Kitabı oku: «Ein Zeitalter wird besichtig»

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Heinrich Mann

Ein Zeitalter wird besichtig

Saga

Ein Zeitalter wird besichtig

Coverbild/Illustration: Shutterstock

Copyright © 1946, 2021 SAGA Egmont

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ISBN: 9788726885743

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

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Erstes Kapitel.

Das Lebensgefühl

Die wenigen Jahrhunderte, die noch nahe genug liegen, daß sie mich nicht befremden, haben offenbar das Leben auf ungleiche Art empfunden. Da sind aufbegehrende Zeitalter, und da sind die zurückgefallenen. Einmal wird ein Glaube revidiert, er drückt nicht die Gemüter, er erhellt sie. Renaissance und Reformation haben, bei stark abweichendem Inhalt, beide das Lebensgefühl verstärkt.

Aber Jesuitismus und Barock setzen es nachher nicht herab; mit anderen Mitteln haben sie es nochmals angespannt. Der Pessimismus wird produktiv: die Tragiker und die Moralisten bezeichnen ein großes französisches Jahrhundert. Das vorhergegangene war ebensowohl italienisch wie deutsch gewesen. Mir bedeutet es viel, daß der Vorrang Frankreichs anhebt in demselben Augenblick, da das Lebensgefühl streng – streng bis zur Ausschweifung wird.

Etwas Äußerstes, von den Erfindungen des Gefühls die gewagteste, war die Majestät. Ludwig der Vierzehnte hatte sie dargestellt, mit innerem Vorbehalt, die Herzen waren es, die sie forderten und ihm grenzenlos zutrugen. Er ist einige Male vor sich erschrocken, hat sich bedacht und sich zurückgenommen.

Achtzig Jahre nach ihm erfuhr die Majestät ein gewaltsames Ende, aber genau so vielversprechend wie vormals sie, trat nunmehr der Zauber der Freiheit ein. Wieder einmal will das Leben sich fühlen und wird spektakulär – mit einer Revolution, die, außer in der Schwärmerei ihres Morgenrots, von niemand als endgültig genommen wurde und für integral gehalten nur von einigen Fremden.

Ihr Sinn ist eigentlich vollendet bei Voltaire, der an ihr wirkliches Erscheinen nie geglaubt hätte. Die Freiheit, will sagen die Unabhängigkeit der Person, geht bei ihm weit, sie kommt der Souveränität gleich; die Fürsten empfanden diesen Geist als die absolute Macht, die sie hätten sein wollen. (Sein eigener König ließ sich nicht verblüffen.) Er folgte aber auf den anderen äußersten Typ, Pascal, den Anbeter der Allmacht, der, vor ihr hingekniet, verzückt, gebückt, sobald er spricht, nur immer bezeugen muß, ihr Thron sei leer. Voltaire, ein Erschütterer alles Weltlichen, tastet Gott nicht an.

So haben Menschen die Autorität ausgeübt, wenn sie ihren Mißbrauch denunzierten, und dem Zweifel arbeiten sie zu, gerade mit ihrem Zuviel an Gläubigkeit. Weltanschauung, was auf deutsch diesen Namen trägt, hat einen doppelten Boden. Nicht mißzuverstehn, notgedrungen ehrlich ist das Lebensgefühl.

Wäre es schmerzlich bis nahe der Selbstvernichtung, das Leben stark fühlen ist alles. Es ergibt die Werke und die Taten. Es bannt das menschliche Gefolge. Der junge Werther beendet seine Leiden freiwillig: die Mitlebenden wurden überzeugt. Sie haben der Nachwelt, als Andenken eines nach außen leichten Jahrhunderts, des achtzehnten, gerade Werther und Manon überliefert. Beide beschwert ihre unstillbare Begierde zu leben, nichts stillt sie, nur der frühe Tod.

Unzählig sind die Werke des Lebensgefühls, die nichts als das sind. Seine Taten ergriffen manchen, der kaum vorbereitet schien. Klopstock und Kant, in ihrer Begierde für die Ereignisse in Frankreich, detonieren. Mozart wird seither so tragisch bedeutungsvoll nicht empfunden, wie er es ein einziges Mal sein wollte. Dennoch, in der »Zauberflöte« vernahmen die Zeitgenossen ein noch unerhörtes Gefühl, sie gaben sich hin und erklärten es nicht. Es war 1791 der Schwanengesang ihres Herzens und seines, bald vollendeten. Die strengen, dunklen Klänge hat er, hellhörig, in sanfter Ahnung der heraufziehenden Leidenschaften, aus Frankreich empfangen.

Ein Weltgeschehen, kaum begriffen, die Gesinnung teilt man nicht, unwiderstehlich ist allein das entfesselte Lebensgefühl, – es begleitet jedes Verhängnis.

Es rechnet mit den Kräften nicht, in dreißig Jahren hat es sie noch immer erschöpft, dann bekennt die nächste Zeitgenossenschaft, daß sie von der Maßlosigkeit ihrer Vorgänger verbraucht ist.

Die Generation nach Napoleon hat ihm im Grunde nur vorgeworfen, daß sie müde sei. Ihr Gefühl belasteten die Toten aus seinen Kriegen. Er verantwortete die Überanstrengung der Nation und die interessanten Ängste der Nachgewachsenen. Stendhal hat sich in Julien Sorel um zwanzig Jahre jünger gemacht, damit ein Anhänger des Kaisers in der müden Welt, die jetzt folgt und die empfänglich für starke Naturen ist, ein Heuchler und ein Mörder werden soll. Julien ist die dunkle Kehrseite der glänzenden Jugendjahre mit dem großen Mann, die seinem Autor erlaubt gewesen waren. Beide hätten ein und dasselbe Lebensgefühl, lägen nicht zwischen ihnen die zwanzig Jahre.

Wieder um eine Generation jünger, erhebt Michelet seine Anklage. Hier bejammert kein Geschädigter mehr sich selbst. Die historischen Nachwirkungen eines Eroberers, der nicht für Frankreich gehandelt habe, erbitterten ihn allein. Napoleon hatte Frankreich entvölkert, das Sterben mißbraucht für Siege ohne nächsten Tag. Was anhält: die Entvölkerung.

Noch mehr, die Revolution, als die wahre, moralische Eroberung, ist abgestumpft worden auf den müßigen Schlachtfeldern. Der überdimensionale Dichter der Revolution, Jules Michelet, hatte damals seine Vision vom leuchtenden und erlöschenden Genie eines Zeitalters beendet. Er war jetzt alt, ohne Geduld; für Napoleon, der dennoch die letzte Fackel der Revolution über Europa getragen hat, findet sein Geschichtsschreiber nur noch zerhackte Beschimpfungen.

Ich vergleiche mit dem Menschentum außerhalb jeden Ranges, das Napoleon, seine Epopöe, seine Erscheinung, einer ganzen Welt zu fühlen gegeben hatte, als er auf ihr wandelte. Nationen verachteten auf einmal jede Macht, die nicht seine ist. Noch wenn sie kriegerisch werden und sich befreien von ihm, vermögen sie nur Frankreich und ihn viel kleiner nachzuahmen. Er ist der einzige Herrscher und General, den die geistigen Spitzen Europas für ihresgleichen gehalten haben. Goethe war sein Freund.

Aber kaum ist seit dem Tode Goethes ein Menschenalter verstrichen, da wird das Monstrum an Machtwillen verworfen ohne Appell. Das Urteil fällt der nationale Geschichtsschreiber Frankreichs: durch seinen Mund die Nation selbst, sie liest ihn seither hundert Jahre. Sie fährt gewiß fort, den einstigen Herrn Europas zu bewundern, da er es mit französischen Heeren wurde. Gleichwohl erkennt sie seit einigem in allen militärischen Eroberungen den Trug und die Vergeblichkeit. Es könnte sein, daß die einmalige, ausgiebige Erfahrung nie verwunden, aber genutzt wäre. Daher mehr als ein Phänomen, das für französisch gilt, aber sich zögernd herangebildet hat seit 1815.

Der einzelne lebt kurz, vollendete Verwandlung erblickt er selten, eher wird er zuletzt noch Zeuge eines Rückfalles der Nation in längst widerlegte Zustände. Als Michelet alterte, mußte er das zweite Kaiserreich über sich ergehen lassen: gerade daher seine uneingeschränkte Verwerfung des ersten. Die militärischen Eroberer haben nicht genug daran, daß sie das Land entvölkern, die Nation ermüden: sie hinterlassen eine Wurzel, die noch treibt. Sie werden nachgeahmt.

Napoleon III. war ein zaghafter Nachahmer des Ersten. Er begehrte seinen Glanz und nicht erst die Mühen. Er hat die Kriege, zu denen seine Herkunft ihn verpflichtete, mit Vorsicht geführt: der letzte, über den er stürzte, mußte ihm abgenötigt werden, ebensowohl von seiner Umgebung wie von dem Angreifer.

Er hat wie jeder andere gefühlt, auf Grund der Erfahrungen Frankreichs mit seinem großen Kaiser hat der gealterte Nachahmer gefühlt: die militärischen Auseinandersetzungen mächtiger Nationen sind vergeblich, sie entscheiden nichts, da immer dieselben, wenigen Gegner, soweit man zurückdenkt, aufeinanderstoßen. Die Kriege in Europa hatten bisher – nur bis auf uns – einen begrenzten, einmaligen Zweck, – der auch anders zu erreichen war.

Gedanken eines kranken Machthabers, falls der gealterte Nachahmer des großen Napoleon sie hatte. Er konnte sie nur empfangen, als er nicht mehr weit hatte und sich eingestand, die Ordnung Frankreichs, das Gefühl der Nation sei von Grund auf demokratisch; sein Reich hänge haltlos über den wirklichen Menschen; er sei verspätet; sein letzter Krieg falle aus der Zeit.

Sein Gegner Bismarck begegnete damals keinem einzigen der Gedanken, die dem anderen nahe lagen, weil er am Ende, die Nation über ihn hinaus war. Die Revolution hat sich dauerhafter erwiesen als der große Kaiser: sein Nachahmer, 19 Jahre, ihre vorläufig unterbrochene Erfüllung, die Dritte Republik, 70 Jahre, und Erfüllungen darüber hinaus werden erwartet.

Bismarck war zehn Jahre jünger als sein Opfer, war gesund und auf ansteigender Linie. Die deutsche Nation fand seine Kriege rühmlich, sie ließ ihn das Reich, das sie wollte, auf seine Art herbeiführen. Für die Nation bis in ihre geistigen Spitzen ist dies alles gewesen, der Sieg und Triumph, ausgedrückt in einem machtvollen Reich. Nicht für Bismarck. Er kannte, als es nun da war, die Gebrechlichkeit des Reiches. Die Gefahr der Triumphe ist ihm immer gegenwärtig gewesen, ohne daß er sie bereute. Oder man müßte an das Wort denken: »Über meine Kriege habe ich mit Gott abgerechnet.«

Er hat das Reich nicht nur geschaffen: es zu erhalten war schwerer. Die gefürchteten Koalitionen abwenden. Die Rache – nicht Frankreichs, sondern aller – ermüdet. Den Frieden, trotz Bedrohungen und Verlockungen den Frieden durchsetzen. Andere haben genug getan, wenn sie ihn nicht brachen. Von 1875 bis 1890 brütete Europa für seinen Krieg die Anlässe, wenn nicht sogar die begründeten Vorwände aus. Sie erschienen überzeugender als je nachher.

Die Deutschen haben ihrem einzigen Staatsmann seine vornehmsten Verdienste nie gedankt, sie kennen sie gar nicht. Er eroberte seinem Reich – nicht Provinzen, die hat er kaum gewünscht, sondern Dauer für seine eigene Lebenszeit. Nach ihm war es sofort in Frage gestellt. Der Bestand des Reiches Bismarcks bleibt weit zurück hinter der Haltbarkeit der französischen Republik. Ohne ihn hätte es auch die knappe Zeit der festen Grenzen, einer halbwegs beruhigten Staatlichkeit niemals erlebt.

Der tiefe Grund des Hasses, den Bismarck gegen Wilhelm II. empfand: er sah ihm die Zerstörung des Reiches an. Der Unernst des Erben gegen das Vermächtnis hat ihn mehr empört als die Leichtfertigkeit, mit der er selbst behandelt wurde: sie verriet nur den ahnungslosen Komödianten einer Geltung, auf die der Erbe kein Recht hatte. Bismarck nennt seither Friedrich den Großen, das angemaßte Vorbild Wilhelms, einen Schauspieler. Er sah den späten Enkel des berühmten Königs sich ergehen und mißtraute ihm selbst. Gewisse Papiere Friedrichs fand er jetzt gefährlich, er schrieb groß und steif darauf: Dauernd geheimzuhalten.

Das ist, wenn ich will, die Abneigung eines Alten gegen die Fortsetzung seines Werkes in weitaus größeren Unternehmungen, die er nicht mehr kennen soll. Ich glaube lieber, daß er sie durchaus gekannt hat. Was er zuletzt mehr fürchtete als äußere Verschwörungen gegen das Reich, war das innere Komplott Deutschlands gegen den europäischen Frieden. Seine Bündnispolitik, die sein erster Nachfolger »zu kompliziert« nannte, beweist, daß er die militärische Macht Deutschlands für begrenzt hielt. Er hat natürlich gewußt, daß die Herausforderung an alle, mit der er den jungen Wilhelm spielen sah, das Ende wäre. Quieta non movere, das Wort seiner späten Tage, heißt eben dies.

Der Fürst wird seine Kriege bereut haben, wenn er an den nächsten dachte. Dies muß der Inhalt seiner Abrechnung mit Gott gewesen sein. Übrigens meine ich, daß von etwas Geschaffenem wenigstens einer den Sinn in sich trägt und begreift: es ist der Autor. Mir gefällt es zu denken, daß auch Deutschland, wie einst das Frankreich Napoleons, nicht völlig blind das Verhängnis der Welt und sein eigenes heraufbeschworen habe. Wenigstens der eine war da, zu wissen und zu warnen. Er hatte, weise geworden, die Folgen eigener Schuld zu unterdrücken oder aufzuhalten.

Zusammenhänge gibt es, man entziffert sie wohl, unter der Bedingung, daß man schon dabei war und nachher lange genug lebt. Sie definieren geht nicht. Ich halte dafür, daß die deutschen Abenteuer von Beginn bis Schluß, sei es wenig oder kaum bewußt, Napoleon nachahmen.

Von Bismarck bis Hitler

Das deutsche Kaiserreich hat pünktlich das zweite französische abgelöst. In Versailles mußte es eröffnet werden. Ohne ein besiegtes Frankreich war das Deutsche Reich politisch vielleicht zu haben, seelisch nicht. Die Deutschen, ob sie es sagten oder nur fühlten, haben von ihrem Reich verlangt, daß es mit dem Prestige von Siegen glänze, wie bis dahin das andere. Der deutsche Kanzler konnte, nachdem dieser Weg einmal beschritten, nur der Schiedsrichter Europas sein, wie vorher Napoleon III. – der Nachahmer eines Größeren.

Was Deutschland sich im 20. Jahrhundert erlaubt hat, ist ein Maximum, viel zu ungeheuer, als daß es eine natürliche Überlieferung fortsetzen könnte. Traditionen enthalten Erfahrung. Sie lehren Vernunft. Die preußische, wenn sie wirklich nur kriegerisch wäre, geht das alte, kleine Land Friedrichs an, und hier zuerst die Kriegerkaste, – sie ist es aber nicht, die diese unwahrscheinliche Überhebung des ganzen Deutschlands gepflegt, sie zum kritischen Ende gebracht hat. Weniger die alten Preußen als die sehr viel neueren Mächte im Reich.

Deutschland ist nicht Preußen, es hat von dem alten Preußen beiläufig den undeutlichen Begriff wie alle übrige Welt. Schon sein zweiter Kaiser, Wilhelm, war und handelte unpreußisch, flüchtig, ohne Nüchternheit und Sinn für das noch Erlaubte. Ausreden auf Friedrich den Großen besagen nichts, Friedrich hat wohl seine Preußen als die neuen Römer erträumt – in einer unabsehbaren Zukunft. Inzwischen ermüdeten sie ihn, er hat sie nicht geachtet. Er ehrte allein die Franzosen seiner Zeit, jeden letzten Untertan des Königs von Frankreich, dem zu dienen sein wirkliches Glück war.

Den Deutschen ist Friedrich ein Name, mehr nicht. Die Schulen außerhalb Preußens unterrichten über seine Geschichte wenig, die preußischen lehren eine Fabel. Das ältere Preußen oder das unbestimmte Bild, das man von ihm hatte, verführte niemand, eher stieß es ab. Gerade an seiner Spitze verfiel seine Tradition. Wilhelm II. hat versucht, den absoluten Herrscher zu spielen, nur keinen preußischen. Seine Mittel waren häufiges Umkleiden, immer reisen, alles wissen und noch mehr reden.

Das sind zivile Mittel, dieser deutsche Kaiser war kein Militär. In dem Krieg, der nicht seiner ist – ganz andere hatten ihn gewollt und gemacht –, brachte jeder, der es konnte, sich zur Geltung. Gekämpft wurde für die Geldinteressen dieser, das Prestige jener, für bunte Kriegsziele. Der Kaiser allein trat zurück, mit jedem Kriegsjahr weiter zurück, bis er sprach: »Ich spiele nicht mehr mit«, und zu Bett ging. Dieser König von Preußen war ein herabgesetzter Preuße, oder ein abgewichener. Sein Nachfolger Hitler ist gar keiner.

Wenn Deutschland ein Großpreußen wäre und die preußische Geschichte fortsetzte, dann haben die Deutschen jedenfalls ihren neuesten Führer von draußen geholt, aus demselben Österreich, das Friedrich haßte, dessen Herrscher er der Kaiserwürde entkleiden und das er zerstückeln wollte. Der neue Auserwählte der Deutschen hat mit Preußen-Deutschland das Geringste nicht gemein, weder Vergangenes, das man im Blut trägt, noch auch nur das Schulwissen. Die Landkarte von Deutschland mußte er erlernen, als ihm erlaubt wurde, zwischen den Städten dieses fremden Landes umherzufliegen, in Ausübung seines Berufes als Tribun. Reden, wie Wilhelm, und auch wieder nach den Reden der Krieg.

Napoleon war vom ersten Tag an französischer Offizier und nie etwas anderes, kein fauler Handwerker oder unwissender Hetzredner. Er mußte seine Heimat Korsika nicht besetzen, sie gehörte freiwillig zu Frankreich, – Frankreich war anziehend schon vor Napoleon. Deutschland ist es am wenigsten durch seinen Hitler geworden.

Besonders fand Napoleon eine Revolution vor, seine Laufbahn vollzog sich nach ihrem Gesetz, in ihrem Zeitmaß. In den achtziger Jahren ein Unterleutnant, der einen Roman schrieb; um 1800 auf Schlachtfeldern herangewachsen zu dem Ersten seiner Zeitgenossenschaft. Man kann es normal nennen. Es geht hervor aus dem damals verbreitetsten Lebensgefühl, – das heute nirgends begriffen werden kann, mit der einzigen Ausnahme der Sowjetunion.

Der arme Wilhelm II., in seinem Bedürfnis zu reden und sich jede Blöße zu geben, hat nicht unterlassen, ihn den korsischen Parvenu zu nennen. Da liegt es gerade. Er selbst war der Emporkömmling, seinem Auftrag, vornehm ein gesichertes Reich zu leiten, hat er nie genügt. Inmitten der liberalen Jahrzehnte brachte er halb faschistische Gesetze ein, der erregten Öffentlichkeit opferte er sie alsbald. Fuhr übereifrig einem fremden Milliardär bis an den Hafen entgegen, aber mit seinem Onkel von England trieb er Scherze, die teuer zu stehen kamen. Übrigens hat er Napoleon nachgeahmt, – in der Herrschergeste, da ihm sonst nichts freistand.

Die schaubare Haltung, das Inbetriebsein, die Ubiquität, das Vornean-Agieren um jeden Preis, auch auf die Gefahr von Kriegen, die man durchaus nicht zu wagen gedenkt: dies alles bedeutet das Hinschwinden der Legitimität. Die ehemals Europa regierende Familie – da die souveränen Häuser verwandt waren – sah gewöhnlich noch auf Würde. Bei allen Treulosigkeiten wahrte doch jeder den gemeinsamen Anstand, das hieß aber: die Mächte blieben mehr oder weniger die gleichen, und über den Kriegen der Nationen erhielt sich ein Frieden der Souveräne.

Der Kaiser eines neuen Reiches fiel aus der Reihe der Legitimen. Zu schweigen von der »Kunst des Möglichen«, wie Bismarck die Politik genannt hatte, – dafür bedarf es eines Künstlers; aber Wilhelm II. machte auch nicht die Politik seines Hauses. Sie wäre vereinbar gewesen mit der Politik der anderen regierenden Häuser. Unvereinbar mit allem Bestehenden waren die Gier und der Neid der kürzlich in Deutschland heraufgekommenen Mächte. Wilhelm, der nur das Geld achtete, verband sich ihnen.

Der Neid allein bestimmte Deutschland, will sagen seine neue herrschende Schicht, im südafrikanischen Kriege gegen England Partei zu nehmen. Wilhelm, mit den illegitimen Gefühlen des Emporkömmlings, der noch immer benachteiligt sein will, gab sich geräuschvoll als der Beschützer der Buren, aber nun ihr Präsident nach Berlin kam, empfing er ihn nicht. Provozieren, zurückzucken, Spielerei mit tödlichen Feindschaften und Furcht vor ihnen. Da er sich und seine Gesten nicht ernst nahm, verlangte er von anderen dasselbe. Bis an den Rand des Krieges und darüber hinaus erwartete er von Großbritannien, daß es sich enthalte.

Noch naiver hat Hitler an die britische Friedfertigkeit geglaubt. Er rechnete nicht nur auf den Betrug, einen dauernd unbeanstandeten Betrug, – indessen schon der unfähige Chamberlain gesagt hatte: »Man versucht es mit ihm noch einmal, auch wenn man nicht mehr glaubt.« Hitler muß überdies in dem merkwürdigen Traum dahingelebt haben, das europäische Gleichgewicht, seit zweihundert Jahren die Sorge Britanniens und Bedingung seiner Existenz, habe plötzlich aufgehört die Briten zu interessieren. (Das Gleichgewicht ist seit 1943 wirklich aufgegeben, um das besiegte Deutschland dauernd machtlos zu erhalten.)

Nicht genug, daß dieser Hitler aus seinen Träumen das britische Vorurteil versehentlich wegließ. Wahrscheinlich ist, daß er von dem europäischen Gleichgewicht niemals gehört hatte. Alle folgenden Zeugnisse seiner Unwissenheit sprechen dafür. Siehe seine einfach blödsinnige Meinung über den Zustand der Sowjetunion, derentwegen er sie angriff. Siehe seinen frevelhaften, aber auch hirnverbrannten Vorsatz, die europäischen Nationen aufzuheben.

Sie sind die ganze Lebenskraft Europas, alles, was den Erdteil des Bestehens wert macht. Wer verfällt darauf, sie abzuschaffen? Napoleon nicht, er hat nicht gerührt an die Nationen. Sein entferntester, unberufenster Nachahmer unternimmt den mörderischen, vergeblichen Unfug. Noch angesichts seines eigenen Zusammenbruches betreibt er das Ende aller.

Ich mag es kaum hinschreiben, so selbstverständlich ist es, daß der Politiker Hitler dieselbe Stufe hält wie der Stratege Hitler: die unterste, eher gar keine mehr, sondern den nachgiebigen Boden des frechsten Dilettantismus. Das soll eine Idee sein: niemand will den Krieg, daher kann ich ihn machen? Als sie mußten, haben sie ihn allerdings gewollt. Die einzige Idee des Politikers führte ihn nach Stalingrad und geleitet den Strategen treulich – bis zurück in das zertrümmerte Deutschland.

Das Problem ist nicht dieser Pinsel, auf Zimmerwänden wird er sich auch nur talentlos betätigt haben. Die schwere Frage betrifft Deutschland – und dies Zeitalter. Deutschland, das sich einem durchaus niedrigen Individuum in die Hände gab. Die gesamte Mitwelt der Mächte und Völker, die es ihm erlauben mußte. Das eine wie das andere geschieht, wenn man es verstehen will, folgerichtig. Das Schicksal werde nicht bemüht. Was wirklich ist, ist berechenbar.

Napoleon

Bis zu diesen Kriegen machte auf die Deutschen den nachhaltigsten Eindruck das Ereignis, das genau hundert Jahre hinter ihnen lag. 1914 – die Marne, 1815 – Waterloo. Das erste der Beginn der Niederlage; das zweite die letzte von Entscheidungen, die meistens im Innern Deutschlands ausgemacht worden waren. Schwere Niederlagen und eine lange Fremdherrschaft mußten hingenommen werden, bis Deutschland einen Freiheitskrieg haben konnte – auch dann nicht aus eigener Kraft allein. Bei Leipzig 1813 waren die Armeen der Militärstaaten gegen Napoleon aufgeboten. Ohne die russische wäre nicht über ihn gesiegt worden.

Der Freiheitskrieg der Deutschen hat sich bei ihnen, in ihnen, für ihr Gemüt und ihre Geschichte nachhaltig ausgewirkt: Seine Folgen halten bis zur Stunde an. Weder der dreißigjährige des 17. Jahrhunderts noch die zwanzigjährigen Kriege Friedrichs des Großen hinterließen vergleichbare Spuren.

Es blieb, beiläufig achtzig Jahre, der Respekt vor Rußland. Es wurde übernommen der Begriff Napoleon, als die sieghafte Macht schlechthin. Besiegt, gestürzt, wuchs er insgeheim und beständig, nistete sich ungenannt, kaum mehr bewußt, in Deutschland dennoch ein – bis zur Nachahmung, bis den Deutschen ihn zu wiederholen möglich schien. Ungeheuerlicherweise schien es ihnen auch erlaubt. Sie hatten inzwischen vergessen, moralische Werte mitzuzählen. Sie kannten nur technische, damit kann man siegen, aber nicht für lange. Man kann, eine bemessene Weile, Herr über geraubten Raum sein, niemals über seinen Bewohner.

Die Völker fallen dem sittlich befugten Eroberer zu, solange seine Legende stark ist. Enttäuscht sie, schüttelt man ihn ab. Napoleon kam über Europa als Exekutor einer tief menschenfreundlichen Revolution. Hitler hat es befallen als eine Seuche. Die Freiheit zog unter den Fahnen des Kaisers in die besiegten Länder ein. Er befahl ihnen keinen inneren Umsturz, so wenig er die größeren der staatlichen Gefüge zerstörte. Die Regierungen selbst begannen Reformen – unzulängliche, wenn es nicht bei Versprechungen blieb. Aber die Gegenwart des Befreiers klärte die Völker über ihre Knechtschaft auf, bedenklich wurden sogar die Inhaber der Vorrechte.

Die Sache ist, daß erst die körperliche Anwesenheit der Französischen Revolution in Gestalt der kaiserlichen Heere und ihres großen Mannes auch den Deutschen ihre überholte Lage zum Ekel machte. Ihr Abstand von Frankreich beschämte jede Nation. Vorher war die Revolution wechselvoll und spannend gewesen: da erregte sie draußen viele geistige Hoffnung – die Teilnahme der Massen kaum. Als die Revolution um Frankreich kämpfte, hatte sie alle Zustände durchlaufen von ihrem hochsinnigen Aufgang bis zur tragischen Dämmerung, der nichts mehr gefolgt wäre als bittere Nacht. Napoleon allein setzt sie fort. Wenn er mit seiner einzigen Person die ganze große Revolution ablöste, hat er sie auch erhalten: er trug sie durch die Lande. Er senkte sie in die Herzen.

Dies ist der Fall, wo ein Feldherr mehr vermag als Schlachten zu schlagen. Er kann eroberten Völkern ein Segen sein. Im Verlauf der menschlichen Dinge, durch den Druck des Alltags und die Gefühle, die wechseln wollen, kam es dennoch dahin, daß der Sieger lästig wurde. Die Deutschen haben sich gegen eine Last erhoben.

Die unbestreitbare Last sind immer unsere Gefühle, und keineswegs die Tatsachen, mit denen wir sie begründen. Die berühmte »Franzosenzeit« hat den Deutschen, Generationen von ihnen, die sittliche Rechtfertigung abgeben müssen für ihre eigenen Gastspiele in Frankreich und anderswo. Aber jede Fremdherrschaft bietet Einzelziele, die einander nicht gleichen, wie auch diese Fremdherrschaft nicht jener gleicht. In deutschen Häusern sind die einquartierten Sieger ebensooft wohlwollend empfangen als widerwillig geduldet worden. Man erkannte Gesinnungsfreunde, verständigte sich, man lebte am Rhein und im Süden mit ihnen intimer, als wären sie Preußen gewesen. Indessen waren sie, nach der heutigen Auffassung, die »Welteroberer«. Auch »Herrenrasse« hätte der Name sein können. Er war nicht erfunden.

