Kitabı oku: «Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen»
Heinrich Mann
Professor Unrat
oder
Das Ende eines Tyrannen
Roman
Herausgegeben von Ariane Martin
Reclam
2021 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Covergestaltung: Cornelia Feyll, Friedrich Forssman
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2021
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961835-7
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-019565-9
www.reclam.de
Inhalt
Professor Unrat
Zu dieser Ausgabe
Anmerkungen
Literaturhinweise
Nachwort
[5]Professor Unrat
[7]I
Da er Raat hieß, nannte die ganze Schule ihn Unrat. Nichts konnte einfacher und natürlicher sein. Der und jener Professor wechselten zuweilen ihr Pseudonym. Ein neuer Schub Schüler gelangte in die Klasse, legte mordgierig eine vom vorigen Jahrgang noch nicht genug gewürdigte Komik an dem Lehrer bloß und nannte sie schonungslos bei Namen. Unrat aber trug den seinigen seit vielen Generationen, der ganzen Stadt war er geläufig, seine Kollegen benutzten ihn außerhalb des Gymnasiums und auch drinnen, sobald er den Rücken drehte. Die Herren, die in ihrem Hause Schüler verpflegten und sie zur Arbeit anhielten, sprachen vor ihren Pensionären vom Professor Unrat. Der aufgeweckte Kopf, der den Ordinarius der Untersekunda hätte neu beobachten und nochmals abstempeln wollen, wäre nie durchgedrungen; schon darum nicht, weil der gewohnte Ruf auf den alten Lehrer noch so gut seine Wirkung übte wie vor sechsundzwanzig Jahren. Man brauchte nur auf dem Schulhof, sobald er vorbeikam, einander zuzuschreien:
»Riecht es hier nicht nach Unrat?«
Oder:
»Oho! Ich wittere Unrat!«
Und sofort zuckte der Alte heftig mit der Schulter, immer mit der rechten, zu hohen, und sandte schief aus seinen Brillengläsern einen grünen Blick, den die Schüler falsch nannten, und der scheu und rachsüchtig war: der Blick eines Tyrannen mit schlechtem Gewissen, der in den Falten der Mäntel nach Dolchen späht. Sein hölzernes Kinn mit dem dünnen, graugelben Bärtchen daran klappte [8]herunter und hinauf. Er konnte dem Schüler, der geschrien hatte, »nichts beweisen« und mußte weiterschleichen auf seinen magern, eingeknickten Beinen und unter seinem fettigen Maurerhut.
Zu seiner Jubelfeier im Vorjahr hatte das Gymnasium ihm einen Fackelzug gebracht. Er war auf seinen Balkon getreten und hatte geredet. Während alle Köpfe, in den Nacken gelegt, zu ihm hinaufsahen, war plötzlich eine unschöne Quetschstimme losgegangen:
»Da ist Unrat in der Luft!«
Andere hatten wiederholt:
»Unrat in der Luft! Unrat in der Luft!«
Der Professor dort oben fing an zu stottern, obwohl er den Zwischenfall vorausgesehn hatte, und sah dabei jedem der Schreier in den geöffneten Mund. Die andern Herren standen in der Nähe; er fühlte, daß er wieder einmal »nichts beweisen« könne; aber er merkte sich alle Namen. Schon tags darauf gab der mit der gequetschten Stimme dadurch, daß er das Heimatsdorf der Jungfrau von Orleans nicht kannte, dem Professor Gelegenheit zu der Versicherung, er werde ihm im Leben noch oftmals hinderlich sein. Richtig war dieser Kieselack zu Ostern nicht versetzt worden. Mit ihm blieben die meisten in der Klasse zurück von denen, die am Jubiläumsabend geschrien hatten, so auch von Ertzum. Lohmann hatte nicht geschrien und blieb dennoch sitzen. Dieser erleichterte die Absicht Unrats durch seine Trägheit und jener durch seine Unbegabtheit. Nächsten Spätherbst nun, an einem Vormittag um elf, in der Pause vor dem Klassenaufsatz über die Jungfrau von Orleans, geschah es, daß von Ertzum, der der Jungfrau immer noch nicht nähergetreten war und eine Katastrophe voraussah, [9]in einem Anfall schwerfälliger Verzweiflung das Fenster aufriß und aufs Geratewohl, mit wüster Stimme in den Nebel hinausbrüllte:
»Unrat!«
Es war ihm unbekannt, ob der Professor in der Nähe sei, und es war ihm gleichgültig. Der arme, breite Landjunker war nur von dem Bedürfnis fortgerissen worden, noch einen kurzen Augenblick seinen Organen freies Spiel zu gewähren, bevor er sich für zwei Stunden hinhocken mußte vor ein weißes Blatt, das leer war, und es mit Worten bedecken aus seinem Kopf heraus, der auch leer war. Tatsächlich aber ging Unrat grade über den Hof. Als der Ruf aus dem Fenster ihn traf, machte er einen eckigen Sprung. Im Nebel droben unterschied er von Ertzums knorrigen Umriß. Kein Schüler hielt sich drunten auf, keinem konnte von Ertzum das Wort zugerufen haben. »Dieses Mal«, dachte Unrat frohlockend, »hat er mich gemeint. Diesmal kann ich es ihm beweisen!«
Er nahm die Treppe in fünf Sätzen, riß die Klassentür auf, hastete zwischen den Bänken hindurch, schwang sich, in das Katheder gekrallt, auf die Stufe. Da blieb er bebend stehn und mußte Atem schöpfen. Die Sekundaner hatten sich zu seiner Begrüßung erhoben, und äußerster Lärm war jäh in ein Schweigen versunken, das förmlich betäubte. Sie sahen ihrem Ordinarius zu, wie einem gemeingefährlichen Vieh, das man leider nicht totschlagen durfte, und das augenblicklich sogar einen peinlichen Vorteil über sie gewonnen hatte. Unrats Brust arbeitete heftig; schließlich sagte er mit seiner begrabenen Stimme:
»Es ist mir da vorhin immer mal wieder ein Wort zugerufen worden, eine Bezeichnung – ein Name denn also: ich [10]bin nicht gewillt, ihn mir bieten zu lassen. Ich werde diese Schmähung durch solche Menschen, als welche ich Sie kennen zu lernen leider Gelegenheit hatte, nie dulden, merken Sie sich das! Ich werde Sie fassen, wo immer ich es vermag. Ihre Verworfenheit, von Ertzum, nicht genug damit, daß sie mir Abscheu einflößt, soll sie an der Festigkeit eines Entschlusses wie Glas zerbrechen, den ich Ihnen hiermit verkünde. Noch heute werde ich von Ihrer Tat dem Herrn Direktor Anzeige erstatten, und was in meiner Macht steht, soll – traun fürwahr – geschehen, damit die Anstalt wenigstens von dem schlimmsten Abschaum der menschlichen Gesellschaft befreit werde!«
Darauf riß er sich den Mantel von den Schultern und zischte:
»Setzen!«
Die Klasse setzte sich, nur von Ertzum blieb stehn. Sein dicker, gelb punktierter Kopf war jetzt so feuerrot wie die Borsten oben darauf. Er wollte etwas sagen, setzte mehrmals an, gab es wieder auf. Schließlich stieß er heraus:
»Ich bin es nicht gewesen, Herr Professor!«
Mehrere Stimmen unterstützten ihn, opferfreudig und solidarisch:
»Er ist es nicht gewesen!«
Unrat stampfte auf:
»Stille! … Und Sie, von Ertzum, merken Sie sich, daß Sie nicht der erste Ihres Namens sind, den ich in seiner Laufbahn – gewiß nun freilich – beträchtlich aufgehalten habe, und daß ich Ihnen auch ferner Ihr Fortkommen, wenn nicht gar unmöglich machen, so doch, wie seinerzeit Ihrem Onkel, wesentlich erschweren werde. Sie wollen Offizier werden, nicht wahr, von Ertzum? Das wollte Ihr Onkel [11]auch. Weil er jedoch das Ziel der Klasse nie erreichte und das Reifezeugnis für den Einjährig-Freiwilligen-Dienst – aufgemerkt nun also – ihm dauernd versagt werden mußte, kam er auf eine sogenannte Presse, wo er jedoch ebenfalls gescheitert sein mag, so daß er endlich nur infolge eines besonderen Gnadenaktes seines Landesherrn – doch nun immerhin – den Zutritt zur Offizierskarriere erlangte, die er dann aber, scheint es, bald wieder unterbrechen mußte. Wohlan! Das Schicksal Ihres Onkels, von Ertzum, dürfte auch das Ihre werden oder doch dem jenes sich ähnlich gestalten. Ich wünsche Ihnen Glück dazu, von Ertzum. Mein Urteil über Ihre Familie, von Ertzum, steht seit fünfzehn Jahren fest … Und nun –«
Hierbei schwoll Unrats Stimme unterirdisch an.
»Sie sind nicht würdig, an der erhabenen Jungfrauengestalt, zu der wir jetzt übergehen, Ihre geistlose Feder zu wetzen. Fort mit Ihnen ins Kabuff!«
Von Ertzum, langsam von Verständnis, lauschte noch immer. Vor angestrengter Aufmerksamkeit ahmte er unbewußt mit den Kiefern die Bewegungen nach, die der Professor mit den seinigen vollführte. Unrats Kinn, in dessen oberem Rand mehrere gelbe Gräten staken, rollte, während er sprach, zwischen den hölzernen Mundfalten wie auf Geleisen, und sein Speichel spritzte bis auf die vorderste Bank. Er schrie auf:
»Sie haben die Kühnheit, Bursche! … Fort, sage ich, ins Kabuff!«
Aufgescheucht drängte von Ertzum sich aus der Bank hervor. Kieselack raunte ihm zu:
»Mensch, wehr dich doch!«
Lohmann, dahinter, verhieß unterdrückt:
[12]»Laß nur, den kriegen wir noch wieder kirre.«
Der Verurteilte trollte sich am Katheder vorbei, in das Gelaß, das der Klasse als Garderobe diente, und worin es stockfinster war. Unrat stöhnte vor Erleichterung, als hinter dem breiten Menschen sich die Tür geschlossen hatte.
»Nun wollen wir die Zeit nachholen«, sagte er, »die uns dieser Bursche gestohlen hat. Angst, hier haben Sie das Thema, schreiben Sie es an die Tafel.«
Der Primus nahm den Zettel vor seine kurzsichtigen Augen und machte sich langsam ans Schreiben. Alle sahen mit Spannung unter der Kreide die Buchstaben entstehn, von denen so viel abhing. Wenn es nun eine Szene betraf, die man zufällig nie »präpariert« hatte, dann hatte man »keinen Dunst« und »saß drin«. Aus Aberglaube sagte man, noch bevor die Silben an der Tafel einen Sinn annahmen:
»O Gott, ich fall’ rein.«
Schließlich stand dort oben zu lesen:
»Johanna: Es waren drei Gebete, die du tatst;
Gib wohl acht, Dauphin, ob ich sie dir nenne!«
(Jungfrau von Orleans, erster Aufzug, zehnter Auftritt.)
»Thema: Das dritte Gebet des Dauphins.«
Als sie dies gelesen hatten, sahen alle einander an. Denn alle »saßen drin«. Unrat hatte sie »hineingelegt«. Er ließ sich mit einem schiefen Lächeln im Lehnstuhl auf dem Katheder nieder und blätterte in seinem Notizbuch.
»Nun?« fragte er, ohne aufzusehn, als sei alles klar, »wollen Sie noch was wissen? … Also los!«
Die meisten knickten über ihrem Heft zusammen und [13]taten, als schrieben sie schon. Einige starrten entgeistert vor sich hin.
»Sie haben noch fünfviertel Stunden«, bemerkte Unrat gleichmütig, während er innerlich jubelte. Dieses Aufsatzthema hatte noch keiner gefunden von den unbegreiflich gewissenlosen Schulmännern, die durch gedruckte Leitfäden es der Bande ermöglichten, mühelos und auf Eselsbrücken die Analyse jeder beliebigen Dramenszene herzustellen.
Manche in der Klasse erinnerten sich des zehnten Auftritts im ersten Aufzug und kannten beiläufig die zwei ersten Gebete Karls. Vom dritten wußten sie nichts mehr, es war, als hätten sie es nie gelesen. Der Primus und noch zwei oder drei, darunter Lohmann, waren sogar sicher, sie hätten es nie gelesen. Der Dauphin ließ sich ja von der Prophetin nur zwei seiner nächtlichen Bitten wiederholen; das genügte ihm, um an Johannas Gottgesandtheit zu glauben. Das dritte stand schlechterdings nicht da. Dann stand es gewiß an einer andern Stelle oder ergab sich irgendwo mittelbar aus dem Zusammenhang; oder es ging gar ohne weiteres in Erfüllung, ohne daß man wissen konnte, hier ging etwas in Erfüllung? Daß es einen Punkt geben konnte, wo er niemals aufgemerkt hatte, das gab auch der Primus Angst im stillen zu. Auf alle Fälle mußte über dieses dritte Gebet, ja selbst über ein viertes und fünftes, wenn Unrat es verlangt hätte, irgend etwas zu sagen sein. Über Gegenstände, von deren Vorhandensein man nichts weniger als überzeugt war, etwa über die Pflichttreue, den Segen der Schule und die Liebe zum Waffendienst, eine gewisse Anzahl Seiten mit Phrasen zu bedecken, dazu war man durch den deutschen Aufsatz seit Jahren erzogen. Das Thema ging [14]einen nichts an; aber man schrieb. Die Dichtung, der es entstammte, war einem, da sie schon seit Monaten dazu diente, einen »hineinzulegen«, auf das gründlichste verleidet; aber man schrieb mit Schwung.
Mit der Jungfrau von Orleans beschäftigte die Klasse sich seit Ostern, seit dreiviertel Jahren. Den Sitzengebliebenen war sie sogar schon aus dem Vorjahr geläufig. Man hatte sie vor- und rückwärts gelesen, Szenen auswendig gelernt, geschichtliche Erläuterungen geliefert, Poetik an ihr getrieben und Grammatik, ihre Verse in Prosa übertragen und die Prosa zurück in Verse. Für alle, die beim ersten Lesen Schmelz und Schimmer auf diesen Versen gespürt hatten, waren sie längst erblindet. Man unterschied in der verstimmten Leier, die täglich wieder einsetzte, keine Melodie mehr. Niemand vernahm die eigen weiße Mädchenstimme, in der geisterhafte, strenge Schwerter sich erheben, der Panzer kein Herz mehr deckt, und Engelflügel weit ausgebreitet, licht und grausam dastehn. Wer von diesen jungen Leuten später einmal unter der fast schwülen Unschuld jener Hirtin gezittert hätte, wer den Triumph der Schwäche in ihr geliebt hätte, wer um die kindliche Hoheit, die vom Himmel verlassen, zu einem armen, hilflos verliebten kleinen Mädel wird, je geweint hätte, der wird nun das alles nicht so bald erleben. Zwanzig Jahre vielleicht wird er brauchen, bis Johanna ihm wieder etwas anderes sein kann als eine staubige Pedantin.
