. Als die S. bei Gelegenheit, wo die Geschichte des geliehenen Fracks zur Sprache kam, darüber scherzte, daß sich die Herren einen Frack in Kompagnie hielten, antwortete Heine sehr beißend, er pflege es so zu halten, daß Herr N. das aufnehme, was er, der Heine, ablege. – Hierauf blieb nun freilich dem N. nichts anderes übrig, als Heine zu fordern. – Ich weiß nicht mehr genau, wie sich die Sache ausglich, doch ist es mir erinnerlich, daß Heine die Lacher auf seiner Seite behielt.

[Im Sommer 1830 verkehrte Heine ebenfalls in Helgoland mit zwei Sängerinnen aus Hamburg, Wilhelmine Schröder-Devrient und Fräulein Siebert; die Namen nennt sein Brief an Charlotte (Hirth, Nr. 279). Eine von beiden mag auch für den Sommer 1829 in Betracht kommen.]

188. Johann Peter Lyser195

Anfang August 1829

Von dem Eindruck..., welchen der „Oedipus“ auf Heine machte, war ich Augenzeuge. Es war an einem schönen, sonnenlichten Morgen, als Heine unbefangen und in der besten Laune in Campes Laden trat, wo ich mich schon befand. Campe hatte das Buch den Tag vorher erhalten und sich eine Szene angemerkt, wo Jammermann (Immermann) von seinem Freunde sagt: „Und seine Küsse hauchen Knoblauchsduft.“ Ich kannte das Buch noch gar nicht, wußte nichts von Heines Zerwürfnis mit Platen, hatte aber herzlich über die „verhängnisvolle Gabel“ gelacht. Das benützte Campe boshafterweise, wie es seine Art mit seinen besten Freunden ist, und ersuchte mich, Heinen die angemerkte Szene vorzulesen.

Ich las ganz unbefangen, und da ich nicht vom Buche aufblickte, konnte ich auch nicht sehen, daß Heine – wie Campe mir später sagte – erst glühendrot und dann totenbleich wurde; als ich aber an die Stelle von den Knoblauchküssen kam, riß er mir das Buch aus der Hand und stürzte wie toll aus dem Laden. Campe lachte und sagte mir jetzt, worum es sich handle, worüber ich so böse wurde, daß ich meinen Herrn Verleger beinahe in seinem eigenen Laden derb geschüttelt hätte! Ich verließ ebenfalls das Lokal, und Campe nahm sich später sehr mit mir in acht, wenn ihm die Lust ankam, wieder jemand zu ärgern.

Am Morgen des zweiten Tages kam Heine zu mir, dem Anscheine nach ganz ruhig, doch merkte ich wohl, wie es in ihm gärte. „Haben Sie das ganze Buch gelesen?“ fragte er mich.

„Nein.“

„So lesen Sie es“, er warf es auf den Tisch und ging. Ich las den „Modernen Oedipus“ [sic!] und begriff nicht recht, wie Heine über dieses plumpe und dabei herzlich matte Pasquill so außer sich hatte geraten können. Ich sagte ihm dies ganz ehrlich – aber Heine hatte dafür keine Ohren und erwiderte bloß: „Was wetten Sie, ich ärgere den Platen noch tot.“

Als ich Campe das wiedererzählte, sagte er: „Wenn Heine das gesagt hat, so hält er auch Wort, denn er haßt unversöhnlich.“ Und Heine begann schon in den nächsten Tagen die famose zweite Abteilung des dritten Reisebilderteils. Er hätte es gern gesehen, wenn Campe dazu einige Karikaturen von mir gegeben hätte, und er teilte mir seine Ideen deshalb mit, es kam aber nicht zur Ausführung...

Heine hatte sich so geärgert, daß er wirklich unwohl wurde; er schämte sich, in Hamburg über die Straße zu gehen, und als ihm gar sein Onkel, Salomon Heine, sagte: „Aber, ohne Schmeichelei, Henry, der Platen hat dir gut getrefft“, war für ihn kein Haltens mehr in Hamburg, und er ging nach Helgoland, wo er den dritten Reisebilderband vollendete, der dann im Herbst erschien.

Unterdes hatte sich auch Immermann gerührt und seinen „im Irrgarten der Lyrik herumtaumelnden Kavalier“ erscheinen lassen; Heine schrieb mir darüber von Helgoland: „Einiges ist wunderschön in dem Buche, aber viel zu zart und poetisch! – Auf diesen groben, gräflichen Klotz gehört der gröbste Keil.“ – Campe rieb sich darüber die Hände und meinte, das wird eine schöne Hetze werden.

[Lyser gehört zu den peinlichen „Zeitgenossen“, die Unterhaltungen und Begegnungen mit berühmten Leuten zu erdichten pflegen, um interessante Feuilletons verkaufen zu können, und er besaß darin eine erstaunliche Gewandtheit: die Monographie von F. Hirth, „Johann Peter Lyser. Der Dichter, Maler, Musiker“ (1911) gibt darüber reiche Auskunft. Auch seine in zahllosen Artikeln, Novellen, Skizzen usw. verstreuten Erinnerungen an Heine gehören meist ins Reich der Fabel. Ich teile daher hier nur einige Proben davon mit, die wenigstens eine gewisse Wahrheitsmöglichkeit zu besitzen scheinen. Dazu gehört vielleicht diese Szene in Campes Laden, die sich Ende Juli oder in den ersten Tagen des August zugetragen haben müßte; Heine war von Berlin nach Hamburg zurückgekehrt, blieb aber hier nur kurze Zeit; am 6. August war er schon in Helgoland. In diesen Tagen scheint Lyser den Dichter der „Reisebilder“ durch Campe kennengelernt zu haben. In dem berühmten Kapitel XI der „Bäder von Lucca“ sagt Heine, daß er Platens „Romantischen Oedipus“ erst auf Helgoland gelesen, das „ungeheure Geschöpf“ aber schon zwei Monate vorher in „Norddeutschland“ erhalten habe. Dazu stimmt Campes Mitteilung (vgl. oben Nr. 182), daß er bei seinem Besuch in Potsdam das Buch mitgebracht habe. Möglich, daß Heine es damals nur durchblätterte, obgleich seine scherzhafte Äußerung zu Moser am 15. Juni aus Potsdam, Platens „Oedipus“ sei gegen Moser gerichtet, schon auf eine gewisse Bekanntschaft mit dem Inhalt schließen läßt. Man darf demnach auch Heines eigene Angaben nicht allzu wörtlich nehmen, so daß irgendeine Unterhaltung über Platens Angriff in Campes Buchladen, wenn auch kaum in der von Lyser geschilderten Form, nicht unbedingt abzulehnen ist.]

189. Julius Campe88

Ende September 1829

[Campe an Karl Immermann, Hamburg, 25. September:] Seit drei Tagen ist H. [Heine] hier: in elf Tagen geht der dritte Reisebilderband in die Druckerei und wird bestimmt im November fertig. P1. [Platen] wird von H. nicht so milde behandelt, wie Sie es getan. Diese Abteilung, Platen betreffend, wird Ihnen dediziert werden. H. hat eine Menge kindischer Ängstlichkeiten, daß über seine Äußerung – im voraus gesprochen würde, so daß ich im Ärger darüber zu dem Entschluß kam, nicht einen Buchstaben des Manuskriptes lesen zu wollen, daher kann ich Ihnen nichts daraus mitteilen. Was er und einer seiner Freunde mir mündlich mitteilten, so berechtigt das zu großen Erwartungen.

[Heine blieb von Ende September 1829 bis Frühjahr 1831 in Hamburg; der Abschluß der „Bäder von Lucca“ beschäftigte ihn noch bis zum 16. November; Band 3 der „Reisebilder“ erschien daher erst Ende Dezember.]

190. Adolf Strodtmann194

1829

Salomon Heine fühlte sich aufs ergötzlichste divertiert durch das drollige Zerrbild seines Rivalen [Gumpel], das sein Neffe in den „Bädern von Lucca“ aller Welt vor Augen gestellt. Das Original des Hyazinth war ein armer Lotteriebote, dessen fremdklingender Name Isaak Rocamora auf Heine einen so belustigenden Eindruck machte, daß er ausrief: „Rocamora! Reizender Buchtitel! Ehe ich sterbe, schreibe ich ein Gedicht ‚Rocamora‘!“

191. August Lewald1

Herbst 1829

Ich hatte nach dieser ersten Entrevue* [im Oktober 1827] Heine lange nicht gesehen, als er mich einst aus meinem Nachmittagsschlummer aufweckte. Ich war überrascht. Er kam, wie er mir sagte, meine Wohnung kennenzulernen, um sie zu mieten, wenn sie ihm konvenierte*, da er gehört hatte, daß ich sie verlassen wollte. Sie war ihm aber zu geräuschvoll, wie er sich bald überzeugte. Er litte sehr an den Kopfnerven, sagte er, und deshalb müsse es stets ganz still um ihn sein.

Dieses Kopfnervenleiden ist von vielen in Zweifel gezogen worden; man sagt, er kokettiere damit, und sein: „Ach! ich bin sehr krank!“, womit er jedes Gespräch anfängt, habe eigentlich nichts zu bedeuten. Damen wollen sogar behaupten, es geschähe bloß, um dabei mit der Hand an die Stirne zu fahren, und so diese feine, weiße Hand bemerken zu lassen, worauf sich der Dichter nicht wenig einbilde. Ich will der letzteren Behauptung nicht geradezu widersprechen...

Ich glaube an Heines Kopfleiden. Seine Konstitution ist schwächlich; er wird oft plötzlich glühend rot, ohne äußere Veranlassung; er ist fast immer in einem gereizten Zustande; seine Art zu leben kann eben nicht für Leute, die ihre Gesundheit sehr in acht zu nehmen haben, zur Nachahmung empfohlen werden. Heine schlief mehrmals bei mir, und nicht nur die Uhr in seinem Schlafzimmer mußte dann entfernt, sondern selbst die im Nebenzimmer gänzlich zum Schweigen gebracht werden. Dies Ticktack und Schlagen hätte ihn so stark angegriffen, wie er versicherte, daß er am andern Morgen das stärkste Kopfweh gehabt haben würde...

Heines erster Besuch war nur kurz, aber dennoch erfreute er mich. Es lag viel Schmeichelhaftes für mich darin, wie dieser ausgezeichnete Mensch* mich aufgesucht hatte; es war mir augenscheinlich, daß er mit mir in nähere Berührung zu kommen wünschte.

Ich sah ihn von nun an öfter in Hamburg; er gefiel sich so gut in meinem Hause, daß er mir bald täglich seinen Besuch machte.

Er forderte mich auf, mehrere Novellen, die ich in früherer Zeit verfaßt hatte und die in der Abendzeitung, im Morgenblatte und an andern Orten abgedruckt waren, zu sammeln und herauszugeben. Er interessierte sich auf das freundschaftlichste dafür und sprach mit seinem Verleger Julius Campe, der sie annahm.

Ich habe es ihm oft lachend gesagt: „Er lade den Fluch der Lesewelt auf sich, wenn ich nun nach und nach, gleich andern Novellisten, so ein fünfzig Bändchen zutage fördern sollte.“ Dem ersten Bande Novellen, der die ältern enthielt, folgte bald der zweite. Die fünf, die ihn füllten, wurden schnell hintereinander geschrieben, und Heine nahm sich die Mühe, sie im Manuskripte, mit dem Bleistifte in der Hand, zu lesen und mir seine Bemerkungen darüber mitzuteilen. Die Begebenheiten in Polen forderten mich auf, mehrere Erlebnisse aus jenem Lande zu Papier zu bringen und unter dem Titel „Warschau“ herauszugeben. Auch dieses Manuskript sah Heine durch. „Das ist keine Novelle,“ sagte er, „Sie müssen es anders nennen.“ Und er erfand den Namen „Zeitbild“ dafür, wie er früher „Reisebilder“ erfunden hatte und wie er später „Zustände“ erfand. Diese Benennungen haben seitdem alle das Bürgerrecht erhalten.

[Nach Erscheinen der „Novellen“ empfahl Heine das Buch Lewalds warm an Menzel (9. Dezember 1830), obgleich er mit diesem kaum noch freundschaftlich stand, und in einem Brief an W. Alexis (17. Januar 1831) stellt er Lewald das Prognostikon, „daß er einst in seinem Fache zu den beliebtesten Schriftstellern gehören werde.“]

192. August Lewald1

Anfang 1830

Heine... erfuhr in Italien den Tod seines Vaters, der plötzlich [2. Dezember 1828] erfolgte, und sogleich reiste er nach Hause, alles im Stiche lassend, weil er nun glaubte, „daß seine Mutter auch sterben müsse“, wie er mir sagte. Sein Vater war ein unglücklicher Mann, erzählte er mir einst, dem es sein ganzes Leben mit nichts recht glücken wollte.

Heine lebte in Hamburg ohne öffentliche Anerkennung. Seine Werke wurden verschlungen, aber um ihn kümmerte man sich nicht. Desto ungenierter* konnte er leben. Er hatte wenig Umgang. Nächst seiner Schwester besuchte er wohl mich am häufigsten. Nachmittags sah man ihn zuweilen in einem Zirkel, der sich bei dem Schauspieler Forst zu versammeln pflegte und aus den heterogensten Elementen bestand. Einige Mitglieder des Stadttheaters, Cornet, Jost, Emil Devrient, einige junge Advokaten und Mediziner, der Lustspieldichter Töpfer und ich waren dabei. Es wurde gewöhnlich bis zum Anfang des Theaters gespielt. Heine sah zu; er spielte niemals mit. Später besuchte er gern den Salon von Peter Ahrends, wie man jene berüchtigten Bälle in Hamburg zu nennen pflegt, die jeden Abend stattfinden. „Man nennt mich in Berlin den Salondemagogen,“ sagte er lachend, „ohne jedoch zu wissen, wie richtig man mich damit bezeichnet. Ahrends Salon vereinigt die anständigste Gesellschaft. Ich finde da stets den feinsten, ungeniertesten Ton in Hamburg und sehr gute Geschöpfe.“

Vormittags sah man ihn bei seinem Verleger Campe; besonders wenn der Ballen aus Leipzig neue Journale brachte, die er dann durchflog. Er hatte Campe sehr gern. „Solange er noch so bleibt,“ pflegte er zu sagen, „bleibe ich bei ihm. Sie glauben indes nicht,“ fügte er dann lachend hinzu, „wie sehr er sich verändert hat. Ehe er nach Italien reiste, war er ein vortrefflicher Mensch.“

Campe war daran gewöhnt, über sich scherzen zu lassen und nahm es Heine vollends nicht übel.

„Der Börne kostet ihm zuviel“, sagte dieser, „und will noch immer nicht recht ziehen.“

„Aber Börne wird ziehen, wenn Sie längst vergessen sein werden“, gab dann Campe zurück.

„Das ist ein Unglück für ihn und für Sie,“ erwiderte Heine, „daß so lange darauf gewartet werden muß.“

Als Paganini in Hamburg war, interessierte es ihn sehr, ihn zu hören, jedoch nicht ohne Eifersucht schien er bei dem ungeheuren Aufsehen, das er machte. Wir aßen einige Male mit dem berühmten Virtuosen, und Heine beobachtete ihn genau; er schien damals mit dem Gedanken umzugehen, ihn zum Gegenstande einer Schilderung zu wählen. Später forderte er mich dazu auf, und ich sagte es ihm zu. Als ich dann aber nicht meinem Versprechen nachkam, machte er mir Vorwürfe darüber und sagte, er hätte ihn mir freundschaftlich überlassen wollen, und es wäre unrecht, daß ich ihn nun liegen ließe. Besonders verliebt schien er in den Begleiter Paganinis, einen bekannten Schriftsteller [Georg Harrys] aus Hannover, den er sich gar ergötzlich zu schildern vorgenommen hatte.

Solcher Scherze war er stets voll; sehr schnell ward er von einer Idee ergriffen und erfüllt, aber zur Ausführung kam es nie.

Einst gingen wir nach dem Stintfang. Auf dem Wege dahin stehen zwei Windmühlen. „Sehen Sie“, sagte Heine zu mir, „diese armen Geschöpfe, wie sie sich sehnen und doch nie Zusammenkommen können. Dieses hier ist der Mühlerich, der andere dort ist die Mühle. Ich werde einen Romanzenzyklus dieser Unglücklichen bekanntmachen.“

Ins Theater ging er nur selten. Er sprach mit mir davon, daß es ihn verdrieße, von den Direktoren nicht einmal den freien Eintritt erhalten zu haben, den sie einem jeden bewilligten, der in dem unbedeutendsten Blatte eine Korrespondenz einzuschmuggeln wußte. Er legte wahrlich keinen Wert darauf, aber es schien ihm erbärmlich von den Leuten. Er rächte sich jedoch nicht dafür, sondern tat des Hamburger Theaters niemals Erwähnung.

193. August Lewald1

Anfang 1830

Man hat in neuester Zeit so viel von den Nachahmern Heines gehört, und sie selbst haben wohl am meisten von sich gesprochen. Einer der Glücklichsten ist unstreitig Gaudy und, wie ich glaube, auch der erste. Er sandte [im Spätherbst 1829] seine Gedichte [„Erato“ 1829] in Heineschem Geschmacke diesem selbst, als er noch in Hamburg war, und Heine freute sich darüber und nannte sie gelungen. Unter der großen Zahl der übrigen, die größtenteils in Pommern und der Mark nisten, und die Gutzkow mit dem Namen der „pommerschen Dichterschule“ bezeichnet, ist mir kein einziger vorgekommen, der seinem Vorbilde auch nur im entferntesten gleichkäme.

[Heine erhielt Gaudys „Erato“ im Spätherbst 1829 und antwortete darauf im April 1830; der Brief ist verschollen; vgl. Gaudys Antwort vom 18. Mai 1830 und Heines Brief an Varnhagen vom 11. Juni 1830 (Hirth Nr. 273 und 274).]

194. Maria Embden-Heine74

1830

Sein nervöses Leiden vermehrte sich mit den Jahren; lautes Sprechen, Klavierspielen, jeder Lärm war ihm unangenehm und berührte ihn schmerzlich, sogar seiner Schwester, die ein angenehmes, klangvolles Organ besitzt, sagte er sehr oft: „Liebes Lottchen, schrei nicht so laut.“

Sein Gehör war so scharf, daß er im Bette, welches mit einem Wandschirm umgeben war, alles hörte, was man draußen sprach.

195. Ludolf Wienbarg49

Frühjahr 1830

Der Ursprung meiner persönlichen Bekanntschaft mit ihm [Heine] datiert etwas vor dem Ausbruch der Julirevolution, und noch eine geraume Zeit nachher bis zu unserer beiderseitigen Abreise genoß ich die Reize seines Umgangs, sei’s im Buchladen seines Verlegers, sei’s im sogenannten Damenpavillon auf dem alten Jungfernstiege, oder auf Spaziergängen und in seiner Wohnung. In wessen Erinnerung wird nicht das erste Zusammentreffen mit Heinrich Heine unvergeßlich sein?... Um aufrichtig zu sein, muß ich sagen, daß der Kreis, in dem ich lebte, nicht eben von Heine erbaut war. Man hielt ihn dort für einen ausgezeichneten dichterischen Jongleur, man zweifelte zumal an der Wahrheit seiner Empfindungen und Erlebnisse in bezug auf die Liebe, und es ging auf seine Kosten folgender boshafter [1828 im „Gesellschafter“ erschienene] Vers [von Wilhelm Neumann] um:

Den Gärtner ernährt sein Spaten,

Den Bettler sein hölzernes Bein,

Und ich, ich ernte Dukaten

Für meine Liebespein.