Die Nationen müssen nicht unbedingt als totes Objekt behandelt werden, nur weil man einmal auf ihrem Boden steht. Das ist eine neuere Erfahrung, sie galt noch nicht. Keine Absicht bestand, Deutschland französisch zu besiedeln, niemals sind Massen von Einheimischen nach der Fremde verfrachtet worden wie jetzt. Es sind weder Geiseln getötet worden, noch Juden und Kommunisten, noch die bekannten 200 Zivilisten für einen überfallenen Mann der Besatzung. Den einzelnen Buchhändler Palm haben die Franzosen erschossen, dafür wußte bis zu meiner Zeit jeder ihn auswendig, die deutschen Schulen lehrten unermüdlich diesen Buchhändler – haben wohl wenig Auswahl gehabt.

Exaktionen betreffend hat der kaiserliche Heeresintendant Henry Beyle, M. de Stendhal als Autor, aus Braunschweig an Abgaben einiges über den verordneten Betrag herausgeholt. Für seinen Eifer lobte ihn der Kaiser. Nächste Folgerung: der Funktionär handelte ungewöhnlich. Warum überführten sie nicht die gesamte deutsche Wirtschaft in französische Hände. Wie? Sie hatten doch die Macht!

Die Deutschen erhoben sich gegen eine Last, – womit sie auch schon begeistert sein wollten für ihre Freiheit; aber es war keine. Nach beendetem Freiheitskrieg, der Deutschland räumte – von fremden Armeen, nicht von seinen überfälligen Machthabern –, trat in Deutschland die gründlichste Erschlaffung ein.

Wenn nicht das Auftreten des Völkerbefreiers, sondern seine Vertreibung das Ereignis unter allen gewesen wäre, hätte nach seinem Abgang das Lebensgefühl nicht dermaßen herabgesetzt sein dürfen. Das aber war es. Das deutsche Lebensgefühl ist damals nicht, wie das französische, angegriffen gewesen durch die Überanstrengung der Nation während eines Vierteljahrhunderts, durch Menschenverluste, proportionell unersetzlich. Der deutsche Freiheitskrieg war umsonst. Er hat nichts gekostet, außer der besseren Zukunft, die ohne ihn bestimmt schien. Der deutsche Sieg über Napoleon, insoweit er deutsch war, trug in sich seine Strafe. »Der Mann ist ihnen zu groß«, hatte Goethe gesagt, und er hat recht behalten.

Deutsche Zeitgenossen, die keine Freude an der vergeblichen Befreiung fanden, sind kaiserlich gesinnt gewesen. Sie taten sich weniger Zwang an als die anderen. Der Anschluß des kontinentalen Westens an Frankreich war als Gedanke vernünftig, als Unternehmen erträglich, um nicht beglückend zu sagen. Man hatte vor Augen, daß die Gegenwart der verkörperten Revolution, ihr Anblick, ihr Beispiel die Nationen nicht ausstrich, nicht schwächte. Im Gegenteil, erst der Kaiser hat sie verwirklicht. Das 19. Jahrhundert, wie es dann geworden ist, seinen mächtigsten Antrieb, die nationale Idee, hat es immer noch von ihm.

Ein Jahrhundert umdenken wollen ist müßig, vergebens vermißt man sich gegen das wirklich Geschehene. Wahr bleibt, daß die Vereinigten Staaten des Westens greifbar nahe, daß sie damals in freundlicherer Gestalt angeboten waren als sie es morgen sein werden nach dem Sieg über Hitlerdeutschland. Wenn die einen entmachtet sind, die Potenz der anderen gelitten hat und als Vermächtnis dieses Zeitalters nur Elend und Mißgefühle bleiben, dann soll ein friedlicheres, geeintes Europa nunmehr in Aussicht stehen. Leichter und schöner, um einen längst unmöglichen Gedanken dennoch zu fassen, war das Reich des Okzidents, da jemand von sich sagen konnte: »Ich setze nicht die Könige von Frankreich fort. Ich bin der Nachfolger Karls des Großen.«

Als für ihn alles schon vorbei war, hat derselbe, durchaus unvergleichliche Europäer vielmehr hingesprochen, was er nicht glauben konnte: »Einmal nach Indien gelangt, wäre ich Kaiser des Orients gewesen.« Man hält seine Bestimmung nicht jederzeit gegenwärtig, auch dieser nicht. Genau zu wissen, wer ich bin, ist schon mir das Unzugänglichste, und was wüßte ich damit viel. Der andere – l'autre, wie die Seinen ihn nach dem Ende geheimnisvoll nannten – hätte ein Universum, das er war, unbeirrt ermessen müssen.

Er beging Fehler. Er war, wie ein Mensch, der Furcht unterworfen. Seine schädlichen Kriege, Spanien, Rußland, haben als Ursache die Furcht. Wäre es der Übermut gewesen! Aber er zweifelte, um so sehr zu irren, an seinen eigenen Folgen überhaupt. Dies gerade haben die Völker gefühlt, und verließen ihn. Sie taten es nicht mit freiem Gewissen. Die deutschen Freiheitskämpfer versuchten sich, nicht ganz glaubwürdig, in Begeisterung. Den schwereren Fällen gelang allenfalls eine künstliche Rauschsucht. Sie wollten sich fanatisch, das entbindet vom Denken.

Mit voller innerer Aufrichtigkeit, aber wo ist sie in Kriegszeiten, hätten alle voraussehen können, was die Räumung des nationalen Bodens wirklich bringen werde anstatt der Freiheit der Nation. Als er den Herrn los war, brach der König von Preußen sein Versprechen, eine Verfassung zu geben. Erstaunlich wäre gewesen, wenn er es gehalten hätte. Der Betrug an einem Volk, das gekämpft hatte, ist der preußischen Monarchie vorbehalten worden, solange sie noch bestand, hundert Jahre. Das waren mithin hundert enttäuschende Jahre, ihre Erfolge und Mißerfolge beiseite.

Das niedrigste Lebensgefühl

In Gegenwirkung auf den kaiserlichen Revolutionär ist von dem Deutschland nach dem Freiheitskrieg die Trennung der gesellschaftlichen Stände streng eingehalten wie lange nicht. Die Bevorrechteten ergingen sich mit ihren märchenhaft überlebten Befugnissen in einer Atmosphäre, die selbst unlebendig war. Daher war sie ihnen günstiger als, vor allen Ereignissen, die geistig bewegte Zeit der Aufklärung. Keine Fortführung der Reformen natürlich, angenommen, sie hätten ernstlich begonnen. Ob das richtige Wort im Gebrauch war, deutsche Bauern waren Leibeigene.

Die geistige Atmosphäre nach dem Freiheitskrieg wird beschönigt, wenn sie »Romantik« heißt. Romantisch denken und dichten bedeutet nicht jedesmal, nicht überall die Abkehr vom Gegenwärtigen und ein ermüdetes Lebensgefühl. Mit langer, maßloser Überanstrengung konnten damals allein die Franzosen das Nachlassen ihrer Geister entschuldigen. Dennoch sind in ihrer Literatur der Zeit die dunklen Erscheinungen die selteneren – auch die nur vorläufigen, wie sich versteht. Victor Hugo tritt auf, alsbald verbreitet sich Helligkeit, Jugendfreude, eine sieghafte Energie. In dem einen hat sie angehalten bis an sein spätes Ende: da hatte er alle, die er haßte, begraben, auch den letzten Despoten seines Landes.

Hier ist romantisch ein besonders hohes Herz und sein unfehlbarer Ausdruck. Romantisch die abgekürzte Psychologie in Figuren, die um sich schlagen wie auf Gemälden, oder aus einem Stück dastehen, Bildwerke, kaum dem Stein erst abgewonnen. Genau so hat Rodin den Dichter selbst wiedergegeben. Das ist er, dieser moderne Mensch. Romantischer Stil, die großen Gefühle, mitsamt Erfindungen, die nach dem Rechenbuch zu weit gehen, das alles hat ihn nicht gehindert, klar und scharf zu sehen.

Wenn seinesgleichen ins Exil wandert, ist es, weil er zu viel gesehen hat, dafür muß er noch mehr sehen. Die drei Bände, vor, während, nach dem Exil, zeigen Hugo im Straßenrock, Hugo auf der Ebene der Passanten; – und einem anderen halben Jahrhundert wäre diese Darstellung zu wünschen: Exakt, aber bestrahlt die Wirklichkeit selbst, unmittelbar und ewig, wie der Genius. Nicht im Wissen, nicht in der universalen Persönlichkeit, aber kraft seines standhaften Lebensgefühls finde ich den alten Sänger, den Kämpfer, der immer strebend sich bemühte, herangewachsen bis zu Goetheschen Maßen. Von keinem der deutschen Romantiker ist das gleiche zu sagen.

Die deutsche Nachkriegsliteratur ist sichtlich der Befreiung von Napoleon zu danken; daher wird an der Romantik nichts derart wahrgenommen, als folgte sie zeitlich auf die große Dichtung des 18. Jahrhunderts. Die Klassiker haben befestigt und erhalten, was den Deutschen je zu eigen war an Form und Vernunft. Sie fassen Deutschland zusammen, will meinen: aus seiner Geschichte, dem Leben der Nation in allen Zeiten erwecken sie die guten Momente, bei ihnen sieht Deutschland normal, edel sogar sieht es aus; man erfährt, so könnte es sein. Wäre nicht jeder dieser Autoren eine erlesene, einmalige Blüte des Bodens, und nicht dieses Bodens allein, alle zusammen würden verführen, das Beste zu erwarten von Deutschland.

Die Romantiker haben den Tatbestand richtiggestellt. Ungestalt und das Unterbewußte herrschen vor – nicht aus innerem Zwang allein, auch gewollt, in Flucht aus äußerer Not. Man hält es ja nicht aus, unter staatlichen, gesellschaftlichen Umständen, die von den Schlägen der Französischen Revolution schon niedergebrochen, nachher zurechtgekramt und einer schwachen Nation doch wieder aufgehalst sind. Um die Ehre der besser unterrichteten Intelligenz zu retten, spielt man verrückt oder ist es wirklich. Man tut mystisch, mit dem Tod auf du und du, – um vor dem Sterben aufzuschreien: nur leben!

Man erzählt Märchen, lustig leichtflüssig, aber die Laune ist erheuchelt, die Verlegenheit wäre schrecklich, müßte man ein einziges Mal die unverblümte Wirklichkeit hinschreiben – noch schlimmer: ein wahres Wort über Dinge, die da kommen. Die deutschen Romantiker sind keine Analytiker (bis auf einen) und werden niemals Propheten. Die Atmosphäre der Zeit ist ihnen zu dick, um hindurchzublicken. Sie wissen sich nicht zu helfen gegen all die Heuchelei, sind selbst auch eingefangen.

Ein Zeugnis der Selbsthilfe, ganz fern der deutschen Romantik, ist Le Rouge et le Noir. Da empört sich einer gegen die übermächtigen Lügen des Zeitalters, er überbietet sie in feindlicher Absicht, macht angestrengt seinen ehrgeizigen Weg, und der endet am Richtplatz. Aber Julien Sorel hatte als innere Stütze den General Bonaparte, – er war da gewesen, nicht nur für seinen Augenblick der hochgespannten Wahrheiten: sie müssen immer wieder siegen. Als Stendhal, vordem kaiserlicher Offizier, das Buch schrieb, entblößte er, höchst nüchtern, den Zustand seiner jüngeren Zeitgenossen, sofern sie Geist und Herz besaßen. Für seinen Teil hatte er gehabt, was sie unbekannt beklagten. Bis zuletzt fühlte er sich als den Gefährten des Siegers der Freiheit. Ihn sollte nichts anfechten.

Er trug den Kopf hoch, legte ein ungedrucktes Werk nach dem anderen fort und sagte auf das Jahr genau voraus, wann man sie lesen werde. Er war nicht mehr dabei. Seine Berechnungen beruhen zweifellos auf der Kenntnis Frankreichs, seiner Zukunft, sie gehen nur dieses Land an. Unerforschlich blieb ihm, daß ein anderes, entferntes Reich den Sinn und Gehalt seiner revolutionären Jugendtage erneuern werde, und daß ihm dort, erst dort die unbemessene Zahl von Lesern bestimmt sei.

Die armen deutschen Romantiker, die Gabe voraus zu wissen haben sie sich nicht beigelegt; sie zogen ein Halbdunkel vor, sogar über ihre Lage bei Lebzeiten. Die Weltflucht ist bedingt durch ein fragwürdiges Gewissen. Preußische Offiziere sind unter diesen Schriftstellern. Sie und ihre Generation hätten gegen Napoleon, wenn sie ihn schon zum Teufel wünschten, nicht ein Wesen veranstalten dürfen, als erfüllten sie die höchsten sittlichen Gebote. Die waren wohl eher auf seiner Seite, und als praktischer Vorwand, ihn zu bekämpfen, konnte nur dienen, daß er ein Fremder war. Der Erfolg seiner Feinde hatte sie enttäuscht: jeder öffentlich Denkende muß es empfunden haben – in höherem Grad als die sich still verhalten.

Das Lebensgefühl der deutschen Romantiker ist das niedrigste, das eine Literatur haben kann. Das kommt nur vor, wo, mit oder ohne Nötigung, falsch gehandelt wurde. Eine Mannschaft von Romanciers, die soziale Tatsachen darstellt, kann meinen, die nächste équipe werde für ihre Zeit dasselbe tun. Hundert Jahre ist dies wahr gewesen, in Frankreich wie in Rußland. Aber Zaubermärchen, altdeutsche Maskierung, künstliche Verzückung, ein grundloser Tiefsinn, wer soll das fortsetzen. Diese Dichter schreiben wie die letzten Menschen.

Goethe, der große Liebhaber des Lebens, mochte die ganze Gesellschaft nicht. Er nannte sie krank. Sie standen aber für ein Land, das nicht gesund war, es auch nie wieder ganz geworden ist. Ihrerseits haben sie Goethe wenig verkannt; die Hauptsache, sein hohes und einfaches Lebensgefühl, überzeugte die meisten. Es ergriff ohne Zweifel den Lebensfähigsten, E. T. A. Hoffmann: verstreut in seinen Werken sind Liebeserklärungen an Goethe, – der keine Kenntnis davon nahm. Nach den ersten von Hoffmanns Erzählungen hat er zu Eckermann gesprochen: In den gewöhnlichen Alltag das Wunderbare einzuführen überrasche, und für einmal möge es hingehen, aber nicht oft. Der arme Hoffmann starb zu früh, um hiervon noch zu erfahren.

Der wirkliche Zustand Deutschlands erklärt sich offen, wenn ich von den Schöngeistern übergehe zu den Philosophen und Gymnasten. Politik kommt nicht in Betracht; in eine Sackgasse verrannt, ist man mit der Frage, wie es unmittelbar weitergehen soll, fertig. Als Ersatz hat man Geschichte. Zur Tröstung züchtet man einen verhängnisvollen Fanatismus nationaler Geltung. Je gedrückter die Nation bei sich zu Haus ist, um so gewisser muß ihr Beruf in der Welt ohne Grenzen sein.

Weltherrschaft – der deutsche Traum hat angefangen mit Leuten, die den großen Kaiser, als es seine Bestimmung war, denn auch besiegt hatten, sie selbst aber konnte jeder Profos durchprügeln. Die Anfänger der deutschen Weltherrschaft verkleideten sich altdeutsch, schlugen die Bauchwelle und kamen oft auf Festung. Den überkommenen Mächten im Staat waren Umwälzungen verdächtig, auch wenn sie auf erweiterte Grenzen Deutschlands abzielten und nur in großen Worten vollzogen wurden. Die Herrscher witterten richtig. Weltherrschaft – war ihre Konkurrenz. Wer von ihr schwärmte, die Turner, die Denker, meinte auch, meinte vor allem die versäumte deutsche Freiheit. Ehrenhalber und um der Wahrheit willen sei es vermerkt.

Der königliche Rat am Kammergericht Berlin, Hoffmann, auf seinem anderen Gebiet als der »Gespensterhoffmann« namhaft, rettete einen der »Demagogen« – so hießen sie –, den sein König, der König der nicht gegebenen Verfassung, durchaus fangen wollte. Desgleichen stand es um Arndt, Jahn, Fichte, deren ausgelassenes Deutschtum heute überall beweisen muß, daß die Deutschen von jeher wie Hitler waren. Ihre übelsten Sätze werden jetzt den feindlichen Völkern zu lesen gegeben; sie haben gegen das Deutschland aller Zeiten eine gewagte Propaganda gemacht.

Auch das Bekenntnis zur Freiheit wäre zu finden bei diesen Patrioten, die national ausschweiften und um so eher als Demagogen büßen mußten. Aber wenn von vergessenen menschlichen Zeugnissen eines wieder auftaucht, noch dazu weit draußen, wo man es nie gekannt hatte, dann ist es das übelste, und die Völker sind im Krieg. Sätze von Ernst Moritz Arndt, die jetzt englisch zu lesen sind, würden allerdings »Mein Kampf« zieren. Gewiß, die Anfänger der deutschen Weltherrschaft nehmen das Buch und seinen Verfasser vorweg, schon 1815. Wer weiß indessen, wenn sie zu wählen gehabt hätten? Laßt die Welt sich selbst, macht vielmehr aus eurem Land das Bestmögliche! Die Wahl war nicht gegeben.

Die Nachahmung

Die natürlichen Rachegefühle der Deutschen hätten seit dem Sturz ihres Feindes befriedigt sein können. Indessen, das befreite Vaterland bekam als wesentlichen Inhalt eine Knechtschaft, hoffnungslos, unvergleichlich zäher, als wäre die Eroberung des Bodens nie gerächt worden. Unlogisch, aber menschlich, wuchs, anstatt des vergeblichen Bestrebens frei zu sein, eine unbemessene Rache sinnlos weiter. Zum »Erbfeind« wurde Frankreich ernannt. (Napoleon hatte nicht nur für Frankreich gehandelt, um das Reich Karls des Großen ging es ihm.) Der Rhein war nie so deutsch gewesen wie nunmehr ohne Straßburg. »Nous l'avons eu votre Rhin allemand«, antwortete Musset.

Eine Rache, die nicht gekühlt ist, erhält sich aus eigener Kraft, das Andenken des Beleidigers wurde endlich unentbehrlich. Man vertauscht es mit den eigenen frommen Wünschen. Wäre das Frankreich des Kaisers das Deutschland – wessen? – gewesen! Gleich wird aus dem verhaßten Abenteuer ein hoher Beruf. So geht es, wenn Rache sich in Nachahmung umsetzt.

Die Rache war nicht auf einmal zu stillen. Hundertdreißig Jahre einer immer mehr ausschweifenden Nachahmung des Eroberers haben zum Schluß auch niemandem wohlgetan. Die deutschen Heere stehen seither das vierte Mal in Frankreich, das dritte Mal in Paris. Nach dem zertrümmerten Deutschland werden sie heimkehren. Wenn dies ein Trost wäre: Europa ist vorläufig aufgelöst, anstatt geordnet und verbündet.

Der Veranstalter eines universalen Debakel ist Deutschland, mit seinen mißverstandenen napoleonischen Kriegen – ohne Napoleon, ohne Revolution, ohne das Gewissen einer echten Revolution. Mit nichts als Menschenhaß angreifen, siegen, sich schlagen lassen, sich anklammern und inmitten des eigenen Zusammenbruchs zäh und krampfhaft schaden, noch immer schaden, aber gegen sich selbst den Haß bis über die Wolken häufen, als genügte es nicht, daß er schon hoch wie die Alpen war: das ist der letzte Zustand des letzten deutschen Krieges. Der Führer der Deutschen entrüstet sich nun, daß man wage Deutschland »einzukreisen«, – Deutschland, das die Hoffnung Europas »war«. Eine Hoffnung, die nie bestand, ist gestrichen.

Hier wird zusammengefaßt und ohne Schwanken behauptet: Von den Lehren des Phänomens Napoleon war nur die kriegerische für Unfreie brauchbar. Konnte er so viele Armeen schlagen, alle die Länder unterwerfen, dann auch wir, dann wir erst recht! Aber mehr. Nöppel (der Name des preußischen Hofes für seinen Gast, die Lippen der zarten Königin Luise sprachen ihn hinter seinem Rücken so aus; ihm ins Gesicht hieß er Sire und mon cousin) – Nöppel hat es fertiggebracht, zwanzig Jahre sich überall herumzuschlagen, und allein sein Frankreich blieb bis kurz vor dem Ende vom Krieg unberührt.

Das hat er gut gemacht, das wird festgehalten. Kein Patriot, der nicht wenigstens diese einzige Erfahrung aufbewahrt und überliefert hätte: Die Entscheidungsschlachten des Weltbeherrschers haben deutschen Boden zerstampft und gerötet. Seine Laufbahn war Deutschland, seine Siege und zuletzt noch seine Niederlage sind bezahlt mit deutschen Städten, Feldern, Menschen. Nie wieder! Dieses Niewieder ist unbedingt, ohne den Schatten eines Zweifels ist es die Hinterlassenschaft der »Franzosenzeit« in Deutschland.

Daraus ergibt sich, daß man angreifen muß, im Recht oder Unrecht. Noch zu besonnenen Zwecken wie Bismarck, oder schon getrieben von uneingestandener Verzweiflung wie Hitler – muß man angreifen. Der Angreifer trägt den Krieg auf fremden Boden, seine Sache, seine einzige Sache, ihn dort zu erhalten. Der Krieg wäre verloren, wenn er das eigene Land ergriffe: Glaubenssatz, gilt nur für Deutschland. Napoleon hat sich nicht verlorengegeben 1814, beim Feldzug in Frankreich, er soll sein kunstreichster gewesen sein. Die Battle of Britain 1940 hat aus Großbritannien gemacht, was es nunmehr ist und sonst nicht war, die kriegerische Größe. Die Russen bekämpfen mit Leidenschaft, unweigerlich bis zum Sieg den eingedrungenen Feind, – Karl XII., Napoleon, Hitler.

Die Deutschen allein erfaßt Grausen und Abscheu, wenn der Krieg sich ihren Grenzen nähert. Für das einzig Unerträgliche halten sie den Krieg im Lande – noch zu einem Zeitpunkt, da elf ihrer Städte in Trümmern liegen und Berlin gezeichnet ist. Aber das waren Bomben aus der Luft, ein Unglücksfall. Man begegnet ihm mit dem Verzicht auf Schlaf, mit Evakuationen, einem ruhelosen Hin und Her der Bevölkerung. Es ist allerdings ein Leben des beständigen Grausens, welches andere könnte schlimmer sein? Doch. Die Deutschen sind überzeugt, das Äußerste träte ein mit Schlachten auf deutschem Boden.

Der fanatische Widerstand der letzten deutschen Armeen, in der Sowjetunion, in Italien wird damit erklärt, daß sie nicht mehr für Deutschland fechten, nur für sich. (Sie haben auch früher nicht für Deutschland gefochten, wie konnten sie, ihr Führer hat an Deutschland nie gedacht.) Die Truppen wollen vermeiden, so wird erklärt, daß sie als Besiegte betroffen werden in denselben fremden Ländern, wo sie Massen überflüssigen Unheils angerichtet haben.

Sie hoffen der Rache der gequälten Völker zu entgehen. Ihre Rückzugsgefechte nach Deutschland dienen ihrer eigenen Rettung. Überdies wäre eine Wendung des Kriegsglücks immer denkbar, solange sie Reste fremden Bodens halten. Es wird bezweifelt, daß sie Deutschland mit derselben Ausdauer verteidigen werden wie ihre Eroberungen. Dies sind psychologische Spekulationen. Ich weiß nur eins.

Ich sehe und weiß, daß die Zusammenhänge weit zurückführen. Die Nachahmung Napoleons, hervorgegangen aus dem deutschen Bedürfnis nach Rache für erlittene Nachteile, die übrigens bestreitbar sind, hatte Selbstzweck erlangt, sie erlangte die Kraft der Besessenheit. Preußische Tradition? Sie erforderte von dem Geschehenen nichts – ungeachtet gewisser Worte Friedrichs des Großen, als hätte er seine Preußen, die er aber herzlich verachtete, wie Römer der Zukunft geträumt.

Der Anzettler und Führer des letzten Rückfalles der Deutschen in ihre Angriffskriege ist kein Preuße und ist undeutsch – weniger durch den Ort der Geburt als in Anbetracht seiner Instinktlosigkeit für Deutschland. Er hat begriffen, daß Deutschland nach neuerem Herkommen Angriffskriege führt, sonst nichts. Was ein Deutscher wahrscheinlich doch unterlassen hätte, er hat den vorigen Angriffskrieg überboten mit einem zweiten, der nichts mehr zu beweisen hatte. Bewiesen war, daß Deutschland nicht siegen kann. Wer Ohren hatte, hörte die Warnung der ewigen Gerechtigkeit, es dürfe nicht siegen!

In dem trostlosen Bewußtsein, daß er, um es mit Europa aufzunehmen, weder der Stärkere noch der Berufene sei, hat Hitler oder das Kollektiv von Militärs und Doktrinären, das so heißt, zu der Auskunft der Verzweiflung gegriffen. Blitzkrieg – ist das Eingeständnis, man könnte nur mit einem Tag Vorsprung an das Ziel kommen, dann nie wieder. Totaler Krieg – heißt deutlich, daß die lebenden Nationen niemals wirklich besiegt sind: man muß sie umbringen.

Verzweifelte Betrüger allein gehen sogar in einen Krieg, der eine äußerste Erprobung ihres Volkes sein soll, mit lauter Lügen. Aber Herrenvolk, Lebensraum, Geopolitik und jeder andere Schwindel sind verspätete Antworten auf das eine machtvolle Wort, das Europa einst wirklich erobert hat: Freiheit. Alles ist, wie je, die Nachahmung Napoleons, eine Nachahmung tiefer von Stufe zu Stufe, nunmehr angelangt bei der Hefe.

Welch ein Unglück, in die neuere Geschichte falsch eingetreten zu sein! Welch ein Unglück – und welch eine Schuld!

Das Lebensgefühl hatte in Deutschland seinen niedrigsten Stand gehabt sogleich nach dem Sturz des Kaisers Napoleon. Es steht niedriger als damals seit diesem Krieg, seit seinem Anfang, seit den Siegen. Mit Recht. Solange Hitler siegte, unterlag Deutschland.

Zweites Kapitel.

Die Sowjetunion

Anders als die Deutschen ist Rußland niemals versucht gewesen, eine europäische Welteroberung zu unternehmen. Die russischen Heere sind einst, so gut wie die deutschen, in Paris eingezogen. Ihre Fürsten oder Fabrikanten haben daraus nicht den Schluß gezogen, daß sie mehrmals wiederkommen, endlich aber sich für die Dauer festsetzen müßten.

Wenn Berlin den Russen näher liegt, nun wohl, im Verlauf der Auseinandersetzungen Katharinas mit Friedrich dem Großen standen sie zweimal in Berlin. Sie erhoben Lösegelder, die ihre Kosten nicht deckten, und gingen ihrer Wege. Den Besuch zu wiederholen, haben sie in 200 Jahren sich nicht veranlaßt gesehen. Sollte diese Enthaltsamkeit heute nachgelassen haben, muß viel geschehen sein.

Die Fähigkeit, den Krieg in fremde Länder zu tragen, wäre somit gegeben. Die Sitten und Gebräuche des Westens, hat man ihn glücklich erreicht, sind erlernbar, noch eher die Sprachen. In Koblenz, kann ich mich erinnern, stand am Ufer des Rheins ein stattliches Denkmal, der französische Sieger aus den Tagen Napoleons hatte darauf verzeichnet, wie stolz und glücklich er sei, sich dort zu befinden. Der nächste Sieger, ein Russe, setzte darunter: Vu et approuvé.

Die russischen Soldaten scheinen sich in dem Deutschland der letzten napoleonischen Zeiten eher beliebt als verhaßt gemacht zu haben. Allerdings sprachen gegen sie nicht dieselben Vorurteile wie gegen die Franzosen – sondern andere. Große Massen einer fremden Nation, besonders wenn sie bewaffnet sind, können den Einheimischen nie ganz gefallen. Aber General Suwarow wurde bewundert – das »Schatzkästlein« des Volkserzählers Hebel zeigt es an –, weil er ein auffallendes Original und von geringer Herkunft war: beides Eigenschaften, die in der preußischen Armee nichts galten.

Verbündete müssen nicht beliebt sein, sie sind fast immer das Gegenteil. Nicht jeder Verbündete bringt es dahin, daß eine Nation, der er helfen sollte, ihn mehr verabscheut als den amtlichen Feind. Das ist, seit diesem Krieg, der Fall der Deutschen in Italien. Ich sehe noch keinen italienischen Erzähler der Nachkriegszeit einen deutschen Heerführer mit liebenswerten Zügen schmücken.