Die Federn kritzelten; Professor Unrat lugte, mit nichts weiter beschäftigt, über die gebeugten Nacken hinweg. Es war ein guter Tag, an dem er einen »gefaßt« hatte, besonders wenn es einer war, der ihm »seinen Namen« gegeben [15]hatte. Dadurch ward das ganze Jahr gut. Leider hatte er schon seit zwei Jahren keinen der heimtückischen Schreier mehr »fassen« können. Das waren schlechte Jahre gewesen. Ein Jahr war gut oder schlecht, je nachdem Unrat einige »faßte« oder ihnen »nichts beweisen« konnte.
Unrat, der sich von den Schülern hinterrücks angefeindet, betrogen und gehaßt wußte, behandelte sie seinerseits als Erbfeinde, von denen man nicht genug »hineinlegen« und vom »Ziel der Klasse« zurückhalten konnte. Da er sein Leben ganz in Schulen verbracht hatte, war es ihm versagt geblieben, die Knaben und ihre Dinge in die Perspektive des Erfahrenen zu schieben. Er sah sie so nah, wie einer aus ihrer Mitte, der unversehens mit Machtbefugnissen ausgestattet und aufs Katheder erhoben wäre. Er redete und dachte in ihrer Sprache, gebrauchte ihr Rotwälsch, nannte die Garderobe ein »Kabuff«. Er hielt seine Ansprachen in dem Stil, den auch sie in solchen Fällen angewendet haben würden, nämlich in latinisierenden Perioden und durchwirkt mit »traun fürwahr«, »denn also« und ähnlichen Häufungen alberner kleiner Flickworte, Gewohnheiten seiner Homerstunde in Prima; denn die leichten Umständlichkeiten des Griechen mußten alle recht plump mitübersetzt werden. Da er selber steife Gliedmaßen bekommen hatte, verlangte er das gleiche von den andern Insassen der Anstalt. Das fortwährende Bedürfnis in jugendlichen Gliedern und in jugendlichen Gehirnen, in denen von Knaben, von jungen Hunden – ihr Bedürfnis zu jagen, Lärm zu machen, Püffe auszuteilen, weh zu tun, Streiche zu begehn, überflüssigen Mut und Kraft ohne Verwendung auf nichtsnutzige Weise loszuwerden: Unrat hatte es vergessen und nie begriffen. Wenn er strafte, tat er es nicht mit dem [16]überlegenen Vorbehalt: »Ihr seid Rangen, wie’s euch zukommt, aber Zucht muß sein«; sondern er strafte im Ernst und mit zusammengebissenen Zähnen. Was in der Schule vorging, hatte für Unrat Ernst und Wirklichkeit des Lebens. Trägheit kam der Verderblichkeit eines unnützen Bürgers gleich, Unachtsamkeit und Lachen waren Widerstand gegen die Staatsgewalt, eine Knallerbse leitete Revolution ein, »versuchter Betrug« entehrte für alle Zukunft. Aus solchen Anlässen erbleichte Unrat. Schickte er einen ins »Kabuff«, war ihm dabei zumute, wie dem Selbstherrscher, der wieder einmal einen Haufen Umstürzler in die Strafkolonie versendet und, mit Angst und Triumph, zugleich seine vollste Macht und ein unheimliches Wühlen an ihrer Wurzel fühlt. Und den aus dem »Kabuff« Zurückgekehrten und allen andern, die ihn je angetastet hatten, vergaß Unrat es nie. Da er seit einem Vierteljahrhundert an der Anstalt wirkte, waren Stadt und Umgegend voll von seinen ehemaligen Schülern, von solchen, die er bei Nennung seines Namens »gefaßt« oder denen er es »nicht hatte beweisen« können, und die alle ihn noch jetzt so nannten! Die Schule endete für ihn nicht mit der Hofmauer; sie erstreckte sich über die Häuser ringsumher und auf alle Altersklassen der Einwohner. Überall saßen störrische, verworfene Burschen, die »ihr’s« nicht »präpariert« hatten und den Lehrer befeindeten. Ein Neuer, noch ahnungslos, bei dem zu Haus ältere Verwandte über den Professor Unrat gelacht hatten wie über eine Jugenderinnerung von freundlicher Komik, und der nun mit dem Schub zu Ostern in Unrats Klasse gelangt war, konnte sich bei der ersten falschen Antwort anfauchen hören:
[17]»Von Ihnen habe ich hier schon drei gehabt. Ich hasse Ihre ganze Familie!«
Unrat auf seinem erhabenen Posten über all den Köpfen genoß seine vermeintliche Sicherheit; und inzwischen war neues Unheil am Ausbrechen. Es kam von Lohmann.
Lohmann hatte seinen Aufsatz sehr kurz abgetan und dann zu einer Privatbeschäftigung gegriffen. Die wollte aber nicht vorwärtskommen, denn der Fall seines Freundes von Ertzum wurmte Lohmann. Er hatte sich gewissermaßen zum moralischen Schutzherrn des kräftigen jungen Edelmanns aufgeworfen und betrachtete es als ein Gebot der eigenen Ehre, die geistige Schwäche des Freundes, wo es ging, mit seinem so hoch entwickelten Hirn zu decken. Im Augenblick, wo von Ertzum eine unerhörte Dummheit sagen wollte, räusperte Lohmann sich lärmend und soufflierte ihm darauf das Richtige. Die unbegreiflichsten Antworten des andern machte er den Mitschülern achtbar durch die Behauptung, von Ertzum habe den Lehrer nur »wütend ärgern« wollen.
Lohmann war ein Mensch mit schwarzen Haaren, die über der Stirn sich bäumten und zu einer schwermütigen Strähne zusammenfielen. Er hatte die Blässe Luzifers und eine talentvolle Mimik. Er machte Heinesche Gedichte und liebte eine dreißigjährige Dame. Durch die Erwerbung einer literarischen Bildung in Anspruch genommen, konnte er der Schule nur wenig Aufmerksamkeit gewähren. Das Lehrerkollegium, dem es aufgefallen war, daß Lohmann immer erst im letzten Quartal zu arbeiten begann, hatte ihn trotz seiner zum Schluß genügenden Leistungen sitzen lassen, schon in zwei Klassen. So saß Lohmann, grade wie [18]sein Freund, mit siebzehn Jahren noch unter lauter Vierzehn- und Fünfzehnjährigen. Und wenn von Ertzum dank seiner körperlichen Entwicklung zwanzig zu sein schien, so erhöhten sich Lohmanns Jahre dadurch, daß ihn der Geist berührt hatte.
Was mußte nun einem Lohmann der hölzerne Hanswurst dort auf dem Katheder für einen Eindruck machen; dieser an einer fixen Idee leidende Tölpel. Wenn Unrat ihn aufrief, trennte er sich ohne Eile von seiner der Klasse fernstehenden Lektüre, und die breite, gelbblasse Stirn in befremdeten Querfalten, prüfte er aus verächtlich gesenkten Lidern die ärmliche Verbissenheit des Fragestellers, den Staub in des Schulmeisters Haut, die Schuppen auf seinem Rockkragen. Schließlich warf er einen Blick auf seine eigenen geschliffenen Fingernägel. Unrat haßte Lohmann beinahe mehr als die andern, wegen seiner unnahbaren Widersetzlichkeit, und fast auch deshalb, weil Lohmann ihm nicht seinen Namen gab; denn er fühlte dunkel, das sei noch schlimmer gemeint. Lohmann vermochte den Haß des armen Alten beim besten Willen nicht anders zu erwidern als mit matter Geringschätzung. Ein wenig von Ekel beträufeltes Mitleid kam auch hinzu. Aber durch die Kränkung von Ertzums sah er sich persönlich herausgefordert. Er empfand, als der einzige unter dreißig, Unrats öffentliche Lebensbeschreibung des von Ertzumschen Onkels als eine niedrige Handlung. Zuviel durfte man dem Schlucker dort oben nicht erlauben. Lohmann entschloß sich also. Er stand auf, stützte die Hände auf den Tischrand, sah dem Professor neugierig beobachtend in die Augen, als habe er einen merkwürdigen Versuch vor, und deklamierte vornehm gelassen:
[19]»Ich kann hier nicht mehr arbeiten, Herr Professor. Es riecht auffallend nach Unrat.«
Unrat machte einen Sprung im Sessel, spreizte beschwörend eine Hand und klappte stumm mit den Kiefern. Hierauf war er nicht vorbereitet gewesen – nachdem er noch soeben einem Verworfenen die Relegation in Aussicht gestellt hatte. Sollte er nun auch diesen Lohmann »fassen«? Nichts wäre ihm erwünschter gekommen. Aber – konnte er es ihm »beweisen«? … In diesem atemlosen Augenblick reckte der kleine Kieselack seine blauen Finger mit den zerbissenen Nägeln in die Höhe, knallte mit ihnen und keifte gequetscht:
»Lohmann läßt einen nicht ruhig nachdenken, er sagt immer, hier riecht es nach Unrat.«
Es entstand Kichern, und einige scharrten. Da ward Unrat, der schon den Wind des Aufruhrs im Gesicht spürte, von Panik ergriffen. Er fuhr vom Stuhl auf, machte über das Pult hinweg eckige Stöße nach allen Seiten, wie gegen zahllose Anstürmende, und rief:
»Ins Kabuff! Alle ins Kabuff!«
Es wollte nicht ruhig werden; Unrat glaubte sich nur noch durch einen Gewaltstreich retten zu können. Er stürzte sich, ehe jener es vermuten konnte, auf Lohmann, packte ihn am Arm, zerrte und schrie erstickt:
»Fort mit Ihnen, Sie sind nicht länger würdig, der menschlichen Gesellschaft teilhaftig zu sein!«
Lohmann folgte, gelangweilt und peinlich berührt. Zum Schluß gab Unrat ihm einen Ruck und versuchte ihn gegen die Tür des Garderobengelasses zu schleudern; doch dies mißlang. Lohmann staubte sich ab an der Stelle, wo Unrat ihn angefaßt hatte, und verfügte sich besonnenen Schrittes [20]in das »Kabuff«. Darauf sah der Lehrer sich nach Kieselack um. Der aber hatte sich hinter seinem Rücken an ihm vorbeigewunden und drückte sich schon, mit einer Fratze, in das Arrestlokal. Der Primus mußte den Professor darüber aufklären, wo Kieselack sei. Unvermittelt verlangte nun Unrat, die Klasse solle durch den Zwischenfall keinen Augenblick von der Jungfrau abgelenkt worden sein.
»Warum schreiben Sie nicht? Fünfzehn Minuten noch! Und die unfertigen Arbeiten werde ich – immer mal wieder – nicht zensieren!«
Infolge dieser Drohung fiel den meisten überhaupt nichts mehr ein, und es entstanden angstvolle Mienen. Unrat war zu erregt, um eine rechte Freude daran zu haben. In ihm war der Drang, jeden je möglichen Widerstand zu brechen, alle bevorstehenden Attentate zu vereiteln, es ringsumher noch stummer zu machen, Kirchhofsruhe herzustellen. Die drei Rebellen waren beseitigt, aber ihre Hefte, aufgeschlagen auf den Bänken, schienen ihm noch immer den Geist der Empörung auszuströmen. Er raffte sie zusammen und begab sich mit ihnen auf das Katheder.
Von Ertzums und Kieselacks Arbeiten waren mühselige und ungelenke Satzgefüge, die nur zu sehr von gutem Willen zeugten. Bei Lohmann war es sogleich unbegreiflich, daß er keine »Disposition« gemacht hatte, keine Einteilung seiner Abhandlung in A, B, C, a, b, c und 1, 2, 3. Auch hatte er nur eine einzige Seite fertig gebracht, die Unrat mit schnell wachsender Entrüstung zur Kenntnis nahm. Es stand dort:
»Die dritte Bitte des Dauphins (Jungfrau von Orleans I 10).
Die junge Johanna führt sich, geschickter als ihre Jahre und ihre bäurische Vergangenheit es vermuten ließen, [21]durch ein Taschenspielerkunststück bei Hofe ein. Sie gibt dem Dauphin einen Inhaltsauszug aus den drei Bitten, die er in der letzten Nacht an den Himmel gerichtet hat, und macht durch ihre Fertigkeit im Gedankenlesen natürlich starken Eindruck auf die unwissenden großen Herren. Ich sagte: aus den drei Bitten; aber tatsächlich wiederholt sie nur zwei: die dritte erläßt ihr der überzeugte Dauphin. Zu ihrem Glück: denn sie würde die dritte schwerlich noch gewußt haben. Sie hat ihm bei den beiden ersten ja schon alles gesagt, worum er seinen Gott gebeten haben kann, nämlich: wenn eine noch ungebüßte Schuld seiner Väter vorhanden sei, ihn selbst als Opfer anzunehmen statt seines Volkes; und wenn er schon Land und Krone verlieren solle, ihm wenigstens Zufriedenheit, seinen Freund und seine Geliebte zu lassen. Auf das Wichtigste, auf die Herrschaft, hat er somit schon verzichtet. Was soll er also noch erbeten haben? Suchen wir nicht lange: er weiß es selbst nicht. Johanna weiß es auch nicht. Schiller weiß es auch nicht. Der Dichter hat von dem, was er wußte, nichts zurückbehalten und dennoch ›und so weiter‹ gesagt. Das ist das ganze Geheimnis, und für den mit der wenig bedenklichen Natur des Künstlers einigermaßen Vertrauten gibt es dabei nichts zu verwundern.«
Punktum. Das war alles – und Unrat, den ein Zittern beschlich, kam jäh zu der Erkenntnis: diesen Schüler zu beseitigen, vor diesem Ansteckungsstoff die menschliche Gesellschaft zu behüten, das dränge weit mehr als die Entfernung des einfältigen von Ertzum. Zugleich warf er einen Blick auf das folgende Blatt, wo noch einiges gekritzelt stand, und das übrigens halb herausgerissen im Heft hing. Aber plötzlich, in dem Augenblick als er verstand, [22]überflog etwas wie eine rosa Wolke die gewinkelten Wangen des Lehrers. Er schloß das Heft, rasch und verstohlen, als wolle er nichts gesehen haben; öffnete es nochmals, warf es gleich wieder unter die beiden andern, atmete im Kampf. Er empfand zwingend: da wurde es Zeit, der mußte »gefaßt« werden! Ein Mensch, mit dem es dahin gekommen war, daß er diese – gewiß denn freilich – Künstlerin Rosa – Rosa – Er griff zum drittenmal nach Lohmanns Heft. Da klingelte es schon.
»Abliefern!« stieß Unrat aus, in der heftigen Besorgnis, ein Schüler, der bisher nicht fertig geworden war, könne vielleicht im letzten Augenblick noch zu einer befriedigenden Note gelangen. Der Primus sammelte die Aufsätze ein; einige belagerten die Tür nach der Garderobe.
»Weg dort! Warten!« rief Unrat, in neuer Angst. Am liebsten hätte er abgeschlossen, die drei Elenden unter Verschluß behalten, solange, bis er ihren Untergang gesichert haben würde. Das ging nicht so rasch, hier mußte logisch nachgedacht werden. Der Fall Lohmann blendete ihn vorläufig noch durch ein Übermaß von Verworfenheit.
Mehrere von den Kleinsten pflanzten sich in beleidigtem Rechtsgefühl vor das Katheder hin.