Ohne dergleichen Vorurteile in mich aufzunehmen, hielt ich mich an die poetische Totalwirkung, an die ganze Erscheinung des Dichters, die der damaligen Jugend allerdings neu, aber nicht unvorbereitet war. Mehr als man gewöhnlich in Anschlag bringt, war Goethes Faust in die gebildete Welt eingedrungen, für jede neue Schüler- und Studentenjugend eine poetische Bibel, die vom Trivialen fernhielt, hohe und trotzige Prometheusideen nährte und einer kecken Art, das Leben zu fassen und zu genießen, zugunsten sprach. Wohl waren mir aus jener Periode, die ich meine, geistig höhere und schwungvollere Gestalten im Leben bekannt geworden als Heinrich Heine; aber keiner, der durch dichterische Gaben und eminentes ästhetisches Bewußtsein dem Schöpfer des Faustgedichts näherstand, und der auf seinem Gebiet, das heißt auf einem minder ideellen, vom mannhaften Ringen mit den Problemen des Lebens und der Wissenschaft wenig Kunde gebenden, mehr Faust-Mephistopheles in seiner Person gewesen wäre als eben Heinrich Heine...

Unter dem Einfluß dieser Analyse hatte ich mir auch eine Vorstellung von seiner äußeren Person gebildet und war nicht eben überrascht, als die erste Begegnung statt einer feurigen, kräftigen, burschikosen mir eine feine, stille, vornehme, freundliche Gestalt vor Augen führte.

Damals war der Dichter, ohne mager zu sein, nichts weniger als fett, was er erst später, nach der Verdauung so vieler satyrischer Opfer und an der Seite seiner Mathilde wurde. Er trug sich sauber, doch einfach; Pretiosen habe ich nie an ihm gewahrt. Ein schönes, weiches, dunkelbraunes Haar umgab sein ovales, völlig glattes Gesicht, in welchem eine zarte Blässe vorherrschte. Zwischen den einander genäherten Wimpern seiner wohlgeschlitzten, mehr kleinen als großen Augen dämmerte für gewöhnlich ein etwas träumerischer Blick, der am meisten den Poeten verriet, in der Anregung drang ein heiteres, kluges Lächeln hindurch, in das sich auch wohl ein wenig Bosheit schlängeln konnte, doch ohne einen stechenden Ausdruck anzunehmen. Faunisches war nicht in ihm und an ihm. Die ziemlich schwache Nasenwurzel verriet, physiognomischen Grundsätzen zufolge, Mangel an Kraft, Großheit, auch mochte die mäßig gebogene Nase nach unten etwas schlaff abfallen. Die faltenlose Stirn leicht und schön gewölbt, die Lippen fein, das Kinn rundlich, doch nicht stark. Das „böse Zucken“ der Oberlippe war ihm offenbar nur eine Angewöhnung, kein Zeichen der Menschenverachtung und des Lebensüberdrusses... Sein Gang, seine Bewegungen waren in der Regel eher langsam als schnell... Dennoch widerfuhr es ihm mal, als er in Gesellschaft einer Dame über den Wall spazierte, von einem schnurrbärtigen, in eine Polonika gekleideten Herrn angerannt zu werden; statt Entschuldigung suchte dieser auf brutale Weise Streit mit ihm. Heine, der leicht den Argwohn faßte, als schickten ihm seine Feinde dergleichen Strolche auf den Hals, überreichte ihm stolz seine Karte und bat sich die seinige aus. Es war indes nicht so ritterlich gemeint. Auf der Polizei fand sich, daß der Mensch ein fremder Abenteurer war, auch mußte derselbe plötzlich Hamburg und das Gebiet verlassen. Heine erzählte mir die Geschichte auf der Stelle, wo sie passierte. Ich konnte ihm nur recht geben. Daß es ihm nicht an Mut fehle, war eine Versicherung, die häufig, auch in seinen Schriften, vorkam, wo er seiner Duelle in den Studentenjahren erwähnt.

196. Ludolf Wienbarg50

Frühjahr 1830

Im Sommer [richtig wohl: Frühjahr] 1830 mit Heinrich Heine in Hamburg zusammenlebend, erinnere ich mich, eines Morgens früh ihm einen Besuch abgestattet zu haben... Als ich mich an seine leichte Seite auf dem Sofa niedergelegt, erinnerte mich der erste Blick auf die umgebenden Gegenstände sehr lebhaft an den Goetheschen Zugvogel, der nirgends seines Bleibens findet, ein offener Reisekoffer, zerstreute Wäsche, zwei oder drei Bändchen aus einer Leihbibliothek, ein Paar elegante Stöckchen mit kaum verwischten und abgeglätteten Spuren sorgfältigen Einpackens, und vor allem das Männchen selber; denn obwohl er bereits einige Monate die Hamburger Luft atmete und in einem anständigen Bürgerhause wohnlich eingerichtet war, so schien er mir doch den Anstrich von einem Reisenden zu haben, der erst den Abend vorher vom Postwagen gestiegen und eine etwas marode Nacht im Gasthofe zugebracht. An diesen allgemeinen mobilen Eindruck knüpfte sich ganz natürlich ein Gesprächsthema über Reisen und Wandern, und ich brachte die Reisebilder aufs Tapet, obwohl eigentlich wider meinen feineren Takt sündigend, der mir verbietet, Schriftsteller an ihre Werke zu erinnern. Ich hatte damals meine Studentenjahre noch im frischen Gedächtnis und erzählte ihm, wie ich seine Lieder, die dem ersten Teil der Reisebilder vorausgehen, früher gekannt als dieses Werk selbst, ja sogar früher als den Namen ihres Verfassers. Damit, sagte ich, ging es so zu: Ich kümmerte mich während meiner Studienjahre bitterwenig um die erscheinende neueste Literatur. Madame Schwers in Kiel wird im Folioregister ihrer Leihbibliothek meinen Namen kaum anders als mit der Nummer Goethescher Werke, die ich las und wieder las, auf einer Linie erblicken. Dieses geschah nicht aus Verachtung des Neuesten, denn ich kannte es nicht. Auch nicht aus Prinzip oder übermäßig gelehrtem Eifer, sondern wohl hauptsächlich deswegen, weil ich als Knabe und Gymnasiast schon das allgemeine Lesefieber so ziemlich überstanden, ferner weil in mir durch frühere Versuche und derzeitige poetische Anlässe und Aufregungen der eigene Schöpfungstrieb in voller Blüte stand, und endlich, weil ich zu lebhaften Geschmack und Anteil an der burschikosen Tagesgeschichte nahm, um mich in fremde, fernliegende und noch dazu papierene Phantasiewelten eben sehr neugierig einzudrängen. Dennoch blieb ich von den geheimen interessanten Einwirkungen derselben nicht völlig unberührt. Der Kreis, in dem ich mich bewegte, bestand aus lebhaften und geistreichen jungen Leuten, die sich zum Teil weniger literaturscheu zeigten als ich selber. Auf Spaziergängen nach dem Düsterbrooker und Wiburger Holze und im weinduftigen tiefen Schacht, in den wir des Abends fröhlich hinabfuhren, hörte ich so manchen „göttlichen Witz“, so manche Phrase, „die wahrhaftig auch nicht von Haferstroh“, so manche Lieder und Liederverse rezitieren, daß ich so ungefähr die neue Literaturglocke läuten hörte, ohne sie zu sehen und zu wissen, wo sie hinge. So hörte ich denn auch Ihre Lieder, und zwar die pikantesten, tollsten und frechsten aus dem Munde eines genialen Menschen, der über kurz oder lang einmal in der Welt auftauchen wird. Dabei kam uns der Dichter nur als ehemaliger Göttinger Student in Betracht, und wenn ich ganz den eigentümlichen Eindruck schildern soll, den diese Gedichte auf uns machten, so muß ich bekennen, derselbe bestand auch nur im Einklang mit der altburschikosen Malice auf die Philisterschaft, der nun, wie uns bedünkte, mit so keuschen Liedern ein neuer Stoff zur Ärgernis geboten wurde. – Heine nahm sich bei dieser Erklärung ganz allerliebst. Er drückte sich das rotseidene Taschentuch, das er sich zur Nacht um den Kopf gewickelt, mit beiden Händen an die glatten schwarzen Haare, klagte anfangs, wie gewöhnlich, über Kopfweh, wickelte und zupfte darauf den bunten mephistophelischen Schlafrock in den kühneren Wurf eines Faustmantels um die Schulter und begann mit lächelnder Miene und blinzelnden Augen, aber im trockensten Dozententon mir als einem jungen Scholaren die tiefere welthistorische Bedeutung seiner liederlichen Lieder auseinanderzusetzen. Ich mußte ihm gerade ins Gesicht lachen und blieb demungeachtet ein aufmerksamer Zuhörer. Die Situation war so komisch, daß, wie gleich nachher der taube Lyser ins Zimmer trat, er sich kichernd uns am Tische gegenübersetzte und eine der lustigsten Karikaturen von uns entwarf, wie sie seiner flüchtig geschickten Feder nicht selten ungemein gelingen und die, wie ich glaube, Heine noch gegenwärtig aufbewahrt... Ich stimme gegenwärtig der Heineschen Äußerung vollkommen bei, seine Lieder würden ihn überleben. Ich verstehe das so gut von den märchenhaft tiefen und schönen, als ganz insbesondere von den wilden und unzüchtigen. Das kleinste und schmutzigste Rosenblättchen seiner Liebespoesie, obenauf mit dem verdächtigen Namen und Andenken eines schönen Berliner Kindes, wird tiefer in die Unsterblichkeit hineinflattern, als tausend und abertausend theologische und moralische Fettschwänze dieser Zeit ihnen nachtrippeln mögen.

197. Johann Peter Lyser195

März 1830

... Bei George Lotz, dem Herausgeber der „Originalien“ [1830 Nr. 6ff.], wurde der dritte Reisebilderband unbarmherzig kritisiert, namentlich machte sich Lotz über das Selbstlob lustig, welches Heine sich in dem Kapitel spendet, wo er sein Gespräch mit einem Adler erzählt, welchem er am Schlusse rät, sich beim ersten besten Lorbeerbaum nach seinem (Heines) Namen zu erkundigen. Ich verteidigte Heine und fragte, wie man denn das für Ernst halten könne. „Alle Welt hält es dafür“, versetzte Lotz, und ärgerlich rief ich: „Das ist nicht möglich, das muß ja ein Kind sehen, daß Heine sich hier über sich selber lustig macht.“ Das hatte Freund Lotz gewollt, und mit anscheinender Gutmütigkeit forderte er mich auf, dieses doch in einem kleinen Aufsatz für die „Originalien“ auseinanderzusetzen. Ich ging richtig in die Falle und schrieb einen Aufsatz „Adler und Lorbeerbaum“, worin ich mit großem Ernste bewies, wie das Selbstlob, welches Heine sich erteilte, nur die bittere Ironie eines mit sich selbst unzufriedenen und seiner Schwächen sich bewußten Dichters sei. Als Madame Lotz ihrem blinden Gatten meinen Aufsatz vorlas, hätte ich freilich an dem Mephistophelesgrinsen des alten Fuchses merken sollen, was für eine Eselei ich wieder einmal begangen, allein ich hatte es so ernsthaft und ehrlich gemeint, daß ich mir eher des Himmels Einfall hätte träumen lassen, als daß meine Verteidigung Heines die bitterste, beißendste Satire auf denselben sei. Lotz druckte meinen Aufsatz, und Heine rührte der Schlag, als Madame Lotz ihm denselben bei einem Besuche vorlas; am andern Morgen erhielt ich folgendes Billett:

Gestern war ich bei dem guten Herrn Lotz, und Madame Lotz, die liebe Dame, machte mir die Freude und las mir Ihre Verteidigung meiner Selbstrevanche vor, wobei der gute Lotz es an den essigsauersten Bemerkungen nicht fehlen ließ, so daß ich ganz zerknirscht von soviel Liebe, Güte und Wohlwollen dasaß, um so mehr, als Ihre schöne Braut von Korinth [die Schauspielerin Fräulein Konstanze de Gaye] eben anwesend war. Sie haben Ihre Sache recht schön gemacht, und ich bin ganz mit Ihnen einverstanden, daß es lächerlich von mir wäre, im Ernste zu sagen, ich sei ein großer Dichter. Ich bin Ihnen sehr dankbar für soviel Freundschaft. Lassen Sie sich doch einmal bei mir sehen.

Ihr Heinrich Heine.

Nun gingen mir freilich die Augen auf, ärgerlich lief ich zu Lotz, wo ich furchtbar ausgelacht wurde, von da zu Campe, der mir ruhig sagte: „Wie können Sie den eitelsten Menschen auf Gottes Erdboden nach sich beurteilen?“ Endlich ging ich zu Heine und sagte in meiner damaligen Sprechweise: „Ich habe eine Eule gefangen, aber warum segeln Sie auch immer vor dem Winde und setzen alle Linnen bei? Sie könnten immer Ihr Toppsegel brassen und kämen auch noch mit einer halben Brise schneller vorwärts als viele andere.“ Heine, dem, was ich eigentlich sagen wollte, wohl nicht deutlicher war als den meisten meiner Leser, merkte doch so viel, daß es eine Entschuldigung sein sollte, daß ich alles ernstlich und wirklich gut gemeint habe. Er lachte jetzt selber, und so waren wir wieder die besten Freunde.

[Heine selbst forderte am 6. Januar 1830 Lyser, der sich damals in Celle aufhielt, zu einem Artikel über den dritten Teil der „Reisebilder“ auf; in den „Originalien“ ist der angeblich dort erschienene Artikel „Adler und Lorbeerbaum“ nicht zu finden, wohl aber (in Nr. 14) eine poetische Huldigung an Heine von G. A. v. Maltitz, „Der Dichter H. Heine und sein Genius“. Im März war Lyser wieder in Hamburg und zeichnete Illustrationen zu Immermanns „Tulifäntchen“, die er am 14. März Heine brachte.]

198. L. J. Braunhardt180

Frühjahr 1830

Ein Jahr darauf entschloß ich mich... nach Hamburg zu gehen, und bemühte mich dort um eine Stelle...

Eines Nachmittags durchwanderte ich eine der Hauptstraßen Hamburgs. Da kam eine Droschke im raschen Trabe angefahren. Plötzlich stand das Fahrzeug still, und der darinsitzende Herr rief mir zu, mich an seine Seite zu setzen. Ich war natürlich darüber sehr verwundert. Wie groß war aber erst mein Erstaunen, als ich in dem Herrn meinen Wohltäter und Lehrer Heinrich Heine erkannte. Mit einem Satz sprang ich in die Droschke, die nun schnell weiterfuhr. Der Dichter reichte mir freundschaftlich seine Hand, die ich unter Tränen der Freude küßte und an mein Herz drückte. Er aber fragte: „Auch Saul unter den Propheten?“ Nun erzählte ich ihm, was mich veranlaßt hatte, nach Hamburg zu gehen, und wie ich mich in meinen Hoffnungen leider getäuscht sah. Der edle Mann schien über meinen Kummer sehr gerührt und forderte mich auf, mit ihm nach Wandsbek zu fahren, was ich mir natürlich zu einer sehr hohen Ehre anrechnete und sehr gern tat. In Wandsbek fand ich freundliche Aufnahme bei einer Familie, deren Verwandte meine Wohltäter in Berlin gewesen waren. Während meines Aufenthaltes daselbst traf ich Heine jeden Morgen mit einem Buche in der Hand in dem dortigen schönen Park. Er unterhielt sich gütig mit mir und wiederholte oft seinen Rat, nach London zu übersiedeln. Als ich von dem edlen Manne Abschied nahm, gab ich ihm das Versprechen, seinem Rate zu folgen. Er wünschte mir herzlich Glück zu meinem Vorhaben und riet mir, nur ja die Courage im Leben nicht zu verlieren. Ich würde hoffentlich in England, so sagte er, ein neues Adoptivvaterland finden. Seit jener Zeit habe ich Heine nicht wiedergesehen...

Ich muß noch nachtragen, daß ich durch Vermittlung Heinrich Heines, des Predigers Dr. Gotthold Salomon und anderer wohltätiger Männer wirklich auch die Mittel zur Überfahrt nach London erhalten habe.

199. Johann Peter Lyser119

Frühjahr 1830

... Heine und ich vertrugen uns scharmant zusammen, als wir in Hamburg lebten, und besuchten einander fleißig; den vierten Reisebilderteil schrieb Heine zur größten Hälfte auf meinem Stübchen, weil er dort ungestörter war als in seiner eigenen Wohnung, wo er oft allerlei ungelegenen Besuch bekam. Er ging nicht leicht ans Niederschreiben, saß er aber einmal da, so arbeitete er wacker darauflos, vergaß den Mittag und schrieb, bis es dämmerte, während ich zeichnete. Abends schrieb Heine nie, wogegen ich erst spät abends meine Schreiberei begann, wie es noch meine Gewohnheit ist; die Dämmerungsstunden verbrachten wir aber an solchen Tagen recht gemütlich miteinander – ich kochte Tee und Erdäpfel in der Montur, und Heine spendierte einen holländischen Hering, Zucker und Rum, und so tafelten wir miteinander, schwatzten und lachten bis 9 Uhr, wo er gewöhnlich noch ein Stündchen zu Marr oder in den Alsterpavillon ging; war er eben bei Kasse, so mußte ich mit von der Partie sein, und dann wurde nicht selten „schlampampt“, wobei ich das meiste tat, denn Heine war, was Essen und Trinken betraf, sehr mäßig.

Das währte so den Winter hindurch bis zum Frühling. Da mietete sich Heine eine Wohnung in Wandsbek und schied in übermütigster Laune von mir, dem es gar nicht recht war, daß wir den Sommer so weit voneinander entfernt wohnen sollten.

Jedoch schon nach wenigen Tagen trat eines Morgens eine vierschrötige wandsbekische Lütje-Maid (Kleinmagd) in mein Zimmer und brachte mir ein Billett von Heine mit der dringenden Einladung, ihn doch sobald als möglich in Wandsbek zu besuchen, denn er sei unwohl und langweile sich wie der Mops der Frau Senatorin---, wenn sie zarte Lieder sänge.

Ich sagte zu, am andern Tage hinauszukommen, wenn das Wetter gut sei; und da das Wetter am andern Morgen wirklich herrlich war, so machte ich mich früh auf und schlenderte dem reizend gelegenen Dorfe zu.

Ich war früher noch nie in Wandsbek gewesen, brauchte daher einige Zeit, um den Gasthof aufzufinden, wo Heine logierte. Wie gewöhnlich, hatte Heine sich für vieles Geld ein miserables Logis gemietet: ein hohes, weites, dunkles Zimmer zu ebener Erde, wo man fror, wenn es draußen noch so heiß war, kahle Wände, zwei Stühle, ein altes Sofa, ein zerbrechliches Bett, dafür zahlte Freund Heine per Monat 30 Mark und war sehr verwundert, als ich ihn überzeugte, daß er für 10 Mark eine unendlich komfortablere und gesündere Wohnung in demselben Hause hätte erhalten können. – Er ließ es aber dabei bewenden und begnügte sich damit: den Wirt, der ihn auf so unverschämte Weise geprellt hatte, einen Spitzbuben zu nennen, was dieser um so weniger übelnahm, als Heine noch zwei Monate lang den unerhörten Zins fortzahlte.