Die slawischen Völker

Es ist heute so und wird auch früher wahr gewesen sein: die slawischen Völker haben von ihrer ursprünglichen Menschlichkeit vieles bewahrt. Sie sind unmittelbarer als andere, in der Güte, in der Reue, im Zorn. Sie nehmen die Seele, wenn ich recht verstehe, für den besten Teil der Wirklichkeit. Was mit Leidenschaft gefühlt und gedacht ist, findet sie zur Aufmerksamkeit, ja zur Nachfolge bereit.

Die russische Oktoberrevolution läßt neben allen ihren notwendigen Voraussetzungen gewiß eine besondere zu. Die konsequentesten Denker besaßen den Willen ihrer Überzeugung nicht nur selbst; sie begegneten bei einem Hauptteil des Volkes ihrer eigenen Aufrichtigkeit und Unbedingtheit. Das allein ermöglicht die geraden Taten und ihre Dauer.

Es scheint mir erlaubt, vom Geringen auf das Große zu schließen, und meine eigene unbedeutende Erfahrung anzunähern dem öffentlichen Geschehen. Nicht in Moskau, aber in Prag fuhr ich, früher einmal, auf einer voll besetzten Straßenbahn und mußte stehen. Nicht lange, ein Mann mit den Kennzeichen eines Kleinbürgers winkte mir, seinen Sitz einzunehmen. Ich wollte es nicht glauben. Ich war im besten Alter, sah auch nicht krank aus. »Bietet er mir wirklich seinen Platz an? Warum?« fragte ich meine einheimische Begleitung. Antwort: »Weil er dich für einen Intellektuellen hält.«

Denn ihr Präsident – Befreier Masaryk, ein Professor und Schriftsteller – hatte mit tapferen und erfolgreichen Handlungen den nationalen Glauben an die Macht des Denkenden bestärkt, wenn er ihn nicht geschaffen hatte. Das war auch die volkstümliche Wirkung Lenins. Es ist übrigens die einzige, jetzt erlaubte Wirkung auf die Völker. Der Staatsmann Churchill hat seine Wurzel in dem Schriftsteller Churchill. Roosevelt ist der vergeistigtste Typ, den Amerika kennt, und eben dank seinem Wissen um das neue Zeitalter, das er tätig einleitet, wird er im Gedächtnis der Vereinigten Staaten der außerordentliche Präsident bleiben.

Als größter Realist unter den öffentlichen Männern hat Stalin sich der widerstrebenden Mitwelt herausgestellt. Gerade er verzichtet am wenigsten auf den Rang eines Intellektuellen. Eher noch ließe er seinen Marschallstitel fallen. Der einzige jetzt authentische Realismus deckt sich mit dem Ausbruch von Wahrheitsliebe, der dieses Zeitalter bewegt.

Die beiden Revolutionen sind eine

Vorerst hat der Ausbruch von Wahrheitsliebe 200 Millionen Menschen durchaus verändert, er hat sie befähigt für Siege, die nicht zuerst militärisch waren. Die Sowjetunion kann den Krieg gewinnen, weil sie vorher so viel Wahrheit besaß. Nicht ohnmächtige Wahrheit, sondern lebendige – das wirkliche Leben eingerichtet nach bester Erkenntnis, mit dem besten Willen für die Menschen.

Das Phänomen der ausbrechenden Wahrheitsliebe wiederholt sich an jeder größten Zeitwende. Die Französische Revolution war ursprünglich der russischen wesensgleich. Nicht ganz früh erklärte sich, daß nur eine andere Klasse, statt der vorigen, zur Macht kam. Gewiß war es unmöglich, vor allen seither gemachten Erfahrungen zu wissen, was Freiheit heißt, solange es Besitzende und andere gibt. Übrigens besaß noch niemand die nationalen Grundwerte, außer dem Land, und das wurde aufgeteilt.

Der Abstand der Französischen Revolution von der russischen ist allein zeitlich bedingt, niemals durch die verschieden bemessene Wahrheitsliebe, durch anders verstandene Menschenpflicht. Menschenpflicht und Wahrheitsliebe sind dasselbe, und es gibt sie nur in einerlei Gestalt.

Die Französische Revolution hatte die Menschenrechte statuiert. Sie wirklich zu besitzen blieb jedem einzelnen überlassen. Der Ruhm des Jahres 1789 ist die Befreiung der menschlichen Persönlichkeit. Sie darf endlich so groß sein wie sie ist, so mächtig wie sie werden kann. Der Auszeichnung – und dem Abstand, sind keine Schranken gesetzt. Es ist erlaubt, unsterblich oder wenigstens reich, bald wird es erlaubt sein, Kaiser zu werden.

Die Gleichheit bleibt unter diesen Umständen eine gedachte Voraussetzung. Beim Absprung ins Leben seien alle gleich. Aber setze dich durch, wenn du in Wirklichkeit benachteiligt, wenn du arm geboren, in Unwissenheit gelassen und womöglich von dunkler Hautfarbe bist! Schon die Verpflichtung auf eine einzige Sprache, die jeder mitbekommen haben muß, um sie in der Art aller zu gebrauchen, macht manche zu Unterlegenen.

Eine neue Revolution wird sich sozialistisch nennen, weil sie vor allem, oberhalb jeder praktischen Einzelheit, auf die menschliche Gleichheit gerichtet ist. Unentschieden bleibt, ob Natur die Gleichheit begünstigt. Die Gesellschaft könnte sie schließlich verwirklichen. Sobald sie ihn braucht, stellt der gute Wille sich ein. Gefühlvoll wird er nicht zuerst sein. Was überwiegt nach langen Zeiten der sozialen Ungerechtigkeiten, ist der entschlossene Überdruß an ihnen insgesamt. Ihre Gesamtheit – ist die Ungleichheit. Oft von Natur bestimmt, noch öfter an den Zufall der Macht gebunden, die Ungleichheit ist nicht mehr erträglich, die Gesellschaft will sie begrenzen.

Als erste hebt der revolutionäre Staat die Ungleichheit der Arten auf. Die Sowjetunion begreift die kaukasische und andere Rassen ein: aber Unterschiede gelten nicht mehr. Die höchstentwickelten Arten – höchstentwickelt nur nach westlichem Maß – sind nicht beispielhaft von Amts wegen, geschweige bevorrechtet. Sechzehn Republiken, jede mit einer homogenen Bevölkerung, bekommen gleiches Gesetz, jede ihre angepaßte Verfassung. Sie behalten ihre Sprachen, die russische wird nur gelehrt, nicht übergeordnet.

Nun ist tatsächlich erwiesen, daß lauter Ungleiche, staatlich bisher durch bloße Gewohnheit verbunden, auch mit eigener Zustimmung ihre Pflichten tragen, wenn jeder die Rechte der anderen besitzt. Das Vaterland selbst wird mehr als eine auferlegte Schuld. Es übertrifft den sentimentalen Gegenstand, der es sonst gewesen war. Es wird deutlich wie der Acker vor dem Haus. Es wird daher verteidigt, überzeugt, unbedingt, als ob es der eigene Acker wäre. Dies ist das Vaterland nach Aufhebung der Ungleichheit. (»Das Leben für den Zaren« – und Stalingrad.)

Als die Französische Revolution die Gleichheit nur voraussetzte – schon der Gedanke der Gleichheit machte die Nation unbesieglich. Wie erst, wenn eine andere Nation ihre Gleichheit – die schwierige Gleichheit der Arten – durchsetzt und verwirklicht! Hier steht Gleichheit nicht im tatsächlichen Widerspruch zur Freiheit: sie ist ihr Anfang, der wirksamste Versuch ihrer Erfüllung. Den Beweis durch das Gegenteil gibt der Feind, der dieses Land überfallen wird. Der deutsche Feind hat aus der Ungleichheit der Arten seine Waffe gemacht.

Der eigentliche menschliche Gegensatz ist hier Deutschland, das Objekt einer Rassenpsychose, die Sowjetunion, das Versuchsfeld für die Gleichheit der Arten. Das ist der Punkt. Die Gleichheit der Arten fordert von selbst die Gleichheit der Klassen und Individuen. Sie verbietet einen übertriebenen Unterschied des Besitzes und der persönlichen Pflege, wie sie den Vorrang einer Rasse leugnet. Kommunismus, so verstanden, existiert auf höherer Ebene als nur wirtschaftlich. Er ist ein technisches Mittel der wahrhaft gemeinten Gleichheit der Menschen.

Der Feind, diese Deutschen, wie sie jetzt sein müssen, erklären den Sozialismus der Sowjetunion für erniedrigend, das Merkmal angeborener Knechtschaft. Gleichwohl liegt er für die Sowjetunion auf dem Weg ihrer – mehr als ökonomischen – Befreiung. Durch Gleichheit zur Freiheit – wird dort erprobt. Der Versuch scheint wenigstens weitherziger als der enge deutsche.

Ein Volk von zusammengesetzten Beständen, altdeutschen, slawischen, keltisch-römischen, jüdischen – mit geringen nordeuropäischen Spuren, will nicht nur Rasse haben. Schon damit sagt es zuviel. Aber überdies Herrenrasse, das Herrenvolk schlechthin, – da hört verschiedenes auf. Die Kraft, wahr mit sich selbst zu sein, hört auf. Der Mut, seiner eigenen Geschichte ins Gesicht zu blicken. Es zeugt nicht gerade von deutscher Herrlichkeit.

Wer die Deutschen achten wollte, Goethe unter vielen anderen, nahm sie einzeln, mit ihren Gaben, die sie bewährt haben, einzeln, nicht als nationale Gesamtheit und allzuoft trotz dem Unvermögen der Nation, gegen ihren Widerstand. Jeder Deutsche von Rang hat unter den Deutschen gelitten. Wenn er Ansehen der Welt eroberte, war es Not; er zwang sein Land, ihn zu achten. Das geht auch nicht mehr, seitdem die Deutschen das Herrenvolk sind. Sie sind es ausdrücklich geworden, um niemand und nichts mehr achten zu müssen.

Was sie ihren Antibolschewismus genannt, womit sie überall die geängstigten Eigentümer betrogen haben, war niemals die Sorge um den Besitz – der anderen.

Der genaue Ursprung des Antibolschewismus ist so wenig in der Wirtschaft zu suchen wie die Herkunft des Kommunismus. Sondern die Widersacher eines Ausgleichs zwischen arm und reich widersetzen sich zuerst der menschlichen Gleichheit: Ein Aufstand gegen Natur und Gesellschaft. Wenigstens für Unterschiede, wie Menschen sie machen, hat die Natur ihre souveräne Nichtachtung. Die Gesellschaft aber, wenn sie nicht ausgleicht, wofür bestände sie. Besser offene Anarchie.

Niemandem muß gesagt werden, daß die vollendete menschliche Gleichheit nicht vorkommt. Frei geboren zu sein, ist auch nur der Begriff, den die Sterblichen von sich haben. Es ist ihr unsterblicher Begriff. Wenn das Leben ihn jemals wirklich erfüllte, hätten sie zu leben vielleicht keinen Grund mehr?

Es ist lebensfördernd, frei und gleich sein zu wollen – das eine um des anderen willen. Feindseligkeit gegen das Leben verrät sich, wo die Gleichheit der Arten, Klassen, Individuen schlechtweg verboten ist. Mit ihr fiele auch die Freiheit, soviel davon wirklich errungen ist, soviel noch aussteht.

Um die Gleichheit unmöglich zu machen, widerruft man tatsächlich die ganze Freiheit. Der Antibolschewismus erklärt sich gegen die Französische Revolution, als hätte sie die Sowjets erfunden. Der Konvent ist kein geringerer Schrecken für die Schicht von Bürgern, die sich inzwischen bereichert haben; er ist kein schlechterer Vorwand für den antibolschewistischen Betrüger. Der Betrüger kennt ihren Point névralgique – kein Kunststück, der schmerzhafte Punkt ist nicht von heute.

Die Furcht vor dem Volk hat die besitzende Schicht in Frankreich selbst bis zum Haß ihrer eigenen Revolution getrieben, – ohne die Revolution bestände sie gar nicht. Um ihren Besitz zu retten, hat sie ihre Herkunft, endlich sogar ihr Land verraten, wie man sah. Wie man nicht zum erstenmal sah. Schon der bürgerliche Haß gegen die Pariser Kommune von 1871 ging bis zur Zusammenarbeit mit den bewaffneten Fremden im Land. Die Kollaboranten der Jahre 1940 bis 1944 haben Vorläufer und rühmen sich einer Tradition.

Damit nichts versäumt werde und der Zustand keinen Zweifel lasse, hat die alte Revolution ihre volle Gegenwart wiedererlangt – bei der neuen, die sie fortsetzt. Die Sowjetunion ist es, wo sie in ihrer währenden Revolution die längst abgelaufene Frankreichs verfolgt haben. (Dies am Anfang, als die Ereignisse nur zu entwirren waren, wenn man verglich.) Sie haben dringend aufgemerkt, bei jedem Auftreten handelnder Personen, in welcher Bedeutung sie einst schon dagewesen wären.

Sie haben die Vorgänge auf ihre Richtigkeit geprüft, an den alten Parallelen. Sie haben die Französische Revolution nicht nachgeahmt; in ihrer selbstgewachsenen, ihnen auferlegten, haben sie versucht, die Fehler der Vorgängerin zu ertappen und ihnen zuvorzukommen.

Es ist wirklich ergreifend – als ein menschlicher Vorgang, auch wenn es kein politischer wäre: dieser Anschluß, den über ein Jahrhundert hinweg eine große Nation mit der anderen vollzieht, mit den höchsten Augenblicken der andern. Es zeigt eine hingebende Seele mit einem harten Mut. Es tröstet wahrhaft – über die häßlichsten Gebärden dieses Zeitalters.

Die Mühen der Toten waren dennoch nicht vergebens. Unter Umständen, die den ihren einigermaßen gleichen, wird, räumlich weit davon, nochmals gehandelt wie einst bei ihnen; und wenn das zeitlich bedingte Ergebnis abweicht und weiter geht, die Begeisterung erinnert wieder an die Morgenröte, ein harter Wille schlägt und schmiedet auch hier. Die slawische Seele ist nicht immer weich, wie man erfährt.

Das Ergebnis betreffend, was weiß ich? Obenhin scheint es zu wechseln, wie alles Menschliche, mit den auftretenden Menschen. Die Revolution selbst ist wesentlich unbeirrbar. Sie hat die Produktionsmittel ergriffen und behält sie; für das Gegenteil spricht kein Anzeichen. Man sucht Vorbedeutungen in diesem Kriege selbst: Katastrophen der Nation sollen ihre Wirtschaft um-, man meint zurückwälzen. Es werde, wie vormals, Arm und Reich geben.

Die gibt es schon jetzt. Ich möchte mir auch ausbitten, daß ein Mann, der für seine Verdienste um die seelische Erhebung der Massen den Titel Volksschauspieler verdient, höher bezahlt wird als ein anderer Techniker mit Kenntnissen, nicht der Menschen, sondern der Maschinen. Natürlich muß jeder seinen gerechten Lohn haben, und um so eher die Masse der Ausführenden, die in ihren Händen, auf ihren gebeugten Schultern die ganze Wohlfahrt tragen. Reich – und ganz arm, das widerspricht offenbar dem Sinn einer sozialen Revolution, will sagen jeder echten. Die Sowjets wissen es am besten.

Es ist abstellbar. Es ist schwieriger, langwieriger zu beseitigen, wenn ein ganz erstaunlicher Aufbau des Landes, die vorher unternommene Sicherung der gesamten Arbeit mutwillig unterbrochen werden durch einen Angreifer. Ein dreijähriger Krieg wie dieser, von der Sowjetunion nicht gewünschte, aber vorausgesehene und großartig bestandene, zerstört von den Ergebnissen zwanzigjähriger, planvoller Mühen viel.

Er zerstört dort an Menschenleben mehr, als jedes andere Land erträglich fände, (Deutschland, das dieselben oder noch höhere Verluste hinnimmt, wird zu spät erkennen, daß sie auf seiner Seite unersetzlich sind). Vom nationalen Gut zerstört der Krieg so viel, würde man sagen, wie in hundert Jahren nicht herzustellen ist. Aber die Sowjetunion hat bewiesen, was sie in zwanzig Jahren kann. Wenn's vorüber ist, ihren Völkern darf zugetraut werden, daß sie unentwegt an die Arbeit zurückkehren. Das bedingt, dort und anderswo, bei allen abgerüsteten Soldaten, die vollkommene moralische Gesundheit. Die bloße Notwendigkeit tut es nicht.

Nun haben die Verwaltungen der Union dafür Sorge getragen, daß ihre Menschen nicht nur mehr leisten, sondern auch mehr denken. (In Deutschland wird seit zehn Jahren wenig gedacht, zufolge amtlicher Strenge soll gar nicht gedacht werden.) Nach dem Kriege wird klar werden, daß am schnellsten hochkommt, wer denken gelernt hat, – gesetzt, die Einsicht hätte man nicht jetzt schon. Ein englischer Priester, der unlängst, mitten im Krieg, über die Sowjetunion schrieb, hat Aufsehen erregt mit manchen seiner Worte und mit diesem: »Ein Land, das Arme und Reiche hat, ist nicht frei.«

Dieser Begriff der Freiheit war sonst nicht im Gebrauch. Der Geistliche mag ihn schon mitgebracht haben, aus dem Christentum, dessen innerer Sinn auch nur selten verstanden wird. Aber die neue Auffassung der Freiheit, eine christliche Auffassung, erzielt nunmehr Erfolge, die noch unabsehbar sind. Sollten sie mit dem Auftreten und Wirken der Sowjetunion anders nicht zusammenhängen, die Gleichzeitigkeit wenigstens besteht.

Es liegt doch wohl derart, daß die Sowjetunion das alte! Vorurteil gegen die Gleichmacherei praktisch widerlegt hat. Unabhängig davon, was einer kann, hätte sie ohne Ansehen der Unterschiede jeden Arbeiter auf ein Existenzminimum beschränken dürfen. Sie bezahlt im Gegenteil die Leistungen ungleich, und Leute, die sich auf ihren Vorteil verstehen, läßt sie Geld verdienen. Von dem Erworbenen bleibt ihnen nichts, sie müssen es ausgeben; zu kaufen was Bestand hätte, Land, Kohlengruben, Petroleumlager, ist ihnen verboten. Somit sind sie nicht wirklich reich. Der Reichtum ist wirklich, wenn er in Macht über Menschen umgesetzt wird. Gerade das verhindert die Sowjetunion.

Die Revolution wirkt in die Weite

Ohne Entstellung, nur mit Weglassung der Hauptsache wird jetzt meistens geurteilt, von Geschäftsleuten und anderem Durchschnitt, sofern er sich vorgeschritten gibt: aus einer ursprünglich verrufenen Wirtschaftstheorie habe die Union das Bestmögliche gemacht. Noch weltklüger könnten Idealisten nicht vorgehn. Sie lassen verdienen, sie zahlen ungleich, aber das Ganze bleibt, um dem harten Wort nicht auszuweichen, Kommunismus. Andere meinen im Gegenteil, Kommunismus sei das nicht mehr.

Die weggelassene Hauptsache betrifft das Moralische. Den neueren Begriff der Freiheit im Volk zu verbreiten, war kein Luxus, kein geistiger Überbau. Sondern gewisse wirtschaftliche Maßnahmen konnten wirksam werden und dauern, unter der Bedingung, daß ein Volk seine Freiheit begriff. Solange ein anderes Volk dabei beharrt, der einzige Wertmesser des Lebens sei das Geld; es könne nie genug verdient werden von wem immer; dem Reichen etwas zu nehmen, schädige auch den Armen, denn er wolle reich werden: solange fehlt für wirtschaftliche Neuerungen der Raum, der seelische Raum.

Wo noch geglaubt wird, daß der geglückte Erwerb eine genügende Rechtfertigung der Macht über Menschen sei, da ist die leichtgläubige Menge ihrer Mächtigen wert. Reformen würden fehlschlagen, bevor nicht die Moral erleuchtet ist. Die Macht ist durch eine erleuchtete Moral manchmal wohltätig geworden. Der Wille zur Macht als Ausgang und als Ende war von jeher das Übel selbst. Die alte Weisheit der christlichen Kirche hat an die Spitze der sieben Todsünden (der Sünden, die den Geist töten) den Stolz gesetzt. Der Stolz ist die Macht, der Wille zur Macht.

Das eigentlich Lebenswichtige war schon längst, die Macht unschädlich zu machen. Die Demokratien haben es versucht, sie teilten die Macht auf, sie wollten die zahllosen Mitbeteiligten der Macht abhängig von all und jedem. Sie übersehen nur, auf welche, vorgeblich unpolitische Art man Macht über Menschen erlangt. Durch den Besitz der Produktionsmittel. »Ein Land, das Arme und Reiche hat, ist nicht frei.« Dieser Satz allein, die Erkenntnis, die er ausdrückt, die Hoffnung, die er anspornt, begründet alle Sympathien, die heute der Sowjetunion gelten.

Denn er sei frei geboren, ist die einzige bleibende Vorstellung, die der Mensch von sich hat. Der erste Satz des Contrat Social: »L'homme est né libre et partout il est dans les fers«, drückt keine soziale Wirklichkeit aus, wohl aber die psychologische Wahrheit über den Menschen. Die Freiheit tatsächlich zu besitzen, bleibt seine Forderung – an sich, an die Welt und das Schicksal. Sie haben unendliche Auskunftsmittel erfunden, Parlamente, Gewerkschaften und Freiheitslieder, um nur diese drei zu nennen, damit sie sagen könnten, sie seien frei. Sogar die unverbindliche Erlaubnis, viel Geld zu verdienen, soviel wie die wenigen, die es wirklich verdienen, nennen sie Freiheit.

Der menschliche Durchschnitt müßte allerdings bedenklich werden, erführe er, daß die Sowjetunion keine allgemeine Versklavung vornimmt, wie man meistens hörte. Er könnte hier und da zu überlegen anfangen, wie es um seine eigene Freiheit steht, da er arm ist und dem Dutzend künftiger Reicher desselben Lebensalters näher besehen wohl schwerlich angehören wird. Das berührt sogar den geistig knapp gehaltenen Durchschnitt. Hinzugerechnet sei, daß die militärischen Erfolge der Sowjetunion auch ihre staatlich-wirtschaftlichen Einrichtungen etwas weniger verdächtig machen werden. Viel abergläubische Vorurteile beseitigt der Sieg.

Ihre beständigen Erfolge, gesetzt es gäbe Erfolge, die nicht schwanken, verzeichnet die Revolution dieses Jahrhunderts bei den Intellektuellen. Es müßte verwundern, wenn es anders wäre. Die französische Parallele versagt auch hier nicht. Die Revolution von 1789 hat, solange sie eine innere Angelegenheit Frankreichs schien, in den anderen Ländern nur die erregbaren Geister berührt. Schiller, der nationale Dramatiker der Deutschen, und Klopstock, Dichter des Messias und unvergeßlicher Oden, wurden für ihre intellektuelle Mittäterschaft ausgezeichnet mit dem Namen französischer Bürger. Der Konvent hat die Abwesenden zu Mitgliedern erhoben.

Die Völker lernten die Revolution erst kennen, als die Heere Napoleons sie ihnen in leiblicher Gegenwart vorführten. So viel an Teilerfolgen der menschlichen und öffentlichen Freiheit im Verlauf eines Jahrhunderts auf dem Kontinent eingebürgert wurde, ohne die Episode Napoleon hätte man weder den Antrieb noch den Vollzug gesehen.

Wenn die Parallele nicht versagen soll, wären die Sowjetarmeen gehalten, sich über Europa zu ergießen. Es wird geschehen oder nicht. Weder Berlin noch Paris sahen russische Sieger das erste Mal. Nachher kämen außerhalb des Ursprungslandes ihre bekannten Teilerfolge. Vollständigkeit würden sie nirgends erreichen. Bestritten wären sie immer. Die sich Kommunisten nennen – und noch lange im abfälligen Sinn so heißen würden – wären nicht mehr und nicht weniger als Progressisten. Sie hätten den neueren Begriff der Freiheit anerkannt. Ein Land ohne tiefste Armut und unbeschränkten Reichtum wäre frei.

Bis der neuere Begriff der Freiheit sich überall durchgesetzt hätte, wären diesmal nicht hundert Jahre, vielleicht wären nur die übrigen fünfzig dieses Säkulums hingegangen – man ist schnellfüßiger. Dann bestände noch immer keine zweite Sowjetunion. Völker, die innerhalb einer plausiblen Frist ihren Sowjetstaat nicht erworben haben, brauchen ihn nicht, oder wagen ihn nicht: das gilt gleichviel. Der Satz Bismarcks: »Die Politik ist die Kunst des Möglichen« behält recht, und zuerst muß es möglich sein, eine Nation zu überzeugen.

Dagegen ist nicht wahrscheinlich, daß dort, wo nahezu die Gesamtheit von der Freiheit im heutigen Verstande schon überzeugt ist, eine Zurückführung in vorige Zustände irgend Erfolg verspricht. Für einige Augenblicke hat im Frankreich des 19. Jahrhunderts die Reaktion triumphiert. Die bürgerliche Freiheit hatte für sich den Glauben und die Gewohnheit, sie ist jedesmal wiedergekehrt.

Die Sowjetunion darf sich kein Zurück erlauben. Es wäre nicht, wie einst in Frankreich, die vorläufige Unterbrechung der Revolution, sondern ihr Ende. Die reprivatisierte Wirtschaft verstaatlicht man nicht noch einmal. Das kostet mehr, als wenn eine bürgerliche Presse bald geknebelt, bald freigegeben wird. Es wäre für das Land der sozialistischen Revolution der innere Krieg, ein höchst mörderischer Krieg, der nicht nur diesen, sondern jeden Staat zerstören müßte. Die Wirtschaft wäre inzwischen reprivatisiert, aber nicht zugunsten Einheimischer. Das Ende wäre eine Fremdherrschaft.

Es ist lächerlich, an dergleichen unsinnige Kombinationen auch nur einen Gedanken und wenige Schriftzüge zu wenden – in dieser Zeit der leidenschaftlichen Verteidigung der Sowjetunion. Sie verteidigt sich gut, weil sie ihre Völker überzeugt hatte von der Güte der sozialistischen Freiheit. Ihre Völker verteidigen sie mit völliger Hingabe, weil sie ihr Land frei wollen und die Sowjets gleichsetzen dem Land und seiner Freiheit. Hier kämpfen die Erfahrungen eines Vierteljahrhunderts.

(Die Deutschen verteidigen – oder verteidigten bis gegen das schlimme Ende hin – gar nichts. Niemand hatte sie und ihr Land bedroht. Sie selbst waren die Angreifer jedes anderen Landes, und waren es einzig und allein, weil ihr Führer »immer recht hat«. Die Niederlage gibt ihm sichtbar Unrecht, da bleibt nur übrig, in heller Verzweiflung weiterzukämpfen.)

Die Völker der Sowjetunion sind überzeugt, nicht daß ein Mann »immer recht hat«, sondern ihr Land, ihre Idee, seine Einrichtungen haben heilig recht: daher die unwahrscheinlichen Arbeiten, die Opfer von schauriger Phantastik, aber so einfach dargebracht. Auf hoher Ebene verteidigt sich nur das Volk, das seine Revolution verteidigt. Ein innerer Krieg muß gewonnen und überstanden sein, damit die Nation es mit ganzer Seele verdient, einen verhaßten Eindringling aus dem Land zu jagen. Auch der noch? Auf ihn!

Vor diesem neuen Einbruch eines Schädlings haben sie es, gleich zu Anfang ihrer Revolution, mit ihren ersten Feinden zu tun gehabt, aufständischen Generälen des alten Regimes, verbündet mit fremden Expeditionsarmeen. Alle Mächte Europas waren, wie einst die Heilige Allianz, willens, den Herd der Revolution auszuräumen, bevor es zu spät wäre. Das sind haltbare Erinnerungen, weniger für die Mächte, die das Unliebsame schnell vergessen, als für die Leute der Sowjetunion. Sie sprechen: »Alle Schrecken des heutigen Krieges beiseite, in der größeren Gefahr waren wir damals, an unserem noch ungefestigten Beginn.«

Sie sind fertiggeworden mit den frühesten Feinden, die aus Furcht vor einer Weltrevolution die Oktoberrevolution ungeschehen zu machen dachten. Hiernach allein war in jedem Augenblick vorauszusehen, daß der Staat der Arbeiter und Bauern von einem späteren, zu späten Angreifer nicht mehr zu fassen sein werde. Er konnte schon längst nicht mehr sie, sie mußten ihn überkommen – wie furchtbar er übrigens wäre an Gewalt und List.