»Unsere Sachen, Herr Professor!«
Unrat mußte das »Kabuff« freigeben. Aus dem Gedränge wickelten sich nacheinander die drei Verbannten, schon in ihren Mänteln. Lohmann stellte gleich von der Schwelle her fest, daß sein Heft in den Händen Unrats sei, und bedauerte gelangweilt den Übereifer des alten Tölpels. Jetzt mußte sich möglichenfalls sein Erzeuger in Bewegung setzen und mit dem Direktor reden!
Von Ertzum zog nur die rotblonden Brauen ein Stück [23]höher in seinem Gesicht, das sein Freund Lohmann den »besoffenen Mond« nannte. Kieselack seinerseits hatte sich im »Kabuff« auf eine Verteidigung vorbereitet.
»Herr Professor, es ist nicht wahr, ich hab’ nicht gesagt, daß es nach Unrat riecht. Ich hab’ nur gesagt, er sagt immer –«
»Schweigen Sie!« herrschte Unrat, bebend, ihn an. Er schob den Hals vor und zurück, hatte sich gefaßt und setzte gedämpft hinzu:
»Ihr Schicksal hängt jetzt nunmehr immerhin ganz dicht über Ihren Köpfen. Gehen Sie!«
Darauf gingen die Drei zum Essen, jeder mit seinem Schicksal über sich.
[24]II
Auch Unrat aß, und dann legte er sich auf das Sofa. Aber wie es alle Tage ging, warf im rechten Moment, als er einnicken wollte, nebenan seine Haushälterin ein Geschirr hin. Unrat fuhr auf und griff sofort wieder nach Lohmanns Aufsatzheft, während er sich rosa färbte, als läse er das die Scham Verletzende, das darin stand, zum erstenmal. Dabei ließ es sich schon gar nicht mehr schließen, so sehr auseinandergebogen war es an der Stelle, wo die »Huldigung an die hehre Künstlerin Fräulein Rosa Fröhlich« sich befand. Der Überschrift folgten einige unleserlich gemachte Zeilen, dann ein freier Raum und dann:
»Du bist verderbt bis in die Knochen,
Doch bist du ’ne große Künstlerin;
Und kommst du erst mal in die Wochen –«
Den Reim hatte der Sekundaner noch zu finden. Aber der Konditionale im dritten Vers sagte viel. Er ließ vermuten, Lohmann sei an ihm persönlich beteiligt. Dies ausdrücklich zu bestätigen, war vielleicht die Aufgabe des vierten Verses gewesen. Unrat machte zur Erratung dieses fehlenden vierten Verses grade solche verzweifelten Anstrengungen, wie seine Klasse gemacht hatte zur Auffindung der dritten Bitte des Dauphins. Der Schüler Lohmann schien sich, durch diesen vierten Vers, über Unrat lustig zu machen, und Unrat rang mit dem Schüler Lohmann, in wachsender Leidenschaft, voll des dringenden Bedürfnisses, ihm zu zeigen, er selbst sei zuletzt doch der Stärkere. Er wollte ihn schon hineinlegen!
[25]Die noch unförmlichen Entwürfe künftiger Handlungen bewegten sich in Unrat. Sie ließen ihn nicht mehr stillhalten, er mußte seinen alten Radmantel umhängen und ausgehn. Es regnete dünn und kalt. Er schlich, die Hände auf dem Rücken, die Stirn gesenkt, und ein giftiges Lächeln in den Mundfalten, um die Lachen der Vorstadtstraße herum. Ein Kohlenwagen und ein paar kleine Kinder, sonst begegnete ihm nichts. Beim Krämer an der Ecke hing hinter der Tür eine Ankündigung des Stadttheaters: Wilhelm Tell. Unrat, von einer Idee getroffen, schoß mit eingeknickten Knien darauf zu … Nein, eine Rosa Fröhlich kam auf dem Zettel nicht vor. Trotzdem konnte jene Frauensperson in diesem Kunstinstitut beschäftigt sein. Herr Dröge, der Krämer, der das Programm an sein Fenster hing, war vermutlich in den einschlägigen Dingen bewandert. Unrat hatte schon die Hand auf dem Türgriff; aber er holte sie erschrocken zurück und machte sich davon. Nach einer Schauspielerin fragen, in seiner eigenen Straße! Er durfte die Klatschsucht solcher tiefstehenden, in den humanistischen Wissenschaften unerfahrenen Bürger nicht außer Acht lassen. Bei der Entlarvung des Schülers Lohmann mußte Unrat geheim und geschickt zu Werke gehen … Er bog in die Allee nach der Stadt.
Gelang es ihm, dann zog Lohmann im Sturz auch von Ertzum und Kieselack nach sich. Vorher wollte Unrat dem Direktor keine Anzeige erstatten darüber, daß man ihn bei seinem Namen genannt hatte. Es würde sich von selbst zeigen, daß Solche, die das taten, auch jeder andern Unsittlichkeit fähig waren. Unrat wußte es; er hatte es an seinem eigenen Sohn erfahren. Diesen hatte Unrat von einer Witwe, die ihn einst als Jüngling mit den Mitteln zu fernerem [26]Studium versehen hatte, die er dafür vertragsmäßig, sobald er im Amt war, geheiratet hatte, die knochig und streng gewesen war, und nun tot war. Sein Sohn sah nicht schöner aus als er selbst, und war überdies noch einäugig. Trotzdem hatte er sich als Student bei Besuchen in der Stadt, auf offenem Markt mit zweideutigen Frauenzimmern blicken lassen. Und wenn er einerseits in schlechter Gesellschaft viel Geld vertat, so war er andererseits nicht weniger als viermal durch das Examen gefallen, so daß er zwar immer noch ein brauchbarer Beamter hatte werden können: doch nur auf Grund seines Abiturientenzeugnisses. Ein peinlicher Abstand schied ihn von dem höheren Menschen, der das Staatsexamen bestanden hatte. Unrat, der sich entschlossen von dem Sohn getrennt hatte, begriff alles Geschehene; ja, er hatte es fast vorausgesehen, seit er einst den Sohn belauscht hatte, wie er im Gespräch mit Kameraden den eigenen Vater bei seinem Namen genannt hatte!
Ein ähnliches Geschick durfte er also für Kieselack, von Ertzum und Lohmann erhoffen, besonders aber für Lohmann, bei dem es ja, dank der Künstlerin Rosa Fröhlich, im Anzuge schien. Mit der Rache an Lohmann eilte es Unrat. Die beiden andern verschwanden fast neben diesem Menschen und seinen unbeteiligten Manieren und dem neugierigen Bedauern, womit er zusah, wenn der Lehrer zornig war. Was war denn überhaupt das für ein Schüler? … Unrat sann mit grabendem Haß über Lohmann nach. Unter dem spitzbedachten Stadttor blieb er plötzlich stehn und sagte laut:
»Das sind die Allerschlimmsten!«
Ein Schüler war ein mausgraues, unterworfenes und [27]heimtückisches Wesen, ohne anderes Leben als das der Klasse und immer im unterirdischen Krieg gegen den Tyrannen: so war Kieselack; oder ein dummer, starker Kerl, den der Tyrann durch seine geistige Vorherrschaft in fortwährender Verstörtheit erhielt – wie von Ertzum. Lohmann aber, der schien ja den Tyrannen anzuzweifeln! Unrat kochte allmählich von der Demütigung der schlecht bezahlten Autorität, vor der ein Untergebener sich in guten Kleidern spreizt und mit Geld klimpert. Das waren überhaupt, ward ihm auf einmal klar, alles Unverschämtheiten und nichts weiter! Daß Lohmann niemals staubig aussah, immer saubere Manschetten trug und solche Gesichter machte: Unverschämtheiten. Der Aufsatz von heute, die Kenntnisse, die dieser Schüler sich außerhalb der Schule holte und von denen die verwerflichste die Künstlerin Rosa Fröhlich war: Unverschämtheiten. Und als Unverschämtheit stellte sich nun mit Sicherheit heraus, daß Lohmann Unrat nicht bei seinem Namen nannte!
Darauf erstieg Unrat den Rest der steilen Straße zwischen den Giebelhäusern, gelangte an eine Kirche, wo Sturm herrschte, und den Mantel um sich her zusammengerafft, wieder ein Stück hinab. Nun kam ein Seitenweg, und vor einem der ersten Gebäude zögerte Unrat. Rechts und links neben der Tür hingen zwei hölzerne Kästen, hinter deren Drahtgittern das Programm stak mit Wilhelm Tell. Unrat las es erst in dem einen Kasten, dann in dem andern. Schließlich betrat er, ängstlich umherspähend, den Torweg und den offenen Flur. Hinter einem kleinen Fenster schien bei einer Lampe ein Mann zu sitzen; Unrat konnte in seiner Aufregung schlecht erkennen. An diesem Ort war er seit gewiß zwanzig Jahren nicht mehr gewesen; und [28]er litt unter der Besorgnis des Herrschers, der sein Gebiet verlassen hat: man möchte ihn verkennen, ihm aus Unwissenheit zu nahe treten, ihn nötigen, sich als Mensch zu fühlen.
Er stand schon eine Weile vor dem Fensterchen und räusperte sich leise. Als nichts erfolgte, pochte er an, mit der Spitze seines gekrümmten Zeigefingers. Der Kopf dahinter schrak in die Höhe und streckte sich sogleich aus dem zurückgeschobenen Schalter.
»Sie wünschen?« fragte er heiser.
Unrat bewegte zuerst nur die Lippen. Sie sahen einander an, er und der abgedankte Schauspieler mit den tiefen, blauschwarzen Zügen, der flachen Nasenspitze und dem Klemmer darauf. Unrat brachte hervor:
»So? Sie geben denn also den Wilhelm Tell. Das ist recht von Ihnen.«
Der Kassierer sagte:
»Wenn Sie meinen, wir tun’s zu unserm Privatvergnügen.«
»Das habe ich Ihnen nicht unterstellen wollen«, versicherte Unrat, voll Angst vor Verwickelungen.
»Man verkauft ja nischt. Bloß, daß die klassischen Vorstellungen in dem Pachtvertrag drinstehn, den wir mit der Stadt haben.«
Unrat fand es geboten, sich bekannt zu geben.
»Ich bin nämlich der Professor Un– der Professor Raat, Ordinarius der Untersekunda am hiesigen Gymnasium.«
»Sehr angenehm. Mein Name ist Blumenberg.«
»Und ich würde recht gern mit meiner Klasse die Aufführung eines klassischen Dichterwerkes besuchen.«
»Ach, das ist aber ganz reizend von Ihnen, Herr [29]Professor. Mit der Nachricht werd’ ich bei unserm Direktor den größten Erfolg haben, da zweifle ich keinen Augenblick.«
»Aber«, und Unrat erhob den Finger, »es müßte – wahrlich doch – dasjenige von den Dramen unseres Schiller sein, das wir in der Klasse lesen, nämlich – immer mal wieder – die Jungfrau von Orleans.«
Der Schauspieler ließ die Lippe fallen, senkte den Kopf und sah von unten, mit Trauer und Vorwurf, zu Unrat auf.
»Das tut mir aber fabelhaft leid. Weil wir die erst wieder einstudieren müßten, wissen Sie. Ist Ihnen wirklich mit ’m Tell nicht gedient? Der ist doch auch ganz hübsch für die Jugend.«
»Nein«, entschied Unrat, »das geht auf keinen Fall. Wir brauchen die Jungfrau. Und zwar käme es – aufgemerkt nun also! –«
Unrat schöpfte Atem, sein Herz klopfte.
»– ganz besonders auf die Darstellerin der Johanna an. Denn diese soll eine hehre Künstlerin sein, die den Schülern die erhabene Gestalt der Jungfrau – immer mal wieder – recht nahe bringt.«
»Allerdings, allerdings«, sagte der Schauspieler, mit tiefem Einverständnis.
»Da habe ich denn nun an eine Ihrer Damen gedacht, die ich, und hoffentlich nicht mit Unrecht, auf das höchste habe preisen hören.«
»Ach nee.«
»Nämlich an das Fräulein Rosa Fröhlich.«
»Wie, bitte?«
»Rosa Fröhlich«, und Unrat hielt die Luft an.
»Fröhlich? Haben wir ja gar nicht.«
»Wissen Sie das auch ganz genau?« fragte Unrat, kopflos.
[30]»Erlauben Sie, ich bin ja nicht meschugge.«
Unrat wagte den Mann nicht mehr anzusehn.
»Dann kann ich mir das aber gar nicht –«
Jener kam ihm zu Hilfe:
»Da muß wohl sicher ’ne Verwechslung vorliegen.«
»Ach ja«, sagte Unrat, kindlich dankbar.
»Entschuldigen Sie nur.«
Und er dienerte, während er sich zurückzog.
Der Kassierer war verblüfft. Schließlich rief er hinterher:
»Aber Herr Professohr, über den Fall läßt sich ja trotzdem reden. Wieviel Billette würden Sie denn nehmen? Herr Pro –«
Unrat drehte sich unter der Tür noch einmal um, sein Lächeln war verzerrt vor Angst vor dem Verfolger.
»Entschuldigen Sie doch nur.«
Und er war geflüchtet.
Ohne es zu merken, kam er die Straße hinunter und an den Hafen. Um ihn her waren stampfende Tritte von Männern, die Säcke trugen, und breite Rufe von andern, die sie zu Giebelluken hinaufwanden. Es roch nach Fischen, Teer, Öl, Spiritus. Die Masten und Schlote dahinten im Fluß verwickelten sich schon in Dämmerung. Inmitten der Betriebsamkeit, die vor Dunkelwerden noch aufflackerte, ging Unrat dahin mit seinem bohrenden Gedanken: Lohmann »fassen«, den Aufenthalt der Künstlerin Fröhlich nachweisen.
Er ward angestoßen von Herren in englischen Anzügen, die mit Frachtbriefen umherliefen, und von Arbeitern, die ihm »Achtung!« zubrüllten. Die allgemeine Hast ergriff ihn; er drückte, ehe er’s sich versah, den Griff einer Tür, [31]über der »Heuerbas« und irgendeine schwedische oder dänische Inschrift stand. Im Laden lagen gerollte Taue, Schiffszwieback, kleine, scharf riechende Fässer. Ein Papagei schrie: »Duhn supen!« Mehrere Matrosen tranken, andere redeten, die Hände in den Hosen, auf einen riesigen, rotbärtigen Mann ein. Der machte sich, es dauerte eine Weile, aus den Tabakswolken des Hintergrundes los, stellte sich hinter den Ladentisch, so daß der blecherne Reflektor der Wandlaterne seinen Kahlkopf heftig beleuchtete, stemmte die Tatzen auf die Kante und sagte plump:
»Wollen Sie was von mich, Herr?«
»Geben Sie mir«, verlangte Unrat leichthin, »eine Eintrittskarte für das Sommertheater.«
»Wat sagen Sie?« fragte der Mann.
»Nun ja, für das Sommertheater. Da Sie denn nun einmal in Ihrem Schaufenster anzeigen, daß Sie Billette zum Sommertheater verkaufen.«
»Wat soll ich doorvon denken, Herr«, und der Mann behielt den Mund offen. »Das Sommertheater speelt doch nich in ’n Winter.«
Unrat versteifte sich auf sein Recht.