Heine, als ich eintrat, lag auf dem Sofa und empfing mich auf die herzlichste Weise. Tee, Zucker, Rum, Butter, Brot, Käse, harte Eier und gesottene Krebse waren im Überflusse auf dem Tische geordnet, die „Lütje-Maid“ erschien, und ich mußte, wie gewöhnlich, den Tee bereiten.

Heine, trotz seines angeblichen Unwohlseins, ließ sich’s an diesem Morgen trefflich munden, und als ich darüber meine Glossen machte, gestand er mir lachend, daß er sich eigentlich nicht unwohl befände und es mir eigentlich nur geschrieben habe, damit ich sicherer kommen und in Hamburg davon reden solle, wo er dann sicher vor andern Besuchen sei.

Ich nahm das für kein Kompliment und es war auch keines. Heine hatte in Hamburg mir schon zu oft bewiesen, daß ihm oft Tage kamen, wo er mit niemandem reden mochte als mit mir, weil ihn im Grunde niemand so verstand als ich – wenn er seine bösen Tage hatte.

„Aber Heine, wie können Sie bei so himmlischem Wetter in diesem kalten, finstern Loche liegen? Genießt man so einen Frühlingsmorgen auf dem Lande, und zwar an demselben Orte, wo der ehrliche Claudius seine Frühlingslieder sang?“

„Claudius? Wer ist das?“

„Asmus, der Wandsbeker Bote!“

„Den kenn’ ich nicht!“

„Natürlich, Sie kennen ja auch Schillers Gedichte nicht.“

„Gewiß! Ich habe sie nie gelesen!“

„Es ist auch soviel nicht dran!“

Heine merkte, daß er mich nicht mehr wie früher damit ärgern könne, wenn er sich stellte, als habe er nichts von Schiller und andern meiner Lieblingsdichter gelesen! Wußte ich’s doch jetzt, daß er oft gerade die am höchsten stellte, die er nicht zu kennen sich das Ansehen gab.

„Aber hier hab’ ich wirklich schöne Gedichte!“ sprach er nach einer Weile, und reichte mir ein elegantes Büchlein hin; es waren Lieder ihm zugeeignet und ganz und gar in seiner Manier geschrieben [Gaudys „Erato“]. – Ich hatte das schon nach den ersten zwei Versen weg, und warf das Buch beiseite, indem ich ausrief: „Wie ist doch die Natur im allgemeinen so schön!“

Heine brach in ein lautes Gelächter aus und schrieb sofort diese Kritik auf das Titelblatt des Buches; dann aber sprach er: „Übrigens habe ich dieser Tage einige Lieder in einem Leipziger Journale von einem Dichter: ‚Hermann Meynert‘ gelesen, die mich frappiert haben; unter allen meinen Epigonen hat keiner so meine Art und Weise getroffen als eben der, und einige dieser Nachbildungen sind wirklich poetisch! – Spaßeshalber: versuchen Sie’s mal hier auf der Stelle, in meiner Manier ein Liedchen zu improvisieren, ein bißchen frivol, denken Sie dabei an die schöne Wantuh und Ihr letztes Abenteuer mit derselben bei [Georg] Lotz, als Madame Lotz nicht zugegen war.“

Ich ließ mich nicht lange bitten und warf ein Liedchen hin, welches die Veranlassung zu einem der anmutigen Lieder Heines wurde, weshalb ich es hier mitteile. Es lautet:

„Magst du dich auch selbst belügen,

Mich belügst du nicht, mein Kind!

Möglich, daß die Küsse trügen,

Wie oft Worte möglich sind.

Nicht entscheid’ ich solche Fragen!

Lüg’ mit Worten, lüg’ im Kuß,

Lüge dreist – ich will’s drauf wagen,

Weil ich dich schon lieben muß.“

Heine las das Lied und sprach rasch: „Nicht übel – bis auf den Schluß, der an Goethes Art und Weise erinnert – warten Sie! So würde ich’s gegeben haben!“ Und er schrieb:

„In den Küssen – welche Lügen!

Welche Wonne in dem Schein! –

Ach, wie süß ist das Betrügen,

Süßer noch: betrogen sein.

Liebchen, wie du dich auch wehrest,

Weiß ich doch, was du erlaubst!

Glauben will ich, was du schwörest!

Schwören will ich, was du glaubst!“

Heine reichte mir das Lied, und als ich es gelesen hatte, drehte ich das meinige zusammen und benützte es als Fidibus, womit ich mir die Zigarre anzündete.

„Wenn ich Sie nicht besser kennte,“ lachte Heine, „würde ich Sie für schrecklich eitel und empfindlich halten, so hab’ ich Sie recht verstanden – mein Lied ist gut, wie?“

„Ja, wahrhaftig!“ –

„Wohl, es soll mit in die neue Ausgabe des Buches der Lieder! Und jetzt wollen wir einen Spaziergang machen; einer besonderen Toilette meinerseits bedarf es nicht.“

Heine machte denn auch keine große Toilette, und bald waren wir draußen in der schönen, freien, sonnigen Luft. – Zu meiner Verwunderung schlug Heine den Weg nach dem Gottesacker ein, wo er einige Worte mit dem Totengräber wechselte und sodann mit mir zwischen den Gräberreihen hinschlenderte. Plötzlich hielt er an, drückte mir lächelnd die Hand und deutete auf einen Grabhügel, über welchen sich ein einfacher Stein erhob – es war das Grab des Wandsbeker Boten Matthias Claudius, genannt Asmus, und als ich überrascht und gerührt von dieser zarten Aufmerksamkeit den Freund anblickte – lächelte er und eine Träne glänzte in seinem Auge. – Und derselbe Heine, der mich kurz zuvor damit hatte necken wollen, daß er vorgab, von dem alten Claudius nichts zu kennen, zitierte jetzt die Worte desselben:

– Sie haben

Einen guten Mann begraben,

Und mir war er mehr.

[Von dieser Erzählung Lysers gilt das oben (zu Nr. 188) Gesagte. Schon Hirth (a. a. O., S. 68) hält es für unglaubhaft, daß Lyser dieses improvisierte Gedicht, das er 1830 sofort verbrannt haben will, 1848 noch im Kopfe hatte. Vielleicht schrieb er es erst 1848 in Anlehnung an Heines Verse; ebenso unwahrscheinlich ist die Äußerung Heines über den obskuren Dichterling Meynert. – Von einer Neuausgabe des „Buchs der Lieder“ war damals schwerlich schon die Rede; die erste Auflage reichte volle zehn Jahre. Aber in die 1830 erscheinende neue Ausgabe der „Reisebilder“ wurde Heines Gedicht sogleich aufgenommen („Heimkehr“ Nr. 72) und Lyser eröffnete einen Artikel über diese Neuausgabe in den „Originalien“ (Nr. 132) mit jenen Versen Heines.]

200. August Lewald1

April/Juni 1830

Den Sommer über [April bis Juni] wohnte er in dem stillen Dörfchen Wandsbek; melancholischer, friedlicher gibt es wohl keines auf der Welt. Hier lebte er seinen Studien und kam nur selten zur Stadt. Ich besuchte ihn einige Male mit meiner Frau, und dann warf er die Bücher beiseite und gehörte uns.

201. Ludolf Wienbarg49

April/Juni 1830

Liebe zur Natur habe ich nicht an ihm bemerkt. Doch will ich darüber nicht absprechen. In dem benachbarten Wandsbek bezog er ein Zimmer, das auf einen wüsten Hofraum hinausging und dessen nächstes Gegenüber ein Schweinekoben war. Auch lag das Haus nicht an der Park- und Schloßseite, wo noch die schönsten Gelegenheiten offen standen, hier, wo auch der alte Claudius wohnte und wo man mit einem Schritt unter den hohen Wipfeln eines Wäldchens sich befindet, das mich stets an den Eingang von Goethes „Iphigenie“ erinnert hat.

Es war in Wandsbek an der Linstantschen Gasttafel, als er mir einen bekannten Lüneburger Advokaten [Christiani], einen Verwandten von ihm, vorstellte, denselben, welchen er wegen dessen liberalen Beredsamkeit in der Hannoverschen Kammer den Mirabeau der Lüneburger Heide genannt hatte. „Dies ist der Mann,“ sagte er, „der so ausgezeichnet redet und so miserabel schreibt.“ –

202. Therese Devrient6

Mai 1830

Unsere Empfehlungsbriefe [an Salomon Heine] hatten wir [Eduard und Therese Devrient] abgesendet und gleich tags darauf einen Besuch des jungen Herrn [Karl] Heine empfangen, der uns sehr verbindlich im Namen seines Vaters für den nächsten Mittag auf dessen Landsitz zu Tische lud... Um sechs Uhr, der Dinerzeit des alten Bankiers, hielt ein höchst eleganter Wagen, Kutscher und Bediente in sehr nobler Livree, vor unserer Tür... An der Elbe neben dem bekannten Rainville lag die Besitzung Heines...

Salomon Heine führte mich, Eduard die junge hübsche Frau [Salomons jüngste Tochter]. Das Innere des Hauses machte einen überaus behaglichen Eindruck, es war von so gediegener Eleganz, daß man sie zuerst gar nicht merkte, alles sah nur bequem und wohnlich aus. Der Speisesaal, gleich im untern Stock, bot außer dem reich mit Silbergeschirr besetzten Büfett und vielen Dienern in Livreen nichts Bemerkenswertes. Die Unterhaltung bei Tisch mißfiel mir, da sie sich meist um die Delikatessen drehte, die eben aufgetragen und verzehrt wurden. Uns, die wir nicht Gourmands waren, entstand daraus die doppelte Beschwerde, so viele Leckerbissen durch das Aufzählen und Preisen derselben fast dreifach genießen zu müssen. In einiger Entfernung mir gegenüber saß ein Herr, der meine Aufmerksamkeit auf sich zog, weil er mich mit zugekniffenen, zwinkernden Augen maß, dann geringschätzig und gleichgültig fortsah. Der Ausdruck seines Gesichts dabei machte mir die Empfindung, als ob ich zu anständig aussähe, um von ihm berücksichtigt zu werden.

„Wer ist der Herr dort drüben?“ fragte ich meinen Nachbar.

„Kennen Sie den nicht? – Das ist ja mein Neffe Heinrich, der Dichter,“ und die Hand vor den Mund legend, flüsterte er, „die Canaille.“

Jetzt begriff ich die natürliche Antipathie zwischen uns beiden. Ich ward aufmerksamer auf das, was er sprach, und hörte, wie er mit blasiertem, halb spöttischem, halb klagendem Tone von seiner Armut sprach, die ihm größere Reisen versage. Da rief der Onkel (von dem man wußte, daß er den Neffen großmütig unterstütze): „Ei, Heinrich, du brauchst doch nicht zu klagen. Wenn dir’s an Geld fehlt, gehst du zu einigen guten Freunden ins Haus, drohst ihnen: Ich mache euch in meinem nächsten Buche so lächerlich, daß kein ordentlicher Mensch mehr mit euch umgehen kann, oder du blamierst einen Edelmann! Du hast ja Mittel genug in Händen.“

Der Dichter kniff die Augen zu und erwiderte scharf:

„Er [Graf Platen] hatte mich angegriffen mit Knoblauchessen und den alten Ammenmärchen; ich mußte ihn vernichten“...

Das Diner war zu Ende. Mehrere aus der Gesellschaft entfernten sich, darunter der Dichter, dem es nicht recht wohl in der Nähe des Onkels war.

203. Ferdinand Meyer147

Juli/August 1830

Als ich im Jahre 1830 meine Kur in Helgoland fortsetzte, war es mir sehr angenehm, Heine daselbst wieder anzutreffen, und der Zufall wollte, daß ich infolge der Juliereignisse in Paris, gerade in dem Augenblick eine Sendung nach London erhielt, als eine Äußerung Heines, die er in Gegenwart des Ministers R. und des Generals K. machte, es nicht gut zugelassen hätte, daß ich ferner mit ihm auf dem früheren vertrauten Fuße gelebt hätte. Heine hatte nämlich bei Gelegenheit des Umsturzes der alten bourbonischen Linie geäußert, daß seine neulich im Berliner Zeughause ausgesprochene Ansicht, die Inschrift auf den preußischen Kanonen „ultima ratio regis“ [das letzte Wort des Königs] würde nächstens in „ultimi regis ratio“ [das Wort des letzten Königs] umgewandelt werden müssen, nunmehr baldigst in Erfüllung zu gehen verspräche.

[Dieser Ausspruch findet sich in Heines Einleitung zu „Kahldorf über den Adel“, die er im März 1831 schrieb. Nach Meyers Bericht fiel also das Wort schon 1829 in Berlin.]

204. Rosa Maria Assing115

10. September 1830

[R. M. Assing an Varnhagen, Hamburg, 10. September 1830:] Eben war Doktor Heine bei mir und läßt Dich bestens grüßen. Er meint, Du müßtest in dieser Zeit wohl sehr beschäftigt sein, da er auf zwei Briefe keine Antwort von Dir habe. Er war in Helgoland im Seebade, und sieht sehr gesund aus, übrigens ist er durch die Ereignisse der Zeit sehr aufgeregt und hat in voller Begeisterung mehreres Politische geschrieben, worin er aber, wie er sagte, durch die Vorfälle in Hamburg häßlich gestört wurde. Er ist empört über die Auftritte hier, und das mit Recht... Auch seinem Onkel, Salomon Heine, wurden von einem Haufen mehrere Fenster eingeworfen. Dabei ist dieser einer der wohltätigsten Menschen...

205. Ludolf Wienbarg49

September 1830

Heines Umgangsfreunde in Hamburg wurden mit der Zeit teilweise auch die meinigen. Der gewandte literarisch industriöse Lewald, damals Regisseur an der Hamburger Bühne, vermittelte ihn mit dieser und manchen Mitgliedern derselben. Professor Zimmermann vom Hamburger Johanneum, der bekannte Dramaturgist, von so viel klassischem Geschmack und Lessingschem scharf ätzenden Urteil, nahm die Stellung eines älteren Freundes und Mentors bei ihm ein; wie wenige wußte er die außerordentliche Begabung des Dichters zu schätzen, schmeichelte ihm aber auf keine Weise und konnte auch wohl gelegentlich sarkastisch gegen ihn werden. An Zimmermann, als an das derzeitige Hamburger kritische Orakel, hatte sich Heines Onkel, der Bankier, gewandt mit der Frage: „Sagen Sie mir, Herr Professor, ist wirklich was an meinem Neffen?“ Worauf Zimmermann natürlich die befriedigendste Antwort erteilte... Zimmermann gehörte zu den regelmäßigen Pavillongästen, seinem schon derzeitig etwas verdüsterten Gemüt war diese Zerstreuung zur Notwendigkeit geworden... In den kurzen Hamburger Krawalltagen vom Jahre 1830 flammte sein Auge auf, wenn er, im Pavillon sitzend, das Volksgetöse von draußen vernahm... Sein tiefstes Leid oder das Übel, an welchem der wackere Mann allmählich zusammenbrach, hielt ich für unterdrückte Tatkraft. Heine war anderer Meinung. Er schrieb Zimmermanns innere Verstimmung hauptsächlich dem Umstande zu, daß derselbe zur Zeit seiner Jugendkraft nicht als Produzent aufgetreten und über dem Schulmeistern und Rezensieren alt geworden; jetzt nage ein ohnmächtiger und wohl nicht mal gerechtfertigter Vorwurf wie ein Geier an seinem Herzen...

Zum näheren Kreise des Heineschen Umgangs gehörte auch der Baron von Maltitz, der Verfasser der „Pfefferkörner“, des „Kohlhaas“ usw. Während der genannten Unruhen in Hamburg ließ sich Maltitz nirgends im Öffentlichen sehen, auch klopfte man vergebens an seine Zimmertür, sie war und blieb verschlossen. Heine versicherte, Maltitz hege eine übertriebene Vorstellung von seiner Popularität; er habe sich eingesperrt, aus Furcht, vom Volke abgeholt und zum Hamburger Diktator gepreßt zu werden. „Denken Sie sich unsern kleinen Maltitz,“ sagte er lachend, „wenn die Hamburger Butjes ihn auf die Schulter nehmen und ihn im Triumph durch den Jungfernstieg tragen; denken Sie sich Maltitz auf eine Tonne gehoben, Reden an das Volk haltend!“ Man konnte sich den guten Maltitz allerdings in solcher Lage nicht ohne Lachen vorstellen. Der Dämon, der in Gestalt eines Buckels so manchen witzigen Leuten auf dem Nacken sitzt, äußerte sich bei ihm in polternder Schauspielheldenmanier, und er würde in der Tat als Hamburger Cicerovacchio auf dem Piedestal einer Tonne eine höchst ergötzliche Wirkung gemacht haben. Hinter seinem Tische in der Grubeschen Restauration im Kronprinzen war er jedenfalls besser aufgehoben. Maltitz führte grausenhafte Reden, namentlich wenn er Dom Miguel beim Kopfe kriegte und mit raffinierter Grausamkeit die Strafjustiz über dieses portugiesische Ungeheuer ausübte. Dabei war er der gutmütigste Mensch von der Welt und hätte keiner Fliege was zuleide getan. Erzliberal, doch wo nicht stolz, doch eitel auf seinen alten Adel, hatte er sein auf Glas gemaltes Wappen in ein Fenster seiner Wohnung einsetzen lassen, darunter befand sich der Bequemlichkeitsstuhl. „Hat er Ihnen schon vom Baseler Turnier erzählt?“ fragte mich Heine. Denn gewöhnlich erfuhr man in der ersten oder jedenfalls zweiten Unterredung mit Maltitz, daß ein Maltitz urkundlich schon auf dem ersten Baseler Turnier seine Lanze eingelegt habe, was die glänzendste Ahnenprobe sein sollte. Campe und Grube machten damals ein gutes Geschäft mit ihm, ersterer mit den gedruckten, letzterer mit den gesprochenen Pfefferkörnern, womit Maltitz die Unterhaltung an der Gasttafel würzte und Gäste herbeizog.

[Über die Hamburger Judenkrawalle im September 1830 spricht Heine in seinen „Gedanken und Einfällen“.]

206. Anonym8

1830

[Mitteilung eines Ungenannten, der in Paris viel mit Heine verkehrte, an Feodor Wehl:] In Stuttgart [richtig: Hamburg!] besuchte Heine viel August Lewald, der, selbst nicht ganz regelrecht gewachsen, einen Diener und mehrere Freunde hatte, die, wie z. B. von Maltitz und von Zettritz, bucklig waren. Ein Freund trifft Heine vor der Zeit aus dem Theater kommend und fragt: wohin? „Die Stücke sind langweilig, die man heute spielt,“ erwiderte Heine, „und da ziehe ich vor, in meine kleine Schweiz zu gehen.“

207. Eduard Beurmann16

September 1830

In den Tagen des Hamburger Tumults, als Maltitz sich vorsichtig auf seinem Zimmer verschloß, sah man Zimmermann an seinem gewöhnlichen Standpunkte, dem Alsterpavillon, im Feuer seiner Jugendjahre. Heine meinte damals, Maltitz fürchte, von dem Volke zum unfreiwilligen Masaniello gemacht zu werden. In der Tat, der Verfasser der „Pfefferkörner“ müßte sich wirklich ergötzlich als Harangueur der Handwerksburschen auf einer Tonne ausgenommen haben.