Von ihrer Entschlossenheit hatten die Sowjets vor aller Augen das Maß gegeben, – als sie den Verräter Tuchatschewski hinrichteten. Es gehört für jeden Staat etwas dazu, einen militärischen Befehlshaber mit tatsächlicher Macht nach dem Gesetz über Spionage öffentlich zu exekutieren. Eine moralische Autorität oberhalb der materiellen muß ihrer selbst außerordentlich sicher sein. (Hitler hat Generäle, die er haßte, heimlich beseitigt. Einer erlag während des Massenmordes vom 30. Juni 1934 einem Unbekannten. Der Gefürchtetste fiel an der Front, als der Feind nicht schoß.)

Ein Sowjetmarschall, der verrät, kann nichts anderes sein als Handlanger der Fremden, die wie er die Sowjets stürzen wollen. Über die böse Lust des Verräters hinaus und jenseits der Absichten von 1920 will dieser Feind das Land nehmen, ja, die Nation von ihrem Boden verdrängen. An die Stelle der Sowjets würde er keinen anderen setzen als sich selbst. Jeden Angreifer, nur diesen nicht, hätte der Tod des Marschalls gewarnt.

Intellektualität

Die Sympathien, deren die Sowjetunion sich außerhalb ihres Gebietes erfreut, gelten, so gut wie ohne Rest, einer Idee, der Idee der neu verstandenen Freiheit. Nur die noch immer Unbelehrten denken sich die Revolution des 20. Jahrhunderts schlechthin stofflich. Die Verstaatlichung der Produktionsmittel bleibt ihnen Selbstzweck, sie steht im sozialistischen Programm, hiermit ist es erfüllt.

Wenn das alles wäre, und hätte eine wirtschaftliche Maßnahme weder geistige Voraussetzungen noch sittliche Folgen, dann – bliebe sie noch immer belangreich. Aber nicht notwendig von günstigem Belang. Ein Staat kann seine wirtschaftliche Macht über die Menschen so sehr und mehr mißbrauchen, als die privaten Monopolinhaber. Warum nicht die wirtschaftliche, da die soziale, politische, militärische Macht der Staaten so vielfach schlecht verwendet worden ist!

Die Auswirkung von Reformen – eine Revolution sei nicht immer vorausgesetzt – hängt ganz und gar davon ab, in welcher Geistesverfassung sie vorgenommen werden, welche Geschichte eine Nation hat, unter was für Taten und Lehren sie bis zu diesem Augenblick lebte. Lasse man die Deutschen nach zwölf, vierzehn Jahren Hitler – mit den Denkgewohnheiten der Hitlerzeit, mit ihrer Art des Empfindens, des längst nicht mehr humanen Empfindens – urplötzlich durch einen Zauberschlag oder coup de théâtre den Kommunismus bekommen. Er hat ihnen, wie sie sind, nichts zu geben. Er kann von dem, was sie sind, nichts fortnehmen.

Der Wahn vom einzigen Herrenvolk ist ihnen, vielen Zeugnissen und der Wahrscheinlichkeit zufolge, gründlich genug beigebracht worden. Er hat die Führung in einer Reihe anderer böser Träume. Eine veränderte Wirtschaftsregelung bewirkt nicht von selbst die geistige Gesundung. Wenigstens wäre die Annahme noch willkürlicher, als die entgegengesetzte Vermutung, daß die deutschen Welteroberer, wirtschaftlich reformiert (und sich selbst überlassen) alsbald zu frischen Taten schreiten. Sie müssen es nicht – obwohl erst der Kommunismus ihrem Staat die völlig zentralisierte Gewalt gegeben hätte. Die Gelegenheit oder der Mut, eine neue Katastrophe auszubrüten, könnten dem kommunistischen Deutschland fehlen: Nicht die inneren Voraussetzungen.

Die Entscheidung, ob eine Nation im heutigen Zusammenhang der Welt sich einen, und geht er verloren, den zweiten Angriffskrieg erlaubt – beide irrational, beide verworfen und aussichtslos: die Entscheidung ist beschlossen in dem Maß ihrer Weisheit, und nirgends sonst.

Die Deutschen waren seit wenigstens fünfzig Jahren stufenweise verdummt. Sie verachteten, was man nicht sieht, was nicht technisch gehandhabt wird und Lärm macht. Sie waren ohne Stille, das ist es. Ihre ursprünglichen Gaben werden nunmehr allem anderen gewidmet, nur nicht der Meditation. Nur der uninteressierten Erkenntnis nicht. Um sich in Morallosigkeit tief hineinzuknien (»Moralinfrei« ist leider eine Wortbildung Nietzsches), haben sie keinen Hitler abgewartet.

Eine sozialistische Revolution konnte gelingen, ihr Ergebnis, die Sowjetunion, kann bestehen, weil beide geistig erkämpft worden sind. Aber geistige Kämpfe geschehen in der Stille, so viel gnadenloses Geräusch sie endlich aufrühren müssen. Hundert Jahre großer Literatur sind die russische Revolution, vor der Revolution.

Das alte Rußland konnte geistig bearbeitet werden zufolge seiner sozialen Schichtung, seiner altväterischen Gesittung – und ihrer grausamen Kehrseite: Das Dasein der Erniedrigten war mit der Hand zu greifen, und zu schildern. Günstig war auch die geistige Duldsamkeit eines Staates, der – wenn auch nur literarisch – mit sich reden ließ. Die »Gesellschaft« rang sie den Machthabern ab, sie kleidete ein erschlafftes System, Anfälle von Strenge unterbrachen das Geschehenlassen. Mit all dem war das alte Rußland genau der Boden, dessen eine große Literatur bedarf.

Die angespannte Teilnahme des ganzen Reiches galt nur ihr. Ohne sie wäre das hingefristete Leben ohne Interesse gewesen, um so mehr ohne Aussicht. Man hatte die Literatur und hatte die Musik, beide erfüllt von demselben Lebensgefühl: ein ansteigendes Gefühl für ein Leben voller Forderungen. Ihrer erste war die Wahrheit, eine intransigente Wahrheit über die menschliche Lage, nie verklärt, außer durch die Gnade des Glaubens und der Barmherzigkeit.

Die russische Literatur des 19. Jahrhunderts ist ein Vorgang ungeheuer, und von einer Erbaulichkeit, daß wir, gewöhnt an Niedergang und Abbruch, kaum glauben wollen, wir wären dabeigewesen. Manches begreifen wir nachträglich – oder legen es, angesichts des Nachher, hinein. Ich höre ein Marsch-Scherzo von Tschaikowski und meine die offene Verhöhnung des verjährten Militarismus zu hören, einer großtuerischen Maskerade, die ausarten soll in das Blutbad und doch lächerlich bleibt wie ein altmodisches Duell. Wie aber ist Dostojewski, wie Tolstoi gelesen worden?

Sie sind mit Beben gelesen worden. Sie sind gelesen worden von Augen, die weit wurden, um so viel Gestalt, um all das Wissen zu empfangen, und als Gegengabe tropften Tränen. Von Puschkin bis Gorki haben diese Romane, Glied an Glied in lückenloser Reihe, eine tiefe Kenntnis des Menschen, seiner Schwäche, seiner Furchtbarkeit, seiner unerfüllten Berufung, gelehrt – und sind aufgenommen worden als Lehre.

Ein Volk, eine »Gesellschaft«, mit allen ihren Abständen, lernte hier, nicht ganz vergebens. Hätte der Ungerechte nur diesmal, beim Lesen dieser Seite, sein Gewissen schlagen lassen, hätte das nächste Mal, vielleicht sogar an der gleichen Stelle, ein Unterdrückter im Zorn aufgeschluchzt, nichts ist zu Boden gefallen, vergebens war nichts. Und die Bücher vereinten alle.

Für den guten Willen einer nationalen Gesamtheit hinsichtlich der menschlichen Sorgen spricht ihr Verhältnis zur Literatur. Die menschliche Natur und Lage wird den Leuten um so mehr Teilnahme abgewinnen, je ernster sie die Literatur nehmen. Es kommt vor, daß die Literatur den weniger geachteten oder national verdächtigen Teilen der Gesamtheit allein überlassen wird. Es kann geschehen, daß die eigene große Literatur bei der Nation nur noch konventionelles Ansehen genießt. (Beides traf in Deutschland zu, während derselben Jahrzehnte, als die russische Literatur die höchste Angelegenheit der Gesamtheit wurde.) Dann ist zu wetten, daß es schlecht steht um die Aussichten für das Menschenglück – und um die Nation.

Die Revolution, eine wahre und tiefe Revolution, ist zuletzt kein Aufstand der einen gegen die anderen. Im Grunde verlangt und empfängt sie die Übereinkunft aller. Nach ihr hingestrebt haben die Bevorrechteten, die ihre widernatürlichen Vorteile opfern sollen, und die Benachteiligten, die noch ganz andere Leiden werden durchstehen müssen, bevor sie die Freiheit, oder ihren Widerschein, erblicken. Die französischen Feudalen des 18. Jahrhunderts waren die ersten und eifrigsten Adepten des Humanismus in Enzyklopädien und Romanen, dem sie endlich erliegen sollten: hatten ihm aber vorher ihren Geist geöffnet.

Die russischen Aristokraten schrieben die Romane sogar selbst. Ein unverhältnismäßig großer Teil der revolutionären Literatur – der Literatur der schamlosen Wahrheit – ist das Werk von Unersättlichen, – nach aller Macht, dem schrankenlosen Genuß forderten sie für sich auch noch das Wissen, das sie aufhob. Als der unermeßliche Tolstoi seine »Anna Karenina« schrieb, war ihm allenfalls noch unbekannt, daß eine dermaßen durchschaute Gesellschaft keinen langen Bestand mehr hat. Bei seinem letzten Roman, der »Auferstehung«, angelangt, hat er danach gelechzt, die Folgen zu erleben. Das Martyrium, nicht mehr, nicht weniger wollte er für sich. Für alle anderen – seine nackte Wahrheit.

Die russische Literatur – als die Revolution selbst, wie sie im Buch steht – hat seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts unsterblich eingeschlagen in die Welt bei den Intellektuellen des Westens. Ich gedenke der völlig vereinzelten Wirkung der »Kreutzersonate« – das Gebot der Keuschheit nach tausend Jahren wieder wörtlich, heilig genommen. Wir waren fremd angesprochen, der Ungläubigste erschrak, indes er zu lächeln meinte. Eine dynamische Moral (soeben hatte Nietzsche uns sogar ihre ohnmächtigen Reste ausgeredet) brach jäh herein. Sie machte Sensation, bis hinein in stumpfe Mengen, die nichts lasen. Die »Kreutzersonate« ist eines der Wunder des Zeitalters.

Geistig Bewanderte haben ihr bald angesehen, daß die geforderte Keuschheit nur ein Teil des Ganzen war. Um die integrale Reinheit ging es, um das sittlich bestimmte Leben, die Wahrheit, die Wahrheit! – es komme nach, was mag, es komme gar nichts mehr. Um dieselbe Zeit) geschah ein anderes Zeichen von gleichem Anspruch und nicht geringerer Kraft, die Affäre Dreyfus. Der Abstand der beiden ist nicht geistig, er ist soziologisch bestimmt.

Die französischen Intellektuellen in ihrem Entscheidungskampf um die Wahrheit blieben allein, trotz zahllosen aufgerührten Gewissen, mit so viel Haß, der sie traf, und bei aller Ergriffenheit der westlichen Welt. Die sozialen Tatsachen ließen in dem klassischen Fall, der ausgetragen wurde, keine unverbrüchliche Entscheidung zu. Die Wahrheit war »auf dem Marsch« – und erstickte unter Kränzen, als sie ankam.

Die Russen, ihre herrlichen Romanschreiber, waren in besserer Lage, – wenn ein Leiden ohnegleichen, das Leiden am »Totenhaus«, an der Verkehrtheit aller und an der eigenen, wenn sogar das Leiden unter der Wahrheit, die durchgesetzt werden will, irgendwen je gut gebettet hat. Dafür sind sie nunmehr wohl aufgehoben in der anonymen Verehrung unendlicher Leserschaften, die das eine Mal – nur dieses Mal in Generationen – bestätigt fanden, daß auch die Erkenntnis, auch der sittliche Wille siegen kann; nicht unfehlbar gehört der Erfolg der niedrigen Schlauheit und Bosheit.

Die Oktoberrevolution ist, wie jede echte, tiefe Revolution, die Verwirklichung einer hundertjährigen Literatur. Dies ist hauptsächlich darum die Tatsache, weil alle Intellektuellen unseres Kulturkreises, in dessen Mitte die Sowjetunion liegt, es so wissen wollen. Wenn – par impossible – die Sowjetunion eine Selbstverleugnung vornähme –.

Aber es geht nicht: mit dem ersten Zugeständnis höbe sie sich schon ganz und gar auf. Sie würde, ohne daß ein Wort fiele, den ungeheuren Ruhm der Nation ausstreichen: er ist literarisch.

Sie verlöre – aber wer weiß es so gut wie sie – alle intellektuellen Sympathien, die in nackter Wirklichkeit nichts anderes sind als die vollendete Weltrevolution. Sie ist nicht mehr zu unternehmen, sie bedarf weder der militärischen Eroberungen noch kommunistischer Propaganda, der künstlichen Ernährung mehr oder weniger verwandter Parteien (die es niemals ganz sind). Die Weltrevolution hat als Nährboden die Geister – ausnahmslos alle menschlichen Organismen, die jetzt denken, die jetzt sich selbst achten.

Die Teilerfolge der Revolution! Hier wurde vermutet und eingesehen, daß jenseits ihres Mutterlandes die Revolution eher zugelassen als umarmt, lieber anständig begrüßt als leidenschaftlich heimgeführt werden könnte. Aber auch die erwarteten Teilerfolge sind geistig-sittlich zuvor, erst nachher wird daraus, so viel von Umständen und Menschen erreichbar ist. Praktisch wäre dies ein Vorgang in vielen Etappen, kein Oktober tut es, viele Monate Oktober werden vorausgesetzt – und daß eine Menschenart nach der anderen ihren Geist öffnet.

Der Begriff des geistigen Menschen, des Intellektuellen oder Geisteskindes umfaßt das Menschengeschlecht. Die Unzugänglichen beweisen die Macht des Gedankens durch ihre Falschheit – auch sie ist nicht leicht durchzuhalten. Intellektuell kann ein Bauer sein. Ihren Arbeitern, die mit Maschinen umgehen, will die Sowjetunion nach ihrem ausgesprochenen Programm die Schulung von Studierten geben. Nur, damit die Maschine den Vorteil habe? Der Mensch soll gedeihen, und kann es, wenn er denkt.

Der Sozialismus ist kein Einfall von Technikern oder Ökonomisten. Fourier, Saint-Simon und le Pére Enfantin waren alles andere. Marx ist ein Philosoph der Tatsachen. Ihr Denker und Vollzieher zugleich ist Lenin. Zu der währenden Zeit des Realisten Stalin war die betonte, anschaulichste aller Kundgebungen (bis der Krieg kam) ein Schriftstellerkongreß.

Das Volk von Moskau, samt den eingeströmten Völkern, hat mit brennendem Eifer dem Auftritt seines Maxim Gorki beigewohnt, als dem Abschluß eines fruchtbaren Jahrhunderts, als dem Versprechen eines neuen fruchtbaren. Das Volk hat mit Recht die Reden der Schriftsteller für sein öffentliches Bekenntnis (am Kreuzweg wollte es die alte Sitte) – für sein eigenes, laut gewordenes Herz hat das Volk die Reden gehalten.

Des Kongresses erinnerte ich mich, als einen dieser Tage ein Geschäftsmann, früher im Vorstand einer Londoner Bank, auch seinerseits etwas bekannte. (Der Dritte im Gespräch hörte starr zu.) Die Worte hießen ungefähr: »Wenn die Revolution nicht das Beste vom Denkbaren verwirklicht hätte, ja, angenommen, sie hätte auf lange Sicht überhaupt nichts verwirklicht, es stäke nichts dahinter.« Pause. Sinnende Augen. Leiser: »Es scheint doch, etwas steckt dahinter.«

Ein Mann des praktischen Verkehrs, der dies äußert, glaubt mehr als er sagt, er hält auf, was über die Lippen möchte. (Noch sitzt ein Dritter starr dabei.) Der Mann ist ein Intellektueller, er hat seinen Geist geöffnet. Wer aber kam früher? Eindringlich bedacht, wer kam zuerst?

In russischen Hütten, an Winterabenden, beim Talglicht, es ist wohl sechzig Jahre her, hat ein Bauer den anderen Bauern vorgelesen – dies an tausend Abenden in tausend Hütten; und war zumeist nur einer, der die Kunst des Lesens selbst entdeckt hatte, gelehrt wurde sie damals nicht jedem. Er las zum Beispiel die Volkserzählungen des Grafen Leo Tolstoi; eines hohen Herrn, der aber schrieb, was Bauern zu lesen not tat.

Der Bauer las »Wieviel Erde braucht der Mensch?« Da läuft einer im weitesten Bogen um das Land, das er besitzen will. Die Regierung hat ihnen Land versprochen, soviel ihre Füße an einem Tag nehmen können im Lauf. Seine Gier läßt den Mann kein Maß finden, er läuft, sein Antlitz rötet sich feurig, es erblaßt schneeweiß, er läuft. Mit keuchender Lunge, dem Herzen, das stocken will, läuft er, bis er umfällt. Ist tot, wird auf der Stelle begraben. Sechs Fuß war er lang. Sechs Fuß Erde braucht der Mensch.

Das ist der Ursprung.

Ein Gleichnis von einer Schlagkraft, einer Unerbittlichkeit, wie Jesus Christus es erfunden hätte, über die Vergeblichkeit des Besitzes und das Menschenleben, das nicht seinetwegen dahingehen soll. Dergleichen mehr, gesetzt, ein Volk wäre begabt und lauschte darauf, ergibt zuletzt die Revolution. Sie war vor ihrem Ausbruch zugegen.

Das ist der Ursprung. Westliche Intellektuelle, die seiner gewahr werden, verneigen sich. Sie hatten manchmal die Revolution sogleich begrüßt, unbesehen und mit einiger Anmaßung, als geschehe sie ihretwegen. Indessen waren sie dem Ursprung fremd.

Andere, vielleicht die Bescheideneren, haben abgelehnt und nicht begriffen. Ich wüßte zu melden, was diese Schritt für Schritt überzeugt hat: es ist die tiefe, ursprüngliche Intellektualität der Revolution. Züge von ihr, die manche frühen, sogar parteimäßigen Anhänger enttäuscht haben bis zum Abfall – von der Partei, wenn nicht von der Revolution – die Moskauer Prozesse insbesondere, haben andere, zögernde Zuschauer erst vollends aufgeklärt, vermöge ihrer in aller Welt einzigen Intellektualität.

So weit wir sind, so weit wie der Dean of Canterbury, der Londoner Bankier, waren vor sechzig Jahren die Bauern in der Hütte beim Talglicht, wenn sie lauschten.

Drittes Kapitel.

Großbritannien

Wirkungen der Battle of Britain

Einer Nation von klarem Selbstbewußtsein darf man ihre Größe nicht vorhalten, man träte ihr zu nahe. Ein Fremder, der, während dieser Zeiten oder vorher, einer Engländerin britische Eigenschaften rühmte, zog sich die Antwort zu: »Wir wissen es, aber wir wollen es nicht hören.« Wenn er ihr bestätigt hätte, sie selbst sei das Vornehmste auf Erden, sie würde es eingesteckt haben. Auf ihre Nation bezogen, ist die Gewißheit heilig und wird nicht genannt. Bekenntnisse verbietet die Selbstachtung.

Großbritannien hat nicht, wie Frankreich, letzthin Zweifel zugelassen an seiner Festigkeit und Würde. »Unselig« konnte es nie gescholten werden, so nahe ihm zeitweilig der Untergang schien. Nach Dunkerque hat dieses Land allein den Kampf nicht nur fortgesetzt, es war sogar fähig, ihn entblößt und wehrlos dennoch zu bestehen. Seine eigene Rüstung im Verein mit den amerikanischen Waffenfabriken holte eilig auf. (Über dem drangvollen Augenblick vergaß man nicht, solider zu arbeiten als die Deutschen. Wie einen Maßanzug im Frieden.)

Dies aber geschah, während jeden Tag, ein Jahr hindurch, die Existenz des Reiches und der Insel in Frage stand. Bis der Angreifer, weil er mußte, auch noch die Sowjetunion überfiel. Die deutsche Niederlage vor Moskau beendet für Britannien die Gefahr, vor der es jedem Land geschwindelt hätte. Über Sein oder Nichtsein hatte es selbst entschieden.

Die Battle of Britain hat den Krieg gegen Deutschland entschieden. Aber erstens, wer sieht das zur gleichen Stunde. Am 9. September 1914 oder mehrere Tage später, da in Deutschland von einer Schlacht an der Marne nichts bekanntgemacht wurde, habe ich wohl erraten, nicht nachgeprüft, daß virtuell das Ende ausgehandelt sei. Nur daß ich dieser Grundtatsache zeitweilig beinahe vergaß in den folgenden Jahren der langwierig hingeschleppten Schlächtereien.

Mit den gebotenen Abwandlungen vollzieht sich jetzt das gleiche. Deutschland ist eine Landmacht; es mußte in Stalingrad verunglücken, wenn es jemals begreifen soll, daß keine Landmacht die unbedingt stärkste bleibt, es gibt immer noch eine stärkere. Überdies aber soll Deutschland endlich lernen, daß eine Landmacht überhaupt nicht den Stoff hat, die Welt zu besiegen und zu behaupten. Im scheinbaren Besitz des Kontinents unter Ausschluß der verhängnisvollen Insel, hat Deutschland in Wirklichkeit nicht gesiegt, und herrschen wird es nie. Diesen Sinn ergibt die Luftschlacht über England vom Jahre 1940 für den Verlierer, gesetzt, er faßte ihn.

Großbritannien muß damals ebenso ungeschickt gewesen sein, den Vorgang zu begreifen. Wie ging die Insel aus ihm hervor! Verwüstete Küsten, eine Hauptstadt, durchsetzt mit aufgerissenen Lücken, die Bevölkerung straßenweise ohne Obdach, zwischen Trümmern im Schmutz ihrer Bedürfnisse, in der Not ihrer Blöße. Die einzige Arbeit einer unermeßlichen Siedlung anständig gewöhnter Menschen war fortan das Nachgraben, Abräumen, das Suchen und Bergen der Gefallenen – der Kinder unter den Leibern ihrer Mütter. Wer hätte bei voller Arbeit, unterbrochen nur durch Flucht in die Unterstände, an Guernica gedacht.

Guernica, eine spanische Kleinstadt, ist die erste, schwache Anspielung der Zerstörung von London. Dort fielen die Bomben auf eine Schule, nunmehr das Muster für die Schulen des Jahrhunderts: seither sind sie bestimmt, ihre Schüler unter sich zu begraben. Die Vorübung der fliegenden Landsknechte, ein eingefangener Kindermörder hatte sie schlicht und glaubwürdig erklärt. »Der deutsche Soldat denkt nicht. Er gehorcht.« Das war richtig für die spanische Kleinstadt, über die sie herfielen, sie wußten selbst nicht wieso.

Während ihrer Luftschlacht um England, das kann beschworen werden, hat jeder einzelne das Hochgefühl seiner Berufung genossen. Die Erwähltheit seiner Herrenrasse war noch das wenigste. Sogar eine Jahrtausendgestalt, den Liebling der Weltgeschichte, ihren Hitler, konnten die beflügelten Knechte nicht dauernd im Auge behalten. Immer gegenwärtig war England, erkennbar des Nachts an den Bränden, tagsüber in dem Wabern von Haß, den sie gleichfalls hinunterspien. »Umgürte dich mit dem ganzen Stolze deines Englands.« Endlich hilft das nicht mehr. Endlich muß der Brite kriechen. Aus mit dem vornehmen Gönner, für den die Wilden kämpften, und das Geld des Weltalls floß gratis hierher, in dasselbe Land, das jetzt raucht und wo sie kriechen.

Die Knechte sind glückselig erinnert worden an ihre eigene Kriecherei vor dem Übermut jedes Stärkeren. Sie vor ihrem Hitler, ihrem General, ihrem Industriellen, sie vor Versailles, dem Engländer in Köln, dem Franzosen in Düsseldorf, – aber vor ihnen der stolze Brite. Alles kriecht, sie sind endlich auf gleich. Kniend im Geröll, angelt der Brite unter wankenden Steinen nach seinen Sovereigns und verfehlte sie, die Mauer erschlägt ihn. »Rein in den Untergrundbahnhof! Raus aus dem Untergrundbahnhof, immer gleich tausend Briten. Nochmal tausend Briten bitt' ich mir aus, damit sie einander massenhaft erdrücken, flüchten kann nicht jeder im Mercedes. Die armen Leute sind mir die liebsten, weil ich selbst nichts habe, und zeig' ihnen wer ich bin. Ich bin ein Deutscher, so sehen wir aus.«

Stoßgebete aus der Höhe des Gefühls: »Gott strafe England!« (1914.) »Wo ich England treffe, greife ich es an.« (Der Führer.) »Polen existiert nicht mehr. Nur noch das britische Weltreich bleibt zu vernichten.« (Seine Leute.) »Alles vernichten, was nicht deutsch ist, und wenn ich wählen soll, England!« (Der fliegende Landsknecht.) »Ha! Es geht, es klappt, es passiert: Kampfflieger haben sie keine. Was sie haben? Fesselballons. Ich siege, vernichte, ich strafe, die Rache macht selig.« (Das ganze Deutschland, das brünstig mitfliegt.)

Auf zehn deutsche Flugzeuge kam allenfalls ein britisches. Jedes muß überaus besonnen gekämpft haben, wenn es standhielt. Einer gegen zehn war nicht das ärgste. Das Schicksal Londons war nicht das ärgste, obwohl hier zuerst versucht worden ist, ein so weites, vielfältiges Gebilde menschlichen Lebens umzubringen, alle seine Teile gleichzeitig: die Viertel der Armen, die Gebäude, die England darstellen, sein Herkommen, seine Macht.

Bei einem französischen Katholiken las ich aufgezählt die katholischen Kirchen, die über die ganze Stadt verteilt, wie auf Verabredung dennoch alle getroffen sind. Die Docks scheinen weniger empfindlich gewesen zu sein als Westminster, das nicht weniger greifbaren Wert hat als die Schiffswerften: es stellt um einiges mehr vor. Was es bedeutet und auch das Alter des Monumentes mißfiel dem Feind (der seither die Beschädigung von Nürnberg für eine Kulturschande erklärt hat, heute aber dem Untergang Berlins die Tragik abspricht).

Dieser Feind ist der erste und bleibt der einzige, der es wirklich auf die Kultur abgesehen hat, insofern eine Nation ihr Gedächtnis verliert und endlich selbst verlorengeht, wenn ihre Denkmäler fallen. Heute, im fünften Jahre des Krieges und angesichts seines schimpflichen Endes, sind deutsche Gelehrte in den Archiven der besetzten Hauptstädte tätig. Sie versehen das Amt, Dokumente verschwinden zu lassen, uralte Zeugnisse vom Ursprung und der Eigenheit der Nationen. Keine Inkunabeln mehr, keine Vergangenheit. Eine geschlossene Ecole des Chartes ist mehrere Schlachtensiege wert.

Dies ist »Deutsch-Europa«, wie es gemacht wird mit Hilfe der deutschen Kultur, die genau das gehorsame Gesicht der Forscher in den Archiven hat. England aus der Luft herab einzudeutschen, bleibt ein ungelöstes Problem. Der Schwan von Avon, ob sein Geburtshaus dem Erdboden gleichgemacht würde, ist für alle, die jemals einen Vers hörten, ja für alle, die nie einen hören werden, der größte Dichter Europas, und ist ein Brite, kein Deutscher. Goethe sprach ungefähr: »Es ist falsch, mich dem oder jenem (Tieck) zu vergleichen. Ich messe mich nicht mit Shakespeare.«

Die Gefahr, ihre Geschichte, die Geschichte einer meisterhaften Gestaltung, verschwinden zu sehen, war bei weitem nicht die ärgste während der Battle of Britain. Buckingham Palace wurde eine Ruine, die königliche Familie mußte ausziehen. Nun vertritt das Haus Windsor, seit dem Abgang Habsburgs, allein noch die ehrwürdige Überlieferung, deren Europa bedarf, um es selbst zu bleiben – und um seiner künftigen Erinnerung willen, falls mit ihr gerechnet wird.

Man erreicht sie nicht durch Abrasieren, durch wohlberechnete Bombentreffer und die Akribie von diebischen Philologen. Ehrfurcht wird verlangt vor der Gesamtheit unseres Daseins, das ein und dasselbe ist. Die Nationen mit ihrem gemeinsamen Bestand, die Jahrhunderte, die uns alle formten, erwarten guten Willen, und nicht Haß. Zu danken gilt es, nicht zu rächen.