»Aber Sie haben es im Fenster, Mann.«
»Door kann ’t jä ook bliewen!«
Das war herausgeplatzt; aber der Heuerbas nahm seine Achtung vor dem bebrillten Herrn gleich wieder zusammen. Er suchte nach Gründen, die den Fremden überzeugen konnten, das Sommertheater sei jetzt geschlossen. Um seiner behutsamen Gedankenarbeit körperlich nachzuhelfen, gab er mit seiner fürchterlichen, rotbehaarten Hand der Tischplatte von der Seite ganz vorsichtige Streiche. Schließlich hatte er gefunden:
[32]»Das weiß jä woll de dümmste Schooljong«, sagte er gutmütig, »daß in ’n Winter kein Sommertheater is.«
»Erlauben Sie, Verehrter«, machte Unrat, überlegen abwehrend.
Der Mann rief zu Hilfe:
»Hinnerich! Laurenz!«
Die Matrosen kamen näher.
»Ick weit nich, wat mit em los is, hei will mit alle Macht in ’n Willemsgoorten.«
Die Matrosen rollten Kautabak in den Mündern. Sie und der Heuerbas starrten angestrengt auf Unrat, als sei er ein sehr weit Hergekommener, etwas wie ein Chinese, den man nun verstehen sollte. Unrat empfand dies; es befiel ihn Hast, hier fertig zu werden.
»Dann könnten Sie mir wenigstens sagen, Mann, ob vorigen Sommer in dem bewußten Theater ein gewisses Fräulein Fröhlich mitgespielt hat – Rosa Fröhlich.«
»Wo soll ich das woll herwissen, Herr?« Der Mann war vollkommen verblüfft. »Meinen Sie, Herr, ick gew mich mit die Zirkusminscher aff?«
»Oder doch«, sagte Unrat Hals über Kopf, »ob die erwähnte Dame im kommenden Jahr uns – immer mal wieder – durch ihre Leistungen erfreuen wird.«
Der Heuerbas sah erschreckt aus; er verstand kein Wort mehr. Einer der Matrosen hatte etwas gefunden:
»Hei makt sick ’n Jux, Pieter, hei will di uzen!«
Darauf legte er den Kopf in den Nacken und lachte, glucksend und dröhnend, aus schwarz geöffnetem Rachen. Die andern stießen sich an und machten es dann ebenso. Dem Heuerbas schien es zwar keineswegs, als ob dieser Fremde sich lustig machte; aber er sah den Respekt in [33]Gefahr, den seine Kunden vor ihm haben mußten: diese Leute, die er verdang, die er den Kapitänen aufs Schiff lud, zusammen mit Zwieback und Genever. Er verfiel unvermittelt in eine künstliche Wut, färbte sich wild, schlug auf den Tisch und streckte einen gebieterischen Finger aus.
»Herr! Ich hab’ mehr zu tun, ich bün Ihr Aap nich! Sehn Sie sich mal die Tür an, da achter Ihnen is sie!«
Und als Unrat noch einen Augenblick betäubt auf seinem Platz blieb, traf der Mann Anstalt, hinter seinem Tisch hervorzukommen. Unrat klinkte rasch die Tür auf. Der Papagei schrie ihm nach: »Duhn supen!« Die Matrosen brüllten vor Lachen. Unrat schloß die Tür.
Er bog scharf um die nächste Ecke und entkam aus der Hafengegend in stille Straßen. Er zensierte das Vorgefallene.
»Dies war ein Fehler. Dies war – freilich nun wohl – ein Fehler.«
Die Künstlerin Fröhlich mußte auf einem andern Wege ausfindig gemacht werden. Unrat sah sich die Begegnenden daraufhin an, ob sie etwas von ihr wüßten. Es waren Lastträger, Dienstmädchen, der Laternenanzünder, eine Zeitungsfrau. Mit dem Volk war keine Verständigung möglich: er hatte die Erfahrung gemacht. Auch lud ihn sein jüngstes Erlebnis dazu ein, bei der Anknüpfung mit Unbekannten vorsichtig zu sein. Weiser war es, nach einem schon vertrauten Gesicht sich umzusehen. Aus der nächsten »Grube« tauchte eben eines auf, dem Unrat noch voriges Jahr mit wütender Betonung lateinische Verse zugeschrien hatte. Der Schüler, der »seins« nie »präpariert« hatte, schien jetzt Handlungslehrling zu sein. Er näherte sich mit einem Packen Briefe in der Hand und sah geckenhaft aus. Unrat [34]ging auf ihn zu, machte schon den Mund auf, wartete nur noch auf den Gruß des jungen Menschen. Der aber erfolgte nicht. Der ehemalige Schüler sah dem Professor höhnisch in die Augen und ging dicht an Unrats zu hoher Schulter vorbei, wobei auf seinem blonden Gesicht das Grinsen erschrecklich breit ward.
Unrat verschwand rasch in die »Grube«, woher der andere gekommen war. Es war eine der nach dem Hafen sich senkenden Straßen; und da sie abschüssiger ging als die andern, hatten sich hier zahllose Kinder zusammengefunden, um in kleinen Wagen mit vollen Rädern, lärmenden »Bullerwagen«, den Berg hinabzufahren. Die Mütter und Mägde standen auf dem Bürgersteig, erhoben die Arme und riefen zum Abendessen; aber die junge Welt stürzte unablässig, kniend in ihren Wagen oder die Beine in der Luft, mit wehenden Halstüchern, über die Ohren geklappten Mützen und zum Jubeln offnen Mündern, holpernd das Klinkerpflaster hinunter. Unrat mußte, wie er die Straße überschritt, Sprünge machen, sonst geriet er in die Deichsel. Um ihn her spritzten Pfützen auf. Aus einem vorüberrasenden Wagen rief plötzlich eine durchdringende Stimme:
»Unrat!«
Unrat zuckte zusammen. Sofort wiederholten einige andere das Wort. Diese Bürger- und Volksschüler hatten seinen Namen wohl von den Gymnasiasten erfahren; und andere, die gar nicht wußten, was gemeint war, schrien mit. Durch den Sturm hindurch, der sich gegen ihn erhoben hatte, mußte Unrat die steile Straße erklimmen. Keuchend erreichte er einen Kirchplatz.
Das war ihm wohl alles geläufig; die ehemaligen Schüler, die ihn nicht grüßten, sondern angrinsten, die [35]Straßenjugend, die ihm seinen Namen nachrief. Nur hatte er heute in seinem Eifer nicht damit gerechnet: denn jetzt schuldeten die Leute ihm eine Antwort. Wenn sie früher ihre Vergilverse nie gekonnt hatten, mußten sie nun wenigstens über die Künstlerin Fröhlich Bescheid wissen!
Unrat kam auf den Markt und an einem Tabakshändler vorbei, einem Schüler von vor zwanzig Jahren, von dem er zuweilen ein Kistchen bezogen hatte; – nur zuweilen: er rauchte nicht stark, er trank selten; er hatte keines der bürgerlichen Laster … Die Rechnungen dieses Mannes waren regelmäßig überschrieben: Herrn Professor U –, und dann erst war aus dem U ein R gemacht. Ob das böse Absicht oder Gedankenlosigkeit war, hatte Unrat nie feststellen können; aber er verlor auf einmal den Mut, den Laden zu betreten, dessen Schwelle er schon berührt hatte. Der Mann da drinnen war ein widersetzlicher Schüler, der nicht zu »fassen« war.
Er schlich eilig weiter. Es regnete nicht mehr; der Wind trieb die Wolken fort. Die Gaslaternen flackerten rot. Schief über einen Giebel lugte manchmal der gelbe, halbe Mond: ein höhnisches Auge, das gleich wieder das Lid einkniff, so daß ihm sein Hohn nicht zu »beweisen« war.
Wie er in den »Kohlbuden« trat, flammten die großen Fenster des Café Central lichterloh auf. Unrat spürte Lust, hineinzugehen, ein ungewohntes Getränk zu sich zu nehmen. Er war heute auf merkwürdige Weise aus den Schienen seines Tages herausgeworfen. Da drinnen ließ sich gewiß etwas über die Künstlerin Fröhlich erfahren; dort ward von allem möglichen gesprochen. Unrat wußte dies von früher, denn zu Lebzeiten seiner Frau hatte er sich manchmal – sehr selten – eine Ferienstunde im Café Central [36]gegönnt. Seit sie tot war, hatte er zu Hause so viel Ruhe wie er wollte, und brauchte das Café nicht mehr. Überdies war ihm der Aufenthalt dort zum Schluß erschwert worden durch den neuen Besitzer, auch einen frühern, nach Jahren in die Stadt zurückgekehrten Schüler. Dieser hatte seinen einstigen Lehrer eigenhändig bedient und ihn mit äußerster Höflichkeit, so daß Unrat es ihm unmöglich »beweisen« konnte, fortwährend als Professor Unrat angeredet. Die Gäste waren sehr angeregt gewesen; Unrat hatte die Empfindung gehabt, wenn er häufiger herkäme, würde er dem Lokal zur Reklame dienen.
Also wandte er sich fort und suchte im Geist nach andern Stätten, wo er seine Frage vorbringen konnte. Aber es fielen ihm keine ein. Die bekannten Köpfe, die sein Gedächtnis aufrief, trugen alle solche Mienen wie vorhin der Handlungslehrling, sein Schüler. Die erleuchteten Geschäfte bargen, wie das des Zigarrenhändlers und das des Cafétiers, lauter aufrührerische Schüler. Unrat geriet in Zorn, er fing an müde zu werden, und er hatte Durst. Er warf nach den Läden, nach den Haustüren mit Namen ehemaliger Sekundaner aus den Rändern seiner Brillengläser die grünen Blicke, die seine Klasse giftig nannte. Alle diese Burschen forderten ihn heraus. Auch die Künstlerin Fröhlich, die sich in einem dieser Häuser versteckt hielt, einen seiner Schüler mit Nebendingen beschäftigte und sich Unrats Machtbefugnis entzog, sie forderte ihn heraus! Zuweilen zeigte das Schild an einem Eingang den Oberlehrer Soundso an; dann lenkte Unrat gereizt die Augen weg. Der da hatte vor seiner eigenen Klasse seinen Namen genannt; und daß er sich darauf verbessert hatte, machte nichts gut. Dieser hier hatte Unrats Sohn auf dem Markt mit einem [37]Frauenzimmer gesehen und das Gesehene herumgeredet. Auf allen Seiten bedroht von Feinden, durchmaß Unrat die Straßen. Er schlich an den Häusern hin, mit einem gespannten Gefühl oben auf dem Scheitel; denn jeden Augenblick konnte wie ein Kübel schmutziges Wasser, den jemand ihm über den Kopf gegossen hätte, aus einem Fenster sein Name fallen! Und da er ihn nicht sah, vermochte er den Schreier nicht zu »fassen«! Eine empörte Klasse von fünfzigtausend Schülern tobte um Unrat her.
So rettete er sich, ehe er’s selber wußte, in die abgelegenste, tiefste Gegend, wo am Ende einer langen, stillen Gasse das Stift der alten Fräulein stand. Es war hier ganz dunkel. Ein paar huschende Wesen in halblangen »Mantillen« und mit Tüchern um den Kopf kehrten verspätet heim aus einem Kränzchen, von einem Abendgottesdienst, klingelten verstohlen, zergingen in einer Türspalte. Eine Fledermaus beschrieb Zacken über Unrats Hut. Unrat dachte und schielte nach der Stadt hinauf:
»Dann ist da kein, kein Mensch.«
Er sagte wohl:
»Ich leg’ euch Bande noch mal hinein!«
Aber da er seine Ohnmacht fühlte, kam der Haß in ihm ins Zittern und riß ordentlich an ihm; der Haß auf diese Tausende fauler, boshafter Schüler, die ihm immer die schuldige Arbeit vorenthalten, ihn immer bei seinem Namen genannt, immer nur auf Unfug gesonnen hatten; die ihn jetzt mit der Künstlerin Fröhlich ärgerten, sie und den Schüler Lohmann nicht angaben, sondern sich benahmen wie eine »gemeine« Klasse, die zusammenhält gegen den Lehrer; die jetzt alle beim Abendessen saßen, ihn aber nötigten, hier unten herumzuschleichen; und die überhaupt, [38]es ahnte ihm in dieser Stunde, etwas Übles aus ihm gemacht, ihn in den langen Jahren, die er bei ihnen war, fragwürdig zugerichtet hatten.
Er, der seit sechsundzwanzig Jahren die Klasse vor sich hatte, die Klasse mit immer denselben tückischen Gesichtern, hatte nie bemerkt, daß die Gesichter hier draußen und wenn die Zeit hinging, bald ganz gleichgültige Mienen behielten beim Gedanken an Professor Unrat, und daß sie später sogar wohlwollende annahmen. Immer in der Anspannung des Kampfes war er nicht dazu angetan, es zu würdigen, daß die Älteren in der Stadt seinen Namen, sogar wenn sie ihm das Wort laut an den Kopf sagten, nicht aussprachen um ihn zu verletzen, sondern Jugenderinnerungen zuliebe, die ihnen mittlerweile harmlos heiter aussahen; und daß er in der Stadt eine Figur war, die für jeden Komik umhertrug, aber für manchen eine zärtliche Komik. Er hörte nicht den Meinungsaustausch zweier Schüler aus der allerersten Generation, die an einer Straßenecke stehen blieben und ihm, er meinte voll Hohn, nachblickten:
»Was ist denn mit dem Unrat? Er wird alt.«
»Und immer schmutziger.«
»Anders als schmutzig hab’ ich ihn nie gekannt.«
»O, das wissen Sie wohl nicht mehr. Als Hilfslehrer war er noch ’n ganz adretter Mensch.«
»So? Was der Name tut. Ich kann ihn mir überhaupt nicht sauber vorstellen.«
»Wissen Sie, was ich glaube? Er sich selber auch nicht. Gegen so ’n Namen kann auf die Dauer keiner an.«
[39]III
Unrat hastete die stille Gasse wieder hinauf, denn er hatte einen Gedanken gehabt, dessen Richtigkeit er sofort, aber sofort nachprüfen wollte. Er wußte durch plötzliche Erleuchtung, Rosa Fröhlich sei die Barfußtänzerin, von der man jetzt so viel Aufhebens machte. Sie sollte herkommen und in dem Saal der Gesellschaft für Gemeinsinn ihre Künste sehen lassen. Unrat entsann sich ganz deutlich, wie Oberlehrer Wittkopp, ein Mitglied dieser Gesellschaft, davon erzählt hatte. Er war im Lehrerzimmer an sein Wandschränkchen getreten, hatte es aufgeschlossen, einen Packen Exerzitienhefte hineingelegt und dazu gesagt:
»Nun bekommen wir hier also auch die berühmte Rosa Fröhlich, die auf bloßen Füßen griechisch tanzt.«
Unrat sah Wittkopp vor sich, wie er sich wichtig machte, eitel um seinen Klemmer herumschielte und die Lippen spitzte, um auszusprechen: »Rosa Fröhlich.« Ganz ohne Zweifel, er hatte gesagt: Rosa Fröhlich. Unrat hörte ja jeden der vier Laute, in Wittkopps gekünstelter Sprechweise und mit dem gesäuselten R. Das hätte ihm früher einfallen sollen! Zweifellos war die Barfußtänzerin Fröhlich inzwischen eingetroffen, und der Schüler Lohmann war mit ihr in Verbindung getreten. Unrat war nun auf dem Wege, beide zu »fassen«.