208. Ludolf Wienbarg49

September 1830

Bei Erwähnung der Hamburger Krawalltage von 1830 fällt mir ein Witzwort ein, das Heine bei jener Gelegenheit losließ. Zur Herstellung der Ruhe wurden sowohl die Hanseaten, das Kontingent Hamburgs, als die Bürgerwehr aufgeboten. Beiderlei Truppen erhielten, während sie auf der Straße kampieren mußten, eine Stärkung an Brot, Käse usf. Heine behauptete, die Hanseaten hätten Schweizer Käse, die Bürger holländischen bekommen.

209. Ludolf Wienbarg49

Herbst 1830

Heine nahm allerdings an den Zeitereignissen den lebhaftesten Anteil, aber ein handelndes oder auch nur schreibendes Eingreifen in dieselben lag ihm unendlich fern. Politische oder soziale Agitationsabsichten haben ihn nie in seiner Schriftstellerei geleitet... Er war so wenig und wollte so wenig Revolutionsmann sein als Regenerator auf andern Gebieten, in welcher Hinsicht ich nur an sein bekanntes Wort: „Ich bin der Kränkste von allen“, zu erinnern brauche. Hätte es von ihm abgehangen, durch einen einzigen Federzug das Bestehende zu stürzen, die Welt zu verwandeln und anscheinend vollkommene Zustände herbeizuführen, er hätte sich wohl bedacht. Welt und Leben boten ihm Stoff zur Satire, zur charakteristischen Abspiegelung, zu dichterischen Ergüssen, er hatte seine Sympathien und Antipathien in stärkster Weise, und wie es von ihm als Dichter zu erwarten stand, er konnte schwärmen für große Charaktere und für die Entfesselung geschichtlicher Kräfte – aber ein Abgrund trennte ihn von den Leuten da draußen, von dem Gewühl der Kämpfenden, von den Umtrieben der Lenker und Beweger. Er wußte, daß ihm diese Zurückhaltung vorkommendenfalls als Aristokratismus ausgelegt, sein freies Urteil, sein nach allen Seiten hin unschonsamer Witz ihm zum Verderben gereichen konnte. „Bricht nun gar“, sagte er mal, „in Deutschland die Revolution aus – sie wird weit schrecklicher und gründlicher sein als die französische – so bin ich nicht der letzte Kopf, der fällt.“ – Zufällig war jener Tage ein deutscher Student in sein Zimmer gestürzt, der sich für seinen größten Bewunderer ausgab und ihm in einem Atem die derbsten Grobheiten sagte, ich glaube wegen seiner laxen Moral und wegen seiner Bewunderung Napoleons.

210. Ludolf Wienbarg49

Herbst 1830

Heine selbst besaß nur das Konversationstalent. Daß von seinen feinen Lippen nicht selten die feinsten Bemerkungen, die köstlichsten Spiele des Witzes und der Ironie und die drastischsten Schilderungen von Charakteren und Erlebnissen glitten, werde ich wohl nicht zu versichern brauchen. Auch das Alltägliche und Unbedeutende nahm einen gewissen Reiz in seinem Munde an. Des richtigen oder vielmehr des besten Ausdrucks war er bei guter Laune stets sicher und konnte sich dann auf seine Überlegenheit verlassen. Jemand wollte mir eine lächerliche Anekdote erzählen. „Halt,“ fiel ihm Heine ins Wort, „lassen Sie mich“ – er wußte nur zu gut, daß die Geschichte bei ihm um zwanzig Prozent gewann.

Öffentliche Beredsamkeit war nicht seine Sache, auch wenn sein Organ stärker gewesen wäre. Bei seiner Schüchternheit machte ihn jede größere Versammlung beklemmt. Schon in der gewöhnlichen Unterhaltung lähmte ihm ein etwas barscher Widerspruch oder nun gar ein satirischer Ausfall die Schwingen. Denn seltsam genug erlag er am ersten der Waffe, deren Meister er war, sobald sie gegen ihn selbst gerichtet wurde; jener stechende, funkelnde Witz, von dem er mal sagt, daß es gut sei, ihn in dieser schlechten Stockjobberzeit statt des Degens bei sich zu tragen, wurde ihm treulos, wenn er ihm zu augenblicklicher Verteidigung dienen sollte. Er war sehr empfindlich gegen derartige Verletzungen; desto besser wußte er die Wirkungen seiner eigenen witzigen Ausfälle zu würdigen, er überschätzte sie eher als er sie unterschätzte. – Doch nicht nur die Schüchternheit hielt ihn von öffentlichen und selbst auch nur gesellschaftlichen Reden zurück, er fühlte Abneigung vor allen rhetorischen Äußerungen und hatte auch keine Gabe dafür.

211. Ludolf Wienbarg49

Oktober 1830

Der Ausbruch der Julirevolution warf Heine aus einer mißmütigen unproduktiven Stimmung in eine fieberhafte Aufregung; er fühlte, daß sie auch in seinem Leben einen bedeutsamen Abschnitt bilden würde. Damals rekapitulierte er die ältere französische Revolution, namentlich zog ihn der klassische Mignet an. Als ich eines Morgens zu ihm kam – er hatte den Tag vorher seine Wohnung verändert –, fand ich ihn recht blaß und leidend, die kleine weiße Hand an das seidene Kopftuch geschmiegt. Meine Frage nach seinem Befinden klang diesmal ohne Spur von Ironie, wie wohl zuweilen, wenn sein ewiges morgenliches Jammern mir ein wenig an Koketterie zu streifen schien. „Ich bin abgeschlagen“, sagte er. „Das hat man von Mignet und der französischen Revolution. Ich las diese Nacht noch spät im Bett, nein, ich las nicht mehr, ich sah die Gestalten selbst aus dem Mignet emporsteigen, die edlen Köpfe der Gironde und das Fallbeil, das sie mit dumpfem Schlag vom Rumpfe trennt, und die heulende Volksmeute, da sah ich nieder und mein Blick fällt auf die Bettstelle, auf diese abscheuliche rote Bettstelle da, und ich komme mir vor, als liege ich auch schon auf der roten Guillotine, und bin mit einem Satz aus dem Bett. Seitdem habe ich kein Auge zugetan.“ – Mich rührte die nervöse Erregbarkeit der Phantasie des Dichters, die mir in ihrer ungeheuchelten Wahrheit vor Augen lag. Ich wurde seitdem duldsamer gegen manche grelle Gefühlspartien in seinen Dichtungen, die man nur zu leicht für künstlich chargiert hält.

[In einer Anekdotensammlung „Walter Kirchhoff“ spricht auch Lyser von dieser „blutrot angestrichenen Bettstelle“; Heine habe daher sein Zimmer die „Guillotinenkammer“ genannt. Er wohnte seit Anfang Oktober bei Dr. Kluth auf dem Neuen Wall.]

212. Ludolf Wienbarg49

1830

Eines Tages, als ich mit Heine spazierenging und die Rede auf Immermann kam, fragte ich: „Halten Sie Immermann wirklich für den großen Dichter?“ Zur Antwort entwarf er mir in einigen Zügen des Genannten große Natur und Eigenschaften. Nach kurzem Schweigen fügte er stillstehend hinzu: „Und dann, was wollen Sie, es ist so schauerlich, ganz allein zu sein.“ – Damals schienen mir diese Heineschen Worte von übertriebener Selbstschätzung zu zeugen. Blicke ich aber zurück auf die öde Zeit, in welcher Heines Stern zuerst aufging, so kann ich sein Gefühl nur gerechtfertigt finden.

213. Ludolf Wienbarg49

1830

Heine hielt sich aufrichtig für den letzten romantischen Dichter Deutschlands. Seinem Verleger sagte er freilich eines Tages nur einfach: „Campe, ich bin jetzt der erste.“ Worauf Herr Julius Campe, eine Prise Tabak nehmend, erwiderte: „Heine, die alten Griechen und Römer verehrten verschiedene Gottheiten, Jupiter, Merkur, Apollo und wie sie alle hießen. Jeder Gott hatte seinen Tempel und jeder Tempel hatte seine Priester. Diese wußten genau, in welchem Ansehen ihre Götter standen, sie hatten dafür den Maßstab der Opfergeschenke in der Hand, welche die Gläubigen dem Altare darbrachten; welcher Gott die meisten Opfer und Gaben erhielt, der war pro tempore der angesehenste. Nun, Sie sind der Gott, dieser Buchladen ist Ihr Tempel und ich bin Ihr Oberpriester. Ich kann Sie aber versichern, daß es mit den Opfern, die Sie erhalten, ich meine, mit dem Absatze Ihrer Werke, für jetzt noch ziemlich mittelmäßig aussieht.“ – Beiläufig zu bemerken, war letzteres wohl nach Verhältnis des großen Rufes gesprochen, welchen Heine schon damals genoß, und der in Frankreich und England einen ungleich rascheren und stärkeren Absatz der Werke zuwege gebracht hätte; abgesehen davon, daß Verlegern derartige Äußerungen des Selbstgefühls der Autoren minder harmlos klingen und ein wenig Dämpfen zu ihrem Geschäfte gehört. – Was aber die ersterwähnte Ansicht Heines von sich als letztem Romantiker betrifft, so hat er solche nicht allein später öffentlich ausgesprochen, ich erinnere auch, daß er sie schon damals in vertraulichen Stunden gegen mich geäußert hat und daß es ihm am Herzen lag, eben von dieser Seite aufgefaßt und gewürdigt zu werden. Ich erinnere aber auch, daß er in dieser Hinsicht einen ungelehrigen Schüler an mir fand und daß ich ihn als Romantiker nicht gelten lassen wollte ...

Die früheste, nicht bei Hoffmann & Campe erschienene Sammlung seiner Gedichte war mir unbekannt, und ich würde auch die dort ausgesprochene Begeisterung für das deutsche Vaterland und die Liebäugelei mit der Jungfrau Maria dermalen nicht so hoch angeschlagen haben; fand er es doch an mir unbegreiflich, daß ich den alten E. M. Arndt verehren und doch ein Jünger des Humanismus sein konnte. Indes erschien mir in der Folgezeit jene Dichterstellung, die er sich selbst anwies, nicht so übel gewählt zu sein, wenn sie auch, zu seinem Nachteil, eine einseitige bleibt.

214. Ludolf Wienbarg49

1830

Heine war nicht blind gegen manche seiner Mängel. Er kannte zum Beispiel genau die Schattenseiten, die sich an die Glanzseiten seiner Darstellung hefteten. Einem jungen Schriftsteller sagte er mal: „Professor Z. [Zimmermann] hat Ihre Verse gelobt; mit Recht, der Bau (es war eine metrische Übersetzung aus dem Griechischen) ist schwungvoll und elegant, aber das hat in meinen Augen weniger auf sich. Ihre Vorrede hat mich entzückt, ich beneide Sie um Ihre Prosa.“ – Als der Erwähnte ihn mit etwas spöttischem Unglauben ansah, rief er aus: „Nein, nein, das ist kein Kompliment von mir, das ist meine aufrichtige Meinung. Sie sind noch ein freies Roß, ich habe mich selbst Schule geritten. Ich bin in eine Manier hineingeraten, von der ich mich schwer erlöse. Wie leicht wird man Sklave des Publikums. Das Publikum erwartet und verlangt, daß ich in der Weise fortfahre, wie ich angefangen bin; schrieb ich anders, so würde man sagen: das ist gar nicht Heinesch, Heine ist nicht Heine mehr.“ – Er meinte ohne Zweifel, außer dem beständigen Hervortreten seiner Person die Häufung der pikanten Beiwörter ... überhaupt aber jene überwiegend in sinnlicher Anschauung verweilende, meist so reizende, witzige, das gewählte Bild in künstlerischer Harmonie ausführende, zuweilen jedoch überkünstelte Plastik seines Gedankenausdrucks ... Niemals zergliederte er die Erscheinungen, und es konnte ihm daher auch nicht der entgegengesetzte Fehler des Nergelns und Verschnitzelns zustoßen. Er sah sich die Personen und Dinge an und gab ihnen Namen, nicht selten mit der Originalität eines ersten Spracherfinders, wie Adam im Paradies. Er ließ die Erscheinungen ganz, wenn er sie anders nicht in böser Absicht zerreißen wollte, und auch alsdann schund er sie lieber, als daß er sie zerfetzte. In seinen Betrachtungen war jedesmal eine leitende Idee, in seinen Charakteristiken eine scharf ausgeprägte Marke, in seinen Bildern ein Zug und eine Farbe vorherrschend. – Auf den Höhepunkt seines prosaischen Stils trat er später in den Pariser Korrespondenzen in der Augsburger Zeitung, eine Periode, welche die mannigfaltigste Entwicklung seiner Geistesgaben herbeiführte und seinen Scharfblick, seine raschen Apercüs in der Darstellung der Zustände und Personen der weltbewegenden Stadt bewundern ließ. „Der gute Schriftsteller zeigt sich weniger durch das, was er niederschreibt, als durch das, was er wegläßt“, war eine seiner gewichtigen Äußerungen.

[Der Schriftsteller ist Wienbarg selbst; Heines Lob bezog sich auf das Schriftchen „Jason. Episches Gedicht nach Pindar. Übersetzt, bevorredet, erläutert von Ludolf Vineta“ (d. i. Wienbarg). Hamburg, Hoffmann & Campe, 1830. (Vgl. Strodtmann I, 619.)]

215. Ludolf Wienbarg49

1830

Er sprach ohne Anklang von Dialekt. Nur einmal war ich Zeuge, wie eine leidenschaftliche Aufregung ihm Worte entriß, die sehr an die eigentümlichen schrillen Kehllaute des Volkes erinnerten, dem er ursprünglich angehörte. Es war beim Hereintreten in sein Zimmer, wo ich ihn im heftigen Perorieren und vibrierender Arm- und Fingerbewegung einem mir fremden Mann gegenüber fand. Als der Mann sich entfernt hatte, sagte er noch erbittert, aber ruhiger und in verändertem Ton: „der schändliche Kuppler, er hat mich betrogen.“ – – „Ich dachte gleich,“ erwiderte ich lachend, „daß es eine sehr wichtige Angelegenheit sein müsse, die Sie dermaßen in Harnisch bringen konnte.“ Ähnliche Anklänge und Rückschläge in die frühe Düsseldorf-Kindheit mögen jedoch seine längsten und besten Freunde nicht bei ihm beobachtet haben.

216. Maria Embden-Heine88

1830

[Familientradition:] Heinrich Heine nannte seinen Onkel „den goldigen Onkel“, doch wollte er einige goldene Früchte pflücken, so mußte er frühmorgens zu ihm.

Sein langjähriger Kammerdiener Heinrich empfing ihn im Vorzimmer, und des Dichters erste Frage war: „Heinrich, was haben wir für Wetter?“ War der Onkel böser Laune, dann erwiderte er: „Stürmisches Wetter, Herr Doktor, besser Sie kommen heute abend wieder.“

217. August Lewald1

[November 1830]

Als die [Henriette] Sontag nach Hamburg kam, schrieb ich eine kleine Broschüre: „Die Prima Donna in Hamburg [besungen von Tobias Sonnabend]“. Die Art und Weise ihres Auftretens, zwei Ehrenkavaliere von der Berliner Garde, die sie begleiteten und sich wie närrisch gebärdeten, ein Hamburger Enthusiast, der sich vor seinen Mitbürgern lächerlich machte, alles dies zusammen gab Stoff zur Satire ... Ich setzte mich nieder und schrieb einige scherzhafte Sonette und Romanzen, und Campe ließ sie drucken.

Bald darauf verbreitete sich das Gerücht, Heine hätte eine Broschüre gegen die Sontag herausgegeben. Obgleich ich nicht daran gedacht hatte, das Publikum auf diese Vermutung hinzulenken, so wollten einige doch eine Ähnlichkeit mit der Heineschen Manier gefunden haben, und es ist sehr möglich, daß die Buchhandlung selbst diese Meinung bereitwillig unterhielt. Heine war es nicht angenehm, wie man sich leicht denken kann, er tat aber nichts, den Wahn zu zerstören.

Spazierengehend zog er einmal die Broschüre aus der Tasche und rezitierte eine Romanze daraus, die mit den Worten anfängt:

„Amphion erbaute Theben,

Dem Arion dient’ ein Fisch –“

„Diese Romanze ist mein Unglück“, sagte er in seiner Weise bitter lachend. –

Ich hatte Campe das Versprechen abgenommen, mich nicht eher zu nennen, als bis die Sontag weggereist sein würde. Daß er es dann tun würde, war vorauszusehen. Nun wußte es auch Heine bald, und es belustigte ihn sehr. Doch konnte er sich eine kleine Rache nicht versagen.

Eines Abends war er mit mehreren Freunden bei mir. Wir wollten eben zu Tische gehen, als er seinen Hut ergriff und versicherte, nicht dableiben zu können. So auf dem Sprunge brachte er noch die Broschüre aufs Tapet. Er warf die Frage auf: ob man ihn noch für ihren Verfasser halte? – Sogleich ergriff Maltitz das Wort und ergoß sich in seinem Eifer in Schmähungen über das Machwerk, und wie er nie geglaubt habe, daß Heine dessen Verfasser sein könnte. Ich gab ihm nicht unrecht, denn auch mir wäre es wahrlich nie eingefallen. Einige andere noch stimmten Maltitz bei und lästerten und schimpften gewaltig auf den armen Satiriker, ohne zu wissen, daß sie mit ihren Pfeilen ihren armen Wirt selbst trafen. Heine aber empfahl sich gewandt und rief: „Nun denn, der Verfasser der Broschüre ist Herr Lewald, und es wird ihm ebenso leid tun als mir, Ihren Beifall nicht errungen zu haben, meine Herren!“ – Er ergötzte sich noch eine Weile an der verlegenen Miene meiner Gäste, dann drückte er mir lachend die Hand und lief hinaus. –

[Von der Broschüre gegen die Sontag berichtet Heine an Varnhagen, 30. Nov. 1830 und 4. Jan. 1831, ohne aber Lewald zu nennen.]

218. Theodor Mundt13

1830?

Man trägt sich noch [1837] in der Hamburger Gesellschaft mit vielen seltsamen Gerüchten über Heine, die aber mehr zur Charakteristik Hamburgs dienen als zu der Heines. Er hat einmal mehrere Damen nicht gut unterhalten, und sie können es ihm noch immer nicht vergessen, daß er erst stumm dagesessen und nachher bloß vom Wetter angefangen. Sie versicherten mich auf das bestimmteste, daß das kein großer Dichter sein könne, der bloß vom Wetter mit ihnen spräche, gesellschaftlich so ungeschickt und unbrauchbar sei und nachher maliziöse Verse auf sie mache. Vergebens entgegne ich, daß ein großer Poet nicht auch dafür gut sei, in den Gesellschaftszimmern einen Hanswurst der Unterhaltung abzugeben. Man liebt in Hamburg gar zu sehr die gute Unterhaltung.

219. Maria Embden-Heine74

1830?

Bei einem späteren Aufenthalt in Hamburg spielte er seiner Schwester einen bösen Streich.

Alle Bekannte und Verwandte des Hauses Embden baten meine Mutter, eine Soirée zu geben, da alle den berühmten Dichter kennenlernen wollten. Sie ließ sich dazu bereden. Künstler, Gelehrte, Kaufleute, Bankiers, alle wurden eingeladen, und viele der Herren glaubten mit ihrem Reichtum zu imponieren und klapperten mit den Talern in der Tasche. Ihre schönen Hälften waren mit Brillanten und Perlen behangen, doch glaube ich, daß die wenigsten Heines Schriften gelesen hatten, denn noch jetzt gilt dort derjenige für den genialsten, liebenswürdigsten und gescheitesten Mann, der seine Million Mark ins Trockene gebracht hat.