Die deutschen Flieger und Nichtflieger 1940 rächten vielmehr, daß England uns alle bereichert hat. Dies rächten sie wütender, als daß es selbst reich ist. Genug, von allem das Ärgste waren der Haß und die Rache, die über England die Luft verpesteten. Sie schnaubten gräulicher als Bomben zischen und zerspringen. Sie machten trostlos, auf die Dauer konnten sie sogar Abgehärtete des Unglücks niederzwingen, und England war nicht abgehärtet, weit davon. Es hatte in der Welt meistens Erfolge, zu Hause immer Frieden gehabt. Es hatte niemand gehaßt, am wenigstens die Deutschen seit Versailles.

Jählings diese Lawine schlechter Gefühle. Auf so viel war Britannien nicht gefaßt, obwohl schon vorher feststand: diesmal schrecken die Deutschen vor nichts zurück. Diesmal wird gesiegt – auf alle Fälle, den Weltuntergang einbegriffen. Um so weniger werden Bedenken zugelassen, wie noch 1914, hinsichtlich des Völkerrechtes, Menschenrechtes, der letzten Überreste einer ehemaligen Achtung des Nächsten, der Selbstachtung und mitbekommenen Lebenslehren. Fort damit! Nichts gilt fortan, außer der Vernichtung des Lebens, wenn einer durch Widerstand sich strafwürdig macht. Aber wehe dem, der sich ergibt!

So siegt man nicht, die Haltung ist biologisch ungesichert. Ihre moralische Verworfenheit folgt aus der Irreleitung der Nerven und einem unbeherrschten Sonnengeflecht. Aber wer weiß das, solange die Gefahr den Himmel verdunkelt. Welcher Mut und Verstand ist einer Tobsucht gewachsen, wie dieser. Ich kann nicht entscheiden, ob der britische es war. Sie haben vielleicht nur ausgehalten, des Endes im Grunde gewärtig. So stand es wohl, besonders da die deutsche Luftmacht, scheinbar unberührt von Verlusten und verfließender Zeit, übermächtig hereinbrach alle Tage wieder, seit dem ersten bis in die spätesten: von Britannien wurden sie stoisch abgezählt.

Es kam der letzte, wer hätte es gedacht, die deutschen Flieger gaben es auf, sie kehrten nicht mehr wieder. Nachher ist gesagt worden: wenig fehlte. Nur um einiges öfter mußten die Deutschen erscheinen, das Äußerste der britischen Tragfähigkeit war erreicht: ergeben hätte sich England. Was dies Wort enthält! Welch ein Gedanke hier mit Wirklichkeit droht! Gleichviel, so war es nicht bestimmt.

Verheißen und aufgelegt war, daß England seine Verwandlung erfuhr, vergleichbar einzig einer Wiedergeburt. Diese ist verständlicherweise tragisch. Gern und fröhlich läßt niemand sich herbei, noch einmal anzufangen – und nach einem Vorleben wie hier. Das Früheste ist die automatische Umkehr der Begriffe gewesen – nicht einmal ihre bewußte Réconsidération. Eine ganze Nation betrachtet weder, noch revidiert sie.

Vielleicht einzelne, vielleicht in Behausungen, die halbwegs verschont geblieben: nur die Treppe war weggerissen und eine Mauer klaffte. Zum Glück standen die Bücher an der anderen Wand. Der leidlich erhaltene Einwohner, nur sehr geschwärzt durch die Explosion, und Überfluß von Kummer, es läuft kein Badewasser, – dieser Berußte, aber Lebendige nimmt die Zuflucht zu seinem Meditationssessel, der in angepaßtem Zustand auch noch da ist, auf seinem Platz vor dem neuerdings zerbrochenen Kamin. Eigentlich ringt er die Hände, während er doch alle Glieder augenscheinlich von sich streckt.

Er denkt: Wozu? So ist natürlich der Lauf der Welt, es gibt Schlimmeres als kein Bad, kein Essen, keine Fensterscheiben. Ich frage nur: Wozu? Einigermaßen funktionierte das Leben doch, mit Ach und Krach, wie gewöhnlich. Vernachlässigte Menschen, ja, benachteiligte Klassen, man sagt es. Dummköpfe, gar kein Zweifel. Aber proletarische Nationen? Der unüberbrückbare Abstand zwischen den Staaten, die alles haben, und den anderen, die nur recht haben? Mir war das nie aufgefallen. Ich erkannte die alte menschliche Zanksucht wieder und andererseits den Hochmut, der sie belächelt. Schlichten wollen erbittert nur. Dennoch, woher dies?

Woher der grausige Haß – entgegen dem einfachen Instinkt für Selbsterhaltung. Wer überschwenglich haßt, zerstört sich selbst. Die Leidenschaften sind achtbar, sie wohnen hoch. Ce n'est que du cinquième qu'on se jette par la fenêtre. Diese Deutschen aber sind zum Weinen.

Wenn kein Irrtum vorliegt, bekommt der Ruß im Gesicht des Meditierenden tatsächlich feuchte Rinnsale. Er sinnt:

Massenhaft aus den Wolken fallen, begeistert sterben, entschädigt durch das Bewußtsein: England geht unter, – das ist ein schwerer Krankheitsfall. Seine Behandlung darf in Zukunft nur noch streng sein. Wir haben alles verkannt, wir glaubten Deutschland heilbar durch vernünftiges Entgegenkommen, eine demonstrative Gleichberechtigung. Die konnten wir ihm allerdings zugestehen, aber nur für Gegenwart und Zukunft. Wir konnten nicht machen, daß es dieselbe Geschichte hatte wie wir. Da liegt der Fehler.

Die Minderwertigkeit, die nicht wirklich besteht, aber ihre Vergangenheit – und der Vergleich mit der unseren – redet sie ihnen beständig ein: dieses Mißgefühl nimmt mit ihren Erfolgen nur zu. Der Neid wird tausendfach. Als sie uns überflogen, hätte der Himmel von ihnen gelb sein müssen, quittengelber Neid allein setzt die Deutschen instand zu hassen, wie uns wenigstens niemand gehaßt hatte, zu vernichten um des Vernichtens willen, ja, die Existenz des Menschen zu leugnen. Es gibt nur neidische Deutsche.

Dagegen muß etwas geschehen. Viel muß geschehen, bedenkt man die erbärmliche Nichtigkeit des Anlasses, weshalb sie über London kamen. Wir hatten ihnen nichts nehmen, ihr Reich beileibe nicht auflösen wollen. Wir ließen sie nur allzu theoretisch wissen, daß wir ihre Überfälle auf kleinere Nationen für unanständig hielten. Das heißt dann eine Kriegserklärung, indessen ließen wir Krieg noch immer Krieg sein: eines Tages hätte man verhandelt. Ihre Einnistung in Frankreich, die gleichfalls unrühmlich enden wird, und die Battle of Britain haben gezeigt, was sie wirklich wollen. Vernichtung eines jeden, der sie nicht angreift, sie nur warnt.

Sie wollen nicht ihr Gebiet vergrößern auf Kosten schwächerer Nachbarn, was nichts Neues wäre. Sie träumen den Erdteil, wahrscheinlich alle Erdteile, als deutsche Kolonien. Ein Traum, – man ist nicht verantwortlich für seine albernen Träume. Wer aber handelt, wir selbst haben oft nicht streng rechtlich gehandelt, ist dennoch angehalten zu einem Mindestmaß von Voraussicht und Anstand. Sie dagegen führen sich auf, als ob nach ihnen nichts mehr käme. Das geht nicht. Es ist eine unerlaubte Haltung, das menschliche Zusammenleben würde mit ihr unmöglich. Europa besonders hätte abgedankt. Großbritannien wäre eine Erinnerung.

Der scham- und hirnlose Versuch, diese ungehörige Haltung einzuführen, muß erstickt, leider in viel Blut erstickt werden. Wir haben den Deutschen ihren eifrigen Wunsch nach Vernichtung diesmal zu erwidern, mit der überlegenen Milde und dem klugen Wohlwollen ist nun einmal nichts getan. Wir werden sie unschädlich machen, sie haben nicht eher geruht, als bis wir uns entschließen. Das ist nicht leicht, zunächst erscheint es wenig ehrenvoll. Wir geben uns das Ansehen, als sänken wir auf ihre Stufe herab: nur noch hassen, immerfort rächen. Was hilft es. Sie erniedrigen uns, gerade dafür sind sie hassenswert, vor allem dies werden wir rächen.

Aber wer weiß, ob wir nur nachlassen oder nicht vielmehr zunehmen, ja, verjüngt hervortreten aus dem Abenteuer, wenn wir künftig der unerbittliche Erzengel mit dem Schwert sind. Sie mögen sich hüten. Ein Entrinnen gibt es fortan nicht.

Hier endet die Meditation. Der bewußte Brite, vorher sehr human, wird aus seiner luftigen, aber unhaltbaren Höhe herabgeholt in die Mitte anderer Briten, die durchaus denken wie er. Oder hätten sie auch gar nicht erst meditiert, bleibt das Ergebnis der überstandenen Prüfung doch dasselbe: Schluß mit den Deutschen! Die deutsche Drohung abschaffen für immer!

England verwandelt

Seither hat die Insel mit ihrem Reiche den Krieg nicht nur geführt wie jeden vorigen. Er begleitet keineswegs ihre Existenz von außen: sie fühlt ihn zentral; er ist die unausweichliche Bedingung ihres Daseins. Da alles, was uns erhält, zum Genuß wird, nimmt Großbritannien nunmehr Vergeltung und liebt sie. Als in Deutschland zwei lebenswichtige Dämme einstürzten und das Ruhrgebiet ersoff, haben die Deutschen, gemäß ihrer stumpfsinnigen Übung, Juden geschlachtet – diesmal unter dem Vorwand, jüdische Emigranten hätten die Briten auf die Dämme hingewiesen. Da meldete England aber laut und entschieden seinen Anspruch auf die Idee. Es hatte sie ganz allein gefunden und hält auf dieses Verdienst.

Britannien ist nunmehr die große Luftmacht, die über Deutschland gebietet: welche Stadt noch stehen bleibt, welche untergeht. Im gleichen Atemzug, ein mächtiger Atem, wurde aus der Insel eine Landmacht. Der britisch-amerikanische Sieg in Afrika, wahrhaftig ist er kein kolonialer Kleinkrieg mehr. Die Befreiung Ägyptens von dem Feind, der schon Alexandrien bedrohte, hat die äußerste Anstrengung verlangt, sie war eine weitaus echtere Tat als der Einmarsch der sechs deutschen Divisionen in Frankreich. Die Eroberung von Italien bedingte bisher die kühnsten Landungen. Noch härter werden andere sein. Britannien zögert, von seinem Bestand an Menschen mehr, als es erträgt, zu opfern.

Tunis und Bizerta waren Schlachten europäischen Stils, – aber der deutschen Niederlage folgte kein Dunkerque, kein vollendeter Rückzug zur See, nicht einmal ein angedeuteter. Sondern die Deutschen, die nicht gefallen waren, gaben sich gefangen, mit ihnen der ehrenhafte General von Arnim. Schon in Sicherheit, war er zu seinen Truppen zurückgekehrt, in Erwartung der deutschen Schiffe, die nicht kamen. Seinem Gesicht war die Tragödie taghell abzulesen, als er in London das Flugzeug verließ. (Der Rückzugsstratege der Landschlachten, Rommel, blüht glücklicher mit jedem Rückzug; das Bild einer Wiederbegegnung mit Hitler zeigt ihn flott und fühllos wie je.)

Mehrere hunderttausend Achsentruppen verlorengegangen: was sollte einen Mißerfolg in Deutschland hiervon noch unterscheiden. Die Voraussetzung ist, daß Deutschland verteidigt wird, wie Tunis. Die Landmacht Britannien glaubt sehr lange, daß die Vorzeichen der Invasion eine solche selbst hinfällig machen werden. Die Deutschen haben tatsächlich den Krieg im Lande, das ist ein böses Gesicht, das einzige, das sie nicht sehen wollen. Immer noch lieber ihre ganze Ostfront aufgehoben.

Dort brennen fremde Städte, und in den Häusern verkohlen die Bewohner, die man einschließt, bevor man flüchtet. Hier und jetzt wird aus der wohlbehüteten Heimat Reißaus genommen, um nicht – o unvorhergesehene Wendung! – selbst durch Feuer umzukommen. Außerdem ist sie eher unbehütet, der britische Wüstling der Lüfte verliert fünf Prozent seines Bestandes. So hatten wir nicht gewettet. Das ist nicht der »totale Krieg«, den Deutschland erdacht und ins Werk gesetzt hat.

Er umfaßt allerdings die Vernichtung nationaler Gesamtheiten mit ihren Städten, ihren Kindern. Aber gemeint waren gefälligst andere, keine deutschen Nichtkämpfer, deutschen Wohnstätten. Sie sollten dem humanitären Gegner heilig bleiben. Das Ganze muß ein Irrtum sein, sein Ausgang wäre verhängnisvoll.

Gerade dieses Mißverständnis, das in den Vorgängen nunmehr waltet, beunruhigt die Deutschen. Gerade mit ihrer Verstörtheit infolge fehlgegangener Berechnungen machen die Briten ihre Rechnung. Ihr Kriegsministerium unterhält wohl kein »psychologisches Laboratorium« wie die Wehrmacht. Die deutsche Seelenkunde indessen bietet in einem Punkt kaum Schwierigkeiten: geht ihnen etwas schief, dann winseln sie. Nach Versailles hat ihre Wehleidigkeit alle gerührt, die sie nicht anwiderte.

Aus der Luft herab gehemmt, schließlich vielleicht außer Aktion gesetzt zu werden, ist wirklich ein besonders peinliches Erlebnis – schon wegen seiner Neuheit, seiner Unheimlichkeit. Diese erklärt auch, daß man nur dulden, nur hinnehmen und sich ducken kann. Gegenwehr auf gleichem Fuß gibt es bis jetzt nicht. Um so weniger für eine Luftmacht, die sich in vier Jahren verbraucht hat und den britisch-amerikanischen Vorsprung nie mehr einholen wird. Welches Volk hält, ohne an seiner Seele Schaden zu nehmen, den Verwüstungen von oben stand? Den Ängsten aus dem Gewölk?

Mr. Churchill hat schon früher prophezeit, den Deutschen wäre es eintretenden Falles nicht gegeben. Britisch allein sei die Ausdauer im Widerstand, der nichts ist als Erleiden. So war es auch, es war allzulange wahr; die Befürchtung regte sich, der passive Mut werde der einzige bleiben, den ein dergestalt mitgenommenes Volk hinüberrette. Sie würden nichts mehr tun, nach ihrer furchtbaren Schulung im Aushalten.

Heute: die klare, überzeugte Forderung an den – keineswegs erledigten – Gegner, sich bedingungslos zu ergeben. Einst – wie stand es einst, das faßt man nicht mehr. Keine drei Jahre, aber die Verwandlung Britanniens ist das ausgesprochen phantastische Ereignis des Zeitalters. Schritt für Schritt hat man ihr beigewohnt, betrachtet aber das Ergebnis, als wäre es gehext.

Die Energie, nach der einstigen Wohlerzogenheit. Das Wagnis, anstatt des Sichergehens. Der Zufall und das Imponderable als zugelassene Faktoren. Mißerfolge sind kein Hindernis, sie versprechen nur das künftige Gelingen. Das Reich trägt Verluste, die immer unerlaubt erschienen wären. Es wird getroffen an seinen Points névralgiques, und schreit nicht auf. Es bleibt still während einer indischen Revolution, der gefährlichsten, die verzeichnet wird. Jeder andere hätte die Nerven verloren. Das Reich läßt kommen und gehen, beharrt auf seinem Posten, so zähe, still – und wird Indien erhalten.

Wavell, ein großer General des Reiches, macht von Ägypten durch die halbe Länge Nordafrikas einen Gewaltmarsch, für den es damals durchaus nicht an der Zeit ist. Er hat weder Nachschub noch Stützpunkte. Eingetroffen, wird er, es kann nicht anders sein, den Weg zurück antreten. Als ob er dies nicht gewußt hätte, sagt er von sich: »Ich muß ein Stück Abenteurer sein«. Sein Briefwechsel mit dem Premierminister lautet anders. »Klopfet an, so wird euch aufgetan!« sagen die beiden Briten mit Worten der Schrift.

Denn ihr Vorsatz ist nicht, in diesem Augenblick ein sieghaftes Ziel zu erreichen, vielmehr es anzumelden, noch eher, sichtbar zu machen, was sie wollen, bis die Stunde schlägt, da sie es auch können. Das Jahr, als Britannien allein, völlig allein stand gegen den glücklichen Hitler und sein unbesiegtes Heer, das Jahr, bevor die Sowjetunion antrat und die Erlösung Europas mächtig begann, dieses großartige britische Jahr ist rein angefüllt mit Donquichotterien, die Sinn und Nachdruck haben.

Das oftmals angeführte »perfide Albion« läßt sich glatt hereinlegen von der »nordischen List«, ihre authentischen Inhaber sind der Schlawiner Hitler und der Rheindampfer-Admiral Darlan: dieser seither dahingerafft, nil nisi bene. Die Kumpane verlocken die britische Mittelmeerflotte, sich auf einige italienische Schlachtschiffe zu stürzen, sie to the bottom zu senden – für einen einzigen Zweck, der dem unschuldigen Albion später aufgeht.

Während die Briten sich heldenhaft abarbeiten und die armen Italiener tapfer bezahlen, schmuggelt Darlan, von niemand beaufsichtigt, ein deutsches Korps nach Afrika hinein. Dies ist die besonders ehrenhafte Geburt des »Afrikakorps«. Eine verbündete Flotte ist dafür aufgeopfert worden, bis endlich das Afrikakorps selbst, ohne den kleinsten Ansatz eines Rettungsversuches, ad acta gelegt wird.

Die Insel Kreta kommt vor, wie die britische selbst. England verteidigt sie gegen die deutsche Übermacht in der Luft und kann sie nicht halten. Die Anspielung hierin begreift sich. Die Ausdauer einer Insel, auch unserer, ist unverbürgt. Wir haben uns durchgebracht, aber wenn nicht? Wir wären in Kanada. Wir wären zur See. Auch hier sind wir! Immer bleiben wir von dieser Welt – mehr als ihr, die ihr nicht wißt, wo die Entscheidung liegt. Auf dem Atlantik.

Versucht es noch einmal mit der Einnahme unseres Landes! Wir werden mehr tun, als uns nicht ergeben. Wir sind nicht länger die Dulder. Eher ihr. Zu erdulden steht euch, so oder so, bevor. Greift Länder an, je mehr, je besser für uns. Wir werden euch überall – noch nicht das Ende bereiten, aber im Weg sein. Euer Blitz wird nächstens nicht mehr blitzen. Man muß kühn werden durch bestandene Lebensgefahr, aber nicht jeder wird es, – dann folgt der Gewaltmarsch von Wavell, folgen Salerno, Anzio, noch Kühneres.

Zu jener Zeit, und das ganze kritische Jahr blieb Britannien von der Invasion bedroht. Sie konnte kommen, man hat es nie gewußt. Die Insel und ihr Reich lebten von Tag zu Tag. Die Invasion wurde nicht mehr unternommen, denn die deutsche Strategie und die deutsche Politik, beide waren unbegabt. Sie waren kenntnislos, waren so albern wie roh. Kein alter Preuße hat leichtsinnig Krieg geführt, außer Friedrich dem Großen, aber ihn bewahrte sein verdientes Glück. Dies Umspringen von Front zu Front, – nachdem am Anfang der Zweifrontenkrieg abgeschworen war; dieser falsche Stil 18. Jahrhundert, ohne alle Rechtfertigung durch die Gegebenheiten des Zeitalters: warum, was ist darin zu suchen? Gar nichts.

Europa ist von diesen Deutschen im Umherspringen zusammenerobert worden, l'incohérence complète, eine Oberflächlichkeit wie in Ägypten, von wo sie noch etwas schneller wieder herausflogen. Der alte Preuße Ludendorff, ein Wahnsinniger, nur als Stratege noch immer nüchtern, hatte vorausgesagt: in Afrika wird es hapern. Er hätte ergänzen können: zuerst in Afrika, dann überall.

Ein Verein boshafter Dilettanten, haben sie »sich das Gericht gegessen«, als sie daran gingen, die Sowjetunion in sechs Wochen niederzuwerfen. Auf dem Boden des überrannten, nicht wirklich besiegten Frankreich hätten sie höchstens sechs Wochen bleiben dürfen.

Die gesunde Wahrheit ist ihnen lange vorenthalten worden, die »unbesiegbaren deutschen Heere« wurden von allen Nichtbeteiligten, oder die sich dafür ansahen, mit aufgerissenen Mäulern bestaunt. Das erste Wort fand ein Brite: der General der berühmten 8. Armee, – die Landmacht Großbritannien hat berühmte Armeen. Die militärischen Gegner pflegen einander hochzuachten, wenigstens tun sie so. Das Verdienst des Siegers mißt sich an den Talenten des Unterlegenen.

Sir Montgomery nannte mit britischer Einfalt seinen geschlagenen Rommel eine krasse Mittelmäßigkeit. Das hätte man ihnen längst versetzen sollen – nicht dem einen Bürschchen, sondern dem Quark insgesamt. Sie würden es gehört, ihre Sicherheit würde gelitten haben. Im Grunde wissen sie: Hochmut kommt vor den Fall. Der Satz sagt mehr als eine ganze Rassenlehre.

Kapitän Langsdorf

Großbritannien und Deutschland waren nicht in jedem Fall unvergleichbar. Ich bin weit entfernt, die falsche Meinung zu unterstützen, als gäbe es nur unehrenhafte Deutsche. Es wäre gegen die Selbstachtung. Es wäre gegen die Wahrheit, die man unter anderen dem Kapitän Langsdorf schuldet.

Sein Tod ist lange her, Dezember 1939, ein überholtes Vorkommnis, schon vergessen. Ich habe es mir gemerkt, hier soll es stehen.

Der deutsche »Taschenkreuzer« »Admiral Graf Spee«, ein Korsar, wie diese Vereinzelten, Verzweifelten genannt werden, hat das Unglück gehabt, britischen Kriegsschiffen zu begegnen. Es geschah ihm nahe von Uruguay und wahrhaftig nicht mit Absicht. Schlachten zu liefern, den Auftrag hatte er nicht. Er sollte, entgegen dem Seerecht, die Handelsschiffe, feindliche wie neutrale, versenken. Wenn es sich machen ließ, nahm er wohl die Besatzungen auf. Wenn nicht, ertranken sie.

Der »Admiral Graf Spee« versah kein lobenswertes Geschäft, obwohl er seine Pflicht tat. Der erste der begegnenden Briten war kleiner als er selbst, der Deutsche wäre mit ihm fertiggeworden.

Indessen kamen zwei andere Einheiten der britischen Flotte rechtzeitig hinzu. Schwer beschädigt, mit sechsunddreißig Toten und achtzig Verwundeten, flüchtete der »Graf Spee« in den Hafen von Montevideo.

Vielleicht hätte er vor der Schlacht, ohne Kampf, das Weite suchen können. Er war der Schnellere. Er hatte Grund sich dafür zu halten. Er mußte darauf gefaßt sein, daß in diesen belebten Gewässern sein Gegner alsbald Beistand fände. Aber er hat das Feuer des »Exeter« erwidert. Unter anderen Umständen wäre er für tapfer, sehr tapfer gerühmt worden. Deutschland ist verrufen, sein Kreuzer ein Korsar, und noch so viele bewiesene Seemannsehre rechtfertigt seine vorigen Verrichtungen nicht. Die Augenzeugen aus der Gegend hatten denn auch kein Wort für ihn, sie bewunderten einzig die Taktik der Engländer. In Berlin empfing man zu derselben Stunde auf drahtlosem Wege die Photographie des Kreuzers nach seiner Beschießung. Trotz dem Augenschein beeilte man sich, ihn als Sieger auszuschreien. Dabei wußte man: das kranke Schiff in der feindlichen Ferne hat vierundzwanzig Stunden, keine mehr, um seine Verletzungen zu heilen. Es fährt aus, in welchem Zustand immer, oder wird für die Dauer des Krieges interniert. Draußen erwarten den »Graf Spee« zwei der Engländer, mit denen er schon im Gefecht gewesen ist, und statt des dritten, das gelitten hatte, ein neues.

Aber der Befehl ergeht, er muß ausfahren. Hitler selbst verbietet sowohl die Internierung als auch eine Niederlage. Kapitän Langsdorf trägt die Verantwortung für seine Beschlüsse.

Das Telephongespräch am siebzehnten, zwischen Berchtesgaden und Montevideo, betraf die Ehre des Führers. Seine Ehre, ein Ableger der Propaganda, verträgt keine Internierung seiner Kreuzer, die übrigens gezählt sind. Die britische Flotte hätte an dreien nicht so viel verloren, wie die deutsche an dem einen. Der »Graf Spee« ist von Hitler aufgegeben, unter dem Vorbehalt, daß Menschenverluste zu vermeiden sind. Sie würden der Menschlichkeit des Führers nichts ausmachen, um so mehr der persönlichen Geltung, die er sich beimißt.

Kapitän Langsdorf hat das Schicksal seines Schiffes vor Augen gehabt. Er hat seine Toten begraben, nicht auf dem englischen Friedhof, wie der großbritannische Gesandte ihm angeboten hatte. Der deutsche Kapitän hat sich und sein Schiff für outlaw erachtet – schlimmer, er kannte keine zivilisierte Gemeinschaft mehr. War gegen sie nicht nur empört, sondern verachtete sie, mitsamt dem ritterlichen Anerbieten des Feindes, den Besiegten die Gräber zu gewähren. Grüße aus englischen Gewehren über die Särge von Piraten – »da lach ick öwer«, hat dieser deutsche Seemann gedacht. Er hat bei sich entschieden: »Die sollen nicht auch noch die Gerechten spielen, weil sie die Stärkeren sind. Mein Handwerk war gemein – weiß ich, und will um so weniger ihre ehrbaren Salven hören. Sie fahren zur See nach Recht und Gesetz, sind aber in anderen Zeiten Räuber gewesen, Jacke wie Hose, jetzt bin ich's. War es, – aber wenn das Ende kommt, fällt der Schein weg und gilt kein Name.«

Kapitän Langsdorf hat weiter erkannt, daß alles zwecklos gewesen war von Anfang her, sein Amt und Dienst, das feindselige, heimliche Schweifen in Weiten und Gebreiten, wo er nur den Wehrlosen begegnen durfte, um sie zu vernichten. »Wofür? für wen? Mein Land kann mir nichts danken, jeder meiner Dienste hat nur seine Lage verschlechtert. Dies Deutschland kommt zu spät, mit allem was jetzt los ist, um Hunderte von Jahren zu spät, und handelt daher falsch, und nicht ehrbar, sondern verhaßt. Seekrieg – wir, und jetzt, und auf unsere Art! Wer war ich? Nicht einmal ein Korsar. Es ist an dem, ich fahre aus, aber Tote will ich nicht mehr, außer einem vielleicht. Der Mensch in Berlin hat nicht nötig gehabt, mir groß zu befehlen, wer der sein soll. Mich internieren sie hier nicht. Die draußen auf mich warten, die Ritterlichen, die von meinesgleichen die Meere säubern und den Dank der Welt haben, weil sie die Angenehmen sind, und nicht sind wie ich, – die kriegen mich auch nicht. Die sollen diesmal nichts zu tun bekommen. Was übrig ist, kann ich allein.«

Auch die verlängerte Frist lief ab, sie wurde nicht nochmals erneuert. Neun einheimische Arbeiter flickten an dem großen Schiff, das weder fahren noch kämpfen konnte. Langsdorf setzt der Behörde auseinander, die Küche sei nicht fertig, – ein ironisches Schriftstück, so breit wie möglich, damit sie lesen sollten und die Zeit verginge. Zur Not wäre er über die Bucht bis Buenos Aires gelangt. Ein Aufschub; aber an diesem 17. Dezember war ihm danach nicht zumute. Ihn verlangte es, abzuschließen.

Um 11 Uhr abends verließ der Kreuzer »Admiral Graf Spee« den Hafen von Montevideo. Fünf Seemeilen entfernt, versenkte er sich selbst, vor den Augen des überlegenen Feindes, der zusehen mußte, und von zweihundertfünfzigtausend Gaffern, die auf eine große Seeschlacht gehofft hatten. Da war es vier Uhr früh, die Sonne ging auf. Die Verwundeten waren vorher ausgeschifft. Tausend von der deutschen Mannschaft gingen an Bord eines deutschen Frachtdampfers, sind dann interniert worden, wie auch das Handelsschiff. An der Sprengung des Kreuzers beteiligten sich Freiwillige. Auf Deck waren alle Offiziere und der Kommandant. Als die Lunte schwelte, haben sie das letzte Boot bestiegen. Niemand ist umgekommen, bei der Versenkung niemand. Argentinier haben sie abgeholt. Die Matrosen sagten: »Für uns ist der Krieg aus«. Der Kommandant erklärte sich befriedigt.