Er erreichte die Siebenbergstraße, er hatte sie halb durcheilt, da ging donnernd ein Rolladen nieder vor einem Schaufenster, und Unrat blieb, einige Schritte davor, vernichtet stehn. Denn der Rolladen gehörte dem Musikalienhändler Kellner, der bei solchen Gelegenheiten die Karten verkaufte und alles Nähere wußte. Es schien, als sollte [40]Unrat die Zwei, denen er nachsetzte, heute nicht mehr einholen.
Trotzdem konnte er sich nicht denken, daß er jetzt nach Haus gelangen und sein Nachtessen herunterbringen werde. Er war in Jagdleidenschaft geraten. Er gab sich noch ein paar Minuten, machte einen letzten Umweg. Am Rosmarinweg hielt er, ganz erschüttert, vor einem schiefgetretenen Holztreppchen den Schritt an. Er klomm steil bis vor eine schmale Ladentür mit der Inschrift: »Johannes Rindfleisch, Schuhmachermeister«. Eine Warenauslage war nicht da; hinter den Spiegelscheiben der zwei kleinen Fenster standen Blumentöpfe. Und Unrat bedauerte, von seinem guten Geschick nicht schon längst hierher geführt zu sein, zu der Behausung eines rechtschaffenen und harmlosen Mannes, eines Herrnhuters, der kein Scheltwort in den Mund nahm, niemals kränkend die Miene verzog, und der über die Künstlerin Fröhlich anstandslos Auskunft erteilen würde!
Er öffnete die Tür. Eine Glocke schlug an, und der Ton schwang freundlich nach. Die Werkstatt lag sauber aufgeräumt im Halbdunkel. Eingefaßt in den Rahmen der Tür zum Nebenzimmer, zeigte sich das mild beleuchtete Bild der Schustersfamilie beim Abendbrot. Der Geselle kaute an der Seite der Haustochter. Den kleinen Kindern gab die Mutter Kartoffeln zur Mettwurst. Der Vater setzte die bauchige Flasche mit Braunbier neben die Lampe, erhob sich und sah nach dem Kunden.
»Nabend, Herr Professer.« Er schluckte erst umständlich seinen Bissen hinunter. »Und womit kann ich dienen?«
»Ja«, versetzte Unrat, rieb sich unsicher lächelnd die Hände und schluckte auch, mit leerer Kehle.
[41]»Entschuldigen Sie man«, setzte der Schuhmacher hinzu, »daß hier schon allens duster is. Hier machen wir um Klock sieben Feierabend. Der Rest des Abendes gehört dem Herrn. Wer da noch arbeiten tut, da is doch kein Segen auf.«
»Das mag ja denn einerseits – ganz richtig sein«, stotterte Unrat.
Der Schuhmacher war einen Kopf höher. Er hatte knochige Schultern und unter seinem Schurzfell einen unvermittelten Spitzbauch. Ergrauende Löckchen, ein wenig ölig, machten den Bogen um sein langes, bleifarbenes Gesicht, dessen Wangen in einen keilförmigen Bart hineinhingen, und das langsam lächelte. Rindfleisch schob immerfort über dem Magen die Finger ineinander, löste sie und steckte sie wieder zusammen.
»Aber das ist es andererseits freilich nicht, weshalb ich komme«, erklärte Unrat.
»Herr Professer, Nabend Herr Professer«, sagte die Frau von der Schwelle her und knixte. »Was stehst du da in ’n Schummern mit Herrn Professer, Johannes, laß ihm doch rein. Herr Professer, wenn Sie es man nich übel nehmen, daß wir uns’ Mettwuß essen.«
»Das liegt mir ganz und gar fern, gute Frau.«
Unrat entschloß sich zu einem Opfer.
»Meister Rindfleisch, ich unterbreche ungern Ihr Mahl, aber ich ging grade vorbei und da kam mir der Gedanke, daß Sie mir – aufgemerkt nun also! – ein Paar Stiefel anmessen sollen.«
»Zu dienen, Herr Professer«, und die Frau knixte, »zu dienen.«
Rindfleisch bedachte sich; dann verlangte er die Lampe.
[42]»Denn sitten wi jä all’ in’n Dustern bi’n Eeten«, bemerkte die Frau heiter. »Nöh, Herr Professer, kommen Sie man rein, ich mach Licht für Ihnen in der blauen Stube.«
Sie ging voran in einen Raum, wo es kalt war, und zündete Unrat zu Ehren die beiden unversehrten rosa Kerzen an, die sich über ihren krausen Manschetten und flankiert von zwei großen Muscheln, im Trumeau spiegelten. An den kraßblauen Wänden verweilten in sonntäglicher Haltung Großvatermöbel aus Mahagoni. Auf der gehäkelten Decke des Sofatisches breitete ein segnender Christus seine Biskuitarme aus.
Unrat wartete, bis Frau Rindfleisch hinaus war. Als er den Schuhmacher hinter geschlossener Tür und recht in seiner Gewalt hatte, setzte er ein.
»Vorwärts denn also, Meister, jetzt heißt es zeigen, daß Sie, der Sie einige kleinere Arbeiten zur Zufriedenheit des Leh– zu meiner Zufriedenheit bewerkstelligten, auch ein recht braves Paar Stiefel schaffen können.«
»O ja, Herr Professer, o o oh ja«, erwiderte Rindfleisch demütig und beflissen wie ein Primus.
»Mag ich immerhin schon im Besitz zweier Paare sein, so kann bei der jetzt vorwaltenden Nässe doch niemand sich genug tun an guter, warmer Fußbekleidung.«
Rindfleisch kniete und maß. Er hatte den Bleistift zwischen den Zähnen und grunzte nur.
»Andererseits ist dies die Jahreszeit, die gewöhnlich etwas Neues in die Stadt bringt, ein wenig – sicherlich doch – geistige Erholung. Die ist es denn wohl auch, die dem Menschen nottut.«
Rindfleisch sah auf.
»Sagen Sie das man noch mal, Herr Professer. Ja ja jah, [43]die tuhet dem Menschen not. Und das weiß unsere Brüdergemeihende auch.«
»So so«, machte Unrat. »Aber ich denke an den Besuch ausgezeichneter, unter den Menschen hervorragender Persönlichkeiten.«
»Da denk’ ich auch an, Herr Professer, und da denkt auch die Gemeihende an und versammelet uns Brüder am morgigen Abende zum Gebet mit einem berühmten Missionar. Ja o jah.«
Unrat fand es schwierig, zur Künstlerin Fröhlich zu gelangen. Er suchte eine Weile, und als er keinen Umweg mehr fand, ging er gradaus.
»Auch in der Gesellschaft für Gemeinsinn zeigt sich uns nächstens – immer mal wieder – eine Berühmtheit. Eine Künstlerin – Sie werden ja, so gut wie jedermann, von ihr gehört haben, Meister.«
Rindfleisch schwieg, und Unrat wartete mit Leidenschaft. Er war überzeugt, was er brauchte, steckte in dem Menschen zu seinen Füßen, und es liege nur an ihm, es herauszuziehen. Die Künstlerin Fröhlich hatte in der Zeitung gestanden, war im Lehrerzimmer besprochen worden, hing im Fenster bei Kellner. Die ganze Stadt wußte Bescheid über sie, außer Unrat. Jeder andere hatte mehr Weltläufigkeit und Personenkenntnis als Unrat: er lebte, ohne daß er’s selber wußte, tief in dieser Vorstellung; und er wandte sich mit vollem Vertrauen an einen Herrnhutischen Schuster um Auskunft über eine Tänzerin.
»Sie tanzt, Meister. In der Gesellschaft für Gemeinsinn tanzt sie. Ei, da werden nun die Leute hinlaufen.«
Rindfleisch nickte.
»Die Leute machen es sich woll nich klar, Herr [44]Professer, wo sie hinlaufen«, sagte er gedämpft und bedeutungsvoll.
»Sie tanzt ja barfuß, das ist doch eine seltsame Fertigkeit, Meister.«
Unrat wußte nicht, wie er den Mann noch anfeuern solle.
»Denken Sie nur: barfuß!«
»Barfuß«, wiederholte der Schuster. »O o oh! Also tanzeten auch die Weiber der Amalekiter, die vor dem Götzen tanzeten.«
Und er stieß ein leeres Gelächter aus, nur aus Demut, weil er, der ungelehrte Mann, sich mit Worten der Schrift zu schmücken wagte.
Unrat rückte gepeinigt hin und her, wie bei der Übersetzung eines Schülers, der stockte und gleich festzusitzen drohte. Er hieb mit den Knöcheln auf die Stuhllehne und sprang auf.
»So lassen Sie’s nun gut sein mit dem Maßnehmen, Meister, und sagen Sie mir – vorwärts denn also! – ob die Barfußtänzerin Fröhlich schon eingetroffen ist! Das sollten Sie wohl wissen!«
»Ich, Herr Professer?« Und Rindfleisch stand bestürzt, »ich – eine Tänzerin?«
»Dadurch werden Sie auch nicht schlechter«, behauptete Unrat ungeduldig.
»O o oh, ferne von mir sei der geistige Hochmut und die Selbstgerechtigkeit. Und Liebe im Herrn, Herr Professer, will ich denn auch haben für meine barfüßige Schwester, o jah, und will bitten, daß der Herr an ihr tuhe, was er an der Sünderin Magdalena getan hat.«
»Sünderin?« fragte Unrat überlegen. »Warum halten Sie denn die Künstlerin Fröhlich für eine Sünderin?«
[45]Der Schuhmacher blickte keusch auf den geölten Fußboden.
»Ei ja«, versetzte Unrat, immer unzufriedener mit dem Meister, »wenn Ihre Frau oder Ihre Tochter einen Lebenswandel beginnen wollten wie eine Künstlerin, das stände ihnen – freilich denn wohl – nicht an. Hingegen gibt es Lebenskreise und Sittengesetze: – doch mag’s denn genug sein.«
Und er machte eine Handbewegung, die sagte, daß hier ein Gegenstand in Tertia berührt ward, der höchstens nach Prima gehörte.
»Auch mein Weib ist eine Sünderin«, sagte der Schuster leise, schob die Finger über dem Magen durcheinander und sah auf, mit einem Bekennerblick.
»Und ich selbsten muß sprechen: Herr Herre. Denn Fleischessünder sind wir allzumal.«
Nun erstaunte Unrat.
»Sie und Ihre Frau? Sie sind doch rechtmäßig verheiratet?«
»O o oh jah, das sind wir woll. Aber Fleischessünde, Herr Professer, bleibt es immerdar, und Gott erlaubt es auch nuhr –«
Der Herrnhuter richtete sich auf zu etwas Wichtigem. Seine Augen wurden rund und ganz bleich von Geheimnis.
»Nun?« fragte Unrat nachsichtig.
Und jener, flüsternd:
»Das wissen die andern Menschen man nich, daß Gott es nuhr darum erlaubt, auf daß er in seinen Himmel oben mehr Engel kriegt.«
»So so«, machte Unrat, »das ist ja denn freilich recht hübsch.«
[46]Und er lugte mit einem hinterhältigen Lächeln zu dem verklärten Gesicht des Schuhmachers hinauf.
Aber er unterdrückte bald seinen Spott und wandte sich zum Gehen. Er fing an zu glauben, Rindfleisch wisse wirklich nichts über die Künstlerin Fröhlich. Der Schuhmacher besann sich auf diese Welt und fragte, wie hoch denn die Schäfte sein sollten. Unrat antwortete nachlässig, behandelte auch den Abschied von der Familie Rindfleisch nur mit flüchtiger Leutseligkeit. Dann trat er rasch den Heimweg an.
Er verachtete Rindfleisch. Er verachtete die blaue Stube, die Enge dieser Geister, die demütigen Seelen, die pietistischen Überspanntheiten und die sittliche Verstocktheit. Auch bei Unrat zu Hause sah es eher dürftig aus; dafür aber hatte er in seinem Kopf die Möglichkeit, sich mit mehreren alten Geistesfürsten, wenn sie zurückgekehrt wären, in ihrer Sprache über die Grammatik in ihren Werken zu unterhalten. Er war arm, unerkannt; man wußte nicht, welche wichtige Arbeit er seit zwanzig Jahren förderte. Er ging unansehnlich, sogar verlacht unter diesem Volk umher; – aber er gehörte, seinem Bewußtsein nach, zu den Herrschenden. Kein Bankier und kein Monarch war an der Macht stärker beteiligt, an der Erhaltung des Bestehenden mehr interessiert als Unrat. Er ereiferte sich für alle Autoritäten, wütete in der Heimlichkeit seines Studierzimmers gegen die Arbeiter – die, wenn sie ihre Ziele erreicht hätten, wahrscheinlich bewirkt haben würden, daß auch Unrat etwas reichlicher entlohnt wäre. Junge Hilfslehrer, noch schüchterner als er, bei denen er sich mit der Sprache herauswagte, warnte er düster vor der unseligen Sucht des modernen Geistes, an den Grundlagen zu rütteln. Er wollte sie stark: [47]eine einflußreiche Kirche, einen handfesten Säbel, strikten Gehorsam und starre Sitten. Dabei war er durchaus ungläubig und vor sich selbst des weitesten Freisinns fähig. Aber als Tyrann wußte er, wie man sich Sklaven erhält; wie der Pöbel, der Feind, die fünfzigtausend aufsässigen Schüler, die ihn bedrängten, zu bändigen waren. Lohmann schien in Beziehungen zu stehn zur Künstlerin Fröhlich; Unrat errötete darüber, weil er nicht anders konnte. Aber zum Verbrecher ward der Schüler Lohmann erst dadurch, daß er sich bei verbotenen Freuden der harten Zucht des Lehrers entzog. Nicht sittliche Einfalt zwang Unrat zum Zorn …
Er gelangte in seine Wohnung und schlich auf den Zehen an der Küche vorbei, wo die Wirtschafterin, über seine Verspätung ungehalten, mit den Töpfen rasselte. Dann bekam er zu essen, Mettwurst und Kartoffeln. Sie waren zerkocht und dennoch kalt. Unrat hütete sich, ein Wort dagegen zu sagen; dieses Mädchen hätte sofort die Hände auf die Hüften gestemmt. Unrat wollte sie davor bewahren, sich gegen ihren Herrn aufzulehnen.