Meine Mutter ermahnte ihren Bruder, sich möglichst gut aufzuführen, den Leuten keine Bosheiten zu sagen und keinen Spott zu treiben. Heine versprach alles aufzubieten, um ihren Wünschen nachzukommen, doch wie wurde sie enttäuscht!

Heine trat in die Gesellschaft, verbeugte sich stumm, nahm eine seiner kleinen Nichten auf den Schoß, scherzte mit ihr und erzählte ihr ein hübsches Märchen. Während meine Mutter von einem zum andern ging, diesem und jenem ein freundliches Wort zu sagen, verschwand der Dichter, ehe sie sich dessen versah.

Den folgenden Tag empfing sie ihn mit Vorwürfen und klagte, er habe sie lächerlich gemacht.

„Mein liebes Schwesterchen.“ antwortete Heine, „du hast nur eins vergessen – –“

„Das wäre?“ fragte die Mutter.

„Mir eine Kette um den Hals zu legen und mich so im Zimmer herumzuführen und jedem zu sagen: ‚Meine Herren und Damen, schauen Sie sich ihn an, das ist der Dichter Heinrich Heine, der nichts anderes kann und weiß, als dem lieben Gott die Zeit zu stehlen und Verse zu machen.‘“

220. Varnhagen von Ense103

1831

Heinrich Heine schrieb seinem Onkel Salomon Heine ins Stammbuch: „Lieber Onkel, leihe mir hunderttausend Taler und vergiß auf ewig Deinen Dich liebenden Neffen

H. Heine.“

[Denselben Denkspruch soll M. G. Saphir dem Bankier Rothschild ins Album geschrieben haben.]

221. August Lewald1

30. April 1831

Im Frühjahr 1831 beschloß er endlich, nach Paris zu gehen. Auf den 1. Mai wurde die Abreise bestimmt. Tags vorher brachte ich noch viele Stunden in seiner Gesellschaft zu. Er teilte mir seine Vorsätze und Pläne mit, und wir berieten uns als treue Freunde. Eine hübsche Zeichnung von Lyser aus der „Harzreise“ schenkte er meiner Frau. Er selbst saß darin, in luftiger Wandertracht, nachlässig in der Hütte des alten Bergmanns, der mit seinem spinnenden Weibe halb abgewendet am Fenster hockte und Zither spielte. Der Mond schien herein. Vor ihm lag das junge Mädchen auf dem Fußschemel kniend und sprach die Worte, die er selbst unter die Zeichnung geschrieben hatte:

„Daß du gar zu oft gebetet,

Das zu glauben wird mir schwer;

Dieses Zucken deiner Lippen

Kommt wohl nicht vom Beten her.“

Mir gab er die Abbildung einer Kirche in Lucca beim Abschiede. Er hatte daruntergeschrieben:

„Die Kirche siehst du auf diesem Bilde,

Worin, zu heiliger Stimmung bekehrt,

Signora Franzeska und Lady Mathilde

Mit Doktor Heine die Messe gehört.“

Das Liebste aber, was ich von ihm erhielt, waren seine neuesten Lieder im Manuskript, auf einzelnen Blättchen, wie er sie niedergeschrieben hatte, mit allen Veränderungen. Er ließ sie später unter dem Titel „Neuer Frühling“ im Morgenblatt abdrucken. Zuerst sollten sie um Neujahr mit Kompositionen von Methfessel erscheinen. Dieser etwas schläfrige Mensch wußte aber die Auszeichnung, die ihm durch den Antrag eines solchen Dichters zuteil wurde, nicht gehörig zu würdigen und zögerte mit seinen Noten so lange, bis Heine andere Gedanken bekam.

222. Johann Baptist Rousseau174

Mai 1831

Vom Sturm der Julirevolution mitergriffen, eilte Heine... von Hamburg plötzlich über Frankfurt nach Paris. Er kehrte damals bei mir ein und brachte mir noch jene alte Liebe mit, die er mir von Jugend auf gewidmet und die er auch öffentlich... beurkundet hat.

Was aber unsere religiösen und politischen Ansichten betrifft, so fanden wir diese so völlig divergierend, daß jeder die des andern anzugreifen in die Lage kommen könnte. Und dieser Fall, der so häufige, daß Meinungen und Grundsätze ohne Rücksicht auf Freundschaft durchgefochten werden müssen, trat bald auch bei uns ein.

223. August Clemens127

9.–15. Mai 1831

Im Frühling 1831 verließ Heine das deutsche Vaterland, weil es, seinem eigenen Geständnis nach, in Spandau wohl Ketten, aber keine Austern gibt, so wie er einst auch nach Italien pilgerte, weil er in München einen Schneider bei dem bloßen Namen „Italien“ vor Vergnügen krähen hörte. Man muß gestehen, Heine hat eigentümliche Motive zu seinen Fahrten. Welche Gründe ihn auch in der Tat nach Frankreich trieben, mir einerlei; seine Reise führte ihn über Frankfurt...

Die Erschütterungen, welche die Julirevolution in den Gemütern hervorgerufen, bebten noch durch alle Schichten der Gesellschaft... Da ward uns die Kunde, Heinrich Heine werde auf seiner Reise nach Frankreich unsere Stadt berühren. Ich muß gestehen, daß ich mich auf seine nähere Bekanntschaft lebhaft freute...

Damals lebte, las und schrieb in unserer Stadt Jean Baptiste Rousseau, einst Heines Studiengenosse in Bonn, der uns gar manches ergötzliche Gedichtchen von ihm mitzuteilen wußte, das vermutlich in der Gesamtausgabe seiner Werke bei Campe fehlen dürfte. Auch manches Histörchen von unserm Dichter erheiterte unsere Abende. So jene Verse in Sydows Album, der ihm in Bonn ein Blatt aus demselben überreichte. Heine nahm es an, setzte sich, etwas hineinzuschreiben, an den Tisch. Da sah er den in seinem Alter noch rüstigen Deklamator zu seiner Verwunderung hinkend im Zimmer umhergehen. „Warum hinken Sie, Sydow?“ – „Ach Gott, meine Hühneraugen schmerzen mich so sehr!“ – Eine kleine Pause, und Sydow hatte das gewünschte Blatt in Händen, worauf die Worte:

Augen, die nicht ferne blicken,

Und auch nicht zur Liebe taugen,

Aber ganz entsetzlich drücken,

Sind des Sydow Hühneraugen.

Zur Erinnerung an

Heinrich Heine.

Endlich am 9. Mai erhielt ich von Pfeilschifter eine Einladung auf den folgenden Abend mit der Bitte, nicht zu fehlen, Heine würde bei ihm essen. Pfeilschifter war damals Redakteur der Frankfurter Oberpostamtszeitung. Heine und Pfeilschifter! Konnte man sich entschiedenere Gegensätze denken? Pfeilschifter, wie er bei allen gilt, die ihn nicht näher kennen, der Obskurant, der Jesuit, der Ultramontane, und wie alle die Ehrentitel noch heißen mögen, die man von jeher an ihn verschwendete – und Heine, der freisinnigste Dichter, damals der Liberalste aller Liberalen, nicht allein der Verehrer Kronions und des ganzen Olymps, sondern der frisch von Berlin angekommene Hegelsche Gott in eigener Person. Man hat wohl recht: Berge und Täler begegnen sich nicht, aber Menschen.

Indessen, diese Gegensätze sollten sich am heutigen Abend nicht berühren. Wir saßen erwartend um den runden Tisch, aber Heine ließ sich entschuldigen, hatte Verhinderung, Abhaltung, hoffte aber die ganze Gesellschaft morgen bei Rousseau zur Schokolade zu finden.

Hier sah ich ihn denn zum erstenmal. Dieser blasse junge Mann mit dem feingeschnittenen Gesichte, den verschwimmenden Augen, den weichen blonden Haaren, den feinen, in Glacéhandschuhen steckenden Händen, in eleganter schwarzer Kleidung, eine Rose im Knopfloch, eine andere zwischen den spielenden Fingern, der sich so vornehm nachlässig auf dem Kanapee wiegt, der statt zu sprechen nur lispelt und über alles so vornehm ab–lispelt, dieser Metternich en miniature – das wäre mein jugendlich frischer, frivol kecker Liederdichter! – Daß doch die großen Männer so selten dem Bilde gleichen, das man sich in der Ferne von ihnen entwirft!

Am Abend des 12. Mai, eines blühenden Himmelfahrtstages, fand sich die ganze muntere Gesellschaft bei mir zusammen. Wir spielten bis tief in die Nacht jeux d’esprit, machten Boutrimés, führten Sprichwörter auf und ließen Scharaden enträtseln. Heine war allerliebst. Einer Dame aus der Gesellschaft ward eine zweisilbige Scharade aufgegeben. Als die Reihe an Heine kam, ließ er sich so vernehmen:

Die Erste lieb’ ich unter mir,

Die Zweite über–haupt,

Das Ganze täuschet für und für,

Daß niemand mehr ihm glaubt.

Das Wort war Roßkamm. Heine und Rousseau hatten ein Sprichwort aufzuführen, welches, ist mir entfallen. In der Darstellung kam die Rache eines Rezensenten vor. Rousseau war der Rezensent, Heine der Dichter. Ersterer saß am Schreibtische; die Türe flog auf, der Dichter trat in der leidenschaftlichsten Stimmung herein: „Sie sind also der Elende, der sich unterfing, eine so niederträchtige Rezension auf mich zu schreiben! Endlich habe ich Sie gefunden! Leugnen Sie nicht! Ich weiß, daß Sie es sind, der mich auf ewig totzumachen dachte. Jetzt ist die Reihe an mir! Fort mußt du, deine Uhr ist abgelaufen!“ – „Wie, was, Sie wollen mich doch nicht ermorden?“ – „Das zu tun bin ich sehr gesonnen. Aber nicht bloß töten will ich Sie, nein, langsam zu Tode quälen, wie Sie mich gemartert!“ – „Hilfe, Hilfe, Rettung!“ – „Alles ist umsonst. Wir sind allein. Die Türe ist abgeschlossen. Bube, dein letztes Stündchen hat geschlagen!“

Mit der Rechten drückte der schmächtige Heine den langen Rousseau in den Sessel zurück, mit der Linken hatte er im Nu die Glastüre eines Bücherschrankes geöffnet und die vorher zurechtgelegte Urania von Tiedge herausgerissen und begann nun mit eintönigster Stimme von der Welt zu lesen, zu lesen, zu lesen. – Der Rezensent ertrug dies eine Weile mit Mut, dann ward’s ihm schlecht, er fing an sich zu drehen und zu winden, fiel auf die Knie, bat erbärmlich um Gnade, nur um eine Stunde, nur um eine Minute Frist, sich zu erholen. Umsonst! Der Dichter blieb unerbittlich und las und las. Der Rezensent wurde still und immer stiller, zuckte ein paarmal, und endlich

Saß er, eine Leiche,

In dem Sessel da,

Nach dem Buche noch das bleiche,

Starre Antlitz sah.

„Ich habe ihn totgelesen“, rief Heine triumphierend; „so sollte es allen Rezensenten ergehen.“

Als ich Heine einige Tage später im Schwanen, seinem Gasthofe, besuchte, fand ich eine andere Notabilität des Witzes und der Laune bei ihm. Es war Saphir, derselbe, der mir einige Tage zuvor, als er mir in der Promenade begegnete, auf die Frage, wie ihm unsere Anlagen gefallen, die für einen Frankfurter höchst schmeichelhafte Antwort gab: „Der Umgang um die Stadt ist auf jeden Fall angenehmer als der Umgang in der Stadt.“ – Und dennoch war Saphirs Witz im allgemeinen harmloser als der Heines. Er bestand meistens in Wortspielen, Calembourgs, während Heines Witz sich mehr an Personen, Verhältnisse, Zustände hielt, zwar seltener als der immer sprudelnde Saphirs, dafür aber schärfer, schneidender, verletzender war.

Über die politischen Fragen des Tags sich in dieser bewegten Zeit mit Heine zu verständigen, war rein unmöglich. Er war der blutdürstigste aller Republikaner, und besonders war ihm das herrschende Justemilieu ... ein Greuel. „Bedenken Sie doch, wieviel durch dieses System erhalten, gerettet worden ist. Welche Ströme Blutes müßten fließen, sollte das konstitutionelle Prinzip wieder einem demokratischen Absolutismus, einem neuen Konvente weichen!“ – „Mein Gott, lassen Sie fließen!“ – Ich blickte verdutzt meinen jungen Barnave an. Die Worte des älteren fielen mir bei: „Le sang qui coule, est-il donc si pur?“ – Wahrhaftig, ich bin Wundarzt und habe im Leben wohl mehr Blut fließen sehen, als alle diese Herren von der Feder. Daher mag es wohl kommen, daß ich mit diesem „ganz besonderen Safte“ nicht so verschwenderisch bin als die ins Große gehende Antiphlogose dieser Umsturzhelden.

Freilich zwischen Wort und Tat liegt noch eine bedeutende Kluft. Unser Heine selbst hätte als Mitglied eines Wohlfahrtsausschusses weit lieber mit einer Marquise de l’ancien régime bei Austern und Champagner ein Schäferstündchen gefeiert, als sie, wie ein zweiter metaphysisch grübelnder, alles nivellierender St. Just, aus purer Volksbeglückungssucht zur Guillotine geschickt. Heine mit seinem feinen, blassen Gesicht, seinen zarten Händen, seinen aristokratischen Manieren war von jeher nur in Worten ein Republikaner, im Herzen der exklusivste Aristokrat.

[Den Deklamator Theodor von Sydow nennt Heine nur einmal, im Brief an Christiani vom 24. Mai 1824. – Seinen „Geständnissen“ zufolge fuhr Heine am 1. Mai 1831 über den Rhein; diese Angabe wird durch die genauen Daten in dem Bericht von Clemens widerlegt. Zu Saphir vgl. Nr. 149.]

224. Moritz Oppenheim132

Mai 1831

Um jene Zeit kam Heinrich Heine nach Frankfurt; er hatte sich bereits durch seine Schriften einen Namen gemacht, vornehmlich durch seine Reisebilder, deren Witze in jüdischen Kreisen den meisten Anklang fanden, weil sie dort am besten verstanden wurden. Ich malte ihn; später [25. Juli 1851] verlangte er von Paris aus sein Porträt von mir für seinen Verleger Campe, dem ich es auch zuschickte. An einem Samstag war Heine zu Mittag mein Gast; ich hatte noch einige seiner Verehrer gebeten und ihm zuliebe echt jüdische Küche bereiten lassen: „Kuchel und Schalet“, die Heine sich auch sehr gut munden ließ. Ich bemerkte scherzend, daß er bei dem Verzehren solcher Gerichte wohl Heimweh empfinden müsse, wie ein Schweizer, der in der Fremde den Kuhreigen hört. Dadurch kam die Rede auf seine Taufe; auf die Frage eines Gastes, was ihn dazu bewogen habe, da er doch in seinen Schriften mit dem Christentum auch nicht gerade glimpflich umgegangen sei, entgegnete Heine ausweichend, „es komme ihm schwerer, sich einen Zahn ausziehen zu lassen, als seine Religion zu wechseln“. In einer seiner späteren Schriften, von seinem Aufenthalt in Frankfurt sprechend, erzählt Heine von dem guten Schabbesessen, das er bei dem nachmaligen Geheimen Rat Stiebel genossen habe. Nun erinnerte er sich aber gewiß genau, daß er solches Schabbesessen nicht bei dem Genannten bekommen hatte, und ohne Zweifel berechnete er mit Malice, daß es den neugetauften Juden ärgern müsse, wenn diesem noch eine alttestamentarische Küche angeheftet werde; ich habe mich überzeugt, als ich einst mit Dr. Stiebel davon sprach, daß Heines Nadelstich seinen Zweck nicht verfehlt hat.

[Oppenheim irrt sich mindestens im Datum: das Schaletessen bei Dr. Stiebel, wovon Heine im ersten Teil seines Börnebuches erzählt, fand 1827 statt, nicht 1831; Börne hatte ihn zu Stiebel geführt, dessen Namen Heine übrigens nur andeutet. 1831 war Börne längst in Paris. Heines Angabe von 1827 zu bestreiten, liegt kein Anlaß vor, auch wenn es dem getauften Stiebel peinlich war, daß seine Anhänglichkeit an die alttestamentarische Küche zur Sprache kam.]

225. Johann Baptist Rousseau122

Mai 1831

Um Heinen schon in seiner gegenwärtigen Kunstperiode liebzugewinnen, ist es fast nötig, ihn persönlich zu kennen. Freilich ist die liebenswürdige Seite seines Wesens so schalkhaft versteckt, daß es schwer hält, ihrer habhaft zu werden. Ist dies aber einmal der Fall geworden, so genießt man den originellsten Menschen, den ich mir denken kann, einen Menschen, dessen Charakter nicht auf der Oberfläche schwimmt, sondern der studiert sein will, um selbst während der Dauer eines langjährigen Umgangs begriffen zu werden. Eitelkeit und Stolz, die man ihm so oft vorwirft, sind vielleicht zwei Tugenden seines Wesens.

226. Hermann Franck103

August 1831

[Mitteilung Francks an Varnhagen von Ense:] Heine, Franck und Michael Beer reisten zusammen nach Boulogne auf der Diligence; Beer wußte sich was damit, und alle Leute mußten es hören, daß er zum erstenmal auf der Diligence reise; dies gab Heinen Gelegenheit, ihn zum Gelächter zu machen; immerfort erneuerte er die Fragen, die Bemerkungen darüber. Aber auch sonst trieb er seinen Spaß mit ihm; bei der gewöhnlichsten Äußerung, welche Beer machte, fragte Heine stets mit gefälliger Neugier: „Woher haben Sie das?“ Und so vieles andere Neckende übte er beständig aus.

Heine sagte auch von Michael Beer: „Solange der lebt, wird er unsterblich sein.“

[Seinen Aufenthalt in Boulogne im Sommer 1831 erwähnt Heine nur in seinem Brief an Cotta vom 25. Januar 1832. Im nächsten Jahr war er in Havre und Dieppe. Da Beer am 22. März 1833 starb, kommt für die obige gemeinsame Fahrt nur der Sommer 1831 in Betracht.]

227. Hermann Franck109

August 1831

[Franck an Sarah Austin in Boulogne, Dresden, 26. Juni 1843:] The place you are in is well known to me. I lived there for several weeks in company of Heine. Il y habitait une chambre tellement étroite que lorsque j’allais la première fois l’y voir, je l’engageais d’en sortir pour que je puisse entrer. – Comme alors je n’avais jamais vu la mer auparavant, Heine me plaignait disant que ce n’est pas à Boulogne qu’on devait être introduced to the sea. Il parlait beaucoup de Helgoland, où la mer était bien autre chose. „Da bekommt man Anschauungen!“ Pendant qu’il disait cela fort sérieusement et longuement, un poète allemand [Randbemerkung Varnhagens: Michael Beer] qui était là, et qui lui enviait évidemment son talent et son succès, s’avise de lui demander: „Ist es sonst auch noch interessant in Helgoland?“ – „O ja,“ sagte Heine, „sehr! Man zeigt Ihnen dort das Haus, wo ich gewohnt habe.“

228. Hermann Franck109

August 1831

[Franck an Gräfin Luise Bülow von Dennewitz, Ilmenau, 3. August 1846:]... In Boulogne hatten sich mehrere Engländerinnen bei schlechtem Wetter in das Lesezimmer gesetzt, weil ihnen der große Saal unheimlich war; Heine, der, während sie laut und lebhaft sprachen, Zeitungen las, stand auf, ging auf sie zu und sagte ganz schüchtern: „I hope ladies conversation will not be troubled by my reading papers.“

[In S. Hensels „Die Familie Mendelssohn“ erzählt Fanny Mendelssohn diese Anekdote unterm Jahre 1835, aber offenbar als Reminiszenz, und läßt Heine sagen: „Meine Damen, wenn Sie mein Lesen im Sprechen stört, kann ich ja auch wo anders hingehen.“]

229. August Lewald1

Herbst 1831

Seit Heines Abgang von Hamburg war mir der Aufenthalt dort unerträglich geworden. Auch mein Landsmann Maltitz, der drei Jahre lang jeden Abend bei mir zubrachte, reiste fort, und ich war mit einem Male wie verwaist. Dies und die herannahende Cholera brachten mich zu dem Entschluß, Hamburg zu verlassen und meinen lieben Freunden in Paris nachzueilen. –

Heideloff und Campe, die ich sogleich aufsuchte, wußten mir Heines Wohnung nicht anzugeben; er pflegte aber abends in ihren Laden zu kommen, sagten sie.