Die Sache scheint unblutig verlaufen, wenn das genug ist, um sich befriedigt zu finden. Das Ende war dann doch die Internierung samt und sonders, für die Dauer des Krieges, – ganz entgegen der Propagandaehre. Die Propagandaehre verbot indessen noch dringender einen großartigen Sieg der Gegner, eine zum Voraus verlorene Seeschlacht und das Schaustück, wie so viele deutsche Seeleute sterben. Wofür denn auch, und für wen! Der Kommandant hatte vor der Versenkung einen Auftritt mit den Offizieren, die kämpfen und fallen wollten. Dagegen hat er die Mannschaft befragt. Ein Glück, daß sie nein sagte. Sie war seit Monaten auf der Fahrt ins Ungewisse. Täglicher Alarm, kaum noch Nahrung, aber mit drei britischen Schiffen hatten sie und ihr Kommandant es aufgenommen. Sie hatten genug getan, oder ihre Nerven genug gelitten.

Die erste Meldung war, Kapitän Langsdorf habe Selbstmord verübt. Vorgehabt hat er mehr oder weniger die Schlacht, die Explosion, den Selbstmord und das Entkommen mit heiler Haut. Er hat es darauf ankommen lassen. Ein Deutscher, dem Hitler die Entscheidung und Verantwortung zuschiebt, was er tun will, schuldet seinem Hitler alles andere, nur nicht den festen, inneren Befehl, nur das Gewissen nicht. Die sind von Hitler verdorben, da gähnt die Lücke in diesen Deutschen. Das Ende des »Graf Spee« wird unrühmlich genannt. Man erinnert daran, der Admiral, dessen Namen der Kreuzer trug, habe zu seiner Zeit wirklich gekämpft und den Untergang nicht überlebt. Damals aber scheinen die handelnden Personen sich mühelos selbst bewertet zu haben, wofür sie lebten und wann sie besser starben. Ihre sittliche Welt stand sicher.

Jetzt zeigen sich merkwürdige Zweifel hinsichtlich des Lebens und Sterbens. Dieser Krieg enthüllt. Er enthüllt allerseits, – wenn auch die deutsche Tragödie der Gewissen die anschaulichste ist. Halte doch einer auf verlorenem Posten, wie der Kreuzer »Admiral Graf Spee«. Ich habe mit ihm gefühlt und sein Abenteuer, eine Einzelheit schließlich, dennoch der Hervorhebung höchst würdig befunden. Besonders aber den Nachtrag drei Tage darauf. Kapitän Langsdorf hat sich erschossen. Er hinterläßt die Mitteilung, daß es schon an Bord seine Absicht gewesen ist. Der Tote spricht die Wahrheit. An Bord, während der fünf Stunden vor der Sprengung und wohl noch als die Lunte schwelte, hat er vieles vorgehabt. Zuletzt wurde es der Selbstmord, die Kugel in die rechte Schläfe, des Nachts in dem trostlosen Zimmer des »Einwandererhotels«, Buenos Aires.

Am Abend hatte er dort selbst noch einmal seine Leute gesehen, erteilte ihnen Weisungen, die schon posthum waren. Dann Gott befohlen, da von allen Menschen nichts zu hoffen bleibt. Deutschland hat ihn aufgegeben, der Führer horcht. In seinem Schloß auf dem Obersalzberg allein mit seiner geliebten Person, horcht der Führer auf den Schuß. Daß er nur trifft und ihm die Ehre erweist! »Dem Manne kann geholfen werden.« Die Flagge, es ist die alte schwarzweißrote, liegt über den Boden gebreitet, damit sie dieses Blut trinkt.

Am 17. machte Langsdorf sich über Hitler und sein Deutschland die Gedanken, die hier aufgezeichnet stehen. Je einfacher der Seemann war, um so eher ist ihm der Sinn geöffnet worden. Er hat begriffen: Was ihm zum Abschluß seiner Wirrnisse auch immer zu tun blieb, den hochgeehrten Seemannstod erreichte er nie mehr. Hochgeehrt ist ein Admiral Graf von Spee, der kämpfte und in die See versank. Der Kerl dort drüben hätte auch ihn zum Selbstmord verurteilt – dachte der Verurteilte bei einbrechender Nacht.

Er hatte die letzten Menschen gesehen, das »Einwandererhotel« wurde still. Er nahm die Waffe, er bat Weib und Kind um Verzeihung für ein solches Ende. »Glaubt meinetwegen, daß ich die Ehre der Flotte rette, weil einer darauf lauert! Die Zeitungen heute abend konnten es auch nicht erwarten. Geduld! Selbstmörder wird es bei uns billig geben. Vivant sequentes!« Und den Revolver angesetzt: »Folgt mir nicht nach! Bleibt leben!«

England, wunderbar und einfach

Das heißt scheinbar eine taktische Maßnahme wie jede andere: das europäische Gleichgewicht fallenzulassen. Indessen war es die Existenz Großbritanniens als einer Friedensmacht: der einzigen Friedensmacht. Der europäische Friede, insofern er bestanden hat, war eine Pax britannica. Die britische Macht war herangewachsen, bis eine Welt sie als Wohltat empfand: zum wenigsten das Viertel der Erde, das dem Commonwealth angehört. Man sei vorerst selbst überzeugt, daß man der Welt eine Wohltat ist, eher als ein Abscheu. Umgekehrt käme man nicht weit.

England hat, um das Gleichgewicht zu wahren, Ungerechtigkeiten begangen, die letzte zwischen den beiden Kriegen, zum Schaden Frankreichs, aber Deutschland sollte die Vorteile des britischen Friedens erkennen. Umsonst, Deutschland bleibt unzugänglich. In dem Maße, wie es ihm nachsichtig erlaubt wird, drängt es in die Stellung Englands – nicht, um der Welt eine Wohltat, sondern um ihr Abscheu zu sein, dies starr und dünkelhaft, als ob es das Höhere entdeckt hätte.

Hier läßt England das Gleichgewicht fallen; oh! nicht unvermittelt, es ist schwer, aus einer schon ausgereiften Friedensmacht noch einmal das kriegerische Land zu werden. Gleichwohl ist seither beschlossen, daß der Friede, wenn er eintritt, nicht mehr durch Überredung erhalten werden soll. Er wird auf Macht beruhen. Keine gleichberechtigten Gruppen verhandeln. Nur die eine hat das Recht gerüstet zu sein, sie allein verfügt über einen Willen und über die Mittel, ihn durchzusetzen. Sie diktiert, aber wehe dem, der diesmal über Diktate weint.

(Was alles dazwischenkommen kann, bleibt hier beiseite. Auf die Dauer verlangt der Friede das Einverständnis aller Teile, aber es ist auf keinem der jetzt gangbaren – oder denkbaren – Wege zu erreichen. Der Vorwand, Krieg zu führen, war diesmal der Faschismus. Es sieht nicht aus, als sollte er verschwinden. Seine Niederlage angenommen, übt er vielleicht auf einen Teil der Sieger die Anziehung, vor der ein Unterlegener sich hüten würde. »Kriege wird es immer geben«, sagt Stalin. Traurig genug. Noch trauriger, daß die Vorwände so schlecht und mehrmals dieselben sein dürfen.)

In Rede steht das Britannien, das für die Dauer des Krieges, wie Gott es nachher auch füge, sein Schicksal selbst verantwortet, bis an die Grenze, wo die Bestimmung über unsere Kraft geht. Britannien läßt das Gleichgewicht fallen. Es wählt seine Verbündeten für seinen künftigen Frieden der – gerechten – Übermacht: darunter die Sowjetunion. Ein unbelehrbares England hätte sie als einen notgedrungenen Mitkämpfer hingenommen – mit dem Vorbehalt: nachher sind wir ihn glücklich los, ni vu ni connu, würde Mr. Churchill in seinen französischen Ansprachen sagen. Er sagt überall das gerade Gegenteil. Für ihn und für ganz England ist die Sowjetunion der anerkannte Staat des Zeitalters, ja, der einzige, der es überschreitet, es weiterführt.

Sie sprechen: »Das Bündnis Großbritanniens mit Rußland wird den Krieg überdauern.« Sie verkünden: »Nach dem Krieg wird es in diesem Land keine Drohnen mehr geben.« Der Premierminister selbst hat die verurteilten Drohnen nach ihren Schichten aufgeführt: die ganz alten (seine eigene, adelige Klasse), die bürgerlichen Reichen, die frischen Profitmacher. Sie alle sind unstatthaft in einem Volk, das Unermeßliches getragen und unwahrscheinlich neu gehandelt hat. Ein Volk wie dieses kann nicht länger mit den alten Tricks der sozialen Ungleichheit übervorteilt werden.

Das wäre erstens praktisch untunlich. Ein Volk, das sich für den Krieg mitnichten gebrauchen ließ, sondern seinen selbstgefaßten, nüchternen Beschluß vollzog, wird nach allem Ermessen nicht mehr unbestraft benachteiligt.

(»Nach allem Ermessen« ist leider ungenau. Völker so gut wie Individuen haben Anwandlungen von Willensschwäche. Gewöhnliche Kriege hinterließen endlich die entwaffneten Kämpfer mit Verdiensten bedeckt wie ein General mit Orden, aber dennoch gehorsamer oder gleichgültiger als vordem. Wie wird das erst mit dem »totalen« Krieg kommen. Er hat nicht den bewaffneten Teil des Volkes, das ganze Volk hat er erfaßt, mitgenommen, ermüdet. Gerade hierfür hatten die deutschen Erfinder des totalen Krieges ihn bestimmt. Ihre Intelligenz ist übrigens unzulänglich. Nur wo es darauf ankommt, das Volk zu verringern, reicht sie.)

Praktisch verfehlt bliebe es darum doch, ein Volk, das gekämpft hat wie das britische, um den Preis zu prellen. Die Bestrafung der Unredlichen wäre nur vertagt: Eine Demokratie mit der alten Erfahrung der britischen weiß es. Sie mogelt wie die anderen Demokratien. Sie hat, bis zu diesem Krieg, ihre faschistischen Bestandteile groß werden lassen. Die deutschen Schlauköpfe zählten sogar nach ausgebrochener Katastrophe auf ihre Zuhälter in England: sie schickten ihren Heß hin. Er hätte, stände es noch immer wie einst, Großbritannien gegen das deutsche Verbrechen abstumpfen, wenn nicht dafür gewinnen sollen.

Er hat gar nichts gewonnen und durfte höchstens klagen, daß er noch immer nicht fein genug speiste, – als der mittlere Engländer schon die Reste seiner Mahlzeit in Papier wickelte und aus dem Restaurant nach Haus trug. Die ehemalige Nummer 2 der Nazielite ist von ihren britischen Freunden peinlich verleugnet worden: niemand will ihn gekannt haben. Was er beichten möchte, ist erlogen oder ist zufällig echt, auf keinen Fall interessiert es.

Seinen Auftrag, zu intrigieren, hat er inzwischen selbst als kindisch erkannt: dies sind die Jahre, die alles verwandeln. Als dieser Heß vorgab, er wäre geflüchtet, log er. Jetzt fände der geborene Ägypter ein längeres Verweilen in Deutschland tatsächlich unerwünscht.

Faschistische Sympathien können in England schlechterdings nicht einbekannt werden. Bei der Fügsamkeit des menschlichen Gemütes und solcher Gemüter, heißt dies auch schon: sie sind abgelegt. Geduldet wird der Antikommunismus. Aber jemand muß der Mann sein, sich vor die Brust zu schlagen und den Ton des herausfordernden Bekenntnisses zu gebrauchen. Auch darf er nicht vergessen, die Sowjetunion zu schonen.

Man redet dann: »Einem russischen Kommunisten würde ich ausweichen. Neben einem britischen Kommunisten möchte ich nicht einmal begraben sein.« (Engländer werden anrüchig durch Meinungen, die den Russen eben noch hingehen.) Die mannhafte Stimme gehört einer Dame, von britischer Herkunft ist sie wohl nicht. Damit wäre erklärt, daß sie den Verdacht der Unmoral nicht scheut. Britisch ist es, unter allen Umständen seinen Frieden mit der Moral zu machen. Neue Zugeständnisse, die für vernünftig und unausweichlich erkannt werden – so die Anerkennung eines mehr oder weniger kommunistischen Staates und seiner universalen Auswirkung –, werden in England moralisch gewertet. Wenigstens bekommen auch die sonst Unkundigen den überzeugenden Eindruck.

Es bleibe dahingestellt, ob vielmehr ein neu geoffenbartes Sittengesetz das Früheste ist. Vielleicht lag es zugrunde und wartete nur, bis die Schule des praktischen Lebens es tauglich erwies und ans Licht zog. Nehmen wir für alle Fälle an, daß zuerst die russischen Erfolge kamen, dann die Einsicht: ein Staat und Volk wie diese können nicht länger bemakelt bleiben. Es ist keine Schande, Kommunist zu sein, da Einrichtungen und eine Auffassung vom Leben, die kommunistisch heißen, in zwanzig Jahren ein Land groß und siegreich machen. Dem Siege vorbestimmt ist die proletarische Revolution – ist immer die echte Revolution. Stalingrad gleicht Valmy.

Hinzugerechnet die Schicksalsgemeinschaft. Denn die große britische Verwandlung vollzog sich unmittelbar, bevor auch die Sowjetunion um ihr Leben kämpfen mußte – um die Nation selbst, wie Großbritannien. Aus einem Mittler und Gönner von vornehmer Statur wird der nackte Mensch, verkrümmt von lange ungewohnten Anstrengungen: nicht wahr, da erkennt man den Proletarier, errät seine Seele.

Einer schien für immer gesichert, die edle Langsamkeit der Entschlüsse, eine praktische Vernunft ohnegleichen saßen ihm wie angeboren. Schneller als es sich sagen läßt, wird er ein großer Dulder, spannt sich an, kehrt um, bis er der erstaunlichste Abenteurer, ein Don Quichotte gar ist. Nicht wahr, das eröffnet Einblicke in das Wesen der Sowjetunion.

»Unser Bündnis mit Rußland wird den Krieg überdauern.« Nicht nur, weil beide auf der gleichen Seite kämpfen. Erst recht, weil sie mit verwandter Seele gekämpft haben und, ob sie wollten oder nicht, einander die Nächsten wurden. Wo ist das Jahr 1940, als England, zu spät, der französischen Republik die Vereinigung der beiden Reiche anbot! Großbritannien und die Sowjetunion, nur sie enthalten alle Kräfte, deren Europa bedarf, gesetzt, es sollte nochmals leben. Verantwortet wird das neue Europa von ihnen allein.

Großbritannien und die Sowjetunion haben niemals daran gedacht, einander nachzuahmen. Wollten sie es, wäre viel zu überwinden, ein konventioneller Abstand, noch größer als der praktische. Das Bewundernswerte ist, wie sie ohne Absicht, ohne Vorbild, dennoch zu gleichen Vollendungen gelangen. Nicht allein ist die britische Auffassung der Freiheit nunmehr abgewandelt in Richtung der Gleichheit – (ohne daß sie erreicht wird; wörtlich besitzt auch die Sowjetunion sie nicht). Sondern die andere Parallele, unerwartet, aber tief vorbereitet, tritt zutage. Die Sowjetunion errichtet wahrhaftig ein zweites Commonwealth.

Das sieht unmöglich, es sieht wie eine im voraus verlorene Wette aus. Jede der sechzehn Republiken soll ihre eigene auswärtige Politik haben; Polen würde mit der Ukraine zu tun bekommen, anstatt mit Moskau. Übrigens ist es dahin so weit wie zum britischen Kommunismus. Man begnüge sich mit der Neigung und dem Bekenntnis. Die Logik der Dinge wird begriffen, lange vor ihrer Verwirklichung. Offenbar verwandelt keine zentralisierte Autokratie sich über Nacht in eine Föderation. Das britische Reich hat mehr als hundert Jahre gebraucht.

Die Selbständigkeit der Sowjetrepubliken ist in ihrer Verfassung vorgesehen – nicht nur für ihre auswärtigen Angelegenheiten, sogar für ihre militärischen. Wenn beides schon heute durchgeführt wäre, könnte die Union diesen Krieg nicht bestehen. Damit wäre nicht bewiesen, daß der Vorsatz unernst ist. Aus der anerkannten Gleichheit der Menschenarten ergeben sich Rechte – auch Rechte, die in der Zukunft liegen, worauf es ankommt: den Punkt eins zu erreichen, wo die Selbstbestimmung der Republiken die Union nicht unsicherer macht, sondern sie befestigt. Das britische Commonwealth ist freiwillig und verbürgt einem Viertel der Erde seinen inneren Frieden.

Die Briten haben niemals befürchtet, Hitler werde mit der Sowjetunion fertig werden, weder in sechs Wochen noch überhaupt. Wer sowohl Antifaschist als auch Antikommunist war – aber Demokratie ist das noch nicht, sie setzt sich nicht aus Antis zusammen –, hat allenfalls gewünscht, Nazis und Rote möchten einander aufreiben und unschädlich machen. Das war alles, was man tun konnte, um die innere Annäherung an Rußland zu durchkreuzen. Es ist wenig. Unvergleichlich kühner handelte zu derselben Zeit die Moral.

Das Buch des Dean of Canterbury über die Sowjetunion, so bedeutend es ist, fällt doch nur unter die Symptome. Die wiedergeborene Moral schreit dermaßen zum Himmel, daß einer der höchsten Priester des Landes, wo sie das meiste gelten, nicht anders kann, als einstimmen. Es war aber sein Traum von je, so sprechen zu dürfen, von dem Heiland als seinem Zeitgenossen, von den Verheißungen des Heilands an die Armen, nur an sie, und von dem Ende des verhängnisvollen Unterschiedes, den die christliche Welt bisher krampfhaft festhält, zwischen Wirklichkeit und Lehre.

Der Abstand vom Wissen zum Handeln ist verringert, wenn nicht aufgehoben, in der Sowjetunion. Dies allein geht den Dean an, – nicht Worte wie Kommunismus. Die meisten machen sich mit Worten bezahlt. Wenn sie Entrüstung in die Aussprache des Wortes Kommunismus legen, fühlen sie sich mannhaft oder doch erleichtert. Es ist ihr fragwürdiges Gewissen, das sich hiermit beruhigt.

In Rußland ist mit der Verstaatlichung der Produktionsmittel der Kommunismus durchgeführt. Was die Gerechtigkeit schlechthin betrifft, werden Kommunisten wie andere Sterbliche sich ihr allenfalls annähern: ihr gleichkommen nie. Schon die Wirtschaft des einzelnen kann nach seinem Belieben außerhalb der Gemeinwirtschaften bleiben. Nur ist dafür gesorgt, daß wirtschaftliche Übermacht weder erlangt noch mißbraucht wird. So einfach ist das.

Den Antikommunisten außerhalb der Sowjetunion, den handgreiflichen wie den sprachlichen, fehlt die technische Kennerschaft dieses Geistlichen. Sie werden niemals richtig wie er angeben, was vorgeht bei den Sowjetvölkern, in dem kollektiven Ackerbau oder der Ölgewinnung, der Technik und Wissenschaft, die beide, von Rücksicht auf den Handel befreit, der menschlichen – und internationalen – Wohlfahrt helfen dürfen. Es wird ihnen keinen Eindruck machen, wenn sie hören, daß die Höchstgeehrten im Lande die Lehrer sind.

Die Abschaffung, das tatsächliche Ende aller Verfolgungen von Rassen, Religionen, Gedanken, dürfen sie nicht sehen – liberal, wie die Antikommunisten zu sein pflegen, und auch Juden sind sie oft. Aber sie sind ungläubig, daher würde sogar eine bessere Informiertheit sie nicht weiterbringen. Sie wollen nicht, und können nicht wollen.

Eine ganz ungewöhnliche Begabung muß sich, unter Schwierigkeiten wie den jetzt zeitgemäßen, finden und hervorarbeiten, damit jemand Moralist wird – vielleicht, ohne es zu wissen. Da ist Chaplin, ein Schauspieler, kein sittenstrenger Geistlicher. Sicherlich hat er, ganz von selbst, den Antrieb gehabt, sich in Szene zu setzen. Absichtsvoll die Existenz der Mühseligen nachzuleben, wie mancher Intellektuelle es zeitweilig tut, ist ihm nicht eingefallen.

Aber obwohl er von Anfang an besser als die Lohnarbeiter bezahlt wurde, teilte er dennoch ihr Lebensgefühl, und teilte es beständig. Es kostete ihn Aufrichtigkeit, aber keine Überwindung, damit er aus seinen, scheinbar glücklichen, Umständen eine arme, umgetriebene Gestalt ans Licht zog: sie war nun der wirkliche Mensch. Nicht seine bürgerliche Existenz, nur die lächerliche, reizende, bedauerns- und liebenswerte, die er fortan spielte, war wirklich. Die Gestalt verkörperte, bewahre, daß er es gewollt hätte, sittliche Forderungen. Das Publikum, höchst zweifelhaft gesonnen, nahm der Gestalt zuliebe Mahnungen hin, – jedem anderen hätte es sie verboten.

Es konnte nicht ausbleiben, daß die Bedeutung der Gestalt, die zuerst als wehmütiger Spaß gedacht war, ihrem Urheber aufging; daß sie über ihn Macht gewann, ihn selbst zu einem Geisteskind und Empörer machte: das letzte was er jemals von sich erwartet hätte. Da zeigt er, in einem seiner späten Filme, die Arbeit am laufenden Band – ein schauerlicher Wettlauf des Menschen mit der Maschine, eine groteske Atemlosigkeit, nur erträglich, weil grotesk. Offen, kaum noch statthaft, erklärt sich die Drohung: so geht das nicht lange. So wird mit Menschen nicht verfahren.

Chaplin, in Amerika verhaßt bei allen, die für das laufende Band sind, ist Engländer geblieben. Kommunist, nein. Seine Begabung ist die Moral.

Auch der Dean of Canterbury ist nicht Kommunist. Westeuropäer werden es in der östlichen Bedeutung selten sein; der ganze Antikommunismus ist gegenstandslos. Der Priester, ein normaler Einverstandener, durchaus kein abseitiger Kritiker, erfreut sich einer christlichen Erfüllung: das ist die »neue Demokratie der Arbeiterschaft, als eines Bollwerkes der Sowjetfreiheit«. Das meint, anders gesagt: »Die Armut muß man kennen, um sie zu verstehn.« The very reverend Hewlett Johnson hat, wie manche Intellektuellen beim Beginn dieses Zeitalters, selbst die Probe gemacht, er hat körperlich gearbeitet mit den Mühseligen und ihre rauhe Art der Existenz auf sich genommen.

Seither kennt er das »gefährliche Leben«: es ist allein bei den Kämpfern um das tägliche Brot. Die Feinde der Arbeiter und Enteigner fremder Nationen haben das Wort nur geschändet. Für nichts und wieder nichts fallen, noch lieber andere in den Tod schicken, ist kein gefährliches Leben. Man drückt sich vielmehr von dem harten, aber normalen Leben.

Seither weiß er um Ziele, – die natürlich noch fern sind, aber es kommt darauf an, sie zu sehen. »Den Unterschied zwischen Hirn- und Handarbeit aufheben, dadurch daß Arbeiter so viel lernen wie Ingenieure«, ist real und erreichbar. – »Das junge Volk kontrolliert die Faktoreien, Werkstätten und wissenschaftlichen Arbeiten« wird geistig vorausgesetzt, nicht deutlich angeschaut. Seinesgleichen, gesättigt mit Wirklichkeit, hängt doch immer an Träumen. Ein weiser Skeptiker, der er zum Glück nicht ist, hätte aber niemals den endgültigen Satz gefunden, – aus Traum und Erfahrung formt sich die lautere Wahrheit:

»Ein Land, wo es arme Leute gibt, ist nicht frei.«

Der very reverend betet die Freiheit an, wie seinen Gott selbst. Er gibt wahrhaftig keinem Liberalen nach, sein Dafürhalten wird eher sein, daß sie von Freiheit nur dahinreden und getünchte Gräber sind. Er läßt nichts ab und die sozialen Bürgschaften sind ihm heilig, um so mehr, da sein Land unter den Ländern mit kapitalistischer Klassenherrschaft das letzte ist, wo sie noch eingehalten werden. »Den Arbeitern steht es frei, die Arbeit niederzulegen, obwohl der Hunger sie meistens zwingt, doch wieder zu arbeiten.«

Stolz trotz allem. Engländer geblieben, ungeachtet des glänzendsten Vorbildes dort draußen. Will auch die Pressefreiheit. Unter den gewohnten Umständen ist sie die schroffe Umkehrung der Freiheit: das wird nicht hindern, sie eines Tages richtig zu wenden.

Ein Volk, das lernt und liest, wird keine betrügerische Publizistik der überreichen Interessen mehr haben. Die Interessenten sind weg, und was sie zu sagen hatten, verfiele dem Gelächter. Die Sowjetunion mit ihrer Unzahl von Büchern und den Konsumenten der Bücher nimmt die europäische Zukunft voraus, sie ist schon unsere Nachwelt. Unter den meistgelesenen der heutigen Autoren nennt der britische Priester auch mich: ich bin ihm innig dankbar. Es ist Tatsache: ob ich wollte oder nicht, solange Europa – »Deutsch-Europa« – mir verschlossen bleibt, habe ich ein einziges Feld: Sowjetrußland.

Ich habe es mit Romanen, in denen das Wort Kommunismus weder vorkommt noch dem damals bekannten Sprachgebrauch angehörte. Der Kommunismus, wie seine Heimat ihn versteht, ist mehr als nur ein politisches Bekenntnis. Die Bücher, die ihm Genüge tun, zeugen von einer Anschauung des Menschen, seiner Lage, seiner Bestimmung, die erstens wahr ist, zweitens unsere Würde hebt. Das ist alles. Mehr muß man nicht haben oder tun, um – gegenwärtig allein in Sowjetrußland – populär zu sein.

Die Kommunisten regieren das Reich nur so lange, bis, nach der Definition Lenins, jede Köchin das Regieren erlernt hat. Was Lenin definiert und der englische Priester sich zu eigen macht, ist die moralische Reife: das Erwachen eines Volkes bis zur sittlichen Männlichkeit, die innere – und praktisch experimentierte Zuversicht, daß sie erreichbar sei.

Statt Kommunismus sage man Moralität. Der Kommunismus als Technik der Einrichtungen wäre kein Gegenstand der erregten Neugier. Seine sittlichen Hintergründe sind es. Umgekehrt ist jeder Antikommunist an der Moral durchaus unbeteiligt. Dasselbe gilt für den Antichristen, Antiintellektuellen, es trifft viele Antifaschisten, die nichts weiter sind. Gegen dies und jenes gerichtet – wird man nichts wesentlich anderes als die Widersacher. Was man gerade ablehnen soll, bedingen die Umstände, es ist auswechselbar. Standhaft erhält die Moral. Nur sie macht fruchtbar.

Der Dean of Canterbury hat über den Diktator Stalin das Gute und Rechte gesagt: er ist kein Diktator. Er wäre es, wenn er, gleich den faschistischen Machthabern, die Diktatur für ein Ende, ja, für das Immerwährende hielte. »Sein persönliches Verdienst ist die nationale Freiheit, sie ist seiner größten Werke eines.« Der Brite meint: Freiheit einer Nation ohne arme Leute. Er meint: Freiheit einer Nation mit hohem sittlichen Anspruch.

Der Herr von 1895

Ich bin ihm einmal begegnet, oder weiß nur von dem einen Mal, da unsere frühesten Erlebnisse die späteren überschatten: damals gingen wir in so viel Sonne – und bedauern sie nicht weiter. »J'ai vu tant de soleil«, sagte Stendhal, als er des schönen Italien müde war.

Mein Bruder zählte erst zwanzig Lenze, ich ein paar mehr, man schrieb 1895; da sahen wir über Piazza di Spagna in Rom einen Herrn kommen. Es war ein Herr, neben ihm wurde jeder Beliebige weniger als das. Hierüber verständigten wir uns sogleich; wir hatten den wahrhaft herrschaftlichen Typ erblickt. Unverkennbar war er ein Brite.

Im heimischen Deutschland war uns seinesgleichen nicht vorgekommen, existierte übrigens nicht. Um dieselbe Zeit, dies habe ich nie vergessen, trugen ein deutscher Gelehrter und meine Wenigkeit unsere Namen in das Fremdenbuch des Gasthauses von Tivoli ein. Unseren Beruf gaben wir mit »Globe trotters« an. Tags darauf fanden wir gleich darunter geschrieben: »Graf und Gräfin Sowieso, globe riders.« Sie betonen ihren Vorrang, weil sie nicht immer auf ihren Füßen tippelten, sondern zu Hause ihre Ackergäule ritten. Trotzdem hatte der Mann einen Bauch, die Frau keine Figur.