Nach der Mahlzeit stellte er sich vor sein Schreibpult. Es war, Unrats kurzsichtigen Augen zuliebe, übermäßig hoch; und die dreißigjährige Anstrengung, den rechten Arm daraufzulegen, hatte ihm die Schulter weit aus der graden Linie gehoben. »Das Wahre ist nur die Freundschaft und die Literatur«, sagte er dabei wie gewöhnlich. Dies Wort hatte er irgendwo aufgefangen und sich angewöhnt, und sah sich nun genötigt, es vor sich hin zu denken, so oft er an die Arbeit ging. Was er unter Freundschaft zu verstehn habe, erfuhr er nie. Das Wort ging nur zufällig mit. Aber die [48]Literatur! Das war ja sein wichtiges Werk, wovon die Menschen nichts wußten, das hier in der Stille seit langer Zeit gedieh und das vielleicht einmal, Staunen erregend, aus Unrats Gruft hervorblühen sollte. Es handelte von den Partikeln bei Homer! … Aber Lohmanns Aufsatzheft lag daneben und ließ ihn nicht in Stimmung kommen. Er mußte danach greifen und an die Künstlerin Fröhlich denken. Es gab etwas, das ihn sehr beunruhigte: er war nicht mehr sicher, daß die berühmte Barfußtänzerin sich Rosa Fröhlich nenne. Diese Fröhlich konnte ganz etwas anderes sein. Ja, sie war ganz etwas anderes: es ward Unrat durch Grübeln zur Gewißheit. Er hatte sie immer noch ausfindig zu machen, um sie dem Schüler Lohmann »beweisen« zu können. Er sah sich, im Kampfe mit diesem Elenden, wieder weit zurückgeworfen und keuchte vor einsamer Erregung.
Plötzlich stürzte er sich in seinen Mantel und stürmte hinaus. Vor dem Haustor lag schon die Kette; Unrat zerrte daran, wie ein Ausbrecher. Die Wirtschafterin schalt, er hörte sie herbeistampfen. In der Angst der äußersten Minute tat er einen richtigen Griff, die Tür ging auf, er war im Vorgärtchen und auf der Straße. Bis zum Stadttor wechselte er zwischen Trab und Eilschritt; dann mäßigte er sich, aber sein Herz klopfte. Er fühlte sich seltsam, wie auf verbotenen Wegen. Er ging den verödeten Straßenzug, über Berg und Tal, immer gradaus. Er lugte in die Gäßchen und »Gruben«, verweilte vor den Gasthäusern und sah mit gespanntem Mißtrauen zu Fenstern hinauf, zwischen deren geschlossenen Vorhängen ein Lichtstrahl zu liegen schien. Er wanderte auf der dunkeln Seite; drüben verbreitete sich heller Mond. Es war sternenklar, es wehte nicht mehr, und Unrats Schritte hallten. Beim Rathaus lenkte er auf den [49]Markt und machte die Runde unter den Lauben. Bogen, Türme, Brunnen stachen ihre von Arabesken umrankten Schattenrisse in die gotische Mondnacht. Eine rätselhafte Aufregung geschah in Unrat; er sagte zu verschiedenen Malen:
»Da würde denn wohl … traun …« und »Vorwärts denn also!«
Dabei prüfte er eifrig jedes einzelne Fenster der Post und des Polizeiamtes. Da er es unwahrscheinlich fand, daß sich die Künstlerin Fröhlich in diesen Gebäuden versteckt halte, kehrte er auf die vorhin verlassene Straße zurück. Wenige Schritte weiter glänzte die breite Scheibe eines Lokals, in dem sich viele von Unrats Kollegen allabendlich um das Bier scharten. Auf der Gardine erschien schwarz abgezeichnet der spitzbärtige, mit dem Munde klappende Kopf eines Oberlehrers, eines ganz schlimmen, der Unrat den Respekt versagte, weil er zur Lockerung der Disziplin in der Schule Anlaß gebe, und der sich über Unrats Sohn sittlich entrüstet hatte. Unrat sah sich diesen Doktor Hübbenett nachdenklich an: wie er redete aus seinem Bart heraus, was er für einen Biereifer hatte, welch gewöhnlicher Michel er war! Unrat hatte mit den Leuten da drinnen nichts zu tun, gar nichts; es ward ihm jetzt klar, zu seiner Genugtuung. Da hockten nun Die beisammen und waren in der Ordnung: er aber dünkte sich fragwürdig, gewissermaßen, und ausgestoßen, sozusagen. Und der Gedanke an Die dort war ihm kein böser Stachel mehr. Er nickte dem Schatten des Oberlehrers zu, langsam und mit Geringschätzung – und ging weiter.
Die Stadt war gleich wieder zu Ende. Er kehrte um, wandte sich in die Kaiserstraße. Bei Konsul Breetpoot [50]mußte Ball sein; das große Haus war ganz erleuchtet, fortwährend fuhren Wagen auf. Der Diener und mehrere Aufwärter sprangen vor, öffneten die Schläge, halfen beim Aussteigen. Seidene Röcke raschelten über die Schwelle. Eine Dame hielt an, sie streckte gütig lächelnd die Hand einem jungen Mann entgegen, der zu Fuß herbeikam. Unrat erkannte in dem hübschen Menschen mit dem Zylinder den jungen Oberlehrer Richter. Er hatte sagen gehört, Richter sei auf eine reiche Heirat aus, in einer eleganten Familie, zu der sonst Oberlehrer nicht den Blick erhoben. Und Unrat, drüben im Dunkeln, feixte vor sich hin.
»Ei, recht strebsam – wahrlich doch«, sagte er.
Er machte sich in seinem bespritzten Kragenmantel lustig über den wohlaufgenommenen, aussichtsreichen Menschen, wie ein höhnischer Strolch, der unerkannt und drohend aus dem Schatten heraus der schönen Welt zusieht und das Ende von alledem in seinem Geist hat, wie eine Bombe. Er fühlte sich Richter weit überlegen, ihm war ganz munter; er schäkerte still und sagte, ohne sich selbst zu verstehn:
»Ihnen kann ich auf Ihrem Wege noch recht hinderlich werden. Ich werde Sie – immer mal wieder – hineinlegen, merken Sie sich das!«
Und im Weitergehn unterhielt er sich ausgezeichnet. Wenn er wieder auf ein Türschild mit dem Namen eines Kollegen oder eines alten Schülers stieß, dachte er: »Sie fass’ ich auch noch mal«, und rieb sich die Hände. Zugleich lächelte er in verstohlenem Einverständnis den achtbaren Giebelhäusern zu, weil er versichert war, in einem von ihnen stecke die Künstlerin Fröhlich. Sie hatte ihn merkwürdig angeregt, aufgekratzt, aus dem Häuschen gebracht. [51]Zwischen ihr und Unrat, der auf nächtlicher Streife hinter ihr herschlich, war eine Art Verbindung hergestellt. Der Schüler Lohmann war das zweite Stück Wild: sozusagen Indianer von einem andern Stamm. Wenn Unrat mit seiner Klasse auf das Schulfest zog, mußte er manchmal Räuber und Soldaten mitspielen. Er stand auf einem Hügel, reckte die Faust gen Himmel und kommandierte: »Fest drauf, jetzt nunmehr!« und regte sich richtig auf bei dem folgenden Scharmützel. Denn das war Ernst. Schule und Spiel waren das Leben … Und heute nacht spielte Unrat Indianer auf dem Kriegspfad.
Er kam in immer lüsternere Spannung. Die unbestimmten Formen im Schatten erregten ihm Furcht und Kitzel; jede Straßenecke lockte schauerlich. In enge Nebengassen ließ er sich ein wie in Abenteuer, hielt bei einem Wispern aus einem Fenster unter Herzklopfen den Schritt an. Hier und da ging eine Tür bei seinem Nahen leise auf, einmal streckte sich ein rosa bekleideter Arm nach Unrat aus. Er entfloh, ganz überrieselt, und sah sich unvermittelt am Hafen – zum zweitenmal heut, und er betrat diese Gegend sonst in Jahren nicht. Schiffe türmten sich schwarz, unter Rinnsalen von Mondlicht. Unrat kam auf den Gedanken, die Künstlerin Fröhlich sei darauf, sie schlafe in einer Kajüte; vor Morgengrauen werde das Nebelhorn brüllen und die Künstlerin Fröhlich davonfahren in ferne Länder. Bei dieser Vorstellung ward Unrats Drang zu handeln, zuzufassen, ganz ungestüm. Zwei Arbeiter stapften herbei, der eine von rechts, der andere von links. Dicht bei Unrat trafen sie sich, und der eine sagte:
»Na, wo geit hen, Klaas?«
Der zweite antwortete düster und im Baß:
[52]»Duhn supen.«
Unrat mußte sinnen über das Wort: wo er es heute schon gehört habe, und was es besage. Denn er hatte in sechsundzwanzig Jahren die Mundart nicht verstehen gelernt. Er folgte den beiden Proletariern und ihrem zu erschließenden Sprachschatz durch mehrere kotige »Twieten«. In einer etwas breiteren steuerten sie im Bogen auf ein weitläufiges Haus zu, mit ungeheurem Scheunentor, worüber vor dem Bilde eines blauen Engels eine Laterne schaukelte. Unrat vernahm Musik. Die Arbeiter verschwanden im Flur, der eine sang mit. Unrat bemerkte im Eingang einen bunten Zettel und las ihn. Er zeigte eine »Abendunterhaltung« an. Als Unrat in der Mitte war, stieß er auf etwas, das ihm Keuchen und einen Schweißausbruch verursachte, und fing, in der Furcht und der Hoffnung, sich geirrt zu haben, von vorn an. Auf einmal riß er sich los und stürzte sich in das Haus, wie in einen Abgrund.
[53]IV
Die »Diele« war ungeheuer breit und lang, die ehrliche Diele eines alten Bürgerhauses, worin nun »Nebendinge« getrieben wurden. Links kam aus einer halboffenen Tür Töpferasseln und ein Feuerschein. Über dem Eingang rechts stand »Saal«; und dahinter war ein dumpfer Wirrwarr von Lauten, woraus manchmal ein sehr schriller hervorstach. Unrat zauderte, ehe er die Klinke drückte; er spürte darin eine Handlung, schwer von Folgen … Ein sehr dicker, völlig unbehaarter kleiner Mann, der Bier trug, kam ihm entgegen. Er hielt ihn an.
»Verzeihen Sie«, stammelte er, »wäre die Künstlerin Fröhlich wohl zu sprechen?«
»Was wollen Sie mit die denn sprechen?« fragte der Mann. »Die spricht jetzt nich, die singt. Hören Sie man mal zu.«
»Sie sind wohl der Herr Wirt zum Blauen Engel? Nun, das ist wahrlich recht brav. Ich bin nämlich der Professor Raat vom hiesigen Gymnasium und komme wegen eines Schülers, der hier zu finden sein soll. Können Sie mir vielleicht sagen, wo er ist?«
»Tjä, Herr Professer, denn gehn Sie man gleich ’n bischen in das Hinterzimmer zu die Künstlers, da sitzen die schungen Herrn jä immer ein.«
»Sehen Sie wohl«, sagte Unrat strafend, »das dachte ich mir. Sie müssen zugeben, Mann, daß das nicht in der Ordnung ist.«
»Tjä« – und der Wirt zog die Brauen hoch, »mich is das man puttegal, wer für die Mädchen das Abendbrot bezahlt. Die schungen Herrn haben noch eigens Wein bestellt, [54]mehr kann unsereiner warraffig nich verlangen. Wenn ich meine Kunden vorn Kopp stoßen will, denn muß ich jä woll was hintenvor kriegen.«
Unrat lenkte ein.
»Drum denn, mag’s gut sein. Aber gehen Sie jetzt nunmehr hübsch hinein, Mann, und holen Sie mir den Burschen heraus.«
»Deubel, Herr, gehn Sie selber!«
Aber Unrats Abenteuermut war dahin, er wünschte, er hätte den Aufenthalt der Künstlerin Fröhlich nie entdeckt.
»Muß ich denn da durch den Saal?« fragte er mit Bangen.
»Tjä, das is woll nich anders, un denn in die Stube da achter, wo hier das Fenster von zu sehn is mit die rote Gardine vor.«
Er ging einige Schritte mit Unrat gegen den Hintergrund der Diele und zeigte ihm eine ziemlich große, von innen rot verhängte Scheibe. Unrat wollte hindurchspähen; inzwischen kehrte der Wirt mit seinem Bier an die Saaltür zurück und öffnete sie. Unrat eilte herbei, mit ausgestreckten Armen; er bat, mit dem Ausdruck der Not.
»Lieber Mann, so holen Sie mir doch den Schüler heraus!«
Der Wirt, schon drinnen, wendete sich unwirsch um.
»Welcher soll es überhaupts sein. Da sitzen jä drei auf einen Hümpel … Oll Döhsbattel«, setzte er hinzu und ließ Unrat stehen.
»Drei?« wollte Unrat fragen; aber er befand sich nun auch schon im Saal, betäubt vom Lärm, blind von dem wütend heißen Dampf, der seine Brillengläser beschlug.
»Tür zu, hier zucht es!« hörte er neben sich rufen. Er tappte erschreckt nach der Klinke, traf sie nicht, und hörte, wie man lachte.
[55]»Hei speelt Blindekoh«, sagte dieselbe Stimme.
Unrat nahm die Brille ab; er fand die Tür schon geschlossen, sah sich gefangen und äugte ratlos umher.
»O Minsch, Laurenz, dat is jä de schnakige Kierl von hüt Namiddag. Weitst nich miehr, hei wüll den Heuerbas upptreggen.«
Unrat verstand nicht, er fühlte nur den Aufruhr um sich und gegen sich. Wie schon alles über ihm zusammenschlug, entdeckte er am Tisch gleich neben sich einen freien Stuhl; er brauchte sich nur zu setzen. Er lüftete den Hut und fragte:
»Sie erlauben vielleicht?«
Eine Weile wartete er auf die Antwort, dann ließ er sich nieder. Sogleich fühlte er sich in der Menge versunken, seiner drückenden Ausnahmestellung enthoben. Niemand achtete im Augenblick auf ihn. Die Musik war wieder losgegangen; seine Nachbarn sangen mit. Unrat putzte seine Brillengläser und trachtete sich zurechtzufinden. Durch den Qualm der Pfeifen, der Leiber und der Groggläser sah er zahllose Köpfe, die alle die gleiche dumpfe Seligkeit besessen hielt, hin und her schwanken, wie die Musik es wollte. Sie waren von Haar und Gesicht brandrot, gelb, braun, ziegelfarben, und das Schaukeln dieser von Musik in das Triebleben zurückgebannten Gehirne ging wie ein großes buntes Tulpenbeet im Winde durch den ganzen Saal, bis es sich, dahinten, im Rauch verfing. Dahinten durchbrach nur etwas Glänzendes den Rauch, ein sehr stark bewegter Gegenstand, etwas, das Arme, Schultern oder Beine, irgend ein Stück helles Fleisch, bestrahlt von einem hellen Reflektor, umherwarf und einen großen Mund dunkel aufriß. Was dieses Wesen sang, vernichtete das Klavier, [56]zusammen mit den Stimmen von Gästen. Aber es dünkte Unrat, als sei die Frauensperson selbst anzusehen wie ein Gekreisch. Ein Laut, dünn und von keinem Donner totzumachen, ging manchmal von ihr aus.
Der Wirt stellte ein Glas vor ihn hin und wollte weiter. Unrat hielt ihn am Rock fest.
»Aufgemerkt nun also, Mann! Ist jene Sängerin etwa das Fräulein Rosa Fröhlich?«
»Tjä, das is sie nu woll. Nu genießen Sie es man, daß Sie da sind.«
Und der Wirt machte sich los.