An diesem Abende kam er jedoch nicht zur gewohnten Stunde. Schon wollte ich mißmutig nach Hause gehen, als aus dem Gewühle des Trottoirs sich eine Gestalt im weißen Hute absondert und mit dem Ausrufe: „Er ist’s!“ in den Laden springt. – Er war es! –

Es fing ihm nachgerade an in Paris zu gefallen; er hatte einige Bekanntschaften gemacht, die ihn interessierten. Ein junger Mensch von bedeutendem Talente hatte sich darübergemacht, unter seinen Augen, die Reisebilder zu übersetzen. Heine freute sich darauf, den Franzosen nun bald bekannt zu werden. Leider war aber der Übersetzer zugleich Nachtwandler, stieg einige Wochen später aufs Dach und stürzte sich zu Tode, ehe er seine Aufgabe beendigt hatte. „Ich habe viel Unglück!“ sagte Heine bei dieser Gelegenheit. –

230. Ludwig Börne71

26. September 1831

[Börne an Jeannette Wohl, 27. September 1831:] Meine erste Frage an Madame Valentin* war, wie ihr Heine gefalle? Nun hat diese Dame etwas von Ihrer Art, nicht gerne Böses von den Leuten zu sagen; ich merkte ihr aber doch an, daß er dort im Hause nicht gefallen. Doch tadelte sie bloß, er spräche so ordinär, und von einem Schriftsteller erwarte man doch auch in der Unterhaltung gewählte Worte. – Gestern vormittag kam ein junger Mann zu mir, stürzt freudig herein, lacht, reicht mir beide Hände – ich kenne ihn nicht. Es war Heine, den ich den ganzen Tag im Sinne hatte! Er sollte schon vor acht Tagen von Boulogne zurück sein, aber „ich war dort krank geworden, hatte mich in eine Engländerin verliebt“ usw. Man soll sich dem ersten Eindrucke nicht hingeben; aber mit Ihnen brauche ich mich nicht vorzusehen, das bleibt unter uns, und wenn ich meine Meinung ändere, sage ich es Ihnen. Heine gefällt mir nicht. Sollten Sie wohl glauben, daß, als ich eine Viertelstunde mit ihm gesprochen, eine Stimme in meinem Herzen mir zuflüsterte: „Er ist wie Robert, er hat keine Seele?“ Und Robert [Robert der Teufel] und Heine, wie weit stehen die auseinander! Ich weiß selbst nicht deutlich, was ich unter Seele verstehe; es ist aber etwas, was oft gewöhnliche Menschen haben und bedeutendere nicht, oft böse und nicht gute, beschränkte und nicht geistreiche Menschen... Ich und meinesgleichen, wir affektieren oft den Scherz, wenn wir sehr ernst sind; aber Heines Ernst scheint mir immer affektiert. Es ist ihm nichts heilig, an der Wahrheit liebt er nur das Schöne, er hat keinen Glauben. Er sagte mir offen, er wäre vom Justemilieu, und wie nun alle Menschen ihre Neigungen zu Grundsätzen adeln, sagte er, man müsse aus Freiheitsliebe Despot sein, Despotismus führe zur Freiheit, die Freiheit müsse auch ihre Jesuiten haben. Recht hat er, aber der Mensch soll nicht Gott spielen, der nur allein versteht, die Menschen durch Irrtümer zur Wahrheit, durch Verbrechen zur Tugend, durch Unglück zum Heile zu führen. Wie ich hier von mehreren gehört, soll Heine sich gefallen, eine Melancholie zu affektieren, die er gar nicht hat, und soll grenzenlos eitel sein. *Ich sprach wegen gemeinschaftlicher Herausgabe eines Journals; damit will er aber nichts zu tun haben*. Herrliche Einfälle hat er, aber er wiederholt sie gern und belacht sich selbst.

*Gestern aßen wir beide und List zusammen. Sie hätten dabei sein sollen. Ich und er, einen Einfall schöner wie der andere und das Lachen des List, der nie weniger als ein halb Pfund Fleisch im Munde hat! Ich fürchtete im Ernst, er würde ersticken. Heine sagte, ich sei schuld, daß er überall für einen Narren gehalten, denn wenn er meine Witze aus meinen Werken angeführt, habe er immer so lachen müssen, daß man ihn für verrückt gehalten.

Heine soll gemein liederlich sein. Er wohnt am Ende der Stadt und sagt mir oft, es geschehe, um keine Besuche zu haben, und ich solle ihn auch nicht besuchen.

Übrigens habe ich eine kleine Tücke dabei, daß ich Heine bei Ihnen so verleumde. Ich habe erst jetzt bemerkt, was mir bei unserm früheren Zusammentreffen entgangen, daß er ein hübscher Mensch ist und eins von den Gesichtern hat, wie sie den Weibern gefallen. Aber glauben Sie mir, es ist doch nichts dahinter, gar nichts, ich muß das verstehen. Heine sagt mir auch, Campe wäre ein großer Lump und kein Geld von ihm zu bekommen.

... Heine sagte mir auch, er wolle sich mit Kunst beschäftigen, und er habe eine große Abhandlung über die letzte Gemäldeausstellung geschrieben.* – – Sonderbar – gestern abend hörte ich bei Valentins* wiederholt etwas darüber spötteln: Heine spräche so oft und so viel von seinen Arbeiten. Was doch die Naturen verschieden sind! Wenn ich etwas in der Arbeit habe, ist mir unmöglich, irgendeinen außer Ihnen zum Vertrauten meines Geheimnisses zu machen; mich hält eine gewisse Scham davon zurück.

[Von seinem ersten Besuch bei Börne im Hotel de Castille erzählt Heine zu Beginn des dritten Teiles seines Börnebuches. Börnes obige Schilderung läßt die Anwesenheit eines Dritten dabei kaum zu, auch Heine sagt nichts davon; in seinen „Besuchen im Jenseits“ („Erinnerungsblätter“ 1884, S. 185) erinnert aber Ferdinand Hiller daran, daß er Heine zuerst zu Börne geführt habe; er denkt vielleicht an die Verabredung am 24. Oktober und glaubte später, Heine habe erst an diesem Tage Börne kennengelernt.]

231. Eduard Beurmann17

26. September 1831

Ich weiß, daß Heine, als er Börne zum ersten Male besuchte, mit ehrfürchtiger Hingebung und Andacht in seine Wohnung trat, erklärend, daß er vor dem Hause hin und her gegangen sei, ehe er sich ein „Herz genommen hätte“, einzutreten. Heine ist ohne Affektation, und es konnte nur der feste Charakter der Bewegung sein, den er in Börne begrüßte, der ihn zaudern und sich sammeln ließ.

232. Ludwig Börne71

30. September 1831

[Börne an Jeannette Wohl:] Heine habe ich seitdem nicht gesehen. Was ich von ihm höre, gibt mir von seinem Charakter keine gute Vorstellung... Er soll von grenzenloser Eitelkeit sein. Er spielt, und er könnte nichts tun, was mir größeres Mißtrauen gegen ihn einflößte. Er hat schon einmal fünfzig Louisdors auf einmal verloren. Den etwas bornierten *Dr. Dondorf* scheint er als seine Lobposaune zu gebrauchen, welches ich diesem in Baden schon angemerkt.

*Das wurde mir heute von einem Deutschen, der mich besuchte, auch bestätigt. Dieser, der viel Wesens aus mir macht, sagte mir, er habe gegen Dondorf geäußert, Börne sei der einzige politische Schriftsteller in Deutschland, Heine sei kein solcher, sondern nur ein Dichter, worauf aber Dondorf Heines Partie ergriffen und ihn über mich erhoben. Das hat mich auf den Gedanken gebracht, daß Heine nur darum sich nicht mit mir zu einem Journal verbinden will, weil er fürchtet, in meiner Nähe nicht genug zu glänzen. Der nämliche erzählte mir, er habe Heine vor einiger Zeit gebeten, er möge einige Freiheitsgedichte machen, welche man unter das deutsche Volk verteilen könne, worauf Heine erwidert: ja, er wolle es tun, es müßte ihm aber gut bezahlt werden. Dann: „Wenn mir’s der König von Preußen bezahlt, mache ich auch Gedichte für ihn.“*

233. Hermann Franck103

1831?

[Mitteilung Francks an Varnhagen von Ense:] Heine hatte nie an der Spielbank sein Glück versucht. Einst besuchte er mit Dr. Hermann Franck in Paris aus Neugier den Salon des étrangers und sah dem Spiele zu. Nach einer Weile, von Franck aufgefordert, wagte er ein paar Fünffrankenstücke und verlor sie. Mehr hatte er nicht bei sich. Aber der Verlust, wenn auch gering, verdroß und beschämte ihn. Im Weggehen sagte er aus dieser Stimmung zu seinem Gefährten: „Wissen Sie, Franck, ich habe eine große Lehre heute gewonnen. Ja, ich habe einsehen gelernt, daß das Spielen ein Laster ist, wenn man verliert!“ Mit diesem Witz tröstete er sich.

[Mit Börnes vorstehenden Angaben steht die Aussage Francks in einigem Widerspruch.]

234. Ludwig Börne71

3. Oktober 1831

[Börne an Jeannette Wohl:] Heine hat mich diesen Vormittag besucht. Er hat sich nach Ihnen erkundigt und gesagt, Sie wären eine sehr liebe Frau. Es ist merkwürdig mit dem Heine und mir. Der erste Eindruck, den er bei mir gemacht, verstärkt sich immer mehr. Ich finde ihn herzlos und seine Unterhaltung selbst geistlos. Es scheint, er hat seinen Geist nur in den Schreibfingern. Er spricht kein vernünftiges Wort und weiß aus mir kein vernünftiges Wort hervorzulocken. Er affektiert Menschenhaß und Verachtung. Gegen öffentliche Kritik seiner Schriften ist er sehr empfindlich. Er sagte mir selbst, er ginge am liebsten mit unbedeutenden Menschen um. Er ist sehr verdrossen und unheiter. Ich sah es ihm deutlich an, daß er keine rechte Geduld bei mir hatte und nicht erwarten konnte, bis er fortkäme. Auch war ich froh, als er ging; denn er hatte mich ennuyiert.

[In seinem Börnebuch, dritter Teil, schildert Heine seinen zweiten Besuch bei Börne, der jetzt Rue de Provence wohnte, völlig anders; wenigstens läßt Börnes Brief nicht auf die Anwesenheit einer „Menagerie von Menschen“ in seinem Salon schließen.]

235. August Lewald1

Herbst 1831

Wenn abends das Feuer im Kamine brannte, und in der Marmite das Wasser zum Tee seine Äolsharfenmusik begann, dann versammelten sich die Freunde, um im heitern Gespräche eine Stunde bis zum Theater, oder länger bis zur Soiree bei mir zuzubringen. Dann fehlte auch Heine nie. Er warf den Mantel ab und streckte sich in den Lehnstuhl, strich mit der Hand über die Stirne, bat um Tee und klagte über Kopfschmerzen. Dies war stereotyp.

Wo er auch seinen eigentlichen Pariser Abend, und der währt bekanntlich lang, zubringen wollte, immer stellte er sich ein, um ein Stündchen bei mir zu verplaudern.

Als die Cholera in Paris ihre Verwüstungen begann [April 1832], hatte er im Sinne, nach Versailles zu ziehen. Er unterließ es jedoch, als die luftigen breiten Straßen dieser menschenleeren Stadt dennoch nicht imstande waren, die Seuche abzuwehren. Versailles war ihm zu allen Zeiten interessant; „seine Langeweil voll Majestät nährt große Gedanken“, sagte er. Ich führte ihn zum ersten Male dahin und machte ihn auf die Merkwürdigkeiten aufmerksam, die ich schon aus meinem früheren Aufenthalte in Paris genau kannte.

Er strich mit mir zwischen den großen Häusern umher, deren Aufschriften noch die glänzende Hofhaltung des Königs verraten, die aus Versailles einst den Gipfel der europäischen Gesellschaft machte...

Wir hatten uns zu lange im Park aufgehalten, der herbstliche Abend fröstelte uns an, und die unzähligen Marmorbilder sahen in den schwarzen Taxusbüschen wie Gespenster aus.

„Nun so schnell als möglich nach Paris!“ sagte Heine.

Wir hatten beschlossen, unser Diner in St. Cloud zu nehmen, das wir aber jetzt ein andres Mal besuchen wollten.

So eben war die Diligence nach Paris abgefahren. In Versailles die Abfahrt einer neuen abzuwarten, erschien uns langweilig. Wir wollten auf der Straße fortgehen, bis sie uns einholen würde; denn in jeder Viertelstunde geht eine neue ab. Am Morgen waren so viele Plätze leer, es schien keinem Zweifel unterworfen, daß wir nur einzusteigen brauchten. Wir machten uns daher einstweilen zu Fuß auf den Weg.

Das Knallen der Peitsche erscholl; die Diligence rollte daher; und wahrlich, es war hohe Zeit, denn ein sanfter Regen begann niederzuträufeln und schwarzes, bedrohliches Gewölk verhieß uns ein ergiebiges Bad. Wir erwarteten den Wagen unter einer breiten Linde, die noch Laub genug hatte, um uns vor Nässe zu schützen. Schon von weitem machten wir dem Postillion Zeichen, allein sein immer deutlicher werdendes Kopfschütteln nahm uns bald die Hoffnung; die Diligence rasselte an uns vorüber. Ruhige Gesichter, auf denen hie und da ein Blick von Schadenfreude zu glänzen schien, sahen uns nach. Der Wagen war voll!

Wir blickten uns zusammenschauernd an; Heines Mund umgab jener bittere Byronsche Zug, der ihn so interessant macht. Es war kein anderes Mittel als im Regen weiterzuwandern, um nach Paris zu kommen. Wir zogen es jedoch vor, in ein nahegelegenes Haus zu treten, und die nächste Diligence wiederum abzuwarten. Eine häßliche Bäuerin öffnete die Tür. Ich hätte nie geglaubt, daß in der Nähe von Paris und auf dem Wege nach Versailles ein solches Exemplar angetroffen werden könnte. Elend und Schmutz wohnten hier und machten sich den Raum streitig. Wir baten sie, uns verweilen zu lassen; es wurde uns bereitwillig gewährt. Die Bäuerin brachte sauern Landwein und einen ungeheuren Käsefladen. Es war Fromage de Brie, den ich mir schmecken ließ. Indes dunkelte es draußen und man konnte die Diligence in dem Nebel fast nicht mehr erkennen, der mit ihr auf der Straße daherkam. Wir eilten vor die Tür und erwarteten sie mit Sehnsucht. Wir ließen weiße Tücher wehen; der Wagen hielt.

Ein Platz war nur noch leer. Ein edler Wetteifer der Freundschaft entspann sich nun; jeder wollte dem andern den Platz überlassen; jeder wollte zurückbleiben. Wir kämpften diesen schönen Wettkampf auf deutsch, und da keiner von uns Miene machte, einzusteigen, so fluchte der Kondukteur und befahl fortzufahren, welches der Postillion denn auch schimpfend tat...

Da die Nacht immer schwärzer ward und der Regen in Strömen niedergoß, wurden unsere Gedanken auch immer ernster. Dies war die letzte Diligence gewesen; für heute kam keine mehr vorbei. Und hier in der Hütte zu übernachten, war ein fürchterlicher Gedanke... Wir sprachen nicht mehr. Auch Wein und Käse waren verzehrt. Ich pfiff „lieber Augustin“ und dachte an das Vaterland. Da rollt etwas durch die Nacht! Die Bäuerin läuft vor die Tür. „Un Coucou!“ ruft sie, und es hält wirklich ein prustendes Pferd, und ein Gewirr von Männer- und Frauenstimmen wird vernehmbar. Wir stehen im herabströmenden Regen vor der Tür. Der Kutscher des Coucou will uns aufsteigen lassen, die ganze Gesellschaft wird rebellisch. „Alles sei voll! Man ersticke!“ so schreien sie wie toll durcheinander.

Der Kutscher erklärt, er wolle seinen eigenen Platz dem Herrn einräumen und sich seitwärts auf dem einen Schenkel der Gabeldeichsel placieren; die Herren und Damen sollten durchaus nicht inkommodiert werden. Man beruhigt sich im Innern des Coucou bei dieser Erklärung. Der Spitzbube von Kutscher aber wußte wohl, daß es sich um mehr als eine Person handle. Wir waren unser drei; denn meine Frau war mit von der Partie.

Einer nach dem andern steigt nun beschwerlich hinauf und nimmt auf einem schmalen Brettchen Platz, das den Sitz des Kutschers ausmachte. Der Zorn der im Coucou Sitzenden weicht nunmehr der Heiterkeit, und bei jedem neuen Aufsteigenden erschallt ein wieherndes Gelächter. Wie wir uns rücken und strecken, schwankt und kracht das zerbrechliche Fuhrwerk hin und her, und verschiedenes Geschrei im Diskant aus dem Departement des Innern wird stets dabei vernommen. Endlich gibt es einen tüchtigen Ruck, der alles ins Gleichgewicht bringt; der Kutscher hat Posto gefaßt und das in die Gabel gespannte Pferd beginnt seinen schwerfälligen Trott und hebt bei jedem Schritt die ganze vollgepfropfte Maschine balancierend in die Höhe. –

Das war eine Fahrt, an die ich zeitlebens denke! –

Die Nacht war rabenschwarz und das Vordach zu kurz, um unsern Sitz zu beschirmen. Es endete dergestalt über unserm Haupte, daß große Tropfen und oft, wenn es einen Stoß gab, eine ganze Flut angesammelten Wassers sich über unsere Nasenspitze in unsern Schoß ergoß. Wir klapperten mit den Zähnen und taten kläglich genug. Der mitleidige Vetturin hüllte seine übelriechende alte Pferdedecke um unsere erstarrten Glieder. –

Erleuchtete Häuser! Ein langer Palast! Wir sind in Sèvres; das ist die Porzellanfabrik. Heine will aussteigen und hier übernachten. Ich stelle ihm vor, daß es ihm an allen Bequemlichkeiten fehlen würde, daß er weder Kleider noch Wäsche wechseln könne, und daß ja nun bald das Ziel unserer Leiden erreicht sei. – Er bequemte sich zu bleiben.