Unnütz, den Herrn zu beschreiben. Hakennasen, aufgeschossene Gestalten ohne Fett kann man haben. Niemand, außer unserem Lord, der auch ein Kaufmann aus Birmingham sein durfte, besaß in Haltung, Gang und Mienen diese einfache Selbstgewißheit. Ungewollt ist sie da; ein Eigenlob wie »globe riders« widerspräche ihr. So frei von Neugier war nur das eine Gesicht: es verglich nicht. Es ließ das andere – das andere sein. Sich an Menschen und Dingen messen, lag keineswegs im Sinn des Herrn.

Das alte römische Weltreich, über dessen Mittelpunkt er zur selben Stunde schritt, war aus seinen Gedanken abwesend. Nicht, daß er es verachtet hätte; Verachtung ist eine Abart von Interesse. Ihn ging es nichts an. Die selbstverständliche Tatsache des britischen Imperiums deckte alles Gewesene zu. (In Wahrheit ist es kleiner als das römische, die ganze bekannte Welt nimmt es nicht ein. Die Pax Romana hat zweihundert Jahre nach dem praktischen Ende Roms noch immer vorgehalten. Die Pax Britannica ist schon jetzt in hohem Grade der Revision bedürftig.)

Das alte Weltreich, wenn er es dem seinen angenähert hätte, führte allerdings, einmal etabliert, dieselben Kriege mit kleinem Aufgebot: Kolonialkriege, die seinen Mittelpunkt nie berührten. Sein Prestige behauptete es weniger mit angewendeter Gewalt, als durch die kluge Suggestion, sie sei zum Gebrauch bereit.

Der Herr, kann ich mich entsinnen, lächelte. Es war Ironie, oder weniger als das: eine Viertelsironie, die keinen bewußten Hochmut wiedergab. Nur ein Zustand und ein Sachverhalt verzog den Mund. So bewegte sich, ohne Aufsehen zu suchen, unter dem Gewühl der mittleren Zeitgenossen, an einer mehr oder weniger schätzbaren Örtlichkeit – der Herr.

Es ist schon lange her, das freut uns um so mehr, wurde in einer vergessenen Oper gesungen. Zuletzt frommt es nicht, von den Taten seiner Ahnen die ewig stabilen Einnahmen zu haben. Das viktorianische Antlitz über Gebühr festzuhalten ist für niemand gut. Mächtig und nahezu unbestritten, da hinkt etwas. Ein Herr, aber leidenschaftslos, aber korrekt, setzt die Natur ins Unrecht.

Die Briten dieses Krieges und Zeitalters sind unermeßlich größer als ihre nächsten Vorgänger, – die nicht übermütig geworden waren. Gearbeitet haben sie wie jeder, die viel berufenen Rohstoffe bekamen auch sie nicht umsonst. Ihr Ruhm, soviel ist richtig, war ein Nachleuchten.

Die letzte wirkliche Gefahr Britanniens war Napoleon gewesen. Seit seinem Scheitern bei Trafalgar und Waterloo hat England immer zugenommen an Glanz, ohne daß seine Mühen wuchsen. Die anderen waren verhindert, durch eigene Schuld gewiß. England kassierte Erfolge für ganz Europa, zweifellos verdiente Erfolge.

Sein Glanz erlaubte der Insel zeitweilig eine »glanzvolle Scheidung« vom Kontinent. Splendid isolation – kommt fortan nicht wieder. Sondern Abhängigkeit ist verordnet. Sondern Verantwortung ist auferlegt. Aus Europa etwas machen, heißt der Auftrag. Auf alle Fälle etwas aus ihm machen, – besser wird es schon werden, als was der gegenwärtige Inhaber des Kontinentes mit ihm beginnt und vorhat.

Der Unglückliche siegt, wo immer es ihm glückt, ins Leere hinein: früher in Rußland seine Sommerschläge, denen der winterliche Rückschlag zu folgen pflegte. Jetzt klammert er sich, ohne Überzeugung, an das letzte Stück russischen Bodens. Wenn er trotzdem recht behielte? Wenn die Sowjetunion, sehr begreiflicherweise, es satt bekäme, sogar außerhalb der eigenen Grenzen ihre Menschen hinzuopfern? Gesetzt, die Invasion des Kontinents durch ihre westlichen Verbündeten wäre von ihr chimärisch befunden – oder nur zu langsam! Aber das ist vorbei.

Die britische Zähigkeit muß auf der Höhe der russischen Geduld sein, – was sonst gewonnen würde, ist kein Friede; nur die Verzweiflung einer versklavten Welt, ihr chronischer Sklavenaufstand, ein Krieg ohne Ende, der nicht mehr den Namen verdient, eine Abdankung Europas, die keine ist, sondern mit Unheil schwanger geht.

Dem Weltteil die Freiheit retten, heißt das Gesetz Britanniens, ein höheres war ihr nie gegeben. Sich selbst behaupten mit dem Zusatz, daß es auch Europa behauptet, das würde viel Stolz rechtfertigen, mehr Stolz als der Herr von 1895 besaß. Es bedingt ebensoviel Bescheidenheit.

Bescheiden wird man durch Erkenntnisse, – die Vorgänger besaßen sie noch nicht. Eine tiefe Bekanntschaft ist nötig, mit unserer Fragwürdigkeit, unserer Gebrechlichkeit. Dieser Krieg hatte kürzlich eingesetzt, als das Schlachtschiff »Hood« versenkt wurde. Der Untergang des »Hood« fiel, der eindringlichen Mahnung wegen, auf den hundertzwanzigsten Jahrestag der Königin Viktoria.

Ihr Zeitalter, das viktorianische, bleibt das berühmte, seit 2000 Jahren einmalige Beispiel, wie ein Weltreich, kaum bestritten, wächst, gedeiht, friedlich gedeiht, dies trotz Kriegen. Für einen Teil des Weltreiches, der es gerade erst werden sollte, war Krieg, ein anderer hatte ihn hinter sich, – niemals Großbritannien selbst. Von seinen fernen Feldzügen unberührt, ihrer meistens kaum anders bewußt als eines sportlichen Ereignisses, das sich anderswo begibt, aber Lloyd nimmt Wetten an: so herrschte das England der Königin. Das war das Gesicht seiner herrschenden Klasse.

Der Herr von 1944

Seit er der Regierung Seiner Majestät vorsteht, veröffentlichte der Schriftsteller Winston Churchill ein Buch, das von Blut, Schweiß und Tränen handelt. Was er tut, ist ebenso schmerzensreich. Der Minister hat dem Parlament, während es alle seine Rechte wahrnimmt, ganz offen erklärt, zu erwarten habe es nur Blut, Schweiß und Tränen. Auch Disraeli-Beaconsfield sprach seinerzeit zu dem Unterhaus im Stil seiner Romane, er selbst ihre Hauptfigur.

Der Landoffizier und Seemann Churchill hat dem Frieden nie getraut. Als andere davon absahen, war ihm bekannt, daß England der Neuheiten viele werde erleben müssen, sich neu bedenken, kämpfen auf unerhörte Arten und für gründlich andere Ziele als je vorher. Der Abenteurer Churchill wurde allgemein zu kriegerisch befunden. Im vorigen Krieg hatte er ein Amt versehen. Zwischen den Kriegen, als der zweite noch vermeidbar war, aber einzig mit der brutalen Bereitschaft ihn zu wagen, – kam kein Churchill daran.

Er wurde gerufen, als die Not ausbrach. Die hohe Tragödie gab endlich dem Edelmann Churchill seine vornehme Rolle. Sie bleibt die seine bis in Untergang oder Sieg, für ihren tragischen Stil ist jedenfalls gesorgt. Ob er über die Bösewichte der Welt (ihre billigen Bösewichte) triumphiert, oder in den verschiedenen Zonen der Erde seinen Hobby pflegt und Hüte kauft (mehr wert als die schlechten Gesellen), er bleibt, unter der Maske des Zeitalters, ein Held von Corneille.

Er hat den Glauben, er hat auch die Geste, und tritt er auf wo immer, »il est un peu là«. Das macht: unterhalb seiner Berufung, die das Fatum selbst ist, liegt in seiner Brust eine Gleichgültigkeit ohne Namen. Ich bin, was ich bin; solange ich da bin, wird gehandelt bis zur Vernichtung der Feinde. Träfen sie mich früher als ich sie, es hilft ihnen nicht. Sie sind gerichtet, nicht erst von mir. Ich bin entbehrlich.

Das ist aber die vollendete Form des Tragöden: »Sogar ich bin entbehrlich.« Daher fliegt er kreuz und quer über die Erdteile. Gibt bekannt wo er ist, gesetzt, es wäre nicht sowieso ausgespäht. Auf sein Flugzeug wird eine organisierte Jagd gemacht. Sein Weg von Afrika zurück nach London hat eigens abgeschossene Apparate gekostet, nur seinen nicht. Ein Schauspieler, Jude, aus Polen gebürtig, von Aussehen der perfekte Engländer, ist für Churchill gefallen. Wäre es nicht geschehen, bleibt es als ein Gleichnis wahr.

Er selbst überstand noch mehr als eine Reise, deren Verlauf nicht verbürgt war, auch noch zwei Lungenentzündungen. Die hohe Luft hatte auf sein altes Herz gedrückt, wer sagt, daß er durchkommen mußte. Er kommt durch, dank Fatum und Gleichgültigkeit. Tritt wie ein Unsterblicher vor die Kammer hin und verkündet das endgültige feste Ziel: Bedingungslose Unterwerfung – der anderen. Für seinen Teil wird er davon nicht abgehen – er und sein Gewissen, nie.

Käme es anders und er wäre noch da, er dächte wohl: »Auf meinen Krieg mußte ich zwanzig und mehr Jahre warten. Das Folgende mit anzusehen aus der Ewigkeit, verlangt weder Geduld noch Verzicht.« Es ist sicher, daß er an ein Fortleben glaubt, in der Art und aus dem Grund wie Bismarck: »Sonst wäre das Leben nicht das An- und Ausziehen wert.«

Sie sind so, in diesem Zeitalter, und in jedem. Aber dann haben sie sein umwölktes Gesicht, das ich einzig finde. Klasse? Andere seiner Klasse sehen wahrscheinlich noch immer glatt aus, wie ihresgleichen, unter Viktoria. Der tragische Mensch läßt hinter sich seinen Stand, die geistigen Gewohnheiten, nebenbei auch die äußeren, seines Standes.

Sein leidvoller, furchtbar tiefer Blick: »Und wenn die Welt voll Teufel wär«, spricht der Blick. Diese gespannten Lippen: »Ich – oder das Ende«, spricht der verschlossene Mund. Alles, die Zusammenziehung des Wangenmuskels, das dreifach gefaltete Fleisch an der Nasenwurzel, jeder Zug und das ganze Gesicht sprechen aus einer Nähe, als fühlte ich den Atem: »Klopf an, so wird dir aufgetan. Habe Mut! Habe den Mut auf Trümmern, und die Kraft, die dem hartnäckigen Dulder zuwächst!«

Die armen Leute, die er während der Battle of Britain aufsuchte bei ihren rauchenden Trümmern, fühlten und verstanden den Mann. Ihnen mußte er keine Rede halten. Ein Wink mit der Zigarre, sie riefen ihn an. »Winnie!« riefen die Obdachlosen, voll Freundschaft für den breiten, umwölkten Gast. Er saß im Wagen allein, keine Leibgarde, was siegreichen Diktatoren empfohlen sei. Er – war damals nur der Vorderste der Geprüften, inmitten eines Kampfes ohne Zukunft, außer man glaubte und wollte.

»Halten Sie Mr. Churchill für keinen fortschrittlichen Idealisten! Er lebt in den herkömmlichen Anschauungen der englischen Aristokratie«, sagte bald nach Dunkerque ein hochgebildeter, sehr wohlmeinender Amerikaner, damals in Frankreich mein hilfreicher Freund. Aber eine aristokratische Herkunft verpflichtet niemand, stehenzubleiben. Der menschliche Adel kommt, woher er kann. Man muß erfahren haben und muß wissen.

Am 4. August 1789 legte der französische Adel freiwillig (was man so nennt) seine Vorrechte nieder. Dem reichen Bürgertum fiel damals nichts dergleichen ein, und kommt ihm heute, nach Überschreitung jeder anständigen Frist, noch weniger bei. Nie und nirgend hat der Adel sein Unrecht verteidigt mit einer Entschlossenheit wie die Truste. Ihren zweiten Krieg, den Krieg der Welt um die Truste, haben sie nächstens hinter sich gebracht, aber bis zur völligen Ausrottung der Menschheit ist noch weit: sie geben sich nicht verloren.

Deutschland, das, aller Redensarten ungeachtet, nur für die Truste kämpft, zieht ihre Niederlage gar nicht erst in Betracht. Sie sind universal verschachtelt, die europäischen sind nunmehr in Berlin zentralisiert: das Ende der deutschen Bourgeoisie wäre nicht ihres allein. Alles wird für ihre Rettung zusammenwirken, gleichviel, wie der Krieg verläuft. Aber, höchst paradox, wird auch die Niederlage Großbritanniens von seinem Gegner nicht mehr ernstlich eskomptiert. Sie ist versäumt und nicht nachzuholen. Übrigens hätte sie Ergebnisse, die zu weit führen. Die Deutschen fürchten eine heillose Verwirrung, als ob sie nicht mitten darin wären.

Widerspruch über Widerspruch, hassen sie dennoch den einzigen Churchill. Ihn wollen sie töten, nur ihn, dann wäre, ihrem Wahn zufolge, in England niemand übrig, um sie zu enthüllen. Das ist aber ihr Schmerz: erkannt zu sein als viel zu gering für all das Wesen, das ihnen erlaubt wird. Daher ihre Friedensoffensiven, dreister als jede militärische. Der Witz mit Heß unterstellte, daß England nur den einen harten Nacken hat. Nach seiner glücklichen Beseitigung wären sie selbst nicht länger die verdächtigen Nebenfiguren, die sich vordrängen. Ihr historischer Auftrag könnte für beglaubigt gelten.

Sie wären Europa. Sonst keiner. Nun hat dieser Churchill sich wortwörtlich einen »guten Europäer« genannt. Das hat er von Nietzsche, und Nietzsche sprach – für ihn. Er meinte den wahren und starken Mann: kein geistiges Wagnis umgeht er, zu schweigen von den derben Abenteuern. Er darf hintreten und einbekennen: ich bin geschlagen, – wie in der Stunde von Dunkerque. Er, ein konservativer Brite, verspricht seinem Volk das Ende der Drohnen – im guten Glauben, wie völlig feststeht. Neuestens läßt er ein Gesetz vorbereiten: jeder Untertan Seiner Majestät ist künftig seiner Existenz gewiß, derart, daß er das Recht auf Erhaltung gewinnt, sobald er sich einreiht unter die Arbeiter, die Rechenschaft schulden. Wer es ablehnt, darf allein bleiben – nicht anders als in der Sowjetunion.

Konservativ ist nicht das Beharren auf dem Unhaltbaren. »Die Kunst des Möglichen« nannte Bismarck die Politik, seine lebenerhaltende Politik. Das ist auch Churchill. Zu der lebenbejahenden Sowjetunion zieht es ihn ehrlich. Das mörderisch entartete Deutschland widerstrebt ihm: es lügt aus Ohnmacht. Die Lüge ist seine Amme, die keine Milch gibt. Die britischen Kriegsgefangenen anketten und behaupten, England habe es mit den deutschen zuerst getan, – es ist schlechthin unbegreiflich, wie man dermaßen die Verachtung eines Churchill herausfordern mag. Man haßt ihn doch. Von einem, den man haßt, will man doch geachtet sein.

Die deutschen Militärs, immer noch meistens Adlige, haben leider verlernt, daß die Lüge unvornehm ist, und daß sie endgültig Schande bringt, anstatt Vorteil. Ihre bessere Natur (als sie für den König und den Ruhm kämpften) ist nicht nur den Erfolgen Hitlers erlegen. Viel schlimmer, das Wesen der Truste, das über Deutschland waltet, hat auch den Militäradel erfaßt. Er ist zugelassen bei den Monsterspießern der Truste.

Man sagt, damit die Welt Frieden habe, müsse die deutsche Kriegerkaste zerstört werden. Das wäre wenig. Die Kriegerkaste sitzt verschwägert, angestellt und beteiligt in den Präsidialbüros, wo ein Kontinent betrogen wird. Krieg zu führen ist ihr Nebenberuf. Um wenigstens dies zu ihren Gunsten anzuführen: die Militärs sind es nicht gewesen, sie haben kaum jemals gedrängt, daß wieder ein Land überfallen werde. Sie sind nicht, wie gesagt wird, Verbündete der Truste. Verschluckt ist nicht verbündet.

Die Vornehmheit, die nicht lügen mag, erscheint noch jetzt in der Adelskaste Britanniens: nicht zu oft; es wäre schade, wenn Vornehmheit die Regel würde. Aber daher das reine Antlitz ihres Königs, der sich in jeder seiner Ansprachen König seiner Völker nennt, in Britain, North Ireland and the Dominions beyond the seas. Daher das umwölkte Gesicht seines Premierministers – einem Denker und einem Schwerarbeiter würde es anstehen. Er ist beides.

Um England wird nicht gebangt. Zur Zeit ist England dieser Mann, um den niemand bangt. Wenn er krank ist, beten sie, und er steht auf. Indessen liegen nicht weit zurück die Tage, als er und alle Grund zur Furcht hatten. Da erließ er Anweisungen, wie die Nation sich verhalten müsse im Fall der Invasion. Er weiß: der Schrecken eines Einbruchs läßt nach, je näher man sich ihm fühlt, je genauer der Vorgang erwogen wird.

Der mittlere Brite soll ohne Phantasie sein. Dann lehrt jedenfalls ein Churchill ihn, wie es zugehen könnte und wie es ausgehen soll. In vierzehn Millionen von Abdrucken hat er damals der Nation seine Anweisungen erteilt. Er bereitete sie vor: »Leicht mag es einige Wochen währen, bis der Eingedrungene völlig vernichtet ist«. Nur Monate sind es, da wurde der wirkliche Beginn der Invasion verkündet, nur daß es nicht die deutsche in England ist. Die Verbündeten landeten endlich auf Sizilien.

Mr. Churchill und seine amerikanischen Alliierten werden wissen, wie es weiter geht. Er hat vor ihnen sonst allenfalls nichts, nur das eine hat er voraus: sein Land war einstens in Gefahr. Es ist noch gut gegangen für das Leben des Landes. Es hat sich zum Besten gewendet mit seiner Moral. Die heimgesuchte Bevölkerung Englands hatte Tote, sie waren um einiges zahlreicher als die übrigen Opfer der Verkehrsunfälle. Man vervielfache sie, nachgerade steht fest, daß ein Volk vom Sterben der Mütter und Kinder nur härter wird. Nicht jedes, aber dieses Volk.

Dem Herrn von 1944 – Cäsar nannte ihn, in dieser oder jener Absicht, eine politische Dame – würde der »Blitz« liegen. Die deutschen Propagandisten des Blitzes waren ihm, als der Ernst anbrach, mitnichten gewachsen. Das Tempo eines Churchill, wenn nicht alles täuscht, ist presto allegro – und, darf man vermuten, mit langsamen Tränen beiseite. Hiermit will ich aufhören, ich würde zu viel sagen. Für alle die Verachtung, die zu fühlen mir peinlich ist, kann mich nur entschädigen, daß ich auch bewundern darf.

Man gibt soviel man kann, oder hat es schon gegeben. Was ist vornehm, volkstümlich, liebenswert? Am Schluß meiner Lebensbeschreibung des Königs von Frankreich, Henri Quatre, lasse ich ihn zu uns allen sprechen – französisch, da dies seine »langue d'inclination« war. Außerdem hält er seine Allokution lange nach dem Tode und von einer Wolke hernieder.

Er spricht: »J'ai eu mes heures de grandeur. Mais qu'est-ce qu'être grand? Avoir la modestie de servir ses semblables tout en les dépassant. J'ai été prince du sang et peuple. Ventre saint gris, il faut être l'un et l'autre, sous peine de rester un médiocre amasseur d'inutiles deniers.«

Das ist es. Excusez du peu.

Viertes Kapitel.

Deutschland gegen alle

Der Angriff Deutschlands auf Europa 1939 ist allenfalls erklärbar mit Zuhilfenahme der Soziologie – und der Psychiatrie. Der nachträgliche Überfall auf die schwer vergleichliche – in mehr als einer Hinsicht seltene – Sowjetunion macht Schwierigkeiten auch dann noch.

Gut, die deutschen Erfolge waren in der Friedenszeit, die 1914 endete, außerordentlich gewesen. Vor allem ging es damit schnell – verhältnismäßig schnell. Die nachmaligen Erfolge der Sowjetunion und ihr Tempo seien nicht herbeigezogen. In jenen vierundzwanzig Jahren ist kein anderes Land nach diesen Massen industrialisiert worden. Keines hat sich, in Anbetracht der knappen Zeit, so sehr bereichert. Die Deutschen erstaunten selbst, sie kamen aus der Selbstbewunderung nicht heraus. Aber man muß von sich selbst im Grunde schlecht überzeugt sein, damit das Glück so schlecht vertragen wird. Wäre die Sache »mit rechten Dingen zugegangen«, das heißt normal, und ihnen wohl bekömmlich gewesen, sie hätten von sich nicht all das Aufheben gemacht: die Periode Wilhelms II., die ganz Prahlerei und Überhebung ist, wäre anders verlaufen.

Gleich der erste Nachfolger Bismarcks kündigte den Vertrag mit Rußland: das russische Bündnis mit Frankreich war demgemäß beschlossen. Die Regierungen des prahlsüchtigen Kaisers, vor allem er selbst, haben England herausgefordert, so oft sie konnten: folgte das britisch-französische Einvernehmen. Dem Dreibund des ersten deutschen Kanzlers – Deutschland verbündet mit Österreich und Italien, aber nicht mehr bei Rußland rückversichert – stand seither gegenüber die doppelte Entente dreier Mächte, die zusammen volkreicher und stärker waren als Deutschland mit seinen beiden Freunden. (Italien ist auch zu der Zeit Bismarcks kein überzeugter Freund Deutschlands gewesen, nur der Minister Crispi war derselbe verrannte Ehrgeizige wie später Mussolini.)

Zwei feindliche Gruppen von Mächten werden endlich Krieg haben. Die Drohung hat sich bis 1914 hingezogen trotz Krisen: die Völker nahmen sie merkwürdig leicht. Den Krieg in Europa kannte nach einem langen Frieden niemand mehr; er wurde, so oft er drohte, nicht ernsthaft geglaubt: das war ein Grund des gewährten Aufschubs. Nicht einmal der Nation, die angreifen sollte, wurde es mit vollem Bewußtsein zugemutet. Was einmal geübt ist, wiederholt man, und wäre es das erstemal noch so übel verlaufen. Das deutsche Phänomen wäre unwahrscheinlich, aber zu viele erfahren es jetzt am eigenen Leibe.

Deutschland, im ersten Weltkrieg geschlagen, geht leichten Herzens in den zweiten – nur zwanzig Jahre nach seiner Niederlage. Hätte es fünfzig Jahre aufgehalten werden können, auch Deutschland wäre, lange nach allen übrigen, inzwischen zur Besinnung gelangt. Die zwanzig Jahre sind genau die Zeit der Spannung, in denen ein schwer belehrbares Volk sich zwischen zwei Kriegen fühlt und den nächsten erwartet – ohne ihn wirklich zu wünschen. Aber es handelt wahnsinnig, damit er kommt.

Deutschland hat 1939 unvergleichlich mehr getan als 1914. Es hat, anders als damals, jetzt die ganze Schuld auf sich genommen. Sein Vorwand, der Vertrag von Versailles, besagt geradezu, daß es an der vorigen Entscheidung nicht genug hat und eine neue wünscht. Es nimmt sich einen Führer – oder läßt ihn über sich kommen –, der ohne Grund und Gegenstand wäre, ausgenommen allein den Krieg. Für den Krieg hat er sich selbst bestellt von Beginn seiner Laufbahn.

Im Besitz der Macht, nähert er sich mit jeder seiner Handlungen dem Krieg. Die Aufrüstung allein täte es nicht. (Sie hatte vor ihm begonnen.) Der Terror in Deutschland ist geboten, damit kein Widerspruch laut wird gegen den Krieg. Man gibt vor, den Schrecken weltanschaulich zu gestalten. Hingerichtet, aus ihrem Land vertrieben, gefangen gehalten, ausgebürgert werden Sozialisten, Juden, Intellektuelle, Christen. Ihr Haupttitel bleibt: Kriegsgegner. Verdächtig fremder Freundschaften und eines Gewissens für Europa – einbegriffen Deutschland – damit wird man der Feind und entzieht sich durch die Flucht einem qualvollen Tode, wenn man es noch kann.

Die Arbeiter sind entrechtet worden, der Mittelstand proletarisiert. Verfolgt wird die christliche Kirche, mit ihr jede moralisch bestimmte Vereinigung und die sittlichen Individualitäten. Eine gleichförmige Masse ohne Gedanken, bar jeder eigenen Kraft, ist hergestellt worden als bequemes Objekt einer einzigen Partei. Die allein übrige Partei hatte als Vorwand ihrer Tyrannei den Krieg: oder sie wäre nur dagewesen, um sich zu bereichern. Ihr sinnloses Regiment hätte sie bald verbraucht, sie hätte sich in Diebesbanden auflösen können. Was sie am Leben erhielt, war lange vor dem Krieg der Krieg, das Pressen der Nation in den geistigen – auch schon in den wirtschaftlichen – Zustand des Krieges, die lückenlose Erziehung des Landes für den Krieg.

Die Partei und ihre Führer sind, wenn sonst bei niemandem, gerechtfertigt vor sich selbst seit dem Ausbruch des Krieges. Wer hätte, wenn nicht sie, die gute »Moral« der Nation erzwungen auf diesem hochgehenden Meer des Wahnwitzes. So viele Siege, die keinen Deutschen etwas angehen! Alle die unterjochten Nationen: Feinde für hundert Jahre; aber wer achtet dessen. Die Partei und ihre Führer haben den Deutschen fügsam gemacht bis zu dem Grade, daß ihn nunmehr auch die Niederlagen nichts angehen! Die Front kämpft unverdrossen, indessen das Innere sie vergessen hat. Es ist einzig bemüht, seine brennenden Städte zu fliehen. Die Front flieht auch, in planmäßigen Rückzügen. Das Innere nimmt geordnete Evakuationen vor.

Es dürfte keinen Deutschen wundern. Hierfür – hierfür allein ist zehn Jahre lang gelebt, gewütet, erduldet, und ist immer gehorcht worden. Keine Arbeit, kein Entbehren – »Kanonen statt Butter« – nichts, außer für den einen Zweck. Block und Beil, das vergossene Blut der Empörer, – die Absicht immer dieselbe. Eine Sintflut erlogener Weltanschauung, hergeholter Einbildungen, Glaubenssätze aus dem Tollhaus, – alles ging um das Leben, die ganze lange Zeit.

Jeder Deutsche, dem sein Leben lieb war, stellte sich schwachsinnig oder verlor den Verstand. Bewiesen war ihnen allen, ihr kaum mittleres Land trage in seinen Falten den Sieg über die ganze Welt.

Die unwürdigen und unbrauchbaren Unternehmen bedürfen um so mehr einer großspurigen Ideologie, die in alle Köpfe gerannt wird. Da sitzt sie – und verewigt den Krieg, nachdem es ihr gelungen ist, ihn schwindelhaft zu beweisen. Das Herrenvolk, über seinen Kopf hinweg zum Herrenvolk ernannt, und unterwürfig genug, den Titel anzunehmen, – heute hat es kein Land mehr.

Die Städte liegen in Trümmern, die Bewohner werden abgeführt, nach deutschen Gegenden, die unheimatlich sind, nach fremden Ländern, die sie für erobert halten sollen. Sie könnten sich aus eigener Anschauung überzeugen, daß gar nichts erobert ist als nur der Haß: er schlägt über ihnen zusammen, sie atmen ihn, schlucken ihn, sie ersticken.

Sie, wohlbestalltes Herrenvolk, irren obdachlos durch dasselbe Europa, dessen Völker sämtlich verstreut, in das Elend verschleppt werden – um der Größe des Herrenvolkes willen, und dem ergeht es ebenso. Ihm fällt das Los sogar schlechter. Alle seine kräftigen Männer, die schwächlichen auch schon, sind außer Landes, sind ohne Verbindung mit ihren geflüchteten Leuten, führen an den Fronten ein Leben für sich, bis sie fallen. Sie fallen in unvorstellbaren Mengen wie nicht einmal der geprüfteste ihrer Gegner, und der kämpft in seinem Land, um sein Land. Sie – für Deutschland nicht. Für Hirngespinste.