Unrat hoffte gegen alle Vernunft, sie möchte es nicht sein, der Schüler Lohmann möchte nie den Fuß in dies Haus gesetzt haben, damit Unrat des Handelns überhoben wäre. Es zeigte sich ihm jäh die Möglichkeit, das Gedicht in Lohmanns Aufsatzheft sei reine Poesie, der in der Wirklichkeit nichts entspreche, und die Künstlerin Fröhlich existiere gar nicht. Unrat klammerte sich an diesen luftigen Glauben, wunderte sich, daß er so spät dazu gekommen war. Er nahm einen Schluck Bier.
Sein Nachbar sagte Prost. Es war ein älterer Bürger mit einem Bauch in einem wollenen Hemd, über dem die Weste weit offen stand. Unrat betrachtete ihn lange aus dem Winkel. Der Bürger trank und fuhr mit einer biedern Hand über den feuchten, gelblichweißen Schnurrbart. Unrat wagte es:
»Das ist denn also nun das Fräulein Rosa Fröhlich, das uns da etwas vorsingt, nicht wahr, guter Mann?«
Aber es erhob sich grade Beifall, weil die Sängerin ein Stück beendet hatte. Unrat mußte warten und dann noch einmal fragen.
[57]»Fröhlich?« meinte der Bürger. »Jä, wo soll ich das woll herwissen, Herr, wie die Deerns alle heißen. Hier is jä alle Naslang ’n niegen Juchheh.«
Unrat wollte tadelnd sagen, es stehe draußen angeschrieben; – aber da begann wieder das Klavier, etwas weniger laut, und er konnte verstehn: ein paar Worte, bei denen die bunte Frauensperson ihren Kleiderrock aufhob und ihn verschmitzt und schämig gegen ihre Wange drückte.
»Wail iesch noch so klain uhnd so uhnschuhldiesch bien.«
Unrat erkannte dies als Blödsinn und hielt es zusammen mit der stumpfen Antwort, die sein Nachbar ihm erteilt hatte. Es bildete sich in ihm Unmut: das Gefühl, verschlagen zu sein in eine Welt, die die Verneinung seiner selbst war, und ein Abscheu, der aus seinem Innersten kam, vor Menschen, die nichts Gedrucktes vor die Augen nahmen, die in einem Konzert saßen und nicht das Programm gelesen hatten! Es nagte an ihm, daß hier mehrere hundert Personen beisammen sein konnten, die nicht »aufmerkten«, nicht »klar dachten«, sich vielmehr berauschten und ohne Scham noch Furcht sich den müßigsten »Nebendingen« hingaben. Er tat einen heftigen Zug aus seinem Glase. »Wenn die wüßten, wer ich bin«, dachte er darauf, indeß sein Selbstgefühl sich des Widerhaarigen entkleidete, milde und wohlig ward und ein wenig verschwommen – angeblasen von warmen menschlichen Ausdünstungen, dieser Dampfheizung mit Blut. Die Welt zog sich in dichteren Qualm zurück, voll ungewisserer Gebärden … Er fuhr sich über die Stirn; es schien ihm, die Frauensperson dort oben habe schon mehrmals gesungen, sie sei »klain uhnd uhnschuhldiesch«; nun war sie auch damit fertig, und der Saal klatschte, brüllte, jauchzte und trampelte. Unrat schlug [58]plötzlich mehrmals die Hände zusammen, dicht unter seinen Augen, die es mit Staunen ansahen. Es befiel ihn eine große, unbedachte, nur schwer zu bändigende Lust, seine beiden Füße gleichzeitig gegen den Boden zu stoßen. Er war stark genug, es nicht zu tun. Aber die Versuchung erzürnte ihn auch nicht. Er lächelte heiter versonnen vor sich hin und stellte fest, das sei – demnach denn wohl – der Mensch. »Immer mal wieder – Gras fressen«, setzte er hinzu. »Ei freilich.«
Die Sängerin kam herab in den Saal. Neben dem Podium ging eine Tür auf. Unrat nahm plötzlich wahr, daß jemand von dort ihn ansehe. Ein einziger Mensch hatte sein Gesicht ihm zugekehrt; und dieser Mensch stand aufrecht und lachte; und es war – sicherlich doch – es war niemand anders als der Schüler Kieselack!
Kaum stand dies fest, da fuhr Unrat in die Höhe. Er hatte die Empfindung, sich einen Augenblick vergessen zu haben, – und sofort benutzten die Schüler das zu Unfug. Er schob die Schultern zweier Soldaten auseinander, zwängte sich hindurch, brach weiter vor. Mehrere Arbeiter widersetzten sich ihm, einer schlug ihm ohne weiteres den Hut vom Kopf. Er setzte ihn sich wieder auf, arg beschmutzt; man rief:
»Hannes, wat ’n Hoot.«
Kieselack dort hinten lachte und fiel dabei mit dem Oberkörper nach vorn, so sehr erschütterte ihn seine Heiterkeit. Unrat machte noch einen Vorstoß; er klappte mit den Kiefern in überhandnehmender Bedrängnis. Aber er ward von hinten festgehalten. Er hatte einem Matrosen den Grog umgeworfen, er sollte ihn bezahlen. Dies war geschehen. Nun hatte er vor sich einige freie Schritte liegen. Er [59]stürmte; und hielt seine Augen, verängstet durch das Übermaß der Verworfenheit, die sich hier kundgab, immer auf Kieselack, der lachte; – da prallte er gegen etwas Weiches, und eine große, sehr dicke und unter einem braunen Abendmantel, der sich geöffnet hatte, nur ungenügend bekleidete Frau drehte ihm ein zorniges Gesicht zu. Ein Mann, nicht weniger üppig und bei sorgfältiger Frisur auch nur in Trikot mit einer alten Jacke darüber, kam herzu und schimpfte mit. Unrat hatte gegen den Sammelteller der Frau gestoßen, es waren Geldstücke fortgesprungen. Man suchte, auch Unrat bückte sich, verstört, planlos. Neben seinem Kopf, der sich den Boden entlang bewegte, scharrten die Leute mit den Füßen; Anklagen, höhnische Reden, Verwünschungen, dreiste Hände sogar drangen auf ihn ein. Unrat richtete sich auf, gerötet, mit einem Zweipfennigstück zwischen den Fingern. Er atmete kurz, tastete mit blindem Blick auf vielen Mienen umher, die ihm feind waren. Er spürte, heute zum zweitenmal, den Krisenwind des Aufruhrs im Gesicht. Er fing an, eckige Stöße zu machen, nach allen Seiten, wie gegen zahllose Anstürmende. In diesem Augenblick sah er Kieselack mit den Armen über dem hohen Kasten des Klaviers liegen, zuckend am ganzen Körper. Und jetzt hörte er ihn sogar lachen. Da ging Unrat unter in der schwindelnden Panik des Tyrannen, der den Pöbel im Palast und alles verloren sieht. In diesem Augenblick war ihm jede Gewalttat recht, er kannte kaum noch Grenzen. Er schrie, und seine Stimme schwoll an im Grabe:
»Ins Kabuff! Ins Kabuff!«
Kieselack, der ihn schon nahe sah, gehorchte. Er verschwand in der Tür, die sich neben dem Podium aufgetan hatte. Ehe Unrat es sich versah, stand auch er drinnen. Er [60]erblickte eine rote Gardine und hinter ihr hervorragend einen Arm. Er wollte darauf zu; da geschah ein Sprung. Wie er hinausspähte, lief Kieselack im kurzen Trab über die Diele. Vorne im Torgang sah Unrat einen zweiten verschwinden; er hatte ihn grade noch erkannt: Graf Ertzum. Unrat stieß sich mit den Zehen vom Boden ab; aber das Fenster war zu hoch. Er versuchte sich hinaufzustemmen. Während er mit gespitzten Ellenbogen schwebte, vernahm er in seinem Rücken eine hohe Stimme:
»Nur Mut, Sie sind ja sonst ’n kräftiger junger Mensch!«
Er plumpste herab, wandte sich um: – da stand die bunte Frauensperson.
Unrat betrachtete sie eine Weile; seine Kiefern bewegten sich lautlos. Schließlich brachte er hervor:
»Sind Sie – demnach denn also – die Künstlerin Fröhlich?«
»Na ja«, sagte die Frauensperson.
Unrat hatte es gewußt.
»Und Sie führen Ihre Künste in diesem Gasthause vor?«
Auch dies wollte er noch von ihr selbst bestätigt hören.
»Originelle Frage«, bemerkte sie.
»Drum denn –«
Unrat schöpfte Luft; er wies hinter sich, nach dem Fenster, durch das Kieselack und von Ertzum entkommen waren.
»Sagen Sie mir – nun aber auch: dürfen Sie denn das?«
»Was’chen?« fragte sie erstaunt.
»Das sind Schüler«, sagte Unrat; und nochmals, mit Beben, tief aus der Brust:
»Das sind Schüler.«
»Meinswegen. Ich hab’ ja nischt davon.«
[61]Sie lachte. Unrat brach schrecklich aus:
»Und die machen Sie der Schule und der Pflicht abspenstig! Die verführen Sie!«
Die Künstlerin Fröhlich hörte auf zu lachen; sie richtete den Zeigefinger gegen ihre Brust.
»Ich? Also Ihnen fehlt woll was?«
»Oder wollen Sie etwa leugnen?« fragte Unrat kampffertig.
»Vor wem denn? Hab’ ich Gott sei Dank nicht nötig. Ich bin Künstlerin, nich wahr? Ich wer’ Sie um Erlaubnis fragen, ob die Herren mir Bukette verehren dürfen.«
Sie wies in einen Winkel, wo an einem nach vorn geneigten Toilettenspiegel rechts und links zwei große Sträuße steckten. Die Schultern hebend:
»Wenn man das nich mal von haben soll, Sie – wer sind Sie überhaupt?«
»Ich – ich bin der Lehrer«, sagte Unrat, als spräche er Sinn und Gesetz der Welt aus.
»Na ja«, meinte sie versöhnlich, »denn kann es Ihnen doch genau so pimpe sein wie mir, was die jungen Leute treiben.«
Diese Lebensanschauung fand keinen Eingang in Unrats Verständnis.
»Ich rate Ihnen«, sagte er, »verlassen Sie mit Ihrer Gesellschaft diese Stadt, ziehen Sie in großen Tagemärschen davon, denn sonst« – er erhob wieder die Stimme – »werde ich alles daran setzen, Ihnen Ihre Laufbahn zu erschweren, wenn nicht unmöglich zu machen. Ich werde – fürwahr denn – dafür sorgen, daß sich mit Ihrem Treiben die Polizei beschäftigt.«
Bei diesem Wort erschien prompt die rückhaltloseste Verachtung auf dem Gesicht der Künstlerin Fröhlich.
[62]»Wenn Sie mit der man nich selber was zu tun kriegen, Sie kommen mir ganz so vor. Ich bin mit der in Ordnung. Sie tun mir überhaupt leid, Sie!«
Aber anstatt Mitleiden gab sie mit wachsender Deutlichkeit Zorn zu erkennen.
»Sie wollen sich noch aufspielen, in dem Aufzug wo Sie sind? Sie haben sich woll vorhin noch nich lächerlich genug gemacht? Gehn Sie mal hin, auf die Polizei, ja? Sie werden man gleich selber festgehalten. Was der Mensch für Töne am Leib hat. So was kommt einem ganz komisch vor, wo man an den Umgang mit Kavalieren gewöhnt is. Was meinen Sie, wenn ich mal einen von meine bekannten Herrn Offßiere auf Sie loslaß? Sie werden ja einfach verkeilt.«
Hierbei trug sie nun wirklich ein erfreutes Mitleid zur Schau.
Unrat hatte, während sie sprach, anfangs noch zu Worte zu kommen versucht. Allmählich wurden von dem Schwung ihres Willens seine fertigen Gedanken, die schon zwischen den Kiefern hervordrängten, zurückgestoßen bis in eine Tiefe, wo sie ihm selbst verloren gingen. Er erstarrte: – sie war kein entlaufener Schüler, der sich widersetzen wollte und sein Leben lang unter die Fuchtel gehörte; so waren alle in der Stadt, alle Bürger. Nein, sie war etwas Neues. Aus allem, was sie seit dem Zusammentreffen mit ihm gesagt hatte, sammelte sich jetzt nachträglich der Geist und wehte ihn an: ein verwirrender Geist. Sie war eine fremde Macht und augenscheinlich fast gleichberechtigt. Er hätte zum Schluß, wenn sie eine Erwiderung verlangt hätte, keine mehr gewußt. Etwas anderes entstand in ihm: es fühlte sich an wie Achtung.
[63]»Ach was – überhaupt«, sagte sie wegwerfend, brach ab und drehte ihm den Rücken.
Das Klavier war schon wieder in Tätigkeit. Die Tür öffnete sich, ließ die dicke Frau, mit der Unrat einen Zusammenstoß gehabt hatte, samt ihrem Mann ins Zimmer und ging rasch wieder zu. Die Frau setzte, und ihr Abendmantel wogte in zornigen Falten, den Teller auf den Tisch.
»Keine vier Mark«, sagte der Mann. »Schäbige Kanaillen.«
Die Künstlerin Fröhlich versetzte kalt und beißend:
»Da sehn Sie sich mal ’nen Herrn an, der uns bei der Polizei will verklagen.«
Unrat stotterte, erschrocken vor der Übermacht. Die Frau drehte sich um, mit einem Ruck, und maß ihn. Er fand ihren Ausdruck unerträglich abgefeimt, errötete, senkte den Blick, traf mit ihm die fleischfarben eingehäuteten Waden der Frau und riß ihn, zusammenfahrend, weiter. Inzwischen sagte der Mann, und er setzte seine Stimme mit hörbarer Mühe auf halbe Kraft:
»Radau hat hier doch woll bloß Einer gemacht, was? Na, und ich hab der Rosa schon lang prophezeit, wer hier eifersüchtig sein will und die andern nichts gönnen, der fliegt raus aus’n Tempel. Un denn Sie – auf die jungen Leute! Wahrscheinlich sind Sie bei der Polizei schon als Lustgreis angeschrieben.«
Aber seine Frau stieß ihn an; sie hatte ein ganz anderes Urteil gewonnen über Unrat.
»Sei still, der tut ja keinen was.«
Und zu Unrat:
»Sie sind woll ’n bißken aus der Puste gekommen? Gott, man kriegt mal ’n Rappel, das kommt vor. Kiepert soll man gar nichts sagen, der macht mir doch die Hölle grad heiß [64]genug, wenn er sich einbildt, ich bin ihm untreu. Nu setzen Sie sich man und trinken Sie ’n Schluck.«
Sie räumte von einem der Stühle die Röcke und bunten Hosen weg, nahm eine Flasche vom Tisch und füllte ihm ein Glas. Unrat trank, um Weitläufigkeiten zu vermeiden. Die Frau fragte:
»Seit wann kennen Sie denn die Rosa? Ich hab Sie doch noch nie gesehn?«
Unrat sagte etwas, aber das Klavier verschlang es. Die Künstlerin Fröhlich erklärte:
»Er ist der Lehrer von den Jungen, die mir hier immer mang die Kleedagen sitzen.«
»Ach so, Lehrer sind Sie?« sagte der Artist. Er trank ebenfalls, schnalzte und fand seine natürliche Gemütlichkeit wieder.