Wir nähern uns jetzt Paris. Schon tauchen die Tausende von Lichtern an den langen Quais wie ein Sternenmeer aus dem Nebel. Wir erreichen die Barriere. Jetzt erst fällt es uns mit Zentnerlast aufs Herz, daß der Coucou nicht weiter als bis zu den elysäischen Feldern fährt und daß wir nun noch zu Fuß in diesem Wetter eine halbe Stunde zurückzulegen haben... An einem kleinen, erleuchteten Häuschen wird gehalten; dies ist das Büro der Coucous; man drängt sich, um seine Zahlung zu leisten und so schnell als möglich die Arkaden der Rue de Rivoli zu erreichen, die uns ein gutes Trottoir und Schutz vor dem Regen gewähren. Wir segnen ihres großen Erbauers Gedächtnis, der uns in diesem Momente recht augenscheinlich als Wohltäter der Menschheit erscheint.

Wir atmen froh und frei, da wir in die Hallen des Palais Royal treten...

Unser gewöhnliches Restaurant damaliger Zeit, Pestel, hatte schon zugemacht. Die Leute geben nur bis acht Uhr zu essen, weil man später selten diniert. Wir gingen daher au Perigord, einem der elegantesten Café-Restaurants. Und wir säumten nicht, uns bei leckeren Speisen und trefflichen Weinen von den Mühseligkeiten des Abends zu erholen.

236. Ludwig Börne71

8. Oktober 1831

[Börne an Jeannette Wohl:] Ja, mit dem Heine ist es merkwürdig, wie ich mich getäuscht habe. Ich werde Ihnen etwas von ihm sagen, was Sie wundern wird. Heine ist ein vollkommener Bacher! Wie er das geworden, oder vielmehr als geborener Jude geblieben, ist mir ganz unerklärlich. Er hat die regelmäßigste Erziehung und einen viel geordneteren Schulunterricht genossen als ich selbst. Er hat ganz die jüdische Art zu witzeln und opfert einem Witz nicht bloß das Recht und die Wahrheit, sondern auch seine eigene Überzeugung auf... Seine Neigung zur persönlichen Satire, sowohl im Schreiben als im Sprechen, ist mir auch zuwider. Sein Spott ist sehr bösartig, und man muß sich sehr vor ihm hüten, daß man in seiner Gegenwart von keinem etwas erzählt, was er brauchen kann. So erzählte ich einem gemeinschaftlichen Bekannten von uns beiden, Robert in Baden jammere, daß in dieser Zeit sein Talent zugrunde ginge. Einen Tag darauf kömmt Heine zu mir und sagt, er habe das erfahren und werde es bei der nächsten Gelegenheit drucken lassen; aber nicht von Robert, von dem er gut Freund sei, sondern er wolle es erzählen, als habe das Raupach geklagt...

237. Ludwig Börne71

12. Oktober 1831

[Börne an Jeannette Wohl, 13. Oktober 1831:] Es hat mir jemand verplaudert, daß ihm Heine unter Gelobung der strengsten Verschwiegenheit, besonders gegen mich, anvertraut, er arbeite an einem politischen Werke, so etwas über die Französische Revolution. Er fürchte meine Konkurrenz. Was mir diese Art mißbehagt, kann ich Ihnen gar nicht genug ausdrücken. Wie ist es möglich, daß ein Mann wie Heine, von so anerkannten großen Verdiensten, so kleinlich eitel sein kann? Gestern traf ich ihn bei Tische. Er verriet mir, ohne es zu wollen, mit welchen literarischen Arbeiten er jetzt beschäftigt ist. Er fragte mich, was ich von Robespierre halte. Ich antwortete ihm: Robespierre und Lafayette sind die einzigen ehrlichen Leute in der Französischen Revolution. Das schien seine Meinung auch zu sein, er wollte mich aushören. So ein kleinliches Wesen kann mich ganz maliziös machen, und ich wäre imstande, wenn ich einmal bestimmt erführe, worüber Heine schreibt, den nämlichen Stoff zu behandeln, nur um ihn zu ärgern. –

Ich komme wieder auf Heine. Sie müssen aber nicht denken, daß es mir Vergnügen macht, Böses von ihm zu reden, das nicht. Aber er interessiert mich als Schriftsteller und darum auch als Mensch. Ich sammle alles, was ich von andern über ihn höre und ich selbst über ihn beobachte. Da es mir nun langweilig ist, für mich allein Buch und Rechnung über Heine zu führen, lege ich alles, was mir von ihm zukömmt, nach und nach in meine Briefe an Sie nieder. Ein schwacher Charakter wie Heine, wie er mir schon aus seinen Schriften hervorleuchtete, muß in Paris völlig ausarten. Ich sehe ihn auf bösem Wege und werde aus historischem und anthropologischem Interesse seiner Spur nachgehen. So müssen Sie das ansehen. Gestern abend war bei Valentin* von *Michael Beers* neuer Tragödie die Rede, die er in Baden meinem Urteil unterworfen. Auf Verlangen sagte ich meine aufrichtige Meinung davon. Madame Leo* sagte mir, vormittag sei Heine bei ihr gewesen und habe das Drama gelobt. Darauf bemerkte ich, dann habe Heine geheuchelt; denn er verstehe das so gut als ich. Madame Leo* erwiderte: „Ja, wenn man dem Heine tausend Franken gibt, lobt er das Schlechteste.“ Ich: „Das möchte ich nun gerade nicht glauben.“ Madame Leo*: „Sie können es mir glauben, ich weiß es.“ – Ein Deutscher erzählte mir, Heine habe ihm gesagt: Metternich* könnte mich nur auf eine Art kaufen; wenn er mir alle Mädchen von Paris gäbe. (Ich sage Mädchen; Heine aber gebrauchte den gemeinsten Ausdruck dafür.) Er hat eine Art von Liederlichkeit, die mir nie, weder in Büchern noch im Leben vorgekommen ist, und die ich mir psychologisch gar nicht erklären kann. Gemeine Sinnlichkeit trifft man häufig; aber doch selten wird ein junger Mensch von seinen gemeinen Ausschweifungen, als von etwas Schönem, öffentlich sprechen... *Heine aber läuft den gemeinsten Straßendirnen bei Tag und Nacht nach und spricht in einem fort von dieser häßlichen Gemeinheit, in welcher er ein ästhetisches Vergnügen findet*. Neulich kamen wir abends vom Essen. Er sagte mir, er ging in den Passage des Panoramas. – Was er dort zu tun habe? Ich will sehen, ob keines von den Mädchen, die ich kenne, ein neues Kleid anhat. – Heine ist doch schon dreißig Jahre alt.

[In Baden-Baden war Börne im Sommer 1831; hier scheint ihm Beer sein neues Trauerspiel „Schwert und Hand“ vorgelegt zu haben, das am 30. April 1832 in Berlin aufgeführt wurde. Herbst 1831 bis Frühjahr 1832 war Beer in Paris. Über seinen „Struensee“ hatte Heine im Stuttgarter „Morgenblatt“ (April 1828) eine Kritik veröffentlicht, die so lobpreisend war, daß man sie für eine Mystifikation hielt; Heine selbst nennt sie (an Varnhagen, I. April 1828) eine der „Lumpigkeiten“, die „oft sogar lobenswert sind, wenn sie uns in den Stand setzen, der großen Idee unseres Lebens desto würdiger zu dienen“. Dem Freunde Merckel schrieb er am 14. April, die „Beersche Rezension“ habe er „des Lebensunterhalts wegen“ schreiben müssen. Er lebte damals in München und verkehrte mit Beer und dessen einflußreichem Freund, dem Minister E. v. Schenk. Im Kreise Börnes glaubte man offenbar, Heine habe sich von dem reichen Beer jene Kritik bezahlen lassen.]

238. Hermann Franck103

Herbst 1831

[Mitteilung Francks an Varnhagen von Ense:] Heine trieb in Paris sein besonderes Gespött mit dem Dichter Michael Beer. Dieser hatte ein Trauerspiel verfaßt, das er gern vorlas und auch verlieh. Heine quälte den Dr. Hermann Franck, er sollte es sich ausbitten, er werde es bewundern müssen. Eines Morgens kam Heine zu Franck und sagte: „Ich weiß schon, Sie haben das Manuskript bekommen und gelesen, was sagen Sie?“ – „Zum Ausspeien!“ versetzte Franck, „ganz gering und schlecht.“ – „Wie ich Ihnen gesagt“, erwiderte Heine mit ruhigem Gleichmut und setzte nach einer Pause hinzu: „Nicht wahr, den Mann darf ich ohne Scheu loben? Es ist keine Gefahr, daß mirs einer glaubt.“

239. August Lewald218

Herbst 1831

Im Herbste des Jahres 1831 reiste ich nach Paris und befand mich abends im Laden der Buchhändler Heideloff und Campe, wo sich damals Schlegel, Klaproth, Humboldt, Heine, Michael Beer, Börne, kurz alle berühmten und unberühmten in Paris anwesenden Deutschen einzufinden pflegten, als ein kleiner, hagerer Mann eintrat, stumm nach beiden Seiten sich verneigte, und sogleich nach den Brockhausschen Blättern griff, von welchen eben ein neues Heft angelangt war. Er setzte sich und las aufmerksam vor sich hin. Dies war Börne. Herr Heideloff stellte mich ihm später vor und ich mußte ihm allerlei von Deutschland erzählen, und mich einiger Aufträge an ihn von unserm damaligen Verleger Campe entledigen. Ich sah Börne nun öfter. Wir aßen eine Zeitlang in einer kleinen Restauration der Rue de Valois; er, Heine, Baron Maltitz, Schauspieler Jerrmann, meine Frau und ich. Dies waren sehr heitere Mahlzeiten, von der harmlosesten, witzigsten Unterhaltung belebt. Börnes Kränklichkeit zwang ihn jedoch beim Eintritt des Winters sich aus diesem Kreise zu entfernen und auf seinem Zimmer zu essen.

[Daß Heine mit Börne auch in Lewalds Gesellschaft zusammen war, ist sonst nicht belegt.]

240. August Lewald1

Winter 1831/32

Sein Lieblingsspaziergang war die Passage der Panoramas, wo man abends gern vermeidet hindurchzugehen, wenn man eine Dame am Arme führt... Heine schlenderte hier auf und ab, die Hände in den Taschen, den Kopf in den Nacken geworfen, mit aufgesetzter Brille. Hier beobachtete er das Pariser Treiben, und nebenher zogen ihn auch wohl die „Zoen, Aglaën, Desiréen, Clarissen, Amélien usw.“ an, die hier beständig lustwandeln, und denen er die hübschen Lieder gewidmet hat, die er in seinem ersten Teile des Salons abdrucken ließ.

Anfänglich waren ihm die Französinnen zu klein. „Wenn man die langen deutschen Glieder gewöhnt ist,“ sagte er, „so ist es schwer, sich hier einzurichten.“

Eine lange Schöne, die ihn in Hamburg zu fesseln wußte, konnte er nicht vergessen. „Überall sehe ich sie, überall finde ich sie wieder“, sagte er scherzend zu mir in der Galerie des Louvre, indem wir vor der kolossalen Melpomene standen; und in der Tat, ich fand einige Ähnlichkeit mit der Hamburgerin.

241. Ferdinand Hiller66

1831/32

Während der ersten Hälfte der dreißiger Jahre sah ich Heine in Paris, wohin er ungefähr ein Jahr nach der Julirevolution gekommen war, sehr viel... Ich war kaum zwanzig Jahre alt, als er mich aufsuchte, um mir Grüße von den Meinigen aus Frankfurt zu bringen, und ich rechne es ihm nachträglich sehr hoch an, daß er gern mit mir verkehrte – damals im jugendlichen Übermut schien mirs ganz natürlich. Meine Jugend war auch wohl alles, was ihm an mir behagen konnte – ich war zwar ein guter Musikant, das war ihm aber gleichgültig – ich erinnere mich nicht, daß es ihm je eingefallen wäre, sich von mir etwas vorspielen zu lassen. Die Musik interessierte ihn nicht übermäßig, soviel Geistreiches und tief Empfundenes er auch, neben toll Humoristischem, darüber geschrieben. Sein Äußeres kennen Sie wohl aus Bildnissen, soviel man aus dergleichen, vor der Photographie, entnehmen konnte, wenn der Zufall nicht einem bedeutenden Menschen einen bedeutenden Maler zugeführt. Die Nachbildungen eines Porträts, welches der talentvollste Professor Oppenheim von ihm gemacht, sind indes leidlich ähnlich, wenn sie auch das vortreffliche Bildnis uns sehr unvollständig wiedergeben. Ich glaube nicht, daß das Antlitz Heines sonderlich auffiel, solange man nicht wußte, welchem Kopf es als Aushängeschild diente – kannte man aber den Inhaber, so mußte man ihn auch darin finden. Die Stirn war sehr edel, die Augen wechselten zwischen Mattigkeit und blitzendem Feuer. Am lebhaftesten ist mir sein Mund in Erinnerung haftengeblieben – er verzog ihn sehr, sehr häufig zu einem satyrischen, wegwerfenden Lächeln, und wiewohl dieser Ausdruck vortrefflich zu seiner Geistesrichtung paßte, kam mir dieses fast höhnische Herabziehen der Unterlippe etwas gemacht vor – ich glaube, er wußte, wie das aussah, und er gefiel sich darin. Im übrigen kann man in Wesen und Gebärde nicht einfacher, nicht natürlicher sein, als er es war – ein nachlässiges Sichgehenlassen in Gang und Haltung und keine Spur von Prätension!

Man hat mich oft gefragt, ob Heine im Gespräch sich ebenso geistreich gezeigt, als mit der Feder. Wie sollte das möglich gewesen sein! Als ich ihn eines Tages besuchte, fand ich ihn arbeitend am Schreibtisch und warf einen neugierigen Blick auf den vor ihm liegenden Bogen, der kaum eine Zeile enthielt, die nicht durchgestrichen und durch eine darüberstehende ersetzt gewesen wäre. Er fühlte meine Verwunderung und sagte mit ironischem Ton: „Da sprechen die Leute von Eingebung, von Begeisterung u. dgl. – ich arbeite wie der Goldschmied, wenn er eine Kette anfertigt – ein Ringelchen nach dem andern – eines in das andere.“ Oft rezitierte er mir kleinere Gedichte, die eben entstanden waren – irrte sich dabei aber sehr häufig. „Glauben Sie nicht,“ sagte er einst, „daß mich das Gedächtnis im Stiche läßt, ich wähle aber zwischen so vielen verschiedenen Wendungen, daß ich im gegebenen Augenblick leicht vergesse, welche ich festgestellt.“ Wenn ein Schriftsteller bemüht ist, wie es mit feinsten Weinen geschieht, uns aus einer Auslese von Geistesbeeren einen Trunk zu kredenzen, wird das, was die Kelter aus dem Übrigen preßt, notwendigerweise nicht von gleicher Vortrefflichkeit sein. Jedoch war Heine sehr schlagfertig, und im Gespräch mit geistig Gleichstehenden mag er sich wohl zu sich selbst erhoben haben. Im allgemeinen liebte er aber leichtes Geplauder, bei welchem es an treffenden, wohl auch verwundenden Ausfällen nicht fehlte. Ein Einfall, der schlagend, machte ihm die größte Freude, und ich bin überzeugt, daß er zuweilen eine Reihe von Besuchen machte, nur um ihn zu kolportieren und jedesmal wieder aufs herzlichste darüber zu lachen. Im Verkehr mit seinen näheren Bekannten war er indes, trotz seiner Neigung zu scharfer Kritik, überaus rücksichtsvoll...

Börne... war Heines Gespenst, seine bête noire. Bereit, das glänzende Talent jenes von Geist sprühenden Publizisten anzuerkennen, war es ihm doch unerträglich, daß man sie stets als Dioskuren zusammen nannte. „Was habe ich mit Börne zu schaffen,“ rief er ebenso häufig als unmutig aus, „ich bin ein Dichter!“ Und es lag hierin ebensoviel Wahrheit als Selbstbewußtsein...

[Hiller kehrte Ende Oktober 1832 nach Deutschland zurück, vgl. Heines Brief an ihn vom 24. Oktober; erst 1836 kam er wieder nach Paris.]

242. Ferdinand Hiller193

1831/32

[Hiller an Karpeles:] Theoretisch oder gar praktisch verstand Heine gar nichts von Musik – er erzählte mir einstmals lachend, daß er durch lange Jahre geglaubt, der Generalbaß sei der – Kontrebaß – vonwegen seiner stattlichen Größe. Auch schrieb er mir ein Heft Lieder zusammen (mit dem Titel: Närrische Worte von H. H. – noch närrischere Musik von F. H.) – sie waren zum größeren Teil gänzlich unkomponierbar. Und doch hörte er, erriet er mit seinem aus Phantasie und Scharfsinn gekneteten Geiste viel mehr als viele sogenannte musikalische Leute aus der Musik heraus. Es gehört dergleichen, meiner Meinung nach, zu dem vielen Unbegreiflichen, was genialen Naturen eigen ist. Daß er von Musik tief ergriffen gewesen wäre, hatte ich nie zu bemerken Gelegenheit. – Mit seinem „Ergriffensein“ war es überhaupt nicht weit her; in seinen Gesprächen gestalteten sich seine Eindrücke zu geistreichen, meistens satirischen Worten... Aber an Musikern von Talent oder Bedeutung nahm er lebhaftes Interesse. Was er über dieselben geschrieben, ging aber aus sehr verschiedenen Stimmungen und Absichten hervor.

[Noch in seinen „Besuchen im Jenseits“ („Erinnerungsblätter“ 1884, S. 175) fragt Hiller den Dichter: „Hat denn Musik Sie wirklich je interessiert?“ und läßt Heine antworten: „Nur in ihren Repräsentanten.“]

243. Ludwig Börne71

24. Oktober 1831

[Börne an Jeannette Wohl:] ... Heine war bei mir und hat mir aufgetragen, Sie zu grüßen. Er fragte mich, wie oft ich Ihnen schreibe, und als er hörte, wöchentlich zweimal, war er sehr darüber erstaunt.

*Sehr liebenswürdig ist er, wenn er sich über Michel Beer lustig macht. Er ist dann ein Springbrunnen von Witz und Laune. Das läßt sich freilich nicht gut nacherzählen. Die Art, wie diese beiden Dichter miteinander umgehen, soll einzig sein; ich selbst habe sie noch selten beisammen gefunden. Heine fragt z. B. den Beer: „Warum schreiben Sie, Sie haben es ja nicht nötig?“, worüber sich B. erschrecklich ärgert. Hinter seinem Rücken sagt H., wenn ich einmal der Familie Beer meine Rechnung mache für alle die Witze, die sie mich schon gekostet haben, oder, wenn ich mich einmal mit den Beers entzweie, werde ich ein reicher Mann. Der Beer fühlt es nun in seinen Nerven, daß der Heine früher oder später einmal öffentlich über ihn herfallen wird, und geht daher bei aller Vertraulichkeit doch so ängstlich mit ihm um, wie das Hündchen mit dem Löwen*. – Höchst bedauernswürdig ist der Heine, aber nicht bloß zu beklagen, sondern auch anzuklagen, wegen seiner Gesundheit, die er durch Ausschweifungen zerrüttet und täglich mehr verdirbt. Er hat sich durch sein liederliches Leben solche Übel zugezogen, welche die Nerven und den Kopf endlich ganz zerstören, so daß dieser so geistreiche Mensch noch einmal dumm, ja wahnsinnig werden kann, wenn er nicht so glücklich ist, früher das Leben zu verlieren. Er ist so erschöpft, und das ist der Ausdruck, womit er gewöhnlich selbst klagt, daß er abends 9 Uhr zu nichts mehr, nicht zur leichtesten Unterhaltung mehr zu brauchen ist und sich zu Bette legen muß. Er leidet beständig am Kopfe. Als er mir heute sein Übel klagte, mochte ich ihm freilich die gefährlichen Folgen desselben, die er nicht kennt, nicht aufdecken, aber ich gab ihm mit dem wärmsten Eifer die besten Verhaltungsmaßregeln, wie er seine Lebensart einzurichten und sich zu heilen habe. Es ist aber nicht daran zu denken, daß er sie befolgt; denn sein Charakter ist zu morsch, er hat nicht die geringste Willenskraft mehr...