Das Luftgebilde, sie seien die erwählten Herren, hat sie schwerlich verlassen. Das Falscheste wird am zähesten festgehalten, zufolge der Mühe, die es macht, dank der Vergewaltigung des gesunden Instinktes, die es verlangt. Aber gesetzt, sie gäben ihre Herrlichkeit auf, sogleich tritt die andere Zwangsvorstellung ein. »Die Nation, die verliert, wird aufgehört haben zu existieren, weil –«. Der Scharlatan, der sie führt, hat seine Logik. Wenn er etwas behauptet hat, begründet er es damit, daß er dasselbe noch einmal behauptet. »Weil es wahnsinnig ist, von dieser Schlacht etwas anderes zu erwarten als Sieg oder Untergang.«

Aber was ist es, welchen Namen – welche Sanktionen – fordert es heraus, wenn einer die Nation, die ihm überantwortet war, in »diese Schlacht« führt? In den Krieg, der ein infames Spiel um das Leben ist! Nicht mitgerechnet – da er selbst keine Regung hierfür fände –, daß mehr als nur die eine Nation auf die Glücks- oder Todeskarte gesetzt ist. (Glückskarten sind nicht im Spiel.)

Welcher dürftige Schurke, ein Verbrecher durch Armut des Geistes und Herzens, verwandelt Europa in seine Festung, sein Zuchthaus, und möchte noch verhandeln. Bevor er endgültig geschlagen und abgetan wäre – aber das ist er und betrügt sich nur –, denkt er zu feilschen mit dem selbstverfertigten Elend der Welt: wieviel auf seinen Teil kommt. Nichts, meinte er.

Wie kommt man dahin

Dieser Krieg ist ungeheuerlich – nicht erst durch den Zustand, den die Welt und das Leben nunmehr erreicht haben. Schon die Absicht, die ihn herbeiführte, wiederholt kein dagewesenes Beispiel. Gengis Khan fand keine Nationen abzuschaffen, Attila hat nicht Hunnen hingesetzt, wo Franken wohnten, noch die Überraschten »nach dem Osten« verfrachtet. Der reisende Bandit wird gesucht, der schon einmal hitlersche Bevölkerungspolitik verfolgt hätte.

Überall, wohin er mit seinen Soldaten kommt, läßt er sie von der fremden Nation genau so viele umbringen, daß sein berechnetes Verhältnis der Bevölkerungszahlen nicht gestört, werde. Sein imaginäres Herrenvolk muß das virtuell stärkste sein. Da es von der Ziffer, die eine Wolke in seinem dunstigen Kopf ist, in Wirklichkeit nur die größere Hälfte beträgt, müssen alle anderen Nationen, je nach ihrem Umfang, dezimiert oder halbiert werden. Was übrigbleibt, soll ohne Recht, ohne Staat, als unbewaffnetes Arbeitsvolk sein Dasein fristen. Dies ist der längst vorher ausgesprochene Vorsatz. (Was ihn nicht abhält, seinen Krieg »uns aufgezwungen« zu nennen.)

Weil an einem bestimmten Tage die deutschen Sturmwagen in der Überzahl waren – aber eines anderen Tages wären sie es nicht gewesen –, hört in seinem dunstigen Kopf eine Nation zu existieren auf. Seine eingebildeten deutschen hundert Millionen wären erst voll gemacht mit Hilfe geschändeter, sterbender Völker. Nicht vorgesehen war – da niemand so falsch rechnet wie der Ruchlose –, daß Hungersterben, Tuberkulose und die Lawine der Brandbomben nicht gerade Halt bei dem Herrenvolk machen. Es erfährt dieselbe Verkleinerung des menschlichen Bestandes, eher übertrifft sein Verlust die Schäden anderer.

Franzosen, Zwangsarbeiter in Deutschland, kehren krank in ihr Land zurück – ein hoher Prozentsatz, die Hospitäler sind voll Schwindsüchtiger. Wenn aber nicht einmal dringend benötigte Rüstungshandwerker ernährt, noch vor Kälte geschützt werden konnten, was dann mit dem Teil der Deutschen, der im Krieg entbehrlich und zur Last ist! Man weiß und belegt es durch Zeugnisse, daß sie abgeschafft werden.

Wäre eine menschliche Gemeinschaft dabei angelangt, der Vergasung kranker Kinder zuzusehen – oder davon wegzusehen –, dann geht nichts sie noch an, ihre verfallenen Fronten nicht, kaum das Geschick der Söhne draußen, und die Nation? Von ihr mag einer allein weiterreden. Er hat, er mit seinem schäbigen Gerüst und nichts darin, die Nation verkörpern wollen. Steil abschüssig bis hierher gelangt, stimmt jeder Deutsche zu: er ist die Nation.

Das bedeutet die Stufe von geistiger Auflösung, wo endlich die ehrlichste Wissenschaft irrational vorgeht und Lügen brütet. Sie wollen ein Trost sein. Die Sternwarte Berlin – voreinst war sie namhaft – hat den aufgelösten Deutschen zu melden gewußt, daß sie ein fatales Gestirn entdeckt habe. Dieser Neuling werde ehestens mit der Sonne zusammenstoßen, dann sei »ohnehin alles aus« und der (verlorene) Krieg keine Sorge mehr.

Wenn die Anekdote nicht wahr wäre, verdiente sie doch erfunden zu werden. Sie hält Schritt mit dem geistigen Niedergang, der zuerst kam, dann erst konnte dieser Krieg – und dieser Führer – sein. Der Vernunfthaß ist das Zeichen eines Zeitalters. Der Entschluß zum Irrationalen, weil es aller Pflichten entbindet, Deutschland hat ihn gefaßt, früher als andere. Wenn andere die Probe machten, ließ Deutschland sie weit hinter sich, es beschritt den Weg und ging bis an sein Ende: das wird nunmehr abgehandelt.

Deutschland steht zu Europa – und zu sich selbst – in einem irrationalen Verhältnis. Was es tut, ist falsch, die Voraussetzungen so widernatürlich wie die Folgen. Warum hängt eine deutsche Bestattungskolonne sich an das verunglückte Frankreich, das die sogenannten Sieger verachtet? Der Vorwand, Juni 1940 sei Frankreich erobert worden, ist hinfällig. Da kein deutsches Heer übrig ist, um Frankreich heute nochmals zu erobern, kann auch die vorige Eroberung nicht echt gewesen sein. Sie stehen nicht als Sieger in Frankreich. Eingeschlichene Blutsauger klammern sich an, ohne Recht, nicht einmal mit dem Recht des Stärkeren; dezimieren die Bevölkerung, beseitigen alle Wehrhaften. So hält man sich gegen Vernunft und Augenschein, – die zu quittieren pflegen.

Warum verwüsten die deutschen Zerstörungskommandos jede russische Stadt, die aufgegeben werden muß? Wo ist die Notwendigkeit. Es gibt keine. Jeder Soldat weiß nachgerade, daß sie das Land verlassen werden wie sie gekommen sind, nur sehr verringert an Mannschaft, Gesundheit, Hochgefühl. Was heute noch geschieht an greulichen Taten, fällt zurück auf die Verüber, – die es wissen. Die vernichteten Städte werden sie mit eigener Hand wiederaufbauen müssen, und nichts damit gutmachen. Gleichwohl: Vernichtung.

In Kiew, als sie räumten, erschossen sie 160 000 Menschen, und wie viele vorher? Die Stadt von einer Million Einwohner hat gegenwärtig vierzigtausend. Jemand, der beiwohnen konnte, berichtete, 60 000 zu erschießen habe drei Tage erfordert. Nach dieser harten Arbeit verzehrten die deutschen Soldaten das russische Brot.

Wie kommt man dahin? Wie werden Massenmörder aus Menschen, die zu kämpfen dachten? Jede vernünftige Erwägung spräche wenigstens jetzt dagegen. Natürlich hat sie von jeher gegen das ganze System gesprochen.

Dies alles war möglich geworden, seitdem die Vernunft in Verruf erklärt, das Denken strafbar ist. Die Massenmorde sind ohne Zweck, nicht einmal die überlebte Illusion, als korrigierte man das Verhältnis der Bevölkerungsziffern, könnte sie an diesem Punkt noch erklären. Gleichwohl sind es tote Glaubenssätze, die weiterhandeln, gegen das Wissen, gegen das Gefühl. Der deutsche Führer hat erklärt, Gefühle würden ihn niemals abhalten. Übrigens fühlt er nichts, außer für das Stückchen Ungemach, das er selbst ist. Gestehen, daß es an der Zeit ist, widerlegte Glaubenssätze abzulegen? Das erste Zugeständnis an die Vernunft wäre seine Abdankung.

»Alles andere ist eher möglich, als daß ich die Nerven verliere«, spricht das Geschöpf, und im Untergang begriffen und besessen von schrecklicher Todesfurcht bleibt es dabei zu töten. Nach dem Wegfall jeder Doktrin – sterben wird er wohl nicht aus Lehrhaftigkeit – mordet er von der Bevölkerung einer Stadt den ausgerechneten Prozentsatz, aber die Juden alle, bis auf drei, die von ihm melden sollen.

Dies ist der Führer, den die Deutschen, nicht ohne inneren Zusammenhang, bekommen und behalten haben. Sie schätzen Gründlichkeit als einen ihrer Vorzüge. Auch ein Gesicht der Gründlichkeit ist die Zähigkeit – im Falschen. Wäre es das Rechte, man könnte sich darauf verlassen. Die großen Lügen verlangen, daß eher der Geist aufgegeben als die Wahrheit gesagt wird.

Hitler – jedesmal schreibe ich mit Widerstreben den Namen eines Menschen, der es nicht wert ist – hält zu seinem Glaubenssatz, daß es zwei starke Rassen gebe, Deutsche und Juden: darum rotte er die eine aus. Die Völker der Sowjetunion hat er nicht schwächlich gefunden, so wenig wie das britische Reich. Die Sowjetunion, das sind zweihundert Millionen, zusammengehalten von dem ältesten Urinstinkt für ihr Land und von der lebendigsten Überzeugung einer Gemeinschaft (die gleichfalls bei ihnen das älteste ist).

Das britische Reich, das ist ein Viertel der Erde, und ist kein Reich, wie diese Deutschen es verstehen würden. Es ist eine freiwillige Vereinigung vieler zum Gemeinwohl. Die weit getrennten Länder, die Dominions heißen, wären, jedes vereinzelt, weniger wohlhabend und gesittet, vor allem wären sie hilflos. Sie werden von Großbritannien nicht »kontrolliert«, aber beschützt und zur Macht erhoben. Alle anerkennen sie dasselbe Mutterland – eine Insel mit dreiundvierzig Millionen, und sie sind ein Viertel der Erde.

Das war nie, hätte niemals sein können, ohne das mehr als politische, das menschheitliche Genie Englands. Die vorige Reichskonferenz wurde präsidiert nicht vom britischen Minister: vom General Smuts, Südafrika. Ihn hat Churchill, im Fall seiner eigenen Verhinderung, beauftragt, ihn vor dem Parlament zu vertreten. Vor dem Haus, auf das die Welt blickt, steht kein Brite, kein Angehöriger des Herrenvolkes, denn dort kennt man keines. Transvaal ist, noch zu unserer Zeit, niedergeworfen worden. Es ist aufgerichtet, ist erhoben worden. Sein Minister präsidiert das Reich, für die großbritannische Regierung spricht er zu dem Haus.

Es übersteigt das deutsche Maß, sie haben nicht erfaßt, was da vorgeht. Sie taten noch keinen Blick in das wirkliche Gesicht der Welt, die Züge, die ihre Zukunft trägt, bleiben ihnen dunkel. Das britische Gemeinwohl, die gerechten Verwirklichungen der Sowjetunion, sie konnten beides nur hassen aus Unwissenheit, die Armen.

Sie hätten sonst begriffen, daß ihre Raubkriege, mit aller Schuld, allem Verderben, das sie häufen, lumpig sind und nachhinken. Es wäre schwer, für die öffentlichen Dinge noch unbegabter zu sein als sie. Es ist unmöglich, mit weniger Fug und Recht das Erdrund mit sich zu beschäftigen als nunmehr die Deutschen. Wer nicht erkannt hat, nichts weiß und das Wissen mit Strafe belegt, dem ist der Kampf verboten.

Ihr letzter Raubkrieg kostet die Deutschen ihr Land: nicht, wie sie glauben sollen, daß die Sieger sie ausrotten wollten, ihre Nation aufheben würden. Ihr Hitler fände keinen Sieger, um zu handeln wie er selbst. Er selbst hat das Land, gleich jedem unterworfenen von Männern entblößt. Fremde aus allen Teilen bevölkern es zu Millionen, unlängst waren es vierzehn. Die Zwangsarbeiter besorgen den deutschen Nachwuchs. Wenn die Frontkämpfer heimkehren, die Heimatlosen werden sie selbst sein.

Wie viele heimkehren – und zu wem noch, in welchen Schoß welcher Gemeinschaft noch, – entscheidet der untergehende Hitler mit seiner endgültigen Ausgeburt, dem Himmler. Deutschland wird gegen eingedrungene Armeen schlecht oder gar nicht verteidigt werden. Aber der Himmler ist da, um den Hitler vor den Deutschen zu retten. Sie werden massenhaft fallen im Lande, getrennt von ihren Heeren, die eigens hierfür draußen bleiben müssen, sich abschlachten lassen müssen bis über die Niederlage hinaus.

Soldaten, an der russischen Front gefangen, fürchten von Hitler-Himmler noch mehr, als anderen einfiele. Sie sehen voraus, daß Gestapo und SS die Transportzüge sprengen werden, damit nicht Männer, bewaffnete Männer, im Lande ihr Geschäft stören. Ihr Geschäft, der letzte Auftrag ihres Hitlers, ist Deutschland zu entmannen.

Dahin führt geistige Blindheit, die von einer Nation gewollt oder ihr eingeübt ist. Dahin ein unziemliches Verhältnis zur Welt und Menschheit, eine Selbstbesessenheit, die ein klinischer Fall ist, und die Gründlichkeit im Verkehrten. Dahin führt die Überwindung der Moral.

Fünftes Kapitel.

Eine Nation überfallen, heißt hinter ihr zurück sein

Gewiß, das deutsche Verhältnis zum ganzen Europa ist abgeschweift von jeder Wirklichkeit. Die gesunde Vernunft beiseite, läßt es sich noch erklären. Die westlichen Mächte und Nationen waren auf diesen Krieg weder vorbereitet noch willens, ihn zu führen. Wer sich entschlossen hatte, den Krieg herauszufordern, gerade wegen seiner moralischen Unmöglichkeit, die nur ihn allein nicht abschreckte, der durfte losschlagen.

Der Angriff auf die Sowjetunion ist auch mit moralischem Irresein nicht mehr zu erklären. Der gewöhnliche Kranke behält dennoch den Sinn für seine Selbstbewahrung. Er rennt sich nicht den geschwächten Kopf ein – gegen offenkundige Tatsachen, und niemand hatte ihnen aus der Nähe aufgepaßt wie er.

Die deutsche Industrie hat für die Industrialisierung der Sowjetunion die Maschinen geliefert: ihre Techniker stellten sie auf, sie haben das Land an der Arbeit gesehen. Die Ergebnisse wurden in russischen Filmen den Deutschen vorgeführt. Die Maschinen sind bar bezahlt worden. Das ist kein ermüdetes Volk, kein verarmter Staat, so kurz nach ihrer Revolution, schon in voller Schwungkraft, um sie auszunutzen.

Die Filme zeigten uns, wie die Revolution zusehends fruchtbar wurde. Rationalisierte Produktion. Arbeit, die Elend nicht bedingt, sondern es einschränkt. Die technische Erziehung eingeordnet einer gehobenen Bildung der Menschen. Daher: Freude. Der freudige Stolz der Dörfer, die ihre Maschinen in Empfang nehmen, – ich sehe es noch. Die Freudigkeit der proletarischen Studenten, der Arbeiter, die eine selbstgebaute Untergrundbahn als ihr eigen bejubeln: wer vergißt das?

Alles stand klar wirklich vor uns, hätte niemals Mache sein können, Potemkinsche Dörfer hat kein deutsches Publikum darin vermutet. Wir erkannten auf Straßenbildern die vollen, lachenden Gesichter der Mädchen, den selbstbewußten Gang eines jeden. »Seht! Dahin haben wir es nun doch gebracht. Die Existenz hätten wir gesichert, ganz arm, ganz reich – ist nicht mehr.« Das Lebensgefühl des Sowjetvolkes stand unverkennbar hoch.

Aber der Stand ihres Lebensgefühls zeigt fehlerlos an, was von den Völkern zu erwarten ist. Mit geistiger Entmutigung, unter Zweifeln an den Einrichtungen des Landes und der eigenen Lage, werden sie weder ihrem Staat noch sich selbst ergeben sein bis in die ausgesprochene Katastrophe, bis zur letzten Entscheidung.

Das Sowjetvolk, die einfachen Individuen, ohne Wissen um die Menschheit jenseits ihrer Grenzen, fühlten sich überlegen, allein auf Grund ihres Lebensgefühls. Sie meinten richtig, ein gleich hohes könnte draußen niemand haben. Nur darum nahmen sie den Rest der Welt für veraltet. Nicht, daß es sie gedrängt hätte, ihn zu erneuern. Man hilft sich selbst, andere versuchten höchstens zu stören, das kannten sie. Man muß wehrhaft handeln, opfern, leiden, alles wehrhaft, alles über jeden bisherigen Begriff, – bevor das Glück eintritt, oder noch nicht das Glück, aber der verheißungsvolle Schein, der ihm vorausgeht.

Andere das Glück lehren wollen, wäre vergeblich, die Leiden und Opfer haben sie selbst sich abzugewinnen. Ich gestehe, daß ich die nunmehr aufgehobene Komintern als eine Geste der Revolution, nicht für mehr bewertet habe. Die Weltrevolution wird nicht gemacht: sie vollzieht sich geistig, sittlich, und auf einer weiten Skala des Erlebens. Wenn nicht alles täuscht, ist das Sowjetvolk während seiner zwanzig Jahre Aufbau mit sich allein geblieben. Es hat den Völkern, die nach seinem lebendigen Gefühl hinter ihm zurück waren, wenig Gedanken gewidmet, den Gedanken sie anzugreifen nie.

Das vorige betrifft die Anschauung menschlicher Zustände, der seelischen noch mehr als der handgreiflichen. Es ist recht eigentlich eine ästhetische Aufgabe, die meisten Politiker sind dafür schlecht geeignet, die üblichen deutschen – gar nicht. Hitler und Genossen bleiben, was sie sind, wenn sie des Menschen nicht achten: haben sie ihn doch ausdrücklich abgelehnt. Sie unterscheiden Deutsche – und den minderen Rest. (In Wahrheit unterscheiden sie nicht. Auch die Deutschen sind nur ein Rest.)

Punkt zwei: der militärische

Indessen ist es nicht das Menschliche allein: es sind drei Punkte, in denen Hitler und Genossen grob daneben raten mußten, damit ihr Angriff auf die Sowjetunion ihnen herzhaft vonstatten ging. Der zweite ist der militärische. Wo waren ihre Beobachter (solange möglich, das Wort Spion vermieden), die, in Moskau zugelassen, gewiß mehr sahen, als sie von Amts wegen durften? Sie konspirierten. Wer mit schlimmen Absichten umgeht, hat geheime Quellen – und Hintertüren. Gerade darum übersieht er das Offenkundige.

Die deutschen Beobachter haben den Roten Platz, mit dem Sarkophag Lenins und der beständigen Verehrung, die ein ganzes Volk ihm erwies, für eine Attrappe angesehen. Um so eher hielten sie jeden Aufmarsch der Roten Armee, mit aller leidenschaftlichen Teilnahme der Zuschauer, für Theater. Gutes Theater hat aber die Intensität des Lebens selbst. Die Wirklichkeit in ihren besten Stunden bekommt dieselbe Kraft und Anschaulichkeit wie gutes Theater. Hier nun war der Fall, wo die Vorführung und das Vorgeführte sich deckten.

Die Rote Armee, das sind Arbeiter und Bauern, die es unverändert bleiben auch in Uniform. Verlangt wird nicht, daß sie ihre soziale Herkunft vergessen, wenn sie Soldaten sind. Sie leisten keinen Schwur auf das Interesse anderer Leute, wenn sie ihrem Staat schwören, ihn zu verteidigen. Der Staat sind sie. Die Rote Armee, wie sie aufmarschiert, das Volk mit seinen glänzenden Augen: – alles eins.

Menschenbeobachtung beiseite, bloße militärische Horchposten müßten den Tatbestand gewürdigt haben. Sie waren verpflichtet zu sehen: die Revolution ist militärisch. Sie ist es nicht auf höheren Befehl und durch mechanische Abrichtung. So kam sie zur Welt, so beharrt sie, oder wäre verloren. Sie kann nur, bei Lebensgefahr, hoch, mit innerster Leidenschaft hoch halten, was ihr Wesen selbst ist. Ein und dasselbe Prinzip verteidigt unbeirrbar die verstaatlichten Produktionsmittel und das Volksheer.

Die deutschen Horchposten machten sich dumm. Sie wollten, dies solle eine Armee sein wie andere mehr, besonders wie die deutsche. Die war unter der Republik das vorsätzlich angefertigte Machtmittel einer Klasse gewesen. Hitler hat, um sie zu seinem Instrument zu machen, Ränke gebraucht bis nahe der Gewalt. Einst, noch an seinem Beginn, rückte er gegen die Bendlerstraße an. Die Generale verschanzten sich in ihrem Kriegsministerium und hätten geschossen. So weit geht er nicht.

Dies aber ist das Verhältnis von Staatsgewalt und militärischer Macht, das er kennt. Ein anderes begreift er nicht. Um so weniger hat er verglichen, welche Opfer das Sowjetvolk seiner Armee brachte, und was die Deutschen sich ihre kosten ließen. Um es zu sagen: nichts. Die deutsche Aufrüstung ist von anderen bezahlt worden. Geldgeber waren dieselben Mächte, die es nachher büßen mußten in dem deutschen Raubkrieg.

1929 bis 1930, auf Grund ihres zweiten Fünfjahresplanes, fing die Sowjetunion zu rüsten an. Hitler, Ende 1932 zur Macht gelangt, mußte auf nichts anderes in der Welt ein so aufmerksames Auge haben. Aus eigener Kraft allein, ohne Unterstützung von Seiten der Mächte, die den sozialistischen Völkerverband noch nicht wirklich anerkennen (einige auch formal nicht), macht der neuartige Staat sich stark. Er will vorgeschritten und muß kraftvoll sein.

Hitler, allerseits anerkannt und mit Anleihen überschüttet, merkt nichts. Denn er glaubt an die Revolution nicht. (Er will eine gemacht haben, weiß aber, ohne es wissen zu wollen, daß er im Gegenteil beauftragt war, der Revolution vorzubeugen.) Alles, was seine Erfahrung und sein Denkvermögen ihm sagen: Ein Staat mitsamt seiner Armee kann unterwühlt werden. Man überredet einige konservative Politiker, als wäre man selbst ein Erhalter, kein Vernichter, der aufzubauen nichts übrigläßt. Bewegt man jetzt noch die militärischen Befehlshaber, wenigstens neutral zuzusehen, – dann ist eine deutsche Republik bald umgebracht. Andere werden folgen.

Die deutsche »Wehrmacht« (für »Angriffsmacht«) bekam von Hitler das Versprechen eines Angriffskrieges, – von der Republik hätte sie keinen zu hoffen gehabt. Sie traute auch diesem Führer nicht. Gleichviel, das Zusammengehen der Angriffs-»Wehrmacht« mit ihm hat begonnen, zugleich der zehnjährige Prozeß der Unterordnung einer Armee unter eine Partei.

Der glückliche Tribun zog ein für alle Male seine Lehre über die Beziehungen von Staat und Heer. Bestich die Generale mit was du willst: von der Aussicht in die Geschichte zu kommen bis zu cash and carry, aber bestich sie, dann hast du sie und die wirkliche Macht.

Viel bemerkenswerter, als gerade dieses Zeitalter wahrnehmen konnte: mit dem Heer als einer Gesamtheit von Soldaten wird nicht gerechnet. Ein hoher General genügt. Zwei hohe Generale sind der Überfluß, bald schon eine Verlegenheit. Vielleicht meinte Hitler an den Befehlsstellen der Roten Armee mehr als nur die eine verschwiegene Sympathie zu genießen? Genügt hat ihm bestimmt der eine Tuchatschewski. Der wird die anderen anstecken, sie von ihrem Interesse überzeugen: das Interesse dieses Staates, dieses Volkes ist es nicht (meint Hitler).

Es scheint Wahnsinn, versteht sich aber von Seiten eines Tribunen der Gegenrevolution. Mit einem Marschall, der zufällig ohne befestigte Gesinnung ist, stürzt ein Fremder – in seiner Einbildung – den riesengroßen Verband von Volksrepubliken, einen Staat mit der stärksten, entschlossensten Führung, wie dem fremden Intriganten jeder sagen könnte. Übrigens weiß er es; er selbst möchte so stark sein wie die Sowjets, wie Stalin, sein heiß beneidetes Vorbild – von der anderen, ihm verschlossenen Front der sittlichen Welt, des zeitlichen Zustandes. Dennoch hält er »unterwühlen« immer für möglich und glaubt an den Verrat.

Seine Beobachter, von denen Moskau wimmelt (allerdings dürfen sie selten ohne Begleitung ausgehen), sollten ihm doch einiges zur Kenntnis gebracht haben. Wie ein vollendeter Volksstaat funktioniert. Daß Verräter nicht weit kämen, der klar bewußte Verrat dort nirgends, wahrscheinlich auch bei dem Marschall nicht, statthaben kann. Er würde zermalmt werden zwischen Regierung und Volk, die übermächtig sind, die im Wesen eins, dem Haupt der Minerva auf einmal entsprungen sind.

Aber dem Schreckensmann Hitler sagen seine Beobachter wohlweislich, was er hören will. Übrigens, was haben sie denn bemerkt? An der Sowjetunion konnte ihnen nur auffallen, daß ihr eigener Herr und Meister sie in dieser, jener Hinsicht noch übertraf. (Bei ihm war es schlechtes Theater: keine Wirklichkeit dahinter.)

Die Beobachter hatten von der nichtswürdigen Passivität großer Volksmassen, ihrer Gebrauchsfertigkeit für kleine, dreiste Cliquen dieselbe Vorstellung wie Hitler, wie alle deutschen Faschisten und die anderen. Um richtig zu sehen, hätten sie den Kreis ihrer Existenz durchbrechen müssen.

Der Marschall wird erschossen. Nichts wäre einfacher vorauszusehen gewesen. Auch daß die Rote Armee – das Sowjetvolk – sich nicht beifallen ließ, ihn zu rächen. Sie hätte denn Hitler mehr lieben müssen als Stalin und als sich selbst – was viel verlangt wäre. Der Schluß aber, den Hitler aus der Beseitigung seines Werkzeuges zieht, ist überraschend trotz allem: phänomenal wäre nicht zu viel gesagt. Er hält nunmehr eisern fest: die Sowjetunion ist unterwühlt.

Sie ist unterwühlt, nicht weil sein übler Streich ihm gelungen wäre, vielmehr, weil er verfehlt ist. Ein Staat, der seinen eigenen Marschall hinrichtet, ist unmöglich. Ohne Respekt vor dem höchsten militärischen Rang besteht kein Staat: nach deutschem Begriff, aber besonders nach dem geistigen Vermögen eines alten Gefreiten, der niemals Unteroffizier werden konnte. Er steht innerlich stramm vor Generalen, und wenn er sie bestäche. Er wird mehrere umbringen, aber unter der Hand, und will es nie gewesen sein. Was immer ein Marschall begangen hätte, der Staat, der ihn offen aburteilt und richtet, hat sich selbst das Urteil gesprochen: er ist unterwühlt.

Die Revolution schlachtet ihre eigenen Leute, sie verzehrt sich selbst. Da hat man die Revolution, die es mit den Massen ernst gemeint hatte! – denkt der Gegenrevolutionär, der nichts konnte als die Massen betrügen mit der Afterseite einer Revolution, anstatt des Gesichtes. Der Marschall, dies sieht er in heller Schadenfreude, war nicht der einzige Feind der Sowjets. Jetzt marschieren andere vor Gericht auf, manche die er nicht kennt. Um so weniger begreift er, daß die Sowjetunion sich der Neugier preisgibt. Sie macht Sensation, die erste erfreuliche. Sie gesteht, daß sie unterwühlt ist.

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