»Sie, denn sind Sie mein Mann. Sie werden nächstens wohl sicher auch für den Sozialdemokraten stimmen, was? Wissen Sie, wenn wir es nich machen, können Sie auf die Aufbesserung der Lehrergehälter warten, bis Sie Läuse kriegen. Mit der freien Kunst is es grade so: Polizeiliche Belästigung und kein Geld. Die Wissenschaft –«
Er zeigte auf Unrat.
»– und die Kunst –«
Er zeigte auf sich.
»– kommen allemal aus demselben Käsegeschäft.«
Unrat äußerte:
»Dem mag nun sein wie ihm wolle, so irren Sie doch in Ihrer ersten Voraussetzung, Mann, sintemal ich kein Volksschullehrer bin, sondern der Professor Doktor Raat vom hiesigen Gymnasium.«
Der Mann sagte bloß:
[65]»Na prost.«
Man nannte sich doch, wie man wollte, und wenn es irgend einem gefiel, Professor zu spielen, war das kein Grund zur Feindschaft.
»Also Lehrer sind Sie?« meinte die Frau freundlich. »Das is auch woll ’n ruppiges Brot. Wie alt sind Sie denn schon?«
Unrat antwortete bereitwillig wie ein Kind:
»Siebenundfünfzig Jahre.«
»Schmutzig haben Sie sich aber gemacht! Geben Sie man Ihren Hut her, daß wir man das Ärgste runterkriegen.«
Sie nahm ihm seinen Maurerhut vom Schoß, reinigte ihn, glättete sogar die Krämpe, rückte ihn liebevoll auf Unrats Kopf zurecht. Dann klopfte sie, und prüfte dabei ihr Werk, schalkhaft gegen seine Schulter. Er sagte mit schiefem Lächeln:
»Das haben Sie – nun doch immerhin – recht brav gemacht, gute Frau.«
Aber er empfand diesmal etwas anderes als die unlustige Anerkennung des Gewalthabers für geleistete Pflichten. Er fühlte sich hier von Leuten, denen er trotz der Nennung seines Titels offenbar noch im Inkognito gegenübersaß, mit eigentümlicher Wärme angefaßt. Ihnen verdachte er ihre Respektlosigkeit nicht. Er entschuldigte sie; es fehle ihnen sichtlich »jeder Maßstab«; und entschuldigte damit auch die Lust, die er selbst spürte, von der Widersetzlichkeit der Welt einmal abzusehen, in seiner gewöhnlichen Gespanntheit nachzulassen – abzurüsten, sei es nur auf ein Viertelstündchen.
Der dicke Mann holte unter einem Paar Unterhosen zwei deutsche Flaggentücher hervor, schnaufte und blinzelte dabei Unrat zu, als sei er mit ihm im Einverständnis. [66]Die dicke Frau hatte alle Schrecken verloren; Unrat hatte Muße gehabt zu erkennen, daß die scheinbare Abgefeimtheit ihres Blickes durch schwarze Malerei künstlich erzeugt war. Nur zu der Künstlerin Fröhlich fand er kein unbefangenes Verhältnis. Doch stand sie abgewendet und mit sich beschäftigt; sie nähte an ihren aufgerafften Rock ein Gewinde von Stoffblumen.
Das Klavierstück endete mit Wucht. Es klingelte. Der Artist sagte:
»Wir müssen raus, Guste.«
Und zu Unrat, gönnerhaft:
»Sehen Sie sich das man mal an, Herr Professor, wie wir arbeiten.«
Er warf seine alte Jacke ab, die Frau ihren Abendmantel. Sie drohte Unrat noch mit dem Finger:
»Nur immer hübsch anständig mit der Rosa. Nich wieder so temperamentvoll.«
Da ward die Tür von draußen halb aufgemacht, und Unrat sah mit Erstaunen die beiden dicken Leute ganz unvermittelt in ein anmutiges Getänzel verfallen und, die Arme rückwärts gestemmt und den Kopf im Nacken, ein von sich selbst entzücktes Lächeln annehmen, das zu Beifall herausforderte. Wirklich ging, kaum daß sie dem Saal zu Gesicht kamen, ein erfreutes Lärmen an.
Die Tür hatte sich geschlossen, Unrat war allein mit der Künstlerin Fröhlich. Er war in Unruhe darüber, was nun kommen würde, und schlich mit den Augen durch das Zimmer. Beschmutzte Handtücher trieben sich am Boden umher, auf dem Wege von dem Toilettenspiegel mit den Blumensträußen bis zum Tisch, neben dem er saß. Außer den zwei Weinflaschen trug der Tisch viele Gläser und [67]Büchsen mit allerlei Fetten, nach denen es roch. Die Weingläser standen auf Notenblättern. Unrat rückte das seinige ängstlich aus der Nähe eines Korsetts, das die dicke Frau daneben gelegt hatte.
Auf einen der mit abenteuerlichen Kleidungsstücken bedeckten Stühle stützte die Künstlerin Fröhlich ihren Fuß, indes sie nähte. Unrat sah es nicht selbst: so viel unternahm er nicht; er erfuhr es nur durch den Spiegel, dem sie zugekehrt stand. Daraus ging bei Unrats erstem, gehetztem Hinsehen hervor, daß auf ihren langen, sehr langen schwarzen Strümpfen veilchenblaue Stickerei war. Eine Weile wagte Unrat nichts mehr. Dann machte er die angstvolle Entdeckung, daß ihr zwischen den Maschen eines schwarzen Netzes blau hervorschimmerndes Seidenkleid nicht einmal bis unter die Achseln reichte, und daß, so oft sie mit Nadel und Faden weit in die Luft fuhr, in der Höhle unter ihrem Arm etwas Blondes erschien. Darauf sah Unrat nicht mehr hin …
Die Stille bedrückte ihn. Auch draußen ging es viel ruhiger zu als vorher. Nur kurze, gestöhnte Laute, etwas heiser und verfettet, wie von dicken Leuten, die sich abarbeiteten. Nun völliges Schweigen; darin das Ächzen und Klirren von etwas Metallischem, das gebogen ward. Etwas schwer zu Bestimmendes, wie das Atmen einer Menge. Plötzlich das Wort »Ab« und zwei schwere Plumpse, kurz nacheinander. Und aus dem losbrechenden Beifall hervor: »Gottsdunner!« und »Nu soll doch!«
»Das war gemacht«, sagte die Künstlerin Fröhlich und hob den Fuß vom Stuhl. Sie war fertig.
»Na und Sie? Sie sagen ja gar nischt mehr.«
Unrat mußte wohl hinsehen; aber sie verwirrte ihn [68]gleich wieder durch ihre Buntheit. Ihr Haar war rötlich, eigentlich rosig, fast lila, und enthielt mehrere geschliffene grüne Glasstücke, in ein verbogenes Diadem gefaßt. Die Brauen über den trockenblauen Augen waren sehr schwarz und kühn. Aber der Glanz der schönen bunten Farben in ihrem Gesicht, rot, bläulich, perlweiß, hatte gelitten vom Staub. Die Frisur sah eingesunken aus, und als sei von ihrer Leuchtkraft etwas davongeflogen in den qualmigen Wirtssaal. Die blaue Schleife an ihrem Hals hing welk, die Stoffblumen um ihren Rock nickten mit toten Köpfen. Der Lack blätterte von ihren Schuhen, zwei Flecke waren auf ihren Strümpfen, und die Seide ihres kurzen Kleides schillerte aus ermatteten Falten. Das schwach gerundete, leichte Fleisch ihrer Arme und ihrer Schultern kam einem abgegriffen vor, trotz seiner Weiße, die bei jeder raschen Bewegung davon abstäubte. Ihr Gesicht kannte Unrat schon sehr hochfahrend, mit feindseligen Zügen, die noch in der Bildung waren, und die die Künstlerin Fröhlich bislang leicht glättete und vergaß. Sie lachte los, über die Welt, über sich selbst.
»Und vorhin waren Sie noch so lebhaft«, setzte sie hinzu.
Aber Unrat horchte. Plötzlich machte er einen steifen Sprung, wie eine alte Katze. Die Künstlerin Fröhlich entwich mit dünnem Aufkreischen. Unrat riß das rote Fenster auf … Nein, der Kopf, dessen Umriß er hinter der Gardine bemerkt hatte, war schon wieder weg.
Er kam zurück.
»Sie erschrecken ja die Leute«, sagte sie. Er, ohne sich zu entschuldigen, ganz bei der Sache:
»Sie kennen wohl viele junge Leute aus hiesiger Stadt?«
Sie drehte sich leicht in den Hüften hin und her.
[69]»Ich bin mit jedem höflich, der anständig zu mir ist.«
»Ei freilich. Da würde denn wohl. Und die Schüler vom Gymnasium haben im allgemeinen traun recht zierliche Sitten?«
»Ja, glauben Sie denn, ich sitz’ hier tagtäglich mit Ihrer ganzen Schulstube? Ich bin doch keine Kindergärtnerin.«
»Das hinwiederum zwar nicht.«
Nachhelfend, in mahnendem Ton:
»Meistens tragen sie Mützen.«
»Wenn sie Mützen tragen, kenn’ ich sie. Überhaupt ist man ja nich ohne Erfahrung.«
Er griff zu:
»Nein, das sind Sie wohl sicherlich nicht.«
Sofort setzte sie sich zur Wehr.
»Wie meinen Sie das, bitte?«
»Ich meinte Menschenkenntnis –«
Er kehrte ihr die Fläche einer erhobenen Hand zu, erschreckt und um Frieden bittend.
»Menschenkenntnis meine ich. Nicht jeder hat die; die ist schwer – und bitter.«
Um ihre Gunst nicht zu verlieren, um sich ihr zu nähern, weil er sie brauchte, weil sie ihm Furcht machte, gab er etwas von sich preis, mehr als sonst das Volk zu sehen bekam.
»Und bitter. Erkannt aber fürwahr muß man sie haben, um sie sich dienstbar zu machen und, sie verachtend, über sie zu herrschen.«
Sie hatte verstanden.
»Nich wahr? Is das ’ne Kunst, aus dem Pack was rauszuschlagen!«
Sie zog sich einen Stuhl heran.
»Haben Sie ’ne Ahnung von dem Dasein. Jeder, der hier [70]rein kommt, meint, man hat bloß auf ihn gewartet. Alle wollen was, und nachher, das glaubt man gar nich, droht einer womöglich mit der Polizei! Sie –«
Und sie berührte mit der Fingerspitze sein Knie.
»– kommen einem mit der gleich vorher. Das hat was für sich.«
»Die einer Dame geschuldete Ehrerbietung wollte ich dadurch keineswegs verletzen«, erklärte er.
Ihm war nicht heimlich. Diese bunte Frauensperson sprach von Dingen, in die er nicht mit seiner gewohnten Klarheit eindrang. Überdies befanden sich ihre Knie nun schon zwischen seinen eigenen. Sie merkte, daß sie auf dem Wege ihm zu mißfallen war, und machte auf einmal ein stilles, vernünftiges Gesicht.
»Da läßt man lieber den ganzen Dreck und bleibt anständig.«
Da er nichts einwendete:
»Hat der Wein schön geschmeckt? Den haben nämlich Ihre Schuljungen gestiftet. Die legen sich mächtig ins Zeug, sag’ ich Ihnen. Einer is bei, der hat Pinke-Pinke.«
Sie goß ihm sein Glas nochmals voll. Im Wunsch, ihm zu schmeicheln:
»Ich lach’ mir ja ’n Ast, wenn die Bengels nachher wiederkommen, und Sie haben Ihnen alles weggepichelt. Mich kann es manchmal freuen, wenn einer irgendwie zu Schaden kommt. Man wird allmählich so.«
»Wahrlich doch«, stotterte Unrat; und mit dem Glas in der Hand schämte er sich, weil er von Lohmanns Wein getrunken hatte. Denn der Schüler, der ihn bezahlt hatte, war Lohmann. Lohmann war hier gewesen; er war vor den andern entkommen. Vermutlich war er noch in der Nähe. [71]Unrat schielte nach dem Fenster: die Gardine trug immer den etwas formlosen Abdruck eines Gesichts. Er wußte, wenn er darauf lossprang, würde es weg sein. Das war Lohmann: Unrat erfuhr es durch tiefe Ahnung. Lohmann, der Allerschlimmste, mit seiner unnahbaren Widersetzlichkeit, der ihn nicht einmal bei seinem Namen nannte: der war der unsichtbare Geist, mit dem Unrat kämpfte. Die beiden andern waren keine Geister; und Unrat fühlte, daß jene ihn schwerlich bis hierher gebracht haben würden, bis zu den ungewöhnlichen Handlungen, die er nun beging, und dahin, daß er in einem Hinterzimmer, wo es nach Schminke und verfänglichen Gewändern roch, bei der Künstlerin Fröhlich saß. Um des Schülers Lohmann willen aber mußte Unrat bleiben. Ging er, dann saß wieder Lohmann hier und sah der Künstlerin Fröhlich, die ihren Stuhl heranzog, in das bunte Gesicht. Bei dem Gedanken, daß dies nun glücklich ausgeschlossen sei, goß Unrat, ehe er es sich versah, das ganze Glas hinunter. Es brannte wohlig in seinen Gedärmen.
Die beiden dicken Leute im Saal hatten eine weitere Nummer ihres Programms unter hörbarem Atmen zu Ende gebracht. Jetzt schmetterte das Klavier etwas Kriegerisches, und gleich darauf setzten die zwei Stimmen ein, mit überzeugender Wucht, ehrlich dröhnend von vaterländischer Begeisterung.
»Stolz weht die Flagge schwarz weiß rot
Von unsres Schiffes Mast,
Dem Feinde Weh, der sie bedroht,
Der diese Farben haßt!«
[72]Die Künstlerin Fröhlich sagte:
»Das is ihre Zugnummer, das müssen Sie sich mal ansehen.«
Sie öffnete vorsichtig die Tür, darauf bedacht, sich und Unrat den Blicken der Zuschauer vorzuenthalten, und ließ Unrat zwischen den Angeln durch den Spalt spähen. Er sah die beiden dicken Leute, mit einem schwarzweißroten Flaggentuch um Magen und Bauch, auf der Eisenstange eines Turnrecks stehen und jeder kühn auf einen Pfosten gestützt, sieghafte Kiefern aufreißen.
»Allüberall wo auf dem Meer
Empor ein Mast sich reckt,
Da steht die deutsche Flagge sehr
In Achtung und Respekt.«
Man fühlte, das Publikum war tief aufgehoben von innerlichem Drängen. In einer schwindelnden Wallung ließ der und jener seine schwieligen Handflächen aufeinander krachen. Nach jeder Strophe mußte von Besonnenen der Beifall mühsam unterdrückt werden. Am Schluß des Gesanges sprengte er die Kehlen. Die Künstlerin Fröhlich äußerte, und sie beschrieb hinter der Tür eine umfassende Geste über den Saal hin:
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