[Nach einem Brief Heines an Hiller vom 23. Oktober trafen sich beide am 24. bei Börne; Dr. Donndorf scheint mit dabeigewesen zu sein.]

244. Ludwig Börne71

25. Oktober 1831

[Börne an Jeannette Wohl, 27. Oktober:] Vorgestern war die Trauung von Dr. S. [Sichel*]. Ich und Heine waren Zeugen und mußten die Protokolle des Zivilstandes und des Kirchenbuches unterschreiben. Als der Sekretär Heine fragte, wie sein Name geschrieben werde, antwortete er: „Mit einem Hache“, statt zu sagen mit einem Asch (H). Darüber wurde er von S. [Sichel] und H. ausgelacht, was ihn in die größte Verlegenheit setzte, denn so gern und oft er spottet, so wenig kann er doch selbst Raillerie ertragen. – Bei dieser Heiratsgelegenheit, wo ich drei Stunden mit Heine beisammen war, konnte ich ihn recht gut beobachten und kennen lernen. Nie ist mir eine feigere Seele vorgekommen, die sich mit solcher Geduld von ihrem Körper tyrannisieren läßt... Sollte einmal in Deutschland eine politische Revolution eintreten, so würde Heine eine zwar kurze, aber für ihn und die Welt höchst verderbliche Rolle spielen. Er wäre, wie alle schwachen Menschen, der blutigsten Grausamkeiten fähig. Er ist von der größten Feigheit, und er hat mir offen gestanden, daß er in Italien mit Florenz seine Reise beschlossen, weil er sich gefürchtet, nach Rom zu gehen; denn er habe Feinde dort, die ihn gewiß hätten ermorden lassen (wahrscheinlich Graf Platen). Christentum, Religion überhaupt, ist ihm nicht bloß ein Greuel, es ist ihm ein Ekel. Und als er unter solchen Gesprächen mich auf der Straße verließ und ich ihm eine Weile nachsah, kam er mir vor wie ein welkes Blatt, das der Wind umhertreibt, bis es endlich, durch den Schmutz der Erde schwer geworden, auf dem Boden liegen bleibt und selbst zu Mist wird.

[Heines falsche Aussprache des französischen H hält Strodtmann (II 231) für absichtlichen Scherz: avec une ‘hache = mit einem Beil. Dieses Beisammensein mit Börne „bei der Heirat eines gemeinsamen Freundes, der uns beide als Zeugen gewählt“, erwähnt auch Heine im vierten Teil seines Börnebuches.]

245. Ludwig Börne71

30. Oktober 1831

[Börne an Jeannette Wohl, 2. November:] Sonntag habe ich mit Heine bei Valentin* zu Mittag gegessen. Wir trafen uns zufällig vor dem Hause und traten zugleich ein. Als wir ins Zimmer kamen, fragte ich Madame Valentin*: „Ist denn der Boden stark genug, kann er zwei große Männer wie wir zugleich tragen?“ Es war das erstemal, daß ich mit Heine in Gesellschaft war. Mit mir sprach er wenig, ja, er blieb immer von mir entfernt und suchte sich einen eigenen Mittelpunkt. Abends, da mehrere Leute zur gewöhnlichen Sonntagsgesellschaft kamen, bemerkte ich, daß Heine mit keinem der Bedeutenderen, Gebildeteren sprach, sondern sich gerade dem Jüngsten in der Gesellschaft, fast noch ein Knabe, zur Seite setzte und sich mit ihm unterhielt. Er war gerade bei besserer Laune als gewöhnlich, ich kann ihn also nicht einmal mit seiner Hypochondrie entschuldigen.

Seit kurzem ist eine Schauspielerin vom dritten Range mit ihrem Manne, einem Theaterdichter, hier. Bei diesen Leuten ist Heine zu allen Zeiten des Tags. Und das sind nicht etwa genialisch-joviale-lebenslustige Menschen, sondern ganz solid-bürgerliche, aber auch sehr gewöhnliche Menschen... Man merkt es dem Heine deutlich an, wie er immer gern was besonders Auffallendes sagen möchte und lieber schweigt, als etwas Gewöhnliches spricht. Besonders ärgert mich an ihm seine Sucht, immer Lachen zu erregen. Lachen ist eine der untersten Seelenbewegungen, und ein Mann von Geist sollte auf höhere Wirkungen ausgehen. Er hat mir neulich gesagt, daß er spiele, und ich habe ihm ganz freundschaftlich den Text darüber gelesen. Was ich gegen das Spiel vorgebracht, schien ihm alles neu zu sein. Überhaupt mag er sich um die Moral nie viel bekümmert haben. Der arme Heine wird chemisch von mir zersetzt, und er hat gar keine Ahnung davon, daß ich im geheim beständig Experimente mit ihm mache.

246. Ludwig Börne71

Anfang Dezember 1831

[Börne an Jeannette Wohl, 8. Dezember:] Heine saß in Hillers Konzert neben mir. Der ist so unwissend in Musik, daß er die vier Teile der großen Sinfonie für ganz verschiedene Stücke hielt und ihnen die Nummern des Konzertzettels beilegte, wie sie da aufeinander folgen. So nahm er den zweiten Teil der Sinfonie für das angekündigte Altsolo, den dritten Teil für ein Violoncellosolo und den vierten für die Ouvertüre zum „Faust“! Da er sich sehr langweilte, war er froh, daß alles so schnell ging, und ward wie vom Blitz gerührt, als er von mir erfuhr, daß erst Nr. 1 vorbei sei, wo er dachte, schon vier Nummern wären ausgestanden...

Als ich dem Heine erzählte, der Artikel aus der „Börsenhalle“ stünde auch in der „Frankfurter Postzeitung“, war er wie erstarrt vor Erstaunen und Schrecken. Er sagte, das sei nicht möglich, daß Rousseau etwas habe drucken lassen, worin er, Heine, beleidigt wäre; denn er kenne ihn seit zwölf Jahren. Auf jeden Fall wären die Stellen, die ihn beträfen, gewiß im Artikel weggeblieben. Lesen Sie ihn doch in der „Postzeitung“ und schreiben Sie mir, ob sich das wirklich so verhält. Wenn der Heine nur halb ein solcher Schuft ist, als er freiwillig bekennt, dann hat er schon fünf Galgen und zehn Orden verdient. Schon zwanzigmal gestand er mir, und das ganz ohne Not, dem Argwohn zuvorkommend, er ließe sich gewinnen, bestechen. Und als ich ihm bemerkte, er würde aber dann seinen Wert als Schriftsteller verlieren, erwiderte er, keineswegs; denn er würde gegen seine Überzeugung ganz so gut schreiben als mit ihr. Und glauben Sie nicht, daß das Scherz sei: es beweist mir, daß Heine schon ist, was werden zu können er nicht leugnet. Daß er offen und freiwillig von seiner Verdorbenheit spricht, beweist nichts gegen den Ernst; das ist die alte bekannte List, durch Selbstanklage der Überraschung seiner eigenen Vorwürfe und der andern keck in den Weg zu treten. Es sind Ausfälle aus der Festung des Gewissens, um die Belagerung zurückzudrängen.

... Schade ist es um Heine, daß seine schönste dichterische Begeisterung ihm aus dem Tranke sinnlicher Liebe kömmt, und ich habe ihm das gestern selbst gesagt. Zehn Jahre reiferen Alters werden ihm viel von seinem Werte nehmen...

[In den „Kritischen Blättern der Börsen-Halle“ Nr. 72 vom 14. November 1831 war eine scharfe Kritik gegen Börnes „Briefe aus Paris“ erschienen; auch Heine war darin mehrfach genannt.]

247. Ludwig Börne71

9. Dezember 1831

[Börne an Jeannette Wohl:] *Der Artikel im „Morgenblatte“ ist nicht von Menzel. Es ist sein Stil nicht. Auch hat mir Heine den Verfasser genannt, ich habe aber seinen Namen vergessen*.

[Gemeint ist jedenfalls der Aufsatz über Börnes „Briefe aus Paris“, Bd. 1 und 2, im „Literaturblatt“ zum Stuttgarter „Morgenblatt“ Nr. 121 und 122 vom 28. November und 2. Dezember 1831. Der Verfasser war aber doch Menzel selbst.]

248. Ludwig Börne71

15. Dezember 1831

[Börne an Jeannette Wohl:] *Heine war eben bei mir, nachdem er heute die Briefe gelesen. Er ist ganz außer sich vor Entzücken. Er sagt, es wäre besser als alles, was ich früher geschrieben, und der Stil wäre unvergleichlich. Daß ich ihn einige Male so sehr gelobt, mag freilich sein Urteil etwas exaltiert haben. Heine ist zugleich der eitelste und der feigste Mensch von der Welt. Meine Briefe werden auf seine künftige politische Schriftstellerei einen sehr schädlichen Einfluß haben. Furchtsam, wie er ist, wird er künftig nicht den Mut haben, selbst mit seiner früheren gemäßigteren Kraft zu schreiben. Das sagt er selbst, nicht in meiner Gegenwart, aber es wurde mir wiedererzählt, und daß er dabei über meinen Übermut sich sehr tadelnd ausgelassen. Mit diesem Grunde seiner künftigen Mäßigung täuscht er andere, vielleicht sich selbst. Der Hauptgrund ist die Eitelkeit. Sich weder die Kraft noch den Mut zutrauend, mit mir in Politik an Tapferkeit zu wetteifern, wird er freiwillig unter sich selbst herabsinken, nur um sich von mir zu entfernen und nicht mit mir verglichen werden zu können. Er gefällt mir alle Tage weniger, ob er mich zwar sehr hoch stellt und sein Urteil, als das eines Kenners, mir sehr schmeichelhaft sein muß. Er ist ein Lümpchen, hat keine und hält auf keine Ehre. Die Partei der Liberalen ist aber noch so schwach in Deutschland, daß nur die strengste Rechtlichkeit ihr Gewicht geben kann. Wie alle furchtsamen Menschen, hat auch Heine ein Grauen vor dem Volke, und er kann sich gar nicht darein finden, wie ich dem Pöbel so zugetan sein, ihn so warm verteidigen mag. Ich habe ihm erst heute gesagt: „Laßt uns unsern künftigen Herrn ehren!“*

[So wenig sympathisch Börnes spionenhafte Berichte über Heine berühren – an den äußeren Tatsachen, die er angibt, ist kaum ein Zweifel statthaft. Heine hat ihn demnach doch bedeutend öfter besucht, als er in seiner Schrift über Börne wahrhaben wollte; hier legt er Wert darauf, festzustellen, daß er nur zweimal bei ihm war, dann ihn noch zweimal an dritten Orten getroffen und ihm dann „geflissentlich“ ausgewichen sei; dagegen sei Börne ihm „nachgekrochen“ in die Restaurants, wo Heine speiste. Die Besuche Heines bei Börne am 24. Oktober und 15. Dezember 1831, das mehrfache Zusammentreffen mit ihm am 30. Oktober und Anfang Dezember 1831, am 4. März 1832 hat Heine vergessen oder absichtlich verschwiegen. Daß er Börne kurz nach dem Hambacher Fest (27. Mai 1832) „zum letztenmal in diesem Leben wiedersah“, stimmt keinesfalls. Börnes Bericht vom 5. Januar 1833 über einen langen Besuch Heines bei ihm ist gewiß nicht Erfindung.]

249. Ludwig Börne71

27. Dezember 1831

[Börne an Jeannette Wohl:] Heines Charakter als Mensch und Dichter sehr bezeichnend ist die Bemerkung, die er mir gemacht, daß er den Mut bewundere, mit welchem ich meine Blutigelgeschichte in Dormans erzählt. (Die ihm übrigens sehr gefallen.) Er hätte es nie gewagt, sich so der Gefahr, lächerlich zu werden, auszusetzen.

[Die Blutigelgeschichte findet sich im 4. Pariser Brief Börnes vom 15. September 1830; Teil 1 und 2 der „Briefe aus Paris“ waren im Oktober 1831 erschienen. – Diese Briefstelle ist jedenfalls Nachtrag zum 15. Dezember.]

250. August Lewald1

Anfang 1832

Börne ging im Jahre 1832 auf den Mont-Martre, um zu deutschen Schmieden und Schuhmachern zu sprechen, und hielt Reden in der Passage du Saumon, während Heine im stillen darüber lächelte und sich überall entfernt hielt, wo es Lärm geben konnte. Börne ist mehr der Mann der Tat als Heine. Heine schlendert tagelang im Dolcefarniente umher und sinnet auf schöne Lieder.

Er verfolgte Börnes Treiben gern mit Spöttereien, wenn er gleich seinem Charakter Achtung nie versagte.

„Mir ist es leicht erklärlich, warum Börne sich der Gefahr aussetzen würde, wenn sie sich ihm zeigte“, pflegte er zu sagen. „Börne hat einen schlechten Magen und das Podagra, und dabei hat er nicht viel zu verlieren. Bei mir ist das ein anderes.“

[Im 3. Teil seines Börnebuches sagt Heine, er habe Börne einmal in solch einer Volksversammlung in der Passage du Saumon reden hören. Vgl. auch Nr. 275 vom 22. Dezember 1833.]

251. Ludwig Börne28

4. Februar 1832

Heine wurde neulich von jemand gefragt: worin er sich in seinen politischen Ansichten von mir unterscheide? Er antwortete: ich bin eine gewöhnliche Guillotine, und Börne ist eine Dampfguillotine.

252. August Lewald1

Februar/März 1832

Er floh jede Berührung mit der Gemeinheit... so war ich Zeuge, daß er die Anträge von Buchhändlern zurückwies, deren Gesinnung ihm nicht anständig war. Zu der Zeit, als er die französischen Zustände schrieb, wurde ihm von einem Pariser Buchhändler eine bedeutende Summe dafür geboten. Man machte ihm in meiner Gegenwart Vorwürfe darüber, daß er das Geld nicht abholen lasse, welches für ihn bereitliege; er schlug aber standhaft alle Anträge dieser Art aus. „Man muß sich vor solchen Berührungen hüten,“ sagte er zu mir, „das bringt keine Ehre.“

253. Ludwig Börne71

4. März 1832

[Börne an Jeannette Wohl, 5. März 1832: J – – – [Jansen*] sind hier angekommen und haben mir alles Mitgegebene eingehändigt. Wir haben noch jeden Tag miteinander gegessen im Palais Royal, wo auch Heine und andere hinkommen. Gestern beim Essen haben sie es mit angehört, wie ich dem Heine, was ich oft tue, die Wahrheit gesagt, und das etwas barsch. Gewöhnlich ist seine elende Feigheit der Text, über den ich lese. Aber unter dieser Feigheit versteckt sich noch etwas Schlimmeres, eine niederträchtige Gesinnung... Das jetzige Treiben der Deutschen, die Assoziation, das kömmt ihm alles lächerlich vor, und doch hat er sich unterschrieben! Und das bloß aus Feigheit, wie er selbst eingesteht. Er hat Furcht, von den deutschen Patrioten Prügel zu bekommen...

[Die „Assoziation“ ist der im Februar 1832 in Paris gegründete „Deutsche Volksverein“, der die Ziele des „Preßvereins“ in Rheinbayern verfolgte: Freiheit der Presse. Außerdem unterstützte er deutsche und polnische Flüchtlinge und alle Bestrebungen, die eine Revolutionierung Deutschlands bezweckten. Über seine unbequeme Stellung unter den „Patrioten“ klagte Heine schon am 1. März 1832 an Cotta; in demselben Brief spricht er auch von der „Assoziation“, die seinen Namen mehr als ihm lieb sei als „Lockvogel“ benutze.]

254. Anonym172

März 1832

... Man erzählt, Heine selbst habe in Paris kürzlich gesagt, wenn man seinen und Börnes Namen zusammenpacken wolle, möchte man doch ja recht viel Baumwolle dazwischen legen.

255. August Lewald1

März 1832

Seine Liebe für Ruhe und Stille in seiner Umgebung hat mich... oft seinetwegen in Sorgen gesetzt. In Paris wählt er lange, bis er eine Wohnung findet, die ihn in der bezeichneten Hinsicht zufriedenstellt. Die einsamsten, entlegensten Straßen sind ihm die liebsten; und nun wählt er wieder einen einsamen, stillen Hof, oft den zweiten, dritten, wenn es sein kann, weit weg vom Geräusche und Treiben des Lebens; kein Stall, kein Waschhaus, kein Handwerker darf in der Nähe sein. Dann erst fühlt er sich wohl. Nun weiß man aber, daß solche Quartiere eben nicht in Paris zu den sichersten gehören, bei der Unzahl von Verbrechen, die man dort täglich verübt.

Kurz vorher, ehe ich Paris verließ, bezog Heine eine neue Wohnung in der Rue de l’Echiquier, au second, die er von einer alten Dame gemietet hatte; sie lag im zweiten Hof eines geräumigen Hotels, in welchem Gras wuchs, und eine Totenstille lagerte. Hier installierte sich Heine und machte sich’s im eigentlichen Sinne des Worts bequem; ein häßlicher Mohr brachte ihm das Teewasser und machte sein petit ménage, wie es die Pariser nennen. Er überließ sich vertrauensvoll diesem Bedienten, dessen Vorsätze leicht noch schwärzer sein konnten als sein Gesicht. Hier schrieb er die „französischen Zustände“ für die Allgemeine Zeitung [Januar bis Juli 1832]; hier glaubte er sich von Spionen aller Nationen umgeben, denn auch wegen seiner kühnen Äußerungen über Louis Philipp hielt er sich nicht für sicher. Es war merkwürdig ihn zu beobachten, mit welcher Verachtung der Gefahr er seine Meinung lancierte*.

256. August Lewald1

10.–12. April 1832

Heine ist einer echten Aufopferung für seine Freunde fähig. Während der letzten Tage meines Aufenthaltes in Paris, als die Cholera an allen Enden wütete, ging er – der mehr als andre reizbar und empfänglich war – in die engsten, schmutzigsten Straßen, um ein Geschäft für mich in Ordnung zu bringen, woran mir viel gelegen war. Selbst leidend, kam er mehrmals des Tages zu mir und warf sich ermattet auf einen Sessel, um mir Nachricht zu bringen. Mit gleicher Aufopferung pflegte er einen kranken Vetter zu jener Zeit, und blieb deshalb in Paris zurück, während alle seine Freunde daraus flohen und ihn aufforderten, ihnen zu folgen. Er sagte mir, daß er es als eine heilige Pflicht betrachte, seinem Oheim [Salomon] diesen Sohn [Karl] zu erhalten, da er schon mehrere Kinder zu beweinen habe, die ihm in der Fremde gestorben waren. Und er hielt getreulich bei dem Kranken aus. –

[Heine selbst schrieb an Varnhagen am 22. Mai 1832: „Es war nicht eigentlicher Mut, daß ich nicht ebenfalls von Paris entfloh... ehrlich gesagt, ich war zu faul.“ Daß er seines kranken Vetters wegen in der Stadt blieb, schreibt er an Cotta am 11. April.]